HANNAH ARENDT

Israel, Palästina und der Antisemitismus
Aufsätze Herausgegeben von Eike Geisel und Klaus Bittermann Aus dem Amerikanischen von Eike Geisel

Verlag Klaus Wagenbach

Berlin

ie Absicht dieser Auswahl wichtiger Texte Hannah Arendts zum israelisch-palästinensischen Konflikt und zum Antisemitismus ist, die politisch Denkenden in Deutschland daran zu erinnern, wie sehr unsere Geschichte auch die Israels und Palästinas ist. Unser Mitgefühl, unsere Hilfe, unser Interesse beiden Seiten zuzuwenden, gehört auch zu jener persönlichen Verantwor­ tung^ von der der umfangreiche Vortrag Persönliche Verant­ wortung unter der Diktatur handelt, der hier erstmals in sei­ ner vollständigen Fassung erscheint: W ie kann der Einzelne urteilen (und handeln) in einer Welt, die die moralischen Maßstäbe aufgegeben hat, in der alles erlaubt (heute heißt das: anything goes), in der das Böse banal ist?

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D er Verlag

Wagenbach: Taschenbuch 196
Alle Rechte bei Edition Tiamat, Berlin; Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung der Edition Tiamat, Verlag Klaus Bittermann, Berlin (Ü 1991 für diese Ausgabe: ) Verlag Klaus Wagenbach, Ahornstraße 4,1000 Berlin 50 Umschlaggestaltung von Rainer Groothuis Das Foto auf dem Umschlag zeigt Hannah Arendt als Professorin in Chicago (Mitte der sechziger Jahre), das Foto auf dem Frontispiz in Paris (Ende der dreißiger Jahre), © Lotte Köhler, New York. Das Karnickel auf Seite 1 zeichnete Horst Rudolph Satz aus der Korpus Walbaum und Univers von Mega-Satz-Service, Berlin Druck und Bindung: Druckerei Wagner, Nördlingen Printed in Germany. Alle Rechte Vorbehalten. ISBN 3 8031 2196 5

Inhalt Persönliche Verantwortung in der Diktatur 7 Frieden oder Waffenstillstand im Nahen Osten? 39 Die vollendete Sinnlosigkeit Antisemitismus und faschistische Internationale 77 95 Kann die jüdisch-arabische Frage gelöst werden? 109 Der Besuch Menahem Begins und die Ziele seiner politischen Bewegung 117 Quellen Glossar 120 12t .

das nie geschrieben wurde. da dämmerte es mir. daß es um mehr als um Emotionen ging. Stimmen laut wurden. daß ich das ganze mit einem berühmten österreichi­ schen Bonmot abtun wollte: es gibt nichts Unterhaltsameres als die Auseinandersetzung über ein Buch. die viel weniger mein Buch als sich davor fürchteten. Ich hatte einen Tatsachenbericht verfaßt.. besonders im späteren Verlauf. die mein Buch über den Eichmann-Prozeß aus­ gelöst hat. war die Tatsache. und um mehr als die nicht so aufrichtigen Verzerrungen und Verfälschungen von Interessengruppen. immer mehr. daß ständig eine ganze Reihe von strikt moralischen Fragen aufgeworfen wurde. das heißt um mehr als um aufrichtige Miß­ verständnisse. daß es den Anstoß zu einer unparteiischen und detaillierten Unter­ suchung der zur Diskussion stehenden Geschichtsperiode ge­ ben könnte. vor diesem auserlese­ nen Publikum zu sprechen. die mich nicht nur angriffen wegen etwas. während ich andere eher beiläufig erwähnt hatte. die manchmal ja zu einem völligen Zusam­ menbruch der Verständigung zwischen Autor und Leser füh­ ren können. Sie nehmen es mir nicht übel.PERSÖNLICHE VERANTWORTUNG IN DER DIKTATUR Vortrag. Sie wissen natürlich. das niemand gele­ sen hat. Meine erste Reaktion auf diese mißliche Angelegenheit bestand darin. von denen ich viele gar nicht in Erwägung gezogen. was ich nie gesagt hatte. der Grund ist die reichlich wilde Kontroverse. sondern im Gegenteil mich dafür zu verteidigen be­ gannen. daß es sich bei diesen etwas un­ heimlichen Darbietungen um mehr als um bloße Sensation und Unterhaltung handeln könnte. denn — und darauf habe ich schon früher hingewiesen — ein großer Teil der Kontro­ verse galt einem Buch. weshalb die Einladung an mich erging. Als dies alles jedoch weiterging und. Was bei einer Kontroverse und bei den vielen für mich damit einhergehenden öffentlichen und privaten Diskussio­ nen so sehr ins Auge sprang. wenn ich mit zwei persönlichen Bemerkungen beginne. 1964(65 ch hoffe. Ich gebrauche hier ganz bewußt das Wort »ausge­ löst« und sage nicht »verursacht«. und selbst dessen Untertitel I 7 .

in dem es mehr um juristische als um moralische Fragen ging. unsere Aufmerksamkeit in eine andere Richtung. und das ist auch der Grund. als hätten diese nicht nur bei den Lesern. auf dieser faktischen Ebene bedürfe es keiner weiteren Erklärung. Oder. als es nicht das Geringste mit dem zu tun hat. und zwar ganz so. die Fak­ ten selbst anzuzweifeln. nämlich daß dann. Buch. Unrecht zu tun als Unrecht zu erleiden. Trotzdem wußte ich natürlich. an vorderster Stelle gestanden. daß in jedem von uns ein Eichmann steckt.. oder: »Wenn das allertragischste Ereignis der Moderne der Mord an den sechs Millionen europäischer Ju­ den ist.. wandten sich die meisten aufrichtig gen Diskutanten sofort theoretischen Fragen zu. der sich auch nur entfernt mit diesen Dingen beschäftigt. auf einer höheren Ebene: »Durch die Leiden wurden die Juden unerträglich — und diesen Krieg haben die Nazis gewonnen«. sich doch zwanzig Jahre später keiner mehr um all diese Dinge küm­ mern würde. womit etwas ganz Naheliegendes übersehen wird. daß ich dachte. das um so aufschlußreicher ist. es sei besser (schöner?). ein Argument. bis zu welchem Grad Menschen tatsächlich glauben. daß wir alle bloße Rädchen in irgendeiner Maschine­ rie geworden sind? oder: Opfer sind eigentlich immer häß­ lich. (Zum Glück für mich lenkt der Titel. wie etwa: Jetzt wissen wir. als seine Opfer«. daß jede von diesem Phänomen abgeleitete Theorie im Widerspruch zu bestimmten traditionellen Vorstellungen vom Charakter des Bösen und vom Wesen menschlicher Gemeinheit stehen würde.) Während ich mich jedoch an die Tatsachen gehalten hatte — mit Ausnahme des Epilogs in meinem. Mit einigem Entsetzen hörte ich Leute Dinge sagen. was ich je gesagt oder geschrieben habe und deshalb zeigt.»Ein Bericht von der Banalität des Bösen« stimmte in mei­ nen Augen so offenkundig mit den Fakten des Falles überein. den dieser Vor­ trag trägt. wobei ihnen diese Ansicht trotzdem noch zu schaffen macht. warum Eichmann »so viel besser wegkommt. oder: Liegt es nicht am modernen Leben. und mit Ausnahme gelegentlicher Randbemerkungen. Problemen der Moralphilosophie. wenn dies wahr wäre. sondern bei jedem. die aber eher politischer als moralischer Natur waren —und während einige Vertreter des unlauteren Disputs versuchten. dann ist der Prozeß gegen Adolf Eichmann in Jerusa­ lem das interessanteste und bewegendste Kunstwerk der letz­ ten zehn Jahre« (wenn dieser oder irgendein anderer Prozeß .

weil sie unseren Theorien über das Böse widersprach und von daher auf etwas möglicherweise Wahres. der gesagt hatte: »Es ist besser. niemand könne urteilen.« Und in Versuchung geraten. für Geld zu betrügen. um was es sich bei einem Gemälde von Picasso oder einem Roman von Faulkner handelt). wenn das eigene Leben auf dem Spiel steht. wohingegen gilt. könne man erwarten. Es gab die weithin geäußerte Überzeugung. oder: die Banalität des Bösen ist »als Theorie schwer zu widerlegen«. Dies war übrigens Eichmanns eigenes Argument gegen . Diese Annahme stellte sich als Irr­ tum heraus. daß das Urteilen an sich falsch sei. das ist alles. dessen Ergebnis in der Regel in einem Urteil be­ steht —wurde mir entgegnet. aber doch nicht Plausibles hingewiesen. Die Reaktion auf diesen Artikel war negativ und las sich überwiegend so: ein solches Urteil vertrage sich nicht mit der christlichen Nächstenliebe.ein Kunstwerk ist. (Ich hatte auf eine Tatsache hingewiesen. daß es unmöglich sei. da wir es ja doch mit einem Gerichtsverfahren zu tun hatten. au­ ßer von einem Heiligen. in intellektu­ ellen und geistigen Angelegenheiten zu betrügen. der nicht selbst dabei gewesen sei. Hans Morgenthau hatte im New York Times-Magazine auf etwas Selbstverständliches hingewiesen —nämlich daß es falsch sei. das mag juristisch vielleicht ein Verbrechen entschuldi­ gen. wo alles auf Messers Schneide steht. daß es doppelt falsch sei. wenn ein Lehrer derartiges mache. die ich für schockierend hielt. daß wir es noch immer mit Sokrates hielten. was Mary McCarthy sagt. der sich vor einigen Jahren im Zusammenhang mit einem bekannten Quizbetrug im Fernsehen ereignet hatte. daß man keinem von uns trauen könne. eine moralische Rechtfertigung ist es sicher nicht. die auf diesen Trugschluß als erste hinwies: »Wenn jemand ein Gewehr auf dich richtet und sagt: bring Deinen Freund um oder ich töte Dich. Schließlich —und das war in gewisser Weise am erstaun­ lichsten. und daß es dann dreifach falsch sei. weil sie alles »plausibel« erklärt. dann führt er Dich in Versuchung.) Ich war auch irgendwie davon ausgegangen. jeglicher Versuchung zu widerstehen. Mir fiel in diesem Zusammenhang nachträglich ein Vorfall ein. daß in Versu­ chung geraten oder gezwungen werden ziemlich dasselbe sei. und von keinem Menschen. der Versu­ chung von so viel Geld zu widerstehen. schon gar nicht in Situa­ tionen. dann möchte ich wissen. ein Unrecht zu erleiden als ein Unrecht zu begehen«.

go I!« Dies alles sieht also auf den ersten Blick wie ausgemach­ ter Nonsense aus. auf daß Du nicht gerichtet wirst«. daß es dann. Es gibt eine Reihe von Gründen. dann geht es gewöhnlich dabei um mehr als bloß um Unfug. in welchem Umfang. können wir ver­ gangene Ereignisse und Vorfälle beurteilen. den Berichten von Augenzeugen oder dem Urteil jener. bei denen wir nicht zugegen waren? Was das letztere betrifft. lauert der Verdacht. wenn die Mehrheit oder meine gesamte Umgebung die Frage schon vorentschieden hat? Wer bin ich. dann ist das bloß so hingesagt. anfangen. Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen und feststellen. zu mißtrauen. Er bestand darauf. 10 . um Ansichten. was überhaupt nichts zu tun hat mit jenem »Richte nicht. daß ich richte? Und zwei­ tens. wie es damals gewesen sei. ohne manipuliert zu werden. es habe Alternativen gegeben und er hätte sich sei­ nen mörderischen Pflichten entziehen können. die dabei­ gewesen sind. der einen Menschen wegen Mordes verur­ teilt. die nicht wüßten oder ver­ gessen hätten. Und wenn mit dieser Furcht gemeint sein soll.den Urteilsspruch des Jerusalemer Landgerichts. so liegt auf der Hand. daß weder Geschichtsschreibung noch Gerichts­ verfahren überhaupt möglich wären. und dies gilt gleichermaßen für die Geschichtsschreibung wie für den Richter beim Prozeß. Und da schließlich diese Frage für gewöhnlich den Vorwurf der Selbstgerechtigkeit miteinschließt: wer hat je behauptet. weshalb die Diskussion über das Recht oder die Urteilsfähigkeit die moralisch wich­ tigste Frage berührt. wenn überhaupt. nur wenige Fälle gibt. wenn wir uns selbst diese Fähigkeit absprächen. Es gibt in un­ serer Gesellschaft eine weitverbreitete Furcht zu urteilen. »nicht den ersten Stein zu werfen«. unterstelle. die im Nachhinein geschaffen worden seien und von Leuten unterstützt würden. es zu begehen? Selbst der Richter. kann danach nur sagen: »And there. was jemand getan hat. wenn wir von unserer Urteilsfähigkeit Gebrauch machen. wie kann ich Recht von Unrecht unterscheiden. but for the grace of God. in welchem es hieß. der Abneigung. und letzterer hat gute Gründe. Denn hinter. Unfug von sich zu geben. über et­ was zu urteilen. bei denen wir nicht im Nachhinein urteilen. indem ich ein Unrecht beurteile. daß ich. daß es sich dabei um Nachkriegslegenden handle. Es geht hierbei um zwei Dinge: Erstens. selbst unfähig zu sein. doch wenn viele Leute.

sind entweder Heilige oder Heuchler. gleichermaßen schlecht. oder sie in der modernen Wissenschaft. in dem man Hitler beispielsweise einen Massenmörder nennt — wobei natürlich gilt.daß eigentlich niemand ein frei handelndes Wesen ist. daß dieser besondere Massenmörder po­ litisch sehr talentiert war. an­ statt die Schuld für alle Taten bei geschichtlichen Bedingun­ gen und dialektischen Bewegungen zu suchen. wenn jemand an einer be­ stimmten Person eine ganz besondere Schuld festmacht. die »Wer bin ich* daß ich richte?« sagt. in der Technologie. so wurde gesagt. Es gab nicht nur empörte Prote­ ste aus der katholischen Hierarchie (was nachgerade ver­ ständlich ist) und Fälschungen von waschechten Propagandi­ sten. — solange ist alles in Ordnung. die sich hinter dem Rücken der Menschen vollzieht und allem. Solange man die Wurzeln zu dem. sofort gegen Rolf Hochhuths Theaterstück »Der Stell­ vertreter«. die versuchen oder vorgeben zu versuchen. sucht. wegen seines ei­ genartigen Schweigens zur Zeit der Massaker an den Juden im Osten angegriffen hatte. und daß das ganze Phänomen des Dritten Reiches nicht allein dadurch erklärt werden kann. daß ein derartiges Urteil über diese Figur vulgär sei. zurückverfolgt zu Plato oder Joachim von Fiore oder Hegel und Nietzsche. wo man auch nur beiläu­ fig moralische Fragen aufwirft. man begegnet einer lächerlichen Beschei­ denheit. eine Art tiefere Bedeutung verleiht. um Ihnen ein ande­ res Beispiel aus einer gegenwärtigen Auseinandersetzung zu geben. es ermangele der Differenziertheit und sei bei der Interpreta­ tion der Geschichte fehl am Platz. ob irgend jemand für seine Taten Rede und Ant­ wort stehen könne. Deshalb kommt es auch immer genau dann zu einem riesigen Aufschrei. habe den Papst als den . kurz: eine mysteriöse Notwendigkeit verantwortlich zu machen. beide soll­ ten uns in Ruhe lassen. In dieser Art etwa wandte man sich. Im Augenblick. was Hitler anrichtete. halbwegs anständig zu bleiben. und von daher wird bezweifelt. wer Hitler war und wie er die Menschen beeinflußte — in . im Ni­ hilismus oder in der Französischen Revolution usw. Doch in dem Augenblick. und jene. in dem der Autor Papst Pius XII. dem Augenblick also stößt man auf die allgemeine Auffas­ sung. was sie tun. Hochhuth. ob überhaupt jemand verant­ wortlich ist. will heißen: wir sind alle gleich. wird man mit diesem er­ schreckenden Mangel an Selbstvertrauen und daher auch an Stolz konfrontiert.

ob sie noch leben oder nicht). Ist es denn nicht offensichtlich. die sich in der Praxis als höchst wirksame Reinwaschung all jener erwiesen hat. ist die Frage. aber der Angeklagte ist das ganze Menschengeschlecht« (Robert Weltsch. wie absurd dieser Begriff ist. Namen zu nennen und Verantwor­ tung festzustellen (besonders wenn es. Der Gedanke. um Leute mit Macht und in hoher Position geht. bedauerlicherweise. den . den Papst anzuklagen. nicht etwa ein Verbrechen. um eine Vorstellung freilich. ganz egal. denn nun sind nicht einmal mehr die Deutschen schuldig. geht über die allgemein bekannte. es gibt nieman­ den mehr. da ist es nie­ mand. sondern nur eine zugegebenermaßen schwere Unterlassungssünde begangen zu haben? Es ist gut und richtig. Summa Iniuria oder Durfte der Papst schweigen? rororo 1963). um ihn vor der Anschuldigung zu retten. um zu sehen. wo doch die ganze Christenheit auf der Anklagebank säße.Hauptschuldigen angeklagt. wo alle schuldig sind. um Hitler und das deutsche Volk zu entlasten. daß es kein Gesetz gegen Unterlas­ sungssünden gibt und daß kein menschlicher Gerichtshof dazu berufen ist. weil niemals die ganze Chri­ stenheit angeklagt wurde? Und was soll man von all jenen sa­ gen. Es handelt sich übri­ gens hierbei um einen Begriff. um eine hochrangige Persönlichkeit zu retten. Doch ein ebenso glück­ 12 . der erstmals auf das deutsche Volk und seine kollektive Vergangenheit angewandt wurde. daß die Christenheit viele Päpste ziem­ lich elegant überlebt hat. ein Urteil zu fällen. daß es »natürlich« oberflächlich sei. ich in diesem Zusammenhang Vorbringen möchte. wenn man sich mit derart ver­ zweifelten intellektuellen Manövern behilft. Worauf ich nach diesen Überlegungen noch hinweisen wollte. und zwar genau deshalb. oder. sondern nur noch einen Begriff. die lieber die ganze Menschheit über die Klinge sprin­ gen lassen würden. die viel schlechter waren als Pius XIL. noch besser auf den Punkt gebracht: »Zweifellos gibt es Gründe für schwere Beschuldigungen. Man muß nur Christenheit oder Menschengeschlecht an die ursprünglich für Deutschland reservierte Stelle setzen. wie tiefsitzend die Furcht davor sein muß. dazu kam der in unserem Zusammenhang bedeutsamere Vorwurf. den wir benennen können. was schlicht unwahr ist. darüber zu urteilen. die tatsäch­ lich etwas getan hatten. doch trügerische Annahme einer Kollektivschuld hinaus.

die man für ge­ wöhnlich Charakter nennt. von selbst verstanden und deshalb keine große Bedeutung besaßen —es handelte sich um keine entscheidende Eigenschaft. Meine frühere intellektuelle Bildung geschah in einer Atmosphäre. die dadurch ausgelöst wurde. das ganz typisch ist für die 13 . weil sie ein Gesetz gebrochen haben. die etwa bei der Beurteilung ei­ ner bestimmten Person eine Rolle spielte. der weiß. Kein Gerichtsreporter. fast automatischen Nachgeben unter Druck. Sicherlich wurden wir dann und wann mit moralischer Schwäche. wir wurden unter der Voraussetzung erzogen: Das Moralische versteht sich von selbst. mit jenem ei­ genartigen. vor der alle allgemeinen und abstrakten Recht­ fertigungen — vom Zeitgeist bis zum Ödipuskomplex — zu­ sammenbrechen. daß es in der Gesellschaft noch immer eine Institution gibt. doch sie weisen eine vielseitige Affinität auf. was er tut. Deren Taten sind natürlich noch immer menschliche Taten. Ich erinnere mich noch ganz gut an meine eigene jugendliche Auffassung von dieser moralischen Rechtschaffenheit. wie wir dachten. unabhängig von der Kenntnis des Gesetzes. mit Mangel an Standfestigkeit oder Loyalität konfrontiert. daß ich »zu Gericht saß«. weil beide die Ur­ teilskraft voraussetzen. W ie kön­ nen -wir. wenn dieser von der öffentlichen Meinung aus­ geht — ein Phänomen übrigens. wie unangenehm es für die meisten von uns ist. weil sie sich eben. sich moralischen Fragen zu stellen. meines Erachtens wirklich bewiesen hat. diese Tugenden eigens hervorzu­ kehren wäre mir philisterhaft vorgekommen. Recht von Unrecht unterscheiden? Und wie können wir urteilen. daß ich meinerseits damit keine großen Probleme hatte. vor der es nahezu unmöglich ist. ohne in derselben Situation gewesen zu sein? . Juristi­ sche und moralische Fragen sind keinesfalls dasselbe. in der niemand moralischen Fragen viel Auf­ merksamkeit widmete. Hier ist genau die richtige Stelle für meine zweite per­ sönliche Bemerkung. sich Fragen der persönlichen Verantwortung zu entziehen. sondern Menschen aus Fleisch und Blut wie Du und ich. vor allem dann. dessen Aufrechterhaltung wir für die Integrität unserer menschlichen Gemeinschaft als wesentlich erachten. vor der nicht Systeme oder Tendenzen oder die Erbsünde beurteilt werden. kann sich aus diesen Fragen heraushalten. eine Institution. Wenn die Erregung. dann gebe ich besser zu.licher Umstand ist. und sie erscheinen deshalb vor einem Tribunal.

die man uns früher beigebracht hatte. saßen keine Vorstellung davon. Für meine Generation und Menschen meiner Herkunft begann die Lektion 1933. möchte ich zu­ 14 . und noch weniger. was Menschen weder adäquat be­ strafen. zu Rande zu kom­ men. doch nach so vielen Jahren hat sich heute herausgestellt. mit welchem. keine der betroffenen Parteien sich bislang aus­ söhnen konnte. als nicht nur deutsche Juden. Lektionen. sondern den Schrecken selbst. die innerhalb der Gerichtssäle wie draußen in zahllosen Diskussionen immer wieder erteilt werden sollten. das wir uns während jener zwölf Jahre angeeignet haben. Nun. was von 1941 bis zum bitteren Ende passiert ist. wie ernst solche Dinge waren und schon gar nicht davon. und sie war zu Ende. wohin sie führen könnten. die am Anfang keiner für möglich gehalten hätte. in welchem man nichts lernt. Um den Unterschied zwischen dem sprachlosen Entset­ zen. bei der es um das Verhalten von Menschen geht. schien das bloße Grauen in sei­ ner nackten Monstrosität über alle Kategorien hinauszuge­ hen und alle Maßstäbe der Rechtsprechung hinwegzufegen. Damals. Viele von uns haben die letzten zwanzig Jahre dazu ge­ braucht. es stellte sich heraus. fürchte ich. son­ dern auch vielen anderen vor.Bildungsschichten bestimmter Gesellschaften — doch wir be­ . das kann man als Erweiterung und Ergänzung jenes Wissens betrachten. wie wir heute sehen. was geschehen war. Und in diesem sprachlosen Entsetzen. Was wir seitdem gelernt haben. so fürchte ich. nicht mit den Ereignissen von 1933. daß diese deutsche Vergangen­ heit auch in einem großen Teil der zivilisierten Welt einfach nicht zu begreifen ist. doch oft sehr widerwärtigen Erfahrung zu erklä­ ren. Vom Wesen dieser Erscheinungen wußten wir sehr wenig. die strikt mora­ lischen und überschaubaren Lehren. noch vergeben konnten. neigten wir alle dazu. Und damit meine ich nicht persönliche Trauer und persönlichen Kum­ mer. und das ist keinesfalls unwichtig. kümmerten wir uns darum. so kam es nicht nur mir. um mit dem. das mit normalen Maßstäben gemessen werden kann. es handelte sich um etwas. und der keineswegs grau­ enhaften. sondern mit dem. Die Deutschen haben für diesen ganzen Komplex den höchst fragwürdigen Begriff ihrer »unbewältigten Vergangenheit« geprägt. daß wir reichlich Gelegenheit zum Lernen erhalten sollten. sondern die ganze Welt über die Greuel Bescheid wußte. zu vergessen.

Wenn man nicht den fast völligen Zusammenbruch des persönlichen Urteilsver­ mögens — nicht der persönlichen Verantwortung — in den Anfangsstadien des Naziregimes berücksichtigt. aber moralische Probleme gab es damit nicht. Die Frage der Moral tauchte erst mit dem Phänomen der Gleichschal­ tung auf. wie sie es sahen. und dabei hatten diese nichts dazu ge­ tan. daß die meisten Männer des 15 . von dem die große Mehrheit der öffentlichen Perso­ nen quer durch alle Schichten und Berufe erfaßt wurde. daß diese Art von Angst und Schrecken aus den meisten Menschen wahrscheinlich Feiglinge macht. Über Nacht wandelten sich sozusagen aufrichtig die Ansichten. sich moralisch über die Reden der Nazi-Größen zu empören. Kurz gesagt.erst eine Tatsache erwähnen. aber nicht moralisch verstört. Dies alles war also schrecklich und gefähr­ lich. sie waren nur von deren Erfolg beeindruckt. mit der lebenslange Freundschaften aufgekündigt und abgebrochen wurden. was tatsächlich geschah. ein Wandel. und es ist auch allgemein bekannt. Diese Gleichschaltung war keine von der Angst ge­ nährte Heuchelei. war nicht das Verhalten unserer Feinde. Es stimmt. und welcher damals einherging mit einer unglaublichen Leich­ tigkeit. dann kann man unmöglich verstehen. was uns verstörte. daß alles so war. In unserer frühen. wo doch deren Ansichten seit Jahren schon all­ gemein bekannt gewesen waren. die aber dennoch kaum Erwähnung findet. sie waren nicht verantwortlich für die Nazis. ja nicht den Zug der Geschichte zu verpassen. die ganz offenkundig ist. Urteilsspruch der Geschichte zu setzen. wir waren auch für die Konsequenzen eines rücksichtslosen Terrors vorbereitet. des­ sen einer Aspekt das Eindringen der Kriminalität in den Be­ reich der Öffentlichkeit war. keine Rolle. nicht-theoretischen Moralerziehung spielte das Verhalten der eigentlichen Übeltäter. und wir hätten gerne zugegeben. Ich glaube. von denen selbst damals kein normaler Mensch etwas anderes als das Schlimmste erwar­ ten durfte. sondern das Verhal­ ten unserer Freunde. und es wäre wirklich sehr merkwür­ dig gewesen. sondern der sehr früh an den Tag gelegte Eifer. und sie waren unfähig. Das neue Regime stellte uns damals nur vor ein komplexes politisches Problem. ihr eigenes Urteil gegen den. daß viele von ihnen sehr rasch ernüchtert waren. Von daher waren wir angesichts des bestialischen Verhaltens der SS in den Konzentrationslagern und Folterkellern der Geheimpolizei zwar entrüstet.

irgendwann mit dem System verbunden gewesen waren. Juli. eine Art Generalprobe für den völligen Zusammenbruch dieser Ge­ sellschaft darstellte. desto klarer wird meiner Ansicht nach. die in Fragen der Moral voll ausgebildet waren und darauf auch allergrößten Wert gelegt hatten. sich gegen Verbrechen zu schüt­ zen. wie unangemessen diese Wertmaßstäbe geworden waren. und 16 . wie wenig sie eigentlich (worauf ich noch zurückkommen werde) zur Anwendung in Situationen. ob Menschen mit einer so geringen begrifflichen Vorbe­ reitung auf moralische Fragen überhaupt dazu in der Lage sind. mit der Besserung des Verbrechers. das potentielle Verbrecher abschrecken soll. sondern schlimmer: sie gaben Versuchungen am allerleichtesten nach. der sich dann während der Kriegsjahre ereignen sollte. so findet man dort all jene. W ir muß­ ten alles von Anfang an lernen. entwickelt und gemeint gewesen waren. sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. die für einen Außenstehenden kaum erkennbar war. Wenn man jedoch einen Blick auf die andere Seite der Barrikade wirft. An dieser Stelle möchte ich nur ein Beispiel für die ver­ trackte Situation geben. Ich habe Sie nicht deshalb auf diese persönlichen Einzel­ heiten aufmerksam gemacht. Ich bin immer noch der Ansicht. daß wir uns hier wirklich in einer Art Zwickmühle befinden. sondern wegen des in meinem Fall eher berechtigten Zwei­ fels. wir befanden uns gewisser­ maßen im Naturzustand. der an der Sache vorbeiginge. uns standen keine Kate­ gorien und allgemeinen Regeln zu Verfügung. sie bewiesen durch ihre Anwendung traditioneller Begriffe und Maßstäbe (während ihrer Hand­ lungen wie nach der Tat) auf höchst überzeugende Weise. irgendetwas zu lernen. in der wir uns befanden: es geht ja immer auch um die Frage der rechtmäßigen Bestrafung. Und die Bestrafung eines Verbrechens wird gewöhnlich mit einem der folgenden Argumente gerechtfertigt — mit dem Bedürfnis der Gesellschaft. Je mehr man sich mit diesen Dingen auseinandersetzt. mit dem warnenden Beispiel. damit ich mir den Vorwurf der Überheblichkeit einhandle. daß diese frühe moralische Desintegration der deutschen Gesellschaft.20. wie sie dann wirklich eintraten. das heißt. die mit ihrem Leben für die Verschwörung gegen Hitler bezahlten. in die wir unsere Erfahrungen hätten einordnen können. sie erwiesen sich nicht nur als unfähig.

ungeschoren davonkommen zu lassen. um den endlosen Teufelskreis der Rache zu durchbrechen. ganz abgesehen von der Tatsache. Da stehen wir nun. die nicht zur Erfahrung passen. die über Werte und Normen verfügen. wenn es um die Bestrafung von Kriegsver­ brechern geht: diese Leute waren nämlich keine gewöhn­ lichen Verbrecher. Wenn es sich hierbei nur um das Verlangen nach Rache han­ delte. daß keiner von ihnen weitere Verbrechen begehen wird. Und was die Möglichkeit betrifft. oder jene. daß Gesetz und Strafe auf Erden entstanden sind. dann werden Sie zu der Einsicht gelangen. mit der wir sie gerechtfertigt haben. Wenn Sie einen Augenblick lang nachdenken. auf eine Bestrafung zu verzichten und jene. ist noch weniger wahrscheinlich als im Fall von gewöhnlichen Kriminellen. Daß sie durch Gefängnisstrafen gebessert werden können. und man kann durchaus unterstellen. Selbst der Begriff der Vergeltung. und wie kann man.schließlich mit dem Gedanken der ausgleichenden Gerech­ tigkeit. Um zu meinen persönlichen Überlegungen zurückzu­ kehren: wer wäre also geeignet. daß alle unsere frü­ heren Vorstellungen über die Strafe sowie die Gründe. Doch auch wenn keiner der Strafgründe. unser Gerech­ tigkeitssinn fände es unerträglich. ohne sich an vorgegebene Normen und allgemeine Maßre- . die auf nichts anderes als auf ihre Erfahrung zurückgreifen können. auf eine Erfah­ rung überdies. das wäre lächerlich. das deshalb auch nicht im Einklang mit gegenwärtigem Rechtsdenken steht. daß keiner dieser Gründe zutrifft. was in unserem Zusammenhang noch viel wichtiger ist. hier gilt. so gibt es auch hier kaum den Hauch einer Chance. die mit unserem Gerechtigkeitssinn übereinstimmt. die Ge­ sellschaft muß sich nicht vor ihnen schützen. unter denen diese Verbrechen begangen wurden oder künftig begangen werden könnten. zusammengebrochen sind. die nicht mit überkommenen Vorstellungen zu fassen ist? W ie kann man denken. derartige Verbrecher in Zukunft abzuschrecken. wenn man die außergewöhnlichen Umstände bedenkt. wenn man das Ausmaß des Verbrechens bedenkt. richten und verlangen eine Strafe. läßt sich. auf die wir uns gewöhnlich berufen. das einzige nicht auf den Nutzen gerichtete Argument für die rechtmäßige Bestrafung. während andrerseits uns eben dieser Gerechtigkeitssinn mitteilt. kaum anwenden. urteilen. solche Fragen zu erörtern? Jene etwa. die Tausende und Hunderttausende umgebracht haben.

ohne sich dabei von Gefühlen oder dem Eigeninteresse hinwegtragen zu lassen. denn das Thema des heutigen Abends verlangt von mir keine Philosophie des Urteilens. wie sie mit den Taten ihrer Vor18 . die nicht an Werte und Regeln gebunden ist. so fürchte ich. Jede Regierung üjbernimmt die politische Verantwortung für die Taten und die Untaten ihrer Vorgängerin. die es ihm erlaubt. Ich habe noch einmal Glück gehabt. übernehmen« — da hat er nur etwas emphatisch eine der Grundtatsachen allen poli­ tischen Lebens festgestellt. was Frankreich von Ludwig dem Heiligen an bis zum Komitee für öffentliche Sicherheit getan hat. Als Napoleon nach der Revolution in Frankreich die Macht er­ griff und sagte: »Ich werde die Verantwortung für alles. und jede Nation übernimmt die Verant­ wortung für die Taten und Untaten der Vergangenheit. daß wir festen Halt finden. die. die gewissermaßen in den allgemeinen Regeln nicht vorgesehen sind —nicht ein­ mal als Ausnahme von diesen Regeln? Einer gültigen Ant­ wort auf diese Frage müßte eine Analyse des immer noch sehr geheimnisvollen Wesens des menschlichen Urteilsver­ mögens vorausgehen. so ist offenkundig. Denn nur wenn wir voraussetzen. die den Zusammenbruch aller gewohn­ ten Werte vorexerzieren. Persönliche Verantwortung muß man von politischer Verantwortung unterscheiden. Die allgemeine Frage betrifft den ersten Teil des Titels —die per­ sönliche Verantwortung. genauso an den Sünden der Väter trägt. wenn wir es wagen. das heißt. daß der Mensch über eine Fähigkeit verfügt. sondern im Gegenteil vermittels der Urteils­ kraft selbst ihre eigenen Prinzipien schafft. über eine Fähigkeit. nicht allgemein akzeptiert werden. Doch selbst der eingeschränkte Zugang zum Problem der Moral und ihrer Grundlagen macht die Klärung einer allgemeinen Frage wie auch einige Unterscheidungen nötig. wenn sie auf Ereignisse trifft.geln zu halten. rational zu urtei­ len. indem sie in ein ge­ schichtliches Kontinuum hineingeboren wird. die gleichwohl spontan sich äußert. Und was die Nation angeht. uns auf diesen sehr unsiche­ ren moralischen Boden zu begeben. welchen man die konkreten Fälle und Bei­ spiele der Erfahrung unterordnen kann? Oder anders gesagt: was geschieht mit der menschlichen Urteilskraft. daß jede Generation. seiner Möglichkeiten und seiner Gren­ zen. auf Ereignisse. — allein unter dieser Annahme besteht einige Hoffnung.

Aber nicht mit dieser Form von Verantwor­ tung möchte ich mich hier auseinandersetzen. Nun. Wer politische Verantwortung über­ nimmt. nur eine moralische Selbstzufriedenheit unter jenen entstünde. wie gefährlich diese moralische Verwirrung werden kann. DER SPIE­ G EL Nr. schuldig fiihlen. 25). oder das Todesurteil habe »als Sühne für die von vielen jungen Menschen in Deutschland empfundene Schuld gedient« (Martin Buber). wie der Justiz­ minister sich gegen eine solche Verlängerung mit dem Argu­ ment wandte. an dem er sieh sagt: »Die Zeit ist aus dem Leim —Fluch ihren Tücken daß ich zur Welt kam. wenn wir gegan­ gen sein und deren Bürde unseren Nachfahren hinterlassen haben werden. die in Deutschland als die »Mörder unter uns« bezeichnet werden. Moralisch gesehen ist es ebenso falsch. die wir nicht begangen haben. die keine Mörder seien (vgl. weil wir alle ir­ gendwann als Neuankömmlinge in einer Welt eintreffen. wenn wir sagen. Hamlet 1/5) Die Zeiten wieder ins Lot zu bringen bedeutet. die völlig frei von Schuld waren. sich schuldig zu füh­ len. daß wir uns wegen der Sünden unserer Väter. wohin­ gegen nur wenige der Verbrecher bereit waren. unseres Volkes oder der Menschheit. das heißt bei denjenigen. die viel zu jung 19 . Vor einigen Jahren löste der Voll­ zug der Todesstrafe im Fall Eichmann weithin Widerspruch aus: durch die Vollstreckung könne das Gewissen der Durch­ schnittsdeutschen beruhigt werden. ohne etwas Bestimmtes Eingerichtet zu haben. wenn man weiterhin eifrig nach je­ nen fahnde. die Welt zu erneuern.fahren gesegnet ist. wie sich schuldlos zu fühlen. 1965. we­ gen Taten. Und als wir während der in Deutschland über die Verlängerung der Verjährungsfrist für Naziverbrechen geführten Debatte hörten. die unschul­ dig sind. wenn junge Menschen in Deutschland. sondern metaphorisch ge­ meint. kommt irgendwann an den Punkt. wenn man tatsächlich etwas begangen hat. 5. die vor uns da war und nach uns da sein wird. Genau be­ trachtet ist es nicht persönlich. kurz. S. und dies können wir deshalb tun. daß sich im Deutschland der Nachkriegszeit diejenigen. daß dann. Ich habe es immer für den Inbegriff moralischer Verwir­ rung gehalten. sie zurechtzurücken!« (Shakespeare. da sahen wir sofort. wie schuldig sie sich fühlten. gegenseitig und aller Welt versicherten. auch nur die geringste Spur von Reue zu zeigen.

wohingegen alle Institutionen und Körperschaften. besser gesagt: bewertet. die das System als Funktionäre benutzt. was die Angeklagten in den Nachkriegsprozessen zu ihrer Entschuldigung Vorbrin­ gen wollten: »Wenn ich es nicht getan hätte. Wenn man ein poli­ tisches System beschreibt. der Schuldbegriff macht nur Sinn. um irgendetwas angerichtet zu haben. dann muß man notwendigerweise von all den Personen sprechen. also von Rädchen und Schräubchen aller Art. erst recht in einer to­ talitären Diktatur.sind. So etwas wie kollek­ tive Schuld oder kollektive Unschuld gibt es nicht. und hierbei sind unsere Kriterien die Freiheit oder das Glück oder der Grad der politischen Beteiligung der Bürger. dem ganzen öffentlichen Dienst und eigentlich jeder behördlichen Tätigkeit zugrunde liegt. also jede Person muß ersetzt werden können. die man bei normalen Re­ gierungsformen immer noch benennen kann. die Frage nach der persönlichen Verantwortung derer. sind verwirrt. Im Dritten Reich jedenfalls gab es nur einen Mann. auf die Zahl Eins zusammengeschrumpft. die allen bürokratischen Systemen. ist selbst die vergleichsweise geringe Anzahl von Entscheidungsträgern. ohne daß das System geändert wird. dann haben sie entweder unrecht. Hier stimmt in der Tat. Während der Auseinandersetzungen über den Eichmann-Prozeß sind diese vergleichsweise einfachen Dinge et­ was komplizierter geworden durch die Theorie des Rädchens im Getriebe. sich schuldig fühlen. oder sie betreiben intellektuelle Spielereien. und wenn man in ihrem Bezugssystem anklagt. der Entscheidungen fällen konnte und dies auch tat und von da­ her politisch voll verantwortlich war — und das war Hitler. ohne welche die Verwaltung nicht in Gang gehalten werden kann. ist dabei von ganz untergeordneter Bedeutung. wenn er auf Individuen ange­ wendet wird. der deshalb einmal ganz korrekt und ohne jeden Anflug von 20 . dann spricht man von guten und schlechten Systemen. die das ganze in Betrieb halten. So sieht die politische Wissenschaft diese Dinge. abgeschafft worden sind. dies ist eine Voraussetzung. dann eben je­ mand anderes. Jedes dieser Rädchen. wie ich das nennen möchte. welche Exekutiventscheidungen entwe­ der kontrollieren oder ratifizieren sollen. wie es funktioniert.« Denn in einer Diktatur. welche Bezie­ hungen zwischen den verschiedenen Staatsorganen bestehen und wie die riesigen bürokratischen Apparate arbeiten.

Eichmann sei bloß ein kleines Rädchen gewesen —daß der Angeklagte so dachte. daß es von allen seinen Dienern und nicht nur von den unteren Rängen einen handfesten Beweis ihrer kri­ minellen Mittäterschaft verlangte. als ein Individuum mit Namen. so versuchten die Richter es klarzustellen. daß der große Vorteil eines Gerichtsverfahrens darin besteht. daß die großen Verbrechen in den meisten krimi­ nellen Organisationen eigentlich von kleinen Rädchen be­ gangen werden. ich hatte weder den Willen. alle diese Fragen von einem anderen Blickwinkel aus zu be­ trachten. Bedeutete dies. Es ist of­ fenkundig. Es war natürlich vorauszusehen. noch die Kraft. ob ihm das bewußt war oder nicht. der irgendetwas mit öffentlichen Ange­ legenheiten zu tun hatte. und man könnte sogar sagen. wird keinem System. und in gewissem Maße tat er das dann auch — während der Versuch der Anklage. nicht der Ge­ schichte. dann wird er genau deshalb angeklagt. irgendetwas aus eigener Initiative heraus zu tun. daß die Verteidi­ gung in dem Sinne argumentieren würde. Und wenn der Angeklagte zufälligerweise ein Funktionär ist. war tatsächlich ein Rädchen. begangen. sondern einer Person der Prozeß gemacht. ich . und allein in dieser Eigenschaft steht er vor Gericht. Denn in einem Gerichtssaal. wie zum Beispiel dem Antisemitismus. das hatte man nicht erwartet. was richtig und angemessen war: sie verwarfen diese Auffassung ohne Wenn und Aber — und ich nebenbei gesagt auch. Die Rich­ ter taten. kurios war. daß niemand anderes zur Verantwortung gezogen werden konnte? Als ich den Eichmann-Prözeß in Jerusalem beobachtete. dessen Sie angeklagt sind. weil ein Funktionär immer noch ein menschliches Wesen ist. von ganz oben bis ganz unten. und wenn ja. aus ihm das größte . Folglich lautete die Frage des Gerichts an den Angeklagten: »Haben Sie als das und das. keiner historischen Tendenz.Größenwahn sich selbst als den einzigen unersetzlichen Menschen in Deutschland beschrieb. keinem »Ismus«. Jeder andere. Geburtsdatum und Ge­ burtsort. daß in diesem Rahmen das ganze Gerede vom Rädchen im Getriebe unsinnig ist und man gezwungen wird. also identifizierbar und nicht austauschbar. daß eines der Merkmale des organisierten Verbrechens im Dritten Reich darin bestand. warum?« Wenn der Angeklagte antwortet: »Das war nicht ich. der das getan hat. war wahrscheinlich. spürte ich. das Ver­ brechen. Rad aller Zeiten — schlimmer und wichtiger als Hitler — zu machen.

Denn auf die Antwort hin: »Nicht ich. sich selbst öffentlich aufzuhängen und alle »Sünden« auf sich zu nehmen. dann muß er Namen nennen. und diese Personen tauchen dann als mögliche Mitangeklagte auf. ein Sündenbock zu werden — er schlug vor. Nur weil dieser Schritt mit Prozeßbeginn bereits vollzogen war. wenn er nicht das Rädchen oder den Sachbearbeiter des Referats IV B 4 im Reichssicherheits-Hauptamt in einen Menschen verwandelt hätte. im Gegensatz zur Herr­ schaft eines einzigen oder einiger oder vieler. daß also nicht die Tatsache. Bürokratie ist die Herrschaft des Niemand und aus eben diesem Grund vielleicht die unmenschlichste und grausamste Herrschafts­ form. wird so­ fort die nächste Frage gestellt: »Und warum.) In jedem bürokratischen System gehört das Verschieben von Verantwortung zur täglichen Routine. Der Eichmann-Prozeß wäre wie alle diese Prozesse völlig uninteressant gewesen. konnte die Frage der persönlichen Ver­ antwortung und deshalb auch die der juristischen Schuld überhaupt entstehen. Wenn man dem Angeklagten er­ laubte. (Eichmann selbst wünschte. und wenn man Bürokratie aus der Sicht der politischen Wissenschaft als eine Herrschaftsform definieren möchte. Diese Interpre­ 22 . daß Systeme Menschen in Zahn­ räder verwandeln — und totalitäre Systeme tun dies noch mehr als andere —zur Verhandlung anstand. würde aus ihm in der Tat ein »Sün­ denbock«. ist ein Zufall«. in dem ich ein Rädchen war. dann handelt es sich da­ bei um die Herrschaft der Büros. dann zieht er andere Personen mit hinein. Doch im Gerichtssaal helfen solche Definitionen nicht weiter. daß ich hier vor Gericht stehe. jeder andere an meiner Stelle hätte das gemacht. Und selbst diese Rückverwandlung ei­ nes Rädchens in einen Menschen bedeutet nicht. sie erscheinen nicht als die Verkörperung irgendeiner bürokratischen oder einer anderen Notwendigkeit.war bloß ein Rädchen im Getriebe und austauschbar. wnrden Sie ein Rädchen oder blieben Sie es unter derartigen Umständen?« Wenn der Angeklagte die Verantwortung auf andere abschieben möchte. erhebende Gefühle zur Schau zu stellen. bittesehr. Das Gericht verwei­ gerte ihm diese letzte Gelegenheit. sondern das Sy­ stem. dann wird diese Auskunft als unerheblich abgetan. hat es gemacht«. daß etwas wie das bloße Funktionieren vor Gericht verhandelt wurde. sich als Vertreter eines Systems schuldig oder nicht schuldig zu bekennen.

dann sind es solche gegen erklärte Feinde 23 . unter denen eine Tat begangen wird —nämlich ungefähr so. doch das Privatleben und die unpolitischen Betätigungen werden nicht notwendiger­ weise davon berührt. als verfas­ sungsmäßige Herrschaft in unserem Sinne zu gelten — ver­ fassungsmäßige Herrschaft ist ohne die Verankerung des Rechts auf Opposition nicht denkbar — doch diese Systeme . und das meiste. daß diese Regimes politi­ sche Gegner gewöhnlich mit großer Rücksichtslosigkeit ver­ folgen. Totalitäre Herr­ schaftsformen und gewöhnliche Diktaturen sind nicht das­ selbe. Es stimmt. und sie sind meilenweit davon entfernt. Es zählt. doch nicht entschuldigt. wie man die Verhältnisse von sozial benachteiligten Perso­ nen als mildernde Umstände für in ihrem Milieu begangene Verbrechen in Rechnung stellt. die angesprochenen Umstände zu verstehen. Hier muß ich Sie erst mit einigen Un­ terscheidungen belästigen.bezeichnete immer eine Not­ standsmaßnahme verfassungsmäßiger und gesetzesförmiger Herrschaft. wenn in Kata­ strophengebieten oder zu Kriegszeiten der Ausnahmezu­ stand oder das Kriegsrecht verkündet wurden. und wenn sie Ver­ brechen begehen. sowohl in juri­ stischer wie auch in moralischer Hinsicht zu den Umständen.tation wäre nur ein weiterer Versuch gewesen. daß die Verantwortung von den Menschen auf das System verlagert wird. Und aus diesem Grund komme ich nun zum zweiten Teil meines Titels —zur Diktatur. oder bei denen sich eine Partei des Staatsapparates auf Kosten aller anderen Parteien bemächtigt und es daher auch keinerlei organisierte politi­ sche Opposition mehr gibt. wir wissen noch sehr gut Bescheid. die uns dabei helfen sollen. Beide Herrschaftstypen bedeuten das Ende der politischen Freiheit. sie war zeitlich und machtmäßig immer strikt begrenzt. sich den strik­ ten Begrenzungen eines Gerichtsverfahrens zu entziehen. kann man doch das System nicht völlig außer acht lassen. Diktatur in der alten römi­ schen Bedeutung des Wortes . bezieht sich nur auf totalitäre Herrschaft. die zivile Regierung abschafft und die Bürger ihrer zivilen und politischen Freiheiten beraubt. Wir kennen außerdem moderne Diktaturen als neue Formen der Herr­ schaft. sind nicht kriminell im eigentlichen Sinn. in denen entweder das Militär die Macht übernimmt. Auch wenn die Verfahrensvorschriften bei Gericht oder die Frage der persönlichen Verantwortung unter der Dikta­ tur es nicht zulassen können. was ich hier zu sagen habe.

ganz egal ob er Parteimitglied ist oder den Eliteformationen des Regimes angehört. Die totalitäre Gesellschaft ist im Unterschied zur totalitären Herrschaft tatsächlich monolithisch. Außerdem erstreckt sich totale Herrschaft auf alle Berei­ che des Lebens. es vermeiden konnten. Doch die Ver­ brechen totalitärer Herrschaft betrafen Menschen. dann wirft dies beträchtliche Probleme gerade in Hinblick auf die Frage der Verantwortung auf.und Hauptschule bis zu den Universitäten und Gelehrtengesellschaften — wird ver­ langt. In allen Büros und in der Tat in allen Jobs. Seit der Niederlage Nazi-Deutschlands wird eine hitzige Debatte über moralische Fragen geführt. die selbst vom Standpunkt der Partei an der Macht aus gesehen »un­ schuldig waren«. künstlerischer oder wissenschaftlicher Art. Und bei der Enthüllung der beispiellosen Mittäterschaft aller Schichten der offiziellen Gesellschaft an den Verbrechen. alle Or­ ganisationen wie Wohlfahrt. von der Grund. Mit genau der Begründung. die sich völlig vom öffentlichen Leben zurückzo­ gen und jede Art von politischer Verantwortung ablehnten. und wenn man diese Nichtteilnahme als juristi­ schen Maßstab für Recht und Unrecht einführt. die von ihrer Regierung legalisiert wurden. nicht nur auf den politischen. das heißt bei der Aufdeckung des vollständi­ gen Zusammenbruchs der gängigen moralischen Maßstäbe. das sich an der Macht befindet. die irgendwie von öffentlichem Belang sind — von Werbe­ agenturen bis zum Gerichtswesen. alle öffentlichen Äußerungen kul­ tureller. daß sich die Angeklagten nicht hätten an Verbre­ chen beteiligen dürfen. daß man die herrschenden Prinzipien vorbehaltlos ak­ zeptiert. vom Schauspieler bis zum Sportjournalisten. ist auf die eine oder andere Weise in die Taten des Regimes als Ganzes verwickelt. Denn in Wahrheit war es so. der überhaupt am öffentlichen Leben teilnimmt. daß nur diejenigen.des Regimes. Sport und Unterhaltung sind gleichgeschaltet. Was die Gerichte in all diesen Nächkriegsprozessen ver­ langten. es handle sich um ganz gewöhnliche Verbrechen. ist. in politische Verbrechen verwickelt zu werden —das heißt. haben die meisten Länder nach dem Krieg eine Vereinbarung unterzeichnet. 24 . sie konnten juristischer und moralischer Verantwortung aus dem Weg gehen. Jeder. derzufolge diejenigen. die aus Nazideutschland entkommen konnten. nicht den Status eines politischen Flüchtlings erhielten.

Aber selbst dieser einfache Sachverhalt ist völlig durcheinandergeraten. die nichts taten. Und das Ärgerliche daran ist. war klar —es sei denn. mäßigend einzuwirken und zu­ mindest einigen Menschen zu helfen. die ausgehalten haben. wir zollten dem Teufel Tribut. die sie ihrerseits ohne große Schwierigkeit vom kaiserlichen Deutschland über­ nommen hatte. sie änder­ ten ihre Auffassung und bereuten. an dem ein aus­ gesprochen totalitäres System in eine Einparteiendiktatur oder eine Tyrannei übergegangen ist. wenn gleich am Anfang ein Sturz des Hitlerregimes stattge­ funden hätte oder zumindest der Versuch dazu unternom­ men worden wäre. die keine überzeugten Anhänger des Regimes waren. (Man kann annehmen. Im Unterschied zur juristischen Verantwortlichkeit stellt sich die Frage der persönlichen Verantwortung nur für jene. auch wenn es gelogen war. wa­ ren überhaupt keine Verschwörer. dessentwe­ gen sie nun vor Gericht standen. dem Chef der Geheimpolizei. son­ dern durch einen Staatsstreich — es sei denn.) Aber die Leute. ohne deren Fachkenntnisse weder das Hitlerregime noch die Adenauerregierung hätten fortbestehen können. doch nicht einfach 25 . während jene. die solche Argumente im Mund führen.« Dieses Argument hätte politisch einleuchten können. nicht einmal in Gedan­ ken. kam wahrscheinlich mit der Liquidation Berias.wurde das nachfolgende Argument in endlosen Variationen vorgebracht: »Wir. sich vor jeder Verantwortung drückten und nur an sich und an die Rettung ihres Seelenheils dach­ ten. sind in Wirklichkeit diejenigen. denn als schließlich der Tag der Abrechnung kam. Hitler hatte sie von der Weimarer Republik geerbt. hatten die Möglichkeit. zumin­ dest was das verbrecherische Programm anlangt. Krieg besiegt. daß es keine überzeugten Anhänger gegeben hatte. sondern nur besiegt fühlen würden. daß es sich. genauso wie Adenauer sie von HitlerDeutschland übernehmen sollte. daß irgendetwas dieser Art in der Sowjetunion entweder kurz oder unmittelbar nach Stalins Tod geschehen ist. es wird in einem . nur diejenigen. um Schlim­ meres zu verhindern. ohne ihm jedoch unsere Seele zu verkaufen. die dabeigeblieben sind. stellte sich heraus. der Wendepunkt. Bei ihnen handelt es sich in der Regel um jene Beamten. die wir heute schuldig erscheinen. Denn ein totalitäres Regime kann nur von innen gestürzt werden — nicht durch eine Revolution. daß an­ drerseits die Überzeugungstäter sich nicht schuldig.

um eine glatte Lüge handelte. wie gesagt wurde. daß diejenigen. Und man muß zugeben. so liefert ihn nicht aus. Denn so wie es diesen politisch neutralen Menschen. dafür aber eine große Zahl. die die späteren Verbrechen des Regi­ mes aus vollem Herzen bejahten. egal welchen Posten er hatte und was er tat. der aus eben diesem Grunde häufig des moralischen Rigorismus beschuldigt wird). sie seien nicht bereit. »verantwortlicher«. dann laßt nicht zu. so lautet das Argument. eine Frau auszuliefem. So steht. das kleinere von beiden zu wählen. und da war es. Wenn man von Euch verlangt. aber mit ihnen zusammenarbeiteten. in seinem Job auszuharren. die zwar keine Nazis waren. etwa im Talmud: »Wenn man von Euch verlangt. sich damit auf billige Weise vor der Verantwortung gedrückt hätten. dann sei man ver­ pflichtet. sich die Hände schmutzig zu machen. so ging es den Parteimitgliedern und selbst den Elitefor­ mationen der SS in der Endphase. Es gab im Dritten Reich nur wenige Menschen. egal unter welchen Bedingungen oder mit welchen Konsequenzen. für die Sicherheit der Gemeinschaft einen Mann zu opfern. Doch per­ sönliche oder moralische Verantwortung ist jedermanns Sa­ che. im Anfangsstadium gegangen war. die man getrost vernachlässigen kann. die zur Rettung aller anderen Frauen geschändet werden soll. das auf absolut unzweideutige Weise je­ den Kompromiß mit dem kleineren Übel zurückgewiesen hat. die den moralischen Trugschluß dieses Arguments anpran­ gern. Und nun behauptet jeder einzelne. die unter irgendeinem Vorwand sich ins Privatleben zurückgezogen hatten. die absolut bereit waren. sie hätten ihre private Stellung als Deckung für eine aktive Opposition genutzt —eine Alternative. daß sie geschän26 . werden gewöhnlich eines keimfreien Moralismus be zichtigt. der im politischen Geschäft nichts zu suchen habe. wie mir neulich bei einer Diskussion dieser Fra­ gen gesagt wurde. Jene. ein Heiliger oder ein Held zu sein. Es sei denn. Wenn man mit zwei Übeln kon­ frontiert werde. daß es in der Frage des kleineren Übels nicht so sehr auf politische oder moralphilosophische Überlegungen ankam (mit der einzigen Ausnahme von Kant. wohingegen es unverantwortlich sei. sie dennoch auszuführen. denn offenkundig ist es nicht jeder­ manns Sache. sondern daß es gerade oft reli­ giöses Denken war. Bei ihrer moralischen Rechtfertigung hat vornehmlich das Argument des kleineren Übels eine Rolle gespielt. die Wahl rundweg abzulehnen.

Überdies stellt man bei der Betrachtung totalitärer Herrschaftsformen fest. nachdem dessen Irrtum so klar auf der Hand liegt. Um nur eines von vielen Beispielen zu geben: der Vernichtung der Juden ging eine schrittweise Folge antijüdischer Maßnahmen voraus.und Verbrechensmaschinerie gehört.. die Beamten wie auch die Bevölkerung im allgemeinen daran zu gewöhnen. daß dadurch irgendjemandem geholfen werden könne. was erstaunlicherweise nicht der Fall war. Leider scheint es viel einfacher zu sein. Die Tatsache. : \ j I i | t ) ■ I j j | I j det wird. sich auf eine völlig unvor27 . das ist erstaunlich genug (in der Diskussion über Hochhuths Theaterstück war wieder zu hören. schrieb Papst Johannes XXIII. daß diejenigen. die das kleinere Übel wählen. daß man es beim besten Willen nicht mehr als ein »kleineres Übel« bezeichnen konnte. weil die Weigerung. unter dem Stichwort »Praxis und Klugheit« über das Verhalten von Papst und Bischof: »Sie müssen sich davor in acht nehmen . Die Hinnahme des kleineren Übels wird bewußt dazu benutzt. den Tatsachen. die nicht zur herrsehenden Elite gehören. die im Einzelfall gebilligt wurden.« Politisch betrachtet bestand die Schwäche des hier zur Diskussion stehenden Arguments schon immer darin.. hätte man annehmen können.« Und in derselben Art. daß diese Argumentation nun ein für allemal zusammengebrochen wäre. wie sich der menschliche Verstand dagegen sperrt. daran mitzuwirken. daß sie sich fiir ein Übel entscheiden. daß ein wie auch immer gearteter Protest von seiten des Vatikans alles nur noch schlimmer gemacht hätte). das Übel an sich zu akzeptieren. daß Schlimmeres überhaupt nicht mehr passieren konnte. rasch vergessen. ins Auge zu sehen. alles verschlimmert hätte — bis eine Stufe erreicht war.I I ! j j [ j j I I I I ] > | ! j . Da das Übel des Dritten Reiches schließlich so ungeheuerlich wurde. sondern daß es offensichtlich als integraler Bestandteil zur Terror.sich in irgendeiner Weise mit dem Bösen in der Hoffnung einzulassen. menschliches Verhalten zu konditionieren und Menschen dazu zu bringen. daß in diesem letzten Stadium das Argument des kleineren Übels nicht über Bord geworfen wurde und daß es selbst heute noch fortlebt. die seinem Bezugssystem auf die eine oder andere Weise völ­ lig widersprechen. die zudem noch deutlich an die Politik des Vatikans im letzten Krieg erinnerte. W ir sehen daran. daß das Argument des kleineren Übels nicht nur von jenen ins Feld geführt wird.

will ich von den mo­ ralischen zu den rechtlichen Maßstäben übergehen. Hoheitsakte hingegen sind Handlungen. Höhere Befehle sind legal. weil diese im allgemeinen besser definiert sind. anstatt Kategorien und Formeln anzuwenden. die zwar tief in unse­ rem Denken verankert sind. wenn er einem Befehl nicht ge­ horcht. aus der Erfahrung zu 1ernen. deren Erfahrungsgrundlage aber längst vergessen ist und deren Plausibilität eher auf ih­ rer logischen Stimmigkeit beruht als darauf. In den Kriegsver­ brecherprozessen und in der Diskussion über persönliche Verantwortung griffen die Angeklagten und deren Anwälte entweder auf das Argument zurück. Diese beiden Kategorien darf man aber nicht durcheinander bringen. so die Annahme. Um diese Schwierigkeiten der Urteilsbildung zu erläu­ tern. die Staatsräson. Dabei handelt es sich. daß sie tatsäch­ lichen Ereignissen angemessen sind. der innerhalb der Staatsgrenzen lebt. Die Theorie. weil ihre Existenz oder ihre Macht auf dem Spiel stehen. diese gelten für den einzelnen Bürger. kann nicht durch gesetz­ liche Beschränkungen oder durch moralische Erwägungen eingeengt werden. . das heißt mit Denken und Urteilen zu beginnen. nicht für den Staat. die im völlig rechtsfreien Raum stättfinden. die hinter dem Begriff der Staatshandlung steht. besagt. »möglicherweise von einem Kriegs­ gericht erschossen zu werden. Die Staatshandlung wird in dieser Theorie stillschweigend mit dem »Verbrechen« verglichen. als irgend­ jemanden davon zu überzeugen. wenn dieser als Ganzes auf dem Spiel steht und von daher die Exi­ stenz der Gesamtheit seiner Elemente gefährdet ist. die auftauchen. und zwar im Rahmen der Rechtsprechung. daß diese Verbrechen »Hoheitsakte« gewesen oder auf »höheren Befehl« began­ gen worden seien. über die nie­ mand zu Gericht sitzen kann. zu verbrecherischen Mitteln zu greifen. selbst wenn sich der Angeklagte dann in der klassischen Zwickmühle des Solda­ ten wiederfinden sollte. und von einer Jury und dem Richter zum Tod durch den Strang verurteilt zu werden. so lautet das Argument. wenn er diesen Befehl be­ folgt« (wie Dicey es im »Law of the Constitution« ausge­ drückt hat).hergesehene und entsetzliche Weise zu verhalten. um souveräne Handlungen. zu dem ein Individuum aus 28 . daß souveräne Re­ gierungen unter außergewöhnlichen Umständen gezwungen sein könnten. wenn man nicht mehr auf allgemein anerkannte Regeln zurückgreifen kann.

Folglich wa­ ren die verbrecherischen Handlungen. nicht verbrecherisch war. das heißt mit einer Tat. Um für einen Augenblick noch einmal zum Unterschied von tota­ litären Regierungen und anderen Diktaturen zurückzukeh­ ren: es ist genau die relative Seltenheit ausgesprochener Ver- . wie beispielsweise der Himmler-Befehl. der Mord an Mateotti im Italien Mussolinis oder die Ermordung des Grafen d’Enghien durch Napoleon). das Vernichtungspro­ gramm zu stoppen. und ich befasse mich hier nicht mit der Frage. (Ich spreche hier natürlich nur über Taten. nämlich Zugeständnisse an die bittere Notwendigkeit. weil diese in keiner Weise durch ir­ gendeine Zwangslage hervorgerufen wurden. Das Gesetz.) Weder die politische Theorie der Staatsräson noch die ju­ ristische Auffassung der Staatshandlung sah die völlige Ver­ kehrung der Rechtsordnung voraus. daß zum Beispiel die Nazi-Re­ gierung in der Lage gewesen wäre zu überleben und viel­ leicht sogar den Krieg zu gewinnen. dem Gel­ tung verschafft werden soll. die nicht gegen andere Nationen begangen werden. straffrei bleibt. von da­ her spielt ein Element der Machtpolitik bei der Aufrechter­ haltung der gesetzlichen Ordnung immer eine Rolle. Ausnahmen vom geltenden »Recht«. daß das Argument der Staatsräson (welches der ganzen Diskussion über die Staatshandlungen zugrunde Hegt) voraussetzt. im Fall des Hitlerregi­ mes gab es kaum eine Staatshandlung. daß dadurch also diese Legalität wie die politische Exi­ stenz des Landes gewahrt werden soll. ob der Krieg selbst als »Verbrechen gegen den Frieden« definiert werden kann —um die Sprache der Nürn­ berger Prozesse zu benutzen.Gründen der Selbstverteidigung gezwungen wird. daß ein solches Ver­ brechen im Zusammenhang mit der Legalität begangen wird. denn es spricht im Gegenteil sehr viel dafür. in denen die nackte Existenz bedroht ist. die. mit normalen Maßstäben gemessen. nicht mehr die Ausnahme von der Regel (wie etwa. Theoretisch gesehen kann es sogar von noch größerer Bedeutung sein. die der Machterhal­ tung dienen sollten. die aufgrund außergewöhnlicher Umstände. wenn sie nicht diese Ver­ brechen begangen hätte. sondern umgekehrt waren gelegentliche nicht-verbrecherische Handlungen. bedarf politischer Macht. um andere berühmte Verbrechen zu nennen. Dieses Argument ist nicht nur aus dem Grund nicht auf die von tota­ litären Regierungen und ihren Handlangern begangenen Verbrechen anwendbar.

oder wenn beispielsweise Kriegs­ gefangene mißhandelt oder getötet werden sollen. die vor dem Hintergrund der absolut verbrecheri­ schen. die Rechtswidrigkeit »muß wie eine schwarze Fahne über dem erteilten Befehl wehen. Mit anderen Worten: für die betreffende Person. wobei natürlich stimmt. der die Erschießung anderer Offiziere anordnet. sah das deshalb so aus. »offenkundig unrechtmäßig« sein. aber sozusagen legalen Ordnung Hitlerdeutschlands dem Wort »Rechtmäßigkeit« innewohnen. daß in totalitären Regimes und insbesondere in den letzten Jahren des Hitlerregimes diese Ausnahmeregelung sich ein­ deutig auf nicht-verbrecherische Befehle bezog. daß die »schwarze Fahne offenkundiger Rechtswidrigkeit« über jenen späten Himmler-Befehlen im Herbst 1944 wehte. Bei Eichmann. daß Befehle normalerweise nicht verbrecherisch sind und daß aus eben diesem Grund von den Untergebenen erwartet werden kann. Vorausgesetzt wird dabei. mit welchen die Deportationen gestoppt und die Einrichtun­ gen der Todesfabriken demontiert wurden.brechen. Ähnlich unangemessen ist der Begriff des »Handelns auf höheren Befehl« oder das Gegenargument der Richter. daß von faschistischen oder Militär­ diktaturen mehr Verbrechen begangen werden als man sich unter einer verfassungsmäßigen Regierung überhaupt vor­ stellen könnte. daß die Berufung darauf nicht von der Verantwortung befreie. ist nur der Umstand. daß diese Verbrechen immer noch klar als Ausnahmen erkennbar sind und daß das Re­ gime sie nicht offen zugibt. welches besagt >Verboten<«. ob sie gehorcht oder nicht. Das Gericht ging bei der Urteilsbegründung deshalb über die übliche Phrase 30 . den man verweigert. und das Problem besteht darin. der sich entschieden hatte. wie etwa im Fall eines plötzlich verrückt gewordenen Offiziers. das sich mehr als die meisten Gerichtshöfe der Welt der Schwierigkeiten be­ wußt war. wie ein Warnungszeichen. . den verbrecherischen Charakter eines Befehls zu erkennen. Worauf es in unserem Zusammenhang an­ kommt. muß der Befehl eindeutig als Aus­ nahme gekennzeichnet sein. welche den Unterschied von faschistischen Diktatu­ ren und voll entwickelter totalitärer Herrschaft markiert. Die von mir zitierte Formulierung stammt aus dem Ur­ teilstext eines israelischen Militärgerichts. die zu entscheiden hat. Juristisch gesehen muß der Befehl. immer ein gesetzestreuer Bürger des Dritten Reiches zu sein.

das nicht blind. Unter solchen Umständen ist wirklich mehr erforderlich als ein Auge. die mein so deutlich aus dem Urteilsspruch der Richter in Jerusalem und aus anderen Nachkriegsprozessen heraushört. das nicht ver­ steinert und verdorben ist. vorausgesetzt. glaube ich. wenn er etwas tut. daß uns ein Ge­ fühl für derartige Dinge im Verlauf so vieler Jahrhunderte in Fleisch und Blut übergegangen sei und dieses Empfinden nun nicht plötzlich verloren gegangen sein könne. jahrein ein »unrechtmäßiger« Befehl auf den anderen folgte. dem Aufbau der sogenannten »Neuordnung«. in dem sie lebten. Vielleicht besitzen wir wirklich eine solche Fähigkeit und jeder einzelne von uns handelt jedesmal. Die Angeklag­ ten in den Kriegsverbrecherprozessen handelten unter Ver­ hältnissen. als Gesetzgeber.vom »tief in jedem Menschen verwurzelten Rechtsgefühl« hinaus. »das jeder in sich verspürt. dann verlangt man von ihnen. das Auge ist nicht blind und das Herz nicht versteinert und verdorben« — was alles ganz schön ist. so fürchte ich. um unzusam­ menhängende Verbrechen zu verüben. mit Geist und Buchstaben der Gesetze des Landes. das weder vom Gesetz noch von der öffentlichen Meinung genährt wird. Daher setzt die reichlich optimistische Auffassung von der mensch­ lichen Natur. nichts taugt. und wenn man sie heute zur Verantwortung zieht. aber dies meinten die Richter nicht. Das ist. daß jahraus. die. die Un­ recht begingen. Denn in diesen Fällen waren die Männer. und sprach von einer »ins Auge springenden und das Herz empörenden Unrechtmä­ ßigkeit. ein unabhängiges menschliches Vermögen vor­ aus. und ein Herz. von neuem in ungetrüb­ ter Spontaneität sich äußert. aber. daß ein in ihrem Innersten verankertes »Rechtsgefühl« dieser ih­ nen doch so vertrauten Rechtsordnung widerspricht. zweifelhaft angesichts des vorliegenden Beweismaterials und angesichts der Tatsache. meinten sie eigentlich nur. wenn es wirklich darauf an­ kommt. wann immer etwas getan oder beabsichtigt wird. Und diese Neuord­ 31 . Alles rhetorische Beiwerk bei­ seite gelassen. wenn man die »Unrechtmäßig­ keit« von Handlungen genau erkennen soll. in denen jede moralische Tat ungesetzlich und jede rechtmäßige Handlung ein Verbrechen war. auch wenn er mit den Ge­ setzbüchern nicht vertraut ist«. Keiner dieser Befehle war planlos ergangen. eine Urteilsfähigkeit. vertraut. sondern sie dienten. mit äußerster Konsequenz und Sorgfalt ausgeführt.

war zum Teil die direkte Folge des Umstands. die in ihren sicheren Tod geschickt würden. lautete die An­ weisung: »Unnötige Härten sind zu vermeiden«. ob­ wohl vieles zugelassen wurde. worüber der Vernehmungsoffi­ zier mit ihm redete. Doch die Leichtigkeit. daß man sie mit der Be­ zeichnung »Völkermord« belegt oder die Millionen Opfer zählt — die Ausrottung ganzer Völker hat es schon im Alter­ tum und auch im modernen Kolonialismus gegeben — son­ . daß es eine wachsende Anzahl von Krimi­ nellen in den Eliteorganisationen der Bewegung und eine größere Anzahl von Personen gab.allem auch eine Ordnung.nung war genau das. die die Schuld an Greuel­ taten tragen. wenn man es mit Menschen zu tun habe. daß diese Worte doch etwas ironisch klängen. in den von der SS geleiteten Konzentrationslagern. Doch diese Greueltaten waren nicht typisch. und als man während des Polizeiverhörs zu ihm meinte. wir hätten es hier nur mit einer Verbrecherbande zu tun gehabt. ein klares politisches Ziel — nämlich Furcht zu verbreiten und unter einer Welle unbeschreiblichen Terrors alle Versu­ che einer organisierten Opposition zu ersticken. Genauso war Stehlen verboten oder die Annahme von Bestechungsgeldern untersagt. wenn man erkennt. Ebenso irreführend ist die allgemeine Auffas­ sung. da hat er nicht einmal verstanden. die sich eben zu allen möglichen Verbrechen verabredet hatte. derlei Tätlichkeiten eigentlich nicht erlaubt waren. daß all dies im Rahmen einer gesetzmäßigen Ord­ nung. dern erst dann begreift man den Kern der Sache. Es stimmt zwar. ist grob irreführend. was das Wort besagte — sie war nicht nur auf grauenhafte Weise neu. Die moralische Dimension dieser Angelegenheit wird indessen niemals dadurch erfaßt. 32 . mit der das Gewissen betäubt werden konnte. daß. Eichmanns Gewissen kam in Wallung bei der Vorstellung von Grausamkeit. viel wichtiger ist. denn das nihilistische Credo des neun­ zehnten Jahrhunderts lautete ja: »Alles ist erlaubt«. und darauf bestand Eichmann immer wieder. wir hätten es hier mit einem Ausbruch des modernen Nihilismus zu tun. sondern vor . daß der Eckpfeiler dieses »Neuen Rechts« aus dem Ge­ bot bestand »Du sollst töten« —und zwar nicht Deinen Feind. daß keines­ wegs »alles erlaubt« war. Die weitverbreitete Ansicht. nicht bei dem Gedan­ ken an Mord. diese Greuel hatten jedoch nur am Anfang des Regimes. Im Gegenteil.

nicht weil es die Not gebietet. Das Tötungsprogramm sollte weder mit dem letzten auf Erden befindlichen Juden beendet werden.einfach des­ halb an die Neuordnung glaubte. und Du sollst dies tun. sondern von den an' gesehensten Mitgliedern der ehrenwerten Gesellschaft. und daß alles mit den »Führerworten« übereinstimmte. auch wenn diese Massenmorde eng mit einer rassistischen oder antisemiti­ schen. hochzivilisierten Welt unver­ hüllt in ihrer ursprünglichen Bedeutung offenbarte. als ob die Moral sich just im Augenblick ihres Zusammen­ bruchs innerhalb einer alten. in welchem das ganze Volk —unabhängig von Parteizugehörigkeit und direkter Beteiligung . außer-daß Hitler glaubte. was in Auschwitz und in den anderen Vernichtungslagern geschehen sei. jedenfalls einer demographischen Ideologie verknüpft waren. denn eine Auseinandersetzung mit der persön­ lichen Verantwortung in einer derartigen Situation wäre ohne eine einigermaßen genaue Kenntnis des Hintergrundes 33 . hatte es etwas mit Krieg zu tun. die nicht einmal gefährlich werden können. noch . Sitten und Gebräuche. dann wurde dieser Beweis mit der unglaublichen Bemer­ kung erbracht. mit einem Krieg ließen sich die nichtmilitärischen Tötungsmaß­ nahmen tarnen. Und diese Taten wurden nicht von Gangstern. in der Regel nicht an diese ideologischen Rechtfertigungen glaubten. daß alles entsprechend dem »Führerwillen« geschah. Ich habe mich etwas länger bei dieser Gesamtsituation aufgehalten. die Eichmanns Verteidiger. die doch Ge­ setzeskraft besaßen. zweimal während des Pro­ zesses in Jerusalem machte: bei dem. der selber nie NSDAP-Mitglied gewesen war. nämlich als Kodex ethischer Normen. weil sie sich eben vollzog. sondern im Gegenteil. Schließlich muß man sich im klaren darüber sein. Es war. Wenn es überhaupt noch eines Beweises für das Ausmaß bedurft hätte. denn der war Gesetz. ihnen genügte. in einem noch größenwahnsinnigeren Um ­ fang sollten diese Maßnahmen in Friedenszeiten fortgesetzt werden. habe es sich um eine »medizinische Angelegenheit« gehandelt. daß die Mörder und ihre unmittelbaren Komplizen. dessen vollständiger Austausch genau so wenig Probleme bereiten sollte wie der Wandel in den Tischsitten eines ganzen Volkes. . weil es gegen alle militäri­ schen Überlegungen und auch gegen alle Nützlichkeitserwä­ gungen spricht. Monstern oder rasenden Sadisten begangen.i \ I 1 j | J i j ! ! \ sondern unschuldige Menschen.

Ich möchte nun zwei Fragen aufwerfen. weil sie über ein besseres Wertesystem verfugten.wenig sinnvoll. waren die einzigen. U m es ganz kraß auszudrücken: Nicht weil sie 34 . was uns zuvor schon eigen war oder was wir erlernt haben. die nicht mitmachten. Folglich wählten sie auch den Tod. Nicht weil dadurch die Welt sich zum Besseren verändern würde. daß diejenigen. die nicht teilnahmen. in welcher Hinsicht unterscheiden sich die Wenigen. Im Gegenteil. Zu dieser Urteilsbildung waren sie nicht etwa deshalb in der Lage. Diejenigen. nicht einfach Monster waren. wenn wir darin übereinstimmen. Er­ stens. ob­ wohl sie nicht dagegen aufstanden und nicht rebellieren konnten? Zweitens. wenn es sich ergibt. was hat sie dann zu ihrem Verhalten ge­ bracht. sich des­ halb so verhielten. Ich glaube. sondern weil sie nur unter dieser Bedingung als sie selbst weiterleben konnten. daß es gerade die Angehörigen der ehrenwerten Gesellschaft waren. ein anderes Kriterium hatten: Sie stellten sich die Frage. sie tauschten einfach ein Wertesystem gegen ein anderes aus. am öffentlichen Leben teilzunehmen. die es wagten. nichts zu tun. und mit welcher moralischen — nicht juristischen — Begründung rechtfertigen sie dieses Verhalten nach dem Zu­ sammenbruch der »Neuordnung« und deren neuer Werte­ skala? Die Antwort auf die erste Frage ist ziemlich einfach. so daß jede neue Erfahrung oder jede neue Situa­ tion bereits im vorhinein beurteilt ist. und zwar nicht so. weil ihr Gewissen nicht in dieser sozusa­ gen automatischen Weise funktionierte. die nicht teilnahmen und von der Mehrheit als unverantwortlich bezeichnet wurden. die nachgaben. daß diejenigen. Ich würde also sagen. oder weil die alten Maß­ stäbe für Recht und Unrecht immer noch fest in ihrem Den­ ken verwurzelt waren. die vom intellektuellen und moralischen Aufruhr der zwanziger Jahre überhaupt nicht berührt wor­ den waren. als ob wir über eine Reihe von erlernten oder angeborenen Regeln verfügten. die wir immer dann. inwiefern sie mit sich selbst in Frieden leben könnten. anwenden. die dem System auf allen möglichen Ebenen und in allen möglichen Funktionen gedient haben. daß diejenigen. und sie zogen es vor. selber zu urteilen. wenn sie zum Mitmachen gezwun­ gen wurden. die in ihren jeweiligen Lebensbereichen nicht kollaborierten und es ablehnten. all unsere Erfahrung lehrt uns. wenn sie bestimmte Taten begangen hätten. Sie waren die ersten. und wir nur dann das auszuführen brauchen.

nicht übernehmen kann. Ohnmacht und absolute Machtlosigkeit sind. verläuft quer zu allen sozialen Unterschieden. Obwohl sie allem Philo­ sophieren zugrunde liegt. Dinge zu überprüfen und sich ihre eigene Meinung zu bilden. weil po­ litische V era n tw o rtu n g immer zumindest ein Minimum an politischer Macht voraussetzt. mit uns selber zusammenzule­ ben. solange wir leben. weil sie nicht willens waren. ist die Ge­ wohnheit. daß sich all dies über Nacht ändern kann. auf die unter Umständen Verlaß ist. in denen man Verantwortung für die Welt. lehn­ ten sie es ab. nicht etwa weil Skeptizismus gut und Zweifel heilsam ist. Am allerbesten werden jene sein. denen Werte lieb und teuer sind und die an moralischen Normen und Maßstäben festhalten. Die Trennungslinie zwischen denen. sondern schlicht die Gewohnheit. sondern eher deshalb. welches wir seit Sokrates und Plato gewöhnlich als Denken bezeichnen. als offenbar eine be­ stimmte moralische Eigenschaft erforderlich ist. man weiß jetzt. eine stichhaltige Ent­ schuldigung. und was davon übrigbleibt. an irgendetwas festzuhalten. zu morden. daß es sich bei denen. Die Voraussetzung für diese Art der Urteilsbildung ist keine hoch entwickelte Intelligenz oder ein äußerst differen­ ziertes Moralverständnis. so glaube ich. was um sie herum passierte. mit einem Mörder zusammenzuleben — mit sich selbst. sich in jenem stillen Zwiegespräch zwischen mir und mei­ nem Selbst zu befinden. der gegen diese wenigen erhoben wurde. Aber was ist mit dein Vorwurf der Verantwortungslosig­ keit. dazu verdammt sind. und denen. daß es extreme Situationen gibt. das heißt. nicht um jene handelt. quer zu allen Unterschieden in Kultur und Bildung. die sich kein Urteil bilden. die urteilen. Machtlosig­ 35 . Viel verläßlicher werden die Zweifler und Skeptiker sein. wir sollten zugestehen. In dieser Hinsicht kann uns der totale moralische Zusammenbruch der ehrenwerten Gesellschaft während des Hitlerregimes lehren. ausdrücklich mit sich selber zusammenzuleben. Dies stimmt um so mehr. sondern weil diese Menschen es gewohnt sind. nichts zu tun haben wollten? Ich glaube. was immer auch geschehen mag.das Gebot »Du sollst nicht töten« streng befolgt hätten. ist diese Art des Denkens nicht fachorientiert und handelt nicht von theoretischen Fragen. die wenigstens eins genau wissen: daß wir. die primär ein politisches Gebilde ist. die mit dem.

warum diese Vorstellungen Eingang in unsere Tradition des 36 . In ihrer Rechtfertigung unterschieden sie sich von jenen. daß jedes politische Gemeinwesen aus Herrschern und Beherrschten besteht und daß erstere befeh­ len und letztere gehorchen. nämlich der Frage nach denen. die »Gehorsam« verlangen. daß es schon einiger Anstrengung bedarf. die totalitäre Herrschaft verbreitet. ist das Wort »Gehorsam«. der darin liegt. Dies wird vielleicht klarer werden. dann unterstützt er in Wirklichkeit die Organisation oder die Au­ torität oder das Gesetz. dann geht dieser Gebrauch auf die uralte politikwis­ senschaftliche Vorstellung zurück. Wenn wir das Wort »Gehorsam« für all diese Situationen gebrau­ chen. das vom Nürnberger Prozeß über den Eichmann-Prozeß bis zu den Prozessen in Deutschland vorgebracht wurde. war im­ mer dasselbe: Jede Organisation verlangt Gehorsam gegen­ über Vorgesetzten wie auch gegenüber den Gesetzen des Landes. sich der Realität zu stellen und nicht in Illusionen zu leben. die uns -. Nur ein Kind gehorcht. wenn wir unsere Auf­ merksamkeit nun meiner zweiten Frage zuwenden. Ich kann mich hier nicht mit den Gründen befassen. alles zu tun. Die Plausibilität gründet auf der Wahrheit. und der Trug­ schluß besteht darin. sondern die es auch für ihre Pflicht hielten. sie unter­ schieden sich dabei auch von den erstaunlich wenigen Fällen. womit sie im­ plizit die menschliche Urteilsfähigkeit leugneten. indem sie sich auf das kleinere Übel beriefen. daß man sich so­ gar unter diesen zweifelhaften Bedingungen einen Rest von Stärke und selbst noch von Macht erhalten kann. selbst die autokratischsten. was verlangt wurde. aufzudecken. bei denen die alles durchdringende Angst. ohne sie kann kein politisches Gemeinwesen und auch keine andere Organisation überleben. Dies alles klingt so plausibel. Das Argument. eine Rolle spielte. auf Konsens« beruhen.keit sich überhaupt einzugestehen. die bloß mitmachten.seit Plato und Aristoteles — sagt. die nicht nur vorsätzlich mitmachten. Überdies liegt genau in diesem Einge­ ständnis der eigenen Ohnmacht begründet. daß »alle Regierungen« wie Madison sagt. um den Fehlschluß. nämlich der gute Wille und die gute Absicht. Was hier nicht stimmt. wenn ein Erwachsener »gehorcht«. selbst Tyranneien »auf Zustimmung. Gehorsam ist eine politische Tugend allererster Ord­ nung. Zustimmung und Gehorsam gleichzu­ setzen. oder auf den Zeitgeist.

indem sie jene Orte der »Verantwortung« mieden. aber ich möchte doch betonen. Worauf es in diesem Zusammenhang an­ kommt. machen diesen Sachverhalt ganz offenkundig. die nicht am öffentlichen Leben unter einer Diktatur teilgenommen haben. sie zu unterstützen. auch diejenigen. der nur als primus inter pares gilt. wo eine derartige Unter­ stützung unter Berufung auf Gehorsam gefordert wird. Diejenigen. die ihm zu gehorchen scheinen. Und wir brauchen uns nur einen Augenblick lang vorzustellen. So gesehen sind jene. der niemals mehr als nur der er­ ste unter seinesgleichen ist. das Funktionieren der »Rädchen« und der Räder als eine umfassende Unterstützung eines ge­ meinsamen Unternehmens anzusehen. wenn genügend Leute »unverantwortlich« handelten und die Un37 . Diesen früheren Auffassungen zufolge kann jede Handlung. ist die Einsicht. Was wir hier vor uns haben. Ohne derar­ tigen »Gehorsam« wäre er hilflos. an der sich viele beteiligen. die von einer Mehrzahl von Menschen ausgeführt wird. Wenn ich den Gesetzen des Landes gehorche. mit Erfolg abzuschließen. in zwei Pha­ sen eingeteilt werden: den Anfang. um etwas. weil sie ihr still­ schweigendes Einverständnis aufgekündigt haben. ist die Vorstellung einer Egalität. wohingegen im Kinder­ garten oder in der Sklaverei —also in den beiden Sphären. die sich geweigert haben. was dann ein gemeinsames Unternehmen wird. daß kein noch so starker Mensch je­ mals irgendein Gutes oder Schlechtes ausführen kann ohne die Hilfe anderer. unterstüt­ zen in Wirklichkeit ihn und sein Unternehmen. Selbst in einer strikt bürokratischen Organisation mit ihrer festgefügten hierarchischen Ordnung wäre es viel sinnvoller. anstatt — wie sonst üblich —von Gehorsam gegenüber Vorgesetzten zu sprechen. Rebellen und Revolutionäre.politischen Denkens gefunden haben. daß sie frühere und ich glaube auch genauere Auf­ fassungen von den Beziehungen zwischen den Menschen in der Sphäre des gemeinsamen Handeinst ersetzten. dann unter­ stütze ich in Wirklichkeit dessen Verfassung. wenn sie die »Ko­ operation« verweigern. bei der als »Führer« derjenige gilt. die nicht mehr gehorchen. den ein »Führer« macht und die Ausführung. wo die Vorstellung von Gehorsam einen Sinn hatte und von wo sie dann auf politische Angelegenheiten übertragen wurde — das Kind oder der Sklave hilflos werden. die das Vorhaben verwirklichen. was mit dieser Art von Regierungen passieren würde.

Wenn wir diese Fra­ gen durchdenken. Es handelt sich dabei in der Tat um eine der vielen Varianten gewaltloser Aktion. wo dieses Wort vielleicht Anwendung finden könnte. genannt haben. um zu sehen. um Wider­ standsformen. ist die . was sie taten. die we­ der Kinder noch Sklaven. Der Grund also. Folglich sollten diejenigen. könnten wir ein gewisses Maß an Selbst­ vertrauen und sogar Stolz zurückgewinnen —das. die den merkwürdigen und mächtigen Einfluß bloßer »Worte« auf das Denken der Menschen kennen. . vielleicht nicht der Mensch­ heit. liegt darin. sogar ohne aktiven Widerstand oder Aufruhr. weil die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen zu recht so gesehen werden kann wie das Verhältnis zwischen einem Er­ wachsenen und einem Kind. wenn wir das bösartige Wort »Gehorsam« aus dem Vokabular unseres moralischen und politischen Denkens streichen könnten. die doch in erster Linie sprechende Wesen sind. so doch des Menschen. die mitmachten und Befeh­ len gehorchten nie gefragt werden: »Warum hast Du ge­ horcht?« sondern: »Warum hast Du Unterstützung gelei­ stet?« Dieser Austausch von Wörtern ist für jene keine belanglose semantische Spielerei. Die einzige Do­ mäne. Es wäre viel gewonnen. verantwortlich machen. sondern erwachsene Menschen wa­ ren. was frühere Zeiten die Würde oder die Ehre. der Raum. daß es in politischen und moralischen Angelegen­ heiten so etwas wie Gehorsam nicht gibt. warum wir diese neuen Verbrecher.terstützung verweigerten. daß sie dem Wort oder dem Befehl Gottes gehorchen.Religion. in welchem die Menschen sagen. dennoch für das. die in unserem Jahrhundert entdeckt werden. was für eine wirkungsvolle Waffe dies sein könnte.

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