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Herrn Dr. Wolfgang Gerhardt für die FDP-Bundestagsfraktion Herrn Walter Hirche, Niedersächsischer Wirtschaftsminister Herrn Hans-Heinrich Sander, Niedersächsischer Umweltminister

22.03.2003

Betr.: Offshore-Windstromerzeugung

Sehr geehrte Herren, Vorsorglich und eindringlich muß ich auf einen Umstand hinweisen, bei dem abzusehen ist, daß enorme Steuermittel leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. Es geht um die Art und Weise der Durchsetzung der Offshore-Windenergienutzung. Am 20. und 21. März fand in Lübeck der Fachkongreß „Windkraft in Deutschland“ statt, an dem ich teilgenommen habe. Veranstalter waren der VDEW, VDN, ZVEI. Themenschwerpunkt der Veranstaltung war die Offshore-Windstromerzeugung. Fazit: Praktische Erfahrungen gibt es z.Zt. nur mit sogenannten „Nasse-Füße-Parks“, d.h. Windparks in Küstennähe und daher im flachem Wasser, mit geringen Gesamtleistungen und somit auch geringen Übertragungsleistungen. Die in der Nordsee geplanten Windparks sind absolutes Neuland mit allen Unwägbarkeiten.

Ungelöste Probleme mit unkalkulierbaren Folgen und Kosten sind: ° Gründungskonstruktionen ° Windverhältnisse und tatsächliche Erträge ° Ökologische Auswirkungen (Benthos, Fische, Meeressäuger, Seevögel) ° Verhalten, Wartungs- und Reparaturanfälligkeit der bisher nur an Land getesteten WKAs ° Übertragung der erzeugten Energie zum Festland ° Bereitstellung von Regelenergie ° Konsequenzen für Kraftwerksneubauten zur Netzstabilisierung ° Erforderlicher Netzausbau an Land ° Auswirkungen auf die Stromqualität (Frequenz- und Spannungshaltung) ° Auswirkungen auf die Netzstabilität ° Auswirkungen auf die Netzsicherheit (Totalzusammenbrüche als Folge von Kurzschlüssen) ° Auswirkungen auf das europäische Verbundnetz (Schnittstellen z.Zt. unterdimensioniert) ° u.a.

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Zum Thema Finanzierung referierte Claus Burghardt, Direktor der DEE Deutsche Erneuerbare Energien GmbH, Düsseldorf, Tochtergesellschaft der Deutschen Bank. Seine Aussage: Finanzierung ist nur möglich, wenn ° die Politik verläßlich ist, was in diesem Falle ja heißt, daß sie dafür sorgt, daß der direkte Zugriff per EEG in die Tasche der Bürger als entmündigtes und ausgebeutetes Opfer erhalten bleibt, ° Technik/Technologie einschätzbar sind, was z.Zt. verneint wird und ° Versicherungschutz erreicht wird, was wegen der Unüberschaubarkeit der Risiken aus vorgenannten ungelösten Problemen nicht erwartet wird. Ausdrücklich hervorgehoben wurden die Gründungskosten als „knock-out“ für die Rentabilität (bis zu 50 % der Gesamtinvestitionskosten). Ein weiterer wunder Punkt zeigt sich in den Folgen für die Netze. Kann noch von einem wirtschaftlich zumutbaren Ausbau der Netze gesprochen werden? (EEG § 3) Mit Recht wehren sich die Netzbetreiber gegen unsinnige und unwirtschaftliche Maßnahmen. Das Grundprinzip jeder vernünftigen Stromversorgung liegt darin, den Strom möglichst da zu erzeugen, wo er gebraucht wird. Nur so können Netzkosten und Übertragungsverluste minimiert werden. Anfänglich galt das auch als Plus der dezentralen Stromerzeugung durch Windräder. Mit Offshore-Leistungen in den geplanten Größenordnungen in Regionen ohne große Verbraucher, wird diese Logik glatt auf den Kopf gestellt. Fazit für die Finanzierung: Wegen der Risiken keinen Euro von der DEE für OffshoreWindparks.

Lösungmöglichkeiten kamen von Stephan Kohler von der Deutschen Energie-Agentur. Seine Aussagen: Wenn die Banken die Risiken nicht tragen wollen, wird es eine Bundesbürgschaft geben. Wenn die Netzbetreiber sich gegen den wirtschaftlich nicht zumutbaren Ausbau wehren, wird man eine Bundesgesellschaft gründen, die das dann übernimmt. In beiden Fällen soll wieder der Steuerzahler den Buckel herhalten.

Leider war keiner der Energiefachleute der FDP auf dem Kongreß vertreten, um seine Meinungsbildung zu verfestigen. Um das nachzuholen, schlage ich eine Veranstaltung in kleinerem Kreise vor. Ich könnte dazu Fachleute aus dem Kreis der Kongreßteilnehmer gewinnen. Noch immer gilt der Satz Ciceros: „Nur der Wissende kann richtig entscheiden“. Hier steht viel auf dem Spiel, ° die freie Marktwirtschaft mit ihrer Bedeutung für das Wohl der Volkswirtschaft und ° das Vertrauen der Bürger in ihre gewählten Volksvertreter.

Mit freundlichen Grüßen Hanna Thiele