Transkript

Armin Wolf im Gespräch mit Christopher Clay (Piratenpartei) und Matthias Strolz (NEOS ­ Das neue Österreich)
Montag, 11. März 2013 (Zeit im Bild 2, ORF) ORF TVTHEK Artikel auf neuwal http://tvthek.orf.at/programs/1211­ZIB­2 http://neuwal.com/?p=24728

Bildquelle: Screenshot von orf.at

Armin  Wolf:  Ich  begrüße  jetzt  zwei  Vertreter  der  neuen  Parteien  hier  bei  mir  im Studio.  Von  der  Piratenpartei  –  sie  haben  keinen  Parteichef,  sondern  einen fünfköpfigen  Bundesvorstand.  Und  einer  dieser  Fünf ist  Christopher  Clay.  Guten Abend, vielen Dank fürs Kommen. Herr  Strolz.  Das  war  jetzt  etwas  verwirrend.  Übers  Wochende  mit  dem  Herrn Haselsteiner  und  mit  Ihnen.  Der  Vize­Vorsitzende  des  Liberalen  Forums  –  ihres neuen  Kooperationspartners  –  hat  erst  heute noch erklärt, ich zitiere: “Hinter ihrer gemeinsamen  Wahlplattform  stehen potente Investoren.”  Und  am  Samstag hat er gesagt: “Sie seien die einzige Partei, die ausreichend Budget für einen Wahlkampf bereit  stellen  kann.”  Herr  Haselsteiner  klingt heute  noch sehr  anders.  Wie ist  das jetzt?
Matthias Strolz: Da ist noch sehr viel Zuversicht, die da mitschwingt. Wir haben als  NEOS bisher Spenden  gesammelt.  Aus  der  Bevölkerung.  Es  haben  über  500  Leute  bisher  gespendet.  Wir haben  200.000  Euro gesammelt.  Wir wollen insgesamt  auf ein Budget von einer Million kommen bis  zum   Wahltag.  Und  da  sind  wir  zuversichtlich.  Auch  zuversichtlich,  dass  da  einige größere Beträge   kommen.  Wie  gesagt,  wir  gehen  unseren  Weg  ganz  konsequent  weiter.  Wir  sammeln mitten aus der Bevölkerung. Dort kommen wir her.

Armin Wolf: Also Herr Haselsteiner ist jetzt nicht der potente Investor?
Matthias  Strolz:  Er  hat  ja  heute  gesagt  –  und  das  freut  uns ­, dass er sich vorstellen kann, dass er  etwas   einwirft.  Aber:  Wir   wollen  viele  Spender  haben.   Wir  wollen   weit  über  1.00  Spender haben  bist  zum  Wahltag.  Und  wenn  Haselsteiner  hier  einer  ist,  mit  einem  größeren  Betrag: Wunderbar. Er ist ein ehrenwerter Unternehmer.

Armin Wolf: Aber Herr Haselsteiner wird nicht Ihr Herr Stronach?
Matthias Strolz: Nein, das brauchen wir nicht. Nein.

Armin  Wolf:  Naja,  brauchen  Sie  nicht.  Jetzt  sagt  der  Politikexperte  Hubert Sickinger,  der  Experte  für  Parteienfinanzierungen  in  Österreich:  “Unter  zwei Millionen  kann  man  realistisch  keinen  erfolgreichen  Nationalrats­Wahlkampf machen.” Wo wollen sie zwei Millionen herkriegen?

Matthias  Strolz:  Naja,  das  sehen  wir  anders.  Also,  wir  wollen  eine  Million.   Wir  wissen,  dann haben  wir  nicht einmal  ein  Zehntel  von  den  anderen.  Von  SPÖ und der ÖVP wissen wir, das ist wahrscheinlich  jenseits  der  zehn  Millionen.  Aber  wir  brauchen eine Million, um einen Wahlkampf zu  führen,   wie  in  Österreich  noch  nicht  gesehen  hat.  Er  wird  kreativ  sein.  Er  wird  ganz  stark Ehrenamtliche  miteinbinden.  Wir  sind  eine  Bürgerbewegung.  Wir  sind  jetzt  schon  1.800  Leute fast,  die  sagen: “Ich mache mit!” Wir wollen auf 3.000 Leute  hochfahren. Jeden Tag melden sich Leute.  Und  jeder von  denen  kann  etwas  und  bring das  ehrenamtlich ein. Wir haben über 50.000 Stunden  bisher  ehrenamtlich  von  Rechtsanwälten,  Webdesignern,  alle  möglichen  Berufe.  So wollen wir zum Erfolg.

Armin  Wolf:  Doch  haben  Ehrenamtliche  nicht  die  anderen  Partei  auch?  Der Standard  schreibt heute in einem Kommentar, ich zitiere: “Für Parteien, die keinen reichen  Spender  bei  der  Hand  haben,   ist  eine  Kandidatur  aussichtslos.”  Soweit ich  weiß,  haben  die  Piraten keinen  reichen  Spender  an der Hand. Warum glauben Sie, dass es trotzdem gehen könnte?
Christopher   Clay:  Geld  ist  eine  Abkürzung.  Keine  Frage.  Also   zu  medialer  Öffentlichkeit,  zu Werbung.  Und  in  Österreich  kann  man  sich  mit  Geld  sogar  einen  Parlamentsklub kaufen. Aber, die  Frage  ist  nicht,  wie schnell  man  auf dem Weg unterwegs  ist, sondern, wohin man geht. Und wir  haben  im  letzten  Jahr  schon  sehr  viel  unter  Beweis  gestellt.  Wir  sind auch mehr als sie uns im  Eingangsbericht  reduziert  haben.  Wir  haben  in  Graz  den  Einzug  geschafft.  Wir  haben  unter Beweis  gestellt,  dass  wir  auch  mit  einem  Bruchteil  des  Budgets  von  anderen  Parteien  viel erreichen  können.  Das BZÖ  hatte  eine  hohe  Multiplikation  unseres Budgets.  Und  wir haben den Einzug  geschafft.  Und  sie  nicht.  Also,  wir  haben  über  1.000  Leute,  die  engagiert  und ehrenamtlich  unseren  Weg  gehen.  Und  wenn  er  ein  bisschen  länger ist, dann schreckt uns das nicht  ab.  Weil  unser  Ziel  ist  uns so  wichtig:  Dass wir  mehr  Transparenz,  mehr Mitbestimmung, mehr  Teilhaben  für  alle  Menschen,  mehr  freie  Entfaltung  erreichen.  Dass  ist  den  langen  Weg wert. Auch wenn wir keine Zuversicht auf eine Million haben, wie der Kollege.

Armin  Wolf:  Da  Sie  jetzt  gerne  über  Graz  sprechen,  wo  sie  mit  3  %  irgendwie gerade  noch  hineingekommen  sind,  verstehe  ich schon.  Das  wird  ihnen  aber bei den  Nationalratswahlen  nicht helfen, drei Prozent. Bei den Landtagswahlen waren ihre  Erfahrungen  nicht gut.  In  Kärnten war  es  ein  Prozent und in Niederösterreich 0,05  %. Da waren  sie nur in einem Bezirk und haben gerade 500 Stimmen gekriegt. Was ist denn ihre Erklärung dafür?
Christopher   Clay:  Auch  in  diesem  Bezirk waren  es  ungefähr  1  %.  Der  Weg  von 0  auf  1  ist  der schwierigste Schritt, glaube ich. Der erste Schritt.

Armin  Wolf:  Der  ist  der  leichteste,  sagt  die  Erfahrung.  Es  gibt   ganz,  ganz  viele neue Parteien, die ein Prozent kriegen.
Christopher   Clay:  Die  Frage  ist,  bleiben  sie  bei  1%  oder  ist  es  der  Anfang  von  etwas  ganz großem?  Und  die Piraten  sind seit  den  Grünen  in  den  80er  Jahren die erste Bewegung seit den Grünen,  die  wirklich  von  unten  aus  der  Gesellschaft   kommt.  Wo  es  keinen  Insider  gibt, keinen Masterplan,  keine  Finanzierung. Sondern, die aus einem gesellschaftlichen Umbruch entsteht. In ganz   Europa.  Auf  der  ganzen  Welt.  Wir  dürfen  nicht  vergessen,  Politik  wird  nicht  nur  in Österreich  gemacht.  Und  Teil  einer  globalen  Bewegung   zu  sein  ist  ein  ganz  wichtiger  Vorteil. Wie  gesagt.  Unser  Weg  mag  länger  sein,  aber  wir  gehen  ihn  mit  Überzeugung. Wir  gehen  mit über tausend Menschen.

Armin Wolf: Ihr Wahlziel für den Nationalrat ist noch immer 10 %?
Christopher Clay: Es bleibt auf jeden Fall der Einzug.

Armin  Wolf:  Also,  vor  ein  paar  Wochen  gab  es  noch  ein  Interview  mit  zehn Prozent…
Christopher   Clay:  Optimismus  ist  gut.  Man  muss  sich  hohe  Ziele  stecken.  Unser  Ziel   ist   der Einzug, damit wir Österreich verändern können.

Armin  Wolf:  Sie  reden  auch  von  einer  Zielgröße  von  zehn  Prozent.  Wie  soll  das gehen? In Kärnten, Niederösterreich sind sie nicht einmal angetreten.
Matthias  Strolz:  Wir  haben  immer  gesagt,  wir  konzentrieren  uns  auf  die  Nationalratswahlen. Dafür  haben  wir uns  auch  gegründet.  Und  die  Landtagswahlen:  es wäre noch zu früh  gewesen. Also,  wir   wollen  eine  Kraft  sein,  die  auch  natürlich  in  Österreich  mitanpacken  kann. Wir  wollen den  Stillstand  beenden  in  diesem  Land.  In  wichtigen  Themen  wie  im  Bildungsbereich beispielsweise.  Wir  wollen  die  Korruption  zurückdrängen.   Und  da  braucht  es  einen  kraftvollen Aufschlag.  Und  zwar  auf  Bundesebene.  Und  deswegen  haben  wir gesagt:  Volle  Konzentration auf die Nationalratswahl.

Armin  Wolf:  Und jetzt haben Sie am Samstag beim Parteitag des Liberalen Forums gesprochen,  wo  die  Liberalen  beschlossen  haben,  mit  Ihnen  gemeinsam anzutreten.  Und  Sie  haben dort wörtlich  gesagt: “Unsere  Wahlproramme sind so gut  wie  deckungsgleich”.  Wozu  braucht  man  dann  die  NEOS  überhaupt?  Die Liberalen gibt es ja schon.
Matthias  Strolz:  Wir  sind  inhaltlich  deckungsgleich.  Nur  wir  haben  einen  völlig  anderen  Weg gewählt,  wie  wir  ins  Leben  kamen. Das  LIF  ist  20  Jahre  alt.  Das  ist eine alte ehrwürdige Dame, aus  Parteienleben­Logik.  Und  wir  sind  eine  frische  Bewegung. Das  LIF  hat  Vergangenheit.  Und wir  haben  sehr  viel  Gegenwart.  Und  gemeinsamhaben  wir  sehr  viel  Zukunft.  Wir  freuen  uns, dass  das  LIF   hier  in  eine  Wahlplattform  an  Board  kommt.  Ich  glaube,  wir  sind  eine Bürgerbewegung.  Und  das  ist  eine  Kraft,  wo  auch  das  LIF  fasziniert  ist.  Wir  sind  das spannendste Politprojekt, glaube ich, das in Österreich momentan unterwegs ist. Wir  kommen  von  unten.  Wir  kommen  aus  der  Mitte  des  Lebens.  Und  wir   sammeln  auch  ein breites  Zelt.  Wir  werden  morgen  Leute  vorstellen,  die  im  Bereich  der  Grünen  Wirtschaft  aktiv waren.  Wir   werden  Leute  auch  aus  dem  ÖVP­Kontext  vorstellen.  Leute  guten  Willens  sollen kommen. Wir packen gemeinsam an.

Armin  Wolf:  Aus  dem  ÖVP­Kontext  kommen  Sie  auch  selber.  Ganz  kurz  noch: Was ist das Wahlziel nun tatsächlich für den Herbst?
Matthias  Strolz:  Einzug ins Parlament. Damit wir etwas hebeln können. Und mittelfristig auf zehn Prozent.  Vielleicht  dann  beim  nächsten  Mal.  Auf   vier  Prozent  jedenfalls.  Idealerweise  zehn Prozent. Wir wollen etwas hebeln.

Armin  Wolf:  Herr  Clay,  die  Piraten  hatten  letztes   Jahr  einen  aus  Deutschland kommenden  Höhenflug.  Da  ist ihnen der  Einzug vorallem in  Innsbruck  gelungen. Die  haben  sich  dann  allerdings  wieder   zerstritten  mit  dem  Innsbrucker Gemeinderat.  Jetzt  ist  selbst  in  Deutschland  dieser  Höhenflug  schon  wieder vorbei.  In Niedersachsen  nur  mehr  zwei  Prozent für  die Piraten. Und in Österreich sind  sie  in  Wahlumfragen  kaum  mehr  wahrnehmbar,  sagen  Meinungsforscher. Und wenn man etwas von den Piraten hört, dass sie streiten. Warum ist das so?
Christopher  Clay:  Schauen  Sie.  Wir  sind  keine  Profils.  Das  ist  eine  Stärke.  Wir  sind überzeugt, dass  die  Politik  die  Welt  nicht  mehr  versteht.  Und  das  wirs  sich  nicht  lösen  lassen  mit professionellem  Auftreten.  Man  kann  sich  auch  durchaus  mal  in   der  ZIB verhaspeln.  Das  wird sich  nicht  lösenlassen  von  einem  reichen  Spender.  Sondern,  das  ist  ein  gesellschaftliches Problem.  Und   wir  sind  die  einzigen,  die  intern  erproben,  wie   bessere  Mitbestimmung funktionieren  kann, wie  komplette  Transparenz funktionieren kann. Und die wirklich etwas Neues

versuchen. Und deswegen sind wir so schnell nicht wieder von der Bildfläche verschwunden.

Armin  Wolf:  Gut.  Heute  waren  Sie  einmal  bei  uns  im  Studio.  Vielen  Dank  für den Besuch. Danke, Herr Strolz.
Matthias Strolz: Danke. Christopher Clay: Danke vielmals für die Einladung.