Marxismus-Leninismus

Andreas Heuer

Ein Grundverständnis des Marxismus-Leninismus für die Geschichte Chinas im 20.Jahrhundert ist unter anderem deshalb wichtig, weil der Marxismus die grundlegende Ideologie war, welche die Politik und die Weltsicht Mao Zedongs geprägt hat. Dies bedeutet nicht, dass Mao die Ideen von Marx einfach übernommen hätte. Vielmehr hat er versucht, diese im Kontext der chinesischen Geschichte und der gesellschaftlichen Verhältnisse in China weiter zu entwickeln. Dennoch war der Marxismus in seinen wesentlichen Grundzügen die Ideologie, die Maos politisches Denken geprägt hat. Dies ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass das 20.Jahrhundert insgesamt unter der Perspektive des Zeitalters der Ideologien verstanden werden kann. Die drei grundlegenden Ideologien waren der Marxismus, der Faschismus und der Nationalsozialismus als extreme Variante des Faschismus. Die Bezeichnung „Zeitalter der Ideologien“ soll zum Ausdruck bringen, dass in dieser Zeit die Menschen den jeweiligen Ideologien ergeben und überzeugt waren, in der jeweiligen Ideologie einen Schlüssel zum Verständnis der Geschichte, Gegenwart und Zukunft zu finden. Diese drei Ideologien sind darüber hinaus durch eine wichtige Gemeinsamkeit gekennzeichnet: den Glauben, die Vergangenheit durchschaut zu haben und daraus einen Weg in die Zukunft abzuleiten. Während der Faschismus seinen Höhepunkt in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts hatte, genauer zwischen der Zeit von 1922, Mussolinis Machtergreifung, bis zum Ende der nationalsozialistischen Herrschaft 1945 und der Kapitulation Japans, hatte der Marxismus, der mit der russischen Revolution 1917 in die Phase der realen Umsetzung eingetreten war, in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts seine größte Entfaltung und dies entgegen Marx Vorstellung besonders in sogenannten Ländern der Dritten Welt. Entgegen der Geschichtsauffassung von Marx wurde die Möglichkeit gesehen, direkt den Weg in eine sozialistische Gesellschaft zu gehen, ohne die längere Phase der Ausbeutung durch den Kapitalismus zu durchlaufen. Was waren die Kernideen des Marxismus und worin lag ihre Überzeugungskraft? Um nachvollziehen zu können, warum der Marxismus eine solche Anziehungskraft hatte, ist es notwendig, in Grundzügen die marxsche Lehre darzustellen. Denn wenn wir Geschichte verstehen wollen, müssen wir in die Lage versetzt werden, aus der damaligen Perspektive einen Horizont zu öffnen, der das Handeln der Akteure zwar nicht rechtfertigt, aber zumindest in gewissen Zügen nachvollziehbar macht. Der Marxismus ist eine im 19.Jahrhundert im Wesentlichen von Marx und Engels entwickelte Auffassung über den Verlauf der Weltgeschichte. Das bekannteste Werk, indem sie ihre Geschichtsauffassung dargelegt haben, ist das Kommunistische Manifest, welches im Jahr 1848 erschienen ist. Marx und Engels gingen davon aus, dass die Erkenntnis der Geschichte eine wissenschaftliche Erkenntnis sei und sich deshalb grundsätzlich nicht von dem Begriff der Gesetzmäßigkeit der Naturwissenschaften unterscheide. Die Gesetzmäßigkeit im bisherigen Verlauf der Weltgeschichte fassten sie am Beginn des Kommunistischen Manifests folgendermaßen zusammen: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedes Mal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.“1 Marx und Engels erkennen im Verlauf der bisherigen Geschichte als Kernprinzip die Auseinandersetzung verschiedener Klassen, und entwickeln die Idee einer Weltgeschichte, die sich in folgenden Sprüngen vollzogen hat: Urgesellschaft, asiatische Produktionsweise, antike Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus. Der Übergang von der
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Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei zitiert nach: http://www.mlwerke.de/me/me04/me04_459.htm.

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Urgesellschaft in die Gesellschaft der asiatischen Produktionsweise und der antiken Sklavenhaltergesellschaft war der notwendige Übergang von einer ursprünglich klassenlosen Gesellschaft in die Zeit der Klassengesellschaften. Das dynamische Element in dem Durchlaufen der Klassengesellschaften bis hin zum Kapitalismus war einerseits die Entwicklung der Produktivkräfte und anderseits die Herausbildung zweier Hauptklassen, die sich im Kapitalismus unversöhnlich gegenüber stehen: die Bourgeoisie und das Proletariat. Der Kapitalismus als letzte Klassengesellschaft hat die moderne Industrie hervorgebracht und seit Mitte des 18.Jahrhunderts mehr Produktivkräfte entfacht als alle anderen Epochen zuvor. Gleichzeitig hat sie die Klassengegensätze vereinfacht, so dass sich Mitte des 19.Jahrhunderts mit der Bourgeoisie und dem Proletariat die zwei Hauptklassen gegenüber stehen. Der Kapitalismus hat dabei die Produktionskräfte so weit entwickelt, dass erstmals in der Geschichte ein Grad an Naturbeherrschung und an der Produktion gesellschaftlichen Reichtums erreicht worden ist, der es allen Menschen ermöglicht, frei und unabhängig zu sein. Es ist der Kapitalismus mit seinen Widersprüchen, nämlich dass einerseits ein gesellschaftlicher und ökonomischer Zustand erreicht ist, der nicht auf individueller, sondern auf gesellschaftlicher Ebene die geschichtliche Möglichkeit einer klassenlosen Gesellschaft hervorgebracht hat, aber andererseits die gesellschaftlichen Verhältnisse innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise eine solche klassenlose Gesellschaft, in der alle Menschen gleich frei sind, nicht zulässt. Der Kapitalismus ist demnach ein Widerspruch in sich selbst, da er historisch die Möglichkeit einer klassenlosen Gesellschaft hervorgebracht hat, sie aber im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise nicht verwirklichen kann. Somit wird im Kapitalismus ein gesellschaftlicher Zustand erreicht, der aber nicht bewusst geleitet, sondern durch die Gesetze des Kapitalismus bestimmt wird, die willkürlich die gesellschaftlichen Verhältnisse festsetzen: „Die soziale Macht, d.h. die vervielfachende Produktionskraft, die durch das in der Teilung der Arbeit bestehende Zusammenwirken der verschiedenen Individuen entsteht, erscheint diesen Individuen, weil das Zusammenwirken selbst nicht freiwillig, sondern naturwüchsig ist, nicht als ihre eigene, vereinte Macht, sondern als eine fremde, außer ihnen stehende Gewalt, von der sie nicht wissen, woher und wohin, die sie also nicht mehr beherrschen können, die im Gegenteil nun eine eigentümliche, vom Wollen und Laufen der Menschen unabhängige, ja dies Wollen und Laufen erst dirigierende Reihenfolge von Phasen und Entwicklungsstufen durchlaufen.“2 Allein die gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus verhindern, dass alle Menschen in der Realität die Möglichkeit haben, an im und durch den Kapitalismus erzeugten Reichtum teilzuhaben. Gleichzeitig führen die Herrschaftsverhältnisse dazu, dass die Menschen ihre eigene Geschichte nicht selber machen, sondern durch die Gesetze des Kapitalismus bestimmt werden. Diese sind im Wesentlichen durch den Klassenantagonismus und den daraus resultierenden Ungleichheiten auf allen Ebenen der Gesellschaft bestimmt. Nach Marx führt erst die Aufhebung des Klassenantagonismus dazu, dass „die Gesetze ihres eigenen (der Menschen, A. Heuer) gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüber standen,…mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht wird…Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.“3 Der Kapitalismus ist nach diesem Verständnis die letzte Gesellschaftsformation, die der eine Klasse der Gesellschaft (die Bourgeoisie) eine andere Klasse der Gesellschaft (Proletariat) unterdrückt. Diese Unterdrückung ist keine individuelle, sondern eine gesellschaftliche Unterdrückung. Der Kapitalismus ist generell durch den Gegensatz der Produktionsmittelbesitzer (Bourgeoisie) und der freien Lohnarbeiter (Proletariat) gekennzeichnet. Die Proletarier haben nichts als ihre Arbeitskraft und ihren Körper an die Produktionsmittelbesitzer zu verkaufen und sind ohne Einschränkung von ihnen abhängig. Marx und Engels haben versucht darzulegen, dass dieser Antagonismus (Widerspruch) innerhalb einer kapitalistischen Produktionsweise nicht aufzuheben ist. Der Grad der Ausbeutung kann tendenziell nicht vermindert werden und das Proletariat ist innerhalb dieser Produktionsweise die unterdrückte Klasse. Da das Proletariat aber selber keine andere
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Marx, Karl, Die deutsche Ideologie, in: Die Frühschriften. Hrsg. v. Siegfried Landshut, Stuttgart 1971, S.362. MEW 19, S.226.

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soziale Schicht unterdrückt, wäre die Aufhebung des Kapitalismus als Gesellschaftsformation ein Akt der Befreiung jeglicher Klassenunterdrückung. Mit der Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise in eine sozialistische und dann kommunistische Gesellschaft übernimmt das Proletariat stellvertretend für alle Menschen die Rolle der von gesellschaftlicher Unterdrückung befreiten Menschen. Marx und Engels haben sich nur wenig konkret über diese neue, klassenlose Gesellschaft geäußert, da dies ihrem Wissenschaftsverständnis widersprach. Sie waren aber davon überzeugt, dass die klassenlose Gesellschaft, der Kommunismus, aus der realen geschichtlichen Entwicklung hervorgehen wird, also nicht ein Ideal, dass errichtet werden soll: Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten habe. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.“4 Sie waren davon überzeugt, dass der Weg in die klassenlose Gesellschaft der Weg sei, der aus dem bisherigen Verlauf der Weltgeschichte zu erkennen sei. Die wichtigste Erkenntnis, die sie für die Bewegung des Marxismus weitergaben, war die Vorstellung, dass der Kapitalismus eine sich selbst zerstörende Gesellschaftsformation ist und durch eine klassenlose Gesellschaft abgelöst werden wird. Diesen Übergang sahen sie aber primär in den fortgeschrittenen Industrieländern. Voraussetzung für den Übergang in die klassenlose Gesellschaft ist die Entwicklung der kapitalistischen Produktivkräfte bis zu dem Grad, indem der gesellschaftliche Reichtum so weit verbreitet ist, dass er auf alle Mitglieder der Gesellschaft übertragen werden kann. Marx und Engels waren überzeugt, dass die Europäer in den Kolonien eine wichtige Aufgabe erledigen: die alten Glaubensvorstellungen und Traditionen zu brechen und eine kapitalistische Produktionsweise vorzubereiten. Aber nur in den fortgeschrittenen Zentren der Welt, den am weitesten entwickelten Möglichkeiten, sahen sie die Voraussetzungen für den Übergang in eine sozialistische Gesellschaft. Marx und Engels waren der Überzeugung, dass sie mit diesen Grundideen eine wissenschaftliche Darstellung des bisherigen Verlaufs der Weltgeschichte wiedergegeben haben. Damit hatte die Weltgeschichte einen Verlauf und ein Ziel bekommen: die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft und damit der Beginn der eigentlichen Geschichte. Denn nun degradierte die bisherige Geschichte, die Geschichte der Klassenkämpfe, in den Bereich der Vorgeschichte, in der die Menschen zwar politisch handelten, aber die Gesetze der Geschichte nicht erkannt haben. Diese setzen sich aber unerbittlich hinter dem Rücken der Menschen durch. Der Sprung in die sozialistische Gesellschaft ist der Sprung in das Reich der Freiheit und in den Beginn der Geschichte. Dieser Glaube beflügelte viele Marxisten und sie waren überzeugt, auf der richtigen, d.h. der fortschrittlichen Seite der Geschichte zu stehen. Wenn der Sozialismus eine zwangsläufige Entwicklung aus dem bisherigen Verlauf der Weltgeschichte ist, warum sollte dann diese Entwicklung durch das bewusste Eingreifen nicht gefördert werden? Marx und Engels hatten mit dieser Geschichtstheorie die bisher geltende Unterscheidung zwischen Theorie und Praxis aufgehoben. In der klassischen europäischen Philosophie unterschied man nicht nur zwischen theoretischem Wissen und praktischem Handeln, sondern die theoretische Besinnung hatte Vorrang vor der Praxis des Tuns. Diesen Vorrang hat Marx durch die Verwirklichung in der gesellschaftlichen Praxis abgeschafft. Damit bekam die Praxis ein ganz neues Gewicht. Erstmals in der Geschichte der Menschheit schien es nun möglich zu sein, aus der Erkenntnis des bisherigen Verlaufs der Weltgeschichte auf einen neuen Zustand gesellschaftlicher Praxis hinzuarbeiten. Das Studium der Geschichte wurde eine Vorbereitung zur Umsetzung neuer gesellschaftlicher Verhältnisse. Das politische Handeln, die Möglichkeit aus den Entwicklungen der Vergangenheit auf einen neuen Zustand gesellschaftlicher Freiheit zuzugehen, beflügelte das politische Handeln derjenigen,

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Marx, Karl, Die deutsche Ideologie, in: Die Frühschriften. Hrsg. v. Siegfried Landshut, Stuttgart 1971, S.362.

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die im Marxismus die reale Möglichkeit der Entwicklung hin zu einer herrschaftsfreien Gesellschaft sahen. Mit der russischen Revolution 1917 trat der Marxismus als politische Ideologie in die Wirklichkeit. Hier war es Lenin, der aufgrund der Verhältnisse in Russland und den Entwicklungen, die zum ersten Weltkrieg geführt haben, der die marxsche Theorie auf die Praxis übertrug. Lenin ging davon aus, dass sich in Europa der monopolistische Kapitalismus in einen staatsmonopolistischen Kapitalismus verwandelt hat. In seiner wenige Monate vor der Oktoberrevolution verfassten Schrift „Staat und Revolution“ schreibt er: „Die Frage des Staates gewinnt gegenwärtig besondere Bedeutung sowohl in theoretischer als auch in praktisch-politischer Hinsicht. Der imperialistische Krieg hat den Prozess der Umwandlung des monopolistischen Kapitalismus in staatsmonopolistischen Kapitalismus außerordentlich beschleunigt und verschärft. Die ungeheuerliche Knechtung der werktätigen Massen durch den Staat, der immer inniger mit den allmächtigen Kapitalistenverbänden verschmilzt, wird immer ungeheuerlicher. Die fortgeschrittenen Länder verwandeln sich - wir sprechen von ihrem "Hinterland" - in Militärzuchthäuser für die Arbeiter. Die unerhörten Gräuel und Unbilden des sich in die Länge ziehenden Krieges machen die Lage der Massen unerträglich und steigern ihre Empörung. Sichtbar reift die internationale proletarische Revolution heran. Die Frage nach ihrem Verhältnis zum Staat gewinnt praktische Bedeutung.“5 Lenin sah die Entwicklung des Kapitalismus in einer Weise voranschreiten, dass die Möglichkeit zu politischen Umwälzung unmittelbar bevor stand. Dabei ging Lenin davon aus, dass diese Umwälzung in ganz Europa bevor stand und sich nicht auf eine Revolution in Russland beschränken würde. In der Folge trat aber genau dies ein und Lenin musste in den ersten Jahren den Marxismus vor dem Hintergrund der Entwicklungen der russischen Revolution weiter entwickeln. Somit ist der Marxismus-Leninismus die Theorie und Praxis der russischen Revolution. Der Marxismus-Leninismus wurde in der Folge Ausdruck der modernen Theorie und Praxis einer sozialistischen Revolution und erhielt einen Vorbildcharakter für alle folgenden sozialistischen Revolutionen, die ihre Grundlagen in der marxschen Theorie sahen. Die Synthese der bolschewistischen Praxis mit der Marxschen Theorie erhielt im Wesentlichen organisatorische Neuerungen. Im Mittelpunkt dieser Theorie steht die Idee der Diktatur des Proletariats und der Rolle der Kommunistischen Partei, die in einem ersten Stadium der Revolution stellvertretend für das Proletariat diese Revolution durchzuführen habe. Damit trat zwangsläufig ein Dilemma auf, dass Marx nicht vorhergesehen hatte: Was passiert, wenn die Revolution zuerst in einem eher rückständigen Land durchgeführt wird und nicht auf die fortgeschrittenen Länder übergreift. Zur Absicherung der Macht musste die Partei eine eigene Form von Herrschaft einführen und selber zur Aufhebung der Klassenverhältnisse die Verstaatlichung der Betriebe und die Aufhebung des Privateigentums an Land (Bauern) durchsetzen. Es setzte sich ein Typ einer sozialistischen Revolution durch, die in wesentlichen Teilen an die Realität einer Revolution in einem eher rückständigen Land angepasst werden musste. Der Kerngedanke des Marxismus-Leninismus: in der ersten Phase der Revolution muss die kommunistische Partei stellvertretend für das Proletariat die Revolution erfolgreich durchführen und anschließend ihre Macht gegenüber alle Klassenfeinden festigen und für die Aufhebung der Klassenverhältnisse die Verstaatlichung der Betriebe durchführen sowie den Privatbesitz an Land abschaffen. Da die Revolution nicht in eine Weltrevolution mündete, musste der Absicherung der Macht und der Durchsetzung der revolutionären Ziele durch die Partei besonderes Vorrecht eingeräumt werden. Damit entstand eine Partei neuen Typs. Nach Lenins Einschätzung konnte die sozialistische Revolution nicht spontan aus dem Proletariat entstehen. Es musste eine sogenannte Avantgarde geben, in der sich die intellektuelle Vorhut des Proletariats zusammenschließt. Diese Rolle wies Lenin der bolschewistischen Partei zu. Damit erhielt die revolutionäre Partei eine Führungsrolle, in der sich Berufsrevolutionäre zusammenschlossen, um im Namen des Proletariats die erste Phase
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W.I. Lenin, Lenin Werke, Band 25, Seite 393 - 507, Dietz Verlag Berlin, 1972

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der sozialistischen Revolution durchzuführen. Die Partei erhob den Anspruch, den richtigen Weg in die Zukunft zu kennen und erhob damit faktisch einen Totalitätsanspruch, der zugleich die politische Rechtfertigung dafür bot, dass die Partei im Namen der sozialistischen Revolution auch gewaltsam gegen politische Feinde vorgehen konnte. Dadurch betonte Lenin das, was Marx als Zwischenphase der „Diktatur des Proletariats“ bezeichnet hatte. Diese Zwischenphase wurde nun durch die revolutionäre Partei ausgefüllt. Sie sollte den Übergang zu einer sozialistischen Gesellschaft absichern und jeden Rückfall in den Kapitalismus – politisch, ökonomisch, gesellschaftlich – verhindern. Ein vorübergehendes Zusammengehen mit bürgerlichen Kräften und Parteien lehnte Lenin strikt ab. Hier wird später die Kommunistische Partei Chinas in den Anfangsjahren und dann nochmals während der 1930 und 40er Jahre bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges einen anderen Weg gehen. Eine wichtige Entwicklung, die die sogenannte sozialistische Revolution in China mit sich brachte, aber auch typisch für den Faschismus und Nationalsozialismus waren, war ein stark ritualisierter Führerkult. Der charismatische Herrscher versinnbildlichte nach außen das Ideal der jeweiligen politischen Ideologie und wurde durch Propaganda entsprechend dargestellt und gewürdigt. Dahinter stand das Ziel, die Massen über die charismatische Führerpersönlichkeit zu einigen. Die Propaganda wurde ein wichtiges politisches Mittel, um über diesen Kult eine Vereinnahmung der Bevölkerung zu erreichen. Nach Lenins Tod entwickelte Stalin vor dem Hintergrund der realen Entwicklungen in der Sowjetunion die Theoiren Lenins weiter. Nach dem Ausbleiben sozialistischer Revolutionen in den führenden kapitalistischen Ländern Westeuropas formulierte Stalin zuerst die „Theorie des Sozialismus in einem Land“. Hier formulierte er im Jahr 1925 die Idee einer friedlichen Koexistenz des kapitalistischen und des sozialistischen Systems. Damit schuf sich Stalin die Voraussetzung, um seine politischen Ziele vehement durchsetzen zu können. Er verschaffte sich außenpolitisch eine Atempause und konnte die agrarische Zwangskollektivierung und eine forcierte Industrialisierung in die Wege leiten. Gleichzeitig wurden politische Abweichler als politische Konterrevolutionäre entlarvt. Grundlage für die Durchsetzung seiner politischen Ziele wurde der erste Fünfjahresplan, der 1928/29 in Kraft trat. Im Mittelpunkt stand der Aufbau der Schwer- und Rüstungsindustrie, die durch den Export von Getreide und Holz finanziert wurde, da moderne Produktionsmittel importiert werden mussten. Diese Politik, die auf Kosten der Lebensmittelversorgung der eigenen Bevölkerung durchgeführt wurde, konnte nach außen als großer Erfolg verkauft werden. Hohe Wachstumsraten in der Schwerund Rüstungsindustrie konnten den Eindruck vermitteln, dass eine solche Politik einer forcierten, geplanten Industrialisierung erfolgreich sei. Dies sollte auch für das sozialistische China in den 1950er Jahren eine wichtige Vorbildfunktion haben. Daneben war die Zwangskollektivierung die zweite große folgenreiche Politik Stalins. In einem Aufruf vom 27.Dezember 1928 rief Stalin dazu auf, die Kulaken, d.h. die Groß- und Mittelbauern als politische Klasse zu liquidieren. Es wurden Kolchosen (Kollektivgüter) und Sowchosen (Staatsgüter) eingerichtet und das Privateigentum an Boden abgeschafft. Die Bauern sollten von nun ab gemeinschaftlich Boden bearbeiten und Arbeitsgeräte gemeinsam benutzen. Die unmittelbaren Folgen waren verheerend. Anfang der 1930er Jahre brach eine große Hungersnot aus. Dennoch wurde die Zwangskollektivierung uneingeschränkt fortgeführt, da sie als unverzichtbar galt für die Ernährung der Arbeiterschaft und die Finanzierung der Industrialisierungspolitik. Mit diesen drei Entwicklungen, der Theorie des Sozialismus in einem Land, einer forcierten, geplanten Industrialisierungspolitik auf Grundlage von Fünfjahresplänen und der Zwangskollektivierung, schuf Stalin neben der politischen Theorie von Marx und Lenin die politische Praxis für die Umsetzung einer sozialistischen Revolution. Diese Umsetzung bildete die Folie, an der sich neben der marxistisch-leninistischen Theorie auch die chinesischen Marxisten orientierten. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass er Marxismus-Leninismus in seiner politischen Kengedanken und die Umsetzung in die Praxis durch Stalin die Folie bildete, an der sich die Kommunistische Partei Chinas orientierte.

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Dies ist der Hintergrund, vor dem die Geschichte der kommunistischen Partei Chinas und der von Mao Zedong gesehen werden muss. Zwar haben sie diese Theorie du Praxis nicht einfach übernommen. Im Gegenteil: Mao Zedong entwickelte diese Theorie vor dem Hintergrund der Verhältnisse in China weiter. Dabei hielt Mao Zedong aber an einer Grundüberzeugung fest: jede Form des Kapitalismus ist eine Form politischer und gesellschaftlicher Unterdrückung. Mao ging dabei so weit, die Form des MarxismusLeninismus, wie sie in der Sowjetunion seit 1917 entwickelt und dann besonders unter Stalin umgesetzt worden ist, heftig zu kritisieren. Gleiches gilt für seine Auseinandersetzung mit Chrustshow, den er oft als Revisionisten bezeichnete. Hier sah Mao die Unterdrückung eines Teils der Parteielite gegen die eigene Bevölkerung. Die kapitalistische Klassengesellschaft verwandelte sich nach Mao in der Sowjetunion in eine Herrschaft der Parteielite gegenüber den Arbeitern und Bauern. Der Marxismus erfuhr diesbezüglich in China unter Mao einschneidende Veränderungen. Der Glaube an die Verwerflichkeit des Kapitalismus ohne wenn und aber blieb dabei stets ein kontinuierliches Moment seiner politischen Ideen. Nur waren es nach Mao die Bauern, die die eigentliche revolutionäre Klasse war. Die Bauern wurden zum Träger der sozialistischen Gesellschaft, eine Vorstellung, die Marx und Engels niemals geteilt hätten, da für sie die Bauern der Inbegriff des Konservativen war. Die Geschichte Chinas im 20.Jahrhundert ist ohne diesen Hintergrund, grundlegende Kenntnisse des Marxismus, nicht angemessen zu verstehen. Nicht des Marxismus wegen, sondern weil der Marxismus die politische Ideologie war, in deren Rahmen in der KPC grundsätzliche politische Ziele formuliert und umgesetzt worden sind. In dieser Entwicklung spiegelt sich das „Zeitalter der Ideologien“. Über die Brauchbarkeit und Anwendung dieser Ideologie auf die Wirklichkeit in China kann aber nur die genaue historische Analyse aufklären. Hier sollte man sich von vornherein vor Verallgemeinerungen hüten.

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