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TRANSDISZIPLINÄRE KULTURSTUDIEN FÜR DIE LERNENDE GESELLSCHAFT

- LINZ / AUSTRIA

Vortrag gehalten am 16. Mai 1998, beim internationalen Symposium „STUDIO / Berufsmythen / [Aus]bildungsmodelle / Hochschulpositionen“ der Österr. Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) in Wien.

Deklassierungsphobien? - Gestaltungsprofessionen an der Schwelle zur „transversalen“ Organisation von Arbeit und Lernen.
[Attila Kosa] Skizzen und Gegenbilder zur Krise der akademischen Bildung im Allgemeinen und der Architekturausbildung im Besonderen:

1) Die Dienstleistungsgesellschaft - oder: Tertiarisierung der Produktion Als Tertiarisierung bezeichnen Trendforscher das Vordringen von Dienstleistungen in der gesamtwirtschaftlichen Produktion und das entsprechende Zurückdrängen materieller Güter und rein physisch geprägter Produktionen. Insofern überschreitet das Bild einer künftigen Dienstleistungsgesellschaft das populäre Verständnis von Tätigkeitsfeldern in den typischen Branchen Tourismus, Sozialberufe und Handel bei weitem. Der amerikanische Ökonom Robert B. Reich zieht in seinem vielbeachteten Buch The Work of Nations 1 den Schluß, daß die folgenreichste Arbeit heute nicht mehr in der Produktion von Dingen, sondern in der Verarbeitung von Symbolen besteht, also von Daten, Worten, Bildern, Klängen. Ein neuer Typ von Arbeit sei entstanden, die er "symbolanalytische Dienstleistung" nennt und die vornehmlich in der Lösung und Bestimmung von Problemen sowie dem Makeln mit diesen Lösungen und Bestimmungen besteht. - Symbolanalysten haben keine Bosse und Untergebenen, sondern Partner in verschiedenen Abhängigkeitsverhältnissen voneinander. Ihre Erziehung und Qualifikation muß nicht abstellen auf das Finden bekannter Lösungen zu bekannten Problemen, sondern unbekannter Probleme zu möglichen Lösungen. - Bedeutet dies die Entgrenzung, resp. die berufliche Universalisierung von Kernkompetenzen wie sie bislang Architekten, Designern u.ä. freien Berufen vorbehalten waren?2

2) Die wissensbasierte Gesellschaft - oder: Auflösung der Identitätseliten Den aktuellen Bildungsdiskussionen in Europa liegen diametrale Sichtweisen auf das Entwicklungspotential von Humankapital als Basis einer wissensbasierten Organisationsgesellschaft zu Grunde. Das Sunrise-Szenario prognostiziert eine weitreichende Veränderung mit Betonung der Möglichkeitsaspekte:3 Theoretisches Wissen, Information und Bildung nehmen kontinuierlich an Bedeutung zu. Der Produktionsfaktor Wissen gewinnt gegenüber dem Produktionsfaktor Kapital global an Bedeutung. - Die andere, skeptische Version basiert auf der bildungssoziologischen Analyse von Konzepten der neokonservativen, wirtschaftsliberalen Bildungspolitik der 80er Jahre vor allem in England und den USA, und der Effekte, die diese Politik zeitigte.4 Letztere Konzepte beschwören Symptome einer akuten Bildungskrise, die so zu interpretieren sei, daß Schulen ihren AbsolventInnen zu wenig berufsorientierte Bildung mit auf den Weg gäben. Bezeichnend daran wäre die Auffassung, daß die Bildungsinstitution der direkte Weg zum Arbeitsplatz sein müsse; daß Bildung traditionell die Grundlage sowohl für die ökonomische und politische Überlegenheit nationaler Volkswirtschaften sei, daß aufgrund der rapiden techno1 2

Robert B. Reich: "The Work of Nations"- Preparing Ourselves for 21st-Century Capitalism / New York, 1991

Anm: Design und ArchitekturtheoretikerInnen beschäftigen sich mit diesem Phänomen bereits seit den 70er Jahren. Stellvertretend sei hier - neben A. Moles, D. Bell, u.a.- Lucius Burckhardt zitiert: "Das Unvollständige ist die bessere Lösung" oder "Der kleinstmögliche Eingriff - Vom Entwurfsakademismus zur Behandlung bösartiger Probleme" (in: Die Kinder fressen ihre Revolution / DuMont, Köln, 1985). Manfred Welan/Ada Pellert: Zwischen Gesellschaftrelevanz u. Gesellschaftsdistanz: Versuch einer Aufgabenbestimmung der Universität (in: Die formierte Anarchie / Die Herausforderung der Universitätsorganisation - WUV / Wien, 1995)
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Frank Fischer/Alan Mandell (in: Sünker Heinz [Hrsg.] - Bildung, Gesellschaft, soz. Ungleichheit, Suhrkamp STW 1085 / Frankfurt, 1994)

©MOD2 - 27.06.2002 20:17:00 [Vortrag_ÖGFA-98.doc]

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1992. statische Lernkultur: zentralistische Grundstruktur.Wieder ein Gegenbild dazu: die dynamische Lernkultur. unspezifische Qualifikationen. außer Streit gestelltes Wissen. Das heißt „anschlußfähige“ Qualifikationen. vordefiniertes.Sogar Österreichs Architektenkämmerer der jüngeren Generation5 setzen angesichts der marktpolitischen Krise ihres Berufsstandes unverzagt auf das Paradigma des Humankapitalismus6 technizistischer Prägung. . WissenschafterInnen. Lernende übernehmen Verantwortung und greifen gestaltend in die Außenwelt ein (Projekt-/Fallstudien). 5 6 Georg Baldass / in: DER STANDARD .2002 20:17:00 [Vortrag_ÖGFA-98. Passagen / Wien. . die selbständig erweiterund veränderbar sind.oder Berufseliten. Höllinger/Universität ohne Heiligenschein .27. In: S.oder: Forcierung dynamischer Lernkultur(en) Ein Kennzeichen der kognitiven Gesellschaft7 ist der Wechsel von der statischen zur dynamischen Lernkultur. ins 21. Jahrhundert. „exklusive“ Lernort (Bildungs)Organisation zur lernenden Organisation in einer lernenden Gesellschaft wird. Wenn also der frühere. Anders ausgedrückt: Strapaziert nicht das Bild des „neuen Architekten“ mit Generalplanungskompetenz jenes altbekannte Modell akademischer Wissens.im wörtlichen Sinne .Aus dem 19. Die dynamische Lernkultur ist demnach die Kultur einer kognitiven Gesellschaft. das für hochqualifizierte Arbeitsplätze erforderliche Training zu ermöglichen. statische Werthaltungen.ä. auf das „extrem unsichere Verhältnis zwischen Bildung und Berufsfertigkeiten“ einzugehen. nicht vorweg definierbaren Situationen. Für den Erziehungswissenschafter Peter Posch sind folgende Charakteristika typisch für die traditionelle. mit unvorhersagbaren.tatsächlich sekundär werden. Lernende lehren und Lehrende lernen.LINZ / AUSTRIA logischen Veränderungen die Ausbildungsanforderungen ständig stiegen und daß es Aufgabe der Schulen sei. Aug.Immobilienbeilage.doc] 2 . flexible Studienmodelle.) als Zielsetzung stehen. monopolisierte Wissensquellen. neuen Problemen um.MODE2RESEARCH © TRANSDISZIPLINÄRE KULTURSTUDIEN FÜR DIE LERNENDE GESELLSCHAFT . Die angelsächsische Kritik entwickelt daran ein Sunset-Szenario übersteigerter ExcellenceErwartungen bei gleichzeitig realer Dequalifizierung akademischer Berufsfelder ("Jobwunder"). Denn diese Frage könnte in Zukunft .Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft. in dem der zentrale Begabungsbegriff (sprich: das Gestaltungs-Ingenium) nahezu metaphysischen Charakter gewinnt? 3) Die kognitive Gesellschaft . isolierte Wissensempfänger. Dynamisches Lernen produziert nicht nur verschiedene sondern auch dynamische. Ausgabe vom 1. u. in der Wissensproduktion nicht mehr ein Monopol des Wissenschaftssystems und Lehren/Lernen kein Monopol des staatlichen Bildungssystems sein werden. EU-Kommission: Weißbuch zur allgemeinen und beruflichen Bildung / Lehren und Lernen . 1996 Sigurd Höllinger/Walter Steinbacher: "Geheimnisse der Elitenbildung". Sie wirft diesen technokratischen Konzepten das Unvermögen vor. In dieser Konzeption produzieren Lehrende und Lernende (gemeinsam) neues Wissen. Dieser neuen Lernkultur entsprechen modulare. wie sie in den innovativen Hochschulsystemen Nordeuropas bereits praktiziert werden. Lehrende und Lernende gehen gemeinsam mit konkreten. Vielmehr gälte es zunächst mit aller Konsequenz ein Curriculum für die Organisation Hochschule selbst zu entwickeln. Diese Lernkultur entspricht einer statischen Gesellschaftsordnung und gesellschaftliche Veränderungen verschlechtern die Bedingungen für Lehrende und Lernende in diesem Lernmilieu. 1996 7 ©MOD2 .06. kann am Ende dieser Symposiums-Diskussion nicht „das“ Curriculum für zukünftige ArchitektInnen (oder KünstlerInnen.