Medium für Zwischenfragen der Zeppelin Universität

Ansteckende Soziophysik Negative Aposiopese Grenzwertiges Management

Positive Distanz
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02 02

AusgAbe #02 ISSN 2192-7979

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06-09 10-13

Negative Distanz
maReN lehmaNN

Geld und Banken – eine unheilvolle Liaison?
maRcel tyRell

14-17

Das Leiden der Klimaforschung und der Klimapolitik
NIco StehR

18-19 20-23 24-27 28-33

Negative Aposiopese
helmut wIllke

Grenzwertiges Management
StephaN a. JaNSeN

Wie Werte Wahlen beeinflussen
JoachIm BehNke

Beschützer und Big Brother: Regierungshandeln in Sicherheitskrisen
maRkuS m. mülleR

34-39

Nähe und Distanz: Journalisten und Politiker in der Berliner Republik
maRkuS RhomBeRg & RIeke SchüeS

40-45

Öffentlichkeit in Zeiten der Individualisierung
maRIaN aDolF

46-51

Ansteckung, und was man gegen sie tun kann
DIRk BaeckeR

52-55

Von Kulturmittlern, Punks und Unternehmensnachfolgern
woRüBeR StuDIeReNDe FoRScheN

56-59 60-62

Abstand, Umstand, Anstand
RueDIgeR JohN

Hochglanz hautnah
ulRIke ShepheRD

Positive Distanz
64-81

Was weiter wichtig war
DIe zu Im heRBSt/wINteR 2011

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Editorial
Liebe Leserinnen und Leser, verehrte Abwesende, warum reden wir eigentlich andauernd über Konvergenzen, Synergien, Fusionen und Unionen? Sind das die Begriffe und Konzepte im Reflex auf eine sich ausdifferenzierende globale Weltgesellschaft, die sich noch immer als Dorf missversteht? Wird aber nicht immerfort Nähe gefordert? Mehr Bürgernähe von Politikern? Mehr Kundennähe von Unternehmen? Mehr Publikumsnähe von Intendanten der Kulturinstitutionen? Das wollen doch alle, oder? Oder erleben wir die Tyrannei der Intimisierung von professionellen Beziehungen, die globale Gleichmacherei von wunderlichen Unterschiedlichkeiten, der zeitgeistig inszenierte Verlust an Privatheit durch soziale Medien mit gleichzeitiger Sehnsucht nach Authentizität des Privaten? Überlasten wir uns mit Überlasten der Entgrenzung und brennen aus, weil es keine Brandschutzmauern mehr gibt? Gibt es noch Grenzen der Grenzüberschreitung? Wie sehen Distanzgewinne aus? Schwerpunkt: Positive Distanz auf fragt mal nach. Antworten und Fragen diesmal zum Abschluss des Jahresthemas der Zeppelin Universität 2011 „Positive Distanz“, das auch das Schwerpunktthema dieser Ausgabe ist. Noch mehr zum Thema „Positive Distanz“ können Sie im bald erscheinenden ZU-Jahresband nachlesen (erscheint im VS-Verlag). Zeitungen sind ja Kommunikationen unter Abwesenden, ähnlich wie das Radio, was schon Albert Einstein in seiner berühmten Rede zum Radio anmerkte – nur noch distanzierter, asynchroner und reproduzierbarer. „Man ist den Dingen so nah, dass sie einen gar nichts mehr angehen“, schrieb der Schriftsteller Joseph Roth einmal. Aber kann man überhaupt noch Abstand nehmen von der grenzenlosen Information über die einen anzugehenden Dinge? Brauchen wir statt mehr Nähe einfach mehr Weitblick? Wir können es ja mal versuchen. Mit diesem Schwerpunktthema beschäftigen sich zehn Forschungsfragen unserer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – gewohnt distanziert – in diesem Heft. Ein paar Beispiele? Braucht es eine Distanz in der unheilvollen Liaison von Geld und Banken? Leiden Klimaforschung und Klimapolitik nicht längst aneinander? Welche Werte sind bei Distanzen von Parteien in Wahlentscheidungen relevant? Wie stellt sich die Öffentlichkeit in Zeiten der Individualisierung dar? Brauchen wir mehr Grenzmanagement im Krisenmanagement? Warum wächst die Bedeutung der soziophysikalischen Beschreibungen auf der Suche nach der Wahrscheinlichkeit unwahrscheinlicher Phänomene? Ansonsten war das ein uns wirklich nahgehendes Herbstsemester mit 241 neuen Studierenden auch der neuen vierjährigen Bachelor-Studiengänge, der erstmaligen Verleihung der Promotions- und Habilitationsrechte an eine Privatuniversität auf Basis einer positiven Empfehlung des Wissenschaftsrates durch die baden-württembergische Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst Theresia Bauer oder der durch die Studierenden errungenen Auszeichnung im Sport wie beim besten Studiengang Deutschlands. Und wir sind uns selbst auch etwas distanzierter, denn der Berliner HauptstadtCampus am Hackeschen Markt liegt ja doch nicht im Netz des Öffentlichen Nahverkehrs. Und näher rücken wir nun auch im Zuge des anhaltenden Wachstum auf nunmehr knapp 1.700 ZUler – dazu gründen wir nun eine ContainerUniversität mit über 140 Containern für unseren Zwischencampus. Aber lesen Sie am Ende doch lieber selbst, denn da werden wir im Sinne einer nachhaltigen Nachnutzung das Verhältnis von Nähe und Distanz in der Lehre neu denken. Nun wünschen wir Ihnen viel aufregung bei der Lektüre und viel Zeit für Debatten zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik in 2012. Dann machen wir diese Debatte also auf! auf steht für die ersten Antworten und die deswegen notwendigen zweiten Fragen. auf – unser Medium für Zwischenfragen der Zeppelin Universität – erscheint nunmehr in seiner zweiten Ausgabe. Wir möchten uns für die zahlreichen Rückmeldungen zur vorherigen Ausgabe sehr herzlich bedanken – von wirklichen nahgehenden, also umarmenden Begeisterungsstürmen bis hin zu distanzierteren, also weitsichtigen Kritiken. Letztere kamen aber fast durchgehend aus dem selbstkritischen Macherteam selbst – zu viel Selbstdistanz eben. Die Grundidee der Zweiteilung auf Fragen und Zwischenfragen einerseits und den Einblicken in das universitäre Leben andererseits sitzt! Und die Kunst braucht den Platz, denn da steckt ja das Fragezeichen mal schöner drin. Die vollständige Übersicht über die Forschungsaktivitäten unserer Wissenschaftler finden Sie wie gewohnt in der ZU-Forschungsdatenbank auf unserer Homepage.

Ihr Stephan A. Jansen Präsident der Zeppelin Universität

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Negative Distanz
PD Dr. Maren Lehmann, Lehrstuhl für Kulturtheorie und -analyse
Die Rede von der positiven Distanz versucht gerade in ihrer mahnenden Attitüde (Mind the gap!) darauf aufmerksam zu machen, dass Distanzen nicht Abgründe sind, sondern Gebiete, die Platz verschaffen. Distanzen sind Spielräume, und wenn Spielräume geschätzt werden, werden auch Distanzen geschätzt: Sie sind positiv, eine gute Sache. Wie alle guten Sachen, so hat allerdings auch diese einen Haken.

Denn der Spielraum einer Distanz ist, solange man diese Distanz positiv versteht, positional begründet; er ist der Spielraum derer, die die distanzierten Positionen einnehmen und die deshalb etwas darstellen – und nicht der Spielraum derer, die keine Position (keinen Posten) haben und die folglich nichts darstellen. Nur erstere, nicht letztere können sich positiv distanzieren. Leave a gap between your car and the next, erläutert das Oxford Dictionary – und macht damit elegant deutlich, worum es geht: den Grenzbereich von Nachbarschaften, in dem die Nachbarn Beweglichkeit finden. Positive Distanz ist der Spielraum derer, die voneinander Abstand halten – und sie wissen sehr gut, warum: Sie unterscheiden sich in ihrer Position von dieser Position, und das macht sie beweglich. Man braucht immer ein wenig mehr Platz, als man im Moment braucht. Die Rede von der negativen Distanz tritt häufig in therapeutischen, pädagogischen oder politischen Zusammenhängen auf. Sie beschreibt eine Art heiteren oder auch bornierten Beharrens auf Abstand, eine Art der Überreiztheit durch Nähe. Es kann dabei sowohl um engagierte Abwehr gehen als auch vorsichtiges Widersetzen, das im Verzicht darauf gipfelt, überhaupt etwas darzustellen. Es geht nicht um Streit und offenen Dissens, sondern um Desengagement und Zurückhaltung. In Frage kommen Verhaltensformen, die seit dem 18. Jahrhundert zum Beispiel als renitent gelten (heute: anstrengend) I oder als reserviert (früher: souverän, heute eher: professionell, kalt, arrogant) II, als idiotisch (heute: unbrauchbar, unproduktiv) III, als idiosynkratisch (heute: launisch, eigensinnig) IV oder als melancholisch (heute: lustlos, depressiv) V.

I Renitenz ... ist sich widersetzendes Verhalten. Es ist situiert in einem Gegenüber von Selbst und Anderem, es bestätigt dieses Gegenüber auch, aber es ist in diesem Gegenüber nicht gerichtet auf den Anderen, sondern auf das Selbst als das Andere des Anderen. Es pflegt keinerlei Bekenntnis, propagiert keinerlei Überzeugung, und es ist auch nicht angriffslustig; daher hat es mit Protest nichts zu tun. Protest neigt nicht dem Beobachten zu, sondern dem Handeln, während Renitenz sich immer aufs Beobachten beschränkt und sich gegenüber jeglichem Handlungsdruck widerspenstig zeigt; Protest neigt zur Gruppenbildung, während Renitenz mit Vereinzelung rechnet und mit dem Alleinsein spielt; Protest forciert das Geschehen und drängt auf Entscheidung, während Renitenz das Geschehen bremst. Dieses Vertrauen in die Spielräume des Nichtbekennens, des Nichthandelns, der Nichtzugehörigkeit und der Nichtentscheidung stellt den renitenten Verhaltensstil unter den Verdacht des Negativen. Und dies völlig zu Recht. Denn die Verhaltensformen des Protests sind Formen positiver Distanzierung, Übergriffe nämlich auf die je andere Seite mit dem Ziel, den Grenzbereich so scharf wie möglich zu stellen und die Welt des Anderen damit so eng wie möglich zu machen. Aber sie sind dennoch sozial besser integrierbar, weil sie ganz dezidiert und ganz engagiert am Anderen interessiert sind. Bei allem Nötigenden, Aufdringlichen, Zuspitzenden, das sie kennzeichnet, lassen sie doch den Anderen auf seiner Position in Ruhe und nehmen ihn als Gegenüber ernst (vielleicht zu ernst). Aber sie setzen immer alles aufs Handeln. Die Verhaltensformen der Renitenz dagegen handeln nicht, sie beobachten. Sie unterscheiden, legen

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_Zwischenfrage an Maren Lehmann: Wie viel Distanz braucht und wie wenig Distanz erträgt eine moderne Gesellschaft? „Distanz ist kein quantitatives Problem. Die Distanztoleranz der Gesellschaft hängt von den Beobachtern ab, die sie braucht und erträgt. Sie braucht jeden, weil sie ja selbst nichts anderes ist als das Netzwerk der Beobachtungen aller füreinander – vermittelt über ihrerseits vernetzte Medien – erreichbaren Beobachter. Und sie erträgt auch jeden. Allerdings vermisst sie auch keinen.“

aber keine Zwischenräume fest und legen sich auch selbst nicht auf eine der beiden unterschiedenen Seiten, sondern eben auf nichts als die Unterscheidung selbst fest. Das heißt: Renitenz hat immer, noch in der fürchterlichsten Enge, genug Platz. Und das heißt auch: Renitenz beobachtet nicht von außen, sie ist stets verwickelt in die Verhältnisse, denen sie sich einfach nur dadurch widersetzt, dass sie sich unterscheidet. Renitenz ist Reflexion der eigenen Lage im Kontext von Unterscheidungen, mit anderen Worten: Renitenz ist reflektierte, sich selbst verkomplizierende Distinktion. Genau dieser Umstand lässt sie negativ aussehen. II Reserve ... heißt, die positive Distanz haushälterisch zu beobachten. Sie ist die Reflexionsform der Knappheit und der Flüchtigkeit. Reserviert verhalten muss sich also nur, wer sich selbst sehr leicht abhanden kommt – und das sind Beobachter, die zwischen sich und dem Anderen (ihrem Anderen) unterscheiden und am Anderen das Verführerische erkennen können. Nur sie verlieren sich an die Umgebung, nur sie müssen also auf sich achten, sich zurückhalten. Reserve ist die andere Seite der Hingabe und der Verführbarkeit und gerade deswegen: der Ernst im Spiel, die Negativität des zu positiven Spielräumen Geordneten. Die vielleicht bekannteste Darstellung dieses Problems hat Erving Goffman unter dem Titel der „Role Distance“ diskutiert. Er wechselt vom Problem der Person/Rolle- bzw. Rolle/Position-Unterscheidung zum Problem der Begegnung unter Beobachtern und ergänzt: Alle Ereignisse und Rollen, die in dieser Begegnung möglich sind, können als deren „realized resources“ aufgefasst werden (Goffman, Encounters, S. 27). Was nicht zum Material werden soll, darf dann aber nicht auch nur angedeutet werden, denn was immer – auch als bloße Andeutung – bemerkt wird, wird hineingezogen und ‚realisiert‘. Es geht um ein komplexes Spiel des Zurückhaltens dessen, was nicht in den Fokus geraten soll. Die Reserve besteht dann nicht nur darin, das Spiel mitzuspielen und herauszuhalten, wovon niemand ahnen oder gar wissen soll. Sie besteht auch und vielleicht vor allem darin,

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das Spiel der Interaktion selbst zu spielen und es im Spiel zu unterlaufen: indem realisierte Ereignisse von realisierbaren Ereignissen laufend unterschieden werden. Man vermag sich zu finden in dem, was der Interaktion zum Material geworden ist, und zugleich und vielleicht mehr noch in dem, was ihr nicht anheim gefallen ist. Es geht um ein Kommunikationsspiel, das Bestimmtheit (positive Distanz) und Unbestimmtheit (negative Distanz) in differente Bestimmbarkeit übersetzt. Sich zu reservieren, heißt also keineswegs, sich nicht zu beteiligen, im Gegenteil. III Idiotie ... bleibt, wenn jemand auf den Versuch, eine Gelegenheit zu nutzen und sich einen ‚elbow room‘ zu verschaffen, völlig verzichtet. Wer nichts will, dem lässt sich nichts nehmen; ihm gegenüber lassen sich Besitz und Erwerbsstreben zwar ohne jede Rücksicht zur Schau stellen, werden aber auch seltsam schal dabei, weil sie sich einer Konkurrenz verdanken, die hier ins Leere läuft – und in dieselbe Leere laufen renitentes Beobachten (denn welcher Differenz?) und reservierte Interaktion (denn in welchem Spiel, nach welchen Regeln?). Wer nicht kämpft, der lässt sich nicht besiegen; ihm gegenüber lassen sich Siege und auch vitale Energien aller Art (Siegenwollen) zwar ausleben, werden aber ebenfalls schal dabei, weil sie sich einer Gegenwehr verdanken, die hier ausbleibt. Wer nichts darstellen will, der lässt sich weder bewundern noch verachten, der lässt sich weder erhöhen noch unterwerfen. Idiotes sind dem Wortsinne nach Einzelpersonen im Gegenüber zur Ordnung (insbesondere zum Staat); sie sind Eigentümler – also die, die privat und öffentlich nicht zu unterscheiden wissen, die das Private ins Öffentliche schleppen, es nicht für sich behalten, die nicht an sich halten. Der Gegenbegriff des Idiotischen ist daher das Politische als der Raum (das Medium), in dem die Unterscheidung von privat und öffentlich respektiert wird und in dem daher alles, was geschieht, als Darstellung dieser Differenz geschieht. Idioten beteiligen sich an dieser Darstellung nicht; sie spielen nicht mit. Die Differenz privat/öffentlich ist für sie nicht als Distanz markiert; daher sind sie so unpersönlich (im Medium des Rollenspiels) wie unpolitisch (im Medium der Privatheit wie der Öffentlichkeit) wie distanzlos (im Medium der Ordnung).

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_Zwischenfrage an Maren Lehmann: Inwieweit nutzen Sie als Wissenschaftlerin Distanzen als Spielplatz? „Harrison C. White folgend, sind Spielplätze Orte, an denen Hackordnungen geprobt werden. Diese Möglichkeit nutze ich nicht. Zur Arbeit an der Theorie, die mich beschäftigt, brauche (und nutze) ich nicht Distanzen, sondern Grenzen, und die sind weder eng noch weit, sondern nichts als beobachtete Ereignisse: Zeitformen, nicht Raumformen des Sozialen. Platz jedenfalls bieten sie nicht.“ _Der Beitrag ist eine Zusammenfassung von: Maren Lehmann, „Negative Distanz“, aus dem demnächst im VS-Verlag erscheinenden ZU-Jahresband „Positive Distanz“.

IV Idiosynkrasie ... kann als ‚Spielform‘ des Regulären verstanden werden. „Wir alle“, beginnt Silvia Bovenschen, „kennen die Geschichte von dem unauffälligen Mann, der an einem unauffälligen Abend unter dem Vorwand, nur flugs Zigaretten holen zu wollen, unauffällig das Haus verließ und für immer verschwand. Jetzt, da das Rauchen verpönt ist, mag diese Legende für die Unberechenbarkeit von Süchtigen stehen, ursprünglich aber kündete sie ausschließlich von einem völlig unerwarteten (idiosynkratischen?) Ausbruch aus der Normalität eines vorgezeichneten Lebenslaufs. Plötzlich, völlig unerwartet, verschiebt sich, was eben noch Gewohnheit war, grell ins Unerträgliche“ (Bovenschen, Überempfindlichkeit, S. 201). Bovenschen spielt auf Nietzsche an, für den die Idiosynkrasie die Lage bezeichnet, in die gerät, wem das alltäglich Normale plötzlich Übelkeit verursacht. Der Alltag mit seinen Ansprüchen auf Ordentlichkeit und Mittelmaß ‚frisst‘ das Individuum – aber das Individuum ‚frisst‘ auch diesen Alltag, bis es buchstäblich nicht mehr kann: Von einem Moment zum anderen ist es ihm zuviel, und in diesem Moment wird es verrückt an seiner eigenen unauffälligen Normalität, es hält sich nicht mehr aus. Diesen Moment bezeichnet der Ausdruck Idiosynkrasie. Immer haben dergleichen Verhaltensformen im Verdacht der Klage, der Sprödigkeit, der Unzugänglichkeit bzw. der Flucht vor der Welt ins Ego gestanden, im Verdacht der negativen Distanz. Eine Präferenz für Beobachten statt Handeln verzeiht, wie es scheint, die reguläre Gesellschaft so wenig wie den Selbstekel derer, die das Spiel mitspielen, die handeln und sich dabei beobachten (Positiv denken! heißt regulär denken). Sie verzeiht schlechterdings die Reflexion nur schwer und die Selbstreflexion gar nicht. V Melancholie ... ist weder eine oft unterstellte dunkle, herabziehende Phantasie noch ein schwer- oder zähflüssiges, stockendes Temperament (und damit auch weder Depression noch Schwermut), sondern vor allem gekennzeichnet durch einen besonderen Bezug zu Ambivalenz (es geht also nicht allein, wie häufig zu lesen ist, um eine Ambivalenz des Begriffs der Melancholie – Genie und Wahnsinn, Intelligenz und Stumpfsinn, Höhenflug und Schwermut –, sondern um das Kommunikationsproblem, auf das Melancholie bezogen ist). Worum handelt es sich? Der interessanteste Punkt dieser Frage ist vielleicht die Möglichkeit, unter dem Begriff der Kommunikation nicht nur das Reguläre, Ordentliche, Normale zu subsumieren, sondern auch dessen andere Seite: das Irreguläre, Unordentliche, Nichtnormale. Es geht also darum, dass die Ordnung auch ihre andere Seite für möglich halten muss, um als Ordnung Bestand haben zu können. Es geht darum, dass Irregularität an jedem beliebigen Ort (jeder Stelle, jedem Platz) der Ordnung auftreten kann. Von Ordnung kann überhaupt nur noch gesprochen werden für den Fall, dass dieser plötzlich und unerwartet zustoßende Zufall der Irregularität zwar irritiert, aber nicht dauerhaft destabilisiert. Ordnung wird dadurch zu einem Problem der Berechnung der Wahrscheinlichkeit dieses Zufalls. Das Bezugsproblem der Ordnung wird Unsicherheit, nicht Sicherheit, Mehrdeutigkeit, nicht Eindeutigkeit, lose, nicht strikte Verknüpfung (eben: konstitutive Zufälligkeit). Man mag Melancholie als Krankheit kennzeichnen, als Syndrom von Intellektuellen, die sich leid tun und daran ersticken. Doch die simple Option für die Ordnung kann diese Krankheit nicht heilen, weil die stets andere Seite der Unordnung bleibt. Sigmund Freud (Trauer und Melancholie) weist darauf hin, dass jede Beobachtung des Selbst und der Welt im Kontext von Unterscheidungen eine ‚melancholische Arbeit‘ ist, die zwar zu Verlusterfahrungen und Fluchtbedürfnissen führt, aber sich der Differenz (dem ‚Ambivalenzkonflikt‘) dieser beiden eben auch aussetzt. Melancholie ist resistent gegen die spezifische Aufgewecktheit der Gesellschaft; deswegen gilt sie als ‚gestört‘. Ihre Beobachtungen sind eher kühl. Sie ist die Strenge derer, die sich die Realität zumuten, das macht den Umgang mit ihnen so anstrengend. Mit Klage, Resignation oder Apathie hat sie nichts zu tun. Sie ist eine Form der Reflexion, die der Selbstreflexion nicht aus dem Wege geht; weil das ‚nicht normal‘ ist, wirkt sie weltflüchtig und ‚krank‘. Sie beobachtet, ohne sich selbst vom Beobachteten auszuschließen.

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Geld und Banken: Eine unheilvolle Liaison?
Prof. Dr. Marcel Tyrell, Lehrstuhl für Unternehmer- und Finanzwissenschaften
Geld hat eine lange Historie. Schon im 6. Jahrhundert vor Christus wurde beispielsweise in einer Region, die heute zur Türkei gehört, Gold als Tauschmittel genutzt. Dazu wurde das Gold, welches man in Flüssen fand, geschmolzen und dann zu Stücken einheitlicher Größe verarbeitet, die mit einer Imprägnierung versehen wurden. Dies war der erste Schritt in eine Geldwirtschaft. Was aber ist genau Geld, welche Funktionen erfüllt es und wie hat sich seine ökonomische Bedeutung im Laufe der Zeit verändert?

Werfen wir einen Blick zurück. In einer Naturaltauschwirtschaft ohne Geld werden Güter – wenn überhaupt – meist unorganisiert getauscht. In dieser Wirtschaftsform ist die einzelne Person weitgehend auf sich alleine gestellt, denn Informationen über Tauschmöglichkeiten und Tauschverhältnisse zwischen einzelnen Gütern sind schwer zu erhalten und höchst unvollkommen. So kann sich das Tauschverhältnis von Eiern und Brot beispielsweise durch Angebots- und Nachfragebedingungen laufend ändern. Aber selbst ein konstantes Tauschverhältnis Eier-Brot sagt noch nichts über das Tauschverhältnis Eier-Schuhe. Ein erster Schritt, um der Informationsund somit auch der Tauschproblematik entgegenzuwirken, besteht nun darin, ein Gut einzuführen, anhand dessen man allen Tauschverhältnissen einer Volkswirtschaft eine einheitliche Rechengröße zugrunde legt. Somit weiß man beispielsweise immer, wie viele Eier man für ein Stück Brot bekommt. Optimal wäre es natürlich, wenn dieses Gut gleichzeitig auch als Zahlungsmittel fungiert. Dann müsste man sich nicht mehr einen Handelspartner suchen, der einerseits das gewünschte Gut in der gewünschten Menge bereithält und andererseits auch das eigene Gut in der vorhandenen Menge als Gegenleistung akzeptiert. Durch die Einführung eines Gutes, welches als einheitliche Rechengröße für alle Tauschverhältnisse herangezogen werden kann und gleichzeitig selbst als Zahlungsmittel dient, verbessern sich

somit die Tauschmöglichkeiten der Individuen enorm. Wirtschaftssubjekte können in der Realwirtschaft ihre durch Spezialisierung gewonnenen Wettbewerbsvorteile nutzen, Skaleneffekte in der Produktion können durch Tausch leichter realisiert werden und der Lebensstandard der Gesellschaften erhöht sich. Kurzum, die Einführung der Geldwirtschaft verspricht eine gewaltige ökonomische Effizienzsteigerung. Aber welche Eigenschaften sollte dieses Gut besitzen, welches wir gemeinhin als Geld bezeichnen, damit es in einer Ökonomie als Zahlungsmittel akzeptiert wird? Es sollte haltbar, homogen und teilbar sein – sowie nicht beliebig vermehrbar, um größere Schwankungen seiner Kaufkraft zu vermeiden. Denn auch die Wertbeständigkeit ist von zentraler Bedeutung. Geld wird nur verwendet, wenn man mehr Vertrauen in seine Wertbeständigkeit und Qualität hat als in den potenziellen Tauschpartner. Insofern verwundert es nicht, dass in früheren Zeiten Güter wie Salz, Vieh oder Metalle (Gold, Silber ...) als Warengeld fungiert haben. Der Übergang zu Papiergeld (zum Beispiel Banknoten) und stofflosen Geld (Buchgeld) sollte die mit Geld verbundenen Transaktions-, Produktions- und Informationskosten weiter senken. Wirtschaftssubjekte akzeptieren jedoch einen Gegenstand, der keinen oder kaum einen eigenen Wert hat, nur dann als Geld, wenn sie ihm das Vertrauen entgegenbringen, dass er auch in Zukunft seine Funktionen erfüllt. Letztlich

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_Nominalgeld: Als Nominalgeld bezeichnet man Geld, dessen Nennbetrag höher ist als der Materialwert/ Eigenwert. So liegt der Nennbetrag eines Geldscheins beispielsweise bei zehn Euro, der Materialwert dieses Scheins beträgt jedoch nur wenige Cent. Ist Geld nur noch in Form digitaler Ziffern vorhanden, spiegelt es gar keinen materiellen Wert mehr wider.

wird Nominalgeld gerade deswegen akzeptiert, weil es jeder andere auch tut – es ist eine gesellschaftliche Konvention (Übereinkunft). Um es in den Worten des verstorbenen Nobelpreisträgers James Tobin (1918– 2002) auszudrücken: Geld ist eine gesellschaftliche Institution und ein öffentliches Gut. Weil Geld ein öffentliches Gut ist, nimmt man gemeinhin an, dass die Geldschöpfung, also die Schaffung von Geld, Aufgabe des Staates sei. Dies ist, soweit man den Druck von Banknoten und die Schaffung von Münzen betrachtet, auch richtig. Allerdings machen heutzutage die Bargeldbestände, also Münzen und Scheine, nur einen verschwindend geringen Teil der Gesamtmenge des Geldes aus. Hinzu kommt, dass in den Geldschöpfungsprozess nicht nur die jeweilige Notenbank beziehungsweise der Staat involviert sind, sondern auch private Finanzinstitutionen. Außerdem sind gesellschaftliche Konventionen prekär – sie können jederzeit individuell aufgekündigt werden. Wie also entsteht in unserer modernen Gesellschaft Geld und wie wird dessen Stabilität gewährleistet? Moderne Geldschöpfung Neben Notenbanken spielen auch private Finanzinstitutionen eine maßgebliche Rolle bei der Entstehung von Geld. Deshalb haben Ökonomen die Unterscheidung in Außengeld („outside money“) und Innengeld („inside money“) vorgenommen. Beides zusammengenommen definiert die Geldmenge, an deren Wachstum Zentralbanken (auch) ihre Geldpolitik ausrichten. Außengeld (beispielsweise Banknoten und Münzen) bezeichnet das Geld, welches die privaten Finanzinstitutionen vom Staat und den Zentralbanken bekommen. Es wird ihnen somit von außen zur Verfügung gestellt. Im Gegensatz dazu ist Innengeld der Teil der Geldmenge, welcher sich aus privater Verschuldung speist. Es bezeichnet die im privaten Kreditsystem geschaffenen Depositen (Sicht- und Termineinlagen von Kreditinstituten). Innengeld ist damit Buchgeld, welches von den privaten Kreditinstituten selbst geschaffen wird. Hier kommt der Prozess der Geldschöpfung ins Spiel, der im Prinzip wie folgt abläuft: Man stelle sich vor, dass einem Kreditinstitut zusätzliches Geld von der

Zentralbank zur Verfügung gestellt wird. Dies könnte beispielsweise dadurch geschehen, dass die Zentralbank dem Kreditinstitut Wertpapiere (zum Beispiel Staatsanleihen) abkauft. Dieses Zentralbankgeld kann vom Kreditinstitut zur Kreditvergabe an Kunden verwendet werden. Kunden der Bank erhalten also einen Kredit in Höhe des zusätzlichen Zentralbankgeldes, welchen diese wiederum beispielsweise zur Ausgabentilgung nutzen. Dadurch fließen Einlagen von der Bank ab, und es kommt zur sogenannten einfachen Geldschöpfung. Das Geld bleibt jedoch dem Bankensystem im Ganzen erhalten, auch wenn es bei jener Bank abgezogen wird, die es zuerst von der Zentralbank erhalten hat. Denn entweder wird es als Bargeld wieder bei einer anderen Bank eingezahlt oder im Rahmen der Ausgabentilgung als Zentralbankguthaben zwischen Banken weitergegeben. Im letzteren Fall startet ein neuerlicher Geldschöpfungsprozess, denn jetzt entsteht bei einer anderen Bank Innengeld (Depositen), welches wiederum für eine neuerliche Kreditvergabe genutzt werden kann. Im Prinzip könnte die durch den anfänglichen Impuls der Zentralbank in die Wege geleitete multiple Geldschöpfung dazu führen, dass eine unbegrenzte Geldmenge entsteht, es sei denn bei den vielfältigen Transaktionen im Bankensystem bleibt jedes Mal etwas Zentralbankgeld „hängen“. Damit würde dann der nächsten Bank etwas Zentralbankgeld zur Kreditvergabe fehlen. Tatsächlich gibt es auch genau solche Regelungen, die zu einer Begrenzung des Geldschöpfungsprozesses führen. Die Bargeldhaltung der privaten Bankkunden oder die Verpflichtung, einen Teil der Kundeneinlagen auf einem Konto bei der Zentralbank zu hinterlegen, die sogenannte Mindestreservepflicht, begrenzen den Geldschöpfungsprozess. Auch die Eigenmittelanforderungen an Banken bei risikobehafteten Geschäften wirken einschränkend. Festzuhalten bleibt indes, dass durch den Geldschöpfungsprozess Kredite und Einlagen im Gesamtbankensystem parallel steigen. Als treibende Kraft ist jedoch die Kreditaktivität anzusehen, denn nur durch das Kreditgeschäft mit Nichtbanken bauen Kreditinstitute zusätzliche Aktiva auf, die wiederum in Bankeinlagen münden – und damit Innengeld darstellen. Die umlaufende Geldmenge steigt; aus der Kreditschöpfung resultiert ein zusätzliches Geldangebot.

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Geld und Kredit Es zeigt sich also, dass Geld und Kredit (untrennbar?) durch den Geldschöpfungsprozess miteinander verbunden sind. Davon gingen auch die sogenannten Monetaristen um Milton Friedman aus. Ihre These war, dass Schwankungen des Geldangebots für Schwankungen in der Realwirtschaft mitverantwortlich sind. Ihr Ansatz zur Stabilisierung realwirtschaftlicher Aktivität und der Beschäftigung war demnach, die Schwankungen des Geldangebots weitestgehend zu eliminieren. Notenbanken beeinflussen den Monetaristen zufolge durch das von ihnen ausgegebene Zentralbankgeld bei stabilen Verhältnissen die gesamte Geldmenge (Innen- und Außengeld). Dadurch wären Notenbanken in der Lage, sämtliche anderen Einflüsse auf den Wirtschaftsablauf zu dominieren. Die Kernaufgabe der Geldpolitik bestand für sie darin, die Geldwertstabilität über die Geldmengensteuerung zu sichern. Inflationsbekämpfung sollte somit das vorrangige Ziel von Notenbanken sein. Interessanterweise erfährt diese Sichtweise Unterstützung durch finanzhistorische Analysen, wenn auch nur in einer bestimmten Epoche. Schularick und Taylor (2011) konnten in einer Untersuchung, die gerade in der führenden Fachzeitschrift American Economic Review veröffentlicht wurde, auf der Grundlage von Daten aus 14 Industrienationen nachweisen, dass in der Zeit von 1870 bis zum Ersten Weltkrieg der Zusammenhang von Geldmenge, Kreditvolumen und wirtschaftlicher Aktivität sehr eng war. Beide Größen, Geld und Kredit, schwankten zwar erheblich, aber ihre Beziehung zueinander und zum jeweiligen Bruttoinlandsprodukt als Indikator für die realwirtschaftliche Aktivität war stabil. Insofern kann man diese Epoche getrost als Zeitalter des Geldes bezeichnen. Dieser enge Zusammenhang brach jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander. Kredite wuchsen sehr viel schneller als die Bankeinlagen – somit haben sich Kreditvolumen und Geldmenge voneinander abgekoppelt. Das bedeutet, Banken beschritten nun andere Wege der Geldschöpfung als die Kreditvergabe. Sie konnten beispielsweise neues Geld durch die Ausgabe eigener Wertpapiere (zum Beispiel kurzfristige Wertpapiere an Geldmarktfonds) schöpfen. Diesen Weg haben nicht nur Investmentbanken und sonstige Institute des „Schattenbanksektors“ beschritten, sondern vermehrt auch Geschäftsbanken, um dem Wettbewerbsdruck seitens der Schattenbanken zu begegnen. Als Folge daraus hat sich die Verschuldungsbereitschaft des gesamten Finanzsektors nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere seit 1990 extrem erhöht. Finanzierungsstrukturen wurden fragiler, die Gefahr von Finanzkrisen stieg. So konnte in einer Vielzahl von Untersuchungen gezeigt werden, dass ein starkes Wachstum von Krediten den meisten Finanzkrisen vorausging; wobei allerdings im Umkehrschluss nicht zwangsläufig auf deren Wachstum eine Finanzkrise folgte. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Deregulierung der Finanzmärkte, die Schaffung neuer Finanzprodukte und neuartiger Finanzinstitutionen sowie die zunehmende Bereitschaft von Zentralbanken, als „Kreditgeber der letzten Instanz“ zu fungieren, dieses „gefährliche“ Kreditwachstum erst ermöglicht und die Rolle des Kredits für die Gesamtwirtschaft vergrößert haben. Insoweit befinden wir uns jetzt im Zeitalter der Kredite. Und die Notenbanken und Aufsichtsbehörden sollten deren Entwicklung in Zukunft genauer analysieren, als sie es in der Vergangenheit getan haben. Dies bedeutet jedoch, dass die Geldpolitik nun auch die Aufgabe haben sollte, die Risikoneigung des Finanzsektors zu beeinflussen. Eine größere Risikoneigung liefert den Vorschub für spekulative Blasen auf Vermögensmärkten wie beispielsweise dem Immobilienmarkt. Durch die Analyse von Geld- und Kreditmengen kann eine Notenbank erkennen, ob die Voraussetzungen für die Bildung von spekulativen Blasen erfüllt sind. Dadurch lassen sich frühzeitig Hinweise darauf gewinnen, ob bestimmte Entwicklungen zu einer Gefahr für die Finanzstabilität werden können. Letztlich bedeutet dies, dass Notenbanken in Zukunft nicht nur die Geldwertstabilität im Auge haben sollten, sondern auch die Finanzstabilität. Das ist die Forderung einer immer größer werdenden Gruppe von prominenten Ökonomen. Die Beschränkung auf Geldwertstabilität reicht nicht aus, um mit mächtigen Finanzmärkten, neuen Finanzinstitutionen und neuartigen Finanzprodukten umgehen zu können. Zukünftige Entwicklungen im Finanzsektor sind jedoch heute weder überschaubar noch besteht die Möglichkeit, diese im Vorfeld zu sanktionieren. Deshalb sollten Notenbanken auf Indikatoren reagieren dürfen, die auf ein wachsendes Bedrohungspotenzial für die Stabilität des Finanzsystems hindeuten. Ein übernatürlich schnelles Wachstum von Geld- und Kreditmengen und bestimmte strukturelle Veränderungen bei der Kreditvergabe sind hierbei nach heutigem Erkenntnisstand die entscheidenden Faktoren.

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_Zwischenfragen an Marcel Tyrell: Welche konkreten Konsequenzen sollte die Politik ziehen? „Sie sollte der EZB explizit das Mandat geben, in ihrengeldpolitischen Zielkatalog auch das Ziel ,Makroökonomische Finanzstabilität‘ aufzunehmen, ansonsten jedoch sich die Politik heraushalten. Die EZB sollte dann zudem über die Einhaltung dieses Ziels Rechenschaft ablegen müssen.“ _Hat die jüngere Entwicklung auf den Finanzmärkten auch Ihr persönliches Verhalten im Umgang mit Banken verändert? „Nein, ich bin Stoiker!“ _Mehr von › Marcel Tyrell über Geld, Märkte und Banken finden Sie hier: „Wie explosiv ist die Euro-Krise?“ › Euro-Krise und hierzu ebenfalls interessant › Dirk Baecker, „Womit handeln Banken? Eine Studie zur Risikoverarbeitung in der Wirtschaft“ › Banken Risikoverarbeitung

Ausblick Um jedoch einen solchen „Boom and Bust“-Zyklus unterbrechen zu können, muss die Notenbank rechtzeitig handeln. Aus bestimmten strukturellen Veränderungen in der Geld- und Kreditvergabe des Finanzsektors müssen sich einfache Regeln für geldpolitische Maßnahmen ableiten lassen. Diese zu finden, ist eine zentrale Herausforderung an Wissenschaft und geldpolitische Praktiker. Nur, wenn sie gefunden werden, können sich Notenbanker der zuweilen „tödlichen“ Umarmung seitens der Politik und der Banken erwehren; sonst werden diese im Ernstfall immer fordern können, dass die Notenbanken das Bankensystem ohne Rücksicht auf die eigene Glaubwürdigkeit retten müssen. Ein Beharren auf Regeln aus der guten alten Zeit, als sich Zentralbanken allein um die Geldwertstabilität kümmern mussten, wird Notenbanken jedoch zwangsläufig in die politische Abhängigkeit führen – denn damit werden sie ökonomisch angreifbar, und dies zu Recht. Die Geldpolitik von morgen muss auch auf die makroökonomische Finanzstabilität ausgerichtet sein, damit die eigentlich sinnvolle Liaison von Geld und Banken nicht unheilvoll endet.

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Das Leiden der Klimaforschung und der Klimapolitik
Prof. Nico Stehr PhD, Karl-Mannheim-Lehrstuhl für Kulturwissenschaften, und Prof. Dr. Hans von Storch, Institut für Meteorologie der Universität Hamburg
Die Klimaforschung und die Klimapolitik leiden unter der Engführung des öffentlich kommunizierten, gesellschaftspolitisch notwendigen Umgangs mit der Klimaveränderung. Der Anspruch einer unabweisbar „richtigen“ Klimapolitik, die ihre Legitimation und Autorität unmittelbar aus „der“ Wissenschaft bezieht, verstellt aber die Möglichkeit, das Problem auf der Basis eines weiten Spektrums denkbarer Optionen politisch zu be- und verhandeln.

Die Verengung der Politik auf eine CO2Emissionsreduktion und nicht auch, beispielsweise anderer Klimagase, angeblich als Folge wissenschaftlicher Notwendigkeiten, erklärt letztlich das Scheitern der Klimapolitik. Wir vermuten, dass es diese wissenschaftlich sanktionierte Engführung der Handlungsnotwendigkeiten ist, die das politische und mediale Thema der Klimaveränderung zum Spielball der Zufälligkeit und der Konjunktur der Ereignisse werden lässt, vor allem weil der starre „Lösungsansatz“ keine Flexibilität angesichts konkurrierender Themen keine Einordnung in soziale und kulturelle Weltsichten erlaubt. Ganz anders als in den Jahren 2007 oder 2009 steht das Klimathema heute nicht als wichtiges Zukunfts- und Umweltthema auf der Tagesordnung der gesellschaftlich Besorgnis erregenden Themen. Vielmehr geht es um die politische Zukunft der EU, um Lösungen der virulenten Finanzkrise oder den Ausstieg aus der Atomenergie. Wenn es gegenwärtig dennoch mediale Berichte zum Thema Klima gibt, dann, wie der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf zeigte und jetzt wieder zeigt, zu den längst als überwunden geglaubten Auseinandersetzungen darüber, ob die wissenschaftliche Erklärung des Phänomens der Klimaerwärmung heute und in Zukunft adäquat sei. Die schrillen Töne der „letzten Gelegenheit Kopenhagen“, das Scheitern von COP-15 im Dezember 2009, haben nicht den erhofften politischen Schub gebracht. Vielmehr sinkt die Aufmerksamkeit und Besorgnis der Öffentlichkeit etwa in Hamburg im vierten Jahr in Folge. Andererseits sollte man diese

ruhigere Phase auch als Chance verstehen, und zwar als Chance, die Klimaforschung und das Klimaproblem in der Gesellschaft anders zu platzieren. Es bleibt weitgehend unbemerkt, dass die tatsächlichen Emissionen von Treibhausgasen rund um den Erdball trotz Wirtschaftskrisen dem pessimistischsten der Emissionsszenarien des IPCC-Sonderberichts entsprechen. Das heißt, sie entsprechen dem sogenannten fossil intensivem A1FI-Szenario, das eine zukünftige Welt mit raschem Wirtschaftswachstum und einem ungebremsten Kohlenstoffverbrauch beschreibt. Gleichzeitig wird die Möglichkeit, das so genannte 2-Grad-Ziel bis zum Ende des 21. Jahrhunderts zu erreichen, objektiv zusehends kleiner, sofern diese Chance überhaupt noch als realistisch angesehen werden kann. Forderungen aus der Wissenschaft und Zivilgesellschaft nach kleineren durchschnittlichen Temperaturänderungen, etwa 1,5 Grad, erweisen sich als substanzloses, optimistisches Wunschdenken. Der gut gemeinte Versuch engagierter Naturwissenschaftler, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen eine Erfolg versprechende Klimapolitik anzuleiten, die ihrerseits die Klimaforschung antreibt, muss als gescheitert angesehen werden. Ursache dafür ist nicht nur ein falsches Verständnis der Rolle der Klimaforschung beim praktischen politischen Umgang mit dem Klimaproblems, sondern auch ein vereinfachender Deutungsrahmen des Problems des Klimawandels. Eine „Klimapolitik“, die von Wissenschaftlern verordnet und die Emissionsreduktion als einziges Ziel anpeilt, in dem alle anderen Ziele aufgehen sollen, ist, wie die bisherige Erfahrung zeigt, nicht möglich.

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Aber welche Rolle spielt die Rolle der Wissenschaft in der Politik? Das sogenannte „lineare Modell“ der Verbindung von Wissenschaft und Politik trägt nicht. Das weiß man in den Kulturwissenschaften und der Wissenschaftsforschung schon lange. In naturwissenschaftlichen Kreisen und oft auch in der Politik wird diese Einsicht nicht zur Kenntnis genommen. In beiden Feldern dominiert noch häufig das HollywoodBild des klugen, die Welt rettenden oder gefährdenden Forschers. Dieser Professor erklärt nicht mehr wie in den 1950er Jahren, dass das Wohl und die Zukunft der Welt in der Nukleartechnik lägen, sondern dass der ungebremste Kohlendioxid-ausstoß zum Untergang der Welt, wie wir sie kennen, führen werde. Von „trains of death“ sprach in diesem Zusammenhang der amerikanische Klimaforscher James Hansen. Er hat mit seiner Beschreibung von Ist und Tun-müssen der Emissionen, in manchen Vorlesungssäle Begeisterung und Enthusiasmus ausgelöst, aber dennoch steigen die Emissionen, auch wenn Frau Merkel zwi-

schenzeitlich zur Klimakanzlerin ernannt wurde und Leiter von Klimaforschungsinstituten sich mit dem Titel der „Kanzlerberaterin“ schmücken dürfen. Was bleibt – und sich zusehends verstärkt – ist die blanke Enttäuschung bei vielen Klimaforschern. Ihre Deutung des Klimaproblems wird zwar in vielen Teilen der Welt akzeptiert, aber der in diesem Erklärungsrahmen als sonnenklar bezeichnete „richtige“ Weg ist eine erfolgslose Klimapolitik. Die medialen Leitfiguren der Klimawissenschaft leiden unter Entzugserscheinungen, weil kaum jemand sie noch hören und schon gar nicht feiern will. Der Zweifel bricht sich Bahn als hörbare Minderheit. Man hört Wissenschaftler, die von einer unangenehmen Demokratie sprechen und sogar autokratische Regierungsformen als Lösung preisen bzw. „große gesellschaftliche Transformationen“ fordern. Der menschengemachte Klimawandel ist in den kommenden Jahrzehnten nicht auszubremsen, wohl aber zu verlangsamen. Und langsamerer Klimawan-

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del bedeutet weniger Anpassungsdruck für Ökosysteme und Gesellschaften. Dazu muss sich aber der Gedanke der Effizienz von Emissionsminderungen durchsetzen, die Einsicht nämlich, dass die Wirkung eines Kohlendioxid-Moleküls unabhängig von der Nutzung des Kohlenstoffs und unabhängig vom Emissionsort ist. Ein südafrikanisches KohlendioxidMolekül wirkt ebenso wie ein nordamerikanisches. Technikfeindlichkeit und NIMBYismus sind auch nicht förderlich, wenn es um effiziente Emissionsminderung geht, da Modernisierung von Lebensabläufen auch sehr gut mit sekundären, oft auch moralisch angemessenen Zielen, z. B. dem Klimaschutz, einhergehen kann, wie der Modernisierungstheoretiker Wolf Grossmann immer wieder betont. Tatsächlich scheint uns eine wesentliche Beobachtung, dass beide Klimaziele – Begrenzung des Wandels und Anpassung an realisierten Wandel – verfolgt werden können, in dem Klimawirksamkeit und Klimasensitivität in unserem Deutungsrahmen der allgegenwärtigen Modernisierungsprozesse einen angemessenen Platz finden. Dazu muss man aber den Menschen gemachten Klimawandel als gesellschaftliches Problem ernst nehmen. Das ist nur eingeschränkt der Fall, denn man setzt sich kaum mit der komplexen Thematik selbst auseinander. Das Thema degeneriert zur argumentativen Waffe politischer Strategien zur Transformation von Gesellschaft und Menschheit. Klimadeterministische Behauptungen über die Folgen des Klimawandels, wie die erhöhte Wahrscheinlichkeit psychischer und physischer Erkrankungen oder Kli-

makriegen, sind nicht nur Versuche einzelner Gruppen von Wissenschaftlern, Anerkennung und Finanzierung zu erreichen. Sie bewirken auch den Eindruck, dass letztlich alles und jedes mit dem Klimawandel im Zusammenhang steht, was aber entweder als Absurdität verstanden wird oder zur Hinnahme eines unvermeidlichen Schicksals führt. Braucht die Klimaforschung Hilfe? Entscheidend ist aber, dass eine Beliebigkeit transportierende klimadeterministische Rhetorik kaum effiziente Maßnahmen zur Reduktion von Emissionen erfolgreich anstoßen oder zu einer wundersamem Wandlung zum Guten beitragen wird. Vielmehr wird das öffentliche Thema Klima – mit dem Prädikat „Wissenschaft“ versehen – zum zentralen Argument einer vorzeitig geschlossenen, weil weltanschaulich bestimmten Diskussion über richtige und falsche Vorgehensweisen. Es überrascht nicht, dass diese festgefahrene Diskussion in den usa besonders intensiv, bisweilen auch gehässig, geführt wird. Dabei wird auf die Ressource „Vertrauen in bzw. Skepsis gegenüber Wissenschaft“ gesetzt. Wie immer bei nichtnachhaltiger Nutzung einer Ressource leidet die Wissenschaft durch die Art der aggressiven Nutzung. Nach dem Rasmussen-Report hält es die Zivilgesellschaft in den usa inzwischen zunehmend für möglich, dass Wissenschaftler zugunsten politischer Nützlichkeit mogeln. Die Kommunikation zwischen Klimawissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik ist voreilig ge-

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_Zwischenfrage an Nico Stehr: Warum gibt es in der Klimawissenschaft so viele höchst unterschiedliche Stimmen? „Der tatsächliche Umfang der unterschiedlichen und sich teilweise sogar widersprechende Stimmen in der Klimaforschung ist im Vergleich – sofern es um die grundsätzliche Frage: Gibt es eine anthropogene Klimaveränderung? – zu anderen wissenschaftlichen Feldern relativ gering. Die Aussagen zur zentralen Thematik der Klimaforschung widersprechen sich oft radikal. Dass es andererseits Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten in der Klimaforschung gibt, ist ein Befund, der zeigt, dass die Klimaforschung eine ,normales‘ Wissenschaftsfeld ist, in dem Differenzen an der Tagesordnung sind und als Motor des wissenschaftlichen ,Fortschritts‘ gelten können.“ _Trotz der Brisanz des Klimawandels und einer wissenschaftlichen Faktenbasis gibt es noch wenige konkrete, strategische Gegenmaßnahmen. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz? „Dies hat einerseits mit dem dominanten Verständnis des politischen Umgangs mit der Klimaveränderung zu tun, der Verwissenschaftlichung der Klimapolitik, dem eisernen Gesetz der Klimapolitik, d.h. kommt es zu einem Konflikt von Klima- und Wirtschaftspolitik, wird fast auschliesslich zugunsten ökonomischer Ziele entschieden, und last but not least der praktischen Schwierigkeit, mit langfristigen gesellschaftlichen Veränderungen hier und heute politisch umzugehen.“ _Hierzu ebenfalls interessant: › Nico Stehr, „The social and political control of knowledge in modern societies.“ › knowledge society control und › Markus Rhomberg, „Risk Perceptions and Public Debates on Climate Change“ › Perception Climate Change

schlossen worden. Die Akzeptanz der Klimawissenschaft als kompetentem, eigenständigem und objektivem Deuter ohne Partialinteressen schwindet – ob Wissenschaft diese Rolle überhaupt ausfüllen kann, da Wissenschaft immer schon in sozialen und kulturellen Kontexten eingebettet ist, tut dieser Beobachtung keinen Abbruch, weil es auch hier um die Wahrnehmung geht, die gesellschaftlich und politisch wirksam ist. Die Klimawissenschaft muss versuchen, zu einem Zustand zurückzufinden, in der Handlungsoptionen offen bleiben, und wenn das nur aus Solidarität gegenüber anderen Naturwissenschaften erfolgt, die schon früher von der Politisierung der Waldschadensforschung beschädigt wurden und jetzt mit dem Fallout von ClimateGate konfrontiert sind. Deshalb brauchen wir dringend ein neues Verständnis der Klimaproblematik und einen umfassenden Lösungsansatz, der der verflixten Komplexität des Problems gerecht wird. Ein Zurückfinden, das heißt auch eine Re-Politisierung der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Klimaproblem sowie eine Wiederherstellung des gesellschaftlichen Vertrauens in die Deutungskompetenz „der Wissenschaft“ erfordert zunächst ein realistisches Verständnis der gesellschaftlichen Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft und des gesellschaftlichen Umgangs mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Ohne ein „Sich-Zurücknehmen“ wird es nicht gehen, ein Zurückweisen der Bevormundung der Gesellschaft durch wohlmeinende, aber deutungsgehemmte Naturwissenschaftler auch nicht. Wissenschaft wird gebraucht, um Zusammen-

hänge darzustellen, Optionen, Wirkungen und Bedingungen für politische Strategien abzuklären, aber nicht, um politische Strategien auszuschließen oder als richtig auszuweisen, vor allem nicht, um gesellschaftliche Optionen einzuengen. Vielmehr gehe es darum, wie der Politikwissenschaftler Roger Pielke schon oft betont hat, das ganze Spektrum der Möglichkeiten herauszuarbeiten, wenn möglich sogar zu erweitern, aus dem im politischen Entscheidungsprozess wertekonsistent „Lösungen“ konstruiert würden. Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist übrigens nicht festgeschrieben, dass Wissenschaft unmittelbar an der politischen Willensbildung teilnehmen soll. Was können die Sozialwissenschaften leisten? Die Klimaforschung braucht Hilfe für diesen Reflektionsprozess – Hilfe aus den Sozial- und Kulturwissenschaften, denn die zentrale Herausforderung besteht ja gerade darin, dass die Klimaforschung ein sozialer Prozess ist, der sich in sozialen und kulturellen Kontexten entfaltet. Anthropologen erweisen sich als nützlich, die den „Indianerstamm“ der Klimaforschung dahingehend untersuchen, wer die Sprecherfunktion ausübt, was als „gut“ und „böse“ gilt, welche Rolle Robert K. Mertons Normen spielen und was die dominante Erzählung des Faches ist. Für unabhängige Wissenssoziologen ist die Dynamik von Kaffeerunden in Forschungsinstituten ebenso interessant wie die Belohnungsmechanismen, mit denen das Umweltbundesamt seine Wissenslieferanten steuert.

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Negative Aposiopese
Prof. Dr. Helmut Willke, Lehrstuhl für Global Governance
Jeder weiß, was Aposiopese ist. (Sie haben es nur gerade nicht parat). Und jeder weiß, dass die Figur doppelter Negation seit Hegel zum Repertoire des gehobenen Diskurses gehört. Aposiopese meint, etwas durch Verschweigen besonders nachdrücklich mitzuteilen. Negative Aposiopese ist dann die Kunst, durch Getöse etwas nachdrücklich zu verschweigen. In letzter Zeit nimmt das Getöse zu – und die Frage ist, was dadurch verschwiegen werden soll. So wütet etwa Sarrazin gegen „Kopftuchmädchen“, Sloterdijk schreit seinen Frust über „staatliche Kleptokratie“ hinaus, nachdem er als Verbaljongleur diverser Feuilletons permanent Aufmerksamkeit erregen muss und etwas zu verlieren hat. Politiker und andere Berufene beklagen sich lautstark über die neuerliche Gier der Banker und Fondsmanager, nachdem diese gerade erst durch das Geld der normalverdienenden Steuerzahler – und nicht durch Sloterdijks freiwillige Abgaben der Wohlhabenden – vor dem Abgrund gerettet worden sind. Allenthalben also berechtigt erscheinende Aufschreie gegen Missstände, die zum Himmel stinken. Aber was wird in diesem Getöse verschwiegen? Verschwiegen wird der Kern der Sache, dass nämlich die nationalen Politiksysteme nicht mehr Herr über ihre Entscheidungen sind und schon gar nicht mehr die souveränen Akteure, als die sie sich immer noch gerne sehen. Im Großen ist dies an den Dilemmata zu sehen, die Präsident Obama geradezu handlungsunfähig erscheinen lassen. Er ist weder im Irak noch in Afghanistan noch im Nahen Osten Herr der Lage, er kann sich gegen erpresserische Regimes in Nordkorea oder im Iran nicht durchsetzen, obwohl er den mächtigsten Akteur der Weltpolitik befehligt. Im Kleinen werden die Zwänge überdeutlich am Gerangel der deutschen Regierungskoalition, die mit großmundigen Versprechen grundlegender Reformen begannen und mit lächerlichem Kleinkram endeten. Verschwiegen wird, dass diese demütigende Schwäche der nationalen Politiksysteme nicht Ausnahmezustand ist, sondern der Normalfall einer Politik, die sich mit transnationalen und globalen Problemkonstellationen auseinander zu setzen hat. Nationale Politikoptionen sind durch komplexe Vernetzungen eingebunden und begrenzt, die einer nicht steuerbaren Globalisierungsdynamik geschuldet sind. So mag Sarrazins Gepolter verständlich sein, aber er verkennt, dass die globalen Migrationsströme und die daraus entstehenden lokalen Migrationsprobleme national nicht mehr lösbar sind. Sie erfordern Lösungsstrategien jenseits des Nationalstaates, zu denen sich die meisten Nationalstaaten noch nicht verstehen können. Auch Sloterdijks „Sozialneid von oben“ (Andrian Kreye) mag verständlich sein aus der Sicht der Zahlenden, aber er verkennt völlig das Naheliegende: dass die nationalen Steuersysteme untereinander in einer globalen Konkurrenz stehen, die nationale Radikallösungen nur noch albern erscheinen lassen. Was bedeutet es für das Selbstverständnis der nationalen Politik, wenn sie weder die Gehälter und Boni der privaten Banker begrenzen kann, noch in der Wahl der Steuersysteme frei ist, noch beliebig Schulden machen kann, noch einfach Opel (GM, Saab ...) retten oder untergehen lassen kann und noch nicht einmal souverän darüber entscheiden kann, welche Kriege sie führen oder nicht führen will? Die Allmachtsphantasien nationaler Politik sind an den

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_Zwischenfragen an Helmut Wilke: Wie müsste auf nationaler Ebene eine globale Politik aussehen? „Global denken und national mitentscheiden. Realpolitik heißt heute, die globalen Abhängigkeiten nationaler Interessen zu verstehen und an die Wähler zu vermitteln.“ _Welche Handlungsempfehlungen würden Sie der Politik geben, um komplexe Probleme gesellschaftlich anzugehen und wieder souveräne Akteure darin zu werden? „Aufgrund globaler Probleme und globaler Kollektivgüter ist Souveränität heute in Interdependenz eingebettet. Politik braucht Strategiefähigkeit und Lernkompetenz, um komplexe Probleme in verzweigten Politiknetzwerken kooperativ anzugehen.“ _Weitere Publikationen von › Helmut Wilke finden Sie auch hier: › Global Governance

Realitäten globaler Dynamik zerschellt, aber nun scheinen die Aufräum-Phantasien der Großdenker à la Sarrazin oder Sloterdijk einzuspringen. Das wäre erträglich, wenn es nur publizistisches Imponiergehabe wäre. Aber es ist tatsächlich eine ebenso banale

wie mutlose Flucht vor der Vielschichtigkeit und Intransparenz aller ernsten politischen Probleme und gaukelt Lösungen vor, die nicht tragen. Das Geschrei erschöpft sich in negativer Aposiopese. Dann doch lieber entschlossenes Schweigen.

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Grenzwertiges Management
Prof. Dr. Stephan A. Jansen, Lehrstuhl für Strategische Organisation & Finanzierung | SOFI
Organisationen entgrenzen sich zunehmend – räumlich, zeitlich, sachlich, personell. Andere Unternehmen wirken hingegen hoffnungslos verschlossen. Doch das kann sinnvoll sein, wenn man überleben will. Ein Plädoyer für aktives Grenzmanagement und den Mut zur Distanz. Fangen wir mit einem typischen Beispiel an, das sich leicht auf das Management übertragen lässt: dem Hahnenkampf. Er entsteht nicht durch besonders kämpferische Hähne, sondern durch die Arena, in der die übliche Angriffsdistanz unterschritten wird. Das Ergebnis: Revierverhalten in der Arena und soziale Zusammenkünfte mit hohen Wetteinsätzen daneben. Wie im Management interessieren sich nur wenige für die Verlierer. Aber Studien belegen, dass sich die Verliererhähne wieder erholen können, wenn sie den Gewinnerhahn nach dem Kampf nicht mehr sehen müssen, weil er sich nicht nur in einem abgegrenzten, sondern auch uneinsehbaren Käfig aufhält. Umgekehrt steigt die Sterblichkeit stressbedingt deutlich, wenn sich Verlierer- und Gewinnerhähne regelmäßig – kampflos – sehen. Es geht um Grenzen, also um „Orte der Konfrontation“, wie es bei der französischen frontière nachklingt. Und wenn das Design der Arenen und der Ausschluss möglicher Konfrontationen für niedrigere Sterblichkeit sorgen, gibt es einen Grund mehr, über Grenzen und positive Distanz nachzudenken. Dass Grenzziehung hilfreich sein kann, dafür gibt es überall Belege, in der Biologie (etwa ökologische Nischen), in der Psychologie (Individualdistanzen), in der Politikwissenschaft (nationalstaatliche Governance-Regime) oder eben im Management (Chinese Walls oder Fire Walls). Grenzen erscheinen heute irgendwie unpassend, störend, als unzeitgemäß in einer Epoche der Offenheit, in der durch Globalisierung, Digitalisierung und soziale Netzwerke alles öffentlich wird. Aber all das könnte auch als Zumutung verstanden werden: Globalisierung als grenzenlose Integration, Digitalisierung als grenzenlose Information und soziale Netzwerke als grenzenlos-distanzlose Intimität. Seit den neunziger Jahren steht nun auch die Firma als Ganzes auf der Kippe potenziell enträumlicht, entmaterialisiert und entzeitlicht, und ihren Umwelten gegenüber unentwegt unentschieden zwischen Öffnung und Schließung. Durch Globalisierung, Digitalisierung und auch Volatilisierung der Geschäfte erfahren Unternehmen, wie ihre Grenzen schwinden. Und sie werden sensibilisiert: für ihr Ende. Für das Ende ihres Einflusses auf andere und für das Ende ihrer Beeinflussbarkeit durch andere. War es früher die Industrie-Spionage, sind es heute legale, aber keineswegs trivialere Formen.

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_„Die in der Soziologie übliche Auffassung der Integration als Konsens (und insofern als gut!) löst sich auf.“ Niklas Luhmann, Differenzkünstler, 2000, S. 99

Grenzen werden zugleich überschritten und erhalten. Outsourcing und Insourcing, Unternehmenskäufe und -verkäufe, die Kooperation mit Konkurrenten, die Zuliefererflexibilisierung und Kundenintegration, der Aufbau von Open-Innovation-Plattformen (im Sinne des Hypes um Enterprise 2.0) und der Ausbau von Fire Walls – alles geschieht gleichzeitig. Und wird überprüft und strategisch gefördert von Prüfungsdienstleistern oder Strategie-und Finanzberatern, die konvergente Lösungen anbieten und sich zugleich hinter Chinese Walls verschanzen. Es war der lange Jahre elektrisierende Jack Welch von General Electric, der im Geschäftsbericht 1990 als Erster von seinem Traum der „boundaryless company“ schrieb, obwohl schon angehende Elektriker die Notwendigkeit von Isolierungen kennenlernen. Die wissenschaftliche Schlacht um die, an und auf der Grenze ging in den neunziger Jahren bis heute weiter. Als unbegrenzt, fließend, verschwommen, verflüssigt wird die Organisation beschrieben. Die theoretische Vorlage lieferte Charles F. Sabels schon 1991 mit seiner sogenannten Möbiusband-Organisation, bei der das Innere vom Äußeren nicht mehr zu unterscheiden ist. Aber so leicht lässt sich die Grenze nicht ausgrenzen. Zwar haben die Netzwerk- und Strategietheorien der vergangenen zwei Jahrzehnte das Konzept der Grenze in den Mittelpunkt gestellt und die Boundary School begründet. Aber da steht sie nun, im Kontext der auf Grenzen abstellenden „Theorie der Firma“. Mit der Grenzauflösung schwingt die besondere Hoffnung auf höhere Integration und damit Steuerbarkeit mit. Integration ist im Management eine positiv besetzte Vokabel – sie bringt aber, weniger euphorisch,

sondern technisch formuliert, den Verlust an Freiheitsgraden in Teilsystemen mit sich. Deswegen sind bei der Integration von Kunden oder Zulieferern, bei Abteilungsfusionen, dem Abbau von Hierarchien oder der Integration nach der Übernahme die zu Integrierenden gar nicht so begeistert von den aufgelösten Grenzen. Was genau nützen sie? I Grenzen sind Trennungslinien, die verbinden. Sie trennen Elemente, aber nicht zwingend deren Relationen zueinander. Das Abgetrennte bleibt für das System zwingend, im wörtlichen Sinne verbindlich. Gleichzeitig verhindert diese lose Kopplung, dass Fehler streuen. II Grenzen zu setzen bedeutet auch, Autonomie zu erlauben. In vertikal abgegrenzten Hierarchien besteht die Möglichkeit, bestimmte Dinge einfach selbst zu erledigen oder zu entscheiden und andere eben nicht oder nur bedingt. Diese Effizienz ist – bei aller Kritik – ein kaum kopierbarer Vorzug der Hierarchie. III Grenzen sind gleichzeitig beängstigend und attraktiv, das ist das biologische Grundmuster allen Grenzverhaltens. Als Bollwerk der Angst sorgen sie für Stabilität – und liefern zugleich den Anreiz, sie zu überwinden. Der Trick: Verlagert sich die Spannung auf die Grenzen, bleibt der Innenspielraum spannungsfrei, und schöpferische Potenz kann sich entfalten. IV Grenzen scheiden die Komplexität drinnen von der draußen ab. Draußen ist es meist komplexer

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_Zwischenfragen an Stephan A. Jansen: Wie gehen Unternehmen mit ihren irgendwie unzeitgemäßen Überlegungen zum Grenzmanagement um? „Erleichtert, denn wir sind ja alle nicht mehr ganz dicht, uns so zu öffnen. Und das gilt für Unternehmenszusammenschlüsse, Kooperationen, Allianzen oder auch Open Innovation. Öffnung braucht Geschlossenheit in den eigenen Reihen.“ Nun sind Sie selber nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Manager. Wo stößt Ihr Management gelegentlich an Grenzen? „Gute Frage. Jeden Tag in der Praxis. Und Herbert Simon hat dafür den Nobelpreis bekommen. Das Scheitern wird begrenzt durch begrenzte Adressierbarkeiten und Kommunikationskanäle.“

_Der Beitrag ist eine Zusammenfassung von: Maren Lehmann, „Negative Distanz“, aus dem demnächst im VS-Verlag erscheinenden ZU-Jahresband „Positive Distanz“. _Hierzu ebenfalls interessant › Stephan A. Jansen, „Oszillodox. Virtualisierung – die permanente Neuerfindung der Organisation“ › Oszillodox und › Dirk Baecker, „Management als soziologischer Begriff“ › Management Soziologisch

und somit verwirrender als drinnen. Die unvermeidbare Reaktion: Die Komplexität der Umwelt wird (kognitiv) reduziert. Grenzen selektieren somit, was rein- und rauskommt – zum Selbstschutz und zur Selbstlimitierung. V Grenzen sind in der Theorie meist formal definiert – in der Transaktionskostentheorie durch Verträge, in der Systemtheorie durch Mitgliedschaft. Der Witz: Organisationen funktionieren nur, wenn formale Regeln immer wieder verletzt werden. Formale Grenzen erzwingen „brauchbare Illegalität“. Die Arbeit an der Grenze der Legalität heißt „Management“. Hähne und Götter? Wir haben mit Hähnen begonnen, enden wir mit einer weiteren Management-Rolle: Götter. In der Antike war der Dieb der beste Torhüter, und Hermes war so dem Olymp und der Unterwelt verbunden als Grenzwächter durch Grenzüberschreitung, als Führer und Verführer. Weltlicher formuliert: Grenzen sind die Voraussetzung für schillernde Roman-Rollen – Flüchtling wie Fluchthelfer, Siedler, Söldner, Schmuggler, Hacker oder Spion. Grenzverletzer sind nach Eva Horn „Testfälle der Ordnung“. Howard Aldrich und Diane Herker wiesen auf die Bedeutung der janusgleichen „Grenz-Spanner-Rollen“ hin: Diese Voyeure – in zum Beispiel Unternehmen Vertriebler, Einkäufer, Publicoder Investor- Relations-Mitarbeiter – beschreiben die Organisation durch Beschreibungen ihrer Umwelt. Diese Grenz-Spanner sind für die Organisation nicht etwa randständig, sondern durch das hohe

Sozialkapital zentrale Figuren. Sie puffern in beide Richtungen und sind wertvoller als die übersichtlichen Vorstandschefs. W. Ross Ashby verwies in seiner Hirndesign-Forschung darauf, dass erfolgreiche Zusammenarbeit der „Independenz nicht zusammenhängender Aktivitäten“ bedarf. Der Wert der Grenze besteht in der Differenz, der Andersartigkeit, dem nicht kausal Steuerbaren, der Autonomie. Wie genau beobachtet man Grenzen? Management von Grenzen heißt dann nicht länger Auflösung, sondern Beobachtung und Gestaltung der Grenzen – zwischen Abteilungen, Wertschöpfungspartnern, Kooperateuren und Konkurrenten, zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern. Aktives Management setzt Grenzen und erlaubt der Organisation, zwischen Ein- und Ausschluss, Abhängigkeit und Unabhängigkeit, Angst und Attraktion, Komplexität und Selektion, Formalität und Informalität zu atmen. Grenzen schützen vor Fehlern anderer, vor Informationsverlust zu anderen, vor Überkomplexität. Grenzen sichern die Nähe, Nachbarschaftspflege lebt vom Zaun. Es geht nicht um bloße Integration oder Desintegration. Es geht darum, die Grenze aktiv zu gestalten und dafür zu sorgen, dass sie mit dem durch Wettbewerb und Technologie ausgelösten Wandel mitschwingen kann. Nur wenn die Organisation ihre Grenzen achtet, kann sie auch ihre Umwelten wertschätzen. Und so das Zeitalter der Offenheit überstehen.

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Wie Werte Wahlen beeinflussen
Prof. Dr. Joachim Behnke, Lehrstuhl für Politikwissenschaft
Ob sich die Wähler einer Partei und/oder deren Spitzenkandidaten beziehungsweise Spitzenkandidatin nahe fühlen, hängt nicht nur vom Programm der Partei ab, sondern durchaus auch von der Wahrnehmung bestimmter Eigenschaften der Kandidaten, die vom Wähler als wichtig angesehen werden. Einige der herausragenden Eigenschaften der Kandidaten sind dabei die Werte, die ihnen in der Wahrnehmung der Wähler zugeschrieben werden.

So haben wir am Lehrstuhl für Politikwissenschaft an der ZU in zwei Umfragen, dem sogenannten „Ethik- oder Wertemonitor“, die 2006 und 2009 in Kooperation mit der Stiftung „Wertevolle Zukunft“ in Hamburg durchgeführt wurden, mehrere Fragen nach der Wichtigkeit von Werten gestellt, und zwar in Bezug sowohl auf die persönliche Wichtigkeit dieser Werte für die Befragten selbst als auch auf die Wichtigkeit, die diese Werte aus Sicht der Befragten für Politiker haben. In der Umfrage von 2006 wurde gefragt, wie wichtig diese Werte für Politiker im Allgemeinen seien. Die abgefragten Werte waren: Fairness, Verantwortung für andere, Pflichtbewusstsein, Ehrlichkeit, Respekt vor anderen, Anstand, Verantwortung für das eigene Handeln, Mitgefühl und Courage. Auf diesen Daten aufbauend konnte ein sogenanntes „Wertedefizit“ bzw. eine „Wertelücke“ berechnet werden, die angab, inwieweit sich die Wertestruktur der Politiker von der der Befragten unterschied bzw. wie weit sich die Politiker mit ihren Werten von denen der Bevölkerung entfernt hatten. Dabei konnte nachgewiesen werden, dass dieses Wertedefizit einen maßgeblichen Einfluss auf wichtige Einstellungen zur Politik, zu Politikern und zum politischen System ausübte. Je größer dieses Wertedefizit ausfiel, desto schlechter wurden die Parteien und Politiker bewertet, desto geringer fiel das Vertrauen in maßgebliche politische

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_Zwischenfrage an Joachim Behnke: Warum tun sich Parteien mit Werten offenbar zunehmend schwer? „Die politischen Grundüberzeugungen der Wähler sind nicht mehr im gleichen Maße durch ihre Herkunft, ihre Familie und ihr soziales Milieu geprägt, wie es früher der Fall war. Die Wähler haben keine einfachen in sich geschlossenen Ideologien mehr wie die ,konservative‘ oder ,liberale‘, vielmehr überlappen sich diese inzwischen häufig und die Bürger ,bedienen‘ sich bei verschiedenen politischen Ideologien und wählen jeweils daraus die ihnen passenden Teile aus.“

Institutionen wie das Parlament und die Regierung und in die Demokratie selbst aus. Je größer diese wertemäßige Distanz zu den Politikern war, desto stärker war das Bedürfnis nach Stärkung der Mechanismen politischer Kontrolle und desto stärker war die innere Abkoppelung vom politischen System, die sich in Form von Wahlenthaltung oder der Wahl radikaler Parteien ausdrückte. In der Umfrage von 2006 haben wir nur einen sehr generellen Zusammenhang zwischen dem Image von Politikern als Klasse und den ihnen zugeschriebenen Werten untersucht. In der Umfrage von 2009 wurde hingegen konkreter nach dem Zusammenhang von Werten und der Beurteilung spezifischer Politiker gefragt. Für diese Untersuchung wurden in der erster Welle der Umfrage im März 2009 ungefähr 500 Personen in Form eines telefonischen Interviews befragt. Mit Hilfe dieser detaillierten Daten soll daher das Bild näher untersucht werden, inwiefern bzw. inwieweit Bundeskanzlerin Merkel bei der Wahl 2009 tatsächlich in die „Mitte“ der Wählerschaft vorgestoßen

ist, wie es weitere Ergebnisse unserer und anderer Untersuchungen belegen. Diese Aussagen, die sich auf den programmatischen Aspekt der Wahlentscheidung beziehen, sollen also weiter differenziert werden. In das räumliche Modell, das der Logik unserer Analyse zugrunde liegt, können nämlich grundsätzlich alle Eigenschaften aufgenommen werden, in Hinsicht auf welche eine Distanz von Wählern zu den Kandidaten ausgedrückt werden kann. Dies ist nicht ausschließlich auf programmatische Positionen beschränkt. In der Tat kann man festhalten, dass Merkel als Person weiter in der Mitte angekommen war und von der Mitte der Wähler akzeptiert worden ist, als dies der CDu als reiner Partei (und nicht als Plattform für Merkel) gelungen wäre. Der Erfolg von Merkel und ihre Akzeptanz in der Mitte ist zu einem Teil gerade darauf zurückzuführen, dass sie sich von ihrer Partei lösen konnte, so dass die Wahrnehmung ihrer Person in der Wählerschaft sich zu einem wichtigen und möglicherweise bei der Wahl 2009 entscheidendem Anteil von der Wahrnehmung der von ihr geführten CDu abhob. Der entscheidende Vorteil von Merkel gegenüber ihrem Gegenkandidaten Steinmeier lag daher nicht allein in den von ihr vertretenen programmatischen Positionen. In dieser Hinsicht bestand Merkels wichtige Vorleistung darin, sich die programmatischen Positionen der sPD weitgehend angeeignet bzw. sich diesen zumindest angenähert zu haben, so dass in programmatischer Hinsicht eigentlich keine wirklich gravierenden Unterschiede zwischen sPD und CDu mehr bestanden. Diese Vorleistung stellte aber nur eine notwendige, keineswegs eine hinreichende Bedingung für den Wahlerfolg Merkels dar. Wegen der programmatischen Ununterscheidbarkeit musste Merkel vielmehr versuchen, sich als Person von Steinmeier abzuheben. Auch für diese kandidatenorientierte Profilbildung lässt sich das räumliche Modell verwenden, wobei hier Werte unserer Meinung nach eine zentrale Rolle spielen. Werte können als wichtige Hinweise auf die Vertrauenswürdigkeit von Politikern gedeutet werden. Vertrauenswürdigkeit ist aber wiederum eine notwendige Voraussetzung für die Wirksamkeit politischer Programme. Nur wenn ich einem Politiker

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traue und glaube, dass er die von ihm versprochenen Programme, sollte er die Möglichkeit dazu haben, auch in Wirklichkeit umzusetzen versucht, ist es überhaupt sinnvoll, ihn anhand seiner Programme zu beurteilen. Werte vermitteln aber nicht nur eine Aussage darüber, inwieweit die programmatischen Aussagen glaubwürdig sind, sie stellen teilweise auch selbst eine Art von programmatischen Aussagen dar. Um diesen Zusammenhang zwischen Vertrauenswürdigkeit von Politikern aufgrund ihrer Werteausstattung und den politischen Einstellungen der Befragten näher zu untersuchen, wurden die Teilnehmer in der Umfrage von 2009 zuerst danach gefragt, nach welchen Werten sich ihrer Meinung nach „ein idealer Politiker in seinem politischen Handeln richten sollte“. Zur Auswahl standen hier die fünf Kernwerte Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Respekt vor anderen, Verlässlichkeit und Verantwortung für das eigene Handeln. Die Befragten wurden gebeten, den für sie wichtigsten und zweitwichtigsten Wert anzugeben. Dabei lag der Wert „Ehrlichkeit“, der insgesamt von über 60% der Befragten als wichtigster oder zweitwichtigster Wert für einen idealen Politiker bezeichnet wurde, weit vorne, gefolgt von „Verantwortung für das eigene Handeln“, der noch von etwas über 40% als einer der zwei wichtigsten Werte genannt wurde. Nach der Angabe der für einen idealen Politiker als wichtig erachteten Werte wurden die Befragten gebeten, für den jeweils angegebenen Wert auf einer Skala von 1 bis 7 anzugeben, wie wichtig ihrer Meinung nach denn diese Werte für die jeweiligen Spitzenpolitiker der Parteien seien, wobei der Wert 7 „sehr wichtig“ und der Wert 1 „überhaupt nicht wichtig“ bedeuteten. Mit Hilfe dieser Einschätzung der Werteausstattung der Spitzenkandidaten können nun auch Differenzen bzw. Distanzen zwischen Kandidaten berechnet werden. Im vorliegenden Fall wurde dies in Bezug auf die beiden Kanzlerkandidaten von CDu und sPD, Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, durchgeführt. Konkreter versuchen wir hier, mit Hilfe dieser Distanzen bzw. Differenzen Unterschiede in der Sympathiebewertung von Merkel und Steinmeier zu erklären. Um in diesem Fall die besondere Bedeutung von Werten herauszustellen, haben wir in dieses Erklärungsmodell außerdem die Diffe-

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_Mehr von › Joachim Behnke über Werte, Wahlen und Wahlrecht finden Sie hier: „Stimmensplitting – Kalkuliertes Wahlverhalten unter den Bedingungen der Ignoranz“ › Wahlverhalten Ignoranz

_Zwischenfrage an Joachim Behnke: Landläufig wird über einen Verfall von Werten in Politik und Gesellschaft geklagt. Warum sind Werte Wählern so wichtig? „Werte werden von den Wählern als Ersatzorientierung verwendet, um Politiker und ihre Programme einzuschätzen. Ob ein politisches Programm tatsächlich substanziell sinnvoll ist, ist für die Wähler oft nicht zu beurteilen, daher ist es um so wichtiger, ob sie die Politiker für glaubwürdig und ehrlich halten.“

renzen der Parteienbewertung mit einbezogen wie auch die Beurteilung, inwieweit die Regierung zur Bewältigung der Finanzkrise im Großen und Ganzen die richtigen Maßnahmen ergriffen habe. Es zeigte sich, dass der mit Abstand bedeutendste Faktor die Bewertung der Wichtigkeit der Werte darstellt. Für jeden Punkt, um den Merkel bei der durchschnittlichen wahrgenommenen Wichtigkeit der beiden Werte, die als die wichtigsten für einen idealen Politiker angenommen wurden, vor Steinmeier liegt, wird sie im Mittel um 1,19 Punkte besser auf der Sympathieskala bewertet. Dagegen ist der Einfluss der Partei relativ gering. Für jeden Punkt, um den die CDu als besser als die sPD bewertet wird, steigt die durchschnittliche Bewertung von Merkel gegenüber Steinmeier lediglich um 0,14 Punkte an. Interessant ist auch der dritte Effekt, der sich auf das Krisenmanagement bezieht. Für jeden Punkt, um den die Zustimmung zunimmt, dass die Regierung ein erfolgreiches Krisenmanagement betrieben hat, steigt der Vorsprung von Merkel gegenüber Steinmeier noch einmal um 0,17 Punkte. Soweit die Regierung also aus der Sicht der Wähler eine positive Leistungsbilanz vorlegen kann, kommt dies Merkel deutlich mehr als Steinmeier zugute. Diese Rangfolge der Gewichtigkeit der einzelnen Einflussfaktoren bleibt auch erhalten, wenn man die erzielten Gesamteffekte der einzelnen Faktoren ansieht. Dabei legen wir die jeweiligen Durchschnittswerte in der Umfrage zugrunde. Zum Beispiel liegt Merkel bei den Werten um durchschnittlich 0,39 Punkte vor Steinmeier. Multipliziert mit dem Koeffizienten 1,19, der ja als Steigung oder auch als Hebelgewicht interpretiert werden kann, hebt dies den durchschnittlichen Vorsprung von Merkel gegenüber Steinmeier um 0,46 Punkte. Die CDu wird durchschnittlich um 0,35 Punkte besser bewertet als die sPD. Multipliziert mit dem Hebelgewicht von 0,14 erhöht sich dadurch der Abstand von Merkel zu Steinmeier noch einmal um 0,05 Punkte. Das Krisenmanagement wird durchschnittlich mit einem leichten Überschuss von 0,16 gegenüber der neutralen Kategorie bewertet, so dass die positive Regierungsbilanz noch einmal mit 0,03 Punkten im Mittel das Sympathieniveau von Merkel gegenüber Steinmeier erhöht. Diese drei Faktoren erklären also eine durchschnittliche Differenz der Sympathiewerte von Merkel und

Steinmeier von insgesamt 0,54 Punkten. Tatsächlich beträgt die durchschnittliche Differenz der Sympathiebewertung der beiden Kandidaten in der Umfrage ungefähr 0,69 Punkte. Ungefähr vier Fünftel des Vorsprungs von Merkel gegenüber Steinmeier können allein auf diese drei Faktoren zurückgeführt werden. Die Beurteilung der Kompetenz der Parteien, die programmatischen Positionen und die wahrgenommene Glaubwürdigkeit spielen über diese Faktoren hinaus keine gesonderte Rolle mehr, d.h. ihr Beitrag zur Erklärung des Unterschieds der Bewertungen von Merkel und Steinmeier wird von diesen drei Faktoren mit aufgesogen, insbesondere vor allem von der wahrgenommenen Wichtigkeit der Werte. Diese unterschiedliche Beurteilung auf dem Sympathieskalometer hat weitreichende Konsequenzen. Von denjenigen, die z.B. Steinmeier 2 Punkte besser auf der Sympathieskala bewerten als Merkel, geben 90% eine Wahlabsicht für die sPD und 10% eine für die CDu an, bezogen auf die Befragten, die eine Wahlabsicht für eine der beiden Parteien bekundet haben. Umgekehrt geben ungefähr 80% derjenigen, die Merkel um mindestens 2 Punkte besser bewerten als Steinmeier, eine Wahlabsicht für die CDu an. Werte spielen also eine bedeutende Rolle für die Bewertung von Politikern und diese wiederum ist entscheidend für das Wahlverhalten. Die Abweichung der Wertestruktur von Politikern zu der der Bevölkerung oder von der, die diese von einem „idealen Politiker“ erwarten würde, ist maßgeblich verantwortlich für die Wahrnehmung sowohl von Politikern generell als auch spezifischen Politikern. Wer Wahlen gewinnen will, sollte also nicht nur auf die programmatische Seite der Politik sehen oder nicht nur auf die äußere Attraktivität von Kandidaten. Vielmehr senden die bei Kandidaten vermuteten Werte wichtige Signale für die Einschätzung ihrer Vertrauenswürdigkeit aus. Politiker, denen aber keine Vertrauenswürdigkeit zugestanden wird, haben ein schwerwiegendes Handicap. Denn selbst wenn es ihnen gelingen sollte, die Wähler von einem Programm zu überzeugen, so würden die Wähler noch nicht davon ausgehen, dass das politische Handeln des Politikers mit seinen programmatischen Aussagen im Wahlkampf übereinstimmen muss. Diese wichtige Verknüpfung wird über die Wahrnehmung persönlicher Vertrauenswürdigkeit hergestellt, für die wiederum Werte von herausragender Bedeutung sind.

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Beschützer und Big Brother: Regierungshandeln in Sicherheitskrisen
Dr. Markus M. Müller, Honorarprofessor für Politikwissenschaft
Woher kommt das Regierungshandeln, das wir in und nach Sicherheitskrisen sehen? Wieso steigt die gesetzgeberische Aktivität im Politikfeld innere Sicherheit, wieso steigt der Ressourceneinsatz an Personal und Budget? Weshalb geraten bürgerliche Freiheitsund mithin auch Verfahrensrechte im Zuge dieses Gesetzgebungsaktivismus unter Druck?

Dieser Effekt, diese temporäre Gelegenheitsstruktur, scheint im Prinzip landesunspezifisch, wir finden ihn in unterschiedlichen politischen Systemen. Angesichts der Inkrementalismustendenz, die nach herrschender Auffassung das politische Entscheiden normalerweise prägt, muss uns dieser Ausnahmezustand zumindest auch als theoretisches Puzzle erscheinen. Welche Mechanismen sind am Werke, dass die üblichen Kräfte der Mäßigung gegenüber Veränderung zeitweise versagen? Die folgende Beschreibung eines analytischen Rahmens basiert auf dem Multiple-Streams-Modell, wie es Kingdon und Zahariadis formuliert haben, ergänzt und verändert um Elemente konstruktivistischer Theoriebildung sowie um Weiterungen der Bounded Rationality-Logik durch die Neuere Erwartungstheorie, wie von Kahnemann und Tversky geprägt und von Sunstein in die Debatte um Freiheit und Sicherheit eingebracht. Damit ein Ereignis zur Sicherheitskrise und wirkmächtig für das Regierungshandeln wird, bedarf es erstens der Aufmerksamkeit durch Politik und breite Öffentlichkeit („attentiveness“), zweitens der Bereitschaft und Fähigkeit eines politischen Unternehmers, die Situation zu deuten, ihr gewissermaßen das Etikett der Sicherheitskrise aufzudrücken („securitization“), und drittens eines Moments der politisch-gesellschaftlichen Solidarisierung nach innen („rally-effect“).

Die erste und wichtigste Hürde ist die Aufmerksamkeit 1 , also die Wahrnehmung eines Ereignisses als Problem von so großer Bedeutung, dass es auf die Regierungsagenda an oberer Position gelangt. Hinter diesem Gedanken stehen mehrere theoretische Überlegungen. Zum einen folgt er der in verschiedenen Theorien des Policy-Prozesses angenommenen Unterscheidbarkeit zweier Ebenen von politischem Entscheiden, nämlich der „Subsystem“-Ebene und der „high politics“ 2 . Policy-Subsysteme sind der Hort inkrementaler Politik. Dort beackern Fachzirkel aus Administration, Fachabgeordneten sowie Themenexperten aus Wissenschaft, Medien und gegebenenfalls Gerichtsbarkeit weitgehend unbeobachtet von der Öffentlichkeit ihr jeweiliges Politikfeld. Dem gegenüber ist die nationale Agenda, die „high politics“, von der quantitativen Begrenzung von Informationen und Problemen geprägt, um arbeitsfähig zu bleiben. Da wirkt die volle Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bzw. der Medien auf das politische Entscheiden, so dass zwischen Themen Wettbewerb um Aufmerksamkeit herrscht. Denn diese Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Nur eine eng begrenzte Zahl an Problemstellungen kann auf einmal bewältigt werden. Um auf der Agenda der high politics nach oben zu klettern, bedarf es zum Beispiel einer günstigen Wettbewerbssituation bezüglich anderer Themen 3 . Je weniger Ereignisse bzw. Sachprobleme um einen oberen Platz auf der Agenda konkurrieren, desto höher die Wahrscheinlichkeit der Aufmerksamkeit.

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Zum anderen muss die Positionierung eines Ereignisses auf der Agenda nicht nur von äußeren, objektiven Faktoren wie der Gesamtzahl potenzieller Top-Themen oder ihrem jeweiligen, medienwissenschaftlich beschreib- und vermessbaren „Nachrichtenwert“ 4 abhängen. Auch subjektive Faktoren der politischen Entscheider, ihre Neigung zu bzw. Aversion gegen bestimmte Thematiken können wirksam werden. Sicher auch ihre Geschicklichkeit, etwa früh eine Chance zu sehen, ein Ereignis als genau das Problem zu identifizieren, welches nach einer schon lange vom politischen Unternehmer gehegten Idee als Lösung verlangt. Denken Sie nur an Bush jun. und seinen Irak-Krieg, der zeitweise als Antwort auf den islamistischen Terror deklariert wurde. Ein Paradebeispiel für die Möglichkeit des „solutions chasing problems“-Phänomens, welches die Multiple-Streams Ansätze von Anfang an für eine mögliche Variante des Policy-Making hielten 5 . Wie entstehen Sicherheitskrisen? Das führt uns von der „attentiveness“ zur „securitization“ 6. Abhängig von ihrer formalen Stellung und ihrer Geschicklichkeit im Umgang mit wesentlichen politischen Manipulationsstrategien 7 vermögen politische Unternehmer Ereignisse als wesentliche Sicherheitsprobleme zu deuten. Mit der Securitization der Ereignisse bzw. des Diskurses über sie „ko-produzieren“ politische Unternehmer gewissermaßen die Sicherheitskrise. Positionen und Strategien sind für den Erfolg entscheidend. Je näher politische Unternehmer am Entscheidungsort der high politics, desto besser die Aussichten, dass eine „Sicherheitskrise“ tatsächlich entsteht. Nur politische Unternehmer auf der höchsten Entscheidungsebene, also etwa Regierungsmitglieder, können erfolgreich Sicherheitskrisen deuten. Es kommen dabei so genannte „higherorder symbols“ zum Einsatz 8 . Diese „symbolische Politik“ vollzieht sich im Erfolgsfall kompatibel zu den Verlustängsten und übertriebenen Risikobewertungen der breiten Öffentlichkeit. Sie sorgt für zweierlei. Durch Symbolisierung werden sehr ambivalente bzw. von Unsicherheit geprägte Situationen, wie sie sicherheitsrelevante Ereignisse typischerweise darstellen, wie durch einen Filter auf wesentliche Merkmale reduziert. Symbolische Politik vermittelt durch Vereinfachung, worauf es ankommt. Symbolisierung transportiert dabei aber auch eine emotionale Bedeutung dessen, was geschieht. Das Ereignis wird kunstvoll kontextualisiert, also Frage der nationalen Identität etwa, es werden Verlustängste angesprochen und die Risikoüberbewertung womöglich stimuliert. Auf diese Weise entsteht ein neues, wie ich an anderer Stelle argumentiert habe, dysfunktionales aber zeitlich instabiles Gleichgewicht.

Die problematischen Präferenzen der breiten Öffentlichkeit werden zugunsten restriktiver Sicherheitspolitik und zuungunsten der Wertschätzung von starken Freiheitsrechten verzerrt. Man versteht diese Situation wohl nicht, blendet man nicht einen weiteren, zentralen Aspekt von auf diese Weise politisch konstruierten Sicherheitskrisen mit ein. Die Not ist die „Stunde der Exekutive“, wie es der frühere Bundesinnenminister Gerhard Schröder 1960 sinngemäß ausdrückte. Das ist kein neues Phänomen und auch keines, das auf Deutschland beschränkt wäre. Es ist empirisch omnipräsent und normativ tief in die Rechts- und Verfassungsgeschichte Europas eingebrannt. Giorgio Agamben 9 hat in seiner Studie zum „Ausnahmezustand“ die normativen Merkmale dieser situativen Aufhebung des Rechts als Beschränkung und seine Substitution durch das Recht als reine Ermächtigung unabhängig von Rechts- und Demokratietraditionen in Europa aufgezeigt. Die Tatbestandsmerkmale des Ausnahmezustands sind seiner Analyse zufolge diffus, eine Erkenntnis, die vor dem Hintergrund der hier vertretenen Policy-Perspektive nicht verwundert. Manipulierbarkeitspotenzial seitens der Öffentlichkeit trifft auf Manipulationsfähigkeit der Regierung. Übersteigerte Risikobewertungen und Verlustaversion verlangen nach verstärkter, vorsorgender Sicherheitspolitik, ggf. zu Lasten des Kanons an Freiheitsrechten. Die Regierung, und nur die Regierung, kann sie bereitstellen. Die Exekutive hat das Handlungsmonopol, weil nur sie über die zum Handeln notwendigen Ressourcen und Informationen verfügt und weil nur ihr diese Rolle zugewiesen ist. Das gilt für alle Regierungssysteme. Beides erzeugt Legitimation, Faktizität und Verfassungsrechtlage. Folgerichtig beobachten wir in Sicherheitskrisen steigende Vertrauens- bzw. Zustimmungswerte zu Regierungen. Regierungen können also ereignisbezogen durch ihre Deutungsmacht mittels der securitization der Situation maßgeblich ihre Handlungsmöglichkeiten verbessern. Für die Herstellung dieses dysfunktionalen, wenn auch instabilen Gleichgewichts von Erwartung, Handeln und Zustimmung ist der mediale Transmissionsriemen entscheidend. Er sorgt letztlich für die Solidarisierung einer breiten Öffentlichkeit mit der Regierung. Der dahinter stehende Mechanismus wird als „Rally-around-the-flag“-Effekt bezeichnet 10. Medienberichterstattung folgt verstärkt der Regierungsmeinung, sei es aus Rücksichtnahme auf den patriotischen Solidarisierungseffekt seitens der breiten Öffentlichkeit, oder sei es aufgrund der in derartigen Situationen typischerweise privilegierten Rolle von Exekutiven als Kontrolleure von Informationsströmen bzw. dem Mangel an alternativen

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_Zwischenfrage an Markus M. Müller: Was könnte Ihrer Meinung nach das persönlich richtige Verhalten als Bürger in solchen Krisensituationen sein? „Ein kontraintuitives Verhalten erscheint mir wünschenswert. Es gilt der Versuchung zu widerstehen, den Aktionismus über langfristige Werte, in diesem Falle insbesondere Bürgerrechte, aber auch parlamentarische und rechtsstaatliche Verfahren, triumphieren zu lassen. Das erfordert freilich Einsicht in typische Abläufe der Krisensituation.“ _1 Vgl. zum Begriff DowNS, aNthoNy (1972), Up and Down with Econology: The Issue-Attention Cycle, in: Public Interest 28, S. 38-50. _2 Vgl. BaumgaRtNeR, FRaNk R./ JoNeS, BRyaN D. (1993), Agendas and Instability in American Politics, Chicago: University of Chicago Press. _3 Vgl. JoNeS, BRyaN D. (1994), Reconceiving DecisionMaking in Democratic Politics: Attention, Choice, and Public Policy, Chicago: University of Chicago Press. _4 Vgl. zum Begriff maIeR, mIchaela/ SteNgel, kaRIN/ maRSchall, JoachIm (2010), Nachrichtenwerttheorie, Baden-Baden: Nomos. _5 Vgl. zahaRIaDIS, NIkolaoS (2007), The Multiple Streams Framework. Structure, Limitations, Prospects, in: Sabatier, Paul A. (Hrsg.), Theories of the Policy Process, Boulder: Westview Press, S. 65-92, hier S. 81. _6 Vgl. zum Begriff Balzacq, thIeRRy (2011), A Theory of Securitization. Origins, Core Assumptions, and Variants, in: ders. (Hrsg.), Securitization Theory. How Security Problems emerge and dissolve, New York: Routledge Chapman & Hall, S. 1-30. _7 Vgl. zahaRIaDIS (2007), a.a.O., S. 75-6. _8 Vgl. zahaRIaDIS, NIkolaoS (2003), Ambiguity and Choice in Public Policy. Political Decision Making in Modern Democracy, Washington, D.C.: Georgetown University Press, hier S. 94-101. _9 agamBeN, gIoRgIo (2004), Ausnahmezustand, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag. _10 Vgl. muelleR, JohN e. (1970), Presidential Popularity from Truman to Johnson, in: American Political Science Review 64 (1), S. 18-33; muelleR, JohN e. (1973), War, Presidents and Public Opinions, New York: John Wiley&Sons; BakeR, wIllIam D./ o’Neal, JohN R. (2001), Patriotism or Opinion Leadership? The Nature and Origins of the ‚Rally around the flag’ Effect, in: The Journal of Conflict Resolution 45 (5), S. 661-687. _11 Vgl. muelleR, JohN e. (1973), a.a.O. _12 Vgl. auch campBell, DavID (1992), Writing Security. United States Foreign Policy and the Politics of Identity, Minneapolis: University of Minnesota Press. _13 Vgl. auch löFFelholz, maRtIN (2007), Kriegsberichterstattung in der Mediengesellschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 16-17, S. 1-11. _14 BoykoFF, JuleS/ BoykoFF, maxwell (2004), BalaNce aS BIaS: goBal waRmINg aND the u.S. pReStIge pReSS, in: Global Environmental Change 15 (2), S. 125-136.

Informationsmöglichkeiten 11 . Es muss uns nicht Wunder nehmen, dass dieser Rally-Effekt zuerst für die Außenpolitik beschrieben wurde 12 . Denn eine Randbedingung ist, wie John Mueller bereits in den 1960er Jahren feststellte, dass keine wesentliche innenpolitische Spaltung der Solidarisierung im Wege stehe. Sicherheitskrisen, wie sie etwa Terroranschlägen folgen, haben zumindest für eine gewisse Zeit hierfür ebenso wie auswärtige Kriege ein Potenzial. Die Situation löst nun nicht paradiesische Zustände für Regierungen aus, auch wenn man das angesichts des bisher Beschriebenen annehmen könnte. Im Gegenteil. Die erhöhte Unterstützung, ablesbar regelmäßig an gestiegenen Popularitäts- bzw. Zustimmungswerten in bzw. unmittelbar nach sicherheitsrelevanten Ereignissen wie Terroranschlägen, korrespondiert mit einer Erwartungshaltung an zügiges und sichtbares Handeln der Regierung 13 . Diese temporäre Gelegenheitsstruktur liefert gute Bedingungen für ein risikoaffines Vorgehen. Welche Rolle spielt ein grand design? Reflexionsstufen und Verlangsamungselemente, wie sie parlamentarische Verfahren oder auch die Beteiligung zivilgesellschaftlicher Akteure und Experten verschiedener Provenienzen darstellen, werden förmlich oder faktisch aufgehoben. Beratungstage einschlägiger Gesetzeswerke in den Parlamenten sprechen eine eindeutige Sprache. Dieses dysfunktionale Gleichgewicht ist instabil. Eine Top-Position auf der Agenda der high politics ist kostspielig. Je älter ein Ereignis, desto stärker verlangt die Medienlogik nach Austausch. Ökonomisch gesprochen steigen die Grenzkosten der securitization für den politischen Unternehmer, je länger sie andauert bzw. andauern soll. Gleichzeitig setzt mit ablaufender Zeit der von Boykoff und Boykoff 14 in anderem Zusammenhang beschriebene Balancing-Bias bei den Journalisten ein. Darunter versteht man das letztlich in der Kultur des Berufsstandes, dem Berufsethos begründete journalistische Bemühen um eine ProContra-Darstellung, also eine kritische und differente Bearbeitung der aufgegriffenen Themen. Sinkt der Rally-Effekt ab, greifen wieder Stück für Stück die üblichen checks and balances im politischen System, das Gegeneinander von government and opposition,

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die Mechanismen parlamentarischer Reflexion und Kontrolle in Arbeitsparlamenten, schließlich auch die verfassungsgerichtliche Überprüfung. Ich bin eher skeptisch, den Verfassungsgerichten die entscheidende Rolle für die Beendigung des dysfunktionalen Gleichgewichts zuzuschreiben. Auch Länder ohne Verfassungsgericht, wie etwa bis vor kurzem Großbritannien 15 , leben nicht auf Dauer mit Sicherheitskrisen. Aber sie können, wie DiAltos Studie zum Umgang mit den internierten japanischstämmigen Amerikanern während des Zweiten Weltkrieges zeigt, einen wesentlichen Anteil an der „reclassification“ haben 16. Zunächst in Bezug auf die von Sicherheitspolitik primär fokussierten Zielgruppen (target groups) – heute wohl die Guantanamo-Häftlinge oder die Taliban – dann freilich auch in Bezug auf das Problem selbst, also die Frage nach Gegenwart und Umfang von Sicherheitsgefahren und ihre Deutung. Modellhaft-theoretisch lassen sich, das muss ich hier anmerken, Anfang und Ende dieser temporären Gelegenheitsstruktur einer Sicherheitskrise besser beschreiben als empirisch finden und festmachen. Hypothesen für den empirischen Befund, dass sich Regierungshandeln nach der Krise noch länger nach der beschriebenen Logik hinzieht, gibt es zwar. So hat Zahariadis den Gedanken einer „salami-tactics“ entwickelt 17. Ausgehend von der Unterstellung, politische Unternehmer hätten ein „grand design“ zwar im Hinterkopf, könnten es aus taktischen (Durchsetzungs-)Gründen nicht sofort bzw. auf einmal anwenden, vermutet Zahariadis ein Vorgehen Stück für Stück. Der politische Unternehmer setzt auf die Unumkehrbarkeit eingeschlagener Pfade, die dann die folgenden Schritte tatsächlich oder politisch unvermeidbar machen. Überzeugend für die Post-9/11Geschichte finde ich diesen in anderen Politikfeldern sicher spannenden Gedanken nur sehr bedingt. Die mittlerweile annähernd zehnjährige Geschichte von sicherheitsrechtlichen Initiativen etwa in den USA oder auch einigen europäischen Demokratien, eingedenk der Wahl neuer Präsidenten und Regierungschefs, lässt sich nur schwer als Ausfluss eines grand designs an Sicherheitspolitik verstehen, welches nur aus taktischen Gründen scheibchenweise umgesetzt wird. Das „Schließen“ des Gelegenheitsfensters, also die Beendigung der temporären Gelegenheitsstruktur in bzw. unmittelbar nach einer Sicherheitskrise, gehört zu den theoretisch und empirisch unzureichend bearbeiteten Aspekten gerade der MultipleStreams-Theorie. Demgegenüber lassen sich aus der Vielzahl von Teilelementen der Policy-Theorie Ansatzpunkte finden, um die trotz aller Omnipräsenz des beschriebe-

nen Phänomens von Regierungshandeln in Sicherheitskrisen immer noch erkennbaren Unterschiede im Detail zwischen verschiedenen Staaten zu erklären. So lassen sich zum Beispiel Hypothesen zur unterschiedlichen Wahl von higher-order symbols unter Rekurs auf nationale sowie administrative Besonderheiten der politischen Kultur formulieren. Auch die Qualität der Netzwerke, die mehr oder weniger fragmentiert vs. zentralisiert sowie von unterschiedlichen Kulturen der Themenbehandlung geprägt sein können, ist ein Kandidat zur Erklärung von Detailunterschiede etwa in den Anti-Terror-Gesetzen nach 9/11. Zu den wichtigen Anknüpfungspunkten zählt drittens die Reihe institutioneller Differenzen zwischen parlamentarischen und präsidentiellen Systemen, die nach dem Gewicht der Exekutive sowie etwa der Rolle der Parteidisziplin verschiedene Wirkungen darauf haben dürften, wie leicht und auch wie sehr Themen der high-politics-Agenda tatsächlich dem Zugriff anderer politischer Akteure entzogen sind. Schließlich sind auch Art und Umfang der Definition von Zielgruppen im obigen Sinne empirisch unterschiedlich, hier dürften neben Aspekten der geschichtlich bzw. erfahrungsbedingten politischen Kultur auch institutionelle Faktoren von Bedeutung sein. Was bringt das alles für die Politikberatung? Diese Frage muss erlaubt sein in der Policy-Forschung, die sich gerade in Deutschland – m.E. leider – in vielen Debatten recht weit von dem Anspruch entfernt hat, den politisch Handelnden Rat geben zu können. Und seien es auch nur Einsichten in typische Funktionsabläufe, so dass einerseits Räder nicht ständig neu erfunden werden müssen und andererseits die gerade für Sicherheitskrisen typischen bounded-rationality-Reaktionen von Akteuren, Medien und Öffentlichkeiten möglicherweise sogar in ihrer dysfunktionalen Überdrehung eingedämmt werden können. Vorab die Wiederholung der guten Nachricht: Die Dysfunktionalität des beschriebenen Gleichgewichts ist instabil, sie verbraucht sich gewissermaßen von alleine. Für sich genommen, ist diese Endlichkeit von Ausnahmezuständen im Policy-Making vielleicht der wichtigste Schutzmechanismus für unsere Freiheitsrechte. Aus Sicht der Politikberatung ist das freilich ein schwacher Trost. Kann denn gar nichts dagegen getan werden, dass in Ausnahmesituationen ein dysfunktionaler Kreislauf in Gang kommt, den wir nicht nur unter demokratietheoretischen Überlegungen problematisieren müssen, sondern der auch im Ergebnis kaum Gewähr dafür bietet, dass eine an Wirkungs- und Effizienzmaßstäben gemessen „gute“ Politik produziert wird?

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_Zwischenfrage an Markus M. Müller: Kann man das Regierungshandeln in Krisensituationen in ähnlicher Form auch in Unternehmen finden oder sogar mit persönlichen Handlungsmustern vergleichen? „Es gehört zu den wichtigen Einsichten der Neueren Erwartungstheorie, dass uns als rationalen Entscheidern die Psychologie ein paar Streiche spielt. Je nach institutionellem Umfeld erzeugt diese verzerrte Rationalität Wirkungen, die wir uns weder als einzelne Entscheider noch als Gesamtgesellschaft wünschen können. Dieser Zusammenhang gilt dem Grundsatz nach überall. Das Besondere am Regierungshandeln in Krisensituationen liegt meines Erachtens in den Bedeutungen, die Handelnde und Beobachtende den Krisenereignissen selbst, den Maßnahmen und den Akteuren zuschreiben. Hier produzieren, um die Begriffe Bourdieus zu verwenden, ,politisches Feld‘ und ,journalistisches Feld‘ eine mitunter merkwürdige Melange. Diese spezifische Form der Handlungslogik ist in dieser Form vermutlich nicht verallgemeinerbar.“ _15 Es bleibt vorerst noch offen, ob die neue Institution in Großbritannien tatsächlich eine Entwicklung nimmt, wie sie etwa die USA mit dem Supreme Court oder die Bundesrepublik Deutschland mit dem Bundesverfassungsgericht seit dem 19. Jahrhundert bzw. den 1950er Jahren genommen haben. _16 Vgl. INgRam, heleN/ SchNeIDeR, aNNe l./ DeleoN, peteR (2007), Social Construction and Policy Design, in: Sabatier, Paul A. (Hrsg.), a.a.O., S. 93-128, hier S. 110111. _17 Vgl. zahaRIaDIS, NIkolaoS (2007), a.a.O. _18 Vgl. RehNquISt, wIllIam h. (1998), All the Laws but One. Civil Liberties in Wartime. New York: Alfred A. Knopf. _19 Vgl. FRaeNkel, eRNSt (1979), Die repräsentative und die plebiszitäre Komponente im demokratischen Verfassungsstaat, in: ders. (Hrsg.), Deutschland und die westlichen Demokratien, Stuttgart: Kohlhammer 1979, S. 113-151.

Institutionelle Barrieren, also etwa strengere Regeln für die Einbindung nicht-exekutiver Akteure oder verpflichtende Minima an Beratungsstandards und -zeiten, sind vermutlich nur bedingt wirksam; sie müssen schon besonders robust konstruiert sein, um der situationsgetriebenen Handlungslogik von Sicherheitskrisen etwas entgegensetzen zu können. Tatsächlich gibt es diese Standards, etwa in verfassungsrechtlich normierten Gesetzgebungsverfahren oder auch in Geschäftsordnungen von Ministerien und Parlamenten. Das Problem ist, dass eine situationsgetriebene Handlungslogik diese „institutional safeguards“ überlagert – und selbst Verfassungsgerichte, wie Rehnquists Geschichte der amerikanischen Rechtsprechung aufzeigt 18, nach dem Grundsatz des „inter arma silent leges“ häufig auf eine Rüge verzichten. Parlamente sind dessen ungeachtet aufgerufen, ihre substanzielle Funktionstüchtigkeit einzufordern. In Krisensituationen nicht der Mehrheitsmeinung zu folgen, ist für Politiker fraglos schwer. Doch Abgeordnete dürfen, wie uns schon Ernst Fraenkel gelehrt hat 19, nicht bloße „Volksboten“ sein, dann verstünden sie das Wesen repräsentativer Demokratie nicht. Dieser Appell an die demokratische Kultur richtet sich letztlich an uns alle. Gerade weil es bei Sicherheitspolitik in Krisensituationen häufig um besondere Belastungen für ausgewählte Gruppen, für ausländische Staatsangehörige, für ethnische Minderheiten, geht, sind die Widerstandskräfte einer Zivilgesellschaft gegen überdrehte, gegen die freiheitliche Grundströmung einer offenen demokratischen Gesellschaft gerichtete Maßnahmen strukturell vermindert. Je geringer die Reichweite von besonderen Belastungen, je spezifischer also die Zielgruppen von restriktiver Sicherheit, desto stärker müssen Politik und Öffentlichkeit auf die Freiheit aller achten.

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Nähe und Distanz: Journalisten und Politiker in der Berliner Republik
Jun.-Prof. Dr. Markus Rhomberg, Lehrstuhl für Politische Kommunikation und Rieke Schües MA, Civil Society Center | CiSoC
Cafe Einstein, Berlin Mitte, 13:00. Politiker treffen auf Journalisten, Journalisten auf Politiker. Unter ihnen der Außenminister mit dem Leiter des ARD-Morgenmagazins, daneben die Familienministerin mit einer bekannten Moderatorin. So kennen wir das Bild, oftmals auch das Klischee. Wir wollen an dieser Stelle der Frage nachgehen, welche konkreten Auswirkungen dieses Beispiel für die Beziehung von Politikern und Journalisten hat und was dies auf einer abstrakten Ebene für das Verhältnis von Politik und Journalismus bedeuten kann.

Unsere Leitthese ist, dass politische Akteure immer mehr Ressourcen in die Kontrolle und Beobachtung der öffentlichen Arena investieren müssen. Doch welche Machtformationen ergeben sich aus den Beziehungen zwischen der Politik und den Medien: Wer hat die Macht? Liegt diese bei den Journalisten, die nach der klassischen Vorstellung der Politik gegenüberstehen, um diese zu kontrollieren, und die qua Organ die Macht besitzen, Themen und Personen bekannt zu machen? Oder liegt die Macht doch bei den Politikern, die gelernt haben, die mediale Klaviatur zu spielen? Wir wollen folgendes wissen: Welches Maß an Nähe benötigt es, um noch genügend Einblick in das politische System zu haben, um es zu kritisieren und zu kontrollieren? Aber, welchen Grad der Distanz braucht es wiederum, um diesen Aufgaben frei von Zwängen der Umarmung nachgehen zu können?

Wir konzentrieren uns auf das Verhältnis von Hauptstadtjournalisten und Bundestagsabgeordneten in den engen Räumen der Berliner Republik. Wie in einem Brennglas lässt sich hier das Changieren zwischen Nähe und Distanz beobachten. Wer hat die Macht? Während der Journalist nach Informationen sucht, die ein breites Publikum oder eine spezielle Zielgruppen interessieren und aktuell sind, braucht der Abgeordnete den Journalisten, um seine Person, seine Vorhaben möglichst positiv und interessant an den Wähler zu bringen. Manchmal kann man von symbiotischen Beziehungen sprechen, manchmal von wechselseitiger Abhängigkeit und manchmal von einem Spannungsverhältnis, in dem der eine versucht, eine dominante Rolle einzunehmen. Solche Spannungen resultieren aus dem jeweiligen Anspruch auf Unabhängigkeit vom Gegenüber sowie dem Verlangen nach eigenem Einfluss. Augenscheinlich hat ein Politiker die freie Wahl,

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wann und wem er nachrichtenwerte Informationen zukommen lässt. Er scheint somit auf den ersten Blick am längeren Hebel zu sitzen, muss aber auch darauf achten, für ihn wichtige Journalisten, etwa Redakteure einer Regionalzeitung seines Wahlkreises, immer wieder mit Informationen zu versorgen, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Dem Journalist bleibt hingegen die Macht der Veröffentlichung: Er bzw. seine Redaktion entscheidet, welche Nachricht berichtenswert erscheint oder eben nicht. Durch die Auswahl der Quellen kann er Einfluss auf das politische Geschehen nehmen. Dieses Selbstverständnis von Journalisten beruht auf ihren Vermittlungs- und Handlungsinteressen, die sie durch ihre Arbeit reflektieren. Statt politische Rollenbilder zu übernehmen und die Agenda der Bundestagsabgeordneten aktiv zu beeinflussen, geht es im journalistischen Selbstverständnis vielmehr darum, Missstände aufzudecken und eine Kritik- und Sprachrohrfunktion wahrzunehmen Beziehungsmuster von Journalisten und Politikern Die eine Seite kann ohne die andere nicht arbeiten: Journalisten könnten ohne Politiker ihrer Funktion der Beobachtung des politischen Systems nicht nachkommen, und ebenso könnten Politiker in der modernen Gesellschaft ohne Medien ihre potenziellen Wähler nicht erreichen. Nun lassen sich verschiedene Grade der Beziehungsmuster von Journalisten und Politikern unterscheiden: (1) Nähe, (2) Vertrauen und (3) Freundschaft.

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Nähe Zwischen Politiker und Journalist ist ein gewisser Grad an Nähe notwendig, um den Austausch von Informationen zu etablieren. Informationen aus Pressemitteilungen oder Pressekonferenzen genügen oftmals nicht, um journalistisch professionell arbeiten zu können. Informelle Hintergrundinformationen sind auch von Vorteil, um sich als journalistischer Akteur in der Konkurrenz zu anderen Medien abgrenzen zu können. Offizielle Informationen sind für jeden Journalisten zugänglich, für inoffizielle Informationen braucht es Näheverhältnisse. Gleichzeitig kann eine kritische, reflektierte Veröffentlichung durch die Nähe zum Informationsgeber eine Eingrenzung der journalistischen Arbeit bedeuten und die Freiheit der journalistischen Arbeit behindern. Aus diesem Kontext ergibt sich nun die Frage, ob ein höheres Maß an Nähe einen besseren Zugang zu interner Information bedeuten kann und inwiefern der Grad an Nähe vom Geben und Nehmen beider Parteien vom beruflichen Verhalten des Anderen abhängt oder geprägt wird, um den Kontakt aufrecht zu erhalten. Daraus ergibt sich unsere erste These: Je mehr Nähe desto besser der journalistische Zugang zu Informationen. Vertrauen Ein Mindestmaß an Vertrauen ist notwendig, um den beruflichen Austausch zwischen Politiker und Journalist zu ermöglichen. Folgen wir Luhmann (2000: 48) ist Vertrauen in erster Linie ein „Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität“, auf dem die Kommunikation zwischen Politiker und Journalist stattfinden kann. Durch Handlungen, in denen wechselseitige Erwartungen erfüllt werden, kann Vertrauen entstehen. Weil Politiker wie Journalisten von den jeweiligen Aussagen, dem guten Willen sowie einem beiderseitigen Interesse an einer aufklärenden Berichterstattung abhängig sind, ist Vertrauen eine wichtige Grundvoraussetzung einer funktionierenden Zusammenarbeit. Wir nehmen an, dass Politiker von Journalisten grundsätzlich erwarten, dass verfügbare exklusive Informationen vorteilhaft für die Quelle verwertet werden. Aus journalistischer Perspektive ist es die Aufgabe, exklusive Informati-

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onen zu kontextualisieren, zu prüfen sowie politisches Handeln kritisch zu hinterfragen. Die Vertrauensdimension ist deshalb begrenzt, weil sich das Eigeninteresse an einer verbesserten politischen Reputation von der einer guten Geschichte unterscheidet. Unsere zweite These ist: Vertrauen entsteht erst über Zeit, es muss über die wiederholte Erfüllung von Erwartungen bestätigt werden und bleibt dennoch begrenzt. Verbinden wir die Kategorien Nähe und Vertrauen, so lautet unsere dritte These, dass die Variable Nähe vom Vertrauensgrad zwischen Politiker und Journalist abhängt. Freundschaft Eine Freundschaft zwischen Politiker und Journalist stellt die engstmögliche Instanz dar und kann nur entstehen, wenn die zuvor genannten Beziehungsmuster Nähe und Vertrauen bereits entwickelt sind. Weil die Beziehung zweckgebunden und von einem hohen beruflichen Eigeninteresse bestimmt wird, ist der Freundschaftsbegriff zwischen Politiker und Journalist jedoch begrenzt. Im soziologischen Verständnis von Freundschaft geht es um die Einstellung eines speziellen „Sinngehaltes“ (Esser 2000: 15), an dem sich verschiedene Akteure in ihrem Verhalten wechselseitig orientieren, auch wenn die Anreize für eine freundschaftliche Bindung unterschiedliche sind. Eine Freundschaft verfolgt eine gemeinsame Orientierung und lässt sich insoweit auf das Gegenüber ein, dass alltägliche Handlungen von der Freundschaft geleitet werden können. Diese Merkmale lassen sich jedoch kaum auf das Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten anwenden, weil die eigenen Ziele und Absichten der Arbeit unterschiedlich sind und sich keine der beiden Seiten von den Interessen und Intentionen des Anderen leiten lassen will, weil das Risiko, die Kontrolle zu verlieren, zu groß ist. Vielmehr geht es statt der Suche nach Freundschaft darum, in der Zweckbeziehung eine vorteilhafte Position zu erlangen. Der freundschaftliche Kontakt

vereinfacht dabei den Zugang sowie die stetige Versorgung mit Informationen und bietet dem Politiker mehr Möglichkeiten, von negativen Schlagzeilen verschont zu bleiben, und/oder direkten und profitablen Kontakt zur Öffentlichkeit. Unsere vierte These ist deshalb: Wenn Vertrauen durch die Erfüllung von beiderseitigen Erwartungen über einen längeren Zeitraum gepflegt und von Missbrauch verschont wird, kann eine freundschaftliche Beziehung mit Einschränkung entstehen. These 1: Je mehr Nähe desto besser der journalistische Zugang zu Informationen Die Beziehung zwischen Bundestagspolitikern und Journalisten changiert grundsätzlich zwischen Nähe und Distanz. Einerseits ist eine berufliche Nähe durch regelmäßige Kontakte in Pressekonferenzen, Interviewsituationen mit den handelnden Akteuren und dessen Mitarbeitern und Referenten gegeben. Andererseits wird diese durch stetige Distanz begleitet, die versucht, negative Berichterstattung bestmöglich zu vermeiden. Um diesen Schutz zu generieren, beruhen Interviewsituationen auf kontrollierten und einstudierten Aussagen. Sie grenzen das Beziehungsmuster Nähe automatisch ein. Dennoch kann eine NaheBeziehung zum Politiker den Zugang zu informellen Quellen vereinfachen: So bestätigen 86 Prozent der Hauptstadtjournalisten, dass es leichter ist, über bereits bestehende Kontakte schneller an Informationen und an Interviews zu gelangen (Kepplinger & Maurer 2008). Um an selbst recherchierte InsiderGeschichten zu gelangen, bedarf es also der Nähe. Der Politiker kann seine etablierten Kontakte zu Journalisten wiederum nutzen, um zu versuchen, persönliche Färbungen in die Berichterstattung einfließen zu lassen. Zudem sind ihm die Stilmittel persönlich bekannter Journalisten vertraut, wodurch die Anzahl negativer Überraschungen im Medienrhythmus vermindert werden kann. Für den Journalisten wiederum ist der Zugang zu exklusiver Information Mittel zu publizistischem Erfolg. Publizistischer Erfolg lässt sich mitunter durch Missbrauch der Nähe zu einem Politiker erkaufen, er wird aber einmalig bleiben, weil Vertrauen zerstört worden ist.

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These 2: Vertrauen entsteht über Zeit, bleibt aber dennoch begrenzt Grundsätzlich, so beschreibt es Sonja Pohlmann im Berliner Tagesspiegel (19.03.2009), vertrauen sich Journalisten und Politiker nicht. Die Schnelllebigkeit, unter der die politische Nachrichtenagenda entsteht, engt die Beständigkeit einer Vertrauensbasis ein. Vertrauen schaffen heißt aber in soziale Kontakte investieren. Dessen Kehrseite ist, dass es fast der Hälfte (47 Prozent) der Berliner Korrespondenten „manchmal schwierig (fällt), objektiv über (jene) Politiker zu berichten, zu denen man ein Vertrauensverhältnis hat“ (Kepplinger & Maurer 2008: 172). Warum das Vertrauensverhältnis zwischen Politiker und Journalist dennoch begrenzt ist, liegt in der Fülle von unterschiedlichen Erwartungen und Zielen, welche aneinander gestellt werden. Journalisten befinden sich in einem Konflikt zwischen Vertrauen und kritischer Distanz zum Gegenstand ihrer Berichterstattung. Beide sind sich zwar darüber einig, dass die Publikation eines Berichts gut für beide ist. Für den Politiker geht es aber dabei darum, (positive) öffentliche Aufmerksamkeit zu generieren, während der Journalist mit einer Publikation zur Aufklärung des politischen Geschehens beitragen will. Ob der zitierte Politiker dabei in der Berichterstattung gut wegkommt, ist zunächst zweitrangig. Dennoch, wenn dieses Zusammenspiel über einen längeren Zeitraum ohne Vertrauensmissbrauch funktioniert, ist dies von Vorteil für beide Akteure. Wenn Politiker hingegen die freundschaftliche Bindung und Macht der Informationsquelle gezielt als Druckmittel verwendet oder der Journalisten durch seine Berichterstattung den Imageverlust eines Politikers einzuleiten scheint, kommt es zu einem Vertrauensverlust, welcher das Beziehungsmuster schnell wieder lösen kann. Rund die Hälfte der von Kepplinger und Maurer (2008) befragten Hauptstadtjournalisten wurden von ihnen nahestehenden Politikern bereits persönlich dazu aufgefordert, ihre Berichterstattung positiv zu beeinflussen oder negative Berichterstattung zu stoppen. Die Ungleichheit beruflicher Ziele sorgt somit dafür, dass die vertrauliche Bindung zwischen Politiker und Journalist begrenzt bleibt. Sollte das Vertrauensverhältnis zwischen Politiker und Journalist durch Missbrauch geschwächt werden, haben beide Seiten verschiedene Mittel, darauf zu reagieren. Der Journalist besitzt die Macht der Nichtveröffentlichung und kann zudem durch eine

negative Schlagzeile die Reputation des Abgeordneten schwächen. Der Politiker hat andererseits die Macht, die Reputation des Hauptstadtjournalisten in Berliner Berater- und Abgeordnetenkreisen nachhaltig zu schwächen, so dass dem Journalisten ein Teil des politischen Netzwerks vorerst verschlossen bleibt. Es ist auch aufgrund der hohen Dichte an Berliner Journalisten keine schwierige Aufgabe, neue Vertrauensverhältnisse mit professionellen Berichterstattern aufzubauen. Vertrauen zu einem Politiker aufzubauen, bedeutet aber auch, negative Reaktionen zu bekommen: Kepplinger und Maurer (2008) konnten zeigen, dass Journalisten, die ein Vertrauensverhältnis zu einem Politiker haben, deutlich häufiger als andere „gezielt von Informationen abgeschnitten“ worden sind. Politiker hätten damit versucht, Druck aufzubauen. Aber auch innerhalb des medialen Systems selbst kann es für Journalisten, die ein Vertrauensverhältnis zu Politikern haben, schwierig werden und die Wahrscheinlichkeit von sozialen Sanktionen im medialen System erhöhen: Der Vorwurf, einem Politiker zu nahe zu stehen und die Kritik- und Kontrollfunktion nicht mehr ausüben zu können, ist ein probates Mittel. These 3: Nähe ist vom Vertrauensgrad zwischen Politiker und Journalist abhängig Prinzipiell können Politiker und Journalisten von dieser Konstellation profitieren. Sobald diese jedoch zum Nachteil des Anderen benutzt wird, ist der Kontakt zwischen Politiker und Journalist geschwächt. Die Vertrauensfrage muss dabei keine große Rolle spielen. Andererseits kann ein höherer Grad an Vertrauen mehr Nähe im beruflichem Umfeld bedeuten, was die Wahrscheinlichkeit des Informationsaustauschs wiederum erhöht. Mehr als zwei Drittel der Berliner Hauptstadtjournalisten haben ein stabiles Vertrauensverhältnis zu einem oder mehreren Politikern. Die Beziehung ist ein Zweckverhältnis, in der es um Erwartung und Gegenleistung geht. Das Wechselspiel von Erwartung und Gegenleistung funktioniert so lange, wie sich Politiker und Journalist an die Spielregeln halten. These 4: Wird Vertrauen über längeren Zeitraum gepflegt, kann Freundschaft entstehen Besonders in Hinblick auf die zuvor genannten Erwartungen und Gegenleistungen gleicht die Beziehung zwischen Politiker und Journalist vielmehr

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_Zwischenfragen an Markus Rhomberg und Rieke Schües: Machtausübung durch die öffentliche Meinung – zugleich scheinen die Zyklen der Aufmerksamkeit immer kürzer zu werden und Problemstellungen schnell wieder vergessen. Wie sehen Sie die Zukunft des Meinungsbildungsauftrages der Medien und die Notwendigkeit einer gut informierten Bürgergesellschaft? „Professionelle Berichterstattung besitzt noch hohes Vertrauen bei den Bürgern, insbesondere bei der politischen Informationsvermittlung. Dies beschränkt sich jedoch nicht mehr auf die gedruckten Ausgaben von Tages- und Wochenzeitungen oder das Öffentlich-Rechtliche Rundfunkangebot. Insbesondere Jüngere nutzen dafür zwar das Internet, interessanterweise surfen sie dann aber auch zu den Nachrichtenseiten der traditionellen Prestigemedien. Es verändern sich also nicht unbedingt die Informationsquellen, sondern eher die Vertriebskanäle von Informationen.“ _Wie lesen und bewerten Sie die journalistische Berichterstattung zur Meinungsbildung vor dem Hintergrund Ihrer Forschung? „Immer mehr Medien verzichten aus Kostengründen auf politische Korrespondenten sowohl im Ausland als auch in Berlin. Sie müssen sich dann aber auf den Agenturjournalismus verlassen, selbst recherchierte Geschichten werden immer weniger. Gleichzeitig leidet darunter auch die Vielfalt an Themen aus dem Berliner Betrieb: Der Ereignisjournalismus nimmt zu, Hintergrundgeschichten, die einordnen und meinungsbildend wirken, werden weniger.“ _Mehr von › Markus Rhomberg über Politik und Kommunikation finden Sie hier: „Die Entwicklung einer Weltöffentlichkeit? Globale massenmediale Kommunikation als Motor der Weltgesellschaft“ › Weltöffentlichkeit

einem Tauschgeschäft „Information gegen Publikation“. Eine reale Freundschaft könnte die Handelsbeziehung leicht gefährden, sobald der Politiker durch intime Informationen öffentlich entblößt wurde und dem Journalist für eine Weile die Objektivität abhanden gekommen ist. Die beruflichen Eigeninteressen von Bundestagsabgeordneten und Hauptstadtjournalisten verhindern demnach eine zweckfreie soziale Freundschaft, dessen Bindung ohne Erwartung überlebt. Kepplinger und Maurer (2008) können diese These empirisch belegen: Die Mehrzahl von befreundeten Politikern und Journalisten zieht im Zweifel die eigene Karriere vor. Berufliche Freundschaften zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, Konkurrenten im Beruf und Mitarbeitern in konkurrierenden Unternehmen sind keine zweckfreien Beziehungen. Sie zielen, auch wenn Zuneigung und Verständnis vorhanden sind, auf die Verwirklichung von Eigeninteressen, die mit den Interessen der Freunde keineswegs deckungsgleich sein müssen und im Extremfall auch gegen die Interessen dieser Freunde verwirklicht werden. Berufliche Freundschaften sind Zweckgemeinschaften, und Hilfe ist mit der Erwartung von Gegenleistungen verbunden. Deshalb findet die berufliche Freundschaft eindeutig dort ihre Grenze, wo die Eigeninteressen gefährdet sind. Zwar behauptet fast die Hälfte der Berliner Korrespondenten, es gäbe mehr Freundschaften zwischen Politikern und Journalisten, als die Gesellschaft vermutet, noch mehr stellen jedoch relativierend fest, dass sich befreundete Politiker und Journalisten keinesfalls vollständig aufei-

nander verlassen können, weil vertrauliche Informationen für die eigene Berufskarriere von Vorteil sein kann. Da die berufliche Existenz stets den Vorrang haben wird, bleibt selbst eine langjährig gepflegte Freundschaft vertraulich begrenzt. Fazit Vertrauen ist die wichtigste Währung im journalistischen Berufsalltag. Eine Vertrauensbasis zwischen Politiker und Journalist muss hart erarbeitet werden und droht aufgrund der Verschiedenartigkeit beider Berufe, schnell zu zerfallen. Nähe, Freundschaft und Vertrauen sind wichtige Grundvoraussetzungen, um Vorteile für die journalistische und politische Arbeit zu etablieren. Zwischen Journalisten und Bundestagsabgeordneten herrscht eine besondere Beziehung. Beide Berufsgruppen versuchen täglich aufs Neue, sich Vorteile aus einem guten Verhältnis zum Gegenüber zu verschaffen. Ihre Ziele beruhen dabei auf unterschiedlichen, manchmal sogar gegensätzlichen Interessen. Das Spannungsfeld zwischen Hauptstadtjournalisten und Bundestagsabgeordneten hat sich im Laufe der letzten Jahre dahingehend verändert, dass Journalisten nicht nur kontrollieren, sondern zunehmend mitkreieren wollen. Einerseits bilden Nähe, Freundschaft und Vertrauen eine Grundvorrausetzung für die erfolgreiche Zusammenarbeit und werden von beiden Berufsgruppen als vorteilhaft erachtet, andererseits sind die Folgen eines möglichen Vertrauensmissbrauchs zu groß, um eine Freundschaft zuzulassen.

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Öffentlichkeit in Zeiten der Individualisierung
Jun.-Prof. Dr. Marian Adolf, Lehrstuhl für Medienkultur

Allenthalben wird über das Thema Öffentlichkeit diskutiert – wer hätte gedacht, dass sich dieses Konzept wieder so zentral in die Debatte um die Gestaltung und Zukunft unserer demokratischen Gemeinwesen mischen würde. Deshalb ist es wichtig zu fragen, was Öffentlichkeit heute – unter den gegenwärtigen medientechnologischen und soziokulturellen Bedingungen – eigentlich genau bezeichnet.

Den Hintergrund bildet die Zentralität der Medien in und für die moderne Öffentlichkeit. Nun ist das Mediensystem aber seit einiger Zeit in einem rapiden Wandel begriffen – und es stellt sich die Frage, was dies für die Konstitution und Erscheinungsformen von Öffentlichkeit heute bedeutet. Im Zuge dieser Debatte wird ersichtlich, wie voraussetzungshaft unsere Öffentlichkeitsbegriffe und somit unsere theoretischen und empirischen Zugriffe auf Öffentlichkeit eigentlich sind.

Es geht im Folgenden um zweierlei: Erstens um den Begriff der Öffentlichkeit selbst, und zwar weniger im Sinne einer Definition – das will ich mir nicht anmaßen – sondern in seiner Vielfältigkeit als Diskursfigur. Gerade heute werden in und zwischen den Fächern nur scheinbar deckungsgleiche Öffentlichkeits-Semantiken verwendet. Zweitens wird anhand

der Begriffsklärung hoffentlich ein wenig deutlicher, warum empirische Studien zu teils widersprüchlichen Ergebnissen kommen und warum die Bedrohungslagen der heutigen Öffentlichkeit und ihrer sozialen Funktionszuschreibungen variieren. Öffentlichkeit ist bei genauerer Betrachtung ein „doppelt normatives Konzept“: Da ist erstens die vortheoretische weit verbreitete Anrufung der Öffentlichkeit als demokratisches „Ideal“. Diese tiefe kulturelle Verankerung der Rede bzw. Anrufung von Öffentlichkeit ist schwer abzuschütteln, sie ist gleichsam ein Axiom der modernen Demokratie. Hieraus resultiert eine fundamental normative Aufladung des Öffentlichkeitsbegriffes als telos einer Entwicklung hin zu einer idealen Herrschaftsform. Transparenz, Partizipation, Kontrolle der Mächtigen, Open Data – alles aktuelle Themen der Berichterstattung – und alle von distinktiver moralischer Aufladung. Die zweite, theoretisch-normative Komponente liegt dann in der Folge im jeweiligen theoretischen

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_Zwischenfrage an Marian Adolf: Wie könnte man dieses Verständnis von Öffentlichkeit nutzen, um gesamtgesellschaftlich relevant zu agieren? „Zunächst ist es wichtig, die zunehmende Pluralität von Öffentlichkeit ernst zu nehmen – denn gemeinwohlbezogene Themen werden heute in vielen und vielgestaltigen Kommunikationsräumen verhandelt. Aus demokratiepolitischer Sicht bedeutet dies sodann, dass die Betroffenen politischer Entscheidungen diese Betroffenheit auf neue Art und Weise geltend machen und man ihnen dafür die möglichen Handlungsräume eröffnen muss. Denn Verdrossenheit – auch und vor allem jene mit der Politik – ist nichts anderes als die ohnmächtige Seite der eigenen Selbstbestimmung.“

Zuschnitt dieser Öffentlichkeitsvorstellung, also auf der Ebene, auf der festgelegt werden soll, welche Form sich Öffentlichkeit eigentlich gibt, worin ihre Funktion besteht, und wie ihr Prozess aussieht. Diese teils expliziten, oft aber verborgenen Unterschiede in der Auffassung von Öffentlichkeit äußern sich in divergierenden Ergebnissen empirischer und konzeptioneller Studien. Nun hat Öffentlichkeit viele Erscheinungsformen: Sie tritt zutage als encounterÖffentlichkeit, als Versammlungsöffentlichkeit sowie – dies ist charakteristisch für die Öffentlichkeit der modernen Gesellschaft – als mediale Öffentlichkeit. Zu einer im engeren Sinne soziologischen Betrachtung von Gestaltung und Funktion der Öffentlichkeit tritt also durch deren Konstituierung als Medienöffentlichkeit hinzu, was die Sache nicht gerade erleichtert. Eine Quelle der Konfundierung der Öffentlichkeitsvorstellungen liegt in einem perspektivischen Unterschied zwischen eher soziologisch orientierten Zugängen einerseits und demokratie- und politiktheoretischen Ansätzen andererseits. Eine wesentliche und einhellige Einsicht der Soziologie des 20. Jahrhunderts liegt in der Rolle der Kommunikation als Mittel zur Herstellung sozialer Kohärenz im weiteren Sinn. Um nur zwei Traditionen zu nennen, die diesen Aspekt zentral berücksichtigen: In der phänomenologischen Soziologie von Alfred Schütz wird die Zentralität der individuellen Lebenswelten von Mitgliedern der modernen Gesellschaft beschrieben. Im Zuge der Modernisierung bilden sich immer neue, immer spezifischere solche Alltags- bzw. Lebenswelten heraus. Benita Luckmann (1978) beschreibt diesen Prozess als Abkopplung von einer gemeinsamen sozialen Realität und als Aufsplitterung der Gesellschaft. Diese neue Vielfalt, die zu einer Auflösung ehemals – im wahrsten Sinne des Wortes – verbindlichen Wissens in Formen von Konventionen und

Themen führt, muss nun durch ein mehr an Kommunikation überbrückt werden. Diese zentrifugalen Kräfte bedingen eine erhöhte Nachfrage nach Kommunikation, die die auseinanderstrebenden Lebenswelten einfangen kann. Dieselbe Figur finden wir in Luhmanns Systemtheorie. Die erforderliche Arbeitsteiligkeit der modernen Gesellschaft führt zu einer Unterteilung der Gesellschaft in immer spezialisiertere Gruppen mit immer spezielleren Wissensvorräten. Diese neue Komplexität ist nur kommunikativ zu bändigen. Gesellschaft besteht solange, solange Kommunikationen zu Anschlusskommunikation führen. Es ist also die Kommunikation, die die moderne Gesellschaft im Kern zusammenhält. Besorgt wird diese zunehmend kritische Funktion der kommunikativen Verknüpfung durch Medien. Insbesondere die Verbreitungsmedien, die publizistischen (Massen-)Medien, versorgen die solcherart auseinanderstrebende Gesellschaft mit den Schnittstellen und Themen der gegenseitigen Wahrnehmung und Bezugnahme. Nur mehr das Leistungsvermögen des Funktionssystems „Massenmedien“ vermag die Gesellschaft zu beobachten und somit reflexiv zu machen. Welche Rolle spielt Massenkommunikation? Verfolgen wir einen anderen, nunmehr kommunikationswissenschaftlichen Diskursstrang, so lässt sich eine andere Unterscheidung beobachten. Im Zentrum steht dabei die Qualität der Kommunikation bzw. die Leistungsfähigkeit der politischen Öffentlichkeit. Lange Zeit wird diese Debatte als Kritik der Öffentlichkeit geführt, und – mit Verweis auf die immanente Wichtigkeit der Medien – folgerichtig als Medienkritik. Und so ist auch Habermas’ Strukturwandel, als locus classicus der Debatte, von der Angst einer Refeudalisierung der hart erkämpften bürgerlichen Öffentlichkeit gekennzeichnet. Die Medien

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monopolisieren die öffentliche Debatte durch ihre privilegierte Position als Flaschenhals. Die Massenpresse und ihr ökonomisches Kalkül und die partikulären Interessen der Mächtigen haben eine Scheinöffentlichkeit zur Folge. In dieser Tradition stehen auch jene, die von der Monopolisierung der Möglichkeit zu sprechen, kurz: in der Unzugänglichkeit der Produktionsmittel das eigentliche Problem sehen. Jahrzehntelang bemüht man das Ideal des Rückkanals, um aus der monologischen Veranstaltung der Massenkommunikation endlich ein dem demokratischen Ideal genügendes, vielstimmiges Konzert der Meinungen zu machen. Ein anderer Debattenstrang sieht das Problem genau umgekehrt: Elihu Katz – am Beispiel der Einführung des dualen Systems in Israel – befürchtet den Verlust der einenden Wirkung einer gemeinsamen Themensetzung in der Gesellschaft. Auch hier wird die Unterhaltungsorientierung und die Verwässerung des rationalen Diskurses kritisiert: Während die Kanäle zunehmen, nimmt die öffentliche Debatte ab. Wichtig ist auch hier die Figur der zentralen Verbindlichkeit der Öffentlichkeit qua Medien. Ist öffentliches gleich politisches Handeln? Und so kommen wir zu den sogenannten „Neuen Medien“ – also der internetbasierten Kommunikation in teils neuen, teils hybriden Formaten. Anhand der mittlerweile überwältigenden sozialwissenschaftlichen Literatur zu den neuen Medien – und insbesondere jenen Studien, die nach der Öffentlichkeit im Netz suchen, ist nun die Konfundierung der beiden Sichtweisen von Öffentlichkeit deutlich nachzuvollziehen: Ein soziales Verständnis, in dem Öffentlichkeit oftmals mit sozialer Interaktion und den dafür notwendigen Räumen in eins gesetzt wird, trifft auf ein normatives Verständnis unterschiedlicher Ausgestaltung, welches Öffentlichkeit mit politischem Handeln gleichsetzt. Auch hier spielt die Arbeit Jürgen Habermas’ eine große Rolle, beziehen sich doch weite Teile, insbesondere der amerikanischen Studien zum Internet als Diskursraum in der einen oder anderen Weise auf ihn. Viele sehen im Internet die pluralistische Kommunikationsform entstehen, wie sie dem Idealbild der modernen, demokratischen Gesellschaft eigentlich entsprechen würde. Andere meinen hier den endgültigen Niedergang jeder Art von verbindlicher, politischer Kommunikation gekommen – zerstoben in der Unüberschaubarkeit des kommunikativen Ge-

schehens, ineffektiviert durch die Kakophonie der Stimmen und Interessen. Interessanterweise finden beide Lager immer wieder empirische Bestätigung ihrer normativen Position. So etwa Cass Sunstein (2001), der die Katz’sche Kritik der Fragmentierung nun angesichts der internetbasierten Multikanalkommunikation des Internet wieder aufgreift, und in der Parallelisierung und Abschottung der Communities den Keim einer „group polarization“ aufgehen sieht. Jeder findet nur mehr, was er sucht, es gibt keine „unanticipated encounters“ mehr, das ständige Köcheln im eigenen Saft separiert die BürgerInnen voneinander. Öffentlichkeit erstirbt. Womit wir wieder bei der ursprünglichen Fragestellung angelangt sind: Ich halte die Divergenz auf konzeptioneller aber auch empirischer Ebene für ein im wesentlichen theorieimmanentes Problem, welches sich letztlich auf die bereits erwähnten, unterschiedlichen Vorstellungen von Öffentlichkeit zurückführen lässt. Setzt man diese Grundproblematik nun eben in Beziehung zum umfassenden Medienwandel unserer Zeit, dann stellt sich die Frage nach der Zukunft der Öffentlichkeit in und durch die neuen Medien noch einmal vielgestaltiger dar: Denn wir können unsere Vorstellungen der Öffentlichkeit, die so eng an die Konstitution des Mediensystems gekoppelt sind, nicht einfach fortschreiben. Zwar setzen sich auch im Netz, wie mittlerweile gut belegt, die strukturellen Gegebenheiten der offline-Welt bisweilen fort. Zugleich brechen uns aber auch die bisher verlässlichen Kategorien zur Beschreibung von kommunikativen Verhältnissen weg. Das Verhältnis einst konstitutiver Größen, wie jenes von öffentlich und privat wandelt sich – wie z.B. J.B. Thompson kürzlich so trefflich beschrieben hat. Alte Gattungsbegriffe wie interpersonale und Massenkommunikation lassen sich nicht mehr durchhalten in einem technischsozialen Kommunikationsrahmen, in dem one-toone auf mit einem Klick zu many-to-many wird. Davon ist die Unterteilung in personale, organisationale und gesellschaftliche Öffentlichkeit ganz unmittelbar betroffen. Wer ist heute das Publikum, und wo ist es anzutreffen? Wie sollen wir die neue Wichtigkeit des individualisierten Rezipienten in unsere Konzeptionen miteinbeziehen? Welche Öffentlichkeit bringen Social Network Sites hervor? Das heißt, wie müssen zurück zum Begriff und seinen semantischen Grundlagen, wir müssen auf den Tisch legen, was Öffentlichkeit kann und soll. Damit riskieren wir zwar unsere eigenen Episteme,

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_Zwischenfrage an Marian Adolf: Der moderne Umgang mit Medien verschiebt vormalige Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem. Welchen Einfluss hat dies auf das Individuum? „Im Zuge der digitalen Revolution wir auch der Mensch selbst öffentlicher – das moderne Individuum kommt, so könnte man es gewagt formulieren, kommunikativ nun erstmals zu seinem Recht. Wir sind nun nicht mehr als „Publikum“ anonymer Teil eines großen Ganzen: wir sind als Rezipienten wie als Kommunikatoren sichtbar. Wer wir sind, und was wir machen, wird potenziell zum Gegenstand der öffentlichen Debatte – so, wie dies Politiker, Manager und andere Prominente der Mediengesellschaft längst erfahren. Der alte Kampfruf „Das Private ist politisch“ erlangt dadurch neue Relevanz – im Guten wie im Schlechten. Wir sollten uns aber darauf einstellen, dass wir in unseren Identitäten und Handlungen heute mehr denn je der öffentlichen Sichtbarkeit unterliegen.“ _Mehr von › Marian Adolf über Öffentlichkeit und Gesellschaft finden Sie hier: „Knowledge Society, Media Society and Democratic Action: The Case of Responsiveness“ › Knowledge Action und „Wie die Öffentlichkeit fassen? Öffentlichkeit als normatives, als empirisches und als unvollständiges Konstrukt“ › Öffentlichkeit Konstrukt

aber nur so können wir Öffentlichkeit auch dort finden, wo wir sie bislang nicht gesucht haben. Insofern ist der Satz zugleich richtig und falsch, wenn da steht, dass die Forschung sich „intensiv mit digitalen Medien beschäftigt, freilich ohne die Grundsatzfrage nach der Entwicklung der politischen Öffentlichkeit als einer gesellschaftsweiten Arena angemessen zu berücksichtigen“. Denn jedem empirischen Zugriff wohnt eine theoretische Prämisse inne. Welche Dimensionen haben Öffentlichkeiten? Das – oftmals implizite – Verständnis von Öffentlichkeit scheint dabei zumindest nach drei Dimensionen unterschieden zu sein: Da ist, erstens, zunächst ein eher politisches Verständnis von Öffentlichkeit, welches bisweilen auch begrifflich als solches gekennzeichnet ist, und sodann „politische Öffentlichkeit“ heißt. Viele VertreterInnen eines solchen rationalistischen Öffentlichkeitsbegriffes finden in den neuen Räumen bzw. Sphären des Internet – von anderen wiederum als globale Agora gefeiert – schlicht keine Zunahme von öffentlicher Kommunikation, jedoch eine Zunahme des trivialen Geplauders, verrohter Umgangsformen und Informationen fragwürdigen Inhalts. Dabei verschiebt sich dann aber die begriffliche Problematik schlicht von vom Terminus Öffentlichkeit in jenen des „Politischen“ – begleitet von der Gefahr der Ausblendung wesentlicher Arenen des öffentlichen Austausches als auch der elitären Ausschließung vermeintlich trivialer Inhalte. Da ist, zweitens, ein eher in der Soziologie verbreiteter Begriff des Öffentlichen

als Ort der sozialen Bezugnahme, der Sozialität und ihrer unterschiedlichen Ausgestaltungsformen zwischen Alltag und Institutionalisierung. Virtuelle Orte ergänzen oder ersetzen reale Örtlichkeiten des Austausches, neue Formen der Vergemeinschaftung entstehen, und die Her- und Darstellung von Identität findet eine neue Heimat in den Social Network Sites von heute. Drittens, und damit im Zusammenhang, aber – und das kompliziert die Sache zusätzlich – nicht deckungsgleich, findet man eine Unterscheidung der inhärenten begrifflichen Ansprüche an Öffentlichkeit in ein eher räumliches und ein eher modales Verständnis. Dies lässt sich an der – oftmals von Habermas inspirierten – Qualifikation von Öffentlichkeit als faire und vernünftige Deliberation zeigen, die vielen Studien zugrunde liegt, welche sodann das Internet und seine kommunikativen Foren auf eine rationalen, herrschaftsfreien Diskurs durchsuchen. Während für die einen Formen der repräsentativen Öffentlichkeit als Modus nicht von vornherein ausscheidet – es ist eine theoretische Wahl, dies zu tun – entspricht diese (alte) Form der Öffentlichkeit für andere schlicht nicht den expliziten und impliziten Ansprüchen: Sie werden also solche Formen der Öffentlichkeit entweder mit ihrem theoretische Instrumentarium gar nicht erst vorfinden, oder aber nicht als Öffentlichkeit im normativen Sinne verstehen. Dem empirischen Geschehen, welches wir suchen, die Kommunikationen, die wir als Öffentlichkeit bezeichnen, ist es aber durchaus wurscht, ob unsere Öffentlichkeitsbegriffe es abdecken können oder nicht.

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Ansteckung, und was man gegen sie tun kann
Prof. Dr. Dirk Baecker, Lehrstuhl für Kulturtheorie und -analyse

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Soziophysik Spätestens seit der aktuellen Finanzkrise interessieren wir uns für eine Soziophysik, die sich nicht nur mit Ansteckungsphänomenen, sondern auch mit der Wahrscheinlichkeit unwahrscheinlicher Phänomene beschäftigt (Ball 2003 und 2004; Sornette 2003 und 2006; Malevergne/Sornette 2006). Die ruhige Gleichgewichtswelt einer Gauss'schen Normalverteilung möglicher Ereignisse weicht einer krisenhaft stabilen Welt von Stressereignissen, die Zipf'schen Potenzgesetzen folgt, das heißt Extreme wahrscheinlich werden lässt (Simon 1955; Zanette 2006). Je unsicherer in einer zukunftsoffenen Welt die Frage beantwortet werden kann, wie es weitergeht, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Populationen von Menschen, Ereignissen und Interessen nicht etwa ausschwärmen, um den evolutionären Pool möglichst diverser Möglichkeiten auszunutzen, sondern sich ganz im Gegenteil wechselseitig suchen und aneinander orientieren, um solange dasselbe zu tun, bis kritische Zustände erreicht werden, die nur durch eine Entwicklung abgelöst werden können, die zu neuen kritischen Zuständen führt (Alchian 1950; Bak/ Chen 1991).

Diese Phänomene einer so genannten Metastabilität, in denen sich eine Unwahrscheinlichkeit mit Verweis auf ihre Unwahrscheinlichkeit robust gegenüber gleichwahrscheinlichen Alternativen abdichtet, sind nicht nur auf Finanzmärkten zu beobachten, sondern auch in der Mode, im Sport oder in den Wissenschaften. Man gewinnt den Eindruck, dass soziales Verhalten Schwarmverhalten ist (Bonabeau/Dorigo/Theraulaz 1999), und dass die Sozialwissenschaften gut beraten sind, sich mit einer Epidemiologie der Kommunikation zu beschäftigen, die als Lehre (logos) über (epi) das Volk (demos) formuliert ist, seit man Anlass hat, sich mit Seuchen zu beschäftigen. Natürlich man muss sich fragen, ob man sich auf das Thema überhaupt einlassen darf, will man nicht genau die Effekte verstärken, die man beschreibt. Interessanter jedoch ist die Frage, ob die Soziophysik, die Modellierung sozialen Verhaltens mit den Mitteln der Gleichungen komplexer, das heißt rekursiver und nicht-linearer Gleichungen, der wir diese Phänomenbeschreibungen zu verdanken haben, in der Lage ist, die Erklärungsansprüche der Soziologie aufzunehmen und zu beerben. Immerhin unterlaufen die Datenmengen, die aus den Spuren des menschlichen Verhaltens in elektronischen Netzen und andernorts gewonnen und mit Hilfe von Computern aufbereitet werden können, jeden Textanspruch, mit dem die Soziologie bisher aufgetreten ist. Die Soziophysik beobachtet genau das, was Soziologen immer schon sehen wollten: die Selbstorganisation des sozialen Verhaltens, komplett mit Fluktuationen, Bifurkationen, Katastrophen und Pfadabhängigkeiten (Bühl 1990). Aber sie weiß nicht, was sie sieht. Wo sind die Handlungen, Normen, Rollen, Medien, Systeme und Netzwerke, die Prozesse der Ausdifferenzierung, der soziokulturellen Evolution und der Selbstbeschreibung, von denen die Soziologie gesprochen hat? Kann man das alles vergessen, um stattdessen nur noch Trends zu beobachten und die Entscheidung zu treffen, welchen Trend man wann mitnimmt und welchen man wann verlässt? Ist die Soziologie vielleicht selber ein Zipf'scher heavy tail, der von etwa 1880 bis 1980 jedes Interesse an der Erklärung sozialen Verhaltens trotz des Widerstandes einiger Biologen, Philosophen, Psychologen und Ökonomen absorbiert hat und dessen Stunde jetzt geschlagen hat? Und, nicht zuletzt, müssen wir (du und ich) endgültig jeden Anspruch auf eine Gestaltung und Mitgestaltung der Gesellschaft aufgeben, wenn

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auch hier Prozesse dominieren, die alle Anzeichen einer Naturgewalt aufweisen? Konstituiert, auch das ist zu fragen, dieser Text ein Ereignis eher an der unruhigen Schwelle zu einem neuen Trend oder eher inmitten der dümpelnden Masse unspezifisch ähnlicher Ereignisse eines long tail? Für eine Immunologie des Sozialen Man kann der Soziologie nicht den Vorwurf machen, auf die Ideen der Soziophysik nicht vorbereitet zu sein. Für einen Klassiker wie Gabriel Tarde war es selbstverständlich, mit Kategorien der Assoziation und Imitation zu arbeiten, um Prozesse der Vergesellschaftung beschreiben zu können, die Ähnlichkeiten aller Art produzieren (Verhalten, Werte, Ideen, Normen), obwohl und weil das „Plasma“, aus dem diese Gesellschaft entsteht, aus heterogenen Elementen mit zahlreichen Freiheitsgraden der Bewegung und Orientierung besteht (Tarde 2008 und 2009). Aber als hätte sich die Soziologie schon früh gegen ihre eigene Ansteckung durch eine allzu alternativlose Idee geimpft, liegt der Akzent der Beobachtung sozialer Phänomene von vorneherein auf den beiden Seiten der Imitation und Assoziation einerseits und der Heterogenität und Differenzierung andererseits. Wenn ein dominanter Prozess der Ansteckung überhaupt postuliert wird, so ist es der Prozess der Ansteckung mit Differenz, der die Soziologie beschäftigt. Dies wird mit aller erforderlichen Ambivalenz formuliert, ist es doch die Differenz, die in der Form von Kraftersparnis und Arbeitsteilung ihrerseits die Assoziation ermöglicht (Simmel 1989; Durkheim 1988). Vielleicht handelt es sich um das intellektuelle und hermeneutische (moralphilosophische und theologische) Erbe der Soziologie, das diese dazu motiviert, keinen Grundbegriff zuzulassen, dem nicht das Moment eines Entscheidungsspielraums, einer Alternative, einer Ambivalenz eignet. Man will nicht nur beobachten, was geschieht, sondern immer auch

sehen, welche Institutionen, Akteure und Begegnungen welche Art von Optionen, sich so oder anders zu entscheiden, aufgreifen, reduzieren und steigern. Gerade weil Ansteckung laufend passiert und gerade weil man eine Imitation immer erst dann entdeckt, wenn sie schon geschehen ist, kommt es darauf an, mit beidem differenzierend umzugehen, das heißt dort Heterogenität nachzutragen, wo Homogenität bereits der Fall ist. Aus dieser normativen Brechung von Faktizität ergibt sich der eigentümliche Grundzug der Soziologie, jede Art von Wirklichkeit gleichsam nur gedoppelt anzuerkennen, als natürlichen Prozess, der mit physischer Gewalt ausgezeichnet ist, und als Intervention, die ebenso möglich wie notwendig ist. Sie ist möglich, weil der natürliche Prozess nicht vollständig determiniert ist. Und sie ist notwendig, weil die Natur, zumindest was den Menschen betrifft, nicht für sich selber sorgen kann. Im Medium seines freien, wenn auch schwachen Willens agiert der Mensch, sobald er kann, metaphysisch, das heißt poetisch (Vico 1981). Er infiziert die Welt mit einem eigenen Virus, und sei es nur, um kontrollierter als in der Natur beobachten zu können, welchen Gesetzmäßigkeiten es unterworfen wird und welche Chancen es hat. Diese Brechung oder auch Faltung gilt für alle Grundbegriffe der Soziologie (Bahrdt 1984; vgl. Farzin/ Jordan 2008). Eine Handlung erhält ihren Sinn von ihrem Beobachter; andernfalls wüsste man nicht, worauf sie zielt. Eine Norm gilt, weil sie nicht gilt; andernfalls würde man sie nicht brauchen. Eine Rolle sortiert Verhaltenserwartungen, die sich nicht von selbst verstehen, sondern die allererst nahe gelegt, eingeübt, sanktioniert und attraktiv gehalten werden müssen; andernfalls kämen sie nicht zum Zuge. Gruppen sind Verknüpfungen von Individuen, die hier entdecken, was sie nicht miteinander gemeinsam haben; nur das ist Zugehörigkeit. Eine Struktur schafft Invarianzen, wo alles andere sich ändert; nur deshalb wird es interessant, darauf zu achten, wer sich durch

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_Zwischenfrage an Dirk Baecker: Wie könnte die Soziologie, in der Beschreibung und Kontextualisierung der Betrachtungen aus der Soziophysik, zugleich auch die Wahrnehmungsfähigkeit des Individuums im alltäglichen Handeln fördern, zwischen persönlichem und schwarmorientiertem Verhalten zu unterscheiden? „Das beste Gegengift gegen Ansteckung ist Eigensinn: Man zögert, reflektiert und entscheidet dann erst. Auch dann allerdings steckt man mitten im Schwarm, wenn auch im Schwarm der Zögernden und Reflektierenden, die sich über allen Schwarm erhaben fühlen. Sollte man tatsächlich einmal ganz persönlich handeln, wäre das eher ein Anlass, sich Sorgen zu machen. Denn wer soll oder kann einen dann noch wiedererkennen? Also geht es wie so oft um die Dosierung: Mitschwärmen, aber auf eine leicht eigensinnige Art.“

sie gebunden fühlt. Ein System erhält sich, indem es sich von einer Umwelt abgrenzt, mit deren Beobachtung es dann laufend beschäftigt ist; beobachtet es sich, stößt es nur auf eine Funktion der Suche nach Anschlussereignissen. Eine Funktion schafft Sicherheit, indem sie Austauschbarkeit herstellt; keiner Lösung sei nicht auch ein anderes Problem zu unterstellen. Ein Netzwerk besteht aus Ereignissen, deren Zusammenhang seinen eigenen Zusammenbruch überlebt hat; andernfalls wäre nicht die Möglichkeit des Wechsels der Beziehung das Gesetz, unter dem das Netzwerk steht. Die Grundbegriffe der Soziologie Man versteht die Ungeduld des Soziophysikers mit einer Art von Soziologie, die jeden ihrer Begriffe und sich selbst gleich mit als Joker formuliert. Und dieses Spiel setzt sich ja auch noch weiter fort. Auch die eher inhaltlichen Grundbegriffe der Soziologie haben diese schillernde Natur, ihre Präzision in der Art und Weise zu suchen, wie sie ihrem Gegenstand ausweichen. Schichten, Klassen und Stände (wenn wir uns weiterhin an Hans Paul Bahrdts, 1984, Liste halten; ergänzt durch Luhmann 1975) organisieren die Mobilität, die sie behindern. Macht, Herrschaft, Autorität, politisches Handeln, Politik sind Formen der Zähmung einer Willkür, die es ohne sie nicht gäbe. Gesellschaft schließlich ist seit Aristoteles jener selbstgenügsame Zusammenhang unter den Menschen, der sich selbst nicht genügt. Interaktionen sind Begegnungen, die man vermeiden kann. Und Organisationen sind kontrollierte Formen der Beobachtung vielfältiger Unordnung. Liest man dann auch noch, dass der Soziologe Theorien pflegt, „die zu einem vom Üblichen abweichenden Wahlverhalten“ führen, nein: nicht müssen (das wäre zu viel der Erwartbarkeit), sondern können (Bahrdt 1984: 188), kommt man endgültig zum Schluss, dass die Soziologie ein Fach ist, das eher über Soziologen Auskunft gibt als über die Gesellschaft, die sie beschreiben.

Aus welcher Physik, die man dann zu einer Soziophysik hochrechnen könnte, wäre ein solches Verhalten der Infektion einer Wirklichkeit mit Ambivalenz, dem Virus der Immunität, bekannt? Relativitätsprinzipien, Unschärferelationen, Tunneleffekte, Superpositionen, Fraktale, Antimaterie, dunkle Materie, Elementarteilchenzerfall, schlafende Felder: All das scheint harmlos im Vergleich zum Spiel, das die Menschen, glaubt man den Soziologen, mit sich selber spielen. Jede Handlung, jede Kommunikation folgen dem Gesetz, es nicht gewesen sein, das Gesagte so nicht gemeint und das jeweilige Gegenüber so nicht gemeint haben zu müssen (White 1992; Leifer 1991; Leifer/Rajah 2000; Leifer 2002). Der Kommunikationsbegriff bringt dies möglicherweise am besten auf den Punkt. Er formuliert nicht nur die Abhängigkeit voneinander unabhängiger Lebewesen inklusive der Steigerung dieser Unabhängigkeit im Medium der Einrichtung stärkerer Abhängigkeiten (Stichwort: Individualisierung), sondern auch das Mitlaufen des nicht, noch nicht und nie wieder Gesagten bei allem, was, traut man seinen Augen und Ohren, dann doch gesagt wird (Stichwort: Latenz) (Luhmann 1997a und 1997b: 36 ff.). Wie kann man sicher sein, dass die Regeln der Statistik diese ebenso frivol wie melancholisch stimmenden Sachverhalte zu einer Normalverteilung neutralisieren, wenn nicht mehr mit Gauss, sondern mit Zipf das Unwahrscheinliche mehr evolutionäre Chancen auf seiner Seite hat, als man bislang dachte? Und es ist bislang nur die Statistik, auf die die Soziophysik sich verlässt. Im Gegensatz zur Soziophysik der Ansteckung ist die Soziologie eine Wissenschaft der Differenz. Jede Differenz ist immer zugleich Codierung und Oszillation. Als Codierung ist die Differenz für Ansteckung empfänglich, da hier die Effekte durchschlagen können. Als Oszillation ist die Differenz vor der Ansteckung geschützt, da sie jederzeit auf die andere Seite wechseln kann. Eine Immunologie des Sozialen müsste hier ansetzen. Und sie würde sich nicht auf diese Un-

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_Der Beitrag erscheint ebenfalls im ZU-Jahresband „Positive Distanz“, demnächst im VS-Verlag. _Das vollständige Literaturverzeichnis finden Sie unter › Baecker Literaturverzeichnis

terscheidung verlassen. Denn wer sagt denn, dass nicht gerade die Codierung schützt, weil sie übersetzt und damit verändert, also nie identisch nimmt? Und wer sagt denn, dass nicht gerade die Oszillation wehrlos macht, weil man nur die andere Seite hat, auf die man wechseln kann, und dort die Ansteckung möglicherweise schon wartet? Als Grundbegriff einer Immunologie des Sozialen, die einer Epidemiologie der Kommunikation auf die Sprünge helfen könnte, bewährt sich dann nur jener Begriff der Irritabilität, auf den sich bereits Gabriel Tarde verlassen hat und der seinerseits das Produkt einer Ansteckung der Soziologie durch die Neurophysiologie durch die Theologie ist (Schelling 1964: 80; Müller 1837, Bd. 2: 99; Tarde 2009; Luhmann 1995). Denn Irritabilität bedeutet, dass Effekte innerhalb einer bestimmten Bandbreite mit Potentialen und Reaktionen ebenfalls einer bestimmten Bandbreite so gekoppelt werden können (sei es vom Beobachter, sei es vom System), dass eine gewisse Berechenbarkeit nicht der Qualität, aber der Faktizität zu erwartender Reaktionen die Folge ist. Daran anschließend können Erfahrungen gesammelt, Erwartungen aufgebaut, Enttäuschungen verrechnet, Normalisierungen, Trivialisierungen und Institutionalisierungen vorgenommen, Kritiken formuliert, Störungen eingerichtet und schließlich Beschreibungen angefertigt und Texte geschrieben werden, die schließlich kaum noch erkennen lassen, dass Irritabilität am Anfang dieser Kette stand. Design Die Soziophysik handelt von der Ansteckung, die Soziologie von der Differenz, das Design von der Vorwegnahme von Zusammenbrüchen (Winograd/Flores 1986). Sobald man es mit komplexen Dingen, Prozessen und Systemen zu tun hat (Kelly 1990), kann man sich auf Normalverteilungen, Interpolationen und Extrapolationen, sowie auf Filter, Puffer und Blockaden nicht mehr verlassen. Jeder Minimalkontakt

hat das Potential, einen Qualitätssprung auszulösen. Jedes zusätzliche Ereignis kann die Schwelle zur kritischen Masse nehmen. Hatten sich die Designer noch vor kurzem in einer leeren Welt bewegt, die ihren Entwürfen nichts anhaben konnte (Simon 1981), so bewegen sie sich jetzt in Prozessen, die erst zum Abschluss gekommen sind, wenn der Entwurf nicht nur umgesetzt und ausgeführt, sondern auch wieder abgebaut, entsorgt und recycelt worden ist (Floyd 1987). Design ist nicht mehr Schöpfung, sondern Kontrolle (Ashby 1958), nicht mehr Gestaltung der Dinge in der Welt, sondern Gestaltung der eigenen Teilnahme an der Welt im Medium der Dinge, Prozesse und Systeme. Gerade weil wir es nur noch mit Objekten zu tun haben, die als boundary objects multifunktional genug sind, um offene Flanken für einen Zugriff zu bieten, dessen Logik uns fremd ist (Star 1989), sind wir darauf angewiesen, einen Kontakt zu halten, in dem jede unserer Wahrnehmungen, Handlungen und Kommunikationen als Sensor für Überraschungen dienen kann. Jederzeit kann sich das Ding, die feste Kopplung, auf die wir uns gerade noch verlassen haben, ganz oder teilweise in jene losen Kopplungen verwandeln, die wir auch deshalb Medium nennen (Heider 2005), weil wir wissen, dass wir nicht wissen, was sich in ihm jeweils wie vermittelt. Design, auch und gerade wenn es auf die Essenz der Dinge zielt (Schwartz-Clauss/von Vegesack 2010), bewegt sich unvermeidlich in einem System kommunizierender Röhren, in dem der Raum gekrümmt, die Zeit gefaltet, die Kausalität fremd und jede Perspektive illusorisch scheint (Breton 1955). Denn die Essenz, wenn es sie noch gibt, ist nicht mehr die der Substanz noch jene der Funktion (Cassirer 1980), sondern eine der Kommunikation. Es gibt sie nur noch als Relation der Abhängigkeit (feste Kopplung) im Medium der Unabhängigkeiten (lose Kopplung), mathematisch formuliert: als Redundanz im Medium der Varietät (Shannon/Weaver 1963), kybernetisch formuliert: als Rekursivität im Medium der Nichtlinearität (von Foerster 2003).

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_Zwischenfrage an Dirk Baecker: Wie impfen Sie sich selbst gegen metastabile Zustände, und wann haben Sie sich das letzte Mal trotzdem anstecken lassen? „Ich lasse mich dauernd und gerne anstecken, von Stimmungen, Launen, Erkenntnissen und Problemstellungen. Ich versuche allerdings, darauf zu achten, dass ich aus den Situationen, in denen ich stecke, auch wieder herauskomme. Oft genügt das schon, um die Situationen, in den man steckt, mit einer hinreichenden Lebendigkeit zu versehen. Die anderen merken, was man selber auch merkt: Es gibt ein Anderes im Selben. Stabilität ist mir ein Graus, aber Metastabilität im Wechsel zwischen hinreichend verschiedenen Zuständen lasse ich mir gerne gefallen.“ _Weitere Veröffentlichungen unter › Dirk Baecker

Wenn wir aus den Einsichten der Soziophysik (Ansteckung) und der Soziologie (Ambivalenz) Designprinzipien ableiten wollen, sollten wir uns an diesen Begriff der Kommunikation halten. Er notiert Verständlichkeit im Kontext von Unverständlichkeit und damit Berechenbarkeit im Kontext von Unberechenbarkeit. Er formuliert die Direktive, im Zweifel (also immer) für die Unterscheidung zu optieren, denn „distinction is perfect continence“ (Spencer-Brown 2008: 1). Die Unterscheidung enthält sich, indem sie alles enthält (das kann man nur im Deutschen so formulieren). Sie lässt sich ein, nimmt sich zurück und gewinnt daraus Raum für alles andere. Deshalb ist Design die Beobachtung der Form, das heißt einer Kommunikation von Innen und Außen, von der man nur weiß, dass sie passiert, aber nicht, was ihr möglicher Inhalt ist. Die Praxis, die dieser Direktive genügt, hört auf den Namen „talking the talk" (Faulkner 183: 120 ff.). Man spricht miteinander, weil man nicht weiß, welche Anschlüsse der andere sucht. Man bevölkert die Welt mit Dingen, Ereignissen, Prozessen und Systemen, weil sie einen Unterschied machen, der genutzt werden kann, um andersartige Beobachtungen, dazu passend oder nicht (wer will das entscheiden?), anzuschließen. Es gibt keine Eins-zu-Eins-Übersetzung, Abbildung oder Umsetzung welcher Wirklichkeit und welchen Entwurfs auch immer, sondern nur Dopplungen beziehungsweise Parallelaktionen, in denen jede Wiederholung bereits eine Verschiebung, jede Rekursion schon wieder eine Iteration ist (Derrida 2004). Deshalb sind Systeme (aber auch: Dinge; Latour 2005), wie Niklas Luhmann festhielt, Medien der Aufklärung (Luhmann 1970: 77). Sie bieten jenes Minimum eines Verweises auf die Umwelt, das jeden Anschluss hinreichend unwahrscheinlich werden lässt und doch zugleich Beobachtungen rekrutiert, denen auffallen kann, was stattdessen passiert.

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Von Kulturmittlern, Punks und Unternehmensnachfolgern
Worüber forschen eigentlich Studierende?
„Lautstark und ineffizient“: Zu diesem Fazit kommt Georg Krubasik in seiner BachelorArbeit, nachdem er durch ein Praktikum bei einem deutschen Hersteller von Automobilteilen in Indien die kulturellen Hürden zwischen indischen Automobilzulieferern und deren deutschen Kunden miterleben durfte. Und er regt an: Ein Mittler muss her, um Distanzen aus den unterschiedlichen Kulturen zu überwinden. wenn in seinem Heimatmarkt schon aus Prinzip nur das preisgünstigste Produkt gekauft wird? All diese Faktoren gilt es in der Geschäftsbeziehung zu berücksichtigen. Zulieferer und Kunde müssen sich gegenseitig annähern. Doch damit, so zeigt die Arbeit von Georg Krubasik, ist es nicht getan. Die Befragten, sowohl Inder wie auch Deutsche, stimmen nämlich in einem Punkt überein: „Kultur ist etwas, das nicht überspielt werden kann!“ Eine vollständige Anpassung an das Geschäftsgebaren des jeweiligen Gegenübers ist also unmöglich, da Inder in ihrem Gegenüber immer den Deutschen sehen werden – und umgekehrt. Bedeutet dies nun, dass Zulieferbeziehungen mit den unüberbrückbaren kulturellen Gräben leben müssen? Krubasik meint: nein. Unternehmen müssen vielmehr vielseitige kulturelle Schnittstellen ausbilden. Dies kann zum Beispiel geschehen, indem sich Manager über Jahre hinweg im jeweils anderen Kulturraum bewegen. Oder auch durch das Rekrutieren ortsansässigen Personals in die Führungsebenen des Unternehmens. Es ist jedoch unumstritten, dass beides ein langwieriger und kostspieliger Prozess ist. Schneller und günstiger geht es laut Krubasik durch den Einsatz von Vermittlern, die dem Unternehmen benötigtes kulturelles Wissen bereitstellen und gleichzeitig als Vertreter im jeweils anderen Kulturraum agieren. Anders ausgedrückt: durch die Nutzbarmachung von Schnittstellenkompetenz und das Outsourcen kultureller Identität. Worauf kommt es also letztendlich an, beim Geschäftemachen zwischen Indern und Deutschen? Auf Anpassungsbereitschaft und die Akzeptanz, dass vollständige Anpassung nicht möglich ist. Georg Krubasiks Arbeit wurde gleich mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Thesis Award der Bundesvereinigung Logistik.

Krubasik fiel auf, dass es in deutsch-indischen Zulieferbeziehungen immer wieder zu Missverständnissen und Uneinigkeit kommt, die dann nicht selten lautstark ausdiskutiert werden – knallende Bürotüren inklusive. Der Studierende der Wirtschaftswissenschaften vermutete, dass kulturelle Unterschiede zu Ineffizienzen führen, die letztendlich zu Kosten auf Seiten beider Kooperationspartner führen. Diese jedoch gelte es wiederum zu minimieren. Warum also kulturelle Unterschiede nicht systematisch beim Aufbau von Zulieferbeziehungen berücksichtigen? Auf der Suche nach einem solchen Ansatz führte Krubasik Interviews mit verschiedenen indischen Zulieferern, deutschen Abnehmern und mit interkulturell aktiven Unternehmensberatungen. Zahlreiche Gespräche und einige kulturellen Unterschieden geschuldete Fettnäpfchen später war klar: Gegenseitiges kulturelles Verständnis ist entscheidend, wenn es um internationale Zulieferbeziehungen geht. Ist es so zum Beispiel verwunderlich, dass indische Mitarbeiter mit der deutschen Selbstverständlichkeit eigenverantwortlichen Entscheidens überfordert sind, wenn diese es gewohnt sind, dass der Chef die Entscheidungen trifft? Oder kann man einem indischen Geschäftspartner vorwerfen, Vereinbarungen nicht einzuhalten, wenn dieser auf die Frage seines Kunden nach der Einhaltbarkeit einer Lieferfrist schon aus reiner Höflichkeit mit „Ja“ antwortet? Und wie soll ein indischer Mitarbeiter den Sinn des deutschen Qualitätsstrebens verstehen,

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› Studentische Forschungsprojekte

Weitere ausgezeichnete studentische Forschungsprojekte

Venture Capital als Entwicklungsansatz?
Benno von Buchwaldt weist in seiner Bachelorarbeit darauf hin, dass Venture-Capital-Investitionen in Afrika einen ökonomischen Entwicklungsansatz darstellen können. Dafür identifizierte er institutionelle Voraussetzungen für Venture Capital-Investitionen und entwickelte ein Modell der volkswirtschaftlichen Rendite, um deren Auswirkungen zu bemessen. Der besondere Reiz des Forschungsthemas lag für von Buchwaldt darin, eine Investitionsform zu beschreiben, welche die klassische Entwicklungshilfe einseitiger Zahlungsströme aufbricht und eine effiziente Allokation des zur Verfügung gestellten Kapitals aufgrund des Rückzahlungsmechanismus der Investorenrendite sicherstellt.

Wie finden Familienunternehmer die richtigen Nachfolger?
Wie sorgt man als Familienunternehmer dafür, dass man bei der Auswahl des Nachfolgers die richtige Entscheidung trifft? Welche Komponenten liefern innerhalb eines Nachfolgerausbildungskonzeptes einen Beitrag zu dessen Qualifizierung, und wie stark ist jeweils der davon ausgehende Effekt auf den Erfolg eines Familienunternehmens? Mit diesen und anderen Fragen hat sich Philipp Nagel in seiner Masterarbeit auseinander gesetzt. Thema: „Nachfolgerausbildungskonzepte in Familienunternehmen – eine empirische Analyse“. Motiviert, nicht zuletzt durch seine eigene Situation als (potenzieller) Nachfolger eines Familienunternehmens, sondern auch durch die Vielzahl an Nachfolgern, die vor der selben Herausforderung stehen, führte er 17 qualitative Interviews mit ausgewählten Familienunternehmern, um die gewonnenen Erkenntnisse anschließend mittels Fragebogen bei den 500 größten deutschen Familienunternehmen auf Verallgemeinerungsfähigkeit hin zu überprüfen. Das Ergebnis seiner Arbeit lässt sich so zusammenfassen: I Unternehmerfamilien, die bei der Nachfolgerauswahl ihr Entscheidungsrecht an einen Beirat übertragen, treffen die erfolgreicheren Personalentscheidungen aufgrund der gesteigerten Objektivität. Sie stellen somit sicher, dass der Nachfolger mit der größten persönlichen Eignung die optimale Ausbildung erhält. II Ferner lässt sich statistisch nachweisen, dass Nachfolger, die ein betriebswirtschaftliches Grundstudium absolviert haben und nach einigen Jahren unternehmensexterner Arbeitserfahrung in einem Masterprogramm die gewonnenen Praxiserfahrungen mit theoretischen Implikationen vereinen, eine optimierte Ausgangsbasis erlangen, um im eigenen Unternehmen erfolgreich sein zu können. III Die unternehmensexterne Arbeitserfahrung ist dabei optimalerweise bezüglich der zeitlichen Dimension so angelegt, dass ausreichend Zeit vorhanden ist, um die ersten Karriereschritte außerhalb des eigenen Unternehmens zu absolvieren. Somit ist ein Quereinstieg in eine leitende Position im Familienunternehmen von höherer Akzeptanz und Legitimation geprägt, was als Grundstein für eine erfolgreiche Tätigkeit im Familienunternehmen angesehen werden kann und somit zur nachhaltigen Sicherung des Unternehmens einen starken Beitrag leistet.

Sind alle Punks gleich?
Wie grenzten sich Punks in den 70er Jahren nach außen ab? In welchem Zusammenhang stand die Musikrichtung des Hardcore mit Lebensgefühl und Musik der frühen Punkbands? Wie wurde Punk Teil der Popkultur? Interesse an moderner Musikgeschichte und der Musikindustrie war für Ann Christin Bakhos die Motivation, sich in ihrer Bachelorarbeit mit einem solchen Themengebiet zu befassen. Durch Gegenüberstellungen mit verschiedenen Subkulturen und verwandten Stilen hat sie die wichtigsten Merkmale des Punk herausgearbeitet und dabei festgestellt, dass Punk je nach Gruppenzugehörigkeit unterschiedlich definiert wird. Einheitliches Merkmal jedoch ist die Abgrenzung zur Mehrheit.

Massen- oder Expertendemokratie?
Angeregt durch aktuelle politische Ereignisse wie zum Beispiel die Finanzkrise und Diskussionen mit Kommilitonen legt Simon Strack am Beispiel der Euro-Krise dar, warum nationale politische Institutionen und Prozesse in einer globalisierten Welt nicht mehr ausreichen, um adäquate Problemlösungen zu finden. Jedoch ist das derzeitige Umfeld internationaler politischer Zusammenarbeit sowohl undemokratisch als auch unkoordiniert, weshalb der Einfluss spezialisierter Expertengruppen stetig steigt. In Folge dessen verlieren die demokratischen Beteiligungsmöglichkeiten von Bürgern an Bedeutung. In einem Versuch, die Errungenschaften der Massendemokratie mit der Realität der internationalen Expertendemokratie zu kombinieren, plädiert Strack für eine Verbesserung der nationalen Beteiligungsmöglichkeiten und eine verstärkte fachliche Spezialisierung der nationalen Volksvertreter.

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Abstand, Umstand, Anstand
Wahrnehmungen, Überlegungen und andere Interpretationen zum Ästhetischen von Ruediger John

Anlässlich des Sommerfestes 2010 wurde der Künstler Ruediger John im Rahmen des artsprogram der Zeppelin Universität eingeladen, die wissenschaftlichen Beiträge zum Jahresforschungsthema „Positive Distanz“ um einen Vortrag aus künstlerischer Perspektive zu erweitern. Ruediger John, der als Künstler das ZUMagazin „auf“ konzipiert hat, nimmt im Abdruck seines Vortrages das Publikum bzw. hier den Leser mit auf eine alltägliche Bilderreise, führt mit positiver Distanz durch Verhaltensweisen im medialen Speichern von Wahrnehmung, betrachtet den Umgang mit Erlebtem und Digitalisiertem, und dies immer mit der Frage nach dem perfekten Urlaub.

Sie sehen eine Slideshow, nach letztem technischen AmateurStandard auf der Basis eines Templates produzier t, mit Zoom-Effekten, welche sich den Bildinhalten anpassen, indem sie beispielsweise eine automatische Gesichtserkennung nutzen – damit niemand aus dem Gruppenbild herausfällt –, sowie intelligent mit verschieden animierten Bildüberblendungen und Bewegungsrichtungen dramatisierend – damit keine Langeweile beim Betrachter aufkommt –, projiziert mittels sogenanntem Beamer im angenehm schummrigen Vortragsraum. Die Bilder sind Fotos aus meinen letzten (Urlaubs-) Reisen (oder könnten es sein), und Sie sind die erste Öffentlichkeit, welche diese Bilder zu sehen bekommt. In der Tat, es könnte sein, dass auch ich einige der Bilder heute zum ersten Mal sehe, weil die

Software eine Auswahl getroffen und ich noch nicht alle vorab habe sichten können. Nun sind Sie nicht gekommen, um in fremden Urlaubsträumen zu schwelgen, und ich habe nicht vor, Sie in dieser Form zu unterhalten. Vielmehr soll diese Beispielpräsentation wirken, um einige zeitgemäße Phänomene aufzuzeigen – und doch kann dies auch dazu beitragen, dass Ihr nächster Urlaub ein Traumurlaub wird – doch dazu später mehr. Wir alle kennen das: Im Zuge der Digitalisierung der Fotografie erzeugen wir Datenmassen, Bilder in immer höherer Auflösung und Farbtiefe, nur um sie dann in aller Schnelle – um auf der Kamera Platz für neue Aufnahmen zu machen –, manches Mal sogar unbesehen, geschweige denn einem privaten oder breiterem Umfeld gezeigt, in unserem FestplattenArchiv verschwinden zu lassen. Die kostengünstige und technisch so einfache Möglichkeit, Bilder von allen subjektiv wichtigen Lebens-

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ereignissen festzuhalten und schier unüberschaubare Schnappschuss-Serien zu erzeugen, hat uns mehr denn je zu Bildersammlern gemacht. Jedoch ist es ungleich schwieriger und zeitlich aufwändiger, die Bildmengen uns wieder vor Augen zu führen, dokumentierte Ereignisse sortiert, ausgewertet und narrativ vernetzt darzustellen und Erlebtes und dabei Empfundenes nachzuerleben. So entgehen uns Lebensmomente gleich zweifach, da wir doch gerade diese festhalten wollen: Während wir durch den Sucher nach dem richtigen Ausschnitt des Momentes Ausschau halten und – den Finger leicht auf den Auslöser gedrückt – auf den richtigen Augenblick harren, geschieht das Leben. Haben wir die Bilder gemacht, nutzen diese aber nicht zu einer intensiven Nachschau, lassen wir die Chance verstreichen, aus der Betrachtung nachzuerleben, zu erfahren und zu erkennen – und gegebenenfalls auch die damals empfundene Bedeutsamkeit neu zu bewerten und Lehren zu ziehen. Wir sammeln, wissen aber nicht zu welcher Nutzung; wir dokumentieren, wissen aber nicht zu welchem Zweck? Unsere Wahrnehmungsgewohnheiten sind hochentwickelt und geradezu verwöhnt: Alle umgebenden Werbebilder sind unter perfekten Bedingungen aufgenommen, elektronisch retuschiert und optimiert und in Hochglanz gezeigt. Und gleiches gilt auch für Bild- und Filmsequenzen aus Fernsehen und Kino, welche wir nicht primär unter dem Aspekt der Werbung – und somit als geschönte Übertreibungen um deren begrenzten Wahrheitsgehalt man weiß –, sondern mit der inneren Haltung (wir versetzen uns in die dargestellte Situation, lassen uns mitreißen, und fiebern um Protagonisten) sie als potentiell wahrhafte Erzählungen zu akzeptieren. Unsere eigene Bildproduktion jedoch bleibt meist in ihrer visuellen Qualität – mangels Equipment und Erfahrung – weit hinter den rezipierten Bildern zu-

rück – zumindest wenn man, was nicht unüblich ist, den gleichen Maßstab in der Betrachtung anlegt. Indiz dafür ist bspw., wenn bei der Besprechung einer Vorführung privater oder künstlerischer Präsentationen, Fragen nach der technischen Umsetzung wIe? derer nach Inhalt was? und insbesondere der Relevanz waruM? übertreffen. Und im eigenen, amateurhaften Schaffen wird der Einfluss unserer Rezeptionsgewohnheiten und der Versuch, die Lücke zum Professionellen zu schließen, im Sprachgebrauch deutlich: Der Amateur ist nicht mehr der Liebhaber der Dinge – wie die ursprüngliche Wortbedeutung lautet –, sondern dient der Abwertung der Tätigkeiten, und noch verstärkend wird der Begriff des Dilettanten verwendet, als einem, der nicht weiß, was er tut. In Unterhaltungen – mitunter auch im professionellen Bereich – über Gestaltungsmöglichkeiten mit technischen Hilfsmitteln, misst sich manches Mal der Diskurs anhand bestimmter Möglichkeiten von Computersoftware und deren Funktionen – auch weil deren Auswirkungen auf die Darstellung so deutlich zutage treten; die Leistungsfähigkeit der Software, also das kreative Ergebnis, deutlich sichtbar beeinflusst. Ganze Fachbegriffsbereiche orientieren sich an den Benennungen der Menüpunkte und Filterfunktionen diverser Softwareapplikationen – Sie erinnern sich, wie ich zu Anfang von einer „Slideshow“ sprach, von „Effekten“ und „Animationen“, vom „Beamer“ und „Templates“ –, und spiegeln auch die Vereinheitlichung der ästhetischen Elemente, der oftmals englischsprachigen Benennungen, wider. Bezeichnen wir etwas als gelungen, wenn wir uns haben blenden lassen vom aktuellen Stand des technisch Machbaren? Weil wir ständig Bilder erzeugen, und weil jeder so viele Bilder erstellt, haben wir keine Zeit, diese als Hilfsmittel oder gar Möglichkeit zur Reflexion zu nutzen: Die persönlichen Ressourcen, mit der angehäuften visuellen Information umzugehen, diese ein- und zuzuordnen und Revue passieren zu lassen,

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sind begrenzt; man braucht bereits die verfügbare Aufmerksamkeit und mehr, um sich allen anderen sozialen und funktionalen Lebensanforderungen zu widmen, so dass sich für eine Kontemplation zum Anlass, den Umständen und der Relevanz der erzeugten Abbilder keine Gelegenheit findet. Wie auch in anderen Bereichen unseres Lebensumfeldes, ist die Vielheit, Größe und der Detailreichtum – die Quantität – und nicht die Beschaffenheit und individuelle Wirkung und Bedeutung des einzelnen Elementes – die Qualität – als Maßstab zunächst wichtiger. Obgleich auf lange Sicht die Masse den persönlichen Blick auf das Wesentliche verhindert, einen Überblick verunmöglicht. Auch fehlt es am geeigneten Publikum, um im Zeigen etwas dieser Beschau zu externalisieren, denn wen möchte man beispielsweise mit Diaschauen aus dem eigenen Leben langweilen. Erinnern Sie sich an die 60er und 70er Jahre, in denen Nachbarn und Freunde sich gegenseitig zum vertonten Diaabend einluden? Es gilt also, entweder das eigene Leben oder aber zumindest dessen Darstellung so zu dramatisieren, dass es einer Dokumentation würdig und durch andere als sehenswert empfunden wird. Bekannt sind uns (zumindest als Plakatankündigungen auf der Straße) die Kommerzialisierung dieser Form, die Multivisionsschauen zu Reisen an exotische Orte –, und/oder man fängt sein Publikum, in allseitiger Konkurrenz um Aufmerksamkeit, mit möglichst weit ausgeworfenem Netz – durch die Veröffentlichung auf diversen Video- und Fotoportalen im Internet. Bei der Aufbereitung und breiten Verteilung unterstützen uns diverse technische Hilfsmittel, wie diejenige, welche ich für meine Präsentation verwendet habe, um eine perfekte, hochglanzähnliche, quasi auf eine Mimesis aktueller werblicher Darstellungsformen reduzierte Gestaltung zu erzeugen – welche als Ergebnis eines automatisierten Templates entpersönlicht und austauschbar wird; obgleich doch diese Schau des Privaten besonders authentisch und subjektiv sein/erscheinen soll. Ersetzt eine künstliche Dramatik der Darstellung die persönliche Relevanz des Erlebten? Wir sitzen hier gemeinsam im Halbdunkel, um uns still und gesittet Bilder anderer Orte und Ereignisse, lichtdurchflutet und lebendig, anzuschauen. Man kommt nicht umhin, in dieser Situation – und glei-

ches gilt auch für das soziale Internet als solches – auf Platons Höhlengleichnis zu verweisen: Als Publikum versetzen wir uns in die Lage eines limitierten Blickes auf die Nacherzählung und priorisieren diese einer Primärerfahrung. Und ich habe vorab Zeit aufgewendet, diese Vorstellung vorzubereiten, um in der Abstraktion auf ebendieses Phänomen zu verweisen und – hoffentlich, mögen Sie jetzt denken – auch auf Möglichkeiten des Handelns einzugehen. Welche konkreten Optionen im Umgang mit der persönlichen Bilderzeugung, den Bildwelten des Alltags und ihrer Aufmerksamkeitsökonomien könnte es geben? Möglicherweise könnte man verstärkt auf das unvermittelte Erleben achten, auf die Primärerfahrung Wert legen und diese stärken. Das bedeutet in Bezug zu meinen und Ihren Urlaubsbildern und Fotos von diversen anderen Lebensanlässen, diese anders zu nutzen als bisher; beispielsweise: Man könnte aus dem Bilderfundus jedes Ereignisses maximal drei Bilder auswählen, welche einen zusammenfassenden oder besonderen oder bestenfalls besonders persönlichen Blick auf das Geschehene darstellen und vernichtet alle übrigen Bilder – so befreit man sich von Beschränkungen, welche durch die Quantität entstehen; denn das Weglassen von Details ist entscheidend für eine übergreifende Wahrnehmung und Erkenntnis. Man integriert die ausgewählten Bilder in sein Alltagsleben, um von ihrer Präsenz und Wirkung zu profitieren. Man stellt sie auf, trägt sie bei sich oder hält sie auf andere Weise sichtbar – so stärkt man die Erinnerung an die Ereignisse und ermöglicht (im besten Falle) den sozialen Austausch über diese. Man macht einfach weniger Aufnahmen bei Feiern, Ereignissen und auf Reisen: So erlebt man mehr im aktuellen Geschehen. Und schließlich, wenn die Bildkonvolute eingeschränkt sind – und so entstünde dann möglicherweise auch ein Traumurlaub – nutzt man sein begrenztes Erinnerungsvermögen und die Verklärung als menschliche Fähigkeit, um in der rückblickenden Erzählung des Geschehens, Traumhaftes oder gar Phantastisches entstehen zu lassen. Ist ein Traumurlaub alles das, was nicht in Abbildungen zu sehen ist?

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Hochglanz hautnah – Die Kunst im Magazin
Ulrike Shepherd, Kuratorin am artsprogram der Zeppelin Universität

Was kann die Kunst? Oder sehr viel spezifischer gefragt: Welchen zusätzlichen Informationsgehalt kann die Bildstrecke des Künstlers Ruediger John zur multiperspektivischen Erörterung des Magazinthemas „Positive Distanz“ einbringen? Es zeigt sich: Die fotografische Intervention wird zum Mehrwert durch die künstlerische Setzung.

Hochglanz und Forschung

Die Fotografien mit hochglänzenden Botschaften aus Sphären wie Mode und Eros, Reichtum und Macht signalisieren dem ersten flüchtigen Blick zunächst nichts Ungewöhnliches am visuellen Magazin-Auftritt. In attraktiv schillernder Farbigkeit führen die Bilder von Kapitel zu Kapitel und rufen Erinnerungen an gewohnte Abbi ldungsreper toires von Journa len und Magazinen ab. Mit dieser zweiten Ausgabe des Hochschulmagazins trifft man auf eine Gestaltung, die den ästhetischen Erwartungen an ein Modemagazin sofort gerecht wird, im Kontext Forschung jedoch überrascht. Diese Deplatzierung verführerischer Werbebilder in einem wissenschaftlichen Zusammenhang erschließt sich dem Leser jedoch bei einem zweiten Blick in Verbindung mit den Themen der Texte, wodurch der autonome künstlerische Beitrag zunehmend an Sichtbarkeit gewinnt und sich Ruediger Johns Fotografien als strategische Aneignungen aus der medialen Umwelt zu erkennen geben. Dann zeigen die Aufnahmen von Modefotografien ihre

Manipulationen, Transformationen und Neuinterpretationen im Hinblick auf ihre Funktion als künstlerische Kommentierungen zum Magazinthema. Bedeutung durch Distanz Das Logo ChaNel könnte man in Bezug auf den Artikel als ChaNge (Kleingeld, aber auch Wechsel) lesen, wIN im Bild wird zum Thema Grenzwertiges Management platziert, Beautyprodukte werden zu Petrischalen, Masken mit Kussmündern erinnern plötzlich an die Anonymous-Bewegung mit der GuyFawkes-Maske, Verführung wird zur Überwachung und damit der Model-Shot zur geschmacklosen Voyeurszene. Verschiebungen von Bedeutungen, Hervorhebungen, perspektivische Verzerrungen und Erzeugen von Aufmerksamkeit gehören zu Ruediger Johns künstlerischem Methodenrepertoire, über welches die gefundenen Motive mit kritischer Bedeutung aufgeladen werden. Dabei bedient sich John in seinem visuellen Beitrag spielerisch und raffiniert der Werbeästhetik und übernimmt deren verführerische Aspekte mit subtiler Ironie und Sinn für das Groteske.

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_artsprogram der Zeppelin Universität: Für einen Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft lädt das artsprogram KünstlerInnen, welche in ihren Kunstpositionen gesellschaftsrelevante Fragen stellen, ein, auf den universitären Kontext und seine Themen Bezug zu nehmen. Einladungen an KünstlerInnen, in längerfristigen Projekten zu forschen, Ereignisse und Feste inhaltlich mit Beiträgen zu bereichern, in Veranstaltungen und Eröffnungen ihren spezifischen Ansatz vorzustellen, studentische Initiativen und Projektarbeiten in der Lehre zu betreuen, ermöglichen an der ZU eine lebendige Erfahrung zeitgenössischer künstlerischer Praxis. › artsprogram _Ruediger John (A) bedient sich in seinen künstlerischen Arbeiten sowohl situativer, installativer, interventionistischer Formen wie auch recherche- und publikationsorientierter Strategien. Seit 1997 beschäftigt er sich in theoretischen und praktischen Arbeiten in künstlerischer Forschung und systemischer Kunst. Mit der Gründung „Gesellschaft für kritische Ästhetik“ fokussierte er transdiziplinäres Arbeiten und Forschen und die Anwendung ästhetischer und künstlerischer Kompetenzen in gesellschaftlichen Subsystemen, wie Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, u.a. zur Verankerung eines differenzierten Reflexionswissens. › Ruediger John

Bilder von Hochglanzbildern Die Sujets, idealisierte Abbilder der Sehnsucht nach Schönheit – stereotype Männer- und Frauendarstellungen aus der Werbung, Luxusartikel und nobles Ambiente – sind aus eigenwilligen Blickwinkeln von Neuem abgelichtet, perspektivisch verzerrt, beim Fotografieren en plein air in natürliches Licht gesetzt und damit aus ihrer früheren künstlichen Inszenierung herausgefallen, verfremdet, fragmentiert, spielerisch arrangiert und ironisch interpretiert. Gezielt wurden im Kamerazoom die Spiegelungen der Hochglanzbroschüren aufgesucht, und die Licht- und Fotolinsenreflexionen sind als Spuren der Technik im Bild integriert, um die besitzergreifende Aneignung und das Zitieren fremden Bildmaterials offenzulegen bzw. unübersehbar werden zu lassen und um Aufmerksamkeit für die fotografischen Behauptungen des Künstlers zu erzeugen. Abstand durch Nähe Kanten im Bild, Wellen vom Umblättern, Unsauberkeiten auf der Bildoberfläche, Verletzungen im Papier:

Die Kameranähe zum Sujet lässt die Materialität und mediale Verortung der Abbildungen im Magazin bewusst werden. Überspitzte Sinnlichkeit, Übertreibung des bereits Übertriebenen, porentief und pixelnah, gleitet von Fashion zu Fischen und hinterlässt gemischte Gefühle. Über die fotografische Nähe wird reflexive Distanz zu den funktionalen Bildern der Werbung erzeugt, welche, kühl und distanziert auftretend, auf Affekte und Verführung zielen. Der subjektive Kamerablick lässt die absichtsvoll erzeugten Bilder von inszenierter Schönheit in ihrer Künstlichkeit erscheinen und entmystifiziert die idealisierten Weltbilder. Mit der Entlarvung der Inszenierung durch die Sichtbarkeit des Fotografierens wird die hingebungsvolle Betrachtung gestört, das Bild als Bild wahrgenommen und die Macht des Images gebrochen. Distanz zum Text Das eine Mal tauchen die Bilder unter den Text ab, ein anderes Mal rücken sie in ihn hinein, sie treten in Beziehung zum Inhalt oder entfernen sich auch wieder von ihm durch freie Assoziationen. Dem Text,

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_Ulrike Shepherd (D) ist seit 2007 als Kuratorin am artsprogram der ZU tätig. Das artsprogram etabliert als Praxislinie des „Center for Arts and Research“ zeitgenössische künstlerische Praxis als Bestandteil von Lehre und Forschung.

in dessen Kontext sie stehen, können und wollen sich die Bilder inhaltlich nicht entziehen, ihre autonome sinnliche Kommentierung und die Beziehungen der Fotografien untereinander schaffen jedoch eine weitere visuelle Bedeutungsebene. Ruediger Johns fotografische Untersuchung der visuellen Wirkung von Bildern, Bildaussagen und Botschaften und die fotografisch vermittelten Erkenntnisse repräsentieren nicht Textinhalte, sondern den autonomen Informationsgehalt von Bildern. Auf diese Weise sensibilisieren Johns ästhetische Strategien für sinnliche Wahrnehmungsqualitäten und geben Anlass, den komplexen Beziehungen zwischen Text- und Bildinhalten, Forschung und Medienwelt nachzugehen. Ein Magazin als Exploration Über den autonomen visuellen Kunstbeitrag hinaus ist das Magazin selbst ästhetische Erforschung und experimentelles Untersuchungsobjekt. Die Einladung an den Künstler zur Entwicklung der Magazinkonzeption bedeutete gleichzeitig eine kritisch-ästhetische Perspektive auf Fragen der Kommunikation, Informationsaufbereitung und Erkenntnisarbeit in Print und an der Schnittstelle zu Non-Print. Denn für Ruediger John, zu dessen Praxis eine multiperspektivische, kritische Auseinandersetzung mit konkreten Situationen und Fragestellungen für transdisziplinäres Arbeiten gehört, ist ein wesentliches Element seiner Konzeption das Aufbrechen der sonst üblichen Raster von Publikationen.

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aufgefallen

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Premiere bei Promotionsrecht

wIe wuRDe FRIeDRIchShaFeN eIgeNtlIch zuR uNIveRSItätSStaDt?

Spitzenleistung mit Breitenwirkung Gesagt ist gesagt

waS waReN DIe höhepuNkte DeS heRBStSemeSteRS?

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aufgedreht

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Vom Kultur-Festival bis zum Klima-Gipfel
womIt BeFaSSeN SIch StuDIeReNDe IN IhReN pRoJekteN?

Kreative Konkurrenten auf etablierten Märkten
mIt welcheN IDeeN StaRteN StuDIeReNDe IhR eIgeNeS uNteRNehmeN?

aufgestiegen

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Zwischen Nähe und Distanz: Zwei Alumni im Interview

waS macheN aBSolveNteN Nach IhRem StuDIum? aufgepasst

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Veranstaltungsvorschau Frühjahr 2012

aufgebaut

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Ein Campus als KreativQuartier

wIe geht eS weIteR mIt DeR zuküNFtIgeN heImat DeR zu Im FalleNBRuNNeN?

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Token-System im Magazin Impressum

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Premiere beim Promotionsrecht
Wie wurde Friedrichshafen eigentlich zur Universitätsstadt?
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung sprach von einer „Zäsur in der deutschen Universitätsgeschichte“: Am 10. September 2011 hat die ZU vom Land Baden-Württemberg die eigenständigen Promotions- und Habilitationsrechte erhalten. Und es war in der Tat eine Premiere: Die ZU ist damit die erste private Hochschule in Deutschland überhaupt, der diese Rechte nach erfolgreichem Akkreditierungsverfahren und auf Empfehlung des Wissenschaftsrates verliehen wurden. Die ZU ist nun die zehnte Universität in Baden-Württemberg – und Friedrichshafen die 84. Universitätsstadt Deutschlands.

„Der ZU ist es gelungen, das in BadenWürttemberg notwendige Akkreditierungsverfahren beim Wissenschaftsrat zu bestehen. Die Voraussetzungen für die Verleihung des Promotionsrechtes liegen vor“, erklärte Theresia Bauer, Baden-Württembergs Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, bei der Verleihung der Titelrechte anlässlich des ZU-Sommerfestes vor 1700 Gästen und ergänzte: „Die ZU ist ein wichtiger Teil unseres Hochschulsystems. Sie ergänzt die staatlichen Angebote und sorgt für mehr Vielfalt.“ Wie alle privaten Hochschulen arbeite die ZU staatsfern und unabhängig, und die staatliche Anerkennung bescheinige der Hochschule wissenschaftliche Qualität. Vorausgegangen war die erste Akkreditierung einer deutschen Universität für das Promotionsrecht durch den Wissenschaftsrat im Mai 2011. Dies hatte das Land Baden-Württemberg als Voraussetzung für die erstmalige Vergabe der Titelrechte an eine private Hochschule gemacht. „Darin lag insofern eine besondere Strenge, als in anderen Bundesländern dieses Recht privaten Hochschulen viel selbstverständlicher und mitunter –

etwa in Berlin – fast pauschal eingeräumt wird“, befand der Wissenschaftsjournalist Jürgen Kaube in der FAZ und folgerte: „Man kann nicht nur die Universität am See, man kann auch den Wissenschaftsrat zu dieser Entscheidung beglückwünschen“. „Die ZU steht als freie Stiftungsuniversität seit Gründung in der humboldtschen Tradition: forschende Lehre und lehrende Forschung“, beschreibt ZU-Gründungspräsident Prof. Dr. Stephan A. Jansen das Selbstverständnis und freut sich für seine Kollegen und vor allem für die Nachwuchswissenschaftler der ZU: „Die Wertschätzung des Wissenschaftsrats war ermutigend, die sehr zügige Verleihung durch das Ministerium motivierend, nun werden wir die Vorschusslorbeeren, die wir im Nachgang zu acht Jahren guter Forschung erhalten haben, gut eintopfen und gießen – also einfach weiter forschen.“ Jansen dankte sowohl den Wissenschaftlern und den Pionier-Studierenden, den Initiatoren der Zeppelin Stiftung und deren Stiftungsunternehmen sowie den weiteren über 600 Förderern für die wissenschaftliche wie finanzielle Ermöglichung einer Forschungsuniversität.

Die Vergabe der Promotions- und Habilitationsrechte – sie war zugleich auch ein Geschenk der Uni an die Stadt, kam sie doch pünktlich zum Stadtjubiläum 200 Jahre Friedrichshafen. Der Erste Bürgermeister Friedrichshafens, Dr. Stefan Köhler, sah denn auch die Unterstützung und Förderung durch die Stadt bestätigt: „Die ZU ist mit der Titelrechtsvergabe eine echte, staatlich anerkannte Universität geworden.“ Und er versprach: „Die Stadt wird helfen, dass sie sich weiterentwickeln kann“. Die ZU hatte zuvor mehr als 80 Promotionen in Kooperation abgeschlossen und hat aktuell rund 100 Promotionen in der Betreuung. Zehn Nachwuchswissenschaftler der ZU wurden inzwischen auf Professuren in aller Welt berufen. Am 20. Januar 2012 wird die „Zeppelin University Graduate School | ZUGS“ gemeinsam mit dem internationalen Wissenschaftlerbeirat feierlich eröffnet. Die ZUGS bündelt dann die forschungsorientierten MasterProgramme und die teilstrukturierten Promotionsprogramme.

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_weitere › Wegmarken _Start der vierjährigen Bachelorprogramme _Verleihung des eigenständigen Promotionsrechts _Berufsbegleitender Masterstudiengang für digitale Geschäftsmodell-Innovationen (eMA DIP) gestartet _Absicherung der Langfristfinanzierung und Erhöhung der Ausfallbürgschaft durch die Zeppelin-Stiftung und die Stiftungsunternehmen _Gesamtgewinn der WHU-Euromasters der ZU-Studierenden _Eröffnung des ZU-HauptstadtCampus am Hackeschen Markt in Berlin _BürgerUniversität mit Thomas Gottschalk und fast 800 Gästen _Neuer Bachelorstudiengang Sociology, Politics & Economics (SPE) kurz vor dem Studienstart mit 30 Beginnern _Start des Magazins auf _Bauentscheidung zum neuen Hauptcampus am Fallenbrunnen getroffen, Konzeptionsphase der ContainerUni begonnen

Spitzenleistung mit Breitenwirkung
Was waren die Höhepunkte des Herbstsemesters?
Top-Bewertung für Master in Wirtschaftswissenschaften Im Mitte Dezember erschienenen neuen Master-Ranking des Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) wurde der zweijährige Masterstudiengang der ZU im Bereich der Wirtschaftswissenschaften mit einer Top-Platzierung bewertet. In allen fünf Kategorien Studiensituation, Betreuung durch Lehrende, Übergang ins Masterstudium, Praxisbezug und Wissenschaftsbezug wurde der ZU-Master mit einem grünen Punkt und damit in der Spitzengruppe bewertet. Neben der ZU sind nur noch die Angebote der Universitäten Augsburg, Mannheim, der TU München sowie der privaten Business Schools HHL, ebs und WHU so positiv beurteilt worden. Feierliche Eröffnung des „European Center for Sustainability Research“ Am 1. Dezember wurde das Europäische Zentrum für Nachhaltigkeitsforschung („European Center for Sustainability Research“, ECS) feierlich eröffnet. Den Festvortrag hielt dabei der Naturwissenschaftler und Politiker Professor Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker. Im Mai dieses Jahres gegründet, hat das ECS im Herbstsemester mit nunmehr vier Wissenschaftlern seine wissenschaftliche Arbeit aufgenommen. Im Zentrum steht dabei die Erforschung der wirtschaftlichen, politischen, ökologischen und kulturellen Grundlagen einer zukunftsfähigen, generationsgerechten Gesellschaft. Die Finanzierung des ECS an der ZU wird von Förderern mit unterstützt. Der Initiator der privaten Förderer ist die Tognum-Gruppe. Der Antriebssystem- und Energieanlagenspezialist fördert aus unternehmerischer Verantwortung den Aufbau des ESC finanziell und wird sich inhaltlich als Impuls- und Ideengeber aus der Praxis einbringen. Zudem finanziert die AUDI AG eine Stiftungsprofessur mit dem Schwerpunkt Unternehmerisches Handeln, Globale Verantwortung und Nachhaltigkeit. CCM-Bachelor einer der besten Studiengänge der Republik Beim Finale des Wettbewerbs „Cum Laude“ des Stifterverbandes in Berlin belegte die ZU aus 82 eingegangenen Vorschlägen unter den neun Finalisten den dritten Platz, dotiert mit 1000 Euro. „Der achtsemestrige Bachelorstudiengang verfolgt das Ziel, kulturelles Wissen und kommunikative Kompetenz als Schlüsselqualifikationen des 21. Jahrhunderts zu fördern“, befand die überwiegend mit Studierenden besetzte Jury. Er verknüpfe „einen breit angelegten, interdisziplinären Bildungsansatz mit studentischen Forschungs- und Praxisprojekten, die den Studierenden die Reflexion über das eigene fachliche und berufliche Handeln ermöglichen sollen“. Start der vierjährigen Bachelorprogramme Mit der Rekordzahl von 241 Erstsemestern startete die ZU ins Herbstsemester - und damit in die neuen jeweils vierjährigen Bachelor-Studiengänge. Damit ist die ZU die erste Universität deutschlandweit, die alle Bachelor vierjährig anbietet. Mit diesem neuen Jahrgang wuchs die Universität auf nunmehr 851 Studierende. Ab Januar 2012 kommt der neue Studiengang in „Sociology, Politics & Economics“ (SPE) hinzu.

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aufgefallen aufgemerkt

Gesagt ist gesagt
Was kann man von Praktikern aus Politik, Wissenschaft und Medien für die Theorie lernen?
Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, die TV-Größen Thomas Gottschalk und Günther Jauch, der Naturwissenschaftler und Politiker Professor Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker und Italiens Chefdiplomat in Deutschland Michele Valensise: Sie waren die prominentesten einer Reihe von Gästen, die im Herbstsemester 2011 an der ZU zu Gast waren. Und sie hatten Pointiertes zu sagen. Ein Auszug:

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› Veranstaltungen
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„Mit dieser Entscheidung verbindet sich die Anerkennung für die hohe wissenschaftliche Qualität, mit der in Friedrichshafen gearbeitet wird.“
Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg, zur Verleihung der eigenständigen Promotions- und Habilitationsrechte an die ZU anlässlich des Sommerfestes, 10.09.2011 _02

„Unsere Pflicht ist es, diese Länder bestmöglich zu unterstützen. Wir würden uns freuen, wenn sich Europa hier mehr engagieren würde.“
Michele Valensise, Italiens Botschafter in Deutschland, über den arabischen Frühling in der studentisch organisierten Veranstaltungsreihe „Global Talks“ des „Club of International Politics“, 17.10.2011

„Ich habe tatsächlich ein Problem damit, wenn die sich vor der Kamera fetzen bis zum Gehtnichtmehr, und in dem Moment, in dem die Sendung aus ist, liegen sie sich im Grunde in den Armen und gehen sehr kollegial an die nächste Bar.“
Günther Jauch, TV-Journalist und -Produzent, bei der Podiumsdiskussion über „Politik jenseits der Rituale“ bei der Eröffnung des HauptstadtCampus der ZU am Hackeschen Markt in Berlin, 26.11.2011

„Nachhaltigkeit braucht ganz neue Technologien und eine neue Zivilisation.“
Professor Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Naturwissenschaftler und Politiker, anlässlich der Eröffnung des Europäischen Zentrums für Nachhaltigkeitsforschung an der ZU, 01.12.2011

_04 „Das geht auch, ohne dass andere Schaden nehmen. Und das ist wahre Unterhaltung.“
TV-Entertainer Thomas Gottschalk über sein Selbstverständnis und seine Arbeit als „Wetten, dass ..?“-Moderator anlässlich der Bürger-Universität, 01.12.2011

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aufgedreht

Vom Kultur-Festival bis zum Klima-Gipfel
Womit befassen sich Studierende in ihren Projekten?
Projekte für und über das Studium hinaus: Dazu findet sich jedes Semester eine Vielzahl von ZU-Studierenden zusammen. Dabei behandeln sie internationale Themen, aber auch solche, die die Region bewegen. Wie etwa die Initiatoren von „seekult“. In einem zweitägigen Festival spiegelten sie die 115 Nationen in ihrem Umfeld. Die Macher des „European Youth Summit on Climate Change and Adaptation Strategies“ wiederum brachten 100 Schüler aus ganz Europa an den Bodensee, um eine Woche lang einen Klimagipfel zu simulieren. Und mit „Zauberflöte re-loaded“ gelang eine künstlerische Zusammenarbeit zwischen Studierenden und Menschen mit Behinderung der Stiftung Liebenau.

Friedrichshafen, eine Stadt mit knapp 60000 Einwohnern: Wer hätte gedacht, dass dort Menschen aus 115 Nationen zusammenleben? Solcherlei kulturelle Vielfalt assoziieren viele mit Großstädten, nicht aber mit einer Kreisstadt am Bodensee. Diese Vielfalt war der Ausgangspunkt des zweitägigen Kulturfestivals „seekult“, das neun Masterstudenten der ZU initiierten. seekult sollte, so das Ziel der Studierenden, als „Contact-Zone“ durch gemeinsame kulturelle Erlebnisse inspirieren und motivieren, Raum schaffen, mit Neugier und durch gegenseitige Entdeckung einen Dialog zwischen Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Herkunft fördern beziehungsweise eröffnen. Und dies auf eine sehr abwechslungsreiche Art und Anregung, diese Vielfalt offen zu leben.

An beiden Festivaltagen erlebte das Publikum ein breites Spektrum bunter und künstlerisch hochwertiger Festivalinhalte. Das Thema der Diversität wurde sowohl in ihrem Ensemble als auch in ihrer künstlerischen Arbeitsweise wiedergespiegelt. Die professionellen Tanz- und Theaterstücke, eine Ausstellung zu Migration in Friedrichshafen sowie drei thematisch flankierende Workshops im Vorfeld und während des Festivals bildeten dabei die Hauptsäulen. Darüber hinaus war das facettenreiche Rahmenprogramm ein entscheidender Faktor für die Auseinandersetzung der Festivalbesucher miteinander. Es setzte sich aus vielen kleinen Veranstaltungen zusammen: „Politisches Speed-Dating“, Workshop-Präsentationen und Diskussionsrunden, Poetry Slam, „Sprachkurs auf dem stillen Örtchen“, ein Lichtspielpro-

gramm und auch „konventionelle“ Kunstund Fotoinstallationen sowie Auftritte verschiedener (ethnischer) Musik- und Tanzgruppen. All dies regte die Besucher zu Gesprächen an, zu gemeinsamem Feiern und Staunen und sorgte überdies für viel Abwechslung. Die vielen positive Stimmen und zufriedenen Festivalbesucher lassen bei den Veranstaltern die Hoffnung wachsen, mit „seekult“ eine langfristige Veranstaltung ins Leben gerufen zu haben. Wie umgehen mit dem Klimawandel? Premiere am Bodensee: Im August 2011 fand der erste, von ZU-Studierenden organisierte Jugendklimagipfel European Youth Summit on Climate Change and Adaptation Strategies in Friedrichshafen statt. 100 Jugendliche aus ganz Europa diskutierten bei der Simulation des Euro-

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Mehr Informationen finden Sie unter: › Projekte

päischen Parlaments sechs Tage lang über klima-, umwelt- und energiepolitischen Themen. Oberthema war der Klimawandel. „Den Teilnehmern sollte der Blick geöffnet und geweitet werden, da die Massenmedien oft leider viel zu einseitig berichten“, erklärt Benjamin Gradhand, einer der beiden Organisatoren. Zusammen mit Franziska Maier hatte er den Klimagipfel organisiert. Die 16- bis 22-jährigen Teilnehmer beschäftigten sich – neben der Naturschutzperspektive – mit zwischenstaatlichen Konflikten wie der Verknappung von Ressourcen und der fairen Verteilung der Kosten für Anpassungsmaßnahmen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. „Der Klimawandel ist ja ein nun schon sehr vorangeschrittener Prozess, dessen Folgen man auf jeden Fall nicht mehr rückgängig machen kann und bei dem auch nicht einsehbar ist, ob man diese überhaupt eindämmen kann. Wir haben deshalb auch einen Schwerpunkt auf Anpassungsstrategien gesetzt, also darauf, wie die Gesellschaft überhaupt damit umgehen kann“, berichtet Franziska Maier. Zusätzlich zu den Simulationen der Gremien wurden Workshops mit 13 Experten aus verschiedenen Themengebieten angeboten. Integration durch Kunst? Die Ausstellung Zauberflöte re-loaded schließlich zeigte das Resultat einer einwöchigen Zusammenarbeit von Studierenden der ZU, Studentinnen der Kunstakademie Münster, Menschen mit Behinderung der Stiftung Liebenau und der Wiener Künstlerin Irene Hohenbüchler. Das Integrationsprojekt wurde von den Studierenden Robert Bauer, Lana Brankovic und Emily Mierendorff im Januar 2011 ins Leben gerufen. Als Impulse für das kooperative bildnerische Arbeiten an „Zauberflöte re-loaded“ dienten die Kostümentwürfe der Berlinerin Hannelore Brüderlin, die sie in den 40er Jahren für Mozarts Singspiel „Zauberflöte“ erstellte.

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aufgedreht

Kreative Konkurrenten auf etablierten Märkten
Mit welchen Ideen starten Studierende ihr eigenes Unternehmen?
Es war der Kampf David gegen Goliath: Die Deutsche Bahn, das größte Personenverkehrsunternehmen Deutschlands, verklagte das Internetportal DeinBus.de. Dabei wollten die Gründer und ZU-Alumni Christian Janisch, Alexander Kuhr und Ingo Mayr-Knoch mit ihrer Mitfahrzentrale nur günstig Distanzen überwinden. Seit 2009 organisieren sie Busfahrten quer durch Deutschland, und sie siegten am Ende vor Gericht. Das Geschäftsmodell des Start-ups hat es in sich: Jeder DeinBus.de-Kunde kann über das Portal einen Platz im Reisebus für seine Wunschverbindung reservieren. Die Fahrt wird dann auf DeinBus.de sowie über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter bekannt gemacht, so dass sich Mitfahrer problemlos anschließen können – ähnlich einer Mitfahrgelegenheit. Ist die jeweilige Mindestauslastung erreicht, findet die Fahrt garantiert statt. Mit steigender Nachfrage entsteht so ein verlässliches Stadt-zu-Stadt-Beförderungssystem. Dabei kostet die Fahrt von Frankfurt am Main nach Stuttgart nur 15 Euro. Bei der Bahn zahlt man für dieselbe Strecke selten unter 40 Euro. Außerdem ist die Busfahrt umweltfreundlich. „Mit unseren günstigen Preisen nehmen wir nicht der Bahn Fahrgäste weg, sondern Autos von den Straßen – das ist dann natürlich auch ökologisch sinnvoll“, erklärt Janisch. Die Bahn berief sich bei ihrer Klage gegen DeinBus.de auf ein Gesetz aus dem Jahre 1934, das diese zum Monopolisten im Personenfernverkehr macht und keine Konkurrenz zulässt. Janisch: „Nach der Devise ‚Wehret den Anfängen!‘ agierte die Bahn wie jeder Monopolist und versuchte, die Konkurrenz juristisch außer Gefecht zu setzten, statt sich mit einem attraktiven Preis- und Serviceangebot um Fahrgäste zu bemühen. Als das Gesetz geschrieben wurde, gab es das Internet noch nicht“, schmunzelt Janisch, „deswegen können wir mit unserem internetbasierten Geschäftsmodell eine Gesetzeslücke ausnutzen. Bei uns organisieren Einzelpersonen individuelle Fahrgemeinschaften, um in Reisebussen von Stadt zu Stadt zu fahren.“ Die Urteilsverkündung im April 2011 erfolgte kurz und bündig: Die Klage der Deutschen Bahn wurde abgewiesen. „Rückblickend können wir sagen, dass wir – so seltsam es klingt – vom Vorgehen der Bahn profitiert haben, ja, vielleicht wurden wir sogar dadurch gerettet. Denn ohne die Klage gegen uns hätten wir wohl kaum innerhalb so kurzer Zeit so großes Medieninteresse auf uns gezogen und damit Bekanntheit erlangt“, erzählt Janisch. „Vor der Bahnklage waren wir manches Mal kurz davor aufzugeben, weil wir zu klein und unbekannt waren und kaum Geld für Werbung hatten. Die Berichterstattung über den Rechtsstreit war kostenlose Werbung!“

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Mehr Informationen finden Sie unter: › Entrepreneurship

Unternehmensgründungen sind an der ZU nicht nur ausdrücklich erwünscht, sondern werden auch gezielt gefördert. Fast 100 entstanden so in den vergangenen Jahren. Wohl keines machte so viele Schlagzeilen wie das Start-up DeinBus.de: Es wurde von der Deutschen Bahn AG verklagt – und besiegte vor Gericht den Monopolisten. Eher auf Mundpropaganda setzt hingegen eine andere Gründung: „knusperreich“ will Deutschlands beste Cookies backen.

„Wir wollen den besten Cookie Deutschlands backen!“ Dieses Ziel haben sich die ZU-Studierenden Manuel Grossmann, Max Finne und Simon Tüchelmann mit ihrem Start-up knusperreich gesetzt. Alle Cookies werden in Handarbeit gefertigt, die Zutaten stammen aus biologischem Anbau, und es wird auf jegliche Zusatzstoffe verzichtet. „Durch die Offenlegung der Herkunft aller Zutaten schaffen wir eine hohe Transparenz gegenüber unserer Kunden“, berichtet Manuel Grossmann. „Die schnelle Lieferung vollendet das perfekte Frischeerlebnis.“ Die Idee entstand an einem herbstlichen Nachmittag in einem Café in Friedrichshafen. Um eine Müdigkeitsphase während einer Gruppenarbeit zu überbrücken, suchten Simon, Max und Manuel nach einer kleinen Versüßung. Kekse sollten es sein, doch was sie im Café bekamen, war aufgetaute Tiefkühlware. Und das war auch in anderen Cafés so: Trockene, maschinell gefertigte Massenware mit Kon-

servierungsstoffen beherrschten die Theken und Supermarktregale. Aus dieser Erkenntnis heraus entstand der erste Gedanke an „knusperreich“. „Nach den ernüchternden Eindrücken in den Cafés machten wir es uns zur Aufgabe, einen Cookie zu backen, der unseren Ansprüchen gerecht wird. Frisch sollte er sein, locker und saftig, dazu frei von Konservierungsstoffen, um den Cookie mit gutem Gewissen genießen zu können. Mit Hilfe von Geduld, lehrreichen Fehlschlägen und anwachsenden Erfolgserlebnissen kam das Team seiner Vorstellung des perfekten Cookies schrittweise näher“, erzählt Grossmann. Nach dem Verkaufsstart in Friedrichshafen wurden mehr und mehr Menschen in der Bodenseeregion auf „knusperreich“ aufmerksam. Heute freuen sich Cafébesucher in ganz Süddeutschland über den „Schokotraum“ oder den „Abenteurer“, Tendenz steigend. Seit November 2011 ist „knusperreich“ im Internet unterwegs. „Auf knusperreich.

de kann man eine exklusive Auswahl an Cookies bestellen”, bestätigt Grossmann. So zum Beispiel den „Herbstcookie“ mit vollmundiger Kuvertüre und großen Walnussstückchen. Nach der Bestellung werden die Unikate in einer Konditorei in Friedrichshafen gebacken und an Kunden in ganz Deutschland ausgeliefert. Langfristig soll die Online-Backstube das Hauptgeschäft der Studierenden werden. Der nächste Schritt ist die Einführung eines Konfigurators, mit dessen Hilfe sich jeder Kunde seine eigene exklusive Kreation zusammenstellen kann. Wer sich jetzt an „mymuesli“ erinnert fühlt, der liegt nicht vollständig falsch: Die erfolgreiche Müslimanufaktur aus Passau hat großen Gefallen an der Idee gefunden und unterstützt die „knusperreich“-Jungs tatkräftig. Damit getreu dem Motto des „leckersten Cookies Deutschlands“ in Zukunft jeder Kunde seinen eigenen, individuellen besten Cookie Deutschlands bekommen kann.

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aufgestiegen

„Pendeln zwischen Distanz und fröhlicher Verliebtheit“
Was machen Absolventen nach dem Abschluss ihres Studiums?
Im Jahr 2008 schloss Karolin Trachte erfolgreich ihr Bachelor-Studium in Kultur- und Kommunikationswissenschaften an der ZU ab. Nach Assistenzen am schauspielfrankfurt und am Thalia Theater Hamburg arbeitet sie heute für die Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin und demnächst am Schauspielhaus Zürich. Im Interview spricht sich über Nähe und Distanz am Theater, über seine Darsteller und Besucher und die gelegentliche Fremdheit gegenüber der eigenen Arbeit.

Frau Trachte, Sie arbeiten als Produktionsdramaturgin in Berlin und Frankfurt. Dafür müssen Sie tief in das Stück einsteigen und sich gleichzeitig die Distanz eines unbeteiliten Zuschauers erhalten. Wie machen Sie das? Zum einen ist man als Dramaturg nicht unbedingt täglich auf den Proben, sondern ja auch in der Theaterleitung zum Beispiel mit der Planung der Spielzeit beschäftigt. Zum anderen habe ich mir angewöhnt, nach der ersten Arbeitsphase mit dem Regisseur, in der Konzept und die Textfassung ausgearbeitet werden, wieder ganz simple Fragen an den eigenen Entwurf zu stellen. Was erzählt mir eine Atmosphäre, der Figurentext, die entstehenden Bilder? Welche Anliegen, aber auch welche Metaphorik liegt in ihnen? Und dann kommt man eben dahin, die entstandenen künstlerischen Mittel des

Inszenierungsteams (Regisseur, Bühnenbildner, Schauspieler etc.) auf ihre Wirksamkeit hin zu befragen. Ich tue so, als hätte ich selbst nicht daran mitgewirkt. Das kann auch bitter sein. Gehen Ihnen die Reaktionen des Publikums oft nah oder können Sie diese aus einer professionellen Distanz wahrnehmen und verarbeiten? Nein, die Reaktionen des Publikums gehen mir immer sehr nah. Natürlich darf man die eigene Arbeit nicht ausschließlich daran messen, und von älteren Kollegen weiß ich, dass man wohl ein kleines bisschen gesunde Hornhaut entwickelt. Aber die Reaktion des Publikums bei der Premiere zu erleben, ist immer eine Art Offenbarung. Die auch sehr beglückend sein kann.

Kann es passieren, dass ein von Ihnen produziertes Stück Ihnen während der Aufführung selber fremd vorkommt? Häufig sogar, aber darüber sprechen wir ja: positive Distanz. Bestenfalls entsteht auch bei den Proben ein Pendeln zwischen Distanz und fröhlicher Verliebtheit. Aber man entscheidet selten rein aus dem Bauch. Ein glaubwürdiger Dramaturg muss in der Lage sein, die eigenen Kriterien und Sehgewohnheiten zu reflektieren. Dadurch kann er zum Beispiel davor warnen, wenn eine Produktion privat wird. Das passiert gelegentlich, denn man kann sehr viel Spaß auf den Proben haben, und dann entsteht oft eine Art Insider-Humor oder -Ästhetik, die von außen möglicherweise hohl oder albern wirkt. Ein wichtiges dramaturgisches Prinzip heißt deshalb: kill your darlings.

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Weitere Werdegänge von Alumni als Video: › Alumni

Wieviel Distanz und wieviel Empathie machen einen leidenschaftlichen Theaterbesucher aus? Das Spiel mit beidem, glaube ich, ist der Kern des Theaters. Emphatisch vertieft sich der Zuschauer in die Wahrnehmung der Vorgänge, des Atmosphärischen, eventuell auch in die Identifikation mit den Figuren und ihren Gefühlen. Distanziert hingegen macht er sich bewusst, dass er im Theater sitzt, dass nur gespielt wird, er liest das Spiel als Zeichen und füllt es mit Bedeutung. Wenn wir an das Theater der Antike oder des elisabethanischen Zeitalters von Shakespeare denken, so war schon diese keine geschlossene, perfekte Illusion, wie sie heute oft der Film herstellt. Der Wechsel zwischen Illusion und ihrer bewussten Brechung, das Spiel mit der vierten Wand, die Wand zwischen Zuschauer- und Bühnenraum, macht den Spaß aus. Wer bloß auf Distanz geht, verpasst die Sinnlichkeit des Theaters. Wenn Sie nach der Aufführung mit auf die Bühne gehen oder die Darsteller hinter der Bühne erwarten: Ist dieser Moment überwältigend und im besten Sinne distanzlos? Mit auf der Bühne war ich bisher nur wenige Male und es ist auch eher unüblich, dass Dramaturgen sich zum Applaus verbeugen. Wir spielen im Hintergrund, und dafür bin ich meistens dankbar. Die Schauspieler hinter der Bühne zu erwar-

ten, ist für mich als Dramaturg kein Moment besonderer Distanzlosigkeit, eher der Moment, in dem man selbst beginnt zu spielen. Nicht, weil man jemanden darüber belügen müsste, wie die Vorstellung gelaufen ist. Sondern weil nach einer Premiere meist sehr große Gefühle gehandelt werden: Angst und Unsicherheit, aber auch Freude und Überdrehtheit – die man niemandem nehmen möchte. Beim Sekt oder im Gespräch nach der Premiere die richtigen Worte zu finden, das ist mir immer sehr wichtig. Der Dramaturg ist der einzige im Produktionsteam, der wirklich keine Diva sein darf. Bei allen anderen machen Launen das Leben nicht unbedingt leichter, sind aber unter Bedingung des künstlerischen Interesses vielleicht auszuhalten. Wenn es den Darstellern an etwas fehlt, ist es dann eher mangelnde Empathie oder mangelnde Distanz? Es gibt kaum noch Inszenierungen, in denen es um die reine Einfühlung geht – auch weil die psychologisch geschlossene Figur zunehmend von der Bühne verschwindet. Mit dem Gegenteil hingegen, einem Theater ohne Einfühlung, gar ohne Repräsentation, wird seit den historischen Avant-Garden immer wieder experimentiert. Insofern könnte man vielleicht sagen: Es gibt eine Tendenz zur Distanz.

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aufgestiegen

Distanz-Herausforderungen im globalen Unternehmen
Distanzen und deren Überwindung gehören für ihn zum Tagesgeschäft: Thomas Ahlers, Project Assurance bei der Deutschen Bahn AG und Absolvent der Wirtschaftswissenschaften. Im Interview spricht er über die Herausforderung für modernes Reisen, die Sicht des Mitarbeiters als Kunden und die Faszination des Verkehrswesens.

Herr Ahlers, Sie sind für die Deutsche Bahn tätig und haben daher täglich mit Distanz zu tun. Welche Rolle spielen Entfernungen für Sie? Eine große, wobei ich Entfernungen derzeit sehr relativ wahrnehme. Beruflich geht es sehr viel um große Entfernungen: professionell geplant und strukturiert, stets mit dem Ziel hoher Zuverlässigkeit und bestmöglichem Service. Privat dagegen spielen derzeit kleinere Entfernungen eine große Rolle. Nachdem unsere Tochter in diesem Jahr das Laufradfahren gelernt hat, freuen wir uns über erste kleine Fahrradtouren durch den Park oder in die nähere Umgebung. Ein deutlicher Fortschritt gegenüber den Spaziergängen im vergangenen Jahr. In Ihrem Job verantworten Sie auch das Projektrisikomanagement für IT- und Konzern-Projekte des Gesamtkonzerns. Durch IT und Internet kann man Projekte heute ganz global bearbeiten. Spielen Distanzen in Ihrem Berufsalltag überhaupt eine Rolle? Als Unternehmen global aufgestellt zu sein, bringt neben den vielen Chancen für mich auch fachliche und organisatorische Distanz-Herausforderungen mit sich. In der Funktion als Project Assurance habe ich mit vielen Projekten zu tun, in denen das Thema Entfernung zentraler Bestandteil der Zielsetzung ist. Fachlich geht es hierbei genauso um Personennah- wie

Fernverkehrsthemen in Deutschland und auch Europa, aber auch um weltumspannende Logistikprozesse. Dies bedeutet, dass wir auch mit unseren Projekten über große Entfernungen zusammenarbeiten. Auch die Projektteams selbst arbeiten zum Teil über mehrere Länder hinweg verteilt. Telefon- und Videokonferenzen können hierbei jedoch eine persönliche Präsenz vor Ort nicht vollständig ersetzen. Diese ist oft sogar unerlässlich für eine vertrauensvolle und nachhaltig erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Kollegen vor Ort sowie für eine richtige Einschätzung von Sachständen und Situationen. Und auch die Teams inklusive externer Realisierungspartner müssen diese Herausforderung meistern, sonst ist auch die Projektzielsetzung und der Zeitplan gefährdet. Sprachliche und kulturelle Unterschiede sind hierbei noch gar nicht berücksichtigt. Bewahren Sie sich beim Zugfahren eine Kundensicht, oder nehmen Sie das Meiste als Mitarbeiter wahr? Sowohl als auch, wobei eine Unterscheidung hierbei gar nicht erforderlich ist. Auch als Mitarbeiter bin ich während der Fahrt Kunde mit der gleichen Erwartungshaltung und den gleichen Anforderungen an die Reise wie die übrigen Fahrgäste: sicher, komfortabel, zuverlässig. Der einzige Unterschied: Ich fahre mit ein

wenig mehr Kenntnissen über die vielen Zusammenhänge und Hintergrundprozesse während der Reise. Der Reiseprozess selbst umfasst heutzutage allerdings wesentlich mehr als die reine Zugfahrt über eine Entfernung von A nach B. Planung, Auskunft und Fahrkartenkauf über neue Medien oder dynamische Information zur Reise bereits vor und auch während der eigentlichen Fahrt sowie weitere Mobilitätsangebote per Auto oder Fahrrad am Zielort oder hilfreiche Services am Bahnhof wie Lounges, Internetzugang und Einkaufsmöglichkeiten sind nicht nur für unsere Kunden ein echter Mehrwert. Auch ich als Mitarbeiter nutze dies regelmäßig und freue mich damit auch als Kunde über diese tolle Entwicklung. Was fasziniert Sie an der Verkehrsbranche am meisten? In erster Linie die enorme Dynamik. Prozesse funktionieren weltweit, und vieles passiert im Hintergrund, auch jetzt wieder in der Weihnachtszeit. Auch durch die Vorreiterrolle Deutschlands in der Liberalisierung des europäischen Schienenverkehrs besteht ein außerordentlich hoher und seit Jahren beständiger, auch konzerninterner Leistungsanspruch. Ein Ansporn für mich, aber auch für die Projekte, die mit ihren Zielsetzungen einen Teil zur erfolgreichen Entwicklung beitragen wollen.

aufgepasst

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› Veranstaltungen

Veranstaltungsvorschau Frühjahr 2012

BürgerUniversität | Kai Diekmann
Im Gespräch mit Stephan A. Jansen zur Frage der BILD-Zeitung als deutsches Leitmedium Do, 19.01.2012 | 16.00 Uhr

3. Research Day | Forschung feiern!
und Eröffnung der Zeppelin University Graduate School Fr, 20.01.2012 | 12.00 Uhr

Friedrichshafener Bildungsgespräche Prof Dr. Dr. h. c. mult. Heribert Meffert
Alumni-Organisationen an deutschen Hochschulen – Status und Perspektiven der Professionalisierung Mo, 27.02.2012 | 19:00 Uhr

BürgerUniversität | Martin Hoffmann
Intendant der Berliner Philharmoniker Do, 08.03.2012 | 19.00 Uhr

Curating the Context | Udo Kittelmann
Direktor der Nationalgalerie Berlin Mo, 12.03.2012 | 19 Uhr

BürgerUniversität | Prof. Dr. Gerhard Roth
Neurologe, Neurophilosoph sowie Präsident der Studienstiftung des Deutschen Volkes Mi, 18.04.2012 | 19.00 Uhr

Friedrichshafener FamilienFrühling 2012 – der Unternehmerkongress für die ganze Familie
Kopflos oder bauchfrei? Intuition versus Fakten. Fr, 27.04. – Sa, 28.04.2012

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aufgebaut

Ein Campus als KreativQuartier
Wie geht es weiter mit der zukünftigen Heimat der ZU im Fallenbrunnen?
Im Juli 2011 hat der Gemeinderat der Stadt Friedrichshafen eine richtungsweisende Entscheidung getroffen und damit der ZU auf dem ehemaligen Kasernenareal Fallenbrunnen die Expansion mit über 10.000 Quadratmetern neuen Flächen für Bibliothek, Arbeits- und Seminarräume ermöglicht. Seitdem ist nun mehr als ein halbes Jahr vergangen, und bisher sind keine Bagger zu sehen. Die Kanzlerin der ZU und unter anderem verantwortlich für die Standortentwicklung, Katja Völcker, und Präsident Prof. Dr. Stephan A. Jansen geben im Kurz-Interview einen Einblick in die aktuellen Entwicklungen.

Aufgrund des dringenden Raumbedarfs, den die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) im Fallenbrunnen 2 hat, wird die ZU nach dem Spring Semester 2012 dort aus- und in die ContainerUniversität (CU) einziehen. Wie steht es denn um die zukünftige temporäre Heimat?

Katja VölCKer: Zunächst einmal: Der DhBw sind wir sehr dankbar, dass aus der ursprünglich als kurzfristiges Provisorium gedachten Lösung unter dem Dach des Fallenbrunnen 2 eine dann doch fast zehnjährige Nachbarschaft wurde. Aber nach den Prüfungswochen im Mai 2012

werden wir dort unsere Kisten packen und dann im Sommer in die temporäre ContainerUniversität auf dem ehemaligen Sportplatzareal nur einige Meter entfernt umsiedeln. Wir arbeiten unter Hochdruck an der Umsetzung: Die Hamburger Künstler Margot Czenki und Christoph

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Mehr Informationen finden Sie unter: › KreativQuartier Fallenbrunnen

Schäfer, mit der ZU langjährig als Lehrbeauftragte und mit dem Fallenbrunnen u.a. durch die künstlerische Arbeit Local Knowledge Institute (2008) verbunden, sowie Kim Wortelkamp und Claudia Siebeck vom Leipziger Architektur- und Landschaftsplanungsbüro quartier vier, das neben diversen Umbauprojekten an beiden Standorten das Möbelsystem der ZU entworfen hat, finalisieren derzeit die Planungen, und wir gehen davon aus, dass die Vorarbeiten für das Aufstellen der Container im April beginnen werden. Container klingt ja recht unangenehm. Werden sich Studierende und Mitarbeiter dort überhaupt wohl fühlen können? Katja VölCKer: Wir haben viel Zeit und Energie in Recherchen und Gespräche mit Experten zu diesem Thema investiert. Das hat gut funktioniert, denn der Anspruch an die CU ist Anschlussfähigkeit an die regionale Arbeit und die internationale Debatte über temporäre Bauten. Und Anschlussfähigkeit bedeutet vor allem Aufenthaltsqualität, um die es im besonderen gehen soll. Mit der ContainerUniversität wollen wir die Chance des einmal mehr Provisorischen nutzen, neue Formen der Projekte, der Parties und der Partizipation mit der Nachbarschaft und Zusammenarbeit auf dem Fallenbrunnen-Gelände sowie mit den Bürgern der Stadt Friedrichshafen wie auch der Campus-Beziehungen auszuprobieren. Wie wird sie denn konkret aussehen? Katja VölCKer: Die CU wird neun Seminarräume, Büros für bis zu 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ZU einschließlich des Präsidiums und Räume für das Lesen, das Schreiben, das Essen, das Reden, das Forschen, das Feiern, das Lernen und das Gärtnern bieten und ist offen für alles, was ansonsten für einen temporären universitären Ort wünschenswert ist. Können Sie, lieber Herr Jansen, uns sagen, wie es um das Hauptprojekt, den Hauptcampus der ZU im Fallenbrunnen 3 nun wirklich steht? stePhaN a. jaNseN: Man könnte als Beobachter meinen, das Projekt steht, weil sich nichts bewegt. Paul Virilio, selbst auch Städteplaner und Architekt, sprach präzise vom „rasenden Stillstand“. Das gilt

auch für uns. Standorte sind Bewegungsräume – sowohl hinsichtlich der Bauherrenschaft und der Finanzierung wie auch zeitlich. Für den Fallenbrunnen 3 wird die seitens der Stadt favorisierte Bauherrenschaft durch die Zeppelin Stiftung mit Anmietung durch die ZU auf ihre praktische Umsetzbarkeit hin geprüft. Wir haben Alternativen, auch mit einer eigenen Darlehensfinanzierung und statt Miete einer Tilgung durch die ZU, um damit einen nachhaltigen Vermögensaufbau bei der Universität zu erzielen. Diese müssen nun besprochen werden. Die Partner sind an Bord und dies könnte auch eine investive Entlastung für die Stadt bedeuten. Aber wann das Modell steht und sich dann rasend etwas bewegt, dass können wir bedauerlicherweise noch nicht sagen. Und wie steht es mit den inhaltlichen Planungen? stePhaN a. jaNseN: Famos – gleich und zugleich anders als im Seemoos! Das Raumprogramm ist verabschiedet. Studierende wie Kollegen aus Wissenschaft und Verwaltung haben Ideen gestiftet. Die Bibliothek wird erlesen. Die Mensa eine wahre Seele II. Und die Kuschelmuschel ist wirklich kein AudiMax, sondern eine Maximierung von noch viel mehr Sinnen. Und es wird endlich einen wahren „Turm der Turbulenz“ geben – im rechten Flügelkopf. Hier türmen sich alle „kreativen Performanzen“ wie Musik, Kunst, Theater und Tanz – und unten bekommt man hoffentlich den „mundvoll“. Jetzt gibt es nur noch ein Ziel: die Geburtstagsfeier zum Zehnjährigen der ZU im September 2013 hat keine räumliche Alternative – es sei denn, wir laden keinen ein.

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Rainer Böhme, Alexander Paul Englert, Lena Reiner, Bertram Rusch, Soren Wang

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