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neuwal im Gespräch mit Martin Dowalil Farblose Unabhängige Formierte Uninformierte (FUFU)

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neuwal im Gespräch mit Martin Dowalil

Farblose Unabhängige Formierte Uninformierte (FUFU)
Dieter Zirnig (neuwal.com), Donnerstag, 28. März 2012

Artikel mit Podcast auf neuwal.com http://neuwal.com/index.php/2012/04/12/fufu-waidhofen/

Martin Dowalil (FUFU): ...vom Magistrat in Waidhofen habe ich noch keine Information bekommen. Jetzt haben wir Dienstag (Anm.: 26. März 2012) und wir haben noch immer nichts gehört. Also, ich warte im Prinzip bis mir jemand sagt, wie es weiter geht.

neuwal: Es gibt also formal keine nächsten Schritte? Es ist ja eigentlich ein Wahnsinn, wie man mit anderen Fraktionen umgeht. Abgesehen davon, dass wir Mitte Jänner 2012 unsere Unterstützungserklärungen eingereicht haben. Das waren 93. Bis dato haben wir nichts vom Magistrat bekommen, dass wir offiziell kandidieren. Ich habe nicht erfahren, wer von den Unterstützungserklärungen "hinausgefallen" ist (von einem weiß ich es, da er für die ÖVP kandidiert hat). Der Informationsfluss ist - ich bin normalerweise ein Feind der Bürokratie - aber, so ganz blöd sterben lassen ist dann auch übertrieben, finde ich.

Das heißt, ihr habt Unterstützungserklärungen abgegeben und danach hat es keine Informationen mehr gegeben...

Martin Dowalil (FUFU): Gar nichts mehr. Wie jeder Haushalt haben wir auch die Information nach Hause bekommen, wann die Wahlen sind, welche Sprengel. Und da habe ich hinten einen amtlichen Stimmzettel gesehen und gelesen: Liste 6 ist FUFU1. Und da habe ich offiziell gewusst, dass ich kandidiere. Das ist wirklich interessant, da ich geglaubt habe, dass da ein bisschen was kommt.

Sehr bürokratielos...

...wenn das immer so ist, dann bin ich eh dafür. Nur, wenn es da nicht so ist und sonst haben wir die Bürokratie sehr wohl, dann müssen wir da irgendwo vielleicht einhacken.
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http://fufu.at (08.04.2011) neuwal.com

Wer seid ihr eigentlich und was steckt hinter FUFU? Martin Dowalil (FUFU): Angefangen hat es mit mir. Mich hat es immer geärgert, wie die Absolute der ÖVP mit ihrer Allmacht in Waidhofen agiert hat. Es hat mich immer aufgeregt. Wegen jedem Blödsinn haben sie einen Flugzettel herausgebracht. Die Stadtzeitung missbraucht haben, weil sie das gemacht haben, was die Stadtgemeinde tun muss. Irgendwann hat meine Frau zu mir gesagt, dass sie meine "Seidlerei" nicht mehr aushaltet und ich halt etwas unternehmen soll. Zuerst war es ein absolutes Spaßprojekt mit ein bisschen einem Hintergrund, aber nicht sehr viel. Dann haben wir uns immer wieder zusammengesetzt, haben Fotos und Videos gemacht. Und irgendwann ist aus Spaß eben Ernst geworden und wir haben gesagt, dass wir tatsächlich kandidieren. Das haben wir dann irgendwann 2009 beschlossen, dass wir das wirklich tun wollen. Und somit bin ich der Kopf, der Walter Oberbramberger2 ist der Fotograf und Webmaster. Einstellung haben wir alle die ähnliche zur Politik. Die Videos werden vom Buder Daniel gemacht. Wenn wir nur zu zweit kandidieren ist es ein bisschen fad, weil wir ja nicht wissen, was passiert: Vielleicht kommen wir ja in den Stadtrat, können aber nicht einziehen, da wir nur zwei Kandidaten haben. Daher haben wir für die Liste KandidatInnen gesucht: Meine Frau, die Nicole, war dann noch dabei, Wagner Angelika, Wachauer Alexander und die Ursula Schrefel. Außer Daniel haben wir alle kandidiert. Wir haben eigentlich alle mit einem fixen Mandat gerechnet, sage ich einmal. Weil, das Feedback bei uns war immer sehr positiv. Und wenn wir beim Feedback nur 50 % hergenommen hat, hat es noch immer gereicht. Und, nachdem wir uns gedacht haben, dass mir keiner sagen braucht, "Du ich wähle, das taugt mir und dann wählt er mich nicht", das bringt ja nichts. Also bin ich davon ausgegangen, wann mir wer sagt, "Mir taugt das wirklich und ich wähle Dich", dass sie das dann wahrscheinlich auch macht. Und so haben wir dann auch tatsächlich relativ bald mit einem Mandat gerechnet. Extrem überrascht waren wir, dass es zwei geworden sind.

Wie war das Feedback aus der Bevölkerung? Martin Dowalil (FUFU): Es war gemischt. Am Wahlsonntag habe ich beide Seiten gesehen: Die Herzlichkeit vieler Leute, denen das wirklich getaugt hat, dass wir das geschafft haben und auch die ablehnende Art. Die Leute, die kurz bei Dir vorbei gehen und sich schnell wegdrehen. Also, das Primitivste, was es eigentlich gibt. Ein kühles "Servus" oder "Grüß Gott" könnte man immer sagen. Aber, es hat sehr wohl die Herzlichkeit und die Ignoranz nach wie vor gegeben. Es gibt Leute, die sich in Waidhofen furchtbar beschweren, wie man so einen Blödsinn wählen kann: "Sind denn die Leute alle komplett deppert, dass sie so einen Kasperl wählen?" Also, das gibt es genauso.

2009 habt ihr euch gegründet? Martin Dowalil (FUFU): Die Entstehungsgeschichte ist auf der Website angegeben.
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http://oberbramberger.at (08.04.2011) neuwal.com

Irgendwann ist das Projekt immer konkreter geworden. Im November 2011 sind wir drauf gekommen, dass wir noch immer keine Homepage haben. Alles, was man auf der Website lesen kann, habe ich mit der Hand geschrieben. Das ist meine Schrift, das wollten wir und sollte einen gewissen Charakter haben. Von November bis jetzt hat es uns dann ziemlich zum Schleudern angefangen. Aber, es ist sich alles immer irgendwie doch noch ausgegangen perfekt organisiert ist allerdings etwas anderes. Aber, da hat auf alle Fälle etwas einen Charme.

Uniformen... sind euer Markenzeichen. Martin Dowalil (FUFU): Das ist aus einem ganz einem blöden Blödsinn entstanden. Das war schon 2007. Jörg Haider hatte die glorreiche Idee, dass er Kärnten von Österreich abspalten will. Wir haben darauf gesagt, dass wir uns dann sofort alle Uniformen kaufen und Kärnten wieder annektieren müssen, weil so geht das nicht. Am nächsten Tag, Damenspitzel und Restalkohol habe ich auch noch gehabt, habe ich auf Ebay nachgeschaut, welche Uniformen es im Angebot gibt. Die DDR-Uniformen waren die günstigsten und da habe ich gleich zugeschlagen. Und seit dem immer wieder die Uniformen. Das Schöne bei uns ist, dass sich immer wieder etwas ergibt. Ein Zahnrad greift ins nächste über, obwohl es nie so geplant war. Und heute sagen wir: “He, das ist voll lässig!” Mit der Uniform fallt man auf. Sie verkörpert eigentlich Gehorsam und ‘ja nicht aufmucken’, klare Richtlinien und wir treten eigentlich genau fürs Gegenteil ein: Freies Denken, Mund aufmachen, nicht immer nur jammern, sondern auch handeln und agieren. Wie gesagt, mir ist es auch komplett wurscht, ob es eine DDR-Uniform, eine deutsche oder englische Uniform ist: Eine Uniform ist nie OK und hat immer etwas anrüchiges. Sie verleiht allerdings Respekt und wie gesagt, ich hab das schon sehr oft erwähnt, dass wir uns nicht mit der Herkunft und den Trägern identifizieren. Also, das ist rein ein Marketing-Gag.

Ihr wollt nicht sudern, ihr wollt handeln. Wofür setzt ihr euch ein und was wollt ihr verändern? Martin Dowalil (FUFU): Wir haben eine große Facebook-Gruppe3 gegründet, die ist größer als alle anderen Parteien von ihren Mitgliedern zusammen: Wir haben 800 Mitglieder. Wir haben uns schon ein bisschen mit den anderen Parteien zusammen geredet - wir wollen eine überparteiliche Facebook-Gruppe gründen, mit der wir Transparenz und Bürgernähe zelebrieren können. Weil, die anderen reden nur davon - wir stehen wirklich dahinter. Zuerst haben wir gesagt, dass es ein reiner Protest gegen das Machtgehabe ist, gegen das charmlose Ausnützen der Macht. Das war das, was im Vordergrund steht. Danach haben wir gesagt, dass wir schon ein Rahmenprogramm machen müssen und wir uns mehr für den Tierschutz einsetzen als eine ÖVP. Wir werden uns für ein unabhängiges Kulturzentrum für jeden einsetzen. Bei uns gibt es nur einige wenige, die sich zum Veranstalten etwas Leisten können.

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https://www.facebook.com/groups/312198165487172/ (08.04.2012) neuwal.com

Wir wollen ein kleines Kulturzentrum haben. Kultur hört sich so hochgestochen an jeder Bürger soll sich zu einem fairen Preis eine Location mieten können, wo eine Bar, Sanitäranlagen, eine Bühne drinnen ist. Das kann man für Vernissagen, Kulturlesungen, kleine Liveauftritte oder Geburtstagsfeiern. Das ist unser großes Anliegen, das wir in den nächsten fünf Jahren irgendwie umsetzen wollen.

Wenn ihr etwas umsetzen wollt, dann braucht man Kooperationspartner. In Waidhofen gibt es zwei Bürgerbewegungen. Zuerst einmal die Frage: Sehr ihr euch als Bürgerinitiative, als Bürgerbewegung? Martin Dowalil (FUFU): Ja, das sehen wir uns auf jeden Fall. Wir sind keine Partei und wir werden nie eine Partei sein. Wir werden immer mündige Bürger sein, die sich nichts mehr bieten lassen. Wir werden aufstehen und sagen, was "für Radl im Dreck rennt". Wir werden immer eine Bürgerbewegung bleiben.

Ihr wollt sicherlich etwas umsetzen. Und dazu braucht es Kooperationspartner. Wie kann das Szenario in den nächsten Jahren aussehen? Martin Dowalil (FUFU): Wir sind ja der Meinung - darum auch die "Farblose" - wir brauchen keine Farbe. Weil jede Partei sollte eine Farbe haben, sagt man ja normal. Und wir gehen davon aus, dass jede Partei gute Ideen hat. Nur wird einmal generell von einer anderen Partei abgeblockt, wenn die andere Partei eine gute Idee hat. Da wird gar nicht näher darauf eingegangen, denkt sich, "was für ein Blödsinn" und dann denkt man erst nach, "vielleicht war es ja gar kein Blödsinn". Und dann, so wie es bei uns ist, wird dann das von einer anderen Partei als großartige Idee verkauft, obwohl es von einer anderen Fraktion gekommen ist. Und, nachdem wir davon ausgehen, dass große Ideen umgesetzt gehören - egal, von wem sie kommen - wollen wir eigentlich gar nichts von Koalition oder Opposition.... Der Bürgermeister4 will natürlich mit allen von uns sprechen, getrennt natürlich. Getrennt er sagt nicht, jetzt setzen wir uns alle an einen Tisch und überlegen uns, wie wir weiter tun. Sonder, es gibt verschiedene Angebote an die kleineren Fraktionen. Wir haben immer gesagt, dass gute Ideen umgesetzt werden und man wird um dieses Jugendhochkulturzentrum kämpfen müssen. So selbstverständlich ist das nicht. Ich glaube nicht, dass nach der Wahl auf einmal alles ganz anders ist und alle so offen und transparent sind und sagen: "Super, Klasse, das glaube ich nicht, da müssen wir kämpfen." Die Bürgerliste UWG5 hat 6 und wir haben 2 Mandate und haben gemeinsam 8 Sitze. Für die SPÖ war es eine große Schlappe. Und für gewisse Sachen braucht man eine Zwei-DrittelMehrheit im Gemeinderat. Und ich glaube nicht, dass sich das mit der SPÖ immer ausgehen wird. Und somit wird der Bürgermeister in den Gesprächen aufpassen müssen, dass er nicht jemanden zu sehr auf den Schlips tritt. Als Bürger hat man schon die Macht, dass man sagt, dass man nicht dafür stimmt. Und wir sind jetzt wirklich noch zu naiv, dass wir sagen, gute Ideen gehören umgesetzt, egal, von wem sie kommen. Und, ich gehe nicht in die Opposition und ich gehe sicherlich nicht in
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http://www.waidhofen.at/index.php?lang=de&a=8&b=151 (08.04.2012) http://www.uwg3340.at/ (08.04.2012) neuwal.com

eine Koalition. Ich möchte mich nicht 5 Jahre an eine ÖVP binden, von der mich ideologisch so viel trennt. Das geht sich hinten und vorne nicht aus. Also, das wird es sicherlich nicht sein. Ich verwehre mich eigentlich gegen das "Wer ist Opposition, wer ist Koalition", weil, wie gesagt, ich sehe jeden Tag als neue Herausforderung. Und da gibt es Sachen, die mich freuen und die ich unterstütze, es gibt genauso Sachen, die mich nicht freuen und die ich nicht unterstütze.

Du hast gesagt, es trennt euch in Richtung ÖVP sehr viel. Welche politische Richtung ist euch näher gestimmt? Martin Dowalil (FUFU): Ich sage einmal, politische Richtung ist uns gar keine näher gestimmt mehr. Es gewinnt ja nicht zum Spaß eine Piratenpartei. Es gewinnt ja nicht zum Spaß so wie wir, wenn wir das pointiert. Ich habe es mir ja nicht leicht gemacht. Wir hätten vermutlich mehr Mandate - und jetzt übertreibe ich wieder - wenn ich nicht so polarisiert hätte, wenn wir nicht solche Videos und Fotostrecken gemacht hätten. Aber, genau um das ist es uns gegangen. Ich wollte, dass die Leute nachdenken. Ich wollte ihnen nicht etwas vorgekautes hinhauen wie die anderen Apparate. Ich wollte einfach sagen: "Steckts mich ins Kasperleck und grabts mich ein, oder ihr grabts und werdet sehen, so deppert ist es gar nicht, was er sagt." Und das war unser Anliegen. Und somit trennt uns von anderen Parteien ziemlich viel. Die einzigen, wo ich sage, mit denen kann ich mich super annähern, sind die UWG, weil das sind Bürger wie wir. Nur halt gemäßigter. Die Grünen6 hätten immer gute Ansätze, bringen aber nie etwas weiter. Es ist alles zu lasch. Die FPÖ7 geht gar nicht, das geht sich hinten und vorne nicht aus - trotz Uniform (lacht). Natürlich, auf den ersten Blick: Uniform, FPÖ, aha, eh klar. Aber so ist es bei Gott nicht. Und die Großparteien, dieses ÖVP- und SPÖ-Gehabe, dieses verstaubte Denken in irgendwelchen Wählerschichten, die es eh nicht mehr gibt. Oder die es nur mehr annähernd gibt. Es ist nur mehr Verstrickung von Partei und Finanz und Wirtschaft und den ganzen Bünden im Hintergrund. Dabei geht es nicht mehr um das, was der einzelne Bürger will. Dabei geht es nur mehr um die Interessen zu wahren, allerdings nicht mehr von den Bürgern, sondern von den Apparaten, die dahinter stecken. Und das ist das größte Problem und die größte Distanz, die wir haben. Wir haben einen schlanken Apparat, das bin ich mit meinen fünf Leuten. "Warum hat die ÖVP bei der Wahl so viel verloren?" Weil es auf Bundesebene so viel Korruption gibt. Und wir können in Waidhofen dafür gar nichts. Darum habe ich aus diesem Grund kandidiert: Große Korruption auf Bundesebene und im Verhältnis dazu ist es in Waidhofen, allerdings im kleinen Stil.

Es ist schon öfter der Name Piratenpartei gefallen. Im Mail von Dir steht "Ahoi" bei der Begrüßung... Martin Dowalil (FUFU): ...ich finde das wirklich super. "Ahoi" schreibe ich, seit ich St. PauliMitglied bin. Und das ist seit 2002. Seit 10 Jahren bin ich förderndes St.-Pauli8-Mitglied. Und ich organisiere bei uns in Waidhofen jedes Jahr ein Festl, das sich "Fleischrock9" nennt. Und da
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http://niederoesterreich.gruene.at/index.php?id=119022 (08.04.2012) http://www.waidhofen-ybbs.fpoe-noe.at/ (08.04.2012) 8 http://www.fcstpauli.com/ (08.04.2012) 9 http://www.foerderbandl.at/fleischrock2011.htm (08.04.2012) neuwal.com

schreibe ich auch immer "Ahoi". Und, das ist alles lange vor der Piratenpartei10-Zeit (lacht). Und darum, dass ist wieder so ein Zahnrad, das unbeabsichtigt in ein anderes übergreift. Und da sagt der Fehringer Hannes von den Oberösterreichischen Nachrichten11, der diesen Bezug auch immer hergestellt hat: Die Piraten Waidhofens. Ich habe nichts gegen die Piraten, ganz im Gegenteil, denn unsere Ideale sind ja ähnlich, sage ich einmal. Nur, wir sind keine Splittergruppierung von den Piraten. Allerdings habe ich mir schon überlegt, falls ich in den Gemeinderat nicht einziehe, ob ich nicht auf Landesebene vielleicht mit den Piraten mache. Ich bin auf alle Fälle mit den Piraten in Kontakt. Wir sind Piraten-nahe, die Piraten sind mir sympathisch, allerdings sind wir keine klassischen Piraten. Und das "Ahoi" habe ich seit 10 Jahren bei meinen Begrüßung-E-Mails drinnen.

Wie habt ihr den Wahlkampf gemacht. Hattet ihr Plakate oder ausschließlich Online?

Martin Dowalil (FUFU): Nein, gar nichts. Das war der nächste Schritt. Man hätte ja annehmen können, dass wir grandios auf den Mund fallen werden. Ich mache derzeit gerade eine ExcelTabelle: Wir haben zwischen 1.500 und 1.700 EUR im Wahlkampf ausgegeben. Das meiste waren Buttons in sechs verschiedenen Motiven, die weggegangen sind wie die warmen Semmeln. Jeden Freitag im März waren wir mit einem mobilen Freibierstandl. Immer mit einem guten Speck, guten Käse und gutem Bauernbrot. Das waren eigentlich die großen Posten. Wir haben von Plakaten Abstand genommen, wir haben keine A-Ständer gehabt. In Waidhofen habe ich gefragt, wie Plakatstellen zugewiesen werden und wer eigentlich plakatieren und aufstellen darf: Die Antwort war, wer zuerst kommt, malt zuerst. Und dann war mir das alles eigentlich viel zu deppert. Dann haben wir gedacht, dass wir in einigen uns wohl besonnenen Lokalen aufhängen. Und irgendwann haben wir gesagt, dass das positive Feedback so groß ist und wir deswegen keine Plakate aufhängen. Wir haben nichts plakatiert. Wir haben ein Inserat in der NÖN und eines im Mostviertel-Magazin geschalten. Und sonst sind wir mit geschwommen, weil sie die örtliche Presse auf uns drauf geworfen hat. Zuerst Heute, NÖN, Kurier - jeder hat mit uns eine Freude gehabt. Und somit haben wir hier genug Werbung gehabt. Und natürlich viel über Facebook. Wir haben die Bürgerbeteiligung, also Bürgernähe, gemacht. Ich bin kaum mehr zum Arbeiten gekommen, weil ich immer präsent sein wollte. Und da habe ich so viel geschrieben, so viel erklärt und da ist so viel Zeit hin eingeflossen. Aber die Leute haben sich dann wenigstens ausgekannt. Unser Wahlkampf war ausschließlich im Internet zu finden, wo uns auch schon jemand gesagt hat, dass es einmal ein Pilotprojekt in Deutschland gegeben hat, bei dem es ausschließlich über das Internet geworben wurde. Und die sind grandios gescheitert, mir fällt allerdings nicht mehr der Name der Bewegung ein. Aber, bei uns hat das super geklappt. Unsere Facebook-Gruppe hat 800 Leute und jedes Mal, wenn ich auf Facebook gehe, ist ständig etwas zu beantworten und etwas zu tun. Und das wollen wir fortführen.
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http://piratenpartei.at (08.04.2012) http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/steyr/art68,847479 (Piraten entern Waidhofener Rathaus, 11.04.2012) neuwal.com

Wir haben ein extrem schwaches Budget, sitzen noch nicht im Gemeinderat und das haben wir auch schon angekündigt: Ich für mich habe gesagt, ich nehme mir solange die 300-500 EUR, diese Zeitaufwandsentschädigung, bis meine Excel-Tabelle mit den Ausgaben gedeckt ist und werde den Betrag dann jedes Monat einem wohltätigen Zweck spenden: Ob es eine hilfsbedürftige Familie ist, ein Tierschutzverein ist und wenn es sonst nichts ist, dann soll es der Sozialmarkt sein. Weil ich sehe den Gemeinderatssitz als Ehrenamt, der für 12.000 Einwohner bestimmen darf. Das Geld steht mir nicht zu, für mich ist es eine Ehre und gebe es dann jeden Monat wieder zurück.

Was sind die aktuellen Herausforderungen in Waidhofen? Martin Dowalil (FUFU): Die Stadt ist bis über beide Ohren verschuldet. Das ist ein Wahnsinn. Dann wird mit Verschachtlungen getrickst, dass man sagt, wir haben wieder Schulden abgebaut, dabei hat man nur an einer anderen Stelle eine Immobilie hineingesteckt. Aber wie gesagt, es wird nicht viel anders weitergehen, wie in den letzten Jahren. Die Absolute ist zwar gefallen, allerdings hat die ÖVP noch immer 20 von 40 Mandate. Die Stadt ist extrem hoch verschuldet und wir haben mit unserem Wahlkampf gezeigt, dass wir hier extrem sparen kann. Ich könnte es mir leicht machen und sage, die nächsten fünf Jahre, jedes Monat lang, sage ich einmal 300 Jahre als Gemeinderat und dann blase ich euch in fünf Jahren aber so etwas von weg. Da plakatiere ich, fahre mit Heißluftballonen davon... Aber das tue ich nicht. Es muss wieder zurück. Ich bekomme sehr viel Post und sehr viele Postwurfsendungen. Wer zahlt denn das im Endeffekt. Der Bürger. Und somit haben wir gezeigt, dass wir einen anderen Weg gehen. Und wenn wir seriös Schulden abbauen will, dann muss man einfach bei sich selber anfangen. Und das sehen sehr viele Menschen nicht ein. Sie sagen: Ja sicherlich gehört gespart, aber, das und das geht nicht. Und dann reden sie über Verkleinerung vom Gemeinderat von 40 auf 30 Sitze. Ich beginne den Schuldenabbau bei mir, was zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, aber ich nehme das Geld nicht und vielleicht könnten wir darüber reden, ob wir zwei Vizebürgermeister in einer 12.000-Einwohner-Stadt brauchen. Der Hebel gehört in der Entschuldung angesetzt. Und, das ist das Hauptproblem. Wir haben eine tolle Lebensqualität, es mangelt uns an nichts. Also, uns geht es hier sehr gut. Ich bin nicht nur ein Waidhofener, sondern auch ein Niederösterreicher und ein Österreicher. Und solche Leute wie der Landeshauptmann-Stellvertreter Sobotka, die sich überall nur die Hand aufhalten und bereichern wollen, die bauen uns den Sozialstaat ab und da schaue ich nicht länger zu.

Politik generell: wohin geht die Politik, wohin entwickelt sie sich... Was denkst Du, wie seht ihr die Politik in fünf Jahren. Martin Dowalil (FUFU): Man sagt, die Demokratie funktioniert nur, wenn es mündige Bürger gibt, die mitreden wollen. Und die Politiker der arrivierten Parteien spielen sich noch so lange deppert, bis der Bürger dann soweit ist, dass es nur mehr Bürgerlisten gibt. Wenn sich die Parteien nicht bald eine neue Strategie überlegen - ich sehe es immer wieder, Korruptionsausschuss, dort und da ein U-Ausschuss, Liechtenstein gibt die Akte Grasser nicht heraus, das ist ja alles ein Wahnsinn, man weiß, es geht ums Eingemachte, und da werden die

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Akten nicht herausgegeben, verschleppen und verzögern es. Man braucht nur den Radio oder den Fernseher einschalten und da hört man es. Es ist ein Wahnsinn, da geht es drunter und drüber. Die Leute, außer Peter Pilz, sehen das absolut nicht ein, dass der Hut brennt. Und da sehe ich in fünf Jahren die Politik so, dass der mündige Bürger, der jetzt eigentlich mitreden will, nicht nur mitreden, sondern auch mitregieren will. Und da ist die SPÖ und die ÖVP - ich habe es bei uns gesehen, da gibt es ja ein Geflecht. Das Geflecht einer ÖVP ist schon so groß, da drängen so viele Leute hinein, die einen Nutzen herausziehen wollen, dass sie dann bei der ÖVP sein wollen. Da geht nicht mehr viel. Die Verflechtung zu zerstören, wie es Kurt Kuch sagt. Die Trennung, die Parteienfinanzierung und das alles transparent zu gestalten. Ich verstehe schon, warum sie es nicht machen, weil sie dann grandios auf den Mund fallen würden, wenn sie alles offen legen müssten. Aber, wenn sie nicht von selbst bald umdenken. Die Piraten formieren sich schon in Niederösterreich für die Landtagswahlen im nächsten Jahr - wissen allerdings nicht, ob es sich noch ausgeht. Aber, wenn die so weiter tun... Warum legt eine FPÖ so viel zu. Nicht, weil alle rechtsradikal und blöd sind, sondern, weil es einfach, das ist die einzige Protestbewegung, mit der man auf die Finger klopfen kann. Jörg Haider hat damals noch einen Schein aufgebaut und als er am Futtertrog war, hat er es genauso gemacht und das ganze Bundesland den Bach hinunter gehen lassen. Aber, er hat diesen Nimbus hinterlassen, dass die FPÖ die Partei des "Kleinen Mannes" ist und wenn ihr großen Parteien uns deppert kommt, dann wähle ich die FPÖ. Das ist nach wie vor so. Das sagt zwar keiner bei den Meinungsumfragen oder wenige, darum sind wir immer wieder nach den Wahlen erstaunt, dass die FPÖ zugelegt hat.

Unabhängigkeit ist euer Herzstück habe ich gelesen... Martin Dowalil (FUFU): ...Unabhängigkeit und die strikte Trennung von... ich habe mein Leben organisiert in einzelne Bereiche. Das eine ist logischerweise Beruf, das andere ist Familie, dann mache ich eben dieses Fest und diese Partei. Jetzt sage ich schon selbst Partei... Meine Bürgerbewegung. Und das eine hat mit dem anderen nie etwas zu tun. Mir würde es nie in den Sinn kommen, dass ich jetzt sage, ich bin Gemeinderat, jetzt gehe ich wohin und schau, das ich hier etwas für mein privates Fest heraushole. Das würde mir nie einfallen. Das ist aber der erste Schritt, den viele andere gleich setzten: So, ich bin Gemeinderat und jetzt will ich von dir gleich einmal das und dafür bekommst du im Gegenzug von mir einmal das, falls du etwas brauchst. Und so fangt es an. Und so fangen wir nicht an und sagen, dass wir das nie tun. Nicht, eine Hand wascht die andere oder Freunderlwirtschaft interessiert mich alles nicht. Es wird alles objektiv entschieden. Postenschacher - das gehört ja alles unterbunden. Aber es ist irrsinnig schwer.

Was muss passieren, damit deine Motivation für all deine Ideen dahin geht... Martin Dowalil (FUFU): Ich sage einmal, da müsste viel passieren. Ich habe fünf Jahre gewettert, dass mich das alles nicht interessiert. Dann hat man mir nahe gelegt, dass ich selbst etwas unternehmen soll. Jetzt habe ich die Chance, dass ich etwas unternehmen kann und jetzt könnten mich die Apparate zermürben. Der ÖVP-Apparat, der SPÖ-Apparat nicht, weil

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der jetzt eh am Boden liegt bei uns. Sie könnten mich so oft ins Leere laufen lassen, so oft ignorieren oder so oft einfach nicht ernst nehmen. Dann könnte ich eventuell am Abend einmal heimkommen und sagen, "Jetzt freut mich das nicht mehr". Das könnte passieren, aber da bin ich noch sehr weit davon entfernt.

Im Gegenzug: Was kann dich motivieren? Martin Dowalil (FUFU): Wir sind mittlerweile 40 Personen. Und es ist wie im normalen Leben auch. Von den 40 Personen hat man mit 20 kein Problem. 10 sind einem wurscht und 10 mag man nicht, weils menschlich nicht passt. Aber darum: Wir sind 40 Leute und ich glaube, dass wir etwas weiter bekommen. Weil ich unterstelle niemanden von den 40 Leuten in Waidhofen, dass sie nicht das Beste für die Bevölkerung wollen. Die 40 Leute wollen das Beste für Waidhofen. Die einen halt unabhängiger und freier und die anderen müssen halt viel mehr Spielregeln einhalten, weil sie einen großen Apparat und eine große Verflechtung haben. Und das ist der große Unterschied. Und ich glaube trotzdem, dass die 40 Leute sehr gut miteinander arbeiten können. Und, das wäre dann die Motivation und wenn ich am Abend nach Hause komme, wie ich mir das vorgestellt habe: "Die Schwarzen sind genauso normale fähige Leute mit guten Ideen und man bekommt etwas weiter und wird nicht abgeschmettert." Das sind die zwei Alternativen, die es gibt. Eine kleine Fraktion anrennen lassen und zeigen, so einfach ist es nicht, wie du glaubst. Oder: Einbinden, so wie du sagst, ist super, das können wir sicherlich überlegen und wird auch gemacht. Und nicht sagen, wir überlegen uns und es passiert nichts.

Wie schaffst Du das alles unter einen Hut zu bringen? Martin Dowalil (FUFU): Vor der Wahl war es ein Horror. Ich habe meine Kinder vernachlässigt - ich habe zwei Kinder mit 10 und 12 Jahren. Und die sind schon so selbständig unterwegs gewesen jedes Wochenende. Relativ viel Bier getrunken. Da will man sich sehen lassen, weil es ist ja "Intensiv-Wahlkampf". Jetzt fange ich schon wieder an, dass ich in der Früh eine Stunde Facebook schaue, was passiert ist. Dann, arbeiten, ich bin selbständig, meine Frau arbeitet in Wien und ich bin mit den Kinder unter der Woche alleine. Und somit ist das Zeitmanagement das Um und Auf. Und das ist vor der Wahl schlecht gegangen und muss ich wieder in den Griff bekommen. Vielen Dank fürs Gespräch und alles Gute!

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