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Stephan Grigat

Von der positiven zur negativen Dialektik Fetischkritik und Klassenbewußtsein bei Georg Lukács
Aus: Georg Lukács u.a., Verdinglichung, Marxismus, Geschichte. Von der Niederlage der Novemberrevolution zur kritischen Theorie hrsg. von Markus Bitterolf und Denis Maier, ça ira: 2012

Georg Lukács ist als Verfasser von Geschichte und Klassenbewußtsein jener Autor, auf den sich alle späteren Kritiker, die der Auseinandersetzung mit den Marxschen Ausführungen zum Fetischismus zentrale Bedeutung beimessen, in der einen oder anderen Form beziehen. Er gilt als Wegbereiter einer Marx-Interpretation, welche die Kategorie der Totalität in den Mittelpunkt des Interesses stellt, und die von ihren Gegnern gerne als »Hegelmarxismus« abqualifiziert wurde und wird. Trotz seiner späteren Parteinahme für die alternative Warenproduktion realsozialistischer Prägung, die in den 1950er-Jahren, kurz nach dem Slánský-Prozeß, selbst noch den stalinistischen Haß auf den Westen und Angriffe gegen den stets mit antisemitischen Untertönen attackierten »Kosmopolitismus« beinhaltete (Scheit 2011: 40), dem Lukács »prinzipiellen Vaterlandsverrat« attestierte und einen »MarxismusLeninismus« entgegensetzte, der als »Beschützer und Vorkämpfer der nationalen Freiheit und Selbstbestimmung« auftreten sollte (Lukács 1954: 635), war die Auseinandersetzung mit Lukács für die Kritische Theorie ebenso von großer Bedeutung wie für die undogmatischen Marxisten der 60er, 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. In den 1990er Jahren bezogen sich vor allem Vertreter eines wertkritischen Marxismus auf ihn (Kurz 1997: 51). Auch außerhalb Deutschlands erlangte die Sammlung von Aufsätzen aus den Jahren 1919 bis 1922, die bald nach ihrem Erscheinen von parteikommunistischer Seite wegen angeblicher »idealistischer« und »mystischer« Tendenzen massiv kritisiert wurde (Wiggershaus 1993: 92; vgl. auch Koltan 1997: 48; Buckmiller 1973: 15), einigen Einfluß. In Frankreich wurden Marxisten wie Maurice Merleau-Ponty und Lucien Goldmann stark von Lukács geprägt (Behrens/Hafner 1993: 91). In Italien spielten die Schriften von Lukács eine wichtige Rolle bei den Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen marxistischen Richtungen (Marramao 1973: 217ff.). In Großbritannien wurde Lukács erst mit einiger Verspätung rezipiert und in der Regel nicht sehr positiv aufgenommen.1 In den 1920er Jahren erlangte Geschichte und Klassenbewußtsein auch in jenen Gegenden Beachtung, in denen die Bolschewisierung der Kommunistischen Parteien nicht in der gleichen Geschwindigkeit stattfand wie in Europa. So wurden beispielsweise in den Jahren 1924 bis 1927 in der KP Japans kritische Marxisten wie Lukács oder auch Karl Korsch, der seine Schrift Marxismus und Philosophie fast zeitgleich mit Geschichte und Klassenbewußtsein veröffentlicht hat, intensiv diskutiert (Buckmiller 1981: 11).2 Die wichtigsten Ausführungen von Lukács zum Fetischismus finden sich in dem Aufsatz Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats, den er ebenso wie Methodisches zur Organisationsfrage extra für Geschichte und Klassenbewußtsein verfaßt hat. Diese zwei Texte bezeichnete er in seinem Vorwort aus dem Jahr 1967 als die »beiden … ausschlaggebend wichtigen Studien« (GuK: 18) in seiner Textsammlung. In Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats findet sich jener Satz, auf den sich später sowohl alle Befürworter als auch alle Kritiker von Lukács bezogen haben: »Man könnte … sagen, daß das Kapitel über den Fetischcharakter der Ware den ganzen historischen Materialismus, die ganze Selbsterkenntnis des Proletariats als Selbsterkenntnis der kapitalistischen Gesellschaft … in sich verbirgt« (ebd. 354). Diesen verborgenen Gehalt des Fetischkapitels herauszuarbeiten und zu zeigen, wann, wie und von wem in der Geschichte der Fetischismus überwunden werden kann, sieht Lukács als seine Aufgabe an. Gegen die Tendenz, die kategorialen Entwicklungen am Beginn des Kapitals zu ignorieren oder für überflüssig zu erklären, betont Lukács die Zentralität der Kategorie der Ware im Kapital. Wies Marx darauf hin, daß die Ware die Elementarform der kapitalistischen Gesellschaft ist, so ergänzt Lukács, daß es »kein Problem dieser Entwicklungsstufe der
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Vgl. zur widersprüchlichen Lukács-Rezeption in Großbritannien Chun 1996: vor allem 184, 203, und 260f. Zu Korschs Bezugnahme auf die Marxschen Ausführungen zum Fetischismus vgl. Grigat 2007: 101ff.

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Für Lukács ist der Übergang von vorkapitalistischen zu kapitalistischen Verhältnissen nicht nur ein quantitativer. 257). Die fetischistischen Gegenständlichkeitsformen werden in der kapitalistischen Gesellschaft notwendig produziert. In vormodernen Gesellschaften habe es zwar bereits Warenverkehr gegeben.). Diese verkehrte Form steht nach Lukács aber erst am Ende der ihm bereits bekannten Durchsetzungsgeschichte des Kapitalverhältnisses: »So wie das kapitalistische System sich ökonomisch fortwährend auf erhöhter Stufe produziert und reproduziert. In vorkapitalistischen und kapitalistischen Gesellschaften existieren »qualitativ verschiedene Gegenständlichkeitsformen« (ebd. mit der Durchsetzung stärker vermittelter Formen ist nach Lukács das Durchschauen der fetischisierten ökonomischen Beziehungen immer schwieriger geworden (ebd. zur Vervollkommnung der Fetischisierung vom Beginn des Kapitalismus bis zur Ausprägung dieser Gesellschaftsform. strukturelles Problem der kapitalistischen Gesellschaft« (ebd. Zu Beginn der kapitalistischen Vergesellschaftung sind die Menschen als Träger der ökonomischen Verhältnisse noch relativ klar erkennbar gewesen. Bei Marx finden sich zwar auch Bemerkungen über den historischen Prozeß der Herausbildung der einzelnen Fetischformen. Lukács betont die Historizität des Warenfetischismus. Der Fetischismus der kapitalistischen Warenproduktion ist für Lukács zentral. Der zweite Schritt ist die Auflösung dieser menschlichen Beziehungen in soziale Prozesse. Jahrhunderts konfrontiert war.). 265f.und Geldkapital dem fetischistischen Bewußtsein in der bürgerlichen Gesellschaft als die tatsächlichen Repräsentanten des gesellschaftlichen Lebens. In der Fetischkritik wird so »das Werden als die Wahrheit des Seins. die Lukács als das »methodische Problem der Ökonomie« (ebd. Der Warenfetischismus war demnach wie die Ware selbst ein randständiges Phänomen. wie Lukács in deutlicher Anlehnung an Hegels Wissenschaft der Logik formuliert. eine Beziehung zwischen Personen den Charakter einer Dinghaftigkeit und auf diese Weise eine ›gespenstige Gegenständlichkeit‹ erhält. 371) bezeichnet. Das heißt. die Ware war aber keineswegs die Elementarform dieser Gesellschaften. 268). der Prozeß als die Wahrheit der Dinge« (ebd. ist demnach die Rückbeziehung der dinglichen Verhältnisse auf die Beziehungen von Menschen.). Lukács »begrenzt« (Grenz 1974: 39) die Verdinglichung jedoch nicht auf die Epoche des modernen. wohingegen er im Kapitalismus die gesellschaftliche Totalität strukturiert.isf-freiburg. der zur zunehmenden Mystifikation. 366) erkennbar. so senkt sich im Laufe der Entwicklung des Kapitalismus die Verdinglichungsstruktur immer tiefer.bis zum Kapitalfetisch. dessen Lösung nicht in der Lösung des Rätsels der Warenstruktur gesucht werden müßte« (ebd. Nur die Betrachtung der Totalität erkennt sie als notwendigen realen Schein. scheinbar völlig geschlossenen und rationellen Eigengesetzlichkeit jede Spur ihres Grundwesens. Die alltäglichen Vorstellungen von diesen Gegenständlich- © ça ira 2012 . 369). Die Analyse der Ware ist daher kein isoliertes Problem und auch nichts. 259f. Ist das Auftreten des doppelt freien Lohnarbeiters noch eine historische Neuheit. »sondern zentrales. Durch die spätere Entwicklung. Die Marxsche Fetischkritik enthalte zugleich den »methodischen Grundgedanken« des Marxschen Hauptwerks: »die Rückverwandlung der ökonomischen Gegenstände aus Dingen in prozeßartig sich wandelnde konkrete Beziehungen zwischen Menschen« (ebd.org 2 Menschheit [gibt] …. aber im Mittelpunkt steht bei ihm die Kritik der an sich unlogischen Mystifikation und deren Steigerung vom Warenfetisch über den Geld. sondern ein qualitativer.www. ist nicht nur eine Steigerung von bereits Vorhandenem. sondern bewirkt einen inhaltlich bestimmbaren Wechsel. Die Warenstruktur beruht darauf. »Der Verdinglichungsprozeß der Arbeit selbst. Er betrachtet ihn als ein Spezifikum der kapitalistischen Produktionsweise. von einer Form unter vielen zur universellen Form. die komplizierteren Verdinglichungsphänomene der Phase des entwickelten Kapitalverhältnisses zu. also auch der des Bewußtseins des Arbeiters ist« – wohl deshalb und nicht »dennoch«. 258). wie Lukács mit ihr in den 20er Jahren des 20. entwickelten Kapitalismus. was einer bestimmten Einzelwissenschaft – etwa der Ökonomie – überlassen werden könnte. sondern ordnet nur die entfalteten Fetischformen. Der erste Schritt der Fetischkritik. obwohl es sich der Ökonomie gar nicht als Problem aufdrängt.). die Ausbreitung der Warenform von einem vereinzelt auftretenden Phänomen zur allumfassenden Struktur. Lukács hingegen betont den historischen Prozeß. der Beziehung zwischen Menschen verdeckt« (ebd. wie Lukács schreibt – »viel weniger fortgeschritten« (ebd. geführt hat. sondern nur der Kritik der Ökonomie. Im historisch entwickelten Kapitalverhältnis erscheinen die am meisten mystifizierten Kapitalformen wie das Kaufmanns. die in ihrer strengen. so sind auch die Mittel der Ausbeutung offenkundiger und brachialer als später. schicksalhafter und konstitutiver in das Bewußtsein der Menschen hinein« (ebd. »daß ein Verhältnis.

da es sich bei ersterer um eine bewußtere »Verdinglichung ihrer Einstellung« (ebd. die »ihr latentes. Die Verdinglichung. sondern sie »drückt dem ganzen Bewußtsein des Menschen ihre Struktur auf« (ebd. verhüllt die Wirklichkeit im doppelten Sinn. der liberalen Ideologie zum Trotz. 274) tritt. Während der materielle Fetischismus von Warenproduktion und -zirkulation seinen Ausdruck in den verdinglichten. sowohl den Fetischcharakter als objektives Verhältnis als auch die Fetischisierung als subjektive Reflexion dieses Verhältnisses. Recht und Verwaltung werden bei ihm implizit als Fetische vorgestellt. Erstens verdeckt er die Geschichtlichkeit der Dinge wie der Verhältnisse. 517) spricht. Die Verdinglichung beschränkt sich nicht darauf. 286). daß ein gesellschaftliches Verhältnis von Menschen die Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt und dadurch. 269) spricht. Die Trennung von Ökonomie und im Staat materialisierter Gewalt ist bereits Ausdruck des Fetischismus in den ökonomischen Beziehungen und der fetischistischen juristischen Form der organisierten Gewalt. Die Kritik des Fetischismus muß daher »mit dem Zerreißen der Ewigkeitshülle der Kategorien zugleich ihre Dinghaftigkeitshülle zerreißen« (ebd. zum Teil noch frappanter als in der industriellen Produktion. Bemerkenswert ist. so kommt es in der staatlichen Verwaltung zu einer sich »immer steigernde[n] Abtrennung vom qualitativmateriellen Wesen der ›Dinge‹«. Der Fetischismus bleibt nicht auf die Sphäre der ökonomischen Kategorien beschränkt. 417). In Krisensituationen bestehe im Kapitalismus die Tendenz. und zweitens verhüllt er nach Lukács – und hier wird die Kritik Theodor W.isf-freiburg. Grigat 2007: 137. Fetischismus meint bei ihm sowohl die Verdinglichung des Denkens als auch die Verdinglichung des Seins. © ça ira 2012 . 275). Andeutungsweise und noch relativ vermittlungslos wird der Verdinglichungsbegriff auch auf die Nation angewendet. welche die Gesellschaft notwendigerweise falsch reflektiert. die Tatsache. Die Arbeitsteilung. Wie in der Produktion vom konkreten Gebrauchswert der Waren weitgehend abstrahiert wird. 187). wenn Lukács von den »verdinglichten Trennungen nach Nationen« (ebd. die Totalität als Kategorie zunehmend ausblendenden Begriffen der Ökonomie findet. sondern ergreife die ganze Gesellschaft. durch die aus der Arbeitsteilung resultierende Gleichzeitigkeit von Überindividualisierung und Versachlichung wirkliche Individualität nahezu verunmöglicht und die Freiheit des Menschen nur als Freiheit gegenüber den isolierten Subjekten kennt. Auch wenn Lukács Verdinglichung in der Ökonomie und in der staatlichen Struktur einzeln anführt. Verdinglichung in staatlichen Strukturen aufzuzeigen und die verdinglichende Wirkung von Rechtssystemen hervorzuheben. die Lukács in Anlehnung an Max Weber analysiert.org 3 keitsformen sind ebenfalls Gegenstand der Totalitätsbetrachtung. Die Grundtatsache der Verdinglichung meint bei Lukács. An mehreren Stellen spricht Lukács von einer Steigerung des Fetischismus oder der Verdinglichung. die Verdinglichung »auf die Spitze zu treiben« (ebd. die Fetischkritik auf den Staat anzuwenden. sei in der Bürokratie. daß alle nützlichen Gegenstände in Waren verwandelt werden. Der fetischistische Schein. Der Fetischismus in den Rechtswissenschaften ist nach Lukács noch verfestigter als in der Ökonomie. 283) handele. daß sich bei Lukács erste Versuche finden. auch wenn er an anderer Stelle von Verdinglichung nur als »ideologische(m) Phänomen« (ebd. So wie die Trennung der Menschen nach Nationen oder – was Lukács ebenfalls anführt – Berufen. 397). wendet er sich doch vehement gegen eine Trennung oder eine Entgegensetzung von Staat und Ökonomie. 275). Adornos an Lukács einsetzen3 – die sozialen Beziehungen hinter den Dingen und den Verhältnissen. daß die Verdinglichung bis in die intimen Gefühlsäußerungen von Menschen. In ihnen ist aber nach Lukács nicht »die kapitalistische Produktionsordnung selbst. die zwar von Menschenhand geschaffen wurden. ist auch die Trennung des gesellschaftlichen Lebens in die scheinbar autonomen Bereiche Wirtschaft und 3 Zu Adornos Ausführungen über das eigentümliche Verhältnis von Schein und Wirklichkeit vor dem Hintergrund des Fetischismus vgl. Staat.www. entsprechen dem scheinbar naturhaften und geschichtslosen Dasein des Staates die festgefügten Kategorien der Rechtswissenschaften. bis in intime Beziehungen hinein wirkt. aber als übermächtig und naturgegeben erscheinen. ist für Lukács die »struktive Grundtatsache« kapitalistischer Warenproduktion. an deren Stelle eine »formell-rationalistisch[e] … Behandlung aller Fragen« (ebd. womit er spätere Gedanken der Kritischen Theorie bereits andeutet. der hier als eine Art Schleier aufgefaßt wird. sondern die Ideologie der in ihr herrschenden Klasse« (GuK: 186) zu erkennen. welche die Verdinglichung befördert. Bereits Lukács sah. ihr potentielles Vorhandensein in und hinter jeder ökonomischen Beziehung vergessen macht« (ebd. Durch die staatliche Verwaltung kommt es zu einer »Steigerung der verdinglichten Bewußtseinsstruktur als Grundkategorie für die ganze Gesellschaft« (ebd. Die verdinglichte Welt erscheint »auf zweiter Potenz« (ebd.

228). daß die Verdinglichung sich in ihnen am prägnantesten und penetrantesten … äußern muß. Linke Sozialdemokraten und – mit etwas weniger Recht – DKPler oder KPÖler konnten sich in den Ausführungen gegen das Sektenwesen wiederfinden. Die gesellschaftlichen Kategorien wie Ware. Wert. nur auf Grund seiner gesellschaftlichen Stellung dazu fähig. Einerseits lieferte Lukács mit seiner Warnung vor der Möglichkeit einer dogmatischen Erstarrung der Theorie die Grundlage für eine Kritik am Realsozialismus. Die »objektive Wirklichkeit des gesellschaftlichen Seins ist in ihrer Unmittelbarkeit« (ebd. Andererseits bleiben genügend Anknüpfungspunkte für andere Positionen offen. Zu nennen wäre hier seine Tendenz. was die K-Gruppen freute. und durch die klare Distanzierung vom Anarchismus der Autoritarismus des Realsozialismus bereits angelegt. in den entfremdeten.www. 332). sondern vor allem eine Untersuchung über den potentiellen Träger der Überwindung der Verdinglichung: das Proletariat. Das Klassenbewußtsein der Bourgeoisie sei objektiv falsch und bleibe auch stets falsch. In Geschichte und Klassenbewußtsein findet sich sowohl das bedingungslose Lob der Partei als auch eine Kritik an reformistischen und opportunistischen Tendenzen. Nach der Konstatierung der Gemeinsamkeit geht es ihm in einem zweiten Schritt jedoch um das Herausstreichen der Unterschiede.isf-freiburg. 348). In Geschichte und Klassenbewußtsein finden sich einerseits zahlreiche Vorwegnahmen von Lukács’ Anbiederung an die bolschewisierten kommunistischen Parteien und seiner späteren Verteidigung des Realität gewordenen Staatssozialismus. Die Verdinglichung aller Lebensäußerungen teilt das Proletariat also mit der Bourgeoisie« (ebd.). so sind nach Lukács doch die »spezifischen Vermittlungskategorien« (ebd. die auf der Verdinglichung beruht. trotz der von Marx eindringlich geschilderten sozialen Katastrophen. müsse aber keineswegs falsch bleiben. das die bürgerlichen Subjekte per se zu fetischistischen Subjekten degradiert. Das fetischistische Denken ist bei Lukács in einer ersten Annäherung klassenübergreifend. Ganz im Gegenteil: Die Daseinsformen des Proletariats »sind so beschaffen. »während es das Proletariat darüber hinaustreibt« (ebd. mußte Lukács als ideale Synthese erscheinen. halte »durch den Motor der Klasseninteressen« das Bürgertum in der verdinglichten Unmittelbarkeit gefangen. da es in der Gesellschaft keine objektiven Schranken für dieses Bewußtsein gäbe. Lukács betont die Gleichheit der Wahrnehmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit durch Bourgeoisie und Proletariat. Verdinglichung und Klassenbewußtsein Die Verbindung der Beschäftigung mit der Verdinglichung einerseits und dem Proletariat andererseits dürfte einiges zum Verkaufserfolg von Geschichte und Klassenbewußtsein in den 1970er Jahren beigetragen haben. Für Lukács existieren »verschiedene Fälle von ›falschem Bewußtsein‹« (ebd. und trotz seiner Einschätzung. Für alle. Lukács forderte die Unterordnung der Gesamtpersönlichkeit unter die Revolution. Maoisten mußten sich also bestens bedient fühlen. Geld und Kapital müssen daher allen Subjekten der bürgerlichen Gesellschaft. daß © ça ira 2012 . Das Bewußtsein des Proletariats sei zwar zunächst auch falsch. Anders jedoch als im Denken vieler marxistischer Aktivisten ist das Proletariat bei Lukács nicht von vornherein. Andererseits ist durch die Postulierung eines objektiven Klasseninteresses. von sich aus.) für alle Klassen dieselbe. die in den 60er Jahren durch die Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie die Verdinglichung ins Zentrum ihrer Überlegungen gerückt hatten. Dasselbe gesellschaftliche Sein. unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit als Fetische erscheinen. Geschichte und Klassenbewußtsein ist nicht nur eine Analyse der Verdinglichung im Kapitalismus. die Verdinglichung zu überwinden. daß der Fetischismus letztlich durch die soziale Revolution überwunden wird. verdinglichten und fetischisierten Formen so zu Hause »wie ein Fisch im Wasser« (MEW 25: 787). daß das gesellschaftliche Sein in seiner Unmittelbarkeit für Bourgeoisie und Proletariat dasselbe ist. Auch wenn Bourgeoisie und Proletariat in ihrem Alltagsbewußtsein zunächst derselben Verdinglichung unterworfen sind. Revolutionstheorie auf eine reine Parteitheorie einzuschränken. schwingt sich in der Folge aber zu einer großangelegten Verteidigung des Erkenntnisprivilegs der ausgebeuteten Klasse auf. Lukács hält zwar an seiner Einschätzung fest. dann aber sich daran machten in den diversen K-Gruppen dem Proletariat oder dem Volke ›zu dienen‹. die Personifikationen des konstanten ebenso wie jene des variablen Kapitals. das Anknüpfungspunkte für eine Definition dieses Interesses durch die Parteiführung beinhaltet. durch welche den beiden Klassen die fetischistische Unmittelbarkeit der gesellschaftlichen Wirklichkeit ins Bewußtsein gelangt. kritisierte aber gleichzeitig die verdinglichten Beziehungen von Parteimitgliedern zu ihren Führern. Lukács hingegen glaubt daran.org 4 Politik eine Unterscheidung. Bei Marx fühlen sich die ökonomischen Charaktermasken. unterschiedlich. was undogmatische Marxisten und Spontis begeisterte.

Herv. daß Lukács’ Theorie suggeriert. sondern nur von einer Klasse erkannt werden. vollbringt das Proletariat bei Lukács damit die Defetischisierung der kapitalistischen Formen. Durch die unterstellte Erkenntnis.www. Das Proletariat behält bei Lukács die Rolle des revolutionären Subjekts. »daß der Warencharakter an der Arbeitskraft seine Grenze findet.. lebendiger Kern ist« (ebd.). versucht Lukács anhand der Analyse des Subjekt-Objekt-Verhältnisses in bezug auf die Arbeitszeit darzustellen. Lukács spricht von Charaktermasken nur in Bezug auf Kapitalisten. Sowohl Proletarier als auch Kapitalisten sind Personifikationen ökonomischer Verhältnisse.und mehrwertbildend zu wirken. daß es im Inneren der Arbeitenden etwas geben muß. Sie existieren einerseits als Element der Kapitalverwertung und andererseits als Zuschauer derselben. meint er jedoch nie den einzelnen Arbeitenden. daß »tendenziell jederzeit in der Lage ist. daran aber bei weitem nicht so optimistische Zukunftserwartungen knüpfte wie Lukács. wert. Die gesellschaftliche Totalität kann nach Lukács nicht vom Individuum. die nicht bloß Tauschwert sondern Gebrauchswert hat« (AGS 6: 261). Der spezifische Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft gerät so in den Mittelpunkt der revolutionstheoretischen Überlegungen. Als Einzelproletarier verbleibt er oder sie ebenso in der fetischistischen Anschauung der Welt wie der Einzelkapitalist. ist dem Proletariat diese Möglichkeit nach Lukács von vornherein versperrt.. Wie das Proletariat zu solch einer Defetischisierung gelangen kann. dem das Klassenbewußtsein des Proletariats gegenübersteht. könne der »Fetischcharakter einer jeden Ware enthüllt werden« (ebd. beschreibt Lukács als »spezifische Gegenständlichkeit« der Ware Arbeitskraft: »daß sie unter dinglicher Hülle eine Beziehung zwischen Menschen. daß hier ein entscheidender Unterschied zur Marxschen Konzeption der Charaktermaske deutlich wird. Orig. Während sich die Bourgeoisie als selbständiges Subjekt der Wertverwertung begreifen könne (auch wenn sie das nicht ist) und eine Einrichtung im Falschen so noch halbwegs möglich erscheint. muß Lukács beim Proletariat einen unverdinglichten Rest konstruieren. 352). Die Defetischisierung der Ware Arbeitskraft durch die Arbeitenden selbst ist eine Form praktischer Erkenntnis. ist eine der Hauptaufgaben dieses revolutionären Subjekts in der Defetischisierung der kapitalistischen Formen zu sehen. struktive Veränderung am Objekt ihrer Erkenntnis« (ebd. i. Indem dann die Unmittelbarkeit der gesellschaftlichen Realität als Resultat zahlreicher Vermittlungsschritte erkennbar wird. daß die für kapitalistische Produktion bestimmende Quantifizierung eine »verdinglichende und verdinglichte Hülle ist« (ebd.).org 5 sich für die Arbeitenden alle Illusionen über ihren selbständigen Subjektstatus durch ihre alltäglichen Lebenserfahrungen verflüchtigen.isf-freiburg. »beginnen die fetischistischen Formen der Warenstruktur zu zerfallen« (ebd. Anstoß an der Verdinglichung des Lebens des © ça ira 2012 . der meinte. Was – wenn auch in vermittelterer Form – durchaus die Besonderheit aller Waren in der kapitalistischen Produktionsweise ausmacht. Beim »Problem der Arbeitszeit« habe die Verdinglichung »ihren Höhepunkt erreicht« (ebd. Schon früh ist darauf hingewiesen worden. Wird sich der Arbeitende über sein Dasein als Ware bewußt. Die Erkenntnis des spezifischen Gebrauchswerts der Ware Arbeitskraft. Friedemann Grenz hat zu Recht darauf hingewiesen. so könne er sich auch über das gesellschaftliche Sein bewußt werden. Wird das erkannt. Wenn Lukács von den Proletariern als erkenntnisfähigem Subjekt. ihre leibhaftige Verkörperung. Bei der Quantifizierung der Arbeitszeit erscheint der Arbeitende einerseits zwar als reines Objekt. 350). ähnlich wie später bei Adorno. daß die eigene Subjektivität durch das Kapitalverhältnis konstituiert ist. Bei Marx hingegen »umfaßt die Charaktermaske sowohl Kapitalisten als auch Proletarier in ihrer entfremdeten Existenz« (Matzner 1964: 134). Sowohl Bourgeoise als auch Proletarier unterliegen einer Verdoppelung der Persönlichkeit.). ihre Fähigkeit. andererseits weise diese Objekthaftigkeit aber schon über die reine Unmittelbarkeit gesellschaftlicher Wirklichkeit hinaus. Gerade bei der Arbeitszeit zeige sich. die als Subjekt »selbst Totalität ist« (GuK: 212). und man daher nur Objekt der Wertverwertung sein kann. 353). unter der quantifizierenden Kruste ein qualitativer. i. Erkennen die Arbeitenden sich selbst. Bei Lukács hingegen ist die Charaktermaske nur das zwangsläufig falsche Bewußtsein der Bourgeoisie. sei »für den Arbeiter der verdinglichte Charakter der unmittelbaren Erscheinungsweise der kapitalistischen Gesellschaft auf die äußerste Spitze getrieben« (GuK: 349f. Da er die Marxsche Fetischkritik ins Zentrum seiner Überlegungen stellt. Herv.). »vollbringt eine gegenständliche. obwohl er immer wieder auf die Totalität des Fetischismus hinweist und vom fetischistischen Schein spricht. Um am Erkenntnisprivileg des Proletariats festzuhalten. Orig. »der alle Phänomene der kapitalistischen Gesellschaft umgibt« (GuK: 186). als identischem Subjekt-Objekt der Geschichte spricht.

den Arbeiterrat als eine »politisch-wirtschaftliche Überwindung der kapitalistischen Verdinglichung« (ebd. wo die verdinglichte Struktur der Gesellschaft subjektiv »ins Bewußtsein gehoben und auf diese Weise praktisch durchbrochen werden kann« (GuK: 357). sondern vielmehr idealtypisch zweckrationales Denken« (Matzner 1964: 134). Die Frage ist aber. … die die einzigen Träger seiner Auflehnung gegen diese Verdinglichung sein könnten« (ebd. Bei Journalisten beispielsweise. oder bei Beamten. solange er nicht gegen die Verdinglichung revoltiert. wenn er im Verschwinden begriffen ist. Bei Proletariern stelle sich das ähnlich. Andererseits ist es aber subjektiv falsch und objektiv richtig. auch seine »Seele« wird in Mitleidenschaft gezogen. Der ›Zweck‹ des Proletariats ist die Vollendung der allgemeinen menschlichen Emanzipation. das frei von der Verdinglichung bleibe: das »menschlichseelische Wesen«. 275) gilt. deren »›Gesinnungslosigkeit‹« ihm als »Gipfelpunkt der kapitalistischen Verdinglichung« (ebd. also subjektiv der Alltagserfahrung in der Warenwelt entspricht. stattfinden. verwahrt sich aber im Einklang mit Marx gegen eine starre Dichotomie von falsch und richtig.) der Unmittelbarkeit der Gesellschaft. unversehens von der Abstraktion ins Konkrete wechselnd. also nur im Augenblick oder nach der Zerstörung des Fetischismus der bürgerlichen Gesellschaft. während sie in anderen Fällen »hinter einer Fassade« (GuK: 356) versteckt sei. daß es immer einen Unterschied zwischen dem tatsächlichen Bewußtsein und dem von ihm ausgemachten wahren Klassenbewußtsein des Proletariats selbst noch bei den revolutionärsten Arbeitenden geben wird. Er geht von einem falschen Bewußtsein aus. während es objektive Gesetzmäßigkeiten der 4 Auf die zentrale Rolle. sei allein das Dasein des Proletariats der Ort. daß von der Verdinglichung. Pensionsaussichten und Aufstiegschancen an. 256)4 an. Der Prozeß der Verdinglichung negiere zwar den Arbeiter. ob es ohne »wahres« Bewußtsein jemals zu dieser Selbstaufhebung kommen kann. Die Grundstruktur der Verdinglichung sieht Lukács in allen Sphären der kapitalistischen Gesellschaft gegeben. Die tatsächliche Vollendung des proletarischen Klassenbewußtseins wäre die Selbstaufhebung des Proletariats. Dennoch gebe es bei Arbeitenden etwas. geprägt von seinen Erfahrungen aus Ungarn. sondern nur in der subjektiven Natur der dem Proletariat zugehörigen Menschen.org 6 arbeitenden Subjekts zu nehmen« (Grenz 1974: 39). Lukács rechnet also nicht. »in der subjektiven Natur der Menschen mit einem Reservat. Während die bürgerliche Theorie und das ihr entsprechende Denken im Fetischismus befangen bleibe. Gleichzeitig weist er aber darauf hin. wenn er zuvor nicht durchschaut und kritisiert wurde. Ein Beamter hingegen verdingliche auch in jenen »Organen. Da das Proletariat mit derartigen Privilegien in der kapitalistischen Klassengesellschaft nicht rechnen könne. Das »menschlich-seelische Wesen« müßte also jenseits der Vermittlung durch die Totalität der Wertform existieren. Lukács streift hier ein prinzipielles Problem der Fetisch. © ça ira 2012 . da es nach einer »doppelt dialektischen Bestimmung« (GuK: 223) zugleich auf der subjektiven Seite die gesetzten Ziele verfehlt. wie Jürgen Habermas meint. die Arbeiterräte im Denken Lukács’ gespielt haben. Pragmatisierungen. sei das proletarische Bewußtsein in der Lage. Andererseits wird er niemals verschwinden. »je tiefer die Verdinglichung in die ›Seele‹ des seine Leistung als Ware Verkaufenden reicht« (ebd. Lukács führt.). daß der Schein immer schwerer zu durchschauen wird. aber durch Analyse der Ware als fetischistisch erkannt werden kann. Beim Proletariat sei die Verdinglichung jedoch in reiner Form vorhanden. das nicht zur Ware verwandelt wird. aber im entscheidenden Punkt doch anders dar. ausgegangen werden muß. 361) zu erkennen. Zur weiteren Begründung. weist sein früherer Assistent István Mészáros hin (1972a: 10). bleibt unklar. verhalte es sich so. führt Lukács. Dieses Erkennen kann nach Lukács aber nur »in der und durch die Aufhebung« (ebd. Was der Unterschied zwischen der »Seele« und dem »menschlich-seelischen Wesen« sein soll. Für die Kritik an dieser Gesellschaft heißt das. Die Angehörigen des Proletariats könnten sich gegen ihr verdinglichtes Dasein »innerlich vollkommen objektivieren«. Anders als beim Proletariat würden bei ihm auch seine Gedanken und Gefühle von der Verdinglichung erfaßt.isf-freiburg. warum das Proletariat zur Erkenntnis und Überwindung der Verdinglichung in der Lage sei. die nicht nur falsches Bewußtsein. da das verdinglichte Bewußtsein einerseits zugleich subjektiv richtig und objektiv falsch ist.und Kapitalkritik: Einerseits ist der Fetischismus der bürgerlichen Welt gesamtgesellschaftlich wohl tatsächlich nur dann vollständig zu erkennen. »den Mensch als Kern und Grund der versachlichten Beziehungen« (ebd. das gegen Verdinglichung resistent ist« (Habermas 1981: 491).www. das Beamtentum hingegen nicht. Bei Nichtproletariern schreitet die Verdinglichung für Lukács bis zur Verdinglichung der »Seele« fort. Für Lukács stellte sich diese Frage durchaus. 356). sondern materielle Realität ist. Klassenbewußtsein meint bei Lukács nie »das tatsächliche Bewußtsein einer Klasse.

).). müßte die methodische Fixierung auf die Empirie durchbrochen und durch die Orientierung auf die sozialen Prozesse. Nur mittels der Kategorie der Totalität ist die Erkenntnis der Wirklichkeit nach Lukács möglich.).www. von der her sich die fetischhaft erstarrte Oberfläche. Die empirische Tatsache gilt dem bürgerlichen Denken als höchstes Gut wissenschaftlicher Erkenntnis.isf-freiburg. 246). daß der grundlegende Unterschied zwischen marxistischer Kritik und bürgerlicher Theorie nicht darin besteht. Lukács hingegen löst »die hegelsche Kategorie der Totalität in eine von der Sache abgelöste Methode« (Breuer 1985: 16) auf. Der Zins erscheine diesem Denken als die ursprüngliche Form des Kapitals. Herv. kein Problem mehr dar. daß die Kategorie der Totalität bei ihm von jeder Empirie getrennt wird. aus der sich die anderen Formen ableiten. »daß das Handeln … auf die Veränderung des Ganzen gerichtet ist« (ebd. In den empirischen Tatsachen sind die gesellschaftlichen Verhältnisse aber bereits erstarrt. das Ensemble unmittelbar gegebener Dingformen als ›Schein‹ bestimmen läßt. Die Tatsachen sind selbst verdinglicht und zugleich verdinglichend. deren Hervorhebung er später selbst als großes Verdienst von Geschichte und Klassenbewußtsein bezeichnet hat (vgl. Gegen das empiristische. Die gedankliche Reproduktion der Wirklichkeit führt zur Erkenntnis der konkreten Totalität. Auf Grund seiner alltäglichen Erfahrungen würde das Proletariat von der grundlegenden Beziehung von Kapital und Arbeit ausgehen und alle anderen Fetischformen des Kapitals aus der Zirkulationssphäre auf die Produktion und auf die in ihr stattfindende Ausbeutung rückbeziehen. da der Begriff der Totalität nur im Kontext der Kritik der politischen Ökonomie Sinn macht und von Marx auch stets so verstanden und verwendet wurde (Cerutti u. ebd. der sich bis heute vor allem für Wirtschaftspolitik glaubt interessieren zu müssen. Damit setzt er sich nicht nur in Gegensatz zur bürgerlichen Theorie. Lukács betont. Für das Proletariat sieht Lukács durch seine Konfrontation mit der tatsächlichen Quelle der Wertverwertung in der Produktion eine mögliche »Perspektive auf das vollkommene Durchschauen der Verdinglichungsformen« gegeben (ebd. 1977: 9). Die Prozeßhaftigkeit ist verschwunden. als eine Einheit mit gewaltsam vermittelnden Prinzipien. sondern darin. Um die Verdinglichung zu überwinden. Die konkrete Totalität ist für Lukács die »eigentliche Wirklichkeitskategorie« (GuK: 181). 371). erst durch die vollendete Emanzipation aufhebbare Differenz zwischen tatsächlichem und objektiv richtigem. ersetzt werden. Wie der Herausgeber seiner Werke richtig anmerkt. Ausgehend von der Fetischform des Kapitals in seiner mystifiziertesten Form sei dem bürgerlichen Denken das Verständnis der Verdinglichung damit von vornherein verwehrt. das erst als solches zu Klassenbewußtsein wird. welche die Tatsachen erst schaffen. sondern in der »Herausarbeitung jener ›höheren Wirklichkeit‹. sondern beharrt auf einem dialektischen Zusammenhang zwischen Falschem und Wahrem: »das ›Falsche‹ ist zugleich als ›Falsches‹ und als ›Nicht-Falsches‹ ein Moment des ›Wahren‹« (GuK: 169). Von dieser Prämisse ausgehend stellt eine permanente. Orig. seien ihm auch die mystifiziertesten Fetischformen am nächsten. in bloßen ›Reflexionskategorien‹ verharrenden Bewußtseins« (Breuer 1977: 92f. Das Wesen der marxistischen Methode besteht für Lukács nicht in der permanenten Suche nach einem in der Geschichte vorherrschenden ökonomischen Motiv. daß es »die Verdinglichung auf die letzte Spitze« treibe und »eben aus diesen ›Tatsachen‹ seinen höchsten theoretischen und praktischen Fetisch bilden muß« (ebd. daß die marxistische Kritik immer in bezug auf die Totalität formuliert wird. i. also »wahrem« Bewußtsein. Sie weist permanent darauf hin. Daran hat das bürgerliche Denken aber kein Interesse.org 7 Gesellschaft exekutiert. Hier zeigt sich einer der zentralen Unterschiede zwischen Korsch und Lukács. 370. Alfred Schmidt hat bemerkt. sondern ebenso zum positivistischen Vulgärmarxismus. Durch die Verdinglichung erscheint die Realität aber nicht als Totalität. Da das bürgerliche Denken an den offensichtlichen Tatsachen klebt. woraus sich erkläre. daß das zu einer Inhaltslosigkeit der Kategorie führt. Einen der Hauptgründe für das Scheitern des bürgerlichen Denkens bei der Überwindung der Verdinglichung sieht Lukács im ausgeprägten Empirismus dieses Denkens. a. Auch wenn Lukács von konkreter Totalität redet. ist es richtig darauf hinzuweisen. hat bei Korsch die Kategorie der Totalität »niemals © ça ira 2012 . Der Festgefügtheit der empirischen Tatsachen gegenüber »erscheint jede Bewegung bloß als eine Bewegung an ihnen.). daß der Marxismus der Ökonomie Priorität einräume. 360). sondern als eine »Vielheit von voneinander selbständigen Dingen und Kräften« (ebd. jede Tendenz auf ihr Verändern als bloß subjektives Prinzip« (ebd. als Ausdruck eines falschen. auf die scheinbar voraussetzungslosen Tatsachen fixierte Denken setzt Lukács die Kategorie der Totalität. Zugleich ist die Zentralität der Kategorie der Totalität für die Kritik eine relativ zuverlässige Barriere vor dem Reformismus und der Affirmation. 22f. Lukács beschränkt sich aber nicht auf den Hinweis auf die Widersprüchlichkeit von richtig und falsch bezüglich des Bewußtseins.

Dieser Gleichzeitigkeit von Unterminierung und Ausbreitung des Fetischismus entspricht nach Lukács die Gleichzeitigkeit von der Verbesserung der Möglichkeiten für das Proletariat. die Verdinglichung zu überwinden. ist bei Lukács nicht zwangsläufig der Fall. Daß diese Möglichkeit nicht zur Wirklichkeit wird. 397) zu beobachten. »daß die Entwicklung des Ganzen in seiner inhaltlichen Fülle damit überflüssig gemacht worden wäre« (ebd.org 8 die Qualität des ›idealistisch spekulativen Systemgedankens‹ angenommen wie … bei … Geschichte und Klassenbewußtsein. und die Zunahme der Gefahr. Der Vorwurf von Oskar Negt.www. ist nochmals hervorzuheben. 440). daß sich das Proletariat den entleerten Fetischen völlig unterwirft. Für Korsch bedeutete Totalität eine Totalität aus Bewußtsein und Wirklichkeit. der von der Existenz des Proletariats zur Entwicklung von Klassenbewußtsein im Sinne von Defetischisierung führt. als mit Willen und Persönlichkeit begabtes Kapital und damit auch in seine ausbeuterische Funktion – und nur das wäre Selbsterkenntnis. »in den ökonomischen Formen nicht nur rein fetischistische Beziehungen zu sehen. Diese lichten Momente ändern aber nichts an der grundsätzlichen »Blindheit der Totalität gegenüber« (GuK: 402). Die Bourgeoisie wird nach Lukács in Krisen mitunter gezwungen.). denen sowohl das Proletariat als auch die Bourgeoisie im Normalfall verhaftet bleiben. braucht man nur den bei Lukács folgenden Satz anzuführen. wie auch beim Proletariat Selbsterkenntnis nur heißen kann. Daß die Träger der Ware Arbeitskraft sich über ihr warenförmiges Dasein bewußt werden. in dem er festhält. die der Kapitalismus geschaffen hat« (ebd. daß Lukács keinerlei Automatismus behauptet. »wenn die Verhältnisse der gegebenen Gesellschaft und die Machenschaften des Klassenfeindes untersucht werden«. sondern sich aus den alltäglichen. das Platzen ihrer Kruste vor innerer Leere –. sondern nur eine Möglichkeit. Lukács’ Klassenfetisch Bei aller Problematik einer Konstruktion eines Erkenntnisprivilegs einer bestimmten Klasse.isf-freiburg. geht« (Negt 1981: 50). 354). daß aus der Zentralität des Kapitels über den Fetischcharakter der Ware keineswegs folgt. … und andererseits zugleich ihr quantitatives Zunehmen« (ebd. Hier stellt sich die Frage. daß der Bourgeoisie durch die akute Krise aufgenötigt wurde. aber er tendiert dazu. »wenn es um das historisch verändernde Subjekt. Korsch habe einen konsequenten Materialismus vor allem dann praktiziert. Einerseits sei in Krisenzeiten »die zunehmende Aushöhlung der Verdinglichungsformen – man könnte sagen. das an vielen Stellen bei Lukács zu einem Erkenntnismonopol gesteigert wird. sich hingegen idealistischen Projektionen zugeneigt. also die Einsicht in seine Funktion als ökonomische Charaktermaske. die Arbeiterklasse selber. Das bißchen Klarheit. die Verdinglichung teilweise zu durchschauen. die gedankliche wie praktische Loslösung von den Fetischen der kapitalistischen Warenproduktion und der staatlichen Ordnung voraussetzt. warum die Selbsterkenntnis des Kapitalisten. bleibe eine »Klarheit für den ›internen Gebrauch‹« (ebd. schloß Lukács nicht ganz aus. die Fetischkritik auf die Kritik des Fetischcharakters der Ware zu reduzieren. Die Spezifik der Ware Arbeitskraft führt also nicht von sich aus zur Selbsterkenntnis seiner Träger. wo der Geltungsanspruch der ›Erkenntnis‹ auch über die empirische Geschichte hinaus vertreten wird« (Buckmiller 1993: 75). also die innerliche wie äußerliche. Lukács reduziert nicht das Marxsche Werk auf die Fetischkritik. trifft sehr viel eher auf Lukács als auf Korsch zu. Gerne wurde Lukács auf Grund des oben zitierten Satzes zur Zentralität des Fetischabschnitts eine unzulässige Reduktion des Marxschen Werkes und Denkens auf die Fetischkritik vorgeworfen. Für das Proletariat erblickt Lukács eine widersprüchliche Entwicklung bezüglich des Fetischismus in Krisensituationen. was die Loslösung von den »Lebensformen. sondern dem Zusammenhang zwischen Ökonomie und menschlicher Bedürfnisbefriedigung ins Auge zu blicken«. Alle Versuche. andererseits würden die Fetische zunehmend versagen. Einerseits potenziere sich die Verdinglichung. sondern schafft nur die Voraussetzungen dazu. Für Lukács ist die Selbsterkenntnis des Proletariats zugleich die Erkenntnis der gesamten Gesellschaft. sich als © ça ira 2012 . fetischistischen Bewußtseinsformen speist. Unter bestimmten Bedingungen sehe sie sich genötigt. als Personifikation ökonomischer Verhältnisse. wobei das Bewußtsein in der Regel gerade kein Klassenbewußtsein im Sinne Lukács’ ist. verweist Lukács in das Reich der Mythologie. zwischen gesellschaftlichem Sein und selbstbewußtem Bewußtsein einen Automatismus am Werke zu sehen. Mit den ausführlichen Darstellungen zum Fetischismus und zur Mystifizierung im dritten Band des Kapitals und in den Theorien über den Mehrwert befaßt sich Lukács nicht explizit. Das größte Problem bei Geschichte und Klassenbewußtsein besteht im Erkenntnisprivileg des Proletariats. Um diesen Vorwurf zu entkräften.

sondern als Kommunisten. gründet in der Fähigkeit zur Erfahrung. sind nicht jene von voraussetzungslosen Subjekten. Warum das so ist. daß die Bourgeoisie an den am meisten entwickelten Fetischformen haftet. sondern von gesellschaftlichen Charaktermasken. bedeutet noch nicht. Davon zeugt beispielsweise die Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland. Mészáros 1972b: 136. Für gewöhnlich sind eher Arbeiter als Kapitalisten für nicht-fetischistische Denkformen empfänglich. daß es den einen »gut« und den anderen »schlecht« geht. Lukács’ Begriff des objektiven Interesses meint aber mehr. wie Lukács sie vornimmt. die sich hier artikulieren. liegt auf der Hand. Das Proletariat kann sich seine in Form der Vorenthaltung der Bedürfnisbefriedigung real erlebbare Ausbeutung sehr gut durch die zu hohen Zinsen und die zu hohen Preise in der Zirkulationssphäre erklären. die dem Lukácsschem Erkenntnisprivileg des Proletariats huldigen und sich keine Sekunde für den historischen Bruch interessieren. Die Bourgeoisie kann hingegen in Krisensituationen sehr schnell eine Ahnung von der Abhängigkeit des zinstragenden Kapitals von der Mehrwertabpressung in der Produktion erhalten. Ist die Totalität als fetischistisch konstituierte begriffen. Genau hier setzt die Antisemitismustheorie der Kritischen Theorie ein. 5 6 Auch sechs Jahrzehnte nach Erscheinen der Dialektik der Aufklärung lassen sich in der marxologischen Literatur Ausführungen finden. Die Verwirklichung der Emanzipation kann demnach nicht die Verwirklichung eines Klasseninteresses sein. daß die Verantwortlichkeit der Zirkulationssphäre für die Ausbeutung »gesellschaftlich notwendiger Schein« (Horkheimer/Adorno 1944/47: 183)5 ist. das sich einen Begriff von der Differenz von Wesen und Erscheinung machen muß. streng genommen auch nur ein systemimmanentes Interesse verstanden werden kann.isf-freiburg. während Marx vor allem den objektiven Charakter von Verdinglichung und Fetischismus hervorhebt. Ob diese anderen Voraussetzungen aber auch tatsächlich bessere sind. © ça ira 2012 . kann aber nur im Wege des Denkens begriffen werden. aber keineswegs durch diese determiniert. wenn sie darauf verweist. muß bezweifelt werden.org 9 objektiven Bestandteil des Kapitalverhältnisses zu begreifen und daher die eigene Abschaffung im Sinne einer Emanzipation zum selbstbestimmten und mündigen Individuum zu betreiben – nicht auch zugleich Erkenntnis der gesamten Gesellschaft bedeuten würde? Daß das Proletariat auf Grund seiner Stellung im Produktionsprozeß von anderen Voraussetzungen ausgeht als Nicht-Proletarier. Die Wahrnehmung.6 so ist doch vor dem Hintergrund der Marxschen Fetischkritik eine »Klassenbewußtseinstheorie durch eine an Hegel angelehnte Konstruktion eines ›identische(n) Subjekt-Objekt(s) des gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses‹ … gerade nicht vorstellbar« (Kerber/Schmieder 1997: 91). deren unmittelbares Ziel es nur sein kann. sondern nur die Überwindung von Klassen und ihren Interessen. den der Nationalsozialismus bedeutet hat: »Die unterschiedliche Positionierung von Klassenakteuren beeinflusst also die Formierung von Einstellungsmustern. daß die ihm Zugehörenden tatsächlich auch von der Produktion ausgehen und alle scheinbar unabhängig von der Produktionssphäre existierenden gesellschaftlichen Formen auf die Produktion rückbeziehen. nicht den Kommunismus. sondern der Aufbau des Sozialismus impliziert den Abbau der Arbeiterklasse: Revolutionäre Subjekte »organisieren sich nicht als Arbeiter. während das Proletariat auf Grund seiner physischen Anwesenheit bei der Wert. Ohne Zweifel sind Klasseninteressen in den realen sozialen Gegebenheiten begründet.www. läßt sich nicht sagen. Die Arbeiterklasse kann nicht den Sozialismus aufbauen. obwohl als objektives Interesse. Völlig zu Recht fragt Joachim Bruhn angesichts solcher mit Geschichtsvergessenheit wohl nur unzureichend charakterisierten Ausführungen: »Und wovon zeugt dann – ›beispielsweise‹ – die Deutsche Arbeitsfront? Die Volksgemeinschaft?« (Bruhn 2008: 72). Er unterstellt dem objektiven Interesse des Proletariats einen Emanzipationscharakter. ist zwar nicht unabhängig von der Klassenlage der Denkenden. Das resultiert vor allem aus Lukács »Betonung der Subjektseite der Verdinglichung durch ihre Anerkennung als psychische Struktur« (Grenz 1974: 40). wo bald nach der Veröffentlichung des Kapital die zentralen Einsichten der Kritik der politischen Ökonomie breit rezipiert wurden« (Gallas 2006: 320). nahelegen. das nur aus den sozialen Gegebenheiten hergeleitet wird. da es diese Interessen selbst konstituiert. Mit der Postulierung eines objektiven Klassenbewußtseins des Proletariats stellt sich Lukács gegen die Marxsche Vorstellung von der klassenübergreifenden Kraft des Fetischismus. die eine Unterscheidung zwischen zugerechnetem und tatsächlichem Bewußtsein. Dieses Denken. Das Kapitalverhältnis kann nicht durch die konsequente Wahrnehmung von Interessen aufgehoben werden. Vgl. Auch wenn sich im gesamten Werk von Marx verstreut Formulierungen finden. Mészáros sieht zwischen Lukács und Marx in diesem Punkt Übereinstimmungen bis in die Terminologie. Der Wille und das Interesse. daß das Proletariat mit der Produktion unmittelbarer konfrontiert ist. Allein die Tatsache. Lohnarbeiter als Lohnarbeiter wollen mehr Lohn.und Mehrwertproduktion unmittelbar mit dem noch relativ leicht zu durchschauenden Warenfetisch konfrontiert ist.

Bereits Mitte der 1920er-Jahre war der Widerspruch zwischen dem zugerechneten Klassenbewußtsein und dem tatsächlichen Bewußtsein des Proletariats. und erst post festum zur Einsicht in die Notwendigkeit dieser Entscheidungen … kommen kann« (Cerutti u. zwischen dem weltgeschichtlichen Auftrag.org 10 das Arbeiter-Dasein für immer abzuschütteln« (Kurz/Lohoff 1989: 27). die ein kommunistischer volonté général ist. Die Proletarier werden bei Lukács gewissermaßen in ihr empirisches Dasein und in ein nur gedachtes Ideal aufgespalten. Von dieser Rückbesinnung ausgehend rekurriert Korsch auf eine potentiell revolutionär orientierte Subjektivität bei den Individuen in der kapitalistischen Gesellschaft. der gleichsam immer diesen Entscheidungen unterworfen ist. positive und negative Dialektik. Kritik formulieren und ein Interesse an emanzipativer Aufhebung und Abschaffung artikulieren: ein »seiner eigenen Konstitution wie Logik gemäß ins Nichts sich aufhebender antagonistischer Anti-Souverän der zum revolutionären Subjekt sich assoziierenden Individuen« (Bruhn 1998: 21). Braunstein 2011: 72). sondern auch Korsch stand vor der grundsätzlichen Frage. Ein revolutionäres Subjekt kann daher auch nicht in Gestalt einer Klasse existieren. warum die in der Theorie stets behauptete Notwendigkeit (verstanden im Sinne von Zwangsläufigkeit) der Revolution nicht schon längst Wirklichkeit geworden war. ausschließlich in Verbindung mit dem Proletariat gedacht wird. Geschichte und Klassenbewußtsein mit seiner Rückbesinnung auf die Kategorie der Totalität. Schon Adorno hat nachdrücklich darauf verwiesen. © ça ira 2012 . gesellschaftliche Totalität und Proletariat nochmals zusammengedacht. die denkbare Aktionen ermöglichen. den das Proletariat von Marx erhalten hatte und den es von Lukács in Erinnerung gerufen bekam. teilnimmt. wie sie aus dem Kapitalverhältnis selbst entspringen. Korsch vermeidet damit die bei Lukács mal mitschwingende.a 1977: 20). seine Vorstellung eines »zugerechneten« Klassenbewußtseins letztlich auch beruht (Behrens/Hafner 1993: 93). mal konstitutive Geschichtsphilosophie. die eine Systemtransformation herbeiführen könnten« (Kerber/Schmieder 1997: 105). Das Proletariat bekommt so ein objektives Interesse zugeschrieben und wird zum scheinbar naturhaften Motor der Emanzipation.isf-freiburg. nicht allein einer Klasse. »die Analyse solcher gesellschaftlichen Situationen. Was Lukács mit Geschichte und Klassenbewußtsein hingegen noch einmal versuchte. und dem tatsächlichen Desinteresse großer Teile des Proletariats an einer revolutionären Vollendung der menschlichen Emanzipation so groß. daß das. so wäre sie keinen Schuß Pulver wert« (zit. Als empirisches Individuum ist er ein kommunistischer bourgeois. was in der Methode antizipiert wird – die sich selbstbewußt produzierende und reproduzierende Gesellschaft –. Die Identifizierung der Totalität mit dem Proletariat. Um dem objektiven Interesse des Proletariats den Willen zur Revolution zu implantieren. das dieses Antizipierte in der Praxis erst noch umzusetzen hat. Nicht nur Lukács. Bei Lukács kommt es zu keiner Vermittlung zwischen dem »Prozeß der Defetischisierung in den individuellen Lebenslagen der Proletarier« und »der theoretischen Defetischisierung durch die revolutionäre Theorie selbst« (Lohmann 1983: 262 f. Es wird zum Fetisch. ohne jedoch eine Klassenbewußtseinstheorie nach dem Lukácsschen Muster auszuarbeiten. n. also die Aufhebung von Kapitalverwertung und staatlicher Herrschaft. Geschichte und Klassenbewußtsein ist der letzte ernstzunehmende Versuch. Bei Lukács werden Dialektik als kritische Methode. Dennoch ist es richtig. Hans-Jürgen Krahl hat diese Spaltung bei Lukács in Anlehnung an Marx’ Unterscheidung in Bourgeois und Citoyen aus dem Text Zur Judenfrage treffend charakterisiert: »das intelligible Subjekt der kommunistischen Gesamtpersönlichkeit ist [bei Lukács] gleichsam ein kommunistischer citoyen. sondern nur als Summe jener unzufriedenen und leidenden Menschen. auf denen sein Begriff des objektiven Interesses. Die Rückbesinnung auf die Marxsche Fetischkritik war dafür naheliegend. die in Reflexion auf die gesellschaftlichen Zwänge und im Bewußtsein ihrer trotz all dieser Zwänge stets existierenden Freiheit. der mehr können soll als das Proletariat in der Realität kann und will. die in der Kritischen Theorie dann negiert werden wird. der an den Entscheidungen der Zentrale. Die Klasse mit einem zugerechneten Bewußtsein kann nicht mehr aus den materiellen Gegebenheiten in der Gesellschaft bestimmt werden. daß wirkliche Freiheit. sondern allen zugute käme: »Wäre Kritik der Gesellschaft nur das Interesse einer Klasse und nicht das konkrete der Menschheit. äußert sich bei Lukács noch darin.www. auf die Wertformanalyse und die Marxsche Fetischkritik als »Anfang vom Ende des Marxismus als Emanzipationstheorie der Arbeiterklasse« (Koltan 1997: 48) zu begreifen. muß Lukács auf anthropologische und geschichtsphilosophische Voraussetzungen zurückgreifen. Korsch favorisiert die Untersuchung konkreter Möglichkeiten der Intervention. noch einmal zusammen zu zwingen (Scheit 2001: 167).). daß die materialistische Kritik darauf reagieren mußte.

Für die Emanzipation kann das nur bedeuten: »Nach der Wannsee-Konferenz ist jede Rede vom Klassenkampf … Beschönigung und Verdrängung der Geschichte« (ebd. Die Revolution hat den Moment ihrer intensivsten historischen Notwendigkeit verpasst« (ebd. Nach der keineswegs bloß in der nationalsozialistischen Propaganda. kann er auch nicht unberührt bleiben von dem. 1977: 44). Es ist ihm zwar nicht vorzuwerfen. für die Lukács zwar als eine Art Stichwortgeber fungierte. dann war es genau der Tag der WannseeKonferenz.und Revolutionstheorie des traditionellen Marxismus hätte aber auch ohne die Erfahrung des Nationalsozialismus bei Adorno keine Chance gehabt. … Wenn die Revolution jetzt noch stattfinden würde. thematisiert wurde. keine des proletarischen Interesses. nachgetragene Rache. Behrens/Hafner 1993: Diethard Behrens. historisch im Nationalsozialismus auf ganz spezifische Art und insbesondere durch den Antisemitismus Wirklichkeit werden sollte. zugerechneten Klassenbewußtseins des Proletariats rettet er sich in die geschichtsphilosophische Gewißheit. um die Reste jener vom Zwang zu Kapitalproduktivität und Staatsloyalität systematisch beschädigten Mündigkeit zu retten. 26). den offensichtlichen Bruch zwischen Theorie und Praxis »mit einem theoretischen Kraftakt« (Koltan 1997: 48) zu kitten – ein Unterfangen. als Zu-sich-selber-kommen der Klassenherrschaft durch die falsche Abschaffung der Klassen. dessen Aussichtslosigkeit spätestens mit dem Sieg des Nationalsozialismus in Deutschland offen zutage trat. inmitten der falschen Gesellschaft individuelle und gesellschaftliche Selbstreflexion zu ermöglichen. M. Kornelia Hafner: Totalität und Kritik. daß diese Stagnation jedoch nur vorübergehend sein wird.)7. aber nicht für sehr wahrscheinlich gehaltene Möglichkeit. Literatur AGS: Theodor W. Die Klassen. sondern einzig um den Versuch. © ça ira 2012 . die aber im Angesicht der Katastrophe Dialektik dahingehend neu bestimmten. Adorno: Gesammelte Schriften. daß sich in Geschichte und Klassenbewußtsein kaum Kategorien finden. aber nur. in der sich die Klasse im Staat vom Kampf emanzipiert (Bruhn 2004: 26).: Rolf Tiedemann. 1973ff. kurz: als »Pseudomorphose der Klassengesellschaft an die klassenlose« (AGS 8: 390ff. wenn auch: immerhin. In: Diethard 7 Adorno macht angesichts der Katastrophe ein für allemal Schluß mit der Anbetung des Proletariats als überhistorische Geheimwaffe der Emanzipation. die eine Grundbedingung zur Verwirklichung von Freiheit ist.isf-freiburg.org 11 war das Unterfangen. 27). Die Revolution aber blieb aus. wäre das zwar … sehr vernünftig. a. die zum Verständnis der Begeisterung von großen Teilen des deutschen Proletariats für die deutsche Variante des kapitalistischen Antikapitalismus beitragen könnten (Cerutti u. daß er die klassenübergreifende Anziehungskraft des Nationalsozialismus nicht vorausgesehen hat. Neben dieser Parteinahme für die Vermittlung und den daraus resultierenden Interventionen gegen jeden Versuch ihrer barbarischen Aufhebung kann es Gesellschaftskritik nicht um eine Klassenbewußtseinstheorie im Sinne von Lukács gehen. als klassenlose Klassengesellschaft. Frankfurt a. konnte Lukács zur Zeit von Geschichte und Klassenbewußtsein noch nicht wissen. 20 Bde. aber es ist darauf hinzuweisen. daß sich große Teile des Proletariats in der Krise den Fetischen der bürgerlichen Gesellschaft vollkommen unterordnen anstatt sie zu überwinden. was in der Kritischen Theorie als negative Aufhebung der Klassengesellschaft. Damit wird jede positive Geschichtsphilosophie und Dialektik hinfällig: »Denn wenn es in der Geschichte des Kapitals jemals ein Kairos der Revolution gegeben hat. Die kommende Revolution kann keine mehr der Arbeiterklasse sein. Das proletarische Interesse hat sich im Nationalsozialismus mit dem Staat verbündet und sich an das Vernichtungswerk gemacht. Nicht zuletzt aus dieser Erfahrung resultiert eine unbedingte Parteilichkeit gegen jede Art falscher Unmittelbarkeit. Da der für den Traditionsmarxismus konstitutive Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit kein außerhalb jeglicher Geschichtlichkeit existierendes Verhältnis ist. Die Aufgabe der Reflexion des Nationalsozialismus vor dem Hintergrund der Marxschen Fetischkritik stellte sich erst der Kritischen Theorie von Adorno und Max Horkheimer. muß sich eine kritische Theorie der Gesellschaft von der Hoffnung auf die emanzipativen Potentiale des Proletariats endgültig verabschieden. daß sie nur mehr als negative zu haben ist. Wie die von Lukács durchaus in Betracht gezogene. Mit der Konstruktion eines objektiven. Hg. sondern im gemeinsam begangenen Massenmord und im Vernichtungskrieg real vollzogenen Aufhebung der Klassen in der Volksgemeinschaft.www. Lukács sah die Stagnation im revolutionären Prozeß.

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