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11.05.05

Nr. 108

Seite 49

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Teil 01

Überbordender Tanz und konservative Moral
Der Zürcher Verleih Cinedrome bringt Bollywood-Filme in die Schweiz
Der Filmausstoss Indiens übertrifft denjenigen Hollywoods schon seit längerem. Auch hierzulande werden die Bollywood-Filme immer populärer. Der Zürcher Filmverleih Cinedrome hat sich auf Filme aus Indien spezialisiert und versucht, damit vermehrt ein schweizerisches Mainstream-Publikum anzusprechen.
luc. Im indischen Blockbuster-Film «Main Hoon Na» verfolgt Superstar Shahrukh Khan in der Rolle von Major Ram Prasad Sharma terroristische Bösewichte, welche die friedliche Annäherung von Indien und Pakistan sabotieren wollen. Weil ihm kein besseres Gefährt zur Verfügung steht, jagt er die im Auto davonbrausenden Terroristen mit einer Velo-Rikscha, mit der er in bester James-Bond-Manier Böschungen überspringt und durch gewaltige Explosionen rast. Diese Verbindung von Elementen aus westlichen Filmen mit indischer Tradition zeichne «Main Hoon Na» aus, sagen Peter Simeon und Daniel Schneider. Simeon ist Geschäftsführer des Filmverleihs Cinedrome, Schneider dessen einziger Angestellter. Als Dritter im Bunde fungiert ein stiller Teilhaber in Genf. Das kleine Zürcher Unternehmen bedient in der Schweiz einen Nischenmarkt, der immer grösser wird: Es verleiht sogenannte Bollywood-Filme. Das Wort «Bollywood» ist ein Zusammenzug aus Bombay, Indiens Filmmetropole, und dem amerikanischen Vorbild Hollywood. Cinedrome sei im Jahr 2003 aus einem Engagement im Filmverein der ETH heraus entstanden, erzählt Daniel Schneider. Zuerst organisierten Schneider und Simeon in verschiedenen Schweizer Städten sogenannte «Limited Screenings», wo die entsprechenden Filme nur wenige Male gezeigt werden. Diese Vorführungen richteten sich vornehmlich an ein asiatisches Publikum. Nur in Zürich und in Lausanne habe ein grösserer Anteil an schweizerischem Publikum bestanden, meint Simeon. Faszinierend an den Filmen aus Bollywood sei für ihn die visuelle Umsetzung, die sich stark von westlichen Filmen unterscheide, erklärt Peter Simeon. Insbesondere die Gesangs- und Tanzeinlagen, die zwingend zu jedem indischen Film gehörten, seien in der hiesigen Filmkultur schon lange ausgestorben. «Die Inder können in ihren Filmen auch sehr gut Emotionen vermitteln, sie machen wunderbare Liebesgeschichten.» Mit den konservativen Moralvorstellungen, welche die Filme portieren, habe er schon etwas Mühe, gibt Daniel Schneider zu. «In amerikanischen Filmen rege ich mich aber viel mehr darüber auf.» Die vermittelte Moral widerspiegle die indische Kultur, ergänzt Simeon. «Eine grosse Mehrheit der Inder ist konservativ.» In letzter Zeit hätten sich die Wertvorstellungen in den Filmen gelockert; so gebe es immer mehr explizite erotische Szenen. Auch die Haltung Bollywoods zum Konflikt mit Pakistan habe sich geändert: Es liege momentan im Trend, ein positives Bild des Nachbarstaates zu zeichnen, wie dies auch in «Main Hoon Na» geschieht. «Die meisten Inder haben genug von diesem Konflikt», so Simeon. Indische Filme würden in der Schweiz immer populärer, resümieren Schneider und Simeon. Sie begründen diese Entwicklung damit, dass allgemein das Interesse an indischen Kulturgütern hierzulande steige. So gebe es immer mehr indische Restaurants in der Schweiz, und Schweizer führen vermehrt nach Indien in die Ferien. Auch umgekehrt ist die Affinität gross, die Schweiz ist ein beliebter Drehort für Bollywood-Filme. In letzter Zeit suchten die Produzenten aber neue Orte, zum Beispiel in Russland. Schliesslich, so Daniel Schneider, gibt es noch einen Grund, um sich die Filme aus Indien anzuschauen: «Man kann dem Alltag entfliehen und glücklicher aus dem Kino kommen.»
«Main Hoon Na», ab Donnerstag, 12. Mai, im Kino Plaza 1.

Potenzial beim Schweizer Publikum
Das Potenzial der asiatischstämmigen Zuschauer sei nun aber langsam ausgeschöpft. Zudem, sagen Schneider und Simeon, sei dieses Publikum sehr anspruchsvoll: Wenn der Film in der Heimat floppt oder hierzulande später gezeigt wird, lassen sich damit kaum noch Leute in die Kinosäle locken. Das liege auch daran, dass wenige Tage nach der Weltpremiere eines Films bereits überall Raubkopien verfügbar seien. «Dieses Geschäft ist im ganzen asiatischen Raum sehr gut organisiert; in der Schweiz kann man schlecht dagegen vorgehen», ärgert sich Simeon. Marktpotenzial wäre hingegen beim Schweizer Publikum vorhanden, glauben die Cinedrome-Vertreter. Sie möchten deshalb die Bollywood-Filme aus der «Studiokino-Ecke» herausholen. «In Indien sind das ja Mainstream-Filme», sagt Daniel Schneider. Sie könnten deshalb in der Schweiz auch ein grösseres Publikum erreichen. Bewusst haben sich Schneider und Simeon dazu entschieden, mit «Main Hoon Na» die Publikumserweiterung zu versuchen. «Der Film ist ein ‹Masala-Movie› – die Bezeichnung stammt von der Gewürzmischung Masala –, der unterschiedliche Aspekte verschmilzt und auf allen Ebenen funktioniert», erzählt Simeon. Er sei gespannt, wie die Zuschauer auf einen solchen Film reagieren würden, nachdem sie in der Vergangenheit eher klassische indische Filme wie «Devdas» gesehen hätten.

«Wunderbare Liebesgeschichten»