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das netz

iRIGHTS

Jahresrückblick Netzpolitik

2012

1. Auflage 2012 I DAS NETZ erscheint im iRights-Media-Verlag Berlin

das netz
Jahresrückblick
Netzpolitik

2012
ACTA
GEMA
Facebook
Piraten
google

Netzpolitik
Urheberrecht
Datenschutz
Open Data

Inhalt

kino.to

Das Ende der Grauzone?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Megaupload

Aber bitte mit Drama

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

Jahresrückblick: Januar 2012. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
Governance-Experte Kleinwächter

„Es herrscht kalter Krieg“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
Datenschützer Peter Schaar

„Wir müssen wachsam sein“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Die Urheberrechtsdebatte

Einer geht noch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
Jahresrückblick: Februar 2012. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Der Big Bang der Netzpolitik

ACTA. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
Frauen, Gender, Netzpolitik

Wo stehen wir 2012?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
Jahresrückblick: März 2012. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
Netzgemüse

Schluss mit lustig. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
Jahresrückblick: April 2012. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
Vorratsdaten­speicherung

Was war, was wird. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
Archivierung digitaler Medien

Mind the gap. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
Wikimedia-Vorstand Pavel Richter

„Den Kontrollverlust als ­etwas Positives begreifen“. . . . . . . . . 50
Jahresrückblick: Mai 2012 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
Beteiligung geht über Twitter hinaus

Internet-­Enquete . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
Was Face­book weiSS6�����������������������������������������������������������������������60
Datenschutz und Facebook

„Wir sind über den Punkt hinaus, wo wir
Kontrolle­über unsere Daten ­ausüben können.“. . . . . . . . . . . . . 62
Reporter ohne Grenzen
Pressefreiheit &
Überwachungssoftware . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66

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iRights das netz 2012

Jahresrückblick: Juni 2012. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
Google ­

Anpassung an die Rechte­­-inhaber. . . . . . . . . . . . . . . . . 74
GEMA nach Hause

Verloren zwischen Club und Youtube

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

78

Jahresrückblick: Juli 2012. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
­Deutsche Presse­verlage und das ­Internet

das recht auf content. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
Jahresrückblick: August 2012 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
Show- statt T
­ ransparenzeffekt

Open Data

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

90

Jahresrückblick: September 2012. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
Leistungsschutzrechte an Tonaufnahmen

Der vergessene Skandal. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
Netzaktivist Markus Beckedahl

„Den Kaffeekranz unserer Eltern
überwacht auch niemand“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
Die Piratenpartei

Spaß und Protest . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
Jahresrückblick: Oktober 2012. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
Ein Urheberrecht für das 21. Jahrhundert

Ideen für eine zukünftige Regulierung
kreativer Güter. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
Kontrolle im Netz

„Eine gefährliche Illusion“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
Jahresrückblick: November 2012. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
Digitale Ökosysteme

Die Politik der Plattformen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Ministerin in bleierner Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
Netzpolitische Rede des Jahres

Urheberrecht, Internet, ­Eisenbahn und Buchdruck. . . . . . . . . 127
netzpolitiK­ 2012. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
Was ist iRights?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
Impressum, Bildnachweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142

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Foto: Mario Sixtus

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kino.to

Das Ende der Grauzone?
Millionen von Nutzern sahen auf kino.to
jahrelang kostenlos aktuelle Filme und
Serien. 2011 wurden die Betreiber­festgenommen und die Plattform geschlossen.­
Die Rechtslage bleibt schwierig.

von Valie Djordjevic
Websites, die Streams von aktuellen
­Filmen und Fernsehserien sammeln und
zugänglich machen, gehören für Jugendliche und junge Erwachsene zum Alltag.
Sie kommen aus der Schule und schauen
zur Entspannung erst einmal die neue
Folge „How I met your mother“ oder
„Two and a half men“ – nicht vorm
Fernseher sondern am Computer. Als im
Juni 2011 die Polizei eine Razzia gegen
kino.to durchführte und die Website
sperrte, schimpften viele Nutzer in den
Foren: „Anscheinend ist die rechtliche
Grauzone nun doch ein No-Go,“ meinte
einer.
Doch schon Tage danach waren die selbsternannten Nachfolger kinox.to und
movie2k.to und dutzende andere Seiten
online. Auch vorher war kino.to nie die
einzige Seite, die Streams zu Filmen versammelte – sie war nur eine Weile lang,
von 2008 bis 2011, die beliebteste.
Das Geschäftsmodell von kino.to und
den anderen Streamingseiten beruht
darauf, dass um die eingebetteten Videos und Links zu den Filmen herum

Werbung geschaltet wird. Dazu bauten
die Macher ein weitverzweigtes Netzwerk auf. Die Werbung war nicht immer
harmlos. Auf der Seite lauerten zwielichtige Porno-Angebote, Abofallen, Viren
und Trojaner.
Die Dateien zu den Filmen, zu denen das
Portal verlinkte, lagen bei sogenannten
Filehostern (Dienste wie Rapidshare,
Uploaded.to oder – und hier schließt
sich der Kreis – Megaupload, der anderen spektakulären Verhaftungsgeschichte
dieses Jahres). kino.to war zwar nur eine
Linkssammlung; aber sein Ökosystem
schloss eigene und fremde Filehoster ein,
auf die bezahlte Helfer aktiv Filme und
Serien hochluden. Der Chefprogrammierer Bastian P. sagte vor Gericht aus, er
sei davon ausgegangen, das Portal operiere in einer rechtlichen Grauzone, weil
dort nur die Links zu den Raubkopien
verzeichnet waren. Dass er damit aber
die illegalen Filmkopien zugänglich und
sich damit strafbar machte, sei ihm in
der Konsequenz nicht klar gewesen.
Darf man illegale
Film-Streams anschauen?
Die Nutzer von kino.to stellten sich allerdings eine andere Frage. Die Antwort
darauf führt tatsächlich in die rechtliche Grauzone: Darf man illegale FilmStreams anschauen oder nicht?
Beim Streaming wird immer eine flüchtige Kopie im Arbeitsspeicher angelegt.
Das Urheberrechtsgesetz erlaubt solche
vorübergehenden Kopien explizit. Sie
sind die technische Voraussetzung, um
überhaupt irgendeine Webseite im Internet anzugucken. Im Fall legaler Quellen
wie der ARD-Mediathek, in der man
iRights das netz 2012 

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kino.to

sich etwa den Tatort anschaut, macht
diese flüchtige Kopie keine rechtlichen
Probleme.
Doch was passiert rechtlich bei Angeboten wie kino.to, die gar keine Rechte an
den Filmen besitzen? Da wird es schwierig. Eindeutig verboten ist es, Dateien
herunterzuladen, wenn sie von Angeboten stammen, die offensichtlich als unrechtmäßig erkennbar sind. Das wurde
in der letzten Urheberrechtsreform 2008
festschrieben. Wertet man das Anschauen eines Films auf kino.to also wie einen Download-Vorgang, ist die Sache
einfach. Der Nutzer konnte sich an drei
Fingern abzählen: Diese Quelle ist illegal. Kurz nach Kinostart war hier fast
jeder Blockbuster gratis zu sehen – auf
einem Portal, das wohl kaum zufällig uf
der Südseeinsel Tonga gemeldet ist.

überwacht werden. Das ist außerhalb
totalitärer Regimes bisher noch keine
Option – jedenfalls nicht außerhalb von
Hardliner-Kreisen der Rechteindustrie.
Anders könnte es den Premiumnutzern
gehen, die für schnellere Streaming­
raten auf Portalen wie kino.to Geld
bezahlt haben. Über ihre hinterlegten
Zahlungs­daten sind sie identifizierbar.
Die Staatsan­waltschaft kündigte im Februar Ermittlungen gegen Premiumnutzer
von kino.to an. Von Anklagen ist bisher
allerdings nichts bekannt.
Bisher nehmen die Behörden (und private Rechte-Detekteien wie die Gesellschaft zur Verfolgung für Urheberrechtsverletzungen GVU, die im Vorfeld an
der Schließung beteiligt war) vor allem
die Betreiber ins Visier, nicht die Nutzer.
Doch auch das gestaltet sich schwierig,

larität bei den großen Anbietern nicht
kaufen konnte. Die zeitversetzte Auswertung von Kino, DVD, TV hat in den
Zeiten des Netzes ausgedient.
Zumindest für Betreiber von kino.to ist
das Streaming-Abenteuer vorbei. Mit
Filmen, für deren Rechte sie keinen Cent
bezahlt hatten, machten sie Werbeeinnahmen in Millionenhöhe. Im April
wurde Chefprogrammierer Bastian P.,
29, zu 3 Jahren und 10 Monaten Haft
verurteilt. Sein Chef Dirk B. bekam im
Juni 4 Jahre und 6 Monate.

Ob legal oder illegal – normalen Nutzern
drohen, soweit es sich absehen lässt, im
Augenblick keine Konsequenzen.
Ob allerdings das Anschauen eines
Streams gleichzusetzen ist mit dem Herunterladen einer Datei, ist angesichts der
oben genannten Problematik der flüchtigen Kopie nicht eindeutig geklärt. Es
könnte auch wie der reine Werkgenuss
gewertet werden, wie das Lesen eines
Buches. Dieser Werkgenuss aber ist urheberrechtlich nicht relevant. Er kann
auch dann nicht verfolgt werden, wenn
die Quelle rechtswidrig ist. Auch das
Lesen eines Raubdrucks, eines illegal kopierten Buches, ist nicht verboten.
Ob legal oder illegal – normalen Nutzern drohen, soweit es sich absehen
lässt, im Augenblick keine Konsequenzen. Wie auch? Sie haben ihre Daten
zwar auf den Servern der illegalen Anbieter hinterlassen, aber diese mit den
realen Namen und Adressen zusammenzubringen, ist schwer möglich, da die
Log-Dateien regelmäßig gelöscht werden. Um normale Nutzer zu verfolgen,
müsste ihr komplettes Verhalten im Netz

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iRights das netz 2012

da viele der Betreiber ihre Identität verschleiern oder im Ausland sitzen – meistens beides. Im Fall kino.to gelang der
GVU nach jahrelangen Ermittlungen der
Durchbruch erst, als einer der Uploader
ihr Insider-Informationen verkaufte.
Indes ließen sich Jugendliche wohl am
ehesten mit guten legalen Film- und Videoangeboten überzeugen, die Finger
von den illegalen Nachfolgern zu lassen.
Doch bis heute gibt es immer noch keine
legale Möglichkeit, sich im Netz Filme
anzuschauen, die mit den illegalen Angeboten in Bezug auf Einfachheit der
Bedienung und Verfügbarkeit konkurrieren könnte. Auch das ist leider ein
Grund, weshalb Nutzer im Jahr 2012
immer noch lieber auf Seiten gehen, auf
denen sie sich Viren einfangen oder in
einer Abo-Fallen landen, als vergeblich
auf iTunes nach ihrer Lieblingsserie zu
suchen. Das Paradebeispiel ist hier die
Fantasy-Serie „Game of Thrones“, die
man auf dem Höhepunkt ihrer Popu-

Valie Djordjevic ist
Redakteurin und Autorin
bei iRights.info. Sie
beschäftigt sich mit den
Themen Netzkultur,
­Feminismus, Literatur
und Urheberrecht.
Sie ist seit 1996 aktiv
in der Netzkunstszene
und arbeitet außerdem
als Übersetzerin und
Trainerin.

Megaupload

Aber bitte mit Drama
Es war eines der ersten großen­Internet-­
Dramen des Jahres:­Am 19. Januar 2012
wurde Kim Schmitz, der sich nun Kim
Dotcom nennt, zusammen mit ­seinen
Geschäftspartnern in Neuseeland
­festgenommen.

von Torsten Kleinz
Eine Geschichte, wie für Boulevardmedien gemacht: Auf der einen Seite der
überlebensgroße Deutsche, der eine lange
Medien­karriere als vermeintlicher Superhacker und mehrere Verurteilungen hinter
sich hat. Auf der anderen Seite die Copyright-Supermacht USA, die Schmitz in einer
Blitzaktion mit Sondereinsatzkommenado
festnehmen ließ.
Mit immer neuen juristischen Schachzügen, Manövern und Publicity-Stunts versucht der Deutsche mit finnischem Pass
seither die Auslieferung in die USA zu
verhindern. Dabei versucht er sich als legaler Geschäftsmann zu präsentieren: Ein
Unterseekabel will er verlegen lassen und
den Neuseeländern freien Internetzugang
verschaffen. Einen neuen, voll verschlüsselten Filehoster aufbauen, der über die ganze Welt verteilt sein soll. Schon vorher hat
er den Aufbau eines neuen Musikdienstes
„Megabox“ verkündet, der Künstlern Geld
in die Kassen spülen soll. Dass keiner seiner Pläne wirklich viel Sinn ergibt oder besonders realistisch erscheint, stört wenig –
die Presse schreibt trotzdem drüber.

Kim Dotcom, der Großartige,
Kim Dotcom, der Märtyrer
Sogar vor peinlichen Musikvideos schreckt
Schmitz nicht zurück, um sich in der Presse zu halten. Dabei vergleicht er sich zum
Beispiel mit US-Bürgerrechtler Martin Luther King. Kim Dotcom, der Großartige.
Kim Dotcom, der Märtyrer. Das Getöse wurde so groß, dass eine unbekannte
Gruppe die Homepage des neuen SuperProjekts hackte. „Kim Dotcom ist nicht
besser als Universal. Er ist selbst ein Teil
der Industrie, er ist nur da um zu stören“,
teilten die vermeintlichen Angreifer dem
Online-Magazin Torrentfreak mit.
In der Tat. Tritt man einen Schritt zurück
und betrachtet man den Fall ohne Kim
Schmitz im Bild, ist der Fall Megaupload
ein interessanter. Denn Filehoster wie
Megaupload sind in den letzten Jahren
immer mehr zum Problem gerade für die
Filmindustrie geworden. Denn heute muss
sich niemand mehr mit einer FilesharingSoftware aktuelle Folgen von „Game Of
Thrones“­ oder „Breaking Bad“ auf den
Computer laden, um sie lange vor dem
deutschen Erscheinungstermin zu sehen.
Zahlreiche Linkseiten verweisen auf Filehoster, die die entsprechenden Inhalte
nicht mehr nur zum Download, sondern
gleich zum Streamen anbieten. Zwar
ist umstritten, ob das Ansehen solcher
Streams legal ist, doch in der Praxis ist es
bis heute recht gefahrlos: Abmahnungen
gegen nicht-zahlende Kunden solcher Services sind nicht bekannt.
Filehoster und Linkseiten im Verbund hebeln das Regime des Digital Millennium
Copyright Act aus. Denn das viel kritisierte Gesetz ist eigentlich ein Segen für die
Serverbetreiber. Sie müssen keine Inhalte
iRights das netz 2012 

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megaupload

Wer Kim Schmitz mit einem Freiheitskämpfer­
für das Netz verwechselt, der verwechselt
das Netz mit AOL und Pro Sieben mit einem
Nachrichtensender.

selbst prüfen, nur auf die offiziellen Beschwerden der Rechteinhaber reagieren.
Von beiden Seiten wird der Bogen aber
überspannt. Die Rechteinhaber versenden mittler­w eile Zigtausende von automatisierten DMCA-Anfragen, die oft
genug die Falschen treffen. Gleichzeitig
haben spezialisierte Hoster einen Weg
gefunden, Löschaufforderungen auszumanövrieren: Ein Link wird gelöscht,
die gleiche Datei auf dem gleichen Server
wird aber flugs unter einer anderen URL
ange­boten.
Juristische Niederlagen
Anbieter wie Youtube oder Rapidshare
stehen unter enormen Druck, zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen: So wurde
Rapidshare unter anderem vom Bundesgerichtshof aufgetragen, aktiv nach
verlinkten Inhalten zu suchen, die möglicherweise illegal sind. Im Fall kino.to
konnten deutsche Behörden in diesem
Jahr nachweisen, dass die Betreiber von
Hosting-Services und Linkseiten unter
einer Decke steckten. Sie wurden 2012
zu teilweise langjährigen Haftstrafen
verur­t eilt.­ Ähnlich sind die Vorwürfe
gegen Megaupload. Die US-Ankläger
wollen der Unternehmensführung nachweisen, in vollem Bewusstsein illegale
Kopien vertrieben zu haben. Abgefangene E-Mails sollen dies beweisen.
Auf der einen Seite war der Zugriff auf
Schmitz und seine Geschäftspartner bemerkenswert erfolgreich. Von einem Tag
auf den anderen war Megaupload weg
vom Fenster – mehrere andere Dienste
stellten ihre Tätigkeit ein. Doch mittelfristig kassieren die US-Behörden eine
juristische Niederlage nach der anderen.

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iRights das netz 2012

Schmitz hat seine Bewegungsfreiheit
wieder und kann auf reichlich Geld zugreifen, auch wenn viele Konten eingefroren bleiben. Aus der angestrebten
schnellen Auslieferung ist ein juristisches
Scharmützel in Neuseeland geworden,
das immer mehr Politskandale nach sich
zieht.
Streit um Server und Daten
So war Schmitz von neuseeländischen
Behörden illegal abgehört worden, Premierminister John Key entschuldigte
sich im September sogar offiziell dafür. Und der Streit um die in den USA
befindliche Server-Infrastruktur, die
Megaupload bei einem dort ansässigen
Provider angemietet hatte, zieht sich
über Monate hin. Sollen die Daten gelöscht werden oder dürfen die Megaupload-Kunden auf ihre Daten zugreifen?
Auch die Bürgerrechtler der Electronic
Frontier Foundation engagieren sich
in dem Fall – wohlweislich aber nicht
auf der Seite von Megaupload, sondern der Kunden, deren Daten verloren
sind, wenn die Server einmal überspielt
wurden.­
Auch im Jahr 2013 wird der Fall noch
reichlich Popcorn-Potenzial bieten –
egal wer sich in der Sache blamiert, die
Häme wird hierzulande groß sein. Doch
sollte man vor lauter Getöse und Medien auch das Kleingedruckte nicht übersehen. So kündigte Schmitz an, einen
Musikdienst über Werbung zu finan­
zieren, die die Client-Software auf fremden Webseiten anzeigt. Eindeutiger kann
man gegen die Netzneutralität nicht ver­
stoßen. Und auch die Prozessdokumente­
in den USA sollte man sehr genau le-

sen – enthüllen sie doch, wie die USRegierung auch ohne ACTA ihre Lesart
des Urheberrechts und die Macht ihrer
Unterhaltungskonzerne ausspielt.
Das nächste Jahr wird sicher spannend,
nicht nur für Kim Schmitz. Wer ihn aber
mit einem Freiheitskämpfer für das Netz
verwechselt, der verwechselt das Netz
mit AOL und Pro Sieben mit einem
Nachrichtensender. Wofür er taugt: Ein
Exempel.

Torsten Kleinz ist
freier Journalist und
schreibt seit über zehn
Jahren ­darüber, was
das Netz und die Welt
­zusammenhält.

weiterlesen:
bpb.de/netzpolitik

Foto: (cc) iStockphoto | re:publica 2012

>> Teilnehmende der re:publica 2012. Die bpb förderte die Subkonferenz rE:Unite,
auf der nach der Rolle der europäischen Netzöffentlichkeit gefragt wurde.

www.bpb.de
Politisches Wissen
im Internet

Foto: Tiger Stangl

Was war los im Netz?

Januar 2012
1

2

3

(02.01.) Der Bundesvorsit­
zende der Piratenpartei,
Sebastian Nerz, sieht seine
Partei nach der Wahl 2013
im Bundestag und träumt
von einer Koalition mit Grü­
nen und FDP, weil es in „der
Bürgerrechtspolitik große
Nähe“ gebe.
(02.01.) Das Bundeskrimi­
nalamt (BKA) lässt wieder
Besucher auf seine Website,
die Anonymisierungsdiensten
nutzen. Die waren vorher
ausgesperrt worden. Die Be­
hörde reagiert damit auf eine
Beschwerde des Bundesdaten­
schutzbeauftragten.

4

5

6

7

(04.01.) Der EU-Rat
veröffentlicht einen
Richtlinienentwurf,
nach dem es erleich­
tert werden soll,
Telefonate abzuhö­
ren und in Echtzeit
auf E-Mails, Verbin­
dungs- und Stand­
ortdaten in anderen
Mitgliedsstaaten
zuzugreifen.

(02.01.) Der IT-Branchenverband Bitkom stellt sich hin­
ter eine Initiative des Bundesjustizministeriums gegen
überzogene Abmahnungen im Internet. „Leider entsteht
der Eindruck, dass Abmahnungen von manchen Anwälten
und deren Auftraggebern als Einnahmequelle missbraucht
werden“, so Bitkom-Präsident Dieter Kempf.

12 

iRights das netz 2012

8

9

10

(04.01.) Es wird bekannt,
dass die EU-Kommission
das Projekt „Clean IT“
fördert. Später decken
Netzexperten auf, dass
darin der Vorschlag ent­
halten ist, dass europäi­
sche Internet-Anbieter alle
Internet-Verbindungen
überwachen und bestimm­
te Inhalte herausfiltern
sollen.

11

12

13

14

15

(16.01.) Der Gesetzesvor­
schlag für den „Stop Online
Piracy Act“ (SOPA) wird im
US-Repräsentantenhaus auf
Eis gelegt.

(17.01.) Facebook und Google legen beim
High Court Delhi Beschwerde dagegen ein,
„anstößige Inhalte“ aus ihren Angeboten
zu filtern. Die Haftungspflichten für OnlineAnbieter waren 2011 durch ein neues Ge­
setz stark ausgeweitet worden.

(05.01.) Das Marktforschungs­
unternehmen Nielsen gibt be­
kannt, dass 2011 in den USA
erstmals mehr Musik in rein
digitaler Form verkauft wurde
als auf physischen Tonträgern.
50,3 Prozent der Alben und
Singles wurden nicht auf CD
oder Schallplatte verkauft.

(18.01.) Verschiedene
Websites, darunter die eng­
lischsprachige Wikipedia,
protestieren für 24 Stunden
gegen die US-Gesetzesent­
würfe SOPA und PIPA, die
Maßnahmen gegen OnlinePiraterie einführen sollen.
Während dieser Zeit sind die
Seiten geschwärzt.

16

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18

19

20

21

(19.01.) Kim Schmitz
und drei Mitarbeiter des
Filehosters Megaupload
werden in Neuseeland
festgenommen; gegen
sie und vier andere
erhebt das US-Justiz­
ministerium Anklage.
Die Website ist abge­
schaltet. In der Folge
schließen Betreiber wie
Uploaded.to, Filesonic
und FileServe ihre Ser­
ver oder schränken das
Angebot stark ein.

(21.01.) Die Polizei in Hannover stoppt die
Fahndung nach Straftätern per FacebookSeite. Bis auf weiteres sollen keine personen­
bezogenen Fahndungsaufrufe auf sozialen
Netzwerken mehr veröffentlicht werden.

22

23

24

25

(24.01.) Die Industrie- und Handels­
kammer (IHK) Schleswig-Holstein
legt beim Verwaltungsgericht Schles­
wig Klage gegen das Unabhängige
Landeszentrum für Datenschutz
(ULD) ein, das im Herbst mehr als
ein Dutzend öffentliche und private
Betreiber aufgefordert hatte, ihre
Auftritte bei dem sozialen Netzwerk
Facebook abzuschalten.

(26.01.) 22 EU-Mitglieds­
staaten und die Europäische
Union unterzeichnen ACTA.
Erwartet wird, dass die rest­
lichen fünf Staaten, darunter
Deutschland, folgen werden.

26

27

28

(27.01.) Eine vom Bun­
desjustizministerium
beim Max-PlanckInstitut für Strafrecht
in Auftrag gegebene
Studie kommt zu dem
Schluss, dass die Vor­
ratsdatenspeicherung
die Aufklärungsquote
bei Straftaten nicht ver­
bessere.

(27.01.) Der Berliner In­
nensenator Frank Henkel
(CDU) bestätigt, dass
das Land Berlin bei der
Software-Firma Syborg
eine Überwachungssoft­
ware für 280.000 Euro
in Auftrag gegeben
hat, mit der PCs von
Verdächtigen überwacht
werden sollen.

(28.01.) DerBundestag beschließt eine „Digitalisie­
rungsoffensive“ für das kulturelle Erbe. Deutlich
ambitioniertere Anträge der Opposition waren von
der Regierungskoalition abgelehnt worden.

29

30

31

(30.01.) Die Website
des CDU-Bundes­
tagsabgeordneten
Ansgar Heveling wird
gehackt, nachdem der
Politiker im Handels­
blatt die Gegner der
US-Gesetzesvorschlä­
ge SOPA und PIPA
„digitale Maoisten“
genannt hat.

(31.01.) Die Musik­
industrie unterliegt
vor dem Bundes­
verfassungsgericht
dem Heise-Verlag.
Heise Online darf
somit im Rahmen der
Berichterstattung
auf einen SoftwareHersteller verlinken,
der ein Programm
zur Umgehung des
DVD-Kopierschutzes
anbietet.

iRights das netz 2012 

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