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Stadt und Land

Mittwoch, 19. September 2012 · Seite 17

166. Jahrgang, Nr. 219

heutemittwo
Tagestipps der Redaktion

BUTZBACH (ak). Erfahrung oder frischen Wind, Bürgernähe oder einen kühlen Rechner – was brauchen die Butzbacher Kernstadt-Bewohner und die Bürger in den Stadtteilen? Am Montagabend machten sich an die dreihundert Wähler bei der von der Butzbacher Zeitung organisierten Podiumsdiskussion im Bürgerhaus ein Bild von den Bürgermeisterkandidaten. Diskussionsleiter Dr. Thorsten Grusdat (BZ) stellte die drei Bewerber vor, die sich der Bürgerwahl in knapp zwei Wochen stellen: Sozialdemokrat Michael Merle, Benjamin Seliger von der CDU und Nicolai Richter als Vertreter der Piratenpartei. Der 45-jährige Michael Merle, Amtsinhaber seit 2007 und zuvor bereits fünf Monate als Erster Stadtrat Leiter der Verwaltung, lebt mit seiner Familie in Pohl-Göns. Er ist Diplom-Sozialarbeiter und Förderschullehrer. Benjamin Seliger ist 30 Jahre alt, verheiratet und frischgebackener Vater. Der Diplom-Kaufmann und Referent für Finanzpolitik und Europa in der CDU-Landtagsfraktion lebt in der Butzbacher Kernstadt. Nicolai Richter, gebürtiger Frankfurter, lebt seit neun Jahren in Butzbach, ist 42 Jahre alt und ledig. Als ausgebildeter Diplom-Psychologe arbeitet er zurzeit als selbstständiger Unternehmensberater im Bereich Finanzen und Risikoanalyse. In der Aufwärmrunde konnte jeder Kandidat seinen Lieblingsort in Butzbach benennen, der vom Hausbergturm bis zum Marktplatz reichte und es zeigte sich, dass alle drei das Schöne, das Stadt und Umgebung zu bieten haben, schätzen. Fragen zu klaren Fakten, wie zum Beispiel zur Fläche von Stadt und Wald oder Einwohnerzahlen von Stadtteilen konnten schon den einen oder anderen in Verlegenheit bringen, doch ihr Blick in die gut vorbereiteten Unterlagen zeigte, dass sich keiner von ihnen aufs Glatteis führen ließ. BZ-Redakteur Grusdat bot in den anschließenden Fragen zu Themen wie Finanzen (Haushaltsdefizit, Kredite), Infrastrukutr (Gewerbeansiedlung, Einzelhandel, Bufa-Gelände, Housing Area), Stadtteilentwicklung (Investitionen, Weiterentwicklung), Feuerwehren (Ausbau, ehrenamtlicher Brandschutz) jedem Bewerber eine Plattform, um sich selbst und seine politischen Ziele und Ideen darzustellen. Beim Thema Feuerwehr, Brandschutz und Förderung des Ehrenamts waren alle drei Kandidaten einer Meinung, dass die Feuerwehr-Vereine in den Stadtteilen die unerlässliche Basis des Brandschutzes sind und dass Butzbach stolz sein kann auf sein Bürger-Engagement . „Nichts ist wirtschaftlicher als das Ehrenamt in der Feuerwehr“, so Merle, der zugab: „Wir können uns eine Berufsfeuerwehr nicht leisten.“ Mit Hinweis auf die Anmahnung der Kommunalaufsicht zum Investitionsstau erinnerte er daran, dass weiterhin an verschiedenen Standorten Sanierungsbedarf besteht, da einige Gebäude nicht den gesetzlichen Unfallverhütungsbestimmungen entsprechen. Richter schränkte ein, dass eventuell Stützpunkte geteilt werden müssten. Seliger sieht darüber hinaus weiteres Potential für die „Tagesbereitschaft“ durch weitere Gewerbeansiedlungen. Das große Thema des Abends war die defizitäre Haushaltslage. Einig waren sich alle drei Kandidaten, dass ein ganzes Maß-

nahmenbündel notwendig sein wird, um langfristig Schulden abzubauen. Hier sehen alle drei Kandidaten Potential in Gewerbeansiedlung, Richter besonders in der Tourismusstärkung. Merle setzt auf Personalabbau und Reduzierung öffentlicher Liegenschaften, Immobilienverkauf und Ansiedlung von Gewerbe und Handel sowie weitere Neubaugebiete. Seligers Stichwort ist „Nachhaltigkeit“ von Projekten mit solider Finanzierung. Die Einnahmenseite möchte er mit Gewerbeansiedlung stärken, besonders mit heimischen expansionswilligen Unternehmen. Richter will den Nutzen bei der Stadtentwicklung stärker im Blick haben und gleichzeitig mehr Bürgerbeteiligung anstreben in Kombination mit einem Stadtentwicklungsplan, der allerdings, wie er zugeben muss, noch gar nicht existiert. Einig sind sich alle, dass eine Entwicklung des Bufa-Geländes mit Einzelhandelsansiedlung die Geschäfte in der Innenstadt nicht gefährden solle. Merle sieht hier mehr Chance als Risiken und wünscht sich zusätzlichen Einzelhandel im Norden. Seliger wünscht sich, das Bestehende, sprich die Limes-Galerie, in Ordnung zu bringen, anstatt neue Baustellen aufzureißen und mit Bedacht zu handeln. Für Richter ist noch „alles offen“ – für die Innenstadt müsse man seiner Meinung nach sogar bei Null anfangen. Merle verlagerte den Fokus von Gewerbegebieten und Innenstadt auf die Stadtteile: „Wir haben 13 Stadtteile – jeder braucht eine Perspektive“ hinsichtlich Wohngebieten. Seliger pflichtete ihm bei und sieht auch außerhalb Potential: „Ja zu neuen Baugebieten – nein zu rein städtischer Bauplanung.“ Richters Zukunftsvision ist die Verdichtung der Bebauung in den Ortschaften, er will Baulücken schließen und genauer nachfragen, warum Flächen noch leerstehen. Fragen aus dem Publikum: Was passiert mit den „Pulverhäuschen“, den so genannten Muni-Häuschen, im Degerfeld? Bürgermeister Merle berichtete, dass die Bundesrepublik Deutschland Eigentümer sei und die Grundstücke über die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben verwaltet werden. Wegen laufender Gespräche konnte er keine abschließende Lösung präsentieren. Mit dem Hinweis auf Sponsoren bei den städtischen Verkehrskreiseln wurde die Frage gestellt, ob nicht auch Firmen die Stadt bei Sanierung und Verschönerungsmaßnahmen unterstützen könnten. Kacheln in der Limesgalerie platzten ab. Hier versicherte Merle, dass eine Maßnahme ausgeschrieben sei, laut Angebot entstehen hier Kosten von ca. 40 000 Euro. Er wies darauf hin, dass die Stadt weiter auf Privatinvestoren wie die regional verwurzelten baue, die in Magna-Park und Housing-Area investieren und somit Arbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen sichern. Auch Richter möchte für Verkehrskreisel Unternehmer gewinnen. Die Internetversorgung in Nieder-Weisel mit nicht zufriedenstellender Leistung beschäftigt nach wie vor die Bürger. Auf Nachfrage wies Merle auf die Informationsveranstaltung zu Funk-DSL-Anbietern hin, bei der auch Telekom-Lösungen angeboten wurden. Seliger sieht hier noch starken Nachholbedarf: „Schnelle InternetVersorgung ist einer der Wettbewerbsfaktoren für Unternehmen und junge Familien.“ Davon abhängig seien Hauskauf und

Home-Office-Arbeitsplätze. Jörn Fischer erkundigte sich nach dem Stand zum Autohof in Nieder-Weisel. Der CDU-Kandidat reagierte vorsichtig, hier sei die Entwicklung der B3a abzuwarten. Brisanz hatte die Frage nach dem Schuldenstand, denn der jüngste Kandidat kritisierte die mangelnde Transparenz auf der Homepage der Stadt. Es sei kompliziert für den Bürger, den genauen Gesamschuldenbetrag zu erkennen, da kein Beteiligungsbericht der städtischen Gesellschaften zu finden sei. Der amtierende Bürgermeister löste das Rätsel auf und berichtete, dass die Schallmauer von 100 Millionen Euro überschritten sei, davon 50 Millionen an Kassenkrediten, ungefähr ebensoviel bei den Gesellschaften (u.a. EVB und Bäderbetriebe), die kontrolliert auf der Grundlage von Aufsichtsgremien agierten. Angesichts dieser für sich selbst sprechenden Zahl hatten die Herausforderer nicht viel entgegenzusetzen. Was viele im Publikum dachten, sprach Ortsvorsteher Otto Bill (Nieder-Weisel) aus und fragte genauer nach, wie dieser Schuldenberg zu tilgen sei. Seliger will in 20 Jahren schuldenfrei sein, aber es werde durch die laufenden Unterhaltungskosten ein langer und schwieriger Weg, der eine konsequente Ausgabenpolitik nötig mache. Richter plädiert für Abwägungsentscheidungen. Schmerzhafte Kompromisse seien nötig, bei denen Nutzen vor Schönheit gehe. Realisieren will er dies mit einem aktiven Wirtschaftsplan, der den wirtschaftlichen Standort Butzbachs stärkt. Merle hob hervor, dass den Schulden auch Eigenkapital gegenüber stehe. Die Gesellschaften seien gut aufgestellt, auch das Hallenbad werde man langfristig halten können. Er verwies auf Quer-Subventionen und dass ein Doppik-Haushalt mit kaufmännischer Buchhaltung eingeführt sei. Nachdem sich der Ärger eines Bürgers über die Blockadehaltung der AspenwegAnwohner entladen hatte, wurde die Forderung nach einem Verkehrsrahmenplan laut. Hier bekundete der SPD-Kandidat seine Übereinstimmung, auch der CDUKandidat bestätigte, dass dies lange überfällig sei. Pirat Richter gab ehrlicherweise zu, sich hierzu erst noch eine Meinung bilden zu müssen. Abschließend stellte jeder Kandidat sein Programm zusammenfassend nochmals vor. Richters Ziel ist ein „Update für Butzbach“, gemeinsam Visionen entwickeln, langfristig eine bezahlbare Stadtentwicklung vorantreiben, den Stärken Butzbachs Rechnung tragen. Dies seien Tourismus und die geografische gute Lage für Neuansiedlungen. Transparenz der Stadtpolitik will er mit Audioprotokollen fördern, damit „der Bürger den Politikern auf die Finger schauen kann“. Seliger sieht Entwicklungspotential in der Stadt: „Ich bin überzeugt, dass Butzbach mehr kann.“ Einiges liege im Argen, man müsse Lösungen finden. Er selbst bringe die notwendige Qualifikation und auch Kenntnisse mit, um die Stadt aus der desolaten Finanzlage herauszuführen und möchte sich in den Dienst aller Bürger stellen. Merle möchte klare Prioritäten setzen: „Bildung, Erziehung, Infrastruktur fördern und mehr Arbeitsplätze schaffen.“ Auch eine attraktive Innenstadt, der soziale Zu-

sammenhalt und die Stadt Butzbach nach vorne zu bringen, liege ihm am Herzen. „Tröster-Gelände und Magna-Park sind eine gute Grundlage“. Das sagen Bürger nach der Diskussion: Nach der Podiumsdiskussion und zahlreichen gezielten Bürgerfragen, speziell zu Sanierungsbedarf in der Kernstadt, zum Autohof und zum Schuldenstand, stehen in der Nacht um ca. 22.30 Uhr noch viele beisammen und besprechen das Gehörte. Etliche haben sich schon entschieden. Wem sie am ehesten das Amt zutrauen, verraten zwei Stimmen aus dem Publikum, die namentlich nicht genannt werden möchten. Die eine Stimme bezeichnet die Veranstaltung der BZ als erwartungsgemäß „ausgezeichnet“. Wünschenswert wäre gewesen, den Kandidaten Gelegenheit zu geben, sich länger selbst darzustellen. Erstaunlich viele Bürger aus den Butzbacher Stadtteilen hätten die Veranstaltung besucht. Möglicherweise, weil sie Angst haben zu kurz zu kommen, wenn meist die Kernstadt bevorzugt wird. Viele fragten sich wohl, wie geht es weiter mit den Investitionen in den

160 Raser in drei Stunden:
ROCKENBERG (ff). Wie wir am Dienstag kurz in unserem Beitrag „Rockenberg geht gegen Raser vor“ auf Seite 18 berichteten, hatte es in der Mühlgasse am Montag kräftig geblitzt. Zum Schichtende der Ordnungspolizistinnen um 18.00 Uhr, hatten diese 160 Raser erwischt. Manche Fahrer erreichten an der Messstelle, an der nur Tempo 30 erlaubt war, eine Höchstgeschwindigkeit von 55 km/h. Das war laut den Damen vom Ordnungsamt Butzbach ein trauriger Rekord für die Mühlgasse. In der Regel werden nämlich hier zwischen 30 und 40 Autos erfasst. Geblitzt wurde auf Geheiß der Gemeinde Rockenberg, weil ab Montag den 17. September die B488 gesperrt wurde. Die Umleitung führt über Rockenberg und durch die Mühlgasse. Im Vergleich zu vorigen Monaten und anderen Standorten ist die Mühlgasse mit dem, am Montag erzielten Ergebnis, einer der Spitzenreiter der vier Gemeinden, die sich die Messgeräte teilen. Schon seit Jahren beschweren sich deshalb die Mühlgässer über unbelehrbare Raser. Zuweilen bitten junge Familien, mit einem selbst gebastelten Schild, sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung zu halten. Doch dies schien nicht wirklich zu helfen, wie nun die Messungen ergaben. Umso mehr freuten sich ei-

Stadtteilen, wenn schon der Kindergarten in Ostheim geschlossen wird und viele Senioren wegen der besseren Versorgung in die Innenstadt ziehen. Auch wenn Benjamin Seliger über Finanzierungsmodelle gut Bescheid wisse, sei doch Michael Merle ein Favorit für das Amt,. Sein Heimvorteil sei die Bürgernähe, großgeworden im Degerfeld und durch seine Ausbildung. Favorit der zweiten Stimme ist ebenfalls der amtierende Bürgermeister. „Michael Merle hat sich am besten dargestellt, die anderen beiden blieben bei der Haushaltsfrage farblos.“ Man merke, dass Merle im Gegensatz zu seinem Vorgänger die Kinderbetreuung am Herzen liege und dass er keine Versprechungen mache, die hinterher doch nicht zu halten seien. Bleibt abzuwarten, ob sich dieses (nicht repräsentative) Stimmungsbild in knapp zwei Wochen bei der Wahl ebenso abzeichnet, ob es einen klaren Favoriten der Bürger gibt oder ob es zur Stichwahl kommen wird. Die Bürger werden letztendlich entscheiden, wem sie zutrauen, die Geschicke der Stadt durch schwieriges Fahrwasser in die Zukunft zu lenken.

Gemeinde Rockenberg lässt Geschwindigkeiten messen

nige Anwohner, dass endlich die Gemeinde reagierte. Gerade ältere Mühlgässer waren froh, dass nun endlich gehandelt wurde. Seit sie sich erinnern konnten, wurde ihre Straße als „Rennstrecke“ missbraucht. Dieser, über die Jahre entstandene Unmut, wird wohl auch der Grund für die gut versteckten Blitzer gewesen sein. Diese befanden sich in Hofeinfahrten und waren nicht von außen ersichtlich. Die Ordnungshüterinnen betonten gleichwohl, dass es bei den Blitzeraktionen nicht um Bürgerabzocke gehe, sondern lediglich um die Sensibilisierung der Verkehrsteilnehmer. Deshalb können sich Interessierte jederzeit auf der Internetseite der Stadt Butzbach (www.stadt-butzbach.de/gem-obez.html) die Messwerte der letzten Monate ansehen. Dennoch sind viele Bürgerinnen und Bürger uneinsichtig. Dies zeige sich regelmäßig auch an den Drohungen und Beschimpfungen, denen sich die Grundstücksbesitzer ausgesetzt sehen, die die Blitzer auf ihren Arealen erlaubten, so die Frauen weiter. Die Gemeinde Rockenberg wird voraussichtlich nochmals in der Mühlgasse blitzen lassen und hofft darauf, dass die Autofahrer vom Gas gehen und Rücksicht auf Kinder, Ältere und Anwohner nehmen.

ROCKENBERG. Junge Familien versuchen an die Autofahrer zu appellieren, dass diese der Kinderwillen vom Gas gehen sollen. Besonders Grundschulkinder, die die Straße überqueren müssen sind gefährdet.