mung und schrieb die Geschädigte, die keine war, immer nur in Anführungszeichen.

Den eher peinlichen Versuch Dinkels, mit dem Halstuch auf irgendetwas hinzuweisen, das nie geschehen ist – außer dass sie sich allem Anschein nach mit einem unbekannten Gegenstand selbst verletzt hat –, bewertete Kröber so:

»Dass eine Frau, die nach ihrem Bericht von einem vergewaltigenden Mann am Hals angegriffen und verletzt worden ist, sich in einer Therapie wiederholt mit einem Seidenschal um den Hals präsentiert und bei belastenden Fragen wiederholt an den Hals greift, ist in keiner Weise für irgendetwas hinweisend, es kann der schiere Zufall sein, es kann ein bewusstes Hinlenken der Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Geschichte sein, es kann auch eine unbewusste Schutzgeste sein. Natürlich könnten Psychotraumatologen [wie Seidler; Anmerkung JK] der Kriminalpolizei und den Gerichten sehr viel Arbeit abnehmen, wenn sie beweiskräftig aus den Beschwerden von Opfern den Tatablauf rekonstruieren könnten; bislang ist niemand auf die Idee gekommen, dass dies möglich wäre, und zwar völlig zu Recht nicht. So bleibt es bei der zentralen Frage, ob die Schwächen in der Aussagequalität, die Frau Prof. Dr. Greuel in der Exploration von Frau Dinkel festgestellt und thematisiert hat, nun damit zu erklären wären, dass Frau Dinkel zwar irgendwie grundsätzlich aussagetüchtig gewesen wäre, aber eben in Bezug auf die entscheidenden Ereignisse des Tatgeschehens dann doch nicht, weil für den Kernbereich des Tatgeschehens nun Traumafolgen ihre Aussagetüchtigkeit aufheben würden. Diese Überlegung würde voraussetzen, dass ganz selektiv, zeitlich abgetrennt, ausschließlich für eine Sequenz von wenigen Minuten die Wahrnehmungsfähigkeit von Frau Dinkel für das Tatgeschehen aufgehoben gewesen wäre, so dass sie logischerweise darüber auch nicht berichten kann. Genau diese Annahme macht Prof. Dr. Seidler, indem er das zentrale Dogma der Traumatheorie aufgreift und erklärt, wenn die lebensbedrohlichen Ängste überhandnähmen, beginne das jeweilige Opfer zu ›dissoziieren‹, also in einen veränderten Bewusstseinszustand zu gleiten,
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in dem die Realitätskontrolle nicht mehr möglich sei, weil die Realität zu belastend sei; man schalte sich in solchen Situationen also gleichsam aus, und solche Situationen könnten dann später nicht rekonstruiert werden, würden durch Fehlererinnerungen gefüllt, und beim Berühren entsprechender Szenen würden solche Menschen wieder in ein dissoziatives Abgleiten und Wegrutschen hineinkommen. Dem ist zu entgegnen, dass die Alltagserfahrung des Strafprozesses mit Zeugen verdeutlicht, dass solche von der Traumatheorie postulierten Abläufe in der Realität, wenn überhaupt, offenbar ausgesprochen selten stattfinden. Sofern Zeugen von akut lebensbedrohlichen Situationen vernommen werden, imponiert immer wieder, wie klar und deutlich sie gerade die hochgradig gefährlichen, entscheidenden Situationen des Tatgeschehens erinnern und wie klar und differenziert sie diese wiederzugeben vermögen, und zwar weitgehend unabhängig von der Intelligenz und von der Verbalisierungsfähigkeit des Zeugen. Insofern sind hier die Forschungen der Aussagepsychologie weit besser wissenschaftlich fundiert und klar, dass in Wahrheit regelhaft etwas ganz Gegensätzliches stattfindet: Es findet eine Fokussierung auf das Kerngeschehen statt, randständige Phänomene werden möglicherweise nicht oder nur noch punktuell erinnert, während es einen Fokus auf die Bedrohung, auf die Waffe, auf den Angreifer gibt, was ja auch im Sinne der Selbsterhaltung und im Sinne der maximalen Alarmierung ausgesprochen angemessen ist. Dieses Kerngeschehen wird nahezu eingebrannt ins Gedächtnis, wird in aller Regel noch nach Jahrzehnten prägnant erinnert, was auch immer wieder die Prozesse gegen KZ-Täter verdeutlichen, in denen Zeugen nach Jahrzehnten schrecklichste, lebensbedrohliche Szenen exakt und bildreich erinnern. Anders gesagt: Die traumatisierende Situation, die einen maximalen ›Arousal‹, eine maximale Anhebung der Aufmerksamkeit und der Wachheit hervorruft, führt in aller Regel nicht zur Ausschaltung der Informationen über das Kerngeschehen, sondern ganz im Gegenteil zu einer maximalen Helligkeit des Kerngeschehens. Interessanterweise gibt es aber einen anderen Schutzmechanismus, nämlich eine Reduktion von Angst und Panik im Sinne einer zeitweiligen emotionalen Anästhesie. Nicht die Kognition (und damit die Erinnerungsfähigkeit) wird ausgeschaltet, son167