Sonntag 18.11.2007 S.

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Saly Mayer: Half er – oder schickte er verfolgte Juden in den Tod?
Buch über Ex-Chef des Israelitischen Gemeindebunds versucht, Licht in ein düsteres Kapitel zu bringen
Die Diskussion ist neu entbrannt: Hat die Führung der jüdischen Gemeinde während der NSZeit mit den Schweizer Behörden kollaboriert – oder das Möglichste für verfolgte Juden getan? VON SHRAGA ELAM * Nicht alle Schweizer Juden zeigten sich in der Zeit des Zweiten Weltkriegs solidarisch mit den verfolgten Juden. Das belegt ein Protokoll, aus dem die Bergier-Kommission in ihrem Flüchtlingsbericht von 2001 zitiert: Darin plädieren jüdische Funktionäre bei Heinrich Rothmund, dem damaligen Chef der Fremdenpolizei, für eine Einreisesperre gegenüber jüdischen Flüchtlingen. Die Bergier-Kommission aber scheute sich, dieses dunkle Kapitel jüdisch-schweizerischer Geschichte aufzuarbeiten – obwohl in einem internen Kolloquium im Jahr 2000 über das Tabuthema diskutiert wurde und obwohl sich Mitglieder der Kommission wie Jacques Picard dafür einsetzten, diesen zentralen Bestandteil der Schweizer Flüchtlingspolitik aufzuarbeiten. Die Historikerin Hanna Zweig-Strauss schliesst nun diese Lücke: mit ihrem Buch über Saly Mayer, den damaligen Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG). Zweig-Strauss legt reichlich Beweismaterial dafür vor, dass führende jüdische Funktionäre die uneingeschränkte Einwanderung jüdischer Flüchtlinge als Katastrophe erachteten und Fremdenpolizei-Chef Rothmund in seiner judenfeindlichen Politik unterstützten. Darüber hinaus findet Hanna Zweig-Strauss starke Indizien dafür, dass Saly Mayer an einer Intervention der Fremdenpolizei gegen Paul Grüninger, den Kommandanten der St. Galler Kantonspolizei, beteiligt war oder sie sogar ausgelöst hat. Grüninger liess jüdische Flüchtlinge illegal einreisen. Die harte Haltung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes erklärt Autorin Zweig-Strauss vor allem mit finanziellen Nöten: Die Behörden hätten die Unterstützung der jüdischen Asylanten vollumfänglich der kleinen jüdischen Gemeinde aufgebürdet, die damit zunehmend überfordert war. Hinzu kam die herrschende Abneigung der eingesessenen Juden gegenüber den «Ostjuden», die einen grossen Teil der Flüchtlinge ausmachten.

AM ANFANG PLÄDIERTE laut Zweig-Strauss nur eine kleine Minderheit in den SIGGremien für eine öffentliche Kampagne zur Aufhebung der Immigrationsbeschränkung und für eine Finanzierung durch den Bund. Mit der Zeit mehrten sich diese Stimmen, wurden aber durch den Präsidenten Saly Mayer gebremst. Mayer gab sich immer autoritärer, bis er schliesslich 1943 zum Rücktritt gezwungen wurde. Der 1882 geborne Mayer, ein St. Galler Textilunternehmer, engagierte sich leidenschaftlich im SIG, zu dessen Präsident er 1936 gewählt wurde. Parallel dazu vertrat er die Joint, die grösste jüdische US-Hilfsorganisation. Er nahm, auch nach seinem Rücktritt als Präsident des SIG, an verschiedenen wichtigen internationalen Aktionen teil (siehe Kasten). Saly Mayer starb im Jahr 1950. Zeit seines Lebens blieb Mayer widersprüchlich: Einerseits hat kaum ein anderer Schweizer so viel für verfolgte Juden getan wie er. Anderseits arbeitete er sehr eng mit dem judenfeindlichen Fremdenpolizei-Chef Rothmund zusammen und unterstützte dessen Politik gegen die «Verjudung der Schweiz». Sogar im stark antijüdischen Schweizerischen Vaterländischen Verband war Mayer Mitglied – und wollte auf diese Mitgliedschaft nicht verzichten, als es die jüdische Gemeinde von ihm verlangte. SALY MAYER WEIGERTE SICH AUCH, mit Linken und anderen politischen Gegnern der restriktiven Asylpolitik zusammenzuarbeiten, und verhinderte sogar, dass Politiker über die Judenvernichtung informiert wurden. Vom freisinnigen Nationalrat Ludwig Rittmeyer wurde Mayer deshalb vorgeworfen, er wolle aus purem Egoismus nicht zu viele Juden retten – weil er nicht riskieren wolle, dass der Judenhass zunehme. Saly Mayer ging sogar so weit, Interna aus jüdischen Diskussionen an die Fremdenpolizei weiterzugeben: Regelmässig informierte er Max Ruth, die rechte Hand von Heinrich Rothmund. Ruth, selbst ein Jude, kritisierte laut Autorin Hanna Zweig-Strauss die angebliche «Wurzellosigkeit und schwierige Assimilierbarkeit der Juden». Hier stellen sich viele Fragen: War Mayer einfach naiv, und erkannte er Rothmunds Judenfeindlichkeit nicht, wie Zweig-Strauss behauptet? Wäre es auch möglich, dass Saly Mayer antijüdische Vorurteile zu sehr verinnerlicht hatte? Oder waren bei ihm, wie bei jeder schwachen Minderheit, die vorhandenen Ängste ausschlaggebend, in der Öffentlichkeit aufzufallen? Denn die Bekämpfung solcher «innerer Schädlinge» propagierte Mayer ja. Mayer wollte immer der patriotischste Schweizer von allen sein – etwas, was für ihn offensichtlich im Widerspruch zur Solidarität mit ausländischen Juden stand. Sein Lavieren zwischen den extremen Polen machte nicht nur Mayer, sondern auch historischen Forschern zu schaffen. Die Geschichte Mayers zeigt anschaulich, in welchem Dilemma die ganze Schweizer Flüchtlingspolitik damals stand. * SHRAGA ELAM IST JOURNALIST UND AUTOR DES BUCHES «HITLERS FÄLSCHER» Hanna Zweig-Strauss: Saly Mayer, 1882–1950. Ein Retter jüdischen Lebens während des Holocausts. Böhlau, Köln 2007. 392 Seiten, Fr. 66.–.

Fundiert, aber teilweise unkritisch

So fundiert die aufwändige Recherche von Hanna Zweig-Strauss zur Rolle Saly Mayers als SIG-Präsident auch wirkt, so unkritisch ist sie in der Darstellung der Periode nach seinem erzwungenen Rücktritt von 1943. Als Vertreter der grössten jüdischen US-Hilfsorganisation, Joint, nahm Mayer an verschieden grossen Lösegeld-Aktionen teil. Die SS-Führung bot in einem satanischen Menschenhandel Juden zum Freikauf an, wollte mit diesen Geiseln Geld kassieren und einen Sonderfrieden mit den Alliierten erzwingen. Jüdische Aktivisten warfen das weitgehende Scheitern dieser Verhandlungen auch Mayer vor. Die Autorin hält diese Kritiker für Frustrierte, die ihren Unmut an die falsche Adresse richteten. Ausserdem warfen die Kritiker Mayer vor, er sei ein unflexibler und geiziger Schweizer gewesen, der «Ostjuden» gehasst und ihnen misstraut hatte und der darum Rettungsaktionen für Millionen von Juden sabotiert habe. Zweig entschuldigt Mayers Verhalten mit Sachzwängen und Nöten, von denen die Kritiker nichts gewusst hätten. SHRAGA ELAM © Aargauer Zeitung | Ausgabe vom 18.11.2007