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MITTWOCH, 12. SEPTEMBER 2012

TAZ.DIE TAGESZEITUNG

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Ein Professor gewinnt die Wahl
SOMALIA Nach 21 Jahren ohne Zentralregierung wird Hassan Sheikh Mohamud überraschend neuer Präsident des Landes. Er ist ein politischer Neuling
VON BETTINA RÜHL

LESERINNENBRIEFE
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NAIROBI taz | In ihren Kommentaren im Internet haben sich die Somalier geradezu euphorisch geäußert. Mit dem ehemaligen Universitätsprofessor Hassan Sheikh Mohamud haben sie seit Montag einen neuen Präsidenten, den ersten legitimen seit mehr als 20 Jahren. Das allein war für viele ein Grund zu feiern, und so waren am Montagabend in den Straßen von Mogadischu Freudenschüsse zu hören, nachdem der 56-Jährige mit mehrstündiger Verspätung als neuer Staatschef vereidigt worden war. Der bisherige Dekan einer privaten Universität in Mogadischu ist ein politischer Neuling, der bei der Wahl als Außenseiter galt. Fast alle Beobachter hatten erwarteten, dass der bisherige Übergangspräsident Sheikh Sharif Sheikh Ahmed die Wahl gewinnen würde, obwohl er als ausgesprochen korrupt und wenig effektiv gilt. Viele politische Posten wurden in den vergangenen Monaten verkauft. Vor allem Sheikh Sharif Sheikh Ahmed versuchte offenbar, seine Wiederwahl durch Stimmenkauf zu sichern. Dann aber sei der Wahlvorgang überraschend transparent gewesen, lobte Emmanuel Kisangani vom Institute for Security Studies in Nairobi. Der am Ende doch noch geregelte Ablauf der Wahl ist für die Zukunft Somalias von großer Bedeutung. Denn die Machtansprüche der unterlegenen Kandidaten, die Milizen mobilisieren könnten, um ihren Einfluss zu sichern, gelten als eine der größten Herausforderungen für den neuen Präsidenten. „Ich war beeindruckt, wie geregelt und strategisch gewählt wurde“, sagt auch Annette Weber von der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik. Die Wahl Hassan Sheikhs schließt den von der UNO ge-

Keine demokratische Kontrolle
I

betr.: „Eine Frage des Risikos“, taz vom 11. 9. 12

Polizeipatrouille in Somalias Hauptstadt Mogadischu am Wahltag Foto: reuters

Mich wundert, dass vermehrt taz-Autoren speziell der gegenwärtigen Finanzpolitik (und damit der Wirtschaftspolitik) kritik- und hilflos gegenüberstehen. So spricht Tarik Ahmia im Zusammenhang mit der Entscheidung der EZB, Staatsanleihen der Eurostaaten ohne Somalias neuer Präsident Hassan Limit aufzukaufen, vom Sieg der Vernunft, Malte Kreutzfeld („Bank Sheikh Mohamud Foto: reuters der unbegrenzten Möglichkeiten“) betont fast tröstend, dass das Eingreifen der EZB allerdings an „strenge Bedingungen“ geknüpft ist stützten Aufbau staatlicher Instiund die jeweiligen Länder sich einem „Anpassungsprogramm“ untutionen ab, zu dem auch die terwerfen müssen. Gern wird in diesem Zusammenhang auch euWahl eines neuen Parlaments phemistisch von „Strukturreformen“ gesprochen und gemeint ist und eines neuen Parlamentsprästets dies: Zerschlagung bzw. Verhinderung sozialstaatlicher und kosidenten gehörte. Der Prozess operativer Gemeinwesen und vollständige Privatisierung und Komfand mit mehrwöchiger Verzömerzialisierung aller Lebensbereiche. Das ist der Kernpunkt, um den gerung statt. Das Mandat der bises nicht nur in der sogenannten Eurokrise geht. her amtierenden ÜbergangsreIn diesem Licht ist die gesamte Eurokrise substantiell keine finanzgierung lief am 20. August aus. politische Krise, sie bildet nur eine globale und damit auch europäiHassan Sheikh studierte vor sche Wirtschaftskrise ab, die ihrerseits eine tiefgreifende Geselldem Krieg an der Universität von schaftskrise widerspiegelt: Die große Mehrheit der Bevölkerung Mogadischu und in Indien. Trotz sieht sich mit einer zunehmenden Ausbeutung ihrer Arbeitskraft des Bürgerkriegs blieb er die (steigende Armut) und ihrer natürlichen Ressourcen (Umweltzerstörung), der Aberkennung ihrer politischen Rechte (zunehmende Bedeutungslosigkeit demokratischer Parlamente durch unangemessene Privilegierung von Abgeordneten, Korruption und Lobbyismus) konfrontiert. Die „finanzpolitische“ Rolle der Europäischen Zentralbank besteht darin, über die Zuteilung von Geldmitteln dieses neoliberale Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell zu festigen und auszubauen bzw. Gegenmodelle zu blockieren. NIEDERLANDE Die Ökonomin Esther-Mirjam Sent über die tiefen Umbrüche in der Gesellschaft DIETER SCHÖNROCK, Hamburg ........................................................................................................................................................................................................ taz: Frau Sent, zum fünften Mal links, aber beide sind konserva- Es gibt Wähler, die sich von einWieder an die Urnen seit 2002 wird in den Niederlan- ........................................................................................................................................................................................................ tiv. Ein zweiter Reflex ist die Hin- fachen Lösungen bei schwieriden vorzeitig gewählt. Auch I Am Mittwoch werden die Niewendung zu weiteren Regeln. gen Problemen angesprochen sind seit gut einem Jahrzehnt derländer wieder ein neues Parla- Beides ist aussichtslos. Wir müs- fühlen. Was ist zu tun? I betr.: „Zoff in der Linkspartei um den Kurs in der Eurokrise“, starke Bewegungen auf dem ment wählen. Zu vergeben sind sen uns neu definieren und die Politiker stellen sich auf ängstlitaz vom 8. 9. 12 rechten und linken politischen 150 Sitze. Die Koalition aus Bürger müssen aktuelle Werte che Wähler ein, statt eine Vision Flügel auszumachen. Da sind Rechtsliberalen und Christdemomitproduzieren. zu entwickeln. Die Debatte wird Also, so was Uninformatives erwarte ich überhaupt nicht von der taz. die Rechtspopulisten und die kraten, die vom Rechtspopulisten Im vergangenen Jahrzehnt wa- viel zu stark durch Angst domi- Das Mindeste wäre doch, dass erklärt wird, warum die Linkspartei Sozialisten, die mit ihrem Geert Wilders geduldet wurde, war ren die Niederlande gut aufge- niert. Problematisch ist außer- bevorzugt, dass die EZB direkt Staatsanleihen kauft statt am ominöFrontmann Emile Roemer gut im April nach eineinhalb Jahren stellt als eines der reichsten dem das Menschenbild der Ent- sen Sekundärmarkt. Einerseits ist dieser Kauf an Austeritätsmaßin den Umfragen dastehen. Was gescheitert. Der Senkrechtstarter Länder Europas. Niederländi- scheidungsträger: Ein kühl kal- nahmen gebunden, die der betroffene Staat nehmen muss. Andererist los in den Niederlanden? der vergangenen zwei Wochen ist sche Kinder gehören zu den kulierender Homo oeconomi- seits werden die Staatsanleihen von den Banken wiedergekauft, deEsther-Mirjam Sent: Es haben der Spitzenkandidat der Sozialde- glücklichsten weltweit. Doch es cus, der Wahlfreiheit klasse fin- nen die EZB erst mal Geld mit 1 Prozent Zinsen geliehen hat und die große Transformationen stattge- mokraten, Diederik Samsom. Er herrschte Unzufriedenheit. det. Der am Computer überlegt, dann mit diesem Geld Staatsanleihen mit Zinsen von 6, 7 Prozent funden. Zum einen durch die Sä- soll sich nach den jüngsten MeiMenschen sind zufrieden mit welche Krankenversicherung er oder mehr gekauft haben. Feiner Unterschied tatsächlich: Gerettet kularisierung der Gesellschaft. nungsumfragen mit Premiermidem eigenen Leben, jedoch un- nehmen könnte. Auswählen zu werden dadurch nur die Banken, als ob es Lehman Brothers und Co Die Kirche als sichere Säule, mit nister Mark Rutte ein Kopf-an-Kopf- zufrieden mit dem Land. Wir be- müssen setzt uns unter Stress. gar nicht gegeben hätte! Verwunderlich, dass ein solches graviereneinem Pfarrer, der erzählt, wie Rennen liefern. 41 Prozent der greifen noch nicht, wie wir mit Dabei verschwinden Menschen des Thema so abstrus benutzt wird, um zu zeigen wie gespalten die wir leben sollen, spielt eine im- Wähler gaben an, unentschieden den großen Veränderungen um- aus dem Blick, die damit nicht Partei ist ! MATHIEU JACQUOT, Saarbrücken mer geringere Rolle. Die zweite zu sein, wem sie ihre Stimme gegehen können. Dieser Zustand umgehen können, sowie gut ausgroße Veränderung ist die Büro- ben sollen. (gs) wurde begünstigt durch eine ne- gebildete, die sich nicht damit kratisierung. In den Niederlangative Politik. Entscheidungsträ- beschäftigen wollen. Politik den wollen wir alles immer ge- ren sich als Konsumenten an- ger glauben strategisch zu agie- muss von einem realistischen I betr.: „SPD und CDU proben Rentenkoalition“, taz vom 10. 9. 12 nau regeln. Das hat inzwischen statt als Produzenten. ren, indem sie Dinge negativ dar- Menschenbild ausgehen. extreme Formen angenommen. Was müsste geschehen, um ad- stellen. Am Ende wird es nicht so INTERVIEW: GUNDA SCHWANTJE Das Problem ist erkannt: Die Rente reicht bei einigen nicht zum ExisDie dritte Veränderung betrifft äquat auf diese Veränderungen schlimm ausgehen. Das ist die tenzminimum – und bei keinem zur Lebensstandardsicherung. Um ........................................................................................................................................................................................................ die Privatisierung. Der Staat hat zu antworten? calvinistische Volksart. Unsere die schlimmsten Folgen zu beheben, wird nun an allen Ecken gefriEsther-Mirjam Sent wichtige Aufgaben abgegeben, Bürger müssen sich wieder mit- Ausgangsposition war gut, nun ..................................................................................................................................................................................................... ckelt und gestückelt. Hier ein bisschen private Vorsorge, da etwas Zuwie die Energieversorgung. Au- verantwortlich fühlen für die beginnen wir abzugleiten. Die I istProfessorin schussrente – überall mit erheblicher zusätzlicher Bürokratie, die es ßerdem wird die Welt immer Werte im Land. Zurzeit haben wir Arbeitslosigkeit steigt, das Kon- für ökonominicht umsonst gibt, und Gewinnmargen für die privaten Anbieter, komplexer. Das macht sich vor keine klare Orientierung. Das be- sumenten- und Produzentenver- sche Theorie die auch irgendwo herkommen müssen. Wäre es nicht an der Zeit, allem in einem Land wie den Nie- fördert zwei Reflexe. Der erste ist trauen ist angeschlagen. Das und Politik an und vor allem viel preisgünstiger, das System Rentenversicherung derlanden bemerkbar. Wir ha- die Sehnsucht nach vergange- Land verlangt nach einer Vision. der Radboud wieder auf die Füße zu stellen? Versicherungsfremde Belastungen ben eine kleine, offene Wirt- nen Tagen. Diesen Reflex findet Wir wollen wissen, wohin wir Universität Nijkonsequent über Steuern zu finanzieren, wäre ein Anfang. So hat es schaft, mit offenen Grenzen. Die man am äußeren Rand des Par- steuern und wie unsere Position megen und etwas von Eimer unter die Lecks zu stellen anstatt das Dach zu fliFoto: Archiv Summe dieser Entwicklungen teienspektrums wieder, in der in der Welt ist. Stattdessen ver- wurde 2011 für cken. Volkswirtschaftlich kann ein vernünftiges System aus einem ist, dass Niederländer sich ent- PVV und der SP. Die eine Partei ist sandet die politische Debatte in die Sozialdemokraten in den Guss doch eigentlich nicht ungünstiger sein als dieses Herumwursfremdet fühlen. Sie positionie- sehr rechts, die andere ganz kurzfristigen Lösungen. teln. SILKE KARCHER, Berlin Senat gewählt.

meiste Zeit in Somalia. In den 1990er Jahren arbeitete er für mehrere humanitäre Organisationen, darunter auch das UN-Kinderhilfswerk Unicef. 1999 gründete er in Mogadischu das Institut für Management und Administration, das später zu einer privaten Universität wurde. Der neue Präsident gilt als moderat und signalisierte, er sei zu Gesprächen mit Mitgliedern der islamistischen Shabaab-Miliz bereit. Gleichzeitig machte er aber deutlich, dass er jeden Extremismus ablehnt. „Wenn er es schafft, die gemäßigteren Shabaab-Mitglieder von dem harten Kern zu trennen, der eng mit al-Qaida zusammenarbeitet, könnte das durchaus zu einer Stabilisierung beitragen“, meint Annette Weber. „Dialog ist der einzig gangbare Weg“, erklärt auch der SomaliaExperte Helmut Hess von Brot für die Welt. „Eine militärische Lösung kann es nicht geben“. Eine positive Überraschung war bereist der neue Parlaments-

präsident: Mohamed Osman Jawari ist ebenfalls ein Intellektueller, der sich an dem Bürgerkrieg in Somalia nicht beteiligt hat. Stattdessen arbeitete er in den vergangenen Jahren an der Ausarbeitung der neuen Verfassung mit. Vor dem neuen Präsidenten liegen viele alte Probleme. In den 21 Jahren ohne Zentralregierung sind regionale Machtzentren entstanden, deren Führer sich der neuen Regierung nicht unbedingt unterwerfen wollen. Die Shabaab-Milz kontrolliert weite Bereiche des Landes und führt in der Hauptstadt einen Guerillakrieg mit Selbstmordanschlägen und gezielten Morden. Die staatlichen Institutionen müssen erst noch aufgebaut werden, und auch die Wirtschaft liegt nach Jahren des Krieges am Boden. Aber zum ersten Mal seit vielen Jahren scheint es möglich, dass sich die Situation in Somalia zum Besseren wendet. Meinung + Diskussion SEITE 12

Es ist schon interessant, dass außer dem Satz am Anfang des Artikels: „Steht in Deutschland die Demokratie auf dem Spiel“, kaum weiter auf diese von Christian Rath gestellte Frage eingegangen wird, sondern fast ausschließlich die Angst vor dem GAU, der Haftungsübernahme polemisiert wird. Die Frage, die mich dabei beschäftigt, ist die, ob der Verfasser dieses Artikels und unter Umständen auch die taz Demokratie gleichsetzt mit dem Wohlergehen der sogenannten Finanzmärkte. Hier geht es nicht um eine mögliche Haftung; hier geht es darum, dass mit diesen Verträgen eine nicht demokratisch legitimierte Institution geschaffen werden soll, die einfach Entscheidungen treffen kann, ohne den Prozess der Entscheidungsfindung öffentlich zu machen und sich damit jeglicher demokratischer (parlamentarischer) Kontrolle entziehen kann. Noch nicht einmal das relativ machtlose Europaparlament soll hier informiert werden. Um was geht es also? Um Demokratie oder um Neokapitalismus und/oder Protektionismus? Mir, als ein Mitunterzeichner der Verfassungsbeschwerde, geht es um Demokratie – Ihnen auch? Mir geht es darum, dass die gewählten Volksvertreter diese Entscheidungen treffen (und nicht ein Herr Schäuble, der seinerzeit eine höchst eigenartige Rolle in der Parteispendenaffäre der CDU spielte). Mir geht es um ein geeintes Europa, vertreten durch eine gewählte Regierung und nicht von eingesetzten Kommissaren. Ich fühle mich von diesem Artikel persönlich verunglimpft, weil mir eine Haltung unterstellt wird, die ich nicht vertrete. ALBERT WAGNER, Bochum

Kritik- und hilflos
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betr.: „Vernunft siegt gegen Geisterfahrer“ u. a., taz vom 7. 9. 12

„Wir wollen wissen, wohin wir steuern“

Gerettet werden nur die Banken

Gefrickelt und gestückelt