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CSN.plus - Nr. 478

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Der Flug der Ibisse

Der Zoo von Jerez beteiligt sich an Erhaltungsprogrammen für bedrohte Tierarten.
Von Birgit Broecheler

1. Dezember 2005

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Nur noch knapp 255 Exemplare des Ibis Eremita gibt es weltweit. Dabei bevölkerte der schwarze Vogel mit dem langen roten Schnabel einst große Teile Europas, Afrikas und Asiens. Zoologen bemühen sich nun um seine Wiederansiedlung nahe Barbate.

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s ist ein schöner warmer Tag in Barbate. Kaum Wind, blauer Himmel. „Optimale Bedingungen“, meint Miguel Ángel Quevedo. Der Veterinär des Botanischen Gartens von Jerez de la Frontera schaut lange durch ein riesiges Fernrohr. Dann brüllt er plötzlich: „Da unten, am Strand, acht Stück.“ Mit bloßem Auge ist dort aus dieser Entfernung überhaupt nichts zu erkennen. Doch Quevedo, der seit mehr als zwölf Jahren Veterinär ist, hat seine „Schätzchen“ sofort mit dem Fernrohr ausfindig gemacht. Die so liebevoll Genannten sind gefiedert, 70 bis 80 Zentimeter groß und sehen aus, als hätte Gott ihnen bei ihrer Erschaf-

fung eine – leider recht hässliche – Maske verpasst. Kahlköpfig, mit rotem Gesicht und ebenfalls langem roten Schnabel, am Hinterkopf und im Nacken lange abstehende Federn. Und auch ihr lateinischer Familienname „Threskiornithinae“ klingt eher unheimlich. Für die alten Ägypter allerdings hatten die Vögel der Spezies Ibis Eremita Kultsta-

tus: Sie galten als Symbol für Ruhm, Erhabenheit, Größe und Geisteskraft. Zahlreiche Abbildungen des Ibis Eremita in Hieroglyphentexten, Pyramiden, auf Opferkammern, Sargschreinen und Schmuckstücken, die bis zu 5.500 Jahren alt sind, beweisen dies. Vielleicht galt er in Europa deshalb auch als Fabeltier.
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Im schnellen Flug nähern sich nun die acht Tiere, steuern die riesige Volière, die in der eindrucksvollen Landschaft der Sierra del Retín auf einem Militärgebiet steht, an. Der Hüter des Geheges, Salvador Domínguez, erwartet sie bereits. Auf dem Kopf trägt er einen Ibis-ähnlichen Helm. „Damit sie sich nicht zu sehr an die Menschen gewöhnen“, erklärt er verschmitzt seine ungewöhnliche Tracht. Vor wenigen Minuten erst haben die Ibisse, die sich nun auf dem Gehege niedergelassen haben, ihren ersten Flug in Freiheit absolviert. „Jetzt steuern sie noch den Käfig an, weil sie hier aufgewachsen sind und er Sicherheit für sie bedeutet. Aber wir hoffen, dass sie sich bald in den Steilklippen bei Barbate niederlassen“, erklärt Veterinär Quevedo, unter dessen Aufsicht die Vögel im Botanischen Garten von Jerez geboren worden sind. „Schließlich sind Klima und Lebensraum optimal hier,“ versichert er. Optimal für einen Vogel, der auf der Liste der von Ausrottung bedrohten Tierarten ganz oben steht. Rund 255 Ibisse Eremitae gibt es noch in freier Wildbahn: 250 davon im Nationalpark Sous Massa an der marokkanischen Atlantikküste nahe Agadir, die restlichen Tiere entdeckten Forscher überraschend im Jahre 2002 in Syrien. „Soweit hätte es niemals kommen dürfen, jetzt geht es um die Rettung einer Gattung“, meint nahezu ausgerottet. Die Ursachen: zunehmende Besiedlung des Lebensraumes der Ibisse durch den Menschen, Jagd, später auch der Einsatz von Pestiziden. Jetzt wollen Zoologen den schwarzen Vogel mit vereinten Kräften wieder ansiedeln und so vor dem Aussterben retten. Als geeignete Orte wählte ein Expertengremium im österreichischen Innsbruck zwei Ansiedlungsregionen: das Gebiet um Barbate und die Gegend um Grünau in Österreich. Für die Aufzucht der Vögel, die später einmal über Barbate fliegen sollen, ist der Zoo von Jerez zuständig. 2003 startete er ein FünfJahres-Programm, anhand dessen die beste Methode zur Freilassung gefunden werden soll. Am 10. November feierte der Zoo zusammen mit der andalusischen Umweltministerin Fuensanta Coves und der Bürgermeisterin von Jerez ein denkwürdiges Ereignis: 28 Exemplare des Ibis Eremita wurden aus ihren Käfigen auf einem Militärgebiet in der Sierra de Retín nahe Barbate in die Freiheit entlassen. Ausgestattet mit jeweils drei Ringen, einige sogar mit Radiosensoren. Geboren wurden die Ibisse im Zoo von Jerez. Dort wurden sie von Adoptiveltern aufgezogen: „Wir tragen Ibis-Helme und schwarze Kleidung, damit die Tiere sich von Anfang an so wenig wie möglich an die Menschen gewöhnen“, erklärt Mariano Cuadrado, Biologe im Zoo. „Wenn sie dann

Quevedo. Einst besiedelte der Ibis Eremita die Küsten Afrikas, der arabischen Halbinsel und der Türkei sowie den Mittelmeerund Alpenraum. Das ist lange her: Bereits im 17. Jahrhundert wurde der Vogel, den man fälschlicherweise für einen großen Raben hielt und deshalb im deutschsprachigen Raum „Waldrapp“ taufte, in Mitteleuropa

Damit die Tiere sich nicht an den Menschen gewöhnen, tragen die Betreuer einen Ibis-Helm und schwarze T-Shirts. Sie zeigen den Vögeln, wie sie nach Futter suchen müssen, schrecken sie auf, wenn Gefahr droht.

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in die Käfige nach Barbate gebracht werden, zeigen wir ihnen auch, wie sie mit ihren Schnäbeln nach Futter unter Steinen suchen müssen, dass sie auffliegen müssen, wenn Gefahr droht oder sich etwas Unbekanntes nähert“, so Cuadrado. Begleitet wird das Wiederansiedlungsprojekt von Informations- und Sensibilisierungskampagnen an Schulen, bei Nachbarschaftsverbänden, unter Jägern und Nichtregierungsorganisationen. „Wir wollen, dass die Leute verstehen, was für einen seltenen Vogel sie da vor sich haben, dass er harmlos ist und keinen Schaden in der Landwirtschaft anrichtet“, erklärt Cuadrado. Nicht alle Ibis-Exemplare werden gut bewacht vom spanischen Militär in der Sierra del Retín gehalten. Gut die Hälfte der schwarzen Vögel befindet sich im Zoo von Jerez. Hier teilen sie sich mit fast 1.000 weiteren Tieren aus 200 Arten ein nur sechs Hektar kleines Gelände. Nein, groß ist der Zoo nicht. Aber er engagiert sich besonders stark in Erhaltungs- und Zuchtprogrammen von Tieren. Das war nicht immer so: 1953 als Botanischer Garten gegründet, befanden sich zunächst wenige Tiere auf dem Gelände, berichtet Cuadrado. Erst Anfang der 90er Jahre wechselte der damalige Direktor des Zoos das Motto vom Zurschaustellen der Tiere auf „Erhalten, Lehren und Forschen“. Viele Tiere gibt es zu sehen im Zoo von Jerez, einige auch zum Streicheln. Rund 200.000 Personen kommen pro Jahr, viele davon sind Schüler oder Kinder, die mit ihrer Familie den Zoo besuchen und Tiger, Elefant und Dromedar bewundern. Doch mindestens genauso interessant wie das Sichtbare ist das, was sich hinter den Kulissen abspielt. Auf nationaler Ebene engagieren sich die Biologen und Veterinäre des Zoos nämlich nicht nur für die Ansiedlung der Ibisse, sondern auch für den Erhalt des Iberischen Luchses. Schätzungsweise 150 Exemplare in zwei Populationen aufgeteilt existieren weltweit noch, eine davon im Coto de Doñana, die andere in der Sierra Morena. Der Iberische Luchs gilt als die meist bedrohteste Katzenart auf der ganzen Welt. Die Gründe hierfür sind vielfältig, die zwei wichtigsten nennt Mariano Cuadrado: „Zum einen fehlt es den erwachsenen männlichen Luchsen an Raum für ein eigenes Jagdrevier, denn Besiedlung, Straßen und öffentliche Bauten haben den Lebensraum des Luchses stark eingeschränkt. Zum anderen ist es durch eine Kaninchenepidemie zu Nahrungsmangel für Luchse gekommen.“ Ende 1999 beschloss das spanische Umweltministerium, endlich zu handeln und einen Aktionsplan zum Erhalt der Spezies aufzusetzen. Zu den Maßnahmen gehört auch

Seitdem ist der Zoologische Garten in Jerez in fast 25 internationale Zuchtprojekte involviert, die Basis für eine mögliche Wiederansiedlung von bedrohten Tierarten in ihren ursprünglichen Lebensräumen sein können. Biologe Mariano Cuadrado nennt ein Beispiel: „Wie in vielen Zoos werden auch in Jerez Przewalskipferde gehalten und gezüchtet. Sie sind die Grundlage für mögliche Auswilderungsprogramme in der Mongolei, wo diese Tiere bereits ausgestorben sind.“

Viele Tiere gibt es im Zoo zu sehen und zu streicheln. An einige – wie die scharfschnäbeligen Papageien – dürfen jedoch nur Veterinäre und Biologen ran. Mindestens genauso interessant wie das Sichtbare ist das, was hinter den Kulissen im Zoo geschieht.

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Hinter verschlossenen Türen werden im Zoo kranke Iberische Luchse wieder aufgepäppelt. Cromo kam mit verletzter Pfote, Saliega und Aura waren unterernährt.

ein Nachwuchsplan, der im Zuchtzentrum von El Acebuche im Doñana-Nationalpark umgesetzt wird, aber von den Experten des Zoos in Jerez koordiniert wird. Biologe Cuadrado und seine Kollegen sind immerhin die einzigen, die außerhalb von El Acebuche kranke, verletzte und Jungtiere ohne Mutter wieder aufpäppeln. Alles hinter verschlossenen Türen, denn die Tiere sind hochsensibel und sollen von jeglichem Stress fern gehalten werden. Immerhin sollen die wieder gesundeten Luchse dann in das Zuchtzentrum von El Acebuche im Nationalpark von Doñana gebracht werden.
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„Um den Bestand von Iberischen Luchsen in Freiheit zu erhöhen, brauchen wir einen guten Grundstock an genetisch einwandfreien Exemplaren“, erklärt Biologe Cuadrado. Die Iberischen Luchse Cromo, Aura, Esperanza haben ihren Aufenthalt im Zoo von Jerez schon hinter sich, und auch Saliega, ein Weibchen, das im Jahr 2002 in den Zoo kam, ist mittlerweile im Zuchtzentrum: Gerade einen Monat alt war das Jungtier völlig unterernährt und verschreckt. Im Zoo päppelte es das Personal wieder auf. Ein Jahr später brachte man Saliega in El Acebuche mit anderen Luchsen zusammen. „Es war für uns sehr schwer, dass Tier wieder in andere Hände zu übergeben“, sagt Cuadrado. Gleichzeitig war Saliega jedoch auch ein Glücksfall: Im März dieses Jahres brachte das Weibchen in El Acebuche drei gesunde Junge zu Welt. Nur zwei überlebten schließlich, aber für die Koordinatoren des Zuchtprogramms aus dem Zoo waren diese beiden der Inbegriff des Glücks. Auch derzeit kümmern sich Cuadrado und seine Kollegen

wieder um drei Iberische Luchse und hoffen darauf, dass sie die Katzen bald ins Zentrum von El Acebuche bringen können. Überhaupt ist „Hoffnung“ ein Wort, das die Mitarbeiter des Zoos häufig gebrauchen. Hoffen auf eine geglückte Wiederansiedlung, die Erhöhung des Bestands oder die Gesundung eines Tieres – jeden Tag setzen sich die 50 Angestellten des kleinen Zoos damit auseinander. Im kommenden Jahr will Direktor José María Aguilar Sánchez die Einrichtung erweitern: Nicht nur die Gehege sollen größer werden und neue Tiere kommen. Auch das Erholungszentrum für Tiere bedrohter Arten soll ausgebaut werden.

Zoobotánico Jerez: C/ Taxdirt, s/n 11404 Jerez de la Frontera 956 153 0331 und 956 153 299 Fax: 956 310 331 www.zoobotanicojerez.com
FOTOS: BIRGIT BROECHELER, ZOO JEREZ

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