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Tobias Bevc
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Stellungnahme zur Anhörung der Enquetekommission 16/2 „Bürgerbeteiligung“ des Landtags von Rheinland-Pfalz am 14. September 2012 Thema: „Demokratie 2.0“
1. Wie verändert sich das Verhältnis von Öffentlichkeit, Medien und Demokratie durch das soziale Netz (social media)? Öffentlichkeit, Demokratie und Medien sind aus politiktheoretischer und ideengeschichtlicher Perspektive eng miteinander verwoben. Es besteht offensichtlich ein direkter Zusammenhang zwischen dem Funktionieren von Demokratie und der Öffentlichkeit dieser Regierungsform. Dabei werden die Bürger von den Medien über die Vorgänge, Themen und Diskussionen im politischen System informiert und idealerweise auch – bis zu einem gewissen Grad – über dessen Funktionsweise aufgeklärt. Die Öffentlichkeit entsteht im Wechselspiel von Medien, Politik und den Bürgern, wobei die letzten beiden hauptsächlich über die Medien interagieren. Darüber hinaus ist die Aufgabe der Medien, als „vierte Gewalt“, die Arbeit des politischen Systems und der darin involvierten Akteure zu kontrollieren.1 Der Begriff „vierte Gewalt“ ist natürlich nur symbolisch zu verstehen, selbstverständlich ist mit Sternberger festzuhalten, dass das, was die Gewalten sind, in der Verfassung geregelt ist.2 Alleine durch die Existenz dieser Diskussion wird deutlich, dass die Medien in Demokratien im Verhältnis von BürgerInnen und ihrem Regierungssystem eine zentrale Rolle einnehmen. Die hier gestellte Frage nach der Veränderung dieses Verhältnisses durch die neuen Medien, genauer durch das „soziale Netz“ – also all die durch das Internet ermöglichten Kommunikationsformen, die Reziprozität und gatekeeperfreies Publizieren zulassen, wie Wikis, Twitter, Facebook, YouTube, Flickr, Blogs, 4Chan.org etc. pp. – erweitert das Spektrum der Diskussion über dieses Verhältnis, da nun ein neuer Aspekt hinzutritt: die potentielle Beteiligung aller als Autoren. Brecht und Benjamin haben dies in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts als notwendigen Schritt zu Demokratisierung der Gesellschaft gefordert.3 Waren damals das Radio und der Film die „neuen“ Medien, die Brecht und Benjamin veranlassten

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Aus ideengeschichtlicher Perspektive sind hier die zentralen Autoren Jeremy Bentham, Immanuel Kant, John Stuart Mill, Karl Marx, Walter Benjamin, John Dewey, Walter Lippmann, Jürgen Habermas und Hannah Arendt zu nennen. Jean-Jacques Rousseau hat die Presse als die vierte Säule des Staates bezeichnet. Vgl. Löffler, Martin (1960): Der Verfassungsauftrag der Publizistik, in: Publizistik 5, Festschrift für Emil Dovifat, S. 197–201. Vgl. Nonnenmacher, Günther (2007): Dolf Sternberger als Journalist, in: Dolf Sternberger zum 100. Geburtstag, hrsg. von Michael Borchard, St. Augustin/Berlin, 23-34, 33. Benjamin, Walter (1992), Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Zweite Fassung [1936], in: Gesammelte Schriften in sieben Bänden, hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt/Main, 350-384. Brecht, Bertolt (1967), Das epische Theater, in: ders., Gesammelte Werke in 20 Bänden, Bd. 15, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt/Main, 262-316.

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über die emanzipatorischen Effekte dieser Medien nachzudenken, so ist es heute das Internet im Allgemeinen und das soziale Netz im Besonderen. Die Verschmelzung von Produzenten und Rezipienten der medialen Inhalte soll zu gleicher Teilhabe aller führen und somit Emanzipation und die Demokratisierung aller Lebensbereiche mit sich bringen. Hierin gleichen sich zumindest die Hoffnungen von damals und heute, die mit den je „neuen“ Medien verbunden sind. Prinzipiell sind zwischen den theoretischen Betrachtungen und normativen Erwartungen von damals und heute nur in Kleinigkeiten Unterschiede auszumachen. Der größte Unterschied liegt nun aber darin, dass die von Brecht und Benjamin den neuen Medien zugeschriebenen Emanzipationspotentiale dem heutigen sozialen Netz tatsächlich inhärent sind. Jeder, zumindest potentiell, kann zum Autor werden und seinen Standpunkt öffentlich vertreten. Wie wird also das Verhältnis von Öffentlichkeit, Medien und Demokratie durch das soziale Netz verändert? Das soziale Netz erweitert die Möglichkeiten jedes Bürgers die Massenmedien und das Handeln von Politikern zu verfolgen, zu kommentieren und zu kritisieren, da nun jeder die Möglichkeit hat ohne formale Zugangsberechtigungen zum Mediensystem (d.h. Studium, Ausbildung) und ohne die Hürde von Gatekeepern (d.h. Redakteure, Herausgeber, Besitzer) und ohne den Filter von Nachrichtenagenturen sowohl das politische System als auch die mediale Reaktion darauf zu beobachten und zu dieser Beobachtung beizutragen. Insofern wird dieses hier diskutierte Verhältnis inklusiver und dadurch kontroverser und pluralistischer, was – wir befinden uns noch immer auf der theoretischen Ebene – die Demokratie belebt, die Öffentlichkeit öffentlicher werden lässt und die Medienlandschaft pluraler und ebenfalls inklusiver werden lässt. Der Prozess der Medialisierung, d.h. dass alles, was wir über die Welt wissen, wir nur noch durch die Medien wissen4, hat zu einem immer größeren Stellenwert der Medien in dem Dreiecksverhältnis Öffentlichkeit, Medien und Demokratie geführt. So sind die Akteure des politischen Systems zunehmend auf die Medien angewiesen, um ihre Positionen und Politik bekannt zu machen. Dies führte in den 90er Jahren zu der These der Mediokratie. Die Vertreter einer solchen „Mediokratiethese“, wie Thomas Meyer (2001), behaupten, dass die medialen Aufmerksamkeitsgesetze – wie Negativität, Prominenz, Aktualität, Einfachheit, Nähe und Klarheit – die politischen Inhalte beherrschten und diktierten, und konstruieren so ein recht einseitiges Abhängigkeitsverhältnis. 5 Nichtsdestotrotz haben die Medien und ihre Vertreter durch den Prozess der Medialisierung eine starke Stellung inne. Diese starke Stellung könnte nun durch Bürgerjournalismus und verstärkte Partizipation an der Wissens- und Informationsproduktion und -verbreitung durch alle wieder auf ein Normalmaß gestutzt werden. Gerade der letzte Punkt der Verbreitung ist wichtig. Nicht jeder wird nun beginnen, im Netz als Autor aktiv zu werden, doch ist zu beobachten, dass die Internetnutzer Artikel und Informationen die sie für
4 Formuliert in Anlehnung an Luhmann. Natürlich ist der Prozess der Medialisierung etwas komplexer. Luhmann, Niklas (1996): Die Realität der Massenmedien, Opladen, 9. Zur Medialisierung exemplarisch: Finnemann, Niels (2011), Mediatization theory and digital media, in: The European Journal of Communication Research, Jg. 36, H. 1, 67-89. Meyer, Thomas (2001), Mediokratie. Die Kolonisierung der Politik durch die Medien, Frankfurt/Main.

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besonders wichtig halten, verlinken und weiterempfehlen. Dieses Verhalten wird durch spezielle Funktionen auf vielen Internetseiten noch unterstützt, wie man an den ubiquitären „Gefällt mir“ Buttons, öffentlichen Lieblingslisten und anderen Möglichkeiten die persönlichen Vorlieben zu teilen, sehen kann. Dadurch wird die Agendasettingmacht der Massenmedien zumindest teilweise untergraben.6

2. Welche Chancen und Probleme entstehen durch das soziale Netz? Die Chancen, die durch das soziale Netz entstehen, sind tlw. schon in der Beantwortung der ersten Frage zu lesen: eine breitere Beteiligung der Bürger am politischen und gesellschaftlichen Geschehen. Diese breitere Beteiligung ist nicht durch eine durch das soziale Netz induzierte Zunahme des Interesses an Politik und Gesellschaft ausgelöst, sondern durch den Abbau von Hemmschwellen, der dazu führt, dass Menschen sich dann beteiligen, wenn Sie sich von etwas betroffen fühlen (z.B. ACTA, Stuttgart 21). Dazu zählen Anonymität, das Fehlen von Gatekeepern, vermeintlichen Fachleuten und formalen Regeln usw. Auf der Rezipientenseite liegen die Vorteile darin, dass aus einem viel größeren Angebot ausgewählt werden kann. Durch das Internet kann man bei globalen Ereignissen die Nachrichten aus allen Ländern, sofern die Sprachkompetenz ausreicht, lesen bzw. sich ansehen. Man bekommt also über das gleiche Ereignis viele verschiedene Perspektiven zu Gesicht (z.B. das Anonymousvideo über ACTA bei YouTube, welches diametral entgegengesetzt zu offiziellen Stellen argumentiert).7 Diese Begründung liefert sogleich eine weitere Chance: das enorme Informationspotential, die schier unüberblickbare Menge an vorhandenem Wissen zu jedem erdenklichen Thema. Hier liegt sogleich ein Problem. Die Sortierung des gespeicherten Wissens und seine Bewertung. Man weiß häufig nicht, wer was in welcher Absicht geschrieben hat, welche Affiliationen der Autor hat und wer ihn eventuell bezahlt. Das gleiche Problem hat man bei den Ergebnissen, die einem Suchmaschinen liefern. Auch hier ist man sich nicht im Klaren darüber, welche Algorythmen mit welchen gespeicherten Informationen über den betreffenden Internetnutzer die Sucherergebnisse generiert hat. Dies ist insofern ein Problem, da ca. 2/3 der amerikanischen Internetnutzer glauben, dass

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Vgl. Benkler, Yochai (2006): The Wealth of Networks. How Social Production Transforms Markets and Freedom, New Haven und London; Rainie, Lee, Wellmann, Barry (2012): Networked. The New Social Operating System, Cambridge (Mass.); Schmidt, Jan (2009): Das neue Netz. Merkmale, Praktiken und Folgen des Web 2.0, Konstanz; Sunstein, Cass (2007): Republic.com 2.0, Princeton, Oxford; Kreiss, Daniel, Finn, Megan, Turner, Fred (2011): The limits of peer production: Some Reminders from Max Weber fort he network society, in: New Media &Society, 13(2), 243-259; Pertersen, Soren Mork (2011) Loser Generated Content: From Participation to Exploitation, in: First Monday, 13(3). Online unter http://firstmonday.org/ (letzter Zugriff: 20. August 2012); Niederer, Sabine, van Dijck, José (2010): Wisom of the crowd or technicity of content? Wikipedia as a sociotechnical system, in: New Media & Society, 12 (8), 368-387; Murty, Dhiraj (2011): Twitter: Microphone fort he Masses?, in: Media, Culture & Society, 33 (5), 779-789. Kramm, Bruno (2010): Anonymous - Was ist ACTA? - #StopACTA [german sync], Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=9LEhf7pP3Pw (letzter Zugriff: 22.08.2012).

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Suchmaschinenresultate objektiv sind8, und es ist davon auszugehen, dass es sich mit den deutschen Internetnutzern nicht viel anders verhält.9 Ein weiterer Faktor ist sich zu vergegenwärtigen: Die Unterhaltungsformate und – Möglichkeiten im Internet sind allgegenwärtig und das Ablenkungspotential riesig. Wer wirklich Inhalte möchte, muss sie suchen. Man stolpert hier nicht zufällig über die Dinge die einen direkt betreffen, wie das in cder Tageszeitung – vor allem in der lokalen Tageszeitung – regelmäßig der Fall ist. Dies kann dazu führen, wie auch bei den folgenden Ausführungen im Detail erklärt, dass gerade die wenig oder gar nicht interessierten, gar nicht mehr mit politisch-gesellschaftlich relevanten Dingen in Kontakt kommen, wie das im Fall der Massenmedien ja meist noch der Fall ist.10 Die extreme Vielfalt an Meinungen und Themen verhindert zuverlässig das Finden von Mehrheiten und Konsens. „Daily Me“ und „Internet Bubble“ lauten u.a. die diesbezüglichen Stichworte.11 Zusammenfassend kann man diese Kritik so formulieren: Die Zersplitterung und damit häufig auch Radikalisierung von Meinungen führt dazu, dass sich die verschiedenen Gruppen untereinander gar nicht mehr wahrnehmen und zu Koalitionsbildung überhaupt nicht mehr fähig sind. Man nimmt nur noch das wahr, was den eigenen Vorstellungen entspricht, empfängt aus seinem Peer Netzwerk diesbezüglich immer auch Unterstützung. Durch die Personalisierung von Suchmaschinen, sozialen Netzwerken und anderen häufig verwendeten Informationsquellen, kann man sich sicher sein, dass man kaum mehr etwas zu lesen bekommt, was außerhalb des eigenen Horizonts liegt. Menschen verhungern in Afrika, in Asien schrauben Kinder Smartphones und Spielkonsolen zusammen? Kein Problem, da man nichts davon weiß, wird man auch nichts davon zu lesen bekommen. Die Menschen werden zu „Ich-Monaden“, die sich ihr Denken und Handeln regelmäßig durch sorgfältig selektierte Webseiten bestätigen lassen. Diese, zugegebenermaßen etwas überspitzte Darstellung der Konsequenzen des sozialen Netzes, zeichnet aber durchaus eine latente Gefahr: aus Mangel an Pluralität der durch die sozialen Medien den Individuen dargebotenen und rezipierten Inhalte, merken diese nicht einmal, dass sie nicht informiert sind, und denken, sie wären es. Im Vergleich zu autoritären Systemen, in denen die Pluralität von offizieller Seite unterdrückt wird, geschieht dies hier tlw. freiwillig und selbstgesteuert. Gleichzeitig aber wird dies dadurch verstärkt, dass Suchmaschinen und Internethändler Daten sammeln und mir auch nur die Treffer anzeigen,
8 PEWInternet.org befragt seit zehn Jahren Nutzer über ihre Meinung zu Suchmaschinen. 2012 antworteten zwei Drittel der Befragten: „search engines are a fair and unbiased source of information“. Gleichzeitig antworteten aber viele, dass sie es schlecht fänden, wenn Suchmaschinen ihre Ergebnisse auf den individuellen Nutzer abrichten würden (Man beachte den Konjunktiv – obwohl es de facto ja schon so ist. Online unter: http://www.pewinternet.org/Reports/2012/Search-Engine-Use-2012/Summary-of-findings/ Search-engines.aspx [Zugriff: 21.08.2012] 9 Leider habe ich hierzu keine Zahlen gefunden. 10 Hier natürlich bei den öffentlich-rechtlichen Sendern mehr, als bei den Privaten. Vgl. Curran, James u.a. (2009): Media System, Public Knowledge and Democracy: A Comparative Study, in: European Journal of Communication, 24, 5, 5-26. 11 Sunstein, Cass (2007): Republic.com 2.0, Princeton, Oxford; Eli Pariser (2011): The Filter Bubble. What the Internet is Hiding from you, New York; Benkler, Yochai (2006): The Wealth of Networks. How Social Production Transforms Markets and Freedom, New Haven und London.

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von denen Sie denken, dass sie mir gefallen werden. D.h. das selbstauferlegte Brett vor dem Kopf wird zusätzlich durch kommerzielle Interessen dicker.12 Die auch häufig beschworenen Gefahren der Demagogie und Aufstachelung zum Hass durch das Internet im Allgemeinen und dem sozialen Netz im Besonderen ist übertrieben und wenig reflektiert. Das sieht man auch an der Einleitung des Bundespräsidenten in einer Studie zu „Vertrauen und Sicherheit im Internet“, zu der er ein Vorwort beigetragen hat. Dort formuliert der Bundespräsident, bar jeglicher Argumente: Das weltweite Internet bietet alle Voraussetzungen, um die in den ersten zehn Artikeln unserer Verfassung verankerten Grundrechte aller Bürger in diesem Land auszuhöhlen. Dies gilt insbesondere für das Recht auf freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit in Artikel Fünf – eine wesentliche Grundlage unserer funktionierenden Demokratie – und es gilt letztlich auch für den Kernsatz unserer Verfassung, den Artikel Eins des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.13 Eine Auseinandersetzung über die Gefahren des Internets auf diesem Niveau ist nicht hilfreich. Sicherlich gibt es gerade im sozialen Netz Versuche von extremistischen Gruppierungen, Anhänger zu rekrutieren, ob das nun Neonazis oder religiöse Fanatiker sind, doch ist dies m.E. nicht das Hauptproblem, das sich bei der Auseinandersetzung mit den Problemen des sozialen Netzes stellt. Die Hauptprobleme in Bezug auf Bürgerbeteiligung und Demokratie sind m. E. zwei: Bildungsunterschiede werden in den sozialen Netzen potenziert durch den auch in Deutschland beträchtlichen digital divide. Es geht dabei ja nicht nur um den Zugang zum Internet, der laut ARD/ZDF Onlinestudie 2012 bei 75,9 % der Gesamtbevölkerung liegt, wobei die 14-39-jährigen bei fast 100% liegen. Erst bei den über 60 jährigen gibt es einen Einbruch. Dort sind nur 39,2 % online, Tendenz stark steigend.14 Der Zugang zum Internet ist heute also nicht mehr als Exklusionsmerkmal zu bezeichnen. Exklusionsmerkmale sind vielmehr, funktionaler Analphabetismus15, wovon nach Schätzungen mehr als 10% der

12 Pariser, Eli (2011): The Filter Bubble. What the Internet is Hiding from You, New York. Effenberger, Fritz (2011): Die Rückkehr der Zombie Cookies, in: Telepolis, Online unter: http://www.heise.de/tp/blogs /6/150231 (letzter Zugriff: 23.08.2012); Introna, Lucas D., Nissenbaum, Helena (2000): Shaping the Web: Why the Politics of Search Engines Matters, in: The Information Society 16, 169-185; Lysenko, Volodymir V., Desouza, Kevin C. (2010): Role of the Internet-baded information flows and technologies in electoral revolutions: The Case of Ukraine’s Orange Revolution, in: First Monday, 15, 9, online unter: http://first monday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/fm/article/viewArticle/2992/2599 (letzter Zugriff: 23.08. 2012); Moshowitz, Abbe, Kawaguchi, Akira (2002): Assessing bias in search engines, in: Information Processing and Management, 38, 141-156. Vgl. Astrid Herbold (2012): Die tägliche Verfolgungsjagd. Online unter: http://www.astrid-herbold.de (letzter Zugriff: 21.08.2012). Herbold verdeutlicht, mit welch ausgefeilten Praktiken Unternehmen und auf das soziale Netz spezialisierte Firmen ihre Werbebotschaften in ganz normalen Content unterbringen, so dass es dem Nutzer nicht ersichtlich ist 13 Gauck, Joachim (2012): Vorwort, in: DIVSI Milieu Studie zu Vertrauen und Sicherheit im Internet, hrsg. von Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI), Hamburg, S. 3. 14 ARD-Onlinestudie 1997, ARD/ZDF-Onlinestudie 1998 – 2012. Entwicklung der Onlinenutzung in Deutschland 1997 bis 2012. Online unter: http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=onlinenut zungprozen0 (letzter Zugriff: 21.08.2012). 15 „Funktionaler Analphabetismus bedeutet die Unterschreitung der gesellschaftlichen Mindestanforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache, deren Erfüllung Voraussetzung ist zur

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deutschen Erwerbsbevölkerung betroffen sind und 23% der 15-jährigen Schüler.16 Aber auch jenseits des Problems Texte nicht richtig verstehen zu können und auch keine schreiben zu können, die andere verstehen würden, stellt sich das Problem im Internet noch vielfältiger: Ob und inwieweit stellt das soziale Netz – das ja der Möglichkeit nach alle inkludiert – nicht auch wieder eine ausschließende Öffentlichkeit her? Hierzu sind die bekannten Stichworte ausreichend, um das Problem zu markieren, die alle mehr oder weniger eng um den englischen Literacy Begriff kreisen: Media Literacy, Computer Literacy, Digital Literacy, Visual Literacy, Information Literacy, Literacy allgemein (d.h. fehlerfrei einen Zusammenhang zu formulieren respektive einen solchen zu verstehen!) und nicht zuletzt die Netiquette.17 Im Grunde wäre es hier an der Zeit für eine neue Wortschöpfung, die ja im Zusammenhang mit den „neuen“ Medien gerade so modern sind: die Weblacy. Das oft beschworene Problem der Medienkompetenz ist zuallererst eins der korrekten Zeicheninterpretation – und im sozialen Netz sind nun alle Typen von Zeichen gleichzeitig vorhanden, weswegen man als aufgeklärter Nutzer auch alle verstehen können sollte. Wie beim funktionalen Analphabetismus ist diese nicht vorhandene Weblacy eine Frage des Bildungshintergrunds. Um den Bogen zu schließen: Hauptproblem der Exklusionsproblematik vom sozialen Netz, und damit potentiell von der politischgesellschaftlichen Partizipation ist, wie seit je schon, das Problem extrem ungleich verteilter Bildung – und extrem ungleich verteilter Chancen auf Bildung. Zusammenfassung der 2. Antwort: Die Chancen des sozialen Netzes sind der erleichterte Zugang zu extrem vielfältigen Informationen zu allen erdenklichen Sachgebieten. Die niedrige Beteiligungsschwelle, die durch Anonymität, leichte Verfügbarkeit, Freiheit von Gatekeepern und Irrelevanz von formalen Bildungshintergründen geprägt ist, führt dazu, dass sich viele Menschen an Diskussionen beteiligen können. Die Möglichkeit für jedermann, ohne großen Aufwand sich

sozial streng kontrollierten Teilnahme an schriftlicher Kommunikation in allen Arbeits und Lebensbereichen. Drecoll, Frank: Funktionaler Analphabetismus – Begriff, Erscheinungsbild, psycho-soziale Folgen und Bildungsinteressen, in: Drecoll, Frank/Müller, Ulrich (Hrsg.): Für ein Recht auf Lesen. Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt/M. 1981, S. 31. 16 Sven Nickel (2001): Funktionaler Analphabetismus – Ursachen und Lösungsansätze hier und anderswo, o.S., online unter: http://www.ewi-psy.fu-berlin.de/einrichtungen/arbeitsbereiche/grundschulpaed/2_ deutsch/publikationen/snickel/media/elibd890_nickel_analphabetismus.pdf?1286348981 (letzter Zugriff: 21.08.2012). Auch mit PISA 2009 zeichnet kein viel positiveres Bild über die Lesekompetenz deutscher Schüler ab. Die schlechteste Stufe I wurde nur noch von 18,5% der Schülerinnen und Schüler belegt. Jedoch machen die zwei untersten Stufen I und II immer noch 40% der Schülerinnen und Schüler aus. Leider findet man nirgends in der Literatur mal einen Hinweis darauf, ob jemand, der die Kompetenzstufe II erreicht, einen politisch relevanten Artikel einer Qualitätszeitung versteht und von einem Kommentar unterscheiden kann. Zu den Zahlen vgl. Naumann, Johannes u.a. (2010): Lesekompetenz von PISA 2000 bis PISA 2009, in: PISA 2009. Bilanz nacheinem Jahrzehnt, hrsg. von Eckhard Klieme u.a., Münster, S. 2371. 17 Vgl. u.a. Potter, James W. (2011): Media Literacy, London u.a.; Hobbs, Renee (2011): Digital and Media Literacy: Connecting Culture and Classroom, London u.a.; Burniske, R.W. (2007): Literacy in the Digital Age, London u.a.; Elkins, James (Hg.) (2008): Visual Literacy, New York 2008; Welsh, Teresa S. & Wright, Melissa S. (2010): Information Literacy in the Digital Age: An Evidenz-Based Approach, Oxford; Strawbridge, Matthew (2006): Netiquette. Internet Etiquette in the Age of Blog, London.

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an der Produktion von Öffentlichkeit zu beteiligen, führt zu mehr Transparenz und Kontrolle.18 Probleme, die das soziale Netz mit sich bringt sind vor allem dem sozialen Netz externe. Es leidet an den Problemen, die die Gesellschaft sowieso schon hat: extreme Bildungsungleichheit und unterschiedliche Chancen auf Bildung. Durch die vielfältigen Anforderungen, die das soziale Netz aus hermeneutischer Perspektive an seine Nutzer stellt, sind vor allem Bürger aus bildungsfernen Schichten stark benachteiligt, was letzten Endes eine Exklusion von der politischen Partizipation durch das soziale Netz bedeutet. 3. Wie verändert sich die politische Partizipation durch das soziale Netz? Die politische Partizipation verändert sich durch das Netz insofern, als dass die Menschen aufgrund der oben schon erwähnten niedrigeren Hemmschwelle eher bereit sind, sich an solchen Fragen zu beteiligen, von denen sie sich direkt betroffen fühlen. Das soziale Netz wird jedoch m. E. nicht dazu führen, dass bis dato unpolitische Menschen politisch, uninformierte informiert werden. Aber es hat eine Sensibilisierung der Menschen über ihre Informations- und Partizipationsrechte und -möglichkeiten im Zuge des Stuttgart 21 Protests, aber auch durch die Proteste in Frankfurt und München gegen den Flughafenausbau stattgefunden. Die Menschen wissen mehr und mehr darüber Bescheid, dass sie durch die sozialen Medien und das Internet bessere und einfachere Möglichkeiten haben sich zu organisieren, informieren und zu agitieren. Dieses Wissen wird nicht wieder verschwinden, sondern zunehmend Eingang in die politische Kultur der Bundesrepublik finden. Meine – nicht sonderlich gewagte – These ist es, dass die Menschen vor allem bezüglich ihres personalen Nahbereichs politisch aktiv werden, durch ganz realistische Befürchtungen und Nöte (etwa Anti-Atomproteste nach Fukushima an Kernkraftwerkstandorten, Flughafenausbau, Bahnhöfe, in Zukunft Stromtrassen etc. pp.). Wenn eine direkte Betroffenheit vorhanden ist wird in Zukunft die durch das soziale Netz herabgesetzte Hemmschwelle zur Partizipation das Ihrige tun. Die Partizipation wird zunehmend ad hoc, netzwerkartig und aufgrund persönlicher Betroffenheit ausgelöst werden. Lokale Ereignisse können aber auch schnell durch unüberlegte Reaktionen seitens der Behörden (vgl. unangemessener Polizeieinsatz in Stuttgart) nationale Solidaritätsbewegungen schaffen. Insofern wird es von Seiten der öffentlichen Verwaltungen sinnvollerweise dazu kommen müssen, Projekte bei denen Bürger in irgendeiner Form betroffen sind, langfristig vorher zu kommunizieren, Pläne offen zu legen mit Mediatisierungsverfahren die Sorgen der Bürger ernst zu nehmen und in einen echten Dialog zu treten. Dennoch: die Bundesrepublik Deutschland ist aus guten Gründen19 eine repräsentative Demokratie und als solche sollte sie auch darauf beharren, dass Beschlüsse der repräsentativen Gesetzgebungskörper Gültigkeit haben und umgesetzt werden. Aber, der Weg zum Beschluss muss in Zukunft deutlich beteiligungsorientierter werden, so dass die Bürger sich in den Beschlüssen ihrer Repräsentanten wiederfinden können.

18 Bentham, Jeremy (1995): Essay on Political Tactics, Bristol.. 19 Sieyès, Emmanuel Joseph (1975): Politische Schriften, übersetzt und hrsg. von Rolf Reichhardt und Eberhard Schmitt, Darmstadt, 165ff. und 266. Vgl. Hofmann, Wilhelm (1999): Einführung in die Parlamentarismustheorie, Darmstadt, 44-52.

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4. Wie bewerten Sie insgesamt die Auswirkungen des sozialen Netzes auf die Demokratie?
Grundsätzlich sind die Erweiterung von Informationsmöglichkeiten und reziproker Kommunikation als positiv zu werten.20 Die erhöhte Bereitschaft zur politischen Partizipation (s.o.) ist grundsätzlich zu begrüßen, da dies wiederum zu einer größeren Identifikation mit der Gesellschaft führt, in der man lebt. Außerdem ist natürlich festzustellen, dass das soziale Netz durch Blogger und unabhängige Seiten wie „abgeordnetenwatch.de“ – die sich selbst als das „virtuelle Wählergedächtnis“ bezeichnet, zu einer erhöhten Kontrolle der Parlamentarier führt, was im Sinne Benthams und seiner Idee des Panoptikums nur sinnvoll sein kann.21 Diese Beobachtung der Parlamentarier, die durch die etablierten Massenmedien nicht so gründlich geleistet wird, hat nach Bentham folgende sinnvolle Funktionen: „1. Öffentlichkeit erzwingt von den Parlamentariern die Erfüllung ihrer Pflicht; 2. Sie mobilisiert das Vertrauen und die Akzeptanz der Bürger für die Politik der Regierung; 3. Sie ermöglicht die Artikulation der Wünsche der Regierten; 4. Sie ist die Voraussetzung jedes sinnvollen Wahlaktes durch die Bevölkerung; 5. Sie mobilisiert das Wissen der Gesellschaft für die Politik; 6. Sie ist amüsant.“22 Der Effekt davon lässt sich am besten mit Franta beschreiben: His [Benthams] crucial insight is to conceive of the public as a mode of opinion-making, and mass society less as an arena for the passive consumption of ideas than a kind of feedback loop which has a potentially transformative effect on the ideas it receives. Rather than naming a realm of action or reflection, ‘publicity’ transforms ‘public’ into a set of practices or mode of action.”23

Genau in diesem Sinne sehe ich die positiven Effekte des sozialen Netzes auf die repräsentative Demokratie.

5. Welche Verfahren entwickeln die Partizipationsmöglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger im Netz weiter? Vgl. Frage 7 6. Welche Methoden können auch im Netz eine größtmögliche Repräsentativität gewährleisten? Eine sehr wichtige Frage, die den Rahmen dieser Stellungnahme und meinen derzeitigen Forschungsstand überfordern. Dennoch einige Reflektionen dazu: In Anbetracht der unter 2. gemachten Ausführungen zur Weblacy und der Tatsache, dass politische Partizipation (bis
20 Wie schon John Stuart Mill anmerkte, ist jede Unterdrückung einer noch so randständigen und abwegigen Idee oder Meinung falsch, da diese immer den gesellschaftlichen Diskurs bereichern kann und so zum Fortschreiten der Gesellschaft beitragen kann. Denn verbietet man eine falsche Meinung, so beraubt man sich des Vorteils, die richtige umso deutlicher wahrzunehmen, verbietet man eine richtige Meinung, so verhindert man die Gelegenheit, Irrtum gegen Wahrheit auszutauschen. Bevc, Tobias (22012): Politische Theorie, Konstanz, 42-46. Vgl. Mill, John Stuart (1988): Über die Freiheit, Stuttgart, 26; vgl. 63 f., 72 ff. 21 Gaonkar, Dilip Parameshwar und McCarthy Jr., Robert J. (1994): Panopticism and Publicity: Bentham’s Quest for Transparency, in: Public Culture 6, 547-575. 22 Hofmann (2002): Politik des aufgeklärten Glücks, Berlin, 279. Vgl. Bentham, Jeremy (1995): Essay on Political Tactics, 310-312. 23 Franta (2007): Romanticism and the Rise of the Mass Public, Cambridge, 2.

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jetzt) im Internet vor allem eine Sache des gebildeten Teils der Gesellschaft ist, müssen Überlegungen bezüglich der Frage von Exklusion und Repräsentation angestellt werden. Wie Sieyès schon Ende der 1780er Jahre formuliert hatte, haben alle Menschen den gleichen Anspruch auf eine angemessene Repräsentation ihres Willens.24 Daher ist es bedeutsam, Verfahren zu entwickeln, die eben angemessene Repräsentation gewährleisten, so dass nicht nur bestimmte gesellschaftliche Gruppen aufgrund bestimmter Privilegien den gesellschaftlichen Diskurs durch die Nutzung der sozialen Medien noch mehr bestimmen, als sie es durch die klassischen Massenmedien ohnehin schon tun. Insofern kann diese Frage ganz im Sinne der politischen Bildung beantwortet werden: - Erziehung der Menschen zu mündigen Bürgern. - angemessener (qualitativ und quantitativ) Unterricht im Fach Politische Bildung (Sozialkunde) in der Schule in allen Jahrgangsstufen durch ausgebildete Fachlehrer. - Frühestmöglicher Erwerb aller für die „Weblacy“ benötigten Kompetenzen, vor allem Lesekompetenz und schriftliche Ausdrucksfähigkeit (siehe Frage 2). Man kann keine repräsentative politische Partizipation erwarten mit einer funktionalen Analphabetenquote von fast 25%25, sowie Menschen, denen politische Bildung ziemlich fremd ist.

7. Welchen konkreten Handlungsbedarf sehen Sie insbesondere auf Ebene der Kommunen oder des Landes? Ich befürworte eine weitere Öffnung der öffentlichen Verwaltung auf den Ebenen der Kommunen und des Landes hin zu mehr Transparenz ihrer Verfahren und Beschlüsse. Als Stichworte können hier Bürgerhaushalte, Open Government, Open Budget stehen.26 Die Bundeszentrale für politische Bildung nennt in ihrer Veröffentlichung „Bürgerhaushalte in Großstädten“ zehn Argumente, die m.E. nicht nur für Bürgerhaushalte Gültigkeit beanspruchen können, sondern für mehr politische Partizipation auf lokaler Ebene und Landesebene insgesamt:
1. Zeitgemäße Form des Regierens: Entscheidungen werden in der komplexen Welt von heute nicht mehr allein von Regierungen alleine gefällt, sondern durch ein Zusammenwirken vielfältiger Kräfte in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Der Bürgerhaushalt ist ein Forum zur Umsetzung dieser neuen Governance. 2. Stärkung der Problemlösungskompetenz: Mehr Köpfe als bisher machen sich über den Haushalt Gedanken. Statt nur einige Dutzend – für gewöhnlich Expertinnen und Experten aus Rat und Verwaltung– bringen sich zusätzlich hunderte von Bürger/-innen ein. Der Bürgerhaushalt kann eine Ressource sein, die zusätzliche Kompetenzen und Ideen bereithält.
24 Sieyès (1975): Politische Schriften, 266. 25 Sven Nickel (2001): Funktionaler Analphabetismus – Ursachen und Lösungsansätze hier und anderswo, o.S., online unter: http://www.ewi-psy.fu-berlin.de/einrichtungen/arbeitsbereiche/grundschulpaed/2_ deutsch/publikationen/snickel/media/elibd890_nickel_analphabetismus.pdf?1286348981 (letzter Zugriff: 21.08.2012) 26 von Lucke, Jörn u.a. (2011): Open Budget 2.0 & Open Budget Data. Öffnen von Haushaltswesen und Haushaltsdaten. Gutachten für die Deutsche Telekom AG zur T-City Friedrichshafen. Online unter: http://www.zu.de/deutsch/lehrstuehle/ticc/TICC-111024-OpenBudget-V1.pdf (letzter Zugriff: 22.08.2012).

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3. Mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten: Für die Bürger/-innen bietet der Bürgerhaushalt eine neue Möglichkeit, sich außerhalb von Wahlen in das öffentliche Leben einzubringen. In direktem Kontakt mit Politik und Verwaltung entsteht ein Austausch darüber, welche Dienstleistungen benötigt und in welcher Form sie angeboten werden sollen. 4. Bessere öffentliche Leistungen: Bürger/-innen nehmen täglich öffentliche Dienstleistungen in Anspruch. Rückmeldungen über ihre Erfahrungen und Wünsche bieten für Politik und Verwaltung eine Chance, ihre Dienstleistungen zu verbessern. Politik und Verwaltung können hierzu gezielt Fragen stellen. 5. Abbau von Politiker- und Bürgerverdrossenheit: Durch die gemeinsame Auseinandersetzung mit dem Haushalt können Vorurteile gegenüber der Politik abgebaut werden. Zudem bietet der Bürgerhaus-halt Politiker/-innen Gelegenheit, die Interessen der Bürger/-innen besser kennen zu lernen. 6. Identität: Eine Diskussion über den Haushalt ist letztlich immer mit Fragen des Allgemeinwohls verbunden. Ein Bürgerhaushalt kann dazu genutzt werden zu verdeutlichen, wie wir in unserer Stadt gelebt haben und wie wir in Zukunft in ihr leben wollen. Dies führt zu einer stärkeren Identifikation mit der Stadt, aus der die Bereitschaft für ein breiteres Engagement erwachsen kann. 7. Bürgerschaftliches Engagement: Ohne Ehrenamt würde es viele Angebote in Kommunen nichtgeben. Ein offener Umgang mit den Finanzen würdigt das Ehrenamt. Die Möglichkeit der Mitspracheüber den Haushalt kann nicht zuletzt die Bereitschaft zur ehrenamtlichen Mitarbeit stärken. 8. Konsens in Zeiten knapper Kassen: Ein Bürgerhaushalt bietet die Möglichkeit, mit allen BetroffenenAlternativen zu diskutieren und Wirkungen aufzuzeigen. Die Gründe für anstehende Entscheidungenwerden in der Öffentlichkeit frühzeitig transparent gemacht, Konflikte können vermieden werden. 9. Politische Bildung: Die Veranstaltungen des Bürgerhaushaltes bieten für Bürger/-innen eine Gelegenheit, mehr über die Arbeitsweise von Politik und Verwaltung zu erfahren. Wer über die Zuständigkeiten informiert ist, findet für seine Anliegen schnell den/die richtige/n Ansprechpartner/-in. 10. Sichtbarkeit: Wer heute mit neuen Formen der Demokratie beginnt, wird national und international als Vorreiter für Innovation wahrgenommen werden. Insbesondere gilt das, wenn an einem Erfahrungs-austausch in Netzwerken teilgenommen wird.27

Es ist klar, dass man niemals alle Dinge zur vollsten Zufriedenheit aller Bürger wird regeln können. Doch denke ich, wie auch die zehn Argumente schön verdeutlichen, führt die Transparenz der öffentlichen Verwaltung und die Beteiligung der Bürger an ihr zu einem verständnisvolleren und von gegenseitigem Respekt getragenen Umgang miteinander, in dem die Bürger sich ernst genommen fühlen und auch Entscheidungen zu akzeptieren lernen, die von ihren Vorstellungen sich unterscheiden.

27 BpB (Hg.) (2005): Bürgerhaushalte in Großstädten. Arbeitsmaterialien für die Umsetzung. Dokumentation und Auswertung der Ergebnisse des Workshops ‚Bürgerhaushalt für Berliner Bezirke: Lesbar, verständlich, für und mit Bürgerinnen, erstellt von Carsten Herzberg, Bonn. Online unter: http://www.bpb.de/shop/ lernen/weitere/37397/buergerhaushalte-in-grossstaedten (letzter Zugriff: 22.08.2012)

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