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Goldene Zeiten

Ein Mythos geht seinen Weg
1. Einladung Bei jeder olympischen Siegerehrung wird man an Ovid erinnert, an die metallischen Weltalter aus dem ersten Buch der Metamorphosen. Die Erschaffung der Erde und deren weitere Entwicklung in vier Perioden sind fundamentale und eigentlich noch aktuelle Themen; man wäre dumm, wenn man diesen Stoff im Lateinunterricht auslassen würde. Zum ersten Thema, der Erschaffung der Welt, bieten sich automatisch begleitende Schülerreferate aus der Naturwissenschaft an (z.B. Urknall und biologische Evolution), bei den vier Weltaltern solche aus den Gesellschaftswissenschaften: Einige Vergleichstexte zur Weltalterthematik, die nach meiner Erfahrung gute Referatsthemen abgeben, stelle ich Ihnen in diesem Essay vor. Während der Ovidtext gemeinsam übersetzt wird, bleibt den Schülern genug Zeit für deren Anfertigung; ihr Vortrag stellt dann abschließend den Mythos in einen größeren kulturgeschichtlichen Zusammenhang. Ausgangspunkt ist also der Weltalter-Text Ovid Met. I 89 - 150. Nach dessen kurzer Beschreibung möchte ich dann der Frage nachgehen, wo Ovids Vorlagen zu suchen sind, dann zum Text zurückkehren und schauen, was er daraus gemacht hat und wieso. Schließlich sollte man noch einen Blick auf die Nachwirkung dieses Mythos werfen. Denn auch Erzählungen unterliegen den drei Grundfragen der Menschheit, nämlich: 1. Wo komme ich her?, 2. Wo gehe ich hin?, 3. Was ziehe ich dazu an?. Weil ich kein Mensch mit Ovulationshintergrund bin, lasse ich Punkt 3 mangels Interesse weg. Wer den Text nicht griffbereit im Regal hat, holt ihn sich z.B. von: http://www.gottwein.de/Lat/ov/met01la.php. 2. Der Mythos bei Ovid Die nachfolgende Skizze soll die Gliederung des Textstücks veranschaulichen: In der Aurea Aetas werden nach und nach die positiven Motive aufgebaut, danach werden sie schrittweise in umgekehrter Reihenfolge wieder reduziert. Entsprechend lang ist die Darstellung des ersten Zeitalters, die wieder in zwei Großgruppen zerfällt: Verhalten der Menschen (89-100) und Verhalten der Natur (101-112). Die Nahrung ist vegetarisch; die Tiere sind sogar so immunes, dass ihnen die Produktion von Milch und Honig erspart bleibt (111-112). Ganz logisch ist die Argentea Aetas aufgebaut: Die unwirtlichen Jahreszeiten zwingen zur Zuflucht in Behausungen und jedes Jahr zu neuer Aussaat, und das führt schließlich zur Sesshaftigkeit und Nutztierhaltung. Ungewöhnlich kurz kommt die Aenea Aetas weg, denn die Seefahrt wird wider Erwarten nicht der Kriegsführung, sondern der Habgier und somit dem vierten Weltalter zugeschlagen. Das ist wieder länger wegen zweier neuer Themen (Grundbesitz und Bergbau) und wegen der exzessiven Darstellung der Tötungsdelikte. Diese sind als Klimax aufgebaut; die Reihenfolge der Motive davor (Seefahrt - Grundbesitz - Bergbau) scheinen eher lokativen Gesichtspunkten zu folgen (Gewässer > auf dem Boden > unter dem Boden); die Verse 104-112 sind ja ähnlich angeordnet: zuerst der Bereich über dem Boden (Obst; dann fällt etwas herunter und wir sind) > auf dem Boden (Blumen, Ähren) > Gewässer.

-2Aufbau der IV aetates

89-93 Aurea Alle tun Aetas Gutes, Gesetze unnötig

94-96 97-100 101-103 Keine Keine Keine SeeKriege Landfahrt wirtschaft, sondern->

104-106 107-108 109-110 111-112 Sammeln Ewiges ReichReichvon Blühen lich lich Obst und Getreide Milch und (mobil) Wärme Honig 113-115: Überleitung: Götterwechsel, KlimaVerschlechterung

Argentea Aetas

123-124 121-122 116-120 LandBehauJahreswirtschaft sungen, zeiten nicht mehr mobil 125-126 Krieg 127-131 Überleitung: Aetas-Wechsel mit ethischer Dekadenz, Pudor und Fides verschwinden.

Aenea Aetas

Ferrea Aetas

142-148 132-134 HemSeemungsfahrt loses Töten 135-137 Grundbesitz 138-141 Bergbau 149-150 Abschluss: Pietas und Iustitia geben auf.

-3Schon in den Jahren davor hatte Ovid das Thema in seinen Amores (III 8, 35-54) verwendet: http://www.hs-augsburg.de/~harsch/Chronologia/Lsante01/Ovidius/ovi_amo3.html. Dort stellt er kurz die Goldene Zeit (Vers 35-44) seiner Gegenwart (Vers 47-54) gegenüber; die anderen aetates interessieren ihn nicht. Er beschränkt sich auf vier Motive und reiht sie eher spontan aneinander: Bergbau (35-38) / Landwirtschaft (39-24) / Seefahrt (43-44) / Krieg (47-48) / Seefahrt (49-50) / Bergbau (53) / Krieg (53-54). (Interessant ist wieder die Anordnung Wasser-Erde-Luft in 49-50.) Wörtliche Anklänge an den Metamorphosen-Text findet man nur in Vers 42. In Vers 40 tauscht er die ilex gegen eine quercus aus und folgt damit Tibull und Vergil (s.u.). 3. Andere lateinische Autoren Zeitlich nach Ovid findet sich der einzige lateinische Text, der zumindest formal alle vier Weltalter enthält, nämlich die Octavia des Ps.-Seneca, Verse 395-435 , im Internet unter: http://www.forumromanum.org/literature/seneca_younger/octavia.html. Hier schrumpfen die beiden mittleren aetates sogar auf 2½ Zeilen (406-408) zusammen. Der Ackerbau ist ja mit Grundbesitz verbunden und wird darum der Eisernen Zeit zugeschlagen. Die enthält das Motiv der Jagd (Ende des Tierschutzes) und lässt dafür die Seefahrt weg. So entsteht im Wesentlichen eine Reduzierung auf die beiden Eckzeitalter und die Dichotomie gut / böse. Vor Ovid datieren Tibull, Vergil und Cicero. Die ersten zwei kann man gut als Klausurtexte verwenden; dann sollte man sie im Unterricht aussparen. Von Ciceros Aratea gibt es nur wenige Fragmente. Ins Jahr 27 fällt Tibulls Elegie I, 3, in der er seine Kriegsdienstverweigerung rechtfertigt:
http://www.thelatinlibrary.com/tibullus1.html

In den Versen 35 bis 50 beschreibt er kurz das Goldene Zeitalter, und die Motive sind von Ovid her bekannt: kein Eigentum, keine Seefahrt, keine Kriege, keine Tierhaltung. Und Jupiter sei schuld daran, meint auch Tibull, dass es in der gegenwärtigen eisernen Zeit tausend Arten des Todes gebe. Als Quelle für Ovid kommt Tibull so nicht in Betracht, weil der größte Teil der ovidischen Themen fehlt; nebenbei kommt bei ihm die Milch von Schafen. Vergil behandelt das Thema zweimal: in der vierten Ekloge (40 v.Chr.):
http://www.gottwein.de/Lat/verg/ecl04.php

und in den Georgica Buch I (37 v.Chr.):
http://www.hs-augsburg.de/~harsch/Chronologia/Lsante01/Vergilius/ver_ge01.html.

In der 4. Ekloge kommt die Milch von Ziegen (Vers 21). Das Goldene Zeitalter entsteht, wie Vergil später klarstellt (Aen. VI, 791), erst mit der Herrschaft Oktavians; deshalb steht hier alles im Futur. Wir finden - in umgekehrter Reihenfolge - die von Ovid her bekannten Motive. Zuerst das Verhalten der Natur: Blühende Blumen, goldene Ähren, Beeren, Honig und Milch gibt es reichlich und gratis (Verse 18-30). Die Fauna zeigt aber auch Verhaltensweisen, die Ovid nicht nennt: Sogar die Raubtiere sind Vegetarier einschließlich der Schlangen (Vers 22 bzw. 24) und das Hauptproblem der Antike, die Herstellung waschechter Kleiderfarben, ist gelöst (Verse 42-45). Dann folgt das Verhalten der Menschen: Sie benötigen Seefahrt und Landwirtschaft nicht mehr (Verse 38-41). Krieg wird allerdings für eine Übergangszeit noch notwendig sein (Verse 31-36).

-4Im 1. Buch der Georgica findet man die meisten dieser Motive nur wenig variiert wieder: Ohne Ackerbau gibt die Erde reichlich Nahrung (Vers 125, 127), es gibt sogar Bäche aus Wein (132), weder jagen die Tiere (129-139) noch werden sie gejagt (139-142). Die Seefahrt dient hier dem Nahrungserwerb (136-138) und wird deshalb weniger negativ gesehen als bei Ovid. Feuer (135) und Häuser schützen gegen Kälte. Neu ist die Betonung des fehlenden Eigentums an Boden und Nahrung (126-127). Die Formulierungen in diesem ersten Teil (bis 127) erinnern so stark an Ovid (signare...limitem oder nullo poscente), dass man hier einen direkten Bezug vermuten darf. Vergil hat hier zwei Themen weggelassen: a) dass die Menschen von selbst nur noch Gutes tun werden und b) dass irgend jemand die Erdachse in die Senkrechte zurückkippt zwecks dauerhaften Frühlings. Zwei sich diametral widersprechende Begründungen sind denkbar: Entweder hielt er das für ganz selbstverständlich oder für ganz unwahrscheinlich. Oder beides. Egal, entscheidend ist, dass er als erster Literat eine sibyllinische Weissagung ins Spiel bringt, wonach das Goldene Zeitalter zurückkehren wird. Wenn Ovid, dem man die Kenntnis der vierten Ekloge unterstellen darf, bewußt auf die Übernahme dieses Happy Ends der Erdgeschichte verzichtet, kann man das als versteckte Kritik an Augustus interpretieren. Ciceros Übersetzung des Aratos von Soloi entstand als Frühwerk vielleicht schon im Jahr 89 und enthielt auch die Geschichte vom Sternbild Virgo. Die Bildungsschicht der Römer dürfte im ersten Jhdt v. Chr. eine solche Übersetzung kaum benötigt haben. Die Tatsache, dass Cicero sie doch anfertigte, lässt den Schluss zu, dass Geschichten wie diese ein Jahrhundert vor Ovid noch nicht (oder nicht alle) zum Allgemeinwissen in Rom gehörten. Er scheint sich, wie die Synopse http://12koerbe.de/arche/aratos.htm zeigt, eng ans Original gehalten zu haben. 4. Griechische Autoren Ciceros Vorlage, die Phainomena des Arat aus der 1.Hälfte des 3. Jhdt, findet man unter: http://www.hs-augsburg.de/~harsch/graeca/Chronologia/S_ante03/Aratos/ara_ph01.html. Sie fußen wiederum auf der Astronomia des Eudoxos von Knidos (Mitte 4. Jhdt.). Arat setzt die Jungfrau des Sternenhimmels mit Dike gleich, weil sie während ihrer Erdenzeit für Gerechtigkeit sorgte. Nun galt aber Dike als Tochter des Zeus und dürfte laut Hesiod während des Goldenen Zeitalters noch gar nicht existieren. Wohl deshalb haben auch einige Vorläufer Arats diese Göttin dem Titanen Astraios als Kind untergeschoben (Arat 98-99). Sie muss also schon vor Arat (und nicht erst bei Ovid) den Namen Astraia geführt haben. Das alles ist äußerst merkwürdig. Da gab es eine Göttin, die war Herrin der Völker (Arat 112), aber keiner konnte sie in Griechenland einordnen. Also ein Götterimport? Herrin der Völker war in der Levante die Aštarte, berlinerisch: Ištar, im semitischen Urtext nur mit konsonantischen Buchstaben geschrieben. Das erinnert an Astraia. Dummerweise war Aštar(te) aber keine virgo. Lassen wir die Antwort einfach offen. Im Goldene Zeitalter gab es hier wie bei Ovid weder Streit noch Krieg (Arat 108-109) noch Seefahrt (110-111), aber die Landwirtschaft war schon vorhanden (112: Rinder und Pflug). Aus Vers 132 muss man rückschließen, dass die Menschen auch Vegetarier waren. Über die Silberne Zeit erfahren wir nichts Konkretes und über das Eherne Weltalter nur, dass es den Krieg hervorbrachte, so dass Dike total vergrätzt endgültig Abschied nahm, nachdem sie vorher schon in die Berge geflüchtet war (118). Arat kannte vermutlich seinen Hesiod und darum mehr als nur drei Zeitalter, aber durch die (gemessen an Ovid) frühzeitige Flucht der virgo brauchte er keines mehr, und auch der Mann aus Böotien war ja recht frei mit der Zahl der Weltalter umgegangen.

-5Denn mindestens fünf Zeitalter finden wir um 700 v. Chr. bei Hesiod (Erga 109-201):
http://www.gottwein.de/Grie/hes/erggr.php

1. Die Goldene Zeit (109-126) unter Kronos: Sie war frei von allen Mühen, die Erde gab von sich aus reichlich Nahrung (Sollte man tò mêlon in 120 nicht besser mit "Obst" übersetzen, denn Vers 146 legt nahe, dass man bis dahin vegetarisch war?). Die Menschen starben nicht, sondern entschliefen und leben heute als gute Geister weiter. 2. Die Silberne Zeit (127-142), sicherlich schon unter Zeus. Denn der schickte die Menschen (138) als "glückliche Tote" in die Unterwelt. Glücklich? Ja, das Sterben war zwar von nun an eine unerfreuliche Neuheit, aber in dieser Zeit auch eine echte Erlösung, denn das Leben vor dem Tod war demografisch bedingt die Hölle: Nur kurz lebende (d.h., wenige) Erwachsene mussten hundert Jahre lang aufwachsende (d.h., sehr viele und fremde) Kinder durchfüttern, die außerdem noch dumm wie Bohlenstroh waren (méga nēpios, 131). 3. Die Eherne Zeit (143-155): Die Erdbevölkerung ehrte die Götter nicht, löschte sich in ständigen Kriegen selber aus und verschwand schließlich im dunklen Teil des Hades. 4. Die Heroenzeit (156-143): Die Zeit der ruhmvollen thebanischen und troischen Helden; sie kamen nach ihrem Tod auf die Inseln der Seligen. 5. Die Eiserne Jetztzeit (174-196), die nur noch Falschheit und Mord kennt, selbst zwischen engsten Verwandten. Hesiod schildert diese Zustände ähnlich ausgiebig wie Ovid (Met. 144148). Aidōs und Némesis, sagt er abschließend, werden die Erde verlassen, und Zeus wird (Erga 180) auch diese Zeit einmal beenden. Ob dann ein weiteres Zeitalter kommen wird, bleibt wie bei Ovid offen, aber der Leser hat das Gefühl: Nein, denn schlimmer geht's nimmer. Hat Ovid auf diese griechischen Autoren zurückgegriffen? Die Flucht der virgo Astraia kann er, schon allein wegen dieser speziellen Namensgebung, eigentlich nur dem Überlieferungsstrang des Arat entlehnt haben. Komplizierter ist die Sache bei Hesiod. Dessen Heroenzeitalter ist deutlich ein Einschub, denn es folgt nicht der logisch aufgebauten metallischen Namensreihe und ist eine positive Unterbrechung in der ansonsten sich kontinuierlich verschlechternden Weltentwicklung. Wenn man die Heroen und das Silberne Weltalter beiseite lässt, kann man aber einige klare motivische Übereinstimmungen erkennen: die Nahrungsfülle in der Goldenen Zeit, die Entstehung des Krieges in der Ehernen Zeit (so auch bei Arat), die - sich auch im Detail entsprechende - Schilderung der exzessiven Verbrechenskultur im letzten Zeitalter, die Flucht weiterer Gottheiten (wenn auch bei Hesiod erst in der Zukunft). Ovids Silberne Zeit mit der Sesshaftwerdung aller Menschen widerspricht jedoch völlig dem, was die beiden Griechen zu dieser Periode zu sagen haben. Und das Wichtigste: Bei Hesiod wird jedesmal das gesamte menschliche Personal ausgetauscht wie bei Lidl, wenn ein Betriebsrat droht. Bei Ovid und den Anderen dagegen haben wir eine einzige durchgehende Menschengattung, nur die Lebensumstände wechseln. 5. Ex oriente lux Für die traditionelle Altphilologie war es trotzdem klar, dass Hesiod der primus inventor dieses Mythos gewesen sein muss und Ovid ihn für seine Zwecke bloß umgestaltet hat. Dabei fällt selbst dem Laien auf, dass auch schon im alten Orient das Bild vom "Land, das von Milch und Honig fließt" weithin bekannt gewesen sein muss: siehe Exodus 3,8 und Numeri 16,13. Wir wissen heute dank Ovid, dass damit auf die Goldene Zeit angespielt wurde (wobei der Honig wie bei Ovid nur als Baumsekret gedacht werden muss; ein richtiger Fluss aus Honig wäre eher ein ärgerliches Mobilitätshindernis für Nomaden).

-6Doch erst 1964 fällt es Bodo Gatz in seiner Dissertation auf, dass der Weltaltermythos orientalischen Ursprungs sein muss, und er verweist auf Parallelstellen in der alten babylonischen, iranischen und jüdischen Literatur. Dabei waren die meisten Keilschriftenfunde schon seit vielen Jahrzehnten übersetzt. Eine so tiefe Ehrfurcht der Altphilologie vor ihrem eigenen Tellerrand ist wohl nur dadurch zu erklären, dass die Unis während der Entstehungszeit des Roscher die Orientalistik - wenn überhaupt - in möglichst entlegenen Kellerräumen einquartierte mit einem Etat, der gerade noch fürs Türschild reichte. Meine Empfehlung: Verschwenden Sie nicht ihre knappe Zeit mit Literaturdurchforstung, sondern lesen Sie einfach den m.E. wirklich guten Wikipedia-Beitrag "Goldenes Zeitalter". Vorher aber holen Sie bitte erst einmal für einen längeren Exkurs Ihre Bibel aus dem Regal. Die Thora hat einen mythologischen Vorspann, der sich schon allein deswegen vom Rest des Tanach abhebt, weil die Geschichte des Volkes Israel darin keine Rolle spielt. Ich meine die Kapitel 1 bis 11,9 der Genesis. Alle Themen dort haben jedoch eine Entsprechung in der griechischen Mythologie. Atrahasis /Utnapištim (=Noah) wird zu Deukalion gräzisiert und auch sonst nach Bedarf modifiziert: Um einen Inzest zu vermeiden, muss Deukalion Steine werfen, und zwar hinter seinen Rücken; denn wie Menschenleben entstehen, ist für ihn (wie auch für Orpheus auf seinem Rückweg vom Hades) tabu. Die Erschaffung der Welt findet sich mit vergleichbaren Motiven auch bei den Griechen. Zwei Mythen aus der Zeit um 1200 dienten dazu, die Menschen von bevölkerungspolitisch unproduktiven Verhaltensweisen abzuhalten: von der Blutrache (Kain in Gen 4, 14-15 bzw. Orest in den Eumeniden) und von der Opferung des eigenen Nachwuchses (Isaak in Gen 22 bzw. Iphigenie in Aulis. Falls Sie sich schon immer darüber wunderten, dass Agamemnon seine Tochter in den Krieg mitnahm: Jetzt wissen Sie, warum). Selbst der Turmbau zu Babel fand in Griechenland ein Pendant: siehe Hygin, fab 143 (Phoroneus). Es gab also einen international bekannten Standardpool an Weltmythen, aus dem sich die Völker einschließlich der Griechen mutatis mutandis bedienten. Vergil verfuhr später genauso mit Homer.

6. Diese gottverdammten Archäologen! Seit 1967 hatte die Archäologie zum ersten Mal die Möglichkeit in ganz Palästina ungestört zu graben, und sie tat es ausgiebig und flächendeckend. Die Ergebnisse waren für die Orthodoxie eher unerfreulich. Zum Beispiel fand man in allen alten jüdischen Siedlungen bis zum Ende des 5. Jhdt. kontinuierlich so viele Götterstatuen, dass man abweichend von der biblischen Überlieferung zum Schluss gelangen muss: Auch die Israeliten waren bis dahin ganz selbstverständlich Polytheisten und erst Jošija versuchte 622 v.Chr. in Echnatons Fußstapfen zu treten. Die aus Babylon zurückgekehrte Priesterschaft setzte dann den Monotheismus radikal und mit großem Erfolg durch. Die Schriften mussten dazu neu redigiert werden, denn es gab ein Problem: Wenn nur noch ein einziger Gott verehrt werden durfte, musste er auch für Alles zuständig sein. Er war bisher aber nur als Familien- und Stammesgott Israels aufgetreten, der seine spezielle Aufgabe darin sah, seinen Leuten viele Nachkommen in einem großen Stück Land zu verschaffen, eine Kombination aus Fruchtbarkeits- und Kriegsgott wie andere auch (z.B. Inanna oder Šawuška). Um ihm jetzt seine neue universale Geltung zu geben, griff man u.a. auf die allseits bekannten überregionalen Weltmythen zurück.

-7Die Sintflutgeschichte (Gen 6-8) ist eine solche Entlehnung. Wieder sind die Archäologen der Neuzeit schuld daran, dass die Sache aufflog. Das Gilgameš-Epos (vermutl. 12. Jhdt.) wurde schon 1891 veröffentlicht und zeigt sehr schön, wie die Plagiatoren vorgingen: (http://www.lyrik.ch/lyrik/spur1/gilgame/gilgam11.htm). (Nebenbei hat sich der Gilgameš-Autor schon seinerseits aus einem 600 Jahre älteren Epos bedient; dessen Text findet man im WikipediaArtikel Atrahasis-Epos, Tafel 2-3). Der babylonische Mythos ist viel spannender als die Genesis: Da tricksen ein kluger Kleingott (Enki/Ninschiku-Ea) und ein kluger Mensch mit einer konspirativen Rettungsaktion den Obergott Enlil aus. Dessen Charakteristika sind Überempfindlichkeit, Mordlust und Kurzsichtigkeit. Er versucht immer wieder die ihm lästigen Menschen zu eliminieren, sieht aber zum Schluss doch ein, dass die Götter dann keine Opfer mehr bekommen würden. In der Genesis tricksen der einzig vorhandene Gott und Noah gemeinsam den Rest der Menschheit aus. Planung und Durchführung der Rettungsaktion liegen dort bei Gott. Die beiden wesentlichen Unterschiede: 1. Es gibt im jüdischen Plagiat nur einen universalen Gott. 2. Im babylonischen Original sind die Menschen unschuldige Opfer eines bösen Gottes, im Plagiat sind sie die Schuldigen und Gott ist gut. Der verlangt mitleidslos Gehorsam, ist aber auch bereit, die Gerechten zu bewahren (Vergleichbar ist Gen 18-19). Zuckerbrot und Peitsche: Das israelische Volk weiß jetzt Bescheid. Unwesentlich sind natürlich Äußerlichkeiten wie: Dauer der Flut, Ausmaße des Schiffs, Namen von Personen und Bergen usw. Trotzdem haben diese mich persönlich dazu gebracht zu verstehen, was ein Mythos ist und was nicht. Als Schüler stellte ich bei der Besprechung der Sintflut die vorwitzige Frage, ob die Flut aus Salz- oder Süßwasser bestanden habe, und änderte damit meine Religionsnote schlagartig von Eins auf Drei. Zu Hause sah ich mir den originalen Bibeltext an und fand weitere Fragen, die mir mühelos zu einer Sechs verholfen hätten, z.B.: Was geschah mit den Insekten? Wie haben die Pflanzen monatelang einen Wasserdruck von mindestens 500 bar (Ararat-Höhe) bei völliger Dunkelheit aushalten können? Wie ist es Noah gelungen, an Zebras, Leguane, Lamas, Tukane, Kängurus usw. heranzukommen? Wenn Fragestellungen dieser Art nicht greifen, dann weiß man, dass es sich um einen Mythos handelt. Denn der enthält wie die Fabel keine Tatsachen, sondern Chiffren. Da darf dann auch einmal, wie in der Fabel, ein Tier sprechen: im nachfolgenden Fall die Schlange. 7. Ein Garten mit Migrationshintergrund Der Schlangen-Mythos (Gen 3,1-15) war ursprünglich ätiologisch, also ein ErklärungsMythos, und vermutlich eigenständig, denn er kann ohne Weiteres in der Paradiesgeschichte (Gen 2, 4b bis 3,24) fehlen. Erklärt wird, warum Knochenreste verkümmerter Gliedmaßen zum Vorschein kommen, wenn man eine Schlange tranchiert. Die darstellenden Künstler müssten sie eigentlich bei der Versuchung Evas wie eine überlange Eidechse mit Beinen malen, denn da war das Tier noch nicht verflucht. Na ja, die Künstler versehen ja auch Adam und Eva mit Bauchnabeln, was soll's. Auch die Paradiesgeschichte ist als Mythos selbstverständlich voller Ungereimtheiten, aber ich will sie nicht aufzählen, obwohl es unterhaltsam wäre. Das hebe ich mir für den nächsten Besuch der Zeugen Jahwes auf. Konzentrieren wir uns hier lieber auf die Punkte, die uns zum Thema "Goldene Zeit" zurückbringen:

-8Punkt 1: Die Menschen waren im Paradies anfangs unsterblich. Das erinnert an Hesiod, und selbst bei Ovid finden sich leise Reminiszenzen an dieses Motiv (z.B. die immergrüne viridis ilex: Met I, 112). Adam und Eva fühlen sich plötzlich minderwertig, weil ihre neu erwachte Sexualität (Gen 3,7-11) untrennbar mit Werden und Vergehen verbunden ist, also eine niedrigere Daseinsform bedeutet. Dies Werden und Vergehen wird in Gen 3,16 (Menschen werden ab jetzt geboren) und in Gen 3,19 (Mensch wird wieder zu Erde) noch einmal explizit ausgesprochen und zusätzlich mit Beschwerlichkeiten verbunden (Schmerz, Schweiß). Was durch den Genuss der verbotenen Frucht verursacht worden war (Gen 2,17), hätte durch eine Frucht vom anderen Baum wieder aufgehoben werden können (Gen 3,22). Das wollte Gott aber nicht, hatte doch der Prototyp aller Menschen zu hundert Prozent versagt. Der ging danach trotzdem in Serienproduktion, man konnte ja unter Noah immer noch eine Rückrufaktion starten. Ich glaube, Jahwe war nur ein Pseudonym; in Wirklichkeit heißt er Toyota. Punkt 2: Keine extremen Jahreszeiten, das Klima war immer angenehm: Man lief nackt herum (Gen 2,25) und sogar Regen fehlte (Gen 2,5). Punkt 3: Es gab keine Landwirtschaft (Gen 2,5 bzw. 3,17) und die Menschen ernährten sich besonders von Früchten (Gen 2,9 und 2,16). Durch den Sündenfall wird dann der Mensch zum Bauern (Gen 3, 17-19). Der Brudermord steht bei Ovid und Hesiod am Ende der Weltentwicklung, im Paradiesmythos schließt er sich direkt an die Vertreibung an (Gen 4,8) . In der Vorlage zum Kain-und-Abel-Mythos dürfte er dagegen zeitlich später angesiedelt gewesen sein, denn der Mörder findet genug Menschen vor, um eine Stadt zu gründen (Gen 4,17). Wenn wir die Paradiesgeschichte literaturgeschichtlich einodnen wollen, stellen wir Bemerkenswertes fest. Es gibt unter den vorhandenen mesopotamischen Keilschrifttexten keine Version, die mit Gen 2, 4b bis 3,24 kompatibel wäre: Der Mensch wird im Paradiesmythos schrittweise erschaffen: Erst formt Gott den Adam, dann aus einem Zweig seines 23. Chromosomenpaars die Eva. Auch der sog. erste Schöpfungsbericht, nämlich Gen 1,1 bis 2, 4a, kennt kein Paradies und keine Probezeit für die ersten Menschen, sondern lässt sie von Anfang an zweigeschlechtlich die Erde erobern (Gen 1,27-28) , die im Gegensatz zu Gen 2,5 und 2,19 schon mit aller Fauna und Flora ausgestattet ist.. Dieser erste Mythos steht nicht im Widerspruch zur babylonischen Literatur. Woher stammt dann aber unsere abweichende Paradieserzählung? Es muss sich um eine anatolische Variante handeln: Der Garten in Eden, also das Quellgebiet von Euphrat und Tigris, liegt nämlich "im Osten" (Gen 2,8). Und diese Version existierte schon lange vor Esra und Nehemia, denn Aššur, das in Gen 2,14 erwähnt wird, gab es nach 618 v. Chr. nicht mehr. Dank Erich Neu sind uns einige hethitisch-hurritische Mythen seit 1965 bekannt; die aus Hattuša datieren um 1300 v.Chr.:
http://de.scribd.com/doc/57757554/VIII-Die-mytho-poetischen-Dichtungen-uber-Kumarbi-den%E2%80%9EVater-der-Gotter%E2%80%9C

Dort findet man die Quelle der Theogonie Hesiods, unter Anderem auch den Generationenkampf des Gottes Kumarbi (=Kronos) mit dem Wettergott Tarhun/Tessop (=Zeus). Der siegreiche Wettergott kann gar nicht anders: Er muss aufgrund seines Wesens der Welt Kälte und Wärme, Nässe und Trockenheit bringen und zwingt damit zur Sesshaftigkeit und Landwirtschaft. Mit dem Winter kommt auch, zunächst bei Pflanzen, die Sterblichkeit in die Welt und das Paradies ist vorbei. Zwar gab es auch in Babylon einen Götterwechsel (Marduk), aber noch vor der Erschaffung des Menschen und ohne Klimawandel.

-98. Der Urmythos In diesem Umfeld entstand die Erzählung von den vier Weltaltern. Irgendwann wird es einem Autor - nennen wir ihn einmal Karlchen - aufgefallen sein, dass man zwischen Epochen und den dabei vorherrschenden Metallen eine Relation herstellen kann. Das Ergebnis war für die Antike einzigartig: 1. Den Rahmen der Erzählung entnahm Karlchen der realen Geschichte. Auch die heutige Wissenschaft teilt die Gesamthistorie ein in a) Zeit der Wildbeuter (Paläolithikum), b) Zeit der Sesshaftwerdung (Neolithikum), c) Bronzezeit und d) Eisenzeit. Der Autor musste dazu uralte Aufzeichnungen der Realgeschichte (über 2000 Jahre) gekannt haben: Die waren im Orient vorhanden. 2. Die Metallreihe ist eine in sich stimmige Mischung aus Klimax und Antiklimax: Es beginnt mit dem weichen, aber haltbaren Gold und endet beim harten, aber korrodierenden Eisen. Schon der Paradiesmythos verbindet das erste Zeitalter mit dem Gold (Gen 2, 11-12), und zwar dem ganz real geförderten Gold des Landes Kolchis, der Heimat des goldenen Vlieses und der Medea. Außer den fünf Metallen dieser Reihe war in den Antike nur noch das Blei als gediegenes elementares Metall verbreitet. Es würde entsprechend der Redox-Reihe den Platz zwischen Kupfer und Eisen einnehmen. Wenn Karlchen es nicht für seine Erzählung verwendete, zeigte er damit wieder, dass er sich an der Realgeschichte orientierte: Das Vorkommen von Blei blieb ohne Einfluss auf die gesellschaftliche Ordnung. Hesiod hätte es an vierter Stelle ganz gut gebrauchen können, aber der kannte den Mythos offenbar nicht in seiner Urform und durchschaute nicht den historischen Hintergrund der Metallreihe: Der alte Grieche ließ die Menscheit immer wieder neu entstehen und vergehen und interessierte sich eher dafür, wohin sie nach ihrem Ende jeweils kam. 3. Die Weltgeschichte ist in Karlchens Augen monoton fallend. Bei der Mehrzahl der übrigen antiken Theorien unterliegt die Weltgeschichte einem wiederkehrenden Zyklus. Ein paar Leute (Ješaja in Anlehnung an Zarathuštra; Vergil mit seinem imperium sine fine in Aen I 279) waren eschatologisch. Die Epikureer als besondere Ausnahme überließen alles dem Zufall. Auch Karlchen lässt die Götter ab der Silbernen Zeit aus seiner Erzählung heraus: ein sehr profaner Denker. Stattdessen findet er in den Archiven zu allen Zeiten die Klage, dass es früher besser war, und kommt dann dank vollständiger Induktion zu einem durchgängig pessimistischen Gesamtaufbau der Weltgeschichte. Für uns heute gilt z.B. die Einführung des Ackerbaus unbestritten als ein Fortschritt, für Karlchen darf das nicht sein. Also baut er ins Goldene Zeitalter mangels besserer Informationen ein paar übertrieben positive Märchenmotive aus bekannten Erzählungen ein. Sein Mythos ist wie aus einem Guss, deshalb darf man auf einen einzelnen Erfinder oder ein kleines Team schließen. Was so systematisch durchkomponiert ist, überzeugt den Leser und verbreitet sich. Variiert man irgend etwas davon, dann bringt man nur Brüche hinein, und dem Leser fällt es sogleich auf: Hesiods viertes Heroenzeitalter ist als Abweichung sofort erkennbar. In Nabuccos Traum (Daniel 2,31-33) aus dem 2.Jhdt. v.Chr. ist das fünfte Zeitalter, das Ton-Eisen-Gemisch, der Ausreißer. Vergleiche auch Ješaja 60, 17. - Die Entstehungszeit des Urmythos liegt zwischen dem Ende des restriktiven Eisenmonopols der Hethiter einerseits und Hesiod andererseits. Letzterer lebte wohl um 700, Hattuša brannte um 1180 ab. Beides, die Verbreitung des Eisens und die Verbreitung des Mythos bis hin nach Böotien, brauchte seine Zeit. Das zehnte Jahrhundert kommt für die Urfassung am ehesten in Betracht.

- 10 Bei der Rekonstruktion des Inhalts gehe ich methodisch davon aus, dass Motive, die in verschiedenen unabhängigen Überlieferungssträngen auftauchen, dem Urmythos zuzuschreiben sind. Daraus resultiert folgender Mindestumfang der Urfassung: Aetates Aurea Motive Kein Tod Ewiger Frühling Reichlich Obst Milch, Honig, Wein Keine Landwirtschaft Alle Tiere sind zahm. Götterwechsel, Jahreszeiten Krieg Mord und Totschlag Fundstellen Paradiesmythos; Hesiod Paradiesmythos; Ovid; Vergil georg II 338 Paradiesmythos; röm.Dichter; Hesiod Tanach; Koran; attische Komödie; Platon; röm. Dichter Paradiesmythos; röm. Dichter; Matthäus 6, 26 Ješaja 11,6-8 und 65,25; Vergil Hethiter; Hesiod; röm. Dichter Hesiod; Arat; Ovid Genesis; Hesiod; Arat; Ovid; Tibull

Argentea Aenea Ferrea

Folgende Motive findet man nur im spätgriechisch-römischen Überlieferungszweig: 1. Seefahrt (Arat, röm. Dichter), 2. Großgrundbesitz (Ovid, Vergil), 3. Bergbau (Ovid). Schauen wir uns diesen Überlieferungszweig näher an. 9. Laviniaque venit litora Platon zitiert zwar öfters Hesiod, nennt aber im dritten Buch der Politeia (414 C) eine weitere Quelle, aus der er sich bedient, nämlich Phoinikikón ti. Die Phönizier erzählten sich, sagt Platon, der Gott habe den Herrschern Gold, den Kriegern Silber und dem zivilien Fußvolk Kupfer und Eisen in die Gene gemischt (415 A). Das ist so nicht der Mythos, wie wir ihn kennen: von Weltaltern keine Spur. Aber er zeigt, dass die metallische Vierrerreihe als Gliederungsprinzip in der Levante weit bekannt war und spätestens im 5. Jhdt. ihren Weg in die griechischen Philosophenschulen nahm. Poseidonios war schon aufgrund seiner Herkunft zu solchem Transfer nach Griechenland prädestiniert; er wurde von allen möglichen, auch prominenten Römern des frühen 1. Jhdts. besucht und als literarische Vorlage (Cicero) benutzt. Dass er das Thema Goldene Zeit detailiert behandelt hat, entnehmen wir Seneca (ep ad Luc 90, 37-45, daran anknüpfend: ep ad Luc 94, 56-57): http://www.thelatinlibrary.com/sen/seneca.ep14-15.shtml. Poseidonios kennt allderdings keinen Götterwechsel: Schon in frühester Urzeit gibt es bei ihm Jahreszeiten (Sen ep 90, 41 und 43). Ansonsten finden wir die bekannten Motive: gemeinsame Nutzung der Natur, die auch ohne Landwirtschaft reichlich gibt (ep 90, 38 und 40), kein Mord (ep 90,45) und keine Laster (ep 94,56). Ihre eigene Zeit ließen die Stoiker schlecht aussehen. Drei Kritikpunkte hatte man vor allem; mindestens zwei davon entstanden wegen ihrer Anspielung auf römische Entwicklungen sicher erst nach Poseidonios in Italien:

- 11 a) Auf dem Lande sorgt die Profitgier für die Vertreibung und anschließende Verarmung der Kleinbauern (ep 90,39-40). b) In der Stadt führt Prunksucht z.B. zum Bau riesige Häuser mit Anreiz zum Diebstahl (ep 90, 43). c) Der Bergbau fördert die Metalle, die die Natur bis dahin schützend verborgen hat, weil sie zum Krieg reizen (ep 90,45 und ep 94,57). Jetzt haben wir so ziemlich Alles zusammen, was Ovid in seinem Mythos thematisiert. Bei Arat findet man das Motiv der Seefahrt, bei Hesiod die Aufteilung der Weltgeschichte in metallischer Ordnung, die reichlich spendende Natur unter Kronos, den Götterwechsel, das Kriegsmotiv und das Motiv des exzessiven Mordens. Aber das störende Heroenzeitalter und das allzu fantastische Motiv des ewigen Lebens ließ Ovid weg; auch die ständige Neuerschaffung der Menschheit ist nur verwirrend und darf fehlen. Von den anderen Stoikern übernahm er zusätzlich die Motive vom ursprünglich guten Menschen, vom Bergbau und vom Großgrundbesitz. Das Ganze hat er dann kräftig geschüttelt, neu geordnet - und fertig! Schön wär's. Dann müsste man nur erklären, warum lange vor ihm und vor Hesiod ein gewisses Karlchen (mit Ausnahme der stoischen Motive) die gleiche umfangreiche Geschichte in der gleichen Form publizierte. Karlchen kannte auch das Motiv des ewigen Frühlings und dessen Verschwindens, was zu Ovids Bild der beiden ersten Zeitalter passt, nicht aber zu Hesiod. Was muss man daraus schließen? Es gab sicher einen weiteren Überlieferungsstrang, den wir leider nicht kennen. Der Klimawandel ist auch an Poseidonios und seinen Stoikern spurlos vorbei gegangen; dieser Strang kommt also nicht in Frage. Letztlich ist es egal, wer den ursprünglichen viergeteilten Mythos nach Rom brachte; die Vierteilung scheint in Rom schon so bekannt gewesen zu sein, dass Ovid sich nicht einfach auf die Darstellung der Zeit Saturns beschränken wollte wie Vergil oder Tibull, sondern von allen vier aetates erzählt. Er brauchte keine Einleitung zum Thema, sondern konnte sich mit der leisen Anspielung begnügen, die in den drei Wörtern Aurea prima sata (Met I 89) steckte: Der römische Leser verstand diesen Verweis auf Saturn und die beginnende Metallreihe offensichtlich sofort.

10. Ein Verwandlungskünstler Ovid nimmt die Götterwelt und die Mythen grundsätzlich nicht ernst (vgl. Ars I 637). Durch die Gleichsetzung Saturns mit Kronos entsteht das Paradox, dass Saturn in seinem Zeitalter gar nicht als Gott wirkt, wohl aber, nachdem er im Tartarus verschwunden ist (sine semine Met I 108 und semina tum primum 123). Ovid will das gar nicht erst beschönigen, sondern setzt noch eins drauf: Den Baum Jupiters (106) gibt es bei ihm schon vor Jupiters Zeit. Das zweite Paradox ergibt sich daraus, dass Ovid die Menschen das reale Gold erst in der Eisenzeit finden lässt (141). Für Ovid ist das nur ein Scheinparadox, denn er konnte nicht wissen, dass der Urmythos wirklich die geschichtliche Reihenfolge der Entdeckung der Metalle vor Augen hatte, sondern sah in der Metallreihe nur eine wertende symbolische Abfolge. Bei Karlchen war auch das Aufkommen von Bronze ein reales Ereignis, das einen Grund für die Verbreitung des Krieges liefert; bei Ovid kommt der Krieg einfach so ohne Grund daher (125-126) und hat sich nach mageren 2½ Zeilen wieder vorläufig verabschiedet.

- 12 Die Gründe für das Hereinbrechen der Eisernen Zeit holt er sich dann von den Stoikern: Großgrundbesitz (longus limes 136), Großhandel und Bergbau fördern den amor sceleratus habendi (131) und führen zu einem skrupellosen Liberalismus. Er übertreibt aber die stoische Askese, wenn er im Goldenen Zeitalter nur mickriges Obst als Nahrung zulässt (montana fraga, corna, glandes: 104-106). Das steht in zu starkem Kontrast zu den nachfolgenden üppigen Nahrungsmitteln (gravidae aristae, flumina lactis et nectaris, mel: 110-112). Ovid missbraucht die populären Mythen, um sein stoisches Süppchen darauf zu kochen. Um diese These zu untermauern, möchte ich kurz die Geschichte von den lykischen Bauern heranziehen, die thematisch eng mit der Weltalterstory verbunden ist (Met VI 337-381). Die ursprüngliche Fassung kennen wir aus der Metamorphose Nr.35 des Antoninus Liberalis:
http://www.archive.org/stream/antoninouliberal00anto#page/236/mode/2up

Wir finden das Kommunismus-Postulat aus dem Weltalter-Mythos (Met I 135: communem...ceu lumina solis et auras...humum) des Ovid in der Geschichte von den lykischen Bauern wieder: In Met VI 349-351 liest man: Usus communis aquarum est. Nec solem proprium natura nec aera fecit nec tenues undas: ad publica munera veni. Das ist Ovids eigentliche Botschaft; den zugrunde liegenden Mythos baut er zu diesem Zweck rigoros um: Urfassung Leto will ihre vollgeschissenen Säuglinge waschen (apolŷsai). Sie kommt an eine Quelle (krēnē). Ovidische Version Leto und ihre Kinder müssen dringend trinken (354: relevare sitim usw.). Sie kommt an einen ziemlich kleinen Teich (343: lacum mediocris aquae); den kann man verunreinigen. Dort sind Bauern (344: agrestes); sie sammeln nur Bastelmaterial (344-345). Leto steht zum Schluss genauso dumm da wie vorher: Es gibt kein trinkbares Wasser.

Dort sind Hirten (boukóloi); ihre Rinder müssen trinken (píōsin). Leto kann an einen Fluss ausweichen und ihr Vorhaben dort umsetzen.

Die Bauern sind ebenso lebensverachtend wie die Menschen im Eisernen Zeitalter und beide Geschichten enden in Resignation. Zudem baut Ovid auch hier absichtlich ein Paradox ein: Die Göttin droht zu sterben. Der römische Leser wird sich nicht gewundert, sondern herzhaft gelacht haben, denn der kannte wahrscheinlich seinen Ovid. Schon seine Heroides zielten auf die Entzauberung der Mythen ab. Die Metamorphosen enthalten zwar, wie in der Einleitung versprochen, Verwandlungsgeschichten (Met I 1-2: in nova... mutatas formas corpora), aber statt corpora darf man auch carmina einsetzen. Ein paar der Geschichten sind mit keiner Verwandlung verbunden und bei etlichen ist die Verwandlung deutlich an den Haaren herbeigezogen und somit als Vorwand erkennbar. Gemeinsames Band seiner Geschichten ist vielmehr das unstoische Verhalten der Protagonisten. Besonders die Liebenden verhalten sich psychotisch; deshalb ist das Werk auch voll von skurillen und peinlichen Liebesgeschichten. Statt der ursprünglich ernsthaften Mythen finden wir lauter ironische Parodien vor. In diesem Sinne sollte man den Titel Metamorphoses auch verstehen: Nicht Geschichten von Verwandlungen, sondern Verwandlung von Geschichten.

- 13 11. O du lieber Augustin Eine Weiterentwicklung des ovidischen Mythos gab es bis in die Neuzeit hinein nicht, aber Alternativentwürfe. Den ersten startete Augustinus von Hippo 410 n.Chr.; am besten formuliert findet man ihn ganz am Ende von De civitate Dei (XXII 30):
http://www.hs-augsburg.de/~harsch/Chronologia/Lspost05/Augustinus/aug_cd22.html#30

Schon als Jugendlicher hatte sich Augustinus für die beiden verschiedenen Stammbäume Christi interessiert (Lukas und Matthäus), und weil er auch ein begnadeter Zahlenrabulist war, fiel ihm bei Matthäus etwas auf: 1) Von Adam bis Noah sind es 10 Generationen, 2) von Noah bis Abraham 10 Generationen, 3) von Abraham bis David 14 Generationen, 4) von David bis zum babylonischen Exil 14 Generationen und 5) von da an bis Christus wieder 14 Generationen. Das kann kein Zufall sein! Die Weltgeschichte ist offenbar nach einem System in Epochen eingeteilt, die auch Augustinus aetates nennt. Er selbst lebte demnach in der sechsten Aetas, über deren Ende er nichts Genaues sagen konnte, weil a) von Christus keine Nachkommen zwecks Generationenberechnung existierten und b) Christus selbst nichts über den Zeitpunkt verraten wollte (Apostelgeschichte I, 7). Ganz überraschend kann dieses Weltende aber aus heutiger Sicht nicht kommen, denn zuerst muss ja der zwölfte Imam wieder erschienen sein. Danach wird Gott, so Augustinus, eine siebte, eine Sabbat-Aetas als Ruhezeit folgen lassen, die nahtlos in das ewige Endreich Gottes übergehen wird. Diese positive Eschatologie ist natürlich in der Apokaypse vorgezeichnet, aber auch bei Vergil. Uns heute wäre es womöglich lieber - wenn wir uns den Nahen Osten anschauen -, es käme kein zweites Jerusalem von Himmel herab. Die einzige Gemeinsamkeit mit Ovid ist die Bezeichnung aetas für die Weltalter. Die werden einerseits auf sieben erweitert, weil das so gut zum ersten Schöpfungsmythos (Gen I 1- 2, 4a) passt, andererseits werden sie inhaltlich beschränkt auf die reine Heilsgeschichte. Die frappierende Anordnung der Zahlen und die Autorität des Kirchenlehrers wirkten sehr überzeugend, und so kam es, dass er über tausend Jahre lang Geltung bekam und der ovidische Mythos nur noch in der in der Unterhaltungsecke der Klosterbibliotheken seine Daseinsberechtigung hatte. 12. Neue Weltbilder Doch Totgeglaubte leben länger. Mit der Neuzeit musste die Erde ihren Platz im Zentrum der Welt räumen, und auch das Paradies wurde in den Seekarten des 16. Jahrhunderts immer weiter irgendwo nach Osten hin verschoben, denn laut Genesis 2,8 lag es nun einmal dort und es war auch nicht der Sintflut zum Opfer gefallen, was Christus persönlich für das 1. Jhdt. nach Christus bezeugte (Lukas 23,43). Erst ab dem 17. Jhdt. gab man ganz allmählich und leise den Versuch auf, Paradies, Hölle und Himmel irgendwo topografisch anzusiedeln. Die neu entstehenden weltlichen Gymnasien drängten die Klosterschulen stark an den Rand und stürzten sich auf die klassische Literatur. Rasch war der ovidische Mythos beim Bildungsbürgertum so verbreitet, dass führende Autoren seine Kenntnis voraussetzen durften: Schiller (Die vier Weltalter) und Hölderlin (Natur und Kunst oder Saturn und Jupiter) bearbeiteten ihn. Speziell Kronos war später mit Goethe verschwägert und bei den Brüdern Grimm verkleidete er sich als Wolf.

- 14 Aber schon viel früher wurde der Mythos des Ovid parodiert, was nur möglich war, wenn er schon zum Bildungskanon gehörte. Vielleicht denken Sie jetzt spontan an das Schlaraffenland des Hans Sachs aus dem Jahr 1530: http://www.wispor.de/w-g-sach.htm. Indes erinnert nur die eine einzige Zeile, in der Bäche von Milch erwähnt werden, an Ovid. Die gebratenen Vögel und Fische, die von selbst den Weg in den Mund finden, kommen jedoch genau so in der altattischen Komödie vor, z..B. bei Metagenes (lt. Athenaios, Deipnos. 270 A) und Pherekrates (in den Krapátaloi, fr.130); auch die anderen Motive, etwa die Belohnung der Faulheit, sind dort schon vorgezeichnet. Die Erzählung des Hans Sachs gehört also überhaupt nicht in die ovidische Tradition und hat gar nichts mit verschiedenen Zeitaltern zu tun; seine (wenn auch ironische) Verherrlichung aller Untugenden hätte dem Stoiker auch nur ein Stirnrunzeln entlockt: So viel alberne Comedy hätte ihm missfallen. Ich denke vielmehr an die Mutter aller Romane, den Don Quijote von Cervantes, veröffentlicht im Jahr 1605: http://mgarci.aas.duke.edu/celestina/CERVANTES-MD/DON-QUIJOTE/. Wählen Sie auf dieser Website Don Quijote > Indice de capitulos > Kapitel 11 des 1. Teils und Sie gelangen zu den Ziegenhirten und der Rede des Ritters über die edad dorada. Schon diese Wortwahl zeigt den Rückgriff auf Ovid, denn nur der sprach von einer aurea aetas; Hesiod und die Anderen benutzten Formulierungen wie génos chryseĩon oder Saturnia regna. Den Kommunismus vertritt er konsequent: "Eran...todas las cosas communes". Ovid hatte explizit nur Luft, Licht, Wasser und Boden als publica munera (Met I 135-136 bzw. VI 349) bezeichnet; ansonsten blieb er unbestimmt. Hier scheint wohl Vergils Georgica I 127-128 durch. Danach betont Cervantes die Einfachheit der früheren Ernährung (Eicheln und Wasser, also keine Milchflüsse) und der Behausungen (Die gehörten allerdings bei Ovid in die Silberne Zeit, und bei ihm wurde der Honig von Bäumen statt Bienen produziert). Auch bei Cervantes gibt es keine Landwirtschaft. Diese erste Hälfte der Rede Don Quijotes ist also so etwas wie eine freie Adaption des Zustands der Natur im Goldenen Zeitalter bei Ovid (Met I 101-112). Jetzt folgt, herrlich übergangslos, der Einschub, der ahnen lässt, wozu der edle Ritter die Geschichte erzählt: Die jungen Damen, sagt er, waren damals noch schlicht in Kleidung und Schmuck und nicht so furchtbar anspruchsvoll wie zu seiner Zeit. Dann folgt die zweite Hälfte der Rede, die Ovids menschenbezogenen Teil der Goldenen Zeit (Met I 89-100) aufgreift: Früher gab es keine Bosheit und man brauchte keine Richter. Für Don Quijote heißt das vor allem: Die spanische Frau konnte unbehelligt alleine ausgehen, zur Zeit des Don Quijote dagegen sind die Männer großenteils hinterlistig und aufdringlich. Also muss als Schutz der Frauen und sonstiger Schwachen der Stand der fahrenden Ritter her. Da bin ich, lobt mich. Ovid hatte auf Karlchen zurückgegriffen, um sein stoisches Credo zu verbreiten. Don Quijote tut etwas Ähnliches mit Ovid: Er benutzt den Anfang des ovidischen Mythos als imposantes Vehikel, um dann überraschend auf die Feldwege seines eigenen Denkens abzubiegen. Cervantes hat vielleicht zeigen wollen, wie man mit antikem Bildungsgut nicht umgehen sollte, wenn man nicht zu einer tragischen Gestalt werden wil. Denn einen anderen Rittersmann gab es fast zweihundert Jahre später in Wien: Franz Hebenstreit von Streitenfeld, mit feudalen Wurzeln in kaiserlichen Diensten, als radikaler bürgerlicher Revolutionär hingerichtet, der einen totalen Kommunismus vertrat. Eine delikate Mélange. Sein lateinisches Gedicht Homo Hominibus aus dem Jahr 1792 war unter den Jakobinern der Donaumonarchie weit verbreitet, wie die Prozessakten belegen. Es wurde dort erst 1972 wiederentdeckt und ist im Netz nicht verfügbar, aber ich schicke es Ihnen gerne per Email zu (542 Hexameter, 10 Seiten!).

- 15 Man reibt sich die Augen: Der von Cervantes erfundene Ritter wurde plötzlich zur Realität und betrat die politische Bühne. Hebenstreit sah sich als Anwalt der Schwachen und verteufelte jede Form von Eigentum: "Proprietas stat (=est) fomes prima malorum" (Homo Vers 22). In seinem Prozess 1794 erklärte er: "In einer Gesellschaft, worinnen alle Naturund Kunstprodukte nach jedem Bedürfnis gemeinnützig sind, folglich der Erwerb und Genuss gemeinschaftlich, in einer solchen Gesellschaft ist jedes Laster unmöglich." Hebenstreits Mitrevolutionär Andreas von Riedel verglich ihn gar mit den griechischen Philosophen und sprach euphorisch von "Hebenstreitismus oder Kommunismus". Die bürgerliche Revolution sollte zum Kommunismus führen! Damit lag der Österreicher auf einer anderen Linie als die Franzosen: Zwar erinnern die ständigen Verweise auf das Naturrecht im Homo an Rousseau, doch der hatte nur die rechtliche, nicht aber die ökonomische Égalité gefordert. Hebenstreit ist radikal-ovidisch wie Don Quijote, und etlliche Einzelstellen bei ihm klingen sehr nach Ovid, wie z.B. das folgende Stück (Homo 171 ff.): Quamdiu communes fructus mortales habebant, nil prohibere (sc. necesse) fuit, nec erat fruitio crimen. Tunc homines contra ramorum fructus edebant vel, quae terra dedit comestibilia cruda. Candida lingua fuit, non carcer, nulla maiestas. Laesio nulla fuit nulla et discordia nota. Stetit adhuc pietas et adhuc nulla mala fuere, stetit et aequalitas, prima innocentia stetit. Und dann zieht er ausgiebig gegen Krieg und Not, gegen die Reichen und Adligen seiner Zeit vom Leder. Von Weltaltern ist freilich keine Rede; es gibt nur den Kontrast zwischen der Urzeit und seiner Gegenwart. 13. Intermezzo Danach kommt die Geschichtsphilosophie des G.W.F. Hegel zur Welt, teilweise schon in der Phänomenologie des Geistes von 1807, teilweise erst in den Vorlesungen der zwanziger Jahre. Sie ersetzt die obsoleten Auslaufmodelle eines Ovid oder Augustinus durch einen völlig andersartigen neuzeitlichen Ansatz. Die Menschen erwerben nach G.W.F. all ihr Wissen von Anderen und geben es wieder ab, sind also nur Elemente eines umfassenderen Zeitgeistes, der seinen Ausdruck in Philosophie, Staatstheorie, Religion und Kunst findet. Dieser mag längere Zeit unverändert erscheinen, doch prinzipiell unterliegt er ständig der dialektischen Selbstüberprüfung, die dann oft zu verbesserten Einsichten auf einer höheren Ebene führt. Dadurch entsteht erst geschichtliche Entwicklung (nicht durch historische Taten) und ihr Verlauf ist monoton steigend. Es gibt Zusammenfassungen seiner Geschichtsthesen in der Sekundärliteratur, gottseidank, denn Hegel im Original lesen ist wie rohe Leber essen. Rufen Sie beispielsweise den Link http://hegel.net/werkstatt/personen/stekeler/geschichtsphilo.htm auf und klicken Sie dann auf Weltgeschichtsphilosophie. Was man dort findet, ist aber immer noch nicht allgemeinverständlich genug, um als Grundlage für ein Schülerreferat zu dienen. Ich empfehle im Unterricht einen eigene Darstellung seitens des Lehrers wie die jetzt folgende; wissenschaftliche Korrektheit darf dabei dem didaktischen Nutzen geopfert werden.

- 16 1. „Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ sagt G.W.F. und meint dies durchaus quantitativ: Im Orientalischen Reich war nur einer frei: der Großkönig; es herrschte darunter eine Hierarchie mit Freiheitsübertragung. Legitimiert wurde das System durch Wohlstand. 2. In Hellas waren einige frei (Adel, Geburtseliten) und Helden wurden anerkannt. In Rom wurde dieser Gedanke weiterentwickelt durch einerseits eine Ordnung mit Bürgerrechten und andererseits dem Recht Weniger auf die Kriegsbeute. Diese Ordnung wurde dann zum Nährboden für die Universalität des Christentums. 3. Die Germanen (im weitesten Sinn, auch frankophile) schufen sich ein Gebäude aus Lehensordnungen und Leibeigenschaften. Erst durch die protestantische Reformation (sic!) setzten sich in der Neuzeit die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Gewaltenteilung durch. Die französische Revolution wird von G.W.F. als historisch irrelevant abgelehnt. Nun gut, diese Revolution war auch erst 20 Jahre her und stand nicht auf allzu sicheren Füßen. Auch darf man es G.W.F. nicht anlasten, dass er seine Informationen über altorientalische Reiche allein von Herodot oder Aischylos bezog, wo es doch andere Quellen nicht gab. Leider ignoriert er auch den altbairischen Charakter des Weltgeistes: Der misstraut den Franken im Norden und flüchtet sich über mehrere Jahrhunderte zu den genetisch vorübergehend aufblühenden Sarrazinen. Egal, G.W.F. hat es zum ersten Mal gewagt, eine geistige Triebfeder in der Geschichte ausfindig zu machen, die über Ovid und Augustinus hinaus geht. Und er war es auch, der mit seinen Formulierungen von „dem entfremdeten Charakter der modernen Produktion und des modernen Konsums“ die Anderen erst auf den Plan rief:

14. Auferstanden aus Ruinen Irgendwann wird es einem Autor - nennen wir ihn einmal Karl - klar gewesen sein, dass die bürgerliche Revolution der Wiener Jakobiner absolut nicht zum Kommunismus führte. Zwei Generationen waren seitdem vergangen und der rapide Aufstieg der industriellen Bourgeoisie ergab eine noch größere Ungleichheit der Klassen. Ein direkter Übergang von der feudalen zur kommunistischen Ordnung? Nein, Herr Uljanow, sagt Karl. Nein, das geht ganz und gar nicht; es musste noch ein zusätzliches Zeitalter eingebaut werden. In diesem Umfeld entstand die neue Erzählung von den vier Weltaltern. Unser Karl kannte dazu uralte Aufzeichnungen der Realgeschichte (über 2000 Jahre). Das erste Weltalter war Hebenstreits bon sauvage, also Friede, Freude, Eierkuchen. Das zweite ist das der Sklaverei, das dritte das feudale und das vierte das bürgerliche industrielle Zeitalter. Und damit auch Vergil zu seinem Recht kommt, wiederholt sich das erste Weltalter zum Schluß wieder. Voilá, das ist Ovid! Mit den alten Metallnamen konnte Karl nichts mehr anfangen, aber ansonsten war es das bekannte Schema mit neuen Zeiträumen: http://de.wikipedia.org/wiki/Historischer_Materialismus. Für uns heute gilt z.B. die Abschaffung der Sklaverei unbestritten als ein Fortschritt, für Karl darf das nicht sein; also forderte er die totale Verelendung der Massen im industriellen Zeitalter. In die Goldene Zeit holte er außerdem mangels besserer Informationen positive Märchenmotive aus bekannten Erzählungen herein, zum Beispiel aus Karl May. Sein Mythos ist wie aus einem Guss: Was so systematisch durchkomponiert ist, überzeugt den Leser und verbreitet sich.

- 17 Grundlage der Entwicklung ist nicht Hegels Geist, sondern Karls Ökonomie. Aber Karl konnte gut Hegels Dialektik gebrauchen: Sie löste die leidige neuplatonische Überzeugung alter Zeiten ab, wonach sich eine Sache nicht von alleine auf eine höhere Stufe begeben konnte. Im übrigen brauchte dann Karl nur dem ovidischen Geist zu folgen: Handel und Akkumulation waren igitt und inritamenta malorum (Metamorphosen I 140). Was soll man von einem solchen neo-ovidischen Ansatz halten? Ich finde, eine umfassende Geschichsphilosophie ist nicht mehr zeitgemäß, weil sie die Demokratie einschränkt. Wer den Gang der Geschichte voraussieht, darf das Volk nicht so völlig frei wie jetzt über die Politik entscheiden lassen, sondern muss es auf dem richtigen vorgezeichneten Weg leiten. Nicht vom Volk, sondern von der Geschichte hole ich mir dann die Legitimation. Das Volk braucht dann nur noch zu falten: entweder die Hände oder die Wahlzettel.

Dezember 2012
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