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02.11.05

Nr. 256

Seite 83

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Teil 01

Mehr Didaktik, weniger Technik
E-Learning an Universitäten noch in den Kinderschuhen
An den Schweizer Universitäten existieren unzählige E-Learning-Projekte, welche die neuen Informationstechnologien in die Lehre integrieren wollen. Die Autonomie der Universitäten erschwert jedoch die landesweite Kooperation. Gleichzeitig setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Didaktik im E-Learning bis jetzt vernachlässigt wurde.
Die Hoffnungen, welche die Universitäten anfänglich in das E-Learning setzten, waren riesig: Mit dem Einsatz von Informationstechnologie könne man die überfüllten Hörsäle und den Mangel an Betreuung beseitigen, glaubte man noch vor wenigen Jahren. Inzwischen ist die Euphorie verflogen: «Diese Probleme haben vielfältige Ursachen, E-Learning allein hilft hier nicht weiter», sagt Eva Seiler, die Leiterin des E-Learning-Centers (ELC) der Universität Zürich. Auch die Vorstellung, mit E-Learning lasse sich Geld sparen, ist für Seiler eine Illusion. Im Gegenteil, die Online-Betreuung der Studenten sei vielfach aufwendiger als die klassischen Formen. punkt, die jeweilige technische Lösung müsse anhand der inhaltlichen Bedürfnisse ausgewählt werden, wie Gudrun Bachmann von LearnTechNet, der Basler E-Learning-Koordination, festhält.

Keine Lust auf Harmonisierung
Trotz diesen sehr unterschiedlichen Stossrichtungen ist Christian Hohnbaum überzeugt: «Die Schweiz ist im E-Learning-Bereich unter den besten zehn der Welt.» Hohnbaum ist Koordinator des Programms Swiss Virtual Campus (SVC), das der Bund im Jahr 2000 gestartet hat. Gut ausgestattet mit Fördergeldern, hat der SVC bis jetzt schweizweit knapp hundert E-Learning-Projekte mitfinanziert. Dabei macht der SVC, so Hohnbaum, einen «Spagat zwischen staatlicher Verpflichtung und der Autonomie der Universitäten». Die grossen Hochschulen, die bereits viel Geld in das eigene E-Learning investiert haben, zeigen wenig Lust zu einer Harmonisierung ihres E-Learning und reagieren zum Beispiel auf die nationale Lernplattform, welche der SVC aufgebaut hat, eher zögerlich. Diesen Umstand kritisiert Matthias Vatter von der Firma Lernetz in Bern, die Inhalte für ELearning-Projekte entwickelt. Vatter spricht vom «Gärtchendenken» der Universitäten und zitiert einen Fall an der Universität Bern, wo ein universitätsübergreifendes Projekt daran scheiterte, dass die verschiedenen Systeme nicht kompatibel waren. «Die Technologie muss die zweite Geige spielen», ist Vatter überzeugt und spricht damit auch das zweite grosse Problem des E-Learning an. Man müsse viel mehr Wert auf die Lerninhalte legen, die in der Vergangenheit oftmals vernachlässigt wurden. «Die entscheidende Frage ist: Wo können die Funktionalitäten eines Computers bei der Vermittlung von Lerninhalten einen Mehrwert bringen?», sagt Vatter. Man müsse, wie bei jedem Lehrmittel, beim E-Learning nicht nur Informationen zusammenbauen, sondern sich auch Gedanken über den didaktischen Aufbau machen.

Pro Universität eine Strategie
Trotz diesen ernüchternden Erkenntnissen bestehen an den Schweizer Hochschulen unzählige Projekte, die auf E-Learning setzen. Allein an der Universität Zürich entstanden in den letzten Jahren 190 Projekte, an der Universität Basel waren es 120. Da gibt es zum Beispiel spezialisierte Online-Lerneinheiten wie «Adfontes» der Universität Zürich, in dem man den Umgang mit Quellen erlernen kann, oder «Financial Markets» der Universität Basel, das die Finanzmarkttheorie näherbringt. Nebst diesen Einzelkursen investieren die Universitäten aber auch in Lernplattformen, die vor allem der Administration einzelner Veranstaltungen dienen. Auf den Plattformen lassen sich etwa Materialien abrufen, oder man kann in Online-Foren diskutieren oder Gruppenarbeiten erstellen. Dabei hat man sich längst von der Idee des «distance learning», also rein virtueller Lehrgänge, verabschiedet. Einen Mehrwert verspricht man sich durch das Konzept des «blended learning», wo sich Präsenzveranstaltungen und Online-Elemente ergänzen. Die vielfältigen Aktivitäten der Universitäten können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass noch Probleme zu bewältigen sind. Die grosse Autonomie der Schweizer Hochschulen hat auch im E-Learning-Bereich dazu geführt, dass die Koordination zwischen den Universitäten nicht sehr ausgeprägt ist – und ganz unterschiedliche Strategien verfolgt werden. An der Universität St. Gallen (HSG) hat man sich bei der Einführung der Bologna-Reform vor einigen Jahren das Ziel gesetzt, den Anteil des Selbststudiums auf 25 Prozent zu erhöhen und so eine «neue Lernkultur zu etablieren», wie Dieter Euler, Professor für Wirtschaftspädagogik, ausführt. In St. Gallen setzt man dafür auf eine an der gesamten Universität einheitliche Lernplattform, entwickelt von der Firma IBM. Mehrere Plattformen gleichzeitig zu betreiben, sei sinnlos, sagt Euler. Genau dies tut die Universität Zürich, die neben zahlreichen Einzelprojekten auch mehrere Lernplattform-Systeme nebeneinander führt. Dies sei eigentlich nicht sinnvoll, gibt E-Learning-Koordinatorin Eva Seiler zu. Man wolle aber diese unterschiedlichen Angebote aufrechterhalten, um die Akzeptanz von E-Learning an der Universität zu erhöhen. Dozenten, die mit einer Plattform nicht glücklich sind, können eine andere benutzen. Auch die Universität Basel will sich nicht auf eine Plattform festlegen, sondern stellt sich auf den Stand-

Dozenten im E-Learning ausbilden
Auch Eva Seiler von der Universität Zürich glaubt, dass der Einbezug der Didaktik ein wesentliches Qualitätskriterium für das E-Learning ist. Dass der Didaktik bis anhin zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, ist für Matthias Vatter systembedingt: Den Dozenten, welche die Inhalte des E-Learning erstellten, fehle es meistens an didaktischer Kompetenz. Für Eva Seiler von der Universität Zürich ist es deshalb klar, dass in Zukunft die Dozenten im E-Learning-Bereich verstärkt weitergebildet werden müssen. Denn im Moment hängt der Einsatz von E-Learning meistens vom Willen und Können der jeweiligen Dozenten ab. Nico Luchsinger