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Nasenflügelwind

Ich stehe an der Fußgängerampel Goebenallee, vor mir stottert der


Dieselmotor eines Zementmischertransporters. Der Fahrer trägt ein
Weißripp-Hemd, unter dem sich eine breite und behaarte Brust
andeutet. Jedenfalls schließe ich das aus seinen dicht behaarten
tiefbraunen Armen. Ich überlege, ob mir die behaarte Brust so viel
wert wäre, dass ich mit ihm unsere Berufe eintauschen würde, als ich
bemerke, dass er mich von seinem Sitz aus wahrnimmt. Einen
Moment lang glaube ich, dass er aussteigt. Dann wird unser Blick von
dem Grün der Ampel unterbrochen. Rasch brummt der Motor auf, und
die sich gebildete Schlange von PKWs setzt sich langsam und
schrittweise in Bewegung. Ein roter Opel Corsa blockiert für
Sekunden die Weiterfahrt der nachrückenden Fahrzeuge. Sofort bricht
ein nervöses Hupen aus, das mich mittelschwer erschreckt. Die
Fahrerin, eine jüngere Frau Ende vierzig mit kurzen schwarzen
Haaren, ist dicht hinter das Steuer geklemmt. Dann ruckelt der Wagen
nach vorne und stottert an mir vorbei. Die Ampel schlägt auf Rot. Der
Mann im Fahrzeug hinter dem Opel Corsa schreit laut auf und wirbelt
wild mit seinen Armen zwischen sich und der Frontscheibe herum, um
der längst im dichten Verkehr verschwundenen Fahrerin zu bedeuten,
dass sie doch weiterfahren soll. Wieso muss ich jetzt vor dieser
verfluchten Ampel ein zweites Mal warten, glaube ich, seinem
gereizten Blick und seiner ungebremsten Empörung über diese
Situation zu entnehmen. Ich drehe mich ein wenig zur Seite, um
seinem möglichen Blick auszuweichen, auch wenn ich ihm gerne mit
meinem Blick zu verstehen geben würde, dass ich seiner Haltung
gegenüber verständnislos bin. Aber auf diese stille Belehrung habe ich
heute keine Lust. Die Fußgängerampel zeigt grün. Ich bin
unentschlossen, ob ich die Ampel überhaupt noch überqueren möchte.
Es wäre ein Zugeständnis an diese gereizte Gesellschaft, wenn ich
auch nur für den Moment des Überquerens der Straße in sie
eintauchen würde.
Ich bleibe auf der Straßenseite und schlendere noch eine Weile an ihr
vorbei, biege dann aber schnell in die Paulstraße und tauche in den
Volkspark ein. Mit einem spürbaren Gefühl der Erleichterung lege ich
mich auf die Wiese, die von den sonnigen Temperaturen der
vergangenen Oktobertage einen Grad an Trockenheit erreicht hat, der
erwarten lässt, dass meine Kordhose von Nässeflecken verschont
bleibt. Ich lege mich sorglos auf die Wiese und spüre den leichten
Wind, der meine Nasenflügel auf angenehme Weise kühlt. Später
bemerke ich, dass ich eingedöst sein muss, als ich von einem
ohrenbetäubenden Lärm aus der erlösenden Stille der
Bewusstlosigkeit gerissen werde. Im Park hat sich mittlerweile eine
Truppe von städtischen Grünanlagenbediensteten eingefunden, die mit
Benzin angetriebenen Pressluftgebläsen das Laub aufhäufen, das die
Bäume in den letzten Wochen abgeworfen haben. Die Männer in
gründen Latzhosen tragen Mickymäuse. Ich frage mich, ob sie den
Gehörschutz tragen, um sich vor dem Lärm zu schützen, den sie mit
ihrer sinnlosen Beschäftigung produzieren oder um sich dem inneren
Aufschrei der Belästigten zu entziehen. Warum trägt die Stadt nicht
Sorge dafür, dass allen, sich im Park aufhaltenden und Erholung
suchenden Bewohnern ebenfalls ein Gehöhrschutz ausgehändigt wird?
Einen Moment überlege ich, ob ich meine Gedanken mit einem der
beschäftigten Männer teilen soll. Dann verlasse ich den Park und gebe
mich mit der Antwort zufrieden, die ich von ihnen vermute. Es sind
nicht die Orte selbst, sondern ihre Eigenschaften, die sie zum
Verweilen einladen, dringt es mir in den Kopf auf dem Weg aus dem
Park, den ich zügigen Schrittes antrete. Der Blick wechselt vom
Boden geradeaus und wieder zum Boden. Ich frage mich, warum ich
den Blick vom Boden nicht für immer lösen kann, denn auch der
Boden liefert mir keine Antworten auf die vielen Fragen, die sich
unaufhörlich in meine Aufmerksamkeit bohren. Nach einigen Minuten
auf dem Heimweg erkenne ich Helen, die mir mit
winkender Hand schon von weitem entgegengrüßt. Ich schulde ihr
noch zwanzig Euro, die ich mir letzten Monat von ihr geborgt habe,
um mich weiterhin meiner seit einigen Jahren eingeschlichenen
Gewohnheit eines morgendlichen Milchkaffees in einem Cafe
hinzugeben. Das liegt jetzt drei Wochen zurück, erinnere ich mich.
Zum Glück habe ich mittags fünfzig Euro gezogen. Mir wäre es
unangenehm, wenn sie mich darauf ansprechen würde. „Hallo Victor“,
begrüßt sie mich mit einem schelmisch grinsenden Gesicht, um das
sich seitlich die blonden Wellen ihrer schulterlangen lockigen Haare
schlagen. „Hallo Helen“, erwidere ich, während meine Hand in die
rechte Hosentasche greift und die Geldbörse zum Vorschein bringt. Ich
gebe ihr das Geld. „Oh, wie geil“, strahlt sie mich an, „das hatte ich
schon ganz vergessen. „Cool, und, wie geht’s es Dir?“ Ich erzähle ihr
von dem Lastwagenfahrer, von dem Corsa, dem aufgeregten Fahrer
dahinter und von den externen Effekten im Park, die ich mit Flucht
aufgelöst habe. „Wolltest Du hin?“, erkundige ich mich. Sie nickt mir
zu und holt ihre Kuscheldecke hervor. Auf der könne sie die Umwelt
ausschalten, habe ihr das Universum gesagt. Mir fällt ein, dass Sie
noch vor einigen Wochen davon gesprochen hatte, dass Sie einen
Mann beim Universum bestellt habe, der prompt einen Tag später
beim Einkaufen vor ihr stand. Mit ihm sei sie heute Abend verabredet.
„Das klappt“, beteuert sie. Ich beneide sie um ihre Religion und finde
einen Vorwand, um mich schnell nach Hause abzusetzen.