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Beim nächsten

MANN
wird alles anders

E v a

H e l l e r

Beim nächsten MANN wird alles anders

Weltbild

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb des Urhebergesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Genehmigte Lizenzausgabe für Verlagsgruppe Weltbild GmbH Steinerne Furt 67, 86167 Augsburg 2005 Copyright © 1987 by Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2. Auflage 2005 Alle Rechte vorbehalten Gesetzt aus der FB Garamond Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Karl-Marx-Str. 24, 07381 Pößneck Gedruckt auf chlorfrei gebleichtem Papier Printed in Germany ISBN 3-89897-112-0

1. Kapitel
Ich wache auf und bin Prinzessin Diana. Neben mir in den champagnerfarbenen Seidenkissen – ist es Charles, mein Ehemann und Erbe des britischen Königreichs? Ja, es ist Charles. Er war schon beim Polo-Training, war leise gegangen, um mich nicht zu wecken, und nun liegt er wieder an meiner Seite, frisch geduscht. Ich glaube, er tut nur so, als ob er schläft. Ich, Prinzessin Diana, fahre mir durch die blonden Locken, sie sind etwas zerzaust, und vermutlich glänzt meine Nase, wie manchmal am Morgen. Um Charles diesen Anblick zu ersparen, hake ich kokett den Rüschenkragen meines Janet-Reger-Nachthemds vor die Nase und frage: »Oh Love, are you sleeping anymore?« Nein, er hatte nur so getan, weil er dachte, daß ich noch schlafe! Ich sehe Charles mit meinen blauen Augen an und frage: »Oh Love, please help me – was soll ich zum Frühstück zu mir nehmen? Kaffee oder Schokolade? Und was soll ich heute anziehen, wenn ich im Museum deiner Urgroßeltern die Insekten-Ausstellung eröffne?« Charles sieht mich an und sagt: »Oh Love, was du tragen wirst, es wird vollkommen sein, weil du vollkommen bist. Zieh doch deine neue rosa Bluse an.« Und dann sagt er: »Please Love, probier mal die neue Kaffeemischung, sie ist aus deiner Lieblingskolonie.« Ja, Charles löst all meine Probleme! Ich drücke eine Taste der Rufanlage neben unserem Bett.
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»Yes, Your Royal Highness?« antwortet die ChefKammerzofe. »Ich werde heute meine neue rosa Bluse tragen.« »Yes, Your Royal Highness«, antwortet die ChefKammerzofe, »You will look beautiful!« Als ich noch überlegte, wie mein Leben wäre, wenn zum Beispiel ich Prinzessin Diana wäre – also nicht, daß Diana meine Idealfrau wäre, die ist mir zu bürgerlich, also zu etabliert, zu konservativ, viel zuwenig intellektuell; aber Charles, der ist zwar optisch nicht mein Typ, aber der wäre wenigstens ein Mann, der weiß, was er will! dachte ich gerade, als mich ein größerer Gegenstand am Kopf traf. Es wurde dunkel um mich. Die Tür meines Zimmers wurde zugeknallt. Es war mein Bademantel. Albert hatte ihn auf mein Bett geworfen beziehungsweise auf mich. Vermutlich hatte ich wieder das Verbrechen begangen, meinen Bademantel auf seinen Haken im Bad zu hängen. Du liebe Güte! Wie ich seine Pedanterie verabscheue. Ich hatte mal gelesen, daß Schizophrene derartige Ordnungswahnsysteme haben. Wahrscheinlich leidet Albert unter einer fortgeschrittenen Schizophrenie. Demnächst wird er verlangen, daß ich im Allibertkasten meinen Kamm, die Nagelfeile und die Zahnbürste exakt im Abstand von zwölf Millimeter nebeneinanderlege oder sonst was Wahnsinniges. Seit einem Jahr bereits bewacht er seine persönlichen Zahnpastatuben – weil ich die Tuben nicht ordnungsgemäß aufrolle: es wäre Verschwendung, eine Tube von der Mitte auszuquetschen, so blieben in allen Falten Reste zurück. Er hat mit einem Skalpell eine meiner leeren Tuben aufgeschlitzt und mir zu beweisen versucht, daß in der Tube eine Restmenge sei, mit der man
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sich mindestens fünfmal die Zähne putzen könne. Ich hab ihm die Restmenge geschenkt. Was er total verdrängt, ist die Tatsache, daß bei ihm jedesmal die fünffache Menge Zahnpasta aus der Tube quillt, eben weil er die Tuben so prall aufrollt. Und das ist die totale Verschwendung. Aber es hat keinen Zweck, mit ihm darüber zu diskutieren. Ich schmiß den Bademantel vom Bett. Er fiel auf ein Weinglas, das vor dem Bett stand. Das hatte ich leider vergessen. Solange Albert noch in der Wohnung war, konnte ich nicht aufstehen und die Scherben wegräumen, er hätte wieder rumgemeckert, er würde Gläser nicht auf dem Fußboden stehen lassen, ich sei schlampig – die alte Leier. Das Glas war eines von denen, die Albert von seiner hysterischen Mutter geschenkt bekommen hatte. Geschah ihm recht, er hatte schließlich den Bademantel nach mir geworfen. Es war sieben Uhr siebzehn, vor sieben Uhr dreiunddreißig fuhr er nie in die Klinik. Um sieben Uhr achtunddreißig endlich knallte er die Wohnungstür hinter sich zu. Ich konnte wieder frei atmen. Ich war erschöpft und mußte noch zwei Stunden schlafen. Dann fand ich im Waschbecken einen Zettel. »Das Waschbecken muß geputzt werden!!!« stand drauf. Ich holte mir einen Filzer von Alberts Schreibtisch. »Gut beobachtet!!!!!!« schrieb ich auf den Zettel dazu und legte ihn zurück ins Waschbecken, nachdem ich mir die Zähne geputzt hatte. Dabei bemerkte ich zwei Haare im Waschbecken. Albert und ich haben fast dieselbe dunkelbraune Haarfarbe, aber meine Haare sind viel länger als seine. Die beiden Haare waren lang und folglich eindeutig von mir. Ich nahm die Nagelschere, kürzte die Haare auf Alberts Haarlänge und legte sie auf den Zettel drauf, als Garnierung sozusagen. Hahaha.
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sagte Albert. Seit einem Jahr ist er Assistenzarzt. haha. Also hat er sich an der zweiten Dose Erbsen zu 98 Pfennig nicht beteiligt. Der Ärger machte mich so schlapp. in der Mülltüte lag ein leerer Becher. sondern zwei kleine Dosen Erbsen gekauft hatte. Ich hatte das Essen eingekauft: 79 Mark 85 hatte ich insgesamt bezahlt. Es war nicht mehr auszuhalten mit Albert. Und diesem Geizhals hatte ich eine phantastische Uhr geschenkt! Ganz in Schwarz. Weihnachten war der Höhepunkt gewesen. Ich zählte meine Joghurts – er hatte wieder einen gestohlen! – Natürlich. Den hatte ich nicht gegessen. Die andere. ich werde es nie vergessen.85!!!« Das war die Frechheit. Aber er hat mir statt 39 Mark 92 lediglich 39 Mark 48 gegeben. mein Leben an der Seite eines schizophrenen Geizhalses zu verplempern. seit zwei Jahren wohnten wir zusammen. Seit drei Jahren kannten wir uns. daß ich mit meiner Kaffeetasse zurück ins Bett ging. und ich dachte. Aber ich hatte die Joghurts bezahlt. Er wird stündlich geiziger. wie ich von meinen Eltern bekomme. Er verdient jetzt viermal soviel Geld. im Gegenteil. muß ich als arme Studentin die Joghurts des reichen Arztes bezahlen. würde ich bestimmt irgendwann alleine essen. Ich holte den Joghurtbecher aus der Mülltüte und sammelte dann die Scherben des Weinglases. auch das Zifferblatt. wenn er mal Geld verdient.Im Kühlschrank lag noch ein Zettel: »Du schuldest mir DM 10. nur die 10 . Sein Weinglas gegen meinen Joghurt: damit waren wir quitt. daß ich jemals den Wunsch gehabt hätte. weil ich nicht nur eine. aber da er jetzt angeblich nur für die Steuer arbeitet. wird er großzügiger. Warum eigentlich? Keine Ahnung! Ich jedenfalls konnte mich nicht erinnern. wir brauchten fürs Weihnachtsessen aber nur eine Dose.

Albert brüllte die ganze Zeit herum. Schließlich habe ich zuerst hier gewohnt. Das ganze Haus konnte sein Gebrüll hören. macht er nach. da packte mich die totale Wut. wenn ich mir das noch länger bieten ließe. Es war der zweite Mittwoch im Januar. ich sei genauso jähzornig wie mein Vater. daß ihr einziges Kind unter solchen Bedingungen nicht leben und schon gar nicht studieren konnte. Aber es war noch nicht zu spät. Ich stand auf und beschloß. Nur die Scherben aus der Badewanne raussammeln. Jawohl. Es war ein entzückendes Fest gewesen. das durfte ich natürlich ganz alleine machen. mein Leben zu ändern. Das war wieder typisch. Und als Albert dann mit seinem schäbigen Weihnachtsgeschenk ankam – blöde Mokkatassen vom Trödler und ein Blumenübertopf in Kackbraun –. Die Leute würden mich für geistig behindert halten. Albert hat dann die Mokkatassen in die Badewanne geschmissen. und da meckerte er wegen einer Dose Erbsen. eigentlich hätte ich schon zu Neujahr beschließen sollen. Schließlich soll man seine Gefühle spontan ausleben. Alles. 109 Mark hatte ich mir vom Munde abgespart. Ich hab die Uhr ins Klo geschmissen und sie vor seinen Augen runtergespült. daß Albert ausziehen muß. ich hätte hysterische Augen und so weiter. mich endgültig von Albert zu trennen. Das geht mir auf den Wecker. die ich nun 11 . Und zwar sofort. schwor ich mir.Zeiger weiß. ich solle mich mal im Spiegel ansehen. Meine Eltern würden bestimmt Verständnis dafür haben. Weg war sie. Er ist total reaktiv. haha. Während ich meine rosa Strickstrumpfhose suchte. Ehrlich. was ich mache. Die paar Mark mehr.

Wenn sie einen Kandidaten aufgegabelt hat. Freilich meine Eltern durften es nicht erfahren. Ich werde niemals heiraten! Die rosa Strumpfhose war unauffindbar. »Albert!!! Verschwinde so schnell wie möglich aus meinem Leben + der Wohnung!!! 12 . Mein Vater lebt in dem Wahn. wenn ich mehr als die Zinsen von meinem Sparbuch abheben würde. Mein Vater würde toben. die mußten sie mir geben! Außerdem. mich zu verkaufen. um mich von den Männern unabhängig zu machen! Jawohl. dann zeigt sie ihm ihr Aussteuersparbuch. weil heute nachmittag das erste Mal nach den Weihnachtsferien endlich wieder das Seminar bei Gottfried Schachtschnabel war. Albert mußte so schnell wie möglich aus meinem Leben verschwinden. Es wäre sicher ganz in ihrem Sinne.als alleinstehende Studentin brauchen würde. und der Macker darf sich dann überlegen. Sicher hatte Albert sie irgendwohin geworfen. Ich schrieb Albert einen Brief. Ich hatte mich entschlossen. für alle Fälle. ob er künftiger Besitzer der Frau beziehungsweise des Aussteuersparbuchs sein will… exakt so stellt es sich mein Vater vor! Wieviel wohl meine Mutter für ihn bezahlt hatte? Ich habe es nicht nötig. wenn ich ihr Erbe verwenden würde. Aber ohne die rosa Strümpfe war die rosa Bluse unterbewertet. hatte ich das Aussteuersparbuch meiner alten Tante Frieda selig. die Aussteuer eines Mädchens sei dazu da. um sich einen Ehemann zu kaufen. Eigentlich hatte ich meine neue rosa Bluse anziehen wollen. Es war alles Mist.

Fristlos gekündigt hab ich ihm. in meine Stammkneipe abzuziehen. da kann man sich nicht einfach so dazustellen. Dann beschloß ich. war niemand da. Der heutige Tag war der Beginn meines neuen Lebens. Kapitel Im Café Kaputt war es erwartungsgemäß ziemlich leer. Sie sah sich zögernd um. 13 . Der Zettel lag immer noch da.« Dann strich ich das »Hochachtungsvoll« durch und schrieb drüber: »Mit der Dir gebührenden Hochachtung. Ich las ihn noch mal und strich dann das Wort »Deine« durch – aber so. im Café Kaputt lauft vor neun nichts ab. an jedem Platz für ein Dutzend Leute oder mehr. Aber da allein. Ich warf den Zettel auf sein Bett. 2. wenn Albert meinen Brief fand. Kurz nach mir kam eine Frau herein. dachte ich unterwegs. Von den Leuten. Zwar war es eigentlich zu früh.Hochachtungsvoll Deine Constanze Wechselburger. daß er sehen konnte.« Das war’s. die ich kannte. als ich abends von der Akademie zurückkam. die ich noch nie hier gesehen hatte. aber ich wollte lieber nicht zu Hause sein. An den zwei großen Tischen vorn. schon gar nicht als Frau. die offiziellen Säufer. An der Theke standen drei Typen. daß ich »Deine« gestrichen hatte. da saß niemand. Ich fühlte mich unheimlich gut.

Alleinstehende Frauen setzen sich immer zu alleinsitzenden Frauen.« »Ja. »Der Koch ist aus Oberbayern.« »Lebst du allein?« »Nein. sagte ich. 14 . »Ja. die allein in die Kneipe geht. Hinten gibt es vier kleine Tische: an beiden Fenstertischen saß je ein Pärchen.da fühlt man sich wie auf dem Präsentierteller. setzt sich garantiert ans Tischende gegenüber.« Nachdem sie die Hälfte ihres oberbayrischen Bohneneintopfs in sich hineingestochert hatte. Damit war klar. »Ist hier noch frei?« sagte sie. daß sie sich zu mir setzen würde. sagte sie. nur eins. halten sich die Weiber gegenseitig für frustrierte. die Konversation wieder zu starten. »Ja«. dachte ich. und dann wirkt man noch isolierter. die andern langweilten sich. Geht eine Frau allein in die Kneipe und sieht dort eine Frau. prüfte die Anzahl der Glaser auf meinem Tisch. breitbeinig saß er da. fühlte sie sich gekräftigt genug.« Typisch Frau. die einen knutschten.« »Ist ganz nett hier. und der nächste.« »Ach deshalb. »Weißt du. der sich an den Tisch setzt. ob’s hier was zu essen gibt?« Mit dem Kinn zeigte ich auf die Tafel hinterm Tresen. aber sympathisches Gesicht. auf die der Koch vom Café Kaputt das Tagesessen kritzelt. Am Tisch neben mir saß ein ungefähr dreißigjähriger Typ allein. »Seltsames Essen hier«. die Frau guckte schnell weg. »Bist du öfter hier?« fragte sie. Aha.

Das Thema paßte mir nicht. Auf ihre Frage. ob ich allein lebe.« Sie schien nachzudenken.« »Wie alt bist du?« »Siebenundzwanzig. als sie sagte: »Also bist du verheiratet. sagte sie. hätte ich eigentlich mit »Ja« antworten sollen.und herrütteln«.« Auf dreiunddreißig hatte ich sie geschätzt. Hast du noch nie Kartoffeln gekocht?« »Ich hab schon Kartoffeln gekocht. »Sag mal«.« »Sehr gut«. Die können sich wenigstens vorstellen. »Danke für die Information. »Man schüttet das Wasser ab und stellt den Topf noch mal für zwei bis drei Minuten auf den Herd. daß sie es merken würde. Sie hatte normalbraune Haare. »stimmt es.« »Nein.von aller Welt verlassene Existenzen. aber ich hab erst jetzt gelesen. lobte sie. um sicher zu sein. ob eine Frau siebenundzwanzig Jahre alt werden kann. daß man sie abdämpfen soll. Wie alt bist du?« »Wie alt ich bin? Ich bin einunddreißig. daß man Kartoffeln nach dem Kochen abdämpft?« »Natürlich«. 15 . Ich sagte nichts mehr. daß man Kartoffeln nach dem Kochen abdämpft. sagte ich. Diese Kneipentouristin hier war offenbar beziehungsfixiert. Ich aber nicht. ohne zu wissen. Also wechselte ich das Thema so willkürlich wie möglich. sagte sie. »blöde Frage. Ich überlegte noch eine entsprechende Antwort. Dabei legte sie den Kopf auf die Seite. daß ein Mensch auch aus Spaß an der Kneipe in die Kneipe geht. Du mußt dabei die Kartoffeln im Topf hin. Da sind sogar die Männer toleranter. eher sogar auf vierunddreißig.

meine Haut ist zu großporig.graubraune Augen. nur älter. »Einfach so?« »Na klar. wir haben festgestellt. aber man rühmt meine schönen Beine und meinen schönen Mund. haben uns ganz sachlich ausgesprochen und sind drauf gekommen. sagte sie: »Ich wohne erst seit dem 1. Ich hoffte. wie ich blaß wurde vor Neid.« »Und warum habt ihr euch scheiden lassen?« »Du. daß sie nicht merkte. obwohl auch ich nicht besonders hübsch bin – meine Augen sind zu klein. wir sind beide erwachsene Menschen. »genau drei Jahre waren wir verheiratet. sah nicht schlecht aus.« »Genau«. Ganz objektiv fand ich. und Albert bezeichnet meine Schlitzaugen immerhin als Mandelaugen. und da haben wir uns zusammengesetzt. daß sie viel älter wirkte als ich. Im übrigen bin ich frisch geschieden. wenn wir uns scheiden lassen – das beste für uns beide. Typ Standard-Studentin.« Sie lächelte froh. und das mit einunddreißig. Sie lächelte mich schon wieder aufmunternd an. aber nicht besonders. Warum sind alle anderen Leute erwachsen? Trennen 16 .« Immer noch frohes Lächeln. wie man sich gegenüber Frischgeschiedenen verhält. sagte sie. gratuliert man oder kondoliert man? Schließlich sagte ich: »Frisch geschieden. Ich wußte aber nicht.« Aha. jetzt hatte sie ihr Thema auf dem Tisch. daß wir uns auseinandergelebt hatten. Januar hier in der Gegend. Ihr Tempo war beachtlich. daß es das beste ist. Nachdem sie mich wieder erwartungsvoll angesehen hatte und ich wieder nichts gesagt hatte.

»Macht nichts«. als hatte sie meine Gedanken erraten. wir sind gute Freunde geblieben«. »Was machst du statt dessen?« »Ich mache Filme. Der wird nie erwachsen werden.« »Ach. das kindische Trennungstheater mit Albert durch rationales Verhalten in andern Bereichen kompensieren zu können. »Wir haben uns in aller Harmonie getrennt. wenn du dich nicht gerade scheiden läßt?« »Jetzt sitze ich hier und trinke Wein. um nicht vor Wut auf Albert zu platzen.« Elende Wichtigtuerei. glaubte tatsächlich. Ich sah mich um – immer noch keiner meiner Kneipen-Bekannten da.« »Wie?« 17 . wie alle andern Leute auch.« »Nein. ohne Beleidigungen und ohne auch nur eine Kaffeetasse zu beschädigen. Ich hatte keine andere Wahl. könnten wir uns auch in aller Harmonie trennen. »Vielleicht bist du ein Hollywood-Star. es war heute nichts los. ohne Schlägereien. »eine Ehe reicht fürs Leben. »Und was machst du sonst. du bist Fotolaborantin. ohne Türknallen. Wenns nach mir ginge. Warum alle andern? Nur nicht Albert und ich? Ich schämte mich für Albert. sagte sie. sagte sie.« »Ich war nie verheiratet«. ich mache Filme. daß ich sie für eine so tolle Frau hielt. Ich mußte das Thema wechseln.sich nach einem sachlichen Gespräch – ohne Geschrei. »Nein«. und es war bereits deine vierte Scheidung?« Sie lachte geschmeichelt. sagte ich und war froh. sagte sie. Die Frischgeschiedene schien heiteres Beruferaten zu wünschen.

der Gottfried Schachtschnabel kennt. und da muß ich die psychologischen Dispositionen der Charaktere ganz stark herausarbeiten.« »Ah. Arbeite gerade an meinem Abschlußfilm. Ich bestellte mir einen weiteren Wein. daß er Gottfried Schachtschnabel heißt. So sah sie aus.»Ich bin auf der Filmakademie. Er hat einen Bart wie 18 . mußte ich ihr kurz was von Gottfried Schachtschnabel erzählen.« »Wie?« »Vor allem muß ich die herrschenden Verhältnisse kritisch aufzeigen. Reizend.« Weil sie mich so verständnislos ansah. Mehr so eine Trennung…« »Autobiographisch also.« »Du machst einen Film über eine Ehescheidung?« »Nicht direkt eine Scheidung. Für eine Fotolaborantin hielt sie mich. Aber andererseits interessiere ich mich sehr stark für Psychologie. käme auf die Idee. Wahrscheinlich war sie frischgeschiedene Hausfrau.« »Du machst Filme?« »Klar.« Nun war ich überrascht. es wird eigentlich ein politischer Film. sagte ich. bei dem ich meinen Abschlußfilm machen werde. wirklich niemand. Gottfried Schachtschnabel ist nämlich der Dozent.« Da staunte sie. – Niemand. nach Intellektuellerem strebte. das konnte sie sich nicht vorstellen. Und ich lese auch öfter was Psychologisches.« »Nicht direkt. »Für meinen Film brauche ich auch viel Psychologie«. Psychologen sind mir etwas unheimlich. Sie bestellte sich noch ein Bier und sagte: »Ich bin Psychologin. Daß eine Frau nach Höherem. »es wird nämlich ein Film über eine Trennung.

Außerdem sagt Gottfried Schachtschnabel. die im Interesse der herrschenden Klasse aufrechterhalten wird. dann erzählte ich ihr. aber ich hatte allmählich den Eindruck. daß die bürgerlichen Institutionen nur der Stabilisierung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse dienen. damit werde dem Volk Sand in die Augen gestreut. also die »Ewigkeit der Sinnlichkeit«. das sei der größte romantische Betrug. Ich erzählte ihr dann. mußte ich ja jetzt von mir erzählen – allein deshalb. – Das mußte ich ihr vorab erklären. wie sie die Hollywood-Filme vorgaukeln.Lenin. Oder sie hatte nichts begriffen. daß Gottfried Schachtschnabel in seinem Seminar über das Arbeitsthema »Die Relevanz der bürgerlichen Romantik im Hollywood-Ideal« erklärt hat. Und man müsse sich mal überlegen. was das bedeutet. es gäbe nämlich überhaupt keine »Ewigkeit der Sinnlichkeit«! Und die bürgerliche Abwehr der Pornographie. Er ist aber mindestens genauso revolutionär wie Lenin. – Nachdem sie mir von ihrer Scheidung erzählt hatte. daß die »Ewigkeit der Sinnlichkeit« – diesen unglaublich tollen Begriff hat er selbst erfunden –. Plötzlich gähnte sie und fragte: »Lebst du mit deinem Schachtschnabel zusammen?« Die Frau schien überhaupt nicht zugehört zu haben. was Gottfried Schachtschnabel über den Monopolkapitalismus gesagt hatte und über die kleinbürgerliche Phantasie. das sei Ausdruck der verklemmten bürgerlichen Sexualmoral. Nur sieht Gottfried Schachtschnabel viel jünger aus als Lenin. Deshalb bestellte ich den dritten Wein. um mich 19 . um ihr auch das mit Albert zu erklären. natürlich im Interesse der herrschenden Klasse. daß sie sich nicht besonders für die Analysen von Gottfried Schachtschnabel interessierte.

Assistenzarzt. Albert ist das zwar egal – er geht davon aus. aber die psychologischen Ursachen nicht erwähnt. die Studentin mit den schlechten Berufsaussichten. aber dann dachte ich. sie gähnte. Also lieferte ich die Analyse von Alberts Charakter. aber ohne kindliche Freude«. Diesen sehr 20 . ich jobbte und hatte mehr Geld als er. Daß Albert längst nicht so erwachsen ist wie zum Beispiel Gottfried Schachtschnabel. ich. daß Albert und ich total unterschiedlich sind. Und Psychologen interessieren sich sowieso brennend für die Probleme anderer Leute. daß ihr Desinteresse mein Fehler war: Ich hatte ihr bisher nur Äußerlichkeiten unserer Beziehung geschildert. titulieren ihn die Patienten trotzdem als Herr Doktor! Überhaupt wird Albert so allmählich zum Halbgott-in-Weiß – und ich zu seinem Anhängsel. der alte Geizhals. sonst wäre er sowieso nicht auf mich fixiert. und daß Albert Arzt ist. daß ich keine passende Partie für ihren Supersohn bin.nicht durch Geheimniskrämerei interessant zu machen. daß ich mich gerade von Albert getrennt hatte. Zuerst dachte ich. heute ist er der Herr Doktor. war er noch Medizinstudent. Er sagt immer. damals waren wir gleichberechtigte Partner. »Albert ist wie ein Kind. Also erzählte ich ihr. Seine Eltern sind natürlich der Überzeugung. sagte ich. daß er meine Selbständigkeit schätzt. Ich erklärte ihr. Als wir uns vor drei Jahren kennenlernten. daß ich mich immer irgendwie selbst finanzieren kann –. Allerdings schienen auch diese Ausführungen die Psychologin nicht besonders zu interessieren. und mit Selbständigkeit meint er getrennte Kasse! Ist doch klar. Obwohl er seine Doktorarbeit noch gar nicht angefangen hat. diese Frau sei wohl eine schlechte Psychologin.

Auf dem Heimweg fiel mir ein. sagte ich sofort. »Willst du mir nicht auch erzählen. Dann gähnte sie wieder und sagte: »Nicht daß du denkst. Ich drückte ganz vorsichtig die Klinke herunter. du langweilst mich. Ich machte absichtlich Lärm. Nein. Das wußte ich aber nicht.treffenden Satz hatte ich mal irgendwo gelesen. um festzustellen. Ich ging noch aufs Klo. war sie weg. wie es sich eben so ergibt. sie war ganz unterhaltsam gewesen. und emotional total blockiert ist er auch. als ich zu Hause ankam. daß ich wohl die frühkindliche Phase von Alberts Entwicklung stärker herausarbeiten müßte – ich lese ja selbst viel Psychologisches und weiß daher. Ich knallte meine Schuhe ins Regal und schmiß den Schirmständer um. die Tür war offen. Es ist schon ziemlich spät. Ich wartete auf das Lob der Psychologin für meine sorgfältige Charakteranalyse. »Wann bist du denn wieder hier?« fragte ich noch. um Albert zu wecken. wie ich heiße. worauf Psychologen Wert legen. ohne etwas dafür zu geben. wieviel er bei der Geburt gewogen hat?« fragte sie.« »Ich will schon die ganze Zeit gehen«. Schade. sagt seine Mutter. Der Zettel war weg. Albert war auch weg. Es war eine sehr schwere Geburt. Sie sagte aber nichts. daß ich vergessen hatte. Ich sagte ihr auch. 21 . sie nach ihrem Namen zu fragen. daß er alles bekommen müsse. Die Tür seines Zimmers war zu. ob er wieder abgeschlossen hatte. als ich wiederkam.« Sie stand auf. »Weiß nicht. daß Albert überzeugt ist. Aber sie hatte mich ja auch nicht gefragt. »Albert wurde mit Kaiserschnitt entbunden. deshalb vermutete ich. bezahlte am Tresen.« Das interessierte sie erwartungsgemäß.

Albert ist schon ausgezogen. Aber der war nicht so leicht zu haben wie Albert. Selbstverständlich würde ich ihn auch betrügen. um nächste Woche mit Gottfried 22 . Er wollte mich ärgern. Aber mir war das völlig egal.3. Garantiert hatte er wieder so eine blöde Gurke aufgerissen. Eine Sekunde lang dachte ich. Das konnte aber nicht sein. Trotzdem ist mir völlig egal. das wußte ich. Und es war mein Ernst. Er brauchte sich nicht einzubilden. da war der Zettel noch dagewesen… wenn er wirklich Nachtdienst gehabt hätte. Allerdings hat er einen zweiten Rasierapparat im Auto. Nachtdienst hat er. Das einzige Problem war: Mit wem? – Spontan fiel mir Gottfried Schachtschnabel ein. Kapitel Morgens war Albert immer noch nicht da. Tag und Nacht an meinem Drehbuch zu schreiben. Ich beschloß. das war klar. Alberts ganzer Krempel war noch da. was Albert macht. dachte ich zuerst. dann hätte er nach acht nicht mehr nach Hause kommen können. der Nachtdienst fängt nämlich um sechs an. Dann fiel mir ein. er zieht bald aus. Hauptsache. dachte ich. Um acht war ich ins Café Kaputt gegangen. ich würde mir das gefallen lassen. Sein Sparbuch lag in dem Geheimfach im Kühlschrank. Leider. Sein Rasierapparat war auch noch da. daß er doch den Zettel weggenommen hatte. Garantiert wieder eine blöde Krankenschwester.

Knallhart. Das Konzept war eigentlich klar: Ich werde einen Film machen. – Gottfried 23 . was gemacht wird. sachlich. Und dann entscheiden sie ohne die Frauen. dann konnte man Geld bewilligt bekommen. Und die Umwelt-Problematik muß auch rein. Uns lassen sie nur den Filmschnitt machen und unkreativen Kram. in dem ich die Trennung von Albert aufarbeiten werde. um alleine einen Film zu machen. dazu habe ich keine Lust. Eine total emotionslose Analyse wird das. die diskutieren einfach so lange. der dennoch betroffen macht. Genau. Aber ein Film. Ich müßte natürlich die psychologischen Momente unserer Beziehung ganz subtil herausarbeiten. weil die am längsten saufen können. Ich fand ein großes Blatt Papier und schrieb darauf: Theoretisches Filmkonzept Dann begann ich nachzudenken. Es mußte ein ganz tolles Drehbuch werden: Gottfried Schachtschnabel sollte beeindruckt sein von der Schärfe meines analytischen Verstandes. bis alle Frauen gegangen sind. Und natürlich wollte ich ein eigenes Werk schaffen. so lange nachzudenken. Aber wenn man ein tolles Drehbuch vorlegen konnte. Sofort setzte ich mich an meinen Schreibtisch und nahm mir vor. gut ausgearbeitet. und immer setzen sich die Männer durch. wessen Ideen die besten sind. Aber in den Teams streiten sich die Leute ständig. bis ich das ganze Konzept für meinen Film fertig hatte – mindestens theoretisch Natürlich könnte ich auch zusammen mit anderen Studenten einen Film machen.Schachtschnabel darüber zu reden. Und vor allem müßte mein politischer Anspruch deutlich werden.

War auch 24 . »Eine Analyse. sah man. der ihn unheimlich betroffen gemacht hatte. in dem Film würde klar. Gottfried Schachtschnabel hatte gesagt. und dann hatte er mit leiser Stimme hinzugefügt: »Ich weiß nicht. der aufs Land zieht. wie jeweils ein Baum gefällt wird (die Bäume waren auch unterschiedlich). wie man sie eigentlich von einer Feministin erhofft hätte«. und dann. als Gegenschnitt. Der Held ist ein Ex-Stadtguerilla. um die Bauern über den ökologisch-psychologischen Kreislauf der Natur aufzuklären. Also diese Symbolik: fallender Soldat – gefällter Baum! Toll! Warum fällt mir so was nie ein?! Aber bei meinem täglichen Umgang mit Albert ist es kein Wunder. der im Krieg fällt (es waren Soldaten unterschiedlicher Nationen). hatte Gottfried Schachtschnabel gesagt. Toll war vor allem. daß ich keines tieferen Gedankens mehr fähig bin. – Der Film spielte übrigens im Schwarzwald und hieß »Die Wüste meiner Phantasie« – auch sehr symbolisch. wie subtil der Film die sexuelle Verklemmtheit dieser Bauern herausarbeitete. im Grunde genommen den Untergang des Patriarchats bedeute. warum so was doch nur von Männern geleistet wird. Die Bauern blicken aber nicht durch und wollen den Ex-Stadtguerilla auch nicht als Führer einer landwirtschaftlichen Revolution auf psychoanalytischer Grundlage akzeptieren. daß die Umweltzerstörung das Waldsterben.Schachtschnabel hat nämlich neulich im Seminar den Film eines Absolventen besprochen.« Dieser Film des Absolventen war schon toll gewesen. Man sah als wiederkehrende Sequenz jeweils einen Soldaten. Ansonsten war der Film eine Art Liebesgeschichte – politisch natürlich.

der Bauer wackelte dauernd mit dem Finger hin und her. Der Film endete damit. mit verschiedenen Schlüsseln die Tür einer alten Hütte aufzuschließen. Er ist sogar auf den Jungfilmertagen in Passau gezeigt worden und bekam sehr gute Kritiken. Stimmte auch. daß das Konsumdenken das revolutionäre Potential der Schwarzwaldbauern versaut hatte. Es war echt ein toller Film. Sie verkauft ihren Traktor. wie im Schwarzwald alle Bäume umfallen. Im Alternativen Spontiblatt stand: »Daß Beziehungsliebe und 25 . die Schlüsselszene als Schlüsselszene zu visualisieren«. daß seine Frau mit dem Revolutionär in der Hütte war. und der Finger schwoll an. das Türschloß mit der Hand herauszureißen. damit will er in der dritten Welt auf Agitations-Tournee gehen. blieb er mit dem Mittelfinger im Schloß stecken. Es wurde natürlich noch deutlich gemacht. Aber der Bauer bekam die Tür nicht auf.sehr symbolisch. Gottfried Schachtschnabel hat die Kritiken ganz stolz herumgezeigt – immerhin ist der Film von seinem Absolventen gemacht worden. daß die Frau des Bauern mit dem Revolutionär weggeht. Im Film sah man dann innen in der Hütte den Revolutionär und die Frau des Bauern miteinander bumsen. er kauft sich von dem Geld einen Jeep. hatte Gottfried Schachtschnabel gesagt. Am Schluß sah man dann. alle andern natürlich auch. und als Gegenschnitt sah man den eingeklemmten Finger des Bauern im Türschloß. weil der Lover seiner Frau die Tür von innen blockiert hatte. Gottfried Schachtschnabel hat ganz laut darüber gelacht. der versuchte. »Genial. Man sah einen Bauern. Der Bauer hatte nämlich den Verdacht. daß der Revolutionär richtig erkannt hatte. Als der Bauer schließlich gewalttätig wurde und versuchte.

weil die dann ihre Kinder nicht ins Kino mitnehmen dürften. wie dieses Kapitalistenblatt die Interessen der alleinerziehenden Mütter ignoriere. das macht dieser Film erschreckend deutlich. denn wenn der Film nicht ab sechs Jahren freigegeben wäre. dann müßten das nämlich als erste wieder die alleinerziehenden Mütter ausbaden. daß es typisch sei.kapitalistisch-patriarchalische Strukturen sich von den Bedürfnissen her als Tausch von Bereitschaft zur Abwehr von herrschaftsbedrohenden Glücksansprüchen gegen die Garantie psychoanalytischer Stabilität erweisen. So einen Film will ich auch machen! Die Kritik in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.« Eine Studentin sagte dann noch. »Was die bürgerlichen Knechte von der Frankfurter Allgemeinen schreiben. »Genau«. und die wollen wir schließlich mit unseren Filmen erreichen. Aber das ist typisch. und sich in ihrer formalen Vielfalt ebenso unterscheiden wie gleichen. daß der Film trotz »detailbesessen ausgeleuchteter Sexszenen« ab sechs Jahren freigegeben worden war.« Ich hab mir diesen Satz abgeschrieben und über meinen Schreibtisch gehängt. hatte Gottfried Schachtschnabel gesagt. Die Frankfurter Allgemeine ging überhaupt nicht auf die politische Brisanz des Films ein… die schrieb bloß. wahrhaft erschütternd an diesem Film sei sein intellektuelles Niveau! Und ansonsten meckerte die Frankfurter Allgemeine. »deren herrschaftskonformes Getöse kapiert ohnehin kein Angehöriger der Unterschicht. war allerdings nicht so gut. die Schachtschnabel auch herumgegeben hat. kann uns egal sein«. als Ansporn. 26 . sagte Gottfried Schachtschnabel.

Dann haben wir über die Rolle der Frau in diesem Film gesprochen. ist deine Überzeugungskraft. Eine andere Frau. Du hast gesprochen wie unser Bundeskanzler. Du hast die gleichen Titten wie Dolly Dollar.« Und der Revolutionär antwortet ihr: »Warte nur. daß diese Vergewaltigung abstrakt interpretiert werden müsse. daß der Film Mann plus Frau als natürliche Ergänzung begreife. bis du auch meine Zeugungskraft erlebst!« Und dann sagte er: »Was ich an dir am meisten bewundere. Gottfried Schachtschnabel hat es Beate dann ganz genau erklärt: er wies sie darauf hin. die dieser Film propagiere. die Beate. sind deine Titten. Aber da hat Gottfried Schachtschnabel erklärt. Mich hatte es eigentlich an dem Film etwas gestört. daß nach diesem Dialog der Mann plus die Frau gemeinsam lachen und daß damit unmißverständlich deutlich gemacht worden sei. unter den Verhältnissen einer emanzipierten Sinnlichkeit. So spontan fand ich das eigentlich auch. sagte dann aber. sie fände das »tendenziell« sexistisch. und er halte diese Umsetzung für eine ausgezeichnete Idee. als die Bauersfrau zum Revolutionär sagt: »Was ich an dir am meisten bewundere. Und außerdem erklärte Gottfried Schachtschnabel. ob meine Spontaneität vielleicht unreflektiert war.« – Also. die Kommilitonin sagte. sei dies eine offene emotionale Äußerung »Man kann nicht einfach die Rollen 27 . daß die Frauen – außer um die Männer zu bewundern – überhaupt nie was sagen. weil ich noch überlegt hatte. daß sie die Szene sexistisch gefunden hätte. Ich hatte nur nichts gesagt. Und die Vergewaltigungsszene fand ich auch ziemlich brutal. denn damit sei die Vergewaltigung des Waldes gemeint.

– Also das finde ich auch. Ich betrachtete wieder meinen Zettel. und immer. als sei er Assistent von Schachtschnabel.vertauschen. Harald war ein echter Intellektueller. es hatte aber keiner mehr Fragen. Da haben wir Frauen aber alle gekichert. der sich ständig so aufspielt. auf dem »Theoretisches Filmkonzept« stand. ein Mann hat keine Titten!« sagte eine andere Frau mit einer unmöglichen Frisur. daß er das Lachen als solches wahnsinnig wichtig fände. – Harald fiel mir ein. lange. zu Beate. und er trug eine Brille mit halben Gläsern. wenn ich mich 28 . Gottfried Schachtschnabel erklärte uns dann zusammenfassend. weil Gottfried Schachtschnabel den Chlodwig einfach ignoriert hat und gefragt hat. Das muß ich sehr berücksichtigen. und wer versuche. ob es sonst noch Probleme gebe. Wenn man anspruchsvolle Themen hat. wie du dir das so denkst«. der damals schon im siebten Semester war. auf diesem vulgär-feministischen Niveau weiterzudiskutieren!« hatte Chlodwig Schnell gemeckert. sind die Themen. Die meisten von uns wollen deshalb sogar mehrere anspruchsvolle Themen aufarbeiten. »Ich lehne es ab. bekommt man automatisch einen anspruchsvollen Film. ganz graue Haare hatte er. der könne wohl kaum auf die Akzeptanz der arbeitenden Massen hoffen. sagte dann Chlodwig Schnell. worauf es wirklich ankommt. Letztes Jahr hatte ich mich in der Cafeteria manchmal mit Harald unterhalten. heutzutage einen politischen Film ohne Humor zu machen. Das. Er saß oft alleine in der Cafeteria. »ein Mann ist schließlich anders gebaut als eine Frau! Vielleicht ist dir das schon mal aufgefallen!« »Du meinst wohl.

A. daß auch Schachtschnabel wahnsinnig beeindruckt gewesen sei. reih dich ein in die Leporello-Liste meiner Epigonen«. hatte er gesagt. Er war immer sehr freundlich und erzählte mir viel über seinen geplanten Abschlußfilm. hatte er gesagt. Auch bei Schachtschnabel. das Niveau bei uns sei ihm zu seicht. und ich konnte nur stumm und zustimmend nicken. Endlich fand ich das Blatt in meinem Universalordner. denn jetzt konnte ich Haralds Themenkatalog für meinen Film übernehmen. Es lohne sich nicht. kurz nach Beginn dieses Semesters. Mein lieber Mann. aber für mich war es im Augenblick günstig. Natürlich wollte ich Harald nicht plagiieren. wo hatte ich dieses Blatt mit den Themen hingeräumt? Ich suchte mindestens eine Dreiviertelstunde. in dem ich alle lebenswichtigen Unterlagen aufbewahre. dort sei sein Platz. als Hilfe für meinen späteren Abschlußfilm. Es tat mir zwar leid. daß Harald nicht mehr an der Akademie war. hat Harald die Akademie verlassen – ohne seinen Abschlußfilm zu machen. nicht hier in der Provinz. Ich habe mir damals die Liste abgeschrieben. Es schien ihm auch nie unangenehm zu sein. eingelocht unter »P«. Harald hatte letzten Sommer eine Liste der Themen seines Filmes ausgearbeitet. freute ich mich. Harald hatte netterweise nichts dagegen gehabt: »Wenn du mich plagiieren willst.irgendwie zufällig an seinen Tisch setzen konnte. Er war wirklich ein Intellektueller. er ginge nach New York oder nach L. Nur. Hinter meiner »Polizeilichen 29 . aber im Oktober.. würde er zunächst den DelikatessenGroßhandel seines Vaters übernehmen. Und um das nötige Kleingeld für seine Projekte anzuhäufen. nachdem er mir die Liste gezeigt und beiläufig erwähnt hatte. der Harald hatte schwer was auf dem Kasten.

damals noch hatte ich die Praxis über die Theorie gestellt. dies waren auch die Themen meines Films! Mir als Frau traute das keiner zu. Zehn Punkte standen darauf. Ja. Ja. ich würde einen Film machen wie ein Mann! Ich überlegte kurz. aber ich wollte lieber zuerst Gottfried Schachtschnabel fragen. Praxisrelevante Themen: 1. wie sie war. auf mein Theoretisches Filmkonzept. Wettrüsten (international) 7. auch ich als Frau konnte einen anspruchsvollen. aber dank seines nichtbürgerlichen Bewußtseins absolut objektiv. Progressive Bewußtseinswerdung 3. Analyse der bürgerlichen Institutionen 6. aber ja. Feminismus (kritische Diskussion!!!) 8. Befreiungskampf von der alltäglichen Prostitution 5. Ich übertrug die Liste. 30 . Umweltkatastrophe + Zerstörung der Tierwelt 4.Anmeldung« war es. Kapitalismus/Monopolkapitalismus (Kritik) 2. in meiner kleinbürgerlichen Naivität! Ich las den Zettel und war entzückt. Psychoanalyse 10. was er dazu meinte – er ist zwar auch ein Mann. Entlarvung der herrschenden Ideologien. ob ich als Frau vielleicht die kritische Diskussion des Feminismus durch eine kritische Diskussion des Chauvinismus ersetzen sollte. politischen Film machen. Sehr gut. und ich hatte »Praxisrelevante Themen« groß und rot oben drübergeschrieben – deshalb war es unter »P«. Konsumsklaverei 9. Wie blöde war ich doch im vierten Semester noch gewesen.

wenn man im Titel auf einen Klassiker anspielt.Aber einen Punkt fügte ich hinzu: »11. Und Chaplin war ein Genie. Interessant sei es immer. weil mir das noch unklar ist. sagt Skript-Hoffmann. und außerdem will ich ja meine Spontaneität nicht einengen. Chaplin hat auch vorher nie gewußt. Humor«! Nun hatte ich alles beisammen. was er nachher im Film machen würde. daß ich mir die Arbeit mit den Handlungsschwerpunkten und den Schlüsselsätzen ersparen könnte. Ich schrieb darüber: Titelvorschläge. sagt Skript-Hoffmann. Ausgezeichnet. Total spontan fielen mir sofort vier Titel ein: Das politische Tagebuch einer Gleichberechtigten Meine Liebe zu Dir ist wie der sterbende Wald Die betonierten Schwingen einer Frau Der Geliebte der Revolutionärin Sehr gut. Der Titel soll – das hatte Skript-Hoffmann diktiert: a) Das Thema/die Themen anklingen lassen b) Auf den Inhalt des Filmes neugierig machen c) Dem Stil des Filmes entsprechen Und man soll sich als Kreativitäts-Hilfsmittel zur Findung des Filmtitels anfertigen: a) Eine Liste der Themen b) Eine Liste der Handlungsschwerpunkte c) Eine Liste der Schlüsselsätze des Dialogs Ich überlegte. Ich überlegte… statt Kabale und Liebe – Klassenkampf und 31 . Der Titel ist von immenser Wichtigkeit. Als nächstes brauchte ich dringend einen Filmtitel. Nur sollte man den Klassiker dann kennen.

ein Œuvre der Schachtschnabel-Schule. und soviel Zeit hab ich auch nicht mehr. Geradezu fassbinderesk war der Titel. Nur müßte ich dann vorher noch das Stück lesen. Was gibt es denn noch so an Klassikern? Minna von Barnhelm! Das kenne ich. das Erstlingswerk von Constanze Wechselburger (27). und verrät meisterliches Einfühlungsvermögen in die Psyche des emotional total blockierten und unheimlich geizigen Arztes… Ja.Liebe! Das wäre originell. ist ein Film. die im Spiegel besprochen werden. wenn du das im Spiegel lesen wirst. das wäre sehr passend. liefert eine nachgerade schonungslose Analyse der herrschenden Verhältnisse. mein Lieber. Die attraktive Filmemacherin schildert darin die Loslösung einer Frau von einem emotional blockierten und unheimlich geizigen Arzt. Die Befreiung der Minna von Barnhelm! Das wäre ein starker Titel! Da ist alles dran. Alle Filme. darf er keineswegs als persönlicher Racheakt mißverstanden werden: Die Stärke des Films beruht auf seiner emotionslosen Objektivität. die sich zudem durch psychoanalytische Fakten legitimiert. Mit diesem Titel würde ich garantiert eine Besprechung im Spiegel bekommen. Ich könnte mich schon jetzt totlachen über das blöde Gesicht von Albert. wie sie in dieser Tragweite noch selten zu sehen war. Ich konnte die Besprechung schon vor mir sehen… … »Die Befreiung der Minna von Barnhelm«. »Die Befreiung der Minna von Barnhelm«. die hat ja schließlich auch irgendwie getrennt gelebt von ihrem Typen. haben solche Titel. da wirst du staunen. Plötzlich hatte ich die Superidee für den Filmanfang. 32 . der betroffen macht. Obgleich der Film auf persönlichen Erfahrungen der dunkelhaarigen Filmemacherin beruht.

Das macht gleich sehr viel deutlich. ob die Wohnlage ruhig ist. der Hund.« »Nachts!« »Nachts kann man am besten feststellen. »Wo bist du nachts gewesen?« Es ginge mich nichts an. »Wo warst du?« fragte ich ein zweites Mal. 33 . Dann behauptete er.Filmanfang: Albert in einem amerikanischen Straßenkreuzer rast mit Tempo 180 durch den Schwarzwald. daß ein Seitensprung ab und zu jede Partnerschaft belebe. ganz überraschend. Als sei nichts geschehen. exakt nach Dienstschluß. Ich ihn aber auch. Von den Tannen sieht man die Nadeln rieseln. Kapitel Donnerstag abend kam Albert wieder. sagte er. ganz cool.« Er grinste unverschämt. er hatte für einen Kollegen den Nachtdienst übernehmen müssen. aber nicht mir. »Ich war mir eine neue Wohnung suchen. das könne er seiner Großmutter erzählen. Ich sagte ihm. 4. Und schließlich liest man überall. Schließlich war ich nicht als Jungfrau in die Zweierbeziehung gegangen. Albert kurbelt das Fenster runter und wirft mit aggressivem Gesichtsausdruck eine Zigarettenkippe in den Genauso fange ich an. Er hatte mich schon öfter betrogen. Man kann mir keinen Vorwurf machen.

»Du bist doch mit diesem Totalidioten durch die Gegend gezogen! Hätte ich euch ins Bett begleiten sollen!…« 34 . und die Ehefrauen sollten sich deshalb zuerst einmal in die Problematik ihres Mannes hineinversetzen. sondern ausziehen«. Also. wenn sie fremdgehen. wie du mir brutal ins Gesicht geschlagen hast und das Blut aus meiner Nase triefte. So ging’s nicht. dann ist das etwas anderes – das hatte ich erst neulich wieder im Goldenen Blatt gelesen. bei Männern ist es etwas anderes. da sind sich alle Psychologen einig. sagte er. läßt du deine Aggressionen raus. »Und du hast mich an den Haaren gerissen und hast mir vier blutige Striemen ins Gesicht gekratzt! Du bist zu feige. ich sei die Frau deines Lebens!« schrie ich.Aber wenn ein Mann fremdgeht. ich war angeblich sowieso nur eine Notlösung für dich!« schrie er zurück. Da zeige ein Seitensprung häufig tiefere psychische Probleme auf. und du bist einfach mit dem Auto weggefahren…« »Was hat denn das damit zu tun!« schrie Albert. Du hast gesagt. um deine Meinung zu sagen. Mir blieb die Luft weg. nur wenn du besoffen bist. jedem gibst du recht. Weißt du noch. »Das war eben mein Irrtum. du würdest dich emotional nicht an mich gebunden fühlen. ich kann dir beruflich nicht schaden. »Ich will keine Aussprache. Oder war’s das Grüne Blatt oder die Bunte gewesen? Oder Cosmopolitan oder das ManagerMagazin? Auf jeden Fall hatte ich es beim Frauenarzt im Wartezimmer gelesen. Starkes Stück. »Du hast doch immer gesagt. Ich verlangte also zuerst sofort eine Aussprache von Albert. du hättest mich nie geliebt. natürlich an mir. immer schön angepaßt.

sind deine Probleme! Die gibt’s nämlich gratis. »Ich zieh aus!« »Ich möcht wissen. ganz der Herr Doktor. was du mit mir teilen willst. »Ach du bist es«. als würdest du mich nicht kennen! Dein Emanzipationsgetue läuft doch nur.»Das hätte zu dir gepaßt! Du bist doch sonst so schön angepaßt!« »Du bist doch genauso angepaßt! Weshalb hockst du denn dauernd in Kneipen! Dauernd unterhältst du dich mit anderen. »Huch!« sagte eine blöde Frauenstimme. knallte ich den Hörer hin. Ich ging ran. »Hab ich mich verwählt? Ich wollte den Herrn Doktor sprechen…« Ohne zu antworten. sagte ich so laut zu Albert. meldete sich Albert. ein einziger Vorwurf. mir was zu trinken holen. weil ich den Alibi-Mann mime!« »Warum bitte soll ich mich mit dir unterhalten? Du sagst eh nie was. sagte er. Für alles andere haben wir strikte Gütertrennung!« »Reg dich ab!« brüllte Albert. »Auerbach«. Ich wollte gerade in die Küche. dann gähnst du!« »Du und deine ewigen Probleme! Das einzige. »Eine deiner intelligenten Krankenschwestern vermutlich«. Wie du immer schweigend neben mir hockst. und mich laßt du daneben sitzen. daß du mich langweilst?« »Du interessierst dich doch nur für deine Freizeitgestaltung. als ich Albert sagen hörte: »Woher hast du meine Telefonnummer?« 35 . daß ich dich langweile! Hab ich schon mal erwähnt. daß es die Tante am Telefon garantiert hören konnte. wenn ich dir mal von meinen beruflichen Problemen zu erzählen wage. wann endlich!« »Du wirst es erfahren! Rechtzeitig!« In diesem Moment klingelte das Telefon.

»Wer war das?« fragte ich. daß ich mit einem Arzt zusammenlebe. dann sagte er »red keinen Quatsch«. ohne tschüß zu sagen. sagte er zu der Tante am Telefon. Ich hatte die beiden letztes Jahr auf einem Fest kennengelernt. Dann sagte er: »Wann kriegst du dich wieder ein. »ja«. Dann sagte er ein paarmal »ja«. »ja«. aber auch sehr verantwortungsvoller Beruf sei das. und »nein. Ich bin nicht eifersüchtig. dann »entsetzlich«. Interessant. dann sagte er »nimm ein Aspirin« und legte auf.Das war verdächtig. und »nicht zu fassen«. Kapitel Sieglinde Schadler und Wolf-Dietrich Lamar wohnen zwei Straßen weiter. Großmütig verzichtete ich insgeheim sogar darauf. 5. Als Sieglinde hörte. »Ich hab jetzt keine Zeit«. Ein sehr schöner. Hab ich gar nicht nötig. Nicht sofort jedenfalls. wenn ich allerdings 36 . Ich blieb in Alberts Zimmer.« Sie erklärte mir. und ihr Chef nehme eigentlich nur Privatpatienten. Albert aus Rache ebenfalls zu betrügen. Albert grinste unverschämt. Interessant. daß sie ebenfalls zu diesem Berufskreis zähle. dann sollten wir uns doch öfter treffen. nicht jeder Arzt macht Hausbesuche«. sie sei nämlich Zahnarzthelferin. dann sagte er wieder »ich hab jetzt keine Zeit«. mein Zuckerlämmchen?« Haha. sagte sie damals: »Ja dann. »ja«. »Kennst du nicht«.

die würde ihr Chef nämlich sogar für Kassenpatienten machen. vielleicht vermietet er was an Albert. und Frau Zahnarzt trägt ausschließlich Haute Couture. für ein Statussymbol. als wir uns öfter getroffen hatten. was der neue Schreibtisch meines Chefs gekostet hat!« Sieglindes Chef ist verheiratet. den Frau Zahnarzt erwirbt. Der ist ihr zweitwichtigstes Gesprächsthema. »Rat mal was mein Chef für einen Wagen gekauft hat!« sagt sie. wohin mein Chef in Urlaub fährt!« oder »Rat mal. Sie identifiziert sich mit ihrem Chef. Was die beiden aber für Angeber sind. dann könnte sie für mich ein gutes Wort einlegen. Sieglinde mal zu fragen: »Rat mal. daß sich ihr blöder Chef nicht um die blöde Wohnung von Albert sorgen muß! 37 . Albert ist ja Kollege. Für Sieglinde ist grundsätzlich nur das Beste gut genug. »Klar.mal Jacketkronen brauchen würde. macht der für Kassenpatienten Jacketkronen«. »bei Jacketkronen machen die Zahnärzte auch bei Kassenpatienten den großen Reibach. ging mir erst auf.« Als Sieglinde mir damals auf dem Fest ihren WolfDietrich vorführte. um sie über unsere bevorstehende Trennung zu informieren. sagte Albert. als ich ihm das erzählte. sagte sie: »Mein Chef hat gerade ein neues Mietshaus gekauft. oder »Rat mal. sagte sie sofort. dem reichen Zahnarzt. Ich hab mir vorgenommen. Als ich sie vorgestern in ihrer Praxis anrief. wenn ich ein gutes Wort für ihn einlege. was mich die Vermögensverhältnisse deines Chefs interessieren?« Bisher hab ich mich mühsam gebremst. und ich hab ihr ganz deutlich gesagt. – Sie hält jeden Topflappen. behauptet jedenfalls Sieglinde.« Da ist mir doch der Kragen geplatzt. daß ihr Wolf-Dietrich Steuerberater ist.

Sieglindes absolut wichtigstes Thema aber ist WolfDietrich. Sieglinde sagte dann. Ihr Chef hatte sich nämlich einen Smoking maßschneidern lassen – seiner kulturträgerischen Verpflichtungen wegen. mir nach einem Zahnarzt im Smoking noch einen Steuerberater im Smoking vorzustellen. »Wolf-Dietrich sieht toll aus«. ist Wolf-Dietrich der absolute Supermann. sagt Sieglinde. das acht Mark pro Heft koste. Sieglinde ist nur ein Jahr älter als ich. der brauche so was. Aber Wolf-Dietrich. ob ich glaube. Jeden Montag lese er den Spiegel von hinten bis vorn. und er habe ein Intellektuellen-Magazin abonniert. ob er eigentlich täglich in seinem Intellektuellen-Magazin lese. Wolf-Dietrich sei es das wert. wie Sieglinde sagte. wie toll Wolf-Dietrich in einem Smoking aussehen würde. Aber im nächsten Urlaub. daß Wolf-Dietrich toll aussieht. Wolf-Dietrich hat Albert erklärt. weil er nie Zeit habe. daß Wolf-Dietrich nicht soviel verdient wie der Zahnarzt. wenn Wolf-Dietrich gerade nicht zu sehen ist. liegt das neueste Heft auf dem Wohnzimmertisch. Albert hat WolfDietrich mal gefragt. Albert fragte mich später. er ist auch ein Intellektueller. daß ich mir mal vorstellen soll. wenn wir zu den beiden kommen. aber WolfDietrich ist viel alter als Albert. und sie fände sogar die Bilder in diesem Magazin langweilig. sagt sie jedesmal. Neulich sagte sie sogar. daß Wolf38 . Ihr allerdings sei das viel zu anspruchsvoll. Denn immer. eigentlich würde Wolf-Dietrich auch dringend einen Smoking benötigen. Ich hatte aber keine Lust. Wolf-Dietrich sieht aber nicht nur toll aus. dann werde er die letzten zwei Jahrgänge mitnehmen und dann sämtliche Hefte lesen. es zu lesen. Abgesehen davon. daß es deshalb immer da liege. sagt Sieglinde. Sieglinde findet.

Wolf-Dietrich und uns gehen mindestens drei Terminabsprachen voraus. also beste Besuchszeit. weil es ihrem Wolf-Dietrich doch nicht in den Kram paßt. »Wenn man an den Teufel denkt. daß Sieglinde ihm glaubt. was er erzählt. Obwohl WolfDietrich und Sieglinde nicht verheiratet sind. »Ich zittere noch vor Wut«.« »Ach so. »Warum? Stör ich?« »Ich arbeite gerade. Ich dachte gerade wieder mal darüber nach.« »Du? Was arbeitest denn du?« »Ich schreib an meinem Drehbuch. Zwar wohnt Sieglinde nur fünf Minuten entfernt. ohne sich anzukündigen.Dietrich selbst glaubt. Ich glaube das eigentlich nicht.« Sie rannte an mir vorbei in mein Zimmer. aber er darf unter keinen Umständen alleine zu Hause gelassen werden. Sieglinde hatte sich auf mein Bett geworfen. warum eine Frau wie Sieglinde einen Mann wie Wolf-Dietrich dermaßen anhimmelt. sagte ich. kommt er gerennt«. als es klingelte. und es war Samstagnachmittag. glaube aber. Und wenn man sich mit Sieglinde allein treffen will. »es ist unglaublich!« 39 . dann geht das nur. Ganz im Gegenteil: Jedem Treffen zwischen ihr. wenn Wolf-Dietrich in dieser Zeit anderweitig untergebracht ist. hat Sieglinde bereits das Glaubensbekenntnis der ehernen Ehefrauen verinnerlicht: Der Mann darf zwar alleine weggehen. Denn mindestens zweimal pro Verabredung muß Sieglinde absagen. »Was ist passiert?« fragte ich ehrlich besorgt. sagte sie. aber Sieglinde war noch nie gekommen. Es war Sieglinde selbst.

Ich hatte nur Tee parat. von jedem Foto zwei Abzüge machen zu lassen. die Wolf-Dietrich für sich 40 . »Er will seine Fotos von meinen Fotos getrennt haben«. was so weitergehen müßte. darauf kann er sich verlassen!« rief sie und zog ihren Burberry-Faltenrock glatt. Das können wir uns überhaupt nicht leisten! Ich habe die Alben doch schon gekauft! Und die Fotos. Sieglinde riß ihre Augen auf. jammerte Sieglinde. um Sieglinde für weitere Informationen zu stärken. behauptet er.« Erschöpft knallte sie meine schöne Jugendstil-Teetasse auf den Unterteller. und dieser Tyrann quatscht von Ästhetik. aber Tee genügte auch. so. als sei ich Wolf-Dietrich: »Ich«. Als ob das ein Grund wäre. schrie Sieglinde. plötzlich schrie sie mich an. Ich wollte mir die Angst um meine Tasse nicht anmerken lassen. »Seine seien nach ästhetischen Prinzipien gestaltet. daß ich seine Fotos und meine Fotos in gemeinsame Alben klebe!« Ich kapierte nicht. sondern bestellte sich einen Schnaps. um was es ging. auf meinen Fotos würden alle Leute wie angeschimmelt aussehen. »Sechs Alben hab ich gekauft! Warum soll ich unsere Fotos nicht zusammentun?! Es sind gemeinsame Erinnerungen! Es ist eine wahnsinnige Geldverschwendung. nicht gemeinsam in gemeinsame Alben…« – Für Sekunden versagte ihre Stimme. »WolfDietrich hat mir nicht erlaubt. »Wenn das so weitergeht!« Sie sagte aber nicht. »ich wollte ein Monument der Gemeinsamkeit erschaffen. »Stell dir vor«.»Ist dein Wolf-Dietrich fremdgegangen? Oder hat er dich verlassen…« »Ich werde ihn verlassen. wie es Wolf-Dietrich will.

welche Farbe das Album der gemeinsamen Erinnerungen hat. sie tat ewig vornehm. Nur sechsfünfundneunzig das Stück. zu unseren gemeinsamen Erinnerungen. »Du bist genau wie Wolf-Dietrich. mit Goldrand oder so. »Man kann sie später mit Stoff beziehen. glaub ich. jammerte sie.gemacht hat. Jedenfalls konnte Wolf-Dietrich über den Preis nicht meckern.« 41 . »Wenn man sich wirklich liebt.« »Wie willst du denn diese Plastikdinger mit Stoff beziehen?« »Wolf-Dietrich kann so was. daß mir derartige kackbraune Plastik-Eumel mit Goldrändchen nicht ins Haus kämen. »Wenn die Alben wenigstens mit Stoff bezogen wären«. mit dir kann man nicht reden«. warf ständig mit Markennamen um sich.« »Was für Alben hast du denn gekauft?« »Normale Alben. Sieglinde hatte überhaupt keinen Geschmack. dachte ich. Sehr günstig. ist es egal. die könnte ich ja thematisch zuordnen.« »Solche Dinger hast du gekauft!« – Das ist wieder typisch Sieglinde.« Sieglinde merkte. kannte sie keine Skrupel. sagte ich.« »Wie sehen die aus?« »Gab’s bei Tchibo im Angebot. von seinen blöden Pflanzen und von seinen Eltern und so. sagte ich. So braunes Kunstleder. daß bei mir keine Unterstützung zu holen war. aber wenn es irgendwo billig Plastik mit Goldrand gab. Weil mich das ärgerte.« »Wie sehen die aus?« »Wie Fotoalben so aussehen.

den Herrn Doktor zu sehen. daß WolfDietrich meine volle Sympathie hatte und daß mir solche kackbraunen Plastik-Eumel nie ins Haus kamen. mich endgültig zu verlieren. »Habt ihr euch etwa getrennt?« »Möglich. sagte ich unerbittlich. sie mußte Hemden bügeln. Sieglinde wollte nach Hause. Albert runzelte die Stirn. Nur über meine Leiche. Albert. Er hatte natürlich Angst. »Weiß nicht«. »Sie ist genau wie Wolf-Dietrich«. wie sie Albert erklärte. der alte Opportunist und Geizkragen. sagte Sieglinde. sagte Sieglinde düster. und verschob das Hemdenaufhängen. und es sei Verschwendung die Abzüge von gemeinsamen Erinnerungen doppelt machen zu lassen. und verschob das Hemdenbügeln. Da mir die Harmonie zwischen Albert und Sieglinde auf die Nerven ging. »Wie geht es Wolf-Dietrich?« fragte Albert. ein Monument der Gemeinsamkeit zu schaffen. sagte Sieglinde und betrachtete Albert mit Mitgefühl. Zum Glück für Sieglinde kam in diesem Augenblick Albert zurück aus der Münzwäscherei. hielt natürlich zu Sieglinde. und berichtete auch ihm. Sieglinde war entzückt. daß auch wir uns trennen. daß sie von Wolf-Dietrich daran gehindert worden war. Sieglinde begann sofort wieder vor Wut zu zittern. Seit dem Krach vorgestern war er friedlich. Albert war entzückt. demnächst«. Er fände es ebenfalls sehr erstrebenswert. 42 . eine Frau zu sehen.»Auf Erinnerungen in braunem Plastik kann ich verzichten«. die die Hemden ihres Liebhabers bügelt. sagte ich. gemeinsame Fotoalben zu haben.

als wir uns schon fast verabschiedet hatten. auf jeden Fall muß ich zuerst Wolf-Dietrich fragen. sagte ich. und rief: »Ein Tandem! Ich werde WolfDietrich ein Tandem kaufen. ob wir für nächsten Freitag die entsprechenden Leute wären.« Während Sieglinde ausführlich erklärte. sagte Albert zu mir.« 43 . »Wann?« fragte ich. »Aber eines kann ich euch heute schon verraten«.« Weil wir nichts sagten. wie sie sagte. fügte sie hinzu. und herzlich lud Sieglinde Albert für demnächst zum Essen ein. »aber ich weiß nicht. wenn ihr erst demnächst kommt.»Du könntest die Alben doch mit Stoff bespannen«. was ich Wolf-Dietrich zum Geburtstag schenke?« »Fotoalben mit einem Einband aus weißem Glanzpapier«. oder ob es nicht besser wäre. »ratet mal. »oder aus schwarzem Lackleder oder aus Packpapier. aber Sieglinde hörte mir gar nicht zu. Statt dessen lächelte sie Albert an. sagte sie. daß sie leidenschaftlich gern koche. das sieht auch gut aus…« Ich hätte zwar noch einige Anregungen gehabt. Natürlich sei ich auch eingeladen. »Nächsten Freitag werde ich ein Essen geben«. ärgerte ich mich ausführlich darüber. der überhaupt nichts gesagt hatte. ob ich euch in diesen Kreis einladen kann. daß ich die entsprechenden Leute einlade. erklärte sie dann: »Schließlich ist es für Wolf-Dietrichs Karriere nicht uninteressant. daß Sieglinde trotz aller Dankbarkeitsgefühle gegenüber Albert zuerst bei Wolf-Dietrich nachfragen mußte. sagte Sieglinde. wenn ich wieder ein Essen gebe. Alberts Solidarität ließ Sieglinde wieder Vertrauen in die männliche Psyche fassen.

»hier auf dem Flur ist es zu ungemütlich. Wenn wir ein Tandem haben.« »Toll«.« Im Seminarraum setzte er sich tatsächlich neben mich auf den Tisch! »Also. weil ich mit meinem normalen Rad zu langsam bin. sagte Albert wieder. daß Wolf-Dietrich allein mit seinem blöden Rennrad rumfährt. dann werden wir immer gemeinsam radfahren. sagte Albert. daß ich in meinem Abschlußfilm die bürgerliche Illusion von der Ewigkeit der Sinnlichkeit an konkreten Beispielen entlarven wolle. daß ich es bis Mittwoch nachmittag nicht schaffte. »Toll. mein Drehbuch fertigzuschreiben. dann könnt ihr zusammen fahren. Wir mußten versprechen. Trotzdem wartete ich nach dem Seminar vor der Tür. sagte er. Wolf-Dietrich nichts von dem Tandem zu verraten. »Ich fand es nämlich immer doof. »Im Sinne deiner 44 .« »Jawohl«. »Dann laß uns doch noch mal reingehen«. 6. als er mich sah. sagte Sieglinde. Dabei hatte ich mit Gottfried Schachtschnabel darüber reden wollen. Ich sagte ihm. um da mitzukommen. Kapitel Der Ärger mit Albert war schuld daran. was ist?« fragte er unheimlich nett. bis alle andern weg waren.»Toll«. nur um Sieglinde recht zu geben. »Wolltest du noch was von mir?« fragte Gottfried Schachtschnabel spontan.

« – Wir duzen uns natürlich. daß die anderen Dozenten ihn lediglich kopieren. er sei der erste gewesen. ihn direkt anzureden. dann ist es mir doch immer ein bißchen peinlich. sicher ist es meine bürgerliche Erziehung. ihn zu duzen. weil das schon so viele machen. Progressive Bewußtseinswerdung.Theorie«. Es gibt jetzt noch mehr Dozenten. wenn ich so privat mit Gottfried Schachtschnabel rede. hatte ich gestrichen. Er hatte damit nämlich ein Zeichen setzen wollen. daß ich nun die Liste wirklich ehrlich als mein eigenes Werk bezeichnen konnte. Den Punkt 3. Weil Gottfried Schachtschnabel meinen Ansatz gut fand. Ich finde das toll von Gottfried Schachtschnabel – nur. aber die älteren Dozenten und die richtigen Professoren duzen wir nicht. sondern hatte Haralds Themenkatalog so entscheidend verbessert. um die Hierarchiestrukturen zwischen Lehrenden und Lernenden zu zerschlagen. Und ich hatte dabei nicht nur die Reihenfolge der Themen kritisch durchdacht. zeigte ich ihm gleich meinen Themenkatalog. die Umweltkatastrophe und die Zerstörung der Tierwelt. Gottfried Schachtschnabel war der erste Dozent. sagte ich extra. und 45 . Gottfried Schachtschnabel hat neulich im Seminar gesagt. den ich noch schnell vor dem Seminar extra schön mit meiner Schreibmaschine abgetippt hatte. »Ich wollte dich fragen. der den Studenten das Du angeboten hatte. die sich duzen lassen wollen. der sich von den Studenten duzen ließ. du. An erster Stelle stand nämlich jetzt ›Illusion von der Ewigkeit der Sinnlichkeit‹. das hatte in Haralds Liste glatt gefehlt! 2. die da wieder meine Spontaneität verklemmt. wie du das findest?« Gottfried Schachtschnabel sagte: »Das find ich gut. Nach Möglichkeit vermeide ich.

aber ich hatte auch den Chauvinismus in meinen Themenkatalog integriert: ›7. Gottfried Schachtschnabel fand das auch. und unter viertens hatte ich ›Kapitalismus/Monopolkapitalismus (Kritik)‹ und die Analyse der bürgerlichen Institutionen zusammengefaßt. Also war jetzt drittens der Befreiungskampf. wollte ich doch beibehalten. daß dies eigentlich in den anderen Themen enthalten war. dachte ich mir. und daß ich eigentlich eine Trennungsgeschichte als Konzept im Kopf hätte. sagte Gottfried Schachtschnabel.außerdem ist es furchtbar kompliziert. Und: »Sehr anspruchsvolles Programm. 46 . Tiere zu filmen. aber ich fand. nun Punkt 6. Konsumsklaverei und Chauvinismus‹ – Das gehörte nämlich schon irgendwie zusammen! Wahrscheinlich war Albert so geizig weil er ein Chauvinist war! Bei ›Entlarvung der herrschenden Ideologien‹. Die kritische Diskussion des Feminismus. das könnte eigentlich reichen. daß ich diese Geschichte einer Trennung auch noch in die Themen einbringen könnte? Ja. nur noch acht also. weil man von mir als Frau eine solche Stellungnahme natürlich erwarten würde. Stilmittel des Films: Humor. Deshalb hatte ich diesen Punkt nicht mehr in den Themenkatalog aufgenommen. »Ist ja alles drin!« sagte er. sondern einen Absatz gemacht und dann geschrieben: Absicht des Films: Entlarvung der herrschenden Ideologien. Ich hatte jetzt drei Themenpunkte weniger. daß es eben nur das Problem sei.« Ich wies Gottfried Schachtschnabel darauf hin. und ob er meine. das würde sogar noch fehlen. was ich zuerst als Punkt 10 hatte. wie ich die Themen miteinander verbinden sollte.

wie es mit Albert und mir angefangen hatte. daß er schon in drei Abschlußfilmen den Karl Marx spielen durfte – obwohl der Hausmeister sturer CDUler ist –. was man will. traute ich mich auch zu sagen. daß ich zwar das Konzept schon fertig im Kopf hätte. daß ich vielleicht so anfangen könnte. daß er eine so hohe Meinung von mir hat. man visualisiert die Problematik durch Symbolfiguren. »Am besten ist immer. Für das internationale Wettrüsten konnte ich sowieso nur Ausschnitte aus Dokumentarfilmen nehmen. daß ich aber nicht wüßte. Diese Punkte ließen sich am besten mit der Kritik der herrschenden Verhältnisse verbinden. da habe ich keine Sorge. Aber um solche Filmausschnitte zu bekommen. Das 47 . Das internationale Wettrüsten fiel zunächst also auch flach. und er pflegt seinen Bart für weitere Einsätze. der das Archiv unter sich hat. wo ich denn eigentlich anfangen sollte. Und dann sagte er noch unheimlich nett: »Du wirst es schon schaffen. Schließlich fiel mir ein. muß man zuerst mit dem blöden Tetschner reden. und dem muß man ganz genau beschreiben. ob ich den Film mit der Entstehung des Kapitalismus anfangen lassen sollte oder mit einer Analyse des internationalen Wettrüstens oder mit den Ursprüngen des Feminismus. sonst sucht der einem nichts heraus. sagte Gottfried Schachtschnabel. Der Hausmeister unseres Instituts ist stolz darauf. Deshalb ist es besser. Den ganzen Abend noch überlegte ich unablässig. das wußte ich – aber leider braucht man gerade für diese Themen sehr viele Statisten zur Realisierung.Weil er so unheimlich nett war. alles miteinander zu verbinden.« – Ich war stolz. man fängt am Anfang an«.

muß man denn unbedingt immer gleich heiraten?« jammerte Jürgen. Dezember vor drei Jahren. Ich stand am Tresen mit Jürgen. Ich könnte anfangen mit dem Anfang vom Ende. nickte mit dem Kopf. aufzuwachsen. wenn man sich trifft – aber im Film könnte ich das schon herausarbeiten. darunter leide. deshalb hatte die Yasmine Schwierigkeiten in der Schule. weil die Szene in einer Kneipe spielen muß. wenn die Mutter lieber mit ihrem neuen Macker herummache. wie sehr die gemeinsame Tochter. »immer wenn ich will. kannte die Details des jahrelangen Hickhacks. die neben mir quatschten über Autoreparaturen. Jürgen erzählte. Es war reichlich spät. will Gisela nicht. weil Gisela einen neuen Freund hatte. Im Eulennest war es. Ausgerechnet im Rechnen sei sie schlecht! Dabei hatte sie doch von Jürgen die mathematische Begabung geerbt. Gisela und du?« hatte ich Jürgen gefragt. hatte Jürgen mal wieder gesagt. Klappe 1: Wir hatten uns in einer Kneipe kennengelernt. einem alten Kumpel. daß ich sie nicht geheiratet habe. Freilich. »Ich kann nichts dafür«. konzentrierte mich auf die Gespräche um mich herum. Vor Jahren waren wir mal kurz und schmerzlos liiert – man spricht nicht darüber. dann brauche man sich nicht wundern.« Ich kannte die Geschichte. dachte ich. »Warum tut ihr euch nicht wieder zusammen. statt die Begabung ihres Kindes zu fördern. ohne ihn. ihren leiblichen Vater. und nun. wie dick seine Ex-Freundin Gisela geworden sei. Fast nur noch Männer in der Kneipe.wäre ja ein Anfang im echten Sinn und gut zu visualisieren. die Yasmine. als sie schwanger war. am 8. 48 . »Gisela ist immer noch sauer.

Seine damalige Freundin hieß Dörte. Die Sterne standen günstig. Ich hatte das Alibi. unsere Beziehung hoffentlich auch bald. So haben wir uns kennengelernt. Den Namen meines damaligen gelegentlichen Bettkollegen habe ich vergessen. »Sieht schlecht aus«. Frauen aufzureißen. nichts an ihm ist der Erinnerung wert. daß ich es nicht nötig hatte. als wir uns kennenlernten. der mich zufällig gerade ansah. So war es gewesen. Wir hatten beide eine Liebschaft in petto. 49 . »wir werden uns bald trennen müssen. den Albert zu mir gesagt hat. daß die zwei Hälften nicht zueinander passen. mein Autochen und ich. sagte der. nachdem er mich kennenlernte.« Das war der erste Satz. er hat sich gleich. auf Männerfang zu gehen. Ich müßte nur herausarbeiten. Das Kennenlernen von Albert und mir müßte im Film anders sein: Er und ich. Albert konnte auch beweisen. fand ich allerdings.»Und wie lange hat dein Auto noch TÜV?« sagte ich zu einem der Autobastler. daß diese Szene zu unromantisch wäre. Als ich länger darüber nachdachte. daß er es nicht nötig hatte. die durch die Welt wandern und sich endlich finden. Und die herrschenden Verhältnisse wurden auch zuwenig entlarvt. Sein Auto von damals ist schon lange verschrottet. zwei Hälften. von ihr getrennt.

7. Kapitel
Eigentlich hatte ich die Wohnung nicht mehr putzen wollen, bis Albert ausgezogen war. Aber vielleicht würde es mit dem Auszug etwas dauern. Und überhaupt hatte sich Unordnung in der Wohnung zusammengebraut. Außerdem war Donnerstag, und Donnerstag ist mein freier Tag. Sonst bin ich total ausgebucht: Montags ist schon um zehn Uhr früh Filmwirtschaftsrecht. Das ist erzlangweilig, niemand würde hingehen, wenn es nicht Pflicht wäre. Wer dreimal unentschuldigt fehlt, bekommt keinen Schein! Kynast-Müller legt das Seminar mit Absicht so früh, um uns zu ärgern. Montag nachmittags gehe ich dann oft in die Bibliothek und arbeite die neuen Illustrierten durch, aber auch psychologische Zeitschriften und die internationale Filmliteratur. Dienstag ist der schlimmste Tag: da mache ich von morgens bis abends SchnittPraktikum 3, dann Film-Geschichte 2, dann Text- und Dramaturgie-Praktikum. Nur Film-Geschichte ist interessant, weil wir da Filme ansehen können. Mittwochs ist das Theorie-Seminar bei Gottfried Schachtschnabel. Er macht seine Seminare grundsätzlich zu »studentenfreundlichen Zeiten«, wie er sagt, nämlich von 17 Uhr bis 19 Uhr. Und montags macht er grundsätzlich keine Seminare, uns Studenten zuliebe. Freitags macht Schachtschnabel auch ein Seminar, aber das ist nur für Absolventen im siebten und achten Semester, und ich bin erst im fünften. Aber ab nächstem Semester läßt mich Gottfried sicher schon am Absolventen-Seminar teilnehmen, schließlich arbeite ich jetzt schon an meinem
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Abschlußfilm. Bisher arbeite ich freitags in der FrauenFilm-Gruppe mit. Unser Ziel ist es, den Theorie-Überbau mit Leben zu füllen, deshalb suchen wir Themen, die unsere Lebenspraxis widerspiegeln. Bisher haben wir noch kein Thema gefunden, weil wir uns in diesem Semester erst zweimal getroffen haben. Durch die traditionelle Doppelbelastung der Frauen haben wir alle so viel zu tun, daß es sehr schwierig ist, einen gemeinsamen Termin zu finden. – Donnerstags zum Beispiel geht es bei mir nicht, weil ich mir den Donnerstag grundsätzlich freihalte. Da muß ich daheim arbeiten, die Atmosphäre meiner Wohnung fördert meine kreative Intuition. Nur jetzt mußte ich zuerst mal aufräumen. Beim Staubsaugen überlegte ich, was ich mache, wenn Albert wirklich auszieht. Die Wohnung ist klein – zwei Zimmer Altbau – und nicht teuer. Früher wohnte ich hier mit Christiane. Die ging vor zwei Jahren mit einem Französisch-Lehrer, der bei der Armee war – »unser Besatzer« nannten wir ihn –, nach Frankreich; Christiane unterrichtet jetzt dort Deutsch. Da ist dann Albert aus seiner Wohngemeinschaft ausgezogen und zu mir gezogen. Wir kannten uns damals dreizehn Monate. Wir hatten zuerst diskutiert, ob ich in die Wohngemeinschaft von Albert ziehen sollte, er wohnte mit drei Frauen und einem Typen in einer Fünf-ZimmerAltbauwohnung, und eine der Frauen zog gerade aus. Ich dachte damals, daß ich eigentlich meine Wohngemeinschafts-Erfahrung machen müßte – Christiane und ich, wir waren ja nur zu zweit gewesen, und das ist keine echte Wohngemeinschaft –, aber die Wohngemeinschaft von Albert ging mir absolut auf den Nerv. Den ganzen Tag wurde die Frage diskutiert: Was ist
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Schmutz? Woher kommt Schmutz? Wohin geht Schmutz? Wer ist dafür zuständig? Krach gab’s auch, weil sich Albert aus den gemeinschaftlichen Aktivitäten bewußt ausgeklammert hatte. Er wollte nicht gemeinsam Brot backen, und er hatte keine Lust auf gemeinsame TherapieWochenenden. Als ich das dritte Mal in seiner Wohngemeinschaft zu Besuch war, hat mich die Dagmar gleich zum Putzdienst eingetragen. Weil auch ich auf dem Küchenfußboden – im Gemeinschaftsbereich! – herumgelaufen war. Dabei war Albert fast immer bei mir, lief also bedeutend weniger als die andern auf dem Wohngemeinschafts-Küchenfußboden herum. Aber das zählte nicht. Albert bezeichnete die WohngemeinschaftsFrauen als »Terroristische Putzfrauen-Vereinigung«. Ich hab ihn da rausgeholt! Wenn Albert jetzt ausziehen würde, könnte ich meine Wohngemeinschafts-Erfahrung nachholen. In einer Wohngemeinschaft hat man immer jemanden, mit dem man reden kann, das wäre besser als jetzt. Albert geht morgens weg und kommt abends wieder, das heißt tagsüber null Unterhaltung. Andererseits kann ich natürlich sehr gut allein leben. Und die Frauen, die in Wohngemeinschaften leben, reden immer nur übers Putzen. Im Vergleich zu einer richtigen WG war vielleicht sogar Albert das kleinere Übel. Plötzlich fand ich meine rosarote Strickstrumpfhose. Endlich. Ich hatte sie nach dem Waschen in ein Handtuch eingerollt, dabei in die Länge gezogen, weil ich sie eine Nummer zu klein gekauft hatte. Das feuchte Handtuch war irgendwie zwischen zwei Pullover gerutscht. Der untere Pullover war zerknittert und roch muffelig. Ich mußte den Pulli mit Alberts Shampoo waschen, weil das
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Feinwaschmittel alle war. Beim Pulloverwaschen wurde automatisch das Waschbecken sauber. Dann putzte ich aber auch die Badewanne, das Fenster in der Küche, bezog die Betten – auch das von Albert, dann fegte ich überall mit dem Staublappen drüber, staubte sogar auf Alberts Schreibtisch die vielen Fotokopien für seine Doktorarbeit ab, dann spitzte ich mehrere Bleistifte für uns beide, räumte alle Schuhe ins Regal, die Schreibmaschine unters Bett, putzte den Spiegel im Flur, machte zwei total dreckige fettige Pfannen sauber, putzte das Telefon, dann rief ich Albert in der Klinik an und erzählte ihm, was ich alles geputzt hatte. Er war hocherfreut und lud mich für abends ins Bistro zum Essen ein. Es war dann ein netter Abend. Am Freitag, in aller Frühe, rief Irmela vom Frauenseminar an und teilte mir mit, daß ihr Benjamin nachts gehustet hätte, und der Kindsvater hätte keine Zeit, auf den Benjamin aufzupassen, deshalb müßte das Seminar heute bei ihr daheim stattfinden, sie hätte es den andern Frauen schon gesagt. Mich hatte sie also zuletzt angerufen! Für Irmela war man nur als Frau mit Kind eine vollwertige Person. Daß ich zu Irmela kommen sollte, paßte mir nicht. Gottfried Schachtschnabels Seminar und das Frauenseminar hören gleichzeitig auf, vielleicht hätte ich Gottfried Schachtschnabel auf dem Flur getroffen, dann hätte ich ihn was fragen können wegen meines Films. Aber nun war heute nichts zu machen. Ich rief Albert an und fragte ihn, ob wir uns nach dem Frauenseminar irgendwo treffen sollten. Er sagte, er wolle heute nicht schon wieder weggehen, er sei um sechs zu Hause.

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Im Frauenseminar ging es drunter und drüber. Wir waren nur zu fünft, Beate, Gudrun, Regina, Irmela und ich, aber Regina hatte auch ihren Benjamin mitgebracht, weil auch ihr Freund keine Zeit hatte, auf das Kind aufzupassen. Der Freund von Regina hat dazu überhaupt nie Zeit, aber sie scheint das okay zu finden. Der Benjamin von Irmela rannte mit dem Benjamin von Regina fünfundvierzig Minuten lang um den Tisch herum, und beide schrien die ganze Zeit »Arschficker« und »Scheißer«. Die Mütter fanden es schade, daß sie keine Kamera-Ausrüstung da hatten, um das spontane Spiel der beiden zu filmen. Regina und Irmela beschlossen, auf jeden Fall einen Kinderfilm zu machen. Ich sagte nichts dazu, weil mich störte, daß die Benjamins jedesmal »Scheißer« und »Arschficker« brüllten, wenn eine von uns Erwachsenen etwas sagte; Gudrun sagt sowieso nie was; Beate sagte nichts außer: »Ach, sind die süß.« Weil dann der Benjamin von Irmela wieder zu husten anfing und der Benjamin von Regina mithustete, haben wir die Arbeitsgruppe vertagt, bis die Kinder wieder gesund sind. Ich fragte Gudrun und Beate, ob sie Lust hätten, noch in eine Kneipe zu gehen und ein bißchen über Polit-Filme zu quatschen, aber die wollten nach Hause und arbeiten, sagten sie. Also ging ich auch heim. Im Flur, auf dem Boden, lag ein Zettel: »Mußte zum Fest eines Kollegen, der seinen Ausstand gibt. Gruß Albert.« Das war ja seltsam, das hätte er doch bereits nachmittags wissen müssen?! Ich hatte keine Lust, alleine zu Hause zu hocken und auf den gnädigen Herrn zu warten und ging ins Café Kaputt.
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8. Kapitel
Die Psychologin, die ich letzte Woche hier kennengelernt hatte, war wieder im Café Kaputt. Sie hatte einen Mann dabei. »Ah«, sagte sie, als sie mich sah. »Ist das dein Ex-Mann?« fragte ich sofort, denn die beiden strahlten partnerschaftliche Harmonie aus. Die Psychologin lachte, er lachte nicht. »Bestimmt nicht«, sagte sie. »Das ist ein ganz alter Freund von mir. Wir kennen uns sozusagen aus dem Sandkasten. KarlHeinz Müller heißt er. Ein Name, den man sich wird merken müssen!« Sie lachte wieder. »Wir sind wie Bruder und Schwester«, sagte KarlHeinz und tätschelte brüderlich das Knie der Psychologin. »Und du, wie heißt du?« – Ich wollte diesmal lieber sofort fragen, später würde es peinlich wirken. »Julia heißt sie«, sagte Karl-Heinz. »Julia, sie hat den schönsten Namen der Namen der Welt. Julia, so unbeschreiblich weiblich!« »Er weiß genau, wie ich es hasse, Julia zu heißen«, sagte sie. »Aber Julia ist das Symbol…« »Du wirst es nicht für möglich halten«, unterbrach sie mich, »daß Julia Symbol der romantischen Liebe ist, hab ich schon mal gehört… Romeo und Julia… oh, là là… hahaha… – jeder Mann sagt es, wenn ich ihm meinen Namen sage, jeder, vom Kavalier alter Schule bis zum Konfirmanden. Und jeder kommt sich unglaublich
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originell vor. Und was mich vor allem anwidert – jeder prüft sofort, wie weit ich seinen sexuellen Assoziationen zu Julia entspreche!« »Na ja, damit ist es bald vorbei für dich«, sagte KarlHeinz. »Wie meinst du das?« fragte Julia. »Du bist doch schon über dreißig«, erklärte er. Julia sah Karl-Heinz beleidigt an und sagte nichts dazu. »Und wie heißt du?« fragte mich Karl-Heinz. »Constanze.« »Constanze ist auch ein sehr schöner Name. Auch sehr weiblich«, stellte Karl-Heinz fachmännisch fest. »Hab ich auch schon mal gehört«, sagte ich nur. – Dieser Karl-Heinz hatte wirklich keine Ahnung wie ich meinen Namen früher gehaßt hatte. ›Conny‹ hatte ich mich immer genannt, ›Constanze‹, das war so altmodisch und madamig. Es war die Schuld meiner Mutter, daß ich Constanze hieß, das war klar. Mein Vater wäre eher für was Grundsolides gewesen wie ›Gisela‹ oder ›Waltraud‹. Aber meine Mutter wollte ihre Freundinnen mit einem schicken Kind beeindrucken, deshalb. Sie hatte mich einfach nach der populärsten Frauenzeitschrift ihrer Epoche tituliert! Sie hätte sich lieber einen Pudel anschaffen sollen, zu einem Pudel würde der Name passen, hatte ich sie mal angebrüllt! Na ja, mittlerweile gab es diese Zeitschrift nicht mehr, war wohl aus der Mode gekommen. Mittlerweile fand ich es nicht mehr so schlimm, Constanze zu heißen. Aber wenn ich über meinen Namen nachdachte, war ich froh, daß ich keine Geschwister habe – man stelle sich vor, die haben dann Kinder, und die Kinder sagen zu mir »Tante Constanze«!

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»Ich möchte mal erleben, daß romantische Eltern ihren Sohn Romeo taufen«, sagte Julia, »aber einem Knaben kann man diesen Fluch nicht antun.« »Mein Vater hätte mich fast Tarzan getauft«, sagte Karl-Heinz. »Fast«, sagte Julia. »Und wie geht es dir sonst?« fragte ich Julia. »Prima, richtig prima. Seit ich geschieden bin, hat für mich ein neues Leben begonnen. Ehrlich! Ich hab mich noch nie so wohl gefühlt. Zum erstenmal in meinem Leben fühle ich mich wirklich frei. Ich spür ganz neue Energien in mir, das kannst du mir glauben.« »Glaube ich«, sagte ich. »Die meisten Frauen bekommen aber Minderwertigkeitskomplexe nach der Scheidung«, sagte Karl-Heinz. »Ich nicht. Ich bin glücklich, daß ich geschieden bin«, sagte Julia. »Ich heirate nie wieder!« »Glaube ich dir«, sagte ich. »Bist du verheiratet?« fragte mich Karl-Heinz. »Um Gottes willen.« »Sie hat aber eine feste Beziehung«, sagte Julia zu Karl-Heinz. »Und wo ist dann dein Bekannter?« fragte Karl-Heinz. Ich erzählte, daß Albert auf dem Fest eines Kollegen sei, ich wäre auch eingeladen gewesen, hätte aber keine Lust gehabt mitzugehen, weil ich den Kollegen nicht leiden kann, und so weiter. Ich log, weil ich das Gefühl hatte, vor diesem Karl-Heinz rechtfertigen zu müssen, warum ich allein hier war. »Und wenn dein Bekannter keine Zeit hat, dann gehst du allein in die Kneipe«, sagte Karl-Heinz.
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»Klar.« Ich erzählte den beiden, daß ich sogar schon in einer Kneipe gearbeitet habe: Damals nach dem Abitur, in den drei Jahren, als ich herumjobbte und noch überlegt hatte, ob ich Bühnenbildnerin werden sollte oder Fotografin oder eine Kneipe aufmachen oder Philosophie studieren sollte. Dann habe ich mich für die Filmakademie entschieden, weil sich da alles verbindet. War ganz logisch die Entscheidung. Aber die drei Jahre Herumjobben waren auch wichtig gewesen für meine Entwicklung. »Es ist was anderes, ob eine Frau in einer Kneipe arbeitet oder allein in eine Kneipe geht«, sagte Karl-Heinz »Im Grunde genommen finde ich es wahnsinnig gut, daß du allein weggehst«, sagte Julia. »Ich kenne doch viele Leute hier«, sagte ich und winkte Dieter zu, der gerade mit seiner Freundin Jutta hereingekommen war, mit denen unterhielt ich mich auch manchmal. »Verkehrt dein Bekannter auch hier?« fragte KarlHeinz. »Ja.« »Na ja, wenn er nichts dagegen hat, daß du allein hierhergehst«, sagte Karl-Heinz. Ich hätte fast gesagt, daß ich Albert nicht um die Erlaubnis bitten muß, weggehen zu dürfen; überlegte, ob ich diesen Karl-Heinz fragen soll, ob denn er alleine in die Kneipe gehen darf? Aber die beiden unterhielten sich nun über gemeinsame Bekannte. Julia fragte Karl-Heinz, ob er Neues von Ulrich gehört habe. Ulrich war Julias ExEhemann. Karl-Heinz wußte aber nichts Neues. Ich konnte mich nicht auf das Gespräch der beiden konzentrieren, weil ich dauernd überlegte, mit wem Albert
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Schließlich wollte ich diese verdammte Beziehung beenden. »Du mußt lernen. sagte ich zu Julia. sagte sie. gib mir einen Tip. Aber Julia wollte trotzdem nach Hause. »Vielleicht bist du selbst unentschieden? Vielleicht weißt du selbst nicht. wie man sich schmerzlos trennt«. schließlich war ich auch noch da. »Einen Menschen kann man nicht besitzen. was du willst? Oder vielleicht willst du was. Wir tauschten aber noch schnell unsere Adressen und Telefonnummern 59 . »Du bist doch Psychologin. Aber ehe ich richtig widersprechen konnte.« Das wußte ich schon. Julia war zu beneiden. die hatte ihre Scheidung schon hinter sich. dich von deinem Besitzdenken freizumachen«. – Vor Karl-Heinz hatte ich mich mit dieser Frage nicht bloßstellen wollen. das war mir alles zu oberflächlich. dann ist es natürlich kein Kunststück. »Willst du alleine hierbleiben?« ›Alleine‹. Sie war eben Psychologin. Ich sagte ihr noch mal. als Karl-Heinz aufs Klo und telefonieren ging. Frechheit. das ist für diesen Karl-Heinz gleichbedeutend mit ›ohne Mann‹. war mir sowieso egal. und mit wem. »Ich muß jetzt weg«.auf das Fest gegangen war. was sie da sagte. was es gar nicht gibt?« Nein. noch dazu derart vorbildlich. Im Grunde war es mir natürlich egal. daß das Problem die emotionale Blockierung von Albert ist. kam Karl-Heinz wieder. Eine Beziehung ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. dachte ich. Wenn man die Untiefen der menschlichen Seele kennt. sich in aller Harmonie zu trennen. weißt du. erklärte er Julia. wo er hinging. und daß er immer so unentschieden ist.

aus. Ich mußte leider lachen. Als er neben mir im Bett lag und sofort zu schnarchen anfing. Albert kam in mein Zimmer. er 60 . wie niedlich.« Leider mußte ich wieder lachen. Na warte! 9. Mittags um eins pennte er immer noch. »Was soll ich denn einkaufen?« jammerte er. zog sich aus. daß um zwei die Läden schließen. »Ach du bist es. Julia Lämmle. Und zum Abschied sagte sie: »Alles Gute. du besoffenes Schwein!!« Er erschrak fürchterlich. Und: »O Gott. ist mir schlecht!« Ich sagte ihm. wenn ich mal allein weggehen will«. Jutta und den andern am großen Tisch. Ich zog ihm die Decke weg und sagte. als ob ich schlafen würde. Lämmle hieß sie mit Nachnamen. »Wer ist da?« fragte er. brüllte ich ihm direkt ins Ohr: »Hau ab.« Ich setzte mich dann zu Dieter. sagte Julia zu mir. Ich tat. daß ihm das recht geschehe und daß wir kein Waschpulver mehr im Haus hätten. »Ich ruf dich an. mein kichernder Brüllaffe. Kapitel Nachts um vier fiel der Schirmständer um. und daß er dran ist mit Einkaufen. Als ich um Viertel nach eins heim kam. legte sich zu mir ins Bett. Albert sagte. war Albert noch nicht da. Er war total besoffen. Julia zahlte für Karl-Heinz mit.

Um fünf sah er sich wie üblich die Sportschau an. vom Flur aus die Diskussion fortzusetzen. was Albert betrifft: Es geht abwärts mit unserer Kultur. sagte er und fügte hinzu: »Stimmt’s?« »Warum hast du mich dann nicht mitgenommen?« »Warum?« sagte er nur. wenn sich ein Arzt für die Sportschau interessiert. Er sagte. Er hatte neben seinem Bett Oropax liegen. wo er gestern gewesen war. ging in sein Zimmer und schloß sich ein. sondern viel Ruhe. dann nur gesellschaftspolitisch und künstlerisch wertvolle Filme. »Du mit deinen LuxusAllüren. meckerte er. Aber sämtliche Donald-Duck-Geschichten kennt er auswendig! Gekettet an diesen Banausen blieb mir nichts anderes übrig. Dann stand er auf. »Jeden Abend willst du weggehen«. richtig kochen zu lernen! Du willst mich nur ausbeuten! Ich soll dich einladen!« 61 . mußte ich meine Frage wiederholen. »Ach ja. ohne Bettdecke könne er sich an nichts erinnern. Prompt fing Albert wieder Krach an. Den gesamten Nachmittag mußte ich mich also im stillen ärgern. Ich wußte. Albert hat in seinem Leben kein einziges kulturkritisches Essay gelesen. als auf bessere Zeiten zu warten. Ich fragte ihn.brauche kein Waschpulver. Goethes Faust oder sonst was kulturell Wertvolles. Abends wollte ich eigentlich weggehen zum Essen. Nur weil du zu faul bist. – Die Fernsehkritiker haben recht. Ich bin in unserer Beziehung alleinverantwortlich für Kultur. Früher las man am Abend ein gutes Buch. Wenn ich fernsehe. es war ein Fest im Kollegenkreis«. Aber heute ist es geradezu normal. daß es keinen Sinn haben würde. Obwohl ich ihm dann die Decke wiedergab.

dann spricht die Dame nicht mehr von Emanzipation!« kreischte er. Allmählich platzte mir aber der Kragen. essen zu gehen. antwortete ich zunächst ganz sachlich. daß es für mich billiger ist. Für dich ist es sowieso das Wichtigste. Erst durch dich habe ich begriffen. die Katholiken! Wenn ich nur an deine schäbigen Mokkatassen von Weihnachten denke. Nur weil sie billig waren! Du hast es nicht nötig. »Hör auf. Aber deine Mokkatassen! Die geschmacklosesten Mokkatassen. die ich von meinen Eltern zum Geburtstag bekommen habe. versteht sich! »Wenn es ums Geld geht. sind toll. bekomme ich von ihm bekanntlich höchstens einen Bruchteil meiner Ausgaben zurück. die es je gegeben hat. rumzubrüllen!« warnte ich ihn. »Wegen der blöden Erbsen hast du die Uhr ins Klo geschmissen.Weil ich keinen Krach wollte. »Weißt du noch. was mir gefällt! Die Jugendstil-Tassen. nur zu seiner Erinnerung. als ich das Essen für Weihnachten gekauft habe?« fragte ich ihn. deinen erlesenen Geschmack zu befriedigen. dir Mühe zu geben!« 62 . für dich ist es nie gut genug! Mir ist es sowieso nie gelungen. »Du weißt genau. Du bist nicht zurechnungsfähig!« schrie er. was ich dir schenke. daß mich dein Geiz krank macht. daß du herummeckern kannst!!« »Du könntest ja drüber nachdenken. Ich sagte ihm ganz sachlich. wird mir schlecht!!« »Es ist völlig egal. daß er mich nie einlädt. denn wenn ich für uns beide einkaufe. wenn wir zusammen weggehen. weil er dauernd seinen Geldbeutel vergißt. warum die katholische Kirche den Geiz als Todsünde verdammt! Die blicken durch. Aus Versehen.

Der Abend war gelaufen. Ohne daß vorher jemand angerufen hatte. Niemals durfte das geschehen. eine sitzengelassene Frau… meine Feinde würden frohlocken. Er hatte sich also schon länger verabredet gehabt. Ich war gezwungen. daß bei dir die Liebe durch den Geldbeutel geht. Ich war unerschütterlich fest entschlossen. Ab und zu muß ich auch ein bißchen was arbeiten. Aber so plötzlich. wo ich denn vorgestern abend gewesen war. Ich war ihm völlig egal. Er hatte den ganzen Vormittag nicht mit mir geredet.»Ich hab noch was anderes zu tun. falls dir das noch nicht aufgefallen sein sollte!« »Vor allem ist mir aufgefallen. Nur eines wollte ich nicht: daß er mich verließ. 10. Sonntag nachmittag ging Albert weg. mich von diesem Tyrannen zu trennen. als dir zu Füßen zu liegen und deine Wünsche zu erraten. wie die Sonne nach langen Wintertagen durch die Wolken 63 . Wahrscheinlich mit der Napfsülze von neulich. Kapitel Die Tage waren so trüb wie die Tassen. Du kannst mir gestohlen bleiben mitsamt deinen schäbigen Mokkatassen!« Dann knallte ich die Tür zu. ehe ich was Besseres hatte. Er hatte mich noch nicht mal gefragt. Er mir erst recht. Was würden die Leute von mir denken! Ich. eine Dose Ravioli aufzumachen.

Ich sollte ihm die Titel vorlesen. Ja. Er sagte aber. und fragte. ausgerechnet Chlodwig Schnell. als ich ihm aus Gottfried Schachtschnabels Mercedes zuwinkte. daß man da eben sehen müsse. ob er inhaltlich zum Film paßt. ob uns vielleicht jemand aus dem Institut sehen konnte. kam über den Hof. weil ich ihn was fragen wollte wegen meines Films. da könne er mich gerne ein Stück mitnehmen. neben meinem Dozenten in einem jeansblauen Mercedes. aber jetzt nach Kreuzberg. er müsse nach Kreuzberg. was er dazu meint. so veränderte sich auch mein Leben am folgenden Mittwoch! Ich hatte Gottfried Schachtschnabel nach dem Seminar gefragt. ob er kurz Zeit hätte. daß er nicht mehr in den Dozentenraum im vierten Stock ginge. das war es eigentlich nicht. daß er leider gleich weg müsse. begleitete ich ihn zum Auto. Wir kamen dann auf mein Problem mit den Filmtiteln zu sprechen. »Komm. Es war toll. Gottfried Schachtschnabel sagte. er wohne in Lichterfelde. die Bezüge: handgefertigt. Chlodwig staunte nicht schlecht. Gottfried Schachtschnabel fährt einen alten Mercedes. Ich guckte.bricht und allem Leben einen neuen Sinn schenkt. er hätte es so eilig. Es war ein tolles Gefühl: Ich. weil er ja Auto fahren mußte. Gottfried Schachtschnabels selbsternannter Assistent. die Studentin. steig ein in meine Kapitalisten-Kutsche«. Zum Titel »Die Befreiung der Minna von Barnhelm« sagte er. ob mein Problem dringend sei. Haha. In Jeansblau! Mit Jeans-Bezügen! Sehen toll aus. sagte er und lachte. So ein Zufall! Da wohne ich ja! Gottfried sagte. wahrscheinlich von seiner Mutter. Da hatte er natürlich recht. Ich hatte ihm die Titelvorschläge für meinen Film zeigen wollen und wollte wissen. Weil Gottfried sagte. 64 .

»Sehr gut«. »direkt davor ist ein Parkplatz frei. Es war mir peinlich. »Über die Illusion der Ewigkeit der Sinnlichkeit. Er fragte. sehr skeptisch gegenüber.« 65 . Außerdem fand ich. weil ich da in der Nähe wohne. Ich sagte Gottfried Schachtschnabel. Aber ausgerechnet da hatte Gottfried Schachtschnabel seine Bedenken.« Ich hoffte. das Gottfried Schachtschnabel vorzulesen. daß der Titel »Der Geliebte der Revolutionärin« von mir bevorzugt werden würde. er müßte nämlich wie wild an einem Vortrag arbeiten. und der Titel hätte bestimmt eine sehr tiefe Symbolik. aber er sagte. er käme mit auf ein Bier oder so. Ich sagte Gottfried Schachtschnabel. sagte Gottfried Schachtschnabel. mich noch mal kritisch mit dem Titel auseinanderzusetzen. daß dieser Titel zu kommerziell klingt. und daß ich die Absicht hätte. analysiert am Klischee des typischen Ehepaares im Hollywood-Film. ob ich den Mann zum Lustobjekt degradieren wolle. Ich fragte. Und er persönlich stehe der Ansicht der Feministinnen. Das Café Kaputt lag genau am Weg. über was der Vortrag sei. daß es meine Stammkneipe sei. ausgerechnet heute hätte er keine Zeit. sehr. Den zweiten Titel »Meine Liebe zu Dir ist wie der sterbende Wald« habe ich nicht vorgelesen. und daß alle Leute die Atmosphäre dort gut finden. weil ich da auch sehr skeptisch bin. Ich versprach. sagte er. Da mußte ich ihm natürlich recht geben.»Die betonierten Schwingen einer befreiten Frau« hielt er spontan für sehr hübsch. es täte ihm leid. er würde sagen. die einfach die Fehler der Männer selber machen wollen. jetzt ins Café Kaputt zu gehen.

daß ich da viel darüber nachgedacht hätte. da käme es vor allem darauf an. er würde sowieso noch einen Aushang im Institut machen wegen seines Vortrags.« Gottfried Schachtschnabel sagte dann noch. sagte ich und dachte an meinen Film. 66 . und das sei das Schwierigste überhaupt. der Mantel war weiß. »Davon kann ich ein Lied singen«. Und er hätte erst am Wochenende erfahren. »Jeder ist herzlich willkommen«. seinen Vortrag. sagte er und lachte so darüber. politische Theorien in ihrer praxisrelevanten Dimension aufzuzeigen. daß der Vortrag am Dienstag abend um 20 Uhr im Alternativen Volksbildungsheim sei und daß er es heute schon im Seminar gesagt hätte. damit alle meinen neuen Trenchcoat sehen konnten. daß ich auch lachen mußte. Eigentlich sei für kommenden Dienstag ein Vortrag über irgendein Hausfrauenthema angesagt gewesen. ob auch Studenten zu dem Vortrag kommen könnten. Gottfried Schachtschnabel sagte. wie es im sogenannten Alternativ-BH zu erwarten sei. den ich zufällig in einem Räumungsverkauf gesehen hatte. und fragte. ich hätte das nur nicht mitbekommen. »du kannst Freunde in beliebiger Zahl mitbringen. Aber weil die Frau Referentin krank geworden sei. Und da müsse er schwer daran arbeiten. weil ich mit Absicht zu spät gekommen war. sagte er. der für März vorgesehen war. daß er diesen Vortrag halten soll. und er war wahnsinnig günstig gewesen.Das war ja irre interessant. Ich wurde ein bißchen rot. bitte schon jetzt zu halten. Ich sagte ihm. denn bei einem Publikum. hätte man ihn gebeten. weil ich ein bißchen zu spät gekommen sei.

mit denen man Telefonnummern austauscht. daß mich Gottfried Schachtschnabel nach Hause gefahren hatte. Im Café Kaputt traf ich mehrere Bekannte und fragte sie. daß sie mich anrief.»Ich muß jetzt weiter«. hatte ich vor Aufregung eine ganz piepsige Stimme. daß ich meinen neuen Mantel in der Autotür eingeklemmt hatte! Mist! Aber bis Dienstag konnte ich den Mantel reinigen lassen. 11. und dann merkte ich. sagte Gottfried. um den Kontakt zu ihrer neuen Nachbarschaft aufrechtzuerhalten. die meisten Leute. sie anzurufen. Kapitel Am Sonntag rief mich Julia Lämmle an. ob sie Lust hätten. »Hoppla«. wie er ist. Julia sagte. Ich war allein zu Hause. Ich berichtete ihr. sie hätte irgendeine depressive Phase. Und dann sagte er: »Es würde mich freuen. dich am Dienstag zu sehen. Alles Ignoranten.« Als ich tschüs sagte. sie hätte mich nur so anrufen wollen. würde er mich nur blamieren. Ich war unheimlich gespannt auf den Vortrag. es gehe ihr nicht gut heute. Ich hatte auch wirklich vorgehabt. politisch komplett desinteressiert. Albert wollte ich nichts erzählen von dem Vortrag. Ich fand es sehr nett. nur hatte ich bisher keine Zeit gehabt. Julia sagte. Albert hatte Sonntagsdienst. zu einem praxisrelevanten politischen Vortrag zu gehen. melden sich nie. 67 . Es hatte aber keiner Lust. sagte sie.

ich gehe mit.»Die Zeiten ändern sich. ob sie nicht übermorgen zu dem Vortrag mitgehen wolle. ob es von Camus war oder von Catull. »Sehr interessant«. und ganz in der Nähe vom Alternativen Volksbildungsheim. dürfe mitkommen. Ich sprach dann mit ihr über die Perspektivlosigkeit meiner Beziehung zu Albert. Julia fragte: »Wie lange dauert der Vortrag?« Das wußte ich nicht. zur Feier des Tages waren auch meine Jeans frisch gewaschen. daß Gottfried Schachtschnabel am Dienstag einen Vortrag halten würde im Alternativen Volksbildungsheim. »Alles ist sinnlos«. Ich sagte ihr. den Mantel 68 .« Dienstag 19 Uhr 47 kam Julia zum Alternativ-BH. Ich hatte mich für meinen neonblauen Mohairpulli entschieden. die ich vielleicht bisher nicht erkannt hatte. Sie wollte aber nicht. Dann sagte sie aber: »Okay. daß sie mir möglicherweise psychologische Zusammenhange in Schachtschnabels Analysen aufzeigen könnte. Dann berichtete ich Julia. daß das ein Zitat war. Ich sagte ihr auch. Sie kam direkt von ihrem Job und trug einen seltsamen Faltenrock. Wir telefonierten mindestens anderthalb Stunden. Sie wollte aber trotzdem nicht. dem sogenannten »Alternativ-BH«. Leider hatte ich keine Zeit gehabt. und: »Bin ja gespannt auf den Wundermann Gottfried Schachtschnabel. daß sie sogar mitkommen könnte. sagte aber nicht. sagte Julia. sagte Julia dauernd. Ich sagte ihr. und wir ändern uns in ihnen!« sagte ich. Dann fragte ich sie noch mal. die beste Aufreißerkneipe überhaupt. jeder der interessiert sei. dazu meine beste Straßkette. Ist eh alles Mist«. weil ich nicht mehr exakt wußte. daß wir dann danach ins Cookies gehen könnten.

sie saß schon in der letzten Reihe und strickte. drei. Die Alten saßen alle vorn. daß Sie zu unserem Vortrag gekommen sind. sagte der Hausmeister. zwei. aber der Fleck sah recht lässig aus. zwei. Ansonsten waren mehrere Frauen um die vierzig da und ein älterer Mann. Ich hatte den Eindruck. als wir in den Saal kamen. Gottfried war wahnsinnig cool. das mit »sexual« anfing. daß immer wenn Gottfried »gesellschaftspolitisch« sagte oder »gesellschaftskritisch« oder sonst ein Wort. Aus meinem Semester noch Beate. es gehöre zu seinen Pflichten als Hausmeister. Daß er aber bei jedem Wort.« Der Hausmeister sagte aber. wir freuen uns sehr. »Das können wir nicht«. das mit »Gesellschaft« anfing. sagte Gottfried dann zum Hausmeister. drei«. man brauche das Mikrophon überhaupt nicht: »Der Herr redet doch laut genug bei den paar Leutchen hier. Außer mir und Julia waren sechzehn Leute gekommen. »Können wir dieses Rauschen bitte abstellen«. Er kam fünf nach acht. sagte er.in die Reinigung zu bringen. die auch ihr Strickzeug dabei hatten. sagte Gottfried und fing mit seinem Vortrag an. den Verstärker aufdrehte. Eine der älteren Frauen sagte. »Wir werden dann eben mit Rauschen sprechen müssen«. daß der Hausmeister dann den Ton leiser machte. 69 . Der Hausmeister steuerte dann die ganze Zeit Gottfrieds Stimme aus. das Mikrophon und den Verstärker anzuschließen. Dann noch diverse Erstsemestertypen und zwei Frauen aus dem Abschlußsemester. Zuerst machte er eine Sprechprobe mit dem Mikrophon. der das Mikrophon angeschlossen hatte. »Eins. eins.

ob nicht sie störe und ob sie etwa Gottfried Schachtschnabel duzen solle. was er von mir denken würde.« Ich sagte ihm. sie brauche jetzt ein Bier. Eine sagte. »Reiß dich los«. »Hoppla«. ob wir was von dem Vortrag gehabt hätten. »soll ich dann gleich alleine nach Hause gehen?« Gottfried ließ die Damen einfach stehen und kam zu uns.Alle klatschten sehr. »Also gehen wir«. fragte Gottfried. Gottfried war sofort von einigen der älteren Damen umzingelt. daß sie eine Programmänderung vermute. »Was glaubst du. sagte Julia. als er uns gehen sah. »Ich hätte Lust. Gottfried fragte uns. sagte Julia.« Also ging ich hinter Julia zum Ausgang. »Geht ihr noch wohin?« fragte er. Während Gottfried schnell seinen Mantel holte. Ich wollte aber Gottfried noch kurz was fragen. sie verstehe das nicht. Die Strickerinnen legten sogar ihr Strickzeug weg. fragte Julia. Ob er mitkommen dürfe oder ob er vielleicht störe. und eine erklärte Gottfried irgendwas über die schöne Kunst des Blumensteckens. »Alles klar«. mein Hals ist ganz ausgetrocknet. wartet doch!« rief Gottfried. was zu trinken. sagte Julia. »Alles klar«. eine sagte dauernd. sagte Julia und sah mich an. sagte Julia. die aufgeregt durcheinanderredeten. sie solle sich um Gottes willen anständig benehmen. Julia flüsterte. daß meine Freundin Julia und ich vorgehabt hatten. »der Traum ist aus. ins Cookies zu gehen. wenn du ihn siezt!« sagte ich warnend. als Gottfried fertig war. »Halt. Julia gab zu. daß sie zwar keine Ahnung 70 . Ich flüsterte Julia zu.

»Im schulpsychologischen Dienst bin ich angestellt«. Wenn sie an ihre Großmutter denke. Es seien zwar nicht sehr viele Zuschauer dagewesen. daß das Problem der bürgerlichen Romantik so tief in den kapitalistischen Strukturen verhaftet sei. sie hätte nie gedacht. aber Qualität sei bekanntlich besser als Quantität. ergänzte Julia. Alberts ewige Vorwürfe. »Julia ist Psychologin«. daß wir gekommen seien. und die hatte alle Herz-Schmerz-Filme gesehen und ständig davon erzählt. die sei auch ein Kinofan gewesen. Ich überlegte gerade. aber er hätte bestimmt einige Aspekte sehr interessant herausgearbeitet. Dann fragte er Julia. als Julia erklärte: »Ich teste verängstigte 71 . vor Gottfried konnte ich ja nicht einfach irgendeine Frage stellen. daß er sich gefreut hätte. Julia sagte. daß ich mich nicht ausreichend für seine Arbeitstätigkeit interessieren würde. das war ja auch noch im Frühstadium der in den 20er Jahren einsetzenden oligopolistischen Konkurrenz«. wie ich meine Frage nach der speziellen Problematik der modernen Schulpsychologie formulieren sollte. sagte Julia. aber andererseits hätte ihre Großmutter einen Sozialisten geheiratet. Das fand ich auch. erklärte Gottfried Schachtschnabel. kamen mir in den Sinn.hätte von dem Metier. aber auf jeden Fall habe ihr der Vortrag viele Denkanstöße gegeben. sagte ich. daß ich Julia nicht präziser ausgefragt hatte. Julia sagte. »Als deine Großmutter ins Kino ging. Gottfried gab uns das erste Bier aus und sagte noch mal. Ich bekam fast ein schlechtes Gewissen. daß sie nicht verstehen würde. was sie beruflich mache. was das bedeute. Das hatte ich noch gar nicht gewußt.

« Sie erklärte Gottfried auch. fügte ich hinzu. »Du bist geschieden?« fragte Gottfried. »Es ist eine grausame Illusion zu glauben. »Aber ich fühl mich toll«. fügte sie hinzu. sagte ich. »Albert ist eigentlich schon aus meinem Leben verschwunden. wie ich deinem Vortrag entnommen habe.« »Gut aufgepaßt«. daß das aber bei ihr weiß Gott nicht der Fall sei. zitierte er aus seinem Vortrag. 72 . »Gibt’s was Neues von deinem Albert?« fragte Julia. und ich wurde ein bißchen rot. »noch nie in meinem ganzen Leben habe ich mich so frei gefühlt. dann bekommt man manchmal das Gefühl. lachte Gottfried. sagte Gottfried. sagte Gottfried. wie es die auf ein herrschaftsimmanentes Happyend zielende kapitalistische Romantik-Produktion vorgaukelt«. sagte Julia. Dann strahlte sie Gottfried an und sagte: »Du bist ja auch kein Freund der Ehe.Schulanfänger auf ihre Schultauglichkeit. daß viele geschiedene Frauen an Minderwertigkeitskomplexen leiden würden. Vor allem jetzt nach ihrer Scheidung wünsche sie sich öfter einen intelligenten Gesprächspartner. sagte ich cool. weil diese Frauen sich ohne Mann sozial unvollständig fühlen würden. »Ich kenne keine glückliche Ehe«.« Gottfried sah mich sehr interessiert an. »Wer? Ach der«. »Ich kenne auch keine glückliche Zweierbeziehung«. daß man durch die Garantie der staatlich definierten Legalität glücklich werden könnte. Ich fand das auch interessant. man sei selbst ein Schulanfänger«. »Wenn man sich den ganzen Tag mit Schulanfängern unterhalten muß. »Frisch geschieden«. das wußte ich genau. »Ich auch nicht«. sagte Julia.« Das sei ja sehr interessant. sagte Julia.

Wir tranken dann noch ein Bier und schwatzten über Ehescheidungen. die Julia. was mir an diesem wundervollen Abend nicht gefiel. um Ideen für meinen Film erarbeiten zu können. 12. war. daß ich in der letzten Woche überhaupt keine Inspiration gehabt hätte. sagte Gottfried am nächsten Tag nach dem Seminar. ich muß heute wieder nach Kreuzberg und könnte dich mitnehmen. »Früher hieß ich ›Freudenreich‹ – und dann auch noch Julia! Nie wieder!« Das sei wirklich zuviel gewesen! Darauf tranken wir noch eines. »und deine Freundin. wie es meinem Film ginge. Ich riet Julia. Ich mußte spontan seufzen. die ist sehr nett. »Wenn du keine Ideen hast. 73 . sagte er. Sonst hätte mich Gottfried bestimmt nach Hause gefahren. dann lies ein gutes Buch«. ihren Mädchennamen wieder anzunehmen. um in deine Stammkneipe mitzugehen.« Und dann sagte er: »Falls es dir recht ist. Das einzige.« Als wir im Mercedes saßen. »Nein«. daß Julia mit dem Auto gekommen war und mich mitnahm. fragte Gottfried. Ich erklärte Gottfried. rief sie. daß Ärger mit meinem früheren Lebensgefährten schuld sei. Nur habe ich wieder keine Zeit. Gottfried war voller Verständnis. Kapitel »Ein netter Abend gestern«. Dann tranken wir noch eines auf James Dean. Aber ein andermal bestimmt. Ich deutete an.

nein. »lies einfach Kant oder Hegel.« Kant oder Hegel. Aber da er noch mal sagte. Ich hatte gedacht. 74 . Natürlich. »Das ist egal«. ob er mich da absetzen solle. ich würde nicht wegfahren. heute würde ich direkt nach Hause gehen. lieber würde ich daheim noch arbeiten. sagte Gottfried. daß ich wahrscheinlich morgen wieder ins Café Kaputt ginge und daß Julia manchmal auch dort sei. »In den Semesterferien hast du Zeit«. ich wäre jeden Abend unterwegs. heute schon wieder in die Kneipe zu gehen. sagte ich. Das war doch Philosophie. Wie Gottfried mit den Geistesgrößen umgeht! Kant nannte er einfach »Immanuel« und Hegel »den anderen Knaben«.« Er lachte. er würde was empfehlen wie ›Vom Winde verweht‹ oder die ›Unendliche Geschichte‹. ob ich wieder ins Café Kaputt ginge. dachte ich. »oder fährst du weg?« Nein. »ist alles gut. Gottfried fuhr mich bis vor meine Haustür. sagte Gottfried.« Albert sollte sich ein Beispiel an Gottfried Schachtschnabel nehmen.Ich fragte ihn. sagte er. »was tut man nicht alles für hoffnungsvolle Studenten. »Keine Ursache«. daß er leider keine Zeit hatte mitzugehen. Aber klar: Gottfried war ein echter Intellektueller. weil sie auch in der Nahe wohnt. daß es mir zuviel wäre. was er mir empfehlen würde. »Na ja«. Ich sagte deshalb. Vor Aufregung bedankte ich mich insgesamt dreimal. – Ich wollte bei ihm nicht den Eindruck erwecken. Für alle Falle sagte ich ihm. was der Immanuel und der andere Knabe geschrieben haben. »Und was von Kant oder Hegel?« fragte ich. so reden Intellektuelle unter sich. sagte Gottfried. was eher Filmisches eben. sagte ich. Dann fragte Gottfried.

ob sie das besonders empfehlen würde. »Kennst du nicht«. Das leuchtete mir ein. Mein Hegel ging nicht in meine Handtasche. müßte es ein Standardwerk sein. sie hatte einfach keine Lust mehr dazu. weil ich sah. Sie suchte im Katalog herum. »Mit der ›Phänomenologie des Geistes‹ können Sie nichts falsch machen«. Als 75 . aber der König hat sie trotzdem nicht verstoßen. »Wer war denn das?« fragte er. denn in diesem Verlag kämen nur Standardwerke als Taschenbuchausgaben heraus. las ich. was sie mir von Hegel oder Kant empfehlen könnte. dies sei empfehlenswert.Laut knallte ich die Autotür zu. Inklusive Anmerkungen 700 Seiten! Ich fragte die Buchhändlerin. denn sonst hätten sie es nicht auf Lager. daß Madame Pompadour nach ihrem dreißigsten Geburtstag nicht mehr mit ihrem Ludwig das Lager teilen wollte. sagte sie. Also nahm ich die ›Phänomenologie des Geistes‹. Ich steckte ihn in die Manteltasche. Hoffentlich sah er mich aussteigen aus dem jeansblauen Mercedes. Albert hatte mich aussteigen sehen. da sei sie ganz sicher. hatte ein Ballkleid mit 213 Volants! Frauen gibt es! Die Buchhändlerin kam zurück mit einem Buch von Hegel: ›Phänomenologie des Geistes‹. ich blätterte in einer ›Biographie Großer Frauen‹ und las. daß in der Küche Licht brannte. Tatsächlich. Sie war Ewigkeiten weg. Albert war zu Hause. Außerdem sagte die Buchhändlerin. daß sie jedoch vermute. dann ging sie in den Keller. Und Kaiserin Eugenie. sagte ich. Sie sagte. da ging er knapp rein. Schon am nächsten Vormittag ging ich in die Buchhandlung am Uhrtürmchen und fragte die Buchhändlerin. daß sie nichts anderes von Kant oder Hegel auf Lager hätten.

daß der Schriftzug ›G. Nun war sichtbar: G. ich brauch jemand.« 76 . »Der 1. das Tandem aus dem Keller zu holen. Februar. Komm schnell rüber zu uns. F Hegel‹ aus der Manteltasche herausragte. heimlich.W. »Nein. Georg Wilhelm Friedrich würde mir den Weg weisen. ich geb für Wolf-Dietrich eine Surprise-Party. Hegel Phänomenologie des Geistes Es machte einen sehr guten Eindruck. Es machte einen guten Eindruck. Kapitel »Weißt du. Bald würde auch ich eine Intellektuelle sein. Ich kontrollierte im Spiegel. 13. Warum?« »Wolf-Dietrich hat Geburtstag. W. bot ich Sieglinde sofort an. In der anderen Manteltasche fand ich ein Paket Papier-Taschentücher. er sieht aus wie höchstens fünfunddreißig! Ich hab heute Urlaub genommen. ich hatte nämlich ziemlich Hunger. Willst du mir kurz helfen?« »Ich könnte den Käse in Würfel schneiden«. der mir hilft. sah ich im Spiegel der Schaufensterscheibe.F. Das quetschte ich noch unter den Hegel.ich an einer Boutique vorbeiging. Achtunddreißig wird er! Man glaubt es nicht. was heute für ein Tag ist?« fragte mich Sieglinde Schadler am Telefon.

Es ging aber alles gut. nur mein Sweatshirt und die helle Jeanshose des Mannes bekamen von der Fahrradschmiere ab. das Rad in den dritten Stock zu schleppen. das Frauenseminar fallenzulassen. tröstete uns Sieglinde. Es war schon zwei Uhr mittags. gerade hatte ich anfangen wollen. Bis zur Bescherung am Abend mußte das Tandem in Sieglindes Zimmer versteckt werden. weil sie da immer die Wäsche zum Trocknen aufhängt. Hoffentlich nicht nur Wein und Käsewürfel. und eigentlich hatte ich mich auf mein Frauenseminar vorbereiten wollen. »Wie willst du es verpacken?« fragte ich Sieglinde. Hier.Unterwegs am Kiosk kaufte ich mir zwei HanutaWaffeln. half er uns. sagte ich. »Vielleicht können wir einfach ein paar blaßrosa Schleifen dranmachen«. morgen ganz früh aufzustehen und den ganzen Tag lang Hegel zu lesen. Hoffentlich gab es heute abend bei Sieglinde was Anständiges zu essen. Das Tandem war matschgrün und elend schwer. ihr Tandem könnte sich einen Kratzer zuziehen. Sieglinde war in Todesangst. Das gefiel Sieglinde. daß man das waschen kann«. Das hatte sie sich noch nicht überlegt. Sie hatte jedoch nur lila Geschenkband im Haus. Sieglinde hat das größte von den vier Zimmern der Wohnung für sich. Ich beschloß. schließlich hat man auch als Kinderlose seine Verpflichtungen! Dafür nahm ich mir vor. das aber in rauhen Mengen. fand ich. Als ein anderer Mieter hörte. zwischen Sieglindes beigen Seidenunterröcken und Büstenhaltern und Wolf-Dietrichs beigen Unterhosen. sah das grün-bräunliche Tandem sehr hübsch aus. »Wie gut. wie wir das Tandem gegen das Treppengeländer knallten. Das Band hätte es mal sehr günstig im 77 . Aber Nachbarschaftshilfe ist auch wichtig.

und ohne weiteres Gezeter versprach er. Ich sagte Albert. um auch mir eine Überraschung zu bereiten. Albert meckerte. dann noch ein Mann. ich sei Feministin. dann Sieglindes Freundin Petra und deren Mann. das Rad sei gut und teuer genug. was sich Sieglinde unter einer Surprise-Party vorstellt«. Was es gekostet hatte. der Blumenübertopf sei sehr teuer gewesen. und sie brauche mich jetzt nicht mehr. aber Sieglinde fand. daß ich gedacht hätte. Aber gleich nach uns kamen Sieglindes Bruder. Auf jeden Fall solle ich pünktlich um sieben kommen. sagte er dann. würde sie mir erst abends verraten. Ich erinnerte ihn aber daran. und dessen Freundin. Sieglinde sagte. damit ich vor WolfDietrich da sei. es sei ja eine Surprise-Party. daß ich Wolf-Dietrich den kackbraunen Keramikübertopf schenken könnte. den ich noch nie gesehen hatte. einem Mann einen Blumenübertopf zu schenken. Er bringe Wolf-Dietrich eine Flasche Wein mit. Und. solle ich bitte Albert mitbringen. um sechs nach Hause zu kommen und dann mit mir rüberzugehen. es sei ihm egal. Er fragte. daß du denkst. warum uns Sieglinde nicht schon früher eingeladen hätte. fand ich. wir 78 . Sie hätte ihn bereits vorletzte Woche einladen wollen. den Rest würde sie alleine schaffen. erklärte Sieglinde und fügte hinzu: »Nicht. daß Wolf-Dietrich Pflanzen liebt. den er mir zu Weihnachten geschenkt hatte. »Hast du ein Geschenk für Wolf-Dietrich?« fragte er noch. »Wahrscheinlich ist es das. wenn es ginge.Angebot gegeben. Albert sagte dann. Ich rief Albert in der Klinik an. und überhaupt fände er es unpassend.« Das lila Band paßte farblich zwar nicht so gut zu dem Rad. Aber jetzt so plötzlich. darauf käme es nicht an. Wir waren die ersten Gäste.

seien alles private Freunde. Nur daß Albert und ich auch da waren. Alle schrien »Ah!« oder »Oh!« Als Wolf-Dietrich die Augen aufmachte. wir sollten bitte nicht so ungemütlich herumstehen. schien ihn echt zu erstaunen. auch sie fände es viel schöner. Sieglinde konnte es. ein Gespräch anfangen zu können.« Es war so gemütlich wie im Zahnarzt-Wartezimmer. Wir lachten alle. war er vollkommen platt. als er in seinem Wohnzimmer uns Gratulanten vorfand. »Wolf-Dietrich muß gleich kommen«. wie der einzelne Mann hieß. schon nicht mehr aushalten. Beim vorletzten Käsewürfel erschien Wolf-Dietrich. und: »Ich bin ja so gespannt. so waren Albert und ich wenigstens beschäftigt. wenn sich alles ganz ungezwungen von selbst ergebe. Er wirkte nicht besonders überrascht. sagte sie. Wolf-Dietrich ließ also unsere Geschenke unausgepackt auf der Fensterbank stehen. Jedes Paar setzte sich in eine andere Ecke. während wir gratulierten. Es blieb ihm einfach der Mund offen stehen. sagte sie dauernd. Petra hielt ihm extra sicherheitshalber die Augen zu und die Ohren. »macht es euch gemütlich«. Dann kam die Überraschung. 79 . Mit ihrem Bruder schob Sieglinde das Tandem ins Wohnzimmer. aber Sieglinde sagte. Wolf-Dietrich hätte einen offiziellen Kreis nicht gewünscht. Eigentlich hätte ich gern gewußt. sondern uns alle hinsetzen. Ich setzte mich direkt zu den Käsewürfeln. was Wolf-Dietrich sagt. Alle lauschten wir nun ganz ungezwungen Sieglinde. Wolf-Dietrich mußte mit geschlossenen Augen auf dem Sofa warten. und hoffte auf eine Chance. Die anderen saßen zu weit weg von den Käsewürfeln.

»Ein Tandem«. In dem kleinen Wohnzimmer wirkte es riesig. Sieglinde war ein bißchen bleich geworden. »ich hab geschuftet!« »Was ist das?« fragte Wolf-Dietrich. an jedem Lenkergriff eine Schleife.« »Wo ist es her?« sagte Wolf-Dietrich leise. daß es dir gefällt«. »Ist das wieder eine Kaffee-Zugabe von Tchibo?« »Es ist überhaupt nicht von Tchibo«. was? Ich hab gerade noch das letzte Tandem erwischt. eine ums Vorderlicht. aber vielleicht war es nur ein Lichtreflex des Tandems. Alle Leute sind verrückt nach Tandems. »Erst mußt du sagen. Es ist ein hochwertiges Markenfabrikat. Günstig. vier lila Schleifen auf den Pedalen. sagte ich. Vier lila Schleifen auf dem Gepäckträger. an den Radspeichen je vier Schleifen. was!« Das Tandem sah jetzt echt irre aus. sagte Sieglinde. »was du immer denkst. sagte sie. wo es her ist«. »Dreiundzwanzig Schleifen sind es insgesamt«. der immer noch auf dem Sofa saß. an den Handbremsen auch. »Inklusive Lieferkosten und drei Mark Trinkgeld. sagte die Freundin von Sieglindes Bruder. etwas matschgrünlich. »Das ist eine tolle Überraschung. Und es war total mit lila Schleifen besetzt. was!« schrie Sieglinde. »Wie kommst du zu einem Tandem?« sagte WolfDietrich. »Erst will ich wissen. es war nur trotz 80 . schrie Sieglinde.»Da bist du platt. antwortete WolfDietrich. eine Schleife war ums Rücklicht gewickelt. »Es hat sechshundertfünfundneunzig Mark gekostet«.

»Wie ich diese Kaffee-Zugaben hasse. »du kannst es sofort mitnehmen.« Wir standen alle etwas blöde um das Tandem herum. Sie ging gut.« »Nein!« schrie Sieglinde. »damit könnt ihr doch gemeinsam…« »Bis ultimativ nächsten Freitag ist dieses Ding aus dem Haus«. schrie Wolf-Dietrich. ob wenigstens die Fahrradklingel ging. und Wolf-Dietrich hätte garantiert 81 . nein«. weil es bei Eduscho im Sonder…« »Mein Gott.der hochwertigen Markenqualität so preiswert. »Möchte jemand der Anwesenden äußerst günstig ein Tandem erwerben?« Wolf-Dietrich hatte die Augen wieder aufgemacht. »Paß auf!« schrie Wolf-Dietrich und rannte zum Fenster. ich könnte es umtauschen gegen Chrom-Alumimum-Felgen für mein Rennrad! Aber du mußt ein Rad kaufen bei Eduscho!« Dann schloß Wolf-Dietrich die Augen. »Entweder dieses Tandem oder ich!« »Also«. sagte Sieglindes Bruder. Ich probierte. Eduscho!« schrie Wolf-Dietrich. »Man kann es also nicht umtauschen. »unter bestimmten Umständen hätte ich gerne ein Tandem…« »Ausgezeichnet«. weil unsere Geschenke auf dem Fensterbrett standen. Ich habe gehofft. nein. »Ihr könntet es bestimmt gegen ungefähr siebzig Pfund Kaffee umtauschen bei Eduscho«. schrie Wolf-Dietrich. »Mein Gott!« schrie Wolf-Dietrich. »Es ist doch ein tolles Rad«. sagte Albert. sagte Albert. »ich schmeiß es dir direkt auf den Radweg!« Sieglinde schrie: »Nein. und wir stürzten uns auf Wolf-Dietrich.

bloß Wolf-Dietrich nicht. daß Wolf-Dietrich immer Schwierigkeiten hätte. für jeden eine Pflaume und eine Kirsche in Likör. Sieglinde flüsterte Albert zu. wie sie es nannte. seine Gefühle zu zeigen. er mache sich nicht lächerlich und fahre mit seiner Alten hinterm Arsch durch die Gegend. »Ich möchte bloß wissen. Sieglinde heulte WolfDietrich an. daß es am vernünftigsten sei. daß er ein Rennrad besitze für über dreitausend Mark? Ob er das wegschmeißen solle. sie könnte mal mit ihm auf dem Tandem fahren. sagte. sie hatte die Ränder der Gläser in gestoßenen Kristallzucker getaucht. Und von allen Geschenken gefiel ihm der Blumenübertopf am besten! Sieglinde brachte als »Versöhnungs-Drink«. wenn man das Tandem umständehalber billiger abgeben würde. um mit ihr auf einer Kaffeemühle durch die Gegend zu schleichen? Der Bruder von Sieglinde schob das Rad ins Wäschetrockenzimmer zurück. daß alle anderen Männer mit ihren Frauen Tandem fahren würden. er fände das toll. eine Anzeige im ›Käsblatt‹ aufzugeben. Der einzelne Mann. da koste ein Inserat gar nichts. was sie sich dabei gedacht habe? Ob ihr schon aufgefallen sei. nur hatte ich nachher den Mund voller Zucker.den immer noch eingepackten Blumenübertopf kaputtgemacht.« Wolf-Dietrich setzte sich wieder aufs Sofa und schloß die Augen wieder. Wolf-Dietrich kriegte sich dann wieder ein. Albert sagte laut zu Sieglinde. das sah gut aus. was sich die Alte dabei gedacht hat. Dann fragte er Sieglinde weiter. Wolf-Dietrich schrie. Dann gab es 82 . Und es sei am vernünftigsten. den Wolf-Dietrich vorher als »Georg« begrüßt hatte.

hustete und war zu schwach. Ich mußte mich sogar krankschreiben lassen. die freundliche Ärztin hatte mir ein Attest bis Mittwoch ausgeschrieben. um Hegel zu lesen. sind aber teurer. die sehen zwar nicht so gut aus wie die Tiefsee-Shrimps. Er mußte also zweimal auf meine Anwesenheit verzichten und würde mir trotzdem den Schein für Filmrecht geben müssen. erklärte uns Sieglinde. 83 . Albert und ich gingen bald nach dem Imbiß nach Hause. 14. extra für Müller-Kynast. Fiebernd lag ich im Bett.Schinkenröllchen mit Fleischsalat und Avokadocreme gefüllt und mit Fleischsalat gefüllte Avokados und Nudelsalat mit Nordsee-Shrimps. Außerdem darf man dreimal unentschuldigt fehlen – ich müßte also bis Semesterende nur noch einmal hingehen. Am übernächsten Montag ging es mir zwar wieder gut. Kapitel Nach Wolf-Dietrichs Geburtstag wurde ich krank. Albert versorgte mich einigermaßen mit Illustrierten und Pizza. wegen Filmrecht-Müller-Kynast. Wir haben uns an diesem Abend dann nicht mehr gestritten. wenn sich andere Leute streiten. hatte ich ausgerechnet. wirkt das immer sehr beruhigend auf die eigene Beziehung. aber ich blieb trotzdem daheim. Ich finde.

er möge zurückrufen? Wir haben ein entzückendes Zwei-Zimmer-Apartment für den Herrn Doktor. Er hatte Sonntagsdienst gehabt. warum Albert die Unverschämtheit besaß.« »Vielen Dank. das sei viel zu teuer. das Angebot sei völlig indiskutabel gewesen. Dann sagte sie noch. daß die Wohnung zu klein sei für zwei Leute. ich hätte immer gesagt. und daß ich immer gesagt hätte. äußerst unsachlich. 84 . das sich der Herr Doktor bitte wieder an Frau Kunze wenden möge. könnte ich ja einen meiner vielen Freunde in seinem Ex-Zimmer einquartieren. ging in sein Zimmer und rief diese Immobilien-Frau an. was aus mir allein in der Wohnung werden soll. bis du was Passendes gefunden hast«. Er behauptete nur. Außerdem hätte ihm die Gegend nicht gefallen. Er wolle eine Wohnung – kein Apartment. »Ich kann den Herrn Doktor nicht in der Klinik erreichen«. sagte ich. sagte die Dame. »Dann darf ich weiterhin für dich Telefondienst machen. ich werde es ausrichten«. sich eine neue Wohnung zu suchen. nahm er das Telefon. ich könnte mich jetzt abregen. sagte er. und zum Ausgleich hatte er jetzt frei. Natürlich hatte er sich keinen Gedanken gemacht. sagte ich ganz sachlich. Leider verlief die Diskussion darüber. als ihn eine Dame am Telefon verlangte. und falls es mir zu einsam würde. Er saß in der Badewanne. Als er wiederkam. ich würde lieber alleine wohnen. Statt das Problem objektiv und sachlich auszudiskutieren.Albert war an diesem Montagmorgen auch zu Hause. ohne vorher mit mir darüber zu reden. »Mögen Sie dem Herrn Doktor bitte ausrichten.

Eine schöne. Ich wollte eigentlich einkaufen. Aber er wußte natürlich. Constanze«. sagte er. blonde Studentin mit einem total knallengen Pulli tat sich besonders wichtig.« 15. Dabei hatte ich bei ihm nur einmal gefehlt. Kapitel Gottfried Schachtschnabel begrüßte mich persönlich: »Schön. die Gottfrieds theoretische Verbindung von der Theorie psychoanalytischer Bildstrukturen zur Theorie imperialistischer Herrschaftsstrukturen als zu theoretisch kritisierten. Dafür habe ich ihm seinen Bademantel ins Wasser geschmissen. »schließlich will ich deine Engelsgeduld nicht länger strapazieren. daß nur eine ernsthafte Erkrankung mich von seinem Seminar hatte abhalten können. Leider war er sofort nach dem Seminar umzingelt von drei Studenten aus dem Abschlußseminar. sagte Albert.»Es ist zuallererst in deinem Interesse«. Dann ging er ins Bad und riegelte die Tür zu. »Ich werde mich gleich heute abend nach einer neuen Wohnung umsehen«. daß du wieder gesund bist. der ausgerechnet im Bad lag. Sie meckerte laut über die angeblich fehlende Verbindung von 85 . Ich mußte achtzigmal gegen die Badezimmertür ballern. weil der typischerweise wieder auf meinem Haken hing. schrie mir Albert hinterher. bis Albert mich endlich reinließ. brauchte aber dringend meinen Dior-Lippenstift.

fügte prompt hinzu: »Fasching ist der Kapitalismus in der Janusmaske des Clowns. auf Gottfried zu warten. sagte sie und ordnete ihre Frisur. Die Praxis sei entscheidend. Fastnacht sei das uralte Fest der Hexen und hatte mit dem Waldsterben und so absolut nichts zu tun. der alte Schlaumeier. daß er persönlich überhaupt keine Krawatte besitze. das Seminar ausfallen zu lassen. Sie schien entschlossen. Gottfried hatte zu bedenken gegeben. Das mache unheimlich Spaß. 86 . Wie ich dieses Konkurrenzgebaren von Frauen hasse! Es hatte keinen Zweck. Er sagte mir aber persönlich tschüs. daß der Faschingstrubel angesichts der allgemeinen Weltlage und besonders des Waldsterbens dekadent und überflüssig sei. Die Damen mögen aber bitte zur Kenntnis nehmen. damit sich die Damen noch am Aschermittwoch von ihrem Vergnügen erholen könnten. Das nächste Mal sollte das Seminar ausfallen. Sie und ihre Frauengruppe würden am Fasnachtsmontag als Hexen verkleidet und mit Scheren bewaffnet durch die Kneipen ziehen und Männern die Krawatten abschneiden. Chlodwig mußte sie natürlich gleich wieder belehren: »Und aus was bitteschön macht ihr Hexen eure Besen? Doch aus Bäumen wohl!« Die Frau ging aber nicht auf das Gemecker von Chlodwig ein. und er sei sehr gerne bereit. als ich rausging.« Eine Frau aus dem Seminar hat ihm aber sofort deutlich widersprochen und gesagt. das sei ja eine symbolisch-psychoanalytisch sehr interessante Aktion. erzählte sie. weil Aschermittwoch war.Gottfrieds Theorie zur Praxis. Gottfried sagte. Chlodwig Schnell. Gottfried stundenlang mit ihrer Praxis zu belemmern.

Jeder fragte mich. das Gespenst mit der Europakarte. der noch kam. was ich. Er trug ein T-Shirt mit einem aufgedruckten Matrosenkragen und aufgedruckter roter Fliege. als Christian ziemlich besoffen war. obwohl das nun eigentlich keinen Sinn gab. darstellen würde. was das sein solle. da fanden es dann alle unheimlich komisch. Es war beschämend. Aber Albert war auf eine Faschingsfete in der Trödelladen-Kneipe von Barbara und Christian eingeladen. und extra erklärt hatte. da wollte ich mitgehen. Dazu hatte er sich auch noch zwei 87 . dort hatte er auch einen ganz kleinen Entenschnabel gekauft. Das Zitat hatte er vergessen. daß ich als Kommunistisches Manifest verkleidet war. daß wir nicht zusammenpaßten. erst als ich zitierte: »Ein Gespenst geht um in Europa… das Gespenst des Kommunismus«. weil es Gottfried Schachtschnabel oft zitiert –. Albert ging als Donald Duck verkleidet. erklärte er ankommenden Gästen. der von einem Gummiband gehalten wurde und genau über seine Nase paßte. ich sei das Kapital von Karl Marx. daß kein Mensch kapierte. trotzdem lachten die Leute wie verrückt. Christian fragte dann jeden. Und ich war als Kommunistisches Manifest verkleidet! Es war wieder typisch: Jeder Blinde konnte sehen. dazu eine Matrosenmütze aus einem Faschingsbedarfsladen. Auf den Bauch und auf den Rücken hatte ich eine Europakarte geheftet. Ich kannte niemand aus dieser Frauengruppe. Albert profilierte sich als Kenner aller Donald-DuckGeschichten. Ich hatte in ein Leintuch zwei Löcher für die Augen und eines für den Mund rausgeschnitten. daß so das Kommunistische Manifest anfängt – das weiß ich genau. Später.Ich ging nicht mit zum Krawattenabschneiden.

der sich mit dem Schrei: »Donald. es ist Gustav Gans!« Ich 88 . Der Chemiker behauptete. gemessen am Preis einer Limonade auf dem jährlichen Wohltätigkeitsball des Entenhausener Damenkreises. auch du auf der Entenhausener Kirmes!?« auf Albert gestürzt hatte. die Limonade hätte früher auf dem Entenhausener Wohltätigkeitsball zehn Kreuzer gekostet. daß der Dagobert-Duck-Konzern da seine Flossen im Spiel gehabt hätte. in einer Ecke. Man hätte meinen können. die beiden wären in Entenhausen aufgewachsen! Eine geschlagene Stunde diskutierten sie die Frage.spiegeleigroße weiße Ovale um die Augen gemalt – er sah wirklich aus wie Donald Duck. schließlich hätten Tick. der Chemiker dagegen meinte. neuerdings koste die Limonade jedoch zwölf Kreuzer. Trick und Track eine Taschengelderhöhung um 125 Prozent durchgesetzt! Dann vertonten sie das Lied. Albert vermutete. kauft harte Äpfel aus Halberstadt. mit dem Donald auf dem Entenhausener Schlagerwettbewerb den zweiten Platz – hinter Gustav Gans! – belegt hatte: »Und lieg ich dereinst auf der Baaahre so gebt mir meine Guitaaare mit in das Graaab.« Und »Haltet mich. Das wisse er auch genau. und sie erzählten sich gegenseitig DonaldDuck-Geschichten. wieviel derzeit ein Entenhausener Taler wert ist. höchst lächerlich! Albert saß den gesamten Abend mit einem Chemiker.« Anschließend schrien die beiden für den Rest des Abends: »Wer keine weiche Birne hat. die Preiserhöhung sei überfällig gewesen. das wisse er genau.

er wolle jetzt diese Diskussion ein für allemal beenden. Vielleicht hatte die Immobilientante jetzt eine Wohnung für den Herrn Doktor gefunden? Oder zog er zu einer anderen? Vielleicht würde er eine Spedition beauftragen. angerufen hatte.« Ich ließ ihn gehen. mich nie wieder zu treffen. Er zog seinen Mantel an. sich harmonisch von mir zu trennen. daß wir weiterhin gute Freunde bleiben würden. Er war nicht bereit. dachte ich. wie der Chemiker das kulturelle Niveau von Albert ertragen konnte! Am Freitag stritten wir uns wieder. aber nun entfremdet nebeneinander herleben. Und mein Harmoniegefasel sei dummes Geschwätz. weil Albert nicht bereit war. Ich fragte ihn. wohin. Albert war auch neulich weg gewesen. Die klassische Abschiedsszene zwischen Menschen. Mir sollte es recht sein. ohne ein Wort zu sagen. wohin er jetzt gehe. Er sagte: »Ich gehe nur mal eben Zigaretten holen. Vermutlich würde er jetzt sein Leben lang versuchen. zu versprechen. Besser ein Ende mit Schrecke als ein Schrecken ohne Ende. Albert wußte es. wie ich mir das denke. fragte er zurück. das könne ich meiner Kindergartenpsychologin erzählen. Er würde wohl bei dieser seltsamen Gurke übernachten. Ich wußte es. heimlich zu gehen und sich nie mehr blicken zu lassen. wie er sich das denke. Ich fragte ihn. Der Feigling. Albert sagte. Auch wenn ich 89 . darauf konnte er Gift nehmen. er hätte es jetzt satt. das würde ihm ähnlich sehen. die in der letzten Woche. Satt hatte ich es schon viel länger. und schon als ich krank war. wenn er ausziehen würde. seinen Kram abzuholen. ohne zu sagen. Reaktiv wie immer. die sich einst geliebt haben.wunderte mich nur.

wegen ihrer kindlichen Phantasien. Fünf Minuten später war Albert wieder da. Birgit. 16. andererseits aber viel älter. Birgit sei einsam. um sie auf dem laufenden zu halten. Vielleicht sogar für immer. lud mich Julia für Sonntagnachmittag zum Kaffeetrinken ein. abends wegzugehen. Ihre Wohnung gefiel mir. Ansonsten sitze sie zu Hause und warte darauf. wirke aber einerseits viel jünger. einräumen. aufräumen. hatte mir Julia am Telefon erklärt. denn das Ziel ihrer Phantasien sei nichts anderes als eine stinknormale Ehe. Es war das erste Mal. Es war dennoch besser. Birgit sei Angestellte in der Stadtbücherei. Ich hatte sie öfter angerufen. würde auch kommen. daß der Mann ihrer Träume an ein Fenster ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock klopft. Er hatte Zigaretten geholt.nun vielleicht lange allein sein würde. Sie mußte ihre neue Wohnung renovieren. Ich fragte mich. Weil wir uns unbedingt mal wieder treffen mußten. Sie hat zwei große Zimmer für sich 90 . als diese Situation länger zu ertragen. Kapitel Julia hatte in den letzten Wochen keine Zeit gehabt. eine Nachbarin von Julia. Aber Birgit sei trotzdem sehr nett. was ich eigentlich erwartet hatte. Sie sei fünfundzwanzig. und ich müsse sie kennenlernen. daß ich bei Julia war.

desto besser schmeckt es. »Je mehr Kalorien.allein. die Frisur lediglich in Form zupft. Sogar wenn ich stundenlang meine blöden Haare in Form zupfe. erklärte sie. ihre allerdings sind orange – meine weiß. Man sah ihr überhaupt nicht an. den Birgits Haare hatten und den die Frisurenmodelle auf den Fotos in den Frauenzeitschriften 91 . die Haare einfach trocknen läßt. meine ist schwarz-weiß. Wir haben den gleichen Dielenfußboden und im Flur den fast gleichen Sisalteppich. nur größer als meine.« Sie hatte vollkommen recht. Ich war überrascht von Birgit. daß man lediglich die Haare wäscht. Außerdem schaffe ich nie diesen Glanz. weil ich alles entweder in Schwarz oder in Weiß habe. exakt passend zur Palme. das sei alles. Ich lese immer. Im andern Zimmer hat sie ein schönes Sofa von Ikea und einen runden Tisch. Julia hatte sie selbst gebacken! Birgit holte aus ihrer Wohnung oben drüber noch einen viertel Liter Sahne. Es war eine Eierlikörtorte. Und eine Zimmerpalme. stehen sie in falschen Richtungen vom Kopf ab. daß sie in der Stadtbücherei arbeitete. Julia hat auch überall weiße Rauhfasertapeten. Aber bei mir klappt das nie. Und den gleichen Bettüberwurf. Bei mir sind die Fußbodenleisten auch weiß. ist es fast wie bei mir. Sie hat die gleichen Lampen von Ikea. Sie war blond und hatte eine Löwenmähnen-Frisur. daß es bei Julia ziemlich bunt aussieht. genau wie ich sie gerne hätte. Julias Küche ist ganz in Gelb. nur ist die Plüschdecke von Julia braun-weiß gestreift. obwohl ich mich genau an die Anweisungen in den Frauenzeitschriften halte. Die Fußbodenleisten hat Julia grün gestrichen. ein paarmal den Kopf schüttelt. auf dem eine ganze Torte stand. Und einen verschnörkelten Schreibtisch vom Trödler. Abgesehen davon.

»Mein Ehemaliger«. Die Eierlikörtorte war phantastisch. Jeder würde zehn Bücher mitnehmen. daß ich mir das Buch aber selbst gekauft habe. dann könne man abends beim besten Willen keine Bücher mehr sehen. wenn man den ganzen Tag von Büchern umgeben ist. Man müßte ein System einführen. wie Birgit das machte. Ich traute mich aber nicht zu fragen.haben. Ich nahm noch ein Stückchen. aber sie könnte schwören. wie er nachweisbar wirklich gelesen hätte. dürfte der Leser wieder Bücher mitnehmen. Ich hielt es für angemessener. Julia hatte das Rezept von ihrer Schwiegermutter. daß die Leute höchstens eins lesen. logischerweise. »hat diese Torte sehr geliebt. mit dessen Hilfe die sogenannten Leser von den Bibliotheksangestellten geprüft werden könnten. meinte Birgit. diese unnötige Ausleiherei«. stöhnte Birgit. Nur wenn dies der Fall sei. die Leute würden zu viele Bücher ausleihen. sondern auch verstanden hätten. ob sie mir vielleicht noch ein gutes Buch für die Semesterferien empfehlen könnte. Dauernd müsse sie Überstunden machen. sagte Julia. und zwar nur so viele. Dann fragte ich sie. klagte sie. »das führt nur zu Überstunden. Sie könnte in ihrer Freizeit nicht lesen. mich für ihren Beruf zu interessieren. Birgit ist in der Stadtbücherei zuständig für die Kontrolle der Ausleihe. sagte Birgit. obwohl sie den Abgabetermin noch um drei Wochen überziehen. »So wie das jetzt gehandhabt wird. ob sie die ausgeliehenen Bücher nicht nur gelesen. Und wir bekommen die nicht bezahlt!« Ich erzählte Birgit. »Das ist sehr gut«. daß ich gerade die ›Phänomenologie des Geistes‹ von Hegel lese.« 92 . Das konnte sie aber nicht.

»Erst vier Monate verheiratet ist meine Schwester und schon so glücklich«. hieß es Benjamin. erklärte mir Julia und strahlte: »Bin ich glücklich. Dafür muß ich jetzt mehr Miete bezahlen und hab dafür weniger Platz als früher. verheiratet zu sein. »bei manchen dauert es eben länger. daß ich nie heirate. »Meine Schwester ist sehr. schwärmte Birgit. Außerdem bekam mein damaliger Mann. sagte ich. daß ich geschieden bin. damit ich sie sehen könnte. netto. sehr glücklich in ihrer Ehe«. daß ihre Schwester einen süßen Mann hätte und ein süßes Baby. eine bessere Stelle. und um das Glück perfekt zu machen.« Birgit wollte rauf in ihre Wohnung die Fotos holen. Sie erzählte.und Baby-Fotos. daß sie die Fotos von der Geburt gesehen hätte: »Die schönsten Blut. »Ich mußte wegen der Wohnung heiraten. es hatte schon bei der Geburt ganz süße Haare gehabt. daß es einige Vorteile hat. Julia sagte: »Ja« – ging aber nicht darauf ein.« 93 . Wir wollten eine große Wohnung.« »Du darfst nicht übersehen. Und verreisen kann ich auch nicht mehr – allein verreisen. Als Verheiratete habe ich einiges mehr gehabt. weil er verheiratet war. Ich wollte aber lieber noch ein Stück Eierlikörtorte essen. Das süße Baby war ein süßer Junge. Julia erzählte mir. kann kein Mensch bezahlen. sagte Birgit. Der ist nämlich Lehrer«.« »Jeder muß seine Lernprozesse durchmachen«. Für mich war es immer sonnenklar. und ohne Trauschein war damals bei den Vermietern nichts zu machen. Also beschränkte sich Birgit auf die mündliche Überlieferung des Glücks ihrer Schwester.»Hast du was von ihm gehört?« fragte Birgit.

und dann fragte sie: »Warum heiratest du ihn nicht?« Ich war fassungslos. du hast einen festen Freund«.« »Kann es sein. gab Julia zu. wenn ich bei den schlechten Berufsaussichten als Filmemacherin einen Arzt heiraten würde.« Birgit nickte heftig: »Also ich hab immer ein schlechtes Gewissen. akzeptieren dich die Kollegen als vollwertig. daß Gottfried 94 . Die Frauen erst recht. Es wäre sehr günstig für mich.»Aber daß man nicht verheiratet ist. »Und die Scheidung von einem Arzt ist Gold wert«. daß auch du nur verheiratete Frauen akzeptierst?« sagte ich leicht giftig zu Birgit. sie fände diese Idee von Birgit nicht schlecht. allerdings nicht unter den bisherigen Bedingungen. Aber Julia lachte und sagte. Sogar die Frauen. So ein Blödsinn.« »Niemals. daß sie jetzt was Anständiges zu trinken brauche. und daß wir da einiges auszudiskutieren hätten. Ich erklärte noch mal. Julia sagte. daß man alleine wohnt und alleine verreist!« »Na ja«. bedeutet doch nicht. lachte sie. wenn mich jemand mit ›Frau‹ anredet – in Wirklichkeit bin ich ja nur ein ›Fräulein‹. daß ich niemals heirate. sagte sie: »Also. »Du hast gut reden. seufzte Birgit – offenbar hatte sie Julia über mich informiert. erst wenn du verheiratet bist. Als sie aus der Küche zurückkam. Ich erinnerte Julia daran.« Ich gab zwar zu. aber heiraten käme überhaupt nicht in Frage. »Aber außerdem. weil ich diesen Staat ablehne und daher keine staatliche Legitimation für mein privates Glück wünsche. daß Albert und ich vielleicht zusammenbleiben würden. du solltest deinen Albert heiraten. Sie holte eine Flasche Wein.

« »Aber das ist doch schön«. Wenn es dein Ziel ist.« 95 . alles gemeinsam zu machen. das kannst du mir glauben. da kann man abends nicht mehr seinen interessanten Interessen nachgehen! Dann sitzt man in trister Gemeinsamkeit vor dem Fernseher und macht sich gemeinsam Sorgen um die gemeinsamen Kinder und die gemeinsamen Schulden. verschuldet euch – und schon habt ihr die totale Gemeinsamkeit!« »Nein!« »Doch! Wenn man Schulden hat oder Kinder oder beides. sagte ich. der alle meine Interessen teilt. daß es einen Garten hat zum Spielen und frische Luft. »Also. es gibt viel mehr Faktoren. dann kann ich als Psychologin dir einen guten Tip geben: Du heiratest. »Das Problem bei uns ist«.« »Gemeinsame Interessen – daß ich nicht lache. die wollen auch bald ihr gemeinsames Nest bauen. »Dein Gottfried Schachtschnabel redet Quatsch. Was ich suche. »daß Albert und ich nicht zusammenpassen. »Ich kann dir verraten. und fürs Kind ist es ungeheuer wichtig. ihr baut ein Haus.Schachtschnabel in seinem Vortrag herausgearbeitet hatte. »Wenn du ohne Job unverheiratet mit jemand herumhängst. daß die Ehe der Todesstoß jeglicher Romantik ist und daß sie ihm zugestimmt habe. bekommst ein Kind oder mehrere. aber ehrlich. die die Romantik töten«. ist ein gleichberechtigter Partner.« Da mußte ich ihr recht geben. Jedenfalls in diesem Punkt. meine Schwester und ihr Baby und ihr Mann. das fördert die Romantik auch nicht.« Ich ärgerte mich. sagte Birgit zu Julia. sagte Julia.

wenn du verheiratet bist.« Sie dachte nach: »Wahrscheinlich geht eure Beziehung futsch. sagte ich. das kannst du mir glauben.« Dann ging sie in die Küche. das kannst du mir glauben. »Ich suche eine Beziehung. dann sagte sie düster: »Mein Ehemaliger. Ich sah mich gezwungen. die auf intellektueller Basis aufgebaut ist. könntest du dir damit die reine. der hat auch immer von seinen Gefühlen geredet. Du glaubst.Julias Vorstellungen von Gemeinsamkeit und Birgits Vorstellungen vom Glück nervten mich. »Das stimmt nicht. »Eine Beziehung muß für mich ein gegenseitiges Geben und Nehmen sein. Und Prinz Charles laßt sich garantiert nie von Diana scheiden!« Ich mußte lachen.« Dann trank Julia in einem Zug fast das ganze Glas leer. mich in aller Deutlichkeit zu distanzieren. sagte ich den beiden.« »Jede Ehe geht genauso futsch«. obwohl ihr nicht verheiratet seid. die sind wirklich glücklich. Außerdem ist für mich freie Emotionalität ein unverzichtbarer Bestandteil einer partnerschaftlichen Verbindung. nicht auf materieller«. Wollte Julia mich bekehren? Oder hatte sie zuviel getrunken? Sie kam zurück und zeigte mit dem Korkenzieher auf mich: »Du willst die Garantie für lebenslängliche Romantik. um mehr Wein zu holen. die wahre Liebe erkaufen. wenn du nicht heiratest. trotzdem. weil ihr nicht verheiratet seid. keine Kapitalanlage. Damit wollte er mich emotional erpressen. also meine Schwester und ihr Mann. Diese Birgit war kitschig! 96 .« »Fremdgehen kannst du erst richtig. – Deine Beziehung zu Albert geht futsch. Das ist ein schrecklicher Irrtum.

daß die meisten Leute nicht eine Million möglicher Ehepartner kennengelernt hatten. wenn du immer zu Hause sitzt?« fragte Julia. die sie aufgeben. daß sie recht hatte. »Hast du deinen Albert eigentlich jemals geliebt?« Ich ärgert mich und sagte Julia. den einen aus einer Million. sagte ich Julia. Wie wär es denn. sagte Julia. hätten unrealistische Erwartungen. Birgit sagte. und jetzt warte sie lieber auf den Richtigen. Und die. was Birgit betraf.»Richtig«. welches der Richtige ist. »wir müssen für Birgit einen Prinz Charles auftreiben. ihr müßt unbedingt zusammen eine Anzeige aufgeben. Ich prostete ihr zu: »Etwas Besseres als die bürgerliche Ehe finde ich überall. wenn sie den Richtigen treffen würde. »Unrealistische Erwartungen habt ihr doch beide. daß das eine ganz blöde Frage sei.« »Ich bin bereit. daß die meisten Menschen nicht einen aus einer Million heiraten. den sie aus dem Sandkasten kennen. sondern jemanden. Ich hatte mal gelesen. Julia behauptete. die Sicherheit des Hier und Jetzt für die ungewisse Hoffnung auf Besseres zu opfern«. sie hätte es nicht eilig. Und daß mir eigentlich 97 . »Wie willst du je herausfinden. Was beweisen würde. Sie sei einmal beinahe verlobt gewesen. sagte Julia. sondern höchstens fünf. da hätte sie keine Sorge.« Birgit sagte. das seien alles frustrierte Typen.« »Darf ich dir eine ganz blöde Frage stellen«. das würde sie merken. die auf Annoncen antworten. wenn wir eine Heiratsannonce aufgeben? Für euch beide?« Ich fand das eine lustige Idee. statt sich in nebensächlichen Affären zu verlieren. Aber nicht für mich. »Die ewige Suche nach dem Einen ist die größte Illusion.

« Birgit lachte wieder herzlich: »Na. »nur um Kompromisse zu machen. »natürlich muß man sich sehr anpassen. sagte ich. bin ich mit niemand zusammen!« »Sinnlose Diskussion«. »So was sollte mir auch passieren«. Julia zögerte: »Auf Kompromißbereitschaft. und dann hat’s halt geknallt zwischen den beiden. sagte Birgit. – Ich fragte mich. wir sehen jetzt mal die Heiratsanzeigen und die Bekanntschaftsannoncen in den einschlägigen Zeitungen an. sagte Birgit.« »Nein«. Da drängeln sich die Traumprinzen. »Wenn meine erste Ehe unglücklich gewesen wäre. »Ihr zwei seid voller Illusionen…« »Und worauf kommt es deiner großen Erfahrung nach an?« unterbrach ich sie. Als ich nach Hause ging.nicht mehr klar sei. Deshalb mußten sie sich öfter treffen. warum sie eigentlich gegen die Ehe ist. Er war schuld. sagte Julia. Birgit lachte herzlich. »Es war ein Unfall«. daß Birgit diese Geschichte oft und gerne erzählte. »Ich schlage vor.« Es war klar.« »Ja«. sagte sie. er hat meiner Schwester die Vorfahrt genommen. würde ich auch nie wieder heiraten wollen«. Horst hat dann alles für meine Schwester geregelt. »Ein Auffahrunfall. Dies sei nicht der richtige Weg sagte Birgit. »Wie haben deine Schwester und ihr Mann sich kennengelernt?« fragte ich Birgit. Er war ja schuld. Wieder so einen alten 98 . überlegte ich ob ich mir nicht wieder ein Auto anschaffen sollte. was ich ihr eigentlich glauben sollte. Und meine Schwester hatte dann jede Menge Ärger mit der Versicherung von Horst.« Wir lehnten dankend ab.

sagte er: »Heute habe ich etwas Zeit. Ich bestellte den oberbayerischen Linseneintopf mit Würstchen zu 7 Mark 95 – das erschien mir angemessen –. sagte Gottfried Schachtschnabel. Kapitel Es war Ende Februar. der Wirt. Gottfried Schachtschnabel bestellte sich das Schnitzel mit oberbayerischen Rüben zu 12 Mark 99 .« Es war toll.« Als wir in seinem Mercedes saßen. wenn du Zeit und Lust dazu hast. »Paß auf«. »ich muß heute wieder nach Kreuzberg. überlegte ich könnte ich damit den jeansblauen Mercedes von Gottfried Schachtschnabel rammen. als ich nach dem Seminar zum Dozentenpult ging. Wir setzten uns hinten ans Fenster. um Gottfried Schachtschnabel etwas zu fragen. Irmela grinste mich blöde an. Oder Gottfried könnte mich abschleppen. Wenn ich ein Auto hätte. »Ich lade dich ein. Natürlich nur. Gottfried Schachtschnabels letztes Seminar im Semester. Und Niyazi. Wieder war direkt vor dem Café Kaputt ein Parkplatz frei.2 CV oder einen Käfer. »Willst du was essen?« fragte Gottfried. Wir könnten zur Feier des Semesterendes heute in deine Kneipe gehen.« Klar hatte ich Zeit und Lust. an den besten Tisch. 17. Alles klar?« »Alles klar. sah mich aus dem Mercedes steigen.

208 in meinem Hegel ein wahnsinniges Zitat gefunden. Gleich nach dem Essen zeigte ich ihm meine ›Phänomenologie des Geistes‹. begeisterter Bayer ist. sagen die Stammgäste. Ich erzählte Gottfried Schachtschnabel daß Niyazi. Gottfried war tief beeindruckt. »Und jetzt lebt er hier. Sein Vater kam aus der Türkei. sagte er. die ich in meiner Manteltasche hatte. Ich fragte Gottfried Schachtschnabel ob er nicht auch meine. Beim Durchblättern hatte ich auf S. der Wirt. daß mir Hegel so viel geben würde. sagte Gottfried Schachtschnabel. wenn ich mein Drehbuch mit einem Zitat von Hegel beginnen würde. um die Gesamtwirkung zu prüfen – und zeigte Gottfried den Zettel. Bis Seite 29 hatte ich schon mehrmals »genau!« an den Rand geschrieben und mindestens ein dutzendmal »sehr gut!«. sondern Überbayer. weil er hier bayerischer sein kann als in Bayern«. 100 . – Verblüffend. daß es einen guten Eindruck bei der Finanzierungskommission machen würde. die ich gut in meinen Film einbauen könnte. gestand ich Gottfried. Ich hätte nie gedacht. wie glasklar er das sofort analysiert hatte.80. Ich hatte das Zitat bereits auf einen Zettel geschrieben – in großen Buchstaben. Er ist kein Oberbayer. das exakt meine Trennung von Albert charakterisierte. weil ich jetzt in jeder freien Minute in meinem Hegel lese. aber Niyazi hat die bayerische Staatsbürgerschaft und ist sehr stolz darauf. Diese Trennung ist nicht an sich für das Selbstbewußtsein. Hegel ist voll aktueller Bezüge. »Alle Achtung«.

sogar länger. die ich in meinem Film behandeln wolle. antwortete er. Dann fragte ich Gottfried. welches Semester bist du denn?« Er schien äußerst erstaunt. daß ich es wichtig fände. die zwei oder drei Jahre jünger waren. ob der Zusammenhang in dem Hegel von »dieser Trennung« spreche. Georg Wilhelm Friedrich Hegel »Phänomenologie des Geistes« Gottfried war sehr tief beeindruckt. »Du wirkst irgendwie reifer«. die andern lasen keinen Hegel. Er sagte.« Ich sagte ihm. wie er selbst gesagt hätte. Ich war erstaunt über sein Erstaunen. »Natürlich«. die direkt nach dem Abitur an die Akademie gekommen waren. daß ich nach den Ferien ins sechste Semester kommen würde. »Und warum machst du schon jetzt deinen Abschlußfilm? Wenn du erst ins sechste kommst. aber die sahen nicht besser aus als ich. als ich ihm sagte. sagte Gottfried. wie er Hegel in diesem Fall interpretiert habe. das war es. ob ich bereits im nächsten Semester an seinem Absolventenseminar teilnehmen dürfte. schon jetzt anzufangen. da ich. hast du noch ein Jahr Zeit. »warum. Es gab zwar einige Hühner in meinem Semester. Ich fragte ihn. Aha. ob der irgendwas mit der Trennung zu tun hätte. ein 101 . Gottfried sagte. Natürlich.welches als seine eigene Selbstheit das andere weiß. ich müsse nur prüfen. daß er den Zusammenhang dieser Stelle im Moment leider nicht im Kopf hätte.

weil ich zu Hause besser theoretisch arbeiten könnte (und weil Albert nicht so viel Urlaub hat – aber das sagte ich natürlich nicht).anspruchsvolles Thema hatte und daß ich dafür auch den Hegel durcharbeiten müsse. Dann fragte ich ihn. die brenne ihm unter den Nageln. ohne Theorie kein Genie«. habe ich mit Blondinen nichts am Hut«. »Ja. »ich steh einfach nicht auf Blondinen. fragte er. Irre fand ich das. 102 . Und ob ich wegfahren würde. »Ehrlich gesagt. »Da hast du in den Semesterferien was zu tun«. sagte Gottfried. unter besonderer Berücksichtigung der Filme von Rita Hayworth und Ava Gardner. sagte ich. Es würde ja heutzutage alles verwissenschaftlicht. aber andererseits hatte es natürlich seine Vorteile. wenn man einen Titel vorweisen kann. Er wolle die »Illusion der Sinnlichkeit« im Hollywood-Film aufzeigen. Dann erzählte er. Ich sagte ihm. weil er sich in absehbarer Zeit um eine neue Stelle bewerben wolle. ja. »Natürlich«. »Und warum hast du Rita Hayworth und Ava Gardner ausgewählt?« fragte ich. »Immer das gleiche«. und ich lachte auch.« Er lachte. sogar die Ausbildung von künstlerisch Schaffenden. wie es in Doktorarbeiten üblich sei. jedenfalls nicht lange. sagte Gottfried. daß er in den Semesterferien seine Doktorarbeit fertigschreiben müsse. und das geht nicht von heute auf morgen. und da sei es heutzutage besser. Ich habe dieselbe Haarfarbe wie Ava Gardner. sagte Gottfried. daß ich wahrscheinlich nicht wegfahren würde. sagte er und lachte. allerdings sei es ein spezielles Unterthema. über welches Thema er seine Doktorarbeit schreibe.

sondern meinte. betrat Albert das Café Kaputt. daß er so offen über seine Ängste sprechen konnte. »Was machst du hier?« sagte ich zu Albert. deshalb hatten wir ein Glas getrunken. mich mitzunehmen. Gottfried sagte. sagte ich zu Gottfried Schachtschnabel. Gottfried ging aber doch nicht gleich. erzählte Gottfried. weil es das letzte Seminar im Semester gewesen sei. ich hatte nichts eingekauft. er gehe ins Kino. Gottfried sagte. und seitdem habe er Angst vor Spritzen. ob noch frei sei.Genau in diesem Moment. ich dachte schon«. »Kommt nichts im Fernsehen?« Der Hunger hatte ihn aus dem Haus getrieben. »Wo sind die anderen Studenten?« fragte Albert. »Ach so. ob ich die beiden in der richtigen Reihenfolge einander vorgestellt hatte. sagte Albert. er hätte noch einen Termin. Er erzählte. einen Wein könne er schon noch trinken. als Gottfried lachte und ich mit einer eleganten Kopfbewegung mein Ava-Gardnerfarbenes Haar lachend in den Nacken warf. Ich fand es toll von Gottfried. daß er Arzt ist. Politische Filme fände er langweilig Als ich 103 . er hätte sowieso nach Kreuzberg gemußt. der Herr Dozent«. »Ach. ohne zu fragen. zu uns. Ich hätte ihn umbringen können. daß er mit sechs Jahren den Blinddarm herausbekommen habe. wir wären hier. Er müsse jetzt aber gehen. und er hätte sich erlaubt. um sich zu unterhalten. »Das ist Albert«. Er setzte sich. und zu Albert: »Das ist Gottfried Schachtschnabel.« Ich überlegte. mein Dozent. Als Albert ihm erzählte. Albert schwatzte nur Mist und blamierte mich bis aufs Knochenmark. sagte Albert.

Und: »Du wirst es schaffen. Er sah Albert zögernd an und sagte: »Eigentlich wollte ich Constanze einladen. er sei als Student nie von einem Dozenten nach Hause 104 . meine Filmpläne zu kommentieren. in dem sich Barbara Rütting oder sonst eine Tierschützerin auch mal für die armen. Und auch Brigitte Bardot könne er sich sehr hübsch mit einigen dunklen Vogelspinnen im blonden Haar vorstellen. warum trittst du mich ans Schienbein?« Dann fühlte er sich bemüßigt. reagierte er völlig unsensibel und sagte laut: »Aua. »Wir« hat er gesagt! Albert ersparte uns dann weitere Kommentare. Nicht nur immer Robbenbabys und Kätzchen und so. aber nur. Leider mußte Gottfried dann gehen. vom Aussterben bedrohten Vogelspinnen einsetzen würde. wie er vermutet hätte. Er sagte zu Albert. Gottfried lachte aus Höflichkeit.« »Nichts erlaube ich lieber«. Auch der Lebensraum der Vogelspinnen sei durch die Zivilisation ernsthaft gefährdet. daß wir noch entscheiden müßten. meinte Albert gnädig. Wäre Albert nicht gekommen. sagte Gottfried zum Abschied zu mir. welche Themen mein Film haben würde. wenn du es erlaubst. einen künstlerischen Beitrag zur Rettung der bedrohten Menschheit und der armen Tierwelt zu liefern: er hätte da eine gute Idee.« Nachdem er gegangen war. Er würde gerne einen Film sehen. wäre er bestimmt geblieben. sagte der Geizhals. daß Gottfried Schachtschnabel nicht so doof sei.ihm unter dem Tisch ans Schienbein trat. »Laß dir Zeit«. Und dann sagte er neidisch. Dann nahm mich Gottfried in Schutz. Aber aussehen würde er wie der typische Revolutionär von nebenan. Da auch ich mich berufen fühlen würde.

und das Kaninchen gibt sie zur Adoption frei. der sich um ihre Gunst bemüht«. Und was hatte Gottfried zum Abschied gesagt? »Du wirst es schaffen«. was er damit gemeint hatte.gefahren worden. März gibt es in der Bundesrepublik Deutschland einschließlich Berlin-West einen Ein-Personen-Haushalt mehr«.« »Aber die sind doch verheiratet! Oder nimmt sie Christian nicht mit? Und ihr Kaninchen?« »Soviel ich gehört hab. sagte ich vieldeutig. 18. nimmt sie ihren Mann mit in die WG. hatte meine Mutter immer gepredigt. daß Gottfried Schachtschnabel Albert kennengelernt hatte: »Nichts macht eine Frau attraktiver als ein weiterer Mann. sagte Albert. – 105 . Ich war das Beste vom Besten: eine Frau zwischen zwei Männern. Es war sehr gut. hatte er gesagt. Kapitel »Ab 15. Es war klar. »Die Konkurrenz schläft nicht«. daß Albert Gottfried Schachtschnabel gesehen hatte.« »Barbara und Christian vom Trödelladen?« »Genau. Und trotz des peinlichen Geredes von Albert war es wahrscheinlich auch gut. »Warum?« »Weil Christian und Barbara zusammen in eine Wohngemeinschaft ziehen.

19.« »Ja. »Sie wollen in eine WG ziehen. daß das auch für ihn günstig war: normalerweise ist die Kündigungszeit viel länger. Wenn du willst.Oder war es umgekehrt?« sagte Albert und zündete sich eine Zigarette an. um ihre Zweierbeziehungsfixierung beziehungsweise Ehefixierung entzufixieren. sagte ich ganz cool. wußte er genau. wenn man verheiratet ist«. kann ich schon einige Tage früher umziehen. und dann wurde mir ganz schlecht.« »Ich habe ihre Wohnung übernommen. Er war schon ab Anfang März in seiner neuen Wohnung. weil mir Barbara und Christian so leid taten.« »Kann ich mir gar nicht vorstellen. sagte ich noch. Obwohl Albert natürlich wegen der zusätzlichen Miete meckerte. Ich konnte und wollte nicht so schnell einen Nachmieter suchen.« »Warum?« »Du hast es so gewollt. Gleich nachdem er mir erzählt hatte. Am fünfzehnten ist die Wohnung renoviert. fing ich an zu heulen. Kapitel Albert mußte mir auch die Miete für April geben.« »Du hast ihre Wohnung übernommen?« »Genau. daß er die 106 . Ach so«. »Aber man zieht doch nicht in eine Wohngemeinschaft. Als ich an das arme Kaninchen denken mußte.

Er hat das Gemüt eines Backsteins. Und er fragte mich. und daß man das Ödipus-Komplex nennt. Wie einfach er sich unsere Trennung machte. Aber das wollte ich nicht. sondern daß seine Tochter andere Männer ihm vorzog – das war ihm unbegreiflich. Außerdem mußte ich dringend meine Eltern besuchen. »Ich rate dir«. hatte Julia gesagt. Von einem Tag auf den andern. Ich bin auch weggegangen. Verreisen wollte ich. als würde ich vor Albert fliehen. und das nennt man Elektra-Komplex. um die empfindlichen Jugendstil-Tassen und die Teekanne abzutransportieren. daß ich nicht mal das Fest der Familie im Schoß derselben verbracht hatte. ob ich ihm helfen wolle. aber daß alle Väter mit 107 . fing er an zu renovieren. das war besser. verschwinde solange. Unverschämtheit! Das hätte noch gefehlt. während »dieser Tage« – wie sie den Auszug von Albert nannte – bei ihr zu wohnen. das hätte ausgesehen.Wohnung übernommen hätte. Zeugin meiner eigenen Niederlage zu sein. Unbewußt war er wahrscheinlich eifersüchtig auf Albert – nicht. Und Krach hätte es um jeden Mist gegeben. daß ich seit meinem Geburtstag im November. Das kannst du mir glauben. Ich habe gelesen. weil ihm für seine einzige Tochter kein Mann gut genug war. daß alle Töchter auf ihre Väter fixiert seien. daß angeblich alle Söhne mit ihrer Mutter schlafen wollen. ich habe auch gelesen. ich hätte sonst das Gefühl gehabt. Er meckerte noch immer. als mein Mann ausgezogen ist. als ich dort war. nicht mehr nach seiner Gesellschaft gelechzt hatte.« Aus Solidarität von verlassener Frau zu verlassener Frau bot sie mir an. »wenn Albert auszieht. Mein Vater war sauer.

und ich würde wahrscheinlich in Zukunft manchmal zu ihm fahren müssen. zweitens war ich nun auf mich allein gestellt. nun. er würde einen Zuschuß zu meinen Lebenskosten spendieren. was ihn Geld kostet. hatte aber ein Jahr TÜV. um unsere Vergangenheit aufzuarbeiten. daß ich nun noch mehr Geld brauchen würde. was ihr nützt. mußte ich das Auto ummelden. Erstens wollte ich verreisen. Ich brauchte nun ein Auto. Von dem Geld. würde ich sie öfter besuchen können. einen Pfennig für mich bezahlt hätte! Meine Mutter hatte die Nachricht mit cooler Fassung getragen. der Geizhals. Der Trubel ließ mich nicht zur Besinnung kommen. den ich aus dem Café Kaputt kannte. wozu meinem Vater – wie meine Mutter berichtete – als erstes eingefallen war. einen Mini-Fiat. das scheint normal zu sein! Meiner Mutter hatte ich erzählt. ich würde kommen. Aber wenigstens hatte meine Mutter berichtet. daß ich jetzt allein wohne. Und ich mußte all meine Habseligkeiten in mein Zimmer 108 . drittens war die neue Wohnung von Albert ziemlich weit weg. daß mein Vater angedeutet hätte. Als ob Albert. kaufte ich von einem Autobastler. nachdem sie mich mit Fragen nach Alberts Befinden gelöchert hatte. da ich unabhängig sei – »unabhängig« sagte sie. als sei ich vorher abhängig gewesen! –.ihren Töchtern… dafür gibt es keinen Komplex. sie hatte gesagt. Ehe ich wegfuhr. mein Vater interessiert sich nur für das. das ich von Albert für die Miete bekommen hatte und mit einer Anleihe von meinem Aussteuersparbuch. Er war leider spinatgrün lackiert. Also wenigstens keine Geldsorgen. vorausgesetzt natürlich. Das war wieder typisch: Meine Mutter interessiert sich nur für das.

aber ich kannte dort niemanden. daß Albert Teile meines Besitzes an sich reißen könnte. warum der andere. schon Vergangenheit. in mein Auto und fuhr nach L. der Fensterplatz in Fahrtrichtung. sie zu besuchen. Womöglich würde er zusammen mit irgendeiner Kanaille die Wohnung leeren. aber vorsichtshalber fuhr ich schon am Montag weg. statt auf den Umzug von Albert. Aber ich fuhr mit dem Auto. – Ich kann dieses Dorf nicht leiden. weil sie nun ständig bei meiner Tante Katharina herumhocken konnte. einen Schrebergarten kaufen dürfen. was am Fenster vorbeizieht. meine Mutter wohl auch. weil Autofahren ablenkt. mich wie ein Kleinkind zu behandeln. weil mein Vater über meinen Onkel. in die man sonst angeblich nach jahrzehntelangem Warten reinkommt. Mein Vater warf einen Blick auf mich und fing an. Also mein Vater war glücklich in L. mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzend. also brauchten sich meine Eltern nicht zu wundern. Mein Auto wäre 109 . Ich mußte verhindern. Eigentlich wäre ich lieber mit dem Zug gefahren. März war ein Freitag. Der 15. da ist alles. wenn ich keine Lust hatte. Ich sitze lieber gegen die Fahrtrichtung. Ich habe noch nie verstanden. immer zuerst besetzt ist. der von dort ist. meine Eltern sind erst vor vier Jahren hingezogen. Ich packte meine schmutzige Wäsche und was man sonst zu seinen Eltern mitnimmt.einschließen. da mußte ich mich auf den Verkehr und auf die merkwürdigen Geräusche meines Autos konzentrieren. eine bessere Stelle bekommen hatte: Mein Vater war vom einfachen zum leitenden Ingenieur aufgestiegen – aber vor allem hatte er dort sofort in einer stinkspießigen Schrebergarten-Kolonie.

ich müßte mich aber nicht beeilen mit dem Heiraten. mein Vater hätte sie dazu angestiftet. um so mehr aber meinen Vater. es würde für mich Zeit. mich an den nächstbesten Mann zu verscherbeln. als sie mich besuchten. und fragte mich. Ja. Ich überlegte. Die. »so ein schöner Mann!« Und mein Vater hätte nie so gut ausgesehen. so ginge es nicht weiter für ewig. daß mein Vater es eben nicht besser verstünde. die so jung heiraten. meine Mutter wollte mich wenigstens meistbietend verscherbeln. meine Haare wären zu lang. ob ich überhaupt was sehen könnte? Ob es in Berlin keinen Friseur gebe? Andererseits mußte er gleich am ersten Abend damit anfangen. daß ich den Verdacht hatte. – Entzückend. daß ich zu alt wäre zum Herumgammeln. als wären wir noch zusammen. sagte meine Mutter. ob ich vielleicht schon einen Neuen hätte. 110 . wie ich derart oberflächliche Eltern verdient hatte.nicht verkehrstüchtig. seufzte sie wie ein Teenager. Dann schwatzte sie über Albert. als sei ich selbstverschuldet arbeitslos geworden und müßte mir nun einen neuen Job suchen. meine Mutter war hingerissen gewesen von Alberts Schönheit: »Was er für niedliche Locken hat«. dabei hatte sie ihn nur einmal gesehen. fragte meine Mutter so diplomatisch. Am nächsten Tag. Daß Albert Arzt war. Mein Vater war bereit. als mein Vater endlich in seinem Betrieb war. würden oft die schlechtesten Partien machen. daß Gottfried Schachtschnabel längst nicht so gut aussieht wie Albert. hätte ich das noch nicht nötig. ans Heiraten zu denken. so wie ich aussehen würde. hatte meine Mutter wenig beeindruckt. Er stellte meine Trennung von Albert dar.

Also sagte ich: »Nein!« Ob Albert eine Neue hätte? »Nein!!« sagte ich mit aller Schärfe. Außerdem war es mit Gottfried Schachtschnabel noch nicht so weit. ich soll den alten Macker aufbrauchen. mit meiner Mutter darüber zu reden. warum ich mich von Albert getrennt hätte. wie meine Mutter meinen Vater anbrüllte. obwohl sie sonst ganz cool tut. Ich führte ein längeres Ferngespräch. Ilona Reuter fiel mir ein. Ja. Ich fragte. warum er mich so was hätte fragen müssen! »Das Kind ist in einer schwierigen Phase!« Mein Vater brummte irgendwas. Natürlich erzählte sie es meinem Vater.Ich hatte keine Lust. Mir platzte der Kragen. ob sie der Meinung sind. Der fragte mich nämlich am Abend ganz direkt. Es hatte keinen Sinn. Ich hörte. wenn ich keinen neuen Mann hätte. Meine Eltern waren erst recht in einer schwierigen Phase. Ich konnte es nicht mehr aushalten bei ihnen. sie sagte. Schließlich war er mein Dozent. Besonders meine Mutter regt sich darüber auf. und meine Mutter und mein Vater regen sich immer unheimlich auf. ich solle sie besuchen 111 . dann würde meine Mutter aber nicht verstehen. wenn eine Sekretärin aus dem Betrieb meines Vaters ein Verhältnis mit einem Mann aus dem Betrieb hat. sie wohnte nur hundert Kilometer entfernt. meiner Mutter von Gottfried Schachtschnabel zu erzählen. erzählte Ilona von meinem Ärger. ich kannte sie vom Gymnasium her. wahrscheinlich hat sie Angst um meinen Vater. Ich rief Ilona an. warum ich mich von Albert getrennt hätte. bis ich einen neuen bekomme? »Habt ihr nichts anderes im Kopf als Geldsparen und Resteverwertung?!« schrie ich und knallte die Tür zu.

Ilona war ein lohnendes Reiseziel. Er hat abends seine Akten durchgesehen. die Zeiten der unbeschwerten Kindheit waren vorbei. die kann ich nicht nach Hause nehmen. ohne einen anderen Mann in Bereitschaft zu haben! Sie lebt seitdem allein. die seien mittlerweile alle verheiratet und völlig verblödet. weit und breit keine gute Ehe. die meine Wäsche noch nicht gebügelt hatte. für die Urlaubstage bei Ilona. würde ich auch nie wollen. Ich hab meine Arbeit im Labor. daß es an der Zeit war. die waren tödlich. nichts wie weg von meinen Eltern.« »Jetzt. Ich beschloß. versicherte Ilona. Als alleinstehendes Fräulein war ich für sie das Resultat einer mißglückten Erziehung. sagten. nach sechs Jahren Ehe. Ilona hatte Kontakt zu andern ehemaligen Mitschülerinnen. Mein Väter gab mir Geld extra. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Mein Vater auch nicht. Sie hatte sich ein halbes Jahr zuvor von ihrem Ehemann getrennt. Ja. sie würde sie mir per Paket schicken. Nun hatte ich so zu werden. Meine Mutter hatte nichts dagegen. daß ich zu Ilona fuhr. ansonsten wollte er seine Ruhe. wie er sagte. Aber die Abende mit Max.« »Du und Langeweile? Du bist doch voller Aktivitäten. wie meine Eltern sind.« »Ja«. mich auch von meinen Eltern abzunabeln. sagte ich. Sie waren froh. Aber ich arbeite tagsüber relativ isoliert. Ausgezeichnet. Meine Mutter. 112 . mich loszuwerden. ich sei herzlich willkommen. »Du kannst dir nicht vorstellen. was ich mich in meiner Ehe gelangweilt habe. ich will abends Unterhaltung. Und das schlimmste an der Ehe sei die Langeweile.kommen.

die mir Ilona mit auf den Heimweg gab. ›Anna Karenina‹ zu lesen. sagte Ilona. sagte Ilona. Ich konnte wieder an anderes denken als daran. wie Tolstois Roman ›Anna Karenina‹ anfängt?« Ich wußte es nicht. »Seitdem ich alleine lebe. sagte Ilona. »Du wirst bald einen Neuen gefunden haben. unglücklich ist jede Familie auf ihre eigene Art.»Nein«. kaum war sie zu Hause. nicht mehr da war. weil ich die Veränderung der Umstände nicht steuern konnte. »Er ist nicht ins Ausland gezogen«. trödelte ich herum. »Nein. Er hatte den alten schwarzen Tisch der wegen 113 . Zugfahren ist nur schön. »Jede Situation ist besser als die bisherige«. daß es dir gefallen würde. weil die Veränderung der Umstände endlich erreicht war. tu es nicht«. lerne ich täglich neue Leute kennen«. wir trafen uns mit ihren Freunden. Und überhaupt glaube ich nicht. sagte Ilona. tagsüber.« »Genau«. am Wochenende kochten wir gemeinsam. Ich wurde euphorisch. daß ich mit dem Auto gefahren war. sagte ich. »meine Geschichte nützt dir nichts. Dann wurde ich wieder depressiv. wenn man abgeholt wird. sagte ich und versprach. sonst gingen wir abends in das einzige Studentenlokal der Stadt. »Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich. wenn sie in ihrem Labor arbeitete. Weißt du. Beruhigt fuhr ich zurück. Wieder war ich froh. Das Zimmer von Albert war leer und sauber. wo jeder jeden kannte.« Das waren die Worte. klingelte das Telefon.« Eine Woche blieb ich bei Ilona. daß Albert. sagte ich. »Jetzt werde ich mich selbst finden«. wenn ich zurückkommen würde. »es endet so schrecklich.

was man erwarten konnte. nachdem ich wegfuhr. Er war nicht da. Sein Nachsendeantrag funktionierte einwandfrei. So würde ich es auch in meinem Film darstellen. damit er sie gießen konnte. Ich rief ihn in seiner neuen Wohnung an. ausgezogen. Die Palme. Ich kontrollierte den Kleiderschrank: Nichts mehr von Albert da. Das wäre angemessen gewesen. Im Schuhregal im Flur eine alte Pudelmütze von ihm. Nichts war geblieben außer nackten Tatsachen. vergib mir…« – einige Worte verwischt von Tränen. mit irgend jemand nach oben geschleppt und in sein Zimmer gestellt. wir hatten sie zum Schuhputzen benutzt. Endlich hatte ich Platz. ich hatte ihn darum gebeten. sondern in die Küche gestellt hatte. schon leicht angewelkt. Ich suchte nach einem Zettel. war seit mindestens drei Tagen nicht gegossen. was das zu bedeuten hätte. Es war nicht mehr unsere Wohnung sondern meine Wohnung. wie man sich wirklich trennt. Albert würde aus meinem Film lernen können. die ich nicht in mein Zimmer eingeschlossen. mit Abschiedsworten in zittriger Schrift… »ich werde immer an dich denken. Ansonsten keine Reliquien. beschloß ich. Ich sah mich um in dem leeren Zimmer von Albert. Im Waschbecken zwei dunkle Haare. einer Nachricht. das mindeste.Platzmangel im Keller gestanden hatte. Er war also sofort. Ich konnte nichts finden. wollte ihn fragen. schon leicht vergilbt. Auch keine Post für ihn. dazu einen Zettel. Was hatte ich erwartet? Einen Strauß roter Rosen. 114 .

4. Bei ihr hat es Jahre gedauert. Elke und Heinz haben sich scheiden lassen. daß Max erzählt. wie sie mir ziemlich betrunken gestand. Mit Elke schlafen wollte er nur an Weihnachten und an Elkes Geburtstag. er hätte sich von ihr überfordert gefühlt 3. wurde ihr Ekel unerträglich. Ilona und Max haben sich scheiden lassen. Ich wollte nicht weggehen. unsere Trennung aufzuarbeiten – Albert war nicht zu Hause. Heinz sagte. bis sie nach der Scheidung einen neuen Freund gefunden hat. Kapitel Ich mußte allein beginnen.20. Regina will darüber nicht reden. Ich machte eine Liste. Er hat bald darauf wieder geheiratet. als Monika herausbekam. Ilona sagt. 2. die ich kenne. Warum hatten wir uns getrennt? Weil wir nicht zusammenpassen – das klingt so pauschal. Nachdem sie ein paarmal mit anderen geschlafen hatte. Das hat sie mir selbst erzählt. hat sie sich vor Max körperlich geekelt. daß Friedrich ein Verhältnis in einer anderen Stadt hatte. Ich wollte ihm eine Chance geben. für den Fall. weil sich Ilona mit Max gelangweilt hat. Martin weiß bis heute nicht. zuwenig bewußt analysiert. Und. getrennt haben. Jedenfalls ging er nicht ans Telefon. 1. warum sich andere Leute. Mit dieser Frau fuhr er 115 . weil Heinz ständig besoffen war und Schulden machte. warum ihn Regina verlassen hat. Friedrich und Monika haben sich scheiden lassen. daß es mit Elke einfach nicht ging. daß er anrufen würde.

weil Irmtraud sich intellektuell weiterentwickeln wollte. daß Kurt steril sei. außerdem wollte sie Kinder haben. sagt Winfried. 7. 6. aber nicht sein heimliches Verhältnis. Monika trauert noch immer um Friedrich und erpreßt ihn mit dem gemeinsamen Kind. sogar in Urlaub – gegenüber Monika behauptete er. hatte seine Ehefrau gerade das fünfte Kind bekommen. die natürlich bei der Mutter blieben. als den großen Macher bewundert hatte. er sei immer aggressiver geworden und sei nicht mehr der Mann gewesen. Achim und Tina sind geschieden. und ein Arzt hätte schon vor Jahren festgestellt. Winfried und Sybille haben sich getrennt. den viel älteren. Kurt und Irmtraud haben sich getrennt. 8. Er kann die Kinder nur selten sehen. er hätte es nicht ändern können. daß sich Michael in den letzten Jahren charakterlich total verändert hätte. 116 . daß sich Winfried nie um die beiden Kinder gekümmert hätte und sein Geiz immer unerträglicher geworden sei. Sybille sagt. weil Sybille Winfried nur wegen seines Einkommens und seines Sozialprestiges als Arzt geheiratet hätte. weil er mit der Liebe seines Lebens weit weggezogen ist. Achim jammert über die Trennung von den fünf Kindern.5. Aber Kurt sei geistig stagniert. Als Michael arbeitslos wurde. weil Juliane Michael. Juliane sagt. den sie mal geliebt hätte. sagt Michael. Als er sie traf. brachen Julianes Teenagerträume zusammen. Kurt sagt. weil Achim die Liebe seines Lebens getroffen hat. er reise auf Fortbildungsseminare! Friedrich hat wieder geheiratet. Juliane und Michael haben sich getrennt.

wie er alt werde. Ich überlegte gerade. Wie es denn ginge? Ob es nett gewesen sei bei meinen Eltern? Wie es Ilona ginge? Er hätte oft an mich gedacht. Ob er sich Vorhänge leisten solle? Ob mein Auto noch fahre? Wir quatschten eine Stunde und verabredeten uns für den nächsten Abend. weil Sonja frigide sei. daß Carola in ihm den großen Beschützer gesehen hätte. Bernds neue Freundin ist achtzehn. daß Achim Angst vor dem Älterwerden hätte. 10. die verklemmte Sexualmoral ihrer Eltern zu überwinden. und an den Kindern hatte er gemerkt. in Wirklichkeit sei er ein liebesunfähiges Würstchen. Seine Eltern ließen mich herzlich grüßen. Mit seiner neuen.Tina sagt. Carola sagt. als endlich das Telefon klingelte. Vor allem beim Teppichverlegen. Überall rieche es nach Lack in seiner Wohnung. viel jüngeren Frau könne sich Achim besser einbilden. das könne ich doch viel besser als er. 9. er würde sich als großen Lausbub sehen. er ist über vierzig. Mit der Neuen hat Achim keine Kinder. daß sie die bevormundende Art von Bernd nicht mehr hätte ertragen können. daß sich Andreas für den großen Sexualklempner halte. 117 . Bernd sagt. wie Andreas überall erzählt. warum sich Sieglinde und WolfDietrich wohl eines Tages trennen werden. Sonja sagt. Sonja und Andreas haben sich getrennt. die die Beziehung zu Andreas beendete. Es war Sonja. daß er noch jung sei. Sie hätte es trotz seiner Bemühungen nicht geschafft. Es war Albert.

Albert übernachtete bei mir. weil es näher war und weil es in seiner Wohnung nach Lack stank. Drei Tage später besuchte ich ihn zum erstenmal in seiner neuen Wohnung. Trotzdem war Albert von seinen hausfraulichen Fähigkeiten tief beeindruckt. Sahne. Butter und Wodka reingetan hatte. Jetzt hatte er ein Fernsehzimmer und ein Schlafzimmer. In beiden Zimmern und im Flur hellgrauer Teppichboden. Warum trennt man sich? Es gibt dafür so viele Gründe wie Gründe. Weil sein altes Bett in dem neuen Zimmer so klein gewirkt hätte. Alles war ordentlich aufgeräumt. wie üblich. ebenfalls 20er Jahre. Und die Fußbodenleisten allein grau gestrichen. Albert hatte den Teppich selbst und allein verlegt. 21. Oliven. Außerdem hatte er für die Küche einen Tisch mit Marmorplatte von ihr gekauft. Eine neue Lampe hatte er im Fernsehzimmer. Und ich lobte die geronnene 118 . mit verchromten Stangen. hatte er sich bei Barbara vom Trödelladen ein breiteres gekauft. Albert hatte Spaghetti gekocht. Schinken.Ich las meine Liste noch mal durch. wie er stolz erzählte. und obwohl er Käse. warum zwei Menschen sich lieben. die Sauce war zu Klümpchen geronnen. als wäre nichts geschehen. Nobel. Sehr vornehm. schmeckte sie nur nach italienischem Salatgewürz. Kapitel Wir trafen uns im Café Kaputt. im Stil der 20er Jahre.

zu Julia zu fahren. wenn ich das Zimmer leer lasse. 119 . ich hätte schon immer ein leeres Zimmer gewollt. Ich sagte ihr. wie weit ich mit dem Umräumen des Ex-Zimmers von Ex-Albert sei und ob sie mal kommen solle und mir beim Umräumen helfen.« »Warum?« »Warum? Warum!« sagte Julia und hüpfte auf der Matratze. da hätte er gar keine Zeit.« »Albert hat auch ein neues Bett. Dann fragte sie. Wir hüpften ein bißchen auf der neuen Matratze herum. Ich sagte ihr. Julia sagte. Julia sagte: »Bin ich froh. Ich konnte ihn genauso eifersüchtig machen. daß ich aber das Zimmer von Albert leer lassen wolle. Sie war erfreut über meinen überraschenden Besuch. Wozu hatte ich mein Auto? Wenn er am Samstag keine Zeit haben wollte. Albert sagte. nicht bei Albert zu übernachten. daß ich das Zimmer nicht aus psychologischen. daß ich mein altes Ehebett los bin. sondern aus ästhetischen Gründen leer lassen wollte. daß ihr Angebot unheimlich nett sei und daß sie mich unbedingt besuchen solle. Es war ein sehr harmonischer Abend. Wahrscheinlich versuchte er. und das hätte überhaupt nichts mit Albert zu tun. Sie hatte am Vormittag ihr neues Bett geliefert bekommen. es sei psychologisch nicht gut. ein französisches wie das von Albert. daß wir zusammen am Samstag ins Kino gehen könnten. entschied ich mich. Obwohl es spät war.Sauce. Er sagte nicht. auch ich war nicht allzeit verfügbar.« »Da hat er recht. zum Quatschen. mich eifersüchtig zu machen. jedenfalls bis ich vorschlug. was er vorhatte. Am nächsten Abend beschloß ich spontan.

Plötzlich fragte sie. und als wir kamen. Zufällig hatte ich eins hinten im Geldbeutel. »Sieht gut aus. ging er gerade. Ich hatte vergessen. »Ich hab ihn im Café Kaputt gesehen.« »Ist nicht mehr mein Albert. daß ich einen so schönen Mann und Arzt abgekriegt habe.« »Sicht trotzdem gut aus. Mit Krankenschwestern.« Ich fragte nichts mehr. er war mit einer Blonden unterwegs. weil ich dachte. und da dachte ich. dein Albert. »Dacht ich mir. als du verreist warst. ob ich ein Foto von Albert dabei hätte. aber Krankenschwestern. das ist Albert!« »Wann war das genau?« »Wenn du es ganz genau wissen willst. Ich fürchte weder Tod noch Teufel. um meinen Stolz zu verbergen. Aber andere dürfen 120 . sagte Julia. darin nur ein Tisch und ein Stuhl –. Ich weiß längst. Es war mir etwas peinlich. daß er mich betrügt. Jedenfalls mal abgekriegt hatte. schleppt man nicht mehr das Foto seines Ex-Typen herum. war ich ziemlich spät dort mit einem Kollegen.« »Aber woher kennst du Albert?« »Jemand hat ›tschüs Albert‹ zu ihm gesagt. es herauszunehmen. dann ist das ideal – ein Zimmer.Außerdem steht ja der Tisch drin. eine sehr arbeitsintensive Atmosphäre. daß er es ist«. er sieht gut aus.« »Ja. wenn man sich getrennt hat. und wenn ich wieder an meinem Drehbuch schreibe. das verdirbt den Charakter«. sagte ich betont verbittert. Vorletzte Woche. Und außerdem ist er Arzt. »Wenn es deiner Selbstfindung dient«. sagte Julia.

beteuerte sie. sagte ich. »Ich kann mir nicht vorstellen. Und mich beruhigte ich auch. Es ist verboten. »Sie wirkte allenfalls wie ein fader Abklatsch von dir. nur einmal oder zweimal telefoniert. wie er dich damals verprügelt hat«. mit der Albert herumzog. Kapitel Im Supermarkt traf ich Sieglinde.nicht darüber reden. ehrlich«. und ich wollte noch neues Farbband für meine Schreibmaschine kaufen. Ich hatte es eilig. »die ist auch nur eine von vielen. daß du ihn los bist. daß die Chancen haben könnte gegen dich. sagte Sieglinde: »Sei froh.« »Ich will dich gar nicht daran erinnern. Noch an mich geklammert. 121 . Außerdem wirkte sie aufgedonnert. er hat dich sowieso betrogen. eine halbe Stunde vor Ladenschluß. sagte Sieglinde laut. weil sie mir von einer anderen Frau. daß ich der Verlierer bin. Wir standen am Wurststand zwischen zwei Dutzend Leuten. mir zu sagen.« »Ich hab ihn auch betrogen. Wir hatten uns fast zwei Monate nicht gesehen. erzählt hatte. dachte ich heimlich. um am Wochenende mein Drehbuch tippen zu können. es war Samstag. Julia merkte trotzdem meinen Ärger. die sich Vorwürfe machte. Sieglinde begrüßte mich schweigend. 22.« »Keine Sorge«. aber mit herzlicher Umarmung.« Ich beruhigte Julia.

»Manchmal ist körperliche Aggression weniger schlimm als verbale Gewalt«. dort stand niemand. sagte ich. Er schlief nicht einmal mehr mit ihr. Sie legte ihre Hand auf meinen Arm. Weil sie so eifersüchtig über Wolf-Dietrich wachte und 122 . Verbal war ich stärker. daß ich davon nichts gehört hätte. sagte ich leise. Ihr WolfDietrich betrog sie auch. »Ich hab ja zurückgeschlagen«. du hast dich von ihm getrennt? Ich an deiner Stelle…« Sieglinde unterbrach sich selbst und nahm ihre Hand endlich von meinem Arm. daß ich eigentlich keine Wurst brauche. »Albert geht es auch nicht gut. sagte Sieglinde. »einmal hab ich ihm zuerst eine gescheuert. »Du tust mir ja so leid«. Sie würde sowieso denken. Sollte sie doch denken. was sie wollte.« »Warum verteidigst du ihn eigentlich dauernd? Ich denke. sagte Sieglinde. Auf jeden Fall konnte ich Sieglindes Ratschläge nicht ertragen. »Theorie und Praxis sind eben zweierlei«. »Woher willst du das wissen?« Ich sagte Sieglinde in aller Deutlichkeit. Sieglinde folgte mir zu den Fertiggerichten. sagte ich. was sie wollte. sagte ich schließlich. Ich mußte deshalb die Dose Ravioli mit der linken Hand aus dem Regal holen. Er schlug sie auch.« »Aber ich hab ihn auch verletzt.« »Aber er hat jetzt eine Neue«. »Hör mal«. rief Sieglinde.« »Aber du bist viel schwächer. aber warum sonst wäre Albert ausgezogen? »Weil ich es wollte«. sie wisse nichts. Und Albert hätte schon viele andere gehabt und ich auch. Sieglinde gab zu. Das wußte ich ziemlich genau. »er hat dich geschlagen!« Ich antwortete Sieglinde.

Trotzdem überall Erinnerungen. daß ich jetzt gehen müsse. als sei ihr Wolf-Dietrich besser als mein Albert. was ich ihm geschenkt hatte. Ich war stocksauer auf Sieglinde. nicht allzuviel hatte. Kapitel »Oh how can I forget you. daß er mit ihr. Albert hatte alles mitgenommen. 23. sofort überlegte. da war doch klar. wurden gerade die Rolladen heruntergelassen. der Andacht dienende Gegenstände. Ich sagte Sieglinde. Außerdem nannte Wolf-Dietrich Sieglinde »meine Alte«! Und da gab sie gute Ratschläge. Es war wieder nichts mit meinem Drehbuch. weil ich noch mehr zu erledigen hätte. Ich hatte allen Grund. seiner institutionalisierten Freundin. Ein Albert-Auerbach-Museum war meine Wohnung geworden. und alles. ob er mit der ein Verhältnis hätte.bei jeder Frau. was ihm gehörte. rief sie mir hinterher. Als ob sie es besser hätte. Erschöpft und enttäuscht schleppte ich mich nach Hause und legte mich ins Bett. when there is always something left to remind me of you? Always something there to remind me of you… you… you…« Früher hielt ich diesen Song für ein Liebeslied. 123 . ›Ich liebe dich‹ stand auf dem Lebkuchenherz. Als ich an dem Schreibwarenladen ankam. die ihr Wolf-Dietrich nur eine hundertstel Sekunde ansah. beleidigt zu sein. »Demnächst muß ich dich mal wieder einladen«.

von dem ich immer Kopfschmerzen bekommen hatte. legte ihn in ein Plastikkästchen. Wir hatten ihn auf dem Rummelplatz gewonnen. Und dazu das Parfüm von Albert. das ich von Albert gezeichnet hatte. klein wie ein Schuhabputzer. welche Erinnerungen Albert in den Müll geworfen hatte. es lag hinten im Kleiderschrank – endlich durfte ich es wegwerfen. Er lebte in einem Constanze-Wechselburger-Museum. Ich fragte mich. Das allein war alle Trennungsschmerzen wert. Albert hatte angeberisch mit den Fingern geschnipst und gerufen: »Personal! Einmal einen hellblauen Teddy für die Dame! Sie hat freie Auswahl!« Albert hatte heimlich Lose gekauft und tatsächlich freie Auswahl gewonnen! 124 . selbst geknüpft hatte sie dieses Scheusal mit pompösen Fransen. ein Geschenk seiner Mutter. war von Albert. Da ist der Armreif gut versteckt. wickelte ich in Folie. »Was würdest du nehmen. hatte ich keines meiner Geschenke vermißt. »Ist doch klar. den er mir vorletztes Jahr als Geburtstags.und Weihnachtsgeschenk gekauft hatte. Dann ein Porträt. dann vielleicht. Auf den WandteppichSchuhabputzer kippte ich die Reste meines Mittagessens: Die Ravioli paßten exakt zum Knüpfmuster. Als ich bei ihm gewesen war. Auch der riesige blaue Teddy. hatte ich spontan geantwortet. ich auch nicht. Dann ein Wandteppich. Den antiken Silberreif. das Kästchen stellte ich in den Kühlschrank ins Eisfach. In fünf Jahren. Wenn er es nicht aufheben wollte. werde ich ihn wieder tragen. der neben meinem Bett sitzt.das ich als erstes in den Mülleimer warf. wenn du freie Auswahl hättest?« hatte er mich gefragt. den blauen Teddy«.

In das Perlmuttkästchen. mitten im Kaufhaus hat er mir die alleinerziehende Schweinemutter überreicht: »Sieh mal. dazu das kleine Plastikschweinchen mit den sechs Plastikschweinchenbabys – sein allererstes Geschenk. legte ich die große Straßbrosche.Ich nahm den Teddy und trug ihn zum Kinderspielplatz auf der anderen Straßenseite. alles Erinnerungen an Albert. Keine Versuchung sie noch mal zu lesen. Ein Straußenei und ein Fächer aus Straußenfedern: meine Erinnerungen sind gut sortiert. Was anschließend mit ihm geschah. Obendrauf zwei Schmetterlinge aus Blech zum Aufziehen. aber der Straußenfederfächer ging auch noch rein. dachte. gefüllt mit Fotos von Albert. weiß ich nicht. Ich holte einen Karton aus dem Keller und Schuhschachteln aus dem Kleiderschrank. trotzdem wollte ich sie aufheben. und ging wieder. »Wer will einen Teddy?« Nur drei Kinder waren da. was ich in der Spielzeugabteilung für dich geklaut habe. Ein Straußenei hatte er mir mal geschenkt. Später mal. Die Kinder sagten nichts. Ein Schuhkarton. Eine halbe Stunde später beerdigten sie den Teddy im Sandkasten. Der Krimskrams aus dem Regal. ein Ostergeschenk. Also setzte ich den Teddy auf die Bank neben dem Sandkasten.« Das Perlmuttkästchen kam in eine Schuhschachtel. Von meinem Küchenfenster aus beobachtete ich die Kinder. eines wird ihn schon haben wollen. Eingewickelt in viel Seidenpapier paßte es nur in den größten Schuhkarton. sie waren schlapp vor Erstaunen über die unerwartete Gabe. Dazu seine Briefe. in Seidenpapier eingewickelt. auf dem Trödelmarkt hat er sie mir gekauft. wenn ich pensioniert bin. keine Bezugsperson. will ich alle Briefe meiner Freunde wieder 125 . dazu die Art-Deco-Blumenvase.

sagte ich mir. Dinge leben durch die Erinnerung. das karierte Kästchen aus England. »Devotionalien« schrieb ich auf den Karton mit den Schuhschachteln der Erinnerung. es sind schöne Objekte. Leer. Ich wollte alles behalten. der verschnörkelte Handspiegel. »Till then. Aber erst später. die rosaroten Notizblöcke in Herzform – ich brauchte noch eine Schachtel. die aussieht wie ein Storch. Noch habe ich mehr zum Leben als nur meine Erinnerungen. Oder sie leben durch ihre Funktion – dann bekommen sie eine eigene Geschichte. der Alltag ist stärker als die Erinnerung. Das Bügeleisen! Wir hatten es gemeinsam gekauft. Das war sehr stilvoll. aber ich wollte sie nicht mehr sehen. Den Rahmen hängte ich an die Wand zurück. das Monokel. die grüne Muschelschnecke. Die Suppenteller mit dem dünnen Goldrand. der Opalglasaschenbecher. »Die Handtücher sollen eines natürlichen Todes sterben«. die beiden winzigen Keramikfrösche. der turnende Clown. das Ei aus Plexiglas mit der eingegossenen Rose. dann brachte ich den Karton in den Keller. Aus dem schwarzlackierten Jugendstilrahmen überm Klo nahm ich das Foto von uns beiden. war der Rahmen rein vom Makel der Erinnerung. Die kleine Eule aus Bronze. Die Zuckerdose mit den blauen Rosen war auch von ihm. Es blieb noch so viel zurück. there is always something there to remind me of you… you… you…« 126 . die Schere. die rosaroten Handtücher. das Tablett mit dem Bild von Elvis. ohne unser Foto.lesen. das Kästchen mit den aufgemalten Schmetterlingen.

aber pünktlich. daß auch ich keine Zeit hatte. Sennebergs kommen auch. Ist unwahrscheinlich nett.« Soweit war es also: Alberts Leiche war noch nicht kalt. wegen des Fondues. Natürlich war Sieglinde überzeugt. Außerdem ärgerte ich mich. daß ich Sonntag etwas Besseres vorhatte. Wahrscheinlich hatte jemand ihrer nobleren Bekanntschaften abgesagt. Gabi unterrichtet am Gymnasium Kunst und Englisch. Sennebergs mal wieder zu treffen. daß sie mich wieder in letzter Minute eingeladen hatte. des Gastronomen. Komm um acht. Wenn sie aus der Schule 127 . daß ich Ostern allein wäre und Albert bei seiner imaginären Geliebten weilen würde. die man Touristen anbieten konnte. Die Gabi und den Uwe. Kapitel »Ich habe einen Mann für dich«. Aber dann dachte ich. daß ich zu Albert sagen könnte. Und außerdem freute ich mich. Fleisch-Fondue. damit du ihn kennenlernst. Eigentlich wollte ich sagen. Ist erst jetzt hierhergezogen. ich hab einen neuen Topf. Ich kannte sie von zwei Einladungen bei Sieglinde. er kennt hier überhaupt keine Leute. und ich wurde bereits als alleinstehende Frau gehandelt. mit dem ich früher verlobt war. nette Leute. Uwe ist Jurist und verwaltet irgend etwas. Sieglinde war am Telefon. »Neu oder second hand?« »Er ist ein Freund meines früheren Bekannten. Ich hab ihn für Ostersonntag zum Fondue-Essen eingeladen.24.

wie Sieglinde darauf kam. Ich kenne die Männer. fragte aber nicht. die mir durch den Kopf gingen. daß sie mich diesem Bernhard ebenso angeboten hatte. Ich mußte vorsichtig sein als allein eingeladene Frau. weil ich ihre Antwort wußte: Er ist allein. Sieglinde ist statusbewußt. Überhaupt war es taktisch klüger. einen Computerfreak – was macht dein Bernhard?« Wenigstens wollte ich wissen. was willst du eigentlich mehr?! Wenigstens fragte ich: »Einen Bernhard kenne ich bereits. Es war sowieso besser.« Eigentlich wollte ich fragen. wiederholte Sieglinde hartnäckig. daß mir dieser Mann gefallen könnte. sie spricht nur dann über den Beruf ihrer Bekannten. schließlich mußte ich meine Frustration dosieren. mit einer Lehrerin auf gleichberechtigter Ebene reden zu dürfen. desinteressiert zu wirken. »Mein Bernhard ist sehr nett«. 128 . Das waren die positiven Aspekte. Bei den weniger reputierlichen Bekannten konzentriert sie sich auf deren hervorragende Charaktereigenschaften. »Wie heißt dein Bekannter?« fragte ich Sieglinde. Nicht nur gegenüber Sieglinde – ich muß ja damit rechnen.erzählte. würde er mich automatisch für ein verzweifeltes Fräulein auf Männerfang halten. wenn garantiert ist. daß sie damit Eindruck machen kann. daß ich mich schon vor dem persönlichen Kennenlernen über ihn informiert hatte. du bist allein. Ich sah mich in den Geschichten immer noch als Schülerin und genoß den Status. die Ängste des Lehrkörpers beschrieb. Also konnte ich nur hoffen. konnte ich mich totlachen. das ist verbindend genug. nicht zu fragen. »Bernhard. Und würde der merken. was der Typ macht.

sagte ich: »Dann geben Sie mir bitte so Feuer.« Wann ich dann Zeit hätte? Ich sagte ihm. hielt dann das Feuerzeug direkt über seinem Schoß. versuchte er mich zu beeindrucken. sagte ich. um ihm mitzuteilen. senkte den Arm.« Er gaffte mich fassungslos an. Hahaha. wie Sie einem Mann Feuer geben. rief ich sofort Albert an. quatschte aber die ganze Zeit. »Ach«. Sieglindes Bernhard war der letzte Chauvi. daß ich das noch nicht sagen könnte im Moment. wenn die Männer mal im Berufsleben die Frauen fördern würden. »Du bist aber emanzipiert! Du brauchst wohl auch sonst keinen Mann!« Er lachte dröhnend und zwinkerte hektisch den beiden Ehefrauen zu. sagte Sieglinde. als er mich das dritte Mal zur symbolischen Fellatio zwingen wollte.Kaum hatte ich den Hörer aufgelegt. sagte er. Ich beschloß. aber die gebe es 129 . Gabi Senneberg half mir in der peinlichen Atmosphäre. »Sie hat es nicht so gemeint«. führte er zu Ende. kompensierte seine Frustration aber schnell und sagte: »Macht nichts. den ich anfing. zur Strafe. Jeden Satz. das wäre echte Höflichkeit. und mich zu gegebener Zeit wieder bei ihm melden würde. daß ich übermorgen keine Zeit hätte. Er sah nichtssagend aus. ich kann meine Zigaretten selbst anzünden«. Als er mir mein Feuerzeug trotzdem nicht zurückgeben wollte. Da ich optisch für ihn akzeptabel war. riß mir aber mein Feuerzeug aus der Hand. ihn zu siezen. Er machte das Anzünden meiner Zigarette zu einer erzwungenen Verbeugung vor seinem Hosenlatz. »Bemühen Sie sich bitte nicht. knipste es dicht vor meinen Wimpern an. Er rauchte nicht. Auch sie fände die Galanterie des Feuergebens idiotisch.

« Oder: »Nein. »Alles Fertigsaucen«. Er war Bankangestellter. »Ich rauche ja nicht«.« 130 . wenn sie sauber ist. renommierte mit dem Geld seiner Bank. »Trotzdem sehr lecker«. sagte Bernhard und dann zu mir gewandt: »Übrigens suche ich dringend eine Putzfrau. darf durchaus auch eine Studentin sein. ihm als Putzfrau zu dienen. sagte Sieglinde. und bat die Gastgeberin um die Preisgabe der Zusammensetzung der grüngrauen Fondue-Sauce. daß du dir die Männer so vorstellst.« »Mußt du immer so aggressiv sein!« sagte Sieglinde am nächsten Tag. und auf das blöde Türaufhalten könnte sie auch verzichten. die die Frauen an ihn stellten. Fragen. dieser Bernhard. war die größte Unverschämtheit!« »Du hast den Bernhard total mißverstanden. beantwortete er dem Besitzer der Fragestellerin.nicht. und trotzdem bist du so empfindlich. unterbrach er mich nicht nur. sagte Sieglinde. sondern legitimierte seine Gesprächsabbrüche durch Belehrungen über mich.« Oder: »Das glaub ich dir gerne. »Du tust so emanzipiert. Man wechselte das Thema. sagte Wolf-Dietrich.« »Sein herzensgutes Angebot. Wenn ich etwas zu sagen wagte. »Gar nicht wahr«. hahahahaha. Eine Frau wie dich würde der nie als Putzfrau einstellen. wobei er die anderen als seine Verbündeten ausgab: »Da kommt sie wieder mit ihrem typisch weiblichen Denken. in diese Schublade kannst du unsereins nicht stecken. hahaha!« Schließlich verkündigte er: »Wir wollen die Damen nicht länger mit unseren Geschäften langweilen«.

»Weißt du.« Mit besonders sanfter Stimme fügte sie hinzu: »Natürlich habe ich volles Verständnis für deine psychologische Situation. nachmittags. das ich von meiner Mutter geschenkt bekommen hatte. aber Albert hatte früher das Bügeleisen. dann mußt du eben lernen. Weil er dringend sofort ein Bügeleisen brauchte.« Ich sagte Sieglinde. Ich klärte. »Du darfst deine persönlichen Frustrationen nicht auf andere übertragen. unangemeldet. nicht den Hörer aufzuknallen.« Ich streckte Sieglinde die Zunge raus am Telefon. Er wollte das Bügeleisen haben. mit dem er bestätigte. bis es kaputt war. kam Albert. mein Bügeleisen als Leihgabe erhalten zu haben. und sich verpflichtete. Ich streckte Bernhard die Zunge raus am Telefon. aber die wollte ich nicht. Er wollte mir für das Bügeleisen seine alte Kaffeemaschine überlassen. Kapitel Am Ostermontag. unterschrieb er einen Zettel.Ich war sprachlos. Ich hatte es extra für ihn gekauft. mitbenutzt. daß ich eine Verabredung hätte und in Eile sei. es mir wiederzubringen. alleine zu leben. wenn du mit Männern nicht kannst. Die Kaffeemaschine konnte er sowieso mitnehmen. Ich schenkte ihm ein ganz kleines Schokoladenei. Es hatte fünf Pfennig 131 . daß das Bügeleisen mir gehört – zwar hatten wir es gemeinsam bezahlt. 25. und zwang mich.

Er fragte mich. das ginge nicht. Gleich nachdem er gegangen war. Ich hörte Blätterrascheln durchs Telefon. Morgen? Nein. sagte Birgit schließlich. wie schwierig es für sie war.« Ich solle Birgit in eine Kneipe oder sonstwohin schleppen und darauf achten. ihre Nachbarin. ob sie Lust hätte.gekostet. Ich war überrascht. daß er mir meine Zeit stehle und daß ich an meinem Drehbuch arbeiten müsse. offenbar konsultierte Birgit ihren Terminkalender. »Birgit hockt jeden Abend vorm Fernseher. Aber ich solle Birgit. Er sagte. mit mir was zu unternehmen am Abend. er müsse an seiner Doktorarbeit schreiben. Am Donnerstagabend würde sie ein wichtiges Telefongespräch erwarten. Vielleicht würde auch ich einen dabei finden. »bis einschließlich nächsten Freitag habe ich absolut keine Zeit. da mußte sich Birgit die Haare waschen.« »Och. daß sie Männer kennenlernt. sie hatte keine Zeit heute. Sie hatte auch keine Zeit. Ich rief also Birgit an. sagte Julia und gab mir Birgits Telefonnummer. Nein. Sie käme sonst nie unter Leute. er hätte auch keine Zeit. wann dann?« »Tut mir leid«. Nein. und nach Programmschluß macht sie Kreuzworträtsel. Nein. und dann. Ich sagte ihm. anrufen. am nächsten Samstag?« 132 . da war eine TalkShow im Fernsehen angesagt. mal mit Birgit wegzugehen. Übermorgen? Nein. Julia hatte mich schon seit Wochen gedrängt. War Julia mit ihren Informationen auf dem neuesten Stand? Ich ließ aber nicht locker: »Also. Freitag? Samstag? Sonntag? Nein. einen freien Abend zu finden. auf die sich Birgit schon seit Wochen freute. rief ich Julia an. was ich so mache.

dann komm doch schon diesen Samstag um zwanzig Uhr. und außerdem mußte ich mir sowieso unbedingt die 133 . ich wollte in eine Kneipe gehen. find ich das besser. sagte sie. Samstag ist sowieso ideal zum Weggehen.« »Man könnte vielleicht ins Kino gehen«.»Nächsten Samstag«. ich soll zu dir kommen. auch mit Julio Iglesias. da können wir zusammen die ›Rudi-Carrell-Show‹ ansehen und dabei Karten legen. Und dann kommt im Zweiten die ›Große Gala der Stars‹. sie gehe nicht mehr in Kneipen. »da weiß ich noch nicht.« Wieder raschelte sie mit ihrem Terminkalender. Sie sei mal in einer Kneipe gewesen. »Also gut!« Wenn sie erst im Kino ist. »Magst du denn nicht zum Fernsehen zu mir kommen?« fragte Birgit.« »Na. Geht bis null Uhr fünfundzwanzig. dann geht sie hinterher bestimmt mit in eine Kneipe.« »Du. was denn sonst?« »Ich dachte. Ich könnte uns um einundzwanzig Uhr fünfundvierzig was Kleines zum Essen machen. Als Gaststar ist Julio Iglesias angesagt. ich will ausgehen. Es half alles nichts. Sie sagte: »Ich mach uns auch was Kleines zum Essen. ich mußte noch mal mit Julia über dieses aussichtslose Unternehmen reden. weil es mir die Sprache verschlug.« »Du willst weggehen?« »Ja selbstverständlich. »Ja. »Nein.« Ich sagte nichts.« Birgit sagte. sagte sie schließlich zögernd. dachte ich. und da seien lauter frustrierte Leute gewesen. Aber wenn du zu mir kommen willst. weißt du. dann machen wir nächsten Samstag aus.

Da ich ihr erklärte. Ich würde 134 . daß der Film sicher nicht mehr lange laufen würde. als hätte ich einen blöden Witz gemacht. Wir standen eine Weile vor dem Tresen rum. Zwei ihrer Kolleginnen hatten nämlich den Film schon gesehen. Der Vorschlag gefiel Birgit. Ich fand den Film langweilig. käme sie um acht vors Kapitol. aber sie wolle versuchen. Ich wählte den ›Nonnenkeller‹. Zuviel Sexus. zuwenig Herrschaft. deshalb stellte ich meine eigenen Interessen zurück –. war sie sogar bereit. Aber Birgit war glücklich. Sie hegte eine große Liebe für verfilmte Literatur. Am Tresen standen achtundzwanzig Männer. Birgit sollte entscheiden. und wenn ich nichts mehr von ihr hören würde bis Samstag. am Tresen rumzustehen und Männer aufzureißen. es einzurichten.Verfilmung von Kate Milletts ›Sexus und Herrschaft‹ ansehen. sagte ich. Und Robert Redford in der Rolle eines despotischen Ehemannes hatte sie so begeistert. »ich liebe es. als sie die vielen Männer sah: »Das sieht ja aus wie eine typische Aufreißerkneipe!« »Klaro«. schon diesen Samstag mitzugehen. eine typische Aufreißerkneipe.« Birgit sah mich an. obwohl es gar nicht so voll war. Sie könne es zwar nicht fest versprechen. zu welchem Typen wir uns dazustellen wollten. Birgit stand 25 cm neben mir. nun doch in ein nettes. daß sie ohne Widerstände bereit war. Sie ließ dann die ganze Woche nichts mehr von sich hören – Albert auch nicht – und war tatsächlich Samstag abend um zehn nach acht vor dem Kino. kleines Lokal meiner Wahl mitzugehen. Ich wollte ihr die freie Auswahl lassen – der gesuchte Mann war ja für sie gedacht. den Film gesehen zu haben. Birgit war entsetzt.

Also. »Wo sollen wir uns hinstellen?« fragte ich. und dann fragt man den Typen: »Und du. die sind besonders dankbare Objekte. ein Gespräch anzufangen. höre eine Weile zu. Wenn wir noch länger auf diesem Fleck stehenblieben.« »Ich geh mit aufs Klo. Endlich zog sie ab.« Birgit starrte auf den bierdurchtränkten klebrigen Bodenbelag. würden wir anpappen. dann stelle ich eine Frage zu ihrem Gesprächsthema… und schon bin ich mittendrin.« Auf dem Klo wurde sie plötzlich gesprächig. dann kann man sich nämlich auch neben einzelne schweigende Männer stellen. Warum ich jetzt meine Wimpern tuschen müßte? Welche Wimperntusche ich benutzen würde? Und ob ich mal ihre Wimperntuschenmarke probiert hätte? Sie und ihre Kolleginnen seien damit sehr zufrieden. und sie möge bitte am Tresen auf mich warten. was meinst du dazu?« Jeder Mann liebt es. – Nur wartete ich immer noch darauf. es ist überhaupt nicht schwierig. Wie oft ich mir die Wimpern tuschen würde? Ich sagte Birgit. dann ist es noch einfacher. »Ich geh mal kurz aufs Klo. was die reden. daß mir Wimperntusche ins Auge gekommen war. wenn ihn eine Frau nach seiner Meinung fragt. sie sei mit ihren Fragen schuld daran. die mich interessieren. Ich ließ mir absichtlich 135 . daß sich Birgit für einen der vorrätigen Männer entscheiden würde. Und wenn ich mit anderen gemeinsam unterwegs bin.dann unauffällig ein Gespräch beginnen. Das ist meine Spezialität: Ich stell mich einfach neben die Typen. Sie stand nun 20 cm neben mir und schwieg unablässig. Entscheide dich derweil. mit denen man gekommen ist. »Ich weiß nicht. Dann quatscht man ein bißchen mit den Leuten.

Da war Birgit aber nicht. »Hier ist es sehr gemütlich. gerade war sie noch hier. wenn ich daran denke. daß es mich immer noch schüttelt. Als ich wieder zum Tresen zurückkam. Da sind alle viel zu beschäftigt mit ihrem Hosenladen. Im ersten Moment dachte ich. um irgendwas sonst zu sehen! »Was machst du denn hier!« sagte ich zu Birgit. Abgesehen von dem Katzentisch – wie kann man sich an den Tisch vor dem Männerklo setzen?! Da kann doch Catherine Deneuve persönlich sitzen. Außerdem hatte ich auch eigene Interessen. Was ich dann sah. wahrscheinlich quatschte Birgit mit einem der großen Typen. wenn du sie gefunden hast«. hellblau-rosa gestreifter Pulli. sie sei bereits mit ihrem Traummann abgezogen. Birgit saß ganz allein im Hinterzimmer! An einem Tisch für zwei Personen! Mit Blick auf die Tür zum Männerklo!!! Schlimmer hätte es nicht kommen können. die die Aussicht blockierten. sagte der Punker und taxierte meine indifferente Oberweite. und kein Mann würde sie bemerken.viel Zeit. meine Freundin. »Suchst du jemand«. war Birgit nicht zu sehen. und Rouge war in so düsteren Kneipen auch immer angesagt.« »Hübsch?« fragte ein Alternativo. war so grauenhaft. »Bring sie her. aber ich hoffte. »Ja. ohne mich zu setzen. daß man das nicht sehen würde. Ich ging um den Tresen rum. Meine Fingernägel waren leider schmutzig. der daneben saß.« 136 . quatschte mich ein Punker vom Barhocker herunter an. Ich kämmte mich etwas. Das Areal im Umkreis von acht Metern von ihrem Klo ist für Männer doch terra incognita.

Dann sagte sie: »Gibt es hier eigentlich auch Erdnüsse oder Kartoffelchips?« Ich schüttelte nur den Kopf. 26. die aus dem Klo kamen. daß Birgit die Tür zum Männerklo für einen großen Fernsehapparat hielt? Dann bekam ich Kopfweh und mußte nach Hause ins Bett. der alte Kumpel und Liebhaber aus meinen Jugendtagen. Welcher?« Es gab noch eine Hoffnung: »Sag mal«. 137 . »Hast du den süßen Mann an der Theke gesehen?« fragte Birgit. der kellnerte. Man muß sich das Bier vorne selbst holen. »hier hinten wird nicht bedient.Es blieb mir nichts anderes übrig. Kapitel Weil ich so früh nach Hause gekommen war. ob ich Interesse an einem Job hätte. den Birgit immer wieder gerne sah. »Nein. Es kam noch ein alter Krimi im Fernsehen. war ich am nächsten Morgen um zehn bereits einigermaßen munter. ich mußte mich hinsetzen. ich hätte doch Semesterferien. als Jürgen. sagte ich. kam der Typ. anrief und fragte.« »Glaubst du wirklich?« »Ja. Birgit war darüber nicht traurig. War es möglich. »Die Damen wünschen?« In der nächsten halben Stunde starrte Birgit interessiert die Männer an.« Gerade als ich froh zum Tresen abziehen wollte.

erklärte er. Wenn ich fest versprechen würde. Ich brauchte nicht vor zehn zu kommen. brauche dringend jemand zur Konkurrenzbeobachtung. überlegte ich: Es war mir sowieso langweilig. was ich verdienen würde.« Während Jürgen von Gisela erzählte und ich ihm erzählte. ich sollte sie schon wieder besuchen. »Wir zahlen immer gut«. aber alleine hatte ich keine Lust. Meine Mutter nervte mich. man sehe das nicht so eng dort. »Es geht um Schädlingsbekämpfungsmittel. den Rest der Semesterferien zu jobben. Ich war sehr gespannt. daß Albert ausgezogen sei. »Was ist das – Konkurrenzbeobachtung?« fragte ich. daß ich morgen käme. Und brauchte auch etwas mehr Geld für Miete.Seine Werbeagentur. Vielleicht würde ich bei dieser Konkurrenzbeobachtung den Mann meines Lebens kennenlernen? Einen Star-Werbefotografen vielleicht? Eigentlich hatte ich in den Ferien verreisen wollen. ich sei ihm eingefallen. die Konkurrenz zu beobachten. Meine Aufgabe bestehe darin. Heizung. Der Personalchef kam um Viertel vor elf. Telefon. vor zehn sei am Montag niemand in der Agentur. aber das wäre der Gipfel der Langeweile. Ich fragte Jürgen. Ich versprach es fest. daß Albert auf meinen Wunsch hin das Haus verlassen hätte und wie froh ich darüber sei. würde er jetzt sofort dem Personalchef Bescheid sagen. Außerdem hatte ich überhaupt nichts mehr anzuziehen. Er war erfreut. und die hätte gehört. daß ich auf ihn wartete. Es wäre nicht schlecht. sagte er Ich sollte mich sofort morgen früh beim Personalchef melden. Punkt zehn war ich da. in der er eine Art von Direktor ist. weil er gerade mit seiner alten ExFreundin Gisela telefoniert hätte. Der 138 .

In diesem Fall 139 .Personalchef brachte mich durch einen Hinterausgang in einen großen Raum. »Aha«. also nichts mit Konkurrenzbeobachtung zu tun gehabt hatte. alle Anzeigen für Insektenvertilgungsmittel herausschneiden. und deshalb müsse die Konkurrenz beobachtet werden. weil sie Träger von Werbung sind – das. Der Agenturchef sagte. Der Personalchef erklärte. Meine Aufgabe sei: all diese Zeitschriften und Zeitungen durchsehen. was außer Werbung publiziert wird. der zwei Etagen über den anderen Agenturräumen lag: »Das ist unsere Bibliothek. nennen wir Umfeld. was die Werbeträger seien. daß ich damals nur Fotos archiviert und Dias gerahmt hatte. ob nicht auch auf der Rückseite eine Anzeige sei. Er erklärte. sagte er sehr erfreut. dann auf ein Blatt kleben und dazu den Werbeträger und die Ausgabe schreiben. daß ich bereits in einer Werbeagentur gearbeitet hätte. Deshalb sagte ich ihm nicht. Ich fragte. »Wir Werbeleute nennen sie Werbeträger. sagte ich dem Personalchef. Dann fiel ihm was sehr Wichtiges ein: Ich dürfe erst dann eine Anzeige aus einem Werbeträger ausschneiden. daß die Agentur einen bedeutenden Auftrag eines bedeutenden Pharmaunternehmens erhalten hätte.« Der Raum war angefüllt mit Zeitungen und Zeitschriften. nachdem ich kontrolliert hatte.« Um meine Unwissenheit auszubügeln. dies seien alles Publikationen der Pharmaindustrie und Werbeträger für den landwirtschaftlichen Verbraucher. Jedes Blatt mit einer aufgeklebten Anzeige sollte ich dreimal kopieren. die Werbeträger seien die Zeitungen und Zeitschriften.

»Sehr fleißig«. also nur Umfeld sei. Die einzige Person. Er ließ sich zeigen. der ich begegnete. es wären ja nicht nur Anzeigen für Insektenvertilgungsmittel in den Werbeträgern. Ich sollte die Werbeträger also wieder zurücklegen.müßte ich diese zuerst kopieren und ebenfalls in der besprochenen Weise bearbeiten. den sie in den letzten Semesterferien mit einer ähnlichen Aufgabe betraut hätten. Er zeigte mir dann noch. und war begeistert. sechs Tassen Kaffee am Automaten geholt und mit keinem Menschen gesprochen.« Und ich sei viel fleißiger als der Theologiestudent. was ich gemacht hatte. Dreimal war ich mit einem Stapel Werbeträger zum Kopieren gekommen. Ich fragte. ob ich die Zeitschriften. wegwerfen solle. wo in der unteren Etage der Kaffeeautomat stand und der Fotokopierer. machen Sie so weiter. wenn ich sie durchgesehen hatte. Keinesfalls sollte ich das tun. jedesmal telefonierte sie und sagte zu mir nur kurz: »Ich bin total gestreßt.« Zehn vor sechs kam der Personalchef die Treppe hoch ich hörte ihn von weitem und schnitt routiniert eine Anzeige für ein Pestizid gegen Bohnenspinnmilben aus. war die Sekretärin. – Aber das käme sicher nicht oft vor. und ich fragte ihn. Bis zwanzig vor sechs hatte ich 145 Anzeigen aufgeklebt. sagte er. wo das Klo ist und wieviel Geld ich verdienen würde. Und: »Wunderbar. die beim Fotokopierer saß. Pro Stunde zwei Mark mehr. in diesem Fall könne ich es wegwerfen. Ich war sehr 140 . Lediglich wenn auf einem Zeitungsblatt überhaupt keine Werbung sei. die anderen Anzeigen würde man zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht brauchen. als ich erhofft hatte! Um sechs Uhr war Feierabend.

Ich befürchtete. Und morgens und abends solle ich mich bei der Sekretärin am Fotokopierer melden. sie müßten nach Werbeträgern geordnet werden. und Kaffeetrinken könnte ich sowieso nebenher. sagte. die würde meine Anwesenheit registrieren. merkte ich. und wie gern er mit mir tauschen würde. man müsse wissen. ob ich die Anzeigen nach Insekten ordnen sollte. welche Unzahl höchst gefährlicher Insekten die Landwirtschaft bedrohen. In den ersten Tagen war ich erstaunt. wie viele Anzeigen die Konkurrenz in den diversen hochspezialisierten Werbeträgern geschaltet hätte. Der Personalchef sagte. Ich solle nach den Jahrgängen der Werbeträger ordnen. Als ich alle Schädlinge. Es war ein leichter Job. Schildläuse hätten mich befallen oder die höchst gefährlichen Spinnmilben. Allerdings begann es mich am Dienstag überall zu jucken. Und in der Ecke einen Borkenkäfer. daß es bedeutend mehr 141 . sagte der Personalchef. und ich bekäme auch eine dreiviertel Stunde Pause bezahlt. kannte. daß ich es ja sehr gemütlich hätte und er sei wahnsinnig im Streß. Konkurrenzbeobachtung sei ein echter Frauenjob. inklusive parasitärer Bakterien. das wäre absurd. die offenbar überall auftauchen. Dann sah ich nichts mehr von ihm. Ich könnte noch mindestens vier Wochen lang die Konkurrenz beobachten. Nein. es gebe sehr viel aufzuarbeiten. er hätte es schon immer gesagt. Jürgen kam nur einmal kurz vorbei. Es war aber auch ein sehr einsamer Job. fragte er. Ich fragte ihn.stolz. Wie lange ich noch Ferien hätte. Abends im Café Kaputt sah ich eine Blattlauszehrwespe an der Wand.

nichts von sich hören lassen. er lobte seinen guten Riecher als Personalchef. Er wußte nicht einmal. Sie gibt es ja auch noch«. sagte der Personalchef. da war ich sicher. und dann würde ich vermutlich für Albert nie mehr Zeit haben. Er ging dann mit in meine Bibliothek. sie sei total im Streß. daß ich hier Insektenvertilgungsmittel auswendig lernte. Ich solle den Personalchef selbst fragen. Er war gar nicht teuer. »Ach. lebt verkehrt!« war der Werbespruch einer Anzeige gegen die perfide Mehlige Kohlblattlaus. ich zeigte ihm. ob ich mir den pinkrosa Satinrock in der Boutique gegenüber der Agentur kaufen sollte. schon seit zehn Tagen. Andererseits war die Frage. Vielleicht hatte er doch eine Neue? Mir konnte es im Grunde genommen nur recht sein: In drei Wochen begann wieder das Seminar bei Gottfried Schachtschnabel. Pro Schädling ein Dutzend Produkte zu seiner Ausrottung. Am Freitagnachmittag fragte ich die Sekretärin zwischen zwei ihrer Telefonate. mich »fleißiges Fräulein« eingestellt zu haben. ob er mich anrufen würde. Er hatte noch mein Bügeleisen. »Wer sich nicht wehrt. Genau. Das war auch mein Motto. und im Café Kaputt war er auch nie aufgetaucht. dabei war ich in dieser Woche zweimal den ganzen Abend zu Hause geblieben. ob ich mein Geld wöchentlich bekommen könnte. Er hatte seit Ostermontag.Schädlingsbekämpfungsmittel gab als Schädlinge. um zu sehen. ob dieser Rock vielleicht etwas zu elegant wirken würde? Ob er zum Beispiel Gottfried Schachtschnabel gefallen würde? Albert würde der Rock gefallen. daß ich schon fast ein Drittel der Werbeträger durchgearbeitet hatte. Aber Albert interessierte mich sowenig wie eine Hopfenspinnmilbe. Ansonsten dachte ich darüber nach. Ich bekam einen 142 .

Hätte er eine Neue. meldete ich mich schon um fünf ab und kaufte mir den pinkfarbenen Satinrock. mit einem alten Kumpel ein paar Stündchen zu verplaudern? Selbstverständlich völlig unverbindlich für dich. sagte Albert. wie ich eine falsche Verbindung inszenieren kann. hallo«. sagte ich. daß ich ihm nie erzählt habe. Wohin wollen wir gehen?« 143 . hallo«. hallo. bis er auflegte. »Auerbach. Das hört sich an wie eine Störung. »Eine Frau muß nicht nur ihre Geheimnisse haben. Da war ich sicher. Kapitel Erst am Samstagabend rief ich Albert an. du bist es«. Am Sonntagnachmittag um fünf rief Albert mich an. sagte Albert. hallo.« »Und für dich? Auch völlig unverbindlich?« »Selbstverständlich. 27.« »Was hältst du davon. wäre er unterwegs. Ich wählte noch ein bißchen. Er war auf meinen Trick hereingefallen. das war mir recht. wenn ich aufhören würde. Nun wußte ich: Albert saß also auch samstagsabends allein zu Hause. Als er den Hörer abnahm. »Weiß ich noch nicht genau. sondern sie auch für sich behalten«.Vorschuß. »Was machst du heute abend?« fragte er. sagt meine Mutter. »Ach. die genaue Abrechnung würde ich bekommen. gut. Weil Freitag war. Dann wartete ich. »Hallo. drehte ich weiter an der Wählscheibe herum.

Er erzählte mir einen Film. sehr erfreulich. noch dazu in Anwesenheit des verhaßten Oberarztes. »Und jetzt?« wiederholte ich.« Albert bezahlte für mich. Weil es jetzt etwas Besonderes war. Ich informierte ihn über die San-José-Schildlaus und das Spargelhähnchen. als er über den Oberarzt schimpfte. Albert hatte keine Ahnung von Insekten. Und er hatte sich eine Lederjacke gekauft. er hatte mich angerufen wegen der gewagten Farbe. Außerdem erzählte er. Je länger man sich nicht sieht. in ein Restaurant. daß seine alte Kaffeemaschine endgültig hinüber war. 144 . Sein Chef hatte sich endlich lobend über seine Fähigkeiten geäußert. den er gesehen hatte. es mit Salzlauge zu versuchen. sagte er. mittelblau.« »Also gut. Wie witzig er erzählt.Ich trug meinen pinkfarbenen Satinrock und sah hinreißend aus. der mir auch gefallen hätte. Außerdem ist die Gefahr eines Krachs geringer in gepflegter Atmosphäre – man traut sich dort nicht so mit Tellern zu werfen. Wir gingen in eines der besseren Lokale. ich riet ihm. ein auf Spargelspitzen spezialisiertes Insekt. ob die Rotweinflecken mit Salzlauge heraus gehen. dachte ich. »Du kannst ja mitkommen zu mir«. auf jeden Fall dämpft die gedämpfte Stimmung der besseren Restaurants automatisch die Stimme. »da können wir gleich ausprobieren. »Und jetzt?« sagte er nach dem letzten Glas Wein. desto mehr hat man sich zu erzählen. wenn wir zusammen weggingen. aber ich war nicht da gewesen. den Tisch umzukippen. Sein Marmorküchentisch hatte Rotweinflecken.

Und wirf den Schlüssel unten in den Briefkasten. aber wir kannten auch schon lange die Tabugrenzen des anderen. ohne uns selbst zu verletzen. sagte er.Die Flecken gingen nicht raus. Wir kannten uns besser als irgend jemand sonst. Ich vergaß die Idee. war der Krieg um diese Grenzen beendet. was er anderswo in der Zwischenzeit gelernt hatte. »hier hast du den Schlüssel für die Wohnung. mein altes Schätzchen«. Wir hatten den Preis bezahlt. konnten wir uns nun das Überschreiten der eigenen Tabus gegenseitig zum Geschenk machen. unsere Abneigungen waren wieder unser persönliches Kennzeichen geworden. daß er mir zeigen wollte. Konnte unbedacht alles fordern. sagte ich. Ich hatte nichts mehr zu verlieren. Jetzt hatten wir das Ziel erreicht: Vollkommene Hingabe. Er kannte mich besser als alle anderen Männer.« 145 . Wir kannten unsere erogenen Zonen schon längst. Jetzt. Also tschüs. Die Nacht der Wunder. »Na. war jetzt nicht mehr ein Zeichen fehlerhafter Liebe. Ich kannte ihn besser als alle anderen Frauen.« An der Tür drehte er sich noch mal um: »Schließ bitte die Tür zweimal ab. »Du brauchst jetzt noch nicht aufzustehen«. mein altes Herzblatt«. nachdem wir uns getrennt hatten. Daß er dies nicht wollte und ich jenes nicht.« Ein Kuß zum Abschied: »Mach’s gut. Den totalen Orgasmus. »Na. Wir liebten uns außer Konkurrenz. die Wünsche des anderen zu respektieren. aber es wurde eine rauschende Nacht. sie waren ohnehin identisch mit den in den Illustrierten aufgelisteten erogenen Zonen. Bemüht. sagte Albert am nächsten Morgen.

obwohl ich den Schriftzug stundenlang vor Augen gehabt hatte! Mein Unterbewußtsein. 28. dann merkte ich. Ich versteckte die Zettel. für die Wahrnehmung von Werbung zuständig ist. wie jedes Kleinkind weiß. und schrieb auf 97 neue Zettel ›Bayer’scher Waldbote‹. ehe ich nach Hause ging. warf ich den Schlüssel in den Briefkasten. als ob ich schon wieder eingeschlafen sei. daß ich siebenundneunzigmal ›Bayerischer Waldbote‹ statt ›Bayer’scher Waldbote‹ als Werbeträgerangabe auf meine Zettel geschrieben hatte. Die Sekretärin sagte nur ins Telefon: »Bin total im Streß.Ich tat. Kapitel Wegen meines Make-ups mußte ich von Alberts Wohnung zu mir fahren und kam deshalb erst gegen Mittag in die Agentur. Ich arbeitete zwei Jahrgänge eines auf Schädlinge des Waldes spezialisierten Reklameblattes durch. Als ich ging.« An diesem Tag lernte ich die Gefährlichkeit des Borkenkäfers kennen. damit niemand in der Agentur merken konnte. auf die ich ›Bayerischer Waldbote‹ geschrieben hatte. daß in dieser Zeitschrift nur Anzeigen eines einzigen Pharmakonzerns abgedruckt waren. Nachts machte ich mir Vorwürfe. daß ich gegen Werbung so 146 . hatte total gepennt. das. daß ich diesen ausgeklügelten Werbetrick nicht bemerkt hatte. Gegen Abend wunderte ich mich. Dienstag riß ich vorsichtig die 97 Anzeigen von den Zetteln.

»Die Marke. Ich hatte lediglich keinen neuen Mann an meiner Seite. »Na. Mein Problem stellte sich nun so dar: Eigentlich war ich keine verlassene Frau. ihm wieder abzusagen. Es mußte ihm klar sein. um mich nicht ganz zu verlieren. bei ihm in der Wohnung«. »Aus Erfahrung optimal« – das war ich. ich hätte es mir anders überlegt. sagte ich und lachte herzlich. sagte Albert. Eigentlich war ich mit Albert verabredet. müßte sich nun aber mehr Mühe geben. Nichts fördert bekanntlich mehr die Harmonie als Distanz. Es sei ihm gerade recht. abends ins Café Kaputt zu gehen. Das Umkleben und Umschreiben der Zettel war einfach. Eigentlich könnten wir unsere Beziehung auf dem erreichten Niveau fortsetzen… Albert konnte keine Besitzansprüche mehr an mich stellen. Am Samstag rief Julia an. Julia sah ziemlich verändert aus: Sie hatte ihre mausbraunen Haare leicht mahagonirot getönt – nicht sehr stark. Ich sagte ihm. wo wir gewesen seien. Abends rief ich Sieglinde an und erwähnte beiläufig. Sie hätte Lust und endlich mal Zeit. Außerdem trug sie nicht wie sonst 147 . Albert würde nicht so schnell von mir loskommen.resistent war wie ein Borkenkäfer gegen das Pestizid vom letzten Jahr. ergriff aber gerne die Gelegenheit. es sei besser. Ich konnte mich voll auf meine Gedanken über Albert konzentrieren. Die vergangene Nacht war ein entscheidender Schritt hin zu einer harmonischen Trennung gewesen. wenn wir uns dieses Wochenende nicht schon wieder sehen würden. daß ich am Wochenende mit Albert unterwegs gewesen war. mir zu gefallen. Sie fiel prompt darauf rein und fragte. die für Qualität bürgt« – das war ich. daß er nichts Besseres als mich finden würde. aber immerhin.

148 . Sie erzählte nämlich. Sie wirkte rundum erneuert und gar nicht mehr mausig. »Das Kapitel Gottfried ist damit abgeschlossen«. sondern einen Pulli.Klamotten in undefinierbaren Erdfarben. Apfelläuse. sagte sie und lachte. sagte Julia. sagte ich. daß sie am 10. Dann tranken wir noch einen Wein auf Julias nahe Zukunft. »Man kann nie wissen«. dem 11. Mai. der richtig zitronengelb war. Ich solle unbedingt Albert zum Fest mitbringen. sondern daß ich nicht wüßte. Mai Geburtstag habe. Wer weiß. wußte sie bereits gut über Rebläuse. In anderthalb Wochen geht das Semester wieder los.« »›Hoffen und Harren hält manchen zum Narren‹ – hat meine immer gesagt. und am Samstag. – Einerseits hätte ich Albert durchaus gerne Julia vorgeführt – andererseits: vielleicht würde es auf dem Fest einen interessanten Psychologen für mich geben? Ich sagte Julia aber nichts von diesen Überlegungen. Da ich Julia in den vergangenen zwei Wochen dreimal angerufen hatte. Wir tranken einen Wein auf meine nahe Zukunft. ob Albert Zeit hätte. was passiert!« »Du bist hartnäckig. Wollschildläuse und sonstige Läuse Bescheid.« »›Beharrlichkeit führt zum Ziel‹ – hat meine Mutter immer gesagt. Zweiunddreißig wurde sie schon! Aber sie hatte ja bereits die Ehe hinter sich. sagte Julia. Wir sprachen deshalb gleich über Albert. Sie hatte auch neue Designer-Jeans. wollte sie ein Fest machen. Julia begrüßte die Entwicklung zur harmonischen Trennung zwischen Albert und mir sehr.« »Man kann nie wissen«. aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ich lachte auch: »Nein.

»Ein Chefarzt?« fragte sie neidisch. was ich jetzt so mache. zweitens war Dörte sowieso verheiratet. es handelt sich um eine Person des öffentlich-rechtlichen Lebens. Dörte war ebenfalls tief beeindruckt. daß Albert mich zurückrufen würde. um von neuen Investitionen ihrer ehelichen Gemeinschaft zu berichten. die ehemalige Freundin von Albert. daß sie Albert weitererzählen würde. Sie wußte noch nicht. Ich war immer 149 . Dörte ist die typische Krankenschwester: gleich nachdem sich Albert von ihr getrennt hatte (meinetwegen von ihr getrennt hatte!). Ich gab Dörte die neue Telefonnummer von Albert. weil ich dachte.»Vielleicht hab ich auf dem Fest eine Überraschung für dich«. »Ich darf keinen Namen nennen. Nun. Deshalb hat sie Albert verziehen.« – Das hatte ich mal jemand sagen hören. so hieß das im Klartext. sagte Julia »Gibt es deine wunderbare Eierlikörtorte?« »Du darfst gespannt sein. Ich blieb dann den ganzen Abend zu Hause. und drittens war zu vermuten. Sie fragte. und es hatte mich tief beeindruckt. rief sie ihn ab und zu an. Ich sagte Dörte. Seit sie verheiratet war. Einen Oberarzt sogar. ob ich einen neuen Typen hatte. In der dritten Woche meiner Konkurrenzbeobachtung nahm ich meinen Hegel mit in die Agentur. ich hatte Zeit. daß Albert hatte ausziehen müssen. eifersüchtig zu sein.« In der folgenden Woche rief eines Abends Dörte an. heiratete sie einen anderen Arzt. Tat er aber nicht. daß auch ich mich sozial nach oben orientiert hätte. was ich jetzt mache. was ich ihr erzählt hatte. Wenn Dörte fragte. Erstens hatte ich es nicht nötig.

– und des Organs des Pissens naiv ausdrückt. theoretisch an meinem Film weiterzuarbeiten. um das Buch wegzuräumen. Auf Seite 202 fand ich ein wahnsinniges Zitat: »Das Tiefe. aber nur bis in sein vorstehendes Bewußtsein treibt und es in diesem stehen läßt – und die Unwissenheit dieses Bewußtseins. das in der Vorstellung bleibende Bewußtsein desselben aber verhält sich als Pissen. Mechanisch schnitt ich die Anzeigen aus und blätterte dabei in der »Phänomenologie des Geistes«. 150 . Schließlich saß ich den ganzen Tag alleine da. des Organs der Zeugung. welche an dem Lebendigen die Natur in der Verknüpfung des Organs seiner höchsten Vollendung. Es kam aber niemand. Ohnehin bot mein Job die idealen Bedingungen für ein intensives Hegel-Studium. Ich mußte.« Wer hatte das gedacht von Hegel! »Pissen« schrieb Hegel! Ich suchte weiter. was das ist. – Das unendliche Urteil als unendliches wäre die Vollendung des sich selbst erfassenden Lebens. würde ich das rechtzeitig genug hören. und falls jemand kommen würde. was es sagt. das der Geist von innen heraus. ist dieselbe Verknüpfung des Hohen und Niedrigen. was das bedeutete.noch nicht dazu gekommen. Gottfried unbedingt die Stelle zeigen und ihn fragen. fand aber keine solche Stelle mehr. Es war höchste Zeit. Aber die genügte mir. ich mußte mich auf das Wiedersehen mit Gottfried vorbereiten.

bitte. daß ich fast sämtliche Zeitschriften zerschnitten hatte. sogar wenn er 100. weil das Wetter schön war. der nie verlöschen würde.000 Mark auf seinem Konto hätte. Ich sagte also.« Ich sagte ihm. 151 . Ich sah die Habgier in seinen Augen aufblitzen. aber in der ersten Woche ist bekannterweise nie was los. Ich brauchte es dringend. Was Hegel über das ›Unglückliche Bewußtsein‹ schrieb. Albert holte sich an einer Eisdiele ein Eis und brachte mir keines mit. Wir trennten uns nicht harmonisch.000 Mark« schluckte Albert. Das Kapitel mußte ich unbedingt als nächstes lesen. Es war ein Glanz. daß ich am Montag wiederkommen würde. »Kauf dir selbst ein Eis. Bei den Worten »100. Ich ging alleine weiter spazieren. Händeringend fragte er mich. Wir gingen dann miteinander spazieren. Der Personalchef war sehr dankbar. Das neue Semester begann zwar am Montag. noch den Rest bearbeiten könnte. Ich zeigte dem Personalchef. ob ich. Er war geiziger denn je zuvor. wenn du ein Eis willst. weil ich meinen pinkfarbenen Satinrock bügeln mußte für Mittwoch. Kapitel Die Stunden krochen dahin wie die Salatschnecken. traf bestimmt genau auf Albert zu. Am Sonntagvormittag brachte Albert mein Bügeleisen zurück. wäre es ihm nicht genug. Endlich war Freitag. um bis zum letzten Schädling weiterzuarbeiten. Nur am Mittwoch war das Seminar bei Gottfried.29.

Kapitel Ich betrat den Seminarraum. der mich erfreut ansah: »Ach. gab mir zum Abschied einen Klaps auf den Po und sagte. Es war die letzte Anzeige. was euch kaputtmacht« war der Slogan für ein todsicheres Mittel gegen den Roten Mehltau. und es war Mittwoch. Ich senkte meine siebenfach getuschten Wimpern und sagte zu Gottfried Schachtschnabel. genau 13 Uhr 47 Minuten. beziehungsweise hatte sie überhaupt keine Stunden eingetragen. und ich sei immer um 10 Uhr gekommen und um 18 Uhr gegangen. die ich Montag vor zwei Wochen zu spät gekommen war. gab den Blick auf mein schwarzes Top frei und 152 . 30. weil sie so im Streß gewesen sei.3 cm zu 159 Mark! Ich raste nach Hause: In zwei Stunden begann Gottfrieds Seminar. Ich bekam mehr Geld ausbezahlt. als ich erhofft hatte. Ich raste los und kaufte mir bei ›Glück auf Pumps‹ die goldenen Stilettos. er würde bei Gelegenheit gerne auf mich zurückgreifen. nicht abgezogen. Absatzhöhe 11. – Die Sekretärin hatte die Stunden. die ich aufklebte. Ich widersprach nicht. ich sei eine Naturbegabung für Konkurrenzbeobachtungen.»Macht kaputt.« Dann ließ ich meine Jeansjacke von den Schultern gleiten. als sei ich auf 11. sagte sie zum Personalchef.3 cm hohen Stilettos zu 159 Mark geboren. Der Personalchef sagte. hallo.

Ich konnte seine Augen sehen. Ich erhob mich langsam. daß es besser sei. 153 . die weitere Strukturierung des Seminars auf nächste Woche zu vertagen. Ich stopfte meinen Hegel in die Brusttasche meiner Jeansjacke.setzte mich mit meinem Satinrock in die letzte Reihe. Nach einer halben Stunde waren nur drei Studenten und zwei andere Frauen in handgestrickten Baumwollpullis da. meinte Gottfried. Während ich meinen Hegel auf den Tisch legte. Ich lächelte bescheiden. Nachdem das erledigt war. Ich kannte nur einen der Typen. »Jedenfalls die Durchschnittsstudenten«. »Also dann bis nächste Woche«. ob ich statt »Ach. Distanz ist besser. lächelte ich verführerisch. hallo Gottfried« – das hätte meiner Begrüßung gewiß eine persönlichere Note gegeben. Es war Mai und noch ziemlich hell. sagte Gottfried. wer ein Referat machen wolle über ein Kapitel aus der ›Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos‹ von Godard. Gottfried fragte. er stellte nur die Bedingung. Gottfried knipste das Licht aus. Ich überlegte. war in der ersten Semesterwoche nichts los. und den auch nur vom Sehen. daß Gottfried ihm die Seiten aus dem Buch herauskopiert. Nur noch Gottfried und ich waren im Seminarraum. sagte er und sah mich an. Die anderen Studenten waren schon weg. Einer der Typen erklärte sich bereit. Er wartete an der Tür auf mich. Und er würde auch sein FreitagSeminar vertagen. da die Studenten gewiß erst nächste Woche eintrudeln würden. verführerisch zu lächeln. Wie allgemein erwartet. hallo« vielleicht besser hatte sagen sollen »Ach. entschied ich und hörte auf. Es seien dafür 22 Seiten zu lesen. wäre jedoch vielleicht eine Spur zu plump gewesen.

dann durch mein Ava-Gardner-farbenes Haar und sagte: »Du Gottfried«. sagte er. »ich bin mit meinem eigenen Wagen da. »Bis demnächst«. Ungefähr um acht sollte man kommen. ohne umzuknicken. liebt nicht mehr. Nachher tat es mir dann leid – es war zwar ein toller Auftritt gewesen. sagte er. 31. Das paßte zum zweiunddreißigsten Geburtstag fand ich. Meine goldenen Stilettos blitzten in der Abendsonne. Kapitel Eine Oldies-but-Goldies-Platte kaufte ich für Julia. soll ich dich nach Hause fahren?« Ich strich meinen pinkfarbenen Satinrock glatt. Es 154 . Zweitens hatte meine Mutter immer gesagt.« »Ach«. hatte Julia gesagt. Heringssalat zu helfen. hatte sie dankend abgelehnt.»Du Constanze«. ich machte eine kleine Pause. aber Gottfried war ja so sensibel. Nudelsalat. strich mit meinen pinkfarbenen Fingernägeln erst über meinen Nacken. zu meinem Mini-Fiat. Und dann sagte er nichts mehr. »Constanze. Gottfried warten zu lassen. Mein Angebot. Erstens hatte ich noch Albert. sagte ich und ging. Andererseits: ich konnte es mir leisten. als Männer warten zu lassen: »Wer nicht mehr wartet. ihr beim Kartoffelsalat.« Gottfried wartete noch. daß nichts der Erotik förderlicher sei. Er hatte mir nachgestarrt wie eine todgeweihte San-JoséSchildlaus.

Albert hatte nicht mitkommen wollen. ihre Emotionalität auszuleben! –. wenn ich gewußt hätte. das sei alles wenig Arbeit. »Rat mal. das hätte ich nie gedacht. daß Gottfried Schachtschnabel kommt. Wie hast du ihn überhaupt eingeladen? Hast du ihn irgendwo getroffen?« »Erzähl ich dir später detailliert.« »Gottfried Schachtschnabel? Wie kommt denn der her? Hast du ihn eingeladen? Also ehrlich.kämen nur acht bis zehn Leute. Julia würde mir trotzdem glauben. »Warum hast du mir das vorher nicht gesagt? Ich hätte etwas anderes angezogen.« »Christian? Gerd? Ingo? Werner? Alfred? Sonst jemand aus dem Café Kaputt?« Julia schüttelte den Kopf. »Keine Ursache«. er weigerte sich einfach. sagte Julia bescheiden. sie mußte auf das Baby ihrer Schwester aufpassen. ich hab dich ja so wahnsinnig lieb«. nur war meine Stimme etwas rauh und nicht ganz so glockenhell. wie es die Stimmen der Frauen sind. »Ach.« Julia grinste: »Gottfried.« Aus spontaner Herzlichkeit fiel ich Julia um den Hals. ihre Emotionalität auszuleben. »Ist etwa Albert doch gekommen?« »Nein. »Karl-Heinz?« »Der sowieso. wer auch gekommen ist?« begrüßte mich Julia. Aber ich wußte. die gelernt haben. Das finde ich wahnsinnig lieb von dir. und Julias Nachbarin Birgit war auch verhindert.« »Gottfried? Welcher Gottfried?« »Gottfried Schachtschnabel. Ich kam ungefähr um neun. die gelernt haben.« 155 . sagte ich – genauso wie es die Frauen sagen.

war ich im Institut gewesen. »Lange nicht mehr gesehen«. Kaum hatte ich zehn Minuten neben der Tür des Dozentenraums gestanden und die Aushänge und Seminarankündigungen dort am Schwarzen Brett gelesen. In Julias Wohnzimmer war niemand. Süß. »Was willst du trinken. daß Julia mir Gottfried Schachtschnabel als Überraschung präsentierte. als er mich sah. das sei eine sehr gute Frage. Ich strahlte Julia an. als Gesamtkunstwerk bewertet zu werden – vorausgesetzt natürlich.Ich war wirklich wahnsinnig glücklich. als ich ihn sah. »Wie kommst denn du hierher?« fragte ich Gottfried. und wir sollten unbedingt im nächsten Seminar darüber diskutieren. weil da die Stereoanlage lief. daß er trotzdem da sein würde. auf Julias Bett. weil ich gehofft hatte. und als mir einfiel. Gottfried saß zusammen mit KarlHeinz. daß wir Frauen so solidarisch sind. wie er sich für mich als Hausherr aufspielte. sagte Gottfried zu mir. da kam er auch schon den Flur entlang. Ich war ziemlich verlegen. 156 . er war ziemlich verlegen. Erst gestern hatten wir miteinander geredet! Obwohl sein Seminar ausfiel. ob das Broadway-Musical den Anspruch erheben könne. Julias Sandkasten-Busenfreund. nur wolle er darauf keine pauschalisierende Antwort geben. Constanze?« fragte er mich jetzt. es wäre so konzipiert. Ich hatte ihn gefragt. Wie witzig er war. daß ich meinen pinkfarbenen Satinrock ohnehin schon am Mittwoch angehabt hatte. daß die herrschenden Verhältnisse adäquat widergespiegelt würden? Gottfried hatte gesagt. fand ich es sogar toll.

jedenfalls nicht direkt: »Macht die Tür zu«. »als Dozent liegen dir die Studentinnen zu Füßen. Ich sagte auch. Es war wirklich toll.« Also machte ich die Tür zu. »Wahnsinnig gemütlich«. Ich wurde ganz rot. Es war aus strategischen Gründen auch besser. Am Küchentisch saßen alle anderen Gäste. »bei dem Musikkrach kann kein Mensch Skat spielen. Karl-Heinz hatte Gottfried in Beschlag genommen. aß etwas Kartoffelsalat und zwei Buletten. als ich reinkam. das wäre aus strategischen Gründen schlecht gewesen. »Ist er nicht süß?« flüsterte ich Julia gerade ins Ohr. Mir zitterten fast die Knie. sagte eine Frau gerade. Ich setzte mich neben Karl-Heinz vors Bett. auch im Schneidersitz.« Er blinzelte Julia zu. »Was soll ich mit diesen blöden Hühnern?« sagte Gottfried. die zwischen den Salatschüsseln Skat spielten. rauchte zwei Zigaretten. ihn eine Weile allein herumstehen zu lassen. daß Gottfried direkt neben ihr stand. man hat mich freundlicherweise auch eingeladen. schnitt mir eine Grimasse und sagte: »Du bist davon natürlich ausgenommen. hoffentlich hatte er es nicht gehört. sagte Karl-Heinz zu Gottfried. Also ging ich in die Küche. daß er gekommen war. und vier Kolleginnen. sagte einer der Männer. es redete aber niemand mit mir. Karl-Heinz hockte im Schneidersitz vor Julias Bett.« Ich ärgerte mich sinnlos über diese plumpe Anspielung von Karl-Heinz. die strickten und rauchten. als ich merkte. wie toll ich das Fest fände. Drei Kollegen von Julia. »Du hast es gut«. ehe ich wieder ins Schlafzimmer von Julia zurückging.« 157 . Gottfried lag absolut lässig auf Julias Bett.»Ach.

Ich platzte vor Lachen.« Jetzt fing dieser Typ tatsächlich mit Albert an! Albert. »Und außerdem«. sagte Gottfried wieder zu KarlHeinz. wenn das rauskommt. »Julia hat mir erzählt. Es war zu komisch. daß dein Freund weg ist. Das sagte ich Karl-Heinz 158 .Wie witzig er war. Du weißt. Ich ging dann wieder in die Küche. um nicht dauernd lachen zu müssen. Ich kicherte. »Platz da. Ich kann es mir weiß Gott nicht leisten. und dann kam eine der strickenden Raucherinnen und schrie: »Hilfe! Mein Mann hat meine Wolle in den Heringssalat geschmissen!« Julia und ich lachten uns schlapp. In dem Moment kam aus der Küche ein Wahnsinnsschrei. sagte ich und bemühte mich. »ich bin doch nicht bescheuert und laß mich mit einer Studentin ein! Mensch du. Karl-Heinz trottete hinter mir her. ist totale Anpassung angesagt. daß du das alles nicht gehört hast. ernst zu bleiben. »hab ich aus Versehen Gottfried zu dir gesagt?« Julia war wohl ziemlich betrunken. sagte Julia. »So was.« »Klar«. ich hab nur einen befristeten Vertrag. Constanze. »Ich verlasse mich natürlich darauf. »Bist du nun endgültig eine alleinstehende Frau?« fragte er. Dicker«. Dicker«. Constanze. da drehen die mir einen Strick draus. flüsterte ich Julia zu.« Gottfried sah mich wieder an und grinste wieder. den hatte ich längst vergessen. Meine Wimperntusche war schon völlig verschmiert. Bis ich eine feste Stelle habe. sagte Julia zu Gottfried und setzte sich direkt neben ihn aufs Bett. »Du hast Dicker zu Gottfried gesagt«. daß rumgetratscht wird.

»Siebenundzwanzig«.« – Hatte er die Frechheit nun kapiert oder immer noch nicht? Nein. »Wie wär’s mit Vierfach-Teeny?« sagte ich und lachte. verlangte er. sagte ich sofort. »Und wie alt bist du echt?« fragte ich versöhnlich. Er glotzte beleidigt.« »Wenn mir ein Mann sagt.« Ich mußte wieder lachen. »Also. Karl-Heinz lachte aber nicht. »Wie alt bist du eigentlich?« fragte ich ihn.« Aha. dem hatte ich es gegeben. Karl-Heinz blickte überhaupt nicht durch. ich soll raten. Hahahaha. Ich ging dann ins Bad-Klo und probierte ein bißchen von Julias Parfüm. dann reagieren diese Knaben immer so. sage ich grundsätzlich bei jedem siebenundzwanzig. um eine Unterhaltung vorzutäuschen. Dann sagte ich noch: »Andere Väter haben auch schöne Söhne. sagte er. er hatte nicht kapiert. »Achtundvierzig«. jetzt hatte er die Frechheit also kapiert. hast ja auch schon ganz schöne Falten um den Mund rum. Er guckte geschmeichelt.auch. Glaubte er etwa im Ernst. daß er mir fast leid tat. weil ich mein eigenes vergessen hatte – 159 . sagte er. er ließ mich einfach stehen. Dann sagte er: »Du machst so einen gefrusteten Eindruck. wenn ich das zweite Mal raten soll. sagte ich – das sage ich immer. diesen Tattergreis mit dem Dreifachkinn und den Hängebäckchen und dem Hängebauch. wie alt er ist. für siebenundzwanzig halten? Karl-Heinz lächelte: »Na. ein sehender Mensch könnte ihn. ein klein bißchen älter bin ich schon. »Ich bin sogenannter Doppel-Twen«. Er starrte so blöde in die Gegend. rat noch mal«. »Rat mal«.

Dann fragte ich ihn: »Sag mal. wer mich hier erwarten würde. damit man sie im Nebenzimmer noch besser hören konnte. sagte Gottfried sofort. Gottfried lag noch immer auf dem Bett. aber was soll’s. bist du mit dem Auto hier?« »Ja klar«. Aber morgen könnte ich ja behaupten. Julia hockte jetzt auf der Bettkante. die ich Julia mitgebracht hatte. wenn Frauen so direkt vorgehen.« Ich mußte schon wieder kichern. »Du fährst doch auch meine Strecke«. ich sei nur so forsch gewesen.ich hatte ja nicht gewußt. Es war eines meiner alten Lieblingslieder drauf: ›Cupid‹ von den ›Everly-Brothers‹. Für mein Alibi trank ich gleich einen großen Schluck und sah Gottfried herausfordernd an – aber so. weil ich so besoffen gewesen sei. Die Zeit war gekommen. sagte er. und legte die Oldies-but-Goldies-Platte auf. als ich hereinkam. »Du riechst aber gut«. daß es die anderen nicht merken konnten. daß das ein knallharter Aufriß war. »Cupid! Draw back your bow Cupid! Let your arrow flow straight to my lover’s heart for meeee…« So ging es los. dachte ich. »lecker. Sehr passend. sagte ich. Im Wohnzimmer machte ich die Stereoanlage ein bißchen lauter. Ich wußte natürlich. Es kam wieder der tolle Refrain: »Cupid! Draw back your bow and let your arrow flow 160 . Deshalb hatte ich die Platte auch gekauft. Männer mögen es bekanntlich nicht.

»ich schlaf hier.straight to my lover’s heart for me. fiel mir doch auf. I’ve loved you for a long time and now it’s time to make you my baby make you my baby…« »Ich glaube«. daß ich es nicht laut gesagt. um möglichst bald zusammen mit Gottfried… Julia und Gottfried Schachtschnabel! Es war nicht zu fassen! Gab es denn keine Solidarität mehr unter Frauen? 32. Im Grunde genommen wollte sie natürlich gleich uns alle aus dem Haus haben. Julischka«. Ich kicherte zu Julia hin. sagte er zu Julia. und obwohl es so dunkel war. das heißt. sagte ich. daß mich Karl-Heinz nach Hause bringt. »warum wirst du so verlegen?« Dann küßte er Julia einfach auf den Mund. sie sagte. Nun lachte Gottfried auch: »Na. »Das verstehe ich nicht«. sondern nur gedacht habe und dann gegangen bin. ich hoffe immer noch. daß Julia knallrot geworden war. Ich kann es nicht erklären. dauernd brachte er mich zum Lachen. ohne was zu sagen. wie witzig er war. ich wirke etwas angeschlagen. sagte Gottfried.« Ach. ich kann es nur ganz banal sagen: Ich war wie 161 . Julia wollte. Kapitel Julia und Gottfried Schachtschnabel.

Der arme Gottfried tat mir sehr. ihr zu verzeihen. denn ihre Affäre mit Gottfried Schachtschnabel – falls überhaupt was dran war – konnte nach menschlichem Ermessen nicht lange gutgehen. Ich überlegte: Julia hatte doch absolut keine Ahnung von den romantischen Klischees des Broadway-Musicals! Sie wußte überhaupt nicht. daß ein Wasserglas in einem Fellini-Film keine symbolische Bedeutung hat. ich hätte mir denken müssen. daß Julia mich aufsuchen würde. Mehr dachte ich nicht. Trotz allem. um sich zu entschuldigen. Aber was fand Gottfried an ihr? Wahrscheinlich hatte sie Gottfried sexuell hörig gemacht. ihr Gottfried Schachtschnabel vorzustellen. daß sie auf ihn abfahren würde. so einen tollen Mann traf sie nicht alle Tage. Ich hatte über solche Fälle schon gelesen. und der Möglichkeit. Schon gar nicht im Schuldienst. Zwei Tage wartete ich darauf. Sie mußte sich ja wild ins Zeug gelegt haben. Julia und Gottfried Schachtschnabel.betäubt. Oder sollte ich so tun. bis sie das gerafft hatte. wenn sie angekrochen käme. sondern ein Wasserglas als solches darstellt – aber das würde vermutlich Jahre dauern. Julia und Gottfried Schachtschnabel. Ich schwankte zwischen der Vorstellung. was er mir angetan hat. sie aus dem Haus zu weisen. sehr leid. Julia und Gottfried Schachtschnabel. was ein visuelles Superzeichen ist! Oder was ein Wasserglas in einem Fellini-Film bedeutet! Gut. als wäre überhaupt nichts geschehen? Das war auch eine Möglichkeit. Ekelhaft. Es war blöde von mir gewesen. Gottfried könnte ihr beibringen. Bisher kannte sie nicht mal den Unterschied zwischen einer weichen Überblendung und 162 .

ernst und Vertrauenswürdig zu sprechen: »Ich wollte es dir schon die ganze Zeit sagen. dem Intellektuellen. dieses blöde Gelache. Ich auch. »das hat sich zufällig ergeben. unterhalten? Hatte Julia jemals Hegel gelesen? Es war mir alles schleierhaft. und ich dachte. als sei überhaupt nichts. »Du könntest mir wenigstens erklären. Wahrscheinlich schämte sie sich und hatte sich nicht getraut. Nach zwei Tagen Warten rief ich Julia an. daß du den Gottfried eingeladen hast. Zuerst tat sie so. Dann sagte ich aber doch: »Wie geht es deinem Gottfried?« »Unserem Gottfried geht es gut«. Du hättest mir ja schließlich was davon sagen können!« »Ach«. die über ihre eigenen Witze lachen. neurotisch sind. sie lachte blöde. daß Leute.« Sie lachte wieder blöde. Außerdem sah ich objektiv besser aus. rechts um die Ecke. Worüber wollte sie sich mit Gottfried. »Hast du ihn gleich damals nach dem Vortrag abgeschleppt?« »Ach Quatsch«.« 163 .« »Erst seit Ostern? Wo hast du ihn denn an Ostern aufgerissen?« »In der Weißbierstube. sagte sie. aber irgendwie war nie der richtige Zeitpunkt.« »Seit wann kennt ihr euch schon?« – Fast hätte ich gefragt: »Seit wann betrügt ihr mich schon?« »Erst seit Ostern. sagte sie.« »Da hast du recht.einem harten Schnitt. sich bei mir zu melden. Ich überlegte. wie es kam.« »Du lügst. wie er das aushalten konnte. und nun bemühte sie sich.

falls ich ihr erlauben würde.« »Sind sie schon lange geschieden?« »Die leben seit vier Jahren nicht mehr zusammen. in der Sonnenallee irgendwo. Was glaubst denn du?« »Aber stand er nicht immer den bürgerlichen Institutionen sehr kritisch gegenüber?« »Er hat wegen seiner Schwiegermutter geheiratet. und die Dame ist abgerauscht. Und die Frau.« »Wie?« »Ich war mit Karl-Heinz in der Weißbierstube was essen. Angeblich hatte Gottfried sich an Julia erinnert. sich an jedes »Ahh« und alle »Hmms« jenes Abends zu erinnern. hat er mir erzählt. »Gottfried Schachtschnabel war doch nie verheiratet!« »Natürlich war er schon verheiratet. die hätte seine Frau und ihn sonst enterbt. und da kam er rein mit einer Frau. wütend abgerauscht war. Seine Ex-Frau wohnt nämlich auch hier. Was Julia dann erzählte.« »Über was haben die sich gestritten? Hat er dich zuerst erkannt oder du ihn? Was heißt Ex-Frau? Willst du mich verkohlen?« Julia sagte. Das weißt du doch. sei seine Ex-Ehefrau gewesen.« 164 . dann würde sie sich aufrichtig bemühen wollen. Dann hat er sich mit der Frau gestritten.« »Ja. Der Mann ist sechsunddreißig.»Gottfried wohnt doch in Lichterfelde. hatte sich Gottfried zu Julia und Karl-Heinz gesetzt. Ich konnte es eigentlich nicht glauben: »Ex-Ehefrau oder Ex-Frau?« fragte ich. sich was zu trinken ans Telefon zu holen. aber er ist manchmal hier in der Gegend. mit der Gottfried gekommen war. mit der Gottfried gekommen war. war überaus erstaunlich: Nachdem diese Frau.

»sie kann doch so mit dem Typen von der Baubehörde zusammenleben. sagte ich. geschieden zu 165 . »er hat mir nicht mal einen Strauß Rosen zum Abschied geschenkt. es ist ja bekannt. Liebe braucht doch keinen Trauschein.« »Finde ich aber toll. Gottfried sagt das auch.« »Ich wünschte.« »Versteh ich nicht«. sagte ich. daß die bürgerlichen Institutionen die Antipoden der Romantik sind. Und. Albert hätte auch soviel charakterliche Größe«. hat wohl häufig depressive Anfälle. denn der hat mit seiner Ehefrau ein Haus gebaut. dachte ich laut vor mich hin. daß der von der Baubehörde. daß Gottfried Eheerfahrung hat!« »Kinder haben sie keine. mit dem Gottfrieds Ex-Frau liiert ist.»Ich wußte nicht. solange der noch verheiratet ist. Inge.« Dann erzählte Julia. »Das Problem ist. Ganz im Gegenteil.« – Dieser Stilbruch ärgerte mich immer noch. daß sie sich mit Gottfried viel über ihre beiden verpfuschten und unnötigen Ehen unterhalten hätte und daß es doch sehr verbindend sei. »Die haben sich sicher auch sehr harmonisch getrennt. noch verheiratet ist und sich nicht scheiden lassen will. also die Ex-Frau von Gottfried. Gottfried kann einem schon unheimlich leid tun. weil sie mit ihrem Liebhaber nicht zusammenleben kann. daß er sich so um seine ExEhefrau kümmert und noch mit ihr in die Kneipe geht nach der Scheidung«. Julia ging nicht darauf ein.« »Sie hat ihn wegen eines Kavaliers von der Baubehörde verlassen. Hat Gottfried ihr und dem Typen von der Baubehörde das nicht erklärt?« Julia unterbrach mich: »Der neue Liebhaber von Gottfrieds Ex-Frau ist eben ein totaler Idiot.

»Keine Ahnung«. daß sie mit ihrer Eheerfahrung ziemlich angab. sagte sie. Verzicht zu leisten.« Ich wurde wieder etwas milder gestimmt.« Dann lachte sie wieder dämlich und fragte: »Sag mal. daß der Gottfried mit mir…« »Mit wem denn dann bitte?« »Du bist doch emotional noch auf deinen Albert fixiert. Sie lachte wieder. daß ich überhaupt nicht sauer sei. und daß Gottfried mit dem bürgerlichen Ehe-Firlefanz nichts am Hut hat. spontane Beziehung ohne Besitzansprüche zwischen uns. Also nimm es nicht so tragisch. wie froh ich bin. – Ich hatte schon so oft gelesen.sein.« »Weißt du. nachdem ich diesen Satz gesagt hatte. brauche ich dir nicht zu erzählen. Ich hatte einen vollkommenen Haß auf Julia. »ich hoffe. ich glaube. daß ich geschieden bin. bist du sauer?« Ich sagte ihr. »Du weißt genau. Es ist eben eine offene. Irgendwie schien sie das zu merken. sagte ich. daß es nicht nur edel sei. ehrlich.« Dann sagte sie noch: »Der Gottfried hat dich auch unheimlich gerne. »Es tut mir ja so leid«. wir können trotz allem gute Freundinnen bleiben«. nur unheimlich traurig. »Und jetzt heiratest du Gottfried?« fragte ich ziemlich sauer. sagte sie. »Weißt du. sondern daß im Verzicht das wahre Glück liege. und ich hatte das Gefühl. weil sie mich so angelogen hatte. Ich prüfte meine Gefühle.« »Schon gut. Und von daher sowieso bindungsunfähig.« 166 . es hat überhaupt nichts mit dir zu tun. »da muß ich erst Gottfried fragen. du verzeihst mir. Ich wollte dich nicht kränken.

Es war mir immer noch schleierhaft. Aber sie war eben nur Schulkinder gewöhnt. was Gottfried und Julia verband. war ihr völlig egal. Dann bringst du endlich deinen Albert mit. auch ich hatte in meiner 167 . Wie ich vor den anderen dastand. der Gottfried hat ihn ja schon kennengelernt. Julia lachte wieder ihr blödes Lachen. aber was besagt das? Daß Gottfried Schachtschnabel mal in jungen Jahren von seiner Schwiegermutter ins Unglück getrieben worden war. »Das sagen wir dir nächste Woche. und mich schickte sie zu Albert zurück. alles Gute. daß sich Julia in geradezu beschämender Weise an Gottfried rangeschmissen hatte. Sie schnappte sich Gottfried. Also bis dann. nur ich nicht.« Was sollte ich nun tun? So einfach war das also für Julia.« Mir blieb die Luft weg. sagte Julia arrogant. beide hatten Eheerfahrung.Mir blieb fast die Luft weg. Ich hatte immer noch das Gefühl. Und daß sie meine geistige Verbundenheit zu Gottfried ignorierte und von verletzter Eitelkeit plapperte – ihre oberflächlichen Betrachtungsweisen warfen wirklich kein gutes Licht auf ihre psychologischen Fähigkeiten. »Gottfried Schachtschnabel war für dich nur die Idee einer Notlösung«. fuhr Julia fort. Gut. da treffen wir uns alle zusammen. »also stilisiere jetzt nicht aus gekränkter Eitelkeit eine nebensächliche Affäre zur romantischen Liebe deines Lebens. als ich wieder Luft bekam. »Gekränkte Eitelkeit« – das war die totale Frechheit. »Und wann heiratet ihr?« fragte ich. nun ja. »Das ist nur mein Rat als Psychologin«.

Albert war zwar manchmal ganz witzig. aber das war eigentlich auch schon alles. Albert. Mir. Aber Gottfried hatte daraus gelernt. was die bürgerliche Erziehung in meiner psychologischen Entwicklung versaut hatte. Albert war nicht der intellektuelle Gesprächspartner. wäre das nicht passiert. Hätte ich Julia nicht mitgenommen zu Gottfrieds Vortrag. Das Leben mit Albert wäre nur ein einziger Hickhack wegen seines Geizes. daß ich Albert heiraten sollte. Aber Gottfried gehörte nun Julia. mit dem ich aufarbeiten konnte.Jugend Fehler gemacht. Wir hatten keine gemeinsamen Interessen. Gottfried. und ich hatte was Besseres verdient. Sie hatte meine Spontaneität ausgenutzt. bei Julia konnte ich das kaum glauben. den ich brauchte. Das geistige Band zwischen uns war ein spinnwebzartes Fädchen. mich einfach zu Albert zurückzuschicken?! Ich wollte was Besseres als Albert. Sie war 168 . mir war doch Albert überhaupt nicht gewachsen. Mit Albert könnte sich mein Geist nie befreien. das war die Welt der großen Theorien. Mich und Gottfried – uns verband mehr. seiner Passivität und der Frage. Sie mit ihrer latenten Akzeptanz der bürgerlichen Institution war keine adäquate Partnerin für Gottfried. Und wie konnte sie es wagen. das Klo zu putzen. Wir hatten eine gemeinsame Basis: den Gleichklang unserer Interessen. und er hatte auch nicht diese bevormundende Art an sich. Schließlich predigte sie mir dauernd. Albert war getrieben von den Umständlichkeiten des alltäglichen Lebens. die die meisten Männer gegenüber Frauen an den Tag legen. mit meinem politisch-kritischen Bewußtsein. Albert war nicht der Mann. das war die dumpfe Wohnküche der kleinen Taten. wer dran ist.

Statt dessen. So lange. Diese Mesalliance konnte nicht länger dauern als einen Monat. zu Albert zurückzukehren. aber das war bei Gottfried natürlich nicht anzunehmen. aber Albert war ohnehin unsensibel. Sie hatte unsere Freundschaft ihren sexuellen Begierden geopfert. Und dann würde Gottfried zu mir zurückfinden. Oder? Was sollte ich nun tun? Auf Gottfried verzichten? Zu Albert zurückkehren? Auf Gottfried warten? Ich beschloß. Kapitel Ich hatte überhaupt keine Lust mehr. dann mußte sie ihn sexuell hörig gemacht haben. Hegel zu lesen. daß Sex out war? Ich war mir sicher: Wenn Gottfried ihr Lachen ertrug. und um mich auf die Auseinandersetzung mit 169 . So würde dieses Intervall auch zu seiner Läuterung einen entscheidenden Beitrag leisten können. Albert die Augen zu öffnen für die Theorien dieser Welt. bis er wieder frei war. um in meinen Armen das Glück der intellektuellen Gemeinsamkeit zu erleben. Aber derartige Beziehungen dauern nie lange – abgesehen von perversen Faszinationen. Höchstens drei Monate. bis Gottfried genug von Julia hatte. Wußte sie noch nicht. Ich könnte dafür in der Zwischenzeit versuchen. 33.meine beste Freundin gewesen. Das war vielleicht nicht ganz fair gegenüber Albert.

Um drei stand ich vor seiner Wohnungstür. Man plapperte über dies und das. daß eine Frage oft gar nicht als Frage. »So eine Überraschung«. als er den Hörer abnahm. daß zum Beispiel 170 . daß ich einen gleichberechtigten Partner suche.Albert vorzubereiten. wie stellst du dir deine Zukunft vor?« fragte ich zurück weil ich gelesen hatte. Das war keine Antwort auf meine Frage. um Mißverständnisse in der Fragestellung auszuschließen. »Irgendwie ist mir unklar. der mir Kommunikationsstrukturen bieten könnte. sagte ich. Am Mittwoch ging ich nicht in Gottfrieds Seminar: Meine Abwesenheit sollte ihm schmerzlich bewußt werden. Plötzlich fragte er: »Wie stellst du dir deine Zukunft vor?« »Und du. legte ich wieder auf. Mittags um zwei rief ich Albert an. gingen wir spazieren. seine Aussage zu präzisieren.« Weil wieder so schönes Wetter war. »so eine Überraschung. die auf das Wesentliche konzentriert sind. kaufte ich in der Buchhandlung am Uhrtürmchen ein fast wissenschaftliches Fachbuch über konstruktives Streiten und begann sofort mit der Lektüre. sagte Albert. sagte Albert. Albert meldete sich aber nicht. »Was soll ich erst sagen«. was du eigentlich willst«. Donnerstag war Feiertag. deshalb bat ich Albert. Ich sagte. sondern als Darstellung der eigenen Probleme gemeint ist. »Was willst du eigentlich?« Ich erzählte Albert also von der revolutionären Notwendigkeit. oberflächliche Interessengemeinschaften zu entlarven und sich von falschen bürgerlichen Formen der institutionalisierten Emotionalität zu befreien. Ich sagte.

was letzten Samstag auf Julias Party geschehen war. Traditionen zu hinterfragen. mich dir verständlich zu machen. suchst du einen Guru. politische Bewußtseinsbedeutung zubillige. auf Aggression mit Aggression zu antworten. Nachdem ich ihm mindestens noch eine halbe Stunde lang präzise die Möglichkeiten und Chancen einer nichtbürgerlichen von politischer Intellektualität getragenen Zweierbeziehung dargelegt hatte. daß er überhaupt nicht zugehört hatte. der Weisheiten absondert und keine Widerrede duldet? Ist es das. Gottfried Schachtschnabel«. daß Albert jeden Bezug zur arbeitenden Klasse verloren hätte und wie betroffen es mich mache. – Da man das aber nicht verbalisieren soll. konkrete. ob es mir gelungen ist. »Suchst du einen autoritären Macker.Gottfried Schachtschnabel meinem Denken einen tieferen Sinn gebe. sagte ich. Bitte gib mir ein feedback. geschweige denn kritisch zu analysieren. »Ach. Albert zu erzählen. sagte ich beiläufig. was du suchst. daß es falsch sei. fragte Albert: »Und was willst du konkret?« Ich hatte den Verdacht. daß er in den Konventionen der herrschenden Klasse verfangen sei und daß er nicht bereit sei.« »Soweit ich dich verstanden habe. »wie geht’s ihm denn?« »Wie üblich geht’s ihm«. sagte Albert.« Ich hatte gelesen. sagte ich deshalb vorschriftsmäßig: »Ich frage dich. Um von diesem Thema abzulenken. indem er den Strukturen meines Alltags eine ganz bestimmte. mein Zuckerpüppchen?« – Jetzt versuchte er 171 . Ich hatte keine Lust. und sagte deshalb nichts. der dir das Denken abnimmt.

« »Und wobei sollte ich nun konkret die Initiative zeigen?« Das war ja wohl der Witz des Tages! Er fragte mich. »Da solltest du aber dein hübsches Köpfchen nicht unnötig anstrengen«. Es war wieder kein harmonischer Abschied. fragte er wieder: »Also. sagte aber immer noch nichts. Aber im Grunde ist dir alles egal. Es hatte keinen Zweck. wo er konkret die Initiative zeigen sollte! Ich konnte mich nur noch fragen. Er war unbelehrbar. Als ich wieder zu Hause war. wir reden drüber. Albert würde sich nie andern. Du könntest vielleicht auch mal Initiativen zeigen. ob ich drei Jahre mit einem Roboter zusammengewesen war. meckerte Albert weiter. daß ich dir jedesmal alles vorkauen soll! Ich soll auch immer sagen. Unentschieden auf der ganzen Linie bist du. in welchen Film wir gehen sollen.« Weil ich aus wohlüberlegten Gründen immer noch nichts sagte. mir platzte der Kragen: »Drüber reden! Ich hab’s satt. Aber wenigstens eines war sicher: Etwas Besseres als Albert würde ich überall finden. ich ließ Albert einfach stehen und fuhr mit dem Bus zurück. schmiß ich das Buch über konstruktives Streiten in die Ecke. um was es mir ging! Ich war noch nicht geschult genug im konstruktiven Streiten. »Möchtegern-Gurus und Möchtegern-Revolutionäre gibt es in jeder Eckkneipe. wen wir einladen sollen. weil nämlich Sarkasmus meist versteckte Aggression ist.« Er hatte also immer noch nicht kapiert.sarkastisch zu sein. was willst du eigentlich?« Und dann sagte er: »Also sag schon. 172 . wohin wir in Urlaub fahren sollen. Es taugte auch nichts. Ich merkte es genau. wann wir miteinander bumsen sollen.

ob ich Strickzeug mitnehmen sollte. Dann nahm ich aber doch kein Strickzeug mit. Ich trug Turnschuhe und Wollsocken und hatte mir mit einem hautfarbenen Lippenstift einen natürlichen Anstrich gegeben. 173 . sondern nur als Worte präsent. Kapitel Ganz in Schwarz kam ich am nächsten Mittwoch ins Seminar. Schwarz unterstreicht meine Intellektualität. Gottfried sprach über einen interessanten Aspekt unserer Phantasietätigkeit: Er sagte. solche aufgepfropften Idealvorstellungen seien im Gegensatz zu den emotionalen Wunschbildern nicht visuell vorstellbar. Ich hielt es für angesagt. Ich hatte diesen Aspekt meines politischen Erscheinungsbildes in der Vergangenheit gegenüber Gottfried zuwenig betont. hinter denen man nicht mit dem Herzen stehen würde. Ich hatte mir überlegt. die man nur als Konventionen wiederholen würde. uns ganz konkret vorstellen könnten. endlich den Unterschied zwischen Julia und mir zu visualisieren. was wir uns wirklich wünschen. jedoch moralische Vorschriften und Normen. Je mehr man sich etwas wünsche.34. weil ich befürchtete. desto detaillierter könnte man sich die Erfüllung des Wunsches ausmalen. daß alle anderen Frauen im Seminar schneller strickten als ich. Dieser Konkurrenzsituation mochte ich mich lieber nicht aussetzen. als bildliche Szenen. um meine kritische Position gegenüber der Konsumgesellschaft stärker herauszuarbeiten. daß wir das. es könnte auffallen.

Ich grüßte Gottfried nur kurz. daß viele Studenten Schwierigkeiten hätten. was sich vom Zusammenleben mit Albert unterschieden hatte. Chlodwig fragte. »Die christlich gesteuerten Kindergarten«. was Gottfried erzählt hatte. sagte Gottfried Schachtschnabel. »Standesamt«. sagte dann einer.Wenn wir uns Filmszenen überlegen. Unterwegs dachte ich darüber nach. Aber ich 174 . »An was denkt ihr zum Beispiel. sagte Gottfried nur. das mußte wohl allen aufgefallen sein. als ich den Seminarraum verließ. wie es wäre. Er würde sich aber bis zum nächsten Mal erkundigen. und Beate sagte nach langem Nachdenken: »Einwohnermeldeamt. dabei könnten wir gewiß einiges über unsere geheimen Wunschwelten erfahren. »Bundesbahn«. Jedenfalls nichts. sollten wir einmal darauf achten. daß es Gottfried hören mußte. wenn Gottfried und ich zusammenleben würden.« Gelobt hatte Gottfried aber nur mich. wenn ihr ›Bürgerliche Institution‹ hört?« fragte Gottfried und sah mich aufmunternd an. »Sehr gut«. daß du dir Gedanken gemacht hast. die nicht strickte. ihre politischen Überzeugungen in überzeugende Bilder umzusetzen. wo man denn diese Visualisierungstheorie nachlesen könne. sagte ich sofort. Gottfried sagte. Außerdem sagte Gottfried. »Aha«. Es fiel mir aber nichts ein. sagte ich so laut. welchen Grad der Konkretion unsere Überlegungen für spezielle Szenen hatten. sagte Gottfried. sagte eine Frau. Ich versuchte mir vorzustellen. sagte einer in der ersten Reihe. »man merkt.« »Finanzamt«. »Hmm«. das könne er so aus dem Kopf leider nicht sagen – Psychologen hätten das festgestellt.

um was es ging.« Ich sagte. daß es mit Gottfried anders sein würde. daß dagegen abstrakte Normen nur als Worte hängenbleiben würden – daß diese Theorie nicht auf mich zutrifft. rief ich sofort Julia an. die politisch sauber sind – auch wenn die Strände dort total verdreckt sind… Es gibt nur Kaffee aus Nicaragua und nur noch Tee aus der Volksrepublik China – obwohl der aus Nicaragua viel teurer ist und der 175 . was man sich wünscht. »Das kann nicht sein«. Irgendwo hatte ich mal gehört. das weißt du genau. warum kannst du es dir dann nicht vorstellen? – Die langen Diskussionen am Abend? Über die Preispolitik der EWG? Oder über den Einfluß der protestantischen Ethik auf die Investitionsneigung der kapitalistischen Unternehmer? Beim Geschirrspülen plaudert man über den neuesten politischen Umsturz… Man macht nur in Ländern Urlaub. Zu Hause angekommen. kann ich mir kein konkretes Bild vorstellen. die von intellektueller Gemeinsamkeit getragen ist. bildlich vorstellen. daß mir spontan konkrete Bilder zum Begriff der bürgerlichen Institution einfallen. behauptete Julia. Ich sagte ihr ganz offen. Ich überlegte.wußte. »Vielleicht willst du das dann gar nicht«. sagte Julia. »Doch.« »Ja. man könne sich das. als ob sie nicht wisse. daß es Theorien mit begrenzter Reichweite gebe. Julias Theorie war mit Sicherheit sehr begrenzt. warum mir dann trotzdem nichts einfiel. daß ihre Theorie. »Selbstverständlich will ich das. »Bist du jetzt Beraterin von Gottfried geworden?« fragte ich als erstes. aber zu einer nicht-bürgerlichen Zweierbeziehung zwischen politisch und persönlich emanzipierten Partnern. Sie lachte und tat.

»Warum lachst du so blöde?« Meine Stimme war belegt. Der Neid vernebelte mein Gehirn. nur um unsere Probleme nicht sehen zu müssen. sie hatte Gottfried. Ich hatte nicht gedacht.« Ich war immer noch platt. die nicht synchronisiert sind. klärt man die Einschätzung der neuesten Hügelkämpfe in Albanien oder in der SPD oder die Probleme der Rentenpolitik in den Industriestaaten… Und am Wochenende geht man gemeinsam auf eine Demo oder ein Parteitreffen.« »Warum kannst du es dir vorstellen?« »Vorstellen! Daß ich nicht lache! Das habe ich erlebt! Mein Mann war Lehrer.chinesische Tee auch… Wichtig ist aber vor allem. Löschte meine Phantasietätigkeit. zur Entspannung sieht man einen dieser superlangweiligen politischen Filme. und der Mann in die Männerarbeitsgruppe und löst dort die Probleme der Welt generell. und abends. Ach was ging mir das auf den Wecker. sondern nur Untertitel haben… Soll ich dir noch mehr Tips geben?« Ich war platt. Ein Aktiönchen nach dem nächsten. Er war unablässig damit beschäftigt. Ich hörte Julias blödes Lachen wie aus weiter Ferne. War Julia etwa auch eine Intellektuelle? »Weil das alles blöde ist. daß man jeden Abend zu einer politischen Arbeitsgruppe geht – die Frau eilt in die Frauenarbeitsgruppe und löst die Probleme der erwerbstätigen Frau in der Bundesrepublik. daß Julia eine derartige politische Sozialisation vorzuweisen hatte – aber wie abfällig sie darüber redete! 176 . Wenn man sich zufällig mal zu Hause im Bett trifft. Warum konnte sich Julia das alles so konkret vorstellen und ich nicht?! Klar. die Weltprobleme zu lösen.

»Kommt dann Gottfried mit?« »Glaub ich nicht. im Café Kaputt. Den ganzen Abend konnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen. daß sie im Grunde gar keine Intellektuelle war. Aber trotzdem verabredete ich mich mit ihr. – Mit Gottfried hätte ich die Chance meiner politischen Selbstfindung ergreifen können. Julia war eigentlich kein Umgang für mich: Wenn sie nicht gerade log. daß sie jetzt keine Zeit mehr hätte.« »Was machst du denn die ganze Zeit mit deinem Gottfried?« »So oft sehen wir uns nicht. wie Gottfried auf Julias Bett lag. Ich holte tief Luft. Julia hatte die Erfahrung. um meine Aggression nicht verbalisieren zu müssen. da sei sie lange nicht mehr gewesen. Ich konnte mir schon denken. 177 .« Sie log wieder. Julia sagte. Irgendwie hatte ich die ganze Zeit das Bild vor Augen. dann machte sie sich über meine Lebensziele lustig. Der Neid in meinem Hirn mischte sich mit Trauer in meinem Herzen. was – oder wen! – sie jetzt erledigen wollte. aber wir könnten uns doch Freitagabend mal wieder treffen. Und nun gaukelte sie Gottfried etwas vor. Aber sie hatte diese Erfahrung nicht verdient. sondern sich bloß an ihren Mann geklammert hatte. Die falsche Schlange.Das bewies doch nur. sie müßte jetzt was erledigen.

sah auf die Uhr. Gottfried war hereingekommen. Kapitel Es macht mir nichts aus. Kaum hatte sie sich gesetzt. sah uns. ging mit der Handtasche aufs Klo. strich sich über die Augenbrauen. sagte Julia. »Hallo«. und ich sagte auch ganz lässig: »Hallo«. einen Pickel am Kinn hatte sie dick mit Abdeckstift übermalt. Um acht waren wir verabredet. war der Pickel wieder getarnt. kontrollierte ihre Fingernägel. »Eigentlich wollte er…«. »Nein. Julia hatte noch keinerlei Erklärung abgegeben. nun tappte sie mit dem Daumen mehrmals fest auf den Pickel. kramte sie nach ihrem Handtaschenspiegel. Als sie wiederkam. Dann suchte sie ihren Kamm in der Handtasche. bestellte einen Kaffee. offensichtlich hatte sie erst kurz vorher daran herumgezupft. dann lächelte sie. überhaupt nicht.35. als ob wir noch das alte. die Haut war noch etwas geschwollen. allein in die Kneipe zu gehen. rot glänzte der Pickel wieder. warf ihn zurück in die Handtasche. aber wenn ich auf jemand warten muß. warum sie zu spät gekommen war. Julia kam kurz nach neun. wischte die dicke beige Farbschicht dabei runter. 178 . sagte er zu mir zuerst. sah sich um. »Kommt dein Gottfried doch? Hast du dich mit sonst jemand verabredet?« Ich wartete auf eine Erklärung. die Haare waren lässig zerzaust. herzliche Verhältnis hätten. das macht mich verrückt. was soll sein?« sagte sie. »Ist was?« fragte ich.

Also. »ich muß sofort wieder gehen. Die Schmerzen werden schlimmer. wenn ich bei ihr bin. damit ich mir das dumpfe Glück der beiden ansehen sollte? Ich beschloß. fragte ich Julia: »Trinkst du jetzt einen mit?« 179 . Vorgestern hat Inge das erste Mal Reitstunden genommen. Hatte sie ihn herbestellt. sagte Julia. Erst als Gottfried weg war. »Inge hat angerufen«. Wie lange bleibt ihr hier?« »Weiß nicht«. sagte Gottfried zu Julia. sagte Gottfried. Als er sich gesetzt hatte. »Tut mir wahnsinnig leid«. daß ich mir bald überflüssig vorkommen würde. bestellte bei Niyazi. ich muß jetzt sofort zu ihr. sofort wieder zu gehen. Ich muß ihr was kochen. Ich konnte hierbleiben.« Julia starrte Gottfried an. vielleicht komme ich später wieder. und deshalb ist sie heute morgen auf der Treppe gestolpert und hat sich das Schienbein aufgehauen. sei bitte nicht bös.« »Ein Unfall?« fragte Julia. wie geht’s dir heute abend?« sagte er zu Julia und legte ihr die Hand auf die Schulter. sie hat den ganzen Tag nichts gegessen. noch einen Wein. ich war nicht versetzt worden. Ich hatte das Gefühl. das linke Bein kann sie überhaupt nicht bewegen. ich werde vielleicht den Notarzt rufen müssen. sie kann nicht mehr gehen. also nicht direkt. vielleicht muß ich sie sogar ins Krankenhaus bringen.»Hallo. lag seine Hand immer noch auf Julias Schulter. »Ja. und daher hat sie einen unglaublichen Muskelkater. sagt sie. solange ich wollte. dem Wirt. ich fühlte mich sowieso nicht gefragt. »sie ist krank. Wenns geht. »Hatte sie einen Unfall?« »Was ist passiert?« fragte ich.

Obwohl sie seit Ewigkeiten geschieden sind!« Ich sagte nichts. privat. Und seine ExGattin. fragt. Da war ich sicher.« Ich hatte Verständnis für Gottfried. »Ich dachte. um mich zu sehen. ohne mir zu antworten. da hat er gesagt: ›Ach wie schön.‹« »Hat er das wirklich gesagt?« »Genauso: ›Ach wie schön. kurz vor acht. Altmodisch und spießig war sie. da komm ich auch. daß ich mit dir hier verabredet bin. sagte sie nach ungefähr einer Viertelstunde. Aber jetzt – jetzt kommt er lediglich vorbei. ihn mal wieder außerhalb eurer Akademie.‹« »Aha. ohne rot zu werden. so würde das schon seine Berechtigung haben. um zu vermelden. Wenn er Julia versetzte. sagte sie. sagte Julia. »Wir kennen uns jetzt seit vier Wochen – also näher«. ich hab ihm gesagt. mindestens. »Was?« »Da ruft er vorher an.« Er war also auch gekommen. daß er bei seiner ExGattin antanzen muß. »Hör mal«. da komme ich auch. 180 . »und in der Zeit haben wir uns nur achtmal gesehen. du freust dich. sagte ich. zu sehen.Sie popelte an einem Brandloch in der Tischdecke herum und bestellte. »Es ist eine Unverschämtheit«. was ich mache. »wenn sie kaum mehr laufen kann! Ich hatte auch mal schlimmen Muskelkater…« »Das ist nicht das erste Mal. ich staunte über Julias Pedanterie! Als ob man das Geben und Nehmen in einer Beziehung an der Häufigkeit des Beisammenseins aufrechnen könnte. daß er plötzlich keine Zeit hat«. die hat er mindestens viermal gesehen.

er könne seine Ex-Gattin nicht hängenlassen.« Ihre Vorstellungen von einer Beziehung mit Gottfried waren offensichtlich falsch gewesen. dafür ist ihr Liebhaber zuständig! Aber für die sonstigen Dienstleistungen greift sie gerne auf ihren alten Ehemann zurück. dann muß er kommen und die Dame bedienen. »Was sollen wir jetzt machen?« fragte ich schließlich.« Deshalb schwiegen wir wieder eine Weile. daß sie keine adäquate Partnerin für Gottfried war. drüber zu reden. da bin ich sicher. der keine Zeit für mich hat. Dann sagte Julia: »Ich hab jetzt keine Lust mehr. Eigentlich waren wir verabredet gewesen. Dann sagte Julia: »Lange mache ich das nicht mehr mit.« »Daß ich nicht lache«. fragte ich trotzdem: »Was willst du eigentlich von Gottfried? Du hast doch gesagt. Ich hatte gewußt. so einen hatte ich schon«. sagte Julia und versank wieder in Schweigen. und ich hatte 181 . daß sie mit ihm zu schlafen wünscht. Heimlich zog ich die Augenbrauen hoch. spontane Zweierbeziehung ohne Besitzansprüche…« »Einen Mann. sagte Julia noch mal. Zum Beispiel jetzt!« »Find ich aber toll…« »Daß ich nicht lache! Was soll daran toll sein?« »Aber du bist doch mit deinem Ex-Mann auch so gut befreundet«.Julia wurde immer wütender: »Gottfried ist der Überzeugung. erinnerte ich Julia. Obwohl sie nicht mehr darüber reden wollte. Wenn ihr Liebhaber keine Zeit hat. Also nicht. »ihr habt euch auch ganz harmonisch getrennt. Wir schwiegen beide eine Weile. ihr hättet eine offene.

sagte ich. was es für Männer im Angebot gab. kam sie zurück. sagte Julia. jedenfalls nimmt er nicht ab. »Vielen Dank«. »aber du solltest zuerst die Situation derer. Der hockte sicher vor dem Fernsehapparat. obwohl ich keine Lust auf die Gesellschaft von Julias Busenfreund hatte.« »Das finde ich grundsätzlich auch«. sagte Julia. sagte sie dann. als sie losgegangen war.mir den Abend anders vorgestellt. »Ich glaub. sorgfältig überdenken. ich geh nach Hause«. darauf kann er Gift nehmen. die mit einer Frau durch die Kneipen zog – diesen Verdacht hatte ich allmählich. die anderer Meinung sind als du.« »Aber dann geh ich nicht ans Telefon. was Albert an diesem Wochenende wohl machte. Noch mißmutiger. Aber Julia war nicht die Frau. und jede Menge Ochsen waren unterwegs. geschiedenen Frau trübsinnig herumzuhocken. Die brauchte dazu einen Mann als Alibi. Lieber wäre ich noch in eine andere Kneipe gegangen und hätte mich informiert.« – Das hatte ich in dem Buch über konstruktives Streiten gelesen.« 182 .« »Karl-Heinz? Meinst du?« Ich überlegte. Ich sitze nicht auf Abruf für ihn bereit.« »Vielleicht. Es war das Pfingst-Wochenende. ließ sich das Telefon geben und ließ es eine Ewigkeit klingeln. Julia ging zum Tresen. Vielleicht liegt er mit einer Tussi im Bett. »Nicht da. sagte ich. als mit einer sitzengelassenen. »Meinetwegen«. wenn er seine Ex-Gattin versorgt hat. »vielleicht ruft Gottfried später noch mal bei mir an. »Die Männer sind alle bescheuert. »Ich könnte Karl-Heinz anrufen«.

»Aber nein«. als wir uns an der Ecke verabschiedeten. und es hatte mir sehr zu denken gegeben. Oder ging er nur nicht ans Telefon? Oder war er über Pfingsten weggefahren? Vielleicht zu seinen Eltern? – Das hätte er mir doch gesagt. und rief Albert an. 183 . aber so eng durfte man das nicht sehen: Es kamen so viele zu unserem Straßenfest. daß er anrufen würde. daß auch Gottfried sich harmonisch getrennt hatte? »Das geht nicht mehr lange gut«. Konnte sie nicht begreifen. sagte Julia noch einmal düster. Bis um drei wartete ich darauf. daß er es vergessen hatte. mein Vorbild für eine mustergültige harmonische Trennung. der es sich leisten kann. die nicht in Kreuzberg wohnten. Dann ging ich allein zum Straßenfest. Es konnte gar nicht sein. 36. Hatte er vergessen. sagte ich heftig. Albert war aber nicht zu Hause. meine Macht auszuspielen. daß wir jedes Jahr am Pfingstsamstag auf das Straßenfest am kleinen Park gingen? Gut. – Das hatte ich irgendwo mal gelesen. darauf zu verzichten. Ich hatte im gleichen Moment genau das gleiche gedacht. darauf zu verzichten. der seine Macht ausspielt. Ich konnte es mir auch leisten.Wie zickig Julia ist. Sie. Kapitel Nicht der ist mächtig. Wahrscheinlich war er schon dort. Albert wohnte zwar nicht mehr hier. sondern der. dachte ich. machte nun solches Theater.

war da. eine andere Bier. wo der Defekt zu suchen wäre. Fast alles. Ab und zu schrillte ein Geräusch durch die schlappe Mailuft. Pro Familia war mit einem Informationsstand vertreten. soffen Bier und gaben den vier Typen von der Band Tips. ich hätte es mir denken müssen: Ohne mich war er unfähig. jedenfalls mindestens bis zum Ellenbogen. ich konnte mich auch alleine amüsieren. darunter stand. was gut und links war. ihren Verstärker zu reparieren. etwas zu unternehmen. die schon Tage zuvor überall geklebt worden waren. Albert war nirgendwo zu sehen. ebenso die Bürgerinitiative gegen Häuserspekulationen. daß sie große Straßenfest-Erfahrung hätten und daß sie sich bereit erklärt hätten. eine Vorort-Kommune mit selbstentworfenen progressiven T-Shirts war da. daß die Typen von ›Friede den Hütten‹ echte Spontis waren: Alle hatten Haare fast bis zum Arsch. Egal. die versuchte. Auf dem Foto konnte man deutlich sehen. Wein und Würstchen für eine Rettet-den-Wald-Initiative der Alternativen. Das Geräusch kam von der Rockgruppe ›Friede den Hütten‹. um ihren Beitrag zu leisten zur Stadtteilverständigung zwischen Ausländern und Alten. Für 15 Mark kaufte ich bei der Vorort184 . Vor dem Laster saßen diverse Freaks.Mindestens zweihundert Leute waren da: Eine Bürgerinitiative verkaufte Bratwürstchen gegen den Hunger in der Welt. dankenswerterweise umsonst aufzutreten – trotz ihrer vielfältigen Verpflichtungen –. Ich kannte die Gruppe nicht. Die Anlage der Gruppe war in einem Kleinlaster untergebracht. Die Atmosphäre war toll. hatte aber ihre Plakate gesehen. Auf den Plakaten war ein Foto von den Mitgliedern der Band.

Ich sagte. daß ich mir jetzt eine Weinschorle holen würde. »Nicht direkt«. sie werden nie von uns Frauen lernen. Es hatte sich nie die Gelegenheit ergeben. Er sah recht nett aus. »Warum fragst du das«.« Sehr witzig und sehr wahr. dann stand: »Die Männer sind alle Egoisten«. Ich fragte ihn. gib mir ‘ne Zigarette!« rief er. Dann sah ich einen Typen aus einem der unteren Semester. sagte er. hier war alles ganz lässig. Constanze«. ob er auch in der Gegend wohne. ob er schon lange auf dem Fest sei. sagte er. »Tschüs«. sagte er dann wieder. welchen Dozenten er am besten fände. »Hey du. als ich schon einige Meter weiter war. daß ich Constanze heiße. »Ist mir egal. schrie er mir plötzlich hinterher. sagte er. sagte er. Am liebsten hätte ich es gleich angezogen. 185 . Dann fragte ich ihn. wie er eigentlich heißt und sagte. sagte ich und dachte.Kommune ein T-Shirt. »Ist korrekt«. wie du heißt«. aber ich hatte noch nie mit ihm geredet. sagte er. Ich fragte ihn. Ich quatschte ihn also ganz lässig an. »Nicht direkt«. auf dem Straßenfest. in der Sprechblase über der anderen: »O Schwester. Ich drehte mich um. auf dem in Siebdruckpunkten à la Roy Lichtenstein zwei Comic-Frauen gedruckt waren – über der ersten Frau war eine Sprechblase. fragte. »Warum fragst du das«. »Hey du. Aber hier. Deshalb sagte ich nichts mehr. daß der Typ nicht besonders gesprächig war.

weil diverse Leute um uns herumstanden und mitgehört hatten. »det Kabel is die Wurzel allen Übels. wo die vier von der Gruppe ›Friede den Hütten‹ versuchten. die Alt.und Neurevolutionäre und die Berufsmütter. die nichts umsonst machen. Es war dumm von mir gewesen.Er schien zu jener Sorte Typen zu gehören. den die PublicRelations-Abteilung eines Babyund Kindernahrungskonzerns aufgebaut hatte. Die kann ich ausstehen. »Mann. ihre Anlage zu reparieren. Der Stand wurde von einem speziell Straßenfestausgebildeten 186 . Ich informierte mich dann am Pro-Familia-Stand über die neuesten Pessar-Modelle. Wenn ein Schnorrer deinen Namen weiß. begreift ihr det nich!« »Halt die Fresse«. daß der Defekt nichts anderes als ein Wackelkontakt sein könne. ein Stand. Die Stimmung wurde immer besser. Die Alten mischten sich ganz natürlich unter die Freaks und Spontis. Männer«. ich mußte ihm eine Zigarette geben. an einem der unzähligen Stecker und Kabel. Aber trotzdem. Den größten Andrang gab es bei der ›Aktuellen Quiz-Bude‹. Die Berater hatten sich nun darauf geeinigt. kaufte mir eine Weinschorle und ging zu dem Lastwagen. nicht mal Konversation. die mit den Bierflaschen vor dem Lastwagen lagerten. Für Kinder gab es natürlich auch ein Unterhaltungsangebot. Ich ließ mir aber die Laune nicht verderben. es waren auch eine Menge alter Leute aus den Häusern rings um den kleinen Park gekommen. sagten die von ›Friede den Hütten‹. sagte einer der Punker. dann bist du verloren. wie er mich anschnorrte. ihm meinen Namen zu sagen – das würde mich in der Akademie noch viele Zigaretten kosten.

Dee. Der Sozialarbeiter zeigte auf einem Großbildschirm Dias. das über der Bude hing. sagte die andere. auf dem der Firmenname stand. »Phänomenal«. »Scheiß-Schlümpfe«. Für fünf Kärtchen gab es einen Plastik-Schlumpf. Wenn keines der Kinder die richtige Antwort wußte.Diplom-Sozialarbeiter geführt – das stand auf einem Schild. Die Kinder mußten den Namen des Stars. bekam ein grünes Kärtchen. sagte eine Mutter neben mir zu einer anderen. Autos. dann sprach er belehrende Worte über den nicht erratenen Autotyp oder Popstar. Mick & Tich‹ erkannt. wenn er noch einen bekommen hatte. sondern wußte sogar den Nachnamen von Udo Jürgens’ Ex-Dauerfreundin Corinna! »Unglaublich. Fernsehstar oder einer aus der Music-Scene. sagte er jedesmal. Der Sozialarbeiter schwitzte zwar schrecklich. auf dem außerdem die Produkte des Konzerns abgebildet waren. die Kinder lauschten ihm jedesmal atemlos. Unter den Kindern gab es echte Experten: Einer hatte schon fast zwanzig Schlümpfe gewonnen. Fußballspielers oder Prominenten wissen. was die Kinder heutzutage alles wissen«. er hatte die Meute auf den Bänken seiner Bude aber gut im Griff. Er kannte alle. Dieser Junge war der absolute Crack für Fußballstars. Schon 23 Schlümpfe hatte er gehortet. Auf den Dias waren ein Auto oder ein Fußballspieler oder ein Tier oder ein Filmstar. Wer zuerst die richtige Antwort herausbrüllte. Beaky. Er hatte nicht nur sofort ›Mick‹ aus der prähistorischen Rockgruppe ›Dave. Dozy. Tieres. »wo die das wohl herhaben?« Gerade hatte ein ungefähr Zehnjähriger wieder einen Schlumpf gewonnen. Die anderen Kinder blickten bewundernd zu dem Jungen und 187 .

wie zwei Kinder vermutet hatten. Der Sozialarbeiter lobte ihn. Es sei wohl bekannt. sagte er dann zu dem Champion. daß jeder. Dann sagte er. nicht der Aasgeier. der über 22 Schlümpfe hätte. Plötzlich heulte ein kleiner Junge neben mir los. daß im Fernsehen aber nur die Frauen Assistenten werden dürften. daß im Fernsehen die Assistenten auch Champions aus früheren Sendungen seien. »wie heißt du? Stell dich bitte unseren Zuschauern vor. Also«. Er sagte. die er in Zehnergruppen vor sich aufgebaut hatte.neidisch zu den Schlümpfen. und der Assistent dürfe den Knopf vom Dia-Projektor drücken. der mehr als 22 Schlümpfe gewonnen hätte. und Champions würde er zu seinen Assistenten machen. Dann durfte Benjamin Harzer wieder auf den Knopf des Dia-Projektors drücken. Das leuchtete ein. Als nächstes war ein Dia mit einem Vogel an der Reihe. aussetzen müsse. Dann sagte er. schrie der Fußball-Crack prompt. »bei uns dürfen auch die Jungs Assistentin werden. Da wußten nur wenige Bescheid. als ob er eine plötzliche Idee hätte. »Ich habe 23 Schlümpfe«. um auch den Jüngeren eine Chance zu geben. Der Sozialarbeiter aber war schlauer. und er wolle nicht aussetzen. Nur ein Mädchen meldete sich und sagte. aussetzen gäbe es bei den echten Fernsehquizen aber nicht. das wolle doch hoffentlich keiner bestreiten. sagte der Sozialarbeiter. »Wir sind für Gleichberechtigung«. jeder. 188 .« »Benjamin Harzer« hieß er. sei ein Champion. Der Sozialarbeiter tat. Erst beim achten Versuch traf ein Mädchen die richtige Antwort: Es war die Lerche. und er verbeugte sich wie eine echte Fernsehassistentin. sagte der Sozialarbeiter.

sagte die Mutter wieder. daß nur die Jungs Benjamin heißen. sagte das Mädchen verachtungsvoll zu der Mutter.« »Ich will auch Julia heißen«. Jetzt setzte sich ein ungefähr vier Jahre altes Mädchen auch auf die Erde zu Sohn und Mutter. und trotzdem weint es nicht. »Jedes Baby weiß. Die Mutter wurde rot. »Du. »Immer werde ich benachteiligt!« schrie das Kind. aber er hatte viele Quizrunden lang aufmerksam zugehört. 189 . »Hubbi«. das ist doch nicht wahr!« Die Mutter weinte auch fast. nicht die Mädchen«. Die anderen Kinder drehten sich interessiert um. Das Kind plärrte wie ein Wasserhahn. sagte das Mädchen und fügte stolz hinzu: »Alle anderen Mädchen aus meiner Spielgruppe heißen auch Julia. Hubbilein schrie weiter. Hubbilein?« schrie seine Mutter. »sieh mal. plärrte Hubbilein. »Was ist’n los. Der Kleine warf sich auf den Boden und hämmerte mit den Fäusten. sagte die Mutter. Sie warf sich zu ihm auf den Boden. das Mädchen heißt bestimmt auch nicht Benjamin. »Nicht wahr?« sagte Hubbileins Mutter verschwörerisch zu dem Mädchen. »Aber Hubbilein. schrie Hubbilein.Er war zu klein. um mitzuraten.« Hubbilein schluchzte ein wenig leiser. »bloß ich nicht!« »Aber das ist doch nicht wahr«. warum bist du denn so aggressiv?« sagte das Mädchen zu Hubbilein. »Ich heiße Julia«. »Alle anderen Kinder heißen Benjamin«.

Ich glaubte. Platz zu machen. und da sah ich ganz hinten bei der Würstchenbude: Albert! Er war also doch gekommen. die zum Eisstand gingen. Es war der lauteste Lärm. als würde einen Meter über meinem Kopf ein Starfighter explodieren. um Sohn und Mutter. daß ich einige Wortfetzen verstehen konnte: »… gewaltfrei… befreit 190 . Jubel Klatschen. Wie bei Rockgruppen mit politischem Anspruch üblich. multiplizierte sich in den Hinterhöfen. Alles Leben erstarb. nur bruchstückweise zu verstehen war. ›Friede den Hütten‹ spielte die Jubelgeräusche von einem Band ab. Jetzt wollte Hubbi zum Trost für sein Schicksal ein Eis haben. Pfeifen. Dröhnen. Ich stand da. den ich je gehört hatte. damit die Trommelfelle nicht platzten. Es war ein Geräusch. Stampfen. um auf ihre Darbietungen einzustimmen. Ich drehte mich etwas zur Seite. daß sich in der nächsten Sekunde die Dächer von den umliegenden Häusern heben würden und der ganze Stadtteil in Schutt und Asche versinken müßte. waren die Elektroinstrumente viel lauter als der Sänger. Er sah in meine Richtung. mit immer noch offenem Mund. als ein Geräusch über mir zusammenschlug. so daß der Text nur manchmal und wenn. Der Lärm brach sich an den Fassaden.»Das ist der Vagina-Neid«. Hurraschreie füllten den Stadtteil – obwohl keiner der Umstehenden klatschte oder auch nur ein Wort sprach. hatte schon den Mund aufgemacht. Ich wollte ihm rufen. Die Trompeten von Jericho waren garantiert nur ein sanftes Säuseln gewesen gegen dies – gegen die Verstärkeranlage von ›Friede den Hütten‹. sagte eine andere Frau zu Hubbis Mutter. schallte zurück. Ich fiel fast um. Immerhin hatte ich mich beim dritten Lied so eingehört.

Die ProFamilia-Frauen räumten ihren Stand ab. stellte sich zwischen sie. die bisher an den Fenstern gehangen hatten. Sie waren ganz entspannt im Hier und Jetzt. hören konnte ich es nicht. Der Rest der Anwesenden entfernte sich aus dem direkten Umkreis der Lautsprecher. war das nächste Lied extra komponiert für Straßenfeste. es hieß: »Sprecht mal wieder miteinander. Stampfen. Alte und Ausländer miteinander. brüllte der Leadsänger durchs Mikro.eure Seelen… Kampf allen. die bisher keinen gewonnen hatten. Wie einer der Gruppe ansagte. die uns unterdrücken… wir bringen euch die Zärtlichkeit…« Es waren also deutsche Texte. Heulen. Pfeifen. Die alten Leute humpelten in ihre Häuser zurück. da kommt viel mehr rüber. Die Frau zitterte. daß ›Friede den Hütten‹ Lieder mit deutschen Texten brachte. Dann ging das Jubelband der Gruppe wieder los. Die. Eine der Frauen vom Pro-Familia-Stand ging zur Gruppe hin. 191 . Neben mir schrie ein Kind.« Aber den Text konnte ich dann wegen der Elektroinstrumente nicht verstehen. ich sah es nur. Es war offenbar der Fan-Club von ›Friede den Hütten‹. Noch gigantischeres Dröhnen. »jetzt wollen wir die Stimmung echt anheizen!« Er drehte die Lautstärke noch etwas herauf. außer der Musik existierte kein Geräusch mehr. Lediglich zwei Sanyasin-Frauen tanzten mit ihren Kleinkindern direkt vor den Lautsprechern. schlossen die Fenster und ließen die Rolläden herunter. Der Sozialarbeiter an der Quizbude verteilte die restlichen Schlümpfe an die. »Hey Leute«. Einige Freaks mit vielen Bierflaschen hockten noch auf den Bänken vor dem Lastwagen und prosteten der Gruppe zu. – Ich fand’s echt gut. Ich auch.

weil die Verstärkeranlage. was nicht zu verstehen war. daß die Frau eine Extra-Performance geben würde. schrie er plötzlich ins Mikrofon. die uns einen Maulkorb verpassen will!« Die Frau sagte wieder was. »Unsere Verstärkeranlage hat über 30. Der Leadsänger.000 Mark gekostet! Wir! treten hier umsonst auf! Wir! lassen uns von keinem Vertreter des Establishments vorschreiben. »Genossen und Frauen«. wie laut wir! zu spielen haben.wahrscheinlich weil sie in der Nähe des Lautsprechers stand und von den Schallwellen geschüttelt wurde. Zwischen zwei Songs sagte die Frau was zu dem Leadsänger. Schon gar nicht von einer Tussi!« 192 . ein durchdringendes Schrillen von sich gab. »Wir! kämpfen für die Integration! Von Alten! Und Ausländern!« schrie der Leadsänger. die direkt neben ihm stand. der die längsten Haare von allen hatte. sie hatte ja kein Mikro und keine Chance gegen das Gellen der Industriekreissäge. was unsere Verstärkeranlage gekostet hat!!!« Man sah nur. »hier ist eine Tussi. Ich ging etwas näher ran. wir seien kommunikationsfeindlich! Weißt du überhaupt. wie die Frau den Mund auf.und zuklappte. »Und du meckerst!« Jetzt brüllte der Schlagzeuger von ›Friede den Hütten‹ in sein Mikro: »Genossen und Frauen!« dröhnte er durch das Stadtviertel. weil ich dachte. wie eine Industriekreissäge. Der Leadsänger dröhnte die Frau. auch wenn die Gruppe nicht spielte. gestikulierte mit der Frau herum. durch die Verstärkeranlage an: »Wir treten hier umsonst auf! Und da kommst du und behauptest.

Eigentlich tat die Frau mir leid. Ich suchte überall nach Albert. wie er uns findet!« brüllte der Schlagzeuger und hielt dem Typen. und die Frau verschwand. wenn ich mich mit der Frau solidarisiert hätte. Also ging es weiter wie bisher. Das fand ich eigentlich nicht so gut. »Wir! lassen uns nicht unterdrücken!« Die Bräute Baghwans und ihre beiden Kinder demonstrierten weiter. Und ich fand eigentlich auch.Die Frau klappte wieder den Mund auf und zu. Albert war die Gruppe garantiert zu laut. Und es hätte nichts genützt. wie entspannt sie waren im Hier und Jetzt. aber die Typen schubsten sie weg. Außerdem fanden es all die anderen Festbesucher gut. War er 193 . »Unser Kampf geht weiter!« schrie der Gitarrist der Gruppe. »du gehörst mal richtig durchgefickt!« Die Gruppe ›Friede den Hütten‹ lachte. Sonst hätten die doch was gesagt. »Fragen wir doch einen aus dem Publikum. konnte ihn aber nicht mehr finden. Aber von denen hatte ja niemand gemeckert. Die Gruppe spielte wieder ihre Jubelpassage ein. Es waren ja alles antiautoritäre People hier. Hinten an der Würstchenbude und am Weinstand standen noch ungefähr fünfzig Leute. die meisten gingen jetzt nach Hause. der die Bierflasche geworfen hatte. Einer vom Fan-Club von ›Friede den Hütten‹ schmiß eine leere Bierflasche nach der Frau. ein Ideechen wenigstens. daß man die Anlage etwas leiser hätte machen können. Die Festgemeinde zerstreute sich. sein Mikro hin: »Du blöde Fotze!« schrie der Typ und zeigte mit geballter Faust auf die Frau. versuchte jetzt an ein Mikro zu kommen. ich hatte ja auch kein Mikro. Der alten Leute wegen.

wo man vor der Musik etwas geschützt war. Es war nur logisch. nun hatte ich kapiert. All die Umstehenden mußten gemerkt haben. mich verbal zu verständigen. welche Wurst und wie viele ich wollte. so laut ich konnte. sah mich wieder fragend an. Ich stellte mich mit der Bratwurst in eine Hauseinfahrt. dann auf die Bratwürste. Ich schämte mich ein bißchen. daß es mit meiner Straßenfesterfahrung nicht so weit her sein konnte. daß ›Friede den Hütten‹ so laut spielte. als die Gruppe angefangen hatte zu spielen. dann den Ringfinger und dann den kleinen Finger dazu. abgehauen? Das würde ihm ähnlich sehen! Er wollte kein Opfer bringen für die Integration von Alten und Ausländern! Ein Straßenfest war nun mal keine Beerdigung! Allmählich bekam ich Hunger. Ein junger Mann brachte eine alte Frau die Treppe herunter. daß ich noch versucht hatte. Ich zeigte auf die Bratwürste und signalisierte mit dem Daumen. streckte zuerst den Daumen nach oben. Die Umstehenden auch. Der Wurstbrater zeigte auf die Rindswürste. Natürlich: nonverbale Kommunikation – das war’s! Die meisten Alten waren ohnehin schwerhörig. Eine Bratwurst wollte ich. Eine andere alte Frau kam aus der Parterrewohnung: »Können Sie mich mitnehmen. daß ich nur eine wollte. – Er wollte wissen. dann den Zeigefinger. »in meiner Wohnung ist es lauter als draußen 194 .sofort. und die Ausländer verstanden sowieso nichts. obwohl ich schrie. der Wurstbrater sah mich fragend an. sagte sie zu der anderen. Aha. Frau Schmidt«. dann hielt er seine Hand hoch. bitte. Die Sprache ist seit je eines der subtilsten Herrschaftsinstrumente der herrschenden Klasse gewesen. Er sah mich ungeduldig an.

hatten sich auch dazugesetzt. hinten bei den Buden standen fast nur noch alleinerziehende Mütter mit ihren alleinerzogenen Kindern. Nacheinander zogen die Frauen die Brüste aus ihren Baumwoll-T-Shirts und stillten die Babys.« ›Friede den Hütten‹ spielte gerade wieder das Applausband ab. daß auch aus den umliegenden Häusern alte Leute von ihren Angehörigen abgeholt wurden.« Aus dem Hinterhaus führte eine ältere Frau einen sehr alten Mann. 195 . aber hier war nichts mehr los. »wir fahren mit dem Bus. »Kommen Sie mit uns«. und vier Frauen.auf der Straße!« Dann sagte sie. »Mein Gott«. Es blieb mir doch nichts anderes übrig. Mittlerweile waren sie total besoffen. bis die Leute mal bereit sind. Ich sah. evakuiert. als nach Hause zu gehen. Immer noch direkt vor den Lautsprechern. irgendwohin. sagte der sehr alte Mann zu der Frau aus dem Parterre. Unwillkürlich mußte ich seufzen. Ich wollte eigentlich nicht nach Hause. Die Säufer prosteten den Babys zu. was ich jetzt machen sollte. Die beiden Baghwan-Bräute schleuderten immer noch ihre Kleinkinder im Kreis herum. Die meisten Leute waren schon gegangen. der mich hier abholen kommt. »was muß noch alles geschehen. Ich wußte nicht recht. zu dem jungen Mann gerichtet: »Ich hab doch niemand. dachte ich. der irgendwie transportfähig war. ein ebenfalls total besoffener älterer Penner trank mit ihnen Brüderschaft. die ihre Babys vor die Brust geschnallt hatten. sich der politischen Basisarbeit zu stellen?« Auf den Bänken vor dem Lastwagen hockten immer noch die Fans von ›Friede den Hütten‹. Offensichtlich wurde jeder.

Wenn er vom kleinen Park aus nach Hause gefahren war. Warum rief er nicht an? Weil ich immer noch nicht wußte. war klar. war in meiner Wohnung ›Friede den Hütten‹ nur wenig leiser zu hören. daß er sich gestern nicht gemeldet hatte. Die Scheiben klirrten. nahm jemand ab. das Fest sei ganz toll 196 . Vielleicht hatte er Nachtdienst? Ich rief in der Klinik an. War er aber nicht. daß Albert nicht in der Klinik war. nach ewigem Bimmeln. er sei das gestern nicht gewesen auf dem Straßenfest. Aber heute könnte ich ihn sehen. Da immer nur einer Dienst hat. Endlich. dann mußte er längst zurück sein. sagten sie gerade ein selbstgeschriebenes Lied an. Ich sagte. Ich machte die Fenster wieder auf und schlief sofort ein. Aber nachts um vier wachte ich wieder auf und konnte nicht mehr einschlafen. Was ich vorhätte? Ich war immer noch sauer. da müßte ich eine Vision gehabt haben. wählte die Nummer vom Ärztezimmer direkt. Ich versuchte Albert anzurufen. Es regnete in Strömen am Pfingstsonntag.Weil ich nur vier Parallelstraßen vom kleinen Park weg wohne. Als ich die Wohnung betrat. Es war fast sieben. es war ein Kollege von Albert. Um 10 Uhr verstummte ›Friede den Hütten‹ drüben im Park. ging ich früh zu Bett. was ich machen sollte. Am liebsten hätte ich sofort auch bei Albert angerufen und dann auch aufgelegt – aber da wäre sein Verdacht bestimmt auf mich gefallen. gegen die Verlegung einer Autobahn durch ein Wohngebiet protestierten. Ich wurde wütend. daß Albert nicht angerufen hatte. wie sie verkündeten. Nachmittags rief Albert an. ohne mich zu melden. in dem sie. Ich legte wieder auf. Der Kollege wirkte nicht besonders wach. Er behauptete.

Um ins Kino zu gehen. Ich strebte ja eine harmonische Trennung an. Aber Albert hat nicht dieses Format. wenn er nicht auf dem Fest gewesen sei? Er sagte. Die Leitung war blockiert. Für einen Augenblick wünschte ich mir.« »Dann eben nicht!« Albert knallte den Hörer auf. Dann ging er nicht mehr ans Telefon. du willst nicht mit mir weggehen?« »Nein. Eineinhalb Stunden lang telefonierte er.« »Über was denn?« »Geht dich nichts an. sagte ich. Was er denn gemacht hätte. sagte er. nachdem er aufgelegt hatte. Dann 197 . »Was machst du dann?« »Ich muß nachdenken. »Ich habe keine Lust. Außerdem hatte ich nichts mehr im Kühlschrank. Albert und ich wären verheiratet.« »Also. Oder war er sofort. bis der gnädige Herr mich anzurufen beliebte. Wie sich Gottfried Schachtschnabel um seine Ex-Frau kümmerte.gewesen. war es zu früh. Die Konservendosen waren auch alle. und rief Albert noch einmal an. eigentlich hatten wir uns getrennt. aber trotzdem. weggegangen? Wohin? Mit wem? Oder wollte er mich nur ärgern? Klar. Und es regnete immer noch in Strömen. Ich beschloß erneut. er hätte was Besseres vorgehabt. Zwei Stunden später war mir langweilig. »Was denn?« »Geht dich nichts an«. mit dir wegzugehen«. Spazierengehen konnte man eh nicht bei dem Regen. da konnte sich Albert ein Beispiel daran nehmen. meine Macht nicht auszuspielen. Außerdem saß ich nicht auf Abruf bereit.

Ich ging zum Klingelkasten. und sonst war auch nichts los. ohne etwas zu sagen. suchte nach bekannten Gesichtern. die einen sogenannten Garten auf dem Bürgersteig haben.würden wir jetzt richtig in Scheidung leben. Sie saß neben Albert. auf dem Albert saß. um drin zu hocken. die wenigen Lokale in Kreuzberg. Sie nickte auch glücklich. zündete sich eine Zigarette an und sagte: »Das ist meine alte Freundin Constanze Wechselburger. es war klar. sonst würde ich ihn bei der Scheidung reinlegen. wurden zu Gartenlokalen und zum Treffpunkt der Scene. Sie lächelte glücklich. beide hatten die Stühle einander zugewandt. 198 . Albert seufzte. es war viel zu schönes Wetter. starrte vor sich hin auf die Tischplatte. rückte sie ihren Stuhl von Albert weg.« Er seufzte noch mal und warf die Zigarettenpackung zurück auf den Tisch. Und er müßte alles tun. Mit offenem Mund. als ich sie fragte. sie hatte einen Fuß auf dem Gestänge des Gartenstuhls. daß sie etwas miteinander hatten. was ich will. brach der Sommer aus. am Donnerstag. Dann. ob noch ein Platz frei sei am Tisch. 37. Kapitel Eigentlich regnete es die ganze Woche lang. Sie erschrak sehr. Innerhalb weniger Stunden trocknete der ganze Regenmatsch auf. hatte ihr Bein zwischen seinen Beinen.

einen dieser braun-beigen Lappen mit rundherum eingestrickten Huftieren. nicht zu der Brille. sagte sie. ohne eine Erinnerung zu hinterlassen. »Vorhin hat ein Mann am Nebentisch behauptet«. hatte eine fast runde Brille mit Goldrand. daß ich auch hier vorbeikommen könnte. sagte ich. aber ich starrte sie an. 199 . »Das merkt man«. Sie hatte sich Faschingsflitter ins Gesicht geschüttet – und das Ende Mai! Das paßte nicht zu dem Pullover. Eigentlich wollte ich sie keines Blickes würdigen. die auf diesen Pullovern eingestrickt sind? Ist sie der Typ. Sind es Kamele oder Lamas oder Kühe. dann war es sie. mit blondem Haar. von den Augenlidern bis zum Hals hinunter. mehr zu mir gerichtet. blitzten silberne Partikel.»Das ist meine liebe Kollegin Anna Sittenfeld«. Sie trug Jeans. In ihrem Gesicht. sagte sie. er war weggezogen – wenn hier jemand falsch am Platz war. Sie merkte es. dutzendfach gesehen. »Ich schminke mich sonst nie«. ich hatte ihm nicht nachspioniert. dünn. ob ich sie schon einmal gesehen hatte: sie war wie ihr Pullover. Er hätte sich denken können. Diese Anna war klein. Ich wußte nicht. »ich würde aussehen wie ein Christbaum. nicht zu ihr.« Unsicher lachte sie Albert an. Erst auf den zweiten Blick bemerkte ich Irritierendes. dies war mein Territorium. ein TShirt und hatte einen dieser Folklore-Pullover über die Schultern gelegt. mehr resigniert als verärgert. daß man sich nicht einmal fragte. der im Sommer schnell braun wird? Sie sah so durchschnittlich aus. ob ihre Haarfarbe echt war. sagte Albert zu mir. Sie trug Holzschuhe mit einem naturfarbenen Lederriemen – aber mit hohen goldenen Absätzen.

war ich allenfalls eifersüchtig gewesen. die wirklich zu Albert paßte. als Albert und ich das Lokal verließen. weil ich das Gefühl hatte. schnürte mir die Kehle zu. und dennoch hatte ich Angst vor ihr. Sie war irgendeine Art von Diät-Assistentin und arbeitete aushilfsweise auf Alberts Station. Bedroht gefühlt in meinem Status als die einzige Frau. Anna begann mit schriller Stimme über den Klinikbetrieb zu plaudern. wie lange ich sprachlos neben den beiden saß. Insider-Geplänkel. Aber diese Anna machte mir angst. Aber er hatte nicht bezahlt. Ihr genügte es nicht. eine alleinstehende Frau zu sein. ihm zu gefallen. 200 . Anna hatte feuchte Augen.Albert sagte: »Ich find’s süß«. Auf ihre Vorgängerinnen. sie wollte sich ihm anpassen. sagte Albert. Die Angst. so wie sie war. Er wollte einen Machtkampf verhindern. Ich heulte die ganze Nacht. und wischte den Silberflitter von ihrer Nase. daß sie für ihn mitbezahlen würde? Oder wollte er noch mal zurückkommen? Wen wollte er schonen? Anna oder mich? Albert weigerte sich. Sie war genauso schlimm wie eine Krankenschwester. Wir stritten uns aber so lange in seinem Auto. daß Anna bestimmt nicht mehr da war. weil sie bereit schien. Albert könnte etwas Besseres gefunden haben. noch ehe ich etwas Besseres für mich gesichert hatte. Sie war lächerlich. die anderen Affären. aber ich hatte mich nie bedroht gefühlt. in meine Wohnung mitzugehen. »Bitte bring mich nach Hause«. Was bedeutete das? Nahm er an. »Okay«. wo er auf den Mitessern klebengeblieben war. Ich weiß nicht mehr. für Albert alles zu wagen. hörte ich mich irgendwann betteln. wenn er überhaupt noch mal in den Klingelkasten zurückgefahren war.

um ewig um dich zu trauern?« Ja.« Julia sagte es so begeistert. er ginge ins Kloster. Nun war es leider zu spät. mit einer Heiratsannonce ihr Glück zu versuchen. sie hatte sich Gottfried Schachtschnabel gekrallt. sagte Julia. »Übrigens«. »Komm doch morgen nachmittag auch zu mir!« 201 . daß ich Albert mit dieser anderen gesehen hatte. du könntest auch auf eine schreiben. »ich habe Birgit überzeugt. Und überhaupt hatte Julia gut reden. »Du hast dich von ihm getrennt. Hast du gedacht. was sie damit sagen wollte. in denen Anzeigen sind. Sie war herzlos. als sei ihr diese Idee gerade erst gekommen. »Auch eine harmonische Trennung ist eine Trennung«. Ich überlegte. unterbrach Julia mein Schweigen. »Und jetzt? Was soll ich jetzt machen?« fragte ich sie. ihr nicht erzählen sollen.« Sie lachte blöde. ob ich mich von Albert eigentlich mehr theoretisch oder mehr praktisch hatte trennen wollen. und suchen was für Birgit. Wir kaufen morgen alle Zeitungen. sagte Julia. Ich hätte sie nicht anrufen sollen.38. Übrigens.« »Ehrlich?« »Ja. sagte Julia. Es fiel mir aber so spontan nicht ein. das hätte ich eigentlich erwartet – was sonst? »Schnief nicht ins Telefon«. »manchmal sind Theorie und Praxis dasselbe. Kapitel »Er hat die Konsequenzen gezogen«. Ich verstand nicht.

der gut seinen Mann ernährt. Auf anzeigeübl. als ich am Samstagnachmittag kam. 25 J. der Teppich war bedeckt mit Zeitungen. Sie tranken Kaffee und Eierlikör. Julia und Birgit waren blendender Laune. sondern Bekanntschaftsannoncen. möchte alles Schöne von der Kunst bis hin zur Sinnlichkeit mit einer hübschen.»Ich auf eine Heiratsannonce antworten! Ich heirate niemals!« »Stell dich nicht so an. »Hör her«. Phrasen habe ich bewußt verzichtet. die sich bisher so gesträubt hatte. ihr Glück herauszufordern. möchte ich eine Zweisamkeit durchleben. freue ich mich über Ihre Bildzuschrift unter Chiffre…« 202 . du mußt deshalb heiraten? Die meisten Anzeigen sind sowieso keine Heiratsannoncen. »hier ist einer für dich. 185 cm. Ich habe einen kreativen Beruf. Mit einer Frau. war nun begeistert auf der Suche nach dem einen aus Millionen. sagte ich. daß man aufrichtig ist – es einfach sein…‹« »Laß mich selbst lesen«. die ebenso fühlt wie ich. denn Papier ist bekanntl. Was ich möchte. blonden Partnerin (ca. Ich bin ein Mann. weiß ich genau: Eine Frau. aber sicher herzeigbar. daß man aufrichtig ist – es einfach sein.« Ich gab mich geschlagen. geduldig. ich les dir die Anzeige vor: ›Nicht sagen. Wenn du auf eine Heiratsannonce schreibst – glaubst du. Selbstlos hatte sie sogar an mich gedacht. kein Schönling. Für nur ein Abenteuer bin ich nicht zu haben. Birgit. für die Gemeinsamkeit ebenso wichtig ist wie für mich. 87 gut trainierte kg schwer (Golf).) durchleben. sagte sie zu mir. Ich las: »Nicht sagen. doch wenn Sie auf einen Mann wie mich gewartet haben und dem Zufall ein wenig die Arbeit abnehmen wollen. Anfangsdreißiger. u.

Ich bin finanziell unabhängig und wünsche mir aus Paritätsgründen das gleiche von meiner Partnerin. Sie sollten sich 203 . Ich schnappte mir eine Zeitungsseite. »Wieso ich? Du spinnst wohl? Meinst du?« sagte Birgit. Ausstrahlung. mus. Int. Wandern. Kasse). Toleranz. Alles Nähere in einem netten kleinen Lokal (getr. »Außerdem bin ich nicht blond und über fünfundzwanzig.. 38 J. attrakt. Ich fand diesen Mann zu geschwätzig und zu dick. besonderer Intelligenz u..« »Ach so«. Ing. Langlauf. sagte Birgit. sagte Birgit. NR. u.. »da hast du recht. bin sehr sportlich: Tennis. viels. Chiffre…« »Welche ganz junge. Fische-Mann mit überdurchschnittl. ev. tierl. Dame.»Scheint ein wirklich aufrichtiger Mann zu sein«. was Du haben solltest. sagte ich zu Birgit. ist Toleranz und eine frauliche Figur. Chiffre…« »Überdurchschnittlich attrakt. Ich bin ohne Probleme und sehe sehr gut aus. liebe ich das Leben und möchte diese Liebe einer Partnerin zugute kommen lassen. kind. sehr ju.. dkl. lebenstüchtig. die mit »Bekanntschaften männlich« überschrieben war. sehr naturv. Neigungen. nach Zärtlichkeit suchende Katze möchte sich von einsamem Kater streicheln lassen und ihn ein Stück seines Lebens begleiten? Das einzige. Herzensbildung und jugendl. sucht ›Sie‹: Die bildhü. Segeln.. Dipl. Ich las: »55 Jahre jung. 175. freue ich mich auf ein liebevolles Zusammentreffen.« »Du mußt auf diese Anzeige schreiben«. Wenn Sie zwischen 18–25 sind und das Leben so lieben wie ich..

war zärtlich. allem Neuen gegenüber aufgeschlossen. attraktiv. mit Tel. Zuschriften von Emanzen und sonstigen späten Mädchen zwecklos…« Nicht nur. humorvoll. mit denen die Männer selbst renommierten: Ich bin politisch und kulturell sehr interessiert. und neuem Foto richten Sie an Chiffre…« »Ich (42. Damit konnte ich durchaus dienen – tierlieb und sportlich bin ich zwar nicht. max. 187. jugendlicher Unternehmer. Und ich war schon 27½. Max. 25. Erleichtert stellte ich fest. die Frau war bildhübsch. Wollte mich keiner mehr? Ich durchsuchte die Anzeigen nach den angegebenen Altersgrenzen. Vor allem aber habe ich jene Eigenschaften zu bieten. chic. sinnlich. hatte eine einwandfreie Figur. die sich als »bedeutend jünger aussehend« beschrieben oder sich ohne Altersangabe als »Mann im besten Alter« bezeichneten. 25 – das war das älteste. tierlieb. tadellosen Charakter. aber das sieht man mir nicht an. undogmatisch. überkam mich die Wut. sportlich und so weiter. was die Herren neben sich auf dem höheren gesellschaftlichen Niveau oder neben sich im Wald zu dulden bereit waren. ehrlich. nachdenklich. auch einer Frau bis zu 30 Jahren eine Chance gaben – vorausgesetzt natürlich. weil ich kein Abendkleid besitze. 89) weiß mein Leben und Lieben von ästhetischen Ansprüchen geprägt und wünsche mir daher meine Partnerin: Sensibel und schmusig. daß einige Männer. Note und ein natürl. intellektuell… da müßte sich doch eine Gemeinsamkeit 204 . Ihre Zuschr.auf höherem gesellschaftlichen Niveau ebenso sicher wie wohl im Konzertsaal oder im Wald fühlen. mit eher knabenhafter Figur (auch Rothaarige angenehm). repräsentativ in Jeans und Abendkleid. Appeal werden erwartet. Eine weibl.

Albert war zwei Jahre älter als ich. »bedeutend jünger aussehend«. das ich nun vor meinem geistigen Auge sah. mir diese älteren Herren beim Sport vorzustellen: Vor meinem geistigen Auge sah ich zwei Fußballmannschaften in den besten Jahren – alte Männer mit Bierbäuchen und Halbglatze. Sicher. mindestens fünfzig«. da die meisten Männer Fußballfans sind – aber die. waren Familienväter. »Ein älterer Herr. war immer noch lächerlich. Das überraschte mich. er war reichlich unreif. Die Männer in den Anzeigen dagegen schienen den gesamten Tag mit sportlichen Aktivitäten zu verbringen. Bergsteigen. ansonsten waren Langlauf. »So alt!« Ich überlegte: In meinem Bekanntenkreis gab es kein Paar mit solchem Altersunterschied. Wandern die favorisierten Beschäftigungen. Ich dachte deshalb noch mal nach und versuchte mir die Herren in den besten Jahren. sagte Julia. Ich versuchte. die spielten Tennis. Lächerlich. Was war falsch an meinen Phantasien? Noch einmal checkte ich die Selbstdarstellungen der Sportler durch. »Was ist ein Mann im besten Alter?« erkundigte ich mich bei Julia und Birgit. daß keiner dieser Sportfans Fußball spielte. 205 . die Anzeigen aufgaben. vorzustellen: Mit eingezogenen Bäuchen und mit über die Halbglatzen drapierten Haarsträhnen – das Bild. dachte ich. Aber ein zwanzig oder dreißig Jahre älterer Mann? Die Männer in diesem Alter. die ich kannte. da fiel mir auf. die ihre Abende vor dem Fernsehapparat verbrachten.finden lassen mit einem der Männer im besten Alter. Segeln.

Beim Langlauf konnte ich mir die älteren Herren schon besser vorstellen. wie ich mit einem Scheintoten eine lebendige Partnerschaft aufbauen soll«. nicht zu wissen. die sich bevormunden läßt. sagte Birgit. die unerfahren genug ist. Aber das wollte nun wieder keiner der Inserenten. Seine Frau darf keine eigene Meinung haben. und seine Frau ist zweiundvierzig – also kein Baby mehr. Dabei wollen sie ihr Leben gar nicht ändern. Ich wollte mit meinem Partner politische Probleme diskutieren.« »Wie meinst du das?« rief Birgit ziemlich empört. daß das. sagte ich zu Birgit. Ich kapierte es nicht. »Das ist die männliche Version der Selbstfindung«. meine Gedanken austauschen. »Was glaubst du. angeblich 206 . nichts fürchten sie mehr! Denn dann müßten sie sich selbst ändern. und vor fünf Jahren hat mein Vater wieder geheiratet. was die Herren als Altersweisheit verkaufen wollen. im Gegenteil. Also suchen sie verzweifelt eine Junge. sagte Julia. – Aber ich hatte keine Lust. »Die glauben. aber so behandelt er sie! Nur ein Argument kennt er: sein Alter. »Es ist mir schleierhaft. die altersmäßig ihre Tochter sein könnte? Sind das Inzestwünsche?« »Ein reifer Mann kann dir viel mehr bieten«. wenn sie eine junge Frau hätten. dann könnten sie selbst endlich anfangen. in Wirklichkeit Altersstarrsinn ist. mein restliches Leben in der Loipe zu verbringen. ihr Leben zu leben. »Warum träumen alle Männer von einer Frau. siebenundsechzig ist der Alte jetzt. wie so ein alter Mann mit einer jungen Frau umgeht? Meine Mutter ist doch so früh gestorben.

nicht zum Beerben«. »glaubst du. sagte ich. daß die Frau nicht attraktiv genug ist für ihre Ansprüche. »Sind sie glücklich?« fragte Birgit.« Birgit sah Julia entsetzt an. Julia lachte: »Ich habe eine psychologische Studie gelesen. »Sie wartet auf seinen Tod. mit so einem Opa ins Bett«. da wurden Männer gefragt. dann läge es nur daran. und er hofft. Aber ansonsten hat er wahnsinnige Angst. daß er sie noch zwanzig Jahre bevormunden kann. »Ich will einen Mann zum Bumsen.fehle ihr die Erfahrung. die können überhaupt noch?« »Jedenfalls glauben sie. die ab sechzig. Dann fragte sie Julia: »Und warum hat deine Stiefmutter deinen Vater geheiratet?« »Einmal darfst du raten«. daß sie es wegen des Geldes tut. Birgit sah mich entsetzt an.« »Also. wenn der eine so junge Frau hat. sagte Birgit. sagte Julia. daß die anderen denken. für seine Frau ein schönes Nest zu bauen«. die einen bedeutend älteren Mann heiratet. daß sie ihn mit einem Jüngeren betrügt. um möglichst schnell zu erben. jüngere Männer vermuten meist. sagte ich. Schöne Aussichten. welche Motive sie bei einer jungen. Aber die alten Männer. dann bringt er es noch. die antworten größtenteils. Ich glaube. hübschen Frau vermuten. daß eine junge hübsche Frau einen alten Mann aus Liebe heiraten würde! Weil sie seine Erfahrung zu schätzen wüßte! Toll. meinem Vater genügt der Neid anderer Männer… dem genügt es.« »Trotzdem ist ein älterer Mann viel eher in der Lage. was?!« 207 . Also. wenn sie nicht mehr können. um Birgit zu provozieren.

sondern einen Kontoauszug als Referenz«. Wenigstens ein Jahr älter muß er sein.« Der war fünfunddreißig und sehnte sich nach einer »Mädchenfrau. evtl. Ich subtrahierte: 26-8 – 18. sonst würde die männliche Überlegenheit des Inserenten zusammenbrechen. also wenn eine exakte Zahl als Höchstalter angegeben ist. Aber wenn da steht ›bis 27‹ oder ›bis 34‹. Je jünger der Mann ist. eine Achtzehnjährige war auch für einen total verrückten Individualisten das Ideale. Freundschaft. meist jünger. »Wie kommt er ausgerechnet auf 34 als Höchstgrenze?« »Man merkt. »Hier schreibt einer: ›Alter und Aussehen unwichtig‹. du liest keine Heiratsannoncen«. desto älter darf die Frau sein. Seriöse Zuschriften erbeten unter Chiffre…« »Der will kein Foto. Ich fand eine Anzeige mit der Überschrift: »Total verrückter Individualist. blendend aussehender und unabhängiger Akademiker (55/175) wünscht mit Dame dieses Metiers in Verbindung zu treten. Allerdings sind Männer.Wir tranken einen Eierlikör auf die Männer und lasen weiter. »dabei ist es ganz einfach: Wenn einer eine Frau sucht bis ›circa 25‹. Ich addierte: 26+8 – 34. Alter 26+8 Jahre«.« »Lies vor!« »Bestseller-Autor der Zukunft sucht: solvente Verlegerin für Buch. Alter und Aussehen unwichtig. dann kannst du wetten. sportlicher. daß der Inserent exakt ein Jahr älter ist. Klar. die nach dem zweiten Prinzip inserieren. dann ist der Inserent zwischen vierzig und scheintot. Weitgereister. spätere Heirat möglich. sagte ich. 208 . sagte Julia. Die Suche nach der verlorenen Jugend beginnt erst mit vierzig.« »Hier!« rief Birgit.

Also haben nur dumme Frauen ein gutes Herz.« »Ich habe auch Abitur«. kreative Menschen. Warum muß eine Frau schön sein und nicht klug? Weil Männer besser sehen können als denken. ich bin es auch. sagte Birgit. sagte Birgit. die das Leben in der Stadt und Büstenhalter ablehnt. Ich bin ein jünger aussehender 209 . die ja älteren Männern nicht abgeneigt war. der eine alternative sinnliche Frau suchte. haben keine Herzensbildung. sagte Julia. Das müßte doch bekannt sein«. sagte Julia und lachte. – Der alte Klospruch fiel mir ein. die Anzeige erinnerte mich an Julias Visionen von totaler Gemeinsamkeit: Kinder – Schulden – Fernsehabende! Darunter fand ich wenigstens eine Anzeige für Birgit. mag Kinderlachen. Familienglück…« – Ich hörte auf zu lesen. die Abitur haben. »Eine Ausnahme – schlimmer als die Regel«. Auch Herzensbildung war in den Annoncen sehr gefragt. Ich las die nächste Anzeige: »Ich mag idealistische. »So gut kennst du mich gar nicht…« »Frauen. »Herzensbildung ist für Männer der Gegensatz zu Kopfbildung. Kindersorgen. Ob Julia vielleicht mehr Herzensbildung hatte als ich und sich deshalb Gottfried Schachtschnabel hatte krallen können? Ich fragte die Heiratsannoncenexpertin: »Was ist Herzensbildung?« »Du hast keine!« antwortete sie. Dann las sie die Anzeige eines alternativen Lehrers vor. Und er wollte ein Brustbild. und las ihr vor: »Sie dürfen in Ihren Erwartungen anspruchsvoll sein.»Hm«.

in die Annoncen all dieser Idioten irgendwelche Hoffnungen zu setzen. zärtliche. was die anderen verdrängen… Du suchst den Kampf gegen das 210 . su. Lebens. seufzte Birgit. junge Dame mit Herz und Niveau sind. romantische. m. »daß diese reichen Männer nur reiche Frauen heiraten wollen. versteht sich. alle L(i)ebenslagen. »Zum Glück gibt es ja noch großzügige Kavaliere«. seht mal. Frl. und an 180 jugendlich-sportliche cm sollen Sie sich anlehnen. so daß ich sie bisher übersehen hatte: »Deine Vorzüge lassen sich nicht im Anzeigenton formulieren… Du hast Deinen Weg jenseits von abgeklärtem Stillstand gefunden… Du fühlst vieles.« Auch in der nächsten Anzeige wünschte sich einer aus den sogenannten Paritätsgründen eine vermögende Frau – als Dreingabe zu allen sonstigen Vorzügen. B. »Ein geiziger Lustgreis!« Ich war nun sicher: Es war ein idiotisches Unternehmen. sie war viel größer als die anderen. Aus Paritätsgründen wünsche ich mir eine Partnerin mit beträchtlichem Vermögen…« »Wie schade«. Plötzlich sah ich diese Anzeige. sagte ich. ju.« »Anlehnen«. »hier. sagte Julia. »Warum wünscht sich niemand aus Paritätsgründen eine intelligente Frau?« sagte ich.« Wir lasen: »Millionär (50) sehr großz. Zuschrif. Ch…« »Man merkt an den Abkürzungen. f. sagte Birgit.und Eheerfahrung haben einen aufmerksamen und zärtlichen Mann aus mir gemacht. attr. stand aber unten in der Ecke.Mittvierziger. was das für ein großzügiger Mensch ist«. »… sofern Sie eine vielseitige.

Ich las weiter: »Ich 32 /170 / 65 begeisterungsfähig und motivierend. rief Birgit.« Hier war. »Du wirst irgendein Foto haben«. aber völlig undogmatisch und trotz allem greifbar. Chiffre 48763 UZ. ich brauche ein Foto«. Birgit störte meine Gedanken. Wir suchen uns. sagte Julia. habe gelernt. Ein bißchen klein war er. ein Wink des Schicksals. Die Anzeige ging weiter. was ich gesucht hatte: Eine gleichgerichtete Seele! Endlich eine Anzeige eines Intellektuellen! Und eine so große. aber wir Intellektuellen achten nicht auf Äußerlichkeiten. flexibel und kontrolliert. Auf diese Anzeige. sagte ich geistesabwesend. ob ich doch auf eine Anzeige antworten sollte. Du magst Politik… Toleranz und Ästhetik sind für Dich so lebenswichtig wie für mich: Du bist intellektuell aus innerster Seele. »ein Ganz-Foto. um selbstverständlich zu sein. »Ich habe kein Foto«. Ordnungen selbst zu entdecken. lief mir ein Schauer über den Rücken. sonst kann ich auf keine Anzeige antworten. Ich liebe klare Sprache und klare Menschen. mich in absoluten Freiräumen zu orientieren. der Mann mußte hier in der Nähe leben! Wirklich. »Ein Foto.« »Ja«. nur sechs Zentimeter größer als ich. Die Gesetze der Erotik sind bekannt…« Als ich dies las. 211 . Dein freier Geist mag keine Normen und hat Raum für den tieferen Sinn des Daseins. sagte Birgit. Ich überlegte. unorthodox schaue ich mir Dinge gerne andersherum an als in ihren eingestanzten Bedeutungen. großzügige Anzeige! Und die Anzeige war in einer regionalen Zeitung.Bürgerliche an sich… Für Dich ist Sein wichtiger als Haben.

»Ganz natürlich«. Ich versprach ihr die schönsten Farbfotos. sagte Birgit. daß ich auf der Filmakademie bin und Fotografieren mein Beruf und meine Leidenschaft ist.« »Auf dem Friedhof?« sagte Julia. sagte ich. sagte Birgit und sah uns mißtrauisch an. wenn ihr meine Fotos nicht gefallen würden. kann ich nicht irgendein Foto schicken! Das ist doch der erste Eindruck. wie ich dann aussehe?« »Morgen mittag machen wir die Fotos«. Ich hab eine tolle Kamera. ich alles selbst 212 . »auf dem Heilig-Kreuz-Friedhof. den er von mir hat.« »Irgendein Foto«. Ganz natürlich würde sie darauf wirken. »da gibt es so schöne Bäume. »Ich kann fotografieren. Ich erinnerte Birgit. sagte Julia. »Ich weiß nicht recht«. solche Bäume gibt es sonst nirgendwo mehr in der Stadt. und da hab ich gelernt. habe ich nicht.« »Ehrlich?« sagte Birgit. wie wichtig…« »Soll ich dich fotografieren?« sagte ich. »Du spinnst«. damit fotografiere ich dich. den ich überhaupt nicht kenne. daß ich sie auf dem HeiligKreuz-Friedhof fotografiert hätte. sagte Birgit. daß man auf den Fotos garantiert nicht sehen würde.»Nein. versprach Birgit.« Ich schwor Birgit. das für so was geeignet wäre. Ich habe nach dem Abi in einer Werbeagentur gejobbt. »Wegen der Bäume«. »Einem Mann. »wer weiß. wie man fotografiert. »Ehrlich«. Jedenfalls keins. sagte ich. und man weiß doch. Ich redete wie wild auf Birgit ein. sagte ich.

in der Eisdiele gegenüber dem Haupteingang vom Heilig-Kreuz-Friedhof. das es nur auf Friedhöfen gebe. zuzugeben. machten wir aus. »Ist doch ein prima Angebot«. mußte auch ich handeln. das hatte ich gar nicht nötig. Aber morgen. Aber nun.bezahlen würde. daß ich sie dann notfalls sogar auf dem Gelände der Bundesgartenschau fotografieren würde. Ich versprach Birgit. Ich hatte keine Lust gehabt. sagte Birgit. da Albert eine andere hatte. und daß sie nur dann die Abzüge und den Film bezahlen solle. weil Donnerstag auch mein freier Tag ist. Ich nahm mir wieder vor. Weil alles nichts half. auf diese Annonce zu antworten. Wir verabredeten uns nach langem Trara für Donnerstag. Sie hatte einen Pickel am Kinn und müsse vor den Aufnahmen selbstverständlich zum Friseur. daß ich mit dem Gedanken spielte. wenn ihr die Fotos wirklich gefallen. und vor allem nicht gegenüber Julia. Das war Birgits Gleitzeittag und traf sich gut. dann… 213 . Das war zwar total erlogen. Albert nicht anzurufen. Aber wenn Albert nicht bald mich anrufen würde. wenn ihr mein Fotoplatz auf dem Friedhof nicht gefallen würde. Auf dem Heimweg kaufte ich die Zeitung. in der ich diese Anzeige gefunden hatte. morgen ginge es nicht. Sie hatte keine echte Chance bei ihm. Um 14 Uhr. daß die tollsten Fotos von Catherine Deneuve ebenfalls auf einem Friedhof gemacht worden seien. sagte Julia zu Birgit. Andererseits: Vielleicht hatte er sich längst wieder von dieser Null-acht-fünfzehn-Diät-Gurke getrennt? Ich kannte Albert besser als sie. aber endlich war Birgit beeindruckt. gegenüber Birgit. Zumal ich mir noch keineswegs sicher war. sagte ich. wegen des berühmt sanften Lichts.

– Allerdings würde der Verdacht dann auf mich fallen. daß ich ihn noch haben wollte. daß ich ihn umgefahren hab. Ich will ja nicht in den Knast. Nicht. Wie? Ich könnte ihm sagen. Nicht so kampflos. Nur dich!« Gift in den Pudding. Am besten wär’s. und dann lauere ich hinter der Tür mit einem Beil: zack. wenn ich ihn umbrächte. Um ihn bei einer 214 . Aber vielleicht brennt dann die ganze Bude. als letzte Worte zu hauchen: »Constanze. Tabletten? Ich sehe Albert vor mir. würde er stutzig werden. er soll mich besuchen. noch ein letztes Mal. Und vielleicht wäre er nicht sofort tot. was ich dir gekocht habe. es wird dir guttun«. Das wäre schlecht. Aber eine andere soll ihn auch nicht haben. sondern mein Leben in Rache genießen. Wahrscheinlich könnte ich diesen Anblick ein Leben lang nicht vergessen. Würde Albert recht geschehen. Oder einen Fön. zack. Spontan im Affekt – das gibt mildernde Umstände. wie er sich in Magenkrämpfen windet. Kapitel Ich könnte ihn umbringen. du! Ich habe dich immer geliebt. dann würde er wahrscheinlich darauf verzichten. Mir wird auch ganz schlecht. Ein Radio in die Badewanne werfen. kurz und schmerzlos. Aber dann überall das Blut. mit einer Schüssel Pudding unterm Arm: »Sieh mal. und auch ich werde ein Raub der Flammen. Aber wenn ich zu ihm geh. ich würde ihn mit dem Auto plattfahren.39. Und wenn er merken würde.

Er sprach in letzter Zeit immer wieder von Selbstmord.Bootsfahrt aus dem Kahn zu kippen. bin ich zu schwach. Selbstmord wäre überhaupt ideal. Der arme Albert. und er würde gerettet. ganz in Schwarz gekleidet. 215 . Und wahrscheinlich würde dann nur ich ersaufen. helfen. mit Schleier am Hut. »ich glaube nicht. Die Beerdigung von Albert wäre eine gute Filmszene. daß die Angeklagte meinen Lebensgefährten umgebracht hat. Das könnte ihm so passen. werde ich sagen. Wissen Sie. »Nein. Ich könnte dann vor Gericht großmütig der anderen. Ich muß weinen. er wird die Trennung von mir nicht überleben. 500 rote Rosen würde ich. die natürlich des Mordes verdächtigt wird.« – Da würde mich keiner mehr verdächtigen. Herr Richter«. seitdem ich ihn verlassen habe. gestützt von den zwei schönsten Männern der Scene. Er müßte in den Armen einer anderen verenden.« Und ich könnte noch mit tränenblinder Stimme hinzufügen: »Im Grunde starb er an gebrochenem Herzen. Er würde mich mit sich rausziehen. Dann hätte ich auch nicht den Arger mit der Leiche. er war so depressiv. Tiefes Mitleid mit seinem selbstverschuldeten Schicksal erfüllt schon jetzt mein Herz. auf sein Grab legen.

um sich ganz entspannt darauf aufstützen zu können. Sie sei noch nie auf dem Friedhof gewesen. dann sagte ich zu Birgit. roch sie kilometerweit nach Parfüm – obwohl man das auf dem Foto nun wirklich nicht sehen würde. Sie zog 216 . Es wird mir immer ganz anders von diesem Zeug. Sie roch nach Opium. mit frisch eingedrehtem Haar und voller Mißtrauen. Um Birgit von meiner Professionalität zu überzeugen. »Warum?« sagte Birgit. Ich baute das Stativ auf. perfekt geschminkt. Mit der linken Hand sollte sie einen Zweig der Trauerweide an ihr Gesicht ziehen. Kapitel Birgit war pünktlich. Birgit trottete hinter mir her. Ich sagte nichts. schleppte meine Fototasche und das Stativ zu dem Grab. sagte sie. die keinen Widerspruch duldet. gab ich meine Anweisungen mit einer Stimme. daß sie nun den rechten Arm auf den Grabstein lehnen sollte. »Weil das toll aussieht. schraubte die Kamera fest. er hatte genau die richtige Höhe.« Birgit untersuchte den schwarzen polierten Marmorstein auf fleckbringende Bestandteile. Perfekt wie sie war. und überhaupt sei alles eine Schnapsidee.40. dem penetrantesten Geruch seit der Erfindung des Mottenpulvers. neben dem die wunderbare Trauerweide wuchs. »Hier!« sagte ich. »Hier?« sagte Birgit entsetzt. Die Sonne schien durch die Zweige.

widerwillig an einem Zweig der Trauerweide und untersuchte die Blätter auf Blattläuse. Ich sollte die Haare über die Ohren kämmen. Das Halskettchen brachte mich auf die Idee: »Erzähl doch mal. wenn man zu ihr sagt. »meine Ohren sind zu groß. Ich sagte es Birgit. sie sei eine echte Mickymaus. was hat deine Schwester von ihrem tollen Mann zur Geburt von dem tollen Baby geschenkt bekommen?« 217 . Das Modell muß ganz natürlich wirken. um die Atmosphäre zwischen Fotograf und Modell zu entspannen. Birgit!« Birgit glotzte depressiv. »Also noch mal«. Birgit!« Birgit ließ den Zweig der Trauerweide los und wischte sich hektisch übers linke Ohr. Raffaela!« oder wie das Modell eben hieß.« Birgit lächelte wie ein Haifisch. »Jetzt lächeln. wie ein Starfotograf fotografierte. als wollte sie sich damit erwürgen. hatte ich zugesehen. Darauf waren die Modelle immer ganz entspannt. das ist bekanntermaßen das Wichtigste beim Fotografieren. Birgit. daß ich ihr das deshalb gesagt hätte. Birgit zog an ihrem goldenen Halskettchen. Verzweiflung war in ihrem Blick. Der Starfotograf sagte zu jedem Fotomodell: »Du bist eine echte Mickymaus. »Und jetzt?« fragte sie. Jennifer!« Oder: »Du bist eine echte Mickymaus. »Ich weiß«. Und daß ich wüßte. »Achtung! Du bist eine echte Mickymaus. Desiré!« Oder: »Du bist eine echte Mickymaus. sagte ich. Damals. sagte sie. »Du bist eine echte Mickymaus. Aber dann sieht man meine Ohrringe nicht!« Ich erläuterte Birgit. als ich in der Werbeagentur gejobbt hatte. So ging’s nicht. daß jedes Fotomodell entspannt ist.

9 Meter von ihr entfernt. halb geöffnet. »Bei Tchibo?« Ich beobachtete Birgit weiter durch das Objektiv. ohne dabei die Lippen zu öffnen. sagte ich und knipste. das verbindliche Lächeln. wußte ich. wenn du ›Etage‹ sagst. Ganz toll das Herz Und Weihnachten bekommt sie dazu die passende Kette. Echt Gold! Fünfhundertfünfundachtziger Gold!« Als Birgit ›Gold‹ gesagt hatte. »So ein hohles? Für 49 Mark 95 Pfennig?« »Nein. Ich wollte aber ihren Mund rund und gleichzeitig etwas gespitzt und einen sehnsüchtigen Ausdruck in den Augen. massiv Gold.« »Sag noch mal ›Etagen. um Birgit vom Fotografiertwerden abzulenken.Juwelier‹. Das gab ihr einen berechnenden Zug um den Mund. Aber Birgit führte sich auf wie Margaret Thatcher. »Was für’n Anhänger?« fragte ich. das Treue signalisierte.« »Warum?« »Weil dabei dein Mund so schön aussieht. bei einem Etagen-Juwelier in der Innenstadt. und in ihren Augen war plötzlich ein inniges Leuchten. »Wo hat er es gekauft?« fragte ich weiter. »Sehr schön«. während ich Birgit durchs Objektiv beobachtete. Den Sex von Marilyn Monroe und die Eleganz von Catherine Deneuve – das war’s. »Was für ein Goldherz?« fragte ich. daß es das war.»Einen ganz tollen Herzanhänger«.« – Das hätte ich nicht sagen sollen: Jetzt sagte sie ›Etage‹. Diese Lippen. Ich mußte abwarten und sie weiter beobachten. der Glanz in den Augen. sagte Birgit. was mir vorschwebte. »Nein. sagte Birgit und wirkte sofort weniger verkrampft. »Ein Goldherz«. 218 . Ich war nur 0.

daß man von dem Grabstein nachher auf dem Foto höchstens eine Ecke sehen würde. Birgits blonde Haare zu dem Grün der Trauerweide. rechts von Birgit ebenfalls Trauerweide. daß nun auf meinem Bildausschnitt nichts von dem Grabstein zu sehen war. ich versicherte Birgit. »Sag noch mal ›fünfhundertfünfundachtziger Gold‹. diese Begierde bedürfe zu ihrer Erfüllung mehr. Dann legten wir Birgits himbeerrote Jacke über den Grabstein. die himbeerrote Jacke wiederholte die Farbe von Birgits Lippenstift.« »Warum soll ich jetzt dreihundertdreiunddreißiger Gold sagen statt fünfhundertfünfundachtziger Gold?« sagte Birgit alarmiert.« »Ich kann doch nicht ein Foto. für eine Heiratsannonce einschicken«. sag jetzt noch mal ›dreihundertdreiunddreißiger Gold‹. Wir dachten gemeinsam nach. maulte Birgit. und daß er dann aussehen würde wie eine schwarze Kommode. Im Objektiv sah ich über Birgits Kopf die Blätter der Trauerweide.der Begierde verhieß – aber nicht so stark war. »Warum steht denn eine Kommode unter einer Trauerweide?« Das wußte ich auch nicht. die Struktur der Blätter zu dem Muster von Birgits weißer Spitzenbluse. Birgit legte den Arm auf die Jacke. »Das Goldherz von meiner Schwester…« 219 . um den Verdacht zu erwecken. die am Kragen und an den Manschetten mit Goldfäden durchwebt war. Ich sagte. »Also. Ideal. als ein durchschnittlicher Mann zu bieten hatte. und links lehnte sie sich auf ihre Jacke. auf dem ich an einem Grabstein lehne. Es sah sehr hübsch aus.

220 . sagte ich. fünfhundertfünfundachtziger Gold«. »Was soll ich damit?« fragte Birgit. Ich ging von Blende 3. mit Blumen überhäuft. war nicht mehr zu sehen. Ich ging zu dem Grab. Und Birgit war nun ganz locker und natürlich. Sie drehte den Kopf nach links. der vorher vorbeigegangen war. »Du bist echt fünfhundertfünfundachtziger Gold«. Wie Birgit ›fünfhundertfünfundachtziger Gold‹ sagte.»Okay. sagte ich. Sie war fast erblüht. Blende 2. da wollte ich auf den Auslöser drücken. Der Glanz in ihren Augen war etwas härter geworden. sagte ich. sagte ich. »Wir bringen sie nachher zurück«. dann blickte sie versonnen auf ihre Strickjacke auf dem Grabstein. »Wart mal«. auf der mit goldenen Buchstaben stand: »In ewiger Liebe. die Silben vorher waren nur zu meiner Konzentration und zu Birgits Ablenkung nötig. tiefrote Rose. Dann entdeckte ich hinten in einer Ecke des Friedhofs ein frisches Grab. und jedesmal. drückte ich auf den Auslöser.« Ich gab Birgit die rote Rose.8 – die totale Weichzeichnerblende. einmal stützte sie das Kinn auf den Daumen der rechten Hand. Und jedesmal sagte sie: »Fünfhundertfünfundachtziger Gold«. Es sah immer toll aus. Birgit bekreuzigte sich. »Also. warf ihre Haare in den Nacken.6 auf Blende 2. sagte Birgit. wenn sie ›Gold‹ sagte. Ich nahm aus einem der Gestecke eine kurze. Mir kam es nur auf das Wort ›Gold‹ an. sah mich vorsichtig um – der alte Mann.8 trotz der Sonne: Birgits Gesicht würde wie gemalt wirken. okay«. war irre. Jetzt machte das Fotografieren Spaß. Das Gesteck hatte eine schwarze Schleife.

vor dem Friedhof. fiel auf die winterfeste Grabbepflanzung. die nicht von dieser Welt schien.« Es war nun fast vier Uhr. Ich starrte sie an durchs Objektiv: Blende 3. Der Lärm verflog in den Zweigen der Trauerweide.5 Meter. mußt nicht einsam sein. Entfernung 1. Draußen. im Sonnenlicht. auf der linken spielten die Schatten der Blatter der Trauerweide. goldener. mußt dem Mann verzeihn. öffnete sich 221 . sie sah aus wie eine Riemenschneider-Madonna oder wie eine Nutte in einem Fassbinder-Film. mit dem Traum vom verlorenen Glück!…« Dann war das Auto mit der Stereoanlage außer Hörweite. Die Schatten der Blätter spielten auf Birgits Gesicht.6. wischte sich über die Augen. Plötzlich. der dich niemals im Leben vergißt! Irgendwo wird er stets an dich denken. an den Mund. fuhr ein Auto vorbei. Ich ging auf Blende 3. Die Goldfäden an Birgits Kragen strahlten mit einer Intensität. den noch keiner geküßt! Kleine Annabell. nun nicht mehr in der weißen Helligkeit des Nachmittags. In Birgits Augen schimmerten Tränen.»Sieh die Rose an und sag ›fünfhundertfünfundachtziger Gold‹. Heino oder sonst ein Heini dröhnte im Autoradio. Und nun spiegelte sich die Sonne in dem schwarzen Marmor.6. wurde hier wieder zur sanften Musik… »… Kleine Annabell. jetzt war das Licht wärmer. aber hörte die aufgedrehte Stereoanlage: Udo. ein goldschwarzer Glanz fiel auf Birgits rechte Gesichtshälfte. Birgit bewegte den Arm. man sah es nicht. ihre Jacke rutschte vom Grabstein herunter. Das Sonnenlicht brach durch die Zweige der Trauerweide.

»Sag es«. Der Wind trieb mir eine Schwade Opium ins Gesicht. bis die Fotos entwickelt seien. daß es Zeit würde. Eigentlich war ich jetzt dazu entschlossen. sag es mir. flüsterte ich. fotografiert zu werden. flüsterte Birgit. »bitte. auf welche Anzeige sie antworten würde. ich drückte auf den Auslöser und bekreuzigte mich: »Lieber Gott. Die vollkommene Rose schenkte uns ihre letzte Chance.« »Fünfhundertfünfundachtziger Gold«. 222 . Sie fragte zurück. ob sie jetzt wisse. daß es ihr auf jeden Fall Spaß gemacht hätte. sagte Birgit. daß sie bis Montag fertig sein würden. daß es Zeit wurde zu handeln. Ich hatte Birgit nichts davon erzählt. wurde in mir immer stärker. als wir uns nach einem anschließenden Eisbecher verabschiedeten. Ich war ziemlich sicher. Birgit sagte. Aber Birgit verstand meine Frage nicht. sie sagte. auch auf eine Anzeige zu antworten. ob sie nicht fände. und ich hätte wie ein Profi fotografiert – das hört man gerne.die fast erblühte Rose. die feinen Härchen der Blütenblätter warfen samtene Schatten. daß ich mir immer noch überlegte. Sie öffnete sich mit letzter Kraft zur letzten Vollkommenheit. Ich war verunsichert.« »Was bin ich gespannt«. wie lange es dauern würde. sie wolle erst die Fotos abwarten. weil Albert sich seit jenem Abend letzter Woche nicht mehr gemeldet hatte. Ich hatte Birgit auch gefragt. ihre Situation zu ändern. daß die Belichtungszeit richtig war. gib. das Gefühl. Ich hatte sie noch gefragt.

weil Irmela mit ihrem Benjamin abends auf ein Fest wollte und Benjamin vorher schlafen sollte. aber mir war der frühere Termin auch ganz recht. damit er auf dem Fest voll da war. fertig sein. Wenn das Frauenseminar schon zwei Stunden früher stattfand. überlassen. Als ich dann weiterfuhr – ich war auf dem Alleenring. es trug seine Initialen »GS 1«. daß sogar fünf Frauen am Freitag Zeit hatten – allerdings hatten wir uns statt wie üblich fünf Uhr schon auf drei verabredet. Montag würden sie. fuhr ich auf dem Weg zur Akademie an meinem Fotoladen vorbei. würde ich Gottfried allenfalls vielleicht im Flur sehen. Obwohl ich noch die Ampel geschafft hätte. Kapitel Was keine mehr für möglich gehalten hatte. bremste ich. würde ihm kurz zunicken und ihn seinen Überlegungen. ich hätte es nicht ertragen. wollte ich sowieso nicht mehr ins Absolventenseminar. In Hochglanz bestellte ich die Abzüge. Weil es gestern zu spät gewesen war. da Gottfried mit Julia liiert war. direkt schräg gegenüber von 223 . kam mir ein jeansblauer Mercedes entgegen. Ich erkannte sein Auto schon am Nummernschild. Nach langem Telefonieren hatten wir festgestellt. ihn zweimal pro Woche zu sehen. Jetzt. um den Film noch wegzubringen. wurde wahr. Das Frauenseminar fand statt. als er sich für Julia entschied.41. Ich stand mit meinem Mini-Fiat auf der anderen Seite des Zebrastreifens. kurz vor der Ampel am Übergang vor der U-Bahn –. ob er sich richtig entschieden hatte. wie erwartet.

wollte hupen und winken. obwohl intensiv diskutiert wurde. Rosi erzählte. 224 . Ich kurbelte mein Fenster herunter. Beate ging gleich mit. in dem eine Frau bügelt. Geschirr spült… das würde nicht betroffen machen. aber er sah mich nicht. Ich ärgerte mich darüber. Widerlich.Gottfried. Während des Frauenseminars konnte ich mich überhaupt nicht konzentrieren. Um halb fünf hielt ich es nicht mehr aus. um festzustellen. Ich platzte fast vor Wut. Er fuhr nach Kreuzberg! Um 14 Uhr 36! Was wollte er dort um diese Zeit? Liebe am Nachmittag mit Julia. als ich ins Institut kam. Kurz nach fünf war ich zu Hause. bindet sich dann die Schürze ab. Sie hatte auch einen wichtigen Termin. Das Geklapper der Stricknadeln ging mir auf den Wecker. Dann sah ich an Gottfrieds Seminarraum einen Zettel hängen. spült Geschirr. murmelte ich und ging. Ich hatte einen wichtigen Termin. Sie war sofort am Telefon. geht ins Kino und sieht einen Film. Gottfried Schachtschnabel. putzt. putzt. oder? sagte Rosi. Und danach macht er sein Seminar. ob mein Verdacht richtig war. daß Rosi hinter jedem Satz »oder?« anhängte. Liebe am Nachmittag mit Julia. Ich konnte mich nicht bremsen und rief sofort Julia an. ich sah rot. man solle sich vorstellen: Eine Frau bügelt. wohin er fuhr. daß Hitchcock oder so jemand gesagt hätte. in dem Moment wurde mir klar. um mit Julia… Daß sie sich nicht schämte. wie man den Alltag einer typischen Hausfrau im Film transparent machen könnte. Ich haßte alle Frauen.« Wie bitte? Er ließ sogar sein Absolventenseminar ausfallen. frisiert sich. »Das Seminar fällt heute aus. Die Ampel schaltete auf Grün. ihre psychologischen Tricks so zu mißbrauchen.

»Aber Mittwoch. »Und was machst du sonst?« fragte sie zuckersüß. sagte sie. Aber weil sie so schnell am Telefon gewesen war. Eigentlich hatte ich wieder auflegen wollen.« »Ja. gerade ist er weggegangen. als sei sie Gottfrieds persönliche Referentin. davon sagte sie natürlich nichts. Warum fragst du?« »Zufällig hab ich gesehen.« »Er ist weggefahren? Wohin?« Gottfried sei nach Hannover gefahren. ist er wieder da. denn wenn sie jetzt schon zu Hause war. 225 . daß es ihr prima ging: »Ist Gottfried bei dir?« »Nein. heute noch nach Hannover zu kommen.»Lämmle«. »Prima. die falsche Schlange. »Hallo Constanze«. und Gottfried hätte das Seminar ausfallen lassen müssen. hatte ich mich erschreckt. weil er es sonst nicht geschafft hätte. er kam kurz vorbei. würde morgen 65. und dir?« Das wunderte mich nicht. daß sein Seminar ausfällt. nichts Besonderes. würden viele Gäste erwartet. ehe er weggefahren ist. Sein Vater hätte Geburtstag. Und zufällig hab ich ihn gesehen. wie er nach Kreuzberg gefahren ist. falls sie sich meldete.« »Sollen wir uns treffen? Das wär doch mal wieder nett«. dann war sowieso alles klar. fragte ich total düster. zu deinem Seminar. – Daß sie die letzten zwei Stunden mit Gottfried im Bett gelegen hatte. erklärte Julia. »Weiß nicht. sagte Julia total fröhlich. »Wie geht’s«. zum 65sten seines Vaters. sagte sie fröhlich blökend. hatte mich geräuspert und ohne es zu wollen. das fällt nicht aus«. meinen Namen gesagt. Und morgen.

nicht daß du denkst. »Es ist nämlich so«. es sei noch mal Julia. »Bist du es. Was ich heute abend machen würde. Constanze?« Es war Sieglinde Schadler. die Frau von Doktor Ziegler. das war bei Julia um die Ecke. ich würde dich nur als Lückenbüßerin…« »Aber nein. kann auch nicht – ihr Benjamin hat vorhin Schluckauf bekommen. fragte auch sie. die einen Zahnarzt geheiratet hat und ein ganz süßes Kind hat. nahm ich mir vor. »Ach«. »Warum?« »Ich wollte dich nämlich so gerne einladen für heute abend. »Wer ist da?« fragte eine Frau irritiert. und da konnte man auch draußen sitzen. daß es nicht mein Ernst sein konnte. daß ich mich gerade mit jemand verabredet hätte. daß die Babysitterin von ihrer Tamara-Julia krank ist! Und meine ehemalige Kollegin. auf die Idee käme ich bei dir doch nie«. »ich habe ein Kollegenehepaar von Wolf-Dietrich eingeladen und eine ehemalige Kollegin von mir. sagte Sieglinde. Und nun hat gerade die Frau von Wolfis Kollegen angerufen und gesagt. und da kann 226 . da läutete das Telefon wieder. sagte Sieglinde und seufzte schwer. sie über ihre Sexualpraktiken ausfragen. daß eigentlich auch Sieglinde merken mußte. weil ich natürlich annahm. Ich sagte. sagte ich so ernsthaft. »Ist noch was?« sagte ich. Ich würde Julia auf den Zahn fühlen.Wir verabredeten uns für sieben im Mykonos. Gerade hatte ich aufgelegt. Sieglinde war überhaupt irritiert.« »Warum?« »Ja also.

227 . Hm. »aber gerne. unterbrach ich sie. wollte sie doch lieber ein barmherziges Werk vollbringen. die im Vorzimmer der deutschen Spitzenverdiener wachte. »Ich habe Käseauflauf für uns entdeckt«. Aber ehe sie den Auflauf wegwerfen würde. das war schon vorbildlich. deshalb…« »Ach so.« Wieder einmal bewunderte ich Sieglinde: Wie sie es immer schaffte. total unverschämt zu sein. die Zahnarzthelferin mit stabiler Zweierbeziehung. sondern nur noch eine herrenlose Studentin. Dann bring ihn doch mit.sie ihn natürlich heute abend nicht mit dem Vati allein lassen und nun stehe ich da mit meinem Essen…« »Was gibt es denn zu essen?« fragte ich ganz direkt. Für ein paar lumpige Käsewürfel würde sie mich nicht als Lückenbüßerin bekommen. sagte Sieglinde. sagte Sieglinde. »Aber ich würde jemand mitbringen«. ich würde einen neuen Typen zur Begutachtung anschleppen. ihre Beleidigungen als emotionale Offenheit zu tarnen. um mir nicht noch mehr Beleidigungen anhören zu müssen. »Ehe ich den Auflauf wegwerfe…«. wenn du jemanden hast. ohne aber aggressiv zu wirken. »Aha. sie dachte.« Ich wußte genau.« »Und den kann man nicht wieder einfrieren. Ich wußte genau. Sie schaffte es sogar. seitdem galt ich für Sieglinde. sagte Sieglinde. seitdem ich nicht mehr die Lebensgefährtin des jungen Arztes war. nicht mehr als der richtige Umgang. »Ach«.

Wir freuen uns schon sehr«. aber ich hatte auch alle meine Bücher in das Zimmer geschleppt und sie an der Längswand wie Zigaretten im Zigarettenautomaten an der Wand hochgestapelt.« »Was meinst du damit?« »Na. während ich mir schnell die Fingernägel lackierte. daß ich für uns beide ein kostenloses Abendessen bei einer leidenschaftlichen Köchin organisiert hätte. Sie war noch nie in meiner Wohnung gewesen und sah sich um. es ist fast schöner als bei mir. »Schöne Wohnung«. – Du hast die klarere Linie. daß Julia mich abholen würde und wir dann zusammen zu Sieglinde und WolfDietrich rübergehen. sagte sie. sagte Sieglinde. »Was meinst du damit?« »Was ich sage: Bei dir ist alles eindeutig Schwarz oder eindeutig Weiß. Julia wollte zuerst nicht. du liebst doch die klare Linie«. sagte sie und lachte. Über die Bücher hatte ich ein großes Plakat gehängt von einer Ausstellung aus dem 228 .« Wir standen im Ex-Zimmer von Albert. das ganz weiß gestrichen ist.« Wir einigten uns nun darauf. Julia kam Viertel nach sieben. Sieht gut aus. »Also. sagte sie honigsüß. Also rief ich sofort wieder Julia an und erklärte. Nur die Tür und der Fensterrahmen sind schwarz.»Na. »Du bist sonst nicht so schüchtern. Sie kenne doch Sieglinde und diesen WolfDieter Lamar gar nicht. kommt doch beide um halb acht. An Möbeln waren nicht mehr als der schwarze Tisch und ein schwarzer Stuhl drin.« »Also gut. »hier gefällt es mir. da bin ich ja gespannt«.

»Aber wie kommen Sie denn auf die Idee«. »Das hättest du aber gleich sagen können – ich dachte schon…« Sieglinde beendete den Satz nicht. und dann sagte sie: »Sieht aus wie ein echtes Arbeitszimmer hier. sagte Julia zu Sieglinde. »Das ist meine Freundin Julia«. um Sieglinde zu ärgern. ich sagte mit Absicht »meine Freundin«. sagten Julia und Sieglinde und lachten herzlich »Sie hat mich bequatscht mitzukommen«. sagte Julia zu Sieglinde und zeigte auf mich. 229 . »Ach ja. stellte ich Julia vor. »Nicht. das Bild sei ein Symbol für die Phase der Ruhe vor dem Sturm des Schöpferischen. »ist ja auch Schwarzweiß«. ›Die Melancholie‹ von Dürer ist drauf: dieser mürrische Engel der total gelangweilt herumhockt – ich erzählte Julia. sagte Sieglinde zu Julia. es war auch so klar. wobei sie wieder herzlich lachte.« Dann mußten wir los. daß ich mal gelesen hatte.« »Ist es doch auch. daß Sie mich für lesbisch halten«. als sie uns sah. »Ach so! Du bringst eine Frau mit!« rief Sieglinde. was sie gedacht hatte. wie blöde«. und daß es mein Lieblingsbild ist.Kupferstichkabinett. »Paßt auch toll hier rein«.« »Hab ich ja gesagt. »Warum siezt ihr euch eigentlich?« sagte ich zu Julia und Sieglinde. Zehn nach halb acht waren wir bei Sieglinde. sagte Julia.

sagte er. um zu fragen. der uns auf dem Sofa im Wohnzimmer erwartete und sein Intellektuellen-Magazin auf dem Tischchen vor dem Sofa zurechtrückte. daß man sofort mit dem Essen anfangen konnte. nachdem ich die erste Portion Auflauf gegessen hatte. sagte Sieglinde. »Welches Tandem?« sagte Sieglinde. sagte Sieglinde zu Julia und zeigte auch auf mich. »Was ist eigentlich aus eurem Tandem geworden?« fragte ich.»Ich kenne ihre Scherze«. »Was ist denn mit dem Tandem?« fragte ich dann noch mal. das.« »Ach so. »Ja. Der Tisch war schon gedeckt. Das erklärte sie dann auch Wolf-Dietrich Lamar sofort. Wolf-Dietrich lächelte. So hab ich’s gern. die Tandems seien 230 .« Sieglinde bat mich. sagte die Verkäuferin. erklärte Julia. Als ich zu Eduscho gegangen bin.« Dann fragte Sieglinde Julia: »Möchtest du auch noch etwas von dem Auflauf?« »Und wo ist es?« fragte ich wieder. »Hab sogar 20 Mark mehr dafür bekommen. mich selbst zu bedienen. als es gekostet hat«. Wolf-Dietrich hätte es verkauft. »Möchtest du noch mehr?« fragte Sieglinde. wobei auch sie wieder herzlich lachte. Die Dinger waren im Nu weg. »Das Angebot bei Eduscho damals war tatsächlich sehr günstig gewesen. »Welches Tandem! Das Tandem. »Mein Freund ist nämlich verreist«. als hätte niemals ein matschgrünes Tandem in ihrem Bügelzimmer gestanden. der Auflauf sogar soweit abgekühlt. ob die das Ding vielleicht zurücknehmen. das du Wolf-Dietrich zum Geburtstag geschenkt hast.

Ich erklärte Sieglinde und Wolf-Dietrich. Wolf-Dietrich berichtete weiter: »Und da habe ich meine Telefonnummer hinterlassen…« »… schon am gleichen Tag haben vier Leute hier angerufen. daß nun Julia ihn ergattert hatte. »Und einer.bereits ausverkauft und sie hätten noch so viele Anfragen…« »Alle anderen Leute wollen nämlich ein Tandem haben«. »Was?« sagte ich. daß Julias Freund der Dozent ist. das hatte ich nicht gewußt. der ganz verrückt nach dem Tandem war. es ging sie nichts an. hat tatsächlich 20 Mark mehr geboten – na ja. »Wußtest du das nicht?« sagte Julia zu mir. sagte Wolf-Dietrich und lachte.« Um abzulenken sagte ich: »Fährst du mit Gottfried Tandem?« Ich fragte es ganz cool. ob ich Sieglinde aus Versehen mal von Gottfried erzählt hatte. »Ich finde ein Tandem auch sehr schön«. die alle ein Tandem haben wollten«. Sieglinde sah Julia dankbar an. sagte Julia. 231 . Ich sagte aber nicht. bei dem ich meinen Abschlußfilm drehen würde. unterbrach ihn Sieglinde wieder und stach auf den Auflauf ein. Nein. daß Julia Gottfried erst durch mich kennengelernt hatte – ich wußte nicht mehr. sagte Sieglinde und stocherte in ihrem Auflauf herum. Prompt sagte Julia: »Und so habe ich den Gottfried Schachtschnabel über Constanze kennengelernt. »Mein Freund hatte auch mal eins«. und fand. so haben wir einen Riesenreibach gemacht mit dem Ding«. sagte Julia.

»Sie ist Diplom-Feministin«. sagte Wolf-Dietrich und tat. »Ach. »Ja«. sagte Wolf-Dietrich wieder. als ob er nachdenken würde. sagte Wolf-Dietrich. »Seit wann sind die denn geschieden?« fragte WolfDietrich. Mindestens seit vier Jahren. weil Julia Wolf-Dietrich nur anstarrte.« »Das stimmt nicht«. »Ich kenne die Inge doch«. sagte Julia. sagte Wolf-Dietrich. du warst schon verheiratet«. sagte Sieglinde. »Schon ewig. Das hat Frau Schachtschnabel vermutlich verkauft. sagte Wolf-Dietrich.« »Schachtschnabel«. »Das weiß ich nicht genau«. das hatte er damals mit seiner Ex-Gattin zusammen. sagte Julia. wieder damit anzugeben. 232 . sagte ich – ich wollte Wolf-Dietrich keine Chance geben. der Name kommt mir bekannt vor. »Ich bin auch geschieden«. »das kann nicht sein. wen er alles kennt. »Ihn kenne ich kaum«.»Nein. »seine Ex-Frau. »Ja«. »Heißt seine Frau Inge?« fragte Wolf-Dietrich. Sieglinde lächelte.« »Ich«. Sieglinde bekam sofort den mißtrauischen Ehefrauen-Blick.« »Woher?« fragte Sieglinde. sagte Julia.« »Warum nicht?« fragte ich. »Arbeitet im Frauenzentrum. »Schachtschnabel. sagte Sieglinde und sah Julia an.« »Ach so«. sagte Julia.« »Klar«. sagte Wolf-Dietrich mit seiner Besserwissermiene. als gäbe es Spuren der Ehe in Julias Gesicht zu entdecken. »ich kenne die Inge. nehme ich an.

sagte Wolf-Dietrich. daß es für sie finanziell günstiger wäre. bis ihr Ehemann einen besseren Job bekommt – andererseits besteht natürlich die Gefahr. »Aber weil sie mit einem verheirateten Mann zusammen ist. Sie sind mit einem verheirateten Mann zusammen?« sagte Sieglinde. 233 . sagte Sieglinde. Sie will ihrem Liebhaber gegenüber nicht als alleinstehende Frau dastehen. »Die beiden treffen sich doch noch öfter?« »Das weiß ich nicht«.« »Aber ich denke. sagte ich. daß er. Ich kenn doch jede Menge Anwälte. »Du kannst aber Julia trotzdem weiterhin duzen«. »sonst war er längst geschieden. Da hätte die Inge mich angerufen.« Wolf-Dietrich sah Julia an. Wir haben schon x-mal darüber geredet. arbeitslos wird. dann kriegt sie weniger Kies von ihm als jetzt. »Inge meint außerdem. »Ach. der sich nicht scheiden lassen will. wenn sie sich scheiden läßt. Wolf-Dietrich zeigte sich selbst einen Vogel.Wolf-Dietrich sagte mit erhobener Gabel: »Das wüßte ich als erster.« »Und Gottfried kann nichts dagegen machen?« Obwohl Gottfried jetzt mit Julia ging. es wäre auch vorteilhafter für sie. wenn die geschieden wären. wenn sein Vertrag ausgelaufen ist. Ich hab es ihr schon xmal erklärt. daß du Feministinnen betreust«. sagte ich. will sie sich auch nicht scheiden lassen.« »Ich wußte gar nicht. sagte Julia sehr reserviert. wenn sie wartet. der will sich überhaupt nicht scheiden lassen«. Wie gemein von seiner Ex-Frau! Noch-Ehefrau! »Nein. tat er mir leid. sie ist Feministin«.

Irgendwie. dann sagte sie: »Er hat ja nie gesagt. »Ja. sagte ich. Ich beschloß. daß Gottfried noch verheiratet ist?« fragte ich nach einer Weile. in ihrer Küche ihren neuen Mikrowellenherd zu besichtigen. »So. möglichst bald zu gehen. Ich überlegte im stillen. der ist noch 234 .« »Also. schönen Gruß an deinen Freund«. findest du«. weil ich mich trotz allem (jedenfalls gegenüber Sieglinde) mit Julia solidarisch erklären wollte. »Auf keinen Fall«. sagte Julia und sah mich an. als wir außer Hörweite draußen auf der Straße standen. sagte Julia eisig. irgendwann schafften wir es dann zu gehen. »Falls er sich wirklich mal scheiden lassen will – der Lamar weiß einen ausgezeichneten Anwalt. »das ist wahrhaftig kein Grund. jemanden zu siezen. »ich will heim. Es fiel mir aber nichts ein.« Also trotteten wir zurück zu ihrem Auto. ob er verheiratet ist oder nicht«. ich glaube. lieber nichts mehr zu sagen. als sei ich es. »Glaubst du wirklich. Sieglinde schlug vor. die ertappt wurde. »Ist doch egal«. wie wir es schaffen würden. sagte Julia. das wird nicht nötig sein«. »Ist doch egal. sagte WolfDietrich zu Julia. »Danke. »Sollen wir noch woanders hingehen?« fragte ich. du weißt für diese Inge einen ausgezeichneten Anwalt?« sagte Sieglinde.« Dann schwiegen wir wieder eine Weile.»Da hast du recht«. Er tat nur so. sagte Sieglinde. sagte Wolf-Dietrich. oder ich hab das reinprojiziert. das bei mir vor der Tür stand. Es stimmt. daß er geschieden ist.« »Ich denke. verheiratet zu sein.

– Aber er lebt ja nicht mit seiner Frau zusammen. daß das nicht mehr lange gutgeht…« 235 . Sie sah das Taschentuch an.« »Zwischen dir und Gottfried?« fragte ich vorsichtig.« Dann blieb sie plötzlich stehen: »Das war’s dann also. er sei noch verheiratet?« »Aber du hast doch gewußt. als wüßte sie nicht. »Er lebt nicht mehr mit seiner Frau zusammen. Jetzt ist mir alles klar. aber geschieden ist er nicht. Dann fand sie ein Papiertaschentuch. »Ja. wovon ich redete: »Du hast Vorstellungen von der Ehe!« Sie zuckte mit den Schultern. zerknüllte es.« »Eine harmonische Tren…«.« »Was?« Julia suchte in ihrer Handtasche herum. wenn er mit einer Frau zusammenleben würde.« »Ich versteh nicht. aber Julia ließ mich gar nicht erst weitersprechen.« »Woran hätte ich es merken sollen?« »An allem. das merkt man sofort. Du bist doch Psychologin. sagte ich. du hast doch auch schon gesagt. Und da sie keine sexuellen Kontakte mehr zu ihm wünscht und ihm keine Hemdenknöpfe mehr annäht – wie soll ich da auf die Idee kommen.« Julia tat. warf es zurück in die Handtasche. daß er öfter zu seiner Frau fährt.verheiratet. das stimmt. daß Gottfried verheiratet ist. »Ich hätte natürlich gemerkt. warum du nicht gemerkt hast. Ein Blick in den Badezimmerschrank genügt. Ganz klar. Deshalb trifft er sich auch ständig mit seiner Frau. Dann sagte sie: »Es ist aus.

tu nicht so unschuldig. daß mir das nicht paßt.« »Und was wirst du ihm sagen?« »Dann schmeiß ich ihn raus. wird er sich nie scheiden lassen«. in hohem Bogen.« »Aber du hättest merken müssen. ging er nicht mehr zu ihr. Er wollte gleich. sagte ich. »Wann kommt er wieder?« »Dienstag abend.« »Aber bestimmt nicht zwei Stunden lang«. sagte Julia. sagte Julia düster. »Was soll das heißen?« »Komm. ohne Julia anzusehen.« Mein Herz schlug so laut.»Seit ich ihm neulich in aller Deutlichkeit gesagt habe. »Willst du nicht wenigstens mit ihm darüber reden?« sagte ich und merkte. aber ich hatte ja schließlich keine Bettbeziehung zu Gottfried.« 236 . »Das wäre die einzige Möglichkeit gewesen. daß er noch nicht geschieden ist«. »Wenn dir einer seine Lohnsteuerkarte zeigt: das ist heutzutage die wahre Intimität. – Ich hatte es zwar auch nicht gewußt. wie heiser meine Stimme war. »Man sollte sich keine Illusionen machen.« Eine Weile gingen wir schweigend weiter. trotz allem. wenn er zurück ist. Aber das gehört sich nicht. bis jetzt nicht geschieden ist.« Sie seufzte. Dann kann er gleich wieder zu seiner Gattin gehen. Von der mußte er sich auch heute extra verabschieden. »Ich hätte mir seine Lohnsteuerkarte zeigen lassen sollen«. bei mir vorbeikommen. »Wenn er. sagte ich. Julia könnte es hören. – Oder er hat es mir einfach nicht mehr erzählt. was ihm seine Frau angetan hat. daß ich befürchtete.

er müsse bei ihr einen alten Bilderrahmen abholen. Und dann ist er wieder zu seiner Frau gefahren.« »Glaubst du?« Julia sagte nichts mehr. gerade ehe du angerufen hast. sagte ich.»Bei mir war er nur ganz kurz und hatte es furchtbar eilig.« »Wann? Bei mir war er aber erst kurz vor fünf. den wollte er seinem Vater mitbringen.« Julia blieb stehen. Ein seltsames Gefühl überkam mich. träumte ich davon. Wir standen jetzt vor ihrem Auto. Garantiert. daß sich Gottfried meinetwegen scheiden lassen würde. 237 . Wenn Julia jetzt tatsächlich mit Gottfried Schluß machen würde. Wie es sich gehört. Er war nur fünf Minuten bei mir. Das wäre das Tollste überhaupt. Schon ehe ich einschlief. »Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit war er da auch bei seiner Frau. dann wäre er wieder frei. sagte ich.« »Komm«. war er da. er sagte. »Du kannst es dir ja noch mal überlegen«.« »Alles Gute«. »ich hab ihn zu dir fahren sehen um halb drei. weil er schnell noch zu seiner Frau mußte. Julia sagte: »Nein. »Und dann ist er zusammen mit seiner Frau zu seinen Eltern gefahren.« »Und wo war er in der Zwischenzeit?« fragte ich. sagte ich.

durfte ihr nicht alles glauben. wie sie immer behauptete. die fundamentalen Unterschiede zwischen Gottfried und ihr zu verschleiern. Einerseits erzählte sie dauernd. wenn er zurückkam? Oder war das nur wieder eine ihrer hohlen Parolen? Ich mußte vorsichtig sein. nur weil Gottfried verheiratet war.42. daß nicht sicher war. Vielleicht würde sie weiterhin versuchen. Ich dachte nach. geschieden zu sein – andererseits war sie keineswegs so radikal gegen die Ehe. Ich dachte über Albert nach: Die Schmerzen um ihn schwanden im gleichen Maße. Julia hatte schon mal auf eine 238 . ob sich Julia tatsächlich von Gottfried trennen würde. da war ich sicher. wie froh sie sei. was er wollte. sich von Gottfried zu trennen. Dafür sprach. Würde sich Julia wirklich von Gottfried trennen? Sofort am Dienstag. Ich dachte über Gottfried nach: Es mußte irgendwelche theoretischen Gründe haben. Aber was sollte ich schreiben auf die Annonce? Ich hatte keine Erfahrung. Kapitel Das ganze Wochenende über lag ich im Bett und dachte nach. Sollte Albert doch machen. ob ich unter den gegebenen Umständen auf diese Annonce schreiben sollte. Auf die Annonce zu schreiben. wie neue Hoffnung mein Herz erfüllte. Vielleicht wollte sie sogar wieder heiraten?! Dann würde es ihr schon ähnlich sehen. dafür sprach außerdem die alte HausfrauenWeisheit: Zwei Männer sind besser als keiner. daß er noch verheiratet war.

um meine Position mit der erforderlichen Gründlichkeit darzustellen.geschrieben. das Albert mal von mir gemacht hatte. da ich oft nicht da bin. Schließlich schrieb ich: Lieber. Ich suchte Ewigkeiten nach einem geeigneten Foto. Ich schrieb sie schön deutlich oben auf den Briefbogen. entschied mich dann für eines. wenn Du mich mal anrufen würdest. verehrter Intellektueller! Deine Anzeige finde ich ganz toll. weil sie mich betroffen gemacht hat. weil ich nur noch zwei Blatt von meinem schönen hellgrauen Briefpapier hatte. Dann entschied ich mich dafür. da war ich ziemlich sicher. der freien partnerschaftlichen Beziehung ausarbeiten sollte in dem Brief – oder war es besser. nur die Chiffre. daß der Mann meine Adresse und meine Telefonnummer bekam. nur einen ganz kurzen Brief zu schreiben. ob ich meine Sicht der Welt. Ich überlegte. als ich eine Wut auf ihn gehabt hatte. dann das Datum. Bitte öfter versuchen. Ich sah darauf schön. und die hätten sowieso nicht ausgereicht. 239 . wenn man in einem persönlichen Gespräch die vorhandenen Gemeinsamkeiten ausdiskutieren würde und so langsam und sicher zueinanderfand? Ich gab schließlich dem persönlichen Gespräch den Vorzug. Du hast ganz anders geschrieben als die anderen Männer! Es würde mich sehr freuen. Ich kannte ja keinen Namen. dann überlegte ich: Das Problem war die Anrede. »Lieber 48763 UZ«? – Nein. aber auch sehr sozialkritisch aus. die Hauptsache war ja. Hochachtungsvoll Deine Constanze Wechselburger.

Dann legte ich mich wieder ins Bett und dachte nach über Simone de Beauvoir. der jedesmal. allenfalls hatte ahnen können. Als ich ihn einwarf. Sie übertrafen alle meine Erwartungen. Vor allem das Bild: Ich sah wirklich gut drauf aus. Der Mann vom Fotoladen. und ich fand. sondern oft noch nebenher mit anderen Intellektuellen liiert war. Ich fand eine Briefmarke in meiner Schreibtischschublade. mit dem Traum vom verlorenen Glück…«. der diskret weggegangen war. Es roch nach Opium. Als ich die Fotos auf dem Tisch des Fotoladens ausgebreitet hatte. es sei ein Mikroprozessor im Fotopapier. nachdem er mir die Tüte mit den Fotos gegeben hatte. war mir leicht mulmig zumute. die ich durch die Kamera kaum hatte erkennen können. bei dem ich in diesem Semester Filmwirtschaftsrecht II über mich ergehen lassen muß. in Birgits Wimpern glänzten die Tränen. spielte der Mikroprozessor in meinem Kopf. Montag nachmittag ging ich nicht in die Bibliothek sondern fuhr sofort nach Filmrecht Kynast-Müller. mich kennenzulernen. wenn man ein Bild ansah. ob die Bilder was geworden 240 . damit ich es hinter mir hatte. in den Tränen spiegelte die Sonne. aber freundlich. Ich brachte dann den Brief gleich weg.Das war kurz. der Brief machte neugierig darauf. die ja bekanntlich nicht nur mit Sartre. einen Impuls auslöste und Musik erklingen ließ: »Kleine Annabell. Details. kam wieder und fragte. zum Fotoladen. mußt nicht traurig sein. Die Rosenblätter hatten ihre Farbe auf die Lippen von Birgit zurückgeworfen. sie waren in der Konzentration des Bildausschnitts zur Wahrheit geworden. hatte ich für einen Moment das Gefühl. Die Abzüge waren fertig.

kein Fingerabdruck. ich wollte keines reklamieren. damit Julia meine Fotos auch sehen könnte – außerdem mußte ich unbedingt wissen. Die ganze Kücheneinrichtung war abwaschbar und sah aus wie frisch aus der Waschmaschine gezogen. Eine Seite des Schlafzimmers bestand aus einer riesigen Schrankwand mit Spiegeltüren.seien. daß Birgit zu mir kam. ob die Fotos fertig wären und ob ich sie abgeholt hätte. sagte ich. als ich mich in ihrer Wohnung umsah. rief auch schon Birgit an und fragte. Kurz vor acht war ich bei Birgit. keine Spuren von ausgequetschten 241 . Birgits Wohnung war genauso wie Birgit: wie aus dem Ei gepellt. dann sagte er: »Haben Sie die gemacht?« »Ja. Man hätte aus dem Mülleimer essen können. Birgit wollte sofort nach Büchereischluß bei mir vorbeikommen. Birgits Schlafzimmer sah aus wie ein Jungmädchenzimmer – die Tapete war bunt: weiß-gelbe Margeriten auf rosa Grund. die auf einem Gestell im Bad trockneten. auf dem Kopfkissen lag eine große. Nein.« »Für eine Frau fotografieren Sie recht ordentlich. rosarote Plüschmaus. Er warf einen Blick auf die Fotos. Sogar die Putzlappen. ob ich welche zurückgeben wollte.« Kaum war ich zu Hause. alle makellos sauber. »Wo sind die Fotos?« fragte Birgit mindestens dreimal in den zwei Minuten. ich wollte lieber zu Birgit kommen. »Du wirst tot umfallen«. Ich wollte aber nicht. ob Julia heute noch zu ihrem Versprechen stand. sich morgen von Gottfried zu trennen. die Bettwäsche war bunt: gelb-braune Sonnenblumen auf weißem Grund. waren blitzsauber.

»warum habt ihr nicht einfach ein Foto von Catherine Deneuve ausgeschnitten? Das willst du für eine Annonce wegschicken…« »Was willst du eigentlich«.Mitessern auf den Spiegeln.« 242 . sie solle heraufkommen. Um es noch spannender zu machen. »wahnsinnig!« »Wer ist das?« fragte Julia. Birgit telefonierte hinunter in Julias Wohnung im zweiten Stock und sagte Julia. aber sie stellte dann wenigstens den Ton ab. mach schon«. Julia kam sofort herauf. den Fernseher abzustellen. sagte Julia. sagte Julia. Birgit küßte mich vor Begeisterung. ich«. befahl ich Birgit. sagte Birgit. sie war völlig entrückt. Sicher quetschte Birgit keine Mitesser aus. »das bin ich. aber ich bin jünger!« »Stimmt«. »Also los. ich sei da mit den Fotos. »das bin ich. Birgit brachte eine Flasche Wein und Gläser und legte unter die Flasche und unter jedes Glas einen Untersetzer. die Fotografin. lächelte bescheiden. »Wahnsinn«. sagte Birgit immer wieder. Wir setzten uns um den kunststoffbeschichteten abwaschbaren Couchtisch. Die perfekte Birgit hatte selbstverständlich auch eine perfekte Haut. Birgit fiel fast tot um. »Ich seh aus wie Catherine Deneuve auf den Fotos. Ich wollte die Sensation meiner Fotos nicht durch irgendwelche Katastrophenmeldungen der Tagesschau beeinträchtigen lassen. schrie Birgit. sagte Julia. als sie die Fotos sah. »Ich. schrie sie. »Das bin ich«. sagte Birgit.« Ich. »Warum soll ich den Fernseher abstellen«. »Wahnsinnig«.

Aber dann fiel mir ein. sie solle selbst hingehen. die ganz besonders staunen würde – jeder sollte eins bekommen. ihre Schwester. es den Leuten zeigen und sagen. was du hast«.« Ich sah Birgit verblüfft an. »die Fotos arbeiten doch sehr exakt meinen Charakter heraus. sagte Birgit. sagte ich. Julia wirkte überhaupt ziemlich schlecht gelaunt. das ist zuviel. sagte Julia und sah Birgit mißbilligend an. Birgit schien sich an nichts zu erinnern. daß man Abzüge machen lassen kann. Birgit sagte entschieden: »Ich gebe keines meiner schönen Fotos wieder her. Ich sei ein echter Profi. »Ja«.Ich gab Birgit die Rechnung für den Film und fürs Entwickeln. und daß das nur zwei Tage dauern würde. als es gekostet hatte! Julia sagte: »Ihr seid total bescheuert. eventuell. sagte Julia. Aber weil Birgit nicht bereit war. mir glatte hundert Mark zu geben – vierzig Mark mehr. Und falls noch ein Foto übrig sei. Sie bestand darauf. ihren Vater. fiel mir auf. mir nur einen Abzug mitzugeben als Farbmuster. Zwei romantische Narzissen auf einem Haufen. und von dem letzten Foto mit der Rose. Birgit sagte. Abzüge wollte Birgit durchaus haben. Von jedem Bild drei. deswegen habt ihr schließlich die Fotos gemacht«. für ihre schöne Cousine. »Na.« »Ich weiß nicht. ein Foto mitnehmen.« »Und auf welche Anzeige schreibst du nun?« fragte ich Birgit. ich solle die Abzüge bestellen und den Leuten vom Fotoladen sagen. sagte sie schließlich. wie die Abzüge werden sollten. daß der 243 . Es war ihr Ernst. davon wollte sie zehn haben. dann könne sie das für eine Anzeige nehmen. für ihre Mutter.

Julia sagte die ganze Zeit kein Wort.« Und dann sagte sie: »Vielleicht werde ich auch auf eine Annonce schreiben. »Hast du schon mit Gottfried gesprochen?« fragte ich schließlich. das wollte Birgit tun. Für fünfzig Pfennig«. Julia sagte. so eilig hätte sie es nicht. Julia runzelte die Nase.« »Und was sagst du ihm morgen?« »Morgen schmeiß ich Gottfried raus. weil sie nichts erzählte.« »Soll ich dich auch fotografieren?« fragte ich sofort.« »Hat er dich nicht angerufen?« »Nur ganz kurz.« »Und?« »Ich bin mir total sicher. »Jedenfalls hörte das Gespräch sofort auf. daß er mit seiner Frau unterwegs ist. Von einer Telefonzelle aus. Und dann sagte sie noch mal.Farbstich ins Rosarote gehen soll. Relativ zufrieden ging ich nach Hause. »Der ist doch weg. daß es mit Gottfried auf jeden Fall aus sei. Sie sah nicht gut aus. Vorbei. und er rief dann nicht wieder an. Gut. außerdem hätte sie relativ neue Fotos. Ich beobachtete sie heimlich. 244 . Schluß. die wüßten dann schon. Mehr wollte ich auch nicht wissen.

Das Thema war. Ich zögerte hineinzugehen und sah ihn an.43. wenn wir fertig sind. Kapitel »Kann ich dich nachher. ich war betroffen genug von meiner subjektiven Problematik. sich mit einer Person zu identifizieren. 245 . was fragen?« sagte Gottfried leise und hielt mir die Tür zum Seminarraum auf. gesellschaftliches Leiden zu individualisieren. ob es den Zuschauer intensiver betroffen mache. was er mich fragen wollte. hatte bereits seine Skripte ausgebreitet und sah interessiert zu mir und zu Gottfried. Während des ganzen Seminars überlegte ich. hielt ein Referat über den Unterschied zwischen qualitativer und quantitativer Darstellung emotionaler Inhalte. »Warte am Auto auf mich«. ob es politisch vertretbar sei. sagte er noch leiser. Die Frage war außerdem. Chlodwig Schnell saß in der ersten Reihe. die in diesem Semester neu in Gottfrieds Theorieseminar war. Hatte Julia ihn gestern abend rausgeworfen? Eine Frau. oder ob es ein psychologisches Bedürfnis sei. wenn er Tausende leiden sieht. Außerdem problematisierte sie die Frage. die die herrschenden Verhältnisse widerspiegele. ob das Leiden des Subjekts standardisierbar sei und ob es eine ahistorische Bildsprache der Trauer gäbe. – Ich blickte nicht so richtig durch.

Er sah mich bekümmert an. Ich weiß nicht einmal. sagte er und räusperte sich. was sie mir vorwirft. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen. anders ist es nicht zu erklären. hatte Gottfried gemeint. und mit seinem Leninbart wirkte er wie ein bedrohtes Robbenbaby. es ihr zu sagen. Gottfried kam zu mir unter die Platane. daß du noch verheiratet bist?« »Ehrlich. daß ich an meinem Mini-Fiat auf ihn warten sollte oder an seinem Mercedes? Sein Auto stand links hinten bei den Parkplätzen der Institutsangehörigen. was in ihrem Kopf vorgeht. Ich wußte nicht.« Er sah mich fragend an. und tat. ich hab vergessen. dazwischen unter der Platane auf ihn zu warten. Ich zupfte ein Haar von meinem Pullover. »Es ist wahr«. weil niemand mehr Fragen hatte zu dem Referat. »du weißt ja. »Deine Freundin Julia will nichts mehr von mir wissen«. »Stimmt es. 246 . um ihn nicht ansehen zu müssen. Mein Auto stand auf der anderen Seite des Hofes – ich entschied mich.« Er räusperte sich noch mal: »Ich weiß nicht. als ob ich von nichts wüßte. sagte er. als es endlich fertig war. Ich sagte nichts. weil sich mein Herz zusammenschnürte.Wir hörten schon ein bißchen früher auf als üblich. das war auch am unauffälligsten. daß da eine gewisse Connection bestand. »Es war ein Mißverständnis.« »Hat sie Schluß mit dir gemacht?« Er zuckte mit den Schultern. Ich ging hinaus. Ich mußte nur zehn Minuten warten.« Er sah mich verzweifelt an. Mein Herz schmolz.

»du. dann sprach er wieder lauter: »Ich weiß nicht mal was eine Scheidung kosten würde – ich bin auch nur ein Angehöriger der werktätigen Klasse. solange ich noch verheiratet sei. Julia. zu sagen. du verstehst das. »Sie sagte. er dachte nach. es ihr zu sagen. wenn es ihr Ernst wäre«. das ich nie gesehen hätte. »Es würde mir leid tun. und solange ich hier nur einen befristeten Vertrag habe – was da gequatscht würde! Daß man da Rücksichten nehmen muß.« »Ach so«. daß man deine Problematik so verkürzt charakterisieren kann«. »Ja«. sagte er sehr leise. sagte ich leise. sagte ich und nickte mehrmals mit dem Kopf. sagte Gottfried und zupfte ein Haar von meinem Pulloverärmel.« »Und was hat sie dazu gesagt?« fragte ich. daß ich mir eine Scheidung einfach nicht leisten kann. »Schließlich ändert sich doch unsere Beziehung dadurch nicht. sagte er.« Er sah mich wieder verzweifelt an. Manchmal verstehe ich euch Frauen wirklich nicht«.« »Ich versteh dich«. das hat sie nur meiner alten Eltern wegen gemacht! Daß Julia das nicht versteht!« »Julia hat wohl sehr traditionsfixierte Ansichten«. »Nein.« Gottfried räusperte sich.»Nur weil ich vergessen habe. »Ich hab einfach vergessen. »Und daß meine Frau jetzt mitgefahren ist. sagte ich. »Meine Frau?« sagte Gottfried. »Sie versteht nicht. versteht Julia einfach nicht. Oder sie will es nicht verstehen.« 247 . ich sei emotional bindungsunfähig.« »Ich glaube nicht. sich deshalb so aufzuregen. daß ich verheiratet bin.

»Nein«. nicht richtig – es sah so aus. »Frag doch du sie und ruf mich an. sagte ich. »Hat sie einen anderen kennengelernt?« fragte Gottfried und sah mich aufmerksam an. »Glaubst du. wenn du noch verheiratet bist«. aber die Härchen auf meinem Arm standen senkrecht. »Warum nicht«. da kannst du bei mir zu Hause anrufen. sagte Gottfried. 100% Lambswool.« »Ich?« sagte ich. »das spielt doch keine Rolle. Ich fragte mich. sagte ich spontan. »ich geb dir meine Telefonnummer. kein Härchen war gekrümmt worden durch Gottfrieds Berührung. ich würde befürchten. also war es nicht gelogen.« Gottfried legte seine Hand auf meinen Arm. es hat einen Sinn. ich weiß nicht. »Kannst du sie nicht fragen?« sagte Gottfried dann. Bitte. noch mal mit ihr zu reden?« sagte er.»Was ist schon dabei. Aber das konnte er zum Glück nicht sehen. Dann dachte ich nach und fügte hinzu: »Das heißt. Natürlich 248 .« Ich wußte es ja wirklich nicht. Sollte ich für ihn bei Julia um die Wiederaufnahme der Beziehung bitten? Ausgerechnet ich? Ich sagte. als ob er seine Hand auf meinen Arm legte. daß es keinen Sinn hatte. Das heißt. »Mit wem?« fragte ich – ich betrachtete meinen Pulli. dennoch spürte ich keine Berührung. Es gab mir einen Stich.« Seine Hände zitterten nicht. Einfach öfter probieren. als er seine Nummer auf das erste Blatt in meinem Ringbuch schrieb. »Mit Julia«. sagte er. warum ich keine Berührung gespürt hatte. Gerne auch zu völlig unkonventionellen Zeiten.

klopfte er an die Scheibe. Nun war ich froh. zum Selberzusammenbauen. ohne irgendwie aufdringlich zu wirken.« »Fährst du zu deiner Frau?« Nun. ich hatte sie schon nach der Party bei Julia aus dem Telefonbuch herausgeschrieben. war es angemessen. »Du kannst mich jederzeit anrufen«. daß ich mich damals zurückgehalten hatte. Er wußte. Als ich losfahren wollte. weil ich ihn eigentlich anrufen wollte und ihn fragen wollte.« »Ja«. sagte er noch mal. sagte ich. Er sah mich an. »Ja«.« Er winkte mir kurz hinterher. »Ich muß ihr helfen. als ich vom Hof fuhr. sagte er. »Und trotzdem war er mit seiner Haushälterin liiert.wußte ich seine Telefonnummer längst. Er beugte sich zu mir und sagte leise: »Marx war schließlich auch verheiratet. Jetzt. Ich kurbelte das Fenster runter. in dieser Situation!« Ich nickte nur. nachdem er mir persönlich seine Nummer gegeben hatte. Wieder sah er mich dankbar an. sagte ich. Dann ging er mit bis zu meinem Auto. jetzt konnte ich ihn anrufen. da er mich mit seiner Problematik vertraut gemacht hatte.« »Ja«. Sie hat sich bei Ikea ein Gewürzregal gekauft. »Davon können wir nur lernen. »aber ich muß jetzt gehen. daß ich mein Verständnis auch nonverbal zum Ausdruck bringen konnte. um mir noch etwas zu sagen. Ich muß ihr helfen. was das zu bedeuten hatte. daß ich ihn das fragte. und sie schafft es nicht alleine. dankbar für mein Verständnis. 249 . Da kann ich sie nicht allein lassen.

Julia hatte durch ihren Ex-Mann vielleicht eine gewisse politische Bildung. Und außerdem lerne man auf Seminaren Leute kennen. daß Gottfried wollte. hallo«. daß ich mit Julia sprach. Ich überlegte lange. was ich ihr sagen sollte. Der war blendender Laune. Sie käme erst am Dienstag zurück und wenn sie wieder Zeit hätte. Da konnte ich nichts machen. daß er meiner gesellschaftskritischen Überzeugung trauen konnte.44. Schließlich hatte ich auch eigene Interessen. würde sie sich bei mir melden. Aber dann siegte meine Moral: Ich hatte es Gottfried versprochen. Also rief ich Julia an und sagte. aber kein fortschrittliches Problembewußtsein. aber unter den augenblicklichen Verhältnissen wäre es das beste. wenn sie einfach wegfahren würde. sie hätte keine Zeit für solchen Blödsinn. Sie wechselte einfach das Thema und erzählte. Julia sagte. das hätte auch was für sich. Kapitel Bestimmt hatte es theoretische Gründe. »kennen wir uns nicht irgendwoher?« Er schien den Abend. Gottfried wußte. als er mit dieser 250 . rief er. »Ach. sie würde am Wochenende auf ein Fortbildungsseminar fahren: ›Neue Testmethoden für Schulanfänger‹ – die Testmethoden würden sie zwar nicht die Bohne interessieren. Dann rief ich Albert an. daß ich wegen Gottfried von Frau zu Frau mit ihr reden müsse.

wozu brauchte er den alten Porzellan-Kaffeefilter! Er sagte. »Und wie geht es deiner lieben Kollegin?« fragte ich dann beiläufig. es sei ihm egal. »Wann?« Er wollte mich sofort wiedersehen. und außerdem hatte er sich doch eine neue Kaffeemaschine gekauft. »Wie geht es sonst?« fragte er. verheiratet zu sein. Das war nicht wahr. Ich erzählte dies und das. mehr zu sagen über seine sogenannte liebe Kollegin. ob wir uns nicht mal wieder treffen sollten. aber er sagte nichts mehr über sie. sagte ich und erklärte ihm. völlig verdrängt zu haben. Sofort behauptete er. weil die Ehe vom Staat belohnt wurde. »Willst du heiraten?« schrie Albert. – Gut. mir sollte es recht sein. wenn er es so eilig hatte mich zu sehen. Dann fragte ich ihn. Dann fragte er. Gleich nachher könnte er bei mir vorbeikommen. – Wie üblich war er zu keiner ernsthaften Diskussion bereit. Seine Hinweise auf empirische Fakten der bürgerlichen Gesellschaft waren ja nicht gerade erhellend. »Gut. manche Leute seien eben verheiratet. Wir saßen in der Küche. der alte Porzellan-Kaffeefilter gehöre ihm. »Quatsch«. Er kam in meine Wohnung – ehemals unsere Wohnung. Albert sagte. er hätte lediglich aus Prinzip klarstellen wollen. daß der alte 251 .« Ich ließ ihm Zeit. wie er es einschätzen würde. Wenn ich sonst noch Fragen hätte. Sogar die meisten Leute seien verheiratet. ich könne mich jederzeit an ihn wenden. wie früher. Und es sei auch finanziell besser. wenn jemand verheiratet ist. daß meine Frage theoretisch und grundsätzlich gemeint sei.Anna unterwegs war.

es geht mir ganz gut. »Und sonst geht’s dir gut?« sagte ich. er lachte. daß ich angerufen habe?« »Ja. Hast du sonst noch Fragen?« »Was macht sie heute abend. sagte er. deshalb war’s ganz praktisch. Er sah übermüdet aus. Schien nicht viel Schlaf zu bekommen in letzter Zeit. Eher so ein sanfter Typ.« Die Wut stieg höher in mir. 252 . »sie ist ganz anders als du. Trotzdem fragte ich ganz sachlich: »Und wie ist sie so?« »Ach«. »Wie geht es deiner lieben Kollegin?« »Das hast du schon gefragt.« »Seht ihr euch noch?« »Natürlich.Porzellan-Kaffeefilter ihm gehören würde. »Du hast von ihr Ausgang bekommen!« – In mir stieg die Wut hoch. Ich sah ihn prüfend an. Aber sehr nett. Ich wechselte lieber das Thema.« »Und sonst? Seht ihr euch sonst auch?« »Sonst sieht man sich auch.« »Es war praktisch. sehr«.« »Oft?« »Täglich. Ihm ging es besser als mir. deine Tusnelda?« »Die Anna hatte sich für heute abend schon seit längerem mit einer alten Freundin verabredet. daß du angerufen hast.« Er lachte wieder. »Doch ja. War ich abhängig von der Gnade dieses Naturkindes? Ich ließ mir aber nichts anmerken. Ich hoffe.« »Täglich!« »Weil wir zur Zeit auf der gleichen Station arbeiten. es geht dir auch gut.

Ich bin immer ehrlich: anderen gegenüber und vor allem mir selbst gegenüber. »Hier hast du deine blöde Eieruhr. Anna mit dir zu vergleichen«. »Wie kommst du darauf! Ich käme nicht im Traum darauf. Er drehte sich nicht mehr um. Aber diese Wut ist nur Ausdruck meiner Ehrlichkeit. Aus dem Küchenfenster brüllte ich ihm hinterher.« Ich suchte im Küchenschrank nach der blöden Eieruhr und schmiß sie ihm vor die Füße. Albert hatte den nahtlosen Übergang geschafft. ich werde manchmal ein bißchen schnell wütend. »Ich bin nicht deine Anna!« schrie ich ihn an. Aber der Neid gehört nicht zu meinen Fehlern. Keiner kann mir da einen Vorwurf machen. Als Albert aus der Haustür rauskam. war der Filter bereits detoniert. sagte er. hast du eigentlich noch meine Eieruhr? Die kleine Sanduhr?« Anna hatte er zu mir gesagt! So schnell ging das also bei ihm. Warum war es mir nicht vergönnt. daß mich nun doch der Neid gepackt hatte. daß er seine blöden Scherben gefälligst mitnehmen solle.« Der Sand verteilte sich auf dem Küchenboden. Bring sie deiner blöden Anna. Anna. Weil ich sonst nicht neidisch bin.Er sah mich prüfend an und sagte: »Sag mal. hing ein Zettel an der Tür: 253 . Als ich Freitag nachmittag ins Institut ging. Gut. Ich riß das Küchenfenster auf und warf den PorzellanKaffeefilter runter. sagte Albert und ging. »Das war’s dann wohl wieder«. Jeder Mensch hat Fehler. konnte ich nun in meiner selbstkritischen Ehrlichkeit ganz offen darüber reflektieren. ohne Schmerzen glücklich zu werden? Nichts klappte. »Warum nennst du mich dann Anna?« »Hab ich das? Entschuldigung. zum Frauenseminar wollte.

»die Frau Lämmle ist bis Dienstag verreist. daß Gottfried mehr an einer Nachricht über Julia interessiert war als an meiner Person. Sah er in mir nur die Maklerin zur Befriedigung seiner außerehelichen Grundbedürfnisse? Am Samstagnachmittag rief Birgit an. soweit ich wußte. um auf dem Flur weiterzuquatschen. sagte Gottfried. Aber wohl deshalb. Ich sah Gottfried an. Eure Irmela. daß ich eine Nachricht für ihn hätte. »Also. was? »Ach ja. fragte ich. wie ich das formuliert hatte.« Warum hatte frau mich nicht angerufen? Mir ging es auch nicht gut. wie ich mir selbst gegenüber bin.« Ich blinzelte Gottfried zu. Sie hatte die Abzüge abgeholt. und ich hatte mich extra hierhergeschleppt! Ich ging in den vierten Stock zum Dozentenzimmer und klopfte. die Frau Lämmle«. »Ja bitte«. Sie waren wieder so toll geworden.« Ich dachte. was ich sagen wollte«. 254 . Schlau. Gottfried war da und einer. Zögernd trat ich ein. daß er vielleicht mit mir rausgeht. die den Gaszähler abliest. war er neu und Dozent für Kunstgeschichte. »Also. sagte Gottfried. sagte ich. Ob sie sich endlich für eine Anzeige entschieden hätte. dann bis Mittwoch«. Ehrlich. »Vielen Dank daß du mir Bescheid gegeben hast. Schmerzlich wurde mir bewußt. und deshalb kann ich den Bericht vorher nicht abgeben. den ich nicht kannte. hatte ich den Verdacht. weil der andere im Raum war und natürlich zuhörte. Er sah mich so unbewegt an. daß ich einen langen Leidensweg vor mir hatte. als sei ich die Frau.»Wegen Menstruationsbeschwerden fallt unser Seminar heute aus. sagte. sagte Gottfried.

« »Meinst du?« sagte Birgit. »Soll ich?« »Los. schreckte ich zusammen. Es gab kein Ereignis. also schreib endlich. 255 . aber nichts – keine Antwort auf meinen Annoncenbrief. Zuschriften mit Konterfei bitte an…«. dich selbst zu entscheiden. »Süß. Also los. wenn schon sonst nichts los war. das mich aus meiner Depression erlöste.»Ich weiß nicht«. »Ich weiß nicht so recht. »Aber ich habe vorhin flüchtig die Anzeigen angeguckt. Ich will lieber warten. sagte Birgit. »du bist alt genug. ich will sie erst fragen. schreib sofort. sagte ich. sagte sie. damit endlich was passiert.« »Was mußt du erst Julia fragen«. wenn das Telefon klingelte. »Lies vor«. 67 Kilo sucht süßes Burgfräulein. was sie dazu meint. Wer will mit mir auf mein Schloß kommen? Eigener Pkw vorhanden. also da war eine süße Anzeige. was?« sagte sie dann. Ich mußte heimlich lachen über Birgits romantische Ader.« Birgit raschelte mit einer Zeitung. Jeden Morgen ging ich zum Briefkasten mit klopfendem Herzen. las sie vor. daß endlich mal was Romantisches passierte. Dienstag abend rief ich Julia an.« Ich wollte. sagte ich. jedesmal. sagte aber trotzdem: »Süß. bis Julia zurückkommt.« »Ritter von der blauen Blume der Romantik… 33. 177. die heute erschienen sind. »Vor zehn Minuten bin ich zurückgekommen«. Und sonst war nichts los.

wenn’s dich nicht stört. reagiere ich nicht mehr. »Und wie ist es dir ergangen?« fragte sie. obwohl er mich störte.»Wie war’s?« »Nur alte Ehemänner dort. Ich habe gehört. Ich bin eine von Millionen. 256 . Und der könnte dann auch gleich nach der Firma hinkommen.« Ich sagte. mit Gottfried nichts mehr zu tun haben zu wollen. sagte ich wahrheitsgemäß.« »Und was bedeutet das für dich?« »Für mich? Wenn künftig jemand ›Julia‹ ruft. daß in diesem Jahr die meisten Schulanfängerinnen ›Julia‹ heißen. die gemeint ist?« Julia lachte. »Meinetwegen schon um halb sechs«. ins Café Kaputt zu gehen?« »Ja«. Ich käme gleich nach dem Job vorbei. wenn wir uns ziemlich früh treffen könnten. ich sei die eine. Das hätte ich auch hier haben können. Es ist nämlich so.« »Wann morgen?« »Mir wär’s recht. Aber andererseits. wie soll ich da annehmen. »Inhaltlich auch nichts Neues«. Dann fragte ich: »Hast du nicht mal wieder Lust. antwortete Julia.« »Und inhaltlich?« »Auch nichts Neues. sagte Julia. fast schon hysterisch. »morgen. der spießige Karl-Heinz würde ihr von der Fortsetzung einer so unbürgerlichen Beziehung abraten. als sie sich wieder beruhigt hatte. wenn KarlHeinz dabei war. würde Julia sicher fest bei ihrem Entschluß bleiben. ich muß mich auch unbedingt mit Karl-Heinz treffen. Die Romantik hat Hochkonjunktur. Ein Ende der ›Julia‹-Schwemme sei nicht abzusehen. daß Karl-Heinz mich nicht stören würde. der könnte doch mitgehen.

Oder hatte sich Julia extra deshalb so früh verabreden wollen. begrüßte er mich mit zwei Küßchen pro Wange. damit ich Gottfried nicht treffen konnte? Nein. dich zu sehen«. – Daß Albert wieder dort sein würde. Schweren Herzens fand ich mich also damit ab. Obwohl ich Karl-Heinz bei Julias Party so geärgert hatte.Mir fiel ein. der würde sich mit seiner Tusnelda da nicht mehr hinwagen. ich sei mit diesem Mann so innig befreundet wie er mich umarmte. da wär’s jetzt bei dem schönen Wetter netter. wenn wir uns schon um halb sechs trafen. legte seine Hände auf meine 257 . so viel Berechnung konnte ich ihr doch nicht zutrauen. als ich kam. daß das Café Kaputt erst um sieben aufmacht. daß ich. sagte Karl-Heinz. wir entschieden uns deshalb für den Klingelkasten. wenn ich meine Mission erfüllt hatte. »Schön. wenn die letzte Ungewißheit überwunden war. morgen nicht ins Seminar zu gehen. daß irgend jemand der Umsitzenden denken könnte. das Seminar bei Gottfried ausfallen lassen mußte. befürchtete ich nicht. fiel mir ein. Erst als ich aufgelegt hatte. Eigentlich legte ich wenig Wert auf seine Küßchen und noch weniger darauf. 45. Kapitel Julia und ihr Karl-Heinz saßen bereits im Klingelkasten. Vielleicht war es besser so: erst wieder bei Gottfried aufzutauchen.

dem Herrn Gottfried?« Ihr Grinsen machte mich mißtrauisch: »Wahrscheinlich weißt du das besser als ich. Ich schwöre es!« Sie hob die linke Hand und legte den Daumen über den kleinen Finger. als ich Schluß gemacht habe. hallo«. warum…«. der von seiner 258 . Seit letzten Dienstag. Sie schwor tatsächlich. Julia begrüßte mich nur mit einem Winken über den Tisch hinweg. dann will ich es dir sagen! Ich habe kein Interesse an einem Ehemann. sagte ich und drehte mich von Karl-Heinz weg zu Julia hin. ob es taktisch klug war. um mir tief in die Augen zu blicken. Ich habe ihn an seine Gattin retourniert – zur gefälligen Weiterverwendung. weil ich bemerkte. und ich war mir nicht sicher. um pünktlich hierzusein«. Er bestellte den Wein für mich. hallo«. habe ich nichts mehr von ihm gehört. »Tag«. sagte ich und winkte zurück. sagte sie. daß ich verraten hatte. Julia grinste mich an: »Wie geht es deinem verehrten Dozenten. »Das hat er dir erzählt! Das darf ja nicht wahr sein!« Julia lachte. Ich will auch nichts mehr von ihm hören. ich stockte. »Gottfried hat mir gesagt. ich schwör es. »Wenn er es nicht weiß. daß ich mit Gottfried über seine Beziehung zu Julia gesprochen hatte. »Hallo.« »Nein. daß Julia das wußte. er wüßte überhaupt nicht. sagte ich. »Ich hab extra mein Seminar bei Schachtschnabel ausfallen lassen müssen. Karl-Heinz schüttelte bedeutungsvoll den Kopf. »Hallo. »Soll ich dir was bestellen?« fragte Karl-Heinz und legte seine Hand auf meine Hand.Schultern und hielt mich von sich.

»Lieber einen großen Farbfernseher! Als er mir das erzählt hat. fast hätte sie mein Glas umgestoßen. Constanze. warum sich Gottfried nicht scheiden lassen will.« Es gefiel mir nicht. »Aber seine Ehe hat keinerlei theoretische Bedeutung«. als es mich gekostet hat. da waren meine letzten Zweifel beseitigt.« »Und er ist verheiratet«. wenn sie sich das Recht vorbehält. Es würde ihn nicht mehr kosten.Frau für jene Gelegenheiten. an andere Frauen verliehen wird. für die sie selbst was Besseres hat. was er mir gesagt hat?« Julia schlug mit der flachen Hand auf den Tisch: »Er sagte. obwohl er die Ehe ablehnt?« Sie sah mich an. sagte ich und war stolz auf diese Erklärung. Weißt du. »überhaupt nicht. sagte Julia. »glaub doch nicht alles. wie sie über Gottfried Schachtschnabel redete. daß er das Geld. als wäre ich ein verblödetes Schulkind. Noch dazu.« »Wär das so teuer bei dem?« quatschte Karl-Heinz dazwischen. Insgeheim fühlte ich mich als echte Schachtschnabel-Schülerin. das ihn seine Scheidung kosten würde. sagte Julia.« »Wieso?« 259 . Und Vermögen auch keines. ihre Leihgabe jederzeit zurückzufordern. »Constanze«. und Kinder haben sie keine. seine Frau ist doch auch berufstätig. was man dir erzählt. denk mal nach. »Glaub es bloß nicht«. lieber für einen großen Farbfernseher ausgeben würde!« Julia fuchtelte mit den Händen auf dem Tisch herum. Schließlich war er mein Dozent für Nicht-bürgerliche-Filmtheorie. sagte Julia. falls ich dich daran erinnern darf. »Gottfried lehnt die Ehe als Institution ab. »Weil es sein finanzieller Ruin wäre.

»Ich habe mich schließlich auch scheiden lassen. sagte Julia bestimmt. sagte Julia.« »Nein. »Wie du das immer machst! Du hast dich auch so harmonisch von deinem Mann getrennt.« Julia war wirklich Expertin für schmerzlose Trennungen.« Ich ärgerte mich. daß du Gottfried nach der Scheidung kennenlernen 260 . das ist ein Unterschied«. für einen Farbfernseher bliebe er sein Leben lang mit einer Frau verheiratet. wenn du gewußt hättest. sagte ich. sagte Karl-Heinz. »Von dir kann ich viel lernen«.« »Na ja«. »Hättest du dich auch scheiden lassen. sagte Karl-Heinz und legte seine Hand nun auf Julias Arm. mit der er angeblich nichts mehr zu tun hat. »Ich bin auch nicht der Typ dafür«. da ist der Ulrich nicht der Typ dafür«. als müsse sich Gottfried scheiden lassen. um so leichter trennt man sich.« »Hör mal«. Dann sagte sie: »Mit Gottfried. »ich hätte noch jahrzehntelang mit Ulrich Tauziehen spielen können. sagte Karl-Heinz. nur weil sie geschieden war. Je kürzer man sich kennt. weil Julia so tat.»Wenn jemand behauptet. »Ach ja«. da stimmt doch was nicht!« »Aber was ist der Unterschied? Ob er verheiratet ist oder geschieden? Wenn sie sowieso nicht mehr zusammenleben?« »Ja. »unsere arme Julia hatte keine andere Wahl. sagte Julia. das ist kein Problem. »Na ja«. sagte Julia und zog ihren Arm unter der Hand von Karl-Heinz weg.

um herauszufinden. das hat doch nichts mit Gottfried zu tun. »Selbstverständlich hätte ich mich scheiden lassen«. bis ich was gefunden hätte«. deretwegen Julia. »Ich hab mal zufällig ein Foto von ihr in seiner Brieftasche gefunden«. Ihr Sarkasmus gefiel mir nicht.« Karl-Heinz lachte. sagte Julia. nur daß sie Sekretärin sei. sagte Julia und sah KarlHeinz warnend an. daß Schönheit vergeht. die Tatsache. weil mir die 261 . ich lachte nicht mit. daß diese Frau tendenziell frigide ist. erklärte mir Julia und fügte schnell hinzu: »Weil ich einen Zettel von der Reinigung suchte. antwortete Julia. »Blöde Frage. wird diese Beziehung nie gefährden. so lange. »Sie ist ein Jahr alter als Ulrich.würdest und gewußt hättest. Sie ist der ›Die-Liebe-meines-Lebens-Typ‹. sagte Karl-Heinz. was Julia eigentlich dachte. wie die Frau aussah. verlassen wurde.« Karl-Heinz schüttelte entsetzt sein schütteres Haupt. sagte Karl-Heinz.« »Unsere arme Julia wurde nämlich schon vorher von ihrem Mann verlassen«. »Ich hätte alles durchwühlt. Ich mußte an diese Anna Sittenfeld denken. sagte ich großmütig. die raffinierte Psychologin. »Das hat damit nichts zu tun«.« Sie lachte. »Wie verlassen?« fragte ich. »was der Ulrich an dieser Frau findet! Die hat keinerlei SexAppeal! Du hast doch damals das Foto gefunden. daß Gottfried verheiratet ist?« fragte ich. »Der Ulrich hat jetzt eben eine andere«. »Ich versteh es auch nicht«. mir war auf den ersten Blick klar. Ansonsten hat Ulrich mir nichts über sie erzählt. »Eine andere? Was ist sie für ein Typ?« Das wollte ich wissen.

das zur Hälfte mir gehörte. die sind nur versilbert. es gesagt zu haben. die hat er nicht wiederbekommen. Aber er ist wegen ihr hingezogen. »Weggezogen. Der hat den nahtlosen Übergang geschafft. sie ist auch von dort. Der wohnt jetzt auf dem Dorf. aber die Quittung war auf seinen Namen ausgeschrieben«. sie zuckte mit den Schultern. Ulrich hat in der Heimat das wahre Glück gefunden.« – Sofort nachdem ich es ausgesprochen hatte. Gleich bei seiner Heimatstadt – er hat sich dort um eine Stelle beworben und sie prompt bekommen. Er hat dafür das echte Silberbesteck mitgenommen. Ich versuchte. »Aber die Kette von seiner Großmutter. daß du dich von ihm trotzdem so harmonisch getrennt hast. da geht keiner freiwillig hin.« Karl-Heinz fragte: »Hat er eigentlich die silbernen Kerzenleuchter mitgenommen?« »Nein. »Und wo ist dein Mann jetzt?« Ich wollte das Thema von vergangenen Leiden abwenden. meine Bemerkung wieder auszubügeln: »Da find ich es besonders toll. tat es mir leid. Julia hatte einen Zug von Selbstverachtung um den Mund. die er mir zur Hochzeit geschenkt hat.Geschichte einen Stich versetzte und das schlaue Lachen von Karl-Heinz mich nervte.« »Dein Mann hat es gut«. Ich konnte ihm klipp und klar beweisen. »der hat sich wirklich schmerzlos getrennt. die hat er nicht gewollt. Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch können Hochzeitsgeschenke in dieser Größenordnung nicht zurückgefordert werden. Einfach das Alte gegen Besseres getauscht. Da hatte er juristisch keine Chance. daß er die Kette nicht 262 . sinnierte ich. wenn die Ehe juristisch vollzogen wurde.

« Ich staunte nur noch. die ich ihm zur Hochzeit geschenkt habe. »Na ja. das war auf ihn angemeldet. »Außerdem«. – Er dachte natürlich nicht im Traum daran. sagte Karl-Heinz. mir die Stereoanlage zurückzugeben. Da hat er den Müll großzügig mir überlassen. was sie mir monatelang als harmonische Trennung gepriesen hatte?! Da würde Gottfried aber aus allen Wolken fallen. Was Julia da erzählte. da mußte ich passen. »Wie raffiniert du bist!« sagte ich. die wollte er nicht haben. nur um etwas zu sagen. sagte Julia. »Die alte Sitzgarnitur. und die war etwas teurer. »Ich habe mir vorgenommen.« »Toll. die wären ihm beim Umzug zu teuer gekommen. so war ich wenigstens etwas saniert. die wir gemeinsam angeschafft hatten. aber er hat auch das Auto bekommen. Das war es also. sagte Julia. nicht nach harmonischer Trennung. wenn ich ihm das erzähle. Aber dafür hab ich kurz vor der Scheidung unser gemeinsames Konto um dreitausend Mark überzogen – die Schulden gingen Halbe-Halbe. die war nichts mehr wert! Die olle Einbauküche! Aber die alten Möbel. wie du dich durchgesetzt hast«. Eigentlich war ich nämlich sprachlos. klang nach Scheidungskrieg. sagte Karl-Heinz. und ich mußte ihn wegschaffen.« »Immerhin hast du die Einrichtung bekommen«. unter den Nagel gerissen. »hat er sich sämtliche Bücher.« 263 .zurückbekommt. »Zum Glück hab ich alles schon fast verdrängt«.« »Nicht schlecht«. nicht mehr daran zu denken. sagte KarlHeinz.

« »Und was ist mit Gottfried?« »Genau das ist es mit Gottfried! Solange er verheiratet ist. die sie ihm zufügt. das verstehe ich nicht«. aber wenn man von vornherein Angst hat.« Julia tat. würden ihn die Demütigungen. nur weil sie verheiratet sind! Du bist dir deiner Widersprüche nicht bewußt!« »Gottfried ist emotional total bindungsunfähig. antwortete sie. nur das momentane Gefühl ist. wird er niemanden lieben als seine Frau. legte wieder einmal seine Hand auf Julias Arm. »Warum kapierst du das nicht? Die Ehe schafft mehr Gemeinsamkeit als alle romantischen Wallungen. Albert zu heiraten. Und wenn das einzige.« Karl-Heinz mischte sich wieder ein: »Das siehst du zu eng. »Natürlich kann eine Ehe schiefgehen.« Er lächelte selbstgefällig. als ob sie nachdenken würde. Albert zu heiraten! – Und das nach so einer Scheidung! Ich verstand sie überhaupt nicht mehr.« Julia seufzte. »Nein. Wenn ich verheiratet wäre und würde ein hübsches junges Mädel treffen. da findest du so 264 . was zwei Leute verbindet. falls du das immer noch nicht kapiert hast«. nicht so kaltlassen. Für mich gäb es da keine Probleme. »Wie kannst du mir raten.Und diese Julia hatte mir empfohlen. dann sagte sie: »Mehr als seine Frau liebt er sich selbst. und flüsterte ihr ins Ohr: »Aber du. du bist schon über dreißig. Wäre er nicht so eitel. wird es sowieso nichts. und andererseits Leute verdammen. eine Beziehung auszuleben. obwohl ich verheiratet wär. das ist viel zu stressig auf Dauer. das könnte ich durchaus lieben. sagte ich ehrlich und eisig. Aber das hab ich dir wirklich schon gesagt.

« »Wenn ich ihm keine Scheidung wert bin. es hätte uns soeben unser gemeinsamer Liebhaber verlassen. »Wo gehst du denn jetzt hin?« fragte Julia. Natürlich hatte er den Wein.« 265 . Ich würde mir das noch mal gründlich überlegen. war mir kalt. Es war halb acht. bin ich auch nicht dazu bereit. mein Gesicht wegzudrehen. »Mit wem. saßen Julia und ich schweigend herum – auf die anderen Leute im Lokal mußten wir den Eindruck machen. Er müsse dringend weg. Zum Abschied küßte er Julia auf die Wangen und mich fast auf den Mund.leicht keinen Partner mehr. Andererseits konnte ich kaum glauben.« »Kennst du eine Frau. Frauen. Dieser Karl-Heinz wurde mir immer unsympathischer. Es gelang mir aber. »Warum knutscht er mich ab?« fragte ich Julia. Obwohl es so warm war. er traf nur mein Ohr. wie berechnend Julia war. Als er gegangen war. die darauf steht?« »Ja. daß es mit Gottfried endgültig aus war. nicht bezahlt. Die einen Mann brauchen. »Wie spät ist es?« wollte Karl-Heinz plötzlich wissen. den er für mich bestellt hatte. die sich selbst für minderwertig halten. »Ich kenne ihn doch kaum!« »Er wäre gern ein Frauenheld.« Einerseits hörte ich nicht ungern Julias Versicherungen. Ich hielt ihn für ein ziemliches Arschloch. um eine Existenzberechtigung zu haben. Er hätte noch eine Verabredung. seine Seitensprünge emotional zu finanzieren. wenn man fragen darf?« Er lächelte nur geheimnisvoll.

und sagte deshalb. daß Frustration die wesentliche Voraussetzung für eine glückliche Gemeinsamkeit oder wahre Liebe oder Ähnliches wäre. Dann fiel mir ein. wir verabschiedeten uns bis demnächst irgendwann und gingen heim. Eigentlich wollte ich Gottfried sofort anrufen. so herzlich abgeknutscht zu werden. darf man nicht anrufen. daß 3 Uhr vielleicht doch ein bißchen zu spät wäre. daß Gottfried das von mir denken würde. Ich überlegte: Würde ich Gottfried Schachtschnabel schon jetzt anrufen. daß 20 Uhr 30 keineswegs eine unkonventionelle Zeit ist. daß ich mit den Hühnern ins Bett gehe. Julia war es auch recht. solange die Tagesschau läuft. Das wollte ich natürlich nicht. Hauptsache Mann. egal ob Frauenfeind oder nicht.»Aber der ist doch ein Frauenfeind! Auch wenn er sich so betulich aufführt!« »Du bist nicht frustriert genug. Aber es war genau 20 Uhr. Du hast die Aggression nicht gegen dich selbst gewendet. Ich würde bis dahin ein bißchen schlafen. um nachher fit zu sein. Menschen wie Gottfried Schachtschnabel. Ich stellte den Wecker zurück auf 2 Uhr 30. die sich politisch auf dem laufenden halten müssen.« Ich befürchtete. Ich wartete bis halb neun. Ich überlegte weiter und stellte schließlich den Wecker auf 3 Uhr früh. daß ich schnell nach Hause müßte. Sonst wärst du glücklich. 266 . und da kommt die Tagesschau. Dann dachte ich. Das war eine unkonventionelle Zeit. Julia würde mir mit ihrer Schulpsychologinnen-Manier jetzt erklären. weil ich ein wichtiges Telefongespräch führen müßte. würde er denken.

Ich drehte den Recorder auf volle Lautstarke. Trotzdem rief ich Gottfried nicht sofort an. 267 . was ich herausbekommen habe? Sie hat sich von ihrem Mann überhaupt nicht harmonisch getrennt! Wußtest du das?« »Werisnda?« flüsterte Gottfried wieder. auf zum letzten Gefecht!« – das war politisch und war um drei Uhr früh sehr originell.46. der alte Rentner in der Wohnung nebenan war sowieso schwerhörig. Nun war ich soweit. Dann hatte ich die Idee: ›Die Internationale‹! Die hatte ich auf Kassette. jedesmal wenn mich jemand so spät anruft. »Gottfried!« Ich schrie. und sie will nichts mehr von dir wissen. und weißt du. läuft laute Musik im Hintergrund. Kapitel Als der Wecker um halb drei morgens klingelte. das war die ideale Hintergrundmusik: »Völker hört die Signale. Von Elvis ›Are you lonesome tonight‹ hätte zwar toll gepaßt. »Ich bin’s. Es dauerte allerdings eine Ewigkeit. Ich sah meine Plattenvorräte durch. bis Gottfried den Hörer abnahm. »Werisnda«. obwohl das schon so alt ist. Constanze! Ich hab Julia getroffen. weil es mir etwas anzüglich vorkam. Denn wenn man mitten in der Nacht jemand anruft. daß im Hintergrund Musik lärmt. Eine Ewigkeit schwankte ich für und wider ›Don’t cry for me Argentina‹ – das finde ich nämlich toll. flüsterte er. dann ist es erforderlich. Das ist so üblich. war ich gleich hellwach. weil die Internationale so laut war. aber ich entschied mich dagegen. aber es paßte nicht richtig.

daß es übernächste Woche ausfällt. »Wer spricht da. ich muß dir noch etwas sagen«. sagte er nur. ja.»Hast du schon geschlafen?« fragte ich vorsichtig. sagte sonst aber nichts mehr. bis zum nächsten Seminar«. um ihn besser verstehen zu können. »Halt. »Von Julia! Schönen Gruß. Er sagte aber nichts. Du weißt nicht. »Schläfst du schon?« fragte ich deshalb. »Ich bin es. Sie will dich nicht mehr sehen. »Was sagst du dazu?« »Da kann man nichts machen. sagte ich und wartete darauf. Na ja«. antwortete er. Constanze! Sie will nichts mehr von dir wissen.« »Von wem sprichst du?« fragte er und seufzte. weil er meine Stimme nicht erkannte. soll ich dir sagen!« »Ach so. ich hörte nur ein Gähnen. Constanze!« rief ich noch mal. Wahrscheinlich hatte ihm der Schock über Julias Herzenskälte die Sprache geraubt. soll ich dir sagen. Er antwortete nicht. daß er etwas sagen würde. »Also dann«. Ich war gespannt. »Also dann. »Julia will nichts mehr von dir wissen. »Nicht direkt«. Ja. »Ich bin’s. und sie will nichts mehr von dir wissen!« Ich hörte ihn wieder gähnen. »Ja?« »Du warst heute nicht im Seminar. daß er nichts mehr sagte. sagte er leise. bitte?« fragte er schon wieder.« Er gähnte wieder. sagte ich. Ich war relativ enttäuscht. Ich habe es heute den 268 . Ich machte den Recorder etwas leiser. aber lebhafter als zuvor.

Der Brief kam sogar in einem Umschlag der Zeitungsredaktion – ich war überrascht. 47. Wie sollte ich mich darauf einstellen? Ich vergaß sogar zu fragen.« »Wann?« »Am übernächsten Mittwoch.andern schon gesagt. Das war schlau. daß ich. dann so diskret die Antwort des Inserenten zugeschickt bekomme – meine Briefträgerin mußte denken. ob er mit seiner Frau hinfährt. sagte er dann. wenn ich auf eine Annonce schreibe. die Zeitungsredaktion hätte mir geschrieben. sagte ich. meine alten Eltern feiern goldene Hochzeit. »Also gute Nacht«. 269 . Als ich den Umschlag aufriß. holte mir schnell eine Tasse Kaffee aus der Küche. »Also gute Nacht«. zitterten meine Hände so. er hatte sogar mehr als das normale Porto gekostet! Ich eilte mit dem Brief an meinen Schreibtisch. Nur. aber angenehm: Da ich keine Annoncenerfahrung hatte. hatte ich nicht gewußt. zündete mir schnell eine Zigarette an und beschloß. Ich muß weg. damit du dich darauf einstellen kannst. Kapitel Endlich kam die Antwort. dem dritten Juli. diesen Brief lieber im Bett zu lesen. fällt es aus. Der Brief war vielversprechend dick.« Ich war ganz durcheinander. daß der Umschlag ziemlich zerfetzte.

d. daß Sie den Wunsch haben. ist unsere Zeitung seit Jahrzehnten ein bewährtes Organ der Partnervermittlung. Sehr geehrtes Frl. Für den Fall. Wir bitten. dieses Mißverständnis zu entschuldigen. Auf dem Blatt mit dem Briefkopf der Zeitung stand: Betrifft: Chiffre 48763 UZ vom 1. überreichen wir Ihnen anbei unsere Anzeigenpreisliste zur gefälligen Kenntnisnahme. Um unserer Inserentin Unannehmlichkeiten mit der Beantwortung zu ersparen. Bei der Vielzahl der Inserate. Chiffre hat sich die Anzeige. die unsererseits allwöchentlich bearbeitet werden. selbst zu den erfolgreichen Inserenten unserer Zeitung zählen zu wollen. haben wir der Inserentin angeboten.6. die für die Rubrik unserer weiblichen Inserenten bestimmt war. den ich auf die Bekanntschaftsannonce geschickt hatte – aufgerissen! – mein Brief.a. Wechselburger! Wie Sie sicherlich wissen.Im Umschlag befand sich der Umschlag. irrtümlich im Satzspiegel verschoben und wurde demzufolge in der Rubrik männlicher Inserenten abgedruckt. Bei o. sind gelegentliche Fehlleistungen jedoch nicht auszuschließen. die an sie gerichteten Zuschriften unsererseits zurückzusenden. wobei wir Ihnen unsere selbstverständliche Diskretion versichern dürfen. mein Foto waren darin. außerdem ein Schreiben mit dem Briefkopf der Zeitung und ein Zettel mit Zahlen drauf. J. Mit vorzüglicher Hochachtung… 270 .

daß ich seine Zahnbürste benutze. sagt mein Chef. So also sah meine verwandte Seele aus! War ich lesbisch? Nein. aber es war ein richtiger Brief! –.Anlagen: 1 Anzeigenpreisliste 1 handschriftliches Schreiben 1 Lichtbild 3 Anzeigenformulare Ich weiß nicht. bis ich kapierte. Von meinen Hoffnungen ganz zu schweigen. sagte sie. »Will sich Wolf-Dietrich vielleicht öfter mal die Zähne bei mir putzen?« 271 . Stell dir das vor! Ich habe extra meinen Chef gefragt.« »Mir auch. er wirkte wie ein Computerbrief. wenn mein Leben an einem Tiefpunkt angelangt ist. rief Sieglinde an. und mein Chef hat gesagt. wenn sie dieselbe Zahnbürste benutzen. daß sie öfter gewechselt wird. um Sieglinde zu ärgern. wenn sich zwei Menschen lieben. Wie immer. Es war ein Irrtum gewesen. dann ist es unter hygienischen Gesichtspunkten durchaus vertretbar. welche Schikane sich Wolf-Dietrich ausgedacht hat! Er erlaubt nicht. »mir geht es entsetzlich. – Oder war es umgekehrt: Bedeutete jeder Anruf von Sieglinde einen Tiefpunkt in meinem Leben? »Wie geht es«. 80 Pfennig Porto zum Teufel. Aber Wolf-Dietrich mit seinen Abgrenzungen! Wichtig ist nur.« »Wen soll man wechseln?« Ich machte auf doof. daß ich auf die Anzeige einer Frau geschrieben hatte. wie oft ich diesen Brief las – ich hielt ihn gegen das Licht.« »Stell dir vor.

und die Frau ihres Chefs hatte die gleiche gekauft. daß die Bezüge eingehen könnten oder abfärben. schönen Gruß von mir!« sagte ich deshalb genauso streng. Ja. wie felsenfest überzeugt sie behauptete. sie hatte noch mehr Probleme. sehr hübsche Wohnung haben. und die sei sich auch nicht sicher. Sieglinde seufzte. letzte Woche. »Ich habe auch Albert gefragt. in Mokkabraun. aus Satin.« »Wann hast du Albert gesehen?« »Ach. »Warum kaufst du Bettwäsche in Mokkabraun – da sieht man doch alles drauf«. sagte ich in der Pause. 272 . Das Problem sei. bei wieviel Grad man Satin waschen muß und bei welcher Bügeleiseneinstellung bügeln? Der Stoff sei so empfindlich! Und sie hätte bereits mit der Frau ihres Chefs darüber gesprochen. Er soll jetzt eine sehr. der Unterschied ist nur. ständig zwei Zahnbürsten zu kaufen. als Sieglinde seufzte. natürlich. er hat mich angerufen und hat mir seine neue Telefonnummer gegeben. daß es eigentlich unnötig sei. daß sie es in diesem Punkt selbst zugibt. Sonst natürlich auch nicht. »Da soll er sich bitte auch keine Hoffnungen machen.« Dann schwieg Sieglinde bedeutungsvoll.»Wolfi würde sich niemals bei dir die Zähne putzen«. »Hast du sonst noch Probleme?« fragte ich. Sie hatte LauraAshley-Bettwasche entdeckt. er hat auch gesagt. daß Wolf-Dietrich meine Zahnbürste niemals benutzen wolle. und ob ich wisse. sagte Sieglinde streng. In diesem Punkt verstand sie keinen Spaß. Trotzdem war es eine Frechheit. natürlich.

Ich setzte alle Hoffnung. das ein Typ namens Jürgen vorlas. als würde ich Notizen machen. Während des ganzen Seminars dachte ich nach – die Frage war: Sollte ich ihm nachher sagen. und dann strich ich diesen Namen langsam wieder durch – so langsam und sorgfältig. und dann zu mir? Oder zu ihm? Obwohl ich mir schließlich dachte. daß Gottfried. 273 . konnte ich mich nicht auf das Referat konzentrieren. Oder sollten wir zuerst in ein kleines Lokal gehen. »Julia« in mein Ringbuch. ihren Adonis… Wolf-Dietrich erlaubt Sieglinde nicht.»Was soll man darauf sehen?« fragte Sieglinde. daß ich gleich nach Hause will? Und dann. wenn wir vor meiner Haustür parken würden. du kannst mir nicht helfen. Um Gottfried die Chance zu geben. »Julia«. daß sie ein tolles Eau de Toilette entdeckt hätte – nicht für sich. fuhr ich mit der U-Bahn in die Akademie. auf den nächsten Tag. hatte Sieglinde natürlich nicht gefragt – ich hätte es ihr natürlich auch nicht gesagt. dann sagte sie schnell: »Ich merk schon. dann Gottfried zu einem Kaffee einladen? Ganz spontan? Ich hatte extra zwei Flaschen Wein gekauft und ziemlich aufgeräumt. sondern für Wolf-Dietrich. Er nuschelte so. solche spontanen Entwicklungen zu programmieren. daß man ihn nicht verstehen konnte. Warum es mir entsetzlich ging. die mir auf ein baldiges Glück geblieben war. daß es keinen Sinn hatte. weil sie einkaufen mußte. dort das Thema Julia endgültig abhaken. sondern alles mitlesen mußte. in Wahrheit schrieb ich aber nur mechanisch »Julia«. mich nach Hause zu fahren. seine Zahnbürste zu benutzen! Sorgen haben die Leute.« Und dann mußte sie aufhören zu telefonieren. Ich tat. ich wurde lediglich noch mit der Information bedacht.

Und da. sagte Gottfried. wie leid es ihm täte. könnte er den Termin nicht verschieben. daß er keine Zeit hatte. aber da er schon am Wochenende zu seinen Eltern fahren müßte.wenn er mich beobachtete. Er mußte wohl mein enttäuschtes Gesicht bemerkt haben. Es käme jemand zu ihm. mit dem er seine Steuererklärung durchsprechen müsse. das würde er sich jetzt schon vormerken. war ich total gefrustet. aber ohne Zwiebeln. ich würde wesentliche Stellen im Referattext unterstreichen. Endlich war es 18 Uhr 45. daß wir da nach dem Seminar unbedingt zusammen klönen müßten. ging zum Italiener dort an der Ecke. überlegte ich es mir kurz vor der U-Bahn-Station anders. und trank zwei Frascati. Obwohl Gottfried so freundlich gewesen war und natürlich nichts dafür konnte. Es war viel zu früh. aß eine Pizza mit Thunfisch. Dann ging es mir wieder etwas besser. er sagte noch mal. sondern mußte sofort nach Lichterfelde. Sollte mein Leben ewig ereignislos bleiben? Nur ein Wechsel zwischen unerfüllten Erwartungen und erwarteten Enttäuschungen? Um wenigstens nicht noch zu verhungern. dann ganz bestimmt. Aber übernächste Woche. Und ausgerechnet heute fuhr er nicht nach Kreuzberg. um heimzugehen. denken mußte. daß er keine Zeit hatte. 274 . Um 18 Uhr 47 waren alle anderen Studenten weg. als wir endlich allein waren. wenn er wieder da wäre. Ich ging ins Cookies.

bewahren sich wenigstens die Illusion. Mit ihm zusammen auch noch Kaffee zu trinken. neben ihm aufzuwachen. hätte ich diese komischen Pickel ausgequetscht. daß es mir peinlich sein würde. wenn man sich nicht kennt. weil er in der Nahe wohnte und keine U-Bahn mehr fuhr. Kapitel Ich spüre noch seine Brusthaare an meinem Rücken. der nach jedem Onenight-stand das Bett frisch bezieht. Das ist alles. Er war der Typ.48. Er hatte so komische Pickel auf dem Rücken gehabt. mit dem ich nachts um 3 Uhr aus dem Cookies kam. als seien nur die frustriert. was es über diese Nacht zu sagen gibt. Kapitel Martin oder so ähnlich hieß der Typ. Wir gingen zu ihm. Da kann ich nur lachen. viel lieber. hätte meine soziale Kompetenz überstrapaziert.« – Falls ich mich an ihn erinnern werde. – Sexuelle Frustration. 49. die es tun! Die es nicht tun. die es nicht tun. Und falls ich ihn wiedersehe? Sag ich halt: »Schlechtes Wetter für die Jahreszeit. Ich wußte schon vorher. 275 . Wie frustriert erst die sind. Aber solche Intimitäten sind nicht drin. das klingt immer so. als mit ihm zu bumsen.

Es war wirklich alles total frustrierend. Es kam aber ungefähr auf halbehalbe raus. nur ich nicht. die auf dem Feinwaschpulverpaket ihren Angorapullover liebkoste. Ich versuchte mein Schicksal zu ergründen: Immer wenn die Trommel ihre Schleuderrichtung änderte und vorne lag etwas Blaues. Alle anderen waren glücklich. Ich betrachtete die glückliche junge Frau. daß es zwischen Gottfried und mir bald was werden würde. starrte die ganze Zeit auf die Trommel der Waschmaschine. blau waren. Später am Abend versank ich in eine tiefe Depression. war alles wie zuvor.Wie es wohl mit Gottfried gewesen wäre? Ich war so frustriert. Das ganze Leben lang schuften. dann bedeutete das. wusch ich meine Pullis im Handwaschbecken. Abgesehen davon. nur um sich im gleichen Kreis weiterdrehen zu lassen. Dieser ewige Kreislauf gab mir sehr zu denken. die ich in die Waschmaschine gestopft hatte. obwohl die meisten Sachen. Nachmittags schleppte ich mich und meine Wäsche in die Münzwäscherei. bei zwei anderen 276 . lediglich um das Bestehende zu erhalten. Tag für Tag neu das Errungene verteidigen zu müssen. Dieser ganze Aufwand. nahm ich weniger Waschpulver. machte mich komplett desolat. und dennoch verging alles Irdische… Der Spitzeneinsatz an meinem Lieblingsslip war zerschlissen. Um mich wenigstens nicht auch noch durch kommerzielle Glücksphantasien manipulieren zu lassen. daß ich den ganzen Tag nichts Rechtes tun konnte. daß ich nun wieder saubere Unterwäsche. saubere Handtücher und saubere Pullover hatte und daß die Kaffeeflecken auf meinem Schreibtisch weg waren. als auf dem Waschpulverpaket angeraten wurde. Wieder zu Hause.

»Warum hast du gestern dauernd telefoniert? Hast du auf die Anzeige geschrieben?« fragte ich als erstes. Ich mußte immerzu an Birgit denken: Ob sie auf die Annonce geschrieben hatte? Vielleicht gab es doch noch irgendwo die wahre Romanze. daß ich gerne einen Ritter von der blauen Blume der Romantik treffen würde. Aber den ganzen Abend war ihr Telefon ohne Pause besetzt. gestern war ich nicht dazu in der Lage gewesen. ihr Leben zu verändern. Er kommt zu mir. rief Birgit mich an. die Küche zu putzen. Mein neonblauer Pulli war irgendwie aus der Form geraten… Wie verändert man sein Leben? Am Freitag ging ich nicht zum Frauenseminar. hab ich also doch geschrieben. ich war dabei. Rudi heißt er.« »Auf diese Anzeige hast du geschrieben?« 277 . ob wenigstens sie Hoffnung hatte. »Na ja. wir treffen uns heute abend. wenn man Zeit braucht zum Nachdenken. Ich wollte wissen.« »Was! Erzähl!« »Ich hab’s mir ja lange überlegt. ich wollte eigentlich nicht. weil ich endlich mal wieder meine Wohnung aufräumen mußte. Aufräumen ist gut.« »Ja oder nein?« »Also ja.« »Und?« »Ja also.Slips der Gummi ausgeleiert. Gegen Abend versuchte ich Birgit anzurufen. aber es war besetzt. aber weil du und Julia so dafür gewesen seid. Am Samstagnachmittag um halb drei.

Soll ich ein Partykleid anziehen? Julia hat gesagt. käme sie rauf und würde mich retten. und vorgestern hat er mein Foto bekommen und mich sofort angerufen. Ich wunderte mich. hätte ich direkt ein bißchen Angst. den ich gar nicht kenne. und mit dem hab ich mich sehr gut verstanden. was ich anziehen soll. Und er hat mich auch ohne Umschweife gefragt. daß sie nun so freimütig aller Welt 278 . erklärte Birgit. Ich weiß überhaupt nicht. Und ich bin ja Fisch… ich hatte mal einen Chef. das wäre besser. wenn nicht Julia hier wohnen würde. oder auf der Straße treffen – nein. er hat eine sehr sympathische Stimme. und wenn er mich umbringen wollte. ich muß sagen. sie sei den ganzen Abend zu Hause. Also. daß du auf die Anzeige geschrieben hast?« Sie hätte sich doch informieren müssen. ich soll lieber was ganz Sachliches anziehen. daß unter mir meine Freundin wohnt und daß man alles hören kann. das wäre zu unpersönlich. wie man sich in einer solchen Situation verhält.« »Wie vielen Leuten hast du denn schon erzählt. der war auch Stier. ich soll mich nicht aufdonnern. was ich anziehen soll?« »Zieh dasselbe an wie auf dem Foto. damit er dich gleich erkennt. daß ich dem Mann gleich sage.»Ja. wenn jemand zu mir in die Wohnung kommt. Aber sie hat gesagt. Eine meiner Kolleginnen hat gesagt.« »Meinst du? Ich weiß nicht recht. aber meine Schwester sagt. was in meiner Wohnung passiert. Weißt du. in einem Lokal. Er ist Stier.« »Und er kommt zu dir?« »Ja. ich soll mich am besten ganz lässig im Freizeitlook präsentieren. Also. Wir haben überlegt. was ich für ein Sternkreiszeichen habe.

Birgit hatte sie gut gefallen: die Anzeige mit der Überschrift »Nicht sagen. Was sah ich als erstes? Diese Anzeige. Nun. konnte schon darüber lächeln. daß mir der Mann gefällt. dachte ich. wie alles gewesen war. länger zu telefonieren. sie versprach aber. Aber solche Enttäuschungen schien Birgit nicht zu befürchten. es einfach sein. die damals. sie mußte sich noch die Haare waschen.darüber erzählte. Aber alle anderen Angebote waren ebenso indiskutabel. vor vier Wochen. War eigentlich logisch. auf die ich geantwortet hatte. was Kleines zum Essen vorbereiten und noch mal ihre Schwester anrufen und fragen. was sie anziehen sollte. ein Ritter von der blauen Blume der Romantik? Ich hätte auf diese Anzeige niemals geschrieben. daß man aufrichtig ist. Ich würde so was erst erzählen.« – Warum dieser Mann noch mal inserierte? Hatte er die Richtige nicht gefunden? Hatte niemand auf seine Anzeige geantwortet? Auf diese Anzeige hätte ich auch nicht geschrieben. sie stand nun an erster Stelle in der Rubrik ›Bekanntschaften weiblich‹. Oder war ihr jeder Mann recht? Hauptsache Mann? Birgit hatte keine Zeit. wenn ich wüßte. In der Rubrik ›Bekanntschaften männlich‹ entdeckte ich eine weitere Anzeige. Ich wünschte ihr viel Glück. Nicht mal mit Albert konnten die Annoncen-Männer 279 . Ich war selbst ganz aufgeregt. für jeden Topf gab es angeblich einen Deckel. Meine verwandte Seele – eine Frau. mich morgen sofort zu informieren. nachdem sie sich erst so gesträubt hatte. Ich hatte den Irrtum verschmerzt. auch drin war. Abends kaufte ich mir die Wochenendausgabe der Zeitung mit den meisten Heiratsanzeigen. Was das wohl für ein Mann war.

einen Sonntagsspaziergang zu machen und bei Birgit und Julia vorbeizugehen. Und Gottfried war wieder frei. daß ich ihn betrogen hatte. aber Julia sagte strahlend: »Aha. Aber in Gedanken war ich ihm tadellos treu gewesen. Es war besetzt. schließlich konnte ich mir vorstellen. klingelte ich bei Julia. »Ach du bist es«. Um zwölf Uhr rief ich sie aber doch an.und Beratungspersonen nicht gerade an erster Stelle stand – sonst hätte sie mich nicht erst gestern in ihr mittlerweile öffentliches Rendezvous eingeweiht. außerdem hatte ich gestern deutlich gemerkt. Kein Wunder. Ich klingelte bei Birgit. sagte Birgit. daß sie gestern nicht früh ins Bett gekommen war.konkurrieren: Es waren alles ältere Typen. Sie schien nicht sonderlich erfreut. im Vorbeigehen. Na ja. Ich hatte ein etwas schlechtes Gewissen. ich beschloß. Ich getraute mich nicht. 280 .« »Wie war’s?« fragte ich Birgit hoffnungsfroh. Es war mir zu blöde. sie war ein Stockwerk höher bei Birgit. im zweiten Stock. die eine Frau zum Bumsen und zum Vorzeigen suchten und ihr dafür eine Ganztags-Stelle als Putzfrau boten. länger zu warten. die zweite Romantikerin betritt die Kemenate. Sonntagnachmittags darf man durchaus unangemeldet bei Freunden vorbeischauen. daß ich in der Hierarchie ihrer Vertrauens. Birgit rief nicht an am Sonntagmorgen. mich zu sehen. Um drei war ihr Telefon immer noch besetzt. sie anzurufen. sie drückte sofort auf den Summer. so lange kannten wir uns ja auch nicht. sie war nicht da. – Gottfried konnte sowieso keiner das Wasser reichen.

daß mich Julia vorgewarnt hatte. Ich konnte mir überhaupt nichts vorstellen unter einem kombinierten Party-Haus-Anzug und sah mich um im Zimmer. den man auch als Hausanzug tragen kann.« Ich war platt.Auf ihrem abwaschbaren Couchtisch stand eine rote Rose. unter der Vase war ein Untersetzer. nur einen einfachen Party-Anzug. als sie sich setzte. Deshalb fragte ich sie. »Und sonst?« Ich konnte es kaum erwarten. daß wir hinter ihrem Rücken über sie geredet hatten. Vermutlich war es eine jener BoutiqueKlamotten. »Überhaupt nichts hat mir Julia erzählt«.« »Ja?« »Wir müssen Birgit moralisch wieder aufbauen. ob er irgendwo herumlag. was passiert war. Während sie draußen war. sagte Birgit. sei bloß vorsichtig. »Ach. sagte ich energisch. um nicht den Eindruck zu erwecken. »Julia hat dir schon alles erzählt«.« Als Birgit mit der Kaffeetasse und einem Kaffeetassenuntersetzer wieder hereinkam. flüsterte Julia mir zu: »Großer Reinfall der Stier von gestern. Deshalb wohl merkte Birgit sofort. aber bei Birgit war selbstverständlich alles ordentlich weggeräumt. aus 281 . zu welchen Gelegenheiten man sie trägt. »Was hast du nun angehabt?« fragte ich. sagte ich deshalb nichts. und außerdem wußte ich ja nicht. Was war denn das? So was hatte ich noch nie besessen. aber Birgit ging in die Küche. sagte sie zu mir. »Hat er die mitgebracht?« »Ja«. bei denen ich mich seit Jahren frage. um mir eine Kaffeetasse zu besorgen.

Ich sah Julia an. es kam ein Trickfilm mit einer Biene. was ich tun würde. sagte Birgit und lächelte in Erinnerung an ihren kombinierten Party-HausAnzug. »Und was habt ihr gemacht?« Julia seufzte. Schwarzer Georgette und beiger Satin. Aber Julia glotzte interessiert auf den Fernseher. sind auch beige Satinstreifen. an der Hose. Sieht sehr süß aus«. 282 . Ich dachte. »Er hat viele Zuschriften bekommen. »Aus schwarzem Georgette. und an den Seiten.« Ich schluckte. là là. daß das nun wirklich das letzte wäre. mit Schnauzer. Und dazu Birgits Wohnung: dieser ganze Plüschkram – sie mußte ausgesehen haben wie eine Barbiepuppe in ihrem Barbiepuppenbungalow. Sie hatten zusammen ferngesehen und etwas getrunken. Er hätte nicht schlecht ausgesehen: schlank. daß es sich bei diesem Anzug um eine hochelegante Klamotte handelte. und die Revers sind aus beigem Satin. »Und dann?« »Dann hab ich ihm die Fotos von der Geburt von dem Benjamin von meiner Schwester gezeigt. die einen Blumenhut beflirtete. aber mein Foto hat ihn ganz besonders berührt«. hatte Birgit nicht gefragt. Oh. Tischtennis und Skifahren seien seine Hobbys. es lief die Kinderstunde. in so einer Situation. aber der Ton war abgedreht. sagte Birgit und lächelte in Erinnerung an ihr Foto. Ihr Lächeln bestätigte meine Vermutung. Was er von Beruf war. was geschehen war.welchem Material der Anzug sei und welche Farbe er hätte. blond. Aber Birgit erzählte mir sehr bereitwillig.

Und darum ist auch nichts dabei. Er hat sich dann wieder angezogen und ist gegangen. Birgit! Die perfekte brave Birgit tat so was! Ich glaube. aber Julia sagte nichts. »das meine ich aber nicht. wie es so heißt. dann weiß man es gleich und muß nicht erst warten. daß man doch zuerst wissen müsse. der auf dem Teppich lag. sie starrte ungerührt auf den sprachlosen Fernsehapparat. wenn man gleich zueinander fände. sagte Birgit und machte eine Fingerspitze mit der Zunge naß und hob so einen Kuchenkrümel. es hätte keinen Sinn. Ich konnte es nicht fassen.»Und dann?« fragte ich wieder. als sei ich noch Jungfrau«. wenn man füreinander bestimmt ist.« »Was dann?« »Es ging nicht. ich schrie fast.« »Was! Bist du mit ihm ins Bett gegangen?« Ich glaube. »Nimmst du die Pille?« »Ja«. er war impotent. der Mund blieb mir vor Staunen offen stehen. und dann gingen wir in mein Schlafzimmer. Ich riß mich zusammen und klappte meinen Mund zu. wie man Kaugummi macht. auf und legte den Kuchenkrümel in den makellos sauberen Aschenbecher. in dem gezeigt wurde. es kam nun ein anderer Kinderfilm. »Du tust ja so. er sagte. sagte Birgit. dann kam er in Stimmung. ob man auf emotionaler Ebene miteinander harmoniert. sagte Birgit.« Ich sah Julia an. Wir waren eben 283 . Birgit ging gleich am ersten Abend mit einem Mann ins Bett! Birgit sah mich strafend an. Ich wär nicht sein Typ. »Es ist sowieso nichts passiert«. und daß er es viel romantischer fände. »Na ja. »Er sagte. und es stimmt ja auch.

nicht füreinander bestimmt.« Birgit seufzte. »Aber mein Foto, das wollte er gerne behalten.« Unwillkürlich mußte ich den Kopf schütteln. Birgit war mir ein Rätsel. Sie ärgerte sich nicht mal über diesen Ritter, der garantiert nur mit ihr hatte bumsen wollen! Und sie gab ihm noch ihr Foto! Damit würde der garantiert hausieren gehen! Ich war eben nicht sein Typ, sagte sie! »War er denn dein Typ?« fragte ich. »Weiß ich nicht, vielleicht schon, ich kenn ihn doch nicht.« »Wieso weißt du dann, daß du nicht sein Typ warst?« »Hat er doch gesagt. Er hat gesagt, ich sei zu passiv und nicht sein Typ.« Die Kinderstunde war zu Ende. Julia schaltete energisch den Fernsehapparat ab, dann sagte sie zu Birgit: »Es hat keinen Zweck daß du alle Schuld auf dich nimmst.« Das fand ich auch. »Du mußt es gleich noch mal versuchen, deinem Selbstbewußtsein zuliebe«, sagte Julia. Birgit sagte, sie müsse zuerst ihre Gefühle verarbeiten. Das konnte ich nun auch verstehen. Aber Julia sagte, man müsse nicht jedes Gefühl auswalzen, schon gar nicht solche unnötigen Frustrationsgefühle. Am besten wäre es, Birgit würde dieses Erlebnis einfach vergessen. »Du kannst deine Gefühle nicht ändern, ohne die Verhältnisse zu ändern«, sagte Julia, »das wird immer Krampf.« »Das war nicht der Deckel, der auf deinen Topf paßt, das war nur ein Topflappen«, sagte ich, um Birgit aufzuheitern. Aber nur Julia kicherte. »Ja, aber was soll ich machen?« sagte Birgit. »Die andere Annonce, die dir so gut gefallen hat, war gestern wieder in der Zeitung« – sie fiel mir gerade in
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diesem Moment wieder ein. »Die von diesem besonders aufrichtigen Mann! Ich hab dir gleich gesagt, daß du auf die schreiben sollst.« Birgit schien sich mal wieder an nichts zu erinnern. »Weißt du was«, sagte Julia, »ich geh mal runter und hol die Zeitung.« »Nie wieder schreib ich auf ein Inserat«, sagte Birgit. »Na, einmal kann man sich ja irren«, sagte ich zu Birgit, und ich sagte es überzeugend, ich wußte, wovon ich sprach. Julia war sofort wieder da, hatte die Annonce auch schon gefunden und sagte: »Jetzt schreibst du einfach den Brief, den du an diesen Topflappen geschrieben hast, noch mal ab, legst wieder dein wunderbares Foto dazu, und dann sehen wir weiter.« Ich bewunderte Julia, für sie war alles so einfach. Sie war wirklich ganz unromantisch. Vielleicht war das ihre Eheerfahrung. Birgit sträubte sich immer noch, aber nicht mehr so sehr. Sie schien froh, daß Julia für sie entschied. Birgit sagte, sie wüßte nicht mehr, was sie geschrieben hätte. Julia sagte, drei Sätze und die Telefonnummer würden genügen, ihr Foto würde ohnehin jeden umwerfen. »Mehr braucht man nicht zu schreiben, man weiß ja nicht, was das für ein Typ ist«, sagte ich und sprach wieder aus Erfahrung. »Aber du mußt die Verantwortung übernehmen«, sagte Birgit zu Julia. »Wenns weiter nichts ist«, sagte Julia. Auch abgesehen davon, daß ich natürlich gespannt war, wie Birgits zweiter Versuch ausgehen würde, mußte ich in den nächsten Tagen immer wieder über Birgit nachdenken. Irgendwie tat sie mir ein bißchen leid. Sie
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war nett, aber so naiv. Ich blickte bei ihr einfach nicht durch. Sie war so ganz anders als ich. Sogar wenn es bei mir frisch aufgeräumt war, sah es unordentlich aus – im Vergleich zu Birgits Wohnung. Aber bei mir sah es nicht so kitschig-plüschig aus wie bei ihr. Sie hatte im Wohnzimmer so kleine Aquarelle aufgehängt, mit mandeläugigen Mädchen drauf, sie waren mir beim ersten Besuch gar nicht aufgefallen, entsetzlich. Und im Flur hing ein Porzellanteller mit Charles und Diana drauf. So was würde ich höchstens ins Klo hängen, da ist es wenigstens komisch. Frauen wie Birgit… Woher kommen sie, was tun sie, bis sie mit einem selbsternannten Ritter von der blauen Blume der Romantik die Ehe eingehen… und in der Ehe eingehen? Birgits Sexualleben war mir ein Rätsel: sie hatte doch gar keines. Trotzdem hatte sie diesen Onenight-Flop ziemlich ungerührt verkraftet. Sie war eben nicht sein Typ, und damit gab sie sich zufrieden. Vielleicht war sie gar nicht so artig, wie ich dachte? Warum nahm sie die Pille? War sie ewig gerüstet für den Fall der Fälle? Ich nahm ja auch die Pille, aber erstens war ich bis vor kurzem fest liiert, und außerdem hatte ich die bürgerlichen Moralvorstellungen hinter mir gelassen. Aber Julia war sicher auch mit Gottfried gleich ins Bett gehüpft. So was. Waren doch alle Frauen gleich? Julia – sie hatte Gottfried mit keinem Wort erwähnt. Sie schien tatsächlich total mit ihm abgeschlossen zu haben. Aber was machte sie? Für sie war das Leben bestimmt am leichtesten. Sie hatte absolut keine Hoffnung auf Romantik. Vielleicht hatte sie nie wirklich geliebt? Wer nie geliebt hat, hat nie gelebt, dachte ich spontan. Aber wer geliebt hat, wird auch nur frustriert, sagte mir meine
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Erinnerung. Dann dachte ich: Eine Erfahrung weniger ist eine Verwundung weniger. Aber ohne Erfahrung gibt es auch keine Erlösung. – Ich wußte nicht, was diese Gedanken bedeuteten, sicher kamen sie aus meinem Unterbewußtsein und waren tief und wahr.

50. Kapitel
Es war mir die ganze folgende Woche so langweilig, und irgendwie war ich so depressiv, daß ich sogar Sieglinde anrief. Ihr schien es ebenfalls langweilig zu sein, denn sie war entzückt: »Das ist nett, daß du mich anrufst«, rief sie, »du mußt uns unbedingt besuchen! Kannst du gleich morgen nachmittag um drei zum Kaffee kommen? Das wär schön.« Ich getraute mich nicht zu fragen, ob Kaffee auch Kuchen bedeutete. Aber vorsichtshalber aß ich dann vorher zwei Hanutawaffeln. Ich wurde emphatisch begrüßt. Was war los? Ich vermutete, daß Wolf-Dietrich ein größeres Auto oder Sieglindes Chef ein größeres Mietshaus gekauft hatte. Oder hatte Wolf-Dietrich für Sieglinde endlich die Jacke aus Nerzpfötchen gekauft, die er ihr bereits letztes und vorletztes Jahr zu Weihnachten versprochen hatte? Oder hatte der Antiquitätenlieferant ihres Chefs, mit dem auch Sieglinde »befreundet« war, wie sie gerne betonte, wieder zufällig einen verrotteten Schrank im Hühnerstall eines Bauern entdeckt und seinen lieben Freunden für einige
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lumpige Tausender geradezu geschenkt? Sieglinde und Wolf-Dietrich sahen mich erwartungsvoll an. Sie wollten ausgefragt werden. Sieglinde lächelte ganz natürlich. Wolf-Dietrich lächelte ganz bescheiden. Ich ließ sie zappeln, fragte nichts. »Hast du den neuen Film mit der Kinski gesehen?« fragte Sieglinde. »Nein.« »Ganz toll. Ganz sensible Schauspielerführung.« Wolf-Dietrich grinste: »Die Kinski ist schon ein heißer Ofen.« »Wie geht es unserem Herrn Doktor?« fragte Sieglinde dann. »Keine Ahnung«, sagte ich, »interessiert mich auch nicht die Bohne.« Sieglinde lächelte immer noch ganz natürlich. »Habt ihr eure Laura-Ashley-Satinbettwäsche mittlerweile in der Maschine gewaschen?« fragte ich. »Nein, das geht nicht«, sagte Wolf-Dietrich, »das Zeug ist viel zu empfindlich.« »Gebt ihr das Zeug etwa in die Reinigung?« »Nein«, sagte Sieglinde, »wir waschen es einfach von Hand.« »Ist ja keine Arbeit«, sagte Wolf-Dietrich. »Wir waschen es einfach in der Badewanne bei dreißig Grad«, sagte Sieglinde, »wir müssen nur hinterher die Badewanne wie wahnsinnig schrubben, weil der Stoff noch Farbe verliert.« »Was?« schrie Wolf-Dietrich. »Das Zeug färbt ab?« »Aber das legt sich«, sagte Sieglinde, »wir haben es doch erst einmal gewaschen.«

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Dann erzählte Wolf-Dietrich von seiner Karriere. Und Sieglinde führte ihr neues Bügeleisen mit Teflonbeschichtung vor. Sieglinde sah Wolf-Dietrich an. »Darf ich’s sagen?« fragte sie ihn. »Was denn?« brummte Wolf-Dietrich. Sieglinde strahlte Wolf-Dietrich an, dann strahlte sie mich an: »Übrigens, wir werden heiraten.« »Im wievielten Monat bist du?« »Das hat meine Mutter auch als erstes gefragt«, sagte Sieglinde leicht beleidigt. »Sieglinde ist nicht schwanger«, sagte Wolf-Dietrich entschieden. »Übrigens, warum sagt ihr nicht gleich, daß ihr heiratet?« »Wolf-Dietrich meint, es sei nicht so wichtig«, sagte Sieglinde. »Ist es auch nicht«, sagte Wolf-Dietrich. »Und was ziehst du an?« fragte ich Sieglinde. »Wolf-Dietrich läßt sich einen leichten Anzug machen«, sagte Sieglinde, »in Hellgrau, aus einem englischen Tuch mit feinem Muster, aber eigentlich kein Muster, sondern so Struktur. Mein Chef hat auch so einen Anzug…« »Heiratest du wenigstens in Weiß?« »Kommt nicht in Frage«, sagte Wolf-Dietrich, »was soll die Alte mit einem weißen Lappen? Soll sie den nachher im Labor anziehen?« »Also ich würde in Weiß heiraten«, sagte ich, »wenn schon, denn schon. Und die Brautjungfern müßten alle in Rosa kommen und alle Gäste auch und die Männer mit rosa Krawatten und überall rosa Blumen, rosa Luftballons
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und ein riesiger rosaroter Hochzeitskuchen…« Ich sah die Szene vor mir! »Ich könnte alles filmen, ich könnte eure Hochzeit in meinen Film integrieren.« Das Brautpaar war jedoch an meinen Vorstellungen von einer richtigen Hochzeit nicht interessiert. »Warum heiratet ihr dann überhaupt?« fragte ich. »Ich habe in diesem Jahr zuviel verdient«, erklärte Wolf-Dietrich, »und Sieglinde verdient ja nicht viel, da heiraten wir und kommen in den Genuß des Ehegattensplittings. Und im nächsten Jahr, wenn ich dann die Klientel von Meyer-Foggenhausen mit übernehme, da läppert sich das dann ganz schön zusammen, wenn ich heirate, das macht diverse Tausender mehr pro Jahr. Nach Steuern! Wenn nicht mehr! Wir machen selbstverständlich Gütertrennung.« Außerdem erklärte Wolf-Dietrich, daß er den Ehevertrag von einem befreundeten Anwalt ausarbeiten lasse, der das für ihn selbstverständlich umsonst mache. »Ach, ihr wollt nur Steuern sparen«, sagte ich. »Es geht nicht nur um die Einkommensteuer«, sagte Wolf-Dietrich, »es geht dabei auch um ganz andere Dinge. Mein Vater will mir sein Haus schon jetzt überschreiben, das hab ich ihm beigebracht, daß das wegen der Erbschaftsteuer viel günstiger ist – und wenn ich außerdem verheiratet bin, kann ich da mit einem Trick noch was machen.« »Also ich heirate aus Liebe«, sagte Sieglinde und räumte das Teflonbügeleisen weg. »Und daß WolfDietrich so viel Geld hat und Hausbesitzer wird, das spielt für mich überhaupt keine Rolle. Und stell dir vor, seine Mutter schenkt mir zur Hochzeit ihr massiv goldenes

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Armband! 34 Gramm Gold sind das!« Sieglinde lachte laut. »39 Gramm Gold«, berichtigte Wolf-Dietrich. »Und wann soll das Ereignis stattfinden?« »Das wissen wir selbst nicht genau, weil WolfDietrichs Vater in seinem Feriendomizil ist, und meine Mutter hat den Fuß gebrochen, und die Freundin von meinem Bruder kriegt ein Kind. Und Sennebergs, die Trauzeugen sein sollen, die können nicht vor dem ersten September, weil solange Schulferien sind, und mein Chef kann nur Mittwoch nachmittags oder in der Mittagspause. Wolf-Dietrichs Vater kann aber erst ab Anfang Oktober, so lange will er nämlich mit seiner Freundin auf Mallorca bleiben. Und er will Wolf-Dietrich 2500,– DM zur Hochzeit schenken, aber natürlich nur, wenn wir ihn einladen und seine Freundin auch.« »Mein Vater ist ein Arsch«, sagte Wolf-Dietrich. »Wir können natürlich nicht die Freundin von WolfDietrichs Vater und Wolf-Dietrichs Mutter einladen. Aber zum Glück ist Wolf-Dietrichs Mutter nicht so und schenkt mir das Armband auch, wenn wir sie nicht zur Hochzeit einladen. Aber letztendlich hängt sowieso alles davon ab, wann meine Mutter den Gips abkriegt. Denn meine Eltern wollen nach der Trauung einen Empfang geben, und meine Mutter macht dann Partyschnittchen, und es gibt Champagner. Mein Vater hat Beziehungen, da kriegt er den Champagner günstiger, nicht wahr Wolf-Dietrich? Aber mit dem Gipsbein kann meine Mutter die Partyschnittchen natürlich nicht machen.« »Verstehe«, sagte ich. »Sagt mir, wann das Ereignis stattfindet.«

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»Der Empfang findet im engsten Familienkreis statt«, sagte Sieglinde, »und natürlich ist mein Chef eingeladen.« »Verstehe«, sagte ich. »Ihr macht also kein Fest?« »Nein«, sagte Wolf-Dietrich. »Wir machen auch keine Hochzeitsreise, das lohnt sich nicht. Außerdem müssen wir etwas sparen.« »Verstehe«, sagte ich. Mein Magen knurrte laut. Aber es gab trotzdem keinen Kuchen. Sicher hatten sie den Kuchen im Kühlschrank versteckt. »Was glaubst du, wie ich im Streß bin, ich muß noch die ganzen Papiere zusammenbekommen«, sagte Sieglinde und mimte die Verzweifelte. »Jetzt erst hab ich erfahren, daß ich einen extra Antrag stellen muß, um einen Doppelnamen tragen zu dürfen.« »Du legst dir einen Doppelnamen zu?« »Selbstverständlich. Klingt doch toll – Lamar-Schadler! Und heutzutage, wo man den Unterschied zwischen ›Fräulein‹ und ›Frau‹ nicht mehr so genau nimmt, da brauchst du schon einen Doppelnamen, damit die Leute wissen, daß du wirklich verheiratet bist.« Ich verabschiedete mich dann bald, weil es nicht mal mehr Kaffee gab. »Adieu, Frau Lamar-Schadler«, sagte ich zu Sieglinde. »Und wann heiratest du?« Sie strahlte mich an mit geschlossenem Mund und sah aus wie eine dieser Goldhamstersparbüchsen, die man geschenkt bekommt, wenn man ein Sparbuch eröffnet. »Da kannst du lange warten«, sagte ich. Aus Höflichkeit fragte ich noch: »Und was wollt ihr von mir zur Hochzeit?« »Och«, sagte Sieglinde und machte eine großzügigwegwerfende Handbewegung.
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Und daß diese Ehe nicht lange gutgehen würde. ihn nicht mehr zuerst 293 . ich war ja auch nicht schwanger. und: »man heiratet eben. Natürlich vermutete auch sie sofort. sie heirate aus Liebe. Seit über drei Wochen hatte ich nichts von ihm gehört. als er diesen Krach wegen seines blöden Kaffeefilters angezettelt hatte.Eine Spendenquittung fürs Müttergenesungswerk werde ich ihnen zur Hochzeit überreichen! Die kann Wolf-Dietrich dann von der Steuer absetzen. Und ansonsten sei nichts Besonderes los. seit damals. Eigentlich kommen solche Leute schon verheiratet auf die Welt. Wegen des Geldes tut sie es. es jedoch bisher keine Reaktion gebe. 51. Aber dann sagte sie nur: »So was kommt vor. Julia hätte wenigstens sagen können. sondern erzählte. wie spießig die beiden sind und wie geldfixiert. Ich hatte mir zwar vorgenommen. wenn Sieglinde sagt. Ausgerechnet Sieglinde. als ich geheiratet habe«. Ich mußte es sofort Julia erzählen. daß Birgit am letzten Sonntag noch den Brief auf die aufrichtige Annonce eingeworfen hätte. Sie sagte aber überhaupt nichts mehr zu Sieglinde und Wolf-Dietrich. Aber es ist blanker Hohn. Dann rief ich Albert an. daß Sieglinde schwanger wäre. Und Wolf-Dietrich sowieso.« Ich fand. Kapitel Sieglinde und Wolf-Dietrich – typisch. daß die heiraten.

« »Du weißt es schon? Seit wann denn?« »Seit letzter Woche. »Meinst du auch.« 294 . er hing wie üblich vor dem Fernseher. sagte ich.anzurufen. Obwohl es Sonntag abend war. Er schien durchaus erfreut. schließlich sind es unsere gemeinsamen Bekannten. aber diese Neuigkeit mußte ich ihm erzählen: Schließlich waren Sieglinde und Wolf-Dietrich unsere gemeinsamen Bekannten. meine Stimme zu hören: »Was verschafft mir das Vergnügen deines Anrufs?« »Ich war bei Wolf-Dietrich und Sieglinde. wie klang.« Ich fragte Albert. war Albert zu Hause. »Ach«. Albert fand es nicht so aufregend! Ich konnte nur staunen.und klaglos die bürgerliche Ehe in meinem Bekanntenkreis plötzlich akzeptiert wurde. daß das nicht lange gutgeht? Wieviel gibst du ihnen?« »Drei Tage. sagte Albert. Ich ruf dich gleich an…« »So aufregend ist es auch wieder nicht«. ich konnte im Hintergrund irgendwelches Sportgelärme hören.« Das war typisch: Dem Herrn Doktor gaben sie ihre bevorstehende Vermählung natürlich zuerst bekannt! »Warum hast du mir das nicht erzählt. stell dir vor…« »Er hat mich auch angerufen.« »Wieso drei Tage?« »Solange dauert es immer. wie er denn darauf käme? Drei Tage. das konnte nicht sein Ernst sein! »Spätestens in drei Tagen sind alle Filzläuse weg. sagte Albert. War ich von Heiratswütigen umzingelt? »Das geht vorüber«.

daß man sich überall Filzläuse einfangen kann. sagte Albert und lachte sich kaputt. daß sie keine Filzläuse hat?« »Weil die beiden bereits vor der Hochzeit nicht mehr miteinander schlafen. bekam er einen Schluckauf vor Lachen. Ich lach mich kaputt«.« »Reg dich ab!« sagte Albert. daß ihn WolfDietrich angerufen hätte. »Was ist daran so witzig. und daß Filzläuse keine Geschlechtskrankheit seien.« »Hat er dir das gesagt?« »Nein. weil er sich Filzläuse eingefangen hätte. auch auf dem Klo in einer Behörde zum Beispiel. Sie hatte auch keine Filzläuse.»Filzläuse? Was für Filzläuse? Du sprichst von Filzläusen!« schrie ich. »sie hat nicht mal Filzläuse. Als ich Albert noch erzählte. Albert erzählte.« Er kicherte hysterisch. kicherte er. nur Wolf-Dietrich. daß Sieglinde gar nicht schwanger ist. »Natürlich ist sie nicht schwanger«. daß er ungeheuer viele Filzläuse hätte und über und über voll damit sei. Sieglinde hatte sich dann wieder abgeregt. »Ich hab Sieglinde auch erklärt. weil er eine so starke Körperbehaarung hat.« Ich blickte nicht durch. daß in drei Tagen alle weg sind. »Oh. aber er hat gesagt.« »Ist er fremdgegangen? Wo hat er die Filzläuse her? Wie sehen die aus? Jucken die? Igitt!« 295 . du lieber Himmel. »Und daß sie heiraten? Weißt du das auch?« »Wer heiratet?« »Sieglinde und Wolf-Dietrich!« »Was! Die heiraten! Das darf nicht wahr sein. Und er hätte – auf Wolf-Dietrichs speziellen Wunsch – Sieglinde ausführlich erklärt.

das ist keine Geschlechtskrankheit. das seien andere Läuse –.« Albert sprach ganz sachlich.« »Warum?« 296 . »sondern sie sind relativ immobil. und das seien nur ganz kleine Punkte. »ich hab’s dir gerade gesagt.»Nein«. Deshalb muß man das Mittel drei Tage lang einreiben. »Es ist alles nicht so aufregend«. »Sie hüpfen auch nicht auf dem Körper herum wie Flöhe«. ob du welche hast. sie würden aussehen wie Sommersprossen und würden in den Schamhaaren hocken und in den Körperhaaren – aber nicht auf dem Kopf. das schmiert man drauf. Das ist alles. dann lachte er wieder: »Aber daß Sieglinde keine hat. weil sie sich an der Haut festsaugen. ich müsse auch nach Nissen gucken. Gott sei Dank war nichts Sommersprossenähnliches zu sehen. aber nach spätestens drei Tagen schlüpfen die letzten Filzläuse aus und werden dann sofort gekillt. wenn man Filzläuse hat. Guck mal. das ist zum Totlachen. die Eier von den Filzläusen. konnte aber zum Glück kein Haar mit Knoten entdecken. sagte Albert. wenn man sie hat?« »In jeder Apotheke gibt es ein todsicheres Gel. überall kann man sich Filzläuse holen. erklärte Albert. so als ob man einen Knoten in ein Haar machen würde. und die Filzläuse würden eigentlich kaum jucken. Albert erklärte. daß man sie kaum sehen würde. deshalb würde man kaum merken. und sofort sind alle tot.« Dann beschrieb er. Ich guckte noch mal genauer.« Mich schauderte. denn den Nissen macht das Gel nichts aus. Man muß es aber drei Tage lang einreiben. Vorsichtshalber fragte ich aber: »Und was macht man. ich machte gleich meine Jeans auf und untersuchte meine Schamhaare. Sie grassieren zur Zeit. sagte er. ganz der Herr Doktor.

und vor allem hätte ich sehr gerne gewußt. statt ihn aus der Wohnung zu treiben? Vielleicht kochte sie sogar für ihn. sonntagabends. Durchs Telefon hörte ich.»Na ja. Verstehst du’s jetzt?« Jetzt hatte ich es kapiert! Das war ja wirklich entlarvend. die Liebe hat viele Gesichter«. so schnell vermehren sich diese Läuse nicht. war nett. »tschüs. Wenn er natürlich absolut jeden Körperkontakt vermeidet und Sieglinde die sanitären Einrichtungen des Haushalts klinisch sauberhält. wer ihn da besuchen kam. »Ich muß jetzt Schluß machen. Hätte er in dieser Zeit irgendwelchen Körperkontakt zu seiner Partnerin aufgenommen – um es mal dezent zu umschreiben –. Zuwenig für mich. sagte er. sagte ich. dann hat er sie schon eine Weile. »Ja. Und wenn Wolf-Dietrich jetzt über und über voll von Filzläusen ist. ich bekomme Besuch«.« »Mach’s gut«. sah mit ihm zusammen die Sportschau. die zu ihm kam. dabei krabbelt schon mal eine Filzlaus von einem Schamhaar auf ein fremdes. Trotzdem war es ganz nett gewesen. Vögeln und Finanzen – mehr Interessen hatte er nie gehabt. 297 . mit ihm zu reden. Tschüs. Lebte er nun in seinem Idealzustand? – Fernsehen. Hatte er jetzt eine Frau. Mach’s gut. bis bald vielleicht mal. mal wieder mit dir zu telefonieren. »Ich glaube.« Ich hätte zwar ganz gerne noch etwas länger mit ihm telefoniert. sagte Albert. daß es bei Albert klingelte: »Was ist das?« fragte ich. sie heirate aus Liebe!« sagte ich. »Und Sieglinde sagt. dann steckt man sich nicht an.

Aber gestern hatte ich ihn im Flur im vierten Stock getroffen. und natürlich mußte ich mich auch seelisch vorbereiten auf die Verabredung mit Gottfried. die Abendpost mit dem Horoskop für heute gekauft. ich bin Schütze. Ich wollte sie nicht trockenfönen. und in meinem Horoskop stand: »Eine große Überraschung erwartet Sie. In einen politischen Film über Grönland wollte er gehen. natürlich interessierte mich der Film brennend. hatte er gesagt. Noch ehe ich Kaffee machte. der durch die Kneipen zieht. daß wir heute verabredet sind! Er hatte mich gefragt. ob es mir recht sei. ich mußte mir noch die Haare waschen. Die Sterne standen so günstig wie noch nie: Obwohl ich nicht an Horoskope glaube. hatte ich mir gestern abend im Café Kaputt bei dem Zeitungsverkäufer. daß man die Haare unter Spannung trocknet. Wenn es heute wieder nicht klappen würde. wenn wir zusammen nach dem Seminar ins Kino gingen. die Augenbrauen zupfen. Probleme. würden wir selbstverständlich noch irgendwo hingehen. wusch ich mir die Haare. Und nach dem Kino.« – Das war eindeutig. die Ihnen große Sorgen bereitet haben. erledigen sich zu Ihrer vollkommenen Zufriedenheit. das hatte ich mir seit Tagen geschworen. dieser wunderbare Glanz entsteht. sondern auf Wicklern trocknen und dann wieder glattfönen – ich hatte nämlich gelesen. die Fußnagel lackieren.52. den 298 . daß nur dadurch. dann würde ich nicht länger auf ihn warten. Kapitel Ich stand am Mittwoch schon ganz früh auf. und er selbst hatte mich daran erinnert.

probierte ich. Nun konnte ich es genau sehen: Mein Gesicht war über und über übersät mit riesigen Pickeln. Mein Friseur hatte es mir bestätigt. es dem Herrn Doktor sofort auszurichten. Als ich an den Spiegel ging. Es war entsetzlich. was los war. Ich nahm meinen Vergrößerungsspiegel. das könnte alles und nichts sein. ob sich die Pickel überschminken ließen. um meine Haare auszukämmen. Er war schon in der Klinik. als ich ihm erklärte. standen aber dennoch millimeterhoch ab. rote Pickel im Gesicht. hastete in mein Arbeitszimmer. Als ich sie wieder aufmachte. Unwillkürlich schloß ich die Augen. Von der Stirn bis zum Kinn.die Haare der Fotomodelle in den Illustrierten haben. 299 . passierte überhaupt nichts – außer daß die Pickel statt hellrot dunkelrot wurden. Er sagte. sofort. war mein Gesicht eine abdeckstiftfarbene Vulkanlandschaft. Sie saßen tief unter der Haut. wenn man draufquetschte oder drumherum quetschte. wo besseres Licht ist. Es war unmöglich. es sei ganz dringend. Ich sagte der Diensthabenden. stellte ich fest. daß mein Gesicht über und über übersät war mit Pickeln. So was hatte ich noch nie gesehen. traf mich der Schlag: Mein Gesicht war über und über mit kleinen roten Punkten übersät. er hatte im Moment keine Zeit. Ich rief Albert an. Ich war wie gelähmt. daß er mich anrufen solle. Eine halbe Stunde später rief Albert an: »Was ist los?« Ich heulte fast. Die diensthabende Schwester sagte. Sie hörte die Verzweiflung in meiner Stimme und versprach. Nachdem ich jeden einzelnen mit Abdeckstift betupft hatte. Die Pickel ließen sich nicht ausquetschen. Noch optimistisch.

die Haare verzottelt. Albert fragte. »Aber 300 . ich solle in die Hautklinik gehen. ob ich Fieber hätte. Es war mir ganz heiß. was sollte ich tun? Meine Haare waren in der Julihitze mittlerweile fast getrocknet. Wenn ich mein Gesicht im Spiegel sah. weil ich die einzige in meiner Klasse gewesen war. Die hatte ich aber als Kind schon gehabt. ich solle in die nächste Apotheke gehen und mir eines kaufen. daß die nur dienstags und donnerstags Sprechstunden für ambulante Patienten haben. mußte ich sie noch mal naß machen und die doppelte Menge Cremespülung reinschmieren. Es war Glück in der Misere. »Was ist es? Du bist Arzt!« Albert tippte auf Masern. Ich sagte ihm. der mich kannte. daß ich niemanden traf. Ich band mir einen Schal um die nassen Haare. War es Aufregung oder Fieber? Ich solle Fieber messen und ihn wieder anrufen. Albert meinte. aber ich hatte sie in der Aufregung nicht gekämmt! Grauenerregend sah ich aus: das Gesicht verpickelt. daß bei mir um die Ecke ein Hautarzt ist. das wußte ich genau. Um die Haare überhaupt wieder auskämmen zu können. wurde mir schlecht. Dann fiel ihm ein. da solle ich hingehen. weil er das Thermometer mitgenommen hatte! Er sagte. rief ich. Schließlich fiel ihm ein. Ein Fieberthermometer würde ich sowieso brauchen. hatte aber keines. Ach. Ich maß an drei verschiedenen Stellen Fieber. Ich rief Albert wieder an. daß ich kein Fieber messen könnte. Dann solle ich ihn wieder anrufen.»Nichts ist es ganz bestimmt nicht«. setzte eine riesige Sonnenbrille auf und rannte so schnell ich konnte zur Apotheke. In der Zwischenzeit hatten sich die Pickel vermehrt. die die Masern ausgerechnet in den Osterferien gehabt hatte.

das hoffte ich auch. Er war einverstanden. Ich rief wieder Albert an. oje. schließlich war ich ein Notfall. Niemand machte auf. er könne nichts sagen. was das für Furunkel seien.« Dann wünschte er mir herzlich gute Besserung und sagte: »Aber ich hoffe.beeil dich«. sagte er. um sein Glück kämpfen.« Albert hatte recht gehabt: Ich stand vor verschlossener Praxistür. »dann muß ich allein in diesen Film gehen. was ich hatte. Man mußte ewig. Bis um drei Uhr waren die Pickel noch schlimmer geworden. Gewiß. daß wir uns spätestens nächsten Mittwoch wiedersehen. Tag für Tag. er läuft nämlich nur heute. Er sagte. »Oje. dienstags. fragte er nicht mal. nur von acht bis zehn. er müsse sich zuerst ansehen. Aber ich hatte keine andere Wahl. weil ich daran herumgequetscht hatte. und er war zum Glück schon zu Hause. wie schade«. du siehst ja aus«. sagte Albert. Auf jeden Fall war es hoffnungslos. »Mittwoch nachmittags haben alle geschlossen. Ich sagte Albert. daß ich heute nicht kommen konnte. weil ich krank war. daß ich zu ihm in die Wohnung käme. Ich klingelte trotzdem. Es wurde einem wahrhaft nichts geschenkt. Und wie ich es hoffte. Dieser Arzt hatte überhaupt nur morgens Sprechstunde. ohnmächtig einem widrigen Schicksal ausgesetzt zu sein. Um fünf komme er aus der Klinik. »Ach. Höflich wie er war. donnerstags. Wie schmerzlich war die Erkenntnis.« Ja. und nur montags. Um fünf! Da fing das Seminar an. Viertel vor fünf war ich bei Albert. Vielleicht auch. Ich mußte Gottfried anrufen und ihm sagen. sagte 301 . Wahrscheinlich hatte auch Gottfried schon viel gelitten. um keine Zeit zu verlieren.

mein Armes. Käsewürfel… oder es ist psychisch bedingt. er solle mir etwas anderes geben. ob die Salbe was nützte. daß ich so lange nicht warten könne.« »Nein. was Farbloses – das fehlte mir noch. auszusehen wie ein pickliger Indianer! Während er herumkramte. Warum sollte ich allergisch sein gegen Jod?! Ich wollte mich sofort damit eincremen. sofort. schrecklich!« Ich antwortete nichts. ich weiß es nicht. daß sie nicht schaden könne – es sei denn. daß du in die Pubertät kommst?« sagte Albert. Wein.« »Gegen was?« »Erdbeeren.« Da er ohnehin nicht sicher war. Deshalb sagte er ernsthaft: »Wahrscheinlich hast du eine Allergie. er wisse nicht. wenn du zu Hause bist. daß ich in meiner Situation sein blödes Geschwätz nicht ertragen könnte. Ich sagte ihm.« »Hör auf«. gab ich sie ihm zurück und sagte ihm. »au weia. sein Mitleid machte mir meine entsetzliche Lage nur noch bewußter.er. sagte ich. aber er sagte: »Nimm das Zeug erst. Sperma. ich wäre allergisch gegen Jod. ob sie was helfe.« Ich sagte ihm. Milch. kontrollierte ich seinen 302 . Hitzepickel. »du weißt es ja gar nicht. du mußt noch Auto fahren. Blumenkohl. Parfüm. es sei das Klügste. aber er sei ziemlich sicher. Er kramte in seiner Hausapotheke herum und zeigte mir schließlich eine Tube mit einer rotbraunen Salbe.« Dann sagte er. »Und was soll ich bis dahin tun?« »Abwarten. »Kann es sein. Er sagte. Hausstaub. mein Armes. in diesem Falle müßte er mir davon abraten. und mit dieser Salbe wirst du aussehen wie ein Indianer mit Pickeln. Kosmetika. es müsse was geschehen. Katzenhaare. ich ginge morgen früh zum Hautarzt.

hatten auch schon viel durchgemacht. »Wozu brauchst du Feuchtigkeitscreme?« Albert nahm mir die Dose aus der Hand: »Weil die Haut über dreißig zunehmend an Feuchtigkeit verliert«. So wie ich aussah. Albert sagte. es würde genauso auf der Dose stehen.Allibertschrank: Kein Lippenstift. Das Wartezimmer war um acht brechend voll. dann fuhr ich nach Hause. werde ich nächsten Monat dreißig. 303 . sagte er. wenn ich es nicht glauben würde. ich hatte die ganze Nacht kaum geschlafen. Natürlich glaubte ich ihm kein Wort. die Pickel gezählt: Es waren ständig mehr geworden. und die Illustrierten. aber der Arzt kam erst Viertel vor neun. was ich lesen würde. die herumlagen. Ärger schadet der Haut«. Zur Beruhigung bot er mir einen farblosen Schnaps an. nun war auch mein Hals befallen. Ich würde doch sonst auch alles glauben. »In deinem Zustand solltest du dich nicht aufregen. »Und wo ist dein Silberflitter?« fragte ich. sagte Albert. was auf eine Frau hindeutete. war es mir sogar peinlich gewesen. garantiert hatte sein Naturkind diese schlichte Feuchtigkeitscreme hier deponiert. sagte ich. Er war schon etwas älter. könnte ich es selbst lesen. Donnerstag früh war ich die erste Patientin beim Hautarzt an der Ecke. hatte immer wieder zu meinem Handspiegel gegriffen. Doch dann entdeckte ich unten in der Ecke eine Dose mit Feuchtigkeitscreme. Schon Viertel nach sieben saß ich im Wartezimmer. die Ausstattung seiner Praxis ebenso. wenn mich Albert ansah. »Wie du vielleicht noch weißt.« »Blödes Geschwätz«. höchste Zeit vorzubeugen. kein Make-up. auch auf der Ablage über der Badewanne nichts.

Obwohl ich als erste dagewesen war. sagte er mit gütiger Stimme. wie lange es dauern würde. »Was haben Sie denn?« fragte der Arzt. das könne er nicht sagen. mein Fräulein«. wenn Sie selbst für die Finanzierung aufkommen können. etwas ganz Gewöhnliches gehabt! Aber obwohl der Arzt gesagt hatte. »wir können diese Behandlung auch bei Ihnen durchführen. »Das wollte ich Sie fragen«. und dann würde man weitersehen. Da die Privatpatienten aber deutlich kränker aussahen als die anderen Leute im Wartezimmer.« Ich erschrak. »Es wirkt relativ unspezifisch«. vor mir dran – Privatpatienten. untersuchte er die Pickel nicht weiter. Obwohl ich sonst Wert darauf lege. Er sagte. ich verspreche es Ihnen. 304 . bis die Pickel weg sind. Er sagte. antwortete ich. gönnte ich ihnen die bevorzugte Abfertigung. er könnte eine sehr erfolgversprechende Behandlung durchführen. eine außergewöhnliche Frau zu sein. Um halb zehn war ich endlich dran. Ich fragte. »So was hab ich noch nie gesehen. die später gekommen waren. sagte ich. in welcher Kasse ich bin.« »Danke«. »Wenn Sie wüßten. das sei schade. daß er so etwas noch nie gesehen hätte. sondern sagte. glücklich über die neue Hoffnung. was für mich auf dem Spiel steht. kamen drei Patienten. wäre es mir in diesem Fall ehrlich lieber gewesen. sagte er. aber leider würde diese Behandlung von den gesetzlichen Kassen nicht bezahlt. ich hätte etwas ganz Durchschnittliches. Dann fragte er. Ich sagte ihm.« »Nun lassen Sie den Kopf nicht hängen. daß ich in der gesetzlichen Krankenkasse bin. das war klar. Mir kamen die Tränen. er würde mir Antibiotika verschreiben.

Und warten müßte ich überhaupt nicht mehr. Ich überlegte alles durcheinander.Er stand auf.« Ich versuchte ein tapferes Lächeln und fragte. Nein. denn als Selbstzahler würde ich PrivatpatientenStatus genießen. was das kosten würde. und er glaube sagen zu können. das waren tausend Mark. wenn die Entzündung durch die Behandlung abgeklungen ist. die Sprechstundenhilfe nämlich würde mir die Spritzen geben. Er erklärte dann. desto günstiger sei die Abheilung. Und je schneller wir mit der Behandlung anfingen. stellte sich vor mich. und für Privatpatienten habe er auch mittwochs und freitags Sprechstunden. Er sah sich meine Pickel nun etwas näher an und sagte: »Man wird bei Ihnen vermutlich nicht einmal Narben sehen. das schon bei sehr unspezifischen Krankheitsbildern erstaunliche Erfolge gezeigt hätte. erklärte er. Ich rechnete nach: Zwanzig Spritzen a fünfzig Mark. daß ich jeden Tag eine Spritze bekommen würde. sagte. Pro Spritze würde er fünfzig Mark in Rechnung stellen müssen. ich könnte in den Semesterferien wieder jobben und es ihr zurückgeben. daß sich bereits nach zehn Spritzen eine entscheidende Besserung bei mir einstellen würde. ich fragte den Arzt. nur das nicht! 305 . Ob mir meine Mutter das Geld leihen könnte. »Und wir wollen ja keine Narben zurückbehalten«. daß ich schon vor der Behandlung bezahlen würde. es sei aus therapeutischabrechnungstechnischen Gründen notwendig. sagte er zum Schluß seiner Rede. alles. Er sagte. er würde es zunächst mit zwanzig Spritzen eines neuen Präparates versuchen. bis wann ich das Geld haben müßte.

meine Mutter noch nicht wegen des Geldes anzurufen. Warum ich nicht gefragt hätte. der sich auf diesem Gebiet auskennt. Schließlich entschied ich nur. daß alles nur vom Rauchen käme. Andererseits war es natürlich möglich. der Kollege hätte ebenfalls geraten. die in ihrer muffigen kleinen Goldgrube auf Beute lauern. Erst abends endlich rief er wieder an und sagte. um meine Mutter wegen des Geldes anzurufen. Sicher war es besser. aber da ging auch niemand ans Telefon. daß der Hautarzt an der Ecke eine dieser niedergelassenen Hyänen war. Tausend Mark waren eine Menge Geld. sie hätte sich wahnsinnig aufgeregt und mir außerdem Vorträge gehalten. daß sie bei meiner Tante sei. Ich vermutete. Ich konnte mich nicht entschließen. Andererseits konnte bis Dienstag alles zu spät sein. Ich wußte nicht. ich solle zuerst in die Uniklinik. kam es nun nicht mehr an. die ein Ferngespräch tagsüber mehr kostet. was er denn eigentlich spritzen wolle? Ich könne mir doch nicht einfach so tausend Mark für irgendeine Behandlung abknöpfen lassen! Ihm käme das komisch vor! Ich solle zuerst in die Hautklinik der Universität. Ich ließ Albert in der Klinik wieder ans Telefon holen und erzählte ihm. noch einen anderen Arzt zu Rate zu ziehen. Meine Mutter war aber nicht daheim.Ich konnte nicht bis um sechs warten. was ich tun sollte. was der Hautarzt gesagt hatte. er würde versuchen. ehe ich mich auf eine teure Privatpatientenbehandlung einließe. und mich dann wieder anrufen. Dann sagte er. Aber in die Uniklinik konnte ich erst am Dienstag gehen. einen Kollegen zu finden. Wenigstens wurden die Pickel am Freitag und am Samstag nicht schlimmer – oder wurden sie nur heimtückischer? Gingen tiefer unter die 306 . auf die paar Mark.

Bisher hatte ich den Gedanken an die Semesterferien verdrängt. wie ich aussah. Beide erklärten. Julia empfahl mir einen Hautarzt. ich mochte nicht dran denken. Ich rief Julia und Birgit an. um ihnen zu beweisen. letztes Jahr war ich mit Albert in der Bretagne gewesen. daß diese Erkrankung meine feste Verabredung mit Gottfried vereitelt hatte – sie fragte nicht nach ihm. daß meine Pickel schlimmer waren als alle Pickel. und ich wollte auch nicht mit ihr über ihn reden. was ich tun sollte. Statt dessen mußte ich mir anhören. 307 . damals hatten wir uns nicht viel gestritten. Keine wollte – oder konnte – nachfühlen. schämte ich mich. Sie ließen sich immer noch nicht ausquetschen. Aber nun war alles anders. und allein hatte ich keine Lust. daß ich bei ihnen vorbeikäme. Dann sprachen wir darüber. daß sie sich schon sehr auf die Sommerferien freue. weil ich niemanden hatte. Ich hatte mir noch nicht überlegt. Vielleicht würde die Sonne mich heilen? Ach. ich solle ausschließlich Naturkosmetik verwenden. die Sommerferien! Anfang August fingen die Semesterferien an.Haut. Aber ich spürte deutlich die Knoten unter der Haut. Birgit meinte. Aber so. um nachher noch tiefere Narben zu hinterlassen? Ich stand stundenlang vor dem Spiegel und betrachtete ihre Entwicklung. Freitag in einer Woche fahre sie zuerst zu ihrem Vater und ihrer Stiefmutter und anschließend wahrscheinlich nach Italien. die sie bisher gesehen hatten. mit dem ich hätte verreisen wollen. sie hätten auch schon Pickel gehabt. der bei einer Kollegin eine schwere Akne geheilt hatte. daß Sonne immer gut gegen Hautkrankheiten ist. sie hätte mich nur ausgelacht. was ich durchmachte. unter die Leute zu gehen. Fast hätte ich gesagt. Ich sagte Julia nichts davon.

daß er sich sehr über ihre Zuschrift gefreut hätte. aber leider konnte ich Birgit nur von der Vergeblichkeit meiner Bemühungen berichten. daß ich noch nicht wisse. Und ich sagte. leider auch abends. und hätte gesagt. wenn sie mich ansahen. Am Abend rief mich Birgit an. Er hätte gesagt. daß sie eigentlich kaum Zeit hätte. Birgit war ganz aufgeregt: »Der Mann von der Annonce hat angerufen. hätte er gesagt. bitte. nur sei er in dieser. aus ihrem Urlaub eine Postkarte zu schreiben.Krank wie ich war. und daß ich mit den Pickeln unmöglich aus dem Haus könnte. Ich hatte gerade wieder versucht. Ob ich mit diesen Pickeln überhaupt einen Ferienjob finden würde. da wolle er sie unbedingt treffen. sagte aber im gleichen Satz. um meinen Anblick im Spiegel ertragen zu können. und in der nächsten Woche geschäftlich total eingespannt. aber danach. wie sich meine Krankheit weiterentwickeln würde. dann solle sie sich auf keinen Fall mit diesem Mann in ihrer Wohnung treffen und schon gar nicht in seiner. 308 . konnte ich alles vergessen. ehe sie wegfuhr. Sie wünschte mir wenigstens mit einigem Mitgefühl gute Besserung und versprach schon jetzt. sie solle auf jeden Fall vorsichtig sein. sie müsse noch so viel erledigen. in der darauffolgenden Woche. Julia fragte. ob wir uns nächste Woche vielleicht noch einmal sehen würden. Julia hätte gesagt. Und falls Julia bei Birgits Rendezvous schon weggefahren wäre. daß er sie unbedingt kennenlernen wolle. und sie möge bitte. um die Behandlung zu bezahlen? Den Leuten grauste es ja.« Ich vergaß meine Pickel. solange Geduld mit ihm haben. die Pestbeulen mit Puder zu überdecken.

den Mann nach seiner Telefonnummer zu fragen. es könnte vielleicht ihr alter Freund Karl-Heinz sein. sie hätte nämlich vergessen. der die Annonce aufgegeben hat. bis er sich wieder meldet. bei diesem Namen müsse sie sehr vorsichtig sein. du sollst schreiben. sagte ich. und Julia sagte. so einfach ist es«. die könne sie nicht alle durchtelefonieren. Julia hätte auch gesagt. »Such doch die Nummer aus dem Telefonbuch raus. Birgit erklärte. das sei ihr aber erst hinterher eingefallen. das könne ein Tarnname sein! »Julia hat zuerst gedacht. der Karl-Heinz Müller. daß der Mann Golf spielt. das sei blöd von ihr gewesen. denn der ist einundvierzig. 309 . meine Pickel waren mir wieder eingefallen. und dann macht sie dir angst«. sagte ich – Birgits Gerede wurde mir allmählich zuviel. da müsse sie zum Geburtstag ihrer Cousine Marion. daß du übernächstes Wochenende keine Zeit hast. der spielt nicht Golf.« »Erst sagt dir Julia. denn jetzt müsse sie die ganze Zeit herumwarten.sondern in einem Lokal oder irgendwo in der Öffentlichkeit. weil ich Julias Warnungen vor den Männern überflüssig fand. er hieße nämlich Karl-Heinz Müller – Karl-Heinz mit Bindestrich –. der heißt ja auch Müller mit Nachnamen. und Karl-Heinz Müller gäbe es im Telefonbuch drei Spalten. ruf ihn an und sag ihm. Das Problem sei. daß sie übernächstes Wochenende keine Zeit hätte. sie könne den Mann nicht anrufen. und in der Anzeige stand ›Anfangsdreißiger‹. aber der kann’s nicht sein. sagte Birgit dann. den sie kennt. und was sie machen solle. Und Julia hätte gesagt. Außerdem stand in der Anzeige.

daß er nicht verheiratet sei: »Nein.« Birgit hatte natürlich nicht gefragt. Kamillenkompressen aufs Gesicht zu legen. das nasse Handtuch aufs Gesicht legen und ein trockenes Handtuch drüber. ich solle für alle Fälle gleich noch auf eine andere Annonce schreiben! Aber das mach ich nicht!« sagte Birgit entschieden. »Ich kann nichts anderes tun als warten«. Sie waren so weggegangen. was er macht. sagte Birgit. Sie waren weg. Ich solle ein Handtuch in heißes Wasser tauchen. und außerdem sagte sie sogar. traute ich meinen Augen nicht. und sie müßte eben abwarten. sagte sie. Als ich am Sonntagmorgen in den Spiegel sah. war aber überzeugt. bis ich fast erstickt war und erschöpft einschlief. wenn er sowenig Zeit hat? Vielleicht ist er sogar verheiratet. Zwar sah ich 310 . Ich machte so lange Kompressen. außerdem begannen meine Pickel wieder grauenhaft zu jucken. das sei ein Naturprodukt und gut gegen Entzündungen aller Art. daß sie nicht alle Hoffnung auf diesen einen Mann setzen solle. Das anzuhören hatte ich keine Lust. das kann nicht sein«.« – Dann erging sie sich in Überlegungen. wie sie gekommen waren: über Nacht. das käme aufs Wetter an. schreibe ich nie wieder auf eine Annonce. »Wenn es mit diesem Mann nicht klappt. es seien noch genügend Restexemplare vorrätig. Birgit empfahl mir dann. Kamillentinktur hatte ich vorrätig. was sie anziehen sollte zu dem bevorstehenden Ereignis. »die Anzeige war so aufrichtig. ich sagte Birgit. »Was macht er denn. was sie anziehen könnte.« Also das fand ich nun wieder nicht so gut. dann Kamillentinktur draufträufeln. um die Hitze zu halten. Alle Pickel waren weg. ich sagte Birgit.»Ja.

er sagte aber. ist sie nichts mehr wert. Kamille helfe immer. aber pickelfrei. Am Mittwochmorgen rief ich Gottfried zu Hause an. daß es mir egal war. daß ich tausend Mark gespart hatte. Ich rief Albert an. daß ich geheilt war. Ich hatte Glück. das käme vom Rauchen. er wußte es nicht. nichts geschah. um zu verhindern. berichtete ihm von der überstandenen Gefahr. sagte. Und sie würde eventuell ihr beiges Baumwollkleid mit dem weißen Batistkragen zu dem Treffen mit Herrn Müller tragen. Und wann ich sie besuchen käme? Und mein Vater sei im Schrebergarten und müßte die Bäume spritzen. Ich rief auch meine Mutter an. und fragte. um ihr mitzuteilen. den neuen Zaun aufzubauen. ob es die Kamille gewesen sei. und war überhaupt sauer. lud ich ihn zum Mittagessen ins Bistro ein. aber sie würde es ausrichten. er müsse nachmittags in die Klinik und abends sei er schon verabredet. aber sie sagte erwartungsgemäß nur. daß ich endlich wieder gesund sei. war aber auch froh. Die nächsten drei Tage bis zu Gottfrieds Seminar schonte ich mich. Selbst im Vergrößerungsspiegel war keiner mehr zu sehen. daß nicht einmal meine eigene Mutter meine geheimnisvoll-gefährliche Krankheit einer ausführlicheren Besprechung würdigte. Birgit sagte. Ich war so glücklich. und ich hätte doch bald Ferien und da solle ich kommen und helfen. daß die Krankheit wieder ausbrechen könnte. 311 . Aber so ist es immer: Wenn man eine Gefahr überstanden hat. fragte ihn. in welcher Gefahr ihr einziges Kind geschwebt hatte. mein Vater hätte in letzter Zeit so Ärger mit seiner Bandscheibe.sorgenschwer aus und übernächtigt. daß ich in den Ferien arbeiten müßte. und Julia sei mit einem Bekannten spazierengegangen. Dankbar für seine Beratung und glücklich. Ich sagte.

Gottfried hatte sich schon überlegt. und ich war es auch. sagte ich. Kapitel Gottfrieds Wohnung war einfach toll. »Aber ja«. »Möchtest du noch einen Kaffee bei mir trinken? Ich wohne gleich hier in der Nähe – es sind nur zweihundert Meter.ob es bei dem Treffen heute abend bliebe. es war unrealistisch. So viele Bücher! Und überall hingen politische Plakate und Lithographien von anerkannten Künstlern. Es wurde erst gegen neun Uhr dunkel. Er war unendlich reizend. dann wurde der Garten durch unzählige rote. Wir aßen Leberkäs mit Bratkartoffeln und tranken Rotwein. Ich hatte Schlimmes durchgemacht und genoß mein neues Lebensgefühl ganz bewußt. sagte Gottfried. in dem ich noch nie gewesen war. Das Wetter war strahlend schön. Ich fuhr mit der U-Bahn ins Seminar. sagte er. 53. gelbe und blaue Glühbirnchen beleuchtet. um nicht nachher durch mein Auto gehandikapt zu sein. »daß nur das Kitschige romantisch ist?« Ja.« »Gerne«. Ich war nur zweihundert Meter von meinem Ziel entfernt. »Ist es nicht unrealistisch«. Ein Litho von Picasso war 312 . wo wir hingehen könnten: Wir fuhren mit dem Mercedes in ein wunderbares Gartenlokal.

und er hätte in diesem Artikel analysiert. Leider fand er die Platte dann nicht und legte was von Bob Dylan auf. daß die Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen der Massen nicht zur Anpassung an die Masse führe. er hätte was ganz Heißes: Mozarts Zauberflöte in einer Interpretation von Louis Armstrong mit Mahalia Jackson als Königin der Nacht – die Aufnahme sei eine Parodie des bürgerlichen Kulturbanausentums. könne sie die Übergriffe aufstiegsorientierter Kulturbanausen auf die echte Kultur verhüten. was ich hören wolle: »Joan Baez oder Bach?« Ich ließ ihn entscheiden. ob ich Jazz liebe. Er holte zwei Gläser. Der Aufsatz sei zwar zwei Jahre alt – und das Heft war schon ziemlich zerfleddert –. es war ein nicht-bürgerliches Ambiente! Gottfried ging zu seinem Designer-Plattenspieler und fragte. wir ließen uns auf seinem Sofa – Naturholz mit naturfarbenem Leinenbezug – nieder. gerecht werden. Gottfried zeigte mir. ein Aufsatz von ihm abgedruckt war. die auf dem NaturholzCouchtisch lag. holte Rotwein. uns als ihre 313 . waren gerahmt mit Aluminiumleisten unter nichtreflektierendem Glas. erklärte er. über den Massen zu stehen. Auch schön. Und nur indem eine kritische nicht-bürgerliche Filmtheorie und ebensolche Praxis über den Massen stehe.sogar signiert und numeriert! Und alle. sogar die politischen Plakate. aber seine damals veröffentlichten Thesen würden stündlich aktueller. Nur als Elite könnten die Intellektuellen ihrer Funktion. Er fragte. Es war mehr als eine Wohnung. sondern im Gegenteil die Voraussetzung zur Abgrenzung von den gesellschaftlich Unterprivilegierten sei. »Wir Intellektuellen dürfen die stumme Aufforderung der arbeitenden Klasse. daß in der filmkritischen Fachzeitschrift.

»die Leute sind nämlich doof. hauchte ich. »aber man darf vor diesem Problem nicht länger die Augen verschließen. Gottfried Schachtschnabel sollte nichts von der oberflächlichen Mentalität meiner Mutter erfahren. was gut für sie ist. »Mozart?« »Constanze. sie wollen einen Führer…« »So drastisch würde ich es zwar nicht ausdrücken«. Gottfried war beeindruckt. dozierte Gottfried. dich Constanze zu taufen?« Ich holte tief Luft. aber er lächelte und sagte: »Jetzt sollten wir unsere gesellschaftlichen Probleme mal vergessen. und bat Gottfried. der ihnen sagt. Ich blickte ihn bewundernd an. hauchte ich. 314 . sie brauchen jemand.« »Hm«. wo er über ›Kommunikationsübermittlung‹ geschrieben hatte. »Mein Vater liebte Mozart abgöttisch«. – Das war gut gewesen. nicht länger überhören«.Interessenvertreter erkennen zu geben und zu bekennen. mir seinen Ansatz zur ›Transparenzverstärkung antagonistischer Kultursensibilität‹ genauer zu erklären. was für ein schöner Name. wie den unterprivilegierten Massen durch eine kritische nicht-bürgerliche Filmtheorie und ebensolche Praxis die Kultur praktisch beigebracht werden könnte. sagte Gottfried. sagte ich. Wie intellektuell er war! »Genau«. Gottfried nickte verstehend.« Ich zeigte auf eine besonders interessante Stelle in Gottfrieds Aufsatz. darüber. Wie sind deine Eltern auf die Idee gekommen. so hieß die Gattin Mozarts«.« Er sah mir direkt in die Augen und sagte: »Constanze. »Wie schön. sagte ich nur.

dann hätte dein Vater dich Amadeus genannt«. sagte er.« »Warum?« lächelte ich und atmete wieder ein. Als ich zurückkam. ob man das sagen darf«. so daß jetzt der Platz zwischen uns frei war. hatte Gottfried die Deckenstrahler ausgeknipst und eine Kerze angezündet. wie es mir gegeben war. Über diese Distanz lächelte ich Gottfried so charmant an. sagte er. Aber all das brauchte Gottfried nicht zu wissen. Vor Aufregung mußte ich kurz aufs Klo und malte mir gleich die Lippen noch mal an.« Mein Herz schlug bis zum Hals. aber es wäre unschicklich gewesen. wenn ich mich nun wieder in die Mitte des Sofas gesetzt hätte. wenn du mich so anlächelst. zumal Gottfried ebenfalls ein bißchen von der Mitte weggerückt war. Gottfried kannte meinen Vater nicht! Amadeus – niemals! Allenfalls Wolfgang. Deshalb sagte ich nur zurückhaltend: »Hm.»Wärst du ein Junge geworden. »Es irritiert mich.« Gottfried lehnte sich auf dem Sofa zurück ergriff meine Hand und sagte: »Was du für schöne Fingernägel hast. Er sollte mich für eine gleichberechtigte Intellektuelle halten. während ich fragte. Vorher hatten wir schon eng nebeneinandergesessen auf dem Sofa – es war ein Sofa für drei Personen –. mir wurde richtig schwindelig. »Ich weiß nicht. während ich diese Frage stellte. »Ja?« sagte ich und atmete ein. Mozart war meinem Vater sowieso ziemlich egal. sagte Gottfried verlegen. also rückte ich auch ein bißchen weiter zurück auf meine Seite. Aha. 315 . »Du hast Lippenstift an den Zähnen«. dachte ich.

nichts Berechnendes. Ich tastete nach meiner Handtasche. lachte. sagte: »Ich geh’ nicht ran. wenn sich Frauen für Männer hübschmachen. weil es überall klingelte: nicht nur neben dem Sofa klingelte das Telefon.So ein Mist. zwischen uns gab es nichts Taktierendes. »Komm. klingelte ein Telefon. Gottfried fuhr auf. klingelte es. Nicht jetzt. daß nachts um halb eins jemand bei ihm anrief – ich wußte ja. Das Telefon klingelte. kramte nach dem Handtaschenspiegel. Gottfried näherte sich mir. ich war irritiert. wischte mir über die Zähne. sagte Gottfried. wie verständnisvoll er war. »Ich hab im Schlafzimmer und in meiner Bibliothek zusätzliche Anschlüsse. Er griff nach meiner Hand und führte sie an seine Lippen.« Ach. daß man unkonventionelle Menschen zu unkonventionellen Zeiten anruft. sagte Gottfried und legte ganz sachte seine Hand auf meine Schulter. Das Kerzenlicht spiegelte sich in seinen Augen. Obwohl es so dunkel war. daß ich knallrot geworden war. daß mir das ausgerechnet jetzt passieren mußte! Ich hätte mich am liebsten unter den FlokatiTeppich verkrochen. in dem Gottfrieds Schreibtisch und das Bücherregal standen.« Ich war kaum irritiert. Die Kerze flackerte. und auch in dem hinteren Raum. auch in dem Zimmer daneben. das ist sehr praktisch«. Küßt er mich zuerst oder küsse ich ihn zuerst? – Das war nicht die Frage. konnte jeder Blinde sehen. »Ich find’s im Grunde genommen ganz richtig. ist doch nicht so schlimm«. Er legte seine Hand auf mein linkes Knie und fuhr mit 316 . Die Telefone klingelten immer noch. in dem Gottfrieds Bett war und der Fernsehapparat.

»O Gott! Natürlich. und irgendwie lagen wir dann in seinem Schlafzimmer. Die Telefone klingelten immer noch. schaltete ihn aus.seinem Zeigefinger von meinem Knie bis zur Mitte meines Oberschenkels. Es war dunkel. klingelte es wieder. Plötzlich sackte sein Kopf auf seine Brust. ohne sich umzudrehen. flüsterte ich. sagte Gottfried sehr kurz angebunden in den Hörer. nimmst du eigentlich die Pille?« Ich wurde schon wieder rot: »Ja. »Sag mal. Das Telefon neben dem Bett klingelte zweimal. »Ja«. natürlich. »Sag mal«.« 317 . auf seinem Bett. O Gott. Ich trug keine Strümpfe und keinen Unterrock. Ich fuhr Gottfried mit der Hand durchs Haar. Ich muß gestehen. Ich richtete mich ein bißchen auf in den Ikea-Bettbezügen und sah Gottfried verstohlen von der Seite an. sagte Gottfried und drehte einen Knopf an meiner Bluse hin und her. daß ich mir ein Lächeln des Triumphes nicht verkneifen konnte. ich hab’ Besuch«. stöhnte er. Es war so dunkel daß ich ihn nur als Schattenriß wahrnehmen konnte. ist es nicht zu ungemütlich hier?« fragte er. hörte wieder auf. Gottfried ging zum Plattenspieler. nur der schwache Schein der Kerze drang vom Nebenzimmer herüber. »Hallo. Sofort. hat er einen Herzanfall? »Seit wann weißt du es?« stöhnte Gottfried.« Die Telefone hatten aufgehört zu klingeln. Irgendwie hatte er mich bei der Hand genommen. »Sag mal. aber noch ehe das Echo der anderen beiden Telefone verklungen war. »O Gott«.

»Meine Frau und ich. wir haben seit Ewigkeiten eine rein partnerschaftliche Beziehung ohne Besitzansprüche! Die Inge ist doch mit diesem Obermacker von der Baubehörde zusammen. er könne es sich auch nicht leisten. Inge sagte mir eben. was er damit meinte. In rasendem Tempo nach Kreuzberg. »Und was machen wir jetzt?« fragte ich. »Bist du der Vater?« fragte ich ihn vorsichtig. er hätte gesagt. »Wir müssen darüber reden. Ich biß mir auf die Lippen.« Er sprang auf und zog seine Turnschuhe an. Gottfried sagte mit einem tiefen Seufzer: »Vielleicht werde ich es adoptieren. Ich fahr sofort zu ihr. Ich tat schweigend ein gleiches. er würde sich nicht wegen des Kindes scheiden lassen.« »Ja«. sagte ich verständnisvoll und überlegte. »Meine Frau ist schwanger«. An jeder Ampel stöhnte Gottfried leise. sagte er. was wir machen.« Nach einigem Nachdenken fügte er hinzu: »Allerdings würde ich dann erwarten. daß Inge ihre Beziehung zu mir neu definiert. Ich sah ihn an und erschrak: Er war um Jahre gealtert. Gottfried schwieg bis zur übernächsten Ampel. »Bist du wahnsinnig! Wie kommst du denn auf diese Idee?« rief er entsetzt.Er legte den Hörer auf und schaltete das Licht an. »Dieser Mann verdient mehr als dreimal soviel wie ich! Netto!« Ich nickte verständnisvoll. wenn ich es erziehen 318 . für ein Kind zu sorgen! Das muß man sich mal vorstellen!« Gottfried schüttelte verbittert den Kopf. dann sagte er: »Eigentlich hätte ich immer gern ein Kind gehabt – es muß nicht mein eigenes sein.

« »O Gott!« schrie Gottfried.« »Wieso denn das?!« 319 . »ihr seid verheiratet. und ich zahl für sein Vergnügen! Aber nicht mit mir!!« »Aber wenn du dich jetzt scheiden läßt. du bist automatisch der Vater. weil neulich im Frauenseminar eine ziemlich schwangere Frau es uns ganz genau erklärt hatte: »Der Gesetzgeber geht davon aus. daß ein Kind. »Ich laß mich scheiden! Ich laß mir doch nicht von irgendeinem Typen von der Baubehörde ein Kuckucksei ins Nest legen! Der baut sich einen Bungalow. wird vom Gesetzgeber der Ex-Ehemann automatisch als Vater angenommen.« »Aber ich bin nicht der Vater. Es muß grauenhaft sein. daß ich das ganz genau wisse.« Jetzt lächelte er wenigstens ein bißchen. wie froh war ich. könnte schon was aus ihm werden. Ich sagte Gottfried. kapierst du denn das nicht!« sagte Gottfried gereizt. was wir sind. das während einer Ehe geboren wird.würde. ein eheliches Kind ist. aber gleich darauf stöhnte er wieder: »Wenn ich nur an die Schwierigkeiten denke. Wenn ein Kind bis zu 302 Tage nach der Scheidung geboren wird. Diese Adoptionsbürokratie ist so unmenschlich!« Ach. du bist trotzdem der Vater vor dem Gesetz«. das weiß ich definitiv. »Macht nichts. dann ist es trotzdem dein eheliches Kind. was man sich da an Fragen gefallen lassen muß. Wir werden erst durch die Gesellschaft zu dem gemacht. ein Kind zu adoptieren! Grauenhaft. sagte ich und sah ihn aufmunternd an. daß ich Gottfried wenigstens in diesem Punkt trösten konnte: »Du brauchst es nicht zu adoptieren«.

den Ehemann als Vater hat.« »Aber der ist doch selbst verheiratet! Der schläft doch mit meiner Frau herum. die ein Kind braucht. läßt sich schon nach zwei Jahren mit 95%iger Sicherheit ermitteln. das während einer Ehe gezeugt wird. langsamer zu fahren oder 320 . daß ein Kind. deine Frau gibt zu. wenn ich gegen die Vaterschaft Einspruch erheben würde. er hielt sich die Hand vor Augen. was das für ein Gerede gäbe. Sogar wenn der wirkliche Vater die gleiche Blutgruppe hat wie du.»Die bürgerliche Gesetzgebung unterstellt. »O Gott! O Gott!« Dann stöhnte er: »Stell dir vor.« Er war fix und fertig. Ich bat ihn. warum im Bürgerlichen Gesetzbuch ausgerechnet 302 Tage angegeben sind. bis es fertig ist. Dann ist der nächste Ehemann der Vater. bei meiner eigenen Frau! Da würden sich die lieben Kollegen das Maul zerreißen. und stöhnte immer wieder. die Frau heiratet in der Zwischenzeit nicht. obwohl der Tacho 160 Stundenkilometer anzeigte. das kann ich mir nicht leisten in meiner beruflichen Situation. obwohl der verheiratet ist! Dieser verantwortungslose Hund!!!« stieß Gottfried mit zusammengebissenen Zähnen hervor. dann bist du immer noch der Vater – vorausgesetzt nur. daß ihr Macker als Vater in Betracht kommt. daß du es nicht warst. aber das ist eben die längstmögliche Zeit. weil ich zuerst nicht kapiert hatte. – Vorausgesetzt.« – Ich wußte es noch so genau. Und dann kannst du alle geleisteten Unterhaltszahlungen von dem Typen zurückverlangen. »Sogar wenn du das Kind zwei Stunden vor der Scheidung zeugst und es kommt zehn Monate nach der Scheidung zur Welt.« Gottfried raste wie ein Berserker. »Du kannst gegen die Vaterschaft Einspruch erheben.

daß er das nicht tun wird. Sie hat so gehofft. ihr Kindsvater hätte Gütertrennung mit seiner Frau vereinbart. und damit sei er ruiniert. stöhnte er noch einmal: »Wie ich diese bürgerlichen Zwänge hasse. daß Gottfried noch viel. daß er sie ausgerechnet jetzt hängenläßt. »Inges Freund will das Kind nicht. 54. hat er aber nicht – das heißt. er müßte alles verkaufen. Bis wir vor meiner Haustür waren. würde er sich nie wieder bei ihr blicken lassen. wenn Inge das Kind bekäme. Inge ist völlig fertig! Gräßlich für sie.« Und ich wußte.wenigstens die Hand von den Augen zu nehmen. ich konnte mir denken. »Ich bin völlig geschafft«. »Und so lange muß ich für diesen Arsch zahlen!« keuchte er. Noch ehe ich die Tür seines Mercedes richtig zugemacht hatte. was mußte er durchmachen! Deshalb wartete ich bis zum späten Nachmittag. daß er das nicht einfach so dahinsagte. Sie hat natürlich angenommen. Da bleibt nichts übrig. aber er hat ihr gestern eiskalt erklärt. ehe ich ihn anrief. Er hat gesagt. Inge muß das Kind 321 . würde sie die Scheidung einreichen. viel später ins Bett gekommen war – der Arme. als ich nach Hause kam. daß er sich scheiden läßt. raste er schon weiter zu seiner schwangeren Frau. denn falls seine Frau davon erfahren würde. um seine Frau auszahlen zu können. Das war der schlimmste Schlag für Inge. sagte er. des Kindes wegen. Kapitel Es war zwei Uhr morgens gewesen.

darf niemand wissen. »Wir fahren nach Holland. dann sollte es 322 . Constanze.abtreiben lassen. »Abtreibung«. der Partner darf dabeisein. daß alles natürlich abläuft. daß in absehbarer Zeit alles vorüber sein würde. »Ach so. sagte Gottfried. etwas ruhiger fügte er hinzu: »Wir fahren aber erst nächsten Donnerstag. Eine Abtreibung ist ein unheimlich wichtiges gemeinsames Erlebnis. was er denn am Wochenende vorhatte. aber es war schon eher ein Seufzen der Erleichterung. Gerne hätte ich Julia erzählt. erzähl es niemand weiter.« Gottfried seufzte. ja klar«. die praktizieren schon die Natürliche Abtreibung. sagte ich nur – ich mußte nicht beteuern. was geschehen war. Gottfried konnte sich auf mich vollkommen verlassen. und wenn die Leute annehmen.« »Du fährst mit? Du bist doch nicht der Vater!« »Daß das Kind von dem Baubeamten ist. seufzte er dann. Die machen das nämlich nur stationär.« Gottfried schwieg erschöpft. »Ich seh dich noch. du weißt ja. »Im Seminar. am Mittwoch«.« Dann sagte Gottfried mit flehender Stimme: »Bitte. das Embryo sei von mir und ich laß meine Frau allein zur Abtreibung fahren. »Wo?« fragte ich. daß jemand erfuhr. Inge hat eine Adresse von einer Klinik dort. und der Partner übernachtet im gleichen Zimmer wie die Embryomutter und paßt auf. vorher war in der Klinik kein Doppelzimmer frei. aber wenn Gottfried nicht wollte. ehe wir wegfahren«. was wäre. sagte ich und wagte nicht mehr zu fragen. wenn meine Kollegen davon erfahren. daß ich es keinem Menschen erzählen würde. wie stehe ich denn dann da!« rief Gottfried. daß seine Frau ein Kind von einem anderen bekam.

aber wenn sie rein theoretisch darüber reden würde. weil der andere Ehemann keine Zeit hat. »O Göttin«. der dieses aufrichtige Inserat aufgegeben hatte. kam ich zu dem Schluß. daß sich dann die Geliebte des Ehemanns – also ich – keine Hoffnungen zu machen brauche auf irgendwas. Unauffällig selbstverständlich.Julia ganz bestimmt auch nicht wissen. das Verhalten von Gottfried als Beweis ihrer Behauptung werten. um zu wissen. »du glaubst nicht. Trotzdem rief ich dann am Sonntagnachmittag Julia an. Denn man mußte schon die ganz speziellen Umstände kennen. vielleicht würde sich im Gespräch das Thema ganz von alleine auf meine Probleme bringen lassen. wie ich Julia den Fall irgendwie abstrakt unterbreiten könnte – als Geschichte irgendwelcher Bekannten –. weil der andere Ehemann seine Geliebte vor seiner Ehefrau verheimlichen will. kaum daß ich nur meinen Namen gesagt hatte. daß die Stabilität der Institution Ehe die Grundlage des Glücks sei? Nachdem ich lange nachgedacht hatte. daß im Grunde Inge schuld war an allem. daß wenn eine Ehefrau ein Kind von einem anderen Ehemann bekommt. wie blöde das Leben spielt. mit ihrem Ehemann zur Abtreibung fährt. und die Ehefrau. überlegte ich. getroffen. Wäre sie nicht schwanger geworden. das Problem in der angemessenen Weise mit einer Außenstehenden zu erörtern. Es wäre ein Vertrauensbruch gegenüber Gottfried… Ich überlegte. hätte Gottfried jetzt nicht diesen Ärger. Könnte Julia. Gestern abend hat sich unsere Birgit mit dem aufrichtigen Mann. die das Kind von dem anderen Ehemann bekommt. daß es unmöglich war. rief Julia. es abtreiben läßt. und wer war es? Es war tatsächlich Karl-Heinz Müller!« 323 . würde Julia garantiert sagen.

daß der Mann am Tisch links hinten – den hatten sie nämlich als Treffpunkt ausgemacht –. und sie hat erzählt. weil sie ihn ja schon kannte und ihn nett fand.»Dein Karl-Heinz Müller etwa?« »Mein Karl-Heinz Müller. ich kenn ihn schon seit Ewigkeiten. daß 324 . den sie schon zweimal bei mir gesehen hatte.« »Was dann?« »Ich war nicht dabei. Aber von ihm war es heimtückisch.« »Dieser alte Frauenhasser gibt Inserate auf!« schrie ich. ob Birgit auch mit Karl-Heinz am ersten Abend ins Bett gehüpft war. daß sie sich zuerst furchtbar erschreckt hätte. was Birgit erzählt hat…« »Sie hatte sich mit ihm im Bistro verabredet. Aber dann sei sie eigentlich froh gewesen. Er hätte sie überraschen wollen. Wenigstens ist mir jetzt klar. »Nein. er hat es an der Adresse gemerkt.« Julia seufzte: »Es wird immer schlimmer mit Karl-Heinz. hat er behauptet. als sie feststellte. daß Julia ihren KarlHeinz wieder einmal in Schutz nahm. daß sie die Freundin von mir ist. daß das der Karl-Heinz war. sagte Julia. aber nun muß ich es ihm endlich sagen. fragte aber nur. daß es dieser Karl-Heinz war. er hat natürlich gleich gewußt. Ich registrierte leicht wütend.« »Und dann?« »Soweit Birgit erzählt hat. woher er seine vielerlei Damenbekanntschaften bezieht. muß er unablässig an ihr herumgemeckert haben. »Und nennt sich aufrichtig!« »Frauenhasser sind immer auf Frauen fixiert. Ich weiß nur. Er bezeichnet seinen Haß eben als ehrliches Gefühl«.

Es ist immer hart. Julia fuhr ja weg. wenn man jemanden lange kennt und dann feststellen muß. bis dieser Mann auftaucht. und er wird sie so lange lieben. wenn sie zurückkommt. sagte aber wieder nichts außer: »Was hat Birgit sonst noch gesagt?« »Frag sie selbst. Bestimmt gibt sie auch dir einen ausführlichen Bericht ab. daß man keine Gemeinsamkeiten mehr hat außer den Erinnerungen. im Moment ist sie bei ihrer Schwester. Für sie ist es wohl wirklich besser. muß ich es mir sicher noch einige Male in allen Details anhören. bis eines Tages der Mann kommt. sich jedem an den Hals zu werfen. nur um verheiratet zu sein. um der alles haarklein zu erzählen. Und ich muß gestehen. daß ihr Karl-Heinz ein elender alter Chauvi war. höre mir das Gejammer meiner Stiefmutter über das Genörgel meines Vaters an und das Genörgel meines Vaters über das Gejammer seiner Frau. wenn sie wartet. ich hatte es fast vergessen. »Jetzt am Freitag fahr ich zuerst zu meinem Vater und seiner jungen Gattin. 325 . daß es bei ihr keinen Zweck hat: Sie ist zu bereitwillig. ich glaub mittlerweile auch. »Wann fährst du weg?« fragte ich. daß Julia eingesehen hatte. Bis ich am Freitag wegfahre. wie er von ihrem Blondhaar verblendet ist.er mir auf den Wecker geht. was sie sonst gesagt hat – sie würde nie wieder auf eine Annonce antworten. Es kann halt nur noch etwas dauern. hat sie gesagt. Ich fragte aber nur: »Und was hat Birgit sonst gesagt?« »Ist doch klar. der von ihrem Blondhaar verblendet ist. und dafür wird sie ihn ewig lieben.« Ich freute mich heimlich.« Ach ja. wie oft diese Psychologin ihre Meinung änderte.« Ich staunte heimlich.

Eine Postkarte bedeutet. ob es klappt mit Italien. und mit Absicht kaufe ich nur kitschige Karten.« »Au ja«. daß ich allen Leuten. Ein wenig fühlte ich mich geschmeichelt. daß ich 326 .und falls ich das überlebe. Um nicht ständig an Gottfried denken zu müssen. die mir Postkarten schreiben. Andererseits muß man Postkarten schreiben. Aber vor allem fand ich Julia ziemlich tantig mit ihren ewigen Ermahnungen und Belehrungen. und als ich aufgelegt hatte. war ich froh. wenn man ihnen auch Postkarten schreibt. denn Postkarten bekomme ich gern. Birgit in ihrer Stadtbücherei zu besuchen. da war es besser. auf Birgit aufzupassen. Postkarten zu schreiben. ging ich eben zu ihr – ich muß zugeben. Gegenüber einer Psychologin mußte man auch mit allen unbewußten Äußerungen sehr vorsichtig sein. daß sie mich für zurechnungsfähiger hielt als Birgit. daß ich mich beherrscht und das Thema Gottfried in keiner Weise angesprochen hatte. Da sie mich nicht angerufen hatte. über gewisse Themen überhaupt nicht zu sprechen. Aber wenn. deshalb mache ich es immer so. Julia ermahnte mich noch. dann schreib ich dir wie versprochen eine Postkarte. daß jemand an mich gedacht hat. fahre ich vielleicht zur Erholung nach Italien. weil die Leute einem nur Postkarten schreiben. Deshalb liebe und achte ich Postkarten – obwohl es natürlich spießig ist. auch Postkarten schreibe und immer dazuschreibe. Ich wünschte Julia einen schönen Urlaub. beschloß ich am Montagnachmittag.« »Allein?« »Ich weiß nicht. daß ich Postkartenschreiben blöde finde. daß ich geliebt und geachtet werde. Ob sie sich Gottfried gegenüber auch so verhalten hatte? Der Ärmste konnte mir nur leid tun. sagte ich.

was. »sag endlich. Birgit saß an einem Pult und machte Kreuzchen in einer Fernsehillustrierten. »Fräulein Döpp ist unten in der Kinderabteilung«. als in der Anzeige stand. der uns hören kann«. In der Stadtbücherei Schöneberg war ich noch nie gewesen. aber sie war wie alle Büchereien. »Es ist niemand da.« Ich sah mich um. die internationale Bibliotheks-Hausordnung gilt auch für Stadtbüchereien. wenn man auf eine Heiratsannonce antwortet. flüsterte Birgit. Und daß die Traumprinzen der Anzeigen in Realität Männer wie KarlHeinz Müller waren. daß ich mich für Bücher interessiere. sagte Birgit. »Gar nichts hat sie erzählt.« 327 . »Trotzdem«. »man darf hier nicht laut reden. Da Birgit wußte. sie würde mich nicht für so neugierig halten wie ich war. Ich fragte eine der Bibliothekarinnen an der Ausgabe nach Frau Birgit Döpp. hoffte ich.neugierig war. »nicht so laut. Unglaublich. flüsterte sie mir zu. wie’s war!« »Julia hat dir bestimmt schon alles erzählt«. »Julia hat doch gesagt. bloß daß es ihr Karl-Heinz Müller war. das könnte nicht der Karl-Heinz sein. sagte ich zu meiner Entschuldigung. das gab mir sehr zu denken – ich wußte nur noch nicht richtig. Wahnsinn!« flüsterte ich so leise.« »Ach so«. flüsterte die Bibliothekarin. daß eigentlich nur die Bewegung meiner Lippen zu hören war. »Ach hallo«. »Pssst«. »Du hast dich mit Karl-Heinz getroffen! Wie war’s denn?« rief ich. flüsterte ich. was man alles erleben kann. den sie kennt. flüsterte Birgit. was denn nun mit diesem Karl-Heinz gewesen war. weil der doch viel alter ist.

als ich ihn das letzte Mal mit Julia zusammen gesehen hatte. aber dann doch nur seine Zeche zahlte. er würde niemals eine dieser intellektualisierten Frauen heiraten. und daß es für mich höchste Zeit sei. als würde er mich selbstverständlich einladen. »Ein Druckfehler? Nie im Leben glaub ich das! Was hat er sonst noch erzählt?« flüsterte ich. Und dann hat er gesagt. daß ich nicht emanzipiert sei. ob ich emanzipiert bin. ein bißchen Emanzipation könnte mir nicht schaden. die würden nicht taugen für die Ehe. er fände es würdelos. aber da er aussehen würde wie höchstens dreißig. daß er. daß ich gar nicht Bibliothekarin bin. und da hat er gesagt. wenn Frauen sich 328 . »Der hat es nötig!« »Er hat gesagt. flüsterte Birgit.« »Das hat er gesagt?« zischte ich. er sei ganz aufrichtig. da hat er mich gefragt. wenn ich die Haare länger tragen würde. ehe wir gingen und zahlen wollten.»Mir hat er gesagt. ob ich als Bibliothekarin versauern will. und es wäre vorteilhafter. ich hab ihm aber gesagt. das sei ein Druckfehler gewesen – statt ›Anfangsvierziger‹ hatten die aus Versehen ›Anfangsdreißiger‹ gedruckt –. Und daß ich in meinem Alter Torschlußpanik haben muß. einen richtigen Mann zu finden. weil mir einfiel. sei es ihm egal gewesen«. und ich hab gesagt. »Nein. sondern nur Bibliotheksangestellte…« »Hat er dich wenigstens eingeladen?« flüsterte ich. und Beige würde mir nicht stehen. so getan hatte. Und er hat gefragt. Bücher seien doch keine Umgebung für eine Frau. »Daß ich nicht so gut aussehen würde wie auf dem Foto.

« »Aber in der Anzeige stand doch. Er hat ja auch betont. zischte ich.« »Natürlich! Kein normal intelligenter Mensch schreibt in eine Anzeige das Wort ›Golf‹ und meint damit die Automarke!« »Vielleicht doch. daß er öfter Anzeigen aufgeben würde. er wolle keine Frau. sich zu entscheiden. er lege Wert auf Exklusivität. daß er für ein Abenteuer nicht zu haben sei«. im Tun der Männer Vernunft zu entdecken. »Und was hat er noch gesagt. »Er sagt. dieser Angeber?« »Er hat gesagt. daß er nicht Golf spielt.« »Und was hat er sonst noch gesagt?« »Ach so. daß man 329 . »Er hat mich nach früheren Bekannten ausgefragt. Dann hat er gesagt. bemüht. sagte Birgit. »Leise!« zischte Birgit. es sei ihm unklar. daß er Golf spielt. Also habe ich ihn eingeladen. er sagte. Falls er mal heiraten würde. und er hätte es nicht so eilig.« »Was?« »Leise! Er sagte. aber du und Julia. käme für ihn eigentlich nur eine Jungfrau in Frage. sondern einen Golf fährt. wie ein normal intelligenter Mensch das anders interpretieren könnte…. man liest es ja häufiger in Anzeigen«.« »Der hat ja nicht mehr alle gestreiften Murmeln im Sack!« schrie ich empört. So bin ich seit dem Abitur nicht mehr ausgefragt worden.verkaufen. und daß ihm die tollsten Frauen scharenweise nachlaufen würden. ihr habt ja auch geglaubt. wie teuer die Anzeige gewesen sei. die viel mit Männern herummacht.

merken würde. Da war er zuerst ganz verblüfft und sagte. daß er mir im Bistro unter den Rock gefaßt hat. Julia sei schon letzten Freitag weggefahren. daß ich das nicht muß…« »Und dann?« »Dann hat er mich nach Hause gefahren. daß ich Schweres durchgemacht hätte und von den Männern frustriert sei. Dann hat er gefragt. daß Julia erst diesen Freitag fährt und daß sie sich bestimmt unheimlich freuen würde. daß Julia weiß. und hab ihm von dem süßen Baby meiner Schwester erzählt.« »Und dann?« 330 . ob jemand unser Geflüster hören konnte. er hätte geglaubt. wo sie manches falsch einschätzen würde. als er angerufen hat. »Er hat dann gesagt. ob er auch so gerne Kinder haben möchte wie ich und daß ich gerne möglichst bald Kinder haben möchte. wenn wir noch bei ihr reinschauen würden. die Kellnerin guckte ganz komisch. er hätte sie gegebenenfalls überraschen wollen. ob Julia bei mir die Mutterrolle vertritt und ob ich mich bei ihr unbedingt zurückmelden muß. Und dann hat er noch gesagt. und unterwegs hab ich ihn gefragt.« Birgit sah sich um. Ich hab ihm gesagt. daß er der Freund von Julia ist?« unterbrach ich flüsternd Birgit.« »Was heißt denn gegebenenfalls?« »Das konnte ich nicht fragen! Es war mir die ganze Zeit peinlich. Er hat gesagt. »Er hat gesagt. und er wollte nicht. vom Warten würde ich auch nicht schöner…« »Warum hat er dir nicht gleich das erste Mal. daß er Annoncen aufgibt. Julia sei ja schon in dem Alter. gesagt. er würde mich nach Hause bringen. Julia sei ja verreist. da hab ich natürlich gesagt.

meinte aber.« »Gegebenenfalls? Was soll das heißen?« »Weiß ich doch nicht!« zischte Birgit. zischte ich. und gegebenenfalls würde er sich wieder bei mir melden. »Hier. Weil sich die Kolleginnen links und rechts von Birgit postiert hatten. wir suchen Sie die ganze Zeit!« sagte plötzlich neben uns eine Bibliothekarin – sie hatte sich vollkommen lautlos an uns herangeschlichen. Zur Diskussion stand die Garderobe Ihrer Königlichen Hoheit. das müssen Sie sich unbedingt sofort ansehen«. wer denn das bügeln solle? Die andere fand ebenfalls die schlichten Kleider eleganter. Julia hat es gestern selbst gesagt. die auf sechs Doppelseiten vorgestellt wurde. flüsterte ich Birgit aufmunternd zu. »Fraulein Döpp.« »Wir gehen zusammen weg. er wolle so schnell keine Kinder. als zu warten. Und plötzlich war noch eine weitere Bibliothekarin da. Diana mit ihrer Figur könne alles tragen. konnte ich die Fotos nur von oben sehen.»Er hat gesagt. dieser ganze Schleifchenkram an den Kleidern. und er sei müde und fahre doch lieber sofort nach Hause. Die eine meinte.« »Habt ihr euch noch mal verabredet?« »Er sagte. »Auf keinen Fall!« rief Birgit. die Birgit aufgeregt fragte: »Wie finden Sie das?« Es war ein Bildbericht über den letzten Staatsbesuch Prinzessin Dianas. flüsterte sie und gab Birgit eine aufgeschlagene Illustrierte. Alle schwatzten flüsternd durcheinander. Beide waren der Meinung. er hätte in nächster Zeit viel zu tun. Männer aufreißen«. »Unsere Leserinnen wählen Dianas schönstes Kleid«. »Pssst«. stand über den Fotos. »Es bleibt mir sowieso nichts anderes übrig. daß Diana ziemlich 331 .

daß mir dieses Urvertrauen fehlte. auch ich hatte meinen Mann nach schwerem Leidensweg verlassen. daß ich keinen Leserausweis für die Bücherei hatte. lediglich gestützt vom Glauben. Es gab ein ganzes Regal mit kritischer Frauenliteratur. Dann fiel mir ein. und ich vermutete. Ich ging ein Stockwerk höher in die Erwachsenenabteilung. irgendwo würde ein Mann mich mit meinem Mantel auffangen. den ihr ein Mann hinhielt.gestreßt aussehe.« Weil niemand mehr von mir Notiz nahm. was mich nun interessierte. Ich betrachtete das Foto lange und stellte fest. wie frau sich emanzipiert. Das interessierte mich nicht – so emanzipiert war ich längst. war eine Anleitung. ich hörte noch. die sich mit strahlendem Lächeln und durchgebogenem Kreuz rückwärts zu Boden sinken ließ. Birgit sagte nur kurz tschüs. dann war es mir zu riskant. charmant zu sein. Birgit sagte mit Kennerblick: »Beige steht ihr als Blondine nicht so gut. die ihren Mann verlassen und ein neues Leben begonnen hatten. wenn sie ihr Haar länger tragen würde. irgendwie in den Mantel zu kommen. daß sie erklärte. wie man es als emanzipierte Frau mit Männern aushält. alles Anleitungen. Ganz oben in der Ecke fand ich ein älteres Buch ›Die Hohe Schule des Charmes‹. Diana würde besser aussehen. mich rückwärts ins Ungewisse fallen zu lassen. mir ein Buch auszuleihen. Wenn das Charme war. in der Absicht. Ich stellte das Buch zurück. was Anregendes für mein Drehbuch – ich hatte fest vor. Das Foto auf dem Titel faszinierte mich: Es zeigte eine Dame. ich blätterte mehrere Bücher durch: alles Berichte von Frauen. Ich hatte sowieso vorgehabt. 332 . verkrümelte ich mich. in den Semesterferien sehr intensiv daran zu arbeiten.

ehe sie es gestattet. »Und dir?« antwortete ich und versuchte ebenfalls zu lächeln. das heiße. wieder runterzugehen in die Kinderbuchabteilung. und sah Gottfried enttäuscht an. So beschloß ich. Constanze. ein Buch zu entleihen. er hätte noch sein Auto in die Werkstatt bringen müssen. Wir hatten gerade beschlossen. aber Birgit und ihre Kolleginnen waren spurlos verschwunden. sagte ich unwillkürlich.daß die internationale Bibliotheksordnung ein polizeiliches Führungszeugnis und ähnliche Referenzen verlangt. Sämtliche Studenten waren schon da. Wir werden beides miteinander verbinden. er räusperte sich. Ich konnte doch der Institutsleitung nicht sagen. Selbstverständlich fahre ich auf den Kongreß. bis Anfang August. wir würden uns also erst im nächsten Semester wiedersehen. und dann seien bereits Semesterferien. nächste Woche würde das Seminar ausfallen. ich ging nach Hause und dachte über Birgit nach. Gottfried entschuldigte sich für die Verspätung. »Fährst du tatsächlich auf einen CineastenKongreß? Ich dachte…« »Du darfst niemand was davon erzählen. daß ich das Seminar ausfallen 333 . Und es sei ein sehr arbeitsintensiver Kongreß. außerdem fiel mir ein. er würde nämlich morgen in aller Frühe nach Holland fahren. wieder zu gehen. um noch ein bißchen mit Birgit zu plaudern. auf einen Cineasten-Kongreß würde er fahren. daß ich zu Hause noch einige ungelesene Bücher hatte. Wieder wartete ich unter der Platane auf ihn. »Wie geht’s?« fragte er fröhlich. aber leise. »So was«. als Gottfried am Mittwoch eine halbe Stunde zu spät ins Seminar kam. Er lächelte froh. sagte er.

sondern mit Lehm. Hoffentlich klappt alles.« Wir wünschten uns gegenseitig zum Abschied »alles Gute!« Ich winkte ihm nach.« Ich sagte nichts. welchen Einfluß es auf unsere Beziehung hat. sondern einfach in der Sonne trocknen läßt. 334 .« »Du fährst mit deiner Frau in Urlaub?« »Wir haben wahnsinnig lange darüber geredet. wir machen Töpfern.« »Und wann kommst du wieder?« »Weiß ich nicht. Er merkte es wohl. Lehm ist überhaupt ein viel natürlicheres Material als Ton.« Dann sah er mich aufmunternd an und sagte: »Constanze. aber wenn ich teilnehme. aber nicht mit Ton.lasse wegen… na ja. man kann durchaus auch mal mit seiner Ehefrau in Urlaub fahren. denn er sagte: »Man darf das nicht so eng sehen. wie lange sie bleiben will. was ja viel natürlicher ist. wo absolut nichts los ist. ich sah Gottfried nur betroffen an. daß ich zu diesem Kongreß fahre. er findet zwar auf einem Kuhdorf statt. Und dann anschließend fahren wir nach Spanien – da will die Inge an einem Ferien-Seminar für alternative Kreativität teilnehmen. den man nicht brennen muß. bekomme ich vom Institut die Reisekosten nach Holland erstattet plus Spesen. Inge weiß auch nicht. Außerdem ist es sehr günstig. daß wir es ganz spontan erfahren wollen. wie sich alles entwickelt. kommt darauf an. aber dann haben wir einfach gesagt. als er vom Hof fuhr. ich schreibe dir eine Postkarte. wenn Inge und ich zusammen wegfahren.

blieb nur ein Loch. als Gottfried mit seiner Frau bereits in Holland war. Ich träumte. trennte mein Paar. wer es war: Gottfrieds Ehefrau! Schweißgebadet wachte ich auf. träumte ich.55. verschwand die Frau Ich hatte ihr Gesicht nicht sehen können. daß ich gerade dabei war. als mich eine Frau am Arm riß. ich würde in der Sonne sitzen und eine Plastik aus Lehm formen. aber ich wußte. meinen Namen mit einem Stäbchen in den Lehm ritzte. mir meine Skulptur aus der Hand riß. ihre Körper miteinander verwachsen. Seltsam. Es war ein echtes Kunstwerk: Obwohl die beiden Figuren irgendwie ineinander übergingen. wie sie gekommen war. 335 . und nichts ereignete sich. So plötzlich. sie zu Boden warf und darauf trat. entstanden durch den Abdruck der großen Zehe. Kapitel In der folgenden Nacht. daß Albert ausgezogen war. Es sah aus. hatte sich nicht erfüllt. Jedenfalls noch nicht. Ich hatte ein sich liebendes Paar geschaffen: Die Frau und der Mann waren aus einem Stück modelliert. wo die Brüste der Frauenfigur gewesen waren. als sei der Frau das Herz aus dem Leib getreten worden. Ihr nackter Fuß traf meine Plastik genau in der Mitte. Oh. so viel geschah. wirkten sie irgendwie frei und irgendwie eigenständig. Es war nun schon viereinhalb Monate her. doch meine Hoffnung. mein Leben würde dadurch einen neuen Sinn bekommen. mein Werk zu signieren. diese tiefe Symbolik! Noch lange lag ich wach und dachte nach.

was das sein 336 .Was sollte ich tun bis dahin? Ein gutes Buch lesen? Schon wieder war ein Semester zu Ende gegangen. und am Ende war jedesmal alles wie zuvor. erleben. wozu sie es eigentlich wollten. tun. sondern machen sich nur noch Sorgen. das war eigentlich mein Ziel. Und würde der erste Film ein Flop – ob man dann noch die Chance hatte. aber auch diese Ziele waren nur eine Frage des Geldes. daß der zweite ein Fehlschlag würde… Besteht der Sinn des Lebens nur dann. was man von den besseren Zeiten erwartet. Ich dachte nach. Aber wenn sie das Geld endlich haben. Gut. was ich dazugelernt hatte. Ein Hin und Her der Nichtigkeiten. müßte man sich Sorgen machen. ich hatte Erfahrungen gesammelt. würde sowieso alles vorbei sein. Nein. Aber sogar wenn der erste Film ein Erfolg wäre. das alles von Grund auf verändert. Eine Weltreise machen oder ein Haus bauen. daß man weiß. ich wollte Großes denken. das waren anerkannte Lebensziele. – Einen Film machen. und da war wieder das Geldproblem. wenn man nicht weiß. Und zwar sofort. Was meinem Leben fehlte. aber war das ein richtiges Lebensziel? Dann müßte es ein sehr außergewöhnlicher Film sein. Mein Leben könnte zerrinnen wie der Sand in einer Eieruhr. noch ehe ich wußte. um was man sich Sorgen zu machen hat? Am besten wäre ein Ereignis. einen zweiten zu machen? Und wenn der zweite ebenfalls kein Erfolg wäre. dann wissen sie nicht mehr. daß sie es wieder verlieren könnten. Und außerdem: ein Film reicht nicht für ein ganzes Leben. Die meisten Leute haben das Lebensziel. Aber wohin würden diese Erfahrungen führen? Ich ahnte: Das Warten auf bessere Zeiten hat keinen Sinn. Geld zu verdienen. war ein Ereignis von bleibendem Wert.

aber was würde das für ein Sinn sein? Blieb auch mir nichts anderes übrig als die Resignation oder das ewige Warten auf die Revolution bürgerlicher Besitzstrukturen? Oder gab es sonst noch ein Ereignis. Abgesehen von der Notwendigkeit. dann hätte man wenigstens die Gewißheit. Würde ich heiraten oder ein Kind bekommen. Das neue Lebensziel wäre es dann. das würde meinem Leben einen neuen Sinn geben – sicher. aber wir hatten uns nichts zu sagen gehabt. war die Zeit zum Verreisen günstig. Albert war zwar noch im Lande. oder wenn die Folgen nicht zu überwinden wären. das alles verändern würde. Aber ein Unfall war nicht erstrebenswert. aber dann war nichts mehr los – Gottfried war sowieso schon weg. fiel mir spontan ein. auf das es sich lohnte zu warten? 56. Überhaupt waren die Straßen wie leergefegt. alle Welt war in den Ferien. Kapitel Natürlich. ich hatte erst vorgestern mit ihm telefoniert.könnte – ein Unfall mit bleibenden Folgen. meinen Pflichten als Tochter nachzukommen. das wäre ein Ereignis. das wäre ein Ereignis von bleibendem Wert. aber ich mußte unbedingt mal wieder zu meinen Eltern fahren. hatten lediglich Informationen über das internationale 337 . es war keine Lösung meines Problems. daß ab diesem Moment das Leben keinen Sinn mehr hatte. Montag und Dienstag mußte ich noch in die Akademie. die Folgen zu überwinden.

meinen Eltern die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft zu erklären. Um das Familienleben ertragen zu können. 338 . auf dem die eine Frau sagt: »Die Männer sind alle Egoisten«.Kulturleben ausgetauscht. Offenbar wurde sein Bedarf immer noch von dieser Anna gedeckt. »das kommt bei Männern nicht gut an. der Stoff würde für ein ganzes Kleid reichen. Er fing sofort mit seinem Lieblingsthema an: Er konnte sich meine Zukunft nicht anders denken als in der finanziellen Abhängigkeit von irgendeinem seines Geschlechts. nähte ich mir einen Rock auf der Nähmaschine meiner Mutter. Aber hübsche Blusen trug eh kein Mensch mehr. trug ich mein Pop-T-Shirt. Mittwoch abend kam ich bei meinen Eltern an. und die andere: »Oh.« Was sollte ich tun? Es hatte keinen Zweck.« Erwartungsgemäß fand mein Vater das T-Shirt unmöglich. und ich sagte meiner Mutter. nichts Besonderes. dann könnte ich ja auf den Strich gehen. sagte meine Mutter. aber ganz nett. schwarz mit weißen Tupfen. und Kleider trug eh kein Mensch mehr. Weil aber meine Mutter unablässig wegen des übriggebliebenen Stoffs jammerte. aber das war mir zu kompliziert. das war ohne Abnäher einfach zu nähen und sah schick aus. sie werden nie von uns lernen. und meine Mutter mit ihrer ResteverwertungsMentalität meinte. Schwester. Ich sagte ihm. wenn das sein einziges Problem sei. Meine Mutter meinte. »Aber nicht in diesem T-Shirt. nähte ich noch ein Top mit Spaghetti-Trägern zu dem Rock. mit etwas Mühe könnte ich mir daraus leicht eine hübsche Bluse nähen. Dann waren immer noch eineinhalb Meter Stoff übrig. Den Stoff hatte ich in ihrem Wäscheschrank gefunden. Kind«. Um meinen Vater zu ärgern.

Bettwäsche in der Waschmaschine zu färben. und ich ging zurück zu meinen Alten. die einzige Scene. die es in L. die ich meiner Mutter zum Waschen mitgebracht hatte. gab. was meinem Standard entsprochen hätte. aber in den Münzwäschereien ist das nicht erlaubt. Dann färbte ich die Bettwäsche. Ich färbte zwei Bezüge und zwei Kissen rosa. sonst hätte es wieder Krach gegeben. Eigentlich wollte ich meine gesamte Aussteuerbettwäsche. Die würde ich erst bekommen. weil man angeblich danach die Maschine extra reinigen muß. wozu ich die brauchen würde? Er ist wirklich wie alle Männer seines Alters: Nichts als Sex im Kopf! Ich sagte aber nichts zu seinen Kommentaren. ihre Mathearbeit und ihr Motorrad. zwei Garnituren knallrot. Kindisch. Die Gummidichtungen seien total verfärbt. reichte es mir schon. einfärben. als ich jedoch die Schulkinder vor der Tür des Jugendtreffs herumlungern sah. Einkaufen konnte man in dem langweiligen Kaff auch nichts. Ansonsten war überhaupt nichts los. wenn ich heiraten würde. Das hatte ich langst machen wollen. Das 339 . aber meine Mutter rückte sie nicht raus. die meine Mutter für den Tag X hortet. vor den Fernsehapparat. und sie räumte den Stoffrest weg. zwei lila. und es sei eine Schweinerei. Einmal wollte ich abends in den Jugendtreff. Dann war endlich Ruhe. wer die jetzt wieder saubermachen würde? Mein Vater regte sich über die rote Bettwäsche auf. und bis dahin sei vielleicht weiße Bettwäsche wieder modern.sie könne von dem Rest mit etwas Mühe leicht ihren alten Regenschirm hübsch beziehen. Was sollte ich mit diesen Teenies! Die hatten nichts im Kopf als ihre Akne.

Meine Mutter gab mir ein Glas selbstgemachter Marmelade für Albert mit. weil wir uns ganz harmonisch getrennt hatten (was stimmte. Sonntag früh fuhr ich zurück. aber es war gut möglich. daß mich Albert eingeladen hatte (was zwar nicht stimmte. wenn ich nicht zu faul gewesen wäre. nähte ich mir noch einen Rock und noch ein Top mit SpaghettiTrägern. was ich kaufte. und es hätte meine hübsche Figur besser zur Geltung gebracht. dann hätte ich das Top enger machen können. braun zu werden. sonst kann man es gleich vergessen. noch ein komplettes Wochenende in meines Vaters Schrebergarten hätte ich nicht ertragen. daß am Freitag Alberts dreißigster Geburtstag sei (was stimmte). Ich sagte. meine Mutter sagte. daß er es noch tun würde). Ich hatte meinem Vater beim Aufbau seines spießigen Schrebergarten-Gartenzaunes geholfen. und daß ich für Freitag noch einen Kuchen für Albert backen müßte (was total gelogen war – aber Mütter hören so was nun mal gerne). Ich hatte lange 340 . wenn ich demnächst auf den Strich ginge. Weil ich schon mal dabei war. aber daß ich jetzt meine Zeit lieber dafür nutzen würde. denn zu Spaghetti-Trägern muß man braun sein. Mein Vater fand es »richtig damenhaft«. und mein Vater hatte tatsächlich großzügig Geld herausgerückt.einzige. meine Mutter hatte alle fehlenden Knöpfe an die Bettwäsche genäht. Außerdem hatte ich meiner Mutter gesagt. Das war es wieder mal gewesen. meine Tante Katharina hatte mir zwei weitere alte Kaffeetassen von ihrer Großmutter geschenkt. war ein ganz billiger Rest Seidenstoff in Türkis. soweit es meine Absichten betraf). könnte ich es immer noch enger machen. Nach zwölf Tagen bei meinen Eltern hielt ich es nicht mehr aus. einen Reißverschluß reinzunähen.

ich war »Unser Kind«. Sofort als ich zurück war. Ich hatte aber nur zehn Stück gekauft – dreißig. welchen Sinn so ein Familienleben hat. war seine Mutter leidenschaftlich gerne krank. das in seiner Nähe neu eröffnet hatte. Seit Albert Arzt war. Dazu schenkte ich ihm rote Rosen… jawohl: rote Rosen! Zuerst hatte ich weiße kaufen wollen. nur um die Verantwortung für sich selbst aufgeben zu können. Eher schien ihr Lebenssinn darin zu bestehen. drumherum eine schwarze Schleife. Das war das Richtige für ihn mit seiner emotionalen Blockierung. Er sei an seinem Geburtstag nicht da. Meine Mutter sagt »Mein Mann«. das heißt. Ging es ihnen darum. das ich auch hatte. irgend jemand zu gehören. mein Vater sagt »Meine Frau«. Aber gleich morgen hatte er Zeit. waren mir zu teuer 341 . wie es sich eigentlich zum dreißigsten Geburtstag gehört. Auf der Rückfahrt dachte ich intensiv darüber nach. ihm das Buch über konstruktives Streiten zu kaufen. Er lud mich ein in ein mittelvornehmes Restaurant. weil das unserem Verhältnis angemessener war. rief ich Albert an. Haha. auch er müsse zu seinen Eltern fahren. was ich Albert zum Geburtstag schenken könnte. ob er überhaupt ein Geschenk wert sei. wenn sie sehen würde. daß diese Anna bestimmt stocksauer sein würde. todschick und sehr originell. Er wollte schon am Donnerstag sehr früh hinfahren.überlegt. ich hatte lange überlegt. Ich hatte das Buch über konstruktives Streiten in weißes Lackpapier eingewickelt. jemanden zu besitzen? Ich war mir nicht sicher. daß eine andere »ihrem« Albert rote Rosen geschenkt hatte. seine Mutter sei mal wieder krank. aber dann dachte ich. dann hatte ich mich entschlossen.

Albert sagte. Ich kam etwas zu spät zu unserer Verabredung. um dieser Anna Alberts Geburtstag zu vermiesen. Was ich in den Ferien vorhätte? Ich sagte. daß ich es noch nicht weiß und daß ich eigentlich an meinem Drehbuch arbeiten müßte. die ich reingeschrieben hatte – »Daß Du vielleicht doch noch was im Leben dazulernst. er erzählte von seinen Eltern. was es zu bedeuten hätte – vor allem die Widmung. là là«. 342 . alle seine Kollegen hätten schon Urlaub genommen. schließlich waren wir nur noch gute Freunde – und zehn rote Rosen reichten durchaus. mein knallroter Lippenstift passend zu den roten Rosen und dazu noch meine goldenen Stilettos – ich sah aus wie eine Lippenstift-Reklame. sagte Albert entzückt. Dann wechselten wir das Thema. wegen der Urlaubsordnung. das Buch in Schwarzweiß. Denn in letzter Minute hatte ich das türkise Top und den türkisen Rock wieder ausgezogen und mich für das schwarzweiß getupfte Ensemble entschieden – weil es besser zum Geschenkpapier paßte… Ich in Schwarzweiß. wenn er es lesen würde. Albert freute sich sehr über die roten Rosen. sagte ich. er sei gezwungen. Dann erzählte ich von meinen Eltern. daß er das merken würde. und vielleicht würde er im Urlaub seine Doktorarbeit fertigschreiben. Er fragte. wünscht Dir Deine alte Liebe Constanze«.gewesen. »Oh. Da ich das Buch selbst noch nicht richtig gelesen hatte und es mehr wegen des Themas für Albert gekauft hatte. als er meiner ansichtig wurde. als ich loszog. Über die Kirsch-Himbeer-Marmelade meiner Mutter freute er sich fast noch mehr als über das Buch. und daß es ein wichtiger Ansatz sei. endlich. bald Urlaub zu nehmen.

dachte ich und fragte nicht weiter nach ihr. ich konnte es mir schon denken: Er hatte genug von ihr. Es war ein netter Abend gewesen.« »Warum nicht?« »Weiß nicht. sich aber nicht traut. 57. wenn jeder lieber über etwas anderes reden würde. er solle seine Eltern. Man hätte es auch unverbindlich nennen können. von mir grüßen. Sie kam aus ihrer Praxis. man sieht sich zur Zeit nicht so häufig. So plapperten wir angestrengt drei Stunden lang über Nichtigkeiten. Ihre Zeit war abgelaufen. und traf Sieglinde. wie gut ich 343 . Ich konnte Albert nichts von meinen immer noch unerfüllten Hoffnungen auf Gottfried Schachtschnabel erzählen. die ich nicht leiden kann. um die überlebensnotwendigsten Konserven zu beschaffen. die immer dann entsteht.»Was macht deine Anna?« »Keine Ahnung. Er ließ meinen Eltern Grüße ausrichten und besonderen Dank an meine Mutter für die Marmelade. Und Alberts Leben schien auch nicht der Rede wert zu sein. Dann entstand zwischen uns jene spezielle Langeweile. sagte.« Aha. Wir verabschiedeten uns mit Küßchen. Ich sagte sogar. Kapitel Ich schleppte mich durch die Augusthitze. So harmonisch hatten wir uns unterhalten.

»Albert ist ja bereits verreist«. Erst gestern sei sie mit Wolf-Dietrich bei der Bank gewesen. Ein Gefühl sei das gewesen! Ich schlug vor.es hätte. Sieglinde wollte kein Eis. Endlich erkundigte sie sich mal nach mir und fragte. du Arme?« Zuerst fiel mir nichts ein. sagte Sieglinde. und sie sei entsetzlich im Streß wegen der Vorbereitungen zu ihrer Hochzeit. holte ein kitschiges Silberdöschen aus ihrem Handtäschchen und tat zwei Stückchen Süßstoff in ihren kalorienlosen Kaffee. er ist verreist.« »Wie verreist?« rief ich unvorsichtigerweise. nur fände es Wolf-Dietrich zu teuer. sie bestellte sich nur einen Espresso. und Sieglinde merkte sofort. soviel Zeit wolle sie auch mal haben. Ich zuckte vielsagend mit den Schultern. Und daß sie ein äußerst repräsentatives JilSander-Kostüm entdeckt hätte. daß Albert verreist ist. und da hätte sie schon jetzt mit »Lamar-Schadler« unterschreiben müssen. September sei die Hochzeit. Keine Rede von einem Fest für Freunde! Sieglinde sprach nur von dem Empfang für Familienangehörige und Honoratioren. daß du weißt. mit tiefem Mitleid im Blick: »Weißt du es denn nicht. ein Eis essen zu gehen.« »Nein. Dann sagte ich: »Ich wußte nicht. Sie legte ihre Hand auf meinen Arm und fragte. was ich den ganzen Sommer über vorhätte. sie müsse bis zur Hochzeit noch vier Kilo abnehmen. um Wolf-Dietrich die Vollmacht über ihr Konto eintragen zu lassen. »Er ist bereits wieder zurück er war nur übers Wochenende bei seinen Eltern.« 344 . weil sie dieses Kostüm ausgezeichnet zu anderen Verpflichtungen tragen könnte. Am 18. in welcher Position sie war. aber vielleicht würde er es doch genehmigen. das sei jetzt sicher.

Anna möchte Österreich entdecken. »Warst du etwa auch schon bei ihr eingeladen?« »Nicht direkt. »Kennst du Anna? Woher!?« »Sie war erst kürzlich bei uns«.« Das war zuviel. Noch dazu. sagte Sieglinde. Aber Anna hat mein Rezept abgeschrieben für gebackenes Tatar à l’américain. daß mein Ex-Mann mit irgendeiner Diät-Gurke bei ihr diniert. welche Feinde die Natur gegen dieses Reptil geschaffen hat. Ein 345 . Ich starrte sie an und überlegte. Sie waren bei uns. »Albert hat es ausgezeichnet geschmeckt!« Sieglinde blieb unerbittlich. Ich durfte erst wieder auftauchen. die einen Wurf junger Schweine geschluckt hat.Es nutzte nichts. und lächelte gütig. Sieglinde wußte. wo die Neue auch am Glanz dieser hochgeschätzten Berufsgruppe teilhaben durfte. »Er ist mit Anna weggefahren. sagte ich langsam und verachtungsvoll.« »Du meinst für Hamburger«. als sei es die natürlichste Sache der Welt. Ich hätte mir denken können. Sieglinde lächelte so zufrieden wie eine Anakonda. um Sieglinde in ihre Schranken zu verweisen. ob der Neue genügend Status zu bieten hatte. Das war doch klar. wenn ich einen neuen Mann vorzuweisen hatte. daß ich es nicht gewußt hatte. – Ein Geier wäre zu schwach. mir konnte Sieglinde nichts vormachen. daß Sieglindes und Wolf-Dietrichs Bekanntschaft mit einem Arzt durch meine Trennung nicht gefährdet worden war. und dann würde meine Wiederaufnahme in den Lamar-Schadlerschen Bekanntenkreis noch davon abhängen. Mich lud sie nicht mehr ein. den fetten Schlangenbrocken Sieglinde durch die Lüfte zu schleifen und dann gegen einen Felsen zu schmettern.

beruhigte mich wieder. Sie brauchte eine Füllung auf Eins-Vier. hatte ich mich gefangen. um intime Kenntnisse vorzutäuschen: »Albert hatte großen Krach mit dieser Anna. als der Kellner zum Kassieren kam. Aber eine Giftspinne! Wahrscheinlich waren es irgendwelche kleinen Insekten. daß sie vorgestern weggefahren sind.« »Ich bin sicher. »Ich war letzte Woche bei Albert«. Ob ein Alligator einer Anakonda gewachsen wäre? Fraglich. daß auch die Macht der Anakonda LamarSchadler ihre Grenzen hatte.« Sieglinde sagte nichts dazu. Aber dann.« 346 . legte ich meine Hand auf Sieglindes Arm und fragte sehr laut: »Wie geht es euren Filzläusen?« Sieglinde wurde knallrot. sagte ich und log dazu: »Er wollte seinen Geburtstag mit mir verbringen. noch ehe sie zubeißen konnte.« Dann wollte sie zahlen und gehen.« Sieglinde sah mich triumphierend an und fügte hinzu: »Kurzfristige Meinungsverschiedenheiten kommen in den besten Verhältnissen vor. wenn er mit der in Urlaub gefahren wäre. murmelte: »Ich habe nie im Leben Filzläuse gehabt. ansonsten hat sie ausgezeichnete Zähne. um zu verwinden. es würde mich sehr wundern. Ich brauchte ewige Sekunden. wie gut diese Anna in meinen Bekanntenkreis eingeführt war. um mit dem ersten Tritt ihren Kopf zu zerquetschen. Deshalb sagte ich. Ich habe extra deshalb am Dienstagmorgen noch einen Extra-Sondertermin für Anna bei meinem Chef vermittelt. schien es jedoch zu glauben. Als er direkt neben uns stand. die diese Riesenbiester zu Fall bringen konnten… zum Beispiel… Filzläuse! Die Vorstellung.Elefant müßte sehr genau zielen.

58. zu sehr Sportler. sie als Steuerberatersgattin in spe. Jacketkrone um Jacketkrone. daß dein Wolf-Dietrich dich nicht angesteckt hat mit seinen Filzläusen«. der spanische Wein und die gemeinsame Arbeit mit Lehm könnten die Ehe von Gottfried und Inge Schachtschnabel kitten. war noch mit seiner Ehefrau unterwegs. Es mußte sofort etwas geschehen. zu groß. und er war Elektriker. zu blond. »Technischer Angestellter eines internationalen 347 . daß er mit dieser Anna wegfährt! Es mußte etwas geschehen. hatte er noch nicht erfüllt. mir zu sagen. und mit meiner täglichen Enttäuschung wuchsen meine Befürchtungen.»Du Arme. »Liebe ist machbar« – das war es doch. Ich rief mitten in der Nacht Gottfried Schachtschnabel an – wie ich befürchtet hatte. Gottfried war wenigstens ehrlich gewesen zu mir. zu jung – er war erst 23 Jahre alt. Mein Opfer hieß Joseph. peng. Kapitel Er war zu feige gewesen. zack. war er nicht zurück. sagte ich sehr laut und lächelte wie die Mona Lisa. Ich hatte mich nicht schlecht gehalten. Täglich hoffte ich. Peng. ich weiß. mir mindestens eine Postkarte zu schreiben. was Julia predigte. Aber Sieglinde hatte gewonnen. Er war zwar nicht mein Typ. die spanische Sonne. Seine Freunde nannten ihn Joschi. Zack. Aber sein Versprechen. Mist.

Nachrichten-Konzerns« dürfte er sich nennen. Egal. Joschi sollte mit mir auf bessere Zeiten warten. Weil er mich liebte und ich ihn nicht. aber sie hatte keine Chancen bei ihm. Ich hatte ihn schon oft im Café Kaputt gesehen. so daß jeder die Unterhaltungen des andern mithört. schließlich lernt heute jedes Schulkind. Er bevorzugte Frauen wie mich. sie liebte ihn und wurde jedesmal rot. die Freunde von Joseph waren nicht mein Problem. Ich wußte auch. schon lange. sagte Joseph lachend. Mein Problem waren meine Freunde. Aber wir brauchten keine gemeinsamen Freunde. wenn er kam. Er war nicht mein Typ. wußte ich nicht. Wir hatten auch einige Male einige Worte miteinander geredet. Er war vier Jahre jünger als ich. Vielleicht war ich einfach sein Typ. weil er Frauen wie seinesgleichen behandelte. aber ich hatte es hören sollen. wir waren eine Notgemeinschaft. Sieglinde würde mich garantiert fragen. daß alle emanzipierten Frauen frustriert sind. »Was willst du mit der Oma?« fragte ihn sein Kumpel Didi eines Abends leise. kann man sich nicht als 348 . Unsere Beziehung funktionierte nur auf sexueller Ebene – wenn man das akzeptiert. daß die blonde Dagmar ihn umschwärmte. Warum Joschi mich brauchte. und er war froh. um emanzipiert bleiben zu dürfen. mehr unterbewußt kannte ich ihn schon länger. Ich brauchte einen festen Liebhaber als Alibi. aber er war nett. Wie das Leben eben spielt. so machte er mich automatisch zur älteren Frau. von mir erhört zu werden. hatte ich ein schlechtes Gewissen. hatten manchmal an einem der großen Tische nebeneinandergesessen oder einander gegenüber. was ich mit einem Elektriker wolle – als hätte ich mich das nicht selbst gefragt. ohne eigentlich zuzuhören.

meiner drei Jahre währenden Jugendliebe – die Liebe zu Roland zerbrach an den Umständen: Roland mußte zur Bundeswehr. ich wollte ihn nicht verletzen. daß ich eine derartige Beziehung habe. Nach Roland. Und auch mich hätte ein Vergleich von Joschi mit Albert verletzt. ohne feste Beziehung. stritten uns nie – worüber auch? Nachts gingen wir zu mir oder zu ihm. Abwechslung hieß heute Notlösung. er war großzügig. aber auf dem Sprung. Joschi sollte nicht merken. Wir trafen uns täglich in der ersten Woche unserer Liaison. Er war wirklich nett im Bett. außer daß Joseph mich langweilte. dann zog er weg zum Studium. hatte Abwechslung noch erfreut. Eines Tages passierte es doch: »Weißt du. mal anderswo. wir tranken viel. Es ist nicht das erste Mal. mit der räumlichen Trennung kam die emotionale Entfremdung – bis ich Albert kennenlernte. Sex: ja – sogar mit einer gewissen Schüchternheit. so alt wie Joschi jetzt. daß er nicht gemeint war. Es gibt keine elegante Überleitung von 349 . Ich bin versorgt. aber tendenziell zunehmend. deshalb blickte er demonstrativ in die Ferne und fragte nicht mehr. Aber damals war ich zweiundzwanzig. was ich hatte sagen wollen. Albe…«. denn Joschi hatte keine Chance. ich würde Joschi aus Versehen Albert nennen. Es war peinlich. verliebte Küsse: nein. wenn wir zusammen waren. sagte ich zu Joschi. Es war alles unproblematisch. brach erschrocken ab. er lud mich oft ein. aber er hatte es gemerkt.Sexualobjekt fühlen. um die Beziehung von einem One-night-stand zu unterscheiden. damals war die Welt neuer gewesen. hatte ich auch ein Jahr so durchgemacht. Und es verfolgte mich die Angst. Mal im Café Kaputt. nicht sehr.

bis ich Julias Überraschung präsentiert bekam. allerspätestens am Sonntag. Ich vermutete. jemand getroffen hatte. solange konnte ich warten. sie würde nach Italien fahren – eventuell. ich hoffe. daß Julia gesagt hatte. als die versprochene Karte von Julia ankam. aber von Irland hatte sie nie eine Silbe gesagt. Albe… anien ist politisch eine unbekannte Größe«. Es war schon Ende August. vielleicht sogar 350 . auch aus Irland und mit demselben Text. Birgit sagte. Julia schrieb: Liebe Constanze. war ziemlich wahrscheinlich. Ein alter Schulfreund. daß sie in ihrer Heimatstadt. Nächste Woche bin ich zurück und melde mich sofort bei Dir. Nun. September fing die Schule an. Zwei knutschende Schafe waren drauf.Albert zu irgendwas. Ich habe eine Riesenüberraschung! Make it well till then. daß Julia nächste Woche zurück sein müßte. Lots of love from Julia. und stellte außerdem fest. Da konnte es sich bei der Riesenüberraschung kaum um Gottfried Schachtschnabel handeln. Ich rief Birgit an. aber das fiel mir erst viel später ein. Aber daß irgendein Mann dahintersteckte. was das zu bedeuten hatte. wie es mir geht. hätte ich sagen können. Sie hatte eine Karte mit Lady Diana und der Queen Mother bekommen. denn am 9. »Weißt du. es geht Dir so gut. Ich fragte mich. eine alte Jugendliebe. wie ich Sekundenbruchteile lang befürchtet hatte. Auch Birgit konnte schwören. als sie ihren Vater besuchte. Das wäre auch zu absurd gewesen. daß die Karte aus Irland kam. der nach Irland fuhr und Julia eingeladen hatte mitzufahren.

Dieser Feigling: »Man« wandert. So strapazierfähig war unsere Beziehung nicht. bis ich ganz verliebt war in Josephi. Am Abend trank ich so viel Rotwein. die Unperson. würde ich ihm eine Karte schicken mit einem Dackel drauf! Albert schrieb: Liebe Constanze!!! Diese Kuh macht muh nur für Du!!!!!! Es ist sehr nett hier.ihr alter Ehemann? Solche spontanen Aktionen gehen nur mit aufgewärmten Männern. – Tierpostkarten schienen Mode zu sein… wenn ich verreisen würde. Aus Österreich. schrieb er. Am nächsten Tag kam eine Karte von Albert. Kapitel Mit Joschi in Urlaub zu fahren stand nicht zur Diskussion. 59. Worüber 351 . Sieglinde hatte also recht gehabt! Auf der Karte war eine Kuh. Da kann mir keine was vormachen. Das Wetter ist so trocken wie der Wein. Wer war denn »man«? Anna. Diese blöde Kuh. Allerliebste Grüße von Albert. Das Buch über Konstruktives Streiten ist auch dabei und gibt viel Anlaß zu Gelächter. man wandert viel und wundert sich über die Österreicher. Auf jede Ecke der Karte hatte er noch MUH! MUH! MUH! geschrieben.

hätten wir uns einen ganzen Tag lang unterhalten sollen? Die Geschichten aus seiner Firma waren manchmal lustig. aber ich solle doch einfach in die Agentur gehen und fragen. beide nicht sehr viel alter als 352 . Ja. daß ich gleich dortbleiben könnte. um ihm Überstunden zu bescheren. Ein Creativ-Direktor! Ich war ganz aufgeregt. um nach einem Job zu fragen. die Aufgabe sei jedoch sehr kompliziert. bis er wiederkam und ziemlich nach Schnaps roch. die mit Absicht einen Schraubenschlüssel in eine Maschine krachen ließen. Jürgen sagte. Der Personalchef erinnerte sich genau an mich. Also ging ich am Montag in die Agentur – das war ein guter Termin. wie es ihm sonst ginge. Er erkundigte sich. Mein Problem war. Er ging aber gleich fragen. Ich mußte eine Dreiviertelstunde in seinem Büro warten. Ich rief Jürgen an. den Sommer sinnvoll herumzubringen. weil es Monatsanfang war. ob ich wieder Konkurrenzbeobachtung machen könne. Er reparierte Tag für Tag irgendwelche Maschinen. Allerdings wußte er nicht. wie es mir sonst ginge. ich kam mit sauberen Fingernägeln und frischgewaschenem Haar und hoffte. mit denen er sich herumärgerte. Es kamen sogar zwei Männer. interessant an seinem Job waren nur die Kollegen. ich sei sehr fleißig gewesen. ob es Konkurrenz zu beobachten gebe. gab es nicht viel zu reden. weil er als Angestellter die Überstunden nicht bezahlt bekam. aber meistens nicht der Rede wert. ja. und ich fragte. Ja. ob man jemand brauchen würde. er hätte keine Ahnung. und da es uns beiden prima ging. deshalb käme der Creativ-Direktor und würde es mir persönlich erklären. es gebe vielleicht etwas für mich zu tun. er selbst sei ab Montag in Urlaub.

« Er sah mich an und fuhr fort: »Es wird in letzter Zeit ungeheuerliche Stimmungsmache gegen uns publiziert. Wir brauchen endlich Beweise. Herr Nickel. als würde er einer DIN-Norm entsprechen. wird sich das creativitätshemmend auf unsere Creativität auswirken. »wir untersuchen einen repräsentativen Querschnitt des Anzeigenaufkommens.« Dann fläzte er sich in einen der superschicken Ledersessel. sah mich an und sagte: »Gut. daß sie kein Statussymbol war. sein Schnauzbart trug zwar kein Markenzeichen. der größte Teil der Werbung wäre frauendiskriminierend. sagte der Personalchef. und die behaupten. Der Creativ-Direktor hieß Herr Nickel. daß es sich 353 . Turnschuhe von Adidas. die Werbung sei frauenfeindlich. der man ansah. sagte der andere. und der Personalchef sprach ihn auch nicht mit Namen an. Also war der zweite offensichtlich ein Untergebener. aber wenn das so weitergeht. der Creativ-Direktor. Jeans von Levis. sah zur Decke und sagte: »Wir brauchen ein Gutachten gegen den Vorwurf.« »Beweise brauchen wir«. »daß diese Vorwürfe aus der Luft gegriffen sind!« »Ich darf meinen Vorschlag von neulich wiederholen«. Der zweite sah abgesehen von der Haarfarbe genauso aus – aber er trug eine Uhr. der man ansah. eine Uhr. damit wir anhand konkreter Zahlen konkret beweisen können. Er trug ein Polohemd von Lacoste.ich. wirkte aber trotzdem. er rauchte Marlboro. Mehr als zwei Drittel aller in der Werbung gezeigten Frauen wären in frauendiskriminierenden Posen oder in sexistischer Aufmachung dargestellt! Absolut lächerlich. daß sie ein Statussymbol war. Soeben ist die Studie eines sogenannten Frauenforschungszentrums erschienen.

2 zum Personalchef. weil wir immer zuerst produktspezifisch ordnen«. sagte Nr. sämtliche Anzeigen des 354 .« »Nach diesen Typen ordnen Sie die Anzeigen«. »werden wir das Anzeigenmatenal ausgewählter Zeitschriften ordnen. Frauen in der Mutterrolle und Frauen als sogenannte Sexualobjekte. 2. »Sie müssen aber zuerst produktspezifisch ordnen. der Creativ-Direktor. 2 den Personalchef. Der massierte sich das Kinn. Weil er mich ansah. sagte der Creativ-Direktor. 2. »Gemäß meinem Vorschlag«. 2 entschieden die Herren zunächst. Aufgrund eines schon früher vorgetragenen Vorschlags von Nr. Der Creativ-Direktor sagte zu mir: »Ordnen Sie die Anzeigen zunächst produktspezifisch.« »Gut«.bei der sogenannten frauenfeindlichen Werbung allenfalls um gelegentliche Ausrutscher handelt. sagte Nr. »machen wir eine weitere Kategorie: Frauen als gleichberechtigte Partnerinnen im Beruf. sagte der Personalchef zu Nr. »Selbstverständlich«. sagte Herr Nickel. 2 zu mir. nämlich: Hausfrauen. »Und welche Werbeträger schlagen Sie vor?« fragte Nr. sagte ich: »Berufstätige Frauen. entsprechend den gängigen Frauentypen.« »Selbstverständlich«. sagte Nr. es fiel ihm keine weitere Sorte ein. sagte Herr Nickel. die Qualität seiner Rasur zu überprüfen. sagte ich.« »Gut«. Dann sagte er zum Personalchef: »Fällt Ihnen sonst noch eine Sorte Frauen ein?« Der Personalchef dachte nach. worauf auch der Creativ-Direktor das Bedürfnis verspürte.« »Gut«.

Außerdem. wie sie sagten. das war mir doch zu blöde. die nicht nur Modebildchen ansehen. 2. Nr. sondern sogar ab und zu ein Artikelchen lesen. und für eine Frauenzeitschrift für die »typische Durchschnittsfrau«. ich aber nicht. meinte Nr. haben wir nicht im Werbeträger-Archiv. eine Familienzeitschrift einzubeziehen. 2 vor. Ich solle nur alle Anzeigen kopieren und auf der Rückseite der Kopien jeweils eine Abkürzung für den Zeitschriftentitel schreiben und dazu immer die Nummer 355 .« Die Herren waren sehr erheitert. damit wir auch was Männertypisches dabeihaben«. Ich fragte. ob ich die Anzeigen. der Produktvielfalt wegen. 2 schüttelte den Kopf. Werbeträgermäßig. Aus Effizienzgründen sei das nicht nötig. so was wird bei uns sofort geklaut. außerdem eine Fernsehzeitschrift und vielleicht eine Publikumszeitschnft oder zwei. sagte der Creativ-Direktor. ausschneiden und aufkleben solle. und für eine Frauenzeitschrift für die »Frau mit gehobenem Anspruchsniveau« – dazu erklärte mir der Personalchef: »Das heißt. entschieden sie sich dann für eine Frauenzeitschrift mit der Zielgruppe »typische Unterschichtsfrau«. wie gehabt.« Die Herren lachten herzlich. Sie waren sich einig. »Sonst noch Vorschläge?« »Der Objektivität wegen könnten wir außerdem den Spiegel reinnehmen. sei es vielleicht günstig. daß nun alles klar wäre. »Gut«.letzten Jahrgangs diverser Werbeträger zu analysieren. für Damen. Ich machte auch einen Vorschlag: »Der Objektivität wegen vielleicht noch ein Herrenmagazin?« Der Creativ-Direktor schüttelte den Kopf: »Geht nicht. schlug Nr.

sagte der Creativ-Direktor. »Es handelt sich hierbei um eine völlig andere Aufgabe als Konkurrenzbeobachtung«. Ach ja. »Das kann nicht sein«. in diesem Bereich käme es nicht auf Erfahrung an. Weil ich hoffte. was wir denn da machen könnten! Ich fragte zurück. »Konkurrenzbeobachtung ist eine typische Aufgabe für Frauen. »Höchste Zeit zum Mittagessen«. Ich bejahte. sagte ich. 2 ging mit ihm. »ich habe schon im April 12 Mark bekommen. daß diese Studie nicht von einem Auftraggeber finanziert sei. ich würde 10 Mark pro Stunde bekommen. und die Agentur bekäme dafür kein 356 . Er sagte. Und die Abkürzung für die Zeitschriftentitel dürfte ich mir selbst ausdenken. Ich sah auf meine Uhr. sondern auf Schnelligkeit. kam das Härteste.des Heftes. Die Uhr des CreativDirektors gab mehrere schrille Piepstöne von sich. daß ich mit der neuen. sagte der Creativ-Direktor. Und vor allem müsse ich bedenken. sondern eine Image-Kampagne für die deutsche Werbewirtschaft sei. es war exakt zwölf. sagte er. ob er keinen geschlechtsneutralen Job hätte? So was gebe es nicht. völlig anderen Aufgabe mehr Geld verdienen würde. sagte der Personalchef mit erhobenem Zeigefinger zu mir.« Dann fragte er mich auch noch. Als ich dann allein mit dem Personalchef war.« »Das kann nicht sein«. wie ich mir das vorstellen würde? Ich sagte. fragte ich. sagte der Personalchef verblüfft. da haben wir sehr genaue Richtlinien für die Entlohnung von Aushilfskräften. daß ich immerhin Erfahrungen mit der Arbeit hätte. »Gut«. Ob ich das kapiert hätte. Nr. was ich denn dieses Mal als Stundenlohn bekäme.

Ich zeigte ihm. das sei das Äußerste. Ehrensache. bezahle mich aus eigener Tasche. die Unterteilung nach Frauensorten würde ich zum Schluß machen. nur um endlich wissenschaftliche Beweise zu haben. Zunächst aber mußte ich vom Speicher die Zeitschriften herunterschleppen in die sogenannte Bibliothek. und dann hatte ich große Probleme mit dem Ordnen. Ich stand Ewigkeiten am Kopierer. Die Sekretärin meinte. die in der Bibliothek. weniger zu arbeiten. die brauche man sobald nicht mehr. jeweils einen Zettel mit der Produktbezeichnung quer zwischen die Fotokopien zu legen. und ich zeigte ihm. als Feingliederung sozusagen. schwor ich mir. sondern im Gegenteil. 2 an den Kopierer und fragte. Diese Untersuchung bot zudem interessantere Lektüre als damals die blöden Insektenblätter. Aber zum Illustriertenlesen kam ich immer noch nicht. im Regal links gestapelt waren. Das kann ich leiden! Ich hatte aber keine Wahl. ich könnte gleichzeitig die alten Zeitschriften hinauftragen. Schließlich sagte er. und der Job war nicht schlecht. Es war eine elende Schlepperei. Am Freitagnachmittag kam Nr. daß er mir fünfzig Pfennig pro Stunde mehr geben könne. was unser Frauenforschungsprojekt mache. daß ich auf die Idee gekommen war. Außerdem verdreckte ich mit den verstaubten Zeitschriften meine weißen Jeans.Geld. Er ging mit mir in die Bibliothek. Sie ging zum Personalchef. Weil ich nun weniger Geld bekommen würde. Anderswo hätte ich nicht mehr verdient. als müßte er diese fünfzig Pfennig privat draufzahlen. Eigentlich hätte ich Schmutzzulage verlangen müssen! Erst am Dienstagnachmittag konnte ich mit der eigentlichen Arbeit anfangen. er bestätigte ihre Meinung. wie viele verschiedene Produkte ich allein beim 357 . Er tat.

2. »Gut«. Kondensmilch. Knoblauchpillen. Er hatte doch gesagt. Kleider. 1. den ganzen Alkohol dazu. Kneippkuren. Bei Kosmetik hatte ich schon viele Anzeigen. Krüger-Rand-Münzen. ist Quatsch. Schweigend betrachteten sie meine Stapel kopierter Anzeigen von »Abführmittel« bis »Zündkerzen«. 2. Krankenkassen. kugelsicheres Glas.Buchstaben ›K‹ gefunden hatte: Kaffee. Küchenmöbel. Klebstoff und kugelsicherem Glas aber nur eine. Kloreiniger. bis er zurückkäme. ich solle zuerst nach Produkten ordnen. Kosmetik. Nr. Käse. 2 sagte: »Was Sie da machen. Klaviere. dem Creativ-Direktor. Der Creativ-Direktor sah auf seine Uhr. Haben Sie das kapiert?« »Ja. 358 . Der Creativ-Direktor sagte nichts. bei Klavieren. zusammen und alles Trinkbare dazu. Krawatten. 1. ich solle warten. Krebsvorsorge. Zu mir sagte er: »Legen Sie alles. Kartoffelchips. Kugelschreiber. und Zigaretten auch dazu. Kredite. sonst werden wir nie fertig!« sagte Nr. das ist alles Verkehr. Kopfhörer. was eßbar ist. Klebstoff. Er kam zurück mit seiner Nr. Nr. Katzenfutter. universale Kategorien. 2 über meinen Kopf hinweg zu Nr. 2. sagte der Creativ-Direktor zu Nr.und Genußmittel könnte sie doch zusammenfassen«.« Ich war bestürzt. 2. erklärte Nr. 2 sagte. sagte Nr. »Alle Nahrungs. Kaugummi. das alles zusammen«. »Das ist viel zu kompliziert«. Kreuzfahrten.« »Und Autos und Zündkerzen und Motorräder. Kochtöpfe. »Wir brauchen größere. sagte Nr. Kamillenextrakt.

sagte Nr. 2. 2 sagte dann: »Sie müssen Überbegriffe finden.»Gut«. große Elektrogeräte. in die ich dann die Nackte. »Autos kommen zu Verkehr«. sagte der CreativDirektor. Dann zogen sie ab. sagte der Creativ-Direktor. Die Uhr des Creativ-Direktors piepste. ich schuf eine Kategorie »Medizin und Gesundheit«. was Investitionsgüter sind: »Das sind die teuren Anschaffungen. also Eigenheime. einordnete und die Frau. die Nackte mit dem unvergänglichen Diamantring ebenfalls zu Investitionsgütern. was Investitionsgüter sind?« Ehe ich »nein« sagen konnte. Die nackte Frau in der Heimsauna ordnete ich den Investitionsgütern zu. 2. die lange halten. »Zeit zum Nachmittagstee«. später bei der Feinordnung nach Frauensorten würden die alle zu sexistischer Werbung kommen.« »Gut«. »Und Kosmetik ist ebenfalls eine eigene Branche. sagte der CreativDirektor und zeigte auf Nr. sagte er. Dann fragte er mich: »Wissen Sie. die für Verhütungsmittel warb. Geldanlagen aller Art. sagte Herr Nickel. die nichts trug als ein Hühneraugenpflaster. Es war mir schon klar. fragen Sie mich. Nr. »Hausfrauenbedarf«.« »Sie können ihn jederzeit fragen«. »Sonst noch Fragen?« »Was ist Kloreiniger?« Beide dachten nach. 2 an zu erklären. 359 .« »Sollte ich Autos nicht zu Verkehr tun?« fragte ich. abstrakt denken! Wenn Sie nicht weiterkommen. echter Schmuck Maschinen und solche Sachen. Den Rest des Tages verbrachte ich mit dem Ändern der Kategorien. Autos. fing Nr.

Bisher hatte ich mir nie viel Gedanken über sexistische Werbung gemacht. Klar, ich hatte schon Millionen viertel-, halb- und ganz nackter Reklamefrauen gesehen, aber bei mir hat solche Werbung keine Wirkung. Deshalb war sie mir egal. Aber natürlich, es mußte einen Grund haben, daß die Werbung so sexistisch war… wahrscheinlich handelte es sich um eine höchst gefährliche, unterschwellige Manipulation von Unterschichtsfrauen und Unterschichtsmännern. Wahrscheinlich wird so die Arbeiterklasse manipuliert, ihr hart erarbeitetes Geld zum Fenster rauszuwerfen, für Hühneraugenpflaster! Aber ich würde hier daran arbeiten, die Praktiken der Herrschenden zu entlarven! Jawohl. Gottfried wird stolz auf mich sein können! Am Samstagmittag meldete sich Julia zurück. Gestern sei sie zurückgekommen, und sie lachte, als ich fragte, warum sie in Irland war statt in Italien, und was denn die große Überraschung wäre, und kichernd sagte sie, wenn ich Lust und Zeit hätte, könnte ich sie gerne sofort besuchen kommen. Da ich nicht wußte, wie lange ich bei ihr bleiben würde, rief ich Joschi an und sagte ihm, daß ich abends keine Zeit für ihn hätte. Eine Stunde später war ich bei Julia. Auf Julias Sofa saß ein Mann, ca. 30 Jahre, mittelgroß, mitteldick mit hellblonden, glatten Haaren. Er trug eine grau in grau karierte Hose und ein blau-weiß gestreiftes Hemd, das nicht zu der Hose paßte. »Hallo Constanze, nett dich kennenzulernen«, sagte er und stand sogar auf, um mir die Hand zu schütteln. »Ich bin Jürgen Stöcklein.«

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Julia sah mich erwartungsvoll an, als sei anzunehmen, daß ich in Jubel ausbrechen oder vor Überraschung tot umfallen würde. Es war aber ein Mann wie jeder andere. »Mein neuer Lebensabschnittsbegleiter«, sagte Julia mit Besitzerstolz. »Aha, und ihr wart zusammen in Irland?« »Richtig.« Dieser Jürgen goß mir Kaffee ein, er spielte den Hausmann, Julia begutachtete ihn verliebt. Ich fragte, wie es in Irland gewesen sei. Toll war es erwartungsgemäß gewesen. So viele Schafe. Und alles grün dort. Und die Menschen einfach reizend. »Wie lange kennt ihr euch eigentlich schon?« Großes Gekicher. »Seit dem 29. Juni«, sagte Julia. »Näher kennen wir uns erst seit dem 5. Juli«, sagte Jürgen. So genau wollte ich es nicht wissen, dachte ich und sah zu Boden – ich bin keineswegs prüde, aber es gibt noch andere Themen auf der Welt! »Ich meine, am 5. Juli haben wir uns zum erstenmal getroffen«, sagte Jürgen. »Wo habt ihr euch kennengelernt?« »Ich bin Chiffre AZ 8314«, erklärte Jürgen, Julia kicherte. »Wir haben uns über eine Heiratsanzeige gesucht und gefunden.« »Du hast auf eine Heiratsannonce geschrieben?! Warum hast du nichts davon erzählt? Wann denn?« »Als wir Birgit bequatscht haben, es noch einmal zu versuchen, da dachte ich, ich sollte es selbst auch einmal versuchen. Natürlich hätte ich nicht auf jede Anzeige geschrieben, nur auf deine«, bekicherte Julia Jürgen. »Und was hat er geschrieben?«
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»Was hat er geschrieben?« sagte Julia. »Moment, ich hole das Dokument aus meinem Reliquienschrein.« Sie ging in ihr Schlafzimmer und kam wieder mit einer winzigen ausgeschnittenen Anzeige. »Vorsicht«, sagte sie, »ein wertvolles Erinnerungsstück.« Ich las: »Soziologe, 31, 174 cm, mit vielen Interessen (Reisen, Kultur), sucht keine außergewöhnliche, aber nette und verständnisvolle Partnerin für eine gemeinsame Zukunft. Chiffre AZ 8314.« Ich war ziemlich enttäuscht. »Das ist alles?« »Ein voller Erfolg!« sagte dieser Jürgen. »Na, hör mal«, sagte Julia, »das ist doch außergewöhnlich, daß einer eine nette und verständnisvolle Partnerin sucht, statt der Standard-SuperTraumfrau. Und da Jürgen darauf verzichtet hat, eine Altersgrenze anzusetzen, habe ich ihm geschrieben, obwohl ich fast seine Mutter sein könnte.« Großes Gekicher. »Ich bin nämlich 5 Monate älter als Jürgen!« Ich sah diesen Jürgen genauer an. Er sah ganz normal aus, nichts deutete darauf hin, daß er Heiratsanzeigen aufgab. »Warum gibst denn du Inserate auf?« fragte ich ihn ganz unverblümt. »Meinen Job hab ich über ein Inserat bekommen, mein Auto, meine Wohnung… außerdem gebe ich ständig Inserate auf.« Ich vermute, daß ich ihn leicht entsetzt angesehen habe. »Stellenausschreibungen inseriert Jürgen«, erklärte Julia, »Jürgen ist nämlich Personalchef.« »Ich dachte mir, wenn man so Wichtiges wie seinen Vorgesetzten über ein Inserat sucht und findet, warum dann nicht den Lebenspartner?«
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»Wir sind das perfekte Team«, sagte Julia, »er testet Erwachsene, und ich teste Schulkinder.« »Und Julia ist zuständig für die Defekte der menschlichen Seele, und ich bin zuständig für das normale Verhalten.« »Jürgen sagt«, rief Julia dazwischen, »mein Ziel sei es, die Probleme von Verhaltensgestörten zu verstehen, sein Ziel sei es, mit anderen normalen Menschen Probleme zu definieren. Hat Jürgen gesagt!« Das Geturtel ging mir auf den Wecker. »Erst so kurz kennt ihr euch, und dann seid ihr miteinander in Urlaub gefahren«, bog ich das Thema um. »Kindlicher Leichtsinn«, sagte Julia. »Ich bin Julia hinterhergereist, habe sie aus ihrer Familie herausgerissen und nach Irland verschleppt.« »Und dabei wolltet ihr doch zuerst nach Italien!« »Ja, ich wollte nach Italien, aber Jürgen nach Skandinavien. Dann haben wir uns auf die Mitte geeinigt. Und als wir dort waren, da hat Jürgen mir gestanden, daß er gar nicht nach Skandinavien gewollt hätte, sondern genau nach Irland! Skandinavien hat Jürgen nur gesagt, damit der Kompromiß auf das hinausläuft, was er sowieso wollte. Nicht wahr, mein Schätzchen!« Julia zog ihren Jürgen an den Haaren. »Nächstes Mal muß ich mir was anderes ausdenken«, sagte er. »Ich bin gewarnt«, sagte sie und kicherte mal wieder. Oh, dieses Geturtel! Wir tranken noch ein Gläslein irischen Whiskey auf das junge Glück, dabei erfuhr ich, daß sich das Paar beim »ersten Einstellungsgespräch.«, wie Jürgen sagte, keineswegs sympathisch gewesen war.

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»Als erstes hat sie mich gefragt, ob ich schon geschieden sei«, sagte Jürgen. »Nein, er sei noch nicht geschieden, hat er gesagt. Erst später hat er mir gestanden, daß er noch nie verheiratet war! Und er hat gesagt, er wolle keine frisch geschiedene Frau, die würden nur ihren alten Ehemännern nachjammern. Aber dann haben wir uns doch irgendwie verständigt.« Das konnte ich sehen. Das frischverliebte Paar mit der typischen Attitüde, der Mittelpunkt der Welt zu sein, war unerträglich. Ich verabschiedete mich. Es gibt keine langweiligere Gesellschaft als Liebespaare. Ich war froh, daß ich Joschi nicht mitgenommen hatte. Er hätte bestimmt vor Julia und vor diesem Jürgen einen Heidenrespekt gehabt. »Ich habe nicht mal Abitur, was soll ich da mit Akademikern reden?« hatte er einmal gesagt, als ich ihm von Gottfried Schachtschnabel erzählt hatte. Natürlich, da war eine große Kluft. Ich rief Joschi an, als ich wieder zu Hause war, teilte ihm mit, daß ich abends doch Zeit hätte. Wie immer war er froh, mir zur Verfügung stehen zu dürfen. Joschi fand überhaupt nichts Besonderes an der Geschichte von Julia und Jürgen. Er hat keinen Sinn für Dramatik. Jede Illustrierte besteht ungefähr zur Hälfte aus Werbung, stellte ich fest. Immer, wenn ich vier Hefte durchkopiert hatte – das waren jedesmal 400-500 Kopien –, konnte ich mich eine Weile hinsetzen und das Kürzel für die Zeitschrift und die Heftnummer auf die Rückseite der Kopien schreiben. Das war der einzige Teil der Arbeit, bei dem ich nebenbei nachdenken konnte. Vor allem fragte ich mich, warum manche Leute – wie zum Beispiel Julia –
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immer Glück haben und andere – wie zum Beispiel ich – nie zum Zug kommen. Sogar Sieglinde Schadler würde nächste Woche am Ziel ihrer Wünsche angelangt sein. Und Gottfried Schachtschnabel hatte immer noch nicht geschrieben. Die entfremdete Arbeit des Kopierens und Sortierens – entfremdete Arbeit ist, wenn man machen muß, wozu man keine Lust hat, sagt Gottfried Schachtschnabel – ließ mir jedoch kaum Ruhe zum Nachdenken. Nachdem ich meine Zettel mit den Produktarten weggeworfen hatte und wie gewünscht nur noch nach sieben Grobkategorien einordnete, stellte ich fest: die Vereinfachung machte alles komplizierter. Je mehr Anzeigen ich kopiert hatte, desto weniger konnte ich unterscheiden. Denn wodurch unterschied sich jene Blondine, die einen Topf Margarine anlächelte, von jener, die einen Herrn wegen seines Rasierwassers anlächelte, und von jener, die lächelte, weil sie dank eines Computers nicht mehr arbeiten mußte? Einmal, nachdem ich eine Anzeige mehrmals bei Kosmetik eingeordnet hatte, stellte ich fest, daß es eine Anzeige für Motorenöl war: Ich mußte aufpassen. Um zu wissen, für welches Produkt die Werbung war, mußte ich jedesmal den Text durchlesen. Dann mußte ich die entsprechende Grobkategorie durchsuchen, ob ich dieses Produkt schon eingeordnet hatte, wenn ja, die Anzeige dazulegen. Nach drei Tagen kam ich darauf, daß das Einsortieren am einfachsten war, wenn ich alles wieder alphabetisch nach Produktarten ordnete. Zettel mit den Produktbezeichnungen legte ich aber nicht mehr dazwischen, für den Fall, daß man mich wieder kontrollieren käme.

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Donnerstag war eine Karte von Albert im Briefkasten. Die Karte kam aus Wien, es war ein Wiener Schnitzel drauf. Zum Schnitzel gab es Pommes frites, und daneben stand eine Flasche Cola. Wie geschmackvoll. Albert schrieb: Liebe Constanze! Das österreichische Kulturerbe läßt schön grüßen und ich auch. Dein ewiger Albert. P.S.: Gleich werde ich eine Sacher-Torte essen. Blödes Geschwätz. Er tat immer noch, als sei er alleine unterwegs. Hielt er mich für naiv?! Den ganzen nächsten Tag, während ich am Kopierer stand, überlegte ich, ob ich nicht auch eine Bekanntschafts- oder sogar eine Heiratsanzeige aufgeben sollte. Aber keine so kurze wie dieser Jürgen, so was auf keinen Fall. Wenn, dann mußte es eine ganz besondere Anzeige sein, denn ich wollte einen ganz besonderen Mann finden. Obwohl es Ewigkeiten dauerte, bis endlich Feierabend war, hatte ich am Abend keine Idee, was ich in einer Anzeige schreiben könnte. Um mein Schicksal wenigstens etwas voranzutreiben, kaufte ich mir in einer sehr edlen, sehr teuren Wäscheboutique einen sehr edlen, sehr teuren seidenen Unterrock. Viel zu teuer für meine Verhältnisse, aber wofür arbeitete ich eigentlich? Nachtblau war der Unterrock, mit cremefarbener Spitze. Er paßte zu vielen Sachen, die ich hatte: Phantastisch sah er aus unter meiner dunkelblauen Bluse, wenn ich die ersten drei Knöpfe der

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Bluse offenließ, konnte man den schönen Spitzeneinsatz gut sehen. Joschi fand das Dessous auch ganz toll. Samstag kam wieder eine Postkarte von Albert. Es war eine gezeichnete Kröte darauf, riesige Tränen tropften aus ihren Glotzaugen, über der Kröte eine Sprechblase, die Kröte sprach: »Schluchz! Was kann ich tun gegen meine glatte und reine Haut? Alle anderen Kröten haben Warzen und Pickel, bloß ich nicht! Schluchz! Schluchz!« Albert schrieb: Liebste Constanze! Natürlich mußte ich an Dich denken, als ich diese Karte sah. Ich hoffe, daß Du immer noch geheilt bist. Alles Gute! Bis bald!! Ein Küßchen in Ehren!!! Dein Albert. Ich war gerührt. Es war nett von Albert, sich um meine vollständige Heilung zu sorgen. Gott sei Dank, die Pickel waren nicht wieder aufgetaucht. »Ein Küßchen in Ehren«, schrieb er… liebte er mich noch? Oder war er so in diese Anna verliebt, daß er die ganze Welt und mich lediglich als eine von Millionen hätte umarmen mögen? Letzteres war wahrscheinlicher. »Machen wir uns nichts vor«, seufzte ich, selbstkritisch wie ich bin. »Alle anderen sind glücklich, nur ich nicht«, flüsterte eine Stimme. Wer sprach da? Es war der Neid. Am Nachmittag stritt ich mich mit Joseph wegen einer Kleinigkeit. Seine ewige Zuvorkommenheit ging mir auf die Nerven. Fast unterwürfig war sein Benehmen. Als ich ihm sagte, daß ich keine Lust hätte, mit ihm abends wegzugehen, weil ich meine Ruhe haben wolle, schickte er sich artig in sein Schicksal und fragte nur, wann er sich
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dann wieder melden solle. Ich sagte ihm, ich würde ihn dann anrufen. Mein Wunsch war ihm Befehl. Langweilig. Er würde dann eben mit seinen Kumpels weggehen, zum Kegeln vielleicht oder nur in die Kneipe. »Viel Vergnügen mit deinen Quatschköpfen«, sagte ich zum Abschied. Ich konnte seine kindischen Kumpels nicht leiden und sie mich auch nicht. Ich lag das ganze Wochenende im Bett und ärgerte mich: Über Joschi – in Maßen, er konnte im Grunde nichts dafür, daß er nett, aber langweilig war; über Albert – der feige Geizhals; über Gottfried Schachtschnabel – der hatte immer noch nicht geschrieben. Vor allem ärgerte ich mich über die gesellschaftlichen Verhältnisse, die mir den Lebenssinn meines Vaters aufgezwungen hatten: Ich verdiente Geld – sonst hatte mein Leben keinen Sinn. In der dritten Woche hatte ich endlich alles kopiert und konnte mit der Feingliederung anfangen. Nr. 2 kam und diktierte mir, »um alle Mißverständnisse auszuschließen«, wie er betonte, die Frauentypen, nach denen ich zu ordnen hatte: 1. Hausfrauen 2. Frauen in der Mutterrolle 3. Die Frau als gleichberechtigte Partnerin im Beruf 4. Frauen als sogenannte Sexualobjekte. Wenn ich unsicher sei, wo ich was einordnen solle, dann solle ich die »mehrdeutigen Anzeigen«, sagte Nr. 2, gesondert unter »Sonstige Frauen« ablegen. Vorschriftsmäßig fing ich bei »Hausfrauen« an, durchsuchte zuerst die Stapel »Hausfrauenbedarf« nach Hausfrauen. Ich staunte nicht schlecht – ich fand keine Hausfrau! Es gab zwar viel Reklame, in welcher eine Putzmittelflasche durch ein Wohnzimmer schwirrte, über
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Es kam mir seltsam vor. Männer. wie man bügelt oder Silber putzt. blätterte in den Stapeln »Hausfrauenbedarf« herum – davon hatte ich mittlerweile ungefähr 5000 Kopien –. Ich suchte nach Menschen. Geschirrspül-Generäle.einen Küchenboden wirbelte. Oder es waren Wannen-Wichtel. sagte. Der Personalchef sagte: »Gut. dann war es ein Mann. über Fensterscheiben fegte. was ich ihm erzählte. 2 ging mit mir an meinen Arbeitsplatz. die putzten – unter solchen Anzeigen stand. da war nur logisch. ging zum Personalchef. der Creativ-Direktor habe ihn ermächtigt. mähten den Rasen. Er glaubte nicht. Männer waren sehr fleißig im Haushalt. Waschmittel-Ritter. 2 ein weibliches Waschpulverungeheuer. was ich tun sollte. Er hielt mir die Kopie 369 . Ich wußte nicht. schließlich fand Nr. daß das jeweilige Putzungeheuer der Hausfrau sämtliche Arbeit abnehme. Klo-Riesen oder Klo-Heinzelmännchen. die in der Reklamewelt arbeiteten – ich fand Männer. Und wenn sie ausnahmsweise nicht selbst Hand anlegten. hüteten Rinder. daß sie auf den Anzeigen gar nicht in Erscheinung traten. Männer tapezierten. dann erklärten sie den »sehr verehrten gnädigen Damen und lieben Hausfrauen«. daß die Mittel »selbsttätig« arbeiteten. daß ich Probleme hätte mit den Hausfrauen. hüteten Kinder.« Nr. über dem Klobecken schwebte. Es kam jedoch nur Nr. aber das taten diese Putzmittel ohne Mitwirkung einer Hausfrau: im Text stand jeweils. Er telefonierte den CreativDirektor herbei. Offensichtlich waren die Hausfrauen überflüssig. jetsetteten von Termin zu Termin. pflückten Obst – und den Rest der Arbeit übernahm der Einmachtopf selbsttätig. nur Männer! Wenn jemand kochte. 2 und teilte mit.

die Anzeigen nach Produkten zu ordnen. Jahrhunderts läuft so herum. Das ist keine berufstätige Frau! Das ist das Selbstbild der deutschen Hausfrau! Eindeutig!« Ich gab nicht zu. keinesfalls jedoch Hausfrau. nicht gewußt zu haben. wegzugehen. daß es so nicht ginge. Ich hatte mich nicht getraut. Der CreativDirektor sah sich die Stapel »Investitionsgüter« und »Kosmetik« durch und sagte. Und keine trägt Stöckelschuhe in der Küche! Nr. mit Spitzenhäubchen und langer Rüschenschürze. 2 blätterte die anderen Stapel durch. ich solle sie von nun an ausschließlich nach Frauentypen ordnen. Und ich solle warten. daß ich diese Anzeige in die Rubrik »Die Frau als gleichberechtigte Partnerin im Beruf« hätte einordnen wollen. bis er mit seinem Creativ-Direktor zurückkam. Ich sagte ihm. Ich holte tief Luft und 370 . 2 sah mich vernichtend an und sagte: »Sie haben keine Ahnung von Werbewirkung. es hätte keinen Sinn. daß aber ansonsten keine Hausfrauen abgebildet seien. da haben wir sie doch. Ich hätte von Anfang an nach Frauentypen ordnen müssen. denn keine Hausfrau seit Beginn des 20. Nr. daß dies das Selbstbild der deutschen Hausfrau war. Es dauerte geschlagene zwei Stunden.unter die Nase und rief: »Na sehn Sie. und war fast verhungert. sondern sagte nur. er würde jetzt in aller Deutlichkeit klarstellen. die typische Hausfrau!« Ich sagte ihm. daß doch er es so angeordnet hatte. da die Frau auf der Anzeige vermutlich von Beruf Waschmittelberaterin sei. dann sagte er. Er sagte. daß diese Einordnung nach Produktkategorien Quatsch sei. Dann verschwanden die beiden wieder. bis er zurückkäme.

läge meine Mutter gemütlich im Liegestuhl. informative Werbung«. informative Werbung«. fand ich die Anzeige einer Bausparkasse: Im Hintergrund das Eigenheim.mir zuerst was zu essen. eine weitere Kategorie einzuführen: Ich solle alle Anzeigen zusammenlegen. weil die Idylle mich an meine Eltern erinnerte – obwohl mein Vater garantiert einen Tobsuchtsanfall bekäme. Ich legte eine Gedenkminute ein für Sieglinde LamarSchadler. Ob Wolf-Dietrich das teure Kostüm genehmigt hatte? Wie Sieglinde als Hausfrau aussehen würde? 371 . Man hätte beschlossen. stand Nr. Na ja. auf denen nur das Produkt abgebildet ist beziehungsweise auf denen keine Personen abgebildet sind – das wäre die neue Kategorie »Sachliche. die ihn teilnehmend beobachtete. der die Rosensträucher kontrollierte. Also sortierte ich die Anzeigen aus. weil die Produkte alles ganz allein putzten… all diese Anzeigen kamen nun zur Kategorie »Sachliche. die ab heute für unbestimmte Zeit verheiratet sein würde. und daneben im Liegestuhl eine Frau. auf denen keine Leute waren. vorn im Garten ein Mann. Sonst fand ich keine hausfrauenähnliche Person weiblichen Geschlechts. weil die Hausfrauen ja nicht abgebildet waren. Ich klassifizierte die Dame als Hausfrau. daß der größte Teil seiner Arbeitszeit damit draufginge. teilte er mir mit. 2 schon wieder in der Bibliothek herum. Der Stapel »Hausfrauenbedarf« löste sich auf. die Anordnungen seines Chefs rückgängig zu machen. während er sich mit seinen Rosen wichtigmacht. Als ich wiederkam. Als ich die Stapel »Investitionsgüter« nach Hausfrauen durchsuchte. Josephi sagte am Abend auch.

Zwei fand ich nur: eine prominente Modeschöpferin. taten aber auch nichts Vernünftiges. Die Damen trugen lediglich dann keine Juwelen. Die Reklamefrauen. Alle Frauen aus der Kategorie »Verkehr« konnte ich nur als »Sonstige Frauen« bezeichnen.Nach den Hausfrauen suchte ich »Die Frau als gleichberechtigte Partnerin im Beruf« – es sah schlecht aus mit der berufstätigen Partnerin im Beruf. wenn sie in ihren Marmorbadewannen herumplatschten. ob ich einen Mann kannte. die den Vorschriften für die Garden-Parties der Queen genügt hätten. All die anderen Frauen auf den Anzeigen hatten mit Arbeit sowenig im Sinn wie die Hausfrauen. der keine Anzeige wegen Sachbeschädigung erstattete. seitdem sie sich an ihren »kritischen Tagen« auf ihre supersichere Damenbinde verlassen könnte. ihren Teint mit einer Seife für 98 Pfennig zu waschen. Ich kannte keine Frau. War eine Frau allein auf einer Autoreklame zu sehen. die in der Kategorie »Verkehr« auftraten. nein. dann saß sie nicht am Steuer. vermutlich weil er die Führerscheinprüfung bestanden hatte. was an Ausstattung geboten wurde. und eine prominente Autorennfahrerin. daß sich ihr Leben entscheidend verändert hätte. Ich überlegte. waren zwar nicht ganz so edel. Man merkte es schon an der Garderobe. Das Schlichteste. die auf seinem Auto 372 . fiel mir ein. die mutwillig Dellen in ihr Auto machen und mit Stöckelschuhen den Lack zerkratzen würde. Entweder himmelten sie den Mann am Steuer an. alle Weiber in der Autoreklame turnten auf der Motorhaube herum. waren Klamotten. würde er eine Frau erwischen. die berichtete. – Meine Badewanne müßte auch mal wieder gründlich geschrubbt werden. die behauptete.

daß ich nach der Agentur sofort nach Hause ging… Gottfried Schachtschnabel hatte mir geschrieben! Oh. In der Reklame gab es entweder alleinstehende Kinder – sie wurden von den selbsttätigen Produkten versorgt – oder es waren wieder die Männer am Werk. Doch eigentlich war ich schon erstaunt. als endlich Feierabend war. Eigentlich war ich schon nicht mehr erstaunt. daß sogar Gottfried Schachtschnabel nicht emotional neutral bleiben würde beim Anblick eines Kratzers im jeansblauen Lack seines Mercedes. ich kannte keinen. daß er gerade zum erstenmal bei ihr übernachtet hat! Daß ein Mann zweimal dieselbe Frau für denselben Kaffee lobt. Es war nicht meine Schuld. die nicht mal auf eine eheähnliche Beziehung schließen ließen: Wenn ein Mann eine Frau abknutscht. Es war ein Glück. Natürlich wußte ich. blödelten in Bars oder Boutiquen herum – wenn sie nicht gerade Autos demolierten. sich um ihre Kinder zu kümmern. Klar. weil sie so guten Kaffee kocht. Gottfried Schachtschnabel hatte die 373 . aber so war es. Ich machte mich an die nächste Sorte Frauen. die Frauen hatten keine Zeit. Tief im Herzen vermutete ich. hatte ich große Stapel »Sonstige Frauen« aussortiert. die Frauen lagen am Strand oder in der Badewanne. das gibt es doch nicht! Freitag. daß dieses Gemälde nicht nur von einem anerkannten Künstler ist. die in der Rolle als Mutter. Oder sie bewunderten Männer und taten mit den bewunderten Männern Dinge. sondern auch einen einzigartigen politischen Stellenwert in der Kunstgeschichte hat. daß ich kaum Mütter fand. aber nur wenige Mütter. Nein. dann ist doch klar.herumtrampelte. es war eine Postkarte von Picassos Guernica.

Das einzige. Sonntagmorgens. Durchdrungen von hohen Werten hatte er eine Postkarte formuliert – für mich. rief Albert an. war die etwas unpersönliche Anrede »Hallo« – da hätte er ruhig schreiben können »Liebe«! Aber andererseits. um mit Albert zu telefonieren. Er war bemitleidenswert konkurrenzunfähig. so angenehm zurückhaltend. Das Semester fing in drei Wochen wieder an. Unsere Faszination durch die hiesige Kunst und Kulinarik fand ihren Höhepunkt im Prado. da mußte er doch endlich bald zurückkommen. Ich rechnete nach. mich zu erreichen. was er sich dabei 374 . so war er eben. Heimlich seufzend verbrachte ich das Wochenende mit Joschi. übermittle ich Dir hiermit die besten Grüße aus der Heimat Goyas. Meine Rückkehr findet in Kürze statt. mein Versprechen gerne einlösend.ganze Karte mit seiner wundervollen kleinen Schrift vollgeschrieben. Mit freundlichen Grüßen Gottfried S. Don Quixotes und – last but not least – Picassos. Joschi lag noch in meinem Bett. störte mich Josephis Anwesenheit. Obwohl ich ins andere Zimmer ging. Gottfried Schachtschnabel schrieb: Hallo Constanze. Wie ein Schwamm saugte ich Gottfried Schachtschnabels Worte in mich auf. wohin endlich Picassos grandiose Anklage des Bürgerkriegs aus einem USamerikanischen Museum zurückgebracht wurde. Er sei schon seit einer Woche zurück und hätte schon öfter versucht. was mir nicht gefiel. Eigentlich wollte ich zunächst von Albert erklärt bekommen. Trotzdem ließ ich ihn bei mir übernachten.

Es war mein Vorschlag gewesen – es ist immer von Vorteil. sich auf unbekanntem Terrain zu treffen.gedacht hatte. Er hatte sich Koteletten wachsen lassen und sah aus. wenn man nicht weiß. was man sich zu sagen haben wird. Albert und ich. auf damenhafte Eleganz. Er trug eine dunkelblaue Hose und dazu schwarze Schuhe! War er farbenblind geworden? Wir begrüßten uns herzlich und bemühten uns dabei heftig. er solle sich mit seinen Kumpels treffen. Albert war erfreut über meine Freude. sagte mal ein Cowboy in einem Western. das ist der Raum. daß du mich sofort anrufst!« Und: »Vielen Dank für die Postkarten!« Und: »Ja. mit dieser Anna wegzufahren. Oder war es eine psychologische Abhandlung gewesen? Egal. wie mein Vater. als sei er mittendrin in der Midlife-Crisis. aber dennoch blaß. wir hatten uns in einem Lokal verabredet. 375 . ohne mir vorher etwas davon zu sagen. in dem sich die Hoffnung mit dem Vergessen trifft«. Mich in Sieglindes Messer laufen zu lassen! Hatte ich ihm nicht oft genug gesagt. daß wir uns harmonisch getrennt hatten! Aber weil Joschi im anderen Zimmer war und weil die Wände meiner Wohnung dünn sind. jede plumpe Vertraulichkeit zu vermeiden. rief ich nur entzückt ins Telefon: »Aha. Er steht. du bist wieder da!« Und: »Nett. an den ich mich sonst nicht mehr erinnere. Ich erschrak als ich ihn sah. Obwohl es nichts mehr zu bedeuten hatte. Er war braun. Josephi sagte ich. in dem wir beide noch nie gewesen waren. wir müssen uns unbedingt treffen!« Dazu lachte ich laut und viel ins Telefon. wir verabredeten uns gleich für den Abend. Albert wartete vor dem Lokal auf mich. trug ich extra für Albert mein türkisfarbenes Seidentop und den Rock dazu. das hatte ich mir jedenfalls gemerkt. »Terra incognita.

»Sie rechnet jeden. wie ich sein kann. Albert fiel prompt auf meine Unterstellung herein. daß der neue Anlasser viel länger halten würde als nur für die Reise.« Ich lachte mich fast kaputt. sagte Albert. »Weil sie auch im Krankenhaus arbeitet. haben wir viel Gemeinsamkeiten und Gesprächsstoff in beliebiger Menge. daß dich das amüsieren würde«. »Wie du meinst«. sagte ich großzügig. Albert hatte drei Kilo zugenommen. kaputtgegangen. ehe er seufzte: »Anna ist ziemlich geizig.) Als ich Albert später noch fragte. kamen wir nicht zu sprechen.Österreich war schön.« »So«. »Aber sonst haben wir uns gut verstanden«. »Ich wußte. An der Autoreparatur hat sie sich nur mit 10 Prozent beteiligt. aber die Wiener waren alle irgendwie komische Kauze. sagte er. was denn seine Anna ihm zum Geburtstag geschenkt hatte. Aber teuer. 376 . das ging mir mächtig auf die Nerven. der sehr großzügig ist. sagte ich nur. »Jeder hat seine Fehler«. winkte Albert nur ab. nachts. wenn ich will. zum Glück keine große Reparatur. sie meinte. daß Joschi Elektriker ist. sagte Albert. Alberts Auto war unterwegs. aber jeden Pfennig ab.« Ich lachte mich kaputt. (Darauf. »Worüber hast du dich mit Anna gestritten?« fragte ich tückisch. »Man« hatte viel gefaulenzt. er zögerte aber etwas. Einmal fand »man« im Hotelzimmer eine riesige Spinne. Irgendwie kamen wir dann auf Joschi zu sprechen. und der Trotz in seiner Stimme war unüberhörbar. aber eins schon wieder abgenommen. Wien war sehr schön.

auf der ein Schlaumeier einer Frau den Unterschied zwischen einer Tube Schuhcreme und einem Sonnenschutzmittel erklärte. Er tat mir fast ein bißchen leid: Hatte er wirklich geglaubt. Ein Geiziger gerat an eine Geizige. nicht nur die völlig Nackten zu den sexistischen Anzeigen zu ordnen. als ich gerade überlegte. 2. »Frauen als sogenannte Sexualobjekte« auszusuchen. daß die Arbeit gut voranginge. ob ich eine auf einer Waschmaschine tanzende Disco-Göre zu »Frauen als sogenannte Sexualobjekte« oder zu »Sonstige Frauen« legen sollte. »Ich lade dich ein«. wie das Leben so spielt. Geschah ihm recht. er fände anderswo das ungetrübte Glück?! Von Schadenfreude beflügelt. um eine Frau für so doof zu halten? Am Dienstag. Wann ich endlich fertig wäre? Die Untersuchung müßte 377 . ich sagte ihm. daß ich mich fragte. Sexistisch war eigentlich auch die Anzeige. Aber die konnten ja nichts für die Werbung. diese Werbung hatten sich Männer ausgedacht. wie die Arbeit voranginge. da war ich sicher. Ich entschied mich. sagte er und tat so selbstverständlich. hahaha. ob das eine selbstauferlegte Buße für seinen früheren Geiz mir gegenüber war? Oder war es Rache an Anna? Ja. erschien Nr. Albert zahlte für mich mit. Ich konnte nur den Kopf schütteln: Wie blöde muß ein Mann sein. Gleich und gleich gesellt sich gern. ohne uns gestritten zu haben. als hätte dieser Typ soeben das Kaffeepulver erfunden. die hätte man alle für unzurechnungsfähig erklären müssen. sondern auch die vielen. auf denen jeweils mehrere Frauen einen Mann anhimmelten. Er fragte.Wir gingen auseinander. Und all die Blondinen. die ein Paket Kanarienvogelfutter oder eine Flasche mit Weichspüler oder eine Dose Haarspray abknutschten. begann ich am nächsten Morgen.

das könnte nicht sein. 2. sondern sagte. Er sagte. daß die Werbung die Rolle der Mutter so aufwertet?« Ich antwortete nichts auf diesen Quatsch. 2 betrachtete die vielen Stapel »Sonstige Frauen« und fragte. »So. immer waren es die Väter. 378 . »Also. hat das keinen Sinn!« rief Nr. ich müßte notfalls abends länger dableiben. wie Sie das machen. dies wären berufstätige Frauen. Ich fragte. Nr. ich solle nicht weitermachen. Da wurde ich aber wütend! Ich zeigte ihm den großen Stapel Väter. die sich mit den Kindern beschäftigten. daß es nur sehr wenige Mütter in der Werbung gebe. Vitaminpille oder Haferflocken. dann hätte ich nicht sorgfältig gearbeitet. Dann fragte er: »Finden Sie als Frau es nicht begrüßenswert. die nur mit Büstenhalter bekleidet zwischen Herren im Maßanzug an einem Konferenztisch saß. bis er wiederkäme. daß ich insgesamt lediglich drei berufstätige Frauen gefunden hätte.bis Ende des Monats fertig sein. daß ich nicht geschlampt hatte.« Egal ob Krankenkasse. er sagte. für solche Fragen sei er nicht zuständig. Er sah sich die Anzeigen durch und schien dann beruhigt. Ich zeigte ihm vom Stapel »Frauen als sogenannte Sexualobjekte« eine nackte Blondine an einem Computer und eine Brünette. und fragte ihn. den ich extra gesammelt hatte und den Zettel. ob er behaupten wolle. ob es dann Überstundenzuschlag gebe. das dürfen Sie mir nicht weismachen!« rief er. Dann sagte er. den ich dazugelegt hatte: »Männer in der Rolle als Mutter. Ich berichtete ihm. was denn das zu bedeuten hätte.

kommt prompt die Kontrolle.« Dann wollte er wissen. fügte er hinzu. »wir ordnen alle Frauen unter dreißig. putzte meine Fingernägel und tuschte die Wimpern nach. das sind doch zwei schnuckelige Sekretärinnen in den Ferien. die in 379 . die Sie ohne Arbeit zubereiten können. »Also sind diese Frauen berufstätig«. es war eine Anzeige für tiefgefrorene Kartoffelpuffer. Der Creativ-Direktor hatte eine Anzeige vom Stapel »Sonstige Frauen« genommen. kämmte mich ein bißchen. »Da sind Sie ja endlich!« rief Nr. 2. 2 und der CreativDirektor ungeduldig in der Bibliothek. in die Kategorie ›Berufstätige Frau‹. daß diese Frauen für sich selbst sorgen müßten. »Ich schlage vor«. die ohne Mann präsentiert sind. nicht bei den berufstätigen Frauen eingeordnet hätte. auf der Anzeige sonnten sich zwei Schönheiten. Mist. standen Nr. und wenn auf den Anzeigen nicht einmal ein Mann zu sehen ist. 2. daß sie Hausfrau und Mutter seien.»Gut.« »Das ist logisch«.« Ich ging aufs Klo. Ich fragte. was diese Dame hier beruflich macht«.« Der Creativ-Direktor sagte: »Die zwei Hasen da. im Text unter dem Bild stand: »Eine schmackhafte Mahlzeit. dann wäre doch eindeutig. warum ich die Anzeigen. befand der Creativ-Direktor. da sei nicht anzunehmen. Geht man einmal weg. was diese Frauen denn arbeiten würden? Das könne er so konkret auch nicht sagen. schlußfolgerte Nr. aber diese Frauen seien doch so jung. die tun Sie schön zu den berufstätigen Frauen. Als ich wiederkam. sagte ich und zeigte auf eine. auf denen Frauen auf den Motorhauben diverser Autos posierten. »Ich kann mir nicht vorstellen.

daß alle Frauen. die innerhalb eines Hauses abgebildet sind. und die. »Genausogut kann man behaupten. daß ihm das nicht eingefallen war. runzelte die Stirn. sagte der Creativ-Direktor. 2 lächelte mit. sagte ich frech und ungebeugt. »… ›Freizeit!‹ Jetzt paßt es rein! Was sagen Sie dazu?!« Nr.einem Kahn auf mondbeschienenem See herumgondelte und dabei ein Abendkleid aus Spitze trug. Ich war auch platt. sagte der CreativDirektor schlau. Ganz genauso ordnen Sie ein. sagte der Creativ-Direktor. und Nr. »Sieh mal einer an«. die draußen sind. 2 lachte sich tot. »Sie haben ja creatives Potential. dann rieb er sich das Kinn. Nr. sind gleichberechtigte Partnerinnen in Beruf und Freizeit. »Einwandfrei eine berufstätige Frau. Hausfrauen sind!« rief ich empört. Der Creativ-Direktor sah mich verblüfft an. als sie gingen. Ich lächelte charmant. die im Haus sind. und Nr. daß er sich ärgerte. 380 . 2 sah mich sehr mißbilligend an. sind Hausfrauen.« Er lächelte mich an. 2 war platt: »Die Frau als gleichberechtigte Partnerin in Beruf und Freizeit‹ – das ist die Lösung! Das wird ein phantastisches Untersuchungsergebnis!« Es war ihm anzusehen. es handele sich um eine wissenschaftlich exakte Untersuchung«. »Die Frauen. »Ja. dann machen wir es doch einfach so«. »wir erweitern die Kategorie!« Er lächelte mich an: »Die Kategorie heißt von nun an ›Die Frau als gleichberechtigte Partnerin in Beruf und‹…« er machte eine bedeutungsvolle Pause.« »Ich dachte.« »Frohes Schaffen!« sagten die beiden. »Die ist Fotomodell von Beruf«.

das sei auch Produktdemonstration. 2 kam sogar in Begleitung des Creativ-Direktors. die nichts anhatte außer einer ganz durchsichtigen Strumpfhose. das sei eine neutrale Darstellung. daß ich mit dem Umsortieren fertig war. Den Stapel »Frauen als sogenannte Sexualobjekte« mußte ich zwar drastisch reduzieren. die kniend ihre Zehennägel lackierte.bis total nackt zu sehen waren. der sei ja nicht unanständig. zur sexistischen Werbung getan hätte? Das sei doch Produktdemonstration. immer wieder mußte ich mich fragen. Ich hatte ihnen noch vorgesagt! In dieser Nacht konnte ich kaum schlafen. das einzige. Und die Nackte. daß auch Sie unbekleidet mit einem Mann zusammen sind?« fragte der 381 . rein sachlich durch das Produkt bedingt. Innerlich rebellierend ordnete ich in den nächsten zwei Tagen alles um. Und Produktdemonstration. sie in die Kategorie »Hausfrauen« oder »Die Frau als gleichberechtigte Partnerin in Beruf und Freizeit« einzuordnen. gemäß den Wünschen der Herren. Warum ich die Frau. Dann ging ich zum Personalchef. Und der nackte Mensch an sich. ohne daß eine häusliche Atmosphäre oder irgendwelche Freizeitrequisiten mich zwangen. Aber ich hatte keine andere Wahl. wofür sie sich interessierten. Nr. um den Herren ausrichten zu lassen. war der Stapel mit sexistischer Werbung. auf denen Frauen halb.Dann war ich allein mit meinem Gewissen. ob ich mich mitschuldig gemacht hatte an der Diskriminierung meines eigenen Geschlechts. »Können Sie sich nicht vorstellen. Was Gottfried Schachtschnabel wohl dazu sagen würde? Au weia. aber es blieben doch noch eine Menge Anzeigen übrig.

»Sicherlich gibt es Frauen. war aber am nächsten Morgen damit fertig. Mit leichter Hand verteilte der Creativ382 . So. Die Vielfalt der Insekten. fügte ich höhnisch hinzu und betrachtete dabei interessiert den Bierbauch des Creativ-Direktors.« Als die beiden die Tür hinter sich zugemacht hatten. streckte ich ihnen die Zunge heraus. den das stimuliere. Wieder voll Widerwillen ordnete ich wieder um. Ich bat die Herren zu mir in die Bibliothek. die zwanghaft ihre Weiblichkeit zu verdrängen versuchen«. sagte der CreativDirektor zu mir.Creativ-Direktor und taxierte meine Beine von den Knöcheln bis zur Taille. das sehe man allein an den Produkten. »aber unsere Aufgabe als Werbeschaffende ist es. Einen Mann. Ungefähr 500 Kopien hatte ich noch bei »Frauen als sogenannte Sexualobjekte«. Der Job ging mir auf die Nerven. die durchschnittliche Frau anzusprechen. Die Herren blickten konsterniert zurück.« Es fiel mir nichts dazu ein! »Also. daß sie sogar bei einer nackten Frau in einer Illustrierten den Verstand verlieren. daß ich bisher nicht geglaubt hätte. Der Prüderie lasse ich mich nicht bezichtigen! Ich sah die beiden verachtungsvoll an und sagte. Diese Werbung sei für Frauen konzipiert. war interessanter gewesen. 2. Die Wut stieg in mir hoch. sagte Nr. »und nun ordnen Sie die Frauen aber bitte richtig ein. daß die Männer so doof sind. als spräche er zu einem Kleinkind. hahaha. nun fangen Sie noch mal an«. Ich wollte so schnell wie möglich fertig werden. der müsse schlimme Defizite haben. die ich vor vier Monaten sortiert hatte. In meinem Bekanntenkreis gebe es keine solchen Männer.

die insgesamt viermal in den Frauenzeitschriften erschienen war. Es war eine Frau darauf.Direktor diese Kopien auf die Stapel »Sachliche. nackt war. es war eine Anzeige für Taschenlampen. 2. steckte die Hände in die Hosentaschen und sagte: »Nun kommt der wissenschaftliche Teil der Untersuchung… nun müssen die Anzeigen alle gezählt werden.« So konnte er mir nicht kommen. der macht doch auch Produktdemonstration und ist trotzdem nicht nackt!« »Gut«.« »Den ganzen Mist zählen!« rief ich. zurück. von der es drei Kopien gab.« Übrig ließ er nur eine Anzeige. und die Frau trinkt Champagner. »Dieser Arsch von der ist eine Zumutung«. sagte der Creativ-Direktor und legte diese Anzeige. sagte der Creativ-Direktor und legte die vier Kopien zurück auf den einstigen Stapel sexistischer Anzeigen. soweit sie sichtbar war. Das war zuviel! »Und was ist mit dieser?!« rief ich und nahm die Anzeige. mich der Frauendiskriminierung schuldig 383 . informative Werbung« und »Die Frau als gleichberechtigte Partnerin in Beruf und Freizeit. »Es ist eine Anzeige für Champagner. Alle anderen Anzeigen hatte er wegsortiert. Dann seufzte er. damit wir die Anteile unserer Frauensorten ermitteln können. informative Werbung« gelegt hatte. sie trank mit einem Mann Champagner. »schließlich wollen wir objektiv sein«. darauf eine Nackte. sagte Nr. sie hielt die Taschenlampe in Phallushöhe. Ich hatte für meine Bedürfnisse genügend Geld verdient. sagte er lächelnd. und mein schlechtes Gewissen. seitlich fotografiert. »Der Mann trinkt doch auch Champagner. »Eindeutig Produktdemonstration«. die er als letzte zu »Sachliche. die.

Zwei Stunden später war es endlich geschafft. Was war das wieder für eine Tücke? Egal. Sie wissen bestimmt. »klar!« Dann sagte er zu mir: »Sie müssen sämtliche Anzeigen zählen. »Was. weil ich fertig werden wollte und weil der Personalchef mir Überstundenzuschlag versprochen hatte. quälte mich noch immer. desto geringer ist der Anteil sexistischer Werbung… in Prozenten ausgedrückt… verstehen Sie?« »Aha«. auf denen keine Frauen abgebildet sind. Vergessen Sie die nicht!« ermahnte mich Nr. 2 flüsterte den Creativ-Direktor von der Seite an. daß die beiden endlich abzogen. Ich zählte bis nachts um elf. ob ich unter diesen Umstanden fristlos kündigen sollte. aber jetzt waren es 384 . die auch?« sagte der Creativ-Direktor erstaunt. 2. Ich überlegte. Ich schichtete die Kopien in Bündeln von fünfzig Stück längs und quer übereinander. Es darf Ihnen kein Fehler beim Zahlen unterlaufen! Die Zahlen werden den Frauenverbanden präsentiert. ich konnte ihn aber trotzdem verstehen: »Je mehr Anzeigen wir insgesamt haben. Die blöden Kopien klebten an meinen Fingern. 2 lächelte stolz. sagte der Creativ-Direktor. Ich war froh. Freitag ab neun zählte ich schon weiter. wie pingelig die sind. »es muß eine wissenschaftlich exakte Untersuchung werden. auf denen keine Frauen drauf sind!« Nr.« »Und Sie müssen auch die mitzählen. »Natürlich«. Ich hatte die letzte. die größte Kategorie durchgezählt – und ich konnte es kaum fassen: Ich hatte nur 3 berufstätige Frauen gefunden.gemacht zu haben. auch die. sagte der Creativ-Direktor.« Nr. »Es geht doch nur um Frauendarstellungen. Ich zählte und zählte.

obwohl ich mir nicht sicher war. sagte ich mit fester Stimme. »Ja«. ich könnte mich verrechnet haben. es würde ein phantastisches Untersuchungsergebnis… Mich packte die Wut! Dann die Verzweiflung. 2 gejubelt hatte. warum Nr. ob nicht manchmal Kopien aneinander klebengeblieben waren. gab ihm die Liste. die ich sonst achtlos überblätterte. Etwas gefaßter schrieb ich eine Liste mit den Ergebnissen der Auszählung: Sachliche. Jawohl. 385 . nie wieder Produkte mit sexistischer Werbung zu kaufen. Von nun an würde ich all die Anzeigen. Was sollte ich tun? Ich schwor mir.13419 gleichberechtigte Partnerinnen in Beruf und Freizeit geworden! Jetzt begriff ich. kontrollierte ich das Endresultat viermal. dann war ich sicher: Es waren insgesamt achtundzwanzigtausendsechshundertundvierzehn Anzeigen. »Haben Sie ehrlich exakt gezählt?« fragte er und sah mich scharf an. genau ansehen und mir genau merken. 28614! Uff! Ich schleppte mich zum Personalchef. informative Werbung Hausfrauen Männer in der Rolle als Frau Frauen in der Mutterrolle Die Frau als gleichberechtigte Partnerin in Beruf und Freizeit Frauen als sogenannte Sexualobjekte 5826 Anzeigen 6827 Anzeigen 2453 Anzeigen 82 Anzeigen 13419 Anzeigen 7 Anzeigen Aus Angst. welche Produkte ich nicht kaufen würde.

der gebrüllt hatte.»Hm«. der Creativ-Direktor und Nr. »Achtundzwanzigtausendsechshundertundvierzehn. 2. Eine Tür öffnete sich. auf denen Frauen als sogenannte Sexualobjekte zu sehen sind. »Wegen einem dreihundertstel Prozent machen die Emanzen ein Theater! Ist doch nicht zu fassen. ob ich dem Personalchef auf Wiedersehen sagen sollte. wie wirklichkeitsfremd die sind!!« rief der Creativ-Direktor und brach in wildes Gelächter aus. er kam aus seinem Zimmer. es kam eine junge Frau auf 386 . »Es ist nicht einmal ein dreihundertstel Prozent!« rief Nr. »An diesen Zahlen ist nicht zu rütteln!« rief der Personalchef. mein Job war beendet. 2 schrie: »Wir haben es ausgerechnet! 0. Ich war todmüde. Endlich kam sie wieder. Nr. ließ die Karte abzeichnen. Ich wollte nach Hause. Ich überlegte. daß sie meine Überstunden in meine Anwesenheitskarte eintrug. 2. was das bedeutet?!« rief der Personalchef.« Ich sagte nichts dazu.0245 Prozent der Anzeigen haben sexistische Tendenz!« »Wissen Sie. Und davon nur sieben Anzeigen. Grandios. Ich ging zu der Sekretärin und achtete darauf. sagte. 2 waren bei ihm. sagte der Personalchef. das ist eine stolze Zahl. als plötzlich ein wilder Schrei durch die Etage gellte: »Champagner für alle!« Es war der Personalchef. der Chef sei prima Laune und für die Überstunden bekäme ich sogar einen Zuschlag von 75 Pfennig pro Stunde. Dann ging sie zum Personalchef. Die macht Eindruck. »Nicht einmal ein dreihundertstel Prozent aller Werbung ist sexistisch!« rief Nr. das macht einen sehr guten Eindruck.

mehr als zwei Drittel der gesamten Werbung seien frauendiskriminierend?« »Diese Untersuchung können Sie in den Müll werfen! Nicht einmal exakte Zahlen!« rief Nr. Wie konnte sie nur auf diese Männer reinfallen? Oder war sie Alkoholikerin.0245 Prozent!« »So was«. »Es sind exakt 0. in der steht. sah die lachende Meute und sagte: »Champagner.15 Prozent in der ehrenwerten Rolle als Mutter und Hausfrau!« schrie Nr. 2. Die Frau hüpfte immer noch auf und ab und rief: »Mann. bin ich froh. daß es Champagner und keine sexistische Werbung gibt!« Ich sah die Frau verstohlen von der Seite an. »Mann. daß es keine sexistische Werbung gibt! Wissenschaftlich exakt! Nur 0. schrie der Creativ-Direktor. 2. »Und was machen wir mit der Studie des Frauenforschungszentrums. ich hab was von Champagner gehört.« »Wir haben bewiesen.89 Prozent aller in den Anzeigen abgebildeten Frauen sind als gleichberechtigte Partnerinnen in Beruf und Freizeit dargestellt!« »Und zusätzlich 24. hahahaha.den Flur. Die Uhr des Creativ-Direktors piepste. für ein Glas Champagner ihre Seele zu verkaufen? 387 . bereit. die wegen des Champagners gekommen war. wer weiß. »46. und hüpfte auf und ab. ist das toll!« kreischte die Frau. was sich diese Weiber für Kriterien ausgedacht haben!« »Wir haben ein weiteres hervorragendes Ergebnis zu präsentieren«. schrie die Frau und begann ebenfalls hysterisch zu lachen. »Wo bleibt unser Champagner!« rief er.0245 Prozent! Über zwei Drittel.

Es war auch plötzlich so kalt geworden. als ich mich mit Josephi im Café Kaputt traf. Er hatte recht. oder waren es meine Nerven? Ich besoff mich. war es der Wetterwechsel. Ich trank mit meinen Feinden keinen Champagner.014 Prozent auf die 0. war ich fix und fertig. ich hatte keine Lust.»Trinken Sie ein Gläschen mit uns?« fragte mich der Creativ-Direktor und betrachtete freundlich meine Beine. Er rechnete mir vor.0245 Prozent erhöht hatte. daß ich damit den ursprünglichen Anteil um 57 Prozent erhöht hatte. soweit konnten sie mich nicht demütigen. Nein. und Josephi tröstete mich. Ach. darauf konnte ich stolz sein! 60. Noch abends. Ich schleppte mich heim ins Bett. der mir so zu schaffen machte. Ich wollte nur noch mein Geld. wie nett er war. daß ich durch meinen mutigen Einsatz den Anteil sexistischer Werbung von 0. Kapitel Gottfried Schachtschnabel war zurückgekehrt! 388 . aber was war das schon? Erst als er mir vorrechnete. konnte ich wieder lachen. Na ja.

daß er zuerst bei seiner Frau vorbei müsse. Ich hatte ihm erzählt. die ich trug. Lehm so zu gestalten. Seit seinem Anruf hatte ich die Wohnung geputzt. verhüllte nur notdürftig meinen nachtblauen Seidenunterrock. fast hätte ich auch die 389 . dem archaischen Material Lehm nachzugeben. und hatte ganz offen gesagt. dort schnell etwas abliefern. das habe ich nur gedacht. die er im nächsten Jahr auf seine Terrasse stellen und bepflanzen würde. und er hätte dann wunderschöne Gefäße geschaffen. und gelernt.61. als er mich anrief! Er hatte von der picassoesken Kraft der spanischen Landschaft geschwärmt – welch wunderbare Kulisse für jeden Film! Er hatte erzählt. wie es meinem Drehbuch ginge. als ich Gottfried Schachtschnabel in meiner Wohnung empfing. aber dann… schon so gegen acht könnte er bei mir sein. was ich in den letzten Monaten gemacht hatte und daß mir die Inspiration gefehlt hatte – so wie er mir gefehlt hatte –. Er hatte vorgeschlagen. doch dann hätte er gelernt. aber das habe ich ihm nicht gesagt. mich zu besuchen. Picassos Guernica als Lehmplastik nachzuempfinden. wie Lehm sich selbst gestalten würde. Er hatte mich auch gefragt. Wie er mich anlächelte mit seinem Leninbart! Wie ein glückliches Robbenbaby. Wie reizend er schon gestern gewesen war. Kapitel Die Bluse. daß er im Camp zuerst probiert hätte. Und die Sache mit seiner Frau sei einwandfrei abgelaufen.

sagte er. weil ich nicht wußte. Inge hat sich gleich am ersten Tag heillos in einen schönen Spanier verliebt. sagte ich etwas verlegen.« Aha. weil es da am gemütlichsten ist.« »Und du?« Gottfried lachte. »Ich meine«. 390 . »Wie meinst du das?« fragte er zurück. »natürlich. daß das einen spießigen Eindruck machen würde. Wir setzten uns in die Küche. »Hast du deine Beziehung zu deiner Frau neu definiert?« fragte ich vorsichtig. wie ich es ausdrücken sollte gegenüber Gottfried Schachtschnabel. Gottfried fühlte sich bei mir spontan wie zu Hause. daß ich dabei war in Spanien. Es war alles unheimlich offen im Camp. Der darf nicht mal wissen. »Man kann nicht immer nur Lehm kneten. ihr Typ von der Baubehörde ist wahnsinnig eifersüchtig. sie hatten also nicht miteinander geschlafen. Sehr gut.Fensterscheiben geputzt. Nach zwei Glas Wem war es zwischen uns. ich hatte auch extra meinen Kassettenrecorder in der Küche angeschlossen und meine Lieblingskassetten rausgesucht. zum Glück fiel mir rechtzeitig ein. »ob in eurem Verhältnis neue Strukturen dazugetreten sind?« »Ja«. Der hat die tollsten Plastiken von uns allen gemacht. Natürlich mal ein kleiner Urlaubsflirt… Aber doch nicht mit mir.« »Hast du mit deiner Frau…?« »Doch nicht mit Inge! Inge ist sehr treu. als sei Gottfried Schachtschnabel nie weggewesen. Inge hat einen sehr unverfälschten künstlerischen Geschmack. Für Inge ist Kunst ein rein sinnliches Erlebnis.

die ich so lange alleine gewesen war – zwar nicht allein. Als wir gemeinsam aus der Küche zu meinem Bett gingen. Ich. Meint er wahrhaftig mich? dachte ich einen kurzen Augenblick lang. Dann wußte ich sofort. doch ohne den wahren Geliebten –. So entrückt.Es kam. Gottfried trug eine schwarze Unterhose! Oh. aber solche Momente verbinden sich in meinen Erinnerungen immer mit Musik. der war beschäftigt. »Ich liebe dich«. spielte der Recorder einen meiner All-time-favorites: »And then he asked me to be his bride… and always be right by his side… I felt so happy I almost cried… and then he kissed me!!!…« Und so war es dann auch. 391 . der schmerzlich erkannt hatte. die ich endlich in den Armen des wahren Geliebten lag. Ich trug nichts mehr außer meinem nachtblauen Seidenunterrock. Wir lagen auf meiner rotgefärbten Bettwäsche. die mich verführte. Ich weiß. là là. den Hörer abzunehmen. Oder meinte er dieses Ich-liebe-dich nur in einem literarisch umschreibenden Sinne? Oder war es wirklich endlich wahr? Ich war entrückt. es ist kitschig. ich genoß diesen Moment des vollkommenen Wandels. daß es Albert war – Joschi konnte es nicht sein. Aua. Gottfried legte sein ganzes Gewicht auf meinen rechten Hüftknochen. Es war Eitelkeit. wurde jetzt auch noch bestürmt von meinem früheren Geliebten. wie es kommen sollte. was er verlor. daß ich das Lauten des Telefons erst beim dritten Läuten als Läuten des Telefons erkannte. ich. den hatte ich mit seinen Kumpels in die Disco geschickt. keuchte er.

»Ja«. Love« und huschte zum Telefon. sagte er. »Nur ganz kurz. Ich küßte meinen Gottfried liebevoll. einfach aus dem Telefonbuch«. während er sich anzog. »es könnte Nachtfrost geben. »Deine Ehefrau«. »ich fahre schnell rüber zu Inge. Meine Geranien stehen bei ihr auf dem Balkon. »Ja. Obwohl ich eigentlich nicht abnehmen wollte. »darf ich mal kurz meinen Mann sprechen. Constanze«. flüsterte »So sorry. »Schachtschnabel«. zu lange hatte ich gelitten. »Wahrscheinlich habe ich Inge gegenüber mal deinen Namen erwähnt. du hast recht«. »meine Geranien… ja… sicher ist sicher… ja. weißt du.« »Woher hat sie meine Nummer?« »Ich nehme an.« Erwähnt! Er hatte meinen Namen erwähnt! »Aha«. dann komme ich wieder. sagte Gottfried. weil ich fassungslos war. sagte Gottfried Schachtschnabel. »Inge hat recht«. und zog sich unter der Decke seine Unterhose an. Aber ich brauchte diesen Trost. es ist unheimlich dringend. man muß sie reinholen. die Kästen sind zu schwer… ja… bis gleich. hatte ich meinen nachtblauen Seidenunterrock bereits wieder angezogen. helfe ihr. Die Nacht der Rache war gekommen.« Als er aufgelegt hatte.« »Warum rufen Sie hier an?!« rief ich. sagte ich nur.« Der Hörer glitt mir aus der Hand. sagte er in den Hörer. »Moment«. sagte ich mit letzter Kraft. konnte ich nicht widerstehen. »Du. sagte Gottfried Schachtschnabel und sah aus dem Fenster. die Geranien in den Keller zu tragen.ich weiß.« 392 . sagte eine liebliche Frauenstimme.

« Er sah mich an. Sie befindet sich in einer sehr schwierigen Identitätsphase. daß du das verstehst. Es sind vier Kästen mit Geranien. es gibt Nachtfrost.« »Das wird nicht nötig sein«. seine Topfpflanzen waren ihm wichtiger als ich. da stöhnt der kurz »Ich-liebe-dich«. mir war glasklar. jede Wette. und die kosten ganz schön was. Kapitel Das kann er nicht mit mir machen! Was bildet der sich ein! Geranien! Igitt!!! Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. und warum? Weil er Angst hat. was dieser Schachtschnabel für ein Typ ist. wichtiger als meine nichtbürgerliche Sensibilität. er wird in die Hölle verdammt. Als ich die Haustür hinter Gottfried Schachtschnabel abgeschlossen hatte. Genauso hätte er 393 . »Und sie hat recht. soll er doch weiter Lehm kneten. hatte ich ein Kapitel meines Lebens abgeschlossen. In einer Stunde bin ich wieder da. der will revolutionär sein. sagte ich eisig. das gibt es doch nicht. wenn er mit einer Frau aus purer Wollust schläft.« Zärtlich legte er seine Hand auf meine Schulter: »Ich weiß.»Das wird nicht nötig sein«. Geranien. sagte ich cool. Es ist erst halb elf. dieser Kleingärtner. spießiger geht’s wirklich nimmer. so hat der das im Religionsunterricht gelernt. hahaha. daß ich Inge in dieser Situation helfen muß. »Du verstehst doch. 62.

394 . aber dann Blumenübertöpfe kreieren. Der mit seinen Parolen gegen die Ehe! Ausgerechnet dieser ergebene Lakai der bürgerlichen Institutionalisierung der Gefühle. igitt! Was hatte dieser alte Angeber geschrieben auf seiner Postkarte? »Unsere Faszination durch die hiesige Kunst und Kulinarik« hatte er geschrieben. Haarklein.sagen können »Komm-Herr-Jesus-sei-unser-Gast-undsegne-was-du-uns-bescheret-hast«. Meine Güte. Julia lachte sich tot. ohne die Zähne zu putzen. das hatte ich mir gleich gedacht. ich kramte meinen Duden hervor: Das Wort »Kulinarik« gibt es gar nicht! Hahaha. Jawohl. Alles. aber den Intellektuellen mimen! Ha! Ich zerfetzte die blöde Postkarte. Hahaha. wie geschmacklos er war! Ein christliches Lamm im Wolfspelz revolutionären Gedankenguts! Geranien! Igitt. Jawohl! Pfui! Damit war jetzt Schluß. Josephi würde sich nie mit voller Wucht auf meinen armen Hüftknochen werfen und sich. Und daß dieser Schachtschnabel ein schlechter Liebhaber war. zu mir ins Bett legen! Igitt! Igitt!! Und diese abgewetzten Cordhosen… aber dazu schwarze Unterhosen… wer weiß. Dieser verheiratete Kleingärtner!! Sand hatte er mir in die Augen gestreut. Ich als unverheiratete Frau war für diesen angepaßten Karriere-Geier lediglich eine gesellschaftliche Randgruppe. wie lange er die trug! Ich rief Julia an und erzählte ihr die ganze Geschichte von vorn bis hinten. Das Wort war mir doch gleich so seltsam vorgekommen. Der spekulierte doch nur mit meiner sozialen Ohnmacht. dieser Schachtschnabel konnte nicht einmal Deutsch. Garantiert für Geranien! Das sah dem ähnlich. war sonnenklar. Picassos Guernica! Warum nicht gleich von Dürer die Betenden Hände! Und zuerst Guernica aus Lehm nachbasteln wollen.

Der ist so eitel. Er lebte nur für seine Eitelkeit. daß Julia noch viel mehr darüber lachte. weil sie damals ihre Scheidung noch nicht verwunden hätte. Und dann vermutete sie. daß seine Gattin ihn als Lückenbüßer benutzte. sobald sie durchblickt. dieser Schachtschnabel würde sich nie scheiden lassen. Was bildete der sich ein! Jede Frau. nachdem sie ihn rausgeschmissen hatte. daß er sich selbst genug ist. Schachtschnabel braucht die Institutionalisierung der Gefühle. daß er sofort wieder heiraten dürfte. da durfte er sich dann einbilden. daß sich dieser Schachtschnabel wieder an mich ranmachen würde. das Embryo sei nicht von ihm produziert. wird ihn sitzenlassen. wenn eine andere Frau ein Kind von ihm bekommt. aber es versöhnte mich. Die anderen sind für den nur Dekoration. um seine Bindungsunfähigkeit zu tarnen. Aber Julia hatte recht. daß dieser Schachtschnabel mit seiner Angetrauten zur Abtreibung gefahren war.Das hätte sie die ganze Zeit vermutet. Das glaubte ich zwar nicht. Ich ärgerte mich etwas. Glaubte er etwa. daß ich vielleicht ebenfalls auf eine solch distanzierende Beziehung fixiert gewesen wäre. die nur ein Minimum an Verstand besitzt. als würde ich ihre abgelegten Bettgenossen auftragen. Und für seine Geranien. er könnte mich hinters Licht führen? Ha! Da hatte sich dieser alte Chauvinist aber 395 . weil Julia so tat. Und Julia sagte. weil ich die Trennung von Albert noch nicht verwunden hätte. Und Julia sagte. was dieser Schachtschnabel für ein Typ ist. daß dieser Schachtschnabel sich allenfalls scheiden lassen würde. denn nur dann wäre er sicher. nur damit keiner seiner Kollegen denken möge. hahaha! Deshalb war es ihm auch recht. daß sie die Bindungsunfähigkeit von Gottfried Schachtschnabel nur deshalb ertragen hätte. er sei unersetzbar.

und das einzige. sonst hättest du ewig deinen Illusionen vom Helden Schachtschnabel nachgeträumt. nur Vergangenheit. daß er noch verheiratet sei. als wäre er Revolutionär. so«. Auf dieses verheiratete Nichts. war sein Pensionsanspruch. Schachtschnabel tat. sagte Julia. Aus solchen Typen würden später die größten Reaktionäre. der große Kritiker der bürgerlichen Ehe. daß er gerade mal nicht soviel Zeit für sie hatte: »Ich hab Besuch«. Der hatte nicht mehr alle gestreiften Murmeln im Sack. bis er seinem Frauchen die Pantoffeln bringen darf. sagte Julia. würde Julias Jürgen sagen. »es freut mich. dabei wollte der doch nur auf bessere Zeiten warten. Gottfried Schachtschnabel. auch solange sie mit ihm zusammengewesen sei. wollte bequem herumhocken. Schluß. Und Julia sagte. wofür er zu kämpfen bereit war. hätte er jedesmal gesagt und hätte sich nicht mal getraut zu sagen. nur damit sich die Gattin in ihrer Hauptrolle nicht gestört fühlte. der blieb verheiratet um jeden Preis. bis ein Wunder geschehen würde. und jedesmal hätte er sich bei der Gattin entschuldigt. Ein Schoßhund war er.« – Vielleicht hatte sie recht damit. Oder die Geranien in den Keller tragen darf! 396 . der brav wartete. Revolutionär mit Pensionsanspruch wollte er sein. er hätte bloß vergessen ihr zu sagen. »Ein Lebenslügner«. daß er verheiratet sei! Bloß vergessen!! Und mir hatte er noch frecher weiszumachen versucht. Dieser Mann hat keine Zukunft. geschweige denn Julias Namen zu erwähnen. ohne ein Opfer zu bringen. daß deine Wünsche in Erfüllung gegangen sind. daß es überhaupt keine Rolle spiele. daß es Damenbesuch ist. Und Julia hatte er erzählt. »So. hätte ständig die Gattin angerufen.mächtig geirrt. Noch verheiratet sei!! Hahaha. sie war ja auch auf ihn reingefallen.

Auch Julia riet mir dringend davon ab. Herr Schachtschnabel: Sparen Sie besser gleich für Ihr Familiengrab! Und als Grabbepflanzung empfehle ich Ihnen Geranien! 63. ein Alibi für seine Ehe! Dieser Ausbeuter! Und dieser unmögliche Mercedes. Um das Alibi zu haben. Alles wäre umsonst gewesen! Ein Film nach den Vorstellungen von Gottfried Schachtschnabel wäre garantiert ein solcher Mißerfolg geworden wie das Leben von Gottfried Schachtschnabel. Nie wieder würde ich zu Schachtschnabel ins Seminar gehen.Nur die ehelichen Pflichten seiner Gattin. gemeinsam mit der Gattin Jeansbezüge für seine Kapitalisten-Kutsche zu basteln! Hahaha! Eine Schießbudenfigur der Bewegung war der. nachdem ich mit Schachtschnabel ein für allemal abgeschlossen hatte. was ihn seine Scheidung kosten würde. Seine revolutionäre Praxis bestand nur darin. daß ich noch nicht weiter an meinem Film gearbeitet hatte. Ich bin ja durchaus tolerant – aber Geranien! Schachtschnabels Phantasien kann man keinem Publikum zumuten! Für das bißchen Geld. Kapitel Drei Tage. was er wollte. kam Josephi eine dreiviertel 397 . Es war ein Glück. Darauf konnte er Gift nehmen. daß es ihm in seiner Ehe an nichts mangelt! Das war es. die wollte er uns unverheirateten Frauen aufbürden. wollte er sich lieber einen größeren Fernsehapparat kaufen! Wenn ich Ihnen einen guten Tip geben darf.

ihren Kegelkumpan zu verlieren? Egal. Und es war ein Intermezzo geworden. wenn einem der andere nichts bedeutet. bis wir unsere Beziehung in gegenseitigem Einvernehmen beendet hatten. daß es nicht lange gutgehen würde.« Ich nahm seinen Abschied sofort an. Es hatte ein Intermezzo sein sollen. der noch in seiner Wohnung stand. 398 . konnte er gerne behalten. Das war eine Trennung. bei der es keinen Sieger und keinen Verlierer gab.Stunde zu spät ins Café Kaputt und sagte: »Es ist aus zwischen uns. Joschi war angetrunken. war seinen Illusionen erlegen. und sein Freund Didi wartete verlegen an der Tür. Wer mehr erwartet hatte. hat man auch nichts davon. daß ein gemeinsames Bett keine gemeinsame Basis ist. weil sie fürchteten. daß endlich etwas passiert – aber wenn sich dann die Ereignisse überschlagen. Meinen Badeschaum. die von Anfang an gegen unsere Beziehung gewesen waren. dachte ich. Warum hätte es dann trotzdem lange gutgehen sollen? So einfach ist eine harmonische Trennung. Wahrscheinlich hatte Joschi nun selbst eingesehen. Es war okay. Nichts gegen Joschi. Und was mir außerdem zu denken gab: Erst hatte ich so lange gewartet. Ich hatte von vornherein gewußt. Meine Erwartungen hatten sich erfüllt. Oder er war dem Zureden seiner Freunde erlegen.

und es sei überhaupt kein Problem. Und er wolle uns 399 . wenn er den Daniel ins Institut mitbringe. Alles. Achtzehn Monate war der Daniel alt. Kapitel Von jetzt an sollte alles anders werden. das man überallhin mitnehmen könnte. dann begann er zu wimmern. welches die naturgewachsenen Strukturen unserer psychologischen Phantasien seien. Wolfgang erklärte. daß das Private das Politische sei. Der neue Dozent hieß Wolfgang Klein und war der Typ. deshalb beschloß ich. Wolfgang brachte seinen Sohn mit ins Seminar. und der hieß Daniel. Wolfgang nahm den Daniel auf den Arm und sofort war der Daniel wieder still. Der Daniel schlief tatsächlich die erste halbe Stunde des Seminars friedlich in seiner Tragetasche. wischte sich mit ihrer Stricknadel gerührt eine Träne aus dem Auge. die schräg vor mir saß. Eine Frau. daß die Kindsmutter – also seine Freundin – Studentin sei und derzeit ungestört an ihrer Doktorarbeit schreiben müßte. Die »Strukturkritik ästhetischer Rezeption« fand donnerstags statt. Man muß flexibel bleiben. sein Ansatz bestehe darin. den jeder sofort duzt. der Daniel würde alles mitmachen. und Wolfgang erklärte. zu vermitteln. Nach langen Kämpfen hatte unser Institut endlich die dringend geforderte Stelle für »Strukturkritik ästhetischer Rezeption« bewilligt bekommen. denn der Daniel sei ein Kind. in diesem Semester meinen freien Tag von Donnerstag auf Mittwoch zu verlegen.64. Und wir sollten gemeinsam herausfinden.

Die Frau aus der ersten Reihe ereiferte sich. 400 . »Was machen diejenigen. Mütter gegen Frauen? Das biologische Schicksal als gesellschaftliches Schicksal zu bewerten. »Also. drüber weg sein. es müsse alles aus uns selbst kommen. Wir könnten aus der spontanen unverfälschten Phantasie der Kinder lernen. Und die Katrin. sagte sie zu der Mutter von der Katrin. ihre Kinder zu fragen. Aber die Mutter von der Katrin war relativ sicher. die keine Kinder haben?« fragte eine Frau. das sei eine subtile Diskriminierung. Eine Kommilitonin sagte. bisher sei es immer umgekehrt gewesen. Ich atmete auf. die Katrin hätte Lust dazu. was spontane unverfälschte Phantasie ist. Es stellte sich heraus. sagte die Mutter von der Katrin. ob sie denn eine ZweiKlassen-Gesellschaft aufbauen wolle. nicht ideologisch manipuliert zu werden. die könnte sie auch überall mitnehmen. was wollt ihr machen?« fragte Wolfgang und schaukelte den Daniel. nämlich ihre Tochter. Gott sei Dank! Bei Wolfgang konnte ich wenigstens sicher sein. ob sie Interesse.nichts aufoktroyieren. sie hätte eine tolle Idee. die in der ersten Reihe saß und ziemlich mürrisch wirkte. da müßte man doch. daß noch einige der Anwesenden Kinder hatten. die man überallhin mitnehmen konnte. bitte schön. und die könnte in dem Film mitspielen – vorausgesetzt natürlich. daß die Katrin einverstanden sein würde. und die versprachen auch. es wäre toll wenn Kinder einen Film für Erwachsene machen würden. hätten. einen Film für uns Erwachsene zu machen. »Die können in ein anderes Seminar gehen«.

Da ist der total autonom. der diesen Vorschlag einbrachte. Schachtschnabels überflüssige Theorien hier einzuschmuggeln? Ich murmelte beifällig. als eine Frau fragte. was ihm gefällt. sei eine Theorie der persönlichen Betroffenheit.« Dann stellte er noch fest. Und was wir außerdem vielleicht machen wollten? »Wir könnten die Strukturkritik ästhetischer Rezeption theoretisch aufarbeiten«. was wollt ihr machen?« fragte Wolfgang. Eine andere Frau sagte. daß man noch viel reden müßte über den Film. Was 401 . Und wir müssen uns doch fragen. daß Kinder einen Film für Erwachsene machen. Wolfgang sagte. Theorie sei gut und schön. wozu denn die theoretische Aufarbeitung gut sein solle. aber sie müßte Bezug zu uns haben. »In Afrika sterben Millionen an Hunger – das ist schlimm. es sei ein tolle Idee. »Also. wie viele Menschen hier täglich an Liebeskummer sterben. Der Daniel hat ein unheimlich ausgeprägtes Gespür dafür. das hatte doch keinen Sinn. Was er wolle. es war Chlodwig Schnell. um sie persönlich zu berühren. daß sie es eine unheimlich tolle Idee fände. aber Afrika ist für viele Menschen zu weit weg. Das Baby von Wolfgang lachte. und er fände auch. – Was hatte denn der hier zu suchen? War der etwa auch Schachtschnabel abtrünnig geworden? Oder versuchte er. sie wolle jetzt ganz spontan sagen. und Wolfgang sagte: »Das gefällt dem Daniel. ob man die finanziellen Mittel bekäme. Die Frage wäre. Und sie sei auch Mutter. Wolfgang schaukelte den Daniel.Die Mutter von der Katrin sah hilfesuchend Wolfgang an.

weil der Daniel zu heulen anfing und sich nicht mehr beruhigte. Wir vertagten deshalb die Frage nach den Inhalten möglicher Referate auf einen späteren Zeitpunkt. er würde ein Thema sagen. und worüber möchtest du das Referat machen?« Ja. Sieglinde Lahmarsch-Adler. das wußte ich nicht. die sich hier vor mir auftat? Ich meldete mich tollkühn. was die Strukturkritik ästhetischer Rezeption eigentlich beinhaltet. »Die Constanze Wechselburger«. Dann fragte Wolfgang. 65. So eilig war es nicht. hahaha! Daß mir das bisher nicht aufgefallen war! Hahaha… liebe gnädige 402 . sagte er und fügte hinzu: »Toll. wenn wir klarer sehen würden. das Semester hatte erst begonnen. Wir hörten schon ein bißchen früher auf mit dem Seminar.wollten wir dagegen tun? Gegen das Elend in unseren Gefühlen?« Ich war betroffen wie nie zuvor. Ich dachte. du. hatte schon überlegt. Kapitel »Lahmarschadler. ob heutzutage sogar Frauen obszöne Telefonanrufe machen… aber es war Sieglinde. Wolfgang notierte meinen Namen. ob vielleicht auch eine Frau ein Referat machen wolle? Sollte ich? Eintauchen in die neue Ideenwelt. jemand wolle mich beschimpfen.« »Lahm-Arsch-Adler? Wer spricht da?« »Lamar-Schadler!« Ach so! Ich hatte schon befürchtet.

Mein Blick fiel auf ein Regal mit Frauenliteratur. Hahaha. »Sieh dich mal um«. »Was für ein Kochbuch?« fragte die Buchhändlerin. befahl sie mir. und ein Kochbuch kann man immer brauchen. »Alles klar. während mir Frau Lahmarsch-Adler erzählte.Frau Lahmarsch-Adler. Ich grinste wie wild vor mich hin. sagte ich. Was schenkt man einer verheirateten Frau? Wie üblich ein gutes Buch? Lesen verheiratete Frauen überhaupt Bücher? Wenn dauernd ein Ehemann herumtrampelt. Frau Lahmarsch-Adler«. die Berichterstattung ihrer Hochzeit über mich ergehen lassen.« Kochbücher speziell für Frauen gebe es nicht. aber ich hatte trotzdem noch kein Hochzeitsgeschenk für Sieglinde. Ich sollte morgen abend kommen und mir die Fotos ansehen. Das wußte ich auch nicht. da haben Sie aber einen schönen Doppelnamen. Ich ging in die Buchhandlung am Rathaus und sagte der Buchhändlerin. wenn man verheiratet ist. mich einzuladen. wenn die Fotos fertig wären. Zwar war das vor ungefähr zwei Wochen gewesen. Sieglinde merkte nichts. Ich hatte sie schon kurz nach der Hochzeit angerufen. und sie hatte angekündigt. Morgen war Samstag. das war eine Idee… schließlich war Sieglinde eine leidenschaftliche Köchin. 403 . sagte die Buchhändlerin und führte mich an ein Regal. daß ich ein Kochbuch wolle. kann man dann noch die Ruhe zum Lesen finden? Ein Kochbuch. das von oben bis unten mit Kochbüchern vollgestellt war. ihre Hochzeitsfotos seien fertig. da mußte ich vormittags schnell was kaufen. deshalb sagte ich schnell: »Ein Frauenkochbuch.

was dein Kind macht. weil da der Name des Designers daraufstand.« Der Vater sagte: »Du. nachdem sie das Pappschild von Vogue gesehen hatte. Die Handtücher waren schlicht weiß. auf dem stand. paß bitte auf. nur der Aufhänger war bunt. Ich konnte mich nicht entscheiden. An der Tür hörte ich.Ich sah mich um. wenn man verheiratet ist. Die Buchhändlerin stürzte herbei und sagte zu dem Vater: »Du. sagte der Vater stolz.« Ich hatte mich entschieden. »Die Julia blickt schwer durch«. und zwischen den Fotos klebten 404 . »Nichtraucher in 30 Tagen« hieß das Buch. Und dann fragte er sie: »Tust du auch rauchen?« Für Sieglinde kaufte ich schließlich zwei Küchenhandtücher. Ich beobachtete einen Mann.« Die Buchhändlerin antwortete nicht. Zwei ihrer kackbraunen Plastikalben hatte sie vollgeklebt. Entweder waren die Kochbücher zu teuer oder es waren keine Bilder drin. daß dieser Entwurf von der Modezeitschrift Vogue ausgewählt sei. du reagierst unheimlich hektisch. der mit einem Kleinkind im Tragetuch vor seinem Bauch am Regal mit den Büchern über alternative Ernährung und gesundes Leben stand. Dann holte Sieglinde die Fotos. »Rauchen ist Scheiße. Die Küchenhandtücher gefielen Sieglinde gut. da mußt du mit der Julia selbst drüber sprechen.« Die Buchhändlerin hob das Buch auf. Das Kleinkind griff nach einem Buch und feuerte das Buch auf den Boden. wie der Vater zu der Buchhändlerin sagte: »Du. kein Buch für Sieglinde zu kaufen. und es hing ein großes buntes Schild an den Handtüchern. so was kann man immer brauchen.

nicht dreihundertdreiunddreißiger oder fünfhundertfünfundachtziger. Es war aber trotzdem ein mickriger Ehering. die anläßlich des Empfangs kredenzt worden waren. 405 . es stand ihr zwar nicht. Der Bräutigam lächelte auf keinem Foto. Wolf-Dietrich. Sieglindes Chef auch. Endlich gab es was zu essen. »Beeil dich bitte. Ich aß langsamer. Ihr Mann ging ran. der Ehering sei aus bestem Gold. Wolf-Dietrich telefonierte immer noch. sagte. nicht mein Geschmack… Sieglinde mit Wolf-Dietrich. Selbst schuld. weil die Broccoli sonst kalt würden.Etiketten der Weinflaschen. Und nur Sieglinde hatte einen. Ich war dafür. der bei der Fotovorführung daneben saß. drehte sie ständig an ihrem Ehering. Die Brautmutter strahlte auf jedem Foto bis zum letzten Backenzahn. auch nicht mein Geschmack. Während Sieglinde die Verwandtschafts. nein. aber es sah sogar auf den Fotos teuer aus… Sieglinde im holzgetäfelten Zimmer des Standesamts… scheußlich die Holztäfelung… Sieglinde mit Brautstrauß – lachsrosa Rosen und Mimosen. Sieglinde sagte. als mir Sieglinde überbackene Broccoli auf den Teller gab. unser Essen wird kalt«. hatte aber den Teller bald leer. Sieglinde hatte bei Wolf-Dietrich das teure Jil-SanderKostüm durchgesetzt. Wolf-Dietrich hatte sich seinen gespart. trotzdem anzufangen.und Vermögensverhältnisse der Hochzeitsgäste erläuterte. bis ihr Mann wiederkommt. Der Vater des Bräutigams war sichtlich betrunken. sie würde warten. Das Telefon im hinteren Zimmer klingelte in dem Moment. aus siebenhundertfünfziger Gold sei der Ehering. als ginge ihn das alles nichts an. rief Sieglinde über den Flur.

wie ich mich für Anna freue. Sieglinde fing auch an zu essen. Und Sieglinde hatte dreimal gesagt: »Ach.»Halts Maul!« rief Wolf-Dietrich und knallte die Zimmertür hinter sich zu. hatte Wolf-Dietrich und Sieglinde gesagt. Kapitel Ich hatte auf das Dessert verzichtet – es hätte sowieso nur Obst und Käsewürfel gegeben –. als Wolf-Dietrich wiederkam. wer angerufen hat? Albert hat angerufen!« schrie er triumphierend. »Albert? Warum hast du mich nicht ans Telefon geholt?« Ich war leicht sauer. was er wollte!« »Deine Broccoli sind kalt geworden und die Sauce. die gute…« »Albert heiratet!« »Was?!« »Anna bekommt ein Kind von Albert!« »Was!?« 66. ich war sofort nach Hause gegangen. Und Wolf-Dietrich hatte mir hinterhergerufen. »Ratet mal. ich müsse sofort Albert anrufen. zur Beratung. »Ratet mal. ich solle Albert ausrichten. gleich morgen.« 406 . Wir waren beide längst fertig. er würde ihm den MusterEhevertrag schicken. und Albert solle dann zu Wolf-Dietrich kommen. das könne nicht wahr sein.

Albert war kleinlaut. Ja, es sei wahr. Anna sei im ersten Monat schwanger. Dann fragte er mich: »Wie findest du das?« »Du läßt dich zur Ehe erpressen!« »Ich weiß gar nicht, ob wir heiraten. Wolf-Dietrich hat gesagt, daß ich eine Menge Steuern spare, weil Anna nicht so viel verdient, und wenn ich Alimente zahlen muß, das kommt aufs gleiche raus…« »Du heiratest nur wegen des Geldes und deine geizige Anna auch!« »Nein, Anna würde das Kind auch alleine aufziehen, aber wenn ich sowieso Alimente zahlen muß…« »… da ist es günstiger, du sparst Steuern und bekommst dazu gratis eine Putzfrau!« »So kann man das nicht sehen. Es ist auch die Verantwortung für das Kind. Ich bin der Vater!… Es ist aber noch gar nicht entschieden, ob wir heiraten…« Ich schmiß den Hörer auf die Gabel. Er rief nicht zurück, um mich zu besänftigen. Unglaublich, einfach unglaublich, wie raffiniert sich diese Anna Albert gekapert hatte. Die bekam einfach ein Kind. Mit Albert konnte sie es machen! Die schreckte vor nichts zurück. Die Verantwortung für das Kind! Ausgerechnet Albert! Der konnte nicht mal für sich selbst Verantwortung übernehmen. Ambivalent wie er war, war er ein Spielball der Ereignisse, die andere inszenierten. Um mich zu trösten, legte ich eine meiner All-timefavorites-Kassetten auf. Das letzte Stück auf dem Band war »Only the Lonely«. Mir wurde ganz schlecht, so einsam fühlte ich mich. Nur die Einsamen wissen, was es bedeutet, allein zu sein. Albert würde Anna heiraten, nur weil Anna schwanger war. Wenn ich die Pille nicht
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nehmen würde, wäre ich auch schon längst schwanger, verheiratet, aus dem Schneider… Alle Probleme meines Lebens wären gelöst… dann hätte ich einen Beruf, den schönsten Beruf der Welt: Mutter!… dann würde mich keiner mehr zu fragen wagen, was ich mit meinem Studium denn später mal machen will… dabei könnte ich später immer noch machen, was ich wollte, wenn das Kind aus dem Gröbsten raus wäre – auf später warten, wie alle Frauen. Ich könnte einen Film machen über das Leben meines Kindes, ich könnte anfangen mit der Geburt… und niemand würde fragen »Warum?« und ob es einen Sinn hat, einen solchen Film zu machen. Wenn man ein Kind hat, dann weiß man, was man hat: eine Zukunft. Weil das Kind eine Zukunft hat, hat man selbst eine. So einfach ist das… Albert und ich… wann hatten wir das letzte Mal miteinander geschlafen? Im April war es gewesen… wenn ich gewollt hätte, könnte ich schon im sechsten Monat sein… ich steckte mir ein Kissen unter den Pullover, um festzustellen, wie ich aussehen würde als Schwangere… durchaus überzeugend ganz natürlich »Wir müssen jetzt sehr tapfer sein«, sagte ich zu meinem ungeborenen Sofakissen, »dein Vater hat uns verlassen.«

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67. Kapitel
Die Hochzeit zwischen Albert und Anna fand im Mai statt. Albert trug einen schwarzen Anzug, leicht tailliert, mit nur zwei Knöpfen, der Stoff war nicht gemustert, hatte jedoch eine leichte Struktur, deren Licht- und Schattenreflexe dem Gewebe einen eleganten Schimmer verliehen, ohne daß man genau hätte sagen können, woher dieser Schimmer kam. Die Schultern waren etwas gepolstert, Albert erschien dadurch mächtiger, ohne jedoch massiv zu wirken. Das perlweiße Hemd mit den feinen Biesen signalisierte durch seinen transparenten Glanz dem Kenner, daß es sich um feinsten Baumwollbatist mit mindestens 30% Seidenanteil handelte. Zum Hemd perfekt korrespondierend: eine schmale aquamarinblaue Fliege mit klassisch gebundener Schleife. Im Gegensatz zu den meisten Männern trug Albert zum festlichen Anzug nicht diese ordinären Slipper, sondern viel eleganter – weil passender – Schuhe, die zweimal geschnürt wurden. Selbstverständlich keine Lackschuhe – Alberts Schuhe wirkten sogar eher seidenmatt. Auch hatten die Schuhe keine durchgefärbte Sohle, wie es bei billigen Schuhen der Fall ist; bei seinen Schuhen war zwischen Absatz und Sohle das helle Naturleder zu sehen. Und er hatte sogar das Preisschild, das da immer zwischen Absatz und Sohle klebt, abgemacht! Ich wußte, daß seine Socken aus reiner Seide waren und die Knöpfe seines Hemdes aus
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handgeschliffenem Perlmutt. Seine Frisur schien wie immer, doch ich bemerkte, daß seine Schläfen grau geworden waren – graue Haare, die er früher nie gehabt hatte. Alberts Uhr war auch neu: das Gehäuse aus dunkel oxydiertem Chrom, auch das Band aus diesem Material, der Verschluß der Uhr war aus 14karätigem Gold. Die Braut trug einen weißen Lappen. Vor der Kirche hatte sich eine staunende Menge angesammelt, Frauen meist, die sich im stillen fragten, wie solch eine Frau zu solch einem Mann kommt. Anna lächelte das Lächeln derer, die ihre Feinde am liebsten tot sehen; sie lächelte wie Salome, als diese den Kopf Johannes des Täufers forderte. Albert folgte ihr, ging einen Schritt hinter ihr. Er sah aus wie ein Gefangener seiner selbst. »Hier geht dein Vater«, sagte ich zu meinem ungeborenen Kind, als Albert vorüberging, ohne mich – ohne uns! – zu bemerken, »sieh nur, wie glücklich er ist.« Zur Trauungszeremonie waren nur geladene Gäste zugelassen. Ich, die das Erstgeborene des Bräutigams unter dem Herzen trug, war nicht geladen. Der Lakai am Portal der Kirche wies mich ab. So betete ich auf den Stufen der Kirche, auf dem kalten Granit, für das Glück meines einstigen Geliebten. Für ihn hatte ich einen Strauß Vergißmeinnicht gekauft. Die Blumen in meinen Händen welkten, wie ich nie zuvor Blumen hatte welken sehen. Blättchen für Blättchen schlossen sich die blauen Blüten. Ich weiß nicht, wie lange ich dalag, im Gebet versunken. Als sich das Kirchenportal wieder öffnete, durchschnitten die letzten Klänge eines Chorals die Luft: »… Mecum omnes plangite!« – Ich wußte nicht, was dies hieß, ahnte aber, daß es Schreckliches zu bedeuten hatte.
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Das bunte Licht der Kirchenfenster, das nun aus den geöffneten Kirchentüren strahlte, blendete mich wie die Laserlights in der alten Disco am Carl-Orff-Platz. Anna lächelte wie Salome, nachdem sie den Kopf Johannes des Täufers bekommen hatte. Plötzlich, in diesem Augenblick, begann es zu schneien, obwohl es zu dieser Jahreszeit seit Menschengedenken nicht geschneit hatte. »Ein böses Omen«, flüsterte eine alte Bettlerin neben mir und bekreuzigte sich. »Wenn das Herz der Braut aus Eis ist, schneit es zu jeder Jahreszeit«, sagte ein alter Mann. Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen, er trug einen schwarzen Umhang, der ihn völlig einhüllte, ihm weit über die Augen fiel. In der Hand hielt er eine Sense. War er ein bäuerlicher Verwandter von Anna? Für sie nicht fein genug, um an ihrer Hochzeit teilnehmen zu dürfen? Das getraute Paar schritt die vielen Stufen hinab. »Lange lebe die Liebe!« riefen einige bezahlte Jubelfunktionäre – ich erkannte unter ihnen Sieglinde und Wolf-Dietrich, aber sie schienen mich nicht zu kennen. Die arbeitende Klasse stand schweigend. Eine Sturmwolke zerrte an Annas Schleier; wie ein wildes Tier bäumte sich der Schleier auf, verfing sich in den immergrünen Ziersträuchern, die in Kübeln neben der Kirchentreppe aufgestellt waren. Anna zerrte an ihrem Schleier. Der Schleier zerriß mit einem klagenden Ton, der die Herzen aller lähmte. Der Himmel verfinsterte sich. »Scheiß auf den Schleier«, sagte Anna. Die Menge vor der Kirche raunte.

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»Wenn das Herz der Braut aus Eis ist, erstarrt die Liebe«, sagte der Mann mit der Sense leise. Seine Stimme klang hohl. Als ich in meinem einfachen, aber geschmackvollen Leinenkleid vor das getraute Paar trat, verschwamm alles vor meinen Augen. Der Himmel war fahlgelb geworden. Albert sah mich an, in seinem Blick war alle enttäuschte Liebe dieser Welt. Es war der Blick eines Menschen, der die Liebe für die Scheinsicherheit des Kapitals verkauft hat. Es war der Blick eines Verräters. Des Verräters ewiger Liebe. Ich konnte diesen Blick nicht ertragen, senkte meine Augen auf die Vergißmeinnicht in meinen Händen. Die letzten blauen Blüten schlossen sich. Es war, als würde ein Sternenhimmel erlöschen. Ohne daß später jemand hätte erklären können, woher es gekommen war, erklang plötzlich ein altes Lied. Auch ich kannte das Lied aus meiner Jugend. – Waren es die Schneeflocken, die es sangen? Only the lonely… dam, dam, dam, dam di du ah… only the lonely… oh yeah, oh yeah di du ah… can feel the way I feel tonight… dam, dam, dam, dam di du ah… Only the lonely… …the only lonely… ……the lonely only… Der Himmel wurde schwefelgelb. Nur ein einziger Sonnenstrahl hatte die Kraft, die giftigen Wolken zu durchbrechen. Er fiel auf mein Haar, das so schön glänzte,
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wie das Haar aller Schwangeren glänzt, fiel auf meinen makellosen Teint, der so makellos strahlte, wie der Teint aller Schwangeren strahlt. Trotz meiner schweren Schwangerschaftsübelkeit lächelte ich, hob meine schmalen Hände, um Albert mein Sträußchen aus Vergißmeinnicht zu schenken. »Ruhe! Was ist das für ein Lärm!« schrie Anna. »Es ist das Lied eines einsamen Herzens, unter dem noch ein einsames Herz schlägt«, sagte ich leise, aber tapfer. Die alten Frauen ringsum fielen in das Lied ein, das von irgendwo gekommen war: »Dam, dam, dam, dam di du ah oh yeah, oh yeah, di du ah…« erklangen ihre mahnenden Stimmen. Die Vergißmeinnicht glitten mir aus der Hand, fielen zu Boden. Albert, der wie in Trance war, wollte sich bücken, doch Anna trat mit ihren billigen Lackschuhen – die, obwohl sie neu waren, bereits altbacken wirkten und schon aufgerissene Absätze hatten! – auf die unschuldigen Blüten, zerstampfte sie zu einer blaugrünen Masse. Nur eine Rispe blieb unversehrt, ich hob sie auf, drückte sie an meinen Bauch, wie um mein ungeborenes Kind vor der Kälte dieser Frau zu schützen. »Im Verzicht liegt die wahre Liebe«, sagte der Bauer mit dem schwarzen Umhang und der Sense. »Wer ist dieses Weib!« schrie Anna. »Ist sie etwa eine ledige Mutter?« Dann flüsterte sie schnell Albert zu: »Gib ihr fünf Mark und die Adresse von Pro Familia.« Albert reagierte nicht. »Schafft mir dieses Weib aus den Augen«, schrie Anna, »ich bin eine verheiratete Frau!« Albert reagierte immer noch nicht. »Erbarmen, Gnädigste!« rief die Bettlerin.
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»Wenn das Herz der Braut aus Eis ist, erfriert der Bräutigam«, sagte der Sensenmann, sein Gesicht war so weiß wie das Gesicht von Albert. Anna stieß mich zurück. Die harte Kante ihres Eherings traf mein ungeborenes Kind. Ich fiel die Stufen hinab wie der Kinderwagen in ›Panzerkreuzer Potemkin‹. »Only the lonely«, klagten die Schneeflocken. Und die alten Frauen sahen Anna an und sangen so leise, daß es fast wie ein Summen klang: »Oh yeah, oh yeah, di du ah…« Annas Blick schnitt durch meine Seele wie ein Skalpell durch die Flügel eines Schmetterlings. Ihr Gesicht war aus Beton, nur ein Pickel auf ihrer Nase leuchtete. Die letzte Blüte der letzten Rispe des Vergißmeinnichts schloß sich für immer. Ich fühlte, wie mir die Sinne schwanden. Nur das ungeborene Leben unter meinem einfachen, aber geschmackvollen Leinenkleid regte sich noch. »Mama! Mama!« rief mein kleines Baby. »Gib nicht auf, ich werde alles für dich sein!« rief das neue Leben in mir. »Ich weiß es Liebling, wir werden immer zusammenbleiben, mein Liebling«, hauchte ich. Mit meinen tränenblinden Augen konnte ich nicht mehr sehen, wie sich Albert über mich beugte, aber ich erkannte ihn, als ich spürte, wie er meinen Kopf von den Granitstufen hob und mein Gesicht gegen die feinen Biesen seines Hemdes drückte. »Constanze, du bist schwanger, du?« flüsterte mir Albert ins Ohr. »Warum hast du das nicht gesagt? Warum, o Constanze?« »Wir werden uns ganz alleine auf dieser Welt zurechtfinden… ich werde die Kraft für uns beide haben… ich werde dein Kind zu einem glücklichen Kind heranziehen«, flüsterte ich, »…und wenn es ein Junge
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wird, dann soll er Daniel heißen.« Meine Stimme versagte. Albert sah mich an und in seinen Augen erwachte eine ferne Zärtlichkeit. »Geh mit ihr, werde mit ihr glücklich«, vermochte ich noch zu hauchen. Noch einmal hörte ich, wie aus weiter Ferne, die Klänge: Only the lonely… can feel the way I feel… …only the lonely… ……the only lonely… ………the lonely only… Das Lied gab mir die Kraft, noch einmal zu sprechen: »Geh, aber versprich mir eines, Albert… was immer auch geschehen mag… verliere nie den Glauben an eine harmonische Trennung.« Dann sank ich ohnmächtig zusammen.

68. Kapitel
Als ich wieder zu mir kam, dämmerte der Morgen herauf. Ich schaltete den Kassettenrecorder ab. Ich war ratlos wie nie zuvor. Albert war von seinem Schicksal ereilt worden. Er lebte für sein Geld, und für sein Geld mußte er sterben. Langsam und qualvoll sterben in einer Ehe mit dieser

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rief ich ihn in den nächsten Wochen ständig an. dann wolle sie ihn nicht dazu zwingen. Jawohl. das würde später Alberts Erbe verprassen. Um Albert zu ärgern. Er als Mensch existiere für die Leute nicht. So 416 . ob ihm diese Anna den Hochzeitstermin schon befohlen hätte. die bereit war. Erstens hatte ihn diese Anna reingelegt. Sinnvoll! So denkt keiner. Albert sagt selbst.« Wenn das Baby erst da sei. daß diese Anna Verständnis für seine Situation hätte. sondern dazu erzogen. desto besser der Arzt. und im Grunde konnte er nichts dafür. »Männer werden nicht als Väter geboren. daß er so geizig war. daß er unglücklich geworden war. Je mehr er verdient. die sich für ihn als Mensch interessiert – hatte Albert selbst gesagt. Alle Ärzte sind geizig. sein Geiz hatte ihn verraten und verkauft. sagte Julia. würde Albert ein begeisterter Vater werden. sie. Ich bin die einzige Frau. und er wisse auch nicht. Jedenfalls würde das Albert recht geschehen. der glücklich ist. Sie kannte Albert doch erst seit Wochen! Wie konnte sie ihm das antun? Albert sagte. Anna hätte gesagt. Diese Anna mißbrauchte ihn nur als Kindsvater. fragte jedesmal. Es war nur gerecht. Er behauptete. wie sehr Albert unter dieser Anna litt. ob es sinnvoll sei zu heiraten. Ja. Und Annas Kind. daß die Wertschätzung der Ärzte nur die Wertschätzung ihres Einkommens ist. wenn er keine Bindung zu dem Kind aufbauen könne. sie würde das Kind gegebenenfalls alleine aufziehen. Wann ist ein Arzt ein guter Arzt? Wenn er reich geworden ist. diese Anna hätte gesagt. ihn in den Ruin zu treiben? »Das legt sich«. von Heiraten sei keine Rede. Aber irgendwie tat er mir trotzdem leid.Anna. er sei froh. War er verblendet?! Er nahm diese Frau sogar in Schutz. als ich erzählte. Albert sagte.

er würde schon noch glücklich werden. Vor allem: Wenn Albert und Anna ein Baby hätten. Schützen sollten sich zurückhalten und abwarten. Sie hätte es immer gesagt: verliebte Gefühle seien keine dauerhafte Grundlage. Julia hatte recht: Diese Anna würde Albert zur Heirat zwingen. »Dem Charme eines Babys?« fragte ich entgeistert. Ich müsse ihn nicht bedauern. Welche Aszendenten ich denn hatte? Auch das wußte ich nicht. dann würde er dem Charme eines Babys erliegen. könne dieser Hilflosigkeit widerstehen. Sie hatte die Unterstützung des Finanzamtes. dann hätten sie einen ernsthaften Grund. zusammenzubleiben. Ich war so depressiv. die Bewegungen meines Sternzeichens seien zur Zeit nicht günstig für Veränderungen. was sollte ich tun? Birgit sagte.« Julia behauptete. war eine Frau am Telefon. der Kirche und von Alberts Eltern hinter sich. Anna würde Mutter werden. daß er unglücklich ist. Vor allem. der emotional selbst unsicher sei. Ich legte wieder auf. wenn er jetzt erzählte. Obwohl gerade das Abwarten den Schützen schwerfalle. das Baby würde ein Gefühl der eigenen Bedeutung vermitteln. daß ich nicht mal wütend wurde über Julias Reden. der ein Herz hätte. Niemand. Wenn ich nur auf Gefühle hören wollte. Einmal als ich Albert wieder nach dem Hochzeitstermin fragen wollte. dann würde ich mein Leben lang von einer Beziehung zur nächsten ziehen.sei das normalerweise. und ich war machtlos gegen sie. Alberts Eltern wäre als Mutter 417 . wie ich immer behauptet hätte. »Seine Hilflosigkeit – das ist der Charme eines Babys. Und ich. Bestimmt war es diese Anna. Ja. und schon gar niemand. wenn er emotional so zurückhaltend sei.

Neidisch auf die Mütter. wer einen Schein wollte. Das Leben hatte mir nichts mehr zu bieten. er hatte seine Scene verlagert. Also warum überhaupt hingehen? Ich saß im Café Kaputt herum. Nein. Das Leben war mir verleidet. so weit würde es nicht kommen. Alles war sinnlos. So spießig waren die. Joschi kam nicht mehr her. Ich beschloß. Wir müßten lernen. so wie es meine Tante Katharina tut. Oberflächliches Kneipengewäsch – früher hatte es mich nie gestört. Ich kam mir überflüssig vor. ob ich auch die Kanten der Frotteehandtücher bügeln sollte. aber jetzt. Es kamen ständig neue Frauen in dieses Seminar. 418 . Wolfgang Klein schien an meinem Referat kein Interesse mehr zu haben. Das Seminar bei Wolfgang Klein bot keine neue Orientierung für mein Leben. Mütter wie Anna. und schaltete das Bügeleisen ab. In drei Wochen würde ich achtundzwanzig werden. ich bügelte sogar meine Slips. Welche Zukunft hat man als Frau mit achtundzwanzig? Hat man überhaupt noch eine Zukunft? Oder sollte ich mich besser sofort um einen Platz in einem netten Altersheim bemühen? Ich begann. von unseren Kindern zu lernen. bekam ihn auch so. Ich quatschte mal mit diesem. Wolfgang sagte.ihres Enkelkindes eine ehemalige Diätassistentin lieber als eine zukünftige Filmemacherin. Als ich überlegte. Nichts machte Spaß. mich von der Welt zu isolieren. bäumte ich mich gegen mein Schicksal auf. mal mit jenem. Das ganze Wochenende verbrachte ich am Bügelbrett. jetzt auf eine Heiratsannonce zu schreiben. wir sollten unsere Gefühle den Gefühlen unserer Kinder anpassen. Ich war neidisch. und eine Anwesenheitsliste führte er selbstverständlich nicht. fast alle mit Kindern.

Wieder war ich sofort von dieser Anzeige fasziniert: 419 .und Bekanntschaftsanzeigen. Die Männer hatten sich im letzten halben Jahr nicht geändert. den ich nie benutze. wie Albert immer behauptet hat. sie lag hinten im Küchenschrank in dem Römertopf. Die Anzeigenformulare und die Anzeigenpreisliste lagen dabei. als ich damals meinen Brief von der Zeitung zurückbekam. Nur wo? Endlich fand ich sie. als ich mich zum Kiosk an der U-Bahn durchkämpfte. einem dieser jünger aussehenden Lustgreise zu schreiben. was sollte ich schreiben? War ich eine attraktive Mädchenfrau? Oder eine mädchenhafte Intellektuelle? Sollte ich schreiben. selbst eine Anzeige aufzugeben.Der Herbstwind schlug mir ins Gesicht. Was ich fand. der auch sonntags abends geöffnet hat. war immer noch derselbe kalte Kaffee. auf deren Anzeige ich geantwortet hatte? Ich hatte die Anzeige ausgeschnitten und hatte sie auch nicht weggeworfen. ohne mich festlegen zu können. trotzdem: objektiv. Sehr ordentlich. Ewigkeiten sinnierte ich über meine positiven Eigenschaften. Nur. Was hatte damals diese Frau geschrieben. Es wäre besser. Es hatte keinen Zweck. daß ich nicht kochen kann? Und keinen Sport treibe? Nein. da würde ich gegenüber den anderen Anbieterinnen zu schlecht abschneiden. Also mußte ich die Anzeige noch haben. standen die Chancen 50:50. Ich kaufte die Wochenendausgabe jener Zeitung mit den meisten Heirats. Ich bin gar nicht so schlampig. Julia hatte mit einer Anzeige das Glück gefunden – Birgit zwar nicht. nach meinem Bekanntenkreis beurteilt.

« Das wäre optimal. Die Gesetze der Erotik sind bekannt… Ich 32/170/65 begeisterungsfähig und motivierend. um selbstverständlich zu sein… Ob diese Frau etwas dagegen haben würde. wenn sie an meiner Stelle… Nur die Äußerlichkeiten mußte ich ändern. nämlich: »Hobby: Kino. charakterisierte genau den Mann. 420 . einen ästhetischen Toleranten. Ich liebe klare Sprache und klare Menschen. mich in absoluten Freiräumen zu orientieren. Wir suchen uns.Deine Vorzüge lassen sich nicht im Anzeigenton formulieren… Du hast Deinen Weg jenseits von abgeklärtem Stillstand gefunden… Du fühlst vieles. aber völlig undogmatisch und trotz allem greifbar. einen freien intellektuellen Geist. flexibel und kontrolliert. unorthodox schaue ich mir Dinge gerne andersherum an als in ihren eingestanzten Bedeutungen. fügte ich am Schluß zwei Worte dazu. Ordnungen selbst zu entdecken. wenn ich ihre Worte für meine Anzeige auslieh? Diese Frau. Dein freier Geist mag keine Normen und hat Raum für den tieferen Sinn des Daseins. den ich suchte. der das gleiche dachte wie ich. habe gelernt. Um die Chance nicht ungenutzt zu lassen. 53 kg. sie war mir wesensverwandt – und ich an ihrer Stelle würde nichts dagegen haben. was die anderen verdrängen… Du suchst den Kampf gegen das Bürgerliche an sich… Für Dich ist Sein wichtiger als Haben. sondern auch noch das gleiche machte wie ich. nicht nur einen Mann zu finden. es war höchste Zeit – 164 cm. Du magst Politik… Toleranz und Ästhetik sind für Dich so lebenswichtig wie für mich: Du bist intellektuell aus innerster Seele. Alles andere traf genau auf mich zu. Ich war 27 – nicht mehr lange.

ob meine Anzeige schon in der nächsten Samstagausgabe erscheinen würde? Wie viele mir schreiben würden? Sollte ich mich mit jedem treffen.Ich zählte die Zeilen. 421 . Jedes war wichtig. klopfte mein Herz wie wild. das sei praktisch. geradezu relevant. der schrieb? Vielleicht wäre eine Vorauswahl klüger. so ging das. wären die Briefe am Montag bei der Zeitung. und zu meinem Geburtstag würde ich extra Geld von meiner Mutter und von meiner Tante bekommen. weil meine Anzeige so lang war –. und dann mußte die Zeitung die Briefe an mich schicken. aber eindeutig noch praktischer war ein neuer Mann! Als ich die Anzeige fehlerfrei auf die Formulare übertragen hatte – ich brauchte zwei Formulare. Aber wenn die Männer sofort am Samstag schreiben würden. hätte ich am Dienstag die Antworten. Gut. und noch eine Stunde. Es war Dienstag abend. die Anzeige würde einiges kosten. aber ich hatte eben erst von meinem Vater das Geld für November bekommen. Konnte ich mir das leisten? Sollte ich die Anzeige kürzen? Einen Satz streichen? Aber welchen? Ich konnte auf kein Wort verzichten. Teuer würde das werden. Diesmal würde ich mir zum Geburtstag einen neuen Mann schenken lassen. Abwarten. verglich mit der Anzeigenpreisliste. Die Anzeige erschien unter Chiffre: Die Männer mußten zuerst an die Zeitung schreiben. jedes war aussageschwer. daß ich mir einen elektrischen Rührquirl kaufe. zitterten meine Hände. Meine Mutter wollte zwar. Wann die Antworten wohl kommen würden? Vielleicht schon Montag? Kaum. nachdem ich den Brief eingeworfen hatte. wenn die Zeitung sie sofort an mich weiterschicken würde. Oder am Mittwoch erst? Abwarten.

Der Umschlag war ohne Absender. das war ich. aber erst am Mittwoch. Ich blieb wieder das ganze Wochenende zu Hause.11. Ich hatte Angst. Im Umschlag war ein Kuvert – feinstes Briefpapier –. Dann. Darauf hatte ich keine Lust. das war zu deutlich auf mich gemünzt. Ob Albert die Anzeige sehen würde? Oder Julia? Oder Birgit? Oder dieser Karl-Heinz? Ob sie merken würden. brauner Umschlag im Briefkasten. Ich war total hektisch und getraute mich kaum. erstaunt war ich sehr über ›Deine‹ Annonce. und unter der Adresse stand: »Betrifft Chiffre 23841 BP vom 9. nach einer gescheiterten Ehe 422 . ehe ich den Umschlag aufmachte. die Typen im Café Kaputt würden mich als die begeisterungsfähige. flexible Intellektuelle (27. war ein unauffälliger. Aber nun war es geschehen.69. 164 cm. Tatsächlich war meine Anzeige schon am Samstag in der Zeitung.« Ich zündete mir eine Zigarette an. Ich selbst schrieb sie damals. Ich las: »Liebe Suchende. 53 kg) identifizieren und blöde Sprüche machen. aber ich erkannte den Portostempel der Zeitung. daß ich das war? Vielleicht hätte ich »Hobby: Kino« doch nicht dazuschreiben sollen. Kapitel Chiffre 23841 BP. meinen eigenen Text zu lesen. undogmatische. Die Anzeige war nicht zu übersehen. Dieselbe erschien schon Monate zuvor in eben jener Zeitung. größerer. das Kuvert war an die Zeitung adressiert.

weil meine Wünsche in Erfüllung gegangen sind. Ich vermochte darüber nicht zu trauern im Gegenteil… ich erfuhr die Gewißheit. meine Annonce sei diejenige eines Mannes. die Du noch suchst. eine jede glaubend. Dir. deren Zeilen mich intuitiv zutiefst berührt hatten… ich kann die Totalität unserer Gefühle nicht analysieren… heute sind wir mehr als ein Paar – zu einer Einheit verschmolzen sind wir. Damals wagte ich… nach langem Zaudern… einer Frau zu antworten. seinetwegen erschien mein Inserat falsch placiert… war abgedruckt.« Was sollte das bedeuten? Kein Mann hatte dieser Frau geantwortet? Aber außer mir 16 andere Frauen! Warum? Was war der Unterschied zwischen Männern und Frauen? Und nun war diese Frau mit einer Frau zusammen… war lesbisch geworden… das konnte doch nicht wahr sein! Oder doch? Die Frau hatte recht. Kein einziger Mann antwortete. Eine Erfüllung. dies auf den Weg: SAGE DEN MÄNNERN ADIEU! Zwei glückliche Frauen PS: Die Zeitung druckte damals meine Annonce ein zweites Mal noch… in der richtigen Rubrik. auch mir hatte kein 423 . Ich verdanke mein Glück dem Irrtum eines Mannes bei der Zeitung. fremdkörperartig inmitten suchender Männer… ich erhielt 17 Zuschriften von Frauen. den ich nun bewußt aufgegeben habe. daß jener Teil meiner Existenz. die einen vollkommenen Wandel meines Lebens bedeutete. Ich schreibe Dir.einen wahren Neubeginn suchend. Wir befreiten uns gemeinsam aus dem Gefängnis der Konventionen. nur Beengung gewesen war.

Mit Kollegen meines Mannes. Verloren. Ich kannte doch gar keine Frau. Und mir riet sie.Mann geschrieben. traf ich Sieglinde. sehr eilig! Mein Mann ist verreist! Endlich habe ich mal richtig Zeit zum Putzen!« verkündigte sie. Warum nicht lesbisch werden? fragte ich mich.« »Was. ich wußte doch gar nicht. da würden wir Frauen nur stören. Hatte ich nicht schon damals gedacht. ich war nicht spießig. Am übernächsten Tag bekam ich noch einen Brief von der Zeitung. wie man lesbisch wird. 70. »Ich habe es sehr. Abends gehen die Männer gerne in Kneipen. auch lesbisch zu werden. und die haben ihre Frauen auch nicht mitgenommen. Oder war es nur meine bürgerliche Erziehung? Nein. mit der ich lesbisch hätte werden können. auf der Supermarkt-Promenade. Nein. »Wo ist er?« »Mein Mann ist in Paris. Er enthielt die Rechnung. Kapitel Samstags. alleine nach Paris? Hat er dich sitzenlassen?« »Mein Mann ist geschäftlich in Paris. Inklusive Mehrwertsteuer 256 Mark und 48 Pfennig. daß ich auf die Annonce einer Frau geantwortet hatte. Wäre das eine Lösung meiner Probleme? – Nein. als ich feststellte.« 424 . daß ich auch lesbisch sei? – Ja.

um mir die neuesten Steuererspamis-Tips 425 . Brrr.« »Gut«. Mein Mann hat gesagt…« »Fragt sie doch selbst. ›Die elegante Einbauküche‹ und so weiter. erläuterte Sieglinde. Mein Mann muß nur noch prüfen. Überall lagen Prospekte herum: ›Schöner Wohnen mit gutem Licht‹.« »Warum bist du so aggressiv?« sagte Sieglinde höchst überrascht. Meine Güte. Der neue Teppich war auf antik getrimmt. Ihr seid doch so gut miteinander bekannt.»Wenn er das selbst sagt. sagte ich gnädig. mit zu uns zu kommen? Wir haben uns lange nicht gesehen. ›Behaglicher leben mit echten Teppichen‹. sagte ich. in muffigen Farben. Du kennst noch gar nicht unseren neuen Teppich im Wohnzimmer. Dann fragte sie sanft: »Hast du Lust. ›Ein Leben mit Möbeln aus echtem Holz‹.« Sieglinde lächelte. dann wird es ja stimmen. wie es ihr geht. wir könnten einen Kaffee gut vertragen. und verbreitete im ganzen Wohnzimmer etwas penetrant Muffiges. »auf eine Tasse Kaffee kann ich mitkommen.« »Mein Magen und ich.« Sieglinde musterte mich vom Busen bis zum Mantelsaum und fragte: »Wie geht es Alberts Anna? Ich freu mich ja so für die beiden. »Es ist nämlich so«. wie das steuerlich am günstigsten zu machen ist. An der Heizung sparten sie also auch. eine Eigentumswohnung zu erwerben. bei der Kälte hier«. – Ich war nicht mitgekommen. Frau Lahmarsch-Adler. »mein Mann und ich tragen uns mit der Absicht. war die schwer von Begriff In der Lamar-Schadlerschen Wohnung war es eiskalt.

Ich schüttelte mich demonstrativ vor Kälte und sah Sieglinde durchdringend an. Ich nahm die mit der Haselnuß. »Kann es sein. Für jede zwei Pralinen. darauf kann man zusätzlich Teppiche legen. sagte sie. »Mein Mann will in der neuen Wohnung unbedingt Teppichboden haben. Ich hab das Rezept von der Frau meines Chefs. Es waren nur vier Pralinen in der Schachtel. Strafe muß sein! 426 . »Ich habe Irish coffee entdeckt«. Ich bin für Parkettboden. »Bedien dich«. Was meinst du dazu?« Offenbar war sie jedoch an meiner Meinung nicht interessiert. sagte Sieglinde mit einer großzügigen Handbewegung.« Ich schüttelte mich wieder demonstrativ vor Kälte und sah Sieglinde wieder durchdringend an.« »Schmeckt sehr lecker. überall Teppichboden. Aber mein Mann meint. Das wirkt repräsentativer. Gemeinheit. ging in die Küche und kam mit einer Schachtel Pralinen zurück.anzuhören. das wäre gerecht gewesen. war sie leer. »Gute Idee!« Sieglinde streute sich einen zusätzlichen Löffel gestoßenen Zucker über die Schlagsahne. Als ich wieder in die Schachtel griff. Dann kam sie wieder auf das Wohnungsthema. daß du in letzter Zeit dicker geworden bist?« fragte ich tückisch. »hast du das schon mal getrunken?« »Nein. »Soll ich einen Irish coffee machen für uns?« fragte sie endlich. das könnten wir uns noch nicht leisten. denn sie stand auf. und es hat bei meinen Gästen schon viel Anklang gefunden.

käme die Fuchsjacke nicht mehr in Frage. wie ich vorher abgenommen hatte.« Sieglinde seufzte unwillkürlich. was sie von ihrem Göttergatten zu Weihnachten bekäme. weißt du«. stellte ihre Beine sittsam auf den Schemel und sagte: »Mein Mann mag es nicht. Ich konnte nur den Kopf schütteln. wenn ich die Beine übereinanderschlage!« Sie strahlte mich an. »Weißt du. sagt mein Mann. denn mein Mann braucht ein größeres Auto. braucht mein Mann ein repräsentativeres Auto. du glaubst nicht.« Plötzlich setzte sich Sieglinde sehr aufrecht. ja. »Du mußt einsehen. konnte ich das Ehefrauen-Getue von Sieglinde nicht länger ertragen. Sieglinde lächelte.»Ich habe seit meiner Heirat kaum zugenommen… lediglich soviel.« Aufgewärmt und freundlich gestimmt durch den Kaffee und den Alkohol fragte ich Sieglinde. ich hätte lieber im Winter eine Pelzjacke«. Aber nun. Als ich den zweiten Irish coffee ausgetrunken hatte. daß das nicht geht. Außerdem fiel mir ein. wir müssen auf jeden Fall sparen. sagte ich gnadenlos. Vielleicht im nächsten Sommer. als sie an die entbehrungsreiche Zeit vor ihrer Ehe dachte. »Oh. zog einen Fußschemel vor ihren Sessel. wie das an meinen Nerven gezehrt hat. daß ich eigentlich 427 . »Eine Fuchsjacke. erstklassige Verarbeitung! Die wollte mein Mann eigentlich für mich kaufen. Diese ewigen Diäten. »Willst du vielleicht einen zweiten Irish coffee?« fragte sie dann. zum Sommerpreis. Wenn wir in eine bessere Gegend ziehen. bei Pelz-Couture habe ich die gesehen. da wir wahrscheinlich bald hohe Ausgaben für die Eigentumswohnung haben werden.

Ihm ist doch völlig egal. Im Grunde war sie ein sehr anspruchsloses Frauchen. Frauen wie sie zeigen. warum Sieglinde ständig betont. um den Status einer verheirateten Frau zu bekommen – den Status hatte sie bekommen. daß ich wegkam. Ich sagte Sieglinde. auch als Frau eine eigene Identität zu haben. mehr nicht. Im Vergleich zu ihr ging es mir besser. Ich war trotzdem milde gestimmt gegenüber Sieglinde. daß ich jetzt gehen muß. daß es sich immer noch lohnt.« »Ach so. was ihr Herr Gatte wünscht. denn eine ungewisse Zukunft ist besser als gar keine. »Was macht ihr denn an Weihnachten?« fragte ich. sie müsse jetzt putzen. Warum spielt sie dann dieses Theater? Sie versucht.« Dann machte ich. Und dann wollte ich dich noch was fragen…« »Ja?« »Wie heißt dein Mann mit Vornamen?« »Wolf-Dietrich! Hast du das etwa vergessen?« »Ich dachte. du hattest es vergessen. Sieglinde sagte.die Küche putzen wollte. 428 . was sie tut oder nicht – Hauptsache. die Defizite zu übertünchen! Sieglinde hatte geheiratet. was ihr Herr Gatte mißbilligt. er spart Steuern. Sie existierte nur noch durch ihren Mann. als wir schon an der Tür standen. Ich dachte noch lange darüber nach. »Mein Chef und seine Frau fahren zum Skilaufen nach Sankt Moritz. weil ich jetzt arbeiten müsse. Sieglinde war freiwillig in die Sklaverei gegangen.

Abgemacht. mit dem ich mich manchmal in der Mensa unterhalte. Birgit lud ich auch ein. Kein großes Fest. einladen sollte. obwohl nicht mein Typ… oder ob ich sonst jemand aus dem Institut einladen sollte. Julia sagte. Sonntag. die nur den Gastgeber kennen.« »Mich wundert bei dir überhaupt nichts mehr!« Dann teilte ich ihr meinen Entschluß mit. »Was.71. er war nett. erwartungsgemäß nicht. dann muß man immer aufpassen. sie und ihr Jürgen seien wahnsinnig mit Wohnungssuche beschäftigt. Trotzdem entschloß ich mich am Mittwochmorgen.und Bettag und das Wetter entsprechend. Ich überlegte dann. Zuerst rief ich Julia an. am Sonntag meinen Geburtstag zu feiern. am Sonntag meinen Geburtstag zu feiern. die Beate oder den Klaus… oder vielleicht Rosemarie aus dem Café Kaputt? Aber wenn man Leute einlädt. vierzehn Uhr. Ich fragte. Ich hatte sie seit Ewigkeiten nicht gesehen – sie war verliebt und verschwunden. ob ich für Birgit den Bernhard. es war Buß. daß sie sehr gerne käme und daß ihr Jürgen auch Zeit hatte und ob der auch kommen dürfe? Natürlich. ihr wollt zusammenziehen!« »Der Jürgen und ich sehen da keine Probleme. lieber ein Kaffeekränzchen. Kapitel Ausgerechnet in diesem Jahr fiel mein Geburtstag auf Totensonntag. ob sie einen Mann mitbringen wolle. gerne. Typisch! Julia erzählte. Das hatte mir gerade noch gefehlt in diesem Jahr. daß sie sich 429 .

aber Jürgen und sie müßten morgen ungefähr um fünf schon wieder gehen. aber zum Glück nichts. »Alles klar«. Sieglinde und ihren Mann einzuladen. keinen aus dem Institut einzuladen. natürlich wüßte er. was schnell verdirbt. Und wie alt ich überhaupt würde? »28. was. ich hatte zwar schon für morgen diverse Sachen zum Abendessen gekauft. Sie könne zwar nicht sagen. und das könnte peinlich werden für mich. Und überhaupt war es besser. aber auf gar keinen Fall solle ich eine Torte backen oder kaufen.« »Alles klar«. »Ist schon gut«. sagte. es täte ihr schrecklich leid. denn vielleicht würde Julia auf Gottfried Schachtschnabel zu sprechen kommen. weil es ja eine Überraschung sei. Aber Albert rief ich kurzentschlossen an. Und er wäre mir dankbar. daß ich Geburtstag habe am dreiundzwanzigsten. er könne es allein entscheiden. wenn ich am Sonntag vor den anderen Leuten nicht ständig über Anna herziehen würde. Ja. sagte ich. sie hätte eben auf ein Wohnungsinserat angerufen. und da sei morgen ab achtzehn Uhr Besichtigung. »Mußt du nicht zuerst deine Anna um Erlaubnis bitten?« Nein. Wir verabschiedeten uns also bis 430 . Sie würde eine Überraschung mitbringen. hatte ich keine Lust.nicht langweilen. auf gar keinen Fall. Da konnte man nichts machen. Und er käme gerne am Sonntag um zwei. Einen Tag vor meinem Geburtstag rief Julia wieder an sagte. Am gleichen Abend noch rief Julia an. ich solle keine Torte backen für mein Geburtstagsfest. sagte ich. sagte Julia.

Pünktlich um zwei kam Julia mit einer riesigen Eierlikör-Torte. Viertel nach zwei war Albert noch nicht da. Jürgen und Birgit im Schlepptau.morgen. auch weil sie schnell wachsen. Auch Ilona Reuter hatte meinen Geburtstag nicht vergessen. Christine rief sogar kurz aus Frankreich an. Toll. weil sie so schön aussehen. Typisch Birgit – sie schenkte mir ein Buch: ›Die Schütze-Frau und ihre Männer‹. 431 . orakelte ich. »Sicher läßt ihn diese Anna nicht gehen«. was du dir selbst wünschst«. es sei sehr. nachdem mir Julia ausführlich erzählt hatte. sie sei nicht mehr mit dem Französisch-Lehrer zusammen. riefen meine Eltern an und überhäuften mich mit Glückwünschen und mit Ratschlagen für eine gesunde Lebensführung. und in drei Monaten käme sie mich besuchen und würde mir alles genau erzählen. und sonstige Uralt-Bekannte gratulierten. Ganz toll. Und Julias Jürgen schenkte mir eine weiße Amaryllis im Blumentopf. man kann zusehen. Sie hatte informationshalber schon darin geblättert. im Morgengrauen. Das war wirklich unheimlich nett. wie sie wachsen. Den ganzen Morgen ging das Telefon. Toll. eine schöne Wohnung zu finden. sagte Jürgen. Prost auf meinen achtundzwanzigsten. Ich machte eine der zwei Flaschen Sekt aus dem Geburtstagspaket von meinen Eltern auf. Ich liebe Amaryllis. mit Schokolade aufgespritzt: »Für Constanze zum 28. Am Sonntag. wie schwierig es ist. »Wir wünschen dir all das. nicht nur. Ganz toll! Auf der Torte stand. sehr aufschlußreich. Und meine Tante Katharina berichtete eine halbe Stunde das Neueste aus ihrem Leben.« Ganz toll.

gefüllten Blumen.« »Du mußt das Buch lesen. deren Namen ich mir nie merken kann. ganz in Rosa: Rosarote Rosen. hatte ich einen Liter geschlagene Sahne im Kühlschrank parat. daß Julias Überraschung eine Torte wäre. »Aber bitte nicht irgendeinen!« sagte ich. rosarotes Schleierkraut. so ein teures Buch! Da war er aber spendabel gewesen. Er war ziemlich verlegen. Also fingen wir an mit der Eierlikör-Torte. sagte Julia. Und dazu ein riesiger Fotoband über die Hollywood-Stars der fünfziger Jahre! Hui. um sie zu zerschneiden. das ich dir mitgebracht habe. Um halb drei war Albert noch nicht da.« »Einen neuen Mann vielleicht?« fragte Julia neckisch. Birgit himmelte Albert sofort an.« 432 .« »Wieso?« fragte jemand. und weil ich mir natürlich hatte denken können.»Was wünschst du dir?« fragte Birgit. »Natürlich«. Köstlich war die Torte. aber ich muß sofort wieder gehen. Wirklich hübsch. das wird dir weiterhelfen!« rief Birgit. »Sie hat Magenkrämpfe. Ich küßte Albert – aber nur auf die Wange. Albert schenkte mir einen wirklich hübschen Strauß. besonders als er Julia guten Tag sagte. obwohl sie eigentlich viel zu schön aussah. bei dem alles anders wird. »nicht irgendeinen! Den Mann. Der Kaffee war fertig. Da war ich etwas verlegen: »Ich hab keine konkreten Wünsche. Anna geht es sehr schlecht. Er wurde noch verlegener und sagte: »Es tut mir leid. kleine Nelken und diese runden. Um drei kam Albert.

Albert wünschte Julia und Jürgen viel Glück bei der Wohnungssuche. sagte Albert.« Ja. sagte Birgit. als Albert sich verabschiedete. daß der schicke Herr Doktor schon gehen mußte.« »Aber ein Stück Torte kannst du mit uns essen«. daß wir uns erst jetzt und nur so kurz kennengelernt haben«. sagte Albert.« Ein Glas Sekt trank er wenigstens noch mit uns. »Anna ist erst in der sechsten Woche schwanger. sagte Julia. »Nein. Ich war schon vorher bei ihr. Dann hetzte er davon. »Schade. Es ist alles nicht so einfach.»Meinst du. Auch Birgit war tief betrübt. deshalb komme ich zu spät. da würde sie immer wieder hingehen«. wann du heiraten mußt?« fragte ich Albert. »Ist jetzt klar. »Im wievielten Monat ist sie?« fragte Birgit. Birgit und Jürgen an: »Dauernd fragt sie mich das. Klagend sah er Julia. daß wir uns demnächst vielleicht ausführlicher unterhalten könnten. euer Kind kommt heute auf die Welt? Ausgerechnet an meinem Geburtstag!?« »Quatsch nicht so blödes Zeug«. sagte ich. Ich weiß es nicht. sagte Jürgen und fügte stolz hinzu: »Julia hat sie selbst gebacken.« »Da hast du genügend Zeit. »Meine Schwester hat im Heilig-Geist-Hospital entbunden. und zu mir meinte er. ich muß gehen. »Soweit ist es noch nicht«. »Es geht ihr wirklich nicht gut.« »Das glaube ich dir«. sagte Julia. noch ein Stück Torte zu essen«. 433 . soviel Zeit hatte er gerade. ich habe es versprochen.

« Sie lachte »Diesmal heiratest du wegen mir«. Aber Birgit mußte wieder mal auf ihre Schwester verweisen. habe ich jemanden. sagte Jürgen. wenn man sich trennt«. sonst gäbe es Krach. die Jürgen verständnislos und erschrocken ansah. Julia und Jürgen fanden es auch nicht toll. dann kann ich sagen. ich müßte nach Hause. antwortete Jürgen ziemlich scharf. daß diese Anna ein Kind von Albert in die Welt setzte. daß Albert keinen glücklichen Eindruck machte. »Ich mache mir noch Illusionen«. weil meine Frau auf mich wartet. »Welche denn?« fragte ich. die nach siebenmonatiger Bekanntschaft schwanger und glücklich geworden war. »Aber ich dachte. sagte Julia. »Man kann mir nicht nachsagen. 434 . »Diesmal heirate ich nicht wegen der Wohnung«. sagte Julia. »Wenn ich verheiratet bin. Jürgen und Birgit mußten zugeben. Keine Aufregung bitte.Alle. daß ich meine Fehler wiederhole. sagte Jürgen.« Er grinste froh. du wolltest nie wieder heiraten! Willst du… wollt ihr heiraten?« »Nicht sofort. da ich keine Illusionen über die Ehe mehr habe. Julia. Und sie fügte hinzu: »Ihr beide zieht doch auch zusammen. erklärte ich Birgit. Wenn meine Kollegen ihre Strategiediskussionen bis in die Nacht fortsetzen. obwohl sie ihn erst seit einigen Monaten kannte. und ihr kennt euch sogar erst seit drei Monaten. den ich als Alibi vorschieben kann.« »Eine gemeinsame Wohnung erscheint mir etwas unproblematischer als ein gemeinsames Kind«. »Eine gemeinsame Wohnung kann man kündigen. könnte ich prima heiraten«. Aber jetzt.

sagte Julia. ich hab noch nie schlechtes bekommen«. daß ich keine Ahnung habe. Wenn mich ein Monteur bescheißen will. als hätte ich Ahnung. Nur über mich macht er sich zusätzlich lustig. die von vornherein sagen. dabei kann ich lediglich ein Moped von einem Mercedes unterscheiden. die mein Auto in die Werkstatt bringt. tut er es sowieso. mußt du dir die Betriebsgeschichten meines Vaters anhören!« »Dafür mußt du dich mit meiner Mutter über Astrologie unterhalten – meine Mutter hält Astrologie für gleichbedeutend mit Psychologie. sagte Jürgen lässig. wenn man sich darauf verläßt. Ich getraue mich nie zuzugeben. Wenn ihr euch dann wieder trennt. »Du kannst genausogut mit Jürgens Mutter reden und sein Auto wegbringen. daß man zusammengehört.»Außerdem brauch ich eine Frau. daß sie mir die schlechtesten Stücke andrehen. Eine Frau muß nicht den Experten mimen. statt täglich neu um die Gemeinschaft zu kämpfen. wenn ich Braten mache. »Aber deshalb braucht ihr nicht zu heiraten!« rief ich. wenn ihr nicht verheiratet seid. die können sich genausogut sofort trennen… früher oder später werden sie sich 435 . »wenn man als Mann Fleisch einkauft. wird man automatisch für einen Meisterkoch gehalten. Da habe ich jedesmal Angst. weil die Beziehung irgendwann in die Brüche gehen könnte. Ich muß immer so tun. Leute.« »Fleischkaufen ist meine Spezialität.« Julia lachte mal wieder. »ich finde es besser. ist das viel einfacher!« »Du kennst meine Überzeugung«.« »Dann mußt du das Fleisch kaufen. sie wollen kein Risiko eingehen.« »Und wenn wir verheiratet sind.

« Sagte Julia. werden wir heiraten. daß ich mit dieser Entwicklung nichts mehr zu tun haben würde. »Auf mich machte Albert einen recht hilflosen Eindruck. unter solchen Vorzeichen lebt man nur auf die Trennung hin!« Warum ereiferte sich Julia so? War es der Eifer der Bekehrten? »Was habt ihr eigentlich für Gemeinsamkeiten?« fragte ich leicht irritiert. bis du einen neuen Mann hast! Erstens hast du dann erst recht keine 436 . Nur Birgit. »Demnächst«. Julia sah mich mit ernstem Gesicht an. »Ich dachte«. daß Albert mit dieser Anna glücklich wird?« Julia war nicht mehr so optimistisch. Jürgen auch nicht. »Wir ergänzen uns lediglich!« »Man muß nicht alles gemeinsam machen. sagte Jürgen. Ich wußte. ehe ich mit dem Film weitermache. Und weil wir die Distanz verringern wollen. Das wäre besser. ach ja. Und es gibt nur zwei Möglichkeiten… entweder man verringert die Distanz oder man vergrößert sie. man braucht schon Distanz.trennen. oder?« »Du willst mit deinem Filmprojekt warten. Irgendwann. Um das Thema abzubiegen. »Wir haben keine Gemeinsamkeiten!« Jürgen lachte dröhnend. natürlich. »daß ich meine persönlichen Probleme zuerst lösen sollte. sagte Jürgen. wie sie neulich gewesen war. »Was macht eigentlich dein Film?« fragte sie ganz unvermittelt. wie sich die Dinge entwickeln«. sagte ich unbedacht. er sollte abwarten. was sie dachte: Sie dachte.« Ich mußte es zugeben. »Er stagniert. fragte ich: »Glaubt ihr. So einfach machen es sich manche Leute! Ich seufzte heimlich. Mein Film.

eben weil er verheiratet war.« Wie immer. Während ich mit Birgit über dies und das plauderte. wenn Jürgen einen Scherz machte. oder nahm sie ihn nur. dieser Jürgen.« »Du mußt einen Film machen über eine Frau.Lust. dieser Jürgen war ganz nett. dann liierte sie sich mit einem Mann.« »Du theoretisierst herum!« solidarisierte ich mich mit Jürgen. du solltest an deinen Film denken. dachte ich über Julia nach. die den Mann fürs Leben findet!« rief Birgit und strahlte erwartungsfroh. an dem Projekt zu arbeiten. der ebenfalls nie wieder heiraten wollte – weil er schon verheiratet war. Dann waren Birgit und ich allein. »Zum Beispiel über diese Anna?! Niemals!!« »Wir müssen jetzt gehen«. »Eigentlich wollte ich einen Film machen über die Trennung von Albert. sagte. weil sie zu faul war. sie wolle nie wieder heiraten. Die Männer kommen von alleine. Julia ließ sich nicht beirren. Besonders wenn man nicht an sie denkt. »Du theoretisierst herum!« sagte Jürgen. und außerdem solltest du einen Mann nicht so hoch bewerten!« rief Julia. Aber war er wirklich der Mann ihrer Träume. »Ich finde. länger zu suchen? Mein Typ war er nicht. dann trennte sie sich von diesem Mann. aber mittlerweile bin ich nicht mehr so überzeugt. »wir sind auf der Suche nach dem Hausherrn fürs Leben. Er hatte so was Entschiedenes an 437 . lachte Julia herzlich. dann antwortete sie auf eine Heiratsanzeige. und jetzt wollte sie wieder heiraten! So was Unlogisches! Und so was war Psychologin! Sicher. daß das ein gutes Thema ist. Erst ließ sie sich scheiden. sagte Jürgen. nicht an die Männer.

sondern sanft zu unterstützen weiß.sich. Da war sie garantiert auf dem Holzweg.« »Ob das auf Albert zutrifft oder nicht. noch unterstützt er mich. daß Alberts Geburtstagsgeschenk großzügig war. sicher war er autoritär. In dem Buch stand.« Birgit widersprach. 438 . Hahaha.« Birgit machte eine Pause. der am besten zu mir paßt. der aus dem Wasser kommt. Birgit blätterte in dem Buch. Wahrscheinlich ist er deshalb ein so trockener Typ. noch gar nicht kenne. Jedenfalls einer. wenn was drinsteht. Und wie laut er lachte. muß es sich auf jeden Fall um eine Zukunftsprophezeiung handeln. »Was prophezeit es mir für die Zukunft?« »Es sind keine Prophezeiungen. wie man es sehen will: weder bremst er mich.« Birgit las weitere wesentliche Stellen vor: »Der ideale Partner der Schütze-Frau ist ein Mann. das sie mir geschenkt hatte. »Da siehst du es: Albert ist Löwe. kommt ganz drauf an. daß Albert der Mann ist. oder ein Krebs. der ihren Tatendrang nicht bremst. glatten Haaren mag ich sowieso nicht. Allerdings mußte ich Birgit insofern recht geben. und außerdem glaube ich sowieso nicht an Horoskope. mein idealer Partner sei ein Skorpion. vielleicht würde es sich erweisen. schon gar nicht. es steht drin. Und sein demonstratives Geturtel mit Julia.« »Der ideale Gefährte der Schütze-Frau ist großzügig. der am besten zu mir paßt. Und Männer mit blonden. was mir nicht gefällt. oder Fische. welcher Mann am besten zu dir paßt.« »Da ich den Mann.

Birgit las weiter. Sie müsse mir unbedingt erzählen. so süß! Und dieser Mann leihe jedesmal nur zwei Bücher aus. Das war wenigstens ein Aspekt. Ach ja – mein blauer Seidenunterrock fiel mir ein.« »Niemals wird die Schütze-Frau das Vertrauen. Er ist so sachlich wie ein ZwanzigMark-Schein. Er geht mit seinen Gefühlen so um wie mit seinem Geld. wenn man berücksichtigte. wie er sie jedesmal ansehen würde. sagte ich nur. daß auch ideal wäre. wenn man nichts von ihnen verlangt. Birgit sagte nichts dazu. Sie legte das Buch beiseite. »Bestimmt 439 . jeden Mittwoch immer nachmittags um halb drei. »Lies weiter. ein ganz süßer Mann in die Stadtbücherei käme. enttäuschen!« Und plötzlich wurde Birgit vertrauensselig. Die Schütze-Frau weiß nämlich instinktiv. daß unsere Beziehung allenfalls noch eine freundschaftliche war. »Manche Menschen können eben nur geben.« Solch demutsvolle Weisheit war mal wieder typisch für Birgit. sie zitierte weiter: »Die Schütze-Frau ist eine raffinierte Liebhaberin… wenn sie einen Mann bezaubern will. um das leidenschaftliche Temperament der Schütze-Frau auszugleichen. Ich könne mir nicht vorstellen. daß sie damit das Naturell der Männer anspricht. »Lies weiter«. daß in letzter Zeit.Vor allem. das man in sie setzt. ohne jedoch ihre eigene Natur zu verleugnen…« »Blau! Warum denn Blau?« »Steht hier«. erklärte Birgit. trägt sie mit Vorliebe Blau. wenn mein Partner sachlich sei. Ach nein – der hatte mir kein Glück gebracht. unter dem Albert die passende Ergänzung wäre.

« »Hast du nie mit ihm geredet?« »Er gibt seine Bücher pünktlich zurück. ich hatte genügend Wein im Kühlschrank. was kann ich dann zu ihm sagen?« »Du kannst ihn doch einfach ansprechen!« »Ich kenne ihn doch nicht!« »Gratuliere ihm zum Geburtstag nächste Woche! Da freut er sich garantiert. Aber neulich hat er statt des Krimis ein Buch über Aquarienfische mitgenommen. Machte nichts.liest er jedes Buch. 440 . da kam raus. Nächsten Donnerstag hat er Geburtstag. Das Geburtsdatum steht doch auf der Leserkarte.« »Natürlich nicht.« »Dann denkt er. »Ich bin eben ein passiver Typ«. daß er ein Aquarium hat. Also ich vermute. das er ausleiht!« sagte Birgit wohlgefällig. »Und weißt du. jammerte sie. Ich goß ihr etwas Wein nach. daß ich ein passiver Typ bin. ich will mich ihm aufdrängen.« »Hast du das vorher nicht gewußt?« Vor Lachen verschüttete ich mein Glas. genau wie du!« »Du kennst ihn schon näher. was er ist?!« »Was ist er?« »Er ist Schütze. Es war hoffnungslos mit Birgit. »Letzte Woche habe ich einen großen Persönlichkeitstest gemacht in einer Illustrierten.« Oje.« »Was für Bücher leiht er aus?« »Er nimmt immer einen Krimi und einen Sciencefiction-Roman. Wenn keine Verlängerungsgebühr fällig ist.

wenn ich mich von einem reichen Typen scheiden lasse. Schinken. sagte Birgit jammernd. Ich sah Birgit an. Dann fiel mir wieder ein. Alles drehte sich etwas komisch. Alle. Schinken und Salami. ich muß mal heiraten. ich kann mein Naturell nicht ändern«. Alle. Es ist auch praktischer. Ich versank wieder in Nachdenken. und dann laß ich mich scheiden. sind unglücklich. sagte ich frisch gestärkt zu Birgit: »Ich habe so allmählich das Gefühl. es war mir entfallen. »Ich such mir einfach irgendeinen reichen Typen. Prost auf meine Scheidung!« »Und von wem willst du dich scheiden lassen?« fragte Birgit langsam. Gürkchen und eine Dose Ölsardinen im Kühlschrank hatte. die eine feste Beziehung haben. Ich mußte nachdenken. wegen der Steuer sind die alle wild aufs Heiraten. daß ich noch jede Menge Käse. die verheiratet sind. das war tatsächlich ein Problem. Ich hatte etwas Wichtiges sagen wollen. was ich hatte sagen wollen. wirkte aber eigentlich recht zufrieden. und dann bin ich glücklich. wenn man geschieden ist. die sind leichter zu heiraten. Salami. Es fiel mir ein. Glücklich sind immer nur die Geschiedenen – ich habe es so oft gehört! Deshalb hab ich mir gedacht. sind unglücklich. sind unglücklich. die allein sind. Gürkchen und machten die Ölsardinen auf. Wir aßen jede Menge Käse. »Paß auf«.»So bin ich eben.« 441 . wenn man sich scheiden läßt. Hm.« »Aber für die Kinder ist es nicht gut. daß man als Frau erst glücklich werden kann. Es ist nämlich so: Alle.

Ein schönes Gefühl! »Solange sich die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht ändern. was die Männer wollen!« »Aber…« Ich war in Fahrt. der dich will! Gar nicht der. sagte ich mit erhobenem Zeigefinger. sagte Birgit langsam. oder aber du mußt so viele Erfahrungen machen wie ich. »Vielleicht ist er bereits wieder ausgetreten. »Aber in meinem Jahreshoroskop stand. nach den Vorstellungen der Männer eine gute Frau zu sein. Birgits Blick besagte. du denkst nur daran. ich weiß. damit du endlich durchblickst. also unterbrach ich sie: »Weißt du. »Du mußt dir endlich mal darüber klarwerden.« 442 . »Du willst auf den Vater deiner Kinder warten. daß Birgit überhaupt nicht durchblickte. die versucht. aber wahr!« Verglichen mit Birgit konnte sogar ich mich als Radikal-Feministin fühlen. ist wie ein Jude. werden sich die Männer nicht ändern«.»Ich will keine Kinder. Und der ist dann für dich der Richtige! Einfach der. entweder du läßt die Finger von den Männern. was du willst.« Ich ließ den Zeigefinger sinken und erhob statt dessen mein Glas. murmelte sie langsam. weil sie mich an diese Anna erinnerte. und ich wußte sowieso. ich will glücklich werden!« Ich war wütend auf Birgit. daß ein neuer Mann in mein Leben tritt«. der versucht. den du willst!« »Ich versteh dich nicht«. »du hast also nur zwei Möglichkeiten. was Birgit sagen wollte. was ich mal gelesen habe? Eine Frau. bis du durchblickst. nach den Vorstellungen der Nazis ein guter Jude zu sein! – Es ist zwar geschmacklos.

sagte Birgit langsam. wir mußten bei der Hausbesitzerin diverse Gläslein selbstgebrannten Apfelschnaps trinken. Aber die Hausbesitzerin ist sehr nett. ich hatte plötzlich Schluckauf. daß ich an der Lessing-Schule bin. denn das Enkelkind unserer Hausbesitzerin geht in die Lessing-Schule!!« Ich schrie zu Birgit hinüber: »Sie haben die Wohnung bekommen!!« »Phantastisch«. Wenn der Benjamin als Einzelkind aufwächst. »Stell dir vor.« Ich goß noch etwas Wein nach. ein Einzelkind zu sein«. Dann klingelte das Telefon. sagte ich und aß den letzten Lachsschinken. Birgit kam wieder.« »Wir sind komplett nüchtern«. kicherte ich. und als ich sagte.Birgit sah unglücklich auf ihr Glas: »Ich muß mal für kleine Mädchen. Es war Julia. denn als erstes sagte sie: »Meine Schwester will so schnell wie möglich noch ein Kind haben. daß Julia und 443 . wo ich arbeite.« »Mir hat es nie was ausgemacht. »Ihr müßt unbedingt wieder herkommen und mit uns den Mietvertrag feiern!« »Auf keinen Fall. Birgit war tief gerührt. auf dem Klo mußte ihr ihre Schwester eingefallen sein. das ist nicht gut für ihn. »Wir haben die Wohnung!!!« »Phantastisch!!!« brüllte ich zurück. Also tranken Birgit und ich alleine auf die Wohnung von Julia und Jürgen. die Hausbesitzerin hat gefragt. war die Sache klar. Wir sind komplett hinüber. Julia und Jürgen wollten aber nicht mehr kommen. Ich sagte noch ein paarmal »tschüs« und »herzlichen Glückwunsch« und »hicks«.

Mir selbst war speiübel. verkroch ich mich unter der Decke. Mir wurde sofort wieder schlecht. das Schlüsselloch zu finden. Gegen Nachmittag schleppte ich mich zum Kühlschrank. mit niemandem. noch ein bißchen aufzuräumen. als ich ein Taxi für Birgit bestellte. Er hätte mich ruhig noch mal anrufen können. 444 . man hat es nicht leicht als Frau in dieser Gesellschaft. Mein Kopf dröhnte. Die Blumen von Albert sahen schon ziemlich schlapp aus. 72. Birgit jammerte noch ein bißchen rum. ganz alleine nach Hause gehen mußte. Kapitel Noch am nächsten Morgen war mir so schlecht. Nicht nur dieser Anna ging es schlecht. sagte sie wehleidig. in noch näherer Zukunft. Ja. Dann versank sie in Selbstmitleid. weil sie in Zukunft ganz alleine wohnen würde. Es war schon elf. Ich konnte nicht sprechen. Weil der Schluckauf nicht aufhörte. schon gar nicht. Es war noch eine ganze Schüssel Schlagsahne übrig. Als ich die Haustür hinter ihr abschloß. »Ich will auch ein Kind«. versuchte ich zur Ablenkung. Es hatte überhaupt keinen Sinn aufzustehen. Als das Telefon klingelte. daß ich mich nicht auf den Beinen halten konnte. und jetzt.Jürgen den Mietvertrag dem Enkelkind der Hausbesitzerin zu verdanken hatten. wenn man eine Fische-Geborene ist. hatte ich Schwierigkeiten.

Wenn ich mich nicht nur einem Team anschließen wollte. hatte Wolfgang Klein gesagt – insofern brauchte ich meine Ansprüche überhaupt nicht zu reduzieren. wie ich die Geschichte enden lassen sollte. und andererseits. macht auch nicht besonders glücklich. Zwar war ich immer noch unsicher. Aber den Mann seines Lebens nicht gefunden zu haben. es ist nicht die Lösung aller Probleme. Ich hatte keine Botschaft. Sicher. »Das Private ist das Politische«. Ich legte mich wieder ins Bett und wartete auf die Torschlußpanik. so was Persönliches interessiert die Leute. wenn man den Mann seines Lebens gefunden hat. Und ein Drehbuch schreiben. ich würde 445 . wurde es allmählich Zeit. mich von der abstrakten Theorie Schachtschnabels befreit zu haben. Ich war eine verlassene Frau mit vager Hoffnung auf gesellschaftliche Rehabilitierung. Erst am Mittwoch fühlte ich mich wieder völlig okay. bekommen die Torschlußpanik – hatte ich kürzlich gelesen. Viele Frauen. aber ich hatte keine bessere Idee. als ich den Film bei Schachtschnabel hatte machen wollen. daß ich nun achtundzwanzig war. das ist. ob die Trennung von Albert wirklich das optimale Thema war. Damals. Abgesehen davon. wie ich anfangen sollte – das war mir auch jetzt noch nicht klar.Jetzt war ich achtundzwanzig. Sicher. als ob man eine Botschaft verkündet. wenn ich einen eigenen Film machen wollte. Ja. ich mußte mir vornehmen. dann mußte ich bald der Finanzierungskommission das Drehbuch vorlegen. aber jetzt war mir vor allem unklar. hatte ich nicht gewußt. an meinem Drehbuch zu arbeiten. Ich war froh. die bis achtundzwanzig ihr Leben nicht geordnet haben. Es war mir aber bloß schlecht.

Aber wie sollte ich darstellen. aber ich als Raupe. das Geheimnis des Lebens zu entdecken oder die Wahrheit schonungslos darzulegen – eins von beiden. daß nun alles besser war? Sollte ich das Ende des Films einfach offen lassen? Oder mit symbolischer Bedeutung erfüllen. der werden sollte. Ich würde darstellen können. zuerst dahinvegetierend auf einem welken Blatt. das wäre meiner Situation nicht angemessen. mein Verhältnis zu den Problemen unserer Zeit in seiner ganzen Komplexität darzulegen? Mich schauderte vor der Gefahr. die für sich selbst spräche? Vielleicht ein Trickfilm… ich als Raupe. das ist das mindeste.darstellen können. als Opfer der Banalität des Alltäglichen zu enden. dann mich verpuppend. dann müßte es eine nicht-alltägliche Liebe sein… ein Film werden. daß ich auch als alleinstehende Frau zu respektieren war. Vielleicht eine Mumie. Aber was wäre ein angemessenes Happy-End für mich? Vielleicht gibt es die Verschmelzung der zwei Hälften nur in Romanen. Aber würde das Medium Film überhaupt genügen. In Realität war diese Verschmelzung nur ein 446 . wie mein Leben werden sollte. dann den Kokon durchbrechend und als strahlender Schmetterling in die Welt hinausfliegend? Oder wäre das zu kitschig? Das Symbol des Schmetterlings war gut. die sich in einen Schmetterling verwandelt? Das wäre ein schönes Symbol… wir Frauen lieben die Symbole… dieses Tiefgründige… Bedeutungsvolle… Immerhin hat ein Film die Aufgabe. in dessen Titel das Wort »Obsession« vorkäme. in welch tiefen Verstrickungen ich mich befunden hatte. Ich wollte einen Film machen. Wenn ich die Liebe zeigen würde in meinem Film. Ich wollte beides.

was sie wollte. und sah mich selbst sitzend in meinem Arbeitszimmer. Und ich hatte noch nicht mal einen Ehemann… geschweige denn ihn überlebt. mich von Albert zu trennen. damit keiner auf den Gedanken käme. sind die glücklichsten Jahre des Lebens – irgendwo hatte ich das mal gelesen. die Uhr stand still. wie ich sie mir erträumt hatte. Ich könnte mich totsaufen wie meine alte Tante Frida selig. Da könnten meine Eltern nichts dagegen machen. Ich hatte mir vorgenommen. Frau Frida Küntzle – immer unterschrieb sie mit dem Zusatz »Frau«. daß es stimmte. Es wäre ganz im Sinne der Verstorbenen. Und das war sie auch wirklich nicht: Einen Verlobten und zwei Ehemänner hatte sie überlebt und beerbt! Und keine Kinder. Ich saß da und blickte auf einen 447 . die zum Wesenszustand wird? Was sollte ich tun? Jetzt? Später? Für dieses Jahr hatte ich mein Ziel erreicht. alten Leuten über die Straße zu helfen. An der Wand hing eine Uhr. Ich sah aus dem Fenster. die man mit dem Vorsatz beginnt. in die Ferne. Verlorene Liebe.Zusammenkleben… Vielleicht ist die Realität wirklich so realistisch? Waren die Wirrungen meines Lebens Irrungen? Hätte ich Albert doch nicht gehenlassen sollen? Ihn nicht in sein Unglück laufen lassen sollen? Albert war zwar nicht die Liebe gewesen. und jetzt begriff ich. sie sei eine alte Jungfer. Die Jahre. aber vielleicht waren meine Träume nur Theorien gewesen… Ein Film über verlorene Liebe. Ich könnte das Aussteuersparbuch versaufen. das sie mir vererbt hatte. es war geschehen. Aber jetzt war schon fast nächstes Jahr. Sie hat auch immer getan. das klingt wie verlorene Hausschlüssel – konnte man sie wiederfinden? Oder war verlorene Liebe wie verlorene Eier? – Eine Absicht. Ein echtes Vorbild.

Schnee. die nur auf mich gewartet hatten.« 448 . Männer. Frühlingsgrün. Oktoberstürme… War das der Blick in meine Zukunft? Wann käme der strahlende Held. Allein Niyazi. in die Ferne. Ich sah aus dem Fenster. sagte er in seiner konversationsunlustigen bayerischen Art. Ich weiß nicht mehr. Irgendwo wartet immer irgendwer auf irgendwen. Kapitel Im Café Kaputt war kein Mensch. und sah mich selbst aus dem Fenster blicken. »Was ist los?« fragte ich. Die Blätter fielen von dem Kalender. Nein. bessere Männer. »Nichts«. draußen wechselten sich die Jahreszeiten ab: Sonne.Kalender. der die Uhr meines Lebens wieder in Bewegung setzen würde? Würde er eines Morgens kommen oder des Nachts? Im April oder im Dezember? Dieses Jahr noch? Nächstes Jahr oder erst in der Stunde meines Todes? Mich schauderte. wie das Laub im Herbst von den Bäumen. wer das gesagt hat – war es Nietzsche. der neben der Uhr hing. ich würde nicht untätig warten. Ins Café Kaputt wollte ich gehen. Sokrates oder Ingrid Bergman in ›Casablanca‹? 73. der Wirt. Vielleicht waren dort neue Männer. Ich wollte weggehen. »Warum ist niemand hier?« »Interessierst du dich für Fußball?« »Nein.

daß er ins Reden kam. »Na also. »Wann ist das Spiel aus?« fragte ich. Jedes Spiel hat ein Ende. Darunter stand. mach ich den Laden gar nicht auf. das würde lustig werden. stand in großen Buchstaben drauf. Weihnachten. Jedes Eigentor. 449 .« Ein Auto hielt vorm Café Kaputt. Ich setzte mich mit einem Wein in die Ecke. und jeder. sagte ich aufmunternd zu Niyazi. und an Silvester sollte das Kreuzberger Kitsch-Konservatorium gastieren. oder?« Ich blieb trotzdem. »Das dauert. jetzt kommt noch jemand«. der nicht in den Schoß der Familie heimkehren wolle. soviel Familienleben war mir zuviel. Das dauert! Scheißfußball!« Niyazi war so sauer. Mein Vater war überzeugt. An Weihnachten würde Wolfgang am Klavier spielen und Peter auf der Gitarre. als ich mir den zweiten Wein an der Theke holte. Silvester. jede Schlägerei. studierte das handgeschriebene Plakat an der Wand. daß ich diesmal – da kein anderer Mann gegen ihn konkurrierte – sogar über Neujahr bleiben würde.« »Warum? Ist heute Fußball im Fernsehen?« »Sieht so aus.»Das hab ich mir gedacht. »Weihnachten und Silvester für Zurückgebliebene«.« »Sondern?« »Heute werden die Höhepunkte des gesamten Fußballjahres abgespult. sei herzlich eingeladen. »Wenn wieder so was kommt. das kann ich dir sagen. Aber nein. Es ist nicht nur ein Spiel. da mußte ich auch zu meinen Eltern. daß das Café Kaputt an sämtlichen Feiertagen geöffnet habe. Die Leute würden schon noch kommen.

Herein kam Albert.« Wir verzogen uns in die Ecke. »Also. daß sie gar nicht schwanger ist. Die haben sie untersucht und festgestellt. Und was willst du hier in der Fußball-Nacht?« »Ich will dir was erzählen. Es war keine Fehlgeburt. bin ich direkt hierhergefahren.Wir sahen hoffnungsvoll zur Tür. Auf jeden Fall bekam sie dann gestern abend Blutungen. und als du nicht daheim warst.« »Was! Was?« »Sie hatte doch seit Sonntag Bauchkrämpfe. zündete sich eine Zigarette an. »Warum bist denn du nicht bei Frau und Fötus?« rief ich. »Beziehungsweise ist Anna gar nicht schwanger gewesen. Dann wurden wir heimgeschickt… es war nicht in unserer Klinik… ich wollte kein Gerede… wir sind in eine Ambulanz gefahren. obwohl Fußball-Nacht ist.« Und zu mir sagte er: »Dachte ich mir. »Was willst du denn hier?« riefen Niyazi und ich gleichzeitig. sah mich bedeutungsvoll an: »Anna ist nicht mehr schwanger. »Warum bist denn du nicht beim Fußball?« rief Niyazi. Ich hatte bei dir angerufen. Albert machte eine Pause. habe ich sie gestern früh in die Klinik gefahren. Weil es nicht besser wurde. was ist los?« »Was ich dir sagen wollte«. Hat sich gestern herausgestellt. Albert sagte zu Niyazi: »Ich will ein kleines Helles.« »Was? Was!« »Schrei hier nicht so herum!« zischte Albert. ich hab sie noch mal in die 450 .« »Wie schlau du bist. daß du in der Kneipe bist.

du bist ja so konservativ. was willst du jetzt tun?« »Ich weiß nicht. Anna ist ziemlich depressiv Sie hat die ganze Nacht geheult. Seine Chefin hat das auch bestätigt. der Geizhals.Klinik gefahren… es war nur eine verzögerte normale Mensis. Sie hat sich so gefreut auf das Kind. Er sah unter den Tisch.« »Fang nicht wieder damit an.« »Das ist kein Anlaß für eine Lokalrunde. hat der Kollege versichert. wie kommt denn das? Wieso hast du als Arzt das nicht vorher gemerkt!« »Wie soll ich das merken? Anna hatte doch einen Test gemacht. beendete den Satz nicht. Es sei nur eine vorübergehende Störung gewesen. und dann macht ihr ein neues Embryo.« »Klar. sie ist völlig gesund. beziehungsweise endlich schwanger werden. »Darauf mußt du eine Lokalrunde ausgeben! So billig kommst du nie wieder zu einer Lokalrunde! Nur drei Leute hier. Auf jeden Fall…« Albert drückte seine Zigarette aus. Das gehört sich nicht.« 451 .« »Du heiratest also Anna jetzt. Auf jeden Fall hat sie nichts… also ich meine. oder was weiß ich… Der Kollege von der Frauenstation sagte mir. daß die Regel so lange ausblieb. Und sie will sofort wieder schwanger werden. als er sagte: »Aber da mache ich nicht mit. Ich will erst heiraten und dann Vater werden. während er von Anna sprach. »Und jetzt.« Albert sah mich nicht an. oder der Test war nicht in Ordnung. und der Test war positiv… vielleicht hat sie was falsch gemacht mit dem Test.« »Was.« Wie seriös er tat. es hätte wahrscheinlich psychische Ursachen.

sagte ich entschieden – das kam mir zwar selbst etwas viel vor. ich werde Anna nicht heiraten. »Das ist zuviel!« rief er entsetzt. die mir an ihm fremd war.»Nein. aber ich wollte Albert erschrecken. Zu geizig? Vielleicht hatte er sich ein bißchen gebessert… das Geburtstagsgeschenk zum Beispiel… aber der Geiz war auch in seinen Gefühlen. Ich kontrollierte ebenfalls meine Schuhsohlen. »Warum sollte ich dich heiraten?« »Warum nicht?« »Weil du…« ich unterbrach mich selbst. »Warum heiratest du nicht mich?« fragte er. überlegte. »Mindestens für hundert Mark«.« Albert sprach mit einer Entschlossenheit. Außerdem ist mir Anna zu unselbständig. ich wußte es genau. Ich will nicht als Kindsvater geheiratet werden. »Ich weiß nicht. »Warum nicht?« »Wir passen nicht zusammen.« »Meine Güte! So macht man doch keinen Heiratsantrag!« »Wie denn dann?« »Doch nicht in der Kneipe! Du hast einfach keinen Stil! Und auf jeden Fall schenkt man der Braut rote Rosen!« »Wie viele?« Ich überlegte sorgfältig. Dann würde ich lieber dich heiraten. Und diese ewige Unentschiedenheit! »Soll das etwa ein Heiratsantrag gewesen sein?« fragte ich schließlich. was ich zuerst sagen sollte.« Albert sah wieder unter den Tisch und betrachtete interessiert seine Schuhsohlen. 452 .

« »Fünfzehn Rosen maximal!« »Dreißig Rosen sind für einen Heiratsantrag das allermindeste! Weiter kann ich wirklich nicht runtergehen. Die Verdammten sitzen in der Hölle und warten auf Post – hatte ich mal irgendwo gelesen. 74.»Fünfzig Rosen sind das Minimum. und auch das ist 453 .« Er stand auf. Schweigend sah ich ihm zu.« »Du spinnst wohl!« »Dafür. was sie sich nimmt. Mit Mengenrabatt. und die dürften hundert Mark kosten. das will ich dir mal sagen! Wozu denn überhaupt Rosen?« »Dann heirate doch diese Anna! Für die brauchst du keine Rosen! Die präsentiert dir einfach die Rechnungen. sagte Albert. daß Albert mich anrufen würde. hast du reichlich spießige Ansprüche. Aber Niyazi duldet so was auf gar keinen Fall.« »Fünfzehn Stück reichen.« Gnädig fügte ich hinzu: »Vielleicht gibt es fünfzig Stück billiger. Wie gerne hätte ich ihm einige Aschenbecher hinterhergeworfen. daß du so progressiv tust. wie er sein Bier an der Theke bezahlte. Kapitel Ich ging heim und wartete bis drei Uhr morgens. Auch am nächsten Tag nicht. für das. »dann kann ich ja wieder gehen. Er rief aber nicht an.« »Also gut«. Das mußte ihm doch leid tun.

ich hatte schon zweimal gefehlt. aber ich mußte hin. ich sei kompromißbereit. hatte es aufgehört zu klingeln. Leute. ins DokumentationsPraktikum. Es interessierte mich überhaupt nicht. Die Post kommt nur einmal am Tag. Oder zu dieser Anna. Freitag vormittag mußte ich weg. wenn er mich haben wollte? Wenn ich ihn jetzt zurückrufen würde. als ob. Wenn Albert schon nicht der Liebhaber meiner Träume sein wollte. es ging mir ums Prinzip. sagt meine Mutter. Als ich endlich aufgeschlossen hatte. die behaupten. was Albert betrifft. daß er lieber mich heiraten wollte. auf einen Anruf zu warten. Aber noch schlimmer als auf Post zu warten. Lieber mich als diese Anna! Ich hatte gegen eine Möchte-gern-Schwangere gekämpft – der Kampf Laokoons mit der Schlange war nichts dagegen gewesen! 454 . Dann eben nicht. – Meine Mutter behauptet. Aber Albert würde nicht nachgeben. War das Albert gewesen? War er jetzt endlich zur Einsicht gekommen. Da hatte sie sicher recht. es sei ein blödes Gerede. ist es. hörte ich durch die Wohnungstür mein Telefon klingeln. Das war nicht zuviel verlangt. dann konnte er wenigstens einmal so tun. so hatte er mich schon immer ausgebeutet. Als ich zurückkam.wahr. daß er endlich etwas investieren mußte. aber mir ging es wirklich nicht ums Geld. weil ich sonst am Semesterende den Schein nicht bekommen würde. aber das Telefon… ich war ans Haus gefesselt. es gehe ihnen nicht ums Geld. mir ging es wirklich ums Prinzip. Nein! Es ging mir gar nicht um die Rosen. diesen Leuten gehe es immer ums Geld. Andererseits hatte er gesagt. Sollte er doch zum Teufel gehen. sondern ums Prinzip. würde er glauben.

Um wieviel Uhr. sagte die Blumenhändlerin. Schließlich war ich selbständig. diese Rosen kämen von dieser Anna… das hätte noch gefehlt. ungefähr. Ich überlegte nur kurz.– und ich hatte gesiegt. Doch bitte ein Kärtchen. Um so besser. Ob ich ein Kärtchen beilegen wolle? fragte die Blumenhändlerin. nach der langen Trennung. dann würde ich sie mir eben selbst erfüllen. vielleicht könnten wir nach dieser Erfahrung später sogar auf die Scheidung verzichten? Und außerdem: Eine Hochzeit und die Braut nicht schwanger… das wäre doch irrsinnig originell! Plötzlich hatte ich die Idee. Ich ging zum Postamt. dann schrieb ich: 455 . da war er garantiert zu Hause. Es sei schon zu spät. aber vielleicht würde er der Mann meines Lebens werden? Fast vier Jahre kannten wir uns schon… seit fast einem Jahr waren wir getrennt… wenn wir jetzt. Ich fuhr zu einem der besten Blumenladen der Stadt. Wenn Albert nicht bereit war. Jawohl. Oder doch? Vielleicht würde er denken. die ich kannte. Zu liefern an Albert Auerbach. Ich suchte dreißig rote Rosen aus. Nur einer würde mir davon abraten: Gottfried Schachtschnabel. spätestens. Nicht nötig. heiraten würden. Morgen war Samstag. von der teuersten Sorte. Ausgezeichnet. meine Träume zu erfüllen. würden sie ausgeliefert? Schon um 10 Uhr morgens ganz bestimmt. überzog mein Girokonto. wer weiß. Es war 16 Uhr 45. erst morgen könnten die Rosen geschickt werden. Jawohl. wenn ich Albert heiraten würde? Ich ging im Geiste alle durch. Auf dessen Ratschläge legte ich wahrhaftig keinen Wert! Albert war zwar nicht der Mann meines Lebens. Ha! Was würden meine Freunde und Bekannten dazu sagen. Ich mußte nicht erst schwanger werden.

spätestens. Ich war zu schlapp.« Ich raffte mich doch auf und schaltete das Radio ab. Kapitel Um 10 Uhr. wenn ein Auto vorbeifuhr. o Tannenbaum«. als nächstes zwitscherten die Kinderstimmchen: »Kling Glöckchen. klong. klong« – das war doch die Wohnungstür! Das war doch Albert!! 456 . ganz bestimmt. »Klinge linge ling. Ich hatte mich entschieden… wollte jetzt Albert nicht mehr? Wollte er sich rächen? Ich drehte das Radio an. »Klong. kling Glöckchen kling. Ab 10 Uhr 05 sah ich ungefähr jede Minute aus dem Küchenfenster – das einzige Fenster meiner Wohnung mit Blick auf die Straße. Ein Kinderchor jubelte. um wieder aufzustehen und das Radio auszudrehen. Es schneite und es war eisig kalt. Total verlogen – es waren vierundzwanzig Tage bis Weihnachten. sah ich raus. Glöckchen kling… Klinge linge ling. Dann tönte es: »O Tannenbaum. Jedesmal. legte ich mich entnervt ins Bett. würde er die Rosen bekommen. klong. klong. kling Glöckchen kling. Nachdem ich vier Stunden lang gewartet hatte. daß in drei Tagen Weihnachten wäre. klong. klinge linge ling.« Hahaha! 75.»Für Deinen Heiratsantrag. legte mich wieder ins Bett. klong.« Nervig.

günstig. das nach Kaffee roch. sagte Albert. »Er sieht aber aus wie echt«. Ein Pfund Kaffee! »Ein Pfund Kaffee?« »Ja.« Er gab mir ein weiß eingewickeltes Paket.« »Ein Sonderangebot?« »Ein einmaliges Sonderangebot. den Prinz Charles Prinzessin Diana zur Verlobung geschenkt hat! »Echt Silber mit synthetischem Saphir. als er ursprünglich investieren wollte! Wenn das kein Erfolg war! Es war der helle Wahn! »Und hier habe ich noch was für dich. Was ich sah. Ich wickelte es aus. aber woraus die Brillanten sind. Gab’s für nur 89 Mark 95. 457 . Es war Kaffee. ganz genauso wie der Ring. habe ich vergessen. Ich habe nämlich was dazugekauft.Ich machte die Tür auf und fiel fast in Ohnmacht. sagte ich.« Fünf Rosen mehr.« Er holte aus seiner Manteltasche eine kleine blaue Schachtel mit einem silbernen Rändchen. In der Schachtel war hellblaue Watte… und ein Ring. Es waren 30 Rosen… 32 Rosen… 37 Rosen… 41 Rosen… 45 Rosen… »Es sind exakt fünfzig Stück«. den ich je gesehen hatte. Ein Ring. »Aber ich habe dir nur dreißig Rosen schicken lassen!« »Zwanzig Stück habe ich dazugekauft. was?« Ich steckte den Ring an meinen Finger. war der gigantischste Rosenstrauß.

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