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Frieder Otto Wolf Was bedeutet die portugiesische Nelkenrevolution heute?

Rückfragen an ein zunächst ganz nachdrücklich statuiertes und dann wieder verdrängtes Exempel 0. In der Konstellation großer Krisen, wie sie seit einigen Jahren die Weltlage bestimmen1, kann es von Nutzen sein, sich an die Krisen, unterdrückten Bifurkationen und verengten Übergangsprozesse zu erinnern, die in den 1970er Jahren das historische Ende des von der weltweiten Jugendrevolte der späten 1960er Jahre erschütterten Fordismus ausgelöst haben. Die chilenische Unidad Popular, die portugiesische ‚Streitkräftebewegung‘ MFA oder, geradezu zeitversetzt, die Sandinisten Nicaraguas haben damals für jede künftige Linke (bzw. jede künftige Befreiungsbewegung) wichtige historische Erfahrungen gemacht – auch in ihren schlussendlichen Niederlagen. Allerdings fiel es auch damals schon den Kräften der Linken schwer, aus derartigen historischen Erfahrungen zu lernen. In Bezug auf Portugal habe ich – nachdem ich 1974 und 1975 jeweils längere Zeit dort war und mit vielen ‚aktiven Zeitzeugen‘ geredet und die Debatten der portugiesischen Intellektuellen studiert hatte, sowie 1976 und 1977 in Coimbra an einer neu gegründeten ‚Abteilung für Sozialwissenschaften‘ gearbeitet hatte, im Sommer 1977 den Versuch gemacht, in knappen Thesen für eine Beratung zu formulieren, was der Inhalt dieser historischen Erfahrung gewesen war. Diese Thesen gingen in die Selbstverständigung des im weiten Sinne ‚eurokommunistisch‘ argumentierenden „Arbeitskreises westeuropäische Arbeiterbewegung“ (im Umfeld des „Argument“) ein; ich habe sie dann an den Anfang meiner Aufsatzsammlung ‚Umwege‘ gestellt, die 1983 erschienen ist2. 1. (8) Portugal vergessen? Das erfolgreich statuierte Exempel Portugal – Verhinderung einer sozialistischen Transformation ohne Rückfall in ein faschistisches Regime – ist dann wirklich, wie ich dies in meinen Thesen ironisch antizipiert hatte, ‚vergessen‘ worden: Als eine der Endkrisen der fordistischen Nachkriegskonstellation der weltweiten Kapitalherrschaft schien sie nicht mehr von Interesse zu sein, nachdem die fordistischen Klassenkompromisse in den ‚Metropolen‘ durch neoliberale Politikmodelle zurückdrängt und diese politische Wendung von Thatcher und Reagan erfolgreich als Beginn einer neuen Ära propagiert worden waren. Wenn es aber zutrifft, wofür Vieles spricht,3 dass die strukturellen Probleme der Kapitalakkumulation, welche die fordistische Konstellation in ihre Krise getrieben hatten, von
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Ich denke, wir haben es heute mit einer Krise der Kapitalakkumulation zu tun, die sich sowohl in Finanzmarkt- und Bankenkrisen, als auch in Staatsschuldenkrisen auswirkt, zugleich aber auch mit einer ersten Krise des ‚Anthropozäns‘, also der historisch zum ersten Mal maßgeblich von den Lebensweisen der Menschheit bestimmten Konstellation der Ökosysteme auf dem Planeten Erde, und gleichzeitig mit akuten Krisen des weltweiten Staatensystems – deren Effekte in Kriegen, Bürgerkriegen, ‚failed states‘ und einer Zunahme innergesellschaftlicher Gewaltanwendung zu sehen sind – und einer latenten Krise der Geschlechterverhältnisse – aus der sich wachsende Gewalt gegen Frauen, sinkende Geburtenraten oder auch zunehmende demographische Ungleichgewichte erklären lassen. Aufgrund der objektiven Überdeterminationen zwischen diesen Krisen und den subjektiven Komplizitäten herrschender Akteursnetzwerke ist jede wirksame Krisenüberwindung schwierig zu definieren und durchzusetzen (vgl. mein Rückkehr in die Zukunft – Krisen und Alternativen, Münster 2012). Als wichtig ist festzuhalten, dass die Krise der Kapitalakkumulation nicht als solche bereits notwendig zu einer Krise der Kapitalherrschaft führt. Angesichts der praktischen (und auch theoretischen) Schwäche der politischen Kräfte, welche dieses Ziel verfolgen, ist hier ein ‚Pessimismus der Intelligenz‘ durchaus angesagt. 2 Auch die z.T. ergänzte und modifizierte elektronische Neuauflage von 2008 – Umwege². Der Tod der Philosophen und andere Vorgriffe beginnt mit diesem Text: http://edocs.fuberlin.de/docs/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDOCS_derivate_000000000207/Frieder_Otto_Wolf_Umwege2_elektron_08_edg.pdf?hosts =. Die in runden Klammern angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf diese Ausgabe. - Weitere Aufarbeitungsversuche meinerseits finden sich in „Phönix aus der Asche. Zur Neuorientierung der portugiesischen Linken seit 1975“ (in: Beiträge zum wissenschaftlichen Sozialismus, H. 5, 1978, 119-134), sowie in: „Portugal im kapitalistischen Europa“ (in: Prokla, H. 37, 1979, 107-123). – Im Folgenden sind meine damaligen Formulierungen unterstrichen wiedergegeben. Die übrigen Textteile, auch alle Fußnoten, stellen meine heutige Kommentierung dar. 3 vgl. die Untersuchungen von Robert Brenner zu den ungelösten Krisen der Profitabilität im Hintergrund der gegenwärtigen Krise: Boom& Bubble. Die USA in der Weltwirtschaft, übers v. F. O. Wolf (Hamburg 2003), sowie dann noch das Supplement der Zeitschrift Sozialismus 4/2004: Neuer Boom oder neue Bubble?: Ist der gegenwärtige Aufschwung der US-Wirtschaft eine Seifenblase?, ebenfalls von mir übersetzt,

der neoliberalen Umstrukturierung im globalen Maßstab nicht angegangen worden waren, sondern nur räumlich und zeitlich verschoben wurden, dann bleiben die Krisenprozesse des späten Fordismus – und die widerständig dagegen gerichteten Befreiungsinitiativen – auch heute noch interessant. Ihre heutige Vergessenheit sollte daher als eine Verdrängung bekämpft und durch erneute Untersuchungen aufgehoben werden. Die nachfolgenden Kommentierungen – unter Nummerierung der kommentierten Textstücke in die Wiedergabe des alten Textes eingefügt – in die aus der Perspektive des Rückblicks auf den wirklichen ‚Lauf der Geschichte‘ sollen daher keine Übung in Besserwisserei sein, sondern eher Fragen aufwerfen, die heute weiter zu untersuchen sind. 2. Vorläufige Schlussfolgerungen aus einer Niederlage der Arbeiterbewegung Solange ‚die Geschichte nicht zu Ende‘ ist, werden sich keine endgültigen Schlussfolgerungen ziehen lassen – das ist sowieso klar. Die damalige Formulierung zielte auf etwas Spezifischeres: auf eine nächste Runde desselben Kampfes um und für alternative und sozialistische Auswege aus der Krise des Fordismus – also etwa in Spanien, in Italien oder in Frankreich.4 Dass es eine Niederlage war, ist damals nicht allen klar geworden: Vor allem diejenigen, die davon überzeugt gewesen waren, dass in Portugal der Rückfall in den Faschismus drohte, konnten mit Ramalho Eanes und Mário Soares den Erfolg der Etablierung einer demokratischen Republik in Portugal feiern. Die ehemaligen Kolonien blieben sowieso vom portugiesischen Ultra-Kolonialismus 5 befreit – sie standen allerdings sofort vor massiven und kaum lösbaren anderen Problemen, als Spätfolgen dieses ‚abhängigen‘ und ‚rückschrittlichen‘ Kolonialmodells Portugals innerhalb ihrer Gesellschaften und im afrikanischen Staatensystem (und zugleich der direkten Interventionen des rassistischen Südafrika und der USA, die aufgrund der ‚strategischen Bedeutung‘ dieser Kolonien erfolgten – und immerhin in Angola zu einem jahrzehntelangen Krieg geführt haben, der nur aufgrund des praktizierten Internationalismus Cubas nicht in eine Niederlage der linken Befreiungsbewegung einmündete).6 Dass es eine Niederlage der Arbeiterbewegung war, sollte heute differenziert betrachtet werden: Einerseits war es im Vergleich zu oberflächlichen politischen Analysen richtig, die nur auf die agierenden politischen Kräfte, allenfalls noch auf die sozialen Bewegungen blickten, der Frage nachzugehen, welche herrschaftsstrukturellen Momente in dieser Revolution, ihren Vorstößen, ihren Erfolgen und ihren Niederlagen, gesellschaftlich wirksam geworden sind. Vermutlich war es auch noch richtig, in der portugiesischen Arbeiterklasse – und nicht unter den armen Kleinbauern Nord- und Mittelportugals – die soziostrukturelle Kraft zu suchen, die objektiv das Interesse hatte, die Kapitalherrschaft zu überwinden. Andererseits war es offensichtlich etwas kurzschlüssig, von der Arbeiterklasse unvermittelt zur Arbeiterbewegung überzugehen und dabei auch noch von deren Spaltungen einfach zu abstrahieren – die nicht nur in rivalisierenden kommunistischen und sozialistischen Parteien (nur die pro-kapitalistische Modernisierungs-Rechte nannte sich damals in Portugal ‚sozialdemokratisch‘), sondern auch in sich bekämpfende Gewerkschaftsbünde gespalten war.
und zuletzt The economics of global turbulence: the advanced capitalist economies from Long Boom to Long Downturn, 1945–2005, (New York 2006). 4 Polen, Jugoslawien, Ungarn oder die Tschechoslowakei – als Länder, in denen, wie gesagt werden konnte, sich ein ‚Ost-Fordismus‘ entwickelt hatte, der durch seine Krisen neue, vielversprechende Oppositionskräfte provoziert hatte – waren damals immerhin auch im Blick, standen aber nicht im Vordergrund der westlinken Debatte, in der die Blockgrenzen der Kalten-Kriegs-Zeit noch als weitgehend selbstverständlich und ohne Krieg nicht veränderbar erschienen. 5 vgl. Perry Andersons klassische Analyse: Portugal and the End of Ultra-Colonialism, (in: New Left Review, 1-3, 1962; als Buch frz. bei Maspéro, Paris 1963, das ich 1963 in Paris auf Empfehlung angolanischer Freunde gelesen habe). 6 In Ermangelung einer ähnlich durchdringenden Analyse wie der Perry Andersons kann ich hierfür nur auf eine nützliche Überblicksdarstellung (Macqueen, Norrie: The decolonization of Portuguese Africa: metropolitan revolution and the dissolution of empire, London 1997) und einen Tagungsband (Lloyd-Jones, Stewart / Costa Pinto, António, hg.: The Last Empire: Thirty Years of Portuguese Decolonization, Bristol/Portland 2003) verweisen.

Aber vor allem war es ‚klassenreduktionistisch‘: Ebenso wie die Dekolonisierung wirklich stattgefunden hat, hat auch die Frauenbewegung die rasche Modernisierung des portugiesischen Alltagslebens ziemlich erfolgreich nutzen können: Vom reaktionären Schlusslicht in Sachen Geschlechtergleichstellung zog Portugal rasch in ein in etwa der Situation in Frankreich vergleichbares Mittelfeld auf. Dies ist wohl der wichtigste Punkt, in dem heute eine Korrektur nötig ist: Eine Befreiung von der Herrschaft des Kapitals kann nicht gelingen, wenn sie nicht verbunden (und verbündet) ist mit entsprechenden Befreiungskämpfen in Bezug auf andere moderne Herrschaftsstrukturen. Im Fall der Arbeiterbewegung werden diese Kämpfe bisher dadurch kompliziert, dass sich immer noch Kämpfe gegen vormoderne, personal definierte Abhängigkeitsverhältnisse – also Sklaverei und politisch, etwa feudal, vermittelte Formen der Abhängigkeit – mit Kämpfen für die Befreiung von der kapitalistischen Herrschaftsform der Lohnarbeit überlagern. Ich denke, dass analoge Differenzierungen und Begriffe für Überdeterminationsprozesse auch im Bereich der Geschlechterverhältnisse, der internationalen Abhängigkeiten und der rassistischen Diskriminierung erforderlich sind. Damit ergibt sich ein Feld der weites Feld einer Bündnispolitik zwischen unterschiedlichen Befreiungsbewegungen und -kämpfen, das in der strategischen Reflexion und Praxis der Linken bisher noch nicht wirklich als ein solches bearbeitet worden ist. 3. [9] Die vorläufige Niederlage der portugiesischen Arbeiterklasse ist für die westeuropäische Linke ein Exempel. Ebenso wie es der faschistische Putsch in Chile für die lateinamerikanische Linke war: Diese These spricht eine funktionale Entsprechung an, sie vollzieht keine Gleichsetzung. Ramalho Eanes und Mário Soares hatten nichts mit Pinochet gemein. Implizit wird hier aber die These vertreten, dass es großräumliche Spezifika gibt: Während in Lateinamerika die USA auf einen faschistoiden Diktator – keine ‚Wiederkehr des Faschismus‘, wie die allzu laxe Formulierung im Text nahelegt – zurückgreifen mussten, ist für Westeuropa ein anderes Modell ‚gefunden‘ worden: Ein Modell, das die Weiterführung der sozialistischen Revolution verhindert, eine repräsentativ-demokratische Republik etabliert und die anschließende Durchsetzung eines neoliberalen Modernisierungsmodells zumindest vorbereitet hat. Heute geht es zweifellos nicht mehr allein um die westeuropäische Linke, sondern wohl um die Handlungsmöglichkeiten einer europäischen Linken. Aber das macht die Frage noch akuter, wo und wie sich eine die Nationalstaaten und ihre politischen Räume wirklich transnational übergreifende Linke konstituieren kann. Sicherlich beginnt das mit transnationalen Lernprozessen – also etwa mit Debatten darüber, was aus dem ‚portugiesischen Exempel‘ (gemeinsam europäisch und spezifisch für nationale Zusammenhänge) zu lernen ist. Und es macht die Frage dringlich, ob angesichts der tiefgreifend vorangetriebenen Globalisierung immer noch von derartige großräumlichen Spezifika auszugehen ist – also spezifisch nach ostasiatischen, lateinamerikanischen, afrikanischen oder auch arabischen Wegen linker Politik zu suchen ist. M. a. W., dass nicht einfach anzunehmen ist, dass von allen ‚Rebellionen‘ strategisch in gleicher Weise gelernt werden kann. Nicht zuletzt ist anzumerken, dass die hier eingenommene Perspektive der Linkseinheit schon damals kontrafaktisch war und es heute erst recht ist: Damals waren die Spaltungen der politischen Arbeiterbewegung und auch der kommunistischen Weltbewegung vielleicht zwar noch nicht irreversibel, aber doch von nicht zu übersehender effektiver Realität; heute ist bereits die Vorstellung einer konvergent und solidarisch agierenden „Mosaik-Linken“ (HansJürgen Urban: konstruktive veto-spieler? Die Gewerkschaften und die neue Mosaik-Linke, in: Prager Frühling, Oktober 2012) ein Akt des mobilisierenden Optimismus, dem faktisch noch nicht besonders viel entspricht – von der mangelnden transnationalen Kompatibilität und Kohärenz dieser vielfältigen Fragmente noch ganz zu schweigen.

4. Ein Exempel, das die Bourgeoisie statuiert hat, um die Unmöglichkeit eines sozialistischen Übergangs in einer der zentralen Einflusszonen des Imperialismus zu demonstrieren — Beginnen wir mit dem Unkompliziertesten: Der Begriff „ein sozialistischer Übergang“ war damals bewusst gewählt – statt „des Übergangs zum Sozialismus“. Damit sollte zweierlei klargestellt werden: Zum einen, dass „Sozialismus“ als solcher keine Zielvorstellung bezeichnet, sondern einen Transformationsprozess zu einer herrschaftsfreien und klassenlosen, in diesem Sinne ‚kommunistischen‘ Gesellschaft; zum anderen, dass dieser Prozess nicht auf einem allgemein definierbaren Weg erfolgen konnte, auf den mit dem bestimmten Artikel Bezug genommen werden konnte, sondern je nach Ausgangslage spezifisch und konkret für ein bestimmtes Land unterschiedlich zu finden war (einen elaborierten Hintergrund für diese Auffassung hatte ich bei Étienne Balibar, Cinq études du matérialisme historique (Paris 1974), gefunden). Auch noch nicht sehr schwierig: Der Begriff der ‚Einflusszone‘ suggeriert fälschlich, dass die führenden europäischen Mächte, insbesondere Deutschland, nicht zum „Imperialismus“ dazugehörten – also nur der US-Imperialismus ‚wirklicher Imperialismus‘ gewesen ist. Das wäre damals bereits zu korrigieren gewesen, dürfte in der polyzentrisch gewordenen globalen Welt der Gegenwart (vgl. Egon Matzner, Monopolare Weltordnung - Zur Sozioökonomie der US Dominanz, 2000) aber ziemlich auf der Hand liegen: Auch die EU und Deutschland sind aktive Träger der globalen Abhängigkeitsverhältnisse, wie sie heute sinnvollerweise zu thematisieren sind. Schwieriger ist schon die Frage des verwendeten Begriffs des „Imperialismus“. Im Kontext von kapitallogischen Weltmarkttheorien (re-)sozialisiert (vgl. Wolfgang Schöller, der mit mir in Coimbra war: Weltmarkt und Reproduktion des Kapitals, Frankfurt a.M. 1976) lag mir eine stadientheoretische Interpretation des Imperialismus (wie sie im Anschluss an Hobson und Lenin vom ‚Marxismus-Leninismus‘7 ausgearbeitet worden war) völlig fern; spätestens seit der kritischen Destruktion der stadientheoretischen Leninismus-Konzeption (also des Kerngedankens des theoretischen Stalinismus) durch Joachim Bischoff (Gesellschaftliche Arbeit als Systembegriff, Westberlin 1973) hielt ich dazu Distanz. Andererseits erschien mir dieser Begriff aber als politisch unverzichtbar – und im Rückgriff etwa auf Perry Anderson – auch als auf eine theoretisch tragfähige Weise erneuerbar. Inzwischen neige ich zu der Auffassung, dass ‚Imperialismus‘ als eine eigenständige Herrschaftsstruktur im Verhältnis von Staaten begriffen werden muss, deren Basis in spezifischen ökonomischen Strukturen der Abhängigkeit liegen, wie sie die Verhältnisse der Kapitalherrschaft tiefgreifend ‚überdeterminieren‘. Das Schwierigste in diesen Formulierungen stellt jedoch die (metaphorische?) Zuschreibung einer Fähigkeit zu aktivem historischen Handeln an die Bourgeoisie als Klasse dar: „Ein Exempel, das die Bourgeoisie statuiert hat, um … zu demonstrieren“. Einerseits ist es völlig klar, dass es weder ein hinter den Kulissen agierendes historisches Subjekt namens „Bourgeoisie“ gibt, noch so etwas wie einen Generalstab dieses kollektiven Subjektes, der strategische Aktionen ersinnen würde wie die, dass ein „Exempel … statuiert“ wird; andererseits war der wirklich zustande gekommene Effekt aber genau dieser und auch ohne zuschreibbare Autorenschaft oder Planung kam er auch nicht einfach ‚per Zufall‘ zustande, sondern als Ergebnis wirklicher, mit Willen und Bewusstsein geführter historischer Kämpfe. Für diese Art von kollektiver, nicht vollständig intentionaler, aber auch nicht von den Agierenden auf keine Weise gewusster und erörterter Handlungsfähigkeit sind erst noch angemessene Begriffe zu entwickeln. Erst einmal könnten wir näherungsweise sagen, dass sie sich angesichts semiintententionaler Prozesse als eine Folge von sich sukzessiv

vgl. dazu kritisch rückblickend die Untersuchung von Georges Labica, Le marxisme-léninisme, Paris 1984, dt. „Der MarxismusLeninismus“, Hamburg 1998.
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korrigierenden Handlungsprojekten entwickelt. Dazu gleich mehr in Verbindung mit der Artikulation einer ausdrücklich ‚deliberativen‘ Perspektive, in der es darum geht, das Fällen von Entscheidungen argumentativ vorzubereiten – und weder um Beschreibung/Konstatierung von Gegebenheiten, noch um die Erklärung/Explanation von Prozessen (einschließlich von Aktionen). 5. aber auch ein lehrreicher Beispielfall, den die Linke studieren muss, um aus eigenen Fehlern zu lernen und den neuesten Fortschritten der Bourgeoisie in konterrevolutionärer Strategie und Taktik entgegnen zu können. Dieser Explikation des Exempels als „lehrreicher Beispielfall“ liegt eine wichtige philosophische Operation zugrunde, die innerhalb eines traditionellen marxistischen Horizontes schwer verständlich bleiben musste: Nämlich die Eröffnung einer explizit deliberativen Perspektive, die in der Tradition Machiavellis historische Beispiele daraufhin befragt, was aus ihnen für ‚das Leben‘ zu lernen ist: „historia magistra vitae“. Das unterstellt zweierlei: Erstens, dass es in jeder Entscheidungssituation einen offenen Raum der Deliberation gibt, in dem Gründe und Gegengründe angeführt werden können, um für oder gegen eine zu ergreifende Handlungsmöglichkeit zu argumentieren, zweitens, dass dazu nicht nur die „konkrete Analyse der konkreten Situation“ heranzuziehen ist, sondern auch ganz andere Situationen daraufhin zu befragen sind, was aus ihnen für die jeweils gegebene Situation zu lernen ist – dass also kein Wissen verfügbar sein kann, dass einen der Notwendigkeit enthebt, die jeweilige Lage einzuordnen und strategisch bzw. taktisch zu beurteilen – und zwar aufgrund prinzipiell unvollständiger und sogar unvermeidlich selektiver Wissensbestände. Genau dies nicht wahrhaben zu wollen oder sogar abzulehnen, ist eine immer noch wichtige Schwäche der etablierten linken Debatte. Warum es immer noch sinnvoll ist, von der Bourgeoisie als Klasse zu reden, hat jüngst einmal wieder Hanns Wienold8 auseinandergelegt. 6. Das Scheitern des revolutionären Prozesses in Portugal macht die gegenwärtige Krise der (nicht nur portugiesischen) Linken schlagend deutlich: Weder ist es ihr gelungen, die in vollem Gang befindliche revolutionäre Massenbewegung des Sommers 1975 so zu leiten, dass sie zu einer Machtergreifung durch das portugiesische Proletariat und die verbündeten Schichten des werktätigen Volkes führte, noch hat sie bisher den erreichten hohen Stand an Klassenbewusstsein und Organisation in einen wirksamen Abwehrkampf gegen den eingeleiteten gegenrevolutionären Prozess umsetzen können. Die anschließend zu beobachtende Unfähigkeit der Linken in Italien, Frankreich, Spanien und Griechenland, die Rebellionen und Aufbrüche der 1960 Jahre in einer über eine kapitalistische Modernisierung unter sozialliberalen, inzwischen als ‚sozialdemokratisch‘ auftretenden, Vorzeichen hinausgehenden Art und Weise aufzugreifen und vielleicht sogar noch ‚voranzutreiben‘, lieferte eine schmerzliche Bestätigung für diese Diagnose der historischen Krise der (…) Linken. Auf Portugal bezogen werfen die Formulierungen wichtige kritische Fragen auf: - Was genau bedeutete die in vollem Gang befindliche revolutionäre Massenbewegung des Sommers 1975? Welche Träger waren hier in Bewegung gekommen und wie weit reichte ihr Solidarisierungspotenzial in die Tiefe der portugiesischen Gesellschaft? Welchen Stellenwert hatten die schwer zu bestreitenden Gegenmobilisierungen durch rechte, herrschaftsaffirmative Kräfte? - Was hätte es bedeutet, sie so zu leiten, dass sie zu einer Machtergreifung durch das portugiesische Proletariat und die verbündeten Schichten des werktätigen Volkes geführt hätte?
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Vgl. Ders., Die Gegenwart der Bourgeoisie. Umrisse einer Klasse, In: Hans-Günter Thien, hg., Klassen im Postfordismus, Münster 2010, 235-283.

Worin bestand der erreichte hohe Stand an Klassenbewusstsein und Organisation? Und was hätte es bedeutet, ihn in einen wirksamen Abwehrkampf gegen den eingeleiteten gegenrevolutionären Prozess umsetzen zu können? Zweifellos war der Sommer 1975 in Portugal ein Höhepunkt von Massenbewegungen mit revolutionärem Potenzial, womöglich sogar noch weit mehr als der inzwischen zum Mythos gewordene Mai 1968 in Frankreich. Allein schon die offensichtliche Schwächung gerade auch der repressiven Staatsapparate und die durchaus realen Ansätze zu einer ‚Umfunktionierung‘ bestehender Staatsapparate durch Formen der ‚Volksmacht‘ schufen eine gesellschaftliche Situation, in der die Perspektive einer revolutionären Transformation, eines Übergangs aus der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise heraus immerhin real vorstellbar wurde. Allerdings suggeriert die Formulierung im Text, was schon die Rede vom PREC suggeriert hatte: Dass nämlich dieser revolutionäre Prozess bereits im Gange war. Trotz aller realen Vorstöße und Initiativen war dies aber eine Illusion. Mit dem der Management-Theorie entlehnten Begriff des ‚Leitens‘ wollte ich mich damals offenbar von dem im theoretischen und praktischen Stalinismus auf den Hund gebrachten Begriff des ‚Führens‘ distanzieren und zugleich implizit die überzogenen AvantgardeAnsprüche der leninistischen Politiktraditionen zurückweisen, ohne in einen unbegründeten Optimismus der spontanen ‚Selbstorganisation‘ zu verfallen. Das war aber nicht mehr als eine zaghafte Anspielung auf eine zu leistende Untersuchung der Aufgaben der politischen Organisierung und speziell der dabei zu lösenden ‚Leitungsaufgaben‘. Die im Text vorgenommene Aufgabenbestimmung – „Machtergreifung durch das portugiesische Proletariat und die verbündeten Schichten des werktätigen Volkes“ – wirft wiederum zwei ganz unterschiedliche Gruppen von Fragen auf: Zum einen die Frage, was hier „Machtergreifung“ sinnvollerweise bedeuten kann - angesichts der Erfahrungen mit der Parteiherrschaft im ‚Realsozialismus‘ (vgl. Carlo Brendel, Die Revolution ist keine Parteisache. Ausgewählte Schriften, Münster 2008), sowie gegenüber von inzwischen gleichsam im Gegenzug ausdrücklich formulierten Konzeptionen eines „Die Welt verändern, ohne die Macht zu ergreifen“9. Zum andern wirft auch die klassenanalytische Bestimmung des portugiesischen Proletariats in Abgrenzung zu den verbündeten Schichten des werktätigen Volkes sicherlich heute Fragen auf, aber eine derartige Differenzierung zwischen den produktiven Lohnarbeitern des Kapitals und anderen „Werktätigen“ (frz. travailleurs) bleibt auch heute noch eine sinnvolle, wenn auch ziemlich elementare Unterscheidung10 – das offene Problem liegt, wie wir inzwischen wissen, vielmehr in der Bestimmung der Bedeutung derartiger klassenanalytischer Differenzierungen für die politische Strategiebildung.11 Und damit vor allem ihr Verhältnis zu anderen Kategorien zur Erfassung moderner Herrschaftsverhältnisse, etwa in Geschlechterverhältnissen, internationalen Abhängigkeiten und innergesellschaftlichen Diskriminierungsstrukturen. Das alles unter dem dünnen Sammelbegriff der verbündeten Schichten des werktätigen Volkes fassen zu wollen, blieb schon damals hinter der erforderlichen analytischen Genauigkeit deutlich zurück, auch wenn es immerhin damals verbreitete Fehldeutungen als ‚bloß bürgerlich‘ bzw. als ‚kleinbürgerlich‘ vermied.
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vgl. John Holloway, Change the World Without Taking Power: The Meaning of Revolution Today, London 2002; dt., Münster 2002. Dazu kritisch insb. Joachim Hirsch (2003): Macht und Anti-Macht. Zu John Holloways Buch „Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen“. In: http://www.linksnetz. de/K_texte/K_hirsch_holloway.html; Daniel Bensaïd: „Die Welt verändern, ohne die Macht zu ergreifen? Zur Kritik an John Holloway“, übers. v. Hans-Günter Mull, in: Sozialistische Hefte für Theorie und Praxis, Nr. 4, Juli 2003, 36– 42; sowie Ingo Elbe: Holloways ’Open Marxism’.Bemerkungen zu Formanalyse als Handlungstheorie und Revolutionsromantik, in: Rote Ruhr Uni < http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Holloways-Open-Marxism.html>. 10 Zur neueren Diskussion um die Kategorien einer von Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie ausgehenden ‚Klassenanalyse‘ vgl. HansGünther Thien, hg.: Klassen im Postfordismus, Münster 2010, ²2011. 11 Diese Problematik deutet sich bereits in Marx‘ eigener theoretischer Tätigkeit an, indem er in seinen ‚politischen Texten‘ ganz unbefangen von einer anderen ‚Klassenstruktur‘ ausgeht, als sie sich aus seiner Kritik der politischen Ökonomie zu ergeben scheint, vgl. die Versuche Sebastian Herkommers und des ‚Projekts Klassenanalyse‘, diese ‚Lücke‘ zu schließen (Sebastian Herkommer, Klassenstruktur in Europa: Theorie und Empirie, in: Joachim Bischoff / Sebastian Herkommer / Hasko Hüning, Unsere Klassengesellschaft, Hamburg 2002, Kapitel 5 und 6), mit den Arbeiten in der Althusserschule an der Rekonstruktion einer von der Kritik der politischen Ökonomie unterschiedenen ‚Kritik der Politik‘ (vgl. Étienne Balibar / Cesare Luporini / André Tosel: Marx et sa critique de la politique, Paris 1979).

Dass sich im Zuge der Nelkenrevolution und der mit ihr verbundenen Massenmobilisierungen tatsächlich Subjektivitäten und Praktiken herausgebildet und signifikant verbreitet hatten, die in der neueren marxistischen Tradition als ein „hoher Stand an Klassenbewusstsein und Organisation“ begriffen werden, scheint mir auch heute noch ganz unbestreitbar – auch wenn im Rückblick die Grenzen dieser Entwicklung deutlicher hervortreten, die vor allem im Lissabonner Industriegürtel und im Alentejo derartig avancierte Formen angenommen hatte. Und dennoch wird hier gleichsam ein sehr beschränkter Tunnelblick erkennbar, in dem sowohl die dann in gewissem Sinne sehr erfolgreiche portugiesische Frauenbewegung12, als auch die hoch entwickelte und tief verankerte Solidaritätsbewegung mit der ‚Dritten Welt‘ (vgl. etwa die Arbeiten im Umfeld des CIDAC - CENTRO INFORMAÇÃO E DOCUMENTAÇÃO AMÍLCAR CABRAL in Lissabon und speziell die Beiträge von Luís Moita, vgl. www.luismoita.com) und die sich als Graswurzelbewegung der jungen Generation rasch entfaltende Ökologiebewegung (vgl. Eugénia Rodrigues: Os novos movimentos sociais e o associativismo ambientalista em Portugal, Oficina, Nr. 60, Coimbra 1995, u. Viriato Soromenho-Marques: Raizes do ambientalismo em Portugal, in: Ders., Metamorfoses, Lisboa 2005, 127-144) bleiben außerhalb dieses Horizontes. Das lässt nicht nur eine gefährlich eingeschränkte Perspektive meines Rückblicks erkennen; es war leider auch ein ziemlich adäquater Ausdruck der nicht nur in der portugiesischen Linken damals herrschenden klassenreduktionistischen Beschränktheit. 7. Während sich die leninistische Linke offenbar noch nicht in ihrer mit der unvollendeten „Entstalinisierung" einsetzenden Desorientierung hat zurecht finden und neue Perspektiven entwickeln können, ist bei der nicht-leninistischen Linken bereits der politische Exitus und ein nicht mehr übersehbarer Zersetzungsprozess zu konstatieren. Dieser „portugiesische Befund" macht überdeutlich, was angesichts der weniger entwickelten Klassenkämpfe der entwickelteren kapitalistischen Länder Westeuropas sich erst in groben Umrissen abzeichnet. Die hier vorgeschlagene Unterscheidung bedarf dringend der näheren Erläuterung: Sie sollte nicht auf die jeweiligen Selbstbezeichnungen abstellen, sondern auf die Anerkennung der welthistorischen Tatsache der von Lenin ‚geleiteten‘ Oktoberrevolution bzw. der Negierung, Leugnung oder auch Ignorierung. In dieser Hinsicht war der rasche politische Prozess, wie er sich im Portugal im Zusammenhang mit der ‚Nelken-Revolution‘ vollzogen hatte, in der Tat äußerst instruktiv – und lieferte exemplarische Argumente für die hier angedeutete These, dass eine wirklich zeitgenössische Linke nur auf der Grundlage der Anerkennung dieser welthistorischen Tatsache agieren konnte. Ich denke, dies gilt auch noch, nachdem historisch klar geworden ist, dass der Moment der Oktoberrevolution längst der Vergangenheit angehört – und trotz der jüngsten Versuche zu einer theoretischen Wiederbelebung etwa der anarchistischen Tradition13. Das Festhalten sowohl an dieser Unterscheidung wie an der Diagnose des historischen Bankrotts der in diesem Sinne ‚nicht-leninistischen‘ Linken bedeutet ausdrücklich keine Absage an die auch damals schon erkennbare Notwendigkeit, die in der früheren Vergangenheit ‚über das Knie gebrochenen‘ Auseinandersetzungen neu und gründlicher zu führen.14

Die seit den ‚drei Marias’ – vgl. die Novas Cartas Portuguesas, die 1972 von Maria Isabel Barreno, Maria Teresa Horta und Maria Velho da Costa in Portugal publiziert worden waren und unter dem Titel The Three Marias auf Englisch erschienen (Garden City, N.Y., 1975) – auch international bemerkt worden war und zweifellos ebenfalls zur unmittelbaren Vorgeschichte der ‚Nelkenrevolution‘ gehört hat, ganz ohne sich auf ‚Klassenfragen‘ zu kaprizieren. Zu den geradezu explosiven, wenn auch ‚nachholenden‘ Fortschritten der Frauenbewegung in Portugal in den 1970er und 1980er Jahren – Wahlrecht und juristische Gleichberechtigung, sowie Zugang zur Berufstätigkeit – vgl. als eine erste Problemskizze des dramatischen gesellschaftlichen Wandels auf einem Gebiet, das praktisch nicht aufgearbeitet worden ist: vgl. Manuela Tavares: O 25 de Abril e os Movimentos de Mulheres, in: Revista História, Nr. 3, April 1999. 13 Vgl. etwa vgl. Philippe Kellermann: Anarchismus, Marxismus, Emanzipation, Berlin 2012. 14 Wie dies etwa Étienne Balibar in seinem Beitrag über ‚bacuninisme‘ für das Dictionnaire Critique du Marxisme (hg. v. Georges Labica u. Gérard Bensussan, Paris 1982; dt. als ‚Bakunismus‘, in: Kritisches Wörterbuch des Marxismus, hg. v. W. F. Haug, Bd. 1, Hamburg 1983, 137-144) gefordert hatte.
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Jedenfalls gibt es heute noch zu denken, wie wenig es möglich gewesen zu sein scheint, ohne eine im hier gemeinten Sinne leninistische Treue zum Ereignis der Oktoberrevolution, auch dem revolutionären Ereignis der ‚Nelkenrevolution‘ in Portugal ‚wahrheitspolitisch‘ die Treue zu bewahren. 8. Die Krise der leninistischen Linken wird an ihrer nicht mehr zu überwindenden Zersplitterung deutlich, die sie in eine „linke Fraktion" (die sich an der VRCh, an der VR Albanien, oder an lateinamerikanischen Guerillabewegungen orientiert), eine „Zentrumsfraktion" (die der Linie der KPdSU im Wesentlichen folgt) und eine „rechte Fraktion" (der in sich sehr unterschiedlichen „Eurokommunisten") gespalten hat. Auffällig ist an dieser Formulierung, dass gemäß der hier eingenommenen Perspektive sämtliche Revisionismus- bzw. Linksradikalismus-Vorwürfe beiseitegelegt werden, wie sie üblicherweise zwischen den beteiligten ‚Fraktionen‘ und Gruppen ausgetauscht wurden. Vielleicht auch, dass die „Eurokommunisten“ hier als eine der Fraktionen der ‚leninistischen‘ Linken betrachtet – und dass ihre Unterschiedlichkeit so stark betont wird. Das Grundmuster der Argumentation geht von der Spaltung als entscheidendem Krisensymptom aus und suggeriert zugleich, dass es nicht darum geht, zu bestimmen, wer denn nun „recht hat“ – sondern vielmehr darum, zu einer Krisendiagnose und zu einer Krisenüberwindungsstrategie zu kommen, auf die eine Einigung möglich wäre – mit der Perspektive einer Überwindung der Spaltung.15 9. Der in den an der Außenpolitik der VRCh orientierten politischen Gruppen bereits vollzogene politische Zerfallsprozess (der sie in Portugal z.T. in die Reihen der organisierten Konterrevolution geführt hat16), die relative Isolierung und ideologische Verworrenheit der an der VR [10] Albanien orientierten Gruppen und der weit fortgeschrittene Zerfallsprozess derjenigen Gruppen, die eine Orientierung auf ein internationales Zentrum der kommunistischen Weltbewegung gegenwärtig für unmöglich halten, machen insgesamt deutlich, dass der von der ML-Fraktion erhobene Anspruch, einen organisierten Ausweg aus der Krise leninistischer Politik darzustellen, jeder Grundlage entbehrt. Im Gegenteil ist zu erwarten, dass gerade die von ihr vollzogene Übersteigerung einiger Momente des historischen Leninismus es ihr unmöglich machen wird, einen realen Ausweg zu finden. Auffällig und womöglich auf meinen deutschen Erfahrungshintergrund zurückzuführen ist hier, dass allein die maoistische Fraktion – immerhin in ihrer gesamten Breite – in den Blick genommen wird, während trotzkistische Gruppen ganz unbeachtet bleiben. Allerdings lässt sich immer noch begründen, dass die ‚trotzkistische Fraktionierung‘ sich auf den Stalinismus der 1920er und 1930er Jahre bezogen hat und zumindest nicht unmittelbar auf die Krise der Linken in den 1960er und 1970er Jahren. Entsprechende Gruppierungen – die in Frankreich und in England eine signifikante Rolle gespielt haben – einfach gar nicht zu beachten, war theoretisch fehlerhaft – auch wenn es den Erfahrungen in Portugal damals durchaus entsprochen hat. 10. Die Unfähigkeit der „Guevaristen" zu revolutionärer Realpolitik — in der offensiven Phase des revolutionären Prozesses durch Abenteurertum, in der defensiven Phase durch Attentismus bewiesen — hat inzwischen zu ihrer völligen Isolierung und beginnenden individuellen Entpolitisierung geführt. Ihr Insistieren auf der Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes ist zur hohlen Phrase oder zur theatralischen Inszenierung verkommen. Die Namen von Isabel do Carmo und Carlos Antunes und Otelo Saraiva de Carvalho markieren diese in Portugal nicht unwichtige politische Sensibilität, mit der ich dann in den
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Die Frage nach einer neuen Einheit der Linken stand im Zentrum eines damals gerade publizierten Briefwechsels zwischen Louis Althusser und Luiz Francisco Rebelo (Cartas sobre a revolução Portuguesa, Lisboa 1977), den ich im Sommer 1977 gelesen hatte. 16 Gemeint ist hier PCTP/MRPP - während (wie anderswo auch) der ‚albanische Flügel‘ (um die seinem eigenen Anspruch gemäß ‚wiederaufgebaute‘ PCP (R)) ganz andere Wege ging, auf denen er partielle gesellschaftliche Verankerungen gefunden hat

nächsten Jahren noch viel zu tun haben sollte – in Gestalt einer Kooperation mit den beiden zuerst genannten bei den Versuchen, auch in Portugal die Herausbildung einer ‚alternativen‘ politischen Strömung zu fördern – und in Gestalt der letztlich erfolgreichen internationalen Kampagne für die Amnestierung Otelos und seiner FP25-Gruppe Mitte der 1980er Jahre, habe ich bei der Formulierung dieser These noch nicht vorhergesehen. Die in ihr formulierte Kritik bleibt für mich dennoch gültig – auch wenn in ihrer Ausformulierung vielleicht die vergleichbaren deutschen Erfahrungen mit den Gespenstern eines ‚Linksterrorismus‘ zu stark durchgeschlagen sind. 11. Die Handvoll — meist intellektueller — Eurokommunisten innerhalb und außerhalb der PCP ist bisher unfähig geblieben, für ihre Forderungen nach Überwindung der bisherigen, „stalinistischen" Linie der PCP (und eine Ablösung ihrer bisherigen Führung) innerhalb der portugiesischen Arbeiterklasse oder unter der studentischen Jugend Gehör zu finden. Das zu betonen, bedeutete damals vor allem die Aufforderung, diesen Kampf um das Gehör innerhalb der Arbeiterklasse und der studentischen Jugend nicht vorschnell aufzugeben. Es bereitete aber auch unterschwellig auf die Frage vor, ob diese Eurokommunisten denn überhaupt schon dazu in der Lage waren, ihre Positionen und Thesen auf die Probleme zu beziehen, mit denen sich ‚die Menge der Vielen‘ praktisch herumschlagen musste. 12. Die in Portugal von der PCP exemplarisch und mit beachtlicher Flexibilität repräsentierte Zentrumsfraktion der internationalen kommunistischen Bewegung hat zwar bewiesen, dass an ihr — als bewusstestem und am stärksten organisierten politischem Ausdruck der Arbeiterbewegung — kein Weg vorbei führt. Das war sowohl ein Versuch, die Erfahrungen der vielfältigen Versuche zu bilanzieren, genau dies zu tun, nämlich einen Weg an der PCP vorbei zu finden, als auch die Feststellung, dass diese Partei zumindest den bewusstesten und am stärksten organisierten politischen Ausdruck der Arbeiterbewegung in Portugal darstellte. Beides halte ich auch heute für unbestreitbar – nur würde ich heute betonen, dass das Ergebnis eine Aporie im wörtlichen Sinne dieses griechischen Wortes gewesen ist: Es gab einfach gar keinen Weg. Aber vielleicht hätte er doch gefunden bzw. geschaffen werden können – beginnend mit einer politischen Praxis, die ihre ‚Mobilisierung‘ nicht von vornherein auf die Arbeiterbewegung beschränkt hätte und allenfalls noch dazu bereit war, Klassenbündnisse mit den Bauern und Teilen des Kleinbürgertums zu schließen - anstatt sich auf die gesamte Breite der wirklichen Kämpfe gegen Herrschaftsstrukturen und die von ihnen ausgehenden Zerstörungen zu beziehen. 13. Sie [sc. die PCP] hat aber auch deutlich gemacht, dass sie als solche nicht in der Lage ist, die gegenwärtige Krise des Leninismus zu überwinden: Weder hat sie bisher eine (9) Einheitsfront der Arbeiterklasse herstellen können, noch hat sie bisher eine wirksame Bündnispolitik betrieben. Statt die Massenbewegungen realistisch voranzutreiben, schwankt sie zwischen Aktionismus und Abwieglertum; neue Problembereiche der Klassenauseinandersetzungen (Arbeitsplatz- und Lebensbedingungen, Jugend- und Frauenfragen) hat sie bisher nicht vorantreibend aufzugreifen verstanden. Die hier gezogene Bilanz der Politik der PCP ist eindeutig negativ. Damit rücken die hier formulierten Thesen sehr nahe an die These einer historischen Aporie heran: Wie kann die in taktischen Wechselspielen erkennbare Kombination von Dogmatismus und Opportunismus überhaupt noch überwunden werden? Hinter den hier ausdrücklich angesprochenen neue[n] Problembereiche[n] der Klassenauseinandersetzungen (Arbeitsplatz- und Lebensbedingungen, Jugend- und Frauenfragen) verbergen sich die nicht klassenmäßigen Herrschaftsverhältnisse, die allerdings

auf dem Umweg über die Dynamik der Klassenauseinandersetzungen gleichsam in einen klassenreduktionistischen Horizont gezwängt werden. Dahinter stand vermutlich der zunächst einmal durchaus nicht unverständliche Glaube, mit der Entkolonialisierung sei für Portugal das Thema der Herrschaftsverhältnisse zwischen dem globalen Süden und dem globalen Norden erst einmal erledigt und mit der von den Verfassungen der Nelkenrevolution geradezu sprunghaft vollzogenen juristischen Emanzipation der Frau sei auch die Aufgabe eine Befreiung der Frauen als solche in der Hauptsache erledigt. Damit blieb jedenfalls ein beträchtlicher soziokultureller und politischer Raum dafür, diese Problematiken nicht nur eigenständig und als solche zu bearbeiten, sondern sie völlig von allen Klassenkämpfe zu trennen und sie geradezu gegen Klassenkämpfe auszuspielen. 14. Dadurch verlängert sie selbst das politische Überleben von Gruppen der rechten und der linken Fraktion (insbesondere des „albanischen" Flügels der ML-Fraktion und des ouvrieristischen Flügels der PS-Linken), die allenfalls eine politische Perspektive zurückgewinnen könnten, wenn die Zentrumsfraktion definitiv scheitern sollte. Das erste Wort bedarf heute der genaueren Erläuterung: Wodurch hat die PCP zum Überleben der ‚abgespaltenen‘ rechten und linken Flügel der kommunistischen Bewegung in Portugal beigetragen? Das angedeutete Argument lautet: Durch ihre Unfähigkeit, die gegenwärtige Krise des Leninismus zu überwinden (und durch ihre sich daraus ergebende faktische Untätigkeit in dieser Sache), hat sich die Spaltung verfestigt, in der diese Krise zum Ausdruck kam – und zwar nach beiden Seiten: Sowohl nach der ‚rechten‘ Seite einer Betonung der Eigengesetzlichkeit politischer Prozesse und Institutionen, als auch nach der ‚linken‘ Seite, der Betonung der wirklichen Befreiungskämpfe. Faktisch haben beide Flügel tatsächlich überlebt und sind bemerkenswerterweise in einer gemeinsamen Organisation – auf dem Umweg über die von der ‚albanischen‘ PCP (R) initiierte UDP und diverse linkssozialistische Zirkel bzw. ‚eurokommunistische‘ Abspaltungen von der PCP und ihren Wahlbündnissen – heute in Gestalt des ‚Bloco de Esquerda‘ zu einer ernsthaften parteipolitischen Konkurrenz der PCP (und ihrer parlamentarischen ’Frontorganisation‘ CDU) geworden. Dass diese Konsolidierung einee ‚neuen Linken‘ ganz eng mit der Unfähigkeit der PCP zu irgendeiner ernsthaften Erneuerung zusammenhängt – die Farce der von ihr initiierten und letztlich auch kontrollierten Gründung der Partei der portugiesischen Grünen17 gibt nur eine weitere Illustration dieser Praxis –, ist gerade auch im Rückblick unübersehbar. 15. Der politische Tod der in den späten 60er Jahren international neu erstandenen nichtleninistischen Linken (Anarchosyndikalisten, Si[11]tuationisten, Rätekommunisten, „demokratische Sozialisten") hat sich in einer Serie von Auflösungs- und Spaltungsprozessen vollzogen [gemeint ist hier: in Portugal nach 1975], die ihre individuellen Träger bestenfalls in politische „Ein-Punkt-Bewegungen" (Ökologiebewegung/Frauenbewegung) führte, in individueller Resignation und/oder politischem Verrat (s.d. ehemalige sozialistische Linke der PS) endete. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich die von ihr aufgeworfenen Probleme erledigt hätten: In das von ihr hinterlassene politische Vakuum stoßen vielmehr die politischen und kommerziellen Repräsentanten der Bourgeoisie vor. Im Hintergrund dieser These steht sicherlich eine allzu einfache Entgegensetzung von Bourgeoisie als Herrschender und Proletariat als beherrschter Klasse. Aber im Kern bleibt es richtig, vom Antagonismus zwischen Herrschenden und Beherrschten auszugehen – problematisch bleibt deren vereinfachende und kurzschlüssige Identifizierung als „Bourgeoisie“ und „Proletariat“. Diese These sollte auch nicht als eine moralische
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vgl. Wolf, F. O. / Gonzalez, Antonio Guilherme: Unter Berücksichtigung der Zeitverschiebung. Portugal, in: Franken, Michael/Ohber, Walter, hg.: Natürlich Europa: 1992 - Chancen für die Natur, Köln 1989,153-164.

Abqualifizierung von AkteurInnen und Betroffenen verstanden werden, sondern als ein im Kern durchaus analytischer Befund: In dem Maße, wie die radikale theoretische Durchdringung und die revolutionäre Politisierung neuer Probleme, Konflikte und Fragen nicht gelingt, bleibt ihren Trägern und Betroffenen dann letztlich nur deren Bearbeitung als private Probleme der Lebensführung – für die sich dann mit der Zeit schon entsprechende ideologische und kommerzielle ‚Verarbeitungsangebote‘ finden werden. Allerdings ist genau an dieser Stelle gleichsam mitzudenken, dass auch ohne eine umfassende, radikale oder integrale Politisierung der einzelnen Kämpfe auf der Ebene eines zivilgesellschaftlichen Aktivismus eine weitgehende ‚Politik in der ersten Person‘ im Plural möglich wird und zur Grundlage von Interessenkämpfen werden kann, in denen es zumindest um eine partielle gemeinschaftlich Befreiung geht und nicht bloß um die Durchsetzung individueller Vorteile – und die in zunächst unsichtbar bleibenden Grenzen durchaus auch tiefer greifende strukturelle Veränderungen erreichen können. 16. Der politische Inhalt dieser Erscheinungen der gegenwärtigen „Krise der kommunistischen Bewegung" (Althusser) ist im Verlauf der mit der Erhebung der Streitkräfte im April 1974 eingeleiteten kritischen Phase der Klassenkämpfe in Portugal nach drei Richtungen deutlich geworden: — Hinsichtlich der Unabdingbarkeit und des konkreten Versagens des proletarischen Internationalismus; — hinsichtlich der Notwendigkeit und des konkreten Scheiterns der Errichtung der Diktatur des Proletariats als „politischer Form" des sozialistischen Übergangs; — hinsichtlich der Notwendigkeit und der Desorientierung im Klassenkampf auf der Ebene von Theorie und Ideologie. (Andere Aspekte der portugiesischen Erfahrung, insbesondere das Scheitern der traditionellen Orientierungen der III. Internationale in der Bauernfrage, sind demgegenüber von untergeordneter Bedeutung.) Hier geht meine Formulierung jetzt explizit auf Althussers These von der „gegenwärtigen „Krise der kommunistischen Bewegung“ ein: Althusser hatte die Spaltung zwischen Moskau und Peking18 in der kommunistischen Weltbewegung als Symptom einer solchen Krise diagnostiziert – anstatt sich, zur Enttäuschung vieler seiner von den Thesen Pekings überzeugten Schüler, für eine der Seiten zu entscheiden. 17. Die Problematik des proletarischen Internationalismus stellt sich heute, angesichts der zunehmenden Internationalisierung von Kapital- und Arbeitsmärkten in neuer, zugespitzter Weise: Multinationale Monopolgruppen und Arbeitsemigration stellen die kommunistische Bewegung ebenso vor neue Anforderungen und Probleme, wie die vielfältigen politischen Agenturen des internationalen Kapitals (Weltbank, IWF) bzw. der kapitalistischen Nationalstaaten (NATO, EG). Gemeint ist hier, dass sich das Problem der internationalen Solidarität des Proletariats in seinen Kämpfen nicht mehr nur abstrakt (als allgemeines programmatisches Postulat) bzw. in Extremsituationen (etwa zur Verhinderung imperialistischer Kriege) stellt, sondern gleichsam in die Alltagspraxis des Klassenkampfs ‚eingesickert‘ ist: Die Kapitalherrschaft und auch die Reproduktion der dem Kapital gegenüberstehenden Arbeiterklasse sind weniger denn je im nationalstaatlichen Rahmen befangen, sondern sind längst dauerhaft transnational organisiert – und mit der Globalisierung und vor allem auch der Europäisierung der Reproduktionsprozesse der Kapitalherrschaft haben sich supranationale politische Strukturen
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Die am Yalu sogar zu einer unmittelbaren militärischen Konfrontation geführt hatte, während die Bekämpfung des sowjetischen ‚Sozialimperialismus‘ sich in weltweit in heftigen, bis zur Gewaltanwendung gesteigerten Konfrontationen mit von ‚maoistischen‘ KPn mit ‚revisionistischen‘ KPn geäußert hat - auch in Portugal (in Gestalt der bald schon gegen die ‚Nelkenrevolution‘ agierenden MRPP) und vor allem in der Form der Unterstützung der pro-imperialistischen UNITA in Angola.

entwickelt, die zu deren Reproduktion beitragen – und die als Orte eines politisch zugespitzten Klassenkampfs allererst zu erschließen und zu erobern sind. 18. Diese neuen Probleme — einer völkerrechtlich „normalen" Erpressungs-, Eingriff s-und Steuerungskapazität der führenden imperialistischen Länder — haben in Portugal ihren Ausdruck darin gefunden, dass die politischen „Internationalen" des Kapitals wirksam manövrieren konnten, während die politischen Organisationen der Arbeiterbewegung [innerhalb Portugals] das Problem entweder zurückstellten (z.B. Akzeptieren der NATOMitgliedschaft durch die PCP) oder durch rituellen Radikalismus verbal „lösten“ (Forderung nach sofortigem NATO-Austritt) bzw. in Wunschvorstellungen auswichen („Dritte-WeltStrategie“ für Portugal). Es wäre vielmehr darauf angekommen, in enger Zusammenarbeit mit den politischen Organisationen der Arbeiterklasse in Westeuropa und im Mittel[12]meerraum, sowie mit den nationalen Befreiungsbewegungen [gemeint ist hier: außerhalb Europas], gemeinsam Strategien einer Zurückdrängung der internationalen politischen, militärischen und ökonomischen Agenturen des Weltkapitals zu entwickeln, und so dem proletarischen Internationalismus einen neuen, von den Resten einer abstrakten „Lager-Mentalität“ befreiten Inhalt zu geben. In dieser These werden mehrere ganz unterschiedliche Operationen angesprochen, die erforderlich sind, um dem Internationalismus der Beherrschten (hier entsprechend der klassenreduktionistischen Perspektive nur als ‚proletarischer‘ erfasst) wieder einen tragfähigen, als solchen dringend erforderlichen Inhalt zu gaben: Zunächst einmal muss er von den Resten einer abstrakten „Lager-Mentalität“ befreit, d.h. es darf nicht mehr angehen, dass er – wie im Fall der CSSR geschehen – als Rechtfertigung eines militärischen Eingreifens in Länder des ‚eigenen Lagers‘ dienen kann. Zweitens müssen Formen gefunden werden, in denen die portugiesische Linke in enger Zusammenarbeit mit den politischen Organisationen der Arbeiterklasse in Westeuropa und im Mittelmeerraum, sowie mit den nationalen Befreiungsbewegungen, gemeinsam Strategien einer Zurückdrängung der internationalen politischen, militärischen und ökonomischen Agenturen des Weltkapitals entwickeln kann. Dabei ist durchaus bemerkenswert, dass zum einen Osteuropa, insbesondere die Sowjetunion, aber auch Asien, als vor allem China, hier völlig ausgeklammert bleiben – und dass zum anderen eindeutig von neu zu entwickelnden Strategien (und entsprechend neue Deliberationsprozessen und –formen) ausgegangen wird. Die damals sich abzeichnende Herausforderungen zu einem ‚konkreten Internationalismus‘ angesichts neuer transnationaler Strukturen der Koordination und gemeinsamen politischen Steuerung der ‚kapitalistischen Nationalstaaten‘ sind inzwischen nur noch deutlicher hervorgetreten – sowohl auf der globalen, als auch auf der europäischen Ebene. Ihnen entspricht aber bisher allenfalls in Ansätzen ein neuer ‚konkreter Internationalismus‘ der beherrschten Kräfte und Bewegungen.19 19. Die Frage von Notwendigkeit und Inhalt der Diktatur des Proletariats als „politischer Form“ des sozialistischen Übergangs ist von der portugiesischen Erfahrung erneut — und zugespitzt — auf die Tagesordnung gesetzt worden: Zum einen hat sich gezeigt, dass es eine gefährliche Illusion war, auf den staatlichen Apparat der bürgerlichen Gesellschaft (Militär und Regierung) als (10) „Motor“ eines revolutionären Prozesses zu setzen, der über ein bloßes kapitalistisches Aggiornamento hinausgehen soll (Haltung der PCP gegenüber der MFA und Vasco Gonçalves). Andererseits ist deutlich geworden, dass auch breite proletarische Massenbewegungen unterlegen bleiben, solange es ihnen nicht gelingt, die ihnen gegenüberstehenden staatlichen Machtorgane zu erobern und zu zerschlagen und nicht bloß
Worin heute die Aktualität eines derartigen Internationalismus begründet ist, konnte ich vor einigen Jahren etwas näher ausführen: „InterNationalismus. Schwierigkeiten eines unverzichtbaren Begriffs, in: Olaf Gerlach / Marco Hahn / Stefan Kalmring / Daniel Kumitz / Andreas Nowak, hg.: Globale Solidarität und linke Politik in Lateinamerika, Berlin 2010, 61-68.
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zu taktischen Zugeständnissen zu zwingen (Haltung der FUR gegenüber der VI. Regierung). Darüber hinaus hat die Entwicklungsrichtung der politischen Formen, welche die proletarischen Massenbewegungen, insbesondere der Land- und Hausbesetzungen, angenommen haben, d.h. in den spontan gebildeten Arbeiter- und Volksmachtorganen der in Bewegung geratenen Massen, die Probleme der proletarischen Demokratie (Verhältnis von Massenbewegung und Führungsorganen) und der proletarischen Hegemonie in einem revolutionären „historischen Block“ (Verhältnis von proletarischer und Volks-Bewegung) in neuer Schärfe gestellt — und die praktischen Resultate haben deutlich gemacht, dass weder der orientierungslose Basismus und Populismus der antileninistischen Organisationen, noch der unvermittelte „Kontrolleurismus“ und „Avantgardismus“ der leninistischen Gruppen hierfür einen Lösungsweg anbieten. Diese These macht den schwierigen Versuch, die sehr abstrakte These der Gruppe um Louis Althusser, dass auf den marxschen Begriff der ‚Diktatur des Proletariats‘ für eine ernsthafte Strategiedebatte nicht verzichtet werden kann, in konkretere politische Analysen und Forderungen zu übersetzen. Dazu greift sie vor allem auf den in der westberliner Debatte neu aufgegriffenen und entfalteten Begriff der „politische[n] Form“ zurück: Indem sie nämlich den Staat als eine bestimmte Formgebung der Politik bzw. als eine Institutionalisierung des Politischen zu denken, macht sie Raum dafür frei, auch die ‚Diktatur des Proletariats‘ als eine derartige politische Form zu denken – und weder primär als Herrschaftsform, sondern als eine gegen Herrschaft gerichtete Form, noch auch als eine Form des ‚modernen Staates‘, sondern als politische Form seiner Überwindung – im mindestens ebenso schwierigen Begriff des ‚Absterbens des Staates‘. Hier wird jedoch nicht der Versuch unternommen, diese Problematik von Staat, politischer Form des Gemeinwesens, proletarischem Klassenkampf und Politik der Befreiung als solche zu vertiefen20. Stattdessen werden zwei Erfahrungen betont, in denen die eigenständige Bedeutung des Staatsapparates in modernen Gesellschaften auch im portugiesischen PREC deutlich geworden ist: die herausragende Rolle der Streitkräftebewegung und die relative Machtlosigkeit einer proletarischen Massenbewegung ohne Einheit auf der Ebene der politischen Organisationen. 20. Die große Rolle des Kampfes um die Beherrschung der „ideologischen Staatsapparate“, d.h. der politisch verselbständigten Organe der Reproduktion und Distribution von Formen des gesellschaftlichen Denkens und „Bewusstseins“, im portugiesischen revolutionären Prozess hat nicht nur deutlich gemacht, dass der Klassenkampf im Bereich von Ideologie und Überbau unter entwickelten kapitalistischen Verhältnissen ein entscheidendes Moment zur Durchsetzung jedweder revolutionärer Strategie ist. Hier spricht die These eine zentrale Erfahrung der 1968er Bewegung aus: „sei schlau, lern beim Überbau!“ Außerdem nutzt sie – wenn auch relativ unspezifisch – die althussersche These von den „ideologischen Staatsapparate[n]“, für das damalige westdeutsche Publikum spezifisch erläutert als „politisch verselbständigte Organe der Reproduktion und Distribution von Formen des gesellschaftlichen Denkens und ‚Bewusstseins‘“, zur allgemeinen Bestimmung eines Feldes des „Klassenkampf[s] im Bereich von Ideologie und Überbau“, das wiederum bezogen wird auf eine westberliner Debattenlinie, der gemäß es damals nicht um einen ‚Spätkapitalismus‘ ginge (Mandel, Habermas), sondern um entwickelte kapitalistische Verhältnisse, und in impliziter Anknüpfung an Gramsci und z.T. an den Operaismus Trontis als ein entscheidendes Moment zur Durchsetzung jedweder revolutionärer Strategie begriffen wird. Sie sollte aber auch noch nach einer anderen Richtung expliziert werden – nach der Richtung der längerfristigen, konkrete Bewegungszyklen übergreifenden Aufbereitung, Reproduktion und theoretischen Durchdringung dessen, was in Befreiungsbewegungen traditionell als
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In gewisser Weise zieht sich dieser Versuch dann durch meinen 2012 veröffentlichten Sammelband „Rückkehr in die Zukunft“ (Münster).

„Kampfeserfahrungen“ begriffen wird: Wenn, wie sich zeigte, keine Partei als politische Organisation neben einer strategischen Koordination gegenwärtiger Kämpfe zugleich diese Aufgabe zu leisten in der Lage ist, dann ist auch um Möglichkeiten der Erfüllung dieser Aufgabe der Kampf in den ideologischen Staatsapparaten zu führen – von den Massenmedien bis hin zu den wissenschaftlichen Forschungsprozessen und Debatten. Damit werden auch die Einzelwissenschaften und sogar die Philosophie zu einem Einsatz in einem langfristig zu führenden Befreiungskampf.21 21. Sie hat darüber hinaus deutlich gemacht, dass es eine technologische Illusion wäre, allein auf die modernen Mittel der Massenkommunikation und - Organisation zu setzen, ohne zugleich in die sozialen Verhältnisse und traditionellen Strukturen des nicht-staatlichen Überbaus [13] (Familie, Nachbarschaft; Kirche, „Kazikismus“) die politische Auseinandersetzung hineinzutragen (Scheitern der „Dynamisierungskampagne“ des MFA im kleinbürgerlichen Hinterland). Für die dafür notwendige Verbindung von modernen Kommunikationsmitteln und realer Massenbewegung hat das portugiesische Proletariat mit spontanen Initiativen in den Fällen der Zeitung República und des Sender Renascença ein vorantreibendes Beispiel gegeben, zu dessen systematischer Nutzung jedoch keine politische Organisation des portugiesischen Proletariats in der Lage war. Hier wird spezifisch die Unersetzbarkeit konkreter Organisationsarbeit gegenüber allen technologisch sich erst abzeichnenden Formen kommunikativer Vernetzung betont: Das bleibt – trotz der Ausweitung des Bereichs der digitalen Medien – eine elementare Erfahrung emanzipatorischer politischer Praxis: Ohne unmittelbare Begegnungen und körperliches Zusammenhandeln lässt sich weder eine tragfähige Solidarität noch ein wirkliches politisches Vertrauen aufbauen. Medien aller Art – bis hin zu den tendenziell völlig delokalisierten und entstofflichten digitalen Medien – können nur auf der Grundlage derartiger primärer Solidaritätsbeziehungen und Vertrauensverhältnisse funktionieren – um etwa den kognitiven Gehalt und die Realitätstüchtigkeit der gemeinsam gefundenen Orientierungen (Prinzipien, Leitlinien, Projekte, …) auszubauen. Deutlicher wäre allerdings wohl rückblickend zu betonen, wie die Medialisierung der Kommunikation mit einer galoppierenden Kommerzialisierung des Alltagslebens Hand in Hand geht – heute exemplarisch ablesbar am Zusammenwachsen von Handy- und Internetkultur. 22. In diesen ideologischen Kämpfen ist es, wie gerade die Erfahrung dieser weitesten Vorstöße im Bereich der Massenkommunikation, aber auch vergleichbarer Ansätze im Bereich der Theorieproduktion (Selbstverwaltung verschiedener Hochschulinstitute unter Führung proletarischer Organisationen) gelehrt haben — dringend notwendig, neue Formen des offenen solidarischen Austragens ideologischer Widersprüche „im Volke" (und im Proletariat) zu entwickeln, die über den „Linkspluralismus" als Variante repressiver Toleranz bzw. Reproduktion ideologischer Verwirrung hinausgehen, ohne in die Sterilität einer bloß standpunktlogischen Parteilichkeit zu verfallen, die solche Widersprüche entweder verdrängt oder „nach außen" projiziert (Verrat, Einfluss des Klassenfeindes). Das Fehlen einer praktischen Vermittlung von „Freiheit der Kritik" und „proletarischer Parteilichkeit" wurde damit in Portugal zu einer materiellen Schranke des wirklichen revolutionären Prozesses. Die originelle These dieser Überlegung findet sich im letzten Satz: Die Unfähigkeit der portugiesischen Linken in ihrer organisierten Praxis tragfähige Formen der Vermittlung von „Freiheit der Kritik“ und „proletarischer Parteilichkeit“ zu finden und zu verwirklichen, hat sich als eine materielle Schranke des wirklichen revolutionären Prozesses erwiesen. Denn es ist kein luxurierender Anspruch von Künstlern und Intellektuellen, eben das was sie selber als wahr und gut erfahren haben, auch unverkürzt als solches zu artikulieren: Auf längere Frist
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Hierin liegt der Grundgedanke meiner „Radikalen Philosophie“ (Münster 2002, ²2009).

betrachtet und erst recht auf Dauer, liegt darin die entscheidende Bedingung dafür, dass eine soziale Bewegung und eine politische Strömung tatsächlich ihre Fähigkeit bewahrt und entwickelt, sowohl spezifisch radikal als auch realitätstüchtig zu agieren. Im Falle des portugiesischen PREC, in dem Intellektuelle in Uniform eine von außen oft übersehene entscheidende Rolle gespielt haben, lag das Versagen nicht nur in der sehr begrenzten Fähigkeit der politischen Organisationen der Arbeiterbewegung untereinander und mit den oft noch nicht sektierisch bornierten militärischen Intellektuellen einen produktiven Kommunikationsprozess aufzubauen. Zugleich wurde immer wieder inhaltlich verfehlt, die Problematik der Politik und ihrer Formen gründlich und realitätstüchtig zu reflektieren – was ebenso für die Problematik der repräsentative Konstituante der II. Republik galt wie für das Aufgreifen und die Institutionalisierung von Prozessen direkter Demokratie in einer sich in den Kasernen, im industriellen Raum Lissabons und im Alentejo geradezu lauffeuerhaft ausbreitenden Rätebewegung 23. Der in Portugal in Bewegung gekommene revolutionäre Prozess, hat für das gesamte internationale Abhängigkeitssystem des Kapitals in Westeuropa das Signal gegeben — von einem seiner schwächsten Glieder her — dass die 1973 international einsetzende kapitalistische Krise auch in Westeuropa vorrevolutionäre Situationen schaffen kann. Diese Diagnose war triftig, insofern sie ein „internationales Abhängigkeitssystem des Kapitals in Westeuropa“ diagnostiziert, das die Kapitalherrschaft über die Grenzen der Nationalstaaten hinaus trägt und befestigt. Sie verkannte aber, dass dessen fordistische Ausgestaltung für die Kapitalherrschaft weder alternativlos noch optimal war, so dass die Option seiner kapitalorientierten Umgestaltung im Raum Stand, welche dann in den 1980er Jahren durch die erfolgreiche neoliberale ‚Umorientierung‘ der europäischen Integration energisch ergriffen worden ist. Die Erwartung ‚vorrevolutionärer Situationen‘ allein aufgrund der Krisen der Kapitalverwertung, selbst ‚großer‘ Krisen, beruhte auf einer im doppekten Sinne ökonomistischen Problemverkürzung – d.h. nicht nur auf der Unterschätzung der Bedeutung von Politik und Ideologie für die Reproduktion der Kapitalherrschaft, sondern vor allem auf der Ignorierung derjenigen Dimensionen der materiellen Reproduktion, die nicht mit dem Funktionieren der Kapitalherrschaft zusammenfielen (Geschlechterverhältnisse, internationale Verhältnisse/Migration, Menschen-Natur-Verhältnisse). Heute ist erneut das EU-System an seiner – inzwischen tiefgreifend integrierten – südlichen Peripherie in die Krise geraten – allerdings spricht Vieles dafür, dass daraus keine Gesamtperspektive der Transformation erwächst, sondern zumindest zunächst eher Krisenlösungen in Richtung einer passiven Revolution in den südlichen Gesellschaften durchgesetzt werden – die aber an den entscheidenden Krisenfaktoren des neoliberalen Modells der finanzkapitalistischen Akkumulation nichts ändern wird – und schon gar nicht an der noch tiefer liegenden Problematik der Blockierungen der Kapitalakkumulation. 24. Die vorläufige Niederlage, in die er geführt hat, hat nicht nur Ausmaß und Inhalt der gegenwärtigen Krise der Arbeiterbewegung, speziell auch ihrer kommunistischen Fraktionen, deutlich gemacht, Die Krise der Arbeiterbewegung – und die davon nicht ablösbare Krise des Marxismus – betrafen in der Tat die kommunistische Weltbewegung ganz speziell: Denn sie war mit dem Anspruch aufgetreten, die historische Krise der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung überwunden zu haben, die darin zum Ausdruck gekommen war, dass es den sozialdemokratischen Organisationen weder gelungen war, sich gegen den imperialistischen Krieg zu stellen, noch auch, dessen Niederlagen für die anstehende soziale Revolution zu nutzen. Allerdings war dies inzwischen – angesichts der Etablierung des Stalinismus in der Sowjetunion und der Abspaltung des Trotzkismus in den 1930er Jahren sowie der Spaltung der kommunistischen Weltbewegung zwischen Moskau und Peking in den 1960ern zu einer

Frage der letzten Chance zur Überwindung einer unbestreitbar tiefen Krise geworden – in der die Echos der allerersten Krise von Arbeiterbewegung und Marxismus im späten 19. Jahrhundert, die zur Abspaltung des Anarchosyndikalismus geführt hatte, immer schwerer überhörbar wurden. 25. sie hat auch deutlich demonstriert, dass die konterrevolutionäre Strategie und Taktik des internationalen Kapitals sich seit seiner letzten großen Krise so weit weiterentwickelt hat, dass eine offensive Überwindung der gegenwärtigen Krise zu seinen Gunsten wiederum keineswegs auszuschließen ist. Die Rede von der „konterrevolutionäre Strategie und Taktik des internationalen Kapitals“, die „sich weiterentwickelt“ habe, bedarf heute der Erläuterung: Die „letzte große Krise“ , von der damals die Rede war, war die globale Krise der 1930er Jahre, auf die Faschismus, Stalinismus und Fordismus unterschiedlich reagiert haben22; bei der „gegenwärtigen Krise“ handelte es sich um die historische End-Krise des NachkriegsFordismus. Dass damit nicht automatisch eine End-Krise der Kapitalherrschaft verknüpft war, musste erst gedacht werden. Dieser Gedanke wird hier noch sehr unbestimmt gefasst. Angesichts der 1977 bereits durchgesetzten Niederlagen linker Regime und Bewegungen seit den 1960er Jahren bedeutete die hier getroffene Feststellung der Möglichkeit eines konterrevolutionären Krisenausganges erst einmal nur ein entschlossenes Festhalten an den Hoffnungen, doch noch eine historische Weichenstellung erreichen zu können. Immerhin wurde aber der Gedanke aufgegeben, dass der Sieg der ‚Befreiungsbewegungen‘ garantiert sei und nicht von der Seite der Kapitalherrschaft zu deren Reproduktion ‚umfunktioniert‘ werden könnte. Die gesamte ‚neo-liberale Konterrevolution‘ (sinngemäß schon Milton Friedman) zielte, rückblickend genau darauf, ideologisch im Namen des ‚possessiven Individualismus‘23 diese ‚Befreiungsbewegungen‘ für die uneingeschränkte Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise zu ‚mobilisieren‘ – und zwar unter Nutzung des durchaus realen Umstandes, dass die kapitalistische Produktionsweise als eine starke historische Kraft daraufhin wirkt, vormoderne, nämlich traditionale und personale, Herrschaftsverhältnisse als solche aufzulösen. Aber dabei wird dann überspielt bzw. von den Angesprochenen übersehen, dass diese Auflösung nicht auf Befreiung zielt und sie auch nicht etwa als ein nichtintendiertes Ergebnis bewirkt, sondern auf eine umfassendere Durchsetzung der Kapitalherrschaft und dabei im Ergebnis zumeist auch eine Transformation derartiger Herrschaftsverhältnisse, etwa des Patriarchats und des Kolonialismus, zu modernen, unpersönlichen und sachlich vermittelten, Herrschaftsverhältnissen bewirkt. In Portugal, wo ein ziemlich retrograder Kolonialismus und ein sehr stark personal geprägtes Patriarchat geherrscht hatte, konnte diese Transformation offenbar übergangsweise mit wirklichen Befreiungsprozessen einhergehen, um dann aber perspektivisch im Kontext der neoliberalen Globalisierung in die besonders tiefe Abhängigkeit der PALOPs (Paises de Lingua Oficial Portuguesa) einerseits und eine vergleichbar tiefgehende marktvermittelte Abhängigkeit der portugiesischen Frauen umzuschlagen. 26. Auch die Linke in der BRD muss sich diese Lehren zu eigen machen — unter den besonderen, modifizierenden Bedingungen einer unvergleichbaren nationalen Schwäche der kommunistischen (11) Fraktionen der Arbeiterbewegung und einer ebenso unvergleichbaren nationalen Stärke der politischen Repräsentanten des internationalen Kapitals. Implizit wird hier die Bundesrepublik – was historisch wohl auch treffend gewesen ist – als ein ‚fertiger‘ Nationalstaat unterstellt. Die kommunistische Bewegung als Staatsmacht der
Ich habe damals in einer historischen Skizze versucht, diese zueinander ‚alternativ‘ stehenden Reaktionen auf die große Krise als solche zu rekonstruieren („Socialismo ou fascismo – alternativa em Portugal?“, in: economia e socialismo, Nr. 16, Sept. 1977, 16, 31-44). 23 Vgl. Cecil Brough Macpherson: The political theory of the possessive individualism. From Hobbes to Locke, Oxford 1962.
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DDR bleibt außer Betracht. Und – durchaus bedeutungsvoll – nicht nur die Fraktionierung der politischen Arbeiterbewegung wird als Tatsache zum Ausgangspunkt gemacht, sondern auch die der kommunistischen Bewegung als solcher – anstatt die ‚falschen‘ von den ‚wahren‘ zu unterscheiden und demgemäß auszugrenzen. Die angesprochene deutsche Besonderheit reichte bekanntlich – auch wenn die hier implizit vorgenommene politische Ausrichtung auf den Staat der Bundesrepublik (einschließlich Berlin-W) historisch inzwischen stimmig war, über diesen Staat immer noch hinaus: Die DDR bestimmte weiterhin – als negatives – nur in kleinen, sektiererischen Zusammenhängen positives Modell – die ideologisch-politischen Kampfbedingungen der westlichen Linken in Deutschland ganz entscheidend mit. Dies galt auch für die Gewerkschaftsbewegung und die Sozialdemokratie. Die Rede von den „politischen Repräsentanten des internationalen Kapitals“ bedarf der Korrektur und der Präzisierung: Adenauer, Erhard, Willy Brandt oder auch Helmut Schmidt, deren Politik in der Tat bestimmte Kapitalinteressen erfolgreich umgesetzt hat, waren deswegen noch nicht dessen „Repräsentanten“ – das zu behaupten, war eine ökonomistische Verkürzung der Komplexität politischer Repräsentationsverhältnisse. Und es ging gar nicht in erster Linie um das ‚internationale Kapital‘ als solches, sondern durchaus um deutsches Kapital, das sich aber in neuer Weise auf den Weltmarkt und auf den europäischen Markt ausgerichtet hatte – vor allem in seinen führenden, auch gesellschaftlich ‚tonangebenden‘ Gruppen). Die Prozesse der Globalisierung durch das Finanzkapital waren gerade erst dabei, ernsthaft in Gang zu kommen. 27. Diese Besonderheit der Bedingungen kann jedoch nicht dazu führen, [14] dass die in Portugal deutlich gewordene Krise der Arbeiterbewegung die westdeutsche Linke nicht betreffen würde - im Gegenteil ist zu erwarten dass sich die dort aufgetretenen Widersprüche hier in noch weitgehend verschärfter, wenn nicht sogar karikaturhaft übertriebener Form stellen.24 Die „Krise der Arbeiterbewegung“ hat die westdeutsche Linke dann in der Tat betroffen – mit der Konsequenz eines ganz praktischen „Abschieds vom Proletariat“: über die „Wahlbewegung“ der 1970er Jahre bis zur ‚neuen Partei‘ der Grünen.25 Dabei ersetzte einmal wieder der praktische Terrainwechsel die überfällige theoretische Kritik und Debatte, so dass der ‚ewige Frühling der Amnesie‘ die ‚ewige Wiederkehr des Gleichen‘ beförderte: zwar nicht Robert Michels‘ angeblich „ehernes Gesetz der Oligarchie“, d.h. der beständig wiederholten Reproduktion der ‚Elitenherrschaft‘, in den Parteien26, gegen das im Prozess durchaus auch sogar neue Mittel ersonnen und erprobt worden sind, aber doch die schwer zu durchbrechende Tendenz, dass sich der ‚ideologische Staatsapparat Politik‘ – immer dann wenn es nicht zu einem nachhaltig befreienden Durchbruch kommt – sich letztlich gegen alle Vorstöße im Sinne einer konkreten Befreiung von bestehenden gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen behauptet, indem er die Strukturgesetze der institutionell etablierten Politik als „Erfolgsbedingungen“ glaubhaft machen kann. Als karikaturhafte Übertreibung dieser allgemeinen Tendenz – von durchaus weltgeschichtlicher Dimension – kann hier in der Bundesrepublik und Berlin-W die
Zur Ortsangabe „(Coimbra/Berlin-W, September 1977)“: Vom akademischen Beobachtungsort der politischen Prozesse in Lissabon und Porto zurück nach „Berlin-W“ – als Vermeidungsformel gegenüber der immer noch herrschenden Bekenntnisalternative: „Berlin“ oder „Westberlin“ – in die inzwischen in Gang gekommene intellektuell-politische Aufarbeitung der Aufbrüche der 1970er Jahre, die mich dann über Bahro- und TUNIX-Kongresse zu den ‚Sozialistischen Konferenzen‘ und dann über die ‚Modernen Zeiten‘ zu den Grünen und Alternativen geführt haben. 25 Vgl. meine rückblickende Aufarbeitung, vor allem im Socialist Register (Party-building for Eco-Socialists: Lessons from the Failed Project of the German Greens, in: Socialist Register 2007, Coming to Terms with Nature, London: Merlin Press, 2006, 310-336), aber auch die leicht überarbeitete deutsche Übersetzung (Lehren aus dem grünen Parteibildungsprojekt, in: Sozialistische Hefte, 14 (Sepember 2007), 16-27) und einen auf Englisch formulierten Versuch, daraus Lehren zu ziehen (A sobering experience: the German Greens, in: Hilary Wainwright u.a., hg., Networked Politics: Rethinking Political Organisation in an Age of Networks and Movements – Work in Progress, Amsterdam 2007, 4349). 26 Vgl. Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie, Leipzig 1911.
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spezifische Tendenz gewertet werden, mit der die innere Auseinandersetzung auch innerhalb der Linken direkt vom Verhältnis zur DDR und zur Sowjetunion überformt wurde – von der Zögerlichkeit und Chancenlosigkeit des deutschen ‚Eurokommunismus‘ bis hin zur spezifisch deutschen ‚Gorbimania‘. Erst mit der Einheit eines historisch neuen Deutschland – endlich ohne Expansionsphantasien – konnte, nachdem das historische Verschwinden der ‚realsozialistischen Alternative‘ begriffen und gleichsam ‚verdaut‘ war, die Befreiungsaufgabe der ‚westlichen Linken‘ neu artikuliert werden. Erst in dem Maße wie die mit dem Scheitern des ‚Realsozialismus‘ global, wenn nicht weltweit, durchgesetzte Hegemonie des ‚Neoliberalismus‘ brüchig zu werden begann, wurde es dann auch wieder möglich, an die Befreiungsversuche anzuknüpfen,27 die bis dahin nur als anekdotische Anomalien in der ‚Krise des Fordismus‘, aber eben doch als Bestandteile von dessen ‚end-game‘ im kollektiven Gedächtnis geblieben waren. Insbesondere die in dem „in-Gang-befindlichen-revolutionären Prozess“ (PREC) Portugals gemachten neuen Erfahrungen – der Orientierung auf „Freiheit“, der „Basisinitiativen“, der „Volksmacht“, der „Arbeiterkontrolle“ in den Unternehmen und durchaus auch der „Linkseinheit von unten“ – sollten über Portugal hinaus zur Kenntnis genommen werden. Untersuchungen portugiesischer Intellektueller (wie die von Joäo Martins Pereira über die portugiesische Revolution im Kontext der Revolutionen des 20. Jahrhunderts28) sollten über Portugal hinaus zur Kenntnis genommen werden.29 Aber es geht heute durchaus auch um praktische Solidarität. Nicht nur die Griechen müssen immer noch von ihren Rettern gerettet werden (vgl. den Aufruf der Zeitschrift „lignes“ http://www.editions-lignes.com/Retten-wir-das-griechische-Volk.html), auch die anderen Völker der EU-Peripherie brauchen unsere informierte Solidarität – und auch wir selber werden sie dringend benötigen – denn auf anderem Wege, im nationalen Alleingang, wird hierzulande keine historische Alternative mehr durchzusetzen sein. Vielleicht sollten wir dabei das deliberative Konzept der „Exempla“, mit seinen zumindest stark didaktischen Untertönen, durch eine Konzeption gemeinsamer Erfahrungen und Lernprozesse ersetzen. Che Guevaras Wort von der Solidarität als Zärtlichkeit der Völker könnte dergestalt einen neuen, zugleich kognitiven und handlungsbefähigenden, eben deliberativen Sinn gewinnen.

Ich habe dies in den in meinem Sammelband „Rückkehr in die Zukunft“ (Münster 2012)versammelten und kommentierten Texten zu erfassen und zu beeinflussen versucht. 28 O Socialismo, a Transição e o Caso Português, Lisboa 1976 29 Die von Boaventura de Sousa Santos, heute emeritierter ehemaliger Direktor des Centro de Estudos Sociais an der Universität Coimbra, herausgegebenen Sammelbände – insb. Democratizing Democracy. Beyond the Liberal Democratic Canon, London 2005; Another Production is Possible. Beyond the Capitalist Canon, London 2006; Another Knowledge is Possible. Beyond Northern Epistemologies, London 2007 - eröffnen einen transnational akzentuierten Blick auf die reichhaltigen theoretischen Erträge einer auch in Portugal wichtigen globalisierungskritischen Linken.
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