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»Geht net« gibt's net
STADTLIGA Die Wien er Viktoria geht neue Wege. Mit Lokalkolorit, dem Image von St. Pauli und Toni Polster als Trainer bekommt der Viertligist derzeit jede Menge Aufmerksamkeit. Neid und Missgunst bleiben dabei ebenso wenig aus wie die ganz normalen Sorgen eines Unterhausvereins.

Text: Edgar Lopez & Clemens Zavarsky Fotos: Wenzel Müller

amstag, 16 Uhr. Der Himmel ist einem Jahr. Die Marketingabteilung ist grau und es regnet immer wieder. professionell, ungewöhnlich professionell Nicht stark, aber so wirkungs- für einen Verein auf diesem Niveau. Jetzt voll, dass kein Sommergefühl hat sie es sogar geschafft, den FC St. Pauli aufkommt. Ende August zeigt für den Oktober zu einem Gastspiel nach sich das Wetter nicht mehr von seiner bes- Wien zu holen. ten Seite . Mitten in Altmannsdorf im Bezirk Meidling liegt die Spielstätte des SC NEID STATT VORBILDWIRKU NG Wiener Viktoria. Der Kunstrasenplatz ist Als »Kultklub mit Engagement seit 1931 « zwischen Bahntrassen, Wohnblöcken und bezeichnet sich der Verein. Das Motto erSchrebergärten eingebettet, das unschein- gibt sich wohl aus der Kombination von bare Vereinsheim fügt sich als Flachbau Toni Polster als Trainer und dem sozialen widerspruchslos in die Kulisse ein. Nur die Engagement des Klubs, der Obdachlose Lautsprecherdurchsagen und die Rufe der und Prostituierte betreut und DeutschkurSpieler stören die Szenerie. se für Eltern von Nachwuchsspielern mit Die Viktoria tritt in der Wiener Liga Migrationshintergrund anbietet - und das gegen den SV Gerasdorf-Stammersdorf an . macht die Viktoria derzeit sehr bekannt. Der Zuschauerandrang auf dem Platz ist So viel Aufmerksamkeit erzeugt Argüberschaubar, 330 Besucher wollen sich wohn bei anderen Leuten, die in der gedas Spiel ansehen. Für die Sponsoren und ruhsamen Wiener Liga aktiv sind. Von VIPs gibt es dennoch einen eigenen Be- gegnerischen Fans und hinter vorgehaltereich, der mit einem Schild gekennzeichnet nen Funktionärshänden wird der Verein ist: " Geldsäcke « steht darauf. Eine Woche schon einmal als »Red Bull Meidling « zuvor sind zum Auswärtsspiel beim Favo- geschmäht. So zum Beispiel von den Fans ritner AC noch 900 Zuschauer gekommen. des FavAC beim Ligaspiel gegen die VikUnd das, obwohl sich der Himmel da ähn- toria. Ein Foto mit Toni Polster wollen lich trostlos gab. Für eine Liga, in der seI- aber trotzdem alle gern machen. »Über ten mehr als 150 Zuschauer an der Bande ,Red Bull Meidling< kann ich nur lachen . lehnen, ist der Zuschauerschnitt dennoch Wir haben genauso unsere wirtschaftbemerkenswert. Auch dank Toni Polster, lichen Hausaufgaben zu lösen wie alle ÖFB-Rekordtorschütze und seit einem anderen auch «, sagt Viktoria-Obmann Jahr Trainer des Viertligisten. Ein ums an- Roman Zeise!. »Ich weiß, das glaubt uns dere Mal schallt es »Tri tra trallala, Tor keiner, aber ich überlege jeden Tag, wo für die Viktoria « aus den Lautsprecherbo- wir sparen können .« Tatsächlich liegt das xen. Lauter Jubel brandet durch das sonst jährliche Budget des Vereins wie bei anso ruhige Altmannsdorf, die Viktoria ge- deren durchschnittlichen Stadtligisten im winnt 5:1. Die Leistung der Mannschaft unteren sechsstelligen Bereich. Altlasten ist an diesem Samstagnachmittag dennoch aus vergangenen Tagen sind noch nicht wenig spektakulär. Das Aufsehen, für das restlos ausgeräumt, der Klub hat nicht der Klub zuletzt gesorgt hat, dafür umso einmal einen Hauptsponsor. »Wer glaubt, mehr. Drei Kamerateams und zahlreiche die Viktoria schwimmt im Geld, ist gerne Journalisten kamen zu Polsters Debüt vor dazu eingeladen, den Verein einen Monat

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lang zu führen, das Finanzgebaren zu klären, für alles aufzukommen . Das ist eine Lebensaufgabe «, sagt Zeise!. Die Gründe des Aufschwungs sieht er anderswo: »Wir sind einfach nur neue Wege gegangen und zeigen, was möglich ist. ,Geht net< gibt's net. « Statt Vorbildwirkung zu entfalten, zieht das Modell Viktoria im Unterhaus dennoch eher Neid und Missgunst auf sich. Auch Polster, der hier seine ersten Erfahrungen als Trainer sammelt, ist Segen und Fluch zugleich. »Als Toni Polster damals zugesagt hat, als Trainer zu arbeiten, hat er zu bedenken gegeben, dass sein Schatten ein langer sein wird. Wir sind das Risiko eingegangen«, sagt Zeise!. »Als ich Trainer Peter Obritzberger im November 2011 gesagt habe, dass wir Polster engagieren, ich ihn aber als dessen rechte Hand gerne dabeihätte, ist unsere Freundschaft zerbrochen. Wir haben seitdem kein Wort mehr miteinander gewechselt. «
PLATZ ZUM SPIELEN Zeisel ist der Kopf im Hintergrund der zahlreichen Veränderungen. Vor mittlerweile sechs Jahren hat er seinen Jugendfreund Roman Gregory, damals wie heute Frontmann der Rockband »Alkbottle «, als Präsidenten zur Viktoria geholt. Die beiden waren in ihrer Jugend bereits als Spieler für den Verein aktiv. Gemeinsam läutete das Duo den Wandel ein. Mit viel Überzeugungsarbeit beförderten sie zunächst rassistische Denkmuster aus dem Verein und machten ihn so für die zahlreichen Bewohner des Bezirks mit Migrationshintergrund - in Meidling immerhin mehr als 20 Prozent - attraktiv. »Das war gar nicht so schwer «, sagt Zeise!. »Unser Credo ist einfach: ,Wir schicken niemanden weg. «< Mittlerweile sind Kinder, Ju-

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CHARTSSTÜRMER

Toni Polster will mrt der Viktoria in die Regionalliga

. WIR RUFEN SPANIEN"

Spielerischer Exodus
gendliche und Erwachsene aus mehr als 30 Ländern bei der Wien er Viktoria aktiv, als Spie ler, gute Seelen oder Funktionäre. Mit rund 380 Jugendspielern liegt der Verein im Ligavergleich weit über dem Durchschnitt, und der Ansturm ist ungebroc hen hoch. Deswegen wurde auch versucht, am nahe gelegenen Wacker-Platz, der bisher nur als Schulsportplatz genutzt wird, Nachwuchsmannschaften unterzubringen. Das allerdings ging nur ein ha lbes Jahr lang gut: "Als der Jugend leiter Christian Keglevits am ersten Trainingstag im Frü hjahr 2012 ins Pfeiferl geblasen hat, sind links und rechts die Fenster aufgegangen. Grundtenor: ,Oh, da ist was los, da ist es laut, die stören <<< , sagt Roman Gregory. Wie sehr ihn das ärgert, ist ihm deutlich anzumerken. »Jetzt sind wir dort nicht mehr erwünscht«, sagt Zeisel. »Da werde ich zum Revo lutionär und richtig grantig, wenn man sagt: ,Kinder stören< und ih, nen keine Trainingsmöglichkeiten bietet. « Denn auf der Viktoria-Sportanlage in der Oswa ldgasse ist der Platz arg begrenzt.
OBDACHLOSE 1M VEREINSHEIM Doch nicht nur durch die Integrationsarbeit ist der Verein bekannt, seit 2010 bietet er auch Obdachlosen an, die Vereinskabinen im spielfreien Winter als Schlafräume zu benutzen. Die Aktion war ein voller Erfolg und brachte dem Klub neue freiwillige Helfer ein. Auch drei ehemalige Obdachlose engagieren sich inzwischen im Verein: »Sie unterstützen uns bei Heimspielen, schneiden die Hecken, schauen, dass es überall sauber ist, leeren Aschenbecher aus. Kurz: Sie sorgen für Wohlfühlstimmung am Platz «, sagt Zeisel. Demnächst wird sich die Viktoria am »Langen Tag der Flucht « des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen beteiligen, um auf die Themen Flucht und Asyl aufmerksam zu machen. Vor kurzem verlieh die Stadt Wien den Meidlingern bei der Sportstars-Gala 2012 im Rathaus den Preis für den »Verein mit dem größten sozialen Engagement «. Wegen der relativ günstigen Lebenshaltungskosten und der dennoch zentralen

Lage sind in der jüngeren Vergangenheit vor allem junge Menschen in den Bezirk gezogen. Gleichzeitig ist er ein Hort aller möglichen sozialen Realitäten geb lieben, was sich in den »Alkbottle «-Texten des Präsidenten widerspiegelt. Gregorys Band hat einen guten Anteil an Meidlings Image als Prolobezirk. »Das hat sich auch auf dem Platz widergespiegelt. Es sind einfach kultige Typen hier, deswegen haben wir den Slogan ,Kultklub mit Engagement< entworfen«, sagt Kurt Sabatnig, der PRChef des Vereins. Der Slogan trifft jedoch nicht bei allen auf Gegenliebe, innerhalb wie außerha lb des Vereins. Die Viktoria mag mit Meidling verbunden sein, das aber macht sie noch lange nicht zum Kultklub des Bezirks. Für einige Konkurrenten geht der Ärger über die Inszenierung und das öffentliche Interesse so weit, dass sie jegliche Zusammenarbeit mit den Medien verweigern. »Wir interessieren offenbar nicht, sondern nur mehr, was der Toni Polster macht «, sagt der Präsident eines Stadtliga-Konkurrenten. Sieht man sich die großzügige Berichterstattung über die Viktoria an, entbehrt der Vorwurf nicht einer gewissen Grundlage. Dennoch ist nicht alles Gold, was bei der Viktoria glänzt. Der Stadtligist ist mit den hohen Ansprüchen, die sein Engagement mit sich bringt, überfordert: »Wir sind am Limit aber positiv gesehen «, sagt Zeisel. Die positiven Effekte würden die negativen überwiegen, meint er. »Es hatten auch andere Vereine die Möglichkeit, Toni Polster ein Traineramt zu geben. Wir haben es getan. Warum sollen wir uns schlecht fühlen? « Derzeit ist der Klub jedenfalls das fußballerische Aushängeschild des Bezirks. Über Jahrzehnte war der SC Wacker der lokale Traditionsverein, bis er 1971 mit der Floridsdorfer Admira fusioniert wurde und zukünftig als Admira Wacker in Niederösterreich Fußballgeschichte schreiben musste. Immer wieder gab es Versuche, den Meidlinger Verein wiederzubeleben . Der letzte ist gerade dabei zu scheitern. Roman Zeisel hat mehrfach versucht, die finanzmarode Wacker, die momentan noch unter diesem Namen in der 2. Klasse in

ter.

D

rei Titel in

Serie - EuropameisDie

Weltmeister,

Europameister.

spanische Nationalmannschaft war historisch nicht an den Triumph gewöhnt. dass

von Aitor Lagunas

Nun aber fordern die Medien,

der nächste »Goldene Ball .. endlich den Namen von Xavi Hemandez, Iker Casillas oder Andres Iniesta eingraviert bekommt. Die drei repräsentieren den Stilwechsel des spanischen Fußballs von der Furia zum Tiki-Taka. Sie stehen für eine goldene Generation, die sich zeitgleich mit dem Wirtschaftswachstum des Landes entwickelte. Nun aber hat die Krise, die Spanien quält, auch das Spielfeld erreicht. Die Primera Division ist ein Riese auf tönernen Füßen: Neben den zwei besten Fußballern der Welt und der Kaderschmiede der Weltmeister gibt es verschuldete Vereine, halbleere Stadien und einen Spielerexodus. MigueI Perez Cuesta verkörpert den aktuellen Zustand

des spanischen Fußballs. Nach einer aufsehenerregenden ersten Saison beim bescheidenen Klub Rayo Vallecano konnte kein Verein die zwei Millionen Ablöse für ihn zahlen. Jetzt trifft er für das britische Überraschungsteam Swansea. Im Kader der Waliser stehen noch drei weitere Spanier. Eine Entwicklung, die über Swansea hin-

Wien spielt, in der Viktoria aufgehen zu lassen, ist aber immer wieder abgewiesen worden. »Es war uns ein Bedürfnis, dass Wacker eigenständig weiterlebt «, sagt der ehemalige Obmann-Stellvertreter der Wacker, Otto Neu. Der aktuelle Vorstand musste bei der Vereinsübernahme in diesem Sommer sogar schriftlich bestätigen, die Wacker nicht mit der Viktoria zu fusionieren. Dafür wird selbst das vollständige Verschwinden des Vereinsnamens in Kauf genommen.
ST. PAULI UND CEVAPClCI Für die Viktoria steht nun am 13. Oktober ohnehin einmal das Gastspiel des FC St. Pauli an. Immerhin kokettiert die Marketingabteilung der Wiener nicht nur mit dem Kultbegriff, sondern auch mit dem

Ruf des deutschen Zweitligisten. Offensiv haben sich die Meidlinger das Image des Hamburger Stadtteilvereins zum Vorbild genommen . Wie aber kommt das bei Fans von Traditionsvereinen in der Liga an? Martin Roßbacher, Obmann der »FreundInnen der Friedhofstribüne « des Wiener Sportklubs, die seit Jahren eine Fanfreundschaft mit St. Pauli pflegen, betrachtet die Selbstbezeichnung »St. Pauli von Wien « skeptisch: »Ein Motiv ist sicher, mit einer Identifikationsfigur wie Toni Polster als Trainer etwas zu schaffen, das eine gewisse Art von Kultcharakter hat. Oder so einen Charakter eben aufzubauen. Ich denke aber, das kann man keinem Verein in Wien absprechen. Ganz im Gegenteil.« Das soziale Engagement der Viktoria .b grüßt er: »Ich denke, wenn es mehrere Vereine in Wien

gibt, in denen eine Fankultur entsteht, die gewisse Werte vertritt, die mit diskriminierenden Geschichten und Fangesängen ein Problem hat, dann kann es für die Stadt insgesamt nur von Vorteil sein. « Und diesen Vorteil gilt es in Meidling auszunutzen. Denn Toni Polster wird hier nicht ewig Trainer bleiben, das mediale Interesse am Verein wird dann vermutlich ebenso rasant sinken, wie es gekommen ist. Und trotzdem werden sich die Alteingesessenen in Altmannsdorf weiter am Samstag um 16 Uhr in die Oswaldgasse begeben. Und warum? »Weil's dort jetzt gute Cevapcici gibt «, sagt ein Mittfünfziger, nachdem er in einen Zwiebelring gebissen hat. Im selben Moment erschallt es wieder aus den Lautsprechern: »Tri tra trallala, Tor für die Viktoria! « Q,

ausgeht. Mehr als hundert spanische Fußballer haben ihr Land in den letzten Jahren verlassen, wobei die Quantität relevanter ist als die Qualität: Torres, Silva, Jurado, Soriano, Cazorla, Borja Valero, Javi Martinez ... Spieler, die früher die Vereine der oberen Mittelklasse verstärkt hätten, gehen nun ins Ausland. Valencia hat 300 Millionen Euro Schulden, Atletico Madrid überlegt nur, wie sie Falcao halten können, Malaga wurde vom Scheich verlassen, Deportivo und Zaragoza kämpfen um den Klassenerhalt. Die Rucht fußballerischen Kapitals zementiert die Dominanz von Barcelona und Real Madrid ein, die jedes Jahr weiter vom Rest der Uga wegrücken. Spanien, früher ein fußballerisches Importland, wird sich daran gewöhnen müssen, dass seine größten Talente abwandern.
Aitor Lagunas ist Chefredakteur des spanischen Fußballmagazins .. Panenka«.

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