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Kleiner Partisan, armer Partisan...
Pistolen und Konserven – Das gute und das böse Geld – Lüth und die Leute von rechts und links
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| 23. Oktober 1952 - 07:00 Uhr

Es scheint, daß die Geheimnisse um die hessischen, die bayrischen und hamburgischen Partisanen sich jetzt allmählich lüften. Der Dunst verfliegt. Was bleibt, ist eine Groteske, peinlich für Amerikaner, peinlich für Deutsche. Peinlich sicher auch für Paul Lüth, den bisherigen Vorsitzenden des „Bundes Deutscher Jugend“, von dem gemeldet wurde, er sei verhaftet... nein: nur vernommen worden, sei geflüchtet... nein: nur verschwunden. In Wirklichkeit reist er unbehelligt durchs Bundesgebiet. Und als er soeben nach Hamburg kam, ergab sich mühelos die Gelegenheit, bei einigen Zigaretten mit ihm zu plaudern. Ja, es ist wahr: die Amerikaner, die den Deutschen in der ersten Nachkriegsepoche vorwarfen, sie wollten das gute Einvernehmen zwischen West und Ost stören, sie gaben in der zweiten Nachkriegsepoche, nach dem Schock von Korea, gewissen Deutschen gutes Geld und böse Lehren, auf daß sie am „Tage X“ in die Wälder gingen. Die Lehren liefen auf eine moderne Ausbildung in der Partisanentätigkeit hinaus; der „Tag X“: das wäre der Augenblick, an dem die Sowjets nach Westdeutschland kämen; und das Partisanenschulgeld betrug monatlich 50 000 DM. – „Wußten Sie davon, Herr Lüth?“ – Paul Lüth, von dem gemeldet wurde, er habe bisher jede Mitwisserschaft geleugnet, erwiderte: Ja. Erhard Peters habe es ihm erzählt. Erhard Peters war seinerzeit Luftwaffenoffizier gewesen, danach Dolmetscher bei den Amerikanern; er war zweiter Vorsitzender des „BDJ“ gewesen, ehe er aus dem Bund ausschied und den „TD“ organisierte: den „Technischen Dienst“, eben diese Partisanenorganisation, die jetzt so viel Staub aufwirbelt. „Peters trennte sich völlig von uns“, sagte Paul Lüth. Danach waren der sonderbare „TD“ und der „Bund Deutscher Jugend“ verschiedene Sachen. Der „BDJ“ hat annähernd 20 000 Mitglieder; er ist unzweifelhaft eine demokratische Jugendorganisation, die gleicherweise die rechtsradikalen wie die linksradikalen Elemente ablehnt. Ob dem Partisanenchef Erhard Peters, der doch schließlich aus dieser Organisation kam, da nicht das Gewissen schlug? Peters sei – erzählt Paul Lüth – sogleich zum Stellvertretenden Leiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz gegangen und habe ihm das Geheimnis „auf Offiziersehrenwort“ mitgeteilt... Das wäre dann freilich eine geniale Lösung gewesen: Er hatte es gemeldet; er hatte es – „Offiziersehrenwort“ – auch wieder nicht gemeldet. Mochte der hohe Herr vom Bundesverfassungsschutzamt sehen, was er aus diesem Geheimnis machte. Nach einigen Ausführungen, die Bundesminister Lehr soeben machte, hat denn auch das Bundesamt für Verfassungsschutz das Innenministerium nur unterrichten können, daß die Amerikaner die Absicht hätten, eine Partisanenorganisation ins Leben zu rufen, die erst nach einem eventuellen Einmarsch der Russen in Aktion treten würde. „Es waren törichte Amerikaner“,
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sagte Dr. Lehr und fügte hinzu: man solle die Sache nicht dramatisieren. Und in diesen Punkten hat der Bundesinnenminister gewißlich recht. Wer waren nun diese törichten Amerikaner? Es heißt, daß ein Mann aus der Umgebung des vorigen Hochkommissars McCloy, der nun selbst alles andere als töricht war, von der Partisanenorganisation gewußt habe: Mr. Sheppard Stone, Chief of Public relations, ein hoher Beamter also, dessen Namen man schon hörte, als davon gesprochen wurde, daß einige westdeutsche Zeitungen amerikanisches Geld, gutes Geld, erhalten hätten. Das böse Geld aber, das die Partisanen erhielten, das zahlte ein Mister Garwood aus, und da hätten wir ihn also: den Törichtesten der Amerikaner, der darüber am besten informiert sein muß, was Dr. Lehr eine „Summe von Torheiten“ nannte. Dieser Mister Garwood zahlte das Geld an eine Tarn-Firma, die sich angeblich mit Holz beschäftigte und in der Nähe von Frankfurt saß. Der „Teilhaber“ dieser „Holzfirma“, Erhard Peters, mietete zu Waldmichelbach im Odenwald ein Haus. Es stand also ein Haus im Odenwald, und unablässig weilten „Angestellte der Holzfirma“ dort „zur Erholung“. Doch nicht nur, daß sie in Liegestühlen lagen, wenn die Sonne schien – sie begaben sich auch in einen zum Schießstand ausgebauten Schuppen neben dem Haus, um dort in aller Heimlichkeit aus amerikanischen Pistolen, die mit Schalldämpfern ausgestattet waren, ein bißchen Scheibenschießen zu üben. Derweil war die Masse der Partisanen beschäftigt, auf amerikanischen Truppenübungsplätzen, besonders in Grafenwöhr, den heimlichen Krieg zu lernen. Sie trugen Drillich, hantierten mit alten deutschen und russischen Gewehren, mit amerikanischen Minenwerfern und mit Sprengstoff aller Art, insbesondere auch mit Rucksäcken. Und in den Rucksäcken waren amerikanische Konserven ... Nein, wirklich, man sollte die Affäre nicht dramatisieren. Man sollte statt dessen an einen alten – Schlager denken, den man nach dem ersten Weltkrieg sang. „Armer Gigolo, kleiner Gigolo, denkst du noch an die Zeiten, wo du als Husar, goldbetreßt sogar, durftest durch die Straßen reiten? Uniform passé, Mädel sagt Adjö. Man zahlt, und du mußt tanzen.“ Paßt es nicht haargenau zu diesem Text, daß Paul Lüth erzählte, beim Gros der Partisanentruppen hätten die Konserven die größte Rolle gespielt? So war das! Jedenfalls: So war das auch! Uniform passé, Krieg verloren, törichte Amerikaner locken: ‚Komm, german boy, mach schön! Mach Partisan!‘ Aber währenddessen bauten vernünftige Amerikaner, die gottlob weitaus in der Mehrzahl sind, und die wissen, daß der militärische Wert solcher Partisanenorganisationen sehr klein und daß der moralische Unwert solcher Unternehmen sehr groß ist, eine fundierte europäische Verteidigung auf, und dann – kam, was kommen mußte: Man sagte den Partisanen: „Geht nach Haus!“ und da hatten mal wieder einige hoffnungsvolle junge Deutsche (,Wollen Sie mal schießen, mein Herr?’) und einige ehemalige Offiziere (,Uniform passé‘) ihre Stellung verloren. Und so begab sich – nach Paul Lüths Darstellung – Hans Otto, der bei Erhard Peters „Stabschef“ gewesen war, spornstreichs zum hessischen Verfassungsschutzamt und zum
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hessischen Ministerpräsidenten Zinn, um – post festum – auszupacken. Und was vorher grober Unfug gewesen war, wurde jetzt handfeste innenpolitische Dramatik. Hans Otto nämlich, der „Stabschef“, hatte eine besondere Abteilung „unter sich gehabt“: das „Referat I F“. Papiere, Akten, Fragebögen, Karteien, und diese Angelegenheit hat ohne Frage einen innenpolitischen Aspekt. Ganz offensichtlich sind unter den „Akten“ nicht nur die nach altem Muster verfertigten Fragebögen der Partisanen, die jeder ausfüllen mußte, sondern es sind Listen über allerlei Personen und Persönlichkeiten, denen – ob Kommunist, ob Sozialdemokrat – die Partisanen nicht glaubten, über den Weg trauen zu dürfen, falls die Sowjets kämen. Die Geheimwissenschaft zu diesen Notizen soll „I F“ zum Teil eigener Recherchen oder Phantasie, zum Teil aber auch amerikanischen Unterlagen verdanken. Fürwahr, ein Thema für einen diabolisch-spöttischen Komödienschreiber! Was mag manch vielgenannter Parteimann den Amerikanern einst an Bekundungen gegeben haben, die jetzt – umgeben von anderem Licht – in deutschen Partisanen-Akten zu lesen sind! Auf die Frage, ob in den „Schwarzen Listen“ zu lesen sei, diese den Partisanen verdächtigen oder verdächtig gemachten Politiker (es handelt sich offenbar um viele führende Männer der SPD) seien am Tage X „kalt zu stellen“ oder „kalt zu machen“, erwiderte Paul Lüth, hier sei um Gottes willen höchstens ein „Ausschalten“ gemeint, kein „Liquidieren“. Wer diesen Satz falsch auslege, dem läge nichts anderes im Sinne als Unruhe zu stiften, Skandal zu schlagen, die große Trommel der Propaganda zu rühren ... Wir meinen, daß Minister Lehr auch hier den richtigen Instinkt hatte, als er sagte: „Ich glaube an die angeblichen ‚Liquidationslisten‘ nicht, ehe ich sie nicht gesehen habe!“ Doch was die „Törichten“ unter den Amerikanern betrifft –: Nun sehen sie hoffentlich, was dabei herausgekommen ist: Unruhe, Mißtrauen unter den Deutschen. Und nicht nur das. Unkontrolliert von den deutschen Behörden, fühlten sich einige ressentimentgeladene Mitpartisanen ermuntert, den erkaltenden Topf wieder aufs Feuer zu stellen. Die Hamburger Partisanengruppe hat ihren „Eid“ auf Hitlers „Mein Kampf“ geschworen; Paul Lüth bestätigte das, und daß er dies nicht billigte, sondern ganz und gar abscheulich fand, das darf man glauben, da er es ja schließlich war, der als Vorsitzender des „BDJ“ eine geharnischte Schrift gegen Faschisten und Neo-Faschisten herausgegeben hat. – Unkontrolliert durch die deutschen, unkontrollierbar durch die amerikanischen Behörden ist hier und dort – zumindest in Hamburg – im Brei der indifferenten Partisanen-„Masse“ – Lüth glaubt, es seien 5000 insgesamt – ein nazistisches Geschwür aufgebrochen. Nicht zufällig sind unter den in Hamburg Verhafteten fünf alte Angehörige der SS, darunter ein Freund. Skorzenys und dann ein ehemaliger HJ-Führer. Sie also waren es, die noch ein altes Exemplar „Mein Kampf“ zur Hand hatten, ein Exemplar, wenn nicht zum Lesen, dann zum Schwören. J. M.
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