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31.10.06

Nr. 253

Seite 67

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Teil 01

Harmonisierung mit Hindernissen
Bei den Stipendien haben immer noch die Kantone das Sagen
Dass in der Schweiz die Kantone über Stipendien für Studierende entscheiden, führt teilweise zu grossen Ungleichheiten. Zwar sind in letzter Zeit vermehrt Bemühungen für eine Harmonisierung des Stipendienwesens erkennbar. Doch es sind noch Hindernisse zu überwinden.
Ein Studium zu absolvieren, braucht nicht nur Energie und Durchhaltewillen, sondern vor allem auch eines: Geld. 1650 Franken, so hat das Bundesamt für Statistik (BfS) errechnet, braucht der durchschnittliche Schweizer Student im Monat. Dieses Geld kommt zum grössten Teil von den Eltern der Studierenden und aus Einkommen aus einem Nebenerwerb. Die Unterstützung durch die öffentliche Hand ist zweitrangig: 2005 erhielten nur 16 Prozent der Studenten in der Schweiz ein Stipendium oder Darlehen, um ihre Ausbildung zu finanzieren. Für diese Bezüger stellen die Beiträge allerdings eine wichtige Einnahmequelle dar. stützt die Bestrebungen zu einer Vereinheitlichung der Stipendien, wie Nils Heuberger von der zuständigen Projektstelle der EDK erläutert. Die EDK lässt momentan eine «interkantonale Vereinbarung» ausarbeiten, die zumindest verbindliche Mindeststandards im Stipendienwesen enthalten soll. Die Vereinbarung soll laut Heuberger ab Anfang 2008 von den Kantonen ratifiziert werden. Heuberger betont aber auch, eine gewisse Flexibilität unter den Kantonen sei erwünscht. Kantone, die keine eigene Hochschule hätten, wiesen wegen der hohen Zahl an Auswärtsstudierenden einen grösseren Kreis von Bezügern auf und müssten entsprechend darauf reagieren können. Ein solcher Kanton ist zum Beispiel Graubünden. Während in Zürich nur knapp 2 Prozent der Studenten ein Stipendium erhalten, sind es in Graubünden gut 9 Prozent. «Unsere Studenten haben weitere Wege und höhere Aufwendungen für ihre Unterkunft», begründet Hermann Laim, Departementssekretär im Bündner Erziehungsdepartement, diesen Unterschied. Dieser Umstand und die laut Laim «angespannte Finanzlage» des Kantons führen dazu, dass die Bündner Stipendienbezüger im Schnitt gut 5000 Franken pro Jahr erhalten. In Zürich, am anderen Ende der Skala, ist der Betrag fast doppelt so hoch. Allerdings, erläutert Hermann Laim, hat die Bündner Regierung gerade die Botschaft zu einer Totalrevision des Stipendiengesetzes verabschiedet, welche die Gesamtausgaben für Stipendien deutlich erhöht und die Empfehlungen für Mindestanforderungen des Bundes übernimmt.

Unterschiedliche Systeme
Zuständig für die Vergabe von Stipendien an Personen in Ausbildung sind in der Schweiz die Kantone. Weil nicht nur die Mindest- und Maximalbeiträge von Kanton zu Kanton verschieden sind, sondern auch das Berechnungssystem, kann es zum Teil zu erheblichen Unterschieden kommen. In einer Berechnung von Fallbeispielen der Zeitschrift «Beobachter» aus dem Jahr 2005 zeigte sich, dass die Stipendien in gewissen Kantonen doppelt so hoch ausfallen können wie in angrenzenden Kantonen. Erschwerend kommt hinzu, dass Stipendien in jenem Kanton beantragt werden müssen, in dem sich der «stipendienrechtliche Wohnsitz» befindet. Dieser entspricht im Normalfall dem Wohnsitz der Eltern, wie Ivo Talew, Chef des für Stipendien zuständigen Amts für Jugend und Berufsberatung im Kanton Zürich, erklärt. Studierende, die am selben Ort wohnen und dieselbe Hochschule besuchen, können so sehr unterschiedliche Beiträge erhalten – je nachdem, ob die Eltern im Kanton Zürich oder im Kanton Graubünden wohnen. Die Forderung nach einer Harmonisierung des Stipendienwesens liegt deshalb auf der Hand. Sie wurde bereits in den achtziger Jahren von der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) erhoben. Getan hat sich bisher aber nur wenig. Jüngst hat sich der Schweizerische Wissenschafts- und Technologierat (SWTR) des Themas angenommen und in einer Publikation gefordert, die Stipendien zu vereinheitlichen – und die Beiträge gesamthaft zu erhöhen. Es herrsche ein «Reformstau», konstatiert der SWTR und verlangt die Einführung eines Stipendienwesens, «das auf die Bedürfnisse der Wissensgesellschaft» ausgerichtet ist. «Es gibt keinen Grund, die Stipendien nicht zu harmonisieren», hält Virginia Suter, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Wissenschaftsrat, fest. Es gehe hier um den Gerechtigkeitsgedanken: «Alle Studierenden sollen dieselben Bedingungen antreffen.» Suter ist zudem überzeugt, dass es schlicht ineffizient ist, mit 26 verschiedenen Reglementen zu arbeiten.

Der Bund will nicht harmonisieren
Nils Heuberger von der EDK stellt fest, dass sich die Stipendiengesetze der Kantone bei kantonalen Revisionen in der letzten Zeit stärker angeglichen haben. Damit sei zumindest teilweise eine Harmonisierung erreicht worden. Bedauerlich sei allerdings, dass der Bund im Rahmen der Neugestaltung des Finanzausgleichs (NFA) die Chance zu einer Harmonisierung nicht wahrgenommen habe. Als Folge der NFA unterstützt der Bund die Kantone nur noch bei den Stipendien im Tertiärbereich, also bei den Hochschulen. Dafür hätte er dort die Kompetenz, die Harmonisierung mit einem Rahmengesetz voranzutreiben. Entgegen dem Wunsch der EDK, so Nils Heuberger, enthalte das Gesetz nun aber kaum harmonisierende Elemente. Auch Virginia Suter vom Wissenschaftsrat bedauert das fehlende Engagement des Bundes für eine Harmonisierung. Trotzdem ist sie zuversichtlich, dass sich im Schweizer Stipendienwesen bald einiges tun wird. «Es sind viele positive Zeichen für eine Veränderung da», meint sie. Nebst der EDK, welche sich mit ihrer Projektstelle stärker um das Thema kümmere, seien auch verschiedene hängige Motionen auf Bundesebene ein Anzeichen dafür, dass man sich des Problems annehmen wolle.

Gegen eine Schlechterstellung
Eine deutlich pessimistischere Einschätzung gibt Ivo Talew vom Zürcher Amt für Jugend und Berufsberatung ab. Nicht zuletzt, weil er befürchtet, dass sich sein Kanton, der sehr hohe Beiträge ausbezahlt, bei einer Harmonisierung nach unten orientieren müsste. «Wir wollen nicht ohne Not unsere Leute schlechter stellen», meint er. Eine

«Gewisse Flexibilität erwünscht»
Auch die EDK, in der die Erziehungsdirektoren der Kantone zusammengeschlossen sind, unter-

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Teil 02

substanzielle Vereinheitlichung der Stipendien wäre nur über die NFA möglich gewesen. Da dies nun nicht geschehen sei, schätze er die Chancen für eine Harmonisierung als «sehr gering» ein. Nico Luchsinger