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07.06.06

Nr. 129

Seite 51

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Teil 01

Ein Quartierfest für die ganze Stadt
Das fünfte Open Air auf der Stolzewiese in Oberstrass
Während grosse Open-Air-Festivals in Zürich einen schweren Stand haben, behauptet sich eine Reihe von kleineren Anlässen erfolgreich. Dazu gehört auch das Open Air auf der Stolzewiese in Oberstrass, das nächstes Wochenende zum fünften Mal stattfindet. Die Gratisveranstaltung existiert nur dank dem grossen Engagement von sechs Kollegen.
Bäumen mitten in Oberstrass liegt, gibt ein ruhiges Bild ab. Eine junge Familie kickt einen Fussball über das Gras. Am Rand der Wiese steht ein blau-weiss bemalter kleiner Bus; ihm entsteigen die sechs jungen Organisatoren des Open Airs auf der Stolzewiese in Oberstrass. Sie kommen gerade aus dem Muotatal, wo sie Energie für die kommenden, anstrengenden Tage getankt haben. kommen aus der näheren Umgebung, der Quartierverein übernimmt eine Defizitgarantie, und die Anwohner nehmen etwaige Lärmemissionen von der Stolzewiese tolerant in Kauf. «Letztes Jahr ist ein Anwohner am Sonntagmorgen vor uns allen auf die Wiese gekommen und hat sämtlichen Abfall eingesammelt», erinnert sich Barchef Res Hefti, der sich in Winterthur zum Übersetzer ausbilden lässt. «Das ist das schönste Kompliment, das wir bekommen können.»

Endlich gutes Wetter
luc. Die Stolzewiese, die umrahmt von grossen Für die letzte Woche vor dem Open Air haben
sich die Organisatoren Ferien von allen anderen Tätigkeiten genommen, um sich ganz auf das Festival konzentrieren zu können. Er investiere sicher 500 Arbeitsstunden pro Jahr in das Projekt, schätzt Schorno. Einen Teil davon verwenden die Organisatoren für ausführliche Diskussionen, bei denen es durchaus auch einmal laut werden kann. «Weil wir alle gute Kollegen sind, liegt es auch mal drin, dass es kracht», lacht Jan Kleiner, der soeben sein Jus-Studium abgeschlossen hat und sich um die Finanzen des Open Airs kümmert. Er habe enorm von seiner Mitarbeit am Projekt profitiert, sagt Kleiner, indem er bei der Ausarbeitung von Verträgen das Wissen aus seinem Studium praktisch habe anwenden können. Auch Fabienne Schellenberg, die gerade mit ihrem Publizistik-Studium angefangen hat, empfindet die Pressearbeit, welche sie für das Open Air erledigt, als gute Ergänzung ihrer Ausbildung. Und Samuel Müller, seit Jahren freischaffender Eventtechniker, geniesst es, sich auf der Stolzewiese nicht nur um die Technik, sondern auch um alles andere kümmern zu können. Das fünfte Stolze-Open-Air, so sind alle sechs felsenfest überzeugt, wird das beste werden, das es je gegeben hat. Das liegt nicht nur daran, dass die Wetterprognosen in diesem Jahr zum ersten Mal wirklich gut aussehen. Der Anlass habe sich inzwischen gut etabliert, sagen die Organisatoren. Die Angst vor einer Konkurrenz auf dem Hönggerberg, sollte sie denn jemals kommen, ist deshalb gering. «Kleine Open Airs haben auf jeden Fall mehr Zukunft», sagt Louis Schorno.
Stolze-Open-Air, Freitag, 9. Juni, und Samstag, 10. Juni. Informationen zum Programm unter www.stolze-openair.ch.

Das Open Air als Festhütte
Grosse Open Airs haben in Zürich einen schweren Stand. Dem Outside-Festival in Dielsdorf war im Jahr 2004 wenig Erfolg beschieden. Pläne für eine grosse Veranstaltung auf dem Hönggerberg, die vor einigen Monaten viel Staub aufwirbelten, sind vorerst auf Eis gelegt. Dagegen behauptet sich das Stolze-Open-Air als kleine Gratisveranstaltung nun bereits seit fünf Jahren. Entstanden sei die Idee am Geburtstagsfest eines Kollegen, erzählt OK-Präsident Louis Schorno, als man ein bisschen getrunken und sich dann entschlossen habe, während des jährlichen Quartierfests ein Angebot für ein jüngeres Publikum zu schaffen. Dieser Gründungsmythos passt zum Open Air – die Organisatoren arbeiten alle ehrenamtlich, und alle betonen, dass der Spass an der Sache die treibende Kraft sei. Dem ist wirklich so, wie schnell klar wird. Während sich der Aschenbecher auf dem Tisch des Quartiercafes, wo das Gespräch stattfindet, ´ bedenklich schnell füllt, reden sich die Organisatoren ins Feuer. «Eigentlich», sagt Benjamin Weiss, der gerade acht Monate an einer Filmschule in Dänemark verbracht hat, «versuchen wir, eine typisch schweizerische Institution wiederaufleben zu lassen: die Festhütte.» Sie wollten einen Ort schaffen, wo man diejenigen Leute treffe, die man sonst nicht sehe, einen Treffpunkt für das Quartier, aber eben auch mehr, sagt Weiss: «Das Open Air soll ein Quartierfest sein, an dem die ganze Stadt willkommen ist.»

Anwohner, die selber aufräumen
Diese Grundhaltung soll sich auch im Musikprogramm widerspiegeln. Die Organisatoren möchten zwar auch bekannte Namen auftreten lassen, aber «wir wollen, dass die Leute wegen des Fests kommen und nicht wegen einzelner Bands», sagt Benjamin Weiss. Immerhin spielt dieses Jahr Radio 200 000, eine Zürcher Hip-Hop-Formation, die in letzter Zeit grosse Beachtung fand. Daneben hat aber auch der Auftritt einer Tanzgruppe mit 12-Jährigen aus einem Quartierschulhaus Platz. «Die bringen dann auch ihre Eltern mit, und das ist die beste Öffentlichkeitsarbeit, die wir bekommen können», grinst Louis Schorno. Denn die Verbundenheit mit dem Quartier ist überlebenswichtig für das kleine Open Air: Die meisten Sponsoren und Gönner des Festivals