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Georg Fülberth

Nach der Neuen Marx-Lektüre
Der Weltlauf bringt mit sich, daß wieder vermehrt Karl Marx gelesen wird. Doch wie? Und zu welchem Ende? Eine kleine Lesekonjunktur Seit einigen Jahren gibt es – vor allem in Hochschulstädten – eine neue Kapital-Lesebewegung. Ein Initiator unter anderen war der Studierendenverband »Die Linke/SDS«, der durch Zirkelbildung sich um Einfluß bemühte. Auch die Rosa-Luxemburg-Stiftung erwirbt sich hier Verdienste. Noch weiter verbreitet dürften organisatorisch ungebundene Lesegruppen sein. Um diesen inneren Kern von Interessierten legt sich ein eher diffuses Umfeld der Marx-Akzeptanz, die nicht auf Studium, sondern auf Unbehagen an der gegenwärtigen kapitalistischen Entwicklung beruht. Die Krise 2007 bis 2009, die aktuelle Währungsproblematik, die unkaschierte Durchsetzung kapitalistischer Interessen in Politik und Alltag – sie lassen eine Art dumpfes Gefühl, daß etwas faul sei an dieser Produktions- und Lebensweise, fast schon hegemonial werden. Viel mehr als ein Ressentiment ist dies in der Regel nicht; um bis dahin zu kommen, braucht man kein Kapital gelesen zu haben. Allerdings scheint die Wirklichkeit sich wieder einmal zum Gedanken zu drängen. Ob dieser auf eine solche Chance gefaßt ist – das ist eine andere Frage. Leicht veraltetes Besteck Ein Problem der jetzigen Marx-Rezeption, die im Kern, soweit sie ernst betrieben wird, ein Kapital-Studium ist, besteht in einem Vorverständnis, das vor über vierzig Jahren begann und der damaligen Situation entsprach, weshalb die Erkundigung angebracht ist, ob dies heute wohl noch in vollem Umfang der Fall sein kann. Gemeint ist die sogenannte Neue Marx-Lektüre. Sie ist nicht identisch mit der aktuellen Lesebewegung, liefert ihr aber den Rahmen, der dieser manches leichter machen mag, sie aber zugleich einengt. Es begann mit Louis Althusser, der in Marx’ Kritik der politischen Ökonomie keinen Bezug zu einer gesellschaftlichen Praxis mehr sah, sondern die Beschreibung einer kaum veränderbaren Struktur. In der Bundesrepublik begriff Hans-Georg Backhaus die Wertformanalyse der ersten drei Kapitel des ersten Bandes des Kapital als die Essenz des ganzen Werks, die aber – angeblich unter dem Einfluß von Friedrich Engels – von Marx selbst zugunsten einer Annäherung an ein positivistisches Wirklichkeitsverständnis im folgenden vernachlässigt worden sei. Es beginne dann die Bemühung um empirietaugliche Modelle und Rechnereien. Helmut Reichelt hat diese Kritik gemeinsam mit Backhaus vorangetrieben. Sehr populär ist Michael Heinrichs mittlerweile in achter Auflage erschienenes Buch Kritik der politischen Ökonomie, der in den Lesezirkeln gewiß am meisten benutzte Kommentar. Gemeinsam ist diesen Bemühungen die Trennung von Kapital und Arbeiterbewegung, wobei laut Backhaus und Heinrich die Linie sogar durch das Werk selbst verläuft. Letzterer sieht die wissenschaftliche Revolution, als die Marx’ »Wissenschaft vom Wert« angelegt war, steckenbleiben. Nach über vierzig Jahren Neuer Marx-Lektüre läßt sich fragen, ob es ihr, soweit sie auch Forschung sein will, nicht mittlerweile ebenso ergangen ist und wo des Kaisers Kleider sind. Sie war Teil einer Denkbewegung, die in den siebziger Jahren Abschied vom sogenannten Arbeiterbewegungsund Weltanschauungsmarxismus (diese polemischen Begriffe verwendet unter anderen Heinrich) genommen hat. Die Zeitumstände lenkten auch die Schriften von Autoren, die gar nicht auf eine solche Wende erpicht waren, in einen Seitenarm des Mainstreamdenkens um. Hierher gehört eine Gramsci-Rezeption, die von den Reflexionen dieses Revolutionärs über die Bedingungen von Sieg und Niederlage der Arbeiterbewegung oft nur noch ein Gemurmel über Zivilgesellschaft übrigließ. Oder nehmen wir seinen Freund Piero Sraffa. Dessen Schrift Warenproduktion mittels Waren, als Einleitung zu einer Kritik der ökonomischen Theorie konzipiert, war gegen die Neoklassik gerichtet und löste zugleich bei Marxisten den sogenannten »Sraffa-Schock« aus: Die Arbeitswertlehre schien nebenbei miterledigt. Einige der damaligen Resultate sind tatsächlich kaum revidierbar. Dies gilt für aus dem 19. Jahrhundert überkommene geschichtsphilosophische Fortschrittsmetaphern, aber auch für etwas einfache Vorstellungen von Arbeiterbewegung, die Marx vielleicht gar nicht hatte, an die man inzwischen aber doch sehr gewöhnt war. Wolfgang Fritz Haug warf Michael Heinrich vor, er habe Das Kapital gleichsam entkernt, indem er es von der Geschichte der Kämpfe trennte. Diese Beobachtung ist zutreffend. Aber: Kämpfe lassen sich nicht historisch konservieren und nicht in der Gegenwart simulieren. Eine der Kapital-Revisionen der vergangenen Jahrzehnte muß aber mittlerweile doch ihrerseits revidiert werden.

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Eine der Kapital-Revisionen der vergangenen Jahrzehnte muß aber mittlerweile doch ihrerseits revidiert werden. Ernest Mandels politischer Instinkt veranlaßte ihn dazu, eine Antwort auf den Sraffa-Schock zu suchen. In dem von ihm mit herausgegebenen Band Ricardo Marx Sraffa (1984) veröffentlichte A. M. Shaik Überlegungen über eine weitgehende Rückkehr zur Arbeitswertlehre. Bereits ein Jahr vorher war ein Buch erschienen, das für die sehr wenigen, die es früh rezipiert haben (zu denen der Verfasser der hier vorliegenden bescheidenen Zeilen leider nicht gehörte, wohl aber Menschen außerhalb der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten), als Durchbruch begriffen wurde: Laws of Chaosvon Emmanuel Farjoun und Moshe Machover. Sie stellten fest, daß der Ansatz des ersten Bandes des Kapital empirisch wie theoretisch tragfähig ist. Dies stimme mit dem Ergebnis empirischer Untersuchungen für Großbritannien aus den sechziger, siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts und den USA für 1849 bis 1952 beziehungsweise 1949 bis 1977 überein. Unabhängig von Farjoun/Machover veröffentlichte 1993 Fritz Helmedag unter dem provozierenden Titel Warenproduktion mittels Arbeit eine »Rehabilitation des Wertgesetzes«. Schließlich erschien 2009 die Dissertation Die Aktualität der Arbeitswerttheorie von Nils Fröhlich mit empirischen Belegen auch für Deutschland. All dies bedeutet keine platte Apologie, eine Kritik bleibt: Marx hätte den Umweg über die Durchschnittsprofitrate im dritten Band des Kapital nicht nehmen müssen, die reine Arbeitswertlehre des ersten reicht aus. Eine Beschränkung auf die Wertformanalyse des ersten hätte allerdings nicht genügt. Ohnehin fragt sich, wozu ein von der Empirie bereinigtes Kapital-Verständnis noch taugt. Man kann sich unverändert darin üben, einen Text philologisch immer besser zu verstehen, aber das ist ein Spaß, den man sich auch mit anderen Autoren bereiten kann. Wer Marx’ ökonomisches Werk weiterhin als Angebot nutzen will, Struktur und Bewegungsgesetze des Kapitalismus zu begreifen, wird dabei ohne einen Blick in die Zeitung nicht auskommen. Haben wir sie zur Kenntnis genommen, ist auch Das Kapital verändert: Einige Stellen erscheinen stumpf und tot, andere scharf und aktuell. Es ist ein plastischer Text, der je nach Tagesform und Generation Höhen und Tiefen hat. Wo sind gegenwärtig erstere? Aktuelles Als taufrisch erweist sich plötzlich das 24. Kapitel des ersten Kapital -Bandes, das die »ursprüngliche Akkumulation« behandelt. Lange Zeit hat man es lediglich wie eine Erzählung gelesen, aus der man erfahren könne, wie das allererste Kapital entstanden sei. Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation darf aber in Wirklichkeit nicht als ein einmaliger, längst abgeschlossener Vorgang mißverstanden werden. Rosa Luxemburgs Werk Die Akkumulation des Kapitals wies bereits in eine andere Richtung. Seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts drängt sich die »Akkumulation durch Enteignung« – so nennt der US-amerikanische Geograph David Harvey das – als eine zentrale Tatsache auf, nicht nur in der Beseitigung des Staatseigentums der ehemals sozialistischen Länder, sondern auch in den Privatisierungen der altkapitalistischen Gesellschaften. Das 24. Kapitel des ersten Bandes des Kapital hat im Kontext der jetzigen Reaktualisierung der Eigentumsfrage also einen neuen Status der Interpretation angenommen. Verständnishilfe durch heutige Erfahrung erfährt sogar einer der sperrigsten Abschnitte im ersten Band des Kapital: »Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis«. Generationen haben sich daran abgearbeitet, vielleicht einen ungefähren Begriff erhalten und waren dann – zum Kummer der Vertreter der Neuen MarxLektüre – aber doch recht froh, wenn es anschließend relativ empirisch zuging. Wer sich aber bis in den fünften Abschnitt des dritten Bandes vorgearbeitet hat, stößt auf die Feststellung, mit dem zinstragenden Kapital erreiche »das Kapitalverhältnis seine äußerlichste und fetischartigste Form« (MEW 25: 404). Das kapiert man gegenwärtig leichter als noch vor wenigen Jahren. Wenn Zins und Kurs die unabhängige Variable sind, die lebendige Arbeit die abhängige, befinden wir uns in einer zugleich auf den Kopf gestellten und realen Welt, und wir begreifen dieses Mißverhältnis – wenn durch Marx-Lektüre belehrt – sogar aufgrund der Tagesnachrichten. In den Kapital-Kursen früherer Zeit ist man oft gar nicht bis zu diesem fünften Abschnitt des dritten Bandes über das zinstragende Kapital vorgestoßen. Gleiches gilt für die Ausführungen zur Grundrente (sechster Abschnitt). Sie mochten als veraltet erscheinen. Heute, im Zusammenhang mit den Rohstoffrenten, wird man sie aufmerksamer lesen. Das löbliche Vorhaben, über Marx hinauszugehen, verspricht besonders viel Erfolg, wenn an ihn angeknüpft wird. Seine Erörterungen über das ständige Wachstum des konstanten Kapitals (Rohstoffe, Halbzeug, Maschinen) führen zu der Frage, wie wohl mit den Artefakten, die aufgrund dessen in der Landschaft herumstehen, und den Einträgen in Boden, Luft und Wasser fertig zu werden ist. Unter diesem Aspekt ist der Kapitalismus die Steigerung eines Zivilisationstyps, der älter ist als er selbst, und eine sozialistische Ordnung hätte mit mehr aufzuräumen als nur mit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Neues Publikum Es sind also praktische Dinge, die eine neue Kapital-Lektüre jenseits der Beschränkung auf die Wertformanalyse nützlich machen. Ein geschichtsphilosophischer Entwurf brachte Marx aufs Proletariat. Um dessen historische Funktion zu bestimmen, kam er zur Kritik der politischen Ökonomie. Die Dominanz des Zins- und Kursfetischs und der »Märkte« sowie die Krise des Stoffhaushalts geben Anlaß, sich des Kapitals ohne jene Voraussetzungen

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und der »Märkte« sowie die Krise des Stoffhaushalts geben Anlaß, sich des Kapitals ohne jene Voraussetzungen neu zu bedienen. Akademisch mag das allerdings unergiebig sein. Auf Kapital-Kenntnisse sind kaum noch wissenschaftliche Laufbahnen zu gründen. Die Zerhackung des Universitätsstudiums in Module läßt eine gründliche Lektüre zumindest innerhalb eines normalen Curriculums kaum noch zu. Es müssen also andere Orte dafür gefunden werden. Der Historische Materialismus entwickelte sich in der Emigration (Marx, Engels, Lenin), in der Verbannung (noch einmal Lenin), in der Freizeit eines Kinderarztes (Hilferding), in der organisierten politisch-publizistischen Arbeit (Luxemburg) und im Knast (Gramsci), also immer in Zusammenhang mit und als Folge von gesellschaftlicher Aktivität. Das geschah in der sozialistischen oder kommunistischen Partei. Es wird jetzt wohl ohne gehen müssen. Der in den besonders arbeiterbewegungsarmen USA da und dort blühende Akademische Marxismus mit seiner zeitweilig recht beliebten Form des Analytical Marxism allerdings hat es in der Regel nur zum Elfenbeinturm bringen können. So würde eine Neue Marx-Lektüre, die ihren Ausgangspunkt nicht von der Realität außerhalb des Textes nimmt, wohl ebenfalls enden oder sich durch die Jahre schleppen. Sinnvoller wäre es wohl, das Kapital würde immer mehr von Menschen gelesen, die ihren Lebensunterhalt mit praktischen, auf jeden Fall nicht gesellschaftswissenschaftlichen Tätigkeiten verdienen müssen und herausfinden wollen, woher das, was ihnen dabei passiert, kommt. Merkwürdigerweise ist noch kaum jemand darauf verfallen, Kapital-Kurse an Volkshochschulen anzubieten. Wahrscheinlich müßte man den Stoff dann auf eine Weise auswählen und organisieren, die aktuellen Aufklärungszwecken nützt und dem Zeithaushalt dieses neuen Publikums entspricht. So hat es der verwerfliche Arbeiterbewegungsmarxismus einst ja auch gemacht. Emmanuel Farjoun/Moshe Machover: Laws of Chaos. A Probabilistic Approach to Political Economy. Schocken Books, London 1983, 224 Seiten Nils Fröhlich: Die Aktualität der Arbeitswerttheorie. Theoretische und empirische Aspekte. Metropolis, Marburg 2009, 292 Seiten, 38 Euro David Harvey: Der »neue« Imperialismus: Akkumulation durch Enteignung. VSA, Hamburg 2005, 236 Seiten Fritz Helmedag: Warenproduktion mittels Arbeit. Zur Rehabilitation des Wertgesetzes. Metropolis, Marburg 1994, 366 Seiten, 28 Euro Von Georg Fülberth erschien im März »Das Kapital« kompakt im Papyrossa-Verlag

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