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Stottern: Theorie und Praxis Ein Bericht über Stottertherapie in einer heterogenen Gruppe folgt als Fortsetzung im nächsten

Heft. Theo Schoenaker Bron:Zeitschrift für Individualpsychologie 3e jg 1978 Blz. 70-79 (OCR-scan AvdH) “Wenn man an einen neurotischen Menschen denkt, muß man immer an einen Stotterer denken".(Alfred Adler). Das Stottern wird hörbar und sichtbar in Unterbrechungen des Redeflusses, durch Versperrungen oder Wiederholungen, durch Umredigieren; auch durch Zwischenlaute, welche nicht zum Wort gehören. Es wird auch hörbar durch vorgeschobene Atmung, durch Stöhnen und Pressen. Es wird sichtbar in Mitbewegungen im Gesicht und am ganzen Körper. Das Stottern im engeren Sinne, im Mundbereich, nennen wir die primären Symptome; die Mitbewegungen im Gesicht, am Kopf und Körper die sekundären Symptome. Angst und Spannung sind die wesentlichsten Begleiterscheinungen, welche Stottern ermöglichen. Stottern und Dysarthrien Es gibt stotterartige Sprachstörungen, welche auf neurologischen Abweichungen beruhen. Wir nennen sie iterative Dysarthrien, welche bei Chorea minor, multipler Sklerose, Pseudobulbärparalyse, Epilepsie und bei schwachsinnigen Kindern vorkommen können. Weil sie auf einem organischen Defekt beruhen, sind sie a) immer vorhanden, b) grundsätzlich nicht mit Angst verbunden. Ein psychogener Überbau kann die Symptome verschlimmern und sie mit Angst und Spannung verbinden, wodurch manche im ersten Augenblick den Stottersymptomen ähneln. Wenn wir in dieser Arbeit über Stottern sprechen, meinen wir das psychogene, nicht organische Stottern. Das Stottern aus individualpsychologischer Sicht Solange das Stottern Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen ist, hat man versucht, den Typ “Stotterer” zu finden, oder anders gesagt: das Stottern als eine spezifische Störung zu charakterisieren. Bis jetzt sind mir nur Bestätigungen bekannt, daß dies nicht gelungen ist. Das einzige, was den Stotterer von anderen Menschen unterscheidet, ist das Symptom Stottern. Es gibt keine typischen Stotterer-Persönlichkeitmerkmale. Stottern als Neurose Adler spricht im Zusammenhang mit Stottern über die zögernde Attitüde. Er verwendet diesen Begriff auch in Bezug auf andere neurotische Verhaltensweisen. Diese zögernde Attitüde wurde in späteren Jahren in der amerikanischen Literatur über Stottern, insbesondere von Sheehan (1970), “Approach-Avoidance-Konflikt” genannt. Dies ist der Konflikt zwischen dem Sprechimpuls und der Furcht zu sprechen; zwischen dem Wunsch zu sprechen und zur gleichen Zeit dem Wunsch, das Sprechen zu vermeiden. Weil der Mensch ein soziales Wesen ist und das Sprechen ein wesentlicher Teil der gesamten Persönlichkeit darstellt, ist eine gestörte Sprache ein Ausdruck für eine Störung der Persönlichkeit, welche in den zwischenmenschlichen Beziehungen zustande kommt. Da wir als Individualpsychologen in erster Linie teleoanalytisch denken, ist unsere Frage: Was will der Patient mit diesem Verhaltensmuster erreichen, was will er vermeiden, was will er der

Außenwelt mitteilen? Erreichen kann er u.a. eine subjektive Erhöhung der eigenen Person, wenn das Stottern als Alibi eingesetzt wird; vermeiden kann er alle Lebensaufgaben. In allen Fällen stellt er eine ichbezogene neurotische Persönlichkeit dar. Wexberg (1931, 215) formuliert ein neurotisches Symptom wie folgt: “Ein neurotisches Symptom ist ein im Dienste der persönlichen Zielsetzung stehendes seelisches oder körperliches Verhalten, das durch die Fiktion der Unwillkürlichkeit und der Krankhaftigkeit gekennzeichnet ist, und das in seiner Auswirkung die teilweise oder vollkommene Nichterfüllung einzelner oder sämtlicher Lebensaufgaben mit sich bringt.“ Diese Umschreibung des neurotischen Symptoms trifft voll auf das Stottern zu, denn 1. jeder Stotterer kann fließend sprechen und setzt seine Symptome nur dann ein, wenn das Gemeinschaftsgefühl seine Grenzen gefunden hat und sein Lebensstil mit den realen Bedingungen des Lebens in Widerspruch gerät. Subjektiv erlebt der Mensch diese Grenzsituation mit Angst und Spannung; 2. das Symptom wird erlebnismäßig von einer außerhalb des Patienten stehenden Kraft ausgelöst. Der Stotterer ist überzeugt, daß er nicht stottern will, daß er jedoch nicht anders kann. Das Symptom wird nicht nur als unwillkürlich erlebt, im Laufe der Zeit bemerkt der Stotterer selbst auch nur noch einen Teil seines Stotterns. Der Rest entgeht offensichtlich seiner bewußten Wahrnehmung; 3. lhm wird in der BRD mit einem grünen Schwerbehindertenschein offiziell beglaubigt, daß er krank ist. So kann er sich von den wichtigsten Lebensaufgaben Gemeinschaft und Arbeit teilweise entlastet fühlen. Die Behinderung wird belohnt mit 6 Tagen Sonderurlaub, Kündigungsschutz und einem Iohnsteuerfreien Betrag. Die Adlersche Kurzformulierung der Neurose: „Ja, ... aber ...“ steht im Leben des Stotterers groß geschrieben. Die Entschuldigungen, welche mit”aber” eingeleitet werden, betreffen alle Lebensgebiete, sowohl das Gebiet der Liebe, der Arbeit und das Gebiet der Gemeinschaft. Hiermit ist klargemacht, daß Stottern eine echte Neurose im Adler'schen Sinne ist. Wir wissen uns in unserem Versuch, das Stottern als Neurose zu betrachten, in guter Gesellschaft mit Adler selbst und möchten folgendes Zitat als Abschluß unserer Beweisführung folgen lassen: “Welcher Art ist der Mensch, der bei einem persönlichen Problem im sozialen Bereich schockiert ist? Vielleicht stottert er, wenn er mit jemand anderem spricht; vielleicht leidet er unter Lampenfieber; vielleicht jammert er; wenn er mit anderen zu tun hat, glaubt er in einer feindlichen Umwelt zu leben. Welcher Art ist der Mensch, der bei der Lebensaufgabe Liebe versagt und sexuelle Schwierigkeiten ohne organische Ursache hat? Er kann nicht weitermachen, er stottert. Wenn man an einen neurotischen Menschen denkt, muß man immer an einen Stotterer denken, denn man wird es im übertragenen Sinne immer mit einem Stotterer zu tun haben” (Adler u. Crookshank 1934, 13). Therapieziele Unsere Therapieziele sind aus dem individualpsychologischen Menschenbild zu verstehen, wo der Mensch als soziales, gleichwertiges, Entscheidungen treffendes und zielgerichtetes Wesen betrachtet wird. Er bewegt sich ständig im sozialen Feld und hat sich, wenn er richtig funktionieren will, ständig wie die Ameisen zu bewegen und als Mensch für seine Entscheidungen Verantwortung zu tragen. Da dieses Sich-bewegen und entscheiden immer mit

dem menschlichen Zusammenleben zu tun hat, können wir daran festhalten, daß alle Lebensfragen “den drei großen Problemen” unterzuordnen sind: “Dem Problem des Gemeinschaftslebens, der Arbeit und der Liebe. Wie leicht ersichtlich, sind es keine zufälligen Fragen, sondern sie stehen unausgesetzt vor uns, drängend und fordernd, ohne irgend ein Entkommen zu gestatten ... Der Mensch als Produkt dieser Erde in seiner kosmischen Beziehung konnte sich nur entwickeln und bestehen in Bindung an die Gemeinschaft, bei körperlicher und seelischer Vorsorge für sie, bei Arbeitsteilung und Fleiß und bei zureichender Vermehrung ... Sind aber diese drei Fragen mit ihrer gemeinschaftlichen Basis des sozialen Interesses unausweichlich, dann ist es klar, daß sie nur von Menschen gelöst werden können, die ein zulängliches Mag von Gemeinschaftsgefühl ihr eigen nennen ... Auf die Lösung dieser drei Hauptfragen zielen alle anderen Fragen hin, ob es sich um die Fragen der Freundschaft, der Kameradschaft, des Interesses für Stadt und Land, für Volk und für die Menschheit handelt, um gute Manieren, um Annahme einer kulturellen Funktion der Organe, um Vorbereitung für die Mitarbeit, im Spiel, in der Schule und in der Lehre, um Achtung und Schätzung des anderen Geschlechts, um die körperliche und geistige Vorbereitung zu allen diesen Fragen, sowie um die Wahl eines geschlechtlichen Partners" . (Adler 1974, 38 f). Bei allen neurotischen Symptomen sehen wir eine eingeschränkte Bewegung im sozialen Feld. Das Symptom des Stotterns steht dabei jedoch wegen seiner Klarheit im Vordergrund: „Im Sprechen des Stotterers können wir seine zögernde Attitüde sehen. Der Rest an Gemeinschaftsgefühl, den er noch besitzt, bringt ihn zwar dazu, mit seinen Mitmenschen Verbindung aufzunehmen, aber seine geringe Meinung von sich, seine Furcht, sich einer Prüfung unterziehen zu müssen, die Auseinandersetzung mit seinem Gemeinschaftsgefühl - all das bedrängt ihn -und er zögert, während er spricht- (“Approach-Avoidance Conflict“, Sheehan 1970). “Kinder, die in der Schule “zurück“ sind, Männer und Frauen, welche bis zum dreißigsten Lebensjahr und darüber noch keinen Beruf gefunden oder die das Problem der Ehe auf die lange Bank geschoben haben, Zwangsneurotiker, die dieselbe Handlung immer wieder ausführen müssen, unter Schlaflosigkeit leidende Menschen, die sich mit den Aufgaben des Tages aufreiben - all diese enthüllen einen Minderwertigkeitskomplex, der es ihnen verbietet, bei der Lösung der Lebensprobleme Fortschritte zu machen. Masturbation, vorzeitige Ejakulation, Impotenz und Perversion zeigen einen zögernden Lebensstil, der sich aus der Furcht der Unvollkommenheit bei der Annäherung an das andere Geschlecht ergibt. Das begleitende Ziel der Überlegenheit wird sich uns andeuten, wenn wir fragen, “warum so eine große Furcht, unvollkommen zu sein?”. Dann kann die Antwort nur lauten: “Weil das Individuum sich ein so hohes Erfolgsziel gesetzt hat.- (Adler, zit. in Ansbacher 1972, 264). “Im Sehen, Hören und Sprechen verbinden wir uns mit anderen. So betrachtet sind alle Funktionen unserer Organe richtig entwickelt nur wenn sie nicht schädlich sind für das Gemeinschaftsgefühl” (Adler 1933, 257). Aus diesem Menschenbild und der Erkenntnis: daß die mangelnde Vorbereitung (für die Lebensaufgaben) aus der frühesten Kindheit stammt und sich weder durch Erlebnisse noch durch Emotionen, sondern nur durch Erkenntnisse bessern läßt(Adler 1974, 107), läßt sich logischerweise verstehen, daß die Therapieziele bestehen in:

1. Der Pflege des Gemeinschaftsgefühl 2. dem Verringern von Minderwertigkeitsgefühlen und dem Überwinden von Entmutigungen 3. im Bewußt-werden-lassen des Lebensstils 4. in Ermutigung zur Erkenntnis der menschlichen Gleichwertigkeit 5. im Helfen, trotz Mängeln an der Gesellschaft beizutragen (aus großen Fehlern kleine Fehler zu machen) 6. dem. besseren Kennenlernen des eigenen Symptoms, sich mit dem Symptom zu akzeptieren und trotz des Symptoms als soziales Lebewesen funktionieren zu lernen. Die Heilungschancen Von manchen Therapeuten wird das Stottern als “Therapieresistent” betrachtet. Andere geben als Erfolgsquote Zahlen an, die schon seit vielen Jahrzehnten genannt und offensichtlich kritiklos akzeptiert werden, nämlich: Ein Drittel geheilt, ein Drittel verbessert und ein Drittel unverändert. 1969 haben wir uns für diese Frage interessiert und an etwa 700 Stotterer Fragebögen geschickt. Aus den 545 Antworten stellt sich folgendes heraus: geheilt (sehr) verbessert unverändert verschlechtert 5 479 56 5 545 Im Bezug auf Selbstvertrauen sagen 477, daß lhr Selbstvertrauen zugenommen hat. Eine Anzahl von 197 gibt an, daß das Stottern sie nicht mehr stört. Unter Heilung verstanden wir, daß der Patient keine Stottersymptome mehr zeigt und sich keiner sozialen Situation mehr entzieht. Da die wichtigste Störung beim Stottern jedoch die ist, daß man sich als Spielball ungreifbarer Kräfte empfindet und sich für einige Lebensaufgaben verschließt

ist es uns heute weitaus wichtiger, daß der Stotterer lernt, mit seinem Stottern sozial zu funktionieren, als den Nachdruck auf die Überwindung der Symptome zu legen. Das Leiden des Stotterers steht meistens in keinem Verhältnis zu den Symptomen. Bei zunehmendem Mut und Gemeinschaftsgefühl, und zunehmendem Verständnis für das eigene Stotterverhalten, verringern die Symptome sich von selbst. Sprechübungen Sprechübungen, Atemübungen, rhythmisches Sprechen, absichtliches Stottern und StopÜbungen führen den Stotterer zum bewußten Stottern und nehmen ihm die Fiktion der Unwillkürlichkeit seiner Symptome. Er bekommt sie allmählich in den Griff.

Gruppentherapie Da das psychogene Stottern situativ auftritt und immer mit Angst vor Begegnungen verbunden ist, wird die Störung am effektivsten dort behandelt, wo sie auftritt, nämlich in der Gemeinschaft. Eine Gruppe ist eine Gemeinschaft. Eine Gruppe reagiert wie die Gesellschaft auf ein Individuum. Sie stellt Anforderungen, sie reagiert mit Lachen, mit Kritik; sie fordert heraus in einer anderen Weise als der Therapeut in der Einzelbehandlung es kann. Eine Gruppe von Patienten mit demselben Symptom (die homogene Gruppe) bietet ungewollte Ermutigungen, welche der Therapeut in einer Einzelbehandlung nicht aufzubringen vermag. Das Zusammensein mit Teilnehmern, welche an demselben Symptom leiden, wo man sich besser als irgendwo anders in dem anderen und seinen Verhaltensweisen widergespiegelt sieht, wo man ohne Angst vor Mangel an Verständnis frei stottern kann und ernst genommen wird, bildet eine günstige Grundlage für das versuchsweise Ablegen von neurotischen Sicherungtendenzen. In einer stationären Gruppentherapie sind laufend Möglichkeiten zum üben des Gemeinschaftsgefühl gegeben. Es fängt damit an, daß man dem stotternden Gruppenmitglied zuhört, und es entwickelt sich bis dort, wo man sich außerhalb der Therapie uneigennützig für die Entwicklung von Selbsterziehungsgruppen einsetzt. Dazwischen liegen die verschiedensten Stufen mutigen Anpassens und mutigen Beitragens. Innerhalb einer Therapiegruppe kann das ganz verschieden aussehen. Möglichkeiten sind jedoch immer gegeben, wie z. B.: 1. Es wird nach einer Pause vorgeschlagen, Stühle in einen Kreis zu stellen. Setzt man nur für sich oder auch für den Nachbarn einen Stuhl hin? , 2. Es wird Kaffee gekocht, es werden Tassen hingestellt und nachher auf geräumt. Wo kann ich etwas beitragen? 3. Ein Gruppenmitglied äußert sich fast nicht. Was kann ich für ihn tun? 4. lch habe keine Lust. Kann ich trotzdem an dem Gruppenprozeß mitmachen? 5. Ich komme mit einem Gruppenmitglied nicht richtig aus. Kann ich ihn innerhalb der Gruppe oder außerhalb der Gruppe ansprechen und ihm meine Schwierigkeit mitteilen und die Sache mit ihm klären usw.? Die Gruppe ist sowohl das Feld, wo neue Einstellungen geübt werden können, als auch eine Möglichkeit, wo die menschliche Gleichwertigkeit erlebt werden kann. Der Therapeut mit seinem Glauben an die Richtigkeit der eigenen Therapie und einer akzeptierenden Grundhaltung schafft die Grundlage für eine gute Gruppenatmosphäre. Voraussetzung dafür ist, daß jedes einzelne Gruppenmitglied erwartet, daß die gemeinsam gesetzten Ziele erreichbar sind. So ist eine gute Gruppenatmosphäre die Grundlage für Ermutigung, Optimismus, Vertrauen, Mut und Sicherheit. Die Nachteile einer homogenen Therapiegruppe und homogener Selbsthilfegruppen Viele von den oben genannten Vorteilen einer Gruppentherapie beziehen sich auch auf heterogene Gruppen. Die Vorteile einer Gruppe, in der nur Stotterer zusammen sind, sind klar. Diese werden nicht durch die Nachteile untergraben. Die Nachteile sind jedoch, daß der Neurotiker, der sich sowieso in einer Ausnahmeposition empfindet, sich durch dieses Gruppengefühl, - das man auch ausdrücken kann mit: “wir Stotterer”, - in einer exklusiven Position der Gesellschaft gegenüberstehend erfährt. Diese Ausnahmesituation, welche im einzelnen variiert wird mit: -Wir armen Stotterer” oder “Wir Besonderen“ oder “Wir,. auf die man Rücksicht nehmen muß“, wird in Stottererselbsthilfevereinen meistens nur noch gepflegt. Damit wird auf gefährliche Weise der Mangel an Gemeinschaftsgefühl verstärkt.

AGAIP und Sozialtherapie Diese Einsicht hat zur Gründung einer Arbeitsgemeinschaft für die Anwendung der Individualpsychologie im Alltag geführt, welche die Bildung von heterogenen Selbsterziehungsund Lektüregruppen fördert. In diesen Gruppen haben Stotterer einen nützlicheren Platz als in den überall aus dem Boden wachsenden Stotterer-Selbsthilfegruppen. Weiter hat diese Einsicht dazu geführt, daß Stotterer nach einer Basistherapie (s.u.) ihre Aufbautherapien wo möglich in heterogenen Gruppen (Sozialtherapie, Schoenaker 1975) mitmachen. Nicht länger Stotterer mit Stotterern, sondern der Mensch mit sozialen Schwierigkeiten in ZusammenArbeit mit anderen auf der Suche nach sozial nützlicheren Verhaltensweisen. Organisatorisches zur Züntersbacher Gruppentherapie Jeder erwachsene Stotterer (über 16 Jahre), der sich zur Therapie anmeldet, wird erst durch ein Persönliches Gespräch, Anamnese und Kindheiterinnerungen auf ein genügendes Maß an Intelligenz, Selbständigkeit und Unabhängigkeit untersucht. Aus den ausgewählten Patienten werden dann Gruppen zu 20 Personen zusammengestellt. Diese Gruppe kommt 6 x 5 Tage mit immer größer werdenden Zwischenabständen zurück. Die 6 Behandlungperioden, verteilt über 8 Monate, nennen wir die Basistherapie. Es hängt von der Entwicklung des einzelnen ab, ob und wie oft er in “Aufbautherapien” zu 5 Tagen zurückkommt. Die Behandlung findet im Rudolf-Dreikurs-Institut in Züntersbach statt. Es liegt im Winkel zwischen Rhön, Spessart und Vogelsberg. Die Patienten schlafen und essen im Dorf und verbringen auch lhre Freizeit nach den Therapiestunden nach eigener Wahl. Sie schlafen in Doppelzimmern. Einflüsse außerhalb der Therapie Welchen Beitrag haben diese zwei Faktoren, nämlich das Schlafen in Doppelzimmern und das Verbringen der Freizelt nach eigener Wahl? Wir haben durch eine Umfrage unter etwa 100 Stotterern, welche nach obiger Form in Züntersbach behandelt wurden, einen guten Eindruck bekommen. Die Fragen waren: Was bedeutet ihnen die Gruppe außerhalb der Therapiestunden? Ist die Tatsache, daß Sie ein Zimmer mit jemandem teilen für die Therapie günstig oder ungünstig? Da jeder Befragte in seiner eigenen Sprache geantwortet hat, gibt es eine große Menge ausführlicher Antworten, welche wir hier nicht unterbringen können. Die Antworten, die am meisten auftauchen, sind: Zur Frage: Was bedeutet Ihnen die Gruppe außerhalb der Therapiestunden?” Vertiefung der Zusammengehörigkeit, Erinnerung an gemeinsame Übungen und Gespräche und damit eine große Hilfe im Alltag. Sie bedeutet mir einen Freundeskreis; durch sie bekomme ich neuen Mut, ich kenne Menschen, die mich und meine Probleme verstellen. lch kann mit allen reden über meine Probleme, höre dabei Ratschläge und werde ermutigt. Wenn dem nicht so wäre, würde das Gruppengefühl darunter leiden. lch

versuche anderen Mitgliedern genauso zu helfen und mit Rat und Tat zur Seite zu stellen, wie sie mir. Ein übungsfeld, ein Stück Wirklichkeit, um mich zu bewähren, zum ungezwungenen Unterhalten. Möglichkeit für Geselligkeit. Möglichkeit, Selbsterkenntnis zu vertiefen, neue Verhaltensweisen zu diskutieren und auszuprobieren. Durch das intensive Kennenlernen innerhalb der Therapiestunden ist hinterher eine Möglichkeit zum tiefgreifenden Gespräch gegeben. Dies hebt das Selbstwertgefühl. Die Erkenntnis, daß ich mit mir anfangs unsympatischen Menschen gute Kontakte knüpfen kann. übungsfeld für andere Verhaltensweisen, mit Leuten die auch mein Verhalten kontrollieren und mir “Feed-back” geben. lch versuche außerhalb der Therapiestunden mein Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe zu zeigen. Zur Frage: ist die Tatsache, daß Sie ein Zimmer mit jemandem teilen, für die Therapie günstig oder ungünstig? Diese Frage wurde von 64 Antwortenden 55x mit günstig beantwortet. Die Motivierung heißt in den meisten Fällen: Möglichkeit, über die Therapie weiterzusprechen. Einsicht zu vertiefen. Möglichkeit, Gemeinschaftsgefühl zu pflegen. Die Unmöglichkeit, sein Gewohnheitsverhalten, nämlich sich zurückzuzichen, weiterzuführen. Die Unmöglichkeit, längere Zeit in Einsamkeit zu grübeln. Änderungen in der Züntersbacher Stottertherapie 1. Seit Anfang 1975 wird individualpsychologische Theorie nur noch in Zusammenhang mit auftauchenden Problemen und Nut der Entwicklung des Gruppenprozesses angeboten. Inspiriert von Professor Rudolf Dreikurs haben wir bis dahin täglich individualpsychologische Grundbegriffe vorgetragen und durchdiskutiert. Das Ergebnis war, daß die Kenntnisse die Erkenntnisse weit überschritten. Individualpsychologische Prinzipien wurden mißbraucht in der Beziehung zu Familie, zu Verwandten und Freunden; Gruppenteilnehmer entwickelten sich zu nicht erwachsenen Therapeuten, einige versuchten, lhre eigene Problematik in einem unverstandenen theoretischen Konzept unterzubringen, und das Sprechen über eigene Probleme blieb bei vielen hängen in Phraseologien ohne wirkliche Selbsterkenntnis. 2. In einein Gruppenprozeß werden nicht von jedem einzelnen vollständige Lebensstile erarbeitet, sondern Lebensstilaspekte werden in Verbindung mit auftauchenden Problemen oder in Verbindung mit neuen Erkenntnissen, welche innerhalb des Gruppenprozesses auftreten, erarbeitet. Die Ereignisse in der Gruppe werden vom Therapeuten nicht aufgeschrieben. Es gibt deswegen nicht von jedem einzelnen Teilnehmer ein durchlaufendes Behandlungsprotokoll. Viele Einsichten werden von dem einzelnen im Gruppenprozeß erarbeitet, ohne daß der Therapeut darüber weiß. Der Therapeut setzt in jeder Therapieperiode an, bei dem, womit der Patient auffällt oder Schwierigkeiten zeigt oder bei den Problemen, die er meldet. Ein Patient kann in sechs Therapieperioden bei 20 Teilnehmern einige Perioden lang in dem Gruppenprozeß untertauchen. Wir halten diese Möglichkeit, keine neue Erkenntnis

aufzunehmen, für gut. Jeder Therapieteilnehmer kann seinen EntwicklungsProzeß selbst in die Hand nehmen. Da wir auf die Dauer doch zu wenig über den einzelnen Patienten wissen, kommt die Einzelbeziehung zu kurz. Wir haben deswegen eine individualpsychologische Beraterin herangezogen, die, soweit es geht, den Prozeß des einzelnen in der Gruppe schriftlich festhält und zur Verfügung steht für Einzelgespräche, worüber sie auch Protokoll führt. Auch hospitierende individualpsychologische Therapeuten-oder Berater erfüllen diese Funktion. Wir betrachten dies als eine wichtige Bereicherung der Therapie. Die Zielgerichtetheit des Stotterns und die vier Prioritäten Die Zielgerichtetheit des Stotterns ist uns viel klarer geworden, nachdem wir die Persönlichkeitstheorie der vier Prioritäten auf das Stottern angewendet haben und diese für diagnostische Zwecke folgendermaßen ausgearbeitet haben (s. Tab. 1). Tabelle 1

Priorität (Wunsch)

Engpaß (zu vermeiden)

Das Stottern

Zweck des Stotterns

Gefühle des anderen

Preis zu bezahlen

Bequemlich keit (Gemütlichkeit)

Schmerz Gefahr Belastung Verantwortung

Wiederholungen Nuscheln leise Stimme

andere in hilfsbereit bis seinen Dienst irritiert zu stellen

geringe Leistung

Gefallenwollen

Ablehnung unerwünscht sein

Zwischen Beziehung laute,verwirrt, herzustellen verwirrend oder aufrechtzuerhalten

Mitleid bis akzeptiert

Verkümmerte Selbstverwirklichun g

Kontrolle (Sicherheit)

lächerlich sein, Dermütigung Unerwartetes

Blockaden auf vorher sagbaren Lauten

Abstand zu schaffen

Abgestoßen (Angst) bis herausge fordert -

mangelnde Spontaneität, sozialer Abstand

LeistungsBedeutungsüberlegenheit losigkeit (Bedeutung Nichtsein haben)

unerwartete Blockaden oder Wiederholungen (wenig stottern)

zu entToleranz bis schuldigen für unzulänglich eigene Mängel (Alibi)

Gefährdung von Freundschaften, Überlastung Überverantwortlichkeit

Wir betrachten die vier Prioritäten, welche 1971 mit dieser Namensnennung von der israelischen Psychologin Nira Kefir eingeführt wurden, als eine Gruppierung der häufigsten Lebensstilaspekte (vgl. Schottky-Schoenaker, München 1976). Da wir in dieser Beschreibung die Prioritäten verbinden mit neurotischem, d.h. sozial nicht nützlichem Verhalten, entsteht einen Häufung von negativen Begriffen. Wir wollen jedoch nicht vergessen zu erwähnen, daß die Prioritäten eine Potenz darstellen, welche genauso viele Möglichkeiten zum positiven wie zum negativen Einsatz bieten. Der Mensch zeigt uns seine Priorität in seiner ganzen Erscheinungsform, in verbalen und nonverbalen Verhaltensweisen. Das Stottern als Teil der menschlichen Ganzheit steht bei Erwachsenen auch im Dienste der Priorität. Sobald man die Priorität kennt, kann man die Art des Stotterns, die Angst vor dem Engpaß und das verborgene Ziel verstehen. Man kann jedoch umgekehrt nicht immer mit Sicherheit von der Art des Stotterns auf die Priorität schließen, da man ja bekanntlich mit jedem Verhalten fast jedes Ziel erreichen kann. Trotzdem fallen ganz bestimmte Stottersymptome durch lhr häufiges Vorkommen im Zusammenhang mit bestimmten Prioritäten auf. Im Zusammenhang mit der Priorität Bequemlichkeit finden wir oft auffällige, nach augen wirkende Symptome. Es treten viele Wiederholungen von Worten, Silben und Lauten auf, womit der Stotternde das Wort vor sich herschiebt. Hier kommt auch Nuscheln und unzusammenhängendes, unklares Sprechen vor. Die Symptome treten situativ auf. Das Ziel scheint zu sein, sich vor Verantwortung zu drücken, andere in seinen Dienst zu stellen oder dem anderen zu sagen: “Von mir kannst Du nicht viel erwarten.“ Der Zuhörer hat die Neigung zu helfen, zu ergänzen oder noch mehr auf den Gesprächspartner einzugehen. Das Stottern nimmt ab bei zunehmender Gemütlichkeit; es nimmt zu bei zunehmender Belastung. Im Zusammenhang mit der Priorität Gefallen-wollen finden wir oft auffällige, nach außen wirkende Symptome, mit Wiederholungen und nicht zum Wort gehörenden Zwischenlauten. Die Symptome sind stark situativ bedingt. Der Stotternde lägt sich das Ergänzen freundlich gefallen, er spekuliert jedoch nicht darauf. Das Gesicht drückt gut gemeinte Anstrengung aus. Das Ziel scheint zu sein, keine eigene Meinung äußern zu müssen und trotzdem die Beziehungen aufrecht zu erhalten. Wenn man schon eine Meinung äußern oder verbal Stellung nehmen muß, dann geschieht das meistens so, daß man im Stottern die gute Absicht spürt, nur mit der Aussage wegen Verständigungsschwierigkeiten und aus Zeitgründen nichts anfangen kann oder den Inhalt aus Mitleid nicht ernst nimmt. Der Zuhörer empfindet oft Mitleid. Wenn das

Stottern ihn zum Lachen bringt, lacht der Stotternde selbst als erster mit. Bei dieser Priorität nimmt das Stottern zu, wenn Ablehnung droht. In der Therapie reagieren die Prioritäten Bequemlichkeit und Gefallen-wollen auf Zuwendung und Sprechübungen sehr schnell mit fließendem Sprechen. In der als gefährlich empfundenen Umwelt ist das Stottern wieder da. Im Zusammenhang mit der Priorität Kontrolle finden wir Symptome, welche nicht fürs Kabarett geeignet sind. Wir finden weniger Wiederholungen, mehr starke Blockaden auf vorhersagbaren, etwas zwangsmäßig wiederkehrenden Lauten. Blockierungen sind mehr von der Angst vor spezifischen Lauten, als von Angst vor Situationen abhängig. Es zeigt sich ein zurückgehaltenes, starkes Pressen. Das Ziel scheint zu sein, Abstand zu gewinnen, Gefühle zu verbergen und das Ausweichen vor Persönlichen Kontakten entschuldigen zu können. Der Zuhörer spürt Angst und Abwehr heraus. Der Stotternde mit dieser Priorität spricht auf eine logopädische Therapie sehr schlecht an, denn alle Sprechübungen versagen an seiner inneren Überzeugung, bestimmte Laute nicht sprechen zu können, und bestärken ihn in der Überzeugung, daß sein Stottern von einer über ihm stellenden Macht bestimmt wird. Das Stottern nimmt ab, wenn der soziale Abstand gesichert ist; es nimmt zu, wenn Unsicherheit droht. Im Zusammenhang mit der Priorität Leistungs-Überlegenheit, welche wir unterscheiden von der Priorität moralische Überlegenheit, finden wir oft geringe Symptome. Das Sprechen ist im allgemeinen nicht sehr, wohl aber in bestimmten Situationen gestört. Sowohl bei der Priorität Kontrolle, als auch bei der Priorität Überlegenheit finden wir starke Neigungen zum Umredigieren, d.h. angefangene Sätze werden aus Furcht vor bestimmten Lauten umgebaut, oder es werden gefürchtete Wörter durch synonyme ersetzt. Das Ziel bei der Priorität Überlegenheit scheint zu sein, sich zu entschuldigen für nicht vollbrachte Leistungen und für die Tatsache, daß man nicht der Beste ist. Es ist ein Mittel, trotz eines Versagens sich das Gefühl der Oberlegenheit zu erschleichen. Oft ist das Stottern auch ein Stem auf dem eigenen Weg, der zur überwindung herausfordert. Der Stem macht es dem Betreffenden möglich, seine durchschnittlichen Leistungen überdurchschnittlich zu bewerten. Der Zuhörer wundert sich, daß ein Mensch, der so gut sprechen kann und im allgemeinen so gut funktioniert, so plötzlich blockiert. Das Stottern nimmt ab, wenn das Gefühl der Überlegenheit gesichert ist. Es nimmt zu, wenn Unterlegenheilt droht. Es bleiben noch die vielen schwer verständlichen primären und sekundären Stottersymptome und verborgenen Ziele, womit der Stotternde uns klarmacht, daß seine schöpferische Kraft buntere Ergebnisse malt, als wir zu systematisieren imstande sind. Literatur Adler, A.: Über den Ursprung des Strebens nach Überlegenheit und des Gemeinschaftsgefühl. In: Internat. Ztschr. f. Individualpsychol. 11 (1933), 257-263 Adler, A :Der Sinn des Lebens, 1933. Frankfurt Fischer 1974 Adler, A Crookshank, F.: Individualpsychology and sexual difficulties in I.Ps. Pamphlets Medical Pamp. P. 13, London: The C. W. Daniel Co Ansbacher, H. L., Ansbacher, R. R.: Alfred Adlers Individual Psychologie. Reinhardt, München 1972 Kefir, A.: Vorlesung Tel Aviv 1971. 1. Ps. Sommerschule Mosak, H.: in Nikelly, Techilics for Behavior Change. Thomas Springfield 1971 Schoenaker, T., Schoenaker, Th.: Individualpsychologische Sozialtherapie. Rudolf Dreikurs Verlag, Züntersbach 1975 SchottkY, A., Schoenaker, Th.: Was bestimmt mein Leben. Rex-Verlag: München 1976 Sheehan, J. G.: Stuttering Research and Therapy. N. Y. Harper and Row 1970 Wexberg, E.: Individualpsychologie. Hirzel: Leipzig 1931

Theo Schoenaker Am Kirchberg 4-6 D-6491 SinntaI-Züntersbach

Ein Bericht über Stottertherapie in einer heterogenen Gruppe folgt als Fortsetzung im nächsten Heft.