Memorandum Nr.

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21. Januar 2013, Berlin

Better together: Vorschläge zur Revitalisierung der transatlantischen Partnerschaft

Von: Niklas Anzinger, Mareike Enghusen, Oliver Krumme, Marius Mazziotti, Mevlüt Özev, Kai Schönfeld und Felix Seidler.

Herausgeber Atlantische Initiative e.V. Wilhelmstr. 67 10117 Berlin Tel: +49 – 30 – 206 337 88 Fax: +49 – 30 – 246 30 36 33 Url: http://www.atlantische-initiative.org Email: redaktion@atlantische-initiative.org

Die Aussagen und Empfehlungen dieses Memorandums reflektieren nicht notwendigerweise die Ansichten der Atlantischen Initiative e.V. Alle Autoren geben ausschließlich ihre persönliche Meinung wieder. Bildquelle: james_clear CC BY-NC-SA 2.0 http://www.flickr.com/photos/james_clear/4388381032/

1. Ausgangslage: Enge Bindungen zwischen den Vereinigten Staaten und Europa sind ein Grundbaustein internationaler Problemlösung. Im Großen betrachtet, sind die Beziehungen wirtschaftlich und politisch seit Jahrzehnten ausgezeichnet. In den vergangenen Jahren hat die gegenseitige Aufmerksamkeit jedoch nachgelassen. Die USA kündigten 2011 mit ihrem „Pivot“ an, sich verstärkt in Asien-Pazifik zu engagieren - was in den Augen vieler besorgter Europäer zugleich eine Abkehr von Europa bedeutet. Während aufstrebende Mächte wie China, Indien und Brasilien an Gewicht gewinnen, fürchtet ein nervöses Europa, aus dem US-amerikanischen Blickfeld zu verschwinden. Doch das, was bisher meist als Krise der transatlantischen Beziehungen gelesen wird, bietet auch neue Chancen: Auf vielen Politikfeldern können Europa und die USA gemeinsam nach Lösungen für neue globale Herausforderungen suchen. Wie können Deutschland und Europa diese Möglichkeiten konkret nutzen?

2. Empfehlungen für Bundesregierung, Bundestag und Europäische Union 2.1. Transatlantische Kooperation in Nahost Gelänge es in Obamas zweiter Amtszeit, drängende internationale Konflikte gemeinsam zu lösen, könnte dies den transatlantischen Beziehungen enormen Aufschwung geben. Im Blickfeld stehen dabei insbesondere Syrien, Iran und Israel/Palästina. Deutschland kann dabei eine Schlüsselrolle übernehmen. Syrien: Die europäischen und nordamerikanischen NATO-Partner müssen Profil und Entschlossenheit im realistischen Rahmen des zurzeit Möglichen zeigen, beispielsweise mit einer koordinierten Aktion zur Sicherung von Syriens Chemie-Waffen. Diplomatischer Druck und Sanktionen durch EU oder UNO könnten Assads Position weiter schwächen. Zudem sollten USA und Europa sich gemeinsam bemühen, Russland und China zum Umdenken zu bewegen. Würden die Regierungen Europas und der USA in dieser Frage geschlossen auftreten, wäre ihre Botschaft weit überzeugender. Rhetorik allein wird Russland und China dennoch nicht dazu bringen, im UN-Sicherheitsrat Sanktionen gegen Assad zu unterstützen. Alternativ könnten Europa und die USA im Alleingang härtere Sanktionen beschließen. Solange Länder wie Russland und Iran jedoch Assad weiter militärisch und wirtschaftlich stützen, wird auch dies weitgehend symbolischen Charakter behalten. Aktiv zu Assads Sturz beitragen könnten Europa und USA nur militärisch: mit Waffenlieferungen an die syrischen Rebellen oder eigenem Eingreifen, etwa der Einrichtung einer Flugverbotszone in Syrien. Sollte es den westlichen Partnern an politischem Willen fehlen, in den Konflikt einzugreifen, so sollte zumindest das humanitäre Engagement erhöht werden - so weit möglich in Syrien selbst sowie in die Türkei und Jordanien, die viele Tausende syrische Flüchtlinge aufgenommen haben. Eine Destabilisierung auch dieser Länder muss verhindert werden. Zudem sollten Europa und die USA eine gemeinsame Roadmap entwickeln für den Fall, dass Assad stürzt und es in Syrien zu chaotisch-anarchischen Zuständen kommt. Minimalziel: die syrischen Chemiewaffen sichern und verhindern, dass terroristische Gruppen die Macht an sich reißen. Nahost-Konflikt: Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern stagniert nicht nur, er hat sich in den letzten Monaten sogar verschärft. Europäer und Amerikaner sollten gemeinsam daran arbeiten, den Nahostfriedensprozess wieder in Gang zu bringen und eine tragfähige Zwei-Staaten-Lösung zu entwickeln. Deutschland kann aufgrund seiner traditionell guten diplomatischen Beziehungen zu Israel eine wichtige Rolle einnehmen und sollte insbesondere mit der US-Diplomatie eng zusammenarbeiten, um den lokalen Akteuren Hilfestellungen zu geben. Iran: Ziel einer abgestimmten transatlantischen Strategie muss es sein, auf eine mögliche Eskalation des Irankonfliktes adäquat reagieren zu können. Deutschland sollte in diesem Rahmen mehr Engagement zeigen. Da Landeinsätze der Bundeswehr in näherer Zukunft

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politisch und öffentlich kaum durchsetzbar sein werden, rückt die maritime Komponente der Sicherheit in den Fokus. Die Fähigkeiten der Deutschen Marine hinsichtlich Minenabwehr und -räumung, Versorgung Verwundeter auf See und Operationsführung sollten stärker in die Planungen eingebracht werden. Türkei: Für die Verteidigung deutschen Territoriums werden die Patriot-Raketen der Bundeswehr an der türkisch-syrischen Grenze zwar nicht gebraucht; doch die geographische Nähe zum Iran lässt es sinnvoll erscheinen, die Patriots im Rahmen einer deutsch-türkischen Kooperation langfristig in der Türkei zu belassen. Deutschland kann dadurch einen dauerhaften Beitrag zur NATO-Bündnissolidarität mit der Türkei und somit zu ihrer engeren Anbindung an den Westen leisten.

2.2. NATO Die anhaltende Wirtschaftskrise zwingt die USA und die meisten europäischen NATOVerbündeten zu einem harten Sparkurs, der sich auf die Sicherheits- und Verteidigungsbudgets auswirkt. Sicherheitsarchitektur: Anstatt die ehrgeizigen Pläne einer eigenen, gemeinsamen EUSicherheitsarchitektur (GSVP) weiter zu verfolgen, sollte sich Deutschland für eine engere Bündelung der bestehenden europäischen Streitkräfte in der NATO einsetzen, um maximale Synergieeffekte zu erzielen. Nur mit einer engeren militärischen und industriellen Kooperation kann die NATO mit einer verstärkten deutschen und europäischen Beteiligung ihre Missionen erfolgreich bewältigen. Zur Umsetzung dessen könnte Deutschland Bereitschaft signalisieren, im Ernstfall ein europäisches Kontingent unter NATO-Mandat anzuführen. Deutschland kann hier sowohl die Kommandoführung, als auch die Koordination der zu entsendenden Sicherheitskräfte mit anderen europäischen Verbündeten leisten. Eine permanente „NATO-Europe-Division“ bietet möglicherweise eine effektivere Koordinierung der europäischen NATO-Streitkräfte als vom NATO-Hauptquartier aus. Mit einem permanenten europäischen Militärstab, der dem Oberbefehl der NATO direkt verantwortlich ist, können deutsche Stabsoffiziere und Strategen eine wesentliche Funktion bei der Durchführung europäischer NATO-Missionen tragen. Dies gilt auch für andere Regionen: Gemeinsam koordinierte Marinekapazitäten stellen eine wichtigen Rolle bei der Sicherung der Seewege und der Bekämpfung der Seepiraterie am Horn von Afrika dar. Smart Defense/Europäische Initiative: Ein funktionierendes Smart Defense-Konzept zu formulieren, ist für Deutschland, Europa und die USA von hoher Relevanz. Angesichts Amerikas strategischer Neuausrichtung ist es wichtig, dass Europa den USA entgegenkommt und eigene europäische Initiativen startet. Besonders deutlich haben dies die Erfahrungen der Kosovo- und der Libyen-Kampagne gezeigt: Beide wären ohne die wesentliche Beteiligung Washingtons undenkbar gewesen. Das sollte Europa als Weckruf dafür dienen, dass es in Zukunft mehr Verantwortung für die Sicherheit in seiner eigenen Nachbarschaft übernehmen muss. Erforderlich hierfür ist eine enge Absprache mit Washington, aber auch der Mut Europas und Deutschlands, für sich selbst zu sprechen und neue Vorschläge trotz mancher US-Vorbehalte voranzutreiben. Besonders wichtig hierbei ist, Konzepte zu entwickeln, welche eben dies erlauben ohne den befürchteten Kohärenzverlust in der NATO zu riskieren. Europäische NATO-Strategie: Der Austritt des Vereinigten Königreiches aus der EU ist derzeit nicht auszuschließen. Deutschland und Europa sind daher gut beraten, mehr in das Bündnis zu investieren, um London zu halten. Genauso wichtig ist die NATO für die Anbindung der Türkei an den Westen. Geostrategisch ist die Türkei für Europa und die USA von großer Bedeutung. Dennoch ist es schwer vorstellbar, dass die Türkei in naher Zukunft EU-Mitglied wird. Daher bleibt die NATO das einzige Instrument, um eine demografisch, wirtschaftlich und machtpolitisch aufstrebende Türkei langfristig an den Westen zu binden.

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2.3. Langfristige Grundlagen der transatlantischen Kooperation sichern Gemeinsame Werte leben: Deutschland und die USA brauchen eine erneute Besinnung auf ihre gemeinsamen Werte. Bildung spielt eine entscheidende Rolle. In den weiterführenden Schulen in Deutschland kann beispielsweise zum besseren kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Verständnis eine halbjährige Unterrichtseinheit „Politik- und Wirtschaftsphilosophie“ eingerichtet werden. Dadurch würden Bewusstsein und Wertschätzung für demokratische und marktwirtschaftliche Prinzipien geschärft. Zusammenarbeit verstärken: Die Bundesregierung kann in Kooperation mit deutschen Universitäten Konferenzen zu außenpolitischen Themen fördern, in denen sich die Interessen beider Länder überlappen. Schließlich stehen Deutschland und die USA vor denselben globalen Herausforderungen: Wie begegnet man dem Aufstieg Chinas, wie lassen sich Stabilität und Demokratie im Nahen Osten fördern, wie kann man Terrorismus und der unkontrollierten Verbreitung von Massenvernichtungswaffen entgegentreten? 3. Ausblick Die transatlantischen Beziehungen stehen vor entscheidenden Weichenstellungen. Wirtschaftlich haben sowohl die USA als auch die europäischen Länder mit erheblichen Problemen zu kämpfen. Manche Beobachter prophezeien daher gerne einen europäischen und amerikanischen Niedergang. Ob allerdings Schwellenländer wie China, Russland oder Indien die USA und Europa dauerhaft und gleichwertig ersetzen können, ist ungewiss. Deshalb bedarf es neuer Initiativen, damit die zentrale Achse USA-Deutschland-Europa nicht an Einfluss verliert. In Zeiten eines von Wirtschafts- und Finanzkrise geschwächten Europas bietet die NATOAllianz Raum für eine fruchtbare Zusammenarbeit. Die Gestaltung einer europäischen, transatlantischen und internationalen Sicherheitsarchitektur verlangt nicht nach vorschnellen unilateralen Wegen, sondern nach einer abgestimmten Strategie zwischen allen Beteiligten. Dies zeigt sich gerade im Hinblick auf die strategische Ausrichtung Amerikas nach Asien, eine Region, die sicherheitspolitisch als instabil gilt. Deutschland und die EU könnten aufgrund ihrer sehr guten Reputation einen Beitrag zu Vermittlung und Stabilität zwischen den asiatischen Staaten und den USA leisten. Dies gilt auch für Konflikte wie in Israel/Palästina, Syrien oder dem Iran. Die USA haben geostrategisch mit ihrem „Pivot to Asia“ ihre Konzentration auf Asien gerichtet. Dennoch sollten Europa und auch Deutschland sich davon nicht vernachlässigt fühlen, sondern gerade den Mut haben, von sich aus Initiativen zu starten, die für die transatlantischen Beziehungen von Relevanz sein können – in Bildung und Forschung, in wirtschaftlicher Zusammenarbeit und in Sicherheit und Verteidigung. Niklas Anzinger ist Philosophy & Economics (B.A.) Student an der Universität Bayreuth. Mareike Enghusen hält einen Master in Iran-Studien von der University of St Andrews und bloggt unter mareikes-nahostblog.blogspot.de. Oliver Krumme betreibt "Olly's Blog on Politics and World Affairs" und ist Absolvent der Diplomatischen Akademie Wien. Marius Mazziotti studiert Politics & International Relations an der University of Aberdeen, Großbritannien. Mevlüt Özev ist Student der Politischen Wissenschaft und English Studies an der RWTH Aachen. Kai Schönfeld ist Leutnant zur See in der Deutschen Marine, Student der Geschichtswissenschaft und Soziologie an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg und Autor des Blogs Sicherheit vernetzt. Felix Seidler ist Doktorand am Institut für Sicherheitspolitik Universität Kiel und betreibt das Blog seidlers-sicherheitspolitik.net.

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