Leben in der Liebe

Ein ganz, ganz neues Leben begann. Die Pflege des Gartens war die Hauptsache, um immer und immer wieder Früchte und Blumen zu haben für die, die in ihrer Welt beheimatet waren. Es löste unendliche Wonnen aus, wo sie nur Einkehr hielten. Ihrer Liebe war alles möglich. Wenn aber Hanny von dem Heilande sprach, da entzündeten sich die Herzen und die Sehnsucht wurde immer größer, auch einmal Den zu schauen, der für sie so überreich sorgte. Dieses war der Zweck der vielen Besuche, die die Erlösten machten. Nach jeder Rückkehr wurde eine stille Ruhe, um immer mehr ihre Innenwelt für die Liebe zu weihen, die das ewige Leben ist. Bei einer solchen Weihestunde kam ein herrlicher Bruder und Hannys Großmutter. Ein Strahl von Liebe und Seligkeit ging von beiden aus, als sie ihren Saal betraten und den Segen über sie sprachen. Hanny erkannte sofort ihre Großmutter und sprach: „Nun ist unsere Freude groß! Seid recht herzlich willkommen im Geiste des liebenden Vaters und nehmet Platz, bleibet bei uns eine ganze Zeit." „Gern tun wir es, meine Hanna, auch meine Freude ist vollkommen, da ich dich im Vaterhause geborgen weiß. Hast du alles Leid überwunden? Möchtest du gern heimkehren in die Welt, von der du ausgegangen bist?" „Meine Mutter, hier ist meine Welt, stündlich erwarte ich Arme und Kranke, die unserer Liebe und Pflege bedürfen, hier darf ich schaffen, hier wo der heilige Vater Selbst in hingebender Liebe und Geduld wirkte und bewirkte, daß alle meine Schwestern nun Erlöste sind. Es wäre ein schlechter Dank, so ich nach Seligkeiten strebte, die keine Seligkeiten sind, sondern nur Herrlichkeiten." „Meine Johanna, ich danke dir für deine Hingabe an das Werk des heiligen Vaters, wir sind nicht gekommen, um euch von hier fortzuholen, sondern um euch noch tiefer hineinzuführen in das große Leben aus Gott unserem Herrn und heiligen Vater. Nun

möchte dieser Bruder in seiner Liebe euch dienen." (Bodelschwingh) Er spricht: „Geliebte Schwestern im Herrn, unserem geliebten Vater, unsere Freude ist Seine Freude, unsere Seligkeit Seine Seligkeit und Seine Liebe unser Leben; alle, die wir im heiligen Streben nur Diener und Priester Seiner Liebe sind, erfahren auch die Kraft Seiner Liebe. Wie arm ist die große Welt ohne diese Seine Liebe, wie gering alles Leid gegen das, was das Leben aus Ihm gibt. Ihr alle waret als Menschen zu beklagen, wie wenig hat man euch auf den Zweck eures Lebens aufmerksam gemacht und warum? weil der Sinn alles Lebens erst offenbar wird, wenn man das Leben richtig erkennt. Auch ich hatte in meinem Erdenleben nur eine Aufgabe, für die Armen, den Ärmsten und den Elendsten der Elenden eine Heimat zu schaffen, die alles Leid und Elend mildern und vergessen machen soll. Es gelang freilich nicht immer, weil noch zuviel das Menschliche uns beherrschte. Nun komme ich auf den Zweck meines Besuches bei euch. An euren Augen sehe ich den Glanz von Freude und von euren Herzen geht eine Wonne aus, die aus Liebe das Größte schaffen möchte, aber gemach, meine lieben Schwestern, eure Liebe ist noch Dankbarkeit, und diese eure Dankbarkeit muß einem neuen Leben Platz machen in euch. Der herrliche Vater, dessen Liebe ihr besitzet, möchte nicht eure Dankbarkeit, sondern euch ganz. Alles, was in euch lebt, ist noch nicht ganz Sein Eigentum geworden. Erschrecket nicht darum, weil ich es euch sage, sondern freuet euch, damit auch das Beste vom Besten zum Besten werde. In allen Belehrungen von Engeln und Dienern Seiner Macht und Herrlichkeit wird euch ein Weg geebnet, der euch ganz zu Dienern Seiner Liebe machen soll. Aber wenn alles in euch zur lebendigen Liebe wird, dann habt ihr Sein Licht in euch aufgenommen. Gerade in Seinem Lichte wird alles offenbar. Vollkommen sollt ihr werden, wie unser geliebter Vater und Heiland vollkommen ist. Eure Sehnsucht ist der beste Beweis des Unvollkommenen

in euch, die Erfüllung aber ist nicht das Vollkommene, sondern nur ein Ausruhen, ein Stärken für die Erreichung des vollkommenen Lebens. Wie waret ihr selig, als der Herr, unser geliebter Vater, unter euch weilte und euch allen diente, eure Heimat wurde zum Himmel. Ihr fraget euch oft, warum ist wohl der Herr, unser guter Vater, nicht immer bei uns, und neue Sehnsucht drängt zur Erfüllung, bei Ihm zu sein; aber Er, der eure Sehnsucht kennt, hat auch ein Sehnen nach Seinen geliebten Kindern. Habt ihr schon einmal gefragt, Sehnsucht des Vaters stillen? wie könnten wir die

Was euch kein Diener oder Engel sagen könnte, kann ein von Seiner Liebe durchdrungenes Kind. Es will ganz den Vater ersetzen, niemand soll oder darf Ihn vermissen. Wer Sein Kind hört, wird auch den Vater hören, wer ganz in Seinem Heilandsleben ersteht, wird auch den Heiland ersetzen können. Im rechten Heilandsgeist wird das Leben des heiligen Vaters offenbar, und Er Selbst, als das Leben alles Lebens, als die Liebe der Liebe wird immer wohnen in ihrem Heim, in ihren Herzen. Das ganze All ist voll der herrlichsten Schöpfungen, aber Kinder, die nur aus, in und durch Ihn leben, gibt es sehr wenige. Aufgaben, die nur durch Seine Macht und Kraft erfüllt werden, erfreuen Ihn; aber so ein Kind, und sei es noch so gering, in Seinem herrlichen Heilandsgeiste nur einen einzigen Bruder oder Schwester an Seine heilige Brust legen kann, macht Ihn zum glücklichsten aller Väter. Sehet, meine geliebten Schwestern, diese Liebe ist und soll nicht ein Danken sein, sondern Leben, heiliges Leben, wie es vom Kreuz von Golgatha herab sich senkte, ganz tief in die Brust des Menschen, um aufzuerstehen als der Sohn Gottes, der nur eine Liebe hat, die Seines Vaters, und der nur noch einen Geist in sich trägt, den, der von beiden ausgeht, um die ewige und urewige Göttlichkeit zu beweisen, die sich aber nur offenbaren kann nach dem Stand der Kindlein. Dieses hätte ich euch zu sagen. Mein Vater in mir spricht: ,Kindlein, Kindlein, alles, was noch lebt in euch, lasset es Liebe werden.

Große Aufgaben hat Meine Liebe euch zugedacht, weil auf der Erde alles erstarrt in Finsternis und Nacht. Groß wird die Not, die Kälte, Angst und Pein, ihr aber sollet als Meine Kinder und Helfer ihre Erlöser sein. Amen. Amen. Amen.'" Lange noch schwiegen alle, da sagte Hanny: „Geliebte, eure Worte drangen tief in mein Herz und offenbarten mir wieder eine neue Liebe des Herrn. Aber nun möchten wir euch erfreuen mit einem Trunk des Liebeweines, den uns der heilige Vater schenkte und den wir nur denen reichen, die uns mit dem heiligen Vater noch näher bekannt machen. So wollen wir den Anfang machen und eure Worte betrachten als Seine Worte und eure Liebe als des heiligen Vaters Liebe." Spricht der Bruder: „Johanna, jetzt erstehest du in Seinem Geist, lasse dich immer tragen von diesem Seinem Heilandsleben, dann wird deine kommende Aufgabe dir unendliche Wonnen bereiten." Noch lange weilten die beiden unter ihnen, besahen ihre Gärten und ihre Arbeiten und weit bis an die Grenzen gaben alle das Geleit. Dann zogen sie heimwärts als die Glücklichsten aller Glücklichen. Der ganze Saal war zu einer Feier zusammengekommen, denn liebe Freunde waren zu Besuch gekommen, es herrschte eine Freude, wie sie auf Erden nie sein kann. Der Höhepunkt der Feier aber war der, daß der heilige Vater Selbst kam und allen auf das lieblichste dankte für die Liebe, die den Kranken und Verlorenen galt. Der heilige Vater inmitten Seiner Kinder sagte: „Kindlein, eure Fröhlichkeit tut Meinem Herzen wohl, ihr habt sie verdient, denn leicht war die Arbeit nicht, die ihr an den Armen und Kranken geleistet habt. Wer aus euch entbunden sein will von diesem harten Dienst, den entbinde Ich sofort und will ihm eine Wonne bereiten, aller Himmel würdig." Spricht Johanna: „Vater, ich möchte hierbleiben und ganz in Deinem Sinne die Sehnsucht erfüllen helfen, die in den Armen und Kranken so lebendig lebt. Hier ist meine Heimat, wo ich durch Deine Gnade und Liebe und durch Deine Kraft und Beihilfe glückliche und gesunde Schwestern Dir zur Freude heranbilden durfte. Nur um eines bitte ich Dich, lieber Vater, komme öfter, unsere Herzen verlangen nach Dir, Deine persönliche Gegenwart ist unsere größte Seligkeit."

„Siehe, Johanna, deine Worte sind Mir teuer, weil sie aus deiner Liebe kommen. Da du aber in Meinem Dienst verbleiben willst, will Ich dir zwei Boten senden, die dich und Liesa zu Verirrten führen, damit ihr noch eine größere Festigkeit erreicht. Ich könnte dich gleich einem Raphael stark machen, es würde aber deine Freude schmälern. Ich könnte dich ausrüsten mit Weisheit und Kraft, du würdest aber an Liebe verlieren! - So lasse Ich dich, wie du bist, und Ich weiß, du wirst in Meinem Erlösergeist verbleiben." „Ach, mein Vater, wie gut bist Du, könnte ich Dich noch inniger lieben! Ja, schicke mir die Boten, aber lieber Vater, warum soll nur Liesa und nicht die drei anderen mitkommen? Sie lieben Dich vielleicht mehr als ich und sind in ihrem Eifer auch nicht weniger denn ich." „Johanna, jetzt noch nicht, ihre Liebe, ihr Eifer ist groß, aber Mein Vaterauge sieht mehr denn du, es mag bei Meinen Worten verbleiben um deiner selbst willen. Siehe, Mein Kind, groß ist die Schar um dich, die in wirklicher Seligkeit lebt, aber es sind Schwestern, und die Zahl der wirklichen Helfer ist gering." „O mein guter Vater, dann gib mir die Gnade, für die irrenden Brüder tätig zu sein, denn, lieber Vater, im Grunde bist Du es ja Selbst, der alles wirkt und schafft. O erfülle mich ganz mit Deinem Geiste, aber nicht böse sein, lieber Vater, Du nimmst doch das Mahl mit uns ein, nicht wie das letztemal, wo Du uns so reich beglücktest und dann warst Du verschwunden." „Gern bleibe Ich, Meine Johanna, lasse nur das Mahl richten, damit ihr aber nicht in Verlegenheit kommt, soll alles schon bereit sein." Es war auch so, in denkbar kürzester Zeit saßen alle an der Festtafel. Dora spielte ein Lied mit ihren Gläsern, allen war es, als wenn die Töne noch viel herrlicher klängen. Schon segnet der Vater die Speisen, Brot und Wein und herrliche Früchte, dann spricht Er: „Kindlein, nehmet auf in euer Allerinnerstes ein jedes Wort, das Ich euch in dieser Stunde sage, dieses Mahl ist wiederum ein Liebesmahl, das euch stärken und froher machen soll. Denkt nicht, wir sind selig, weil alles Leid in Freude und aller Kummer in Frohheit verwandelt ist durch Meine Gnade. Eure Seligkeit ist noch eine geringe, es gibt noch tausendmal größere, aber ihr würdet sie auch nicht ertragen können.

Zu eurer größten Freude aber sage Ich euch: Ich bin gern unter euch, und Mein Herz ist übervoll von Freude! Vergesset eure Pfleglinge nicht, denn gar viele erwarten euch mit Sehnsucht, ihr wißt, wie bitter es ist, ohne Liebe und ohne Freude dahinleben zu müssen. Wie ihr größere Seligkeiten noch nicht ertragen könnet, ebenso könnt ihr auch keine höllischen Zustände ertragen. Darum stärket euch, damit ihr mit größeren Aufgaben betraut werden könnt. Der Feind hält große Ernte. Alle glauben, weil Ich so geduldig und langmütig bin, Ich sei nicht mehr; aber bitter und überaus schmerzlich wird das Erwachen sein. Ihr kennet Mich als Liebe, als Vater und Heiland, aber jene werden Mich als Gott und als Richter anerkennen müssen, und dieses lindert ihre Qualen nicht. Eure Aufgaben habt ihr gut erfüllen können, denn nur solchen galt ja eure Liebe, die Erlösung ersehnten. Werdet ihr auch solche liebend umgeben können, die Mich nicht lieben, die Mich hassen? Ihr brauchet Mir keine Antwort zu geben, denn auf dem Grund eurer Seele kann Ich die Antwort lesen. Darum schauet gern in euer Inneres - ob alles, auch das Geheimste, von Meinem Heilandsgeiste belebt ist. Wenn eure Liebe der Meinen gleichen wird, dann sind euch alle Tore offen und es fließen euch viel mehr Kräfte zu, doch nicht aus Meiner Macht, sondern aus eurer eigenen Liebe. Sonnet euch in Meiner Liebe und in Meinem Lichte, damit ihr bestrahlen könnet die Irrenden, wachset noch mehr in Meinem Geiste, damit ihr helfen könnet, wo der Untergang droht. Mein Segen aber verbleibe euch, damit ihr alle zum Segen werdet für die anderen." Nach irdischen Verhältnissen blieb der Herr drei Tage unter ihnen, dann sagte Er: „Kindlein, jetzt trenne Ich Mich äußerlich von euch, innerlich kann Ich Mich nicht von euch trennen, aber von nun an sollet ihr jederzeit euch in euren Herzen mit Mir besprechen können; denn größere Aufgaben bedingen auch größere Weisheit, größere Vorsicht und Klugheit und vor allem größere Sicherheit. Alles sollt ihr euch aneignen, denn Ich schenke es euch nicht aufs Neue, sondern weise nur darauf hin, daß dies längst in euch liegt. So kommt nochmals an Meine Brust und lasset euch umarmen, damit es euch zur Stärkung gereiche für euren Dienst an Meinem und nun auch eurem Werke."

Max Seltmann, Heft 25, Kapitel 11

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful