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02.11.05

Nr. 256

Seite 99

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Teil 01

Ein Problem, das keines sein soll
Plagiate an Schweizer Universitäten kaum thematisiert
Mit der Menge an Informationen, die über das Internet zur Verfügung stehen, geraten Studenten zunehmend in Versuchung, beim Verfassen ihrer Arbeiten bestehende Texte zu kopieren. Das Problembewusstsein gegenüber solchen Plagiaten ist an Schweizer Universitäten aber kaum vorhanden. Nur in St. Gallen will man härter durchgreifen.
Die Befunde wären eigentlich alarmierend: 17 Prozent der publizierten wissenschaftlichen Artikel seien Plagiate, behauptete die renommierte Zeitschrift «Nature» jüngst. Und nicht nur gestandene Forscher erliegen der Versuchung des Abschreibens: Bei einer Befragung von amerikanischen Studenten durch den Forscher Donald McCabe erklärten 36 Prozent, sie sähen kein Problem darin, ganze Textabschnitte aus dem Internet zu übernehmen – notabene, ohne die Quelle anzugeben. und seit 25 Jahren Präsident der universitären Disziplinarkommission. Mit dem Aufkommen des Internets seien die Fallzahlen erheblich gestiegen. In schwereren Fällen sei es nicht unüblich, dass die Fehlbaren für einige Semester von den Lehrveranstaltungen ausgeschlossen würden. Bereits seit einigen Jahren werden die von der Disziplinarkommission verhandelten Fälle zudem anonymisiert publiziert. Nun will man in St. Gallen noch stärker auf Abschreckung setzen. «Ein Plagiat ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine schwerwiegende Unredlichkeit», warnt ein Merkblatt für Studenten vom Dezember 2004 und kündigt an, Arbeiten würden künftig mit einer speziellen Software zum Auffinden von Plagiaten überprüft. Die Software, die sich vor allem in Amerika wachsender Beliebtheit erfreut, werde im laufenden Semester flächendeckend bei Arbeiten von Studenten im ersten Studienjahr eingesetzt, sagt Klaus Edel, Dozent für Forschungsmethodik, der die Software-Einführung an der HSG koordiniert. Man wolle damit eine Verhaltensänderung erzwingen, erklärt Edel. «Die Studenten, die aus der Mittelschule kommen, sind es sich gewohnt, Aufsätze mit ‹Copy and Paste› zu schreiben.» Erste Tests mit der Software seien positiv verlaufen. Und auch die Androhung des Einsatzes hat ihre Wirkung nicht verfehlt: Edel erzählt, dass Studenten ihn besorgt gefragt hätten, wie leistungsfähig das Programm denn sei. Die Softwarelösungen, welche die eingereichten Arbeiten mit Datenbanken abgleichen, werden nicht nur gelobt. Debora Weber-Wulff aus Berlin hat mehrere Programme getestet und festgestellt: «Die meisten taugen nicht viel.» Eigentlich sei keine komplexe Software nötig, um Plagiate zu entdecken. Durch die sich ergebenden stilistischen Brüche im Text, die beim Einfügen einer fremden Passage entstehen, erwische man mit etwas Übung den Plagiator schnell. «Ich bin fassungslos, wie dumpf die Qualität der Plagiate meistens ist», sagt Weber-Wulff. Die Dozenten müssten vermehrt darin geschult werden, Plagiate aufzuspüren. Aber hier gebe es noch Widerstände: «Wenn ich eine Weiterbildung anbiete, kommt keiner; sobald ich die Informationen anonym auf dem Internet anbiete, werden sie tausendfach abgerufen.» Viele Dozenten geständen nicht gerne ein, dass sie in diesem Bereich Hilfe brauchen.

«Nur Einzelfälle bekannt»
Angesichts dieser Resultate wirkt die Gelassenheit, mit der sich Schweizer Universitäten des Problems annehmen, etwas irritierend. Die Fälle liessen sich an einer Hand abzählen und man sehe keinen Handlungsbedarf, ist die übliche Antwort auf entsprechende Anfragen. Das Problem habe in den letzten Jahren nach seiner Einschätzung auch nicht zugenommen, sagt etwa Kurt Reimann, Generalsekretär der Universität Zürich. Und der Vizerektor der Universität Basel, Ulrich Druwe, erklärt, ihm seien nur wenige Einzelfälle bekannt. «Daraus schliesse ich, dass Plagiate kein weit verbreitetes Problem sind.» Experten auf dem Gebiet der Plagiate sind weit davon entfernt, diese Einschätzungen zu teilen. Das Fälschen von Arbeiten an Universitäten sei ein ernsthaftes Problem, sagt Debora WeberWulff, Informatik-Professorin an der Fachhochschule für Technik und Wissenschaft in Berlin. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit der Problematik. «Manche haben nicht einmal ein schlechtes Gewissen, wenn sie Texte kopieren, weil sie glauben, alles auf dem Internet sei frei verfügbar», ärgert sie sich. Wie viele Studenten allerdings zur «Copy and Paste»-Methode greifen, kann auch Weber-Wulff nicht sagen. Quantitative Untersuchungen fehlen in Deutschland genauso wie in der Schweiz. Für Weber-Wulff ist auch einleuchtend, dass die Hochschulen nicht gerne über Plagiate reden: «Die haben alle Angst, es könnte auf ihren Ruf zurückfallen.»

Plagiatoren mit Software aufspüren
Zur gelassenen Betrachtung in der Schweiz dürfte auch beitragen, dass die Plagiatsfälle normalerweise zwischen Dozenten und Studenten geklärt werden. «Es gibt sicherlich eine Dunkelziffer von Fällen, die an den Instituten geregelt werden», sagt Kurt Reimann von der Universität Zürich. Die Konsequenz eines aufgedeckten Plagiats ist meistens, dass die entsprechende Veranstaltung als nicht bestanden gilt und wiederholt werden muss. Weitergehende Sanktionen, wie etwa der temporäre oder dauernde Ausschluss von einer Hochschule, kommen kaum je vor – obwohl die Disziplinarordnungen der Universitäten dies ausdrücklich als Möglichkeit erwähnen. «Ein Ausschluss», findet Ulrich Druwe von der Universität Basel, «wäre doch etwas krass.» Eine andere Meinung vertritt in dieser Frage die Universität St. Gallen (HSG), wo man beschlossen hat, verstärkt gegen Plagiate vorzugehen. «Wir sehen wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs», sagt Hardy Notter, Rechtsanwalt

Zitierregeln besser vermitteln
Wenn Studierende sich bei fremden Texten bedienen, steckt aber nicht immer Fälschungsabsicht dahinter. Viele Studenten wüssten gar nicht, wie man korrekt zitiere, sagt Christina Class, die an der Fachhochschule Zentralschweiz Informatik unterrichtet. «Wir müssen erst einmal erklären, wie das geht.» Auch Debora Weber-Wulff und Hardy Notter von der HSG finden, man müsste den Erstsemestrigen die Zitierregeln näherbringen. Die häufigste Ausrede von Plagiatoren, die Regeln seien eben nicht bekannt gewesen, würde dann nicht mehr verfangen, meint Notter. Nico Luchsinger