ZEITGESCHEHEN

«Ich als Jüdin sage euch ...»
Mit einer frei erfundenen jüdischen Identität als angebliche Tochter von Shoah-Überlebenden die Israelhetze legitimieren: die Geschichte der «Friedensaktivistin» Irena Wachendorff.
Petra Schnelzer

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n Israel lässt die «Friedensaktivistin» Irena Wachendorff kein gutes Haar. Mit deutlichen Worten verurteilte sie den israelischen Einsatz gegen die Hamas-gesteuerte Gazaflottille. Sie ist Teil der radikal-israelkritischen Bewegung, für die ganz klar ist, wer in Nahost die Bösen sind: die Israelis, die mit überzogener Gewalt gegen die Palästinenser vorgehen, und das Land Israel, das durch seine schiere Existenz der Quell aller nahöstlichen Probleme sei. Als deutsch-jüdische Lyrikerin, deren Mutter als Einzige ihrer Familie die Shoah überlebt hat und von den Russen aus Auschwitz befreit wurde, scheint ihre radikale Israelkritik besonderes Gewicht zu haben. Wenn sie ihre Mutter pflege, sehe sie immer die eintätowierte Nummer auf dem Arm. Ihr

2009 verstorbener Vater sei frommer Jude und Berater von Rabbinern gewesen; sie selbst, Mitglied und Vorbeterin der Kölner liberalen jüdischen Gemeinde Gescher la Massoret, habe 1982 in der israelischen Armee am Libanonkrieg teilgenommen. All das klang eindrucksvoll, bis die junge Journalistin Jennifer Pyka das Ganze überprüfte. Schnell änderten sich die Fakten. Nach Rückfrage beim Pressesprecher des israelischen Militärs stellte sich heraus: Wachendorff ist dort unbekannt. Sie ist keine Israelin und hat nie in der israelischen Armee gedient. Auch der Rabbiner der Kölner liberalen jüdischen Gemeinde, Dr. Walter Rothschild, hatte nie etwas von ihr gehört oder gesehen, während die Gemeindeleitung sie nur als Abonnentin
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Radikale Antizionisten können in Israel nicht das demokratische Staatswesen sehen, das es ist. Der Fall Wachendorff zeigt, was für extreme Blüten die Israelfeindschaft treiben kann.
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des Gemeindebriefs kennt. Sie selbst sei niemals Mitglied von Gescher la Massoret gewesen. War die Mutter von Irena Wachendorff tatsächlich in Auschwitz, als Häftling? Nach ergebnisloser Recherche in der Datenbank von Yad Vashem telefonierte die Journalistin mit der Mutter, Barbara Wachendorff. An drei Jahre im Versteck, vier Monate in Auschwitz und die Befreiung durch die Sowjets sollte sie sich doch erinnern: «Auschwitz? Nein, ich nicht! Aber mein Mann.» Aber als Häftling war Raymund Wachendorff, der Vater von Irena Wachendorff, nicht in Auschwitz. 1921 in Torgau geboren, angeblich frommer Jude und Berater eines Rabbiners, angeblich 1936 nach England geflohen, verlebte er seine Jugend und Schulzeit in Bad Godesberg, wurde 1940 zum Kriegsdienst eingezogen und 1945 als Wehrmachtsoffizier entlassen. Nach seinem Tod bekam er eine evangelische Trauerfeier und Urnenbestattung in Bad Godesberg. «Die eingebildete Jüdin – Ein Grusical made in Germany», titelt Jennifer Nathalie Pyka ihren Bericht, in dem sich nachlesen lässt, was von der vermeintlich jüdischen Vita Irena Wachendorffs übrigbleibt, die ihre Israelkritik gerne durch ihre postulierte jüdische Identität legitimierte: «Und ich möchte hier mal als Jüdin sagen ...» Die aufwendige Recherche von Pyka wurde von einem Korrespondenten der «Jerusalem Post», Benjamin Weinthal, erweitert und bestätigt. Im Telefoninterview, das er mit Wachendorff führte, gab sie zu, über ihren angeblichen Dienst in der israelischen Armee IDF gelogen zu haben. Ja, ihr Vater sei Wehrmachtsoffizier gewesen. Was die auf dem Arm der Mutter eintätowierte Nummer angehe, so könne sie sich an den Namen des
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Vernichtungslagers nicht erinnern. Da gebe es etwas auf dem Arm ihrer Mutter, aber sie könne nicht sagen, ob das eine Nummer sei. Über Irena Wachendorffs Gründe, sich diese Biografie zuzulegen, lässt sich spekulieren, letztlich bleibt es ihr Geheimnis. Es liesse sich als private Extravaganz abtun, wäre sie damit nicht so offensiv an die Öffentlichkeit gegangen – in Schulklassen gab sie «Kindern in ihrer Eigenschaft als ‹Jüdin› und Tochter Überlebender Einblick in das Schicksal jüdischer Familien im 3. Reich» – und hätte sie sie nicht instrumentalisiert,

um gegen Israel zu hetzen. Pro-IsraelAktivisten sind für sie die «NeonaziTruppen unter den Juden», und über die Hamas sagt sie: «Gäbe man der Hamas die Chance, ohne Gesichtsverlust einschwenken zu können ... Sie würde es tun!» Oder: «... ich sehe mein Ziel noch ferne, da solche Extremisten wie Islamisten und Zionisten diese meine Vision von friedlicher jüdischer Existenz, nicht teilen wollen.» Eifriger Unterstützer Wachendorffs war Ruprecht Polenz, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, auf dessen Facebook-Seite sie mit

ihren israelkritischen Statements oft vertreten war. Laut Pyka gab es dort Einträge von Islamisten, Salafisten und solchen, die den Holocaust leugneten und Israel das Existenzrecht absprachen. Wer Wachendorff widersprach, wurde von ihm abgemahnt. Und umgekehrt? Polenz tadelt Siedlungen, warnt vor «Säbelrasseln gegenüber Iran» und Wachendorff bestätigt. «Pausenlos mit dem Ausstellen von ‹jüdischen› PersilScheinen für Polenz beschäftigt, muss sie das antisemitische Pack, das sich auf Polenz’ Seite tummelte, übersehen haI ben», folgert Jennifer Pyka.

Gewendete Identität
Die Journalistin Jennifer Nathalie Pyka entlarvte mit ihrer Recherche den Schwindel der Israelkritikerin Irena Wachendorff.
factum: Was veranlasste Sie, dem Thema auf den Grund zu gehen? Jennifer Nathalie Pyka: Irena Wachendorff fiel mir schon vor etwa zwei Jahren auf der Facebook-Seite von Ruprecht Polenz auf, wo sie jeden Tag unterwegs war. Wenn man das regelmässig gelesen hat, fiel sie einfach auf. Was sie schrieb und wie sie sich artikulierte, das schien mir recht dick aufgetragen: dass sie immer wieder ihre Familiengeschichte und ihre Erfahrungen in der israelischen Armee als Argument, als Totschlagargument, einsetzte. Die Frage, ob Frau Wachendorff wirklich Jüdin ist, tauchte auch gelegentlich bei anderen Facebook-Nutzern auf, besonders bei denen, die von Frau Wachendoff als Nazi beschimpft wurden. Das war auffällig und veranlasste mich, der Sache nachzugehen. Die Frage stand im Raum, aber ich war die Erste, die wirklich intensiv recherchiert und dokumentiert hat. Man kann sich ja nicht einfach hinstellen und behaupten, «Die Frau ist keine Jüdin», ohne entsprechende Beweise zu haben. factum: Wie bewerten Sie ihr Verhalten? Pyka: Ich bin der Ansicht, dass sie ihre Geschichte mittlerweile selbst glaubt, und so fiel ihr vermutlich gar nicht auf, dass dies auf andere befremdlich wirken kann. Was ihre Motivation angeht, kann ich nur spekulieren. Es steht mir nicht zu, für sie zu sprechen. Ich denke, im Vordergrund steht auf jeden Fall eine Täter-Opfer-Umkehr, diese Sehnsucht nach der Opferrolle. Vielleicht kommt sie nicht damit klar, dass ihr Vater Täter war. Er war kein Holocaust-Überlebender, sondern Wehrmachtsoffizier. Das spricht eine eindeutige Sprache. Eingezogen wurde damals jeder, aber er brachte es zum
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Hat engagiert recherchiert: Jennifer Pyka.

Offizier. Ich glaube, dass diese Umkehr eine ganz entscheidende Rolle spielte. In Bezug auf ihre Identität und Familie hat sie eine 180-Grad-Wende vollzogen – und komplett das Gegenteil vorgespielt. Es ist ein Unterschied, ob man eine solche Show alleine im Garten abzieht oder sie in Schulen vor Kindern auslebt und nebenbei Synagogen oder Gedenkstätten einweiht. factum: Welche Reaktionen haben Sie auf Ihre Berichterstattung bekommen? Pyka: Die Reaktionen fallen ganz unterschiedlich aus. Da wäre zum Beispiel Herr Polenz, der sich dazu geäussert hat, aber ziemlich versatzstückartig. Er hat in der «Jerusalem Post» einen Leserbrief hinterlassen und erklärt jetzt, das sei nur eine «Kampagne» von mir, der er keinen Glauben schenke. Ich hab sehr viel positive Resonanz bekommen und diese negativen Dinge: dass man mich in eine Reihe mit den historischen Nazis stellt. Aber das ist die typische Schiene bei den eher Linken. factum: Kam die «Jerusalem Post» durch Ihre Berichterstattung auf das Thema? Pyka: Ja, die haben sich bei mir gemeldet, und da muss man auch wirklich eine Lanze für Benjamin Weinthal von der «Jerusalem Post» brechen. Er steht jetzt sehr in der Kritik, er habe alles erfunden, was natürlich Quatsch ist, denn solche Interviews werden aufgezeichnet. Er hat sehr intensiv recherchiert, war ganz genau in den Dingen, die er gemacht hat. factum: Vielen Dank für das Gespräch. Interview: Petra Schnelzer
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ZVG