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Personal Learning Environment

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Praxis-Statement: TU Graz

Personal Learning Environment
von Behnam Taraghi & Martin Ebner

Vorspann
Die Lernumgebungen der Zukunft sollen sich den Bedürfnissen der einzelnen Lernenden anpassen. Personal Learning Environments sind personalisierbare Umgebungen, in welchen Lernende Unterstützung für ihre individuellen(Lern-) Bedürfnisse vorfinden.

Personal Learning Environment – PLE
Die Schlagworte Web 2.0 (O’REILLY 2005) und E-Learning 2.0 (DOWNS 2005) haben die letzten Jahre des technologiegestützten Lehrens und Lernens begleitet und geprägt. Durch die Verwendung von Wikis, Podcasts, Weblogs sowie verschiedener sozialer Netzwerke wie Twitter oder Facebook rücken die Endbenutzer, die Lernenden, durch die Möglichkeit der aktiven Teilnahme immer mehr in den Mittelpunkt. Es entwickeln sich neue Kollaborationsmöglichkeiten; von Benutzern generierte Inhalte werden integraler Bestandteil der Lehre. Wenn nun diese Entwicklungen auf einer Metaebene betrachtet werden, so kann man festhalten, dass sich das Hyperweb (Verbindung von Webseiten mittels Hyperlink) immer stärker in Richtung semantisches Web hinbewegt. Dies bedeutet für die Endbenutzer vor allem eines: Individualität. Sie rücken immer mehr in das Zentrum der Betrachtung und man spricht von user-centered design. Darüber hinaus steigt die Anzahl der digitalen Lehr- und Lerninhalte genauso wie jene an verfügbaren Webapplikationen. Daher scheint es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Forderungen nach personalisierbaren Lernumgebungen, in welcher Lernende eine webbasierte Unterstützung gemäß ihren Bedürfnissen vor-

finden, immer dringlicher werden (SCHAFFERT/HILZENSAUER 2008; GREEN et al. 2006; ATTWELL 2007). Ähnlich fordert es bereits ein Artikel von SCHAFFERT/KALZ im Rahmen dieser Schriftensammlung ein (SCHAFFERT/ KALZ 2009). Die Technische Universität Graz (TU Graz) hat sehr früh begonnen, dieses Konzept umzusetzen, indem sie seit nunmehr mehr als zwei Jahren ein Personal Learning Environment (PLE) selbst entwickelt (TARAGHI et al. 2009). Das Grundkonzept ist es, anstatt einer weiteren starr vorgegebenen Plattform eine Aggregation verschiedenster Webdienste, universitätsinterner Services und Lernobjekte anzubieten. Die Lehrenden und Lernenden sollen hierbei selbst entscheiden können, auf welche Dienste sie zurückgreifen wollen bzw. welche sie im Alltag einsetzen. Realisiert wird dies mit Hilfe von einem Mashup von Widgets (WILD et al. 2008), die nach eigenem Belieben zusammengestellt und angeordnet werden können. Dieses Framework inkl. der an der Universität zumeist von Studierenden entwickelten Widgets ist seit Oktober 2010 im Betrieb und allen Angehörigen (Studierenden wie Lehrenden) der TU Graz zentral zugänglich.

Store aussuchen und sie anschließend in seiner PLE hinzufügen.

Abb. 1: Der Widget-Store
Wie bei den Native-Apps bei Smart-Phones können die vorhandenen Widgets im WidgetStore bewertet und kommentiert werden (siehe Abbildung 2).

Abb. 2: Die Detailansicht eines Widgets im Widget-Store
Mehrere Widgets lassen sich in einem oder mehreren Oberflächen, »Spaces«, organisieren. »Spaces« sind die so genannten Personal-Desktops oder Walls, auf denen eine beliebige Anzahl von Widgets platziert und angeordnet werden kann. Die Zuordnung der Widgets zu den Spaces sowie die Lage jedes Widgets in einem Space sind von den Benutzern persönlich zu tätigen. Abbildung 3 zeigt einen beispielhaften Space, den ein/e Benutzer/-in in seiner/ihrer PLE nach seinen/

PLE an der TU Graz
Die auf der TU Graz entwickelte PLE (EBNER/TARAGHI 2010) ähnelt stark den App-basierten Umgebungen bei den gängigen SmartPhone-Geräten. Dies ist ein Ergebnis mehrerer Design- und Usability-Studien (TARAGHI et al 2011). Der Widget-Store (vgl. mit einem App-Store) in der PLE bietet eine Übersicht über alle vorhandenen Widgets, die in der PLE zur Verfügung stehen (siehe Abbildung 1). Der Lerner kann sich die gewünschten Widgets im Widget-

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ihren Bedürfnissen zusammengestellt hat. Es befinden sich vier Widgets in dieser Oberfläche: Mail, TeachCenter Courses, Kalender und RSS-Feeds.

Abb. 3: Ein PLE Space, Mashup von Widgets

Widgets in der PLE
Widgets, in einigen Anwendungen auch als Gadgets bekannt (z. B. Google Desktop Gadgets), sind kleine clientseitige Applikationen, die auf dem Desktop oder in einem Webbrowser laufen. Die webbasierten Widgets lassen sich mit weitverbreiteten und häufig verwendeten Webtechnologien wie (X)HTML, JavaScript, Java Applet oder Adobe Flash realisieren. Der Quellcode wird im Falle eines Desktop-Widgets auf der Clientseite geladen und schließlich installiert. Im Falle eines browserbasierten Widgets wird der Code lediglich im Browser ausgeführt. Ein Widget hat zumeist die Aufgabe, die von den Benutzern angeforderten Daten und Ressourcen von den RemoteServern abzufragen und diese zur Verfügung zu stellen. Da eine direkte Datenabfrage von RemoteServern aufgrund der Same-Origin-Policy bei browserbasierten Widgets nicht möglich ist, wird für diesen Zweck häufig ein Proxy eingesetzt. Der Proxy leitet die Abfragen an den Remote-Server weiter und returniert die empfangenen Server-Response zum Client. Damit ermöglicht dieser die Übertragung von Daten und Ressourcen zwischen den externen Servern und den Widgets. Die so angeforderten Ressourcen aus unterschiedlichen Informations-

quellen können nun in einer widgetbasierten Plattform, wie zum Beispiel einem Content Management Systems (CMS) oder Learning Management Systems (LMS), durch den Einsatz von Widgets zusammengeführt werden. Die Widgets selbst beinhalten die Präsentationslogik auf der Clientseite. Die grafische Oberfläche (GUI) muss hierzu dynamisch aufgebaut und die Benutzerinteraktionen innerhalb der GUI erfasst werden (TARAGHI et al. 2009b).Die Widgets in der PLE lassen sich, je nach Anwendung, nach den Bedürfnissen der Lernenden konfigurieren. Beispielsweise können die Benutzer die Sprache umstellen oder je nach Widget gewisse Einstellungen in vorgesehenen Bereichen vornehmen. Abbildung 4 zeigt zum Beispiel das Widget, »TeachCenter Courses«. Das Widget bietet alle Informationen bzgl. verschiedenster Lehrveranstaltungen des Lern-Managements-Systems der TU Graz (TeachCenter) an. Durch dieses Widget ist das LMS der TU Graz in der PLE integriert und kann jederzeit benutzt werden.

bereitet diese das für das allgemein bekannte Spiel vor.

Abb. 5: Das »Hangman«-Widget, ein Beispiel für Game Based Learning
In Abbildung 6 ist das »Slideshare«-Widget zu sehen. Dieses Widget integriert den Webdienst Slideshare in die PLE. Slideshare ist eine bekannte Webanwendung, mit der die Benutzer PowerPoint-Präsentationen sowie Dokumente uploaden und miteinander teilen können. Somit sind Benutzer in der Lage, nach beliebigen Präsentationen und Dokumenten auf Slideshare zu suchen, diese darzustellen und in ihrer PLE zu nutzen.

Abb. 4: Das Widget »TeachCenter Courses«

Abbildung 5 zeigt ein Widget im Themenbereich Game Based Learning. Webbasierte vorab definierte Fragen und zugehörige Antworten, liest das »Hangman«Widget über ein URL aus und

Abb. 6: Das »Slideshare«-Widget
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Zum heutigen Stand sind viele universitätsinterne Services (wie TeachCenter, Email, Kalender usw.) und weitere Webdienste (wie Slideshare, Scribd, Dropbox, Google-Dienste usw.) durch entsprechende Widgets in der PLE vertreten. Alle diese Dienste werden im Studium direkt oder indirekt von den Lernenden benötigt, wobei Lernobjekte eine besondere Rolle in der PLE. spielen. Sie fließen direkt in den Lernprozess des Lernenden mit ein und können als zusätzliche Unterstützung im Alltag eingesetzt werden. Als Beispiel ist in der Abbildung 7 ein als Widget realisiertes Lernobjekt zu sehen. Das »Matrix Calculator«Widget berechnet einfachste Matrizenoperationen und kann auch zur Selbstbeurteilung von Lernenden eingesetzt werden.

nützlicher, wenn diese unabhängigen Anwendungen miteinander kombiniert werden können. Das ist dann möglich, wenn die Widgets, welche die jeweiligen Dienste in der PLE repräsentieren, mit einander kommunizieren und Daten austauschen können. Aus diesem Grund wurde ein Mechanismus für die Inter-Widget-Kommunikation (IWC)in der PLE entwickelt. Dadurch wird eine Unicast-, Multicast- und Broadcast-Kommunikation zwischen den Widgets ermöglicht. Ein Widget in der PLE ist somit in der Lage, ein Event in einem (Unicast), mehreren (Multicast) oder allen (Broadcast) Widgets auszulösen. Mehrere Szenarien sind bereits mit Hilfe von IWC realisiert worden. Zum Beispiel kann der Lerner im Widget »TeachCenter Courses« eine Lehrveranstaltung auswählen, danach zeigt das Widget »Prüfungsplaner« sofort die der ausgewählten Lehrveranstaltung zugewiesenen Prüfungstermine an. Ein anderes Beispiel ist das Widget »Google Maps«, welches bei den Widgets zum Einsatz kommen kann, die eine geografische Position oder Adresse (eines Institutes, eines Raumes, ...) auf der Landkarte darstellen sollten.

Diensten und der Kommunikation (z. B. E-Mails). Die Anzahl der aktiven Benutzer variiert stark und hängt von der Jahreszeit ab. Im Gegensatz zu der vorlesungsfreien oder der Prüfungszeit, liegt die durchschnittliche Anzahl der Log-ins pro Tag bei 50. Die noch erwartungsgemäß mäßige Nutzung der PLE ist darin begründet, dass noch zu wenige Widgets in der PLE angeboten werden. Es werden aber ständig neue Widgets entwickelt, damit die kritische Anzahl erreicht wird.

Ausblick
Auf Grund der Tatsache, dass die PLE der TU Graz browserbasiert arbeitet, gibt es Einschränkungen hinsichtlich der Verwendbarkeit und Performance. Daher gibt es Überlegungen, diese Restriktionen zugunsten der Individualisierung weiter auszubauen. Die beiden Betriebssysteme Microsoft Windows 7+ und Apple Mac-OS bieten zum Beispiel ihrerseits Möglichkeiten zur Einbindung solcher Widgets in ihre jeweilige Desktopumgebung an. Damit könnte man seine persönlichen Widgets direkt am Desktop verwenden. Ein weiterer Schritt wäre die Portierung der Widgets auf mobile Endgeräte. In diesem Sinne würde die personalisierte Lernumgebung komplett auf die individuellen Endgeräte und auch Bedürfnisse zugeschnitten sein und zur einer ubiquitären Verfügbarkeit im Lernalltag führen.

Nutzungsstatistiken Abb. 7: Das Lernobjekt »Matrix Calculator«-Widget
Weitere Beispiele an Lernobjekten,welche bereits in der derzeitigen Version der PLE als Widget angeboten werden, sind: SprachWidgets (Chinesisch, Japanisch), Übersetzungsdienste, Darstellung der Abläufe verschiedener Algorithmen im Bereich Informatik sowie die Kalkulation diverser mathematischer Operationen. Zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Textes sind ca. 3800 Benutzer in der PLE registriert. Insgesamt stehen 72 Widgets den Studierenden zur Verfügung. Davon beziehen sich 13 Widgets auf die universitätsinternen Dienste und 14 Widgets stellen Lernobjekte dar. Bei sechs Widgets liegt der Schwerpunkt auf Kommunikation und der Verwendung von sozialen Netzwerken. Die restlichen Widgets integrieren diverse nützliche Services aus dem WorldWideWeb, wie Wörterbücher und GoogleDienste. Die universitätsbezogenen Dienste machen derzeit die meistbenutzten Widgets aus, gefolgt von den sonstigen diversen Widgets wie den Übersetzungsdiensten, den Google-

Literaturhinweise
ATTWELL, G.: E-Portfolios – the DNA of the Personal Learning Environment?, in: Journal of e-Learning and Knowledge Society, 2007, Vol. 3, Nr. 2, pp. 33-61. DOWNES, S.: e-Learning 2.0, eLearn Magazine, 2005, http:// www.elearnmag.org/sub page.cfm?section=articles&ar ticle=29-1 (zuletzt besucht: 2012-05-22).

Widgets »reden« auch miteinander
Die Aggregation verschiedener Dienste und Applikationen innerhalb einer Umgebung wäre umso
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EBNER, M./TARAGHI, B.: Personal Learning Environment for Higher Education – A First Prototype, in: World Conference on Educational Multimedia, Hypermedia and Telecommunications, 2010, S. 1158-1166. GREEN, S./PEARSON, E./STOCKTON, C.: Personal Learning Environments: Accessibility and Adaptability in the Design of an Inclusive Learning Management System, in: PEARSON. E./BOHMAN, P. (Eds.): Proceedings of World Conference on Educational Multimedia, Hypermedia and Telecommunications, 2006, pp. 29342941. O’REILLY, T.: What is Web 2.0 – Design Pattern and Business Models for the next Generation of Software, 2005, http://www.oreillynet.com/ pub/a/oreilly/tim/news/ 2005/09/30/what-is-web20.html (zuletzt besucht 2012-05-22). SCHAFFERT, S./HILZENSAUER, W.: On the way towards Personal

Learning Environments: Seven crucial aspects, eLearning Papers 2008, n.9, S. 110. SCHAFFERT, SANDRA/KALZ, MARCO: Persönliche Lernumgebungen: Grundlagen, Möglichkeiten und Herausforderungen eines neuen Konzepts, in: WILBERS, K./HOHENSTEIN, A. (Hrsg.), Handbuch E-Learning. Expertenwissen aus Wissenschaft und Praxis – Strategien, Instrumente, Fallstudien. Köln: 2009), 27. Erg.-Lfg.. TARAGHI, B./EBNER, M./SCHAFFERT, S.: Personal Learning Environments for Higher Education: A Mashup Based Widget Concept, in: Proceedings of the Second Workshop on Mashup Personal Learning Environments (MUPPLE09). In conjunction with the 4th European Conference on Technology-Enhanced Learning (ECTEL’09): V. 506; S. 18; Nice, France 2009. TARAGHI, B./MÜHLBURGER, H./EBNER, M./NAGLER, W.: Will Personal Learning Environments

Become Ubiquitous through the Use of Widgets?, in: Proceedings of International Conference on Knowledge Management and Knowledge Technologies (I-KNOW’09); S. 329-335; Graz, Austria 2009b. TARAGHI, B./STICKEL, C./EBNER, M.: Survival of the Fittest – Utilization of Natural Selection Mechanisms for Improving PLE, .in: Proceedings of the 1st Workshop on Exploring Fitness and Evolvability of Personal Learning Environments, 2009, S. 4 – 9. WILD, F./MÖDRITSCHER, F./SIGURDARSON, S.: Designing for Change: Mash-Up Personal Learning Environments, eLearning Papers, 9, July 2008, p. 1-15.

Hinweis
Das System der TU Graz ist unter http://my.tugraz.at zugänglich. Sollten Sie an einem Testaccount interessiert sein, wenden Sie sich bitte an die E-Mail-Adresse ple@tugraz.at.

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