39.

Jahrgang September 2008 ISSN 0031-9252 PHUZAH D 4787

5 l 2008
PLANETEN Marsdünen QUANTENPHYSIK Verschränkungen PLASMAPHYSIK Kugelblitze

PHYSIK
SATURN UND SEINE MONDE

IN UNSERER ZEIT

www.phiuz.de

M Sa it tu gro rn ß po em st er

| Bizarre Welten aus Eis und Gestein
er ein Faible für bizarre Welten hat, der sollte das äußere Sonnensystem erforschen. Ein vulkanisch aktiver Mond, der Schwefeldioxid speit, eine Eisoberfläche, die wie eine zerknickte Eierschale aussieht, eine Welt, in der es Kohlenwasserstoffe regnet – kein Mond gleicht dem anderen. Die Trabanten der Riesenplaneten zeigen uns, was die Natur mit Eis und Gestein anstellen kann. Roland Wagner, Kathrin Stephan und Ulrich Köhler stellen in diesem Heft die erstaunlichen Welten der Eismonde des Saturn vor.

E D I TO R I A L

Prof. Dr. Tilman Spohn ist Leiter des Instituts für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luftund Raumfahrt (DLR) in Berlin-Adlershof.

W

NH3-H2O -System kann es zu partieller Schmelze und Eruptionen kommen.

D

ür die Forschung sind die Trabanten im äußeren Sonnensystem reizvolle Beispiele für die Vielfalt planetarer Prozesse. Die großen Monde dort sind nicht viel kleiner als Merkur und Mars; einige sind größer als der Erdmond. Im inneren Sonnensystem gilt die Regel, dass das Alter der Oberfläche und ach einer Regel der Exploration des Sonnensystems folvulkanische und tektonische Aktivität mit der Masse des Plagen auf Vorbeiflüge an einem Planeten stets Raumsonden, neten oder Mondes skalieren. Dieses Gedie in eine Umlaufbahn einschwenken setz wird von Trabanten des äußeren Sonund ihn detailliert untersuchen. So erDIE ERFOLGE VON nensystems gebrochen. forschte die Raumsonde Galileo zwischen C ASSINI MACHEN APPETIT 1995 und 2003 das Jupitersystem, CassiniHuygens erkundet seit 2004 das Saturnm inneren Sonnensystem ist der Zerfall AUF MEHR system. Pläne für Sonden zu Uranus und radioaktiver Isotope neben der RestNeptun sind gegenwärtig nicht bekannt. energie aus der Entstehungsphase die wesentliche Energiequelle. Im äußeren Sonnensystem tritt die Dissipation von Gezeitenenergie hinzu. Dieie Erfolge dieser beiden Raumsonden machen Appetit auf se entsteht durch die starke Schwerkraft der massereichen Plamehr. Daher studieren NASA und ESA gegenwärtig verneten und hängt von der Umlaufbahn, der Masse des Planeten schiedene Varianten einer ehrgeizigen Mission ins äußere Sonund der Verformbarkeit des Mondes ab. Die Wechselwirkung nensystem. In einer Variante stehen Jupiter und seine Monde dieser Parameter generiert einen Regelkreis, der die Dissipatiim Mittelpunkt. Insbesondere Europa ist hier von Interesse, da onsrate zu minimieren sucht. Die Folge sind normalerweise gedieser Mond unter einem recht dünnen Eispanzer einen Ozebundene Rotationen (wie die des Erdmondes), Bahnen mit gean aufweist. Es gibt deshalb Spekulationen, dass in ihm primiringen Exzentrizitäten und eine kontinuierliche Vergrößerung tives Leben existieren könnte. des Bahnabstands. Wenn allerdings Resonanzen die Bahnexzentrizitäten aufrecht erhalten,kann ein kleiner Mond über lann einer anderen Variante stehen Saturn und seine Begleiter ge Zeiten im Innern erwärmt werden und vulkanisch aktiv bleiTitan und Enceladus im Mittelpunkt.Titan ist eine Welt mit ben. Ozeanen und Niederschlägen aus Kohlenwasserstoffen. Da die Atmosphäre optisch dicht ist, untersucht man derzeit Möglichkeiten, die Oberfläche mit Landegeräten und Ballonen zu in weiteres bedeutendes Phänomen im äußeren Sonnenerkunden. Prinzipiell wird nicht ausgeschlossen, dass Titan eisystem ist der Kryo- oder Eisvulkanismus, den die Autoren ne Art primitives Leben, basierend auf Kohlenwasserstoffen, ebenfalls beschreiben. Silikatischer Vulkanismus, wie wir ihn entwickelt haben könnte. von der Erde her kennen, ist die Folge von partiellen Gesteinsschmelzen,die physikalisch als Multikomponentensystem betrachtet werden können. Die spezifisch leichtere partielle ie gesagt, wer ein Faible für bizarre Welten hat, dem sei Schmelze – die Lava – steigt auf und ergießt sich an der Oberdas äußere Sonnensystem empfohlen.Vielleicht gibt es fläche. Bei Kontakt mit sehr flüchtigen Phasen kann es zu Exdort sogar Leben. plosionen kommen. Kryovulkanismus funktioniert in einigen Saturnmonden,weil Wassereis als Hauptkomponente nicht rein vorkommt, sondern in Verbindung mit Methan und Ammoniak. Das NH3-H2O-System ähnelt dabei dem Silikatsystem. Auch im

F

as äußere Sonnensystem wurde erstmals zwischen 1973 und 1989 von den Sonden Pioneer 10 und 11 sowie Voyager 1 und 2 erforscht. Voyager 2 unternahm die sogenannte Grand Tour bis zum Neptun, bei der die Sonde von Planet zu Planet beschleunigt wurde. Die hierfür notwendige Konstellation der Planeten ergibt sich etwa alle zweihundert Jahre. Die Schwestersonde Voyager 1 besuchte Jupiter und Saturn und wurde dann nördlich aus der Ebene des Sonnensystems gelenkt. Sie ist heute der von uns am weitesten entfernte Bote der Menschheit.

N

I

D

I

E

W

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

www.phiuz.de

5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

211

I M PR E SS U M

|

PHYSIK
Verlag: WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA Weinheim, Boschstraße 12, Postfach 10 11 61, 69451 Weinheim; Telefon +49 (0)62 01/6 06-0, Telefax +49 (0)62 01/6 06-2 07, Telex 465 516 vchwh d. Redaktion Dr. Thomas Bührke, Wiesenblättchen 12, 68723 Schwetzingen, Telefon +49(0)62 02/5 77 97 49 Thomas.Buehrke@t-online.de Roland Wengenmayr, Konrad-Glatt-Straße 17, 65929 Frankfurt/M., Telefon +49 (0)69/30 85 41 76 roland@roland-wengenmayr.de Kuratorium Heinz Krenn, Graz Hinrich Meyer, Hamburg Gerhard Rempe, Garching Elke Scheer, Konstanz Werner Schneider, Erlangen Peter Schurtenberger, Fribourg Jürgen Vetter, Erlangen Michael Vollmer, Brandenburg Herstellung Marita Beyer, Telefon +49 (0)62 01/6 06-2 68, Telefax +49 (0)62 01/6 06-3 28. Anzeigenleitung: Francoise Fehr, Telefon +49 (0)62 01/6 06-5 55, Telefax +49 (0)62 01/6 06-5 50. Abonnenten-Service: Telefon +49 (0)62 01/6 06 - 4 00, E-mail: service@wiley-vch.de r Abonnementpreise (inklusive Versand und MwSt.) für 12 Monate/ 6 Hefte: Persönliche Bezieher: A 101,65, Studenten: A 66,34, Institutionelle Bezieher: A 224,70 (print), A 249,90 (online), A 261,03 (print und online). Studentische Abonnenten werden gebeten, ihrer Bestellung eine Kopie der Immatrikulationsbescheinigung beizulegen. Persönliche Abonnements dürfen nicht an Bibliotheken verkauft oder als Bibliotheksexemplare benutzt werden. Abbestellungen nur bis spätestens 3 Monate vor Ablauf des Bezugsjahres. Satz: TypoDesign Hecker, Leimen. Druck und Bindung: ColorDruck, Leimen. © WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA Weinheim, 69451 Weinheim, 2008. Printed in the Federal Republic of Germany. ISSN 0031-9252

w w w. p h i u z . d e EDITORIAL

IN UNSERER ZEIT

| |

211 Bizarre Welten aus Eis und Gestein
Tilman Spohn PLANE TENFOR SCHUNG

220 In den eisigen Welten des Saturn
Ulrich Köhler | Katrin Stephan | Roland Wagner

229 Die Entdeckung der Langsamkeit
Eric J. R. Parteli | Hans J. Herrmann

220 In den eisigen
Welten des Saturn
Titelbild: Blick über die Ringe des Saturn auf den Mond Titan (Foto: NASA/JPL/Space Science Institute/S. van Vuuren, www.outsideinthemovie.com).

Seit vier Jahren umkreist die Raumsonde Cassini den Ringplaneten Saturn, im Januar 2005 landete die europäische Sonde Huygens auf dessen Mond Titan. Diese amerikanisch-europäische Doppelmission lüftete viele Geheimnisse des Saturn, seiner Ringe und Eismonde.

229 Die Entdeckung
der Langsamkeit
Die Sanddünen auf dem Mars haben ähnliche Formen wie irdische Dünen. Seit ihrer Entdeckung durch die ersten Marsmissionen blieb jedoch eine Frage offen: Wann und wie sind sie entstanden? Computersimulationen zeigen, wie Marswinde sie unter den heutigen atmosphärischen Bedingungen des Roten Planeten geformt haben könnten.

212

|

Phys. Unserer Zeit 5/2008 (39)

|

|

I N H A LT

5|2008
QUANTENPHYSIK

T R E F F P U N K T FO R SC H U N G

|

| |

234 Verschränkte Spiegel
Roman Schnabel | Helge Müller-Ebhardt | Henning Rehbein PHYSIKDIDAK TIK

214 215 216 217 218 219 219 219

Verschränkung von Spins in Diamant Schneller Magnetspeicher Licht auf die Spitze getrieben Kurzzeitaufnahmen von Molekülen Luftverschmutzung im Stundentakt Ein zweites Auge für MAGIC Veränderungen im Erdkern Physics News
M AG A Z I N

241 Ins eigene Segel blasen
Michael Vollmer | Klaus-Peter Möllmann | Frank Arnold PLA SMAPHYSIK

|

|

246 Künstlicher Kugelblitz
Gerd Fußmann

253 255 256 257 258

Physik gestern und heute Bücher Fermis Corner Historisches Rätsel Mol-Gastronomie

234 Verschränkte Spiegel

Zwei Objekte können so stark miteinander gekoppelt werden, dass sie dabei ihre individuelle Identität verlieren: Sie formen ein neues Quantenobjekt. Diese Quantenverschränkung lässt sich nicht nur an Photonen oder Atomen beobachten. Heute erscheint es technisch möglich, auch makroskopisch große und schwere Objekte miteinander zu verschränken, zum Beispiel zwei Spiegel.

241 Ins eigene Segel blasen

Kann man mit seinem Segelboot trotz Flaute vorankommen, indem man ins eigene Segel bläst? Diese Frage erinnert zwar an Münchhausens Flunkereien, doch die Physik beantwortet sie mit ja. Technisch genutzt wird dieses Prinzip in der Schubumkehr von Flugzeugtriebwerken.

246 Künstlicher Kugelblitz

Kugelblitze tauchen in vielen Schilderungen auf. Ob sie in der Natur tatsächlich vorkommen, ist bislang unbewiesen. Neue Laborexperimente rücken ihre Existenz durchaus in den Bereich des Möglichen. Derzeit kann man autonom leuchtende Plasmabälle auf zwei unterschiedliche Arten erzeugen. Auch ohne Bezug zum umstrittenen Naturphänomen bieten sie hochinteressante Physik.

5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

213

T R E F F P U N K T FO R SC H U N G

| |
außerordentlichen Härte des Diamantmaterials. Selbst bei Raumtemperatur werden in ihm kaum Schwingungen angeregt, die das hochempfindliche Experiment unmöglich machen würden. In unserem Experiment dient der Elektronenspin praktisch als Bus: Er liest die Quantenzustände von Kernspins aus und gibt sie an die makroskopische Welt in Form von Photonen weiter. Das funktioniert, weil der Elektronenspin am Defektzentrum mit bestimmten Atomkernen wechselwirken kann. Die meisten Kohlenstoffkerne des Gitters weisen zwar kein magnetisches Moment auf, doch etwa 1 % der Kerne sind verstreute 13C-Isotope. Diese tragen einen paramagnetischen Kernspin und können mit dem Elektronenspin wechselwirken. Dazu müssen sich zwei dieser Kernspins nahe genug am NV-Zentrum befinden, etwa ein bis drei Gitterkonstanten entfernt. Ihre Wechselwirkung mit dem Elektronenspin können wir nun ausnutzen, um die beiden Kernspins in einen neuen, verschränkten Quantenzustand zu bringen. Sie formen dann bezüglich der zu messenden Eigenschaft, dem Spin, ein gemeinsames Quantenobjekt. Beschreibt man die beiden Einstellmöglichkeiten der hier betrachteten Kernspins bezüglich eines äußeren Magnetfeldes mit |0〉 und |1〉, so wäre ein verschränkter Zustand bei zwei Kernspins beispielsweise |01〉 +|10〉, wobei jede der Zahlen in den Klammern für den Zustand von jeweils einem Kernspin steht. Misst man den Quantenstand von Kernspin 1, so wird das Resultat mit 50 % Wahrscheinlichkeit |0〉 oder |1〉 sein. Wegen unserer gewählten Art der Verschränkung wissen wir nun, dass beispielsweise ein gemessener im Zustand |1〉 an Kernspin 1 bedeutet, dass Kernspin 2 im Zustand |0〉 sein muss. Die Herstellung dieser besonderen Quantenzustände gilt als Meilenstein für jedes Quantenmaterial und konnte bisher nicht in Festkörpern realisiert werden. Mit Kernspins in

Q UA N T E N PH YS I K

Verschränkung von Spins in Diamant
In den letzten Jahren ist es gelungen, freie Teilchen, wie Photonen oder Atome, miteinander zu verschränken [1]. Unsere Gruppe an der Universität Stuttgart konnte jüngst einzelne Kernspins in Diamant verschränken [2]. Da das Experiment bei Raumtemperatur funktioniert, könnte diese Technik für die zukünftige Entwicklung eines Quantencomputers von Bedeutung sein.
Normalerweise denkt man nicht an Quantenphysik, wenn man einen Diamant betrachtet. Vielmehr bewundert man dessen „Feuer“, die intensive Lichtreflexion oder die Härte des Materials. Natürliche Diamanten sind von großer Reinheit, können aber mittlerweile in ähnlicher Qualität auch künstlich hergestellt werden. Das macht sie für praktische Anwendungen interessant. Durch gezielte Implantation von Verunreinigungen, beispielsweise durch Stickstoffatome, ist es nun möglich, kontrolliert Defekte in Diamanten herzustellen. Aufgrund ihrer intensiven Absorption im Bereich des sichtbaren Lichts färben diese Defekte den eigentlich farblosen Diamanten an. Befinden sich nur sehr wenige Defekte im Material, so lassen sich diese mit einem konvenABB. 1

tionellen Fluoreszenzmikroskop einzeln beobachten (Abbildung 1). Das in unserem Experiment verwendete Stickstoff-FehlstellenFarbzentrum (NV-Zentrum) besitzt eine Besonderheit: Der Defekt weist zwei ungepaarte Elektronen mit Gesamtspin 1 auf und besitzt somit einen elektroparamagnetischen Grundzustand. Die Fluoreszenzintensität des NV-Defekts hängt dabei von dem Quantenzustand dieses Spins ab. Anders gesagt: Man kann den Quantenzustand (Spin up oder Spin down) anhand der vom Defekt emittierten Photonenzahl ablesen. Die herausragende Eigenschaft des NV-Zentrums in Diamant ist es, dass dieses Experiment unter Umgebungsbedingungen gelingt. Halbleiter wie GaAs muss man hierfür bis auf 100 mK abkühlen. Dies liegt an der

|

S T I C K S TO F F- F E H L S T E L L E N - FA R B Z E N T R U M

Ein Diamantgitter (links) besteht aus regelmäßig angeordneten Kohlenstoffatomen (C, grün, blau, grau). Das NV-Zentrum besteht aus dem Stickstoffatom (N, pink), das die Position eines Kohlenstoffatoms eingenommen hat, und einer Fehlstelle (V, durchsichtig) auf einem benachbarten Gitterplatz. Gleichfarbige Kohlenstoffatome haben eine gleichartige Wechselwirkungsstärke mit dem NV-Zentrum. Rechts: Mikroskopaufnahme eines Diamanten mit einzelnen NV-Zentren (helle Punkte). In Falschfarben ist die Intensität des roten Fluoreszenzlichts gezeigt, das nachgewiesen wird, wenn man den Diamant mit grünem Laserlicht bestrahlt. 214 Phys. Unserer Zeit 5/2006 (37) www.phiuz.de

|

|

© 2006 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

|
ABB. 2

T R E F F P U N K T FO R SC H U N G

|

VERSCHRÄNKTE ZUSTÄNDE

F E S T K Ö R PE R PH YS I K

|

Schneller Magnetspeicher
Heutige Computerspeicherchips wie DRAM und SRAM haben einen entscheidenden Nachteil: Bei Unterbrechung der Stromversorgung gehen die gespeicherten Informationen verloren. Abhilfe könnte das MRAM (Magnetic Random Access Memory) schaffen. Die neueste Generation der MRAM basiert auf dem Spin-Torque-Effekt. Er erlaubt es, die Richtung der Magnetisierung der Speicherzelle (die Information 1 oder 0) durch einen positiven oder negativen Strompuls durch die Zelle einzustellen und so den Speicher zu programmieren. Ein Strompuls durch eine SpinTorque-Speicherzelle bewirkt eine Kreiselbewegung (Präzession) der Magnetisierung. Zum Umschalten der Magnetisierung mussten bislang stets mehrere dieser Präzessionsumdrehungen durchlaufen werden. Entsprechend dauerte die Programmierung eines magnetischen Bits etwa 10 ns. In einem Experiment an der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt konnte nun gezeigt werden, dass sich die Magnetisierung schon durch eine einzige Präzessionsumdrehung zuverlässig umkehren lässt. Im Experiment wurde dieses ballistische Schalten der Magnetisierung durch geschickte Wahl der Parameter des Strompulses in Kombination mit einem leichten statischen Magnetfeld erreicht. Auf diese Weise könnten zukünftige Spin-Torque-MRAM mit Strompulsen von deutlich unter einer Nanosekunde programmiert werden. Damit hätte man einen nichtflüchtigen Speicherchip mit hoher Speicherdichte, der in der Taktrate mit den schnellsten flüchtigen Speicherbauteilen, den SRAM, konkurrieren könnte.

Links: Die zeitliche Entwicklung eines verschränkten Zustands aus zwei Kernspins ist eine Präzession und kann als Kreisbewegung in seinem Hilbert-Raum beschrieben werden. Es sind zwei Beispiele (Φ + und Φ –) dieser verschränkten Zustände gezeigt, die sich genau auf entgegengesetzten Seiten des Kreises befinden. Die entsprechenden Messergebnisse sind rechts als Oszillationen (rote Linien) gezeigt. Die blauen Daten und die entsprechende Linie zeigen einen anderen Vertreter (Ψ +) dieser verschränkten Zustände, der sich in seiner Oszillationsfrequenz unterscheidet.

Diamant gelang uns dies erstmals, und dazu auf einfache Weise. Dazu müssen wir zunächst einzelne Kernspins im Diamant adressieren können. Aufgrund ihrer geringen Abstände im Nanometerbereich gelingt dies nicht mit einem optischen Mikroskop, wie es sich für Elektronen eignet, sondern wir müssen die Elektronenspins zu Hilfe nehmen. Haben die Kernspins nämlich unterschiedliche Abstände zum Elektronenspin oder befinden sie sich auf nicht zueinander symmetrischen Gitterplätzen, so ist ihre Wechselwirkungsstärke mit dem Elektronenspin unterschiedlich. Die Kernspins lassen sich aber durch ihre unterschiedlichen Wechselwirkungsenergien mit verschiedenen Radiofrequenzen adressieren. Wir können also mit gezielter Einstrahlung von unterschiedlichen Radiofrequenzen (ähnlich wie in einem Kernspintomographen) aus einem zu Beginn des Experiments vorliegen Zustand von zwei Kernspins, beispielsweise |00〉, zum Beispiel den verschränkten Zustand |01〉 +|10〉 herstellen. Den Nachweis, dass uns dies wirklich gelang, liefert die Präzession der beiden Kernspins. Bringen wir nämlich einen Spin in ein äußeres Magnetfeld, so beginnt dieser um das

Magnetfeld zu präzedieren. Die Frequenz dieser Präzession hängt vom magnetischen Moment des Zustandes ab. Jeder so erreichbare verschränkte Zustand hat eine markante Präzessionsfrequenz, die sich sowohl von derjenigen einzelner Kernspins als auch von anderen verschränkten Zuständen unterscheidet (Abbildung 2). Wir können also nicht nur einzelne Kernspins in Diamant miteinander verschränken, sondern dies auch unter Umgebungsbedingungen beobachten. Damit hat der Diamant nicht nur eine wichtige Hürde für Quantenmaterialien genommen und zählt damit zu den Kandidaten für einen zukünftigen Quantencomputer. Er erfüllt diese Bedingung sogar bei Raumtemperatur – eine wichtige Voraussetzung für eine spätere technische Umsetzung.
[1] W. Hänsel, Physik in unserer Zeit 2006, 37 (2), 64; 2006, 37 (6), 272. [2] P. Neumann et al., Science 2008, 320, 1326.

Florian Rempp, Philipp Neumann, Jörg Wrachtrup, Universität Stuttgart

Literatur
S. Serrano-Guisan et al., Phys. Rev. Lett. 2008, 101, 087201.

© 2006 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

www.phiuz.de

5/2006 (37)

|

Phys. Unserer Zeit

|

215

T R E F F P U N K T FO R SC H U N G

| |
unerwünschten chemischen Reaktionen, zum Beispiel mit Sauerstoff. Eine Glasfaser leitet das Laserlicht in das UHV-System, eine zweite leitet das Raman-Licht zum Spektrografen zur Analyse. Entscheidend ist, dass die beleuchtete Spitze wie eine hocheffiziente optische Antenne wirkt. Sie verstärkt die Energiedichten des eingestrahlten Laser- und des abgestrahlten Raman-Lichts im Spalt zwischen Spitze und Oberfläche um jeweils einen Faktor 103 bis 104. Dadurch wird die Raman-Streuung um mehr als das Millionenfache verstärkt. Dies gilt aber nur für die Substanzen, die sich in dem engen Spaltbereich zwischen Spitze und Probe befinden. Die 1928 nachgewiesene RamanStreuung ist ein höchst interessanter Prozess. Hierbei trifft ein Lichtteilchen auf ein Molekül und gibt einen Teil seiner Energie ab. Das Licht ist deshalb nach der Streuung energieärmer als vorher. Die abgegebene Energie kann das Molekül beispiels-

M I K ROS KO PI E

Licht auf die Spitze getrieben
Klassische optische Mikroskope unterscheiden Stoffe an Hand ihrer Farbspektren, können aber bisher einzelne Atome oder Moleküle nicht abbilden. Unsere Gruppe am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin hat nun ein optisches Mikroskop entwickelt, das einzelne Moleküle mit Hilfe ihres abgestrahlten Raman-Lichtes abbildet. Seine Auflösung von 15 Nanometer ist mit der von Rasterkraftmikroskopen vergleichbar und liegt damit weit unter der Beugungsgrenze optischer Mikroskope [1, 2].
Im Prinzip liegt dem neuartigen Mikroskop das von Heinrich Hertz entdeckte Prinzip der Antenne zum Nachweis langwelliger elektromagnetischer Strahlung zu Grunde. Allerdings wurde es auf den wesentlich kurzwelligeren optischen Spektralbereich übertragen. Laserlicht wird mit Hilfe eines Parabolspiegels auf die extrem dünne Spitze einer Goldnadel fokussiert, die als Antenne fungiert. Moleküle in unmittelbarer Nähe der Spitze werden optisch angeregt und können Licht in anderer Farbe, also mit anderer Energie abstrahlen. Diesen Prozess bezeichnet man als RamanStreuung, nach dem Entdecker dieses Effektes, Sir Chandrasekhara Venkata Raman. Derselbe Parabolspiegel sammelt das von den Molekülen in alle Richtungen gestreute RamanLicht mit hoher Effizienz ein (Abbildung 1). Das gesamte Gerät (ein Rastertunnelmikroskop und wesentliche optische Elemente) befindet sich in einer Ultrahochvakuum (UHV)Kammer. Dies schützt Probe und Adsorbat vor Verunreinigungen und

ABB. 1

|

DA S T E R S - M I K ROS KO P

ABB. 2

|

M O L E K Ü L L A N DS C H A F T

ABB. 3

|

RAMAN-INTENSITÄT

Der Kern des TERS-Mikroskops besteht aus einem Rastertunnelmikroskop und einem Parabolspiegel, der das einfallende Laserlicht auf die Probe fokussiert sowie das Raman-Licht einsammelt und in Richtung Spektrographen schickt. Die Tunnelspitze befindet sich im Zentrum des Fokus, etwa 1 nm von der Probenoberfläche entfernt. Die hohe Verstärkung des Raman-Signals findet nur für die Moleküle im Spalt zwischen Spitze und Probe statt. 216 Phys. Unserer Zeit 5/2006 (37)

Mit einem TERS-Mikroskop erhaltenes Bild einer 9 x 9 nm2 kleinen Moleküllandschaft mit fünf Brillantkresylblau-Molekülen auf einer Goldoberfläche. Die Moleküle haben eine Länge und Breite von knapp 1 nm und eine effektive Höhe von 0,12 nm.

Darstellung der Raman-Intensität eines einzelnen Brillantkresylblau-Moleküls auf einer Goldoberfläche (Ausschnitt: 12 x 12 nm). Dunkelrot: niedrige Intensität; Weiß: hohe Intensität. Aus dem gesamten Raman-Signal erhält man das charakteristische Schwingungsspektrum eines Moleküls und identifiziert damit seine Art.

|

|

www.phiuz.de

© 2006 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

|
weise zu Schwingungen anregen, und das gemessene Schwingungsspektrum liefert dann eine Art chemischen Fingerabdruck des Moleküls. Befindet sich eine geeignete Spitze in unmittelbarer Nähe eines Moleküls, so wird sein eigentlich schwaches Raman-Signal stark verstärkt. Dieser Effekt wurde vor ein paar Jahren als spitzenverstärkte RamanStreuung (Tip Enhanced RamanScattering, TERS) bekannt. Wir bezeichnen deshalb das neue Instrument als TERS-Mikroskop. Mit TERS erhält man den „chemischen Fingerabdruck“ und damit die Identität der wenigen Moleküle, die sich genau unterhalb der Spitze befinden. Rastert man die Spitze über einen kleinen Oberflächenbereich, so kann man die Verteilung der Moleküle im Nanometerbereich bestimmen. Die hierbei erzielte Auflösung übertrifft diejenige von sogenannten Superlinsen bei weitem. Solche Möglichkeiten sind beispielsweise für die Aufklärung katalytischer Prozesse von unschätzbarem Wert. Abbildung 2 zeigt eine dreidimensionale rastermikroskopische Aufnahme, eine Art Gebirgslandschaft, von fünf Brillantkresylblau (BCB)-Molekülen im Bereich einer etwa 9 × 9 nm2 kleinen Goldoberfläche. Zusätzlich aufgenommene Raman-Spektren liefern an Hand typischer RamanLinien den Nachweis, dass die Erhebungen tatsächlich BCB-Moleküle

T R E F F P U N K T FO R SC H U N G

darstellen. Abbildung 3 zeigt die Intensitätsverteilung des von einem einzelnen BCB-Molekül abgestrahlten Raman-Lichts über einen Bereich von 12 × 12 nm2 [1]. Wissenschaft und Technik steht somit ein Mikroskop zur Verfügung, das gleichzeitig chemische und strukturelle Informationen in Nanometer-Auflösung liefern kann.
[1] J. Steidtner, B. Pettinger, Phys. Rev. Lett. 2008, 100, 236101. [2] J. Steidtner, B. Pettinger, Rev. Sci. Inst. 2007, 78, 102104.

Bruno Pettinger, Fritz-Haber-Institut der MPG, Berlin

M O L E K Ü L PH YS I K

|

Kurzzeitaufnahmen von Molekülen
Eine neue Technik ermöglicht es, in einem einzigen Experiment Informationen über das höchste besetzte Molekülorbital sowie den Bindungsabstand eines Moleküls zu gewinnen. Damit sind Physiker der J.W. Goethe-Universität Frankfurt in Zusammenarbeit mit Kollegen am National Research Council of Canada dem Ziel näher gekommen, in Echtzeit zu beobachten, wie sich sowohl das atomare Gerüst als auch die Elektronenwolke eines Moleküls während einer chemischen Reaktion verändern.
Eine der bemerkenswertesten Folgen der Quantenmechanik ist der WelleTeilchen-Dualismus: Elektromagnetische Wellen haben auch Teilchenund Teilchen haben auch Welleneigenschaften. Zur Erklärung der Photoionisation von Atomen und Molekülen wird seit Einstein das Photonenbild herangezogen. Setzt man aber ein Molekül extrem intensivem Laserlicht bei niedriger Photonenenergie aus, so lässt sich das Licht wieder als sinusförmiges, oszillierendes elektrisches Feld beschreiben. Dieses unterdrückt bei hinreichend hoher Amplitude (Intensität) periodisch das elektrostatische Potential der Kerne so weit, dass ein Elektron aus dem Molekül durch Tunneln entkommen kann. Hat ein Elektron das Bindungspotential verlassen, so lässt sich seine Bewegung im elektrischen Feld des Laserpulses wie die eines klassischen Teilchens im oszillierenden Feld beschreiben. In Abhängigkeit von der Phase des Feldes, zu der ein Elektron frei wird, gilt es nun zwei Fälle zu unterscheiden. Im Experiment treten sie zusammen auf, führen aber zu unterschiedlichen Elektronengeschwindigkeiten nach dem Abklingen des Laserpulses und sind daher separierbar. Elektronen, die auf der ansteigenden Flanke der Lichtwelle das Bindungspotential verlassen, entfernen sich von dem Ion ohne wesentliche weitere Wechselwirkung mit diesem. Nur der Prozess des Tunnelns trennt

Abb. 1 Der Cold Target Recoil Ion Momentum SpectroscopyAufbau (COLTRIMS). Moleküle aus einem dünnen Gasstrahl werden durch starke, fokussierte Laserpulse ionisiert. Die entstehenden Elektronen (rote Kugel) und Ionen (blaue Kugel) werden durch ein elektrisches sowie ein magnetisches Feld auf Detektoren gelenkt und dort orts- und zeitaufgelöst registriert. Aus den Observablen Ort und Flugzeit werden die dreidimensionalen Impulsvektoren der Teilchen berechnet.

also die Orbital-Wellenfunktion des gebundenen von der Wellenfunktion des freien Elektrons. In unserem Experiment an N2und O2-Molekülen konnten wir in der Geschwindigkeitsverteilung dieser „direkten“ Elektronen den „Fingerabdruck“ des ionisierten Molekülorbitals nachweisen. Den beschriebenen Mechanismus wird man sich in Zukunft zunutze machen können, um Molekülorbitale ähnlich wie Atome mit einem Rastertunnel5/2006 (37)

© 2006 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

www.phiuz.de

|

Phys. Unserer Zeit

|

217

T R E F F P U N K T FO R SC H U N G

|
schen Doppelspaltversuch: Im Falle elastischer Rückstreuung wird die Elektronenwelle am „molekularen Doppelspalt“ gebeugt. Aus dem Beugungsmuster lässt sich der Abstand der Kerne bestimmen. Im Experiment (Abbildung 1) richteten wir die Moleküle zunächst durch einen schwächeren Laserpuls im Laborsystem aus. Anschließend wurden sie mit einem zweiten, hochintensiven Puls ionisiert. Mit dem am Institut für Kernphysik der Uni Frankfurt entwickelten COLTRIMSSpektrometer bestimmten wir die dreidimensionalen Geschwindigkeitsvektoren der entstandenen Elektronen und Ionen. Durch einen Vergleich der Elektronen-Geschwindigkeitsverteilungen für je zwei verschiedene Molekülausrichtungen konnten die „Fingerabdrücke“ der ionisierten Orbitale sowie die Doppelspalt-Interferenz der rückstreuenden Elektronenwellen sichtbar gemacht werden (Abbildung 2). In ein und demselben Experiment lassen sich also Informationen über die Positionen der Kerne sowie das äußerste besetzte Molekülorbital gewinnen. Es bleibt zu bemerken, dass so– wohl das Tunneln als auch die gegebenenfalls folgende Beugung innerhalb des gleichen Schwingungszyklusses des Lichtes, also innerhalb von weniger als 2,7 Femtosekunden, abläuft. Die neue Technik kommt weiterhin ohne externe Kathode aus, da das zu untersuchende Molekül das zu beugende Elektron selbst mitbringt. Dies ist experimentell vorteilhaft und kann eine bislang unerreichte Zeitauflösung ermöglichen.
[1] M. Meckel, et. al., Science 2008, 320, 1478.

K L I M A FO R S C H U N G

ABB. 2

|

E L E K T RO N E N W E L L E N

|

Luftverschmutzung im Stundentakt
Seit kurzem liefert das abbildende Spektrometer GOME-2 an Bord des europäischen Umweltsatelliten Metop-A stündlich Informationen über die globale StickstoffdioxidKonzentration (NO2) in der Troposphäre (Abbildung 1). Das vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelte Prozessierungssystem stellt den Anwendern die NO2-Karten innerhalb von zweieinhalb Stunden nach ihrer Aufzeichnung zur Verfügung. Dies ist wichtig, weil die Konzentration des Luftschadstoffs stark von Wetterbedingungen abhängt und dessen Emission variiert. Die Nahe-Echtzeit-Beobachtung des NO2 erlaubt insbesondere eine Verbesserung der Luftqualitätsvorhersagen. Stickstoffdioxid entsteht bei Verbrennungsvorgängen und ist zusammen mit Feinstaub und Ozon eine der Hauptursachen für Luftverschmutzung. Es entsteht vorwiegend im Straßenverkehr, in Energieerzeugung und Industrie, aber auch in Land- und Forstwirtschaft. Neben seiner toxischen Wirkung ist NO2 mit verantwortlich für die Entstehung von bodennahem Ozon und Sommersmog.

Oben: Skizze einer Elektronenwelle, die das Bindungspotential eines Sauerstoff-Moleküls verlassen hat und durch das elektrische Feld des ionisierenden Laserpulses vom zurückbleibenden Ion entfernt wird. Der Knoten in der Wellenfront ist durch die Symmetrie des höchsten besetzten Molekülorbitals von O2 bedingt. Unten: Ein Teil der Elektronenwelle wird durch das Laserfeld auf das Ion zurückgetrieben und an den elektrostatischen Potentialen der Kerne gebeugt. Es handelt sich näherungsweise um eine ebene Wellenfront, da der Knoten den „molekularen Doppelspalt“ verfehlt.

mikroskop zu vermessen: Das molekulare Bindungspotential wird immer entlang des elektrischen Feldes des ionisierenden Lichtpulses unterdrückt. Nur durch die unterdrückte Barriere tunneln Elektronen, so dass der Tunnel (man stelle ihn sich als „Loch“ im Bindungspotential vor) analog zur Spitze eines Rastertunnelmikroskops wirkt. Man kann somit das Molekülorbital gewissermaßen abrastern, indem man den Winkel zwischen dem ionisierenden Feld und der Molekülachse verändert. Elektronen, die das Molekül nach dem Scheitelpunkt des oszillierenden Laserfeldes verlassen, werden durch dieses zunächst vom verbleibenden Ion entfernt, dann aber (nach dem Nulldurchgang des Feldes) auf das Ion hin zurück beschleunigt. Dort können sie an den Potentialen der Kerne gestreut werden. Da N2- und O2-Moleküle jeweils zwei Kerne besitzen, wirken diese – wie wir experimentell beobachten konnten – wie die zwei Öffnungen im Young218

Moritz Meckel, Reinhard Dörner, J.W. Goethe-Universität, Frankfurt, André Staudte, National Research Council of Canada, Ottawa.

Abb. 1 NO2 über Westeuropa am 8. Mai 2008 (Foto: DLR). © 2006 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2006 (37)

www.phiuz.de

|
A S T RO PH YS I K

T R E F F P U N K T FO R SC H U N G

|

PH YS I C S N E WS

|
+++

Ein zweites Auge für MAGIC

Der Large Hadron Collider LHC wird am 10. September anlaufen, erste Teilchenkollisionen sollen am 21. 10. stattfinden. Anschließend werden Energie und Teilchenzahl langsam gesteigert.

Abb. 1 Die beiden Spiegelteleskope des Observatoriums MAGIC (unten) auf La Palma (Foto: MPI für Physik).

Wenn es Einsteins „geisterhafte Wechselwirkung“ zwischen zwei verschränkten Photonen gäbe, so müsste sie mit mindestens 10 000-facher Lichtgeschwindigkeit stattfinden. Das fand ein Team um Daniel Salart von der Universität Genf heraus, indem es 18 km voneinander entfernte verschränkte Photonen beobachtete. Damit hat das Team einmal mehr die Nichtlokalität der Quantenphysik bestätigt (D. Salart, Nature 2008, 454, 861). +++ Zwei unterschiedliche, dreidimensionale Materialien, die für Infrarotstrahlung bzw. sichtbares Licht einen negativen Brechungsindex aufweisen, haben Physiker der Universität Berkeley, Kalifornien, entwickelt. Eines besteht aus abwechselnden Lagen von Magnesiumfluorid und Silber, in die mit Ionenstrahlen rechteckige Röhren herausgestanzt wurden. Es zeigt von 1,5 bis 1,8 µm Wellenlänge eine Brechungsindexänderung von 0 bis –1,5. Das andere Material besteht aus SilberNanodrähten in Aluminium. Es besitzt bei 660 und 780 nm Wellenlänge einen negativen Brechungsindex (J. Valentine et al., Nature 13.8.2008, advanced online publication (AOP), DOI: 10.1038/nature07247; J. Yao et al., Science 2008, 321, 930; vgl. Physik in unserer Zeit 2007, 38 (1), 24). +++ Ein neuartiges Elektronenmikroskop ermöglicht es, atomare Abstände bis auf wenige Pikometer (10–12 m) genau zu messen. Mit diesem von Knut Urban am Forschungszentrum Jülich entwickelten Instrument lassen sich Materialeigenschaften auf atomarer Ebene im Mikroskop bestimmen. So untersuchte Urban die Anordnung der Atome in orthogonalen Korngrenzen des Oxidsupraleiters YBa2Cu3O7 (K. Urban, Science 2008, 321, 506). +++

Auf der Kanareninsel La Palma ging im September ein zweites Teleskop des Observatoriums MAGIC offiziell in Betrieb. MAGIC (Major Atmospheric Gamma Imaging Cerenkov) untersucht hochenergetische Gammastrahlung, die insbesondere in der Umgebung von Schwarzen Löchern oder in Supernova-Überresten entsteht. MAGIC weist die Gammastrahlen anhand von ausgedehnten Luftschauern nach, die diese beim Eintritt in die Erdatmosphäre auslösen. Die Luftschauer wiederum erzeugen kurze Tscherenkow-Blitze bläulichen Lichts, die mit den MAGIC-Telesko-

pen vermessen werden. Beide Teleskope besitzen jeweils einen segmentierten Spiegel mit 17 m Durchmesser. MAGIC wird von einer internationalen Forschergruppe betrieben, in der das Max-Planck-Institut für Physik in München eine federführende Rolle einnimmt. Während das MAGICObservatorium den Nordhimmel beobachtet, überwacht das Observatorium HESS, das unter Federführung des Max-Planck-Instituts für Kernphysik in Heidelberg entstanden ist, in Namibia den Südhimmel (Physik in unserer Zeit 2002, 33 (2), 60). TB

G EO PH YS I K

|
Jahren gewonnen wurden. Aus dem Vergleich der Datensätze konnten Olsen und Mandea ein Modell für die Fließbewegungen in der oberen Schicht des Erdkerns in rund 3000 km Tiefe erstellen, wo das Magnetfeld entsteht. Die Forscher fanden heraus, dass plötzliche Veränderungen im Verlauf weniger Monate auftreten. Messungen dieser Art sollen unter anderem Aufschluss darüber ergeben, warum sich das Erdmagnetfeld umpolen kann.
N. Olsen, M. Mandea, Nature Geoscience 2008, 1, 390.

Veränderungen im Erdkern
Die Geophysikerin Mioara Mandea vom GeoForschungsZentrum (GFZ) Potsdam und Nils Olsen vom National Space Institute Kopenhagen haben herausgefunden, dass Bewegungen im flüssigen Teil des Erdkerns erstaunlich schnell vonstatten gehen. Für ihre Untersuchungen nutzten die beiden Geoforscher Messdaten des Erdmagnetfeldes vom Satelliten CHAMP und verglichen sie mit den Daten des dänischen Satelliten Ørsted sowie mit Messungen aus erdgebundenen Observatorien, die über einen Zeitraum von neun

Die Internationale Astronomische Union taufte den vierten bekannten Zwergplaneten nach dem polynesischen Fruchtbarkeitsgott Makemake. Makemake befindet sich derzeit in 46 AE Entfernung von der Sonne und besitzt einen Durchmesser von 1500 km. Er ist damit nach Eris (2600 km) und Pluto (2400 km) der drittgrößte bekannte Himmelskörper im äußeren Sonnensystem. Die Astronomen kennen drei weitere Objekte mit mehr als 1000 km Durchmesser. Sie dürften als nächste in die Liga der Zwergplaneten aufsteigen (www.iau.org/public_press/news/release/iau0806).

© 2006 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

www.phiuz.de

5/2006 (37)

|

Phys. Unserer Zeit

|

219

DOI: 10.1002/piuz.200801176

Planetenforschung

In den eisigen Welten des Saturn
U LRICH K ÖHLER | K ATRIN S TEPHAN | R OLAND WAGNER Seit vier Jahren umkreist die Raumsonde Cassini den Ringplaneten Saturn, im Januar 2005 landete die europäische Sonde Huygens auf dessen Mond Titan. Diese amerikanischeuropäische Doppelmission lüftete viele Geheimnisse des Saturn, seiner Ringe und Eismonde. Wir stellen hier insbesondere die Entdeckungen an den Hauptmonden vor.
s ist eines der ehrgeizigsten und aufwändigsten Projekte in der Geschichte der unbemannten Raumfahrt: Die Erkundung des Saturn, seines Ringsystems und seiner Monde mit der Mission Cassini-Huygens. Sie sorgte für einen erheblichen Erkenntnisgewinn über die Prozesse und Verhältnisse im äußeren Sonnensystem – und förderte neue Rätsel zutage. Der Erfolg von Cassini-Huygens, einem Gemeinschaftsunternehmen der NASA und der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA übertrifft die optimistischsten Erwartungen. Seit vier Jahren umkreist die Sonde bereits den Saturn, und noch immer arbeiten die Instrumente einwandfrei. Deshalb hat die NASA die Mission, die ursprünglich nur bis zum Juli dieses Jahres geplant war, bis 2010 verlängert. Am 15. Oktober 1997 schoss eine Titan-Centaur-Trägerrakete die fast sechs Tonnen schwere Sonde ins All. Nach vier Swing-by-Manövern und einer Strecke von 3,2 Milliarden Kilometern erreichte das Tandem Cassini-Huygens am 1. Juli 2004 das Ziel. Die Muttersonde Cassini schwenkte in einem gewagten Abbremsmanöver, das zweimal durch die Ringebene des Planeten führte, planmäßig in eine Umlaufbahn um den Saturn ein. Im Dezember 2004 trennte sich das Landemodul Huygens ab und flog auf einer ballistischen Flugbahn zum Titan, stieß im Januar 2005 durch die Wolkendecke und erforschte erstmals die Atmosphäre und Oberfläche des Eismondes. Nach 147 Minuten landete sie auf der Oberfläche und funkte eine Fülle von Daten und Fotos an Cassini, von wo aus sie zur Erde gelangten. Die zwölf Instrumente auf INTERNET Cassini liefern fast permanent neue Erkenntnisse über Saturns Die Mission Cassini und ihre Ergebnisse Gashülle, das Magnetfeld, seine www.nasa.gov/cassini Ringe und Monde. Am RingplaCiclops.org neten selbst ermittelten die www.esa.int/SPECIALS/Cassini-Huygens Forscher durch Messungen des www.dlr.de/saturn/ Magnetfeldes die genaue Dauer seiner Rotation. Demnach dauert der Saturntag 10 Stunden, 47 Minuten und 6 Sekunden (± 40 Sekunden). Damit konnte die alte Messung der NASA-Sonde Voyager von 1980 verbessert werden, die damals einen um acht Minuten davon abweichenden Wert ermittelt hatte. Die Rotationsdauer wird für die Modellierung des inneren Aufbaus benötigt und gibt wichtige Aufschlüsse über atmosphärische Vorgänge und den Grad der Abplattung des Planeten. Das Magnetfeld entsteht in einer Schicht aus flüssigem, metallischleitenden Wasserstoffs, die einen Stein-Eisen-Kern umgibt. In der Atmosphäre toben Gewitterstürme, die zehntausend Mal stärker sind als auf der Erde und manchmal bis zur sichtbaren Wolkenoberfläche aufsteigen. Am Südpol rotiert ein Wirbelsturm, wie man ihn mit so hohen Windgeschwindigkeiten und in dieser Dynamik noch auf keinem anderen Planeten gesehen hat. Der Hurrikan hat eine Ausdehnung von 8000 km – das sind zwei Drittel des Erddurchmessers. Nur der „Große Rote Fleck“ auf dem Jupiter ist ein noch größeres Wetterphänomen. Winde fegen mit bis zu 550 km/h im Uhrzeigersinn über Saturns Südpol. Wie auf der Erde gibt es Polarlichter, die mehrere Tage lang anhalten. Welchen Einfluss der Sonnenwind und das Magnetfeld der Sonne auf die Aurorae haben, ist noch nicht vollkommen geklärt. Eine Schilderung aller Erkenntnisse aus den vier Missionsjahren würde den Umfang dieses Beitrags sprengen. Wir beschränken uns daher auf eine Auswahl an Ergebnissen, die insbesondere mit dem Kamerasystem ISS (ImagingScience Subsystem) und dem Infrarot-Spektrometer Visual and Infrared Mapping Spectrometer (VIMS) an Bord von Cassini erzielt wurden.

E

Die Gasriesen – eine eigenständige Planetenwelt
Die vier größten Planeten im Sonnensystem, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun, besitzen einige wesentliche Gemeinsamkeiten: Sie weisen keine feste Oberfläche wie die terrestrischen Planeten auf, sondern bestehen zum überwiegenden Teil aus Gas, das mehrere tausend Kilometer unterhalb ihrer obersten Wolkenschicht in ein (metallisches) quasi-fluides „Elektronengas“ und noch tiefer in den festen Aggregatszustand übergeht. Alle vier Planeten besitzen ein Ringsystem und sind sämtlich von einer großen Zahl von Satelliten umgeben. Bei Saturn kennt man zur Zeit 60. Das markante Ringsystem des Saturn besteht aus individuellen, teilweise unterschiedlich hellen Ringen, die von außen nach innen mit A, B, C und D benannt wurden und
© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

|

220

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2008 (39)

S AT U R N S Y S T E M

|

PL A N E T E N FO R S C H U N G

Abb. 1 Die Hauptringe, von innen nach außen: D, C, B, A und der schwache F-Ring des Saturn.

durch zahlreiche Lücken unterschiedlicher Breite voneinander getrennt sind (Abbildung 1). Außerhalb des A-Rings befinden sich die schmalen F- und G-Ringe, die erst 1979 beim Vorbeiflug der Sonde Pioneer 11 entdeckt wurden. Etwa auf Höhe der Bahn des Mondes Enceladus folgt der ERing. Die Ringe liegen wie die größten der insgesamt 60 bekannten Monde nahezu in der Äquatorebene des Saturn und bewegen sich auf fast idealen Kreisbahnen um den Zentralplaneten. Somit stellen die Ringpartikel natürliche, allerdings sehr kleine Satelliten des Saturn dar. Kleine Monde innerhalb des Ringsystems kontrollieren mit ihrer Gravitation die Bewegungen der Ringteilchen und Lücken [1]. Gemessen am (mittleren) Saturnradius von 60 330 km beginnt das Ringsystem mit dem sehr schwachen D-Ring nicht weit oberhalb der Wolkengrenze etwa bei 1,11 Saturnradien (SR, gemessen vom Planetenzentrum) und erstreckt sich bis zur äußeren Grenze des A-Rings bei 2,267 SR. Schon sehr weit außen, bei 2,324 SR, kreisen die Partikel des schmalen F-Rings um Saturn, bei einer Entfernung von 2,8 SR folgt der ebenfalls schmale, sehr schwache GRing. Diese sechs Ringe dehnen sich somit über mehr als 100 000 km aus, sind aber extrem dünn. Messungen der
© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Voyager-Sonden während der Vorbeiflüge ergaben lediglich eine Dicke von 50 bis 100 m. Dieses Ergebnis hat Cassini jetzt beim Verfolgen von Sternbedeckungen durch die Ringe bestätigt. Die Gesamtmasse der Hauptringe A bis C entspricht etwa derjenigen des 400 km großen Mondes Mimas. In vielerlei Hinsicht bilden Ringe und Satelliten eine Einheit: Die Ringe bestehen zum größten Teil aus Wassereisteilchen mit vergleichsweise geringen Beimengungen von Gesteinspartikeln [2]. Diese Stoffe sind auch im Gesamtaufbau der Satelliten vorhanden. Die Durchmesser der Ringteilchen umfassen mehrere Größenordnungen, von Zentimetern bis zu einigen zehn Metern, neben Anteilen von Staub. Allerdings lässt sich spektral nur die Zusammensetzung der obersten Schicht auf den Ringteilchen ermitteln. Ob diese in ihrem Inneren aus weiteren, eventuell auch anderen Bestandteilen als Eis bestehen, ist nicht geklärt. Mit dem Spektrometer VIMS auf Cassini ließen sich die Eiskorngrößen zu 5 bis 20 μm bestimmen. Die Reinheit des Eismaterials ebenso wie die Korngrößen an der Oberfläche der Ringpartikel variieren mit dem Abstand von Saturn. Aund B-Ring enthalten signifikant mehr Wassereis und/oder
www.phiuz.de 5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

221

Abb. 2 Die unregelmäßig geformte und retrograd den Saturn umlaufende Phoebe ist vermutlich ein von außerhalb des Saturnsystems stammender Körper.

besitzen die größten Eiskörner an der Oberfläche der Ringteilchen, während der C-Ring und das Material in der Cassini-Teilung aus kleineren Partikeln und/oder verunreinigtem Eis bestehen [1].

Phoebe und Hyperion – zwei ungewöhnliche Trabanten
Die beiden kleinsten Monde der insgesamt neun klassischen Saturnsatelliten (Tabelle 1), Phoebe (Abbildung 2) und Hyperion (Abbildung 3) sind unregelmäßig geformt. Zudem bewegt sich Phoebe im Gegensatz zu allen seinen inneren Nachbarn retrograd, also (mit Blick auf den Nordpol) im Uhrzeigersinn um den Saturn. Zudem ist seine Bahn gegenüber Saturns Äquatorebene stark geneigt. Es wird verTA B . 1 D I E H AU P T T R A BA N T E N D E S SAT U R N

Name

Durchmesser [km]
396 504 1072 1124 1528 5150 260 1468 120

Umlaufzeit [d]
0,942 1,370 1,888 2,737 4,518 15,945 21,277 79,330 548,200

Mittl. Entfernung [km]
185 600 238 100 294 660 377 400 527 100 1 221 900 1 464 100 3 560 800 12 944 300

Entdecker
1789 Herschel 1789 Herschel 1684 Cassini 1684 Cassini 1672 Cassini 1655 Huygens 1848 Bond/Lassell 1671 Cassini 1898 Pickering

Mimas Enceladus Tethys Dione Rhea Titan Hyperion Iapetus Phoebe

mutet, dass Phoebe außerhalb des Saturnsystems entstanden ist und später von dessen Gravitationskraft eingefangen wurde. Dies geschah vermutlich schon vor mehr als vier Milliarden Jahren. Die Oberflächen der beiden Körper bestehen hauptsächlich aus Wassereis, in das eine Vielzahl leichtflüchtiger Bestandteile wie gasförmiges CO2 eingebunden ist. Beide Monde weisen eine hohe Kraterdichte auf – ein deutliches Zeichen für ein hohes Alter. Trotz ihrer geringen Größe und Gravitation entdeckte man auf den hoch aufgelösten Bilddaten sogar Hangrutschungen. Eine große Überraschung war der Nachweis eisenhaltiger Minerale, Silikate, aber auch einfacher organischer Verbindungen wie Kohlenwasserstoffe und Cyanide auf der Oberfläche von Phoebe [3]. Sie bilden die Hauptbestandteile des dunklen Materials, das die Mondoberfläche fast vollständig überzieht. Der kleine Mond Phoebe zeigt damit die vielfältigste Oberflächenzusammensetzung von allen bisher beobachteten Körpern im äußeren Sonnensystem! Die chemische Zusammensetzung unterscheidet sich deutlich von derjenigen der anderen großen Saturnmonde. Sie ist aber vergleichbar mit der von Kometen und lässt eine Entstehung in den äußersten Zonen unseres Sonnensystems wie dem KuiperEdgeworth-Gürtel und späteres Einfangen durch die Schwerkraft Saturns als wahrscheinlich erscheinen. Hyperion ist der bisher größte bekannte unregelmäßig geformte Himmelskörper unseres Sonnensystems – und der einzige, der chaotisch rotiert, das heißt seine Rotationsachse schwankt unvorhersehbar. Möglicherweise ist er ein Überbleibsel eines größeren Ursprungskörpers, der bei einem Einschlagsereignis zerbrochen ist (Abbildung 3). Die Bilder zeigen unzählige, tiefe, schüssel- bis trichterförmige Einschlagskrater verschiedener Größe. Auffällig ist ein riesiger Krater mit ungefähr 120 km Durchmesser und etwa 10 km Tiefe, bei dessen Entstehung Hyperion beinahe zerstört worden sein muss. Neben der hohen Kraterdichte besitzt Hyperion eine extrem geringe Dichte von 0,544 g/cm3, was auf eine Porosität von 40 % schließen lässt. Der Körper hat demnach eine schwammähnliche Struktur. Trifft ein Einschlagskörper die Oberfläche, so wird dabei kaum Material ins All geschleudert, sondern das Oberflächenmaterial stark komprimiert – so eine der erklärenden Theorien [4]. Hyperions Oberfläche besteht aus einem Gemisch aus gefrorenem Wasser und chemisch gebundenem CO2. Dunkles Material, das sich vor allem in den Kraterböden konzentriert, zeigt – ebenso wie das dunkle Material auf Phoebe – neben Anreicherungen von CO2 organische Substanzen wie Kaliumcyanid (das Kaliumsalz der Blausäure) und komplexe, aliphatische und aromatische Kohlenwasserstoffverbindungen [5]. Letztere wurden neben gebundenem, gasförmigem CO2 auch im Oberflächenmaterial des Mondes Iapetus nachgewiesen. Der Ursprung dieses dunklen organischen Materials ist nicht abschließend geklärt. Favorisiert wird ein Prozess, bei dem einfallende energiereiche Partikel aus dem interplanetaren Raum im Oberflächenmaterial chemische Reaktionen hervorrufen.
© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

222

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2008 (39)

www.phiuz.de

S AT U R N S Y S T E M

|

PL A N E T E N FO R S C H U N G

Iapetus – Mond mit zwei Gesichtern
In jeder Hinsicht bemerkenswert ist der in großem Abstand und in etwas mehr als 79 Tagen um Saturn kreisende Mond Iapetus. Bereits vor der Voyager-Mission war bekannt, dass dieser Mond zwei auffallend unterschiedliche Hemisphären besitzt. Die in Bewegungsrichtung liegende Hälfte besitzt im sichtbaren Licht nur etwa ein Zehntel der Reflektivität der anderen Hemisphäre. Erst die Kamera auf Cassini sah bei mehreren Vorbeiflügen an Iapetus diese beiden unterschiedlichen Regionen im Detail (Abbildung 4). Helles wie dunkles Gebiet ist sehr dicht mit Kratern besetzt. In den Kraterebenen befindet sich zusätzlich eine auffallend hohe Zahl sehr großer Einschlagsbecken mit mehreren hundert Kilometern Durchmesser. Dies deutet darauf hin, dass die Oberfläche des Mondes seit der Bildung etwa vor 4,4 Milliarden Jahren, abgesehen von zahllosen Einschlägen, geologisch kaum noch verändert wurde. Anhand der hellen Strahlen von kleinen, jungen Einschlägen kann man schließen, dass der dunkle Belag nur wenige Dezimeter bis vielleicht wenige Meter mächtig ist. Die Bilddaten des ersten Vorbeiflugs im Januar 2005 zeigten außerdem eine ungewöhnliche Struktur auf der Oberfläche: einen ziemlich exakt äquatorial verlaufenden, mehrere tausend Kilometer langen und zwischen 13 und 20 km hohen Bergrücken, der etwa die Hälfte der Oberfläche umspannt (Abbildung 5). Die hohe Kraterdichte auf diesem Bergrücken weist auf ein hohes Alter hin. Bei einem erneuten, sehr viel dichteren Vorbeiflug im September 2007 offenbarten die Bilder ein gewaltiges Gebirgssystem [6]. Der genaue Entstehungsprozess ist noch unklar. Denkbar wären tektonische Kräfte: Da der Bergrücken zentral im Gebiet Cassini Regio liegt und dunkles Material genau symmetrisch zur Achse des Rückens lagert, nahm man allerdings zunächst an, die Bergkette wurde von vulkanischen Kräften im Innern des Mondes nach oben gedrückt. Dabei, so vermutete man, wurde auch das durch endogene Prozesse erzeugte dunkle Material bei Vulkanausbrüchen über die Oberfläche verteilt. Nach anderer Ansicht ist diese spezifische Lage von dunklem Material und Rücken zueinander zufällig, und das dunkle Material wurde von außen auf die Mondoberfläche getragen. Einiges deutet darauf hin, dass es von einem der Nachbarmonde stammt, da es sich bevorzugt auf der in Richtung der Bahnbewegung gelegenen Hemisphäre des synchron rotierenden Mondes abgelagert hat

3

4 a)

4 b)

Abb. 3 Das extrem poröse Innere des Mondes Hyperion ähnelt dem eines Schwamms. Abb. 4 a) lapetus mit seinen zwei unterschiedlichen Hemisphären. Das dunkle Gebiet von Cassini Regio befindet sich am östlichen Rand des Satelliten. Mehrere große, noch nicht benannte Einschlagsbecken, zwei davon am linken westlichen Rand, sind deutlich erkennbar. Nahe dem hellen Gebiet ragen noch helle Bergspitzen aus dem dunklen Material heraus, weiter östlich ist der Rücken bereits vom dunklen Material überdeckt. b) Detailaufnahme aus dem Übergangsgebiet der hellen und dunklen Hälfte des Mondes. © 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim www.phiuz.de 5/2008 (39) Phys. Unserer Zeit 223

|

|

Abb. 5 Detail des bis zu 20 km hohen Bergrückens auf Iapetus. Lokal sind an den Hängen fast kraterfreie Stellen zu sehen, die durch Hangabtragungen teilweise oder ganz zugeschüttet wurden.

[7]. Synchron bedeutet, dass der Mond dem Planeten stets dieselbe Seite zuwendet, so wie der Erdmond. Iapetus hat das Material „aufgesammelt“, ähnlich wie Mücken auf der Windschutzscheibe eines schnell fahrenden Autos kleben bleiben. Als Erklärung für die Entstehung des möglicherweise einst sogar den ganzen Äquator umspannenden Bergrückens werden globale tektonische Spannungen favorisiert. Vermutlich bauten sich gewaltige Kräfte in der Kruste von Iapetus auf, als der Körper nach seiner Entstehung schnell abkühlte, dadurch etwas schrumpfte und sich seine Rotationsgeschwindigkeit der neuen Form nicht entsprechend anpassen konnte. Diese tektonischen Kräfte drückten den Bergrücken entlang des Äquators nach oben. Berechnungen zeigen, dass die aktuelle Form des dreiachsigen Ellipsoids eine Rotationsperiode von 14 Stunden quasi „eingefroren“ hat – viel schneller als die 80 Tage, die Iapetus heute für eine Rotation benötigt.

den ganzen Satelliten annähernd in Nordsüdrichtung umspannenden Grabenbruch namens Ithaca Chasma auf, der durch frühe Dehnung der Oberfläche entstanden ist [8]. Der geologisch am weitesten entwickelte Satellit in dieser Gruppe ist Dione. Die Voyager-Bilddaten zeigten vorwiegend dicht bekraterte Ebenen. Auf räumlich schlechter aufgelösten Bildern war zudem auf der der Bahnbewegung abgewandten Hemisphäre ein Muster heller, sehr feiner Linien (wispy streaks) erkennbar. Sie galten als Zeichen von Kryovulkanismus, bei dem aus Spalten im Eispanzer des Mondes Material austritt und sich entlang der Rillen ablagert. Erst die hoch aufgelösten Bilddaten von Cassini enthüllten, dass die Rillen in Wirklichkeit tektonischen Ursprungs sind [9]. Sie könnten durch Episoden von Dehnungs-, Scher- und Kompressionstektonik, die zu verschiedenen Zeiten in der Vergangenheit aktiv waren, entstanden sein. Die hellen Filamente, die in den VoyagerDaten zu sehen waren, haben ihre Ursache in fast reinem Wassereis, das an den Steilhängen dieser tektonischen Strukturen exponiert ist, wie Detailaufnahmen zeigen. Seinem inneren Nachbarmond Dione geologisch relativ ähnlich ist Rhea, der mit 1528 km zweitgrößte Saturnsatellit. Wie bei Dione sah man auf den niedriger aufgelösten Voyager-Daten als vulkanische Bildungen interpretierte helle Filamente. Ebenso wie schon bei Dione konnte auch bei Rhea die tektonische Natur dieser Strukturen durch die neuen ISS-Bilddaten enthüllt werden. Allerdings konnten die beiden Kameras bisher nur die alten, dicht bekraterten Ebenen aufnehmen, die ähnlich wie bei Iapetus mehrere große Becken aufweisen und demnach sehr alte Gebiete darstellen. Interessant ist ein auf den neuen Bildern identifizierter heller Strahlenkrater, der vermutlich nur wenige zehn oder höchstens hundert Millionen Jahre alt ist – die jüngste bisher auf Rhea zu beobachtende Oberflächenform [10].

Enceladus – Eisfontänen am Südpol
Von dem mit 504 km Durchmesser relativ kleinen Enceladus (Abbildung 6) wurde schon lange vermutet, dass er gegenwärtig geologisch aktiv ist und die aus seinem Innern ins All geschleuderten Teilchen die Quelle eines der Saturnringe sind. Im Jahr 2005 absolvierte Cassini drei nahe Vorbeiflüge an Enceladus, im März 2008 erfolgte eine vierte sehr nahe Passage mit einem geringsten Abstand von 50 km über der Oberfläche. Die Reflektivität von Enceladus’ Oberfläche beträgt fast 100 % und ist damit höher als die irgendeines anderen bekannten Himmelskörpers im Sonnensystem. Gleichzeitig ist es dort mit 63 K auch tagsüber extrem kalt. Cassini-Aufnahmen offenbarten auf der Oberfläche Regionen, die nahezu frei von Einschlagskratern sind. Sie sind vermutlich in jüngerer Vergangenheit entstanden oder höchstens wenige Millionen Jahre alt. Vermutlich haben sie endogene geologische Aktivitäten später überprägt: Enceladus war somit der Kandidat für die Suche nach aktiven Vulkanen im Saturnsystem. Dagegen sind andere Regionen mit hoher Kraterdichte nahezu so alt wie das Sonnensystem selbst.
© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Tethys, Dione, Rhea – Spuren tektonischer Deformation
Zwischen den Bahnen von Enceladus und Titan kreisen drei Eissatelliten annähernd gleicher Größe, deren Oberflächen deutliche Spuren tektonischer Deformationen aufweisen: Tethys (1071 km Durchmesser), Dione (1124 km) und Rhea (1528 km). Tethys ist durch Ebenen unterschiedlicher Kraterdichten gekennzeichnet, was auf verschiedene Alter dieser Regionen schließen lässt. Der 450 km große Krater Odysseus nimmt einen großen Teil der nördlichen Breiten des Satelliten ein. Tethys weist als weiteres markantes Oberflächenmerkmal neben diesem Einschlagsbecken einen fast
224

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2008 (39)

www.phiuz.de

S AT U R N S Y S T E M

|

PL A N E T E N FO R S C H U N G

Während des dritten Vorbeiflugs am 14. Juli 2005 fanden Cassinis Instrumente schließlich Beweise für gegenwärtig aktive endogene Aktivität am Südpol von Enceladus: Entlang mehrerer markanter Furchen (Tigerstreifen getauft) brechen Geysire aus Gasen und Staub aus! Mit den Spektrometern konnte auch nachgewiesen werden, dass die Oberfläche zwischen den Tigerstreifen von gröberen Eispartikeln dominiert wird als in der Umgebung [11]. Außerdem herrschen entlang der Furchen deutlich höhere Temperaturen als im Mittel. Cassinis Composite Infrared Spectrometer (CIRS) wies thermale Emissionen mit einer Leistung von 3 bis 7 Gigawatt und Temperaturen von mindestens 145 Kelvin in diesen Trögen nach ([12] und Abbildung 7). Der jüngste Vorbeiflug im März 2008 bestätigte die vulkanische Aktivität. Außerdem wurden dabei auch komplexe organische Moleküle nachgewiesen, die aus dem Innern des Mondes stammen müssen – vermutlich findet sich das Flüssigkeitsreservoir in geringer Tiefe unter der Oberfläche. Darüber hinaus konnte mit dem Cosmic Dust Analyzer (CDA), der vom Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg betrieben wird, die Zusammensetzung dieser Geysire direkt gemessen werden. Die Ergebnisse belegen, dass es sich um frisch produzierte kleine Eisteilchen handelt, die eine Art Atmosphäre oder Wolke um den Mond bilden [13]. Ein Teil der Partikel ist jedoch schnell genug, um das Gravitationsfeld von Enceladus zu verlassen und in Saturns ERing einzudringen. Dies ist ein erster direkter Beweis dafür, dass Saturnmonde für die Bildung von Ringen verantwortlich sein können. Ohne dieses unablässige Nachfüllen würden die Ringteilchen von den einfallenden energetischen Partikeln aus dem interplanetaren Raum zerstört werden. Ein solcher Ring hätte deshalb eine Lebensdauer, die weit kleiner ist als das Alter des Sonnensystems. Die Wärmequelle dieser endogenen Aktivität eines solch kleinen Mondes ist schwer zu erklären. Die Elliptizität von Enceladus’ Umlaufbahn von 0,0047 ist vergleichbar mit der des Jupitermondes Io und eventuell ausreichend, substantielle Gezeitenkräfte im Inneren des Mondes hervorzurufen. Aber die nicht vorhandene Aktivität des benachbarten Mondes Mimas spricht gegen eine solche Theorie. Seine orbitale Exzentrizität beträgt 0,02, weswegen die Gezeitenkräfte dort etwa um das 40-fache stärker sein müssten. Anzeichen für endogene Aktivität auf Mimas gibt es jedoch nicht. Enceladus’ zumindest lokale Erwärmung im Inneren könnte aber möglicherweise mit Unterschieden im Aufbau erklärt werden: Mimas besitzt eine mittlere Dichte von 1,17 g/cm3, er besteht im Inneren wohl fast vollständig aus gefrorenem Wasser. Die mittlere Dichte von Enceladus liegt dagegen bei 1,61 g/cm3, was im Vergleich zu Mimas auf einen etwa 20 % höheren Anteil von Gesteinsmaterial hinweist. Damit ist Enceladus nach der Erde, dem Jupitermond Io und dem Neptuntrabanten Triton der vierte bekannte planetare Körper, der aufgrund interner Wärme geologische Aktivität aufweist. Allerdings sind wir bei Triton nicht ganz sicher. Die von Voyager beobachteten Veränderungen in
© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

a)

b, c)

d)

Abb. 6 Enceladus global a), Blick auf Südpolregion b, c) und Geysire in der Südpolregion d.

www.phiuz.de

5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

225

Lokale Variationen der Oberflächentemperatur auf Enceladus.

ABB. 7

|

ENCELADUS

dessen Atmosphäre werden auf Vulkanismus zurückgeführt. Endgültig bewiesen ist dies jedoch nicht.

Titan – spannend, aber sicher keine zweite Erde
Mit 5150 km Durchmesser ist Titan der größte Saturnmond und nach dem Jupitermond Ganymed der zweitgrößte Satellit im Sonnensystem. Er ist der einzige Mond, der von einer dichten Atmosphäre eingehüllt ist. Sie enthält etwa 94 % Stickstoff und 2 bis 6 % Methan. Der Mond ist von einer relativ dicken Dunstschicht aus komplexen, organischen Kohlenwasserstoffverbindungen umgeben, die durch photochemische Reaktionen entstehen. Titan wird daher von einigen Wissenschaftlern als Analogon der Erde in ihrer frühesten Zeit noch vor der Entstehung des Lebens angesehen. Die Atmosphäre ist im sichtbaren Licht undurchlässig, so dass vor Cassini keine Details der Oberfläche bekannt waren. Lediglich im infraroten Wellenlängenbereich existieren atmosphärische Fenster, in denen die Oberfläche sowohl mit Cassinis ISS-Kamera als auch vom Spektrometer VIMS beobachtet werden kann (Abbildung 8). Zusätzlich kann das Radar auf Cassini die Atmosphäre durchdringen. Damit

ließ sich bislang etwa ein Viertel der Oberfläche abtasten [14]. Mit der Infrarotkamera und dem Spektrometer konnten immerhin die räumliche Verbreitung heller und dunkler Gebiete und auch vorübergehende atmosphärische Phänomene global kartiert werden. Dunkles Material ist vorwiegend in den äquatorialen und mittleren Breiten vorhanden. Die ESA-Sonde Huygens landete am 14. Januar 2005 in einem dieser dunklen Gebiete auf der vom Saturn abgewandten Hemisphäre. In den bisher von Cassini und Huygens gelieferten Daten zeigt sich Titan als Himmelskörper mit einigen Prozessen, wie sie auch von der Erdoberfläche her bekannt sind: Es wurden – allerdings nur wenige – Einschlagskrater entdeckt, vor allem aber verändert sich die Oberfläche durch Erosion, Abtragung, Transport und Ablagerung von Oberflächenmaterial, so wie durch Wind und durch ein flüssiges Medium [15]. Es finden sich sogar Hinweise auf Kryovulkanismus. Auf der Titanoberfläche konnten bislang nur Einschlagskrater mit Durchmessern von mehr als 10 km entdeckt werden. Die Zahl ist gering verglichen mit den dicht bekraterten Oberflächen der übrigen Eissatelliten, ausgenommen der Südpolregion von Enceladus. Dies deutet auf eine relativ junge, höchstwahrscheinlich geologisch aktive Oberfläche des größten Saturnmondes hin. Die dichte Atmosphäre verhindert zwar das Entstehen von kleinen Kratern, weil die entsprechenden Meteorite verglühen. Für die Altersbestimmung ist dies jedoch von untergeordneter Bedeutung. Schon lange vor der Cassini-Mission gab es Ideen, dass es auf Titan Bäche, Flüsse, Seen oder sogar große Ozeane geben könnte. Bei einer durchschnittlichen Temperatur von 95 K und einem Druck von 1,6 bar könnten diese natürlich nicht aus Wasser bestehen. Aber auf Titans Oberfläche könnte es flüssige Kohlenwasserstoffe wie Methan oder Ethan geben. Atmosphärenmodelle legten auch nahe, dass es Wolken aus diesen Substanzen gibt, aus denen ein feiner Regen rieselt und sich am Boden sammelt.

Abb. 8 Titan in einer Falschfarbendarstellung, zusammengesetzt aus Daten des Spektrometers VIMS bei den Wellenlängen 5 μm (rot), 2 μm (grün) und 1,6 μm (blau) Ellipse: Landestelle von Huygens. 226 Phys. Unserer Zeit 5/2008 (39) www.phiuz.de © 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

|

|

S AT U R N S Y S T E M

|

PL A N E T E N FO R S C H U N G

Dass Flüssigkeiten die Oberfläche von Titan in der Vergangenheit gestaltet haben und möglicherweise immer noch verändern, konnte jetzt tatsächlich nachgewiesen werden. Beim Abstieg von Huygens zur Oberfläche nahm die Kamera ein fein verästeltes, dendritisches Muster von Flussbetten auf, das in einem dunklen Seebecken mündet (Abbildung 9). Huygens landete aber in einem festen, möglicherweise ausgetrockneten Becken. Es ist daher nicht sicher, ob die in der Abbildung dargestellten Flussläufe derzeit flüssiges Material führen. Die Wirkung eines flüssigen Mediums an der Oberfläche zeigt sich auch in den Bildern, die von der Oberfläche gesendet wurden (Abbildung 10). Die „Steine“, die in der nahen Umgebung von Huygens am Boden liegen, sind vermutlich Eisblöcke. Sie sind deutlich gerundet, ähnlich wie Geröll, das in großen Flüssen auf der Erde transportiert und nach einer bestimmten Strecke, die von der Transportleistung des Flusses abhängt, abgelagert wurde. In den höheren Breiten wurden stehende „Gewässer“ von beträchtlicher Größe, vergleichbar den Großen Seen in Nordamerika, entdeckt, und zwar sowohl in den Bildern der Cassini-Kamera, als auch insbesondere in den Radardaten (Abbildung 11). Mittlerweile scheint festzustehen, dass zumindest einige dieser Seen auch in der Gegenwart noch von einem flüssigen Medium gefüllt sind [16]. Digitale Geländemodelle aus den Daten der Kamera auf Huygens zeigen, dass die Höhenunterschiede in der Titanlandschaft wenige hundert Meter betragen. Damit könnten die Seen zumindest mehrere zehn Meter tief sein. Aus der Existenz ausgedehnter Dünenfelder kann darauf geschlossen werden, dass auch äolische Prozesse, also Erosion, Abtragung, Transport und Sedimentation durch Wind, bevorzugt in den äquatorialen und niederen Breiten, stattfinden. Die Dünen sind bis zu mehrere hundert Kilometer lang und bestehen vermutlich aus Kohlenwasserstoffverbindungen. Schließlich fanden sowohl das Spektrometer VIMS als auch das Radar Hinweise auf Vulkanismus, der möglicherweise in der Gegenwart noch aktiv ist [17]. Hierzu zählen mehrere Strukturen, die als Calderen (vulkanische Einsturzkessel) interpretiert wurden, sowie Lavaströme und ein Dom oder Schild mit etwa 180 km Durchmesser. Allerdings handelt es sich bei der „Lava“ auf Titan nicht wie bei uns um geschmolzenes Silikat, sondern vermutlich um Schlammströme, die aus Wasser, Ammoniak und Methanol bestehen. Hier könnte es also ähnliche Formen von Kryovulkanismus geben wie auf Enceladus. Titan ist einer der ungewöhnlichsten Körper des Sonnensystems. Er wird auch nach dem Ende der CassiniHuyygens-Mission ein attraktives Ziel der Planetenforschung bleiben. Schon jetzt beschäftigen sich Wissenschaftler mit Ideen, wie die noch bestehenden Geheimnisse dieser exotischen Welt der Eismonde im äußeren Sonnensystem mit neuen, raffinierten Sonden gelüftet werden können. So denken Wissenschaftler der ESA und NASA über eine gemeinsame Mission ins Saturnsystem nach – mit den Monden Ti© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Abb. 9 Während ihres Abstiegs zur Oberfläche nahm eine Kamera an Bord von Huygens dieses dendritische Muster eines Abflussnetzes von mutmaßlichen Flussbetten auf.

Abb. 10 Die Titanoberfläche im Landegebiet von Huygens. Die Brocken im Vordergrund sind 10 bis 15 cm groß und bestehen aus Wassereis. Der Boden wird von dunklem Sand gebildet, der sich vermutlich aus Kohlenwasserstoff-Verbindungen zusammensetzt. Wind hat unter dem leicht aufgestellten Block in der Mitte der Bildszene Sand weggeblasen.

www.phiuz.de

5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

227

Stichworte
Saturn, Saturnringe, Saturnmonde, Mimas, Enceladus,Tethys, Dione, Rhea, Titan, Hyperion, Iapetus, Phoebe, Kryovulkanismus.

Literatur
[1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [10] [11] [12] [13] [14] [15] [16] [17] C C. Porco et al., Science 2007, 318, 1602. P. D. Nicholson et al., Icarus 2008, 193, 182. R. N. Clark et al., Nature 2005, 435, 66. P. C. Thomas et al., Nature 2007, 448, 50. Cruikshank et al., Nature 2007, 448, 54. B. Giese et al., Icarus 2008, 193, 359. T. Denk et al., Lunar and Planetary Science Conference, XXIX, 2008, #2533. B. Giese et al., Geophys. Res. Lett. 2007, 34, L21203. R. J. Wagner et al., Bull. Am. Astron. Soc. 2005, 37, 36.02. R. J. Wagner et al., Lun. Pl. Sci. Conf., XXIX, 2008, #1930. R. Jaumann et al., Icarus, 2008, 193, 407. M. K. Dougherty et al., Science 2006, 311, 1406. F. Spahn et al., Science 2006, 311, 1416. J. W. Barnes et al., Icarus 2007, 186, 242. E. R. Stofan et al., Icarus 2006, 185, 443. G. Mitri et al., Icarus 2007, 186, 385. C. Sotin et al., Nature 2005, 435, 786.

Abb. 11 Radaraufnahmen von Titan offenbaren eine mögliche Küstenlinie, Kanäle und ein dunkles Seebecken, das eventuell noch eine Flüssigkeit enthält .

Die Autoren

Zum Thema

tan und Enceladus als vorrangigem Ziel. Sie könnte im dritten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts auf Enceladus und Titan landen und die Oberflächen eingehend studieren.

Zusammenfassung
Cassini liefert seit vier Jahren wertvolle Experimentdaten aus der Welt des Saturn, seiner Ringe, von den Monden und der kosmischen Umgebung des zweitgrößten Planeten des Sonnensystems. Die Mission ermöglichte wichtige Erkenntnisse über die Prozesse, die im äußeren Sonnensystem seit der Bildung der Planeten abgelaufen sind. Diese Ergebnisse sind in vielerlei Hinsicht auch bedeutend für das Verständnis der Planeten im inneren Sonnensystem. Huygens ist erstmals auf dem Saturnmond Titan gelandet und hat Bilder und Messdaten von einem der interessantesten Körper im Sonnensystem geliefert. Seit dem 1. Juli 2008 befindet sich die Mission Cassini in einer ersten Verlängerungsphase. Bis Mitte 2010 wird die Sonde weitere 60 Mal Saturn umrunden.

Mission Saturn. Cassini enthüllt die Geheimnisse des Ringplaneten. D. Lorenzen, 142 S., Kosmos-Verlag, Stuttgart 2005, geb. 9,95 f. ISBN: 3-440-10257-2.

Die Autoren sind Planetengeologen am Institut für Planetenforschung im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin-Adlershof. Roland Wagner (links) wertet als Associate Team Member des ISS-Teams Bilder der Eismonde hinsichtlich ihrer Morphologie und Tektonik der Oberfläche aus und bestimmt deren Alter. Katrin Stephan ist als Associate Team Member des VIMS-Teams auf die Analyse der Geochemie und Mineralogie der Saturnmonde spezialisiert; Ulrich Köhler ist Mitglied des Cassini-Teams im DLR und dort auch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Anschrift Dipl.-Geol. Ulrich Köhler, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Institut für Planetenforschung, Rutherfordstraße 2, 12489 Berlin-Adlershof. ulrich.koehler@dlr.de

228

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2008 (39)

www.phiuz.de

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

DOI: 10.1002/piuz.200801171

DÜNEN AUF DEM MARS

|

PL A N E T E N FO R S C H U N G

Dünenbildung auf dem Mars

Die Entdeckung der Langsamkeit
E RIC J. R. PARTELI | H ANS J. H ERRMANN Die Sanddünen auf dem Mars haben ähnliche Formen wie irdische Dünen. Seit ihrer Entdeckung durch die ersten Marsmissionen blieb jedoch eine Frage offen: Wann und wie sind sie entstanden? Computersimulationen zeigen nun, wie starke Marswinde sie unter den heutigen atmosphärischen Bedingungen des Roten Planeten geformt haben könnten.
ie Bilder vom Nordpol, vom südlichen Hochland und den einsamen Kratern des Roten Planeten zeigen: Sanddünen sind nicht nur für irdische Wüsten typisch, sondern auch auf der Marsoberfläche allgegenwärtig. Marsianische Dünen gibt es in reicher Formenvielfalt. Typisch sind die markanten Wanderdünen, die sogenannten Barchane, wie man sie im Arkhangelsky-Krater beobachten kann (Abbildung 1). Dieser Krater liegt auf der Südhalbkugel, nordöstlich der auffälligen, kreisrunden Tiefebene Argyre Planitia (Marskarte siehe „Internet“, S. 230). Die Barchandünen entstehen, wenn die Menge des beweglichen Sandes gering ist und der Wind immer aus derselben Richtung weht. Charakteristisch sind die beiden hornförmigen Fortsätze auf der windabgewandten Seite. Die Beobachtung der Marsoberfläche seit den ersten Marsmissionen vor fast vier Jahrzehnten vermittelt allerdings den Eindruck, dass die Marsdünen sich heutzutage scheinbar nicht bewegen. Dies führte zu der Hypothese, dass sie vor einer langen Zeit gebildet wurden, als die Marsatmosphäre wesentlich dichter war und so zumindest physikalisch den irdischen Bedingungen ähnelte. Uns ist es nun gelungen, mit Computersimulationen zu zeigen, unter welchen Bedingungen und in welchen Zeiträumen Marsdünen entstehen und sich verändern können. Heute ist die Dichte der Marsatmosphäre etwa hundertmal geringer als die der irdischen Luft auf Meereshöhe. Deshalb sind die Winde, die heute auf dem Mars wehen, meist viel zu schwach, um Sand zu bewegen. Nur Marswinde mit der zehnfachen Geschwindigkeit der irdischen Wüstenwinde wären in der Lage, Sandkörner in Bewegung zu setzen. Solche starken Winde kommen auf dem Mars aber

D

nur ein paar Male in einem Jahrzehnt vor, und zwar während der heftigsten Staubstürme [1]. Wenn schon die Häufigkeit solcher Windböen gering ist, dann ist deren Zeitdauer noch verblüffender: Die sechs Jahre dauernde Viking-Mission konnte an den Landeplätzen der Sonden nur ein einziges Mal einen Transport von Sand beobachten, und dieses Ereignis dauerte nur rund vierzig Sekunden lang [1]. Hätten so selten auftretende Winde die heutigen Marsdünen überhaupt formen können?

Krater und Dünenfeld im Einschlagbecken Argyre Planitia auf der Südhalbkugel (Bild: ESA/DLR).

Physik der Dünen
Die Antwort auf diese Frage können seit kurzem numerische Computersimulationen liefern. Sie basieren auf einer Modellierung der wesentlichen Prozesse, die die Physik der Dünen umfasst. Dünen entstehen durch äolischen Sandtransport: Darunter verstehen Geologen die Windverfrachtung von Feinmaterial aus Lockergestein. Der wesentliche Mechanismus ist die „Saltation“: Dabei fliegen die Sandkörner ab einem minimalen Wert der Windgeschwindigkeit auf ballistischen Bahnen. Treffen sie wieder auf den Boden auf, dann lösen sie beim Aufprall weitere Körner aus dem Boden heraus (engl. Splash), die ebenfalls vom Wind mitgetragen werden. So sammeln sich nach und nach immer mehr Sandkörner in der Saltationsschicht.
5/2008 (39)

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

|

Phys. Unserer Zeit

|

229

Abb. 1 MarsBarchandünen im ArkhangelskyKrater, der nordöstlich von Argyre Planitia auf der Südhalbkugel liegt (41°S, 25°W) (Foto: NASA/JPL/University of Arizona).

zu transportieren. Deshalb bleibt der durch Lawinen abgelagerte Sand im Windschatten der Düne gefangen, was diese stabilisiert.

Bewegungsmodell
Die wesentlichen Teilprozesse der Saltation und der Dünenbildung lassen sich in einem Modell mathematisch formulieren, das an irdischen Dünen ausgiebig geprüft und in Feldmessungen quantitativ sehr gut bestätigt wurde [2]. Das Modell kann folgendermaßen zusammengefasst werden: Man betrachtet drei kontinuierliche Felder, die auf einer zweidimensionalen (x,y)-Ebene definiert sind, die parallel zum flachen Boden orientiert ist. Eines ist die Scherspannung des Windes τ (x,y), die anderen beiden sind der Sandfluss an der Dünenoberfläche q (x,y) und deren lokale Höhe h(x,y) (siehe auch „Dünenmodell und Feldgrößen“, S. 233). Die Dünenbewegung wird nun in drei aufeinander folgenden Schritten berechnet: 1) Zuerst wird das Windfeld über der Oberfläche errechnet. Weht der Wind über einen flachen Boden, so ist seine Geschwindigkeit am Boden wegen der Reibung null. Darüber nimmt seine Geschwindigkeit mit der Höhe logarithmisch zu. Ludwig Prandtl und Theodore von Kármán zeigten vor rund hundert Jahren, dass ein solches Geschwindigkeitsprofil für turbulente Strömungen gilt, bei denen Wirbel auf allen Größenskalen auftreten. In dieses Geschwindigkeitsfeld führt nun eine Düne oder ein Sandhügel eine Störung ein. Die Gleichungen für das dadurch modifizierte Windprofil konnte eine Gruppe von Mathematikern in England nach langjähriger Arbeit herleiten [3]. Sie beschreiben die Scherspannung des Windes am Boden als Funktion der lokalen Steigung und der Schergeschwindigkeit u. Diese charakteristische Windgeschwindigkeit u ist der Vorfaktor des ungestörten Windprofils und liefert ein Maß dafür, wie schnell die absolute Windgeschwindigkeit mit der Höhe über dem Boden anwächst. Diese Gleichungen werden numerisch gelöst. Das Ergebnis ist die Windgeschwindigkeit als Funktion der x,y -Position. 2) Mit diesen Daten der Windgeschwindigkeit wird nun der Sandfluss an der Oberfläche berechnet. Hierbei wird die über den Boden gleitende Wolke saltierender Körner als eine dünne, granulare Schicht betrachtet, die sich wie eine Flüssigkeit verhält. Sie kann mit dem unbeweglichen Sandboden Teilchen austauschen. Berücksichtigt man das schon erwähnte kaskadenförmige Anwachsen des Sandflusses, die Wechselwirkung zwischen den Körnern und der Luft und die Erhaltung der gesamten Sandmenge, so erhält man eine Differentialgleichung für die räumliche Entwicklung des Sandflusses. Dieser nimmt exponentiell zu, um schließlich einen maximalen Wert zu erreichen. Das geschieht nach einer charakteristischen Sättigungslänge, die eine nichtlineare Funktion der Windgeschwindigkeit ist. 3) Am Schluss wird aus der Änderung des Sandflusses die Änderung der Oberflächenform, also der lokalen Höhe
© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Weil die bewegte Luft dabei Energie und Impuls an die Sandkörner überträgt, bremst sie ab. Schließlich reicht die Kraft des Windes nicht mehr aus, um weitere Teilchen aufzunehmen: Der Sandfluss erreicht nach einer gewissen Strecke einen maximalen Wert. Sandhügel, die kürzer als diese Sättigungslänge sind, werden vom Wind vollständig erodiert. Dies erklärt, weshalb man keine Düne unterhalb einer bestimmten Größe findet. Der Wind sorgt durch Sandumlagerung dafür, dass die Hänge einer Düne auf der windabgewandten Seite immer steiler werden. Übersteigt das Volumen der Düne einen bestimmten Wert, dann wächst der Winkel dieser Abhänge über den sogenannten Böschungswinkel des Sandes (θr ≈ 34°) hinaus. Sie werden dadurch instabil, und Sandlawinen flachen an diesen Stellen die Dünenoberfläche ab, bis die lokale Steigung genau den Böschungswinkel annimmt. Auf diese Weise entstehen die sogenannten Gleitflächen einer Düne. Bei einer Barchane liegt diese Gleitfläche zwischen den beiden auslaufenden Hörnern und zeigt in die Richtung, in die der Wind weht (Abbildung 1). Am oberen Rand der Gleitfläche entsteht eine scharfe Kante. Dort trennt sich der Luftstrom in eine obere Zone, INTERNET wo der Wind relativ ungestört von der Düne fort weht, Filme und Bilder von Dünensimulationen www.comphys.ethz.ch/hans/dunes.html und in eine untere Zone mit rückströSatellitenbilder von Marsdünen menden Wirbeln. www.msss.com/msss_images/subject/dunes.html In dieser unteren Hintergrundinformationen und weitere Satellitenbilder Zone, der sogewww.mars-dunes.org nannten TrennblaDetaillierte topographische Karte des Mars se, ist der Wind zu wrgis.wr.usgs.gov/open-file/of02-282/of02-282.pdf schwach, um Sand

|

230

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2008 (39)

www.phiuz.de

DÜNEN AUF DEM MARS

|

PL A N E T E N FO R S C H U N G

der Landschaft, berechnet. Sand wird überall dort abgelagert, wo der Sandfluss in Windrichtung abnimmt. Andernfalls wird die Oberfläche erodiert. Bilden sich Steigungen, die steiler als der Böschungswinkel des Sandes (34°) sind, so entstehen wie schon erwähnt die Gleitflächen der Düne. Jeder Gleitfläche wird eine Trennblase zugeordnet, deren Größe und Form durch empirische Gleichungen bestimmt wird. Diese Daten stammen aus Windkanalmessungen und numerischen Rechnungen. In den Trennblasen werden die Windgeschwindigkeit und der Sandfluss auf Null gesetzt. Die Evolution der Oberfläche unter Windeinfluss berechnen wir nun – ausgehend von einer Anfangslandschaftsform – indem wir pro Zeitschritt die Schritte 1) bis 3) nacheinander lösen.

Dünenbildung auf dem heutigen Mars
Da Barchandünen auf dem Roten Planeten sehr häufig sind, ist die Simulation ihrer Entstehung ein idealer Ausgangspunkt für die allgemeine Untersuchung der Dünenbildung auf dem heutigen Mars. Die Form einer Barchane, die unter konstanter Windrichtung simuliert wird, hängt stark von der charakteristischen Windgeschwindigkeit u ab. Um das Wandern der Marsdünen zu simulieren, müssen zunächst die Parameter des Dünenmodells an die Bedingungen angepasst werden, unter denen auf dem Mars die Atmosphäre und der Sand zusammenspielen. Glücklicherweise sind die meisten Parameterwerte bekannt. Die marsianische Gravitationsbeschleunigung ist 3,71 m/s2. Die Dichte der basaltischen Sandkörner, aus denen Marsdünen bestehen, beträgt 3200 kg/m3. Ihr durchschnittlicher Durchmesser von 500 µm wurde aus Satellitenmessungen indirekt ermittelt [4]. Als Grundlage dienen Satellitenmessungen der Oberflächentemperatur: Aus der thermischen Trägheit, mit der die Dünen auf Temperaturschwankungen reagieren, lässt sich die durchschnittliche Korngröße des Sandes errechnen. Die NASA-Mission Mars Global Surveyor hat zudem die Oberflächentemperatur und den atmosphärischen Druck an verschiedenen Stellen systematisch gemessen. Aus diesen Daten kann man die Dichte und Viskosität der Atmosphäre errechnen, außerdem die minimale Schergeschwindigkeit für Sandtransport ut für ein gegebenes Dünenfeld [5]. Der Wert von ut beträgt auf dem Mars etwa 2 m/s, das ist fast zehnmal so viel wie auf der Erde. Vor allem folgt daraus, dass auf dem Mars die saltierenden Teilchen dann mit viel höherer Geschwindigkeit und auch weiter fliegen als auf der Erde [5]. Allerdings kommen die höchsten Schergeschwindigkeiten zwischen 2 und 4 m/s [1] nur während der stärksten Staubstürme vor: Sie entsprechen in 1 m Höhe über dem Boden absoluten Windgeschwindigkeiten zwischen 23 und 46 m/s (rund 83 bis 166 km/h). Auf der Erde mit ihrer erheblich dichteren Atmosphäre genügen dagegen in der gleichen Höhe schon Windgeschwindigkeiten von 4,7 bis 8,6 m/s (rund 17 bis 31 km/h), um Sand zu transportieren.
© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Wenn Marsdünen unter den heute dort vorherrschenden Mars-Bedingungen gebildet wurden, dann sollten sie mit solchen Windgeschwindigkeiten in den Simulationen reproduzierbar sein. Für das Modell fehlt allerdings noch ein wichtiger Parameter: die Rate γ, mit der Sandkörner in die Saltationsschicht hinein mitgerissen werden. Der Wert von γ auf dem Mars konnte aus den Messungen der Marsmissionen nicht bestimmt werden. Versucht man nun, Marsdünen mit dem irdischen γ zu simulieren, so findet man weder Gleitflächen noch Hörner. Erst wenn man γ um etwa eine Größenordnung erhöht, entstehen in den Simulationen die charakteristischen Mars-Barchandünen. Dieses interessante Ergebnis lässt sich mit Windtunnelbeobachtungen nachvollziehen. Saltierende Körner werden durch das Aufprallen der Teilchen auf der Sandoberfläche freigesetzt, und γ ist ein Maß für die Intensität dieser SplashEreignisse. Diese ist jedoch proportional zu der Geschwindigkeit der saltierenden Körner auf dem Mars [6], die wie schon diskutiert etwa zehnmal größer ist als auf der Erde [5]. Demzufolge übertrifft die Anzahl der nach einem Aufprall nach oben geschlagenen Körner auf dem Mars die irdische Zahl um das Zehnfache [7]. Entscheidend ist der Impuls der Sandkörner beim Splash: Diese sind auf dem Mars größer und schwerer als auf der Erde, was den Effekt der geringeren Schwerkraft mehr als ausgleicht. Abbildung 2 zeigt die Simulationsergebnisse zu den riesigen Barchandünen, die auf dem Mars im südlichen ArkABB. 2

|

WA N D E R D Ü N E N AU F D E M M A R S

1,4

1,6

u/ut

1,8

2

400 m

400 m
Oben: Der Wind bläst von links, die Dünenform ändert sich mit der Windstärke u. Unten links: Satellitenbilder der Wanderdünen im Arkhangelsky-Krater. Unten rechts: Simulation der Dünenentstehung bei einer Windgeschwindigkeit von 125 km/h in der Höhe von 1 m über dem Boden (Schergeschwindigkeit u ≈ 3,0 m/s) (Fotos: NASA/JPL/MSSS).

www.phiuz.de

5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

231

Wechselt der Wind immer wieder zwischen zwei festen Richtungen, dann entstehen keilförmige Dünen (oben). Die Pfeile zeigen in die beiden Windrichtungen, die einen Winkel θw = 100° einschließen. Bei θw = 120° bilden sich Tropfendünen (Mitte). Unten: Die Simulationen zeigen, dass diese Tropfendünen in „Glückskeksdünen“ zerfallen, sobald θw auf 80° verkleinert wird [5]. Simulationen jeweils links, rechts Aufnahmen (Fotos: NASA/JPL/ MSSS).

ABB. 3

|

E XOT I S C H E D Ü N E N FO R M E N

betragen, um diese Dünenform zu erzeugen – wie im südlichen Dünenfeld.

Schnell und doch langsam
Auf dieser Datenbasis können wir nun mit den Modellgleichungen die Geschwindigkeit berechnen, mit der sich unter einer solchen Windstärke eine Düne (eines gegebenen Volumens) auf dem Mars fortbewegt. Dabei stellen wir fest, dass Marsdünen bei der Scherwindstärke von etwa 3 m/s (125 km/h in 1 m Höhe) zehnmal schneller sind als irdische Dünen (die unter Windgeschwindigkeiten von 20–25 km/h in 1 m Höhe entstehen). Da solche Winde aber nur sehr selten auftreten, bewegen sich Marsdünen im Schnitt viel langsamer als irdische Dünen. Windböen, die stark genug sind, um Sand auf dem Mars zu transportieren, kommen etwa alle fünf Jahre vor und dauern jeweils nur eine Minute [1]. Berücksichtigen wir dies in unseren Berechnungen, dann braucht eine relativ kleine, 200 m lange Arkhangelsky-Barchane etwa 4000 Jahre, um 1 m zurückzulegen [5]. Eine irdische Barchane derselben Größe wandert diese Strecke dagegen in wenigen Monaten. Größere Marsdünen bewegen sich noch langsamer. Dies erklärt, weshalb die Marssatelliten in den letzten Jahrzehnten keine Dünenbewegung registrieren konnten.

Exotische Marsdünen reproduziert
Neben den uns von der Erde vertrauten Dünenformen kann man auf dem Roten Planeten auch Formen beobachten, deren Entstehungsgeschichte bislang ungeklärt ist. Abbildung 3 zeigt zum Beispiel Dünen, die anders als Barchanen keinesfalls unter Wind entstanden sein können, der stets aus der gleichen Richtung weht. Diese exotischen Marsdünenformen können wir in unseren Simulationen reproduzieren, wenn wir den Wind zwischen zwei Richtungen oszillieren lassen. In den Simulationen schließen die beiden Windrichtungen den Winkel θw ein. Wir nehmen dazu an, dass der Wind wieder eine Schergeschwindigkeit von 3,0 m/s hat, und dass er in jeder der beiden Richtungen ein paar Tage verweilt. Setzt man θw = 100°, dann bilden sich keilförmige Dünen, wie man sie im WirtzKrater findet (Abbildung 3 oben). Erhöhen wir in der Simulation θw auf 120º, dann finden wir gestreckte Tropfendünen, deren marsianisches Pendant Abbildung 3 in der Mitte zeigt. Liegt θw zwischen 40° und 80°, dann erhalten wir die sogenannten Glückskeksdünen (Abbildung 3 unten). Unabhängig von den lokalen atmosphärischen Bedingungen, unter denen die exotischen Marsdünen auftreten, lassen sie sich bei Schergeschwindigkeiten oberhalb von ut reproduzieren, sobald die Oszillationsperiode der Windrichtungen im Bereich zwischen einem und fünf Tagen liegt. Ziehen wir nun die schon erwähnten kurzen Zeitspannen in Betracht, in denen Saltationsereignisse auf dem Mars überhaupt auftreten, dann errechnen wir, dass die charakteristische Zeit der Entstehung solcher Dünen zwischen 10 000 und 50 000 Jahren liegt. Interessanterweise liegt diese Zeitskala in der Größenordnung einer halben Periode der Prä© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

hangelsky-Krater entdeckt wurden. Für 210 K und lediglich 5,5 mbar, also den Umweltbedingungen in diesem Krater, ergibt die Simulation das beobachtete Verhältnis zwischen der Breite und der Länge der Düne als Funktion ihrer Größe, wenn wir für die Schergeschwindigkeit u ≈ 3,0 m/s einsetzen. Auf diese Weise lässt sich der Wert von u in zwei weiteren Gebieten bestimmen, in denen kleinere Barchanen vorkommen. Sie liegen am Nordpol des Mars [5]. Ein Resultat der Simulationen ist besonders interessant: Auf diesen Feldern, wo der Luftdruck allgemein fast zwei mal höher ist als am Arkhangelsky-Krater mit seiner Höhenlage, muss die Schergeschwindigkeit wiederum u ≈ 3,0 m/s
232

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2008 (39)

www.phiuz.de

DÜNEN AUF DEM MARS

|

PL A N E T E N FO R S C H U N G

zessionsbewegung, die die Eigendrehachse des Mars vollführt. Diese beträgt ungefähr 51000 Jahre und ist für die auffälligsten Veränderungen des Marsklimas verantwortlich. Die „heißesten“ Sommer mit ihren häufigsten Staubstürmen kommen jeweils auf der Hemisphäre vor, die während der größten Annäherung des Mars an die Sonne dieser zugewandt ist. Dementsprechend ändert sich in diesem Perihel alle 25 500 Jahre nicht nur das Klima beider Hemisphären, sondern auch die vorherrschenden Richtungen der stärksten Marswinde [8]. Das deckt sich mit unseren Simulationen der bimodalen Marssanddünen. Ausgehend von einem einfachen Sandhügel, lässt sich bei diesem Tempo eine der keilförmigen Riesen-Marsdünen erst nach simulierten 65 Millionen Jahren gestalten. Dies gilt unter der Annahme, dass die heutigen Bedingungen von Atmosphäre und Wind schon bei der Geburt dieser Dünen auf dem Mars herrschten. Die Tropfendünen brauchen dagegen etwa 15 Millionen Jahre, um ihre heutige Form zu erreichen, wobei vierzig Monate ununterbrochenen Sandtransportes dafür gereicht hätten. Auf diese Weise liefern die Simulationsergebnisse auch eine Abschätzung der Zeitspanne, in der die Marsatmosphäre stabil gewesen sein muss: Nur so konnten sich die heute beobachteten Dünenformen gebildet haben. Allerdings müssen die Ergebnisse dieser Simulationen mit Vorsicht beurteilt werden. Die Bewegungsgeschwindigkeit der Marsdünen hängt davon ab, wie oft die Windgeschwindigkeit auf einem gegebenen Dünenfeld den minimalen Wert für Sandtransport übersteigt. Diese Häufigkeit ist ortsabhängig [9]. Am Nordpol begegnen Marsdünen zudem noch einem unbarmherzigen Gegner auf ihrer Wanderschaft: Jeden Winter bildet sich auf der Oberfläche Kohlendioxidfrost, der den Sandtransport unterdrückt. An anderen Stellen erscheint der Dünensand verkrustet, möglicherweise durch ein Salz, so dass manche Marsdünen sich eventuell überhaupt nicht bewegen. Ein Beispiel dafür sind die Kakerlakendünen der nordpolaren Chasma Boreale [10].

DÜNENMODELL UND FELDGRÖSSEN

|
Sandfluss gilt ~(x)=q(x)/q0. Die Größe q q0 = 0,037 kg m–1 s–1 beschreibt den typischen Sandfluss im flachen Gelände zwischen den Marsdünen [5].

Die Grafik zeigt das normalisierte Höhenprofil einer 58 m hohen Barchandüne im Schnitt entlang ihrer Symmetrieachse (violett). ~(x) ist dabei die h normalisierte Höhe h (x)/58. Der Wind bläst von links nach rechts. Die anderen zwei der drei Feldgrößen, mit denen in der Computersimulation gerechnet wird, sind ebenfalls normalisiert eingezeichnet. Bei der Scherspannung ist das ~(x)=τ (x)/τ0. Dabei entτ spricht τ0 = 0,13 kg m–1 s–2 derjenigen Scherspannung, die sich ohne Dünenerhebung als Störung einstellt [5]. Der Sandfluss wird über die Höhe integriert, beschreibt also die bewegte Sandmasse pro Querschnittslänge (in y -Richtung, also senkrecht zur Bildebene) und Zeiteinheit. Für den normalisierten

Schnitt durch eine 58 m hohe Barchandüne. Der Wind bläst immer von links nach rechts.

Literatur
[1] H. J. Moore, J. Geophys. Res. 1985, 90, 163. [2] G. Sauermann, K. Kroy, H. J. Herrmann, Phys. Rev. E 2001, 64, 31305. [3] W. S. Weng et al., Acta Mechanica (Suppl.) 1991, 2, 1. [4] K. S. Edgett, P. R. Christensen, J. Geophys. Res. 1991, 96, 22765. [5] E. J. R. Parteli, H. J. Herrmann, Phys. Rev. E 2007, 76, 041307; Phys. Rev. Lett. 2007, 98, 198001. [6] R. S. Anderson, P. K. Haff, Acta Mechanica (Suppl.) 1991, 1, 21. [7] J. R. Marshall, J. Borucki, C. Bratton, Proc. Lunar Planet. Sci. Conf. 1998, 29, 1131. [8] R. E. Arvidson, E. A. Guinness, S. Lee, Nature 1979, 278, 533. [9] L. K. Fenton, Geophys. Res. Lett. 2006, 33, L20201. [10] V. Schatz et al., J. Geophys. Res. 2006, 111, E04006.

Die Autoren
Eric Josef Ribeiro Parteli, Studium der Physik an der Universität Recife in Brasilien. Promotion 2007 am Institut für Computerphysik (ICP) der Uni Stuttgart. Seit 2007 Postdoktorand an der Universidade Federal in Fortaleza, Brasilien.

Zusammenfassung
Marsdünen zeigen große Formenvielfalt. Sie reichen von charakteristischen Wanderdünen, den von der Erde bekannten Barchanen, bis zu exotischen Dünenformen. Die Marsmissionen warfen die Frage auf, ob diese Dünen in der heutigen Marsatmosphäre überhaupt noch entstehen oder wandern können. Computersimulationen zeigen nun, dass das möglich ist. Allerdings treten die zum Sandtransport erforderlichen Windgeschwindigkeiten sehr selten auf. Deshalb brauchen die Dünen für solche Prozesse je nach Form vermutlich Zehntausende bis mehrere Millionen Jahre. Auch die Entstehung exotischer Dünenformen konnte erfolgreich simuliert werden. Die Ursache ist Wind, der zwischen zwei festen Richtungen oszilliert.

Hans-Jürgen Herrmann, Studium der Physik in Göttingen und Köln, dort Promotion 1981. Nach Aufenthalten in Georgia, Boston und Saclay Leitung einer Arbeitsgruppe in Jülich, des Institutes PMMH in Paris und des ICP in Stuttgart. Seit 2005 Leiter des Institutes für Baustoffe der ETH Zürich. Anschriften Dr. Eric Josef Ribeiro Parteli, Departamento de Física, Universidade Federal do Ceará – 60455-760, Fortaleza, CE, Brazil, Parteli@icp.uni-stuttgart.de. Prof. Dr. Hans-Jürgen Herrmann, Computational Physics, IfB, ETH Hönggerberg, HIF E 12, CH-8093 Zürich, Switzerland, Hans@ifb.baug.ethz.ch

Stichworte
Düne, Mars,Wanderdüne, Barchane, keilförmige Düne,Tropfendüne, Glückskeksdüne, Saltation, Computersimulation.
© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

www.phiuz.de

5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

233

DOI: 10.1002/piuz.200801178

Ein realisierbares Gedankenexperiment

Verschränkte Spiegel
R OMAN S CHNABEL | H ELGE M ÜLLER -E BHARDT | H ENNING R EHBEIN Zwei Objekte können so stark miteinander gekoppelt werden, dass sie dabei ihre individuelle Identität verlieren: Sie formen ein neues Quantenobjekt. Diese Quantenverschränkung lässt sich nicht nur an Photonen oder Atomen beobachten. Heute erscheint es technisch möglich, auch makroskopisch große und schwere Objekte miteinander zu verschränken, zum Beispiel zwei Spiegel.
it der Entwicklung der Quantentheorie zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde einer neuen Klasse von Experimenten ein mathematisches Gerüst gegeben. Beispielsweise konnte nun erfolgreich beschrieben werden, wie Licht oder Elektronen mal wie Teilchen, mal wie Wellen in Erscheinung treten. Inzwischen konnte dieser WelleTeilchen-Dualismus sogar an großen Molekülen wie C60-Fullerenen beobachtet werden [1]. Die Quantentheorie besagt, dass die Wechselwirkung zwischen physikalischen Systemen quantisiert, also in Portionen erfolgt. Das hat Auswirkungen auf hochpräzise Messungen, weil sich die quantisierte Wechselwirkung als Quantenrauschen bemerkbar macht. Dieses Quantenrauschen verhindert zum Beispiel eine beliebig genaue Messung der Position eines Spiegels, was zu einem Problem bei Gravitationswellendetektoren führt [2]. Diese basieren nämlich darauf, dass man mit Laserlicht präzise die Entfernung zwischen aufgehängten Spiegeln misst. Das Quantenrauschen setzt also bei solchen Detektoren der erreichbaren Messempfindlichkeit eine Grenze. Das Albert-Einstein-Institut in Hannover betreibt mit GEO600 einen solchen Gravitationswellendetektor. Wir haben uns deshalb gefragt, ob an aufgehängten Spiegeln prinzipiell auch andere Quanteneffekte beobachtbar sind. Vor allem wollten wir herausfinden, ob wir zwei Spiegel quantenmechanisch miteinander verschränken können. Bislang wurde Verschränkung nur zwischen relativ kleinen und leichten Objekten erzeugt. Besonders erfolgreich funktioniert das bei zwei verschränkten Photonen, in anderen Experimenten wurden bis zu acht Ionen bezüglich ihrer energetischen Anregung verschränkt [3,4]. Grundsätzlich sollte Quantenverschränkung auch an schweren Objekten wie zwei Spiegeln beobachtbar sein. Wir wollen hier vorstellen, wie ein solches Experiment aussehen könnte.

Verschränkte Zustände
Noch während die Quantentheorie formuliert wurde, zeigte sich, dass sie eine neue Sichtweise auf die Physik mit sich brachte. Nach der Quantentheorie sollte es für alle Dinge, egal ob mit Teilchen- oder mit Wellencharakter, möglich sein, sich in verschränkten Zuständen zu befinden. Insbesondere die Verschränkung war es, die die Physiker ins Grübeln brachte. Den Begriff prägte Erwin Schrödinger im Jahr 1935 [5]. Es zeigt sich, dass zwei Teilchen in einem verschränkten Zustand beliebig weit voneinander entfernt sein können. Trotzdem besitzen sie in Bezug auf die miteinander verschränkten physikalischen Größen keine individuelle Eigenschaft: Sie formen mit ihrem Partner ein gemeinsames Quantenobjekt. Für Albert Einstein, Boris Podolsky und Nathan Rosen waren es genau diese verschränkten Zustände, die sie veranlassten, an der Quantentheorie zu zweifeln. Im Jahre 1935 publizierten sie eine Arbeit [6], in der sie ein besonderes Gedankenexperiment skizzierten, das ihrer Meinung nach einen Widerspruch in dieser Theorie aufzeigen sollte. Es wurde als EPR-Paradoxon berühmt. Einstein, Podolsky und Rosen betrachteten darin zwei räumlich von einander getrennte Teilchen, die sich bezüglich ihrer Orte und Impulse in einem verschränkten Zustand befinden. Das Besondere an diesem Zustand ist, dass in Bezug zu einem gemeinsamen Referenzpunkt sowohl die Differenz der Abstände der beiden Teilchen als auch die Summe ihrer Impulse exakt bestimmt sind. Möglich wäre auch ein anderer verschränkter Zustand mit scharf definierten Werten für die Summe der Abstände und die Differenz der Impulse. Würde man nun präzise den Ort des einen Teilchens messen, so wüsste man auch präzise den Ort des anderen Teilchens. Das gleiche würde für eine alternative Messung der Impulse gelten. Man erhält also instantan wahlweise präzise Information über den Ort oder den Impuls eines beliebig weit entfernten Teilchens. Also besitzt dieses entfernte Teilchen gleichzeitig einen präzisen Ort und Impuls. Zumindest war das die Schlussfolgerung von Einstein, Podolsky und Rosen. Dieses Gedankenexperiment scheint nun zu einem Widerspruch in der Quantentheorie zu führen, weil nach der Heisenbergschen Unschärferelation Ort und Impuls eines Teilchens nicht gleichzeitig präzise Werte haben dürfen. Der Ausweg aus diesem Dilemma wäre, dass beide Teilchen vor einer irgendwie gearteten Messung noch gar keine in© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

M

234

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2008 (39)

VERSCHRÄNK TE SPIEGEL

|

Q UA N T E N PH YS I K

dividuellen Eigenschaften bezüglich ihrer Orte und Impulse besitzen! Diesen Ausweg lehnten Einstein, Podolsky und Rosen ab, denn er widersprach ihrem Verständnis der Physik. Stattdessen argumentierten sie, dass alle Größen eines Teilchens, die mit Bestimmtheit vorhergesagt werden können, tatsächlich auch dessen Eigenschaft sein sollten. Diese Eigenschaften sollten entsprechend lokal am Ort des Teilchens definiert sein. Sie sollten auch nicht von etwaigen Messungen an entfernten Teilchen abhängen. Schließlich käme das in dieser Sichtweise einer „spukhaften Fernwirkung“ gleich, wie Einstein es später nannte. Um das Problem zu lösen, schlugen die Drei eine Erweiterung der Quantentheorie vor. Inzwischen gibt es viele erfolgreiche Experimente mit verschränkten Zuständen. Durch eine Verletzung der berühmten Bellschen Ungleichung konnte auch gezeigt werden, dass die Quantentheorie prinzipiell gar nicht so erweiterbar ist, wie es sich Einstein, Podolsky und Rosen vorgestellt hatten. Damit scheint genau das der Fall zu sein, was die Drei klar ablehnten: Zwei verschränkte Objekte haben gar keine lokal, individuell definierten Eigenschaften bezüglich der verschränkten Größen.

Verschränkte Würfel
Um das Besondere an verschränkten Objekten deutlich zu machen, betrachten wir zunächst zwei Würfel. Beide Würfel sollen ungezinkt sein, so dass ihre Augenzahlen vor einem Wurf absolut nicht vorhersagbar sind. Darüber hinaus sollen sie aber auch in ihrer Eigenschaft „Augenzahl“ miteinander verschränkt sein. Damit wäre das folgende, unglaubliche Szenario möglich. Die beiden Würfel befinden sich in getrennten Räumen, jeder in einem Würfelbecher. In jedem Raum befindet sich auch ein Spieler, der seinen Würfel aus dem Becher nimmt und ihn wirft. Man sieht, wie der Würfel über den Tisch rollt und zufällig auf einer Seite liegen bleibt. Beide Spieler notieren sich ihr Ergebnis. Danach legen sie ihre Würfel zurück in die Würfelbecher. Das Ganze wiederholt sich nun zum Beispiel alle zehn Sekunden. Dabei richtet sich jeder Spieler nach einer Uhr in seinem Raum. Dass die Würfel exakt gleichzeitig geworfen werden, ist dabei allerdings nicht wichtig. Am Ende des Spiels treffen sich beide und vergleichen ihre Notizen. Zunächst stellen sie fest, dass jeder Würfel wie erwartet zufällig die Zahlen von eins bis sechs produziert hat. Dann stellen sie jedoch verblüfft fest, dass ihre Kolonnen von Zufallszahlen Eintrag für Eintrag genau identisch sind. Wir würden natürlich sofort vermuten, dass die „Zufalls“-Zahlen gar keine echten Zufallszahlen sind. Dieses erstaunliche Ergebnis wäre ja nur erklärbar, wenn noch während des Würfelrollens irgendwelche verborgenen Kräfte im Spiel waren. Oder wenn Schummelei durch heimlichen Informationsaustausch vorlag: Der Würfel, der eher fällt, könnte blitzschnell ein Signal zum zweiten Würfel gesendet haben, der sich dann entsprechend genauso hingelegt hätte. Aber nichts von alledem ist bei Verschränkung der Fall.
© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Abb. 1 Zwei verschränkte Würfel würden nach einem Wurf immer eine zufällige, aber identische Augenzahl zeigen – unabhängig davon, wie weit sie von einander entfernt sind. Das Erstaunliche dabei: Beim Würfeln gäbe es keinen Austausch, weder in Form physikalischer Kräfte noch in Form sonstiger Information (etwa für die Würfelnden). (Bild: A. Franzen, Albert-Einstein-Institut.)

Während die Würfel rollen, gibt es weder eine das Ergebnis beeinflussende Kraft, noch einen Informationsaustausch. Die Zahlen sind in der Tat echte Zufallszahlen – und trotzdem bei beiden Würfeln identisch. Als logische Konsequenz scheint das Wurfergebnis des ersten Würfels vom Ergebnis des zweiten abzuhängen – und umgekehrt (Abbildung 1). Die beiden sind keine unabhängigen, individuellen Würfel mehr, sondern formen eine Einheit, ein verschränktes Objekt. Später werden wir sehen, dass zwei verschränkte Spiegel sich recht ähnlich verhalten. In diesem Gedankenexperiment entspricht übrigens das Fallen der Würfel einer Messung der Augenzahl. Eine Messung zerstört unweigerlich die Verschränkung. Das Zurücklegen der Würfel in die Würfelbecher dient hier also dazu, die Verschränkung wieder neu zu aufzubauen.

Wie erzeugt man Verschränkung?
Verschränkung entsteht – sozusagen ganz natürlich – beim spontanen Zerfall eines Objekts. „Spontan“ bedeutet hier, dass der Zerfall ohne Einfluss der Umgebung passiert. Weil also die Umgebung keine Rolle spielt, sind die physikalischen Eigenschaften des Zerfalls zunächst nur relativ zueinander definiert, aber eben nicht relativ zur Umgebung. Besonders erfolgreich sind Verschränkungsexperimente mit Photonen. Ein ultraviolettes Photon kann beispielsweise in einem bestimmten, nichtlinearen Prozess spontan in zwei rote Photonen der halben Energie zerfallen (Abbildung 2). Dabei ist die Polarisation nur wechselseitig zwischen den Photonen definiert, aber nicht relativ zur Umgebung. Erst wenn ein Außenstehender die Polarisation an eiwww.phiuz.de 5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

235

ABB. 2

|

V E R S C H R Ä N K T E PH OTO N E N

UV -Ph oto n

nichtlinearer Kristall

e kt än hr nen c rs to ve Pho

Ein Kristall (grauer Quader) mit bestimmten nichtlinearen optischen Eigenschaften kann aus einem ultravioletten Photon zwei rote Photonen erzeugen, die in ihrer Polarisation miteinander verschränkt sind.

nem Photon misst, legt er diese relativ zur Umgebung fest. Instantan hat nun das zweite Photon auch eine bestimmte, in Bezug zur Umgebung definierte Polarisation (zum Beispiel die gleiche) – egal wie weit es entfernt ist. Man kann Verschränkung aber auch mit zwei Objekten erzeugen, deren physikalische Größen zunächst völlig lokal und individuell definiert sind. Dazu muss man sie in eine starke Abhängigkeit untereinander bringen, zum Beispiel durch eine gemeinsame „Kraft“. Ist diese stark genug und der Einfluss der Umgebung schwach, so kann nach einer gewissen Zeitdauer die Verbindung zur Umgebung in den Hintergrund treten. Die vormals individuellen Objekte beginnen, eine neue Einheit zu bilden. Auch wenn man diese Kraft nun abstellt, bleibt ihre Einheit und damit ihre Verschränkung erhalten. Dies gilt zumindest so lange, bis der Einfluss der Umgebung wieder dominiert. Dieses zweite Prinzip ist die Grundlage unserer Idee, zwei Spiegel miteinander zu verschränken. Dabei stellt sich die Frage, worin die Herausforderung im Vergleich zu mikroskopischen Teilchen liegt, wenn man zwei echt makroskopische Objekte miteinander verschränken will. Generell
ABB. 3

|

WA H R S C H E I N L I C H K E I T S V E R T E I LU N G E N
Wahrscheinlichkeit pro Attometer

ist es wesentlich schwieriger, große und schwere Objekte gut von der Umgebung zu entkoppeln. Zunächst müssen wir uns aber noch eine weitere Frage stellen: Auf Basis welcher physikalischen Größen sollen die beiden Spiegel überhaupt miteinander verschränkt werden? In unserem Vorschlag sollen diese Größen die Orte und Impulse der beiden Spiegelschwerpunkte sein [7]. Dabei wollen wir nur die Komponente in einer Raumrichtung betrachten. Diese Raumrichtung wird durch die Ausbreitungsrichtung von Laserstrahlen bestimmt, die von den Spiegeln reflektiert werden und die über ihren Lichtdruck die Verschränkung erzeugen. Besonders schwierig gestaltet sich dieses Experiment, weil viele verschiedene Kräfte aus der Umgebung die Bewegung der Spiegel beeinflussen können. Gewinnen sie Oberhand, so legen sie die Orte und Impulse der einzelnen Spiegel relativ zur Umgebung fest. Sie würden so verhindern, dass sich die Verschränkung aufbauen kann. Sowohl elektrische als auch magnetische Kräfte auf die Spiegel müssen also gut genug abgeschirmt werden. Wir müssen unsere Spiegel aber auch irgendwie haltern. Diese Halterung wird notwendigerweise die Orte und Impulse der Spiegel beeinflussen. Dazu später mehr. Zunächst vergleichen wir die Situation mit unseren verschränkten Würfeln. Bei ihnen sind die Augenzahlen miteinander verschränkt. Jeder ideale Würfel für sich betrachtet liefert jede der sechs möglichen Augenzahlen mit der Wahrscheinlichkeit von 1/6. Die Größe „Augenzahl“ hat also ein sogenanntes diskretes Wertespektrum. Bei der Spiegelbewegung besitzen jedoch die zu verschränkenden Größen kontinuierliche Wertespektren. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein bestimmter Wert für den Ort (oder auch Impuls) realisiert, muss also durch eine kontinuierliche Funktion beschrieben werden. Diese Funktion ist eine Gauß-Verteilung um den wahrscheinlichsten Wert herum. Abbildung 3 vergleicht das diskrete und das kontinuierliche Spektrum. Den wahrscheinlichsten und zentralen Wert der kontinuierlichen Verteilung definieren die Halterungen der Spiegel. Daraus resultiert keinerlei Einschränkung für die Stärke der zu erwartenden Verschränkung, solange die Werteverteilung selbst allein durch die quantenmechanische Unschärfe des Spiegels gegeben ist. Für Spiegel von 100 g Masse, aufgehängt als Fadenpendel mit einer Sekunde Schwingungsperiode, ergibt sich für den Ort eine Breite der Gauß-Verteilung von gut 0,01 Femtometer (10–17 m).

0,04

Wahrscheinlichkeit

Das Experiment
Die Basis des Experiments soll eine schwingungsarme Plattform bilden, die wir in einem Hochvakuum an dünnen Fasern, zum Beispiel Quarzfäden, aufhängen. So reduzieren wir Störungen aus der Umgebung von vornherein stark. An dieser Plattform sind ein Laser sowie ein halbdurchlässiges Fenster befestigt, das den Laserstrahl in zwei gleich helle Strahlen aufteilt (Abbildung 4). Bei dem Laser wird es sich um einen Dauerstrichlaser handeln, der die beiden Spiegel permanent seinem Lichtdruck aussetzt.

1/6

0,02

0 1 2 3 4 Augenzahl 5 6

0,00 –40 –20 0 20 Ort in Attometer 40

Links: Wahrscheinlichkeitsverteilung eines perfekten Würfels. Rechts: Wahrscheinlichkeitsverteilung des Ortes einer Masse von 100 g, die als Sekundenpendel aufgehängt ist, im quantenmechanischem Grundzustand. 236 Phys. Unserer Zeit 5/2008 (39) www.phiuz.de

|

|

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

VERSCHRÄNK TE SPIEGEL

|

Q UA N T E N PH YS I K

Die beiden Spiegel, die miteinander verschränkt werden sollen, sind ebenfalls über Halterungen mit der Plattform verbunden,hängen jedoch an dünnen Fasern. Die Konstruktion könnte derjenigen in Abbildung 5 ähnlich sehen. Die Aufhängefasern bestimmen die Position der Spiegel auf langen Zeitskalen. Sie sorgen auch dafür, dass die Spiegel vom Lichtdruck nicht langsam weggeblasen werden. Dank dieser pendelartigen Konstruktion verhalten sich beide Spiegel auf kurzen Zeitskalen von zum Beispiel einer hundertstel Sekunde wie frei schwebende Objekte, zumindest in Ausbreitungsrichtung der Laserstrahlen. Auf diesen Zeitskalen wollen wir nun die beiden Orte und Impulse der Spiegelschwerpunkte miteinander verschränken. Die gemeinsame Kraft auf die beiden Spiegel, die die quantenmechanische Kopplung der Spiegelbewegung herbeiführen soll, wird durch den Lichtdruck des Hochleistungslasers erzeugt. Ein Strahlteiler spaltet seinen Strahl gleichmäßig in zwei Teilstrahlen auf, die auf die Spiegel treffen. Diese sind so justiert, dass sie dieses Licht auf den Strahlteiler zurück reflektieren. Vor dem Einschalten des Lasers werden sich die Spiegel etwas bewegen, jedoch noch völlig unabhängig voneinander. Selbst bei idealer Isolierung von der Umgebung und bei Temperaturen nahe des absoluten Nullpunkts lässt sich nämlich eine Bewegung nicht völlig unterdrücken. Ursache ist die Heisenbergsche Unschärferelation, die keine gleichzeitige, präzise Definition von Ort und Impuls eines Spiegels erlaubt. Folglich können wir nicht beide Größen exakt gleich null setzen. Nach Einschalten des Lasers prasseln die Photonen seines Strahls in einer unregelmäßigen, zufälligen Folge auf beide Spiegel und lenken diese aus. Nach wenigen tausendstel Sekunden soll die Bewegung der Spiegel nur noch vom Lichtdruck der gemeinsamen Laserstrahlquelle bestimmt sein: Das System hat nun jede „Erinnerung“ an die Situation zuvor verloren. Ist der Einfluss der Umgebung und auch die thermisch angeregte Bewegung des Spiegels genügend unterdrückt, so verschränkt der Lichtdruck genau in diesem Moment die Spiegel miteinander. Aber wie äußert sich nun die verschränkte Spiegelbewegung? Wie können wir sie nachweisen und was ist das Besondere an ihr? Eine Möglichkeit des Nachweises bieten die beiden reflektierten Laserstrahlen selbst: Bekanntermaßen ist Laserlicht ideal, um Entfernungen zwischen Spiegeln zu messen (siehe „Laserinterferometrie“ auf S. 239). Die Laserstrahlen beeinflussen nämlich nicht nur die Bewegung der Spiegel – die beiden Spiegelbewegungen beeinflussen umgekehrt auch die reflektierten Lichtstrahlen. Schwingt ein Spiegel vom Strahlteiler weg, so reflektiert er den Laserstrahl etwas später. Das reflektierte Licht trägt also Informationen über die Bewegung der Spiegel. Für den Nachweis der Verschränkung muss man allerdings die Bewegung der Spiegel relativ zueinander betrachten. Diese Relativbewegung vermessen wir über die Interferenz. Wir lassen die beiden reflektierten Laserstrah© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Abb. 4 Die Bewegungen der beiden aufgehängten Spiegel sollen über den Lichtdruck von Laserphotonen verschränkt werden. Die beiden Photodetektoren zum Nachweis der Verschränkung sind die grauen Kästen links und rechts unten, dort halb verdeckt vom Lasergehäuse (rot) (Bild: A. Franzen, Albert-Einstein-Institut).

len auf exakt den gleichen Punkt am Strahlteiler treffen, sodass sie über ihren kompletten Querschnitt miteinander interferieren. Dabei entstehen zwei neue Strahlen, deren Phasenverschiebungen (zeitliche Verzögerung) und Intensitätsänderungen die gewünschten Informationen liefern, sobald wir sie mit zwei photoelektrischen Detektoren analysieren. Der erste Detektor sitzt in der Nähe der Laserstrahlquelle: Er misst an seinem Interferenzstrahl im Wesentlichen dessen Phasenverschiebung gegenüber dem ursprünglichen Laserlicht (Abbildung 4 rechts, halb verdeckt vom Laser). Aus dieser Messung gewinnen wir eine präzise Information darüber, wie groß die Summe der Spiegelabstände relativ zum Strahlteiler ist. Wenn wir viele solcher Messungen kurz nacheinander machen, sollte es sich zeigen, dass die Summe der Spiegelabstände vom Strahlteiler unglaublich wenig variiert. Die Unschärfe in diesem Messwert ist in der Tat kleiner als es der quantenmechanische Grundzustand der Spiegel erlaubt. Da sich die Spiegel wegen der Heisenbergschen Unschärferelation bewegen müssen, könnten wir nun schlussfolgern, dass ihre Bewegung perfekt asynchron ist: Während ein Spiegel vom Strahlteiler weg schwingt, bewegt sich der andere um die gleiche Auslenkung auf diesen zu. Nur so könnte die Summe der Abstände immer konstant bleiben. Nun betrachten wir die Funktion des zweiten Detektors, der am anderen Ausgang des Interferometers sitzt (Abbildung 4 links). Er beobachtet im Wesentlichen die Intensitätsänderung des Laserstrahls: Diese Größe liefert eine Information über die asynchrone Geschwindigkeit der
www.phiuz.de 5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

237

Spiegelbewegungen. Doch hier erwarten wir nun die Beobachtung, dass der asynchrone Anteil der Spiegelbewegung verschwindend gering ist: Die Differenz der Impulse der Spiegel sollte annähernd null sein. Vom Standpunkt dieser Messung müssten wir also annehmen, dass Heisenbergs Unschärferelation nur erfüllt werden kann, wenn sich die Spiegel perfekt synchron bewegen. Genau das steht aber im Widerspruch zur ersten Messung. Die verschränkten Spiegel scheinen also eine paradoxe, für uns unvorstellbare Bewegung durchzuführen: Laut Impulsmessung sollten sich die beiden Spiegel synchron, laut Ortmessung aber asynchron bewegen. Genau dieser Widerspruch liefert laut Quantenphysik den Beweis für die Verschränkung und zeigt an, dass die Spiegelbewegungen zu einer quantenmechanischen Einheit verschmolzen sind. Definiert sind lediglich die Orte und Impulse der Spiegel in wechselseitiger Relation. Die Heisenbergsche Unschärferelation wird deshalb nicht verletzt, weil für jeden einzelnen Spiegel weder sein Ort noch sein Impuls in Bezug zur Umgebung definiert sind.

Spiegel versus Würfel
In dem Gedankenexperiment mit den verschränkten Würfeln haben zwei unabhängige Beobachter die Würfelzahlen notiert. Im Prinzip sollte ein vergleichbares Experiment auch mit den verschränkten Spiegeln möglich sein. Dazu bräuchten wir zwei Messapparaturen, jeweils in der Nähe beider Spiegel. Diese Apparaturen könnten nun unabhängig voneinander zum Beispiel die Impulse der Spiegel in Bezug zur Plattform beobachten. Wie bei den Würfeln be-

Abb. 5 Spiegel im Gravitationswellendetektor GEO600. Sie hängen über 0,2 mm dicken Quarzfäden an einem aufwendigen System von Pendeln und Blattfedern, um ihre Bewegung sorgfältig von Umgebungseinflüssen zu entkoppeln. Zwischen ihnen reflektieren Laserstrahlen hin und her, um Veränderungen in ihrem Abstand zu messen (Foto: H. Lück, Albert-Einstein-Institut). 238 Phys. Unserer Zeit 5/2008 (39) www.phiuz.de

stünde bei verschränkten Spiegeln das Ergebnis in zwei unvorhersagbaren Zahlenkolonnen, die jedoch – im Rahmen der Messgenauigkeit – identisch wären. Anders als bei den Würfeln wäre das Messwertespektrum jedoch kontinuierlich. Wir können also nicht erwarten, dass die Zahlen (im Rahmen der Messgenauigkeit) bis auf beliebige Stellen hinter dem Komma übereinstimmen. Aber warum ist die Behauptung, dass die Spiegel ein den Würfeln vergleichbares Verhalten zeigen, trotzdem richtig? Auch bei den Spiegeln sind die Messergebnisse zufällig, sollten also gar keine Übereinstimmung zeigen. Im Beispiel der verschränkten Würfel haben wir einfach vorausgesetzt, dass jeder Würfel für sich ein zufälliges Ergebnis liefert, sie also ungezinkt sind. Die beobachtete Korrelation führt dann direkt zu einer paradoxen Situation. Bei den verschränkten Spiegeln müssen wir die Zufälligkeit der Messergebnisse noch beweisen. Das machen wir über die zweite, komplementäre Messung: Wir führen zwischen den Impulsmessungen ab und zu Ortsmessungen durch. Beobachten wir bei diesen Messungen die besagte starke Antikorrelation der Messwerte, so ist diese ein Beweis, dass die Impulse der Spiegel nicht einfach derart präpariert worden sind, dass die Messwerte stark korreliert sind. Heisenbergs Unschärferelation würde ja in der Tat auch für nicht verschränkte Spiegel erlauben, dass die Impulse der Spiegel sehr scharf definiert sind, und hier gerade so, dass die Differenz nicht schwankt. Aber in diesem Fall müssten die Orte sehr unscharf sein. Diesen Sachverhalt schließen wir mit der Beobachtung der komplementären Messgröße aus. Für den Fall, dass die zweite Messgröße die Verschränkung beweist, gilt, dass die gewonnenen Messreihen bei der Impulsmessung zufällige Einträge haben. Wir können die verschränkten Spiegel also als direkte Analogie zu den verschränkten Würfeln ansehen. Nun wollen wir das Experiment noch etwas genauer betrachten: Verschränkung ist eine sehr zerbrechliche Eigenschaft unseres Systems. Wenn wir den Laser abschalten, verbleibt uns schätzungsweise nur eine hundertstel Sekunde, diese auch nachzuweisen. Es ist unvermeidlich, dass die Spiegel mit ihrer Umwelt wieder in Wechselwirkung treten und dabei ihre Quanteneigenschaften zerstört werden. Die Verbindung zur Umgebung tritt also wieder in den Vordergrund, und das System lässt sich im Rahmen der klassischen Physik beschreiben. Dieser Effekt, der als Dekohärenz bezeichnet wird, führte zu der weit verbreiteten Annahme, dass es prinzipiell gar nicht möglich ist, quantenmechanische Phänomene an makroskopischen Objekten zu beobachten. Tatsächlich ist es aber so, dass Verschränkung auch in der Gegenwart nicht zu starker Dekohärenz beobachtbar ist. Der Trick ist, die verschränkungserzeugende Kraft möglichst stark zu machen, und direkt nach ihrem Abschalten nur einen kurzen Zeitabschnitt zu beobachten. Auf längeren Zeitskalen wird sich unweigerlich der Einfluss der Umgebung störend bemerkbar machen. Um dem zuvor zu kommen, müssen wir die verschränkende Kraft also wieder kurz aktivieren und
© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

|

|

VERSCHRÄNK TE SPIEGEL

|

Q UA N T E N PH YS I K

dann erneut abstellen. So ist eine kontinuierliche Aufnahme der beiden Impulsmessreihen möglich. Mit der Zeit wird es aufgrund der Störungen aus der Umgebung allerdings zu einer Verschiebung der synchronen Schwankung, also der Korrelation kommen. Bei den Würfeln würde das veranschaulicht bedeuten, dass nach beispielsweise hundert Würfen plötzlich der erste Würfel ständig eine um eins höhere Zahl zeigt als der zweite (und statt der Sechs eine Eins). Die Korrelation hat sich verschoben. Das ändert jedoch nichts an der Präsenz von Verschränkung. Schließlich gibt es noch immer die Möglichkeit, vom Ergebnis des einen Würfels mit fast hundertprozentiger Sicherheit auf das Ergebnis des zweiten Würfels zu schließen: Wir müssen nur die systematische Verschiebung erkennen. Genau so würden wir auch bei einem Experiment mit verschränkten Spiegeln vorgehen: Wir würden neue Messergebnisse auf die Erkenntnis früherer Messungen „konditionieren“. Im Prinzip ist auf diese Art also auch das EPR-Paradoxon mit verschränkten Spiegeln demonstrierbar. Stellen wir den Laser ab, so sind die Spiegel ohne Kontakt zueinander, trotzdem bleibt die Verschränkung aber für eine kurze Zeit erhalten. Bei genügend starker Verschränkung können wir mit einer Messung des Ortes des einen Spiegels nun den Ort des anderen Spiegels präzise bestimmen. Alternativ können wir mit einer Messung eines Spiegelimpulses denjenigen des zweiten Spiegels vorhersagen. Die Wahl der Art der Messung bleibt dem Beobachter am ersten Spiegel überlassen. In jedem Fall ist die Vorhersage erfolgreich, obwohl der zweite Spiegel (wie auch der erste) nicht gleichzeitig einen scharf definierten Ort und Impuls besitzen darf. Zurzeit untersuchen wir noch, wie eine solche Demonstration des EPR-Paradoxons mit verschränkten Spiegeln praktisch durchführbar wäre. Ein echtes An- und Abschalten des Laserstrahls würde nämlich zu viele Störungen im Experiment hervorrufen.

L A S E R I N T E R F E RO M E T R I E

|
wegen der Energieerhaltung das gesamte Licht im anderen Ausgang: Der zweite Ausgangsstrahl zeigt also konstruktive Interferenz. Wieso ist diese Interferenz zur präzisen Messung von Entfernungsänderungen nutzbar? Perfekte destruktive Interferenz tritt genau dann auf, wenn sich in diesem Ausgang zwei Lichtwellen gleicher Amplitude so überlagern, dass Wellenberg auf Wellental trifft. Ändert sich jedoch anschließend die Länge der Messstrecke nur um die Hälfte der Wellenlänge des Lichts, in unserem Experiment um die Hälfte von 1064 nm, so entsteht aus perfekt destruktiver Interferenz perfekt konstruktive Interferenz. Bei einer Entfernungsänderung von nur einem Femtometer (10–15 m) würde die Lichtleistungsänderung bei einem Watt Gesamtleistung immerhin noch einige Nanowatt betragen können. Tatsächlich kann man Photodetektoren bauen, die auf kurzen Zeitskalen von Millisekunden so kleine Änderungen der Lichtleistung messen können. Die empfindlichsten Laserinterferometer, die je gebaut worden sind, sind Gravitationswellendetektoren. Indem sie um Größenordnungen höhere Laserleistungen verwenden, sind sie in der Lage, sogar Entfernungsänderungen von nur einem Attometer (10–18 m) zu messen.

In der Laserinterferometrie nutzt man die Welleneigenschaft des Lichts, um Entfernungsänderungen mit großer Präzision zu messen. Der Strahl eines Dauerstrichlasers wird an einem halbdurchlässigen Spiegel, dem Strahlteiler, in zwei gleich helle Strahlen aufgetrennt. Einer der beiden Strahlen läuft entlang der zu vermessenden Strecke, der zweite entlang einer Referenzstrecke. Entscheidend ist, dass beide Laserstrahlen wieder auf einen gemeinsamen Punkt zurückgeführt werden, um dort zu interferieren. Dieser Punkt liegt entweder auf dem gleichen Strahlteiler oder auf einem zweiten, baugleichen Strahlteiler. Dort überlagern sich die elektromagnetischen Felder beider Strahlen: Der Strahlteiler wirkt nun als Strahlkombinierer und produziert in Reflexion und in Transmission zwei neue Strahlen. Bei Präzisionsmessungen sollten sich beide Strahlen am Referenzpunkt so überlagern, dass ihr Licht über den gesamten Laserstrahlquerschnitt vollständig interferieren kann. Dazu müssen beide Eingangsstrahlen an diesem Punkt geometrisch exakt gleich sein, also gleiche Strahldurchmesser und gleiche Krümmungen der Wellenfronten haben. Herrscht nun für einen der Ausgangsstrahlen perfekte destruktive Interferenz, dann befindet sich

Ist unser Vorschlag realisierbar?
Unser vorgeschlagenes Experiment stellt ohne Frage enorme Anforderungen an die apparative Ausrüstung. Voraussetzung ist ein hochstabiler und leistungsstarker Laserstrahl, in dem die zeitliche Variation der Photonen nur von der Quantentheorie bestimmt ist und nicht von Schwingungen oder Temperaturschwankungen des Laserkristalls. Der Laserstrahl muss genügend Leistung haben, damit der Strahlungsdruck seiner Photonen die beiden massereichen Spiegel quantenmechanisch koppeln kann. Die Spiegel müssen wir wahrscheinlich auf Temperaturen von wenigen Kelvin abkühlen, um sämtliche inneren Bewegungen der Spiegel einzufrieren. Die Brownsche Bewegung der Atome des Spiegelmaterials lässt nämlich den Abstand zwischen Spiegeloberfläche und Spiegelschwerpunkt permanent variieren. Wir wollen ja die Schwerpunkte der Spiegel miteinander verschränken, die Laserstrahlen werden jedoch von ihren Oberflächen reflektiert. Da die Spie© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

gel zudem geringfügig Licht absorbieren, erwärmt sie der Laser. Das erschwert das Erreichen eines ausreichend niedrigen Temperaturniveaus. Die Spiegel könnten durchaus Massen von bis zu einem Kilogramm haben, sollten aber möglichst aus einem einzelnen (synthetischen) Kristall gefertigt sein. Dadurch konzentriert sich die thermische Energie der Spiegel auf einige wenige Vibrationsmoden, so dass der Einfluss der Brownschen Bewegung sich weiter reduziert. Diese Anforderungen sind hoch, nach dem heutigem Stand der Experimentiertechnik jedoch erfüllbar. Wir sehen deshalb gute Chancen, die verschränkten Spiegel in vielleicht nur wenigen Jahren Realität werden zu lassen. Damit ließen sich die verblüffenden Paradoxien der Quantenwelt auch an makroskopischen Objekten demonstrieren.

Zusammenfassung
Die Herstellung von verschränkten Quantenobjekten aus Photonen oder Ionen ist bereits Routine. Da die Quantenmechanik der Größe und Schwere solcher Objekte keine prinzipielle Obergrenze setzt, sollten sich auch makroskopische Gegenwww.phiuz.de 5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

239

stände miteinander verschränken lassen. Allerdings stellt das hohe Ansprüche an die Experimentiertechnik, vor allem im Bereich der Laser- und Kältetechnik, sowie an die Methoden zur Entkopplung der Objekte von der Umgebung. Die hier vorgestellte Idee nutzt einen Laserstrahl, um zwei massive Spiegel miteinander zu verschränken. Das entsprechende Experiment soll in den nächsten Jahren realisiert werden. Es könnte sogar eine Demonstration des Einstein-Podolsky-Rosen-Paradoxons mit makroskopischen Objekten ermöglichen.

Die Autoren
Roman Schnabel, Physikstudium an der Universität Hannover, 1999 dort Promotion. Postdoktorand am Max-Planck-Institut für Quantenoptik. Danach Stipendiat der Alexander-von-Humboldt-Gesellschaft an der Australian National University in Canberra. Im Anschluss Juniorprofessor an der Leibniz Universität Hannover. Dort seit 2008 Universitätsprofessor am Albert-Einstein-Institut.

Stichworte
Verschränkung, verschränkte Würfel, verschränkte Spiegel, Laserinterferometrie, GEO600, Heisenbergsche Unschärferelation, Einstein-Podolsky-Rosen-Paradoxon, Dekohärenz.

Helge Müller-Ebhardt studierte Physik an der Leibniz Universität Hannover und der University of Manchester; zurzeit promoviert er am AlbertEinstein-Institut in Hannover.

Literatur
[1] M. Arndt, L. Hackermüller, K. Hornberger, Physik in unserer Zeit 2006, 37(1), 24. [2] P. Aufmuth, K. Danzmann, New J. Phys. 2005, 7, 202. [3] A. Aspect, P. Grangier, G. Roger, Phys. Rev. Lett. 1982, 49(2), 91. [4] W. Hänsel, Physik in unserer Zeit 2006, 37(2), 64. [5] E. Schrödinger, Naturwissenschaften 1935, 48,807; 49,823 und 844. [6] A. Einstein, B. Podolsky, N. Rosen, Phys. Rev. 1935, 47, 777. [7] H. Müller-Ebhardt et al., Phys. Rev. Lett. 2008, 100(1), 013601. Henning Rehbein studierte Physik an der Leibniz Universität Hannover und promoviert zurzeit am Albert-Einstein-Institut in Hannover. Anschrift Prof. Dr. Roman Schnabel, Institut für Gravitationsphysik der Leibniz Universität Hannover und Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut), Callinstrasse 38, D-30167 Hannover. Roman.Schnabel@aei.mpg.de

240

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2008 (39)

www.phiuz.de

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

DOI: 10.1002/piuz.200801172

SCHUBUMKEHR

|

PH YS I K D I DA K T I K

Münchhausen-Effekt und Schubumkehr

Ins eigene Segel blasen
M ICHAEL V OLLMER | K LAUS -P ETER M ÖLLMANN | F RANK A RNOLD Kann man mit seinem Segelboot trotz Flaute vorankommen, indem man ins eigene Segel bläst? Diese Frage erinnert zwar an Münchhausens Flunkereien, doch die Physik beantwortet sie mit ja. Technisch genutzt wird dieses Prinzip in der Schubumkehr von Flugzeugtriebwerken.

E

nergie- und Impulserhaltung sind Themen der Physik, die häufig zu trickreichen Fragestellungen führen. Eine solche Frage, die in den Bereich des Impulssatzes fällt, erinnert an Münchhausens berühmte Geschichte, in der er sich am eigenen Schopf samt Pferd aus dem Sumpf gezogen haben will. Sie lautet: Können wir uns mit einem Segelboot trotz Flaute fortbewegen, indem wir ins eigene Segel blasen (Abbildung 1)? Schüler beantworten diese Frage meist mit einem Nein, zumal sie über Münchhausen und seine Lügenmärchen Bescheid wissen. Die Lehrer und andere physikalisch Gebildete geraten dagegen ins Grübeln, sofern sie nicht die Antwort kennen. Zudem legen einfache Experimente eine negative Antwort nahe. Wir schauen uns im Folgenden das physikalische Prinzip dieser Form des Impulsübertrags und einige Experimente an. Am Schluss stellen wir die technische Anwendung in Form der Schubumkehr bei Flugzeugtriebwerken vor.

Illustration des französischen Zeichners Gustave Doré (1832–1883) aus dem Jahr 1862.

Das physikalische Prinzip
Segelboote können Wind auf zwei verschiedene Arten für die Fortbewegung nutzen [1]. Sie hängt davon ab, ob das Boot mit dem Wind oder gegen ihn segelt. Wir vereinfachen das nun, indem wir Auftriebskräfte durch die aerodynamische „Flügelform“ gewölbter Segel vernachlässigen. Dann können wir unser Problem durch ein direkt von hinten angeströmtes Segel beschreiben. Im Gegensatz zum üb-

INTERNET

|

Funktionsweise von Flugzeugtriebwerken www.aerospaceweb.org www.rolls-royce.com/education/schools/ how_things_work

lichen Segeln sitzt allerdings nun die Strömungsquelle selbst mit im Boot, in Form des Seglers, der kräftig pusten muss. Auf diese Luftströmungsquelle können wir offensichtlich den Impulssatz anwenden. Schauen wir uns zunächst ein stark vereinfachtes Beispiel an, bevor wir uns schrittweise der komplexeren Situation mit einem von Luft angeströmten Segel nähern. Dazu nehmen wir an, dass das Segel nicht flexibel ist und senkrecht angeblasen wird, um Störungen auszuschalten. Das Segelboot ersetzen wir im Versuch durch einen kleinen Rollwagen mit geringer Reibung. Die Rolle des blasenden Seglers übernehmen entweder ein offener Luftballon oder ein Fön. Die physikalisch einfachste Möglichkeit, sich mit Hilfe des Impulssatzes fortzubewegen, bietet das Rückstoßprinzip (Abbildung 2), wie wir es von Raketen kennen. Dazu nehmen wir an, dass der Rollwagen sich nahezu reibungsfrei bewegen kann. Auf ihm steht eine Person mit einem Ball
5/2008 (39)

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

|

Phys. Unserer Zeit

|

241

?

Abb. 1 Ins eigene Segel blasen. Kann man sein Boot bewegen, indem man ins eigene Segel bläst?

nach rechts. Der Ball sei so leicht, dass dabei m P M gilt. Folglich bewegt sich der Wagen samt Person jetzt entgegengesetzt zur Flugrichtung des Balls. Trifft nun der Ball auf das als starr angenommene Segel, dann wird er wie an einer Wand reflektiert. Aus unserer Annahme m P M folgt u P v, und damit können wir das wandartige Segel in diesem Moment als näherungsweise ruhend annehmen. Damit ist die Geschwindigkeit des Balls nach der Reflexion v* = –v. Nach dem Impulssatz kehrt sich nun die Bewegungsrichtung des Wagens mitsamt Person um: (0 =) mv + Mu = –mv + Mu* Impuls vor = Impuls nach Treffer ins Segel Treffer ins Segel (3)

der Masse m. Die Gesamtmasse des Wagens plus Person sei M. Der Wagen befinde sich anfangs in Ruhe, also beträgt der Gesamtimpuls pges des Systems Null in Bezug auf das Labor. Nun wirft die Person den Ball mit der Geschwindigkeit v nach links. Eine Bahnkrümmung durch die Gravitation und die Luftreibung seien vernachlässigt. Aufgrund der Impulserhaltung 0 = (m + M)⋅0 = mv + Mu Impuls vor Wurf = Impuls nach Wurf (1)

und für die Geschwindigkeit des Wagens nach dem Stoß ergibt sich: ⎛ m⎞ u* = ⎜ ⎟ v = – u. ⎝ M⎠ (4)

führt dies zu einem Rückstoß. Der anfangs ruhende Wagen mit der Person (Masse M) bewegt sich nach dem Wurf mit der Geschwindigkeit ⎛ m⎞ u = –⎜ ⎟ v ⎝ M⎠ (2)

ABB. 2

|

BA L LW U R F I N S „ S EG E L “
v m

m

v v*= -v v

M

u

u*= -u

Rollwagen

Ein Ballwerfer auf einem Rollwagen demonstriert das Rückstoßprinzip. Links: Phase nach dem Ballwurf, rechts: nach Reflexion des Balls am zur starren Wand vereinfachten „Segel“. ABB. 3

|

A N T R I E B M I T BA L LO N
u* v m Ballon Ballon u M

?
Ballon

Fortbewegung eines Rollwagens durch einen Luftballon ohne (links) und mit (rechts) Segel.

Nach diesem einfachsten Modell erwarten wir somit, dass sich der Wagen tatsächlich fortbewegt, wenn sein „Fahrer“ einen Ball gegen das (starre) Segel wirft. Nun schauen wir uns die Situation an, bei der eine Luftströmung den Ball ersetzt. Die einfachere Form des Rückstoßprinzips ohne Segel nutzen zum Beispiel Spielzeugautos, die von einem Luftballon angetrieben werden (Abbildung 3 links). Um nun unsere Variante mit Segel physikalisch grundlegend zu verstehen, können wir versuchen, unser Beispiel des Ballwurfs anzupassen. Wir stellen uns also die Frage, ob es möglich ist, einen Rollwagen (Masse M, zunächst vernachlässigte Bodenreibung) dadurch fortzubewegen, dass die ausströmende Luft eines aufmontierten Luftballons auf dessen starres Segel trifft (Abbildung 3 rechts). Dazu erweitern wir unser einfaches Bild, indem wir die Luftmoleküle als viele kleine Bälle betrachten, die nacheinander in Richtung Segel „geworfen“ werden. Addieren wir die Impulse vieler Moleküle, dann kommen wir vom einzelnen Ball zum reflektierten Luftstrom: Ganz analog erwarten wir dabei ebenfalls, dass der Wagen sich fortbewegt. Im Experiment müssen wir jedoch feststellen, dass der Wagen ohne Segel (Abbildung 3 links) zwar sofort rollt, der mit Segel ausgerüstete (rechts) bleibt jedoch unerwartet stehen. Der negative Ausgang des Experiments könnte mehrere Ursachen haben. Zum einen spielt sicher die Reibung der Räder eine Rolle, die wir im Experiment nicht völlig vernachlässigen dürfen. Außerdem ist wohl unser Bild der Luftströmung als Strom geworfener Bälle, die nicht untereinander wechselwirken, zu naiv. Wir müssen uns also die Strömung genauer anschauen. Dazu zählen natürlich die Zahl der pro Zeiteinheit auf das Segel einfallenden Moleküle und die (mittlere) Strömungsgeschwindigkeit der Luft – aber
© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

242

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2008 (39)

www.phiuz.de

SCHUBUMKEHR

|

PH YS I K D I DA K T I K

auch die Geometrie des stationären Strömungsfelds, das sich einstellt. Diese Geometrie weicht von unserem zu einfachen Bild eines geraden Stroms geworfener und reflektierter Bälle ab.

ABB. 4

|

STRÖMUNG

Vom Ballon zum Fön
In der Luftfahrt nutzen die meisten Triebwerke heute das Rückstoßprinzip in Form von Luft ansaugenden Turbinen. Das grundlegende Prinzip verdeutlicht ein Fön. Im Gegensatz zum Luftballon oder Raketentreibsätzen haben Föns genau wie Flugzeugturbinen zusätzlich zum wegströmenden Gas auch einen Zustrom durch eine Ansaugöffnung. Dieser muss im Impulsübertrag berücksichtigt werden. Wäre die Winkelverteilung der einströmenden Luft genauso gerichtet wir die der ausströmenden Luft, so gäbe es klarerweise keinen Impulsübertrag: Der Fön könnte keinen Rückstoß (Schub) erzeugen und wäre für einen Vortrieb unseres Rollwagens nicht geeignet. Ruht der Fön jedoch oder bewegt sich nur langsam, dann strömt beim Ansaugen die Luft nahezu isotrop aus allen Raumrichtungen ein (nur der Fön oder das Triebwerk selbst blenden einen gewissen Teil des Raumwinkels aus). Die Ausströmung ist dagegen gerichtet. Daraus resultiert ein Schub, der einen Rollwagen ohne Segel jederzeit antreiben sollte. Im Experiment können wir das auch beobachten. Allerdings gelingt es erst mit einer stark modifizierten Geometrie des Segels, die wir später vorstellen. Mit einer planen Wand als „Segel“ fährt der Wagen nicht. Für das Misslingen dieses Experiments ist unsere Annahme einer rein korpuskularen Luftströmung offenbar zu simpel. Die Reibung macht zudem auch jegliche Wirkung eines schwachen Restschubs zunichte, sofern es diesen geben sollte.

Realistische Form der Strömung bei Anblasen eines starren Segels.

völlig inelastisch einen Impuls mv überträgt, ergibt sich mit der Massendichte ρ = n · m eine Kraft F = n · m · v2 · A = ρ · v 2 · A. (5)

Diese Widerstandskraft ist beim elastischen Impulsübertrag am starren Segel doppelt so groß (2mv). Die moderne Strömungstheorie kommt zu einem ähnlichen Ausdruck: F = cw · (1/2) · ρ · v2 · A, (6)

Von Korpuskeln zur Strömungstheorie
Die theoretische Beschreibung über den Impulsübertrag einzelner Moleküle wird auch als Newtonscher Ansatz bezeichnet. Fliegen n Moleküle pro Volumeneinheit mit der Geschwindigkeit v auf eine Fläche A, dann treffen n·A·v Teilchen pro Zeit auf diese Fläche. Wenn jedes von ihnen

wobei der dimensionslose Parameter cw, der Widerstandsbeiwert, ein Maß für die aerodynamische Form des umströmten Körpers ist. Für ein starres unter 90° angeströmtes Segel ist cw = 1,12. Im Detail hängt cw von der Strömungsart (laminar oder turbulent) und der Reynolds-Zahl ab. Offensichtlich ist diese Kraft deutlich geringer als es die rein korpuskulare Theorie annehmen lässt. Dennoch ist sie vorhanden, so dass prinzipiell ein Antrieb bei Anströmen eines starren Segels beobachtbar sein sollte. Abbildung 4 zeigt den realistischen Strömungsverlauf, wie ihn die moderne

ABB. 5

|

R A K E T E N WAG E N

Raketentriebsatz vor einem Segel aus zwei Konservendosenhälften, rechts: Strömungsverlauf.

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

www.phiuz.de

5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

243

Strömungstheorie erwarten lässt. Während die korpuskulare Theorie einen Impulsübertrag Δp = 2mv annimmt (Abbildung 3 rechts), ist er beim realistischeren strömungstheoretischen Modell deutlich niedriger: Δp = (1+x)mv mit dem dimensionslosen Parameter x < 1, der insbesondere auch die Wechselwirkungen der Luftmoleküle berücksichtigt. Bei kleinen x-Werten ist es daher wahrscheinlich, dass Restreibung die Bewegung bei Anströmen des Segels verhindert.

der Einsatz eines Paddels zweifelsohne erheblich wirkungsvoller.

Schubumkehr bei Flugzeugtriebwerken
Die Turbojet- oder Turbofantriebwerke eines modernen Verkehrflugzeugs saugen Luft an, verdichten sie und verbrennen Treibstoff mit dem Sauerstoff. Die heißen, expandierenden Gase erzeugen den Schub (siehe „Internet“ auf S. 241 und [2]). In Turbofantriebwerken wird ein Teil der angesaugten Luft um den Verbrennungsraum herum geführt. Das Ausstoßen dieser ebenfalls verdichteten Luft sorgt für den Hauptschub. Unser „Münchhausen-Effekt“ kommt nun bei der Landung zum Einsatz, bei der Flugzeuge verschiedene Bremstechniken kombinieren. Dazu zählen Bremsen an den Rädern, aerodynamische Bremsen und aktive antriebsgebundene Techniken. Letztere werden unter dem Stichwort Schubumkehr zusammengefasst und basieren auf dem hier diskutierten physikalischen Prinzip [3]. Seit den 1960er Jahren sind sie Standard. Bei Schubumkehr ändern die Triebwerke nicht etwa ihren Rotationssinn, stattdessen sorgen mechanische Hilfsmittel analog zu unserem „Segel“ dafür, dass der erzeugte Schub seine Richtung umkehrt. So wird aus einer Beschleunigung eine Bremsverzögerung. In kommerziellen Düsenflugzeugen werden dazu zwei Arten geometrischer Hindernisse eingesetzt, Kaskaden und Schubumkehrklappen (Clam shells [4]). Bei Unterflügeltriebwerken werden aus Platzgründen nur Kaskaden eingesetzt. Sie bestehen aus einer Vielzahl von kleinen Ablenkblechen, die in die Seite der Triebwerksverkleidung eingebaut sind (Abbildung 6 links). Im normalen Betrieb mit Vorwärtsschub sind die Bleche innen und außen weggeklappt oder abgedeckt. So kann die den Hauptschub erzeugende Bypass-Luft ungehindert durch das Triebwerk strömen. Wenn die Schubumkehr nach dem Aufsetzen bei der Landung eingeschaltet wird, klappt sie die Kaskadenbleche in diesen Luftstrom hinein und öffnet eine Verkleidung an der äußeren Triebwerksverkleidung. Das lenkt die Luft in die Bewegungsrichtung des Flugzeugs um (Abbildung 6 rechts), so dass sie nun bremst. Diese Anordnung entspricht unserem Segelboot oder Rollwagen mit starrem, angeströmtem Segel. In der Schubumkehr erreicht der abbremsende Schub zwischen 20 und 30 % des Vorwärtsschubs des Triebwerks. Als Passagier kann man die Kaskaden zwar von den meisten Plätzen aus nicht sehen, aber man hört die Richtungsumkehr der Strömung am charakteristischen Geräusch. Es ist klar, dass die Schubumkehr erst nach Aufsetzen des Fahrwerks aktiv werden darf. Im Flug würde sie zur Katastrophe führen. 1991 stürzte ein Passagierflugzeug ab, weil ein Programmfehler sie im Flug initiierte. Ein solcher Unfall ist heute ausgeschlossen.

Erhöhung des Schubs
Um den Rollwagen mit Segel in Bewegung zu versetzen, sind drei Modifikationen des Aufbaus denkbar: • Erniedrigung der Restreibung, zum Beispiel durch eine Luftkissenbahn; • Erhöhung des Schubs durch stärkere gerichtete Strömungsquellen wie Raketentreibsätze oder Pressluftantrieb; • Erhöhung des Schubs durch eine Umlenkung der Anströmung mit einem anders geformten Segel. Tatsächlich ist es mit allen drei Änderungen möglich, das Experiment erfolgreich durchzuführen [4]. Wie erwartet, setzt sich der Rollwagen durch das „Blasen“ ins eigene Segel in Bewegung. Abbildung 5 zeigt eine Variante mit einem Raketentreibsatz, der in ein „Segel“ zielt, das aus zwei Zylinderhälften einer Konservendose besteht. Es erinnert mit seinem Querschnitt (Abbildung 5 rechts), der in der Mitte die Strömung wie eine Schneide teilt und nach beiden Seiten umlenkt, an die Schaufelform von Pelton-Wasserturbinen. Die zweiseitige Umlenkung sorgt für einen höheren Schub. Wer den Versuch nachbaut, sollte beim Raketentreibsatz natürlich auf keinen Fall Holzteile als Segel benutzen, wegen der Brandgefahr. Anhand dieser Versuche können wir also bestätigen, dass man sich – im Prinzip zumindest – durch das Blasen ins eigene Segel mit seinem Boot fortbewegen kann, sofern man die Reibung im Wasser überwindet. Allerdings wäre

ABB. 6

|

SCHUBUMKEHR

Prinzip der Kaskadenschubumkehr. Links: Normalbetrieb mit Vorwärtsschub; rechts: Bei der Schubumkehr wird die Bypass-Luft in die Bewegungsrichtung des Flugzeugs umgelenkt, so dass das Triebwerk nun bremst. 244 Phys. Unserer Zeit 5/2008 (39) www.phiuz.de © 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

|

|

SCHUBUMKEHR

|

PH YS I K D I DA K T I K

Die Autoren
Michael Vollmer, geb. 1957, Studium der Physik in Heidelberg, dort Promotion und Habilitation, seit 1994 Professor für Experimentalphysik an der FH Brandenburg.

Klaus-Peter Möllmann, geb. 1956, Studium der Physik in Berlin, dort Promotion und Habilitation, seit 1994 Professor für Experimentalphysik an der FH Brandenburg.

Abb. 7 Das Foto zeigt die offenen Kaskaden eines RollsRoyce-Triebwerks während der Landung. (Foto: Rolls Royce, aus [2].)

Frank Arnold, geb. 1964, Studium der Physikalischen Ingenieurwissenschaften in Berlin, dort Promotion, nach Mitarbeit an der DLR seit 1999 bei Rolls Royce in Dahlewitz. Anschriften Prof. Dr. Michael Vollmer und Prof. Dr. Klaus-Peter Möllmann, Fachhochschule Brandenburg, Magdeburgerstr. 50, D-14770. vollmer@fh-brandenburg.de, moellmann@fh-brandenburg.de Dr. Frank Arnold, Rolls-Royce Deutschland Ltd & Co KG, Eschenweg 11, D-15827 Blankenfelde-Mahlow.

Zusammenfassung
Kann man sich mit seinem Segelboot fortbewegen, indem man ins eigene Segel bläst? Der Impulssatz erlaubt diesen an Münchhausen erinnernden Effekt. Das demonstriert ein vereinfachtes Gedankenexperiment, bei dem der Segler durch den Werfer eines Balls und das Segel durch eine starre Wand ersetzt wird. Allerdings ergibt die naive Theorie, die Luftmoleküle als ballähnliche Korpuskeln auffasst, einen zu hohen Impuls des reflektierten Luftstroms. Eine realistische Beschreibung liefert die moderne Strömungstheorie. Ihre Resultate sind experimentell erfolgreich umsetzbar. Technisch angewendet wird das Prinzip in der Schubumkehr von Flugzeugtriebwerken.

Stichworte
Münchhausen-Effekt, Segeln, Impulssatz, Rückstoß, Strömungstheorie, Schubumkehr, Flugzeugtriebwerk.

Literatur
[1] B. D. Anderson, The physics of sailing, Sheridan House, Dobbs House, New York 2003. [2] The Jet Engine, Rolls-Royce, 5th ed., Rolls Royce, Dahlewitz 2005. [3] de.wikipedia.org/wiki/Schubumkehr [4] M. Vollmer, K.-P. Möllmann, F. Arnold, Phys. Educ. 2007, 42, 369.

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

www.phiuz.de

5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

245

DOI: 10.1002/piuz.200801177

Leuchtende Plasmabälle im Labor

Künstlicher Kugelblitz
G ERD F USSMANN Kugelblitze tauchen in vielen Schilderungen auf. Ob sie in der Natur tatsächlich vorkommen, ist bislang unbewiesen. Neue Laborexperimente rücken ihre Existenz durchaus in den Bereich des Möglichen. Derzeit kann man autonom leuchtende Plasmabälle auf zwei unterschiedliche Arten erzeugen. Auch ohne Bezug zum umstrittenen Naturphänomen bieten sie hochinteressante Physik.
Lampen in großer Entfernung oder schlicht Lichtreflexe von gewöhnlichen Blitzen handeln könnte.

Laborexperimente
Ein erster wichtiger Schritt zum wissenschaftlichen Beweis ist die Fähigkeit, derartige Objekte im Labor erzeugen und dort untersuchen zu können. Hier brachten die letzten Jahre beachtliche Fortschritte, über die ich im Folgenden berichte. Bei diesen Experimenten müssen wir grundsätzlich zwischen autonomen und nichtautonomen Objekten unterscheiden. Ein autonomes Objekt wird nur während einer kurzen Anfangsphase von außen mit Energie versorgt. Nichtautonome Objekte dagegen beziehen während der gesamten Dauer ihrer Erscheinung aus einer externen Quelle Energie, etwa in Form von Mikro- oder Radiowellen. Naturgemäß lassen sich nichtautonome Objekte leichter über längere Zeitspannen im Labor erzeugen. Sie benötigen jedoch einen einschließenden Hohlraum, denn nur so steht der leuchtenden Kugel auf ihrer Wanderung durch diesen Raum überall elektromagnetische Energie zur Verfügung. Eindrucksvoll sind die Versuche von Yoshi-Hiko Ohtsuki und Hideho Ofuruton von der Waseda-Universität in Tokio aus den frühen 1990er Jahren [4]. Ihnen gelang es, in einem Hohlraum leuchtende Kugeln von etwa 2 cm Durchmesser dicke Glasscheiben scheinbar durchdringen zu lassen. Dabei erzeugte eine Mikrowelle das leuchtende Objekt in Luft ständig neu. Da Mikrowellen problemlos durch Glasscheiben laufen, konnte das Objekt auf der anderen Seite der Scheibe wieder erstehen. Tatsächlich könnte unter Umständen der Innenraum eines Flugzeugs für Wel-

M

it seinen so denkwürdigen wie gefährlichen Drachenflugexperimenten gelang es Benjamin Franklin (1706 -1790) im Jahr 1752, die elektrische Natur der Blitze nachzuweisen. Seitdem wissen wir, dass Blitze elektrische Entladungen in der Atmosphäre sind. Begeistert von Franklins Experimenten führte Georg Wilhelm Richmann (17111753), ein deutschbaltischer Professor für Physik, im darauf folgenden Jahr ähnliche Untersuchungen in seinem Haus in Petersburg durch. Sie nahmen leider ein schlimmes Ende, denn er wurde von einem Blitz getötet. Später hieß es, es sei dies kein gewöhnlicher Blitz gewesen, sondern ein Kugelblitz. Seitdem gilt dieses Phänomen als besonders gefährlich. Aber gibt es Kugelblitze überhaupt? Augenzeugen, die solche gesehen haben wollen, gibt es seit Jahrhunderten. Die Prominenten unter ihnen reichen von Seneca über Karl den Großen bis hin zu wissenschaftlich sehr ernst zu nehmenden Beobachtern wie Niels Bohr oder Pjotr Kapiza. Der Moskauer Physiker Boris Smirnov hat annähernd fünftausend Beobachtungen ausgewertet [1]; eine jüngere Analyse gibt es von John Abrahamson von der University of Canterbury in Christchurch (Neuseeland) [2]. Danach werden Kugelblitze zumeist als orange bis weiß leuchtende Kugeln von etwa 20 cm bis 1 m Durchmesser beschrieben, die für mehrere Sekunden in der Nähe des Bodens dahinschweben. Gelegentlich sollen sie sogar Fensterglasscheiben durchdringen oder entlang von Hochspannungskabeln laufen. Im Internet kann man zahlreiche Photos und Filme derartiger Erscheinungen besichtigen. Die Zeitschrift Physics World veröffentlichte 2007 eine populärwissenschaftliche Zusammenfassung der verschiedenen Beobachtungen und der sich darum rankenden Theorien [3]. Aber trotz des umfangreichen Materials, das inzwischen vorliegt, gilt nach wie vor: Ein wirklich in jeder Hinsicht überzeugender Beweis für die Existenz von Kugelblitzen fehlt bislang. Bei den Photos beispielsweise bleibt oft unklar, ob es sich nicht auch um leuchtende Gaswolken,

246

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2008 (39)

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

KUGELBLITZE

|

PL A S M A PH YS I K

lenlängen von einigen Metern einen geeignet einschließenden Hohlraum bilden. Generell dürfte es jedoch äußerst unwahrscheinlich sein, dass Kugelblitze in der Natur mehrere Sekunden lang auf eine externe Energiequelle zurückgreifen können. Autonome Gebilde benötigen stattdessen einen inneren Energiespeicher, aus dem sie die Lichtproduktion speisen können. Für diesen Speicher müssen wir mindestens drei verschiedene Möglichkeiten in Betracht ziehen: elektrisch, magnetisch sowie chemisch gespeicherte Energie. Insbesondere die magnetische Variante wurde lange Zeit von Theoretikern favorisiert. Man kann sich schließlich gut vorstellen, dass ein Blitzeinschlag in einem Festkörper einen hohen Strom induziert, der seinerseits ein starkes Magnetfeld erzeugt. Andererseits war aber auch klar, dass es keineswegs trivial ist, ein so kurzzeitiges Phänomen wie einen gewöhnlichen Blitz mit einer charakteristischen Dauer von einigen Mikrosekunden in eine Langzeiterscheinung von mehreren Sekunden zu transformieren. Ein Beispiel mag das verdeutlichen: Wenn ein hochenergetischer Elektronenstrahl in die Atmosphäre eintritt, bringt er sie zum Leuchten. Die Elektronen regen die Luftmoleküle an, und diese angeregten Zustände zerfallen spontan und senden dabei Licht aus. Schaltet man jedoch einen solchen Strahl ab, so verschwindet die Lichtemission nach wenigen Mikrosekunden. Das ist auch verständlich, denn die typische Lebensdauer der angeregten Teilchen liegt lediglich zwischen einigen Nanosekunden und einer Mikrosekunde. Anregungsniveaus mit längeren Lebensdauern – metastabile Niveaus – existieren zwar auch. Da es sich jedoch um „verbotene“ Übergänge handelt, ist ihre Lichtproduktion generell sehr schwach. Zudem sind unter atmosphärischen Bedingungen die Teilchendichten hoch, was das langlebigere Leuchten nochmals stark reduziert, weil die zahlreichen Stöße diese Niveaus sehr schnell entvölkern. Vor diesem Hintergrund erstaunt es sehr,dass in den letzten Jahren zwei gänzlich verschiedene Methoden entdeckt wurden, die eine Herstellung autonomer Langzeitgebilde erlauben. Das eine Verfahren entwickelten Antonio Pavão und Gerson Silva Paiva mit ihrer Gruppe an der Universidade Federal de Pernambuco im brasilianischen Recife [5]. Dieses Experiment stieß auf breite öffentliche Resonanz. Die zweite Methode entdeckte 2001 Genadii Shabanov [6] in Sankt Petersburg. Diese analysierten wir in der von mir geleiteten Max-Planck-Arbeitsgruppe für Plasmaphysik an der Humboldt-Universität zu Berlin und entwickelten sie weiter. Im Folgenden stelle ich zunächst das erste Verfahren kurz vor und gehe dann auf die Experimente vom zweiten Typ genauer ein.

Gerd Fußmann (links, mit Handspektroskop) und Burkhardt Jüttner erzeugen durch elektrische Entladung aus einem Tropfen Wasser einen Plasmaball (Foto: © Norbert Michalke).

beiden Elektroden auf die richtige Art und Weise getrennt werden. Bei etwa jedem dreißigsten Versuch bildet sich eine weiß leuchtende Kugel von der Größe eines Tischtennisballs. Sie dreht sich, rollt über den Boden und wechselt erratisch die Richtung. Diese Kugeln können bis zu 8 s lang existieren, wobei die Kugelgestalt nicht unbedingt erhalten bleibt (Videos siehe „Internet“ unten). Internetvideos scheinen auch Berichte zu bestätigen, nach denen die Gebilde sogar unter am Boden liegenden Kabel hindurch „kriechen“ können, in dem sie sich platt strecken. Die Brasilianer sind der Auffassung, dass die Kugeln aus einem Aereosol aus Silizium-Nanopartikeln bestehen und ihre Leuchtenergie aus der Verbrennung von Silizium zu Quarz (SiO2) beziehen. Versuche mit anderen Materialien sind bislang allesamt fehlgeschlagen – nur reines Silizium führt zum Erfolg. Dies ist in der Natur jedoch nicht zu finden, weshalb es zunächst zweifelhaft erscheint, dass ein solcher Prozess tatsächlich zu natürlichen Kugelblitzen führen könnte. Die Brasilianer machen jedoch aufgrund früherer theoretischer Untersuchungen [7] geltend, dass bei einem Blitzeinschlag in Sand durchaus reines Silizium entstehen könnte: Das sei durch instantanes Verbrennen von Quarz

INTERNET

|

Leuchtkugeln aus Silizium-Aerosol
Bei der von den Brasilianern entwickelten Methode wird kurzzeitig ein elektrischer Bogen gezündet, der aus einem dünnen Silizium-Plättchen etwas Material verdampft. Wie Pavão und Paiva betonen, kommt es sehr darauf an, dass die
© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Weitere Information und Videos zu den Berliner Plasmakugeln plasma.physik.hu-berlin.de Videos zu den brasilianischen Experimenten mit Kugeln aus Silizium-Aerosol netserver.aip.org/cgi-bin/epaps?ID=E-PRLTAO-98047705

www.phiuz.de

5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

247

ABB. 1

|

E X PE R I M E N T

Schema des Experiments.

möglich, wenn kohlenstoffreiche Materialien, also etwa Holz, zugegen seien. Angesichts solcher Fakten sind nicht Wenige der Auffassung, dass damit die Existenz von Kugelblitzen hinreichend belegt sei. Wenn man an diesen wirklich beeindruckenden Experimenten etwas aussetzten möchte, bleiben – abgesehen von der Frage, ob sich tatsächlich reines Silizium bei einem Blitzeinschlag bilden kann – nur zwei Unstimmigkeiten. Erstens sind die Kugeln mit etwa 1 bis 4 cm Durchmesser relativ klein und liegen somit weit unterhalb der 20 bis 100 cm der meisten Augenzeugenberichte. Zweitens rollen die Kugeln über den Boden, während die Augenzeugen eher von schwebenden Objekten berichten. Folglich scheint die Dichte der Kugeln aus Silizium-Aerosol höher als im Falle der Naturerscheinungen zu sein. Es bleibt abzuwarten, ob es durch Abänderung der Versuchsbedingungen gelingen wird, diese Inkonsistenzen auszuräumen.

1 mF + 5 kV

Gleitentladungen an Wasseroberflächen
Wenden wir uns nun der zweiten Kategorie von Experimenten zu, die auf Shabanov zurückgeht. Anton Egorov in Sankt Petersburg [8] und unsere Arbeitsgruppe [9] haben sie inzwischen eingehend untersucht. Abbildung 1 zeigt den Versuchsaufbau. In einen Wasserbehälter von der Größe eines gewöhnlichen Eimers tauchen zwei isolierte Hochspannungskabel ein, die an den Enden jeweils in eine metallische Elektrode übergehen. Die Elektrode am Gefäßboden ist ring- oder scheibenförmig und gewöhnlich der Pluspol, die oben positionierte Zentralelektrode – meist der geerdete Minuspol – dagegen zylindrisch. Letztere ist auf den letzten Zentimetern noch von einem Keramikröhrchen umgeben, das 2 bis 3 mm aus der Wasseroberfläche herausragt. Mit einem mechanischen Schalter schließen wir nun die Hochspannungsleitung. Danach liegt an den Elektrodenenden eine Gleichspannung von rund 5000 V an, die ein

etwa koffergroßer Kondensator mit 1 mF Kapazität liefert. Da die Dielektrizitätskonstante des Wassers hoch ist, fließt sofort ein starker Polarisationsstrom, der die positive Ladung vom Boden an die Oberfläche befördert. Dort liegt nun in der Nähe der Zentralelektrode ein hohes elektrisches Feld an, das innerhalb von 5 ms zu einem Spannungsdurchbruch führt. In den folgenden 100 ms fließt ein elektrischer Strom, der bei Verwendung von Leitungswasser (R ≈ 100 Ohm) anfänglich etwa 50 A beträgt und mit der Zeit exponentiell abklingt. Dabei entsteht ein leuchtendes „Plasmoid“ (Abbildung 2). Nach 100 bis 120 ms wird der Schalter automatisch wieder geöffnet und so der Stromfluss unterbrochen. Ab diesem Moment erhält das Plasmoid keine Energie von außen und wird zum autonomen Gebilde. Die Fotoserie in Abbildung 2 zeigt, wie sich während der Anfangsphase entlang der Oberfläche eine spinnenförmige Gleitentladung aufbaut: Dadurch fließt Ladung und Energie zur Zentralelektrode. Nach 0,1 Sekunden kann man eine hell leuchtende, kugel- oder auch pilzförmige Wolke von etwa 20 cm Durchmesser beobachten (Abbildung 3). Ihre Farbe bestimmen die im Wasser vorkommenden Salze. Gewöhnliches Leitungswasser enthält insbesondere Alkali(Na, K) und Erdalkali-Ionen (Ca, Mg, Sr), die auch die elektrische Leitfähigkeit des Wassers beeinflussen. Natrium färbt das Plasmoid gelb, Calcium weiß. Nach etwa 0,3 Sekunden verglimmt die Erscheinung als ringförmige Struktur. Wir beobachten also deutlich kürzere Leuchterscheinungen als bei den Experimenten mit Silizium. Gleichwohl sind auch 0,2 s noch eine sehr lange Zeit für die autonome Phase, die keineswegs einfach zu erklären ist. Wir sprechen von einem Plasmoid, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass es sich bei dem beobachteten Gebilde nicht um ein einfaches Gas handelt. Es besteht aus Materie, die zu einem gewissen Teil als Plasma vorliegt, sich also im vierten Aggregatszustand befindet (siehe „Plasma und Plasmoide“ auf S. 251). Der Aufbau der zentralen Elektrode bedarf noch einer näheren Erklärung. Sie besitzt oben eine kleine Mulde (Abbildung 4 rechts), in der sich ein Wassertröpfchen befindet. Nur diese kleine Menge von weniger als einem Gramm wird letztlich bei einer Entladung verdampft, dissoziiert und zu einem geringen Bruchteil auch ionisiert. Aus Wägungen ergibt sich ein Masseverlust von lediglich 0,1 g bei jeder Ent-

t = 2ms

t = 4ms

t = 10ms

Abb. 2 Entwicklungsphasen zu Beginn der Entladung.

248

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2008 (39)

www.phiuz.de

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

KUGELBLITZE

|

PL A S M A PH YS I K

ladung. Allerdings könnte auch mehr Wassermasse verdampfen und sich in der Endphase zum Teil als Kondensat wieder auf der Wasseroberfläche niederschlagen. Aus Messungen der Wassertemperatur vor und nach einer Reihe von Entladungen wissen wir, dass von der insgesamt umgesetzten elektrischen Energie von 8 kJ pro Entladung 5 kJ im Wasserbehälter verbleiben und somit nur 3 kJ für das Wassertröpfchen zur Verfügung stehen. Diese experimentellen Befunde passen auch recht gut zu thermodynamischen Modellrechnungen. Hiernach benötigt man eine Energie (genauer: Enthalpie = innere Energie + geleistete Ausdehnungsarbeit) von 3 kJ, um 0,2 g Wasser in eine Gaskugel von 10 cm Radius mit einer Temperatur von 3000 K zu verwandeln. Wenn wir diese Energie mit derjenigen eines gewöhnlichen Blitzes vergleichen, stellen wir fest, dass dieser über etwa die tausendfache Energie verfügt. Theoretisch könnte ein Blitz also auf ähnliche Weise eine Wassermenge von 100 g in eine leuchtende Kugel verwandeln, die immerhin 1 m Radius besitzt. Anscheinend passiert das jedoch bei einem Gewitter äußerst selten, sonst wären Kugelblitze – oder zumindest die zu unseren Versuchen analogen Erscheinungen – häufiger zu beobachten. Bei einem Blitzeinschlag in einen See können wir übrigens kein derartiges Phänomen erwarten. Hier wird die verfügbare Energie schnell in einem sehr großen Volumen dissipiert, so dass die erforderlichen Temperaturen von einigen 1000 K nicht erreicht werden. Umgekehrt ermöglicht es gerade die hier beschriebene Oberflächengleitentladung, eine verhältnismäßig große Energiemenge in eine kleine Materiemenge einzukoppeln.

Abb. 3 Pilzförmige Struktur während der autonomen Phase (t =150 ms).

Differenziert man die gemessenen radialen E-Felder als Funktion des Ortes, so ergibt sich aus der Poisson-Gleichung ∇ · E = ρel /ε0 die elektrische Ladungsträgerdichte ρel (ε0 ist die Dielektrizitätskonstante des Vakuums). Diese weist am Rande eine Doppelstruktur auf. Ganz außen finden wir die negativen Elektronen, weiter innen dagegen einen Überschuss an positiven Ionen. Genau das erwarten wir von einem Plasma: Die leichten und damit schnellen Elektronen laufen den schweren, langsamen Ionen voraus – können sich aber schließlich nicht beliebig von diesen entfernen, da das mit ihrem Abstand anwachsende E-Feld sie aneinander koppelt. Von großem Wert ist auch der in Abbildung 4 eingezeichnete pyroelektrische Sensor. Er gibt uns Auskunft über die insgesamt abgestrahlte Leistung. In Verbindung mit verschiedenen Filtern liefert er uns zudem die wichtige Information, dass der Anteil der Infrarotstrahlung nach Erreichen eines Maximums der Gesamtstrahlung nach 150 ms rasch zunimmt: Das weist auf die Bildung von Molekülen hin.

Diagnostische Methoden
Wir messen die Temperatur und viele andere Parameter des Plasmoids mit Hilfe von Diagnostiken, die Abbildung 4 zeigt. Neben den Spannungs- und Strommessungen setzen wir auch verschiedene Sonden ein. Elektrische Einfach- und Doppelsonden erlauben es uns, lokal das Potential und die elektrische Feldstärke zu messen. Damit fanden wir, dass die elektrischen Felder keineswegs ausreichen, um die während der autonomen Phase abgestrahlte Energie von rund 700 Joule zu erklären. Wir konnten auch keine magnetischen Felder nachweisen. Also bleibt als Energiespeicher allein chemische Energie übrig.

t = 22ms

t = 32ms

t = 72ms

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

www.phiuz.de

5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

249

ABB. 4

|

V E R S U C H SAU F BAU

pyroelektrischer Sensor thermoelektrischer Sensor elektrische Sonde Wand
Kamera Kamera Laser Laser

r

Plasmoidkugel

Spektrometer

zentrale Elektrode Ringelektrode

Schalter
Wassertropfen

V

Triggerleitung

Keramikrohr Kupferdraht

Isolator

Schema des Experiments mit Diagnostiken, rechts sind Schalter, Kondensator und Hochspannungsgenerator als Schaltsymbole eingezeichnet. Der Glasbehälter hat 25 cm Durchmesser und ist 25 cm hoch, er enthält Leitungswasser oder eine wässrige Salzlösung. Die Projektionswand ist etwa 5 m von den Laserpointern (nur einer eingezeichnet) entfernt. Links unten: Die zentrale Elektrode im Detail, sie hat 10 mm Durchmesser und ist 50 mm hoch.

Nun kommt das ebenfalls sehr wichtige, hochauflösende Echelle-Spektrometer ins Spiel (Abbildung 4). Die mit ihm aufgenommenen Spektren liefern uns unter anderem genauere Informationen über diese molekülbildenden Prozesse. Abbildung 5 zeigt ein typisches Spektrum: Es enthält Linien von verschiedenen Atomen und Ionen, zeigt aber auch Molekülbanden von OH und CaOH. Die Linienintensitäten des neutralen Kalziumatoms kann man auch zur Temperaturbestimmung heranziehen. Die angeregten Niveaus, die beim Abstrahlen diese Linien erzeugen, liefern eine Information über die Temperatur der freien Elektronen im Plasma. Nur diese sind mit ihrer hohen Geschwindigkeit nämlich in der Lage, durch Anregungsund Abregungsstöße die Population der gebundenen Elektronen im Atom zu verändern. Wie wir unsere Analyse der Spektren im Detail durchführten, lässt sich auf www. phiuz.de unter „Zusatzmaterial zu den Heften/Downloads“ nachlesen. Sie ergibt eine Temperatur der freien Elektronen als Funktion der Zeit, die von anfänglich 5000 K auf etwa 2000 K gegen Ende der autonomen Phase sinkt. Grundsätzlich können die Temperaturen der Elektronen, der Atome und Moleküle sowie der Ionen allesamt verschieden sein. Bei unserem Plasmoid könnte man durchaus vermuten, dass die Teilchendichte zu gering sei, um in der
250

kurzen Zeit die Temperaturen der verschiedenen Teilchensorten über Zusammenstöße ausgleichen zu können. Die Neutraltemperatur, gewöhnlich als Gastemperatur bezeichnet, beschreibt als Parameter einer Maxwell-Verteilung die Geschwindigkeitsverteilung der Teilchen und darüber hinaus die Besetzung der Rotations- und Schwingungsniveaus in den Molekülen. Diese könnte in unseren Experimenten weit unterhalb der Elektronentemperatur liegen. Die elektromagnetische Energie wird nämlich primär in die Elektronen eingekoppelt, sie überträgt sich erst danach über die Stöße auf die übrigen Teilchen. Dies ist jedoch nicht der Fall, wie wir mit einem ganz anderen Verfahren der Temperaturmessung feststellten. Es beruht auf der Ablenkung von Laserstrahlen durch den unterschiedlichen – letztlich temperaturabhängigen – Brechungsindex, den der Innenbereich und die Randschichten des Plasmoids besitzen. Dazu ordneten wir zwanzig Laserpointer so an, dass sie durch die Leuchtkugeln hindurch auf eine 5 m entfernte Wand zielten (Abbildung 4). Während des Experiments filmten wir ihre Projektionspunkte mit einer Hochgeschwindigkeitskamera (500-2000 Bilder/s). Wir beobachteten dabei Auslenkungen von bis zu 1,5 cm, sobald das Plasmoid beim Aufstieg den Strahlengang durchquerte. Das Plasmoid wirkt dabei wie eine Zerstreuungslinse, folglich muss sein Brechungsindex im Inneren kleiner als der Brechungsindex der umgebenden Luft sein. Er nimmt ab, weil sich die Teilchendichte im heißen Plasmoid verringert. Teilchendichte, Temperatur und Druck sind durch das ideale Gasgesetz verknüpft, und die Ausdehnung des Plasmoids erfolgt weitgehend isobar. Um das Temperaturprofil damit quantitativ auswerten zu können, benötigen wir noch den Zusammenhang zwischen dem Ablenkwinkel der Laserstrahlen und dem Brechungsindex als Funktion des Radius unseres Plasmoids. Für dieses nehmen wir eine symmetrische Kugelgestalt an. Das Auswerteverfahren ist wieder im Detail auf www.phiuz.de unter „Zusatzmaterial zu den Heften / Downloads“ dargestellt. Mit dieser Temperaturmessung per Laser kommen wir auf Temperaturen von rund 900 K für den äußeren Rand des Plasmoids, während sie im inneren Bereich bei etwa 3000 K liegen. Damit erreicht die Gastemperatur in etwa die gleichen Werte, wie wir sie schon zuvor für die Elektronen gefunden haben. Es bestätigt sich, dass wir es mit einem Plasma im sogenannten lokalen thermodynamischen Gleichgewicht zu tun haben. Wir erwarteten das auch, weil die Teilchendichten dafür hoch genug sind. Die erhöhte Temperatur im Kernbereich liefert zudem eine Erklärung für den topologischen Übergang von einer Kugel zum Torus, der sich während der Endphase vollzieht. Der heiße Kern steigt schneller auf als die ihn umgebende kältere Hülle, so dass sich die Kugel verformt. Sie wird an der Oberseite komprimiert, während an der Unterseite kalte Luft nachströmt. Dadurch nimmt das Plasmoid zunächst eine Pilzform an und wird schließlich durch die Konvektion zu einem ringförmigen Gebilde. Ähnliches scheint auch bei Explosionen in der Atmosphäre zu passieren.
© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2008 (39)

www.phiuz.de

KUGELBLITZE

|

PL A S M A PH YS I K

Es sollte schließlich nicht unerwähnt bleiben, dass die Strahlablenkung in der äußersten Randzone einige Rätsel aufgibt. Wir beobachten hier eine Dispersion: Durch sie werden rote und grüne Laserstrahlen unterschiedlich stark abgelenkt, was beim Durchleuchten von weiter im Inneren liegenden Stellen nicht der Fall ist. Dies legt den Verdacht nahe, dass das gesamte Gebilde von einer sehr dünnen Haut umgeben ist, die vermutlich aus Wasser besteht. Auf Fotos in hoher Auflösung ist sie zu erkennen (Abbildung 3). Das mag zudem erklären, warum ein gewöhnliches Blatt Papier bei der Berührung mit dem Plasmoid zwar angehoben wird, aber nicht in Brand gerät. Das durch die Wasserhaut bedingte erhöhte Gewicht könnte auch die relativ niedrige Auftriebsgeschwindigkeit von 0,8 m/s mit Modellrechnungen in Einklang bringen. Diese sagen sonst etwa doppelt so hohe Geschwindigkeiten vorher.

PL A S M A U N D PL A S M O I D E

|
Auf der Erde ist der Plasmazustand eher die Ausnahme. Er tritt in Blitzen, Polarlichter, Schweißflammen, Leuchtstoffröhren und anderen technologischen Plasmen auf. Im Kosmos ist er jedoch allgegenwärtig, da alle leuchtenden Sterne als Plasmen zu betrachten sind. Man könnte bei einem Stern prinzipiell auch von einem Plasmoid sprechen. Darunter versteht man ein kompaktes kugeloder ellipsoidförmiges Plasma. Diese Bezeichnung bezieht sich jedoch meist auf kleinere Gebilde, deren Gleichgewichtsform weniger durch Gravitation als vielmehr durch magnetische oder – wie hier – durch äußere Druckkräfte bestimmt wird.

Fazit und Ausblick
Durch Einsatz unterschiedlicher Messmethoden gelang es uns also, einige wesentlichen Merkmale der aufsteigenden Plasmoide zu erklären. Danach reicht die eingekoppelte Energie von 3 kJ aus, um aus einem kleinen Wassertropfen innerhalb der verfügbaren Zeit von 0,1 s einen schwach ionisierten Gasball (Elektronendichte zwischen 1020 und 1022 m–3, Ionisationsgrad ≈ 0,001) von 10 cm Radius mit Kerntemperaturen von 3000 K bis 5000 K entstehen zu lassen. Ähnlich wie in der Photosphäre der Sonne sind dabei die geringen Konzentrationen an Alkali- und Erdalkalimetallen die Lieferanten der freien Elektronen. Diese Elektronen sind für die Anregung eben dieser Atome und Ionen maßgeblich und bedingen die starken LeuchterscheinunABB. 5

Gewöhnlich hat man es in Physik und Chemie mit den drei Aggregatszuständen fest, flüssig und gasförmig zu tun. Durch Temperaturerhöhung gelangt man von fest über flüssig nach gasförmig, wobei Gase aus neutralen, freien Atomen oder Molekülen bestehen. Oberhalb von etwa 1000 K werden jedoch die Atome zunehmend zerstört und das Gas ionisiert. Freie Elektronen und positiv geladene Ionen verleihen diesem Plasma neue Eigenschaften, weshalb es auch als Materie im vierten Aggregatzustand bezeichnet wird. Obwohl ein Plasma, makroskopisch betrachtet, wieder neutral erscheint (quasineutral), verleihen ihm die freien Elektronen eine hohe elektrische Leitfähigkeit. Deshalb reagiert Plasma auch auf magnetische Felder.

gen in der Anfangsphase, die im sichtbaren Spektrum immerhin einer Glühbirne von 1500 W entsprechen würden. Während dieser Phase wird das Wasser dissoziiert. Die chemischen Prozesse, die dabei ablaufen, konnten wir im Einzelnen noch nicht sicher identifizieren. Vermutlich dominiert zunächst die Reaktion 2 H2O → H2 + 2 OH.

|

S PE K T R E N

λ / nm
© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim www.phiuz.de 5/2008 (39)

Spektren zu drei verschiedenen Zeiten bei Entladungen in Leitungswasser mit einem Zusatz von 0,3 g/l CaCl2. Ursache der besonders zu Anfang (oben) auftretenden Cu-Linien ist die zentrale Kupferelektrode. Zu späteren Zeiten (unten) treten OHund CaOH-Banden auf. Graue Balken: „blinde Flecken“ des EchelleSpektrometers.

Intensität

|

Phys. Unserer Zeit

|

251

Das OH-Radikal können wir nachweisen. Dieses kann dann nach OH + OH → H2O2 Wasserstoffperoxid bilden oder unter katalytischer Beteiligung eines weiteren Moleküls M, das den überschüssigen Impuls aufnimmt, gemäß Ca + OH (+M ) → CaOH (+M ) das ebenfalls beobachtete CaOH bilden. Befindet sich das Ca in einem angeregten, metastabilen Zustand 3P0, dann kann dieses Molekül alternativ aus Ca(3P0) + H2O2 → CaOH + OH hervorgehen. Nach genauer Auswertung der spektroskopischen Daten sehen wir diese Reaktion als wahrscheinlicher an [9]. Die von diesen angeregten Molekülen erzeugte Strahlung können wir also als Chemolumineszenz klassifizieren. Es verbleibt als eine der schwierigsten Aufgaben, die physikalische Ursache und die Skalierung für die Zeitkonstante der autonomen Phase von τ ≈ 0,1 s anzugeben: τ ist die eigentliche Abklingzeitkonstante, während der die Intensität auf 1/e ≈ 0,37 abfällt. Dieser Zerfall setzt erst mit der autonomen Phase ab t = 0,1 s ein. Strahlungsverluste allein würden wegen Prad < 3 kW bei einem Energieinhalt von W = 3 kJ eine Zeitkonstante von

Zusammenfassung
Ob Kugelblitze in der Natur existieren, ist bislang unbewiesen. Im Labor lassen sich ähnliche Phänomene produzieren. Besonders interessant sind autonome Objekte, die ohne externe Energiezufuhr leuchten. Derzeit gibt es zwei Methoden, diese im Labor zu erzeugen. Bei einer entstehen Leuchtkugeln aus Silizium-Aerosol, die bis zu 8 s lang existieren. Sie sind aber klein und schweben nicht, was den meisten Augenzeugenberichten über Kugelblitze widerspricht. Die zweite Methode erzeugt mit Elektroden in einem Wasserbehälter eine Gleitentladung an der Wasseroberfläche. Dabei entsteht ein Plasmoid, das etwa 0,3 s lang exisitert. Diese Kugel ist zunächst bis zu 20 cm groß. Sie steigt auf, verformt sich zu einem Pilz und schließlich zu einem Ring. Ihre Leuchtquelle ist chemische Energie. Solche Experimente können die Existenz von natürlichen Kugelblitzen allerdings noch nicht sicher beweisen.

Stichworte
Kugelblitz, Leuchtkugel, Silizium-Aerosol, Gleitentladung, Plasmoid.

Danksagung
Mein besonderer Dank gilt Prof. Dr. B. Jüttner, der das Projekt mit aufgebaut und vorangetrieben hat. A. Versteegh und St. Noack führten zahlreiche Messungen und Analysen im Rahmen ihrer Diplomarbeiten durch und halfen mir sehr bei diesem Artikel. Auch Dr. W. Bohmeyer und H.-J. Mans danke ich für ihre Unterstützung.

Literatur
[1] B. M. Smirnov, Physics Reports 1993, 224 (4), 151. [2] J. Abrahamson, A. V. Bychkov, V. L. Bychkov, Phil. Trans. R. Soc. Lond. A 2002, 360, 11. [3] E. Cartlidge, Physics World 2007, 5, 35. [4] Y. H. Ohtsuki, H. Oruruton, Nature 1991, 350, 139. [5] G. S. Paiva et al., Phys. Rev. Lett. 2007, 98, 048501. [6] G.D. Shabanov, Proc. 3rd Int. Conf. on Natural and Antropogenetic Aerosols, St. Petersburg 2001. [7] J. Abrahamson, J. Dinn, Nature 2000, 403, 519. [8] A.E. Egorov, S.I. Stepanov, G.D. Shabanov, Physics-Uspekhi 2004, 47, 99. [9] A. Versteegh et al., Plasma Sources Sci. Technol. 2008, 17, 024014.

τ = W/ Prad > 1s
erwarten lassen, können also nicht entscheidend sein. Wärmeleitungsverluste an der Oberfläche würden eine Abhängigkeit τ ~ r 2 (r: Kugelradius) bedingen, sind aber wegen der geringen Wärmeleitfähigkeit der Luft eher als unbedeutend einzuschätzen. Dagegen sind konvektive Verluste durch die turbulente Durchmischung kalter und heißer Zonen im Allgemeinen sehr effektiv. Sie treten als Folge der schon diskutierten inhomogenen Temperaturschichtung im Inneren des Plasmoids mit Sicherheit massiv auf. Leider gelang es uns bislang nicht, für die hierdurch bedingten Energieverluste eine realistische Abschätzung aufzustellen. Selbst die Skalierung dieser Verluste mit dem Kugelradius ist unbekannt. Deshalb können wir auch noch keine Aussage über eine eventuelle Zunahme der Lebensdauer für den Fall machen, dass die Plasmoidkugel einen Radius von 1 m erreichen sollte. So große Leuchtkugeln sind durchaus denkbar. Es gibt also noch Raum für viele Experimente an solchen Leuchtphänomenen. Vielleicht führen sie uns eines Tages zu einem Beweis, dass natürliche Kugelblitze keine optische Täuschung sind.

Der Autor
Gerd Fußmann, geb. 1942, studierte Physik in Darmstadt und Bochum, Diplom und Promotion an der Ruhr-Universität Bochum (1974). Wiss. Angestellter am Institut für Plasmaphysik in Garching (1975-1992). Habilitation an der Universität Augsburg. Seit 1993 Professor an der HumboldtUniversität zu Berlin und Direktor am Max-PlanckInstitut für Plasmaphysik. Seit Oktober 2007 im Ruhestand. (Foto: © Norbert Michalke.)

Anschrift: Prof. Dr. Gerd Fußmann, Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Physik, Newtonstr. 15, D-12489 Berlin. Gerd.Fussmann@physik.hu-berlin.de

252

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2008 (39)

www.phiuz.de

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

|
PH YS I K G E S T E R N U N D H EU T E

M AG A Z I N

|

Vom Experiment im Gartenlabor zum Nanoinstrument
Lange Zeit galt Röntgenstrahlung als nicht fokussierbar. Deswegen waren abbildende Instrumente wie Mikroskope oder Teleskope für diesen Bereich elektromagnetischer Strahlung nicht realisierbar. 1967 gelang mit dem holografischen Ansatz von Astronomen der Universitätssternwarte Göttingen der Durchbruch bei der Fertigung von Optiken für weiche Röntgenstrahlung. In den Folgejahren bauten sie das transmittierende Zonenplatten-Röntgenmikroskop (TXM), das heute ein wertvolles Instrument in der Nanotechnologie ist.
Wilhelm Conrad Röntgen äußerte bereits am 23. Dezember 1895 in seiner vorläufigen Mitteilung an die Physikalisch-Medizinische Gesellschaft zu Würzburg die Vermutung, dass Röntgenstrahlen unfokussierbar seien.[1] Die hohe Durchdringungsfähigkeit der „X-Strahlen“ dokumentierte er bei dieser Gelegenheit mit einer Aufnahme der linken Hand seiner Ehefrau Bertha (Abbildung 1). Die Fähigkeit, beliebige Materialien scheinbar ungehindert zu durchdringen, war lange Zeit die einzige nutzbare Eigenschaft der Röntgenstrahlung. Marie Curie (1867 – 1934) und ihrer Tochter Irène (1897 – 1956) entwickelten und organisierten die Etablierung mobiler Röntgenstationen im ersten Weltkrieg und brachten die medizinische Anwendung von Röntgenstrahlung so ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit. Bereits kurz vor dem ersten Weltkrieg wies eine Gruppe von Forschern, zu der auch der Münchener Max von Laue (1879 – 1960) gehörte, mit Beugungsexperimenten den Wellencharakter der Röntgenstrahlung nach, wobei die Wellenlänge im Nanometerbereich liegen musste. Dies ermöglichte es zwar nicht unmittelbar, Optiken für die neuartige Strahlung zu entwickeln, da die hohe Transmissionsrate die deutlich dominierende Eigenschaft zu sein schien; jedoch waren durch die Kenntnis der kurzen Wellenlänge die Dimensionen bekannt, die eine abbilden Beugungsoptik für Röntgenstrahlen haben musste. Konventionelle Brechungsoptiken aus Glas schieden aus, da der Brechungsindex von Glas für Röntgenstrahlung etwa dem der Umgebungsluft entspricht, was eine Fokussierung durch Brechung unmöglich macht. Der Kieler Biologe Hans Wolter (1911 – 1978) konzipierte 1952 unter Verwendung eines Optikansatzes aus der Astronomie, den 1905 Karl Schwarzschild (1873 – 1916) veröffentlicht hatte, eine Anwendung, die die gezielte Nutzung der Röntgenstrahlen ermöglichen sollte. Der Strahlverlauf des von ihm vorgestellten Röntgenmikroskops sollte sich dabei nicht wesentlich von dem eines Lichtmikroskops unterscheiden, doch die Verwendung kurzwelliger Strahlung versprach extrem hoch aufgelöste Bilder. Die von Wolter vorgeschlagenen Totalreflexions-Optiken konnten jedoch nicht gefertigt werden, weil die hochpräzise Formung einer Ellipse unter Einhaltung einer Oberflächenrauhigkeit von unter einem Nanometer mit den damaligen Maschinen nicht möglich war (Abbildung 2 oben). Erst die Kombination der Holografietechnik mit der Halbleitertechnologie, welche die Göttinger Astronomen Günter Schmahl und Dietbert Rudolph konzipierten und im sogenannten „Gartenlabor“ der Universitätssternwarte Göttingen erfolgreich umsetzten, erlaubte Ende der 1960er Jahre die Fertigung hochpräziser Beugungsoptiken für weiche Röntgenstrahlen (Abbildung

Abb. 1 Von Wilhelm Conrad Röntgen angefertigte Aufnahme der Hand seiner Frau.

2 unten). Die Optiken wurden in Röntgenteleskopen, die in ballistischen Raketen montiert waren, bei der Aufnahme von Sonnenspektren getestet. Später wurden sie in Hamburg und Paris für Mikroskope verfeinert[2]. Der Aufbau des Röntgenmikroskops (Abbildung 3) wurde seit Mitte
ABB. 2

|

R Ö N TG E N O P T I K E N

Funktionsweisen der Röntgenoptiken. Oben mit Totalreflexion bei flachem Einfallswinkel (nach Wolter), unten mit Beugung. 5/2008 (39) Phys. Unserer Zeit 253

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

www.phiuz.de

|

|

M AG A Z I N

|
Bereich steht das TXM auch für Untersuchungen von magnetischen Materialien und Leiterbahnen für die Computerindustrie, die Charakterisierung von neuen Zementsorten und für Grundlagenforschung in der Immunologie zur Verfügung. Für welchen der Bereiche sich das Multitalent TXM als besonders wertvoll erweisen wird, ist noch nicht abzusehen. Kursgebühren für Berufsanfänger (bis zu fünf Dienstjahren) einschließlich Unterkunft und Verpflegung von Dienstag Abend bis Freitag Mittag: 130 R, 70 R für Tagesgäste; für erfahrene Lehrkräfte 160 R, 100 R für Tagesgäste. Es gibt Fahrtkostenzuschüsse für alle DPG-Mitglieder. Wissenschaftliche Leitung: Rita Wodzinski, Universität Kassel, Angela Fösel, Universität Erlangen-Nürnberg. Weitere Informationen und Anmeldung (bis 17.10.2008) über www.pbh.de.

ABB. 3

|

R Ö N TG E N M I K ROS KO P

Internet
Advanced Light Source am Lawrence Berkeley Laboratory in Berkeley, Kalifornien. www-als.lbl.gov Beamline U-41 am BESSY II in Berlin mit dem neuesten „Göttinger“ TXM www.bessy.de/cms.php?idcat=166 Institut für Röntgenphysik an der Uni Göttingen www.roentgen.physik.uni-goettingen.de

Prinzip eines transmittierenden Zonenplatten-Röntgenmikroskops (TXM). Die Zonenplatten funktionieren wie Brechungslinsen.

TAG U N G

|

Abb. 4 TXM-Aufnahme eines Wurms, auf der Strukturen bis hinunter zu einzelnen Zellen (grüne Kreisscheiben) erkennbar sind (aus [3]).

der siebziger Jahre immer weiter entwickelt, so dass es inzwischen möglich ist, Röntgenaufnahmen von schockgefrorenen Zellen zu machen, aus denen sich unmittelbar Aussagen über die lebendige Zelle ziehen lassen. Dies widerspricht eigentlich dem Alltagswissen von Röntgenstrahlung, die als gesundheitsschädlich gilt. Doch eine geschickte Auswahl der Wellenlänge garantiert, dass sich die proteinhaltigen Zellstrukturen zerstörungsfrei vor einem wässrigen Hintergrund deutlich abbilden lassen. Abbildung 4 zeigt den Ausschnitt einer TXMAufnahme eines Wurms. Ohne Hinzufügen eines Kontrastmittels erkennt man Strukturen bis hinunter zu einzelnen Zellen (grüne Kreisscheiben). Mit der verwendeten Strahlung könnte man theoretisch noch mehr Einzelheiten auflösen, jedoch ist dies nicht unbedingt im Sinne der Biologie notwendig. Die von den Zellen absorbierte Strahlendosis ist inzwischen so weit verringert worden, dass sich sogar schon 3D-Tomografien pflanzlicher Zellen aufnehmen ließen. Neben dem biologischen

Literatur
[1] W. C. Röntgen, Sitzungsberichte der Medizinisch-Physikalischen Gesellschaft zu Würzburg, 23.12.1895. [2] G. Schmahl, D. Rudolph, Optik 1969, 29 (6), 38. [3] G. Schmahl, Phys. Bl. 2001, 57 (1), 43.

Ex oriente lux!
Im Jahr 2009 wird Oldenburg „Stadt der Wissenschaft“ sein. Das Landesmuseum Natur und Mensch beteiligt sich mit einer Ausstellung zur Geschichte der Naturwissenschaften an diesem Projekt. Eine sich mit Wissenschaft in Orient und Okzident befassende Reihe von Sonderausstellungen begann bereits 2006; im Herbst dieses Jahres wird die Geschichte der Naturwissenschaften von ihren frühen Anfängen im alten Ägypten und Mesopotamien über die klassische Antike und die Blütezeit der arabischen Wissenschaften im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit gezeigt. Ausgewählte Exponate und eigens erstellte Modelle werden für Besucher jeden Alters leicht verständlich Erkenntnisse und Fortschritte der Naturwissenschaften jeder Epoche sowie den gesellschaftlichen, kulturellen, religiösen und politischen Kontext verdeutlichen. Zur Vorbereitung auf die Ausstellung veranstaltet das Landesmuseum gemeinsam mit der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg am 9. und 10. Oktober eine interdisziplinäre Tagung. Im Bereich Physik berichten Helmuth Schneider (Universität Kassel) über antike Technik und Petra Schmidl (Rimbach) über islamische Astronomie.
www.naturundmensch.de

Andreas Junk, Uni Oldenburg

FO RT B I L D U N G

|

Impulse für den Physikunterricht
Die Deutsche Physikalische Gesellschaft veranstaltet vom 19. bis 21.11.2008 im Physikzentrum Bad Honnef einen Fortbildungskurs für Physiklehrer und Berufsanfänger. Thema sind Möglichkeiten, den Physikunterricht gegen die traditionellen Muster zu gestalten, Bezüge zu aktuellen und öffentlich diskutierten Themen der Physik herzustellen, neue Medien einzubinden und Methoden der Differenzierung und des kooperativen Arbeitens umzusetzen. Der Kurs ist bevorzugt auf die Bedürfnisse von Physiklehrerinnen und -lehrer zugeschnitten, die sich noch in der Anfangsphase ihres Berufs befinden, also nicht mehr als fünf Jahre im Beruf sind. Die Veranstaltung ist aber auch für ältere Lehrkräfte offen, die sich für die spezielle Ausrichtung des Kurses interessieren.

254

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2008 (39)

www.phiuz.de

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

|
BÜCHER

BÜCHER

|
Mathematik , T. Arens u.a., 1498 S., 1200 Abb. in Farbe, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2008, geb. 69,95 R. ISBN: 978-3-82741758-9.

Einen ganz schön schweren Brocken hat der Spektrum Akademische Verlag da abgeliefert – buchstäblich: Die fast vier Kilogramm Ingenieursmathematik sind etwas für Schreibtischtäter. Das Autorenteam hat versucht, alle Bereiche der (Ingenieurs-)Mathematik abzudecken, von linearer Algebra über Differentialrechnung, von Potenzreihen bis zu Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung. Selbst Randbereiche wurden aufgenommen, Zahlentheorie oder lineare Optimierung etwa. Das Besondere an diesem Buch sind aber Aufmachung und Klang der Texte. Offenkundig wollen Autoren und Verlag dort weitermachen, wie (und wo) moderne Schulbücher aufhören: Mit lockeren Einführungen, Fotos und aufwändigen Grafiken, knackigen Überschriften, vorsichtig motivierenden textlichen Einschüben („Das geht mit vollständiger Induktion. Versuchen Sie es auch mal.“) – und Beispielen, Beispielen, Beispielen. Klar: Die Zielgruppe sind Studenten der ersten Semester. Angesichts des riesigen Umfangs lässt sich leicht verschmerzen, dass man sich manchmal ein bisschen mehr Tiefe wünscht, und Manches schlicht gar nicht vorkommt: FourierAnalyse findet man, Wavelets aber nicht. Das Farkas-Lemma-Kernstück der linearen Optimierung fehlt auch. Und elliptische Funktionen? Die stecken immerhin im Bonusmaterial: Auf der Webseite zum Buch kann man nicht nur Lösungen für die Übungsaufgaben herunterladen, sondern auch fast zweihundert ergänzende Seiten zu ausgewählten

Kapiteln. Und: Es gibt ein Forum mit Postings der Autoren. Falls immer noch Fragen offen sind. Zudem gibt es für 35,– R eine DVD, die es Dozenten ermöglichen soll, die Abbildungen des Buches in der Lehre zu nutzen. Zu jedem Kapitel des Buchs ist eine Präsentation vorbereitet, allerdings in PowerPoint und nicht im in der Mathematik bevorzugten Beamer/LaTeXFormat. Als LaTeX-Quelltext findet man dafür auf der DVD alle Aufgaben des Buchs mit Lösungen. Letztere sind aber zum großen Teil auch als PDF auf der Webseite zum Buch herunterzuladen. Kaum vorstellbar also, dass man den LaTeX-Code für eigene Aufgabenblätter nutzt, wie es der Verlag empfiehlt. Das Geld für die DVD kann man sich also wohl sparen. Das Buch ist hingegen sein Geld wert. Andreas Loos, Berlin

Big Business und Big Bang. Berufsund Studienführer Physik, M. Rauner, S. Jorda. 278 S., 2. Aufl., Wiley-VCH, Weinheim 2008, 17,90 R. ISBN: 9783-527-40814-6.

Der Berufs- und Studienführer liegt nun in einer zweiten aktualisierten Ausgabe vor. Reportagen über die Tätigkeit von Physikerinnen und Physikern zeigen, dass Menschen mit diesem Beruf in fast allen Unternehmenszweigen, in Universitäten, Hochschulen und Forschungslabors und im Schuldienst zu finden sind. In zahlreichen Fallstudien aus Unternehmen und sogar aus der Kunst werden Arbeitsalltag und Karrierechancen sowie das Umfeld und die Verdienstmöglichkeiten vorgestellt. Die Autoren berichten, dass Menschen mit einem Physikabschluss häufig eingestellt werden, weil sie sich schnell in neue Themengebiete einarbeiten können und eine relativ

hohe Frustrationstoleranz haben. Außer in Hochtechnologiebereichen werden im Allgemeinen weniger bestimmte Berufsfähigkeiten, sondern ein breites Wissen, Methodenkompetenz und geistige Flexibilität zur Bearbeitung neuartiger Probleme gefordert. Team- und Kommunikationsfähigkeit sind für die Personalverantwortlichen unabdingbar, Grundwissen in BWL ist wünschenswert. In einem ausführlichen Serviceteil finden sich Listen von Ausbildungsstätten (Universitäten und Hochschulen), von öffentlichen Forschungseinrichtungen und von Organisationen, die Stipendien und Preise vergeben. Ergänzt wird das vorliegende Werk durch ein lesenswertes Vorwort von Ranga Yogeshwar über die Faszination Physik. Ich habe die zweite Auflage dieses Werkes mit Genuss gelesen und kann sie rundum empfehlen. Spannend fand ich im Vergleich zur ersten Auflage die neue Ordnung der Berufsbereiche: die Halbleiterindustrie wurde nach hinten geschoben, die Medizinphysik taucht neu auf. Die Laser- und Optikindustrie wurde wichtiger. Das Buch eignet sich für Gymnasiasten, die eine kompetente und aktuelle Bestandsaufnahme und Berufsbeschreibung der Physik suchen, Studierende, die wissen möchten, welche Nebenfächer ihre Berufsaussichten verbessern, Absolventen, die sich entscheiden müssen, ob sie promovieren oder die Universität verlassen wollen, Doktoranden, die ein Thema und eine Doktorandenstelle suchen sowie für all die Physikerinnen und Physiker, die sich eine Stelle angeln müssen. Schließlich sollten auch meine Kollegen dieses Buch lesen. Es ist für die Studienberatung unabdingbar. Othmar Marti, Ulm

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

www.phiuz.de

5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

255

M AG A Z I N

|
F E R M I S CO R N E R

|

Kaltes bei Hitze?
Es herrscht brütende Hitze, und Sie haben Lust auf ein eiskaltes Getränk. Doch kühlt selbst ein Liter kaltes Wasser (Proteste des Magens werden ignoriert) die Körpertemperatur wirklich merkbar ab?
kinetische Energie sicher kleiner, das heißt es folgt pe ≤ 2me eU . (2)

Starke Leistung, große Hitze. Jetzt erst einmal mit einem Schluck erfrischen. Aber kühlt das wirklich ab? (Foto: Purestock).

Nach dem Impulssatz ist der Gesamtimpuls aller emittierten Elektronen N gleich dem der Karussellspitzen: N·pe = pK (zur Vereinfachung wird für die Beschleunigungsphase eine Translationsbewegung angenommen). Hieraus folgt für die Gesamtzahl der Elektronen N= p K mK v K = · pe me ve (3)

gungsspannung dem Aufdruck des Hochspannungsnetzteils. Einsetzen der Zahlenwerte ergibt für die Elektronenzahl N > (10–3 kg·2·10–1 m/s)/ (2·10–30 kg·1,6·10–19 C·2·104 V)–1/2 ≈ 2,5·1018 (5) Hieraus folgt Q ≈ 2,5·1018·1,6·10–19 C = 0,4 C I > 0,4 A P > 104 V·0,4 A = 4 kW.

und mit (2) Diese Frage scheint auf den ersten Blick nicht für einen Physiker, sondern eher für einen Mediziner geeignet zu sein. Dennoch kommt man ihr mit physikalischen Prinzipien – natürlich aus der Wärmelehre – auf den Grund. Überlegen Sie dabei, wie viel Schweiß auf dem Körper verdunsten müsste, um die gleiche Abkühlung zu erzeugen? Hierbei ist zu bedenken, dass die sehr effektive Abkühlung durch Schwitzen (Verdunstung) durch das Trinken von warmen Getränken noch verstärkt wird. N≥ mK v K . 2me eU (4) (6)

Lösung aus Heft 4/08 Das Hochspannungskarussell
Der Impuls eines einzelnen Elektrons pe ist durch seine kinetische Energie Te gegeben: Es gilt Te = mve2/2 = pe2/2me; daraus folgt pe = 2meTe . (1)

Die kinetische Energie ist nach Durchlaufen des gesamten Potentialgefälles zwischen Spitze und Erde höchstens gleich der gesamten zur Verfügung stehenden Energie eU. Bei der Emission an der Spitze ist die
256

Wäre die Rückstoßerklärung richtig, so wären die benötigte Ladung Q = N·e, der benötigte Strom I = Q/tB (tB: Beschleunigungsdauer des Karussells) und die benötigte Leistung P = U· I. Der Berechnung des benötigten Stroms liegt die Beobachtung zugrunde, dass das Karussell aus dem Stand heraus in weniger als einer Sekunde beschleunigt. Die für den Rückstoß nötige Elektronenzahl muss deshalb in der Zeitspanne tB = 1s geflossen sein. In die Abschätzung (4) müssen nun möglichst realistische Zahlenwerte eingesetzt werden. Zunächst der Zähler: Die Masse der Karussellspitzen beträgt mindestens 1 g, und sie bewegen sich mit der Geschwindigkeit = Umfang · Drehzahl. Die Drehzahl ist mindestens 1 Umdrehung pro Sekunde; mit einem Radius von circa 5 cm beträgt die Geschwindigkeit also mindestens 20 cm/s. Nun der Nenner: Ladung und Masse der Elektronen entnimmt man einem Lehrbuch, die Beschleuni-

Vor allem der Wert für die Leistung ist unrealistisch hoch. Um bei einer Spannung von U ≥ 20 kV den nötigen Elektronenstrom von 0,4 A zu liefern, müsste die Hochspannungsversorgung mehr als 4 kW leisten. Die richtige Erklärung lautet [1]. Die Spitzenwirkung führt zu einer gleichnamigen Ionisation der umgebenden Luftmoleküle. Die abstoßende Wirkung zwischen Spitzen und Ionenwolken setzte das Karussell in Bewegung.

Literatur
[1] www.physik.uni-wuerzburg.de/video/ elehre1/e1versuch9.html

Andreas Müller, Uni Landau

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2008 (39)

www.phiuz.de

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

|
H I S TO R I S C H E S R Ä T S E L

M AG A Z I N

|

Funkenüberschlag
Frisch promoviert und staatsexaminiert darf er Mathematik, Physik, Chemie und Mineralogie bis zur Obertertia unterrichten. Doch das ist Plan B – eigentlich will er sich habilitieren. Schließlich, so glaubt er von sich, werde er „den Ansprüchen, die man an einen Physiker mittleren Ranges zu stellen berechtigt ist, mit der Zeit genügen.“
So steht er ein Jahr lang hungrig an einem Labortisch in Würzburg und unternimmt Versuche zur Leitfähigkeit von Salzschmelzen. Dann wird das Geld knapp, und sein Chef erhält einen Ruf an eine andere Uni. Dem Physiker bleibt nur das Überwintern im Lehramt: Er beginnt an der Thomasschule in Leipzig Mathematik und Naturkunde zu unterrichten. Nebenbei schreibt er ein Kinderbuch für „junge Mathematiker und Naturforscher“, experimentiert mit galvanischen Elementen, Kautschuk und Seidenfäden. Nach drei Jahren begibt er sich auf eine lange Tour durch verschiedene Universitäten, um erneut das Ziel einer Hochschulkarriere anzusteuern. Einige Jahre verweilt er an der Universität Tübingen, der er ein neues physikalisches Institut verpasst, denn das alte gleiche „mehr einer mittelalterlichen Alchimistenwerkstatt als einem modernen Physiksaale“, stellt er beim ersten Besuch fest. Doch schließlich gelangt er an die Universität von Straßburg. Zu jener Zeit hat Wilhelm Röntgen bereits erste Hände und Gewehrläufe durchleuchtet. Das bringt den Gesuchten auf die Idee, sich auch einmal Kathodenstrahlen anzusehen. Den Elektronenstrahl lenkt er mit Magnetfeldern ab und macht so Wechselströme sichtbar – ohne mit der Trägheit von Spiegeln oder anderen mechanischen Elementen kämpfen zu müssen. Sein Famulus Jonathan Zenneck bastelt einen Apparat zur Erzeugung einer Sägezahnspannung, um stehende Bilder von Wechselspannung zu erhalten. Die fotografiert sein Chef und nutzt sie für ein paar kleinere Veröffentlichungen. Wirklich wichtig findet er das aber nicht. Doch schließlich stößt er auf die drahtlose Telegrafie – und die fesselt ihn viel mehr: Er patentiert einen Schwingkreis zur Erzeugung elektromagnetischer Wellen und gründet eine Firma zu dessen Vermarktung. Doch der Technologietransfer funktioniert denkbar schlecht: Der Herr Professor schafft es nicht, dem wichtigsten Anteilseigner der Firma, der AEG, das Knowhow zu vermitteln – seiner Meinung nach ist das nämlich nur durch persönliche Anwesenheit beim Experimentieren zu erreichen. Doch für Experimente haben die Techniker der AEG keine Zeit. Sie wollen Ergebnisse sehen. So zieht sich der Physiker wieder aus dem Big Businnes zurück und erforscht mit seinen Doktoranden lieber die Funktechnik im Uni-Labor. Auch Neuerungen sind nichts für ihn: „Wer

nicht mit Relativitätsprincip spielen, Sommerfeld’sche Abhandlungen zum Café lesen und Ähnliches selber machen kann, ist, wenn er Anfänger ist, verloren“, stellt der 55-Jährige fest. Den Nobelpreis verleiht man ihm dennoch. Andreas Loos, Berlin Wer ist der wilhelminische Funkpionier? Schreiben Sie die Lösung auf eine Postkarte (keine Briefe oder Email) und schicken Sie diese an: Physik in unserer Zeit, Wiley-VCH, Boschstraße 12, 69469 Weinheim, Einsendeschluss ist der 15.10.2008. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Wir verlosen drei Exemplare des Buches Heilende Magnete – strahlende Handys von Roland Glaser.

Auflösung aus Heft 4/08
Der Erfinder des Scheibenfernsehers war Paul Nipkow (22.8.1860 bis 24.8.1940).

Gewinner aus Heft 3/08
F. Balzer, Flensburg, U. Hägele, Pfaffenhofen, A. Quentmeier, Vöhl.

TREFFPUNKT TV

|
19.9., 6.00 Uhr, ZDF Doku: Labor mit Aussicht – Astronauten forschen im All. Bericht über das europäische Forschungsmodul Columbus, das im Januar 2008 an die ISS angekoppelt wurde (Wdh. um 13 und 21 Uhr). 7.10., 21.00 Uhr, SWR: Orkane, Hurrikane, Tornados – wie stürmisch wird die Zukunft? Eine Sendung aus der Reihe Quarks & Co.

13.9., 22.30 Uhr, Phoenix: Absolute Zero. Eine Geschichte der Kälteforschung – von Cornelis Drebbel und Michael Faraday bis in die Gegenwart, wo Forscher versuchen, den absoluten Nullpunkt zu erreichen. 18.9., 22.45, Bayern Alpha: Die Physik Albert Einsteins. Das Schwarze Loch. Eine Einführung mit Harald Lesch. Weitere Folgen zur selben Sendezeit: 25.9.: Gravitationslinsen, 2.10.: Kosmologie, 9.10.: Die relativistische Fahrradfahrt, 16.10.: Einstein heute (Wdh. jeweils am folgenden Tag um 1.45 und 8.15 Uhr).

Radiotipps
19.10., 8.30 Uhr, SWR2: Überschall und Ich-Auflösung. Der Physiker Ernst Mach war ein innovativer Experimentator, Physiker und Ingenieur, der auf den Gebieten der Ballistik und Gasdynamik Bahnbrechendes leistete. 3.10., 18.05 Uhr, Bayern2: Aufbruch in ferne Welten oder Geldverschwendung. Die NASA wird 50. Eine Geschichte der amerikanischen Weltraumbehörde.

20.9., 20.15 Uhr, SWR: Die Brüder Montgolfier und der Heißluftballon, aus der Reihe Meilensteine der Naturwissenschaft und Technik. Die Geschichte des Ballonfahrens. 22.9., 19.30 Uhr, ZDF Doku: Urknall – Auf der Suche nach der Weltformel. Dokumentation von hitec über den Large Hadron Collider (LHC) des CERN in Genf. 29.9., 9.55 Uhr, Arte: Einsteins Frau. Porträt von Mileva Maric, Albert Einsteins erster Frau.

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

www.phiuz.de

5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

257

M AG A Z I N

|
M O L- G A S T RO N O M I E

|

Frittierphysik für perfekte Pommes
Der Ruf von Pommes Frites ist nicht gerade der beste. Mitunter sind sie von Fett durchtränkt, was nicht nur Ernährungsfachleute in Rage versetzt, sondern auch den Genuss deutlich beeinträchtigt. Das eingedrungene Frittierfett verhindert nämlich die wichtigste mechanische Eigenschaft der Fritten: die krachende Knusprigkeit der Hülle und das kartoffelige Innenleben. Mit physikalischer Frittiertheorie lassen sich derartige Unwägbarkeiten verhindern.
Tatsächlich hat das Öl in den Pommes wenig zu suchen, denn es dient lediglich als effektive Wärmequelle, um die Kartoffelstäbchen gleichermaßen zu bräunen und zu garen – und das in kürzester Zeit. Gar nicht so einfach, denn Kartoffeln sind hoch komplizierte Gebilde. Vereinfacht gesprochen bestehen sie aus drei Komponenten: Stärke, Proteine und Wasser, das zum Großteil an die Proteinmoleküle gebunden ist. Werden die rohen Kartoffeln ins zu heiße Fett geworfen, so finden viele Prozesse in kurzer Zeit statt. Die Proteine an und direkt unter der Kartoffeloberfläche verändern bei dem Hitzeschock schnell ihre Struktur und geben das gebundene Wasser frei, das explosionsartig verdampft. Dabei werden große Krater in die Oberfläche gerissen, die sich sofort mit heißem Öl füllen. Schon findet dort die nächste Explosion statt. Der Krater vergrößert sich und füllt sich weiter. Das Ergebnis ist also schon vorprogrammiert: Die Pommes sind nicht richtig gar und lappig mit Öl getränkt. Offenbar darf die Öltemperatur nicht zu hoch sein. Bei etwas niedrigeren Temperaturen kann das Aufreißen der Oberfläche durch die Dampfexplosionen verhindert werden. Die Proteine geben ihr Wasser langsamer frei, die ersten Krater bleiben daher kleiner. Gleichzeitig diffundiert die Hitze in die Kartoffelstäbchen, und denaturiert dort Proteine, die ebenfalls Wasser freigeben. Dieses wandert zum Teil nach außen an die Oberfläche und verdampft dabei. So wird die Temperatur an der Oberfläche kaum über 103 bis 105 °C steigen. Dieser gleichmäßige Dampfstrom verhindert ein weiteres, übermäßiges Eindringen von Öl.

Gleichzeitig verändert sich aber auch die Stärke in den Kartoffeln. Die kristallinen, hyperverzweigten Stärkemoleküle schmelzen und können dann zwischen ihren gestreckten Armen Wasser binden. Das ist von Vorteil, denn durch die längere Verweilzeit des Wassers im Inneren der Frites werden sie sanft „gedämpft“. Dadurch schwächt sich aber auch der Dampfstrom nach außen ab. Die Temperatur an der Pommesoberfläche steigt daher langsam über 120 °C, was eine dezente Bräunungsreaktion hervorruft. Schon werden die Pommes außen knusprig und bleiben innen saftig. Gastronomen frittieren daher in zwei Stufen. Im ersten Schritt werden sie bei 130 °C im Öl vorgegart und anschließend bei 60 °C warm gehalten. Dabei kann kaum eine Bräunung erreicht werden. Allerdings entweicht das Wasser, ohne tiefe Krater in die Oberfläche zu reißen. Die Bräunung wird erst im zweiten Schritt erreicht. Bei 160 bis 180 °C erhalten die vorgegarten Pommes bereits nach kurzen Eintauchzeiten ihre perfekte Kruste. Thomas Vilgis, MPI für Polymerforschung, Mainz

PH YS I K I M B I L D

|

Die Frau unter dem Grasgrund Es ist bekannt, dass Vincent van Gogh häufig seine älteren Werke übermalt hat. Mit einer neuen Methode haben Physiker vom DESY in Hamburg in Zusammenarbeit mit Kollegen der Universität Antwerpen und dem Kröller-Müller-Museum unter van Goghs Gemälde Grasgrond (1887) das Porträt einer Frau sichtbar gemacht. Bei der erstmals angewandten Röntgenfluoreszenz-Spektroskopie wurde das Gemälde mit einem intensiven und sehr feinen Röntgenstrahl aus der Synchrotronstrahlungsquelle DORIS abgerastert und die Fluoreszenz der einzelnen Farbschichten gemessen. Damit lassen sich chemische Elemente und auch bestimmte Farbpigmente identifizieren. Zwei Tage lang musste dieses 17,5 x 17,5 Zentimeter große Gemälde durchleuchtet werden, damit das darunter befindliche Porträt sichtbar wurde (J. Dik et al., Anal. Chem., im Druck, zms.desy.de/e548/e550/e6026/e422/ index_ger.html).

258

|

Phys. Unserer Zeit

|

5/2008 (39)

www.phiuz.de

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

RÜCKBLICK

|

VO R SC H AU

RÜCKBLICK

|

IM NÄCHSTEN HEFT

|

Heft 3/2008
Auf der Suche nach dem Heiligen Gral Schwerpunkt Quantengravitation Am Rande des Messbaren Schwerpunkt Quantengravitation Vukaneruptionen – Ursachen und Vorhersagen Geophysik Schwingende Puppen und Wolkenkratzer Spielwiese Luftverkehr und Klima Atmosphärenforschung

Die Spintronik-Jagd
Mikroelektronische Bauelemente könnten die Elektronikindustrie revolutionieren. Sie nutzen nicht mehr allein die Ladung des Elektrons, sondern auch dessen Spin. Diese Spintronik könnte den Miniaturisierungstrend fortsetzen, der in der konventionellen Elektronik bald an Grenzen stößt. Zuvor allerdings muss die Forschung noch einige Herausforderungen bewältigen. Ein Überblick über die Lage.

Heft 4/2008
Eingesperrtes Licht Optik Der Mensch ändert das Klima Klimaforschung Die radioaktive Galaxis Astrophysik Hüpfende Nanotropfen Nanophysik Ein Quanten-Abakus aus Licht und Atomen Quantenphysik

Hundert Jahre Mie-Theorie
Vor hundert Jahren veröffentlichte Gustav Mie eine Arbeit in den Annalen der Physik über die „Optik trüber Medien“. Heute ist sie als Mie-Theorie berühmt und Grundlage vieler physikalischer Anwendungen. Sie reichen von der Atmosphärenphysik bis zur Nanoplasmonik.

Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen und dgl. in dieser Zeitschrift berechtigt nicht zu der Annahme, dass solche Namen ohne weiteres von jedermann benutzt werden dürfen. Vielmehr handelt es sich häufig um gesetzlich geschützte eingetragene Warenzeichen, auch wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind. – Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der Übersetzung in fremde Sprachen. Kein Teil dieser Zeitschrift darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in irgendeiner Form – durch Photokopie, Mikrofilm oder irgendein anderes Verfahren – reproduziert oder in eine von Maschinen, insbesondere von Datenverarbeitungsmaschinen verwendbare Sprache übertragen oder übersetzt werden. Nur für den persönlichen und sonstigen eigenen Gebrauch dürfen von einzelnen Beiträgen oder Teilen von ihnen einzelne Vervielfältigungsstücke hergestellt werden. Der Inhalt dieses Heftes wurde sorgfältig erarbeitet. Dennoch übernehmen Autoren, Herausgeber, Redaktion und Verlag für die Richtigkeit von Angaben, Hinweisen und Ratschlägen sowie für eventuelle Druckfehler keine Haftung.

Optische Uhren
Atomuhren gehören zu den genauesten Messinstrumenten. Mit einer neuen Generation von Uhren, die auf optischen Spektrallinien von gekühlten und gefangenen Atomen basieren, sind jetzt Messungen mit 17 Stellen Genauigkeit möglich.

PHIUZ 6/2008 erscheint Mitte November

Physik in unserer Zeit
finden Sie im Internet unter http://www.phiuz.de Bequemer Zugriff auf Physik in unserer Zeit vom Schreibtisch aus: Wiley InterScience bietet Vollpreis-Abonnenten Zugang zu den Volltexten sowie zu Inhaltsverzeichnissen und Abstracts von über 300 anderen Zeitschriften aus dem Wiley-Programm. Sichern Sie Ihren Zugriff – wenden Sie sich an Ihre Bibliothek!

Die vielen Väter des Transistors
Der zweifache Physik-Nobelpreisträger John Bardeen wurde vor hundert Jahren geboren. Er gilt als einer der Väter des Transistors. Die Vorgeschichte des Festkörperverstärkers ist jedoch komplex. Besonders der Feldeffekttransistor hat viele Schöpfer, auch deutsche.

www.interscience.wiley.com

© 2008 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

www.phiuz.de

5/2008 (39)

|

Phys. Unserer Zeit

|

259

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful