© Grebennikov Verlag GmbH

ISBN: 978-3-941784-16-1
1. Aufage Berlin 2011
Herausgeber: Alexander Grebennikov
Texte & Konzept: Peter Eichhorn
Fotos: Laura Silleras
Lektorat und Korrektorat: Puretext
Projektkoordination: Natalia Mavricheva
Redaktion: Susanne Gierds
Bildredaktion: Henriette Damsa, Igor Zaidel
Design & Layout: Henriette Damsa, Igor Zaidel
Druck und Verarbeitung: Bosch-Druck GmbH, www.bosch-druck.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form
ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Ver-
wendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet
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Lizenz veröffentlichten Abbildungen.
ist eine eingetragene Marke des Grebennikov Verlags
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www.explorise
Berlin | Moskau
Peter Eichhorn
Für Vera und Andreas, die mir das
Flanieren in Berlin beigebracht haben
Mein Dank gilt dem wunderbaren
Team der AlogO GmbH, das die Initial-
zündung zu diesem Buch gab.
Inhalt
Grußwort von Eberhard Diepgen
Vorwort: Mythosmeile Kurfürstendamm
Die Geschichte des legendären Boulevards
Ku‘damm Bummel
Mehr Literatur zum Kurfürstendamm
Personenindex
Sachindex
Serviceteil
Abbildungsnachweis
Autoren
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103
Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der Kurfürstendamm, das war
das Synonym für die Goldenen
Zwanziger Jahre, eine Bühne bür-
gerlicher Selbstdarstellung und
kulturellen Aufbruchs. Für die ge-
teilte Stadt sang Hildegard Knef
ihre Liebeserklärung für Berlin:
„Ich hab so Heimweh nach dem
Kurfürstendamm.“ Natürlich gab
es Höhen und Tiefen, Zerstörung
und Wiederaufbau. Aber Otto von
Bismarck kann stolz auf seinen
Kurfürstendamm sein. Noch vor
der Reichsgründung 1871 hatte
er die Idee, den alten Reitweg der
brandenburgischen Kurfürsten zu
einer Prachtstraße auszubauen.
Er verfügte durch Kabinettsor-
der, die Straße sollte 53 m breit
werden, nicht, wie die Bürokraten
dachten, nur 25 m. So entstand
die Flaniermeile in der so genann-
ten Westcity.
Berlin, erst 1920 aus vielen
selbstständigen Städten und Dör-
fern in seiner heutigen Form ent-
standen, hat immer noch Schwie-
rigkeiten mit der Beschreibung
der „City“ und viele Neuberliner
pfegen bis heute geschichtsun-
kundig das Missverständnis, der
Kudamm sei eine Folge separater
west-berliner Entwicklung in der
Zeit der Teilung der Stadt. Der
Boulevard ist ein Zentrum im
westlichen Berlin, in Konkurrenz
1
und mit eigenem Profl zur alten
Mitte Heute täte es dem Zusam-
menhalt in der Millionenstadt gut,
wenn in diesem Zusammenhang
nicht vom so genannten alten
West-Berlin (oder juristisch richtig
Berlin(West)) gesprochen würde.

Logisch war, dass nach der Revo-
lution von 1989 und der Wieder-
vereinigung der Kudamm etwas in
den Hintergrund trat. Die Neugier
richtete sich auf die alte und end-
lich wieder unbehelligt erreichbare
alte Mitte und historische Orte
wie die Straße Unter den Linden,
die Friedrichstraße und den
Potsdamer Platz. Aufbau Ost vor
Ausbau West. Das traf auch den
Kudamm. Aber das ist vorbei. Der
Boulevard rückt wieder in seine
alte Rolle. Auch wenn im Fernseh-
zeitalter nicht mehr so viele Kinos
gibt und um die Existenz von
Theatern gekämpft werden muss.
Ich arbeite heute in einer Anwalts-
kanzlei am Kudamm, erlebe die
lnternationalität der fanierenden
Gäste und beobachte das Leben
in den Cafes und Restaurant. Mit
der Sanierung des Cumberland
und des Selbach-Hauses werden
Wunden geschlossen. Vieles wie-
derholt sich. Die Entwicklung erin-
nert mich an erfolgreiche Anstren-
gungen in den achtziger Jahren.
Mit der Belebung der Neben-
straßen, Käthe Kollwitzmuseum
und Literaturcafe, der Gestaltung
des Breitscheidplatzes und dem
Skulpturenboulevard überwand
der Kudamm eine vorüberge-
hende Schwäche. Damals wie
heute muss die Gemeinschaft der
Eigentümer an der Flaniermeile
auf die Qualität des Angebots und
nicht nur den kurzfristigen Gewinn
achten. Das ist gesellschaftliche
Verantwortung. Kudamm steht für
ein besonderes Angebot, nicht für
Filialgeschäfte und Discountshop-
ping.

Er ist wieder da, unser Kurfürsten-
damm, Synonym der aufstreben-
den Hauptstadt, die den Vergleich
mit anderen Metropolen nicht zu
scheuen braucht. Ich hoffe bin
sicher, auch nach dem 125-jäh-
rigen Jubiläum geht es mit Berlin
und seinem Kurfürstendamm nur
in eine Richtung: Bergauf!
Ich wünsche Ihnen viel Vergnü-
gen bei diesem spannenden
literarischen Rundgang von Peter
Eichhorn durch die Vergangenheit
und Gegenwart des Kurfürsten-
damms.





Ihr Eberhard Diepgen
Regierender Bürgermeister von
Berlin a. D.
2
3
Einleitung
Mythosmeile Kurfürstendamm
Am 5. Ma| 1886 fährt d|e erste Stra3enbahn den Kurfürstendamm ent-
|ang. D|eses Datum g||t a|s d|e Geburtsstunde des |egendären Bou|e-
vards. D|e Fahrt führt vorbe| an vere|nze|ten |andhäusern, an brach||e-
genden Ge|änden und Fe|dern. Noch |st n|cht voraussehbar, dass d|ese
Stra3e e|ne der berühmtesten Stra3en der We|t werden w|rd. Mythos
Kurfürstendamm: Auch zu se|nem 125-jähr|gen Jub||äum 2011 hat d|e
gesch|chtsträcht|ge Bumme|me||e |hre Anz|ehungskraft n|cht ver|oren,
erzäh|en |hre a|ten und neuen Häuser Gesch|chten von Hande| und Wan-
de|, Trad|t|on und Erneuerung.
Fürst Otto von Bismarck brach-
te mit gro3er Entschlossenheit
und persönlichem Einsatz ein
Projekt auf den Weg, das städte-
planerische visionen mit seinem
ganz persönlichen Wunsch nach
einem Reitweg zum Grunewald
verknüpfte. Später berichtete
das Umfeld des Reichskanzlers,
er habe des Öfteren geäu3ert,
dass ihm sämtliche Diplomaten
Europas nicht derart viele Schwie-
rigkeiten bereitet hätten, wie der
Bau des Kurfürstendamms.
Ein ,Weg-Bereiter° im buchstäb-
lichen Sinne also war Bismarck.
Dennoch fand sein Wunsch kein
Gehör: ,Wenn die Berliner mir ein
Denkmal setzen wollen, so wün-
sche ich es mir auf dem Kurfürs-
tendamm°.
Bismarcks Einsatz aber hat sich
gelohnt. Heute nicken Menschen
in aller Welt wissend, wenn die
Rede ist vom Kurfürstendamm
(und auch ,Ku'damm° lassen die
meisten geltenj. Diesen Damm
kennzeichnet etwas Mythisches,
das nur wenige Stra3en der Welt
besitzen. New Yorks Broadway,
der Sunset Boulevard von Los
Angeles, Londons Oxford Street,
die römische via del Corso, La
Rambla in Barcelona und vor
allem die Avenue des Champs-
Élysées in Paris, die Bismarck als
vorbild für den Kurfürstendamm
wählte.
Alle diese Boulevards sind eng
verbunden mit der Aura ihrer
Städte, dem Schicksal einer
Epoche oder wirken sogar als
,Botschafter° ihres Landes. Und
sie gehören zum Selbstverständ-
nis der Bewohner und zu ihrem
Lebensgefühl.
Die Hamburger schnuppern
am Jungfernstieg Alsterluft, die
Münchner geben sich auf der
Maximilianstra3e Bussis und die
Düsseldorfer lieben die Mischung
aus Mode und Moneten entlang
ihrer ,Kö°, der Königsallee.
Aber die Berliner und ihre Gäste
aus aller Welt fanieren auf ,ihrem°
4
Ku'damm, weil er mehr verkör-
pert als die Berliner Luft, Herz
mit Schnauze und den Flair einer
modernen Weltstadt: er steht
für das Erlebnis des Boulevards
schlechthin.
Die Bezeichnung Boulevard
entstammt dem Mittelniederdeut-
schen und bedeutet ,Bollwerk°.
Sie fand zunächst verwendung
für diejenigen Stra3en, die nach
dem Abbau von Festungsanla-
gen meist ringförmig entstanden.
Kaum ein Berliner würde aber auf
den Gedanken kommen, Stra-
3en wie die Danziger Stra3e in
Prenzlauer Berg, den Askanierring
in Spandau oder die Dircksen-
stra3e in Mitte als Boulevard zu
bezeichnen, obwohl für sie diese
Defnition durchaus zuträfe.
Die repräsentative und gerade
Prachtstra3e zwischen Zoo und
Halensee mit Trubel und Unterhal-
tung wird zum lnbegriff von ,Bou-
levard°. Eine Bühne der Stadt,
ein Laufsteg ihrer Bewohner und
Besucher.
ln Berlin konkurriert der Kurfürs-
tendamm des Neuen Westen mit
Preu3ens Prachtmeile Unter den
Linden. Konkurrenz? vielleicht
eher ein Gegenentwurf. Charlot-
tenburg, bis 1920 selbstständige
Stadt, bildet einen bürgerlichen
Gegenpol zum Berlin der Hohen-
zollern. Unterhaltung - ,Amü-
semang° - für alle Schichten in
den Theatern, Schaufenstern,
Kaffeehäusern und Kinos. Militär-
paraden, wie Unter den Linden
abgehalten, wären am Kurfürsten-
damm fehl am Platze. Dennoch
sind beide Stra3en miteinander
verwandt und repräsentieren
bis heute die deutsche Haupt-
stadt mit ihrer Geschichte, ihren
Kontrasten und ihrem Facetten-
reichtum.
Beide besa3en und besitzen
Cafés, Bühnen, Geschäfte,
Bausünden, Nostalgie, Aufbruch,
Legenden und Faszination.
Beide hatten ein Café Kranzler
mit wei3-roter Markise; das Café
Bauer konkurrierte mit dem Ro-
manischen Café um illustre Gäste,
was nicht nur den Literaten Egon
Erwin Kisch in Entscheidungsnöte
brachte; und manchmal waren an
beiden Pulsadern Berlins diesel-
ben Architekten am Werk, wie
zum Beispiel Robert Leibniz, der
das mondäne Hotel Adlon baute
und den prachtvollen Boarding-
Palast im Haus Cumberland.
Nach der Wiedervereinigung galt
der Blick vieler Berlinbetrachter
verstärkt dem Ostteil der Stadt.
Der Westen wurde eher ver-
nachlässigt. Doch das ist vorbei.
Heute freut sich auch der Westen
Berlins wieder über Aufbruch und
neue Aktivitäten. Dem Umbau
des Bikini-Hauses, der Eröffnung
eines Waldorf Astoria Hotels, der
Neugestaltung am Ku'damm-Kar-
ree, den Projekten No. 195 und
Cumberland sehen die Berliner
mit vorfreude und dem typisch
berlinerisch-skeptischen Witz
aber auch zuversichtlichen Blick
nach vorn entgegen.
5
Gleichzeitig darf gerade zu einem
Jubiläum die Erinnerung eine
Rolle spielen und wir singen mit
Hildegard Knef: ,lch hab´ so
Heimweh nach dem Kurfürsten-
damm°, trinken einmal wieder
eine ,Berliner Wei3e Kudamm
Kir° und überreichen einen Strau3
mit Rosen der Sorte ,Kurfürsten-
damm°.
Dieses Buch möchte seine Lese-
rinnen und Leser gleich zweifach
auf den Kurfürstendamm ein-
laden: lm ersten Teil zu einem
Streifzug durch die bewegte
Geschichte der berühmten Stra3e
mit der Bohème der Goldenen
Zwanziger und dem ,Schaufens-
ter des Westens° in der geteilten
Mauerstadt; im zweiten Teil zu
einem Bummel entlang des Bou-
levards, um ihn zu erkunden und
dabei vielleicht auch die Kunst
des Flanierens neu zu entdecken.
Wir blicken dabei auf das breite
Angebot entlang der dreieinhalb
Kilometer, erinnern an kleine und
gro3e Ereignisse zwischen Cur-
rywurst und Weltgeschichte und
wollen auch die Frage nicht ver-
gessen, was den Kurfürstendamm
wohl in der Zukunft erwarten mag!
Reinhold (Reinhard) Bartsch, „Junge Frau mit
weißem Schirm auf dem Kurfürstendamm“
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7
8
Die Geschichte des
legendären Boulevards
Die Vorgeschichte
Der Kurfürstendamm - oder
Ku'damm, wie der Name mit
wenig Respekt vor den Hohen-
zollern abgekürzt wird - begeht
2011 sein 125-jähriges Jubiläum.
Ganz Berlin, ganz Deutschland
feiert mit, ist dieser Boulevard
doch viel mehr als nur eine wichti-
ge Stra3e der deutschen Haupt-
stadt. Der Kurfürstendamm war
und ist Symbol, Laufsteg, Bühne,
Bummel, Kulturbegriff, Licht,
Schatten und ein eindrucksvolles
Beispiel für den Wandel und den
Facettenreichtum Berlins.
Dabei beginnt die vorgeschichte
der berühmten Flaniermeile recht
bescheiden und unspektakulär.
1542 lässt der brandenburgi-
sche Kurfürst Joachim ll. Hektor
ein Jagdschloss ,Zum grünen
Walde° errichten. Weil die Jagd-
gesellschaften des Hofes in der
Residenz zu Berlin ihr Ziel, wel-
ches wir heute als Jagdschloss
Grunewald kennen, bequem
erreichen sollen, wird zusätzlich
ein Dammweg durch das sump-
fge Gelände angelegt. Der mit
Holzbohlen befestigte Reitweg ist
auf einer Karte von 1685, dem so-
genannten La-vigne-Plan, bereits
deutlich erkennbar markiert, trägt
zu diesem Zeitpunkt allerdings
noch keinen Namen. Ein Jahrhun-
dert später ist es dann soweit: Als
,Churfürsten Damm° bezeichnet
erstmals der GeografFriedrich
Wilhelm Graf von Schmettau
Oben : Joachim II. Hektor
von Lucas Cranach, 1520
Unten: Das Jagdschloss, 1542
9
diesen Abschnitt des Wegs in sei-
nem Kartenwerk, das er zwischen
1767 und 1787 ausarbeitet. Der
Graf und Kartograf wird so zum
Namensgeber eines Mythos, der
allerdings erst wiederum ein Jahr-
hundert später geboren werden
sollte. Auf den alten Plänen endet
der Damm noch auf der Höhe der
heutigen Konstanzer Stra3e und
knickt abrupt nach Süden ab, in
Richtung Jagdschloss. Erst die
städteplanerischen Entwicklungen
im 19. Jahrhundert lassen die
Fortsetzung der Stra3e in gerader
Linie westwärts entstehen, die
dann weiter durch das nördliche
Wilmersdorf bis nach Halensee
führt.
Charlottenburg wird
zur Metropole

Das Gefüge Gro3-Berlin in den
ungefähren Ausma3en, in denen
wir die Hauptstadt heute wahr-
nehmen, existiert erst seit dem
1. Oktober 1920, als das Gesetz
über die Bildung einer neuen
Stadtgemeinde Berlin in Kraft tritt.
Acht Städte und beinahe hundert
Gutsbezirke, Landgemeinden
und -kreise werden zusammen-
gefügt. Aus der zuvor selbststän-
digen Gro3stadt Charlottenburg
wird ein Bezirk von Berlin.
Ein Todesfall gibt den Ausschlag
für die Gründung der neuen Stadt
im Jahre 1705. Die Gemahlin des
Preu3enkönigs Friedrich l., Sophie
Charlotte, Tochter des Herzogs
Ernst August von Braunschweig-
Lüneburg und seiner Gemahlin
Sophie von der Pfalz, stirbt am
1. Februar 1705 während eines
Besuchs bei den Eltern mit jungen
37 Jahren an den Folgen einer
unauskurierten Erkältung. Der
trauernde König ordnet daraufhin
an, das Schloss Lietzenburg in
Schloss Charlottenburg umzu-
benennen und eine Stadt zu grün-
den, die ebenfalls den Namen der
verstorbenen Gemahlin tragen
10
soll. Das für Sophie Charlotte
errichtete Schloss hatte diese ab
1699 als Sommerresidenz und
Lustschloss genutzt und geliebt.

Die Lietzenburger Stra3e, von
manchen als grauer Hinterhof des
Kurfürstendamms geschmäht,
erinnert in ihrem Namen an den
Ursprung Charlottenburgs als
kleine Residenzstadt an der
Spree. Die neue Stadt erfährt ein
rasantes Wachstum. Besonders
das 19. Jahrhundert mit der Epo-
che der lndustrialisierung bringt
viele Menschen vom Land in die
urbanen Zentren. Manufakturen
und Fabriken bieten Hoffnung
- und Arbeitsplätze, die der Ag-
rarwirtschaft verloren gehen. Um
1802 registriert Charlottenburg
knapp 3.000 Zivilpersonen und
438 Militärs, 1850 wird die Marke
von 10.000 Einwohnern erreicht.
lm Dreikaiserjahr 1888 dürfen wir
uns bereits eine rege Bautätigkeit
entlang des Kurfürstendamms
vorstellen, als die Stadt knapp
77.000 Charlottenburger zählt; um
1900 wächst die Bevölkerung auf
fast 190.000 Menschen an.
Anders als die meisten vergleich-
baren Städte, wächst Charlotten-
burg nicht aus dem historischen
Stadtkern heraus. Stattdessen
entsteht eine neue dichte Besie-
delung entlang der Stadtbahn-
trasse, die im Februar 1882 in
Betrieb geht und Charlottenburg
besser mit Berlin verbindet. Diese
Besiedelung dehnt sich weiter
aus und verschmilzt zum Ende
des 19. Jahrhunderts mit der
historischen Stadt nördlich davon.
Bereits vorher, um 1850, taucht
Die Stadt Charlottenburg versorgt Kranke
und Bedürige im städtischen Familienhaus.
Gemälde von Jens Birkholm
11
der Begriff ,Der Neue Westen°
auf. Dieser bezeichnet zunächst
ein villenviertel, das in westliche
Richtung expandiert. Heute lässt
sich lediglich in der Fasanenstra-
3e mit der villa Griesebach, dem
Käthe-Kollwitz-Museum und dem
Literaturhaus die frühe Bebauung
des Kurfürstendamm-viertels
nachvollziehen. Wo wir einen
Neuen Westen fnden, muss es
auch einen Alten Westen gege-
ben haben. ln der Tat: von dem
älteren villenvorort, zuweilen mit
dem Titel ,Geheimratsviertel°
versehen, lassen sich noch einige
wenige seiner kleinen Paläste mit
hübschen vorgärten südlich des
Tiergartens, zwischen Tiergarten-
stra3e und Bülowstra3e aufspü-
ren.
Die frühe villenbebauung im Neu-
en Westen verschwindet rasch,
als der Kurfürstendamm sich zum
Erfolgsmodell entwickelt und eine
sprunghafte vervielfachung der
Grundstückspreise lnvestoren
und Spekulanten auf den Plan
ruft. Jeder Quadratmeter Wohn-
fäche ist wertvoll, die Nachfra-
ge steigt täglich. Anstelle der
Landhäuser mit wenigen Etagen
und gro3zügigen Gartenanlagen
entsteht die für Berlin typische
Blockrandbebauung mit fünf
Stockwerken, wie sie noch heute
die Gegend um den Kurfürsten-
damm herum prägt.

Ein Reitweg für die
Reichshauptstadt
Oder muss es hei3en: Ein Reit-
weg für Bismarck? Fürst Otto von
Bismarck darf getrost als lnitiator
unseres Kurfürstendamms be-
zeichnet werden. Während seiner
Zeit als Gesandter in Paris 1862
haben den passionierten Reiter
die Champs-Élysées begeistert,
jener prächtige Boulevard, der zu-
gleich den wundervollen Reitweg
vom königlichen Schloss hinaus
zum Bois de Boulogne, dem
gro3en Stadtpark im Westen der
französischen Hauptstadt, bildet.
Eine Eingabe des Preu3ischen
Ministerpräsidenten Bismarck
an König Wilhelm l. sorgt bereits
1869 dafür, dass ein vier Meter
breiter Geländestreifen zugekauft
wird, der den Damm als Reitweg
bis in den Grunewald verlängert.
Mit Argusaugen wacht der Fürst
über seinen Reitweg und reagiert
Der Schmied der
„Blut und Eisen“ Politik.
Fürst Otto von Bismarck,
gemalt von Moritz Götze, 2007
12
energisch auf jedes vorhaben,
welches seinen Damm gefährden
könnte. So beispielsweise 1872.
lm vorjahr, 1871, war der Krieg
gegen Frankreich siegreich für
die Preu3en zu Ende gegangen,
Wilhelm l. erhielt in versailles die
Kaiserkrone und Bismarck hatte
nun das Amt des Reichskanzlers
inne. Als solcher schreibt er dem
Kaiser am 21. Februar 1872: ,Es
hat mich einigerma3en beunru-
higt, dass in der neuesten Zeit
der Kurfürstendamm an seinem
Ausgange vom Zoologischen
Garten auf einer Strecke, wo er
mit Eichen gut bestanden war,
bereits entholzt worden und eine
Stra3enanlage projektiert ist, auf
welcher ein Reitweg wegen man-
gelnder Breite nicht Platz fnden
könnte.°
Weitere Schreiben und lnter-
ventionen folgen. So reagiert
Bismarck im selben Jahr erneut,
um den Absichten des Berlin-
Charlottenburger Bauvereins auf
dem westlichen Teilstück Einhalt
zu gebieten, denn Pläne für ein
weiteres villenquartier samt Stra-
3enpfasterung drohen die Trasse
für die Reiter zu beeinträchtigen.
Da die städtische Entwick-
lung Charlottenburgs und das
Wachstum der Reichshauptstadt
dem klugen Reichskanzler nicht
verborgen bleiben, entwickelt sich
aus dem Engagement für den
Reitweg die ldee einer repräsen-
tativen Prachtstra3e, wiederum
nach Pariser vorbild. Kaiser
Wilhelm l. fordert Bismarck auf,
sich zu der verkehrswegeplanung
zu äu3ern und so schreibt dieser
am 5. Februar 1873 dem Gehei-
men Kabinettsrat von Wilmowski,
Mitglied des Königlichen Zivilka-
binetts: ,Erfahrungsgemä3 sind
alle Hauptverkehrsstra3en in so
massenhaft wachsenden Städten
wie Berlin zu eng. Auch die Stra3e
am Kurfürstendamm wird nach
den jetzt bestehenden Absichten
viel zu eng werden, da dieselbe
voraussichtlich ein Hauptspazier-
weg für Wagen und Reiter werden
wird. Denkt man sich Berlin so
wie bisher wachsend, so wird
es die doppelte volkszahl noch
schneller erreichen, als Paris von
800.000 auf 2.000.000 gestiegen
ist. Dann würde der Grunewald
etwa für Berlin das Bois de
Boulogne und die Hauptader für
den vergnügungsverkehr dort-
hin mit einer Breite wie die der
Elysäischen Felder durchaus nicht
zu gro3 bemessen sein ... Sollte
noch eine Pferdeeisenbahn in die
dortige Stra3enbreite hineingelegt
werden, so würde der Luxus- und
Feiertagsverkehr von Wagen und
Pferden au3erordentlich beengt
und gehindert werden. Neben
einem Bahnomnibus bleibt das
Reiten auf einem zwei Meter brei-
ten Reitweg überhaupt misslich,
für Damen kaum zulässig ...°
Autofahrer von heute dürften
dem Reichskanzler, der sich mit
seiner Argumentation einigerma-
3en durchsetzen konnte, dankbar
sein. Eine Kaiserliche Kabinetts-
order legt am 2. Juni 1875 eine
Breite von 53 Metern für die neu
zu bauende Stra3e fest. Nicht
13
ganz gemä3 dem französischen
vorbild zwar, welches fast zwan-
zig Meter breiter ist, aber immer-
hin stattlich genug, um selbst
noch den verkehrsanforderungen
des beginnenden 21. Jahrhun-
derts zu entsprechen.
Der Baumeister Heinrich Munk
errichtet im selben Jahr ein
erstes Gebäude am westlichen
Ende des Kurfürstendamms,
zur Tauentzienstra3e hin. Das
stattliche Haus mit zahlreichen
Mietwohnungen bleibt fast 15
Jahre einsam stehen und erhält
von den Berlinern den Beinamen
,Gespensterhaus°. lrrungen? Wir-
rungen? Theodor Fontane muss
dieses Haus gekannt haben. Er
wählt mit /||0ngen, W|||0ngen den
rechten Titel für sein Werk aus,
das gleich am Anfang diesen,
noch wenig bebauten, ländlichen
Bereich der Stadt beschreibt: ,An
dem Schnittpunkte von Kurfürs-
tendamm und Kurfürstenstra3e,
schräg gegenüber dem ,Zoolo-
gischen° befand sich in der Mitte
der siebziger Jahre noch eine
gro3e, feldeinwärts sich erstre-
ckende Gärtnerei, deren kleines,
dreifenstriges, in einem vorgärt-
chen um etwa hundert Schritte
zurückgelegenes Wohnhaus, trotz
aller Kleinheit und Zurückgezo-
genheit, von der vorübergehen-
den Stra3e her sehr wohl erkannt
werden konnte. Was aber sonst
noch zu dem Gesamtgewese der
Gärtnerei gehörte, ja die recht
eigentliche Hauptsache derselben
ausmachte, war ... nur ein rot und
grün gestrichenes Holztürmchen
mit einem halb weggebrochenen
Zifferblatt unter der Turmspitze

Genau hier, gegenüber dem Zoo-
logischen Garten, der bereits seit
dem 1. August 1844 für Besucher
geöffnet ist, wird wenige Jahre
später das Leben pulsieren und
der verkehr tosen und statt des
,Holztürmchens° wird dann der
mächtige Turm der Kaiser-Wil-
helm-Gedächtniskirche emporra-
gen. von hier wird der Kurfürsten-
damm westwärts wachsen.
Baubeginn am Boulevard
Bleiben wir noch einen Moment
an der Seite Theodor Fontanes
und begleiten ihn nun wenige
Jahre später an das andere Ende
des Kurfürstendamms, nach Ha-
lensee. Am Ufer des Gewässers,
dem der Ortsteil seinen Namen
verdankt, öffnet 1904 ein gro3er
vergnügungspark seine Pforten,
die Halensee-Terrassen, 1909
umbenannt in Luna-Park, der die
Berliner zu einem Ausfug Rich-
tung Grunewald einlädt. ln Fonta-
nes F|a0 Jenny 7|e|oe| ode| Wo s|c|
He|z z0m He|zen hnd't unternimmt
die Familie des Kommerzienrats
Treibel eine ebensolche Landpar-
tie. Bei den möglichen Unterneh-
mungen kommt der Aufstieg zu
einem Aussichtsturm in Frage, um
den Blick auf die Umgebung des
Halensees zu richten, die Treibel
wohl für nicht sehr attraktiv erach-
tet: ,Treibt es Sie, diese Wun-
derwelt, in der keines Menschen
Auge bisher einen frischen Gras-
14
halm entdecken konnte, treibt es
Sie, sag' ich, dieses von Spargel-
beeten und Eisenbahndämmen
durchsetzte Wüstenpanorama
zu lhren Fü3en ausgebreitet zu
sehen?°
Diese Einschätzung und andere
zeitgenössische Berichte zeigen,
dass die kaiserliche verfügung
von 1875 nicht gleichgesetzt wer-
den darf mit einem Startschuss zu
ihrer Umsetzung. Der knauserige
preu3ische Fiskus, ungünstige
wirtschaftliche Rahmenbedingun-
gen und Gründerkrach, Streit um
Zuständigkeiten von Landkreisen
und Forstverwaltung sowie zu
wenige private lnvestoren verzö-
gern das ehrgeizige Projekt.
Schlie3lich ergreift John Booth,
ein schottischer Baumschulen-
besitzer aus Klein-Flottbeck bei
Hamburg, die lnitiative. Booth ist
mit Bismarck persönlich bekannt
und stellt dem Reichskanzler
einen Plan vor, der mit lnvestoren
aus Gro3britannien das Bau- und
Stra3enland fnanzieren soll. Die
in London gegründete Kurfürsten
Avenue Land Company Limited
scheitert jedoch an weiteren
Zwistigkeiten mit preu3ischen
Dienststellen, was den erfolgrei-
chen Aktienverkauf in England
und somit die zügige Finanzierung
behindert.
Booth gibt nicht auf und wirbt
diesmal um deutsche Geldgeber
und günstige Pachtbedingungen.
Mit der Regierung in Potsdam, in
deren Zuständigkeit der Grune-
wald damals fällt, vereinbart er ei-
nen auf neunzig Jahre angelegten
vertrag für die Geländenutzung
mit zusätzlichen Kaufoptionen
zu sehr günstigen Bedingungen.
1883 beginnen endlich die ersten
zaghaften Arbeiten zum Ausbau
der Stra3e von der Cornelius-
brücke am Landwehrkanal am
Tiergarten bis zum Grunewald,
die 1886 abgeschlossen werden.
Für Booth und andere lnvestoren
und Spekulanten sollen sich der
Mut und das Durchhaltevermögen
auszahlen. lst 1885 ein Quadrat-
meter Grund bereits ab 20 Mark
zu bekommen, verzehnfacht sich
der Wert desselben bis 1898
bereits auf 200 Mark.
Kaiser Wilhelm I. und Wilhelm II.
Rechts: Test des ersten Oberleitungsbusses
15
Ab dem 29. April 1882 taucht im
Bereich Halensee ein merkwürdi-
ges versuchsfahrzeug auf. Werner
von Siemens erprobt auf einer
Strecke von 540 Metern Länge
sein neuestes Projekt, den welt-
weit ersten Oberleitungsbus. Bei
dem E|ect|omote (abgeleitet von
dem englischen e|ect||c mot|on,
elektrische Bewegungj handelt
es sich um einen umgebauten
Jagdwagen mit Bänken für acht
Passagiere, der auf vollreifen
über den unzureichend planier-
ten Damm holpert. Die Teststre-
cke wird bereits im Juni wieder
abgebaut. Grund ist der unebene,
mangelhafte und somit ungeeig-
nete Zustand der Stra3e.
Die Pfasterung der Stra3e ist
gerade abgeschlossen, da soll ein
anderes Gefährt das einläuten,
was heute als Geburtsstunde des
Kurfürstendamms gefeiert wird:
Am 5. Mai 1886 fährt die erste
Dampfstra3enbahn vom Zoologi-
schen Garten hinaus nach Halen-
see. Zuvor muss der skeptische
Pferdefreund Bismarck von dem
modernen Beförderungsmittel
überzeugt werden. Dies gelingt
wiederum John Booth, indem er
den Fürsten auf eine Probefahrt
einlädt, woraufhin dieser die Be-
triebsgenehmigung erteilt. Endlich
ist der eigentliche Startschuss für
den Boulevard gefallen.
Kaiser, Künstler und Kamele

Mit der Fertigstellung der eigent-
lichen Stra3e verlagert sich die
Bauaktivität langsam und doch
stetig auf die angrenzenden Dampfstraßenbahnlokomotive „St. Etienne“
16
Grundstücke, auf denen mehr und
mehr repräsentative Gebäude mit
gro3zügigen Wohnungen für eine
wohlhabende Klientel entstehen.
Städteplanerische Bauvorschrif-
ten gibt es kaum. Der für bauliche
Ma3nahmen zuständige Polizei-
präsident ordnet eine einheitliche
Traufhöhe der Häuser und weitere
kleinere Aufagen an, bei denen
es in erster Linie um den Feu-
erschutz geht. Die ldee, Eckge-
bäude dekorativ hervorzuheben,
fndet Zuspruch und erfährt bis
heute eine Fortsetzung mit mo-
dernen Mitteln. Der aufmerksame
Spaziergänger erblickt heute
Türmchen und andere Aufbauten
aus verschiedenen Jahrzehnten,
die Abwechslung in die Skyline
der Häuserdächer bringen. Darun-
ter wetteifern bei den verbliebe-
nen historischen Gebäuden die
unterschiedlichsten Architektur-
stile miteinander: Historismus und
Jugendstil, Backstein und Putz.
Seit jeher empörten sich Zeitge-
nossen über die wirre Kurfürsten-
damm-Architektur, die sie oft als
geschmacklos und prunksüchtig
empfanden. Zum Klassiker der
Neo-Allesmögliche-Baugestaltung
avanciert die Anekdote, in der die
Bauarbeiter ihren Polier anspre-
chen und fragen: ,Meester, der
Rohbau is fertisch, wat soll´n nu
für´n Stil ran?°
Trockenwohner staunen über Toiletten
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Meist werden die Eckgrundstücke
zuerst bebaut, da sie zwei vorder-
hausseiten mit mehr Fenstern und
helleren Wohnungen versprechen.
200, 300, manchmal sogar bis
500 Quadratmeter beträgt die
Fläche der prachtvollen Behau-
sungen. Die ersten Bewohner,
die jene Paläste des Bürgertums
bevölkern, sind jedoch die Ärms-
ten der Armen: die Trockenwoh-
ner. Es sind mittellose Familien,
die mit ihrer Körperwärme und
durch Lüften der Wohnungen das
Austrocknen der feuchten Wände
des Neubaus beschleunigen
sollen. Drei Monate dauert in der
Regel der Trocknungsprozess.
Die menschlichen Trockenlüfter
zahlen in diesem Zeitraum keine
oder nur sehr geringe Mieten,
allerdings zahlen viele mit ihrer
Gesundheit. Schwere Krankhei-
ten wie Tuberkulose zeichnen
die Menschen, die nach den drei
Monaten ihr armseliges Hab und
Gut auf einen Bollerwagen pa-
cken und zum nächsten Feucht-
Haus weiterziehen. Die vorstel-
lung mutet merkwürdig an, dass
der kleine Bollerwagen an einer
Armada von Möbelwagen vorbei
holpert, welche schon darauf war-
ten, ihre Fracht aus prachtvollen
Möbeln, üppigen Kristallleuchtern
und glänzenden Konzertfügeln
für neue Mieter, aber in dieselben
Räume zu entladen. Gerne dürfen
es 14 Zimmer und mehr sein,
ein repräsentatives Portal mit
Pförtnerloge ist selbstverständ-
lich. Das Personal nimmt den
Dienstboteneingang und haust in
kleinen Kammern.
Zahlreiche veränderungen be-
gleiten am Kurfürstendamm den
Ausklang des Jahrhunderts. 1888
stirbt Kaiser Wilhelm l. und nach
nur 99 Tagen Regentschaft erliegt
sein Sohn, Friedrich lll. seiner
schweren Lungenerkrankung, so-
dass Wilhelm ll. mit nur 29 Jahren
den Kaiserthron besteigt. Der jun-
ge Monarch gerät mit Bismarck in
verschiedenen politischen Fragen
heftig aneinander. Die Konfikte
verschärfen sich und führen im
März 1890 zur Entlassung des
alten Reichskanzlers.
Am Kurfürstendamm hält die
Elektrizität Einzug. Elektrischer
Strom ist ein teures Luxuspro-
dukt, das die wohlhabenden An-
wohner rasch zu schätzen lernen.
Die Beletage, im ersten Ober-
geschoss von der Stra3e nicht
Glühlicht nach dem Patent von . A. Edison
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einsehbar und doch mühelos über
nur eine Treppe erreichbar, hat
ausgedient. Der Fahrstuhl trägt
den Bewohner ab sofort bequem
bis unters Dach und die Glühbirne
sorgt für eine neue Qualität der
Beleuchtung. Der vielseitige und
scharfzüngige Autor und lllus-
trator Edmund Edel betrachtet in
seinem 1906 erscheinenden Buch
Be|||n W. E|n oaa| Kao|te| von de|
Ooe|häc|e den frisch elektrifzier-
ten Kurfürstendamm-Bewohner:
,Da drau3en wohnt ,man'. Man
hat acht bis zwölf Zimmer, man
hat einen Fahrstuhl und ein amtli-
ches Zeugnis, dass man densel-
ben selbst bedienen darf, wofür
man fünf Reichsmark bezahlt und
das unsichere Gefühl hat, von Zeit
zu Zeit stecken zu bleiben.°
Die postalische Anschrift des
neuen Westens ,Berlin W.° ent-
wickelt sich zum lnbegriff einer
neureichen High Society und ihres
versnobten Lebensstils. Mit einem
Augenzwinkern wird bald von
,Berlin WW.° gesprochen, vom
,Wilden Westen° Berlins.
Und die verwendung des Wortes
,wild° ist mitnichten unberechtigt:
Am 23. Juli 1890 fndet die erste
vorstellung der berühmten Wild-
west Show von William F. Cody,
besser bekannt als ,Buffalo Bill°,
auf einem Gelände zur heutigen
Augsburger
Stra3e hin
statt. 10.000
Zuschauer
fnden Platz,
um die kühnen
Darbietun-
gen der 200
Cowboys und
lndianer und
ihrer Tiere zu
bestaunen. Die
leeren, noch
unbebauten
Grundstü-
cke werden
regelmä3ig für
verschiedenste
Ausstellun-
gen, Shows
oder Zirkus-
veranstaltun-
gen genutzt.
Zahlreiche
veranstalter
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überbieten sich mit sensationellen
Darbietungen. 1892 gastiert die
Ägyptische National-Ausstellung
gleich neben dem Bahnhof Zoolo-
gischer Garten und 1897 führt auf
der Höhe der nördlichen Knese-
beckstra3e die Transvaal-Ausstel-
lung ihre Besucher noch tiefer in
den afrikanischen Kontinent und
das koloniale Kaiserreich. Mehr-
fach begeistert Carl Hagenbeck
mit seinen Exotenschauen nicht
nur Tierenthusiasten, sondern
weckt mit der sklavenartigen
Zurschaustellung von Menschen
niedere koloniale lnstinkte. Und
im Sommer 1900 gastiert aus den
USA die Zirkustruppe Barnum
and Bailey - The Greatest Show
on Earth mit 17 Zelten und 500
Mitarbeitern.
Am Lehniner Platz, wo wir heute
die Schaubühne fnden, baut
die Deutsche Flottenschau-
spiele GmbH 1904 ein riesiges
Wasserbecken auf und spielt
Seeschlachten nach. 4.000
Zuschauer sehen die neueste
Torpedo-Technik und erleben
Szenen der Kämpfe vor dem
Hafen von Port Arthur nach, aus
dem gerade entfesselten Krieg
zwischen Japan und Russland.
lm folgenden Jahr ist dassel-
be Gelände Schauplatz einer
aufwendigen lnszenierung mit
dem Titel De| Unte|gang von
Pomoe||, als deren Höhepunkt ein
monumentales Feuerwerk den
Ausbruch des vesuvs simuliert.
Klagen von Anwohnern, die sich
über den allabendlichen Lärm
beschweren, werden abgewiesen.

Auf anderen Grundstücken fnden
Radrennen statt, es gibt Tennis-
plätze und Rollschuhbahnen und
ein gro3es Übungsgelände für
Automobilisten und ihre Fahr-
zeuge - eine weitere technische
Neuerung, die den Kurfürsten-
damm erobert.

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