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Seite 14 / Süddeutsche Zeitung Nr.

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FEUILLETON

Ostern, 7./8./9. April 2012

Trauriges Kellerlochspiel
Goethes Faust wird längst nicht mehr als positive Gestalt gedeutet
Es hat etwas von Auferstehung und Wiedergeburt, wenn Faust nach todestrunkener Nacht mit seinem Famulus Wagner den legendären Osterspaziergang macht. Kurz zuvor wollte der Gelehrte noch Selbstmord begehen, sich den dunklen Mächten seiner Depression ergeben, nun erfreut er sich am Frühlingserwachen – und kein deutscher Bildungsbürger, der diese Szene nicht vor Augen hätte, ihn nicht zitieren oder gedanklich würdigen würde: seinen Faust. In den meisten Köpfen ist er eben immer noch: ein deutscher Geistesheld. Der Osterspaziergang fehlt auch im postdramatischen „Faust“-Marathon von Nicolas Stemann am Hamburger Thalia Theater nicht, der maßgeblichen „Faust“-Inszenierung des noch frischen 21. Jahrhunderts. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche . . .“: Sebastian Rudolph, der zuvor ein einstündiges FaustSolo von selbstquälerischer Penetranz bestritt, liest die berühmten Zeilen sitzend vom Blatt ab, baut, ganz Hamburger, hier und da ein saloppes „Moin, Moin“ als Gruß ein und improvisiert auch mal ein lustiges Schwätzchen, während Vogelgezwitscher vom Band kommt und Bühnenarbeiter zur Begrünung zwei Topfpflanzen aufstellen. Solche Zitate genügen, um die längst Bildungsbürgergut gewordenen „Faust“Szenen beim deutschen Zuschauer abzurufen. Wenn dann im nächsten Bild Mephisto, der zuvor als Video-Pudel in Erscheinung trat, in Gestalt von Philipp Hochmair belustigt in einer Reclam-Ausgabe des „Faust“ blättert und berühmte Sätze vorliest, ja, sogar die Faust-Rolle zeit- und schwallweise ganz übernimmt, ist klar: Dieser Text gehört allen! Keiner kann ihn für sich allein, oder gar die Deutungshoheit darüber beanspruchen. Nicht mal Faust selbst, dessen Part nun, da er aus seiner Denkstube herausgekommen ist und Welt gewittert hat, abwechselnd alle mal spielen, selbst das Gretchen übernimmt Teile seines Texts. Denn wer ist dieser Faust? Auf jeden Fall keiner, dem ein moderner, analytisch-kluger Regisseur wie Nicolas Stemann noch eine klare Rolle zuschreiben würde – schon gar nicht eine als nationale Helden- und Erbauungsgestalt. Faust ist viele, vielleicht sogar alle: Stemann liest und befragt das Stück als den inneren Monolog eines Individuums, das sich radikal selbst ermächtigt. Es ist die Tragödie des modernen Menschen par excellence, der sein eigener Mephisto ist und also nicht nur den Teufel im Blut hat, sondern auch jene Hybris, mit der er sich selbst zum Maßstab der Welt erhebt, diese ausbeutend und seiner privaten Kosten-Nutzen-Rechnung unterwerfend, ohne Rücksicht auf Verluste.
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Die „schönste Buchhandlung der Welt“ findet sich in der als Gotteshaus aufgegebenen Dominikaner Kirche im niederländischen Maastricht. Das Gebäude diente davor als Fahrradgarage, jetzt aber scheint es sich auf den ursprünglichen Ordensauftrag der Gründer zurückzubesinnen: die Bildung der Stadtbürger.
Foto: Emanuele Ciccomartino/Robert Harding World Imagery/Corbis

Wenn die Glocken verstummen
Kolumbarium, Eventgastronomie, Sporthalle, Buchladen oder Wohnung: Was wird aus aufgegebenen Kirchen?
Am 4. März 2012 haben Hunderte Katholiken im Bistum Augsburg ihre Kirchen „umarmt“. Ausdrucksvoll protestierten sie so gegen drohende Kirchenschließungen im reichen Bayern, zu dessen tourismuswirksamen Image immer noch der Zwiebelturm vor weißblauem Himmel gehört. Bis zum Jahr 2025 sollen aus 1000 bestehenden Pfarreien im Bistum Augsburg 200 werden. Die treuesten Anhänger der Kirche, die Dorfältesten werden vor verschlossenen Türen stehen, weil sich die Katholische Amtskirche – wie vom Papst an Gründonnerstag bekräftigt – weigert Laien und Ehrenamtliche einzusetzen und Wortgottesdienste zuzulassen. „Helfen Sie mit, dass die Kirche im Dorf bleibt“: Mit diesem und ähnlichen Aufrufen sucht die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) Spender und Stifter für verfallende Sakralbauten: Meist altehrwürdige Feldsteinkirchlein, vom Schwamm zerfressene Fachwerkbauten, klassizistische Kleinode. Seit 1991 brachte die Stiftung insgesamt 54 Millionen Euro für die Rettung von 869 Dorfkirchen auf, meist auf dem Gebiet der DDR. Ein Riesenerfolg vor allem für die Gemeinden, die durch den Prozess des Engagements ihre Mitte fanden – auch ohne konfessionelle Prägung. Wenn es um die Rettung alter, vor allem ländlicher Kirchen geht, dann formieren sich Vereine, Förderkreise, private Stiftungen. Aber nicht die Dorfkirchen, die Stadtkirchen des späten 19. Jahrhunderts und vor allem der Nachkriegszeit sind das Problem. In den Boomjahren der Stadtenwicklung errichtet, häufig unter der Prämisse, dass kein Kirchenmitglied länger als 15 Minuten zum Gottesdienst zu gehen haben sollte, sind die Häuser heute verwaist. Die Gesellschaft ist zunehmend säkular und multikulturell geworden, der demographische Wandel macht sich genauso bemerkbar wie der Strukturwandel. Da bleiben Kirchen, wie die in eine geschlossenen Blockrandbebauung eingepasste Albert-Magnus-Kirche im Dortmunder Norden einfach zugesperrt. Ein blinder Fleck in einem dynamischen Altbau-Quartier, das mehrheitlich muslimisch geprägt ist. Aber eine Moschee in einer Kirche ist aufgrund der „symbolischen Bedeutung“ immer noch ein Tabu. Eine Nachfrage seitens der muslimischen Gemeinde besteht in der Regel auch nicht, da den meisten Kirchen der Kreuzgrundriss eingeschrieben ist und die geforderte Ausrichtung nach Mekka nur in Zentralbauten gelingen kann. Seit das Bistum Essen im Jahr 2006 seine rigide Strukturreform publik machte und verkündete 96 Kirchen, etwa ein Drittel des Bestandes, aufzugeben, seitdem engagieren sich nicht nur Bürger vor Ort, sondern auch Akademische Zirkel, Denkmalpfleger, Landesregierungen. Eine Vorreiterrolle kommt dabei dem Land Nordrhein-Westfalen zu. Mehr als die Hälfte der Kirchen wurden dort erst nach dem zweiten Weltkrieg errichtet. Rund 2500 Kirchen, die Teil der prägenden Wirtschafts- und Stadtgeschichte sind. 2500 Kirchen, die in einem sehr schleppenden Prozess, gerade erst von der Denkmalpflege erfasst werden und deren kunsthistorischer Wert kaum bekannt ist. Gebaut von bedeutenden Kirchenbaumeistern, ausgestattet von eigens ausgebildeten Glasmalern, Schmieden, Steinmetzen, Bildhauern, die den Reformen des zweiten Vatikanischen Konzils Form und Würde gaben. Sicher hier und da gibt es auch die ungeliebte „Turnhallen-Architektur“, aber es überwiegen expressive „Burgen“, „Berge“, „Zelte“, „Schiffe“ und Glasschreine mit jeweils spezifischer, sakraler Lichtregie. Bauwerke – so die Einschätzung des Nordrhein-Westfälischen Bauministeriums in einem 2010 abgeschlossenen „Modellvorhaben“, die nicht einfach umzunutzen sind. Es droht eine ganze Kirchenbau-Epoche verloren zu gehen. Mieteinnahmen von sozialen Einrichtungen können den Bauunterhalt nicht immer gewährleisten. Der neue Trend zu City- oder Jugendkirchen geht einher mit Gastronomie-Angeboten, die sich kaum von denen der Fußgängerzone unterscheiden. Und so manche Event-Location ist schneller out als die Investition für Kirchenumbau und Einrichtung hoffen ließen. Altenheime, Sozialwohnungen bedingen meist verschachtelte Einbauten, die niemanden glücklich machen. Nun zeigt ein Blick auf die Geschichte, dass es immer wieder Phasen geben hat in denen Gebäude aufgegeben werden mussten. Nach dem Dreißigjährigen Krieg und nach der Säkularisation etwa. Mit verheerender Wirkung. Aber mancher Sakralbau überstand die Not-Zeiten als Stall oder Lager. So die Buchardikriche in Halberstadt, die inzwischen mit dem John-Cage-Orgel-Projekt eine unglaublich lange Sinnstiftung erhalten hat. Auch die zur „schönste Buchhandlung der Welt“ gekürte Dominikaner Kirche in Maastricht, hat zunächst als Fahrradgarage den gesellschaftlichen Umschwung überstanden. Es gibt zweite Chancen – wenn erst einmal wenig oder gar nichts gemacht wird. Wichtig ist, dass die Hallen als Plätze der Öffentlichkeit erhalten werden. Im Falle der Buchhandlung in der Dominikaner-Kirche kann man sogar von eine Rückbesinnung auf den ursprünglichen Ordensauftrag sprechen: Die Bildung der Stadtbürger. Auffallend ist, dass in jüngster Zeit gerade Stadtkirchen zu Grabeskirchen umgewidmet werden. Der Tod kehrt in die Stadt zurück. Lange dienten die Kirchen als Grablegen, auch wenn das kanonische Recht nur hochrangigen Geistlichen ausnahmsweise eine solche Erdbestattung zuerkannte, bis ein neues Hygienebewusstsein zu den großen städtischen Friedhöfen führte. Seit 2004 erlaubt die katholische Kirche Urnenbeisetzungen in Kirchen. Zwar favorisiert sie immer noch Erdbestattungen auf Friedhöfen, aber auch katholische Kirchenmitglieder entscheiden sich immer häufiger für eine Feuerbestattung. Kolumbarien in lichtdurchfluteten, stillen, innerstädtischen Kirchenräumen, scheinen da für viele Trauernde ein tröstendes Versprechen. Sich Besinnen, zur Ruhe kommen, Trost finden, Tod und Leben als Einheit spüren, das gelingt in der Natur und in einer offenen Kirche. St. Konrad in Marl, gebaut 1956 von Emil Steffann, vereinte als erste Kirche 2006 Kolumbarium und Andachtsraum. Fast gleichzeitig bekam die neogotische St. Josef-Kirche in Aachen von den Architekten Hahn und Helten eine Gedenklandschaft aus Urnenstelen und Lebensquelle eingeschrieben. Inzwischen haben sich skulpturale Stelen aus Beton oder Glas – wie in der Erfurter Allerheiligenkirche durchgesetzt. Da fällt die erdnahe, ruhende Disposition der aus Baubronze gestalteten Urnenkammern des Berliner Architekten Volker Staab in der Dortmunder Liebfrauenkirche als angenehme Alternative auf. Im Seitenschiff der Kirche ist auch eine Urnenstätte für die Obdachlosen der Ruhr-Metropole vorgesehen. Es gibt demnach urbane Orte, an denen Kirche wirken kann, auch wenn sie profaniert ist. IRA MAZZONI

Es gibt noch Chancen: wenn erst einmal wenig oder gar nichts gemacht wird
Andererseits gibt es genügend gute Beispiele für Nutzugungserweiterungen und Umnutzungen. Und es gibt eine kritische Revision der unkonventionellen Umbauten in den Niederlanden. Dort wurde in den letzten dreißig Jahren 1000 Kirchen geschlossen, 400 umgenutzt und viele Nachkriegsbauten abgerissen. Jede Woche werden im Nachbarland, wo keine Kirchensteuern erhoben werden, zwei Kirchen geschlossen. Was passt, was ist angemessen und was gehört in der Zukunft in die Mitte der Gesellschaft? Die häufig von den Kirchen favorisierte kulturelle Nutzung ist nicht mehr öffentlich zu finanzieren. Die

DEUTSCHER FILMPREIS 2012
EIN FILM VON

8 Nominierungen

CHRISTIAN PETZOLD

Emotion und Anarchie
In Paris ist der Filmemacher Claude Miller gestorben
Gefährliche Liebschaften, das war immer wieder sein Thema, die Mechanismen, mit denen man verbotenes Begehren unterdrückt, die emotionalen und moralischen Mesalliancen, die daraus zu entstehen drohen. Eine junge Frau raubt und mordet sich durch die französische Gesellschaft, ein Mann ist hinter ihr her, ein Privatdetektiv, nicht um sie zu schnappen, sondern als ihr Schutzengel, denn die Polizei ist ihr dicht auf den Fersen. Der Mann hat ein natürliches Interesse – er sieht seine verlorene Tochter in ihr. Isabelle Adjani und Michel Serrault, eins der verrücktesten Paare der Kinogeschichte, in „Mortelle Randonnée/Das Auge“, 1983, der Film, der Claude Miller international berühmt machte. Eine bizarre Vater-Tochter-Romanze, ein Film, in dem Besessenheit eine schmerzliche Kühle gewinnt. Die gleiche Kühle dann später, 2009, in „Je suis heureux que ma mère soit vivante“, den Miller mit seinem Sohn Nathan drehte. Ein Junge, erfährt, dass er adoptiert ist, und sucht seine wirkliche Mutter, als er ihr dann gegenübersteht, vermischen sich die Rollen und die Zeichen der Liebe, der Liebe eines Sohnes und der ganz anderen, irrealen, unerhörten eines Liebhabers. Claude Miller, geboren am 20. Februar 1942, war heimisch in der Tradition des französischen film noir. Er hat nach dem Studium an der Filmschule Idhec bei Bresson, Demy und Godard assistiert („Zum Beispiel Balthasar“, „Demoiselles de Rochefort“, „Weekend“) und war Produktionsleiter bei Truffaut, „Geheimnis der falschen Braut“ und „Der Wolfsjunge“. Truffauts Geschichte von der „Kleinen Diebin“, die der nicht mehr selbst verfilmen konnte, hat Miller 1989 auf die Leinwand gebracht, mit Charlotte Gainsbourg in der Titelrolle. Zwischen Klaustrophobie und sommerlicher Heiterkeit wechselt das Werk von Miller, oft schlägt die Stimmung auch mitten im Film um – „Ein Geheimnis“ mit Cécile de France ist eine traurig schöne Reflexion über Menschen, die ihre Identität suchen, auch die des Körpers, in den Wirren von Okkupation und den Verdrängungen des Nachkriegs. Der schönste von den Sommerfilmen ist „La petite Lili“, eine kleine Landpartie mit Figuren aus dem Filmvolk, aufgemischt von der kleinen Ludivine Sagnier und inspiriert von Tschechows „Möwe“. Ein Jugendwerk, das zu realisieren Miller viele Jahre gewartet hat.

Vielleicht ist er besser als je zuvor
Tenor Rolando Villazón hat seine Stimmkrise überstanden – und beglückt nun München
Nach diesem Konzert in der Münchner Philharmonie dürfte die Frage nach dem Zustand seiner Stimme endgültig geklärt sein. Rolando Villazón singt, als hätte es nie eine Krise, als hätte es nie eine Operation gegeben. 2009 musste er sich eine „genetisch bedingte Zyste“ (Villazón) an den Stimmbändern entfernen lassen; da er zuvor schon manche Krise zu bewältigen gehabt hatte, wurde damals die Frage laut, in wieweit sein leidentritte, in Konzerten und auf der Opernbühne. Im Herbst 2011 sang er in München die Titelpartie in „Hoffmanns Erzählungen“ – und machte sie zu einem Triumph der Auferstehung. Doch war ihm dabei die enorme Anspannung anzumerken. Erst nach der Premiere wusste er endgültig, dass die Stimme hält. Nun aber konnte man ihn in München zum ersten Mal wieder völlig frei erleben. Vordergründig erweist sich diese nee singt Villazón Klavier-Lieder von Bellini, Donizetti, Rossini und Verdi. Villazón ließ sie für Orchester arrangieren, für das Nuevo Mundo Chamber Orchestra aus Bolivien. So filigran und klangschön dies unter Guerassim Voronkov auch spielt: Es ist dem Sänger kaum ein echter Dialogpartner. In ihrer Urgestalt sind diese Lieder Skizzen, das Orchester macht sie zu Aquarellen – und Villazón übermalt diese mit satten, leuchtenden Farben. Der Tenor vergrößert jedes Lied ins Opernhafte. Einige geben dies vor, sind im Kleinen echte Arien inklusive Cabaletta, oder gar vollgültige Szenen. Villazón interpretiert äußerst penibel den Text, Wort für Wort, schafft Zusammenhänge zwischen den Versen und Strophen. Zwei haben, obwohl von verschiedenen Dichtern, den gleichen Titel, „L’esule“, handeln also vom Exil. Beide beschreiben, wie schön das Land sei, in dem man sich gerade aufhält, doch ist diese Schönheit kein Trost. Rossini endet sein Lied mit einem Stolz auf die Heimat, Verdi mit Selbstmord als Mittel gegen Heimweh. Und wie Villazón diesen jeweiligen Kern ausgestaltet, voll heldischem Strahlen einerseits und umfassender Trostlosigkeit andererseits, das ist ein interpretatorisches Meisterwerk. Seine fast baritonal timbrierte Tiefe ist ein unerschütterliches Fundament, elastisch geht es ohne Bruch durch alle Register, die Stimme sitzt perfekt, er muss nicht forcieren – und im Piano kann er atemberaubend nuancieren. Die Lyrik seiner Stimme ist die alte, doch ihre Kraft und mit ihr der metallische Glanz in der Höhe sind selbstverständlicher geworden. EGBERT THOLL

Im vorigen Sommer hat er seinen letzten Film gedreht, „Thérèse Desqueyroux“, nach Mauriac
Im vorigen Sommer hat er seinen letzten Film gedreht, „Thérèse Desqueyroux“, nach dem Roman von François Mauriac. Audrey Tautou als unglückliche Provinz-Ehefrau und Giftmischerin – eine emotionale Anarchistin, sagte Miller. Der Film ist gerade in der Postproduktion, soll im Herbst in die Kinos kommen. Schon länger hat Miller sein Werk geöffnet, auf andere, auch auf die Zukunft hin. Bei seinen letzten Filmen hat er oft eine zweite Kamera gehabt, das besorgte oft sein Sohn Nathan – und der war frei in seiner Wahl von Objekt, Perspektive, Distanz. Am Mittwoch ist Claude Miller im Alter von siebzig Jahren in Paris gestorben. FRITZ GÖTTLER

Rolando Villazón, jubelnd bei seinem Münchner Konzert.
schaftliches, gegenüber dem eigenen Körper scheinbar schonungsloses Singen den Eingriff nötig gemacht hatte, ob Villazón also durch die ihm eigene Art des Singens zwangsläufig seine Stimme ruiniere. Er selbst beantwortete diese Frage so: Die Zyste wäre entstanden, egal wie viel oder wenig er in der Vergangenheit gesungen hätte; er habe lediglich durch seine unermüdlichen Engagements diesen Prozess eventuell beschleunigt. Seit 2010 hatte Villazón diverse Auf-

Foto: Dorothee Falke

Freiheit am Ende, wenn er die Geschenke der völlig enthusiasmierten Zuhörer entgegennimmt und dabei herrlich viel clownesken Unsinn macht wie zu den Zeiten, als noch niemand auf die Idee kam, dass diesem Sänger jemals die Energie abhanden kommen könnte. Das suggeriert, Villazón sei ganz der Alte. Doch dies würde bedeuten, er habe sich nicht weiterentwickelt. Vielleicht jedoch ist er besser als je zuvor. Auf seiner derzeitigen, kleinen Tour-

Zu den Guten zählt Faust auf deutschen Bühnen schon seit längerem nicht mehr. Wurde er über Jahrzehnte als ungebrochen positive Figur gezeigt, als der „faustische Mensch“, der strebend sich bemüht, wissen wollend, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, fällt mit dem Krisenbewusstsein des 21. Jahrhunderts der Blick auf den Lieblingsstreber der Deutschen wesentlich kritischer aus. Peter Stein hat im Expo-Jahr 2000 den „Faust“ noch komplett spielen lassen, alle 12 111 Verse in 21 Stunden unkommentiert vom Blatt weg, in der irrigen Annahme, Ganzheit sei der Schlüssel zur Erkenntnis wie auch zum Theaterglück. „Einschüchterung durch Klassizität“ hätte Brecht das genannt, aber über diese Art von Denkmalpflege ist das Theater hinweg. Faust ist auf deutschen Bühnen suspekt geworden. Unvergessen die radikal auf den Schmerzpunkt gebrachten „Faust“-Deutungen von Michael Thalheimer 2004 und 2005 am Deutschen Theater Berlin: der Tatmensch als Täter, hier Leichen, dort Kollateralschäden hinterlassend. Faust – ein Mädchenschänder und deutscher Verbrecher. Dieser kriminelle Aspekt klingt auch in „FaustIn and out“ an, diesem jüngst in Zürich uraufgeführten „Sekundärdrama zu Urfaust“, in dem Elfriede Jelinek das Fritzl-Verbrechen von Amstetten mit der Gretchentragödie kurzschließt, ein trauriges Kellerlochspiel männlicher Gewalt. Als phänotypischer Global Player gilt Faust inzwischen natürlich auch. Keine „Faust II“-Inszenierung mehr, in der Faust, der Papiergelderfinder am kaiserlichen Hof, nicht als kapitalistischer Karrierist und „Unternehmer-Mensch“ (Oskar Negt) das ganze Drama unserer heutigen Kredit- und Finanzwirtschaft zu vertreten oder gar zu verantworten, wenigstens aber zu veranschaulichen hätte. Die Regisseure lassen sich da vom Stuttgart-21-Chor (Volker Lösch) über die diskurstheoretische Video-Performance (Sebastian Baumgarten) bis hin zum Tanz um den goldenen Mammon mit DeutscheBank-Attacken und Wut-Parolen (Stemann) einiges einfallen. Steckt ja auch jede Menge Gegenwartsproblematik drin beim genialen Weltenvorausdenker Goethe: von der Eurokrise über die Gentechnik bis hin zur kriegerisch-imperialen Landgewinnung, die in der ökologischen Katastrophe endet. „Faust“ als die exemplarische Fortschrittstragödie des modernen Menschen ist ein noch weithin offenes Forschungsfeld. CHRISTINE DÖSSEL