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I

de Gruyter Lexikon
Methodengeschichte der Germanistik
II
Methodengeschichte
der Germanistik
herausgegeben von
Jost Schneider
unter redaktioneller Mitarbeit von
Regina Grundmann
Walter de Gruyter · Berlin · New York
IV
Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die US-ANSI-Norm
über Haltbarkeit erfüllt
ISBN 978-3-11-018880-5
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Ü
Inhaltsverzeichnis V
Inhaltsverzeichnis
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
von JOST SCHNEIDER
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung . . . . . . . . . . . . . 33
von ALEXANDRE KOSTKA UND SARAH SCHMIDT
Dekonstruktion / Poststrukturalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
von REMIGIUS BUNIA UND TILL DEMBECK
Diskursanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
von ROLF PARR
Editionswissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
von RÜDIGER NUTT-KOFOTH
Feministische Literaturwissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
von SARA LENNOX
Formalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
von ULRICH SCHMID
Gattungstheorie und -geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
von EVA-MARIA SIEGEL
Geistesgeschichte (Ideen- / Problem- / Form- / Stilgeschichte) . 195
von NINA HAHNE
Hermeneutik / Neohermeneutik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
von HILTRUD GNÜG
Intermedialitätsforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
von WOLFGANG BOCK
Intertextualitätsforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
von UWE LINDEMANN
Kulturwissenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289
von BETTINA GRUBER
VI Inhaltsverzeichnis
Leseforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309
von JAN BOELMANN
Linguistische Poetik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323
von ULRICH SCHMID
Literarische Anthropologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337
von LOTHAR VAN LAAK
Literaturpsychologie / Psychoanalytische Literaturwissenschaft . . 355
von JOACHIM PFEIFFER
Literatursoziologie / Feldtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 385
von MARKUS JOCH
Medientheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421
von WOLFGANG BOCK
Mentalitätengeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 447
von BIRGIT NÜBEL
Mythenanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 485
von RALPH KÖHNEN
Narratologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 507
von KARIN KRESS
Nationalistische und rassistische Germanistik . . . . . . . . . . . . . . . . 529
von UWE-K. KETELSEN
Performativitätsforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 549
von HANS RUDOLF VELTEN
Positivismus / Biographismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 573
von HANS-MARTIN KRUCKIS
Rezeptionsästhetik / Rezeptionstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 597
von HANS-EDWIN FRIEDRICH
Semiotik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 629
von DORIS MOSBACH
Stoff- und Motivanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 661
von HANS-JAKOB WERLEN
Strukturalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 679
von KERSTIN KUCHARCZIK
Inhaltsverzeichnis VII
Systemtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 701
von NATALIE BINCZEK
Textwirkungsforschung / Empirische Literaturwissenschaft . . . . 721
von MARGRIT SCHREIER
Thematologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 747
von CHRISTINE LUBKOLL
Werkimmanente Literaturwissenschaft / New Criticism . . . . . . . . 763
von BETTINA GRUBER
Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 777
VIII Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
Einleitung
von JOST SCHNEIDER
I. Zur Methodik der Methodengeschichtsschreibung
I.1 Selektion
I.2 Reihenbildung
I.3 Strukturierung und Anordnung der Artikel
II. Allgemeine Entwicklungsimpulse der Methodengeschichte
II.1 Innovationspostulat
II.2 Distinktionszwang
II.3 Kontextadaption
II.4 Kontingenz
II.5 Praxisbewährung
II.6 Eigendynamik
III. Spezifische Probleme der germanistischen Methodik
III.1 Gelöste Probleme
III.2 Ungelöste Probleme
IV. Literaturverzeichnis
I. Zur Methodik der Methodengeschichtsschreibung
Die Methodengeschichtsschreibung kennt ihre eigenen methodologi-
schen Probleme, die eine kurze Vorbesinnung und Selbstreflexion erfor-
dern: Es sind dies die Selektion und die Reihenbildung sowie die innere
Strukturierung und die Anordnung der Artikel.
I.1 Selektion
Zu den vornehmsten Übungen jeder Methodengeschichtsschreibung
gehört es zunächst, sich über die eigene Terminologie Rechenschaft ab-
zulegen. Im Zentrum des Interesses steht hierbei die Frage, ob man über-
haupt von ‚Methoden‘ sprechen darf und soll. Alternative Kategorien
2 Jost Schneider
stehen in reicher Zahl zur Verfügung: ‚Theorie‘, ‚Ansatz‘, ‚Paradigma‘,
‚Forschungsrichtung‘, ‚Schule‘, ‚System‘, ‚Diskurs‘, ‚Verfahren‘, ‚Arbeits-
stil‘ und viele weitere Begriffe sind diskutiert worden, um zu einer Lö-
sung dieses Problems zu gelangen. Die elaboriertesten neueren Refle-
xionen hierzu
1
haben demonstrieren können, dass eine wissenschaftlich
haltbare Differenzierung immer auf normativen Vorentscheidungen be-
ruht, die ihrerseits expliziert, reflektiert und historisiert werden müssen.
Daraus ist der Befund abzuleiten, dass Selbst- und Fremdwahrnehmung
auch auf diesem Gebiet in der Regel voneinander abweichen. So ist es
zwar möglich, auf der Basis ganz bestimmter Wissenschaftlichkeitskon-
zepte zu der Auffassung zu gelangen, dass der Dekonstruktivismus
keine Methode und erst recht keine vollgültige Theorie, sondern nur ein
Verfahren ist. Doch sobald man das hierbei unterstellte Wissenschaft-
lichkeitskonzept verändert, wird man zu einer ganz anderen, womöglich
gegenteiligen Auffassung gelangen.
Im Rahmen einer systematischen Darlegung ist es zwar sicherlich mög-
lich und wünschenswert, durch reflektierte normative Entscheidungen
zu einer möglichst klaren Definition und Systematik der entsprechenden
Termini zu gelangen und beispielsweise scharf zwischen Theorien und
Methoden zu unterscheiden.
2
Im Rahmen einer Methodengeschichte, wie
sie hier vorliegt, wäre ein solches Verfahren jedoch nicht zielführend,
weil es, sofern es sich überhaupt konsequent durchführen ließe, zu einer
vor-pluralistischen und deshalb anachronistischen (s. u.) Perspektivie-
rung führen müsste. Im Folgenden wird deshalb mit Absicht ein Metho-
denverständnis zu Grunde gelegt, das nicht auf einer vorgängigen Diffe-
renzierung zwischen Theorien, Methoden, Paradigmen usw. beruht,
sondern alle ‚Ansätze‘ zu integrieren versucht, die zumindest von be-
stimmten wissenschaftstheoretischen Positionen aus, die aber nicht die-
jenigen des Herausgebers oder des Artikelautors sein müssen, als Me-
thoden wahrgenommen und bezeichnet worden sind. In den einzelnen
Artikeln sind Hinweise darauf zu finden, welche wissenschaftstheoreti-
schen Positionen dies im Einzelnen sind und von welchen anderen Po-
sitionen aus eine solche Rubrizierung als unpraktikabel und vielleicht so-
gar als skandalös eingestuft wird. Begriffe wie ‚Methode‘, ‚Theorie‘ oder
1
Danneberg, Lutz / Höppner, Wolfgang / Klausnitzer, Ralf (Hrsg.), Stil, Schule, Dis-
ziplin. Analyse und Erprobung von Konzepten wissenschaftsgeschichtlicher Rekonstruktion (I),
Frankfurt a. M. u. a. 2005.
2
Ein aktuelles Musterbeispiel hierfür liefert: Jahraus, Oliver, Literaturtheorie. Theore-
tische und methodische Grundlagen der Literaturwissenschaft, Tübingen, Basel 2004. S. 2–6.
Einleitung 3
‚Paradigma‘ werden hierbei nicht als Ehrentitel, sondern als neutrale de-
skriptive Kategorien verstanden. Und es wird, was nicht in allen Publi-
kationen zu diesem Thema berücksichtigt wird, keine Dominanz der
Neugermanistik unterstellt, sondern auch – soweit dies im jeweiligen
Fall sachlich angemessen ist und soweit es den Artikelverfassern möglich
war – das Feld der Linguistik und der Mediävistik mit einbezogen.
Ferner finden einige Arbeitsgebiete des Faches, die – wie z. B. die Edi-
tionsphilologie oder die Gattungstheorie – zu bestimmten Zeiten maß-
geblichen Anteil an der Fortentwicklung einer oder mehrerer Methoden
hatten, in separaten eigenen Artikeln Berücksichtigung. Es wäre ein Ver-
säumnis, um einer vorgefassten Idee von systematischer Konsequenz
willen diese Arbeitsbereiche nicht mit zu behandeln.
Bei der Auswahl der Lemmata waren auch Sachzwänge zu berücksich-
tigen. Da die einzelnen Artikel dem Konzept dieses Buches gemäß eine
gewisse Mindestlänge erreichen sollten, der Gesamtumfang des Bandes
jedoch naturgemäß begrenzt war, konnten nicht alle relevanten Gegen-
stände aufgenommen werden. Gemeinsam mit dem Herausgeber wer-
den es manche Leser gewiss bedauern, dass beispielsweise keine Artikel
zu Themen wie Metrik, Figurenanalyse, Soziolinguistik oder Computer-
philologie geliefert werden konnten.
I.2 Reihenbildung
So wie die Literaturgeschichtsschreibung „das unübersichtliche Geflecht
der literarischen Kommunikation auf überschaubare Handlungsverläufe
mit einer sehr begrenzten Anzahl von Akteuren und Episoden zu redu-
zieren pflegt“,
3
so neigt auch die Methodengeschichtsschreibung dazu,
‚große Erzählungen‘ (Lyotard) zu produzieren, in denen ‚die‘ Entwicklung
‚der‘ Germanistik als geordnetes Nacheinander von sich ablösenden
Paradigmen dargestellt wird.
4
‚Der‘ Entwicklungsgang der Germanistik
führt dann im Wesentlichen von einer theologisch-altphilologisch ge-
prägten Vor- oder Frühzeit des Faches über die Ära der Nationalphilo-
3
Vgl. Schneider, Jost: Literatur und Text. In: Anz, Thomas (Hrsg.): Handbuch Litera-
turwissenschaft. Bd. 1. Gegenstände und Grundbegriffe. Stuttgart, Weimar 2007. S. 1–23.
Hier: S. 21.
4
Wichtigste Beispiele hierfür: Anz, Thomas (Hrsg.): Handbuch Literaturwissenschaft.
Bd. 3. Institutionen und Praxisfelder. Stuttgart, Weimar 2007. S. 1–190; Hermand, Jost:
Geschichte der Germanistik. Reinbek bei Hamburg 1994.
4 Jost Schneider
logie und die Epoche der Geistesgeschichte hin zu den Innovationen der
1960er- und 1970er-Jahre. Eine graphische Veranschaulichung der Argu-
mentationsstruktur derartiger Darstellungen würde eine Kette ergeben,
von deren Einzelgliedern aus zwar hier und da Nebenwege abzweigen,
die jedoch eine Hauptrichtung, einen Hauptstrom der Entwicklung, er-
kennen lässt. Die der vorliegenden Übersicht zu Grunde liegende Vor-
stellung ist demgegenüber eher die einer Akkumulation. Wir haben es
dabei nicht mit einer Ausdifferenzierung zu tun, wie sie in Gestalt eines
sich immer feiner verzweigenden Baumes graphisch veranschaulicht
werden könnte, sondern mit einer Akkumulation, bei der immer mehr
einzelne Komponenten von außen hinzutreten und sich anlagern.
Die nebenstehende tabellarische Übersicht über die Methoden und
ihre Entwicklungsphasen vermittelt wichtige Aufschlüsse, die nachfol-
gend in einigen zentralen Thesen zusammengefasst werden sollen. Zu-
nächst soll aber kurz erläutert werden, wie diese Tabelle aufgebaut ist:
Die erste Spalte deckt aus Gründen der Übersichtlichkeit den gesamten
Zeitraum vor 1830 ab. Die Vor- und Frühgeschichte der zu diesem Zeit-
punkt vorhandenen und identifizierbaren Methoden reicht bis in die ers-
ten Anfänge der antiken Philologie zurück, wie sie bereits in Rudolf
Pfeiffers frühem Standardwerk History of Classical Scholarship (1968) de-
tailreich beschrieben wurden. Von Xenophanes und Theagenes über die
Sophisten des fünften und vierten vorchristlichen Jahrhunderts und die
große Zeit der athenischen Philosophie bis zur Entstehung der alexan-
drinischen Philologie mit ihren ersten Höhepunkten im Schaffen von
Zenodot, Kallimachos, Eratosthenes, Aristophanes von Byzanz und
Aristarch entfaltet sich bereits in vorchristlicher Zeit ein reiches Spek-
trum an philologischen Praktiken, aus denen sich die Editionsphilologie,
die Hermeneutik und die Gattungslehre als die ersten drei schärfer kon-
turierten Arbeitsgebiete der Philologie herauspräparieren lassen. Erst
später, aber jedenfalls auch noch vor 1830 treten mit den Vorformen
des Positivismus (Entwicklungslinie von Descartes über Condorcet zu
Comte), der nationalistischen Philologie (Moscherosch, Fichte), der
Geistesgeschichte (Hegel) und der Mythen-Analyse (Vico) neue Optio-
nen hinzu, die sich zunächst nicht in expliziten Theorien und Manifes-
ten, wohl aber in konkreten Arbeitspraktiken und Forschungsprojekten
niederschlagen. So steht – um es hier nur an einem ausgewählten Bei-
spiel zu verdeutlichen – „auch die so genannte positivistische Literatur-
wissenschaft in der Tradition der Klassischen Philologie, alles über
Autoren zu sammeln und aufzubereiten, was überhaupt greifbar ist“ (so
Hans-Martin Kruckis in seinem diesbezüglichen Artikel im vorliegenden
Einleitung 5
6 Jost Schneider
Band). Bezeichnet man demnach mit dem Begriff ‚Positivismus‘ nicht
die Programmatik einer strikt anti-spekulativen, faktenorientierten,
szientifischen Philologie, sondern die tatsächlichen Aktivitäten und Pro-
dukte der Scherer-Schule, so kommt man kaum umhin, die Vor- und
Frühgeschichte dieses Ansatzes auf eine Zeit weit vor dem Erscheinen
der einschlägigen Publikationen Scherers und selbst Comtes zurückzu-
datieren.
5
Freilich stellt sich die Frage, ob dann nicht noch in vielen anderen Fäl-
len großzügigere Rückdatierungen möglich und sinnvoll wären. Die
Strukturierung unserer Tabelle trägt dieser ausufernden Problematik in-
sofern Rechnung, als sich die in der letzten Spalte gewählte Abfolge der
Paradigmen nicht an ihrer jeweiligen Gesamtlebensdauer orientiert, son-
dern nur an dem Nacheinander ihrer jeweiligen Durchsetzungs-/Akut-
phasen (dunkelgrau), in denen die wichtigsten Repräsentanten der ver-
schiedenen Methoden und ihre Hauptwerke entstehen und in der
Fachöffentlichkeit diskutiert werden. Sie lassen sich erheblich leichter und
präziser datieren als die davor liegenden Formationsphasen (hellgrau)
5
Details hierzu bei: Weimar, Klaus, Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft bis zum
Ende des 19. Jahrhunderts, München 1989, S. 457–480.
Einleitung 7
und die nach der Akutphase folgenden Perseveranzphasen (mittelgrau).
Die genaue Datierung dieser Formations- und Perseveranzphasen wird
vermutlich auf immer ein Gegenstand wissenschaftsgeschichtlicher Dis-
kussionen bleiben. Der geneigte Leser wird also gebeten, die hellgrauen
Markierungen in der Tabelle mit einer gewissen Benevolenz zu betrach-
ten oder wenigstens dem Herausgeber Glauben zu schenken, wenn er
versichert, dass ihm die Unabschließbarkeit der Auseinandersetzungen
über Beginn und Ende der Formations- und Perseveranzphasen zu Ge-
legenheit vieler Diskussionen mit Kontribuenten dieses Bandes noch
deutlicher bewusst geworden ist, als dies bei Übernahme der Herausge-
bertätigkeit ohnehin schon der Fall war.
In diesem Zusammenhang muss auch die Frage der Stetigkeit oder
Kontinuität angesprochen werden. Wenn sich eine Markierung über
mehrere benachbarte Felder erstreckt, so kann dies nicht bedeuten, dass
in jedem einzelnen Jahr des damit abgedeckten Zeitraumes wichtige Pu-
blikationen zu dieser Methode veröffentlicht wurden. Strenggenommen
dürften also in der Tabelle nur Punkte eingetragen werden, was aber wie-
derum den Nachteil hätte, dass nur das – manchmal wenig signifikante –
Erscheinungsjahr der einem Ansatz zuzuordnenden Hauptwerke und
nicht die sich an die Veröffentlichung anschließende Diskussion in der
Fachöffentlichkeit markiert und verzeichnet wäre. Außerdem wäre damit
nichts über die praktische Anwendung der jeweiligen Methode gesagt,
d. h. es würde ignoriert werden, ob eine Methode ‚fruchtbar‘ ist und z. B.
viele Qualifikationsschriften generiert oder ob das – wofür sich ja durch-
aus Beispiele anführen ließen – nicht der Fall ist. Auch wenn also zwi-
schen den Schaffenszeiten von Schleiermacher, Dilthey, Gadamer und
Frank als den Hauptrepräsentanten der Hermeneutik jeweils mehrere
Jahrzehnte klaffen, so lassen sich doch aus allen dazwischen liegenden
Dezennien in reicher Zahl literaturwissenschaftliche Studien benennen,
die man mit gutem Recht als hermeneutisch bezeichnen kann.
Da in diesem Band konzeptionsgemäß nur solche Methoden berück-
sichtigt werden sollten, die bereits ihre Durchsetzungs-/Akutphase durch-
lebt haben, wurde in der Tabelle für den Zeitraum ab 1990 keine Auflis-
tung der Formationsphasen geliefert. Es ist nicht absehbar, welche der
sich ganz aktuell formierenden Methoden irgendwann eine Durchset-
zungsphase erreichen, d. h. sich etablieren werden. (Im Hintergrund zeich-
net sich hier das diskursanalytische Projekt einer alternativ-tragischen Ge-
schichte jener germanistischen Methoden der letzten 200 Jahre ab, die
niemals über das Stadium der Formationsphase hinausgelangt sind.)
8 Jost Schneider
Versuchen wir aber nun, die angekündigten Thesen zur Methoden-
geschichte der Germanistik aus der Analyse unserer Tabelle zu gewin-
nen. Drei Befunde halte ich für offenkundig und aufschlussreich:
1. Befund: Die Methodengeschichte der Germanistik folgt dem Prinzip
der beständigen Akkumulation.
6
Es treten fortlaufend neue methodi-
sche Instrumente hinzu, die aber am Ende ihrer Durchsetzungsphase
nicht ganz verschwinden, sondern gewissermaßen in der Werkzeugkiste
verbleiben und weiterhin zur Lösung bestimmter Spezialaufgaben be-
nutzt werden. Man könnte auch sagen, dass die Durchsetzungsphase der
einzelnen Methoden durch eine Hypertrophie oder Universalisierung
ihrer Geltungsansprüche gekennzeichnet ist, dass sie sich dann aber in
der alltäglichen Arbeit nur in ganz bestimmten Kontexten bewähren und
auf Normalmaß zurechtgestutzt werden.
So könnte man beispielsweise behaupten, dass die psychoanalytische
Literaturwissenschaft zum Zeitpunkt ihrer Durchsetzung mit höchsten
Erwartungen und Ansprüchen auftrat, jedoch erst nach ihrer Reifung zur
Spezialmethode für die Analyse jener rätselhaften, traumlogisch organi-
sierten Texte und Äußerungen, in denen sich das Unbewusste vernehm-
licher als sonst äußert, (fast) allgemein anerkannt oder wenigstens toleriert
wurde und inzwischen fest etabliert ist. Insofern der Kanon der germa-
nistischen Untersuchungsgegenstände eine Vielzahl derartiger Texte und
Äußerungen enthält und aller Voraussicht nach auch weiterhin enthalten
wird, steht der Fortbestand dieses Ansatzes – sowohl in der Neugerma-
nistik als auch in der Mediävistik und der Linguistik – außer Zweifel, auch
wenn die Diskussionen über dieses Paradigma in ihrer mit den 1990er-
Jahren erreichten Perseveranzphase nicht mehr jene Wogen schlagen, die
wir in den 1970er- bis 80er-Jahren beobachten konnten.
Es scheint nur drei Ausnahmen von diesem Prinzip der fortgesetzten
Akkumulation zu geben, nämlich den Nationalismus/Rassismus, den For-
malismus und die Werkimmanenz. Was den Nationalismus/Rassismus
anbelangt, so muss wohl konstatiert werden, dass das Akkumulations-
prinzip in diesem Fall durch einen massiven Eingriff von außen, d. h.
durch die gesellschaftsgeschichtliche Entwicklung in Gestalt des Natio-
nalsozialismus und seines abrupten Endes in der Katastrophe des Völker-
6
Dies gilt, sofern man – wie hier geschehen – die Methodengeschichte des Faches
nicht nur als Methodengeschichte der deutschen Germanistik, sondern global be-
trachtet, sogar für die Zeit des Nationalsozialismus (Exilgermanistik, Auslands-
germanistik).
Einleitung 9
mordes und des Weltkrieges, tatsächlich außer Kraft gesetzt wurde. Auch
wenn es nach 1945 noch einige Jahre dauerte, bis eine grundlegende
methodologische Erneuerung des Faches in die Wege geleitet werden
konnte,
7
hielten doch Gerhard Fricke, Fritz Martini, Erich Trunz, Benno
von Wiese und viele andere prominente Fachvertreter mit Kriegsende
nicht mehr an ihren politisch äußerst prekären, in der NS-Zeit geäußerten
Vorstellungen fest und begaben sich auf das unverfänglichere Terrain
einer demonstrativ entpolitisierten, ideologische Neutralität beanspru-
chenden Methodik und Programmatik. Und mit dem Auftreten einer
neuen Germanistengeneration wurde dann um 1968 der nationalistisch
(-rassistische) Ansatz endgültig ad acta gelegt.
Für den Formalismus kann im Hinblick auf die stalinistische Kultur-
politik ähnlich argumentiert werden, doch außerdem bietet sich hier die
Möglichkeit, von einem Aufgehen dieses Ansatzes im Strukturalismus,
also gleichsam von einer sofort auf das Ende folgenden Wiederauferste-
hung unter anderer Bezeichnung zu sprechen. Im Falle des New Criticism
und der Werkimmanenz könnte unter bestimmten Gesichtspunkten von
einem partiellen Wiederaufleben unter der Maske des Dekonstruktivis-
mus gesprochen werden,
8
der in seiner konkreten Anwendung nicht sel-
ten an die detailfixierten Lektürepraktiken der Werkimmanenz erinnert.
Doch es soll hier nicht der Versuch unternommen werden, alle drei
Ausnahmefälle wegzudiskutieren. Es genügt das Resümee, dass in mehr
als 90 Prozent aller dokumentierten Fälle kein Absterben und endgülti-
ges Verschwinden einer einmal etablierten und konsolidierten Methode
konstatiert werden kann, sondern dass in aller Regel erhalten bleibt, was
in einer Durchsetzungsphase durchgesetzt wurde und in der alltäglichen
Berufspraxis zumindest in bestimmten Anwendungsgebieten solide Ar-
beitsergebnisse erbringt. Die Bezeichnung einer Methode mag in ihrer
Perseveranzphase aus dem fachöffentlichen Diskurs verschwinden; die
Sache selbst bleibt jedoch in der Regel erhalten.
2. Befund: Die Pluralisierung der germanistischen Methodologie erfolgt
im Wesentlichen in zwei Schüben. Unter Bezugnahme auf die Zahlen-
7
Vgl. Hermand, Jost, Geschichte der Germanistik, Reinbek bei Hamburg 1994,
S. 114–164.
8
Hierzu beispielhaft: Spinner, Kaspar, „Von der Werkinterpretation über die Re-
zeptionsästhetik zur Dekonstruktion“, in: Hans Vilmar Geppert / Hubert Zapf
(Hrsg.), Theorien der Literatur. Grundlagen und Perspektiven, Bd. I, Tübingen 2003,
S. 259–270.
10 Jost Schneider
reihen am unteren Ende der Tabelle und unter Verwendung gängiger
historischer Symboldaten kann deren erster auf die Zeit um 1918 (zwi-
schen 1910 und 1930) und deren zweiter auf die Zeitspanne um 1968
(von 1960 bis 1990) datiert werden.
3. Befund: Diese beiden Entwicklungsschübe sind durch ein deutliches
Unterscheidungsmerkmal von einander abzugrenzen. Unter Einbezie-
hung gesellschaftsgeschichtlicher Kontextfaktoren lässt sich kurz und
bündig konstatieren: Um 1918 wird die Gesellschafts- und Werteord-
nung des bürgerlichen Zeitalters (langes 19. Jahrhundert) durch die neue
Gesellschafts- und Werteordnung des demokratisch-pluralistischen
Zeitalters ersetzt;
9
zeitgleich entwickeln sich zahlreiche neue Methoden,
die offenbar den im Zuge dieser Gesamtumwälzung hervortretenden,
neuartigen Realitätskonstruktionen gerecht zu werden versuchen, die je-
doch zunächst ein Vor- oder Frühstadium (Formationsphase) durchlau-
fen, in dem sie zunächst nur in bestimmten Ländern oder Fachgebieten
rezipiert werden. Erst um 1968, als die Studentenbewegung – teilweise
nolens volens
10
– die ein halbes Jahrhundert zuvor begonnene, durch
den Rückschlag der NS-Zeit zunächst gehemmte Pluralisierung der Ge-
sellschaft gleichsam im zweiten Anlauf endgültig durchsetzt, treten die
meisten der ab 1918 entwickelten neuen Methoden in ihre Durchset-
zungsphase ein, werden also in der Fachöffentlichkeit auf breiter Front
diskutiert und schließlich – bis hin zur institutionellen Etablierung
11

9
Vgl. im Detail: Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, München,
Bd. III: Von der „Deutschen Doppelrevolution“ bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges.
1849–1914. 1. Aufl. 1995; Bd. IV: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung
der beiden deutschen Staaten. 1914–1949. 1. Aufl. 2003; Schneider, Jost, Sozialgeschichte
des Lesens. Zur historischen Entwicklung und sozialen Differenzierung der literarischen Kom-
munikation in Deutschland, Berlin, New York 2004, S. 161–436.
10
Auf die innere Widersprüchlichkeit vieler gesellschaftlicher und wissenschaftlich-
methodologischer Tendenzen dieser Zeit verweisen zutreffend die Beiträge in:
Bogdal, Klaus-Michael / Müller, Oliver (Hrsg.), Innovation und Modernisierung, Ger-
manistik von 1965 bis 1980, Heidelberg 2005.
11
Die deutsche Germanistik verfügte 1850 über 27 Hochschullehrer (einschließlich
Privatdozenten), 1870 über 38 Hochschullehrer, 1890 über 62 Hochschullehrer,
1910 über 87 Hochschullehrer. 1960 gab es dann 151 und 1979 genau 493 deut-
sche Germanistik-Professoren (ohne Fachhochschulprofessoren und ohne Privat-
dozenten). Auch aus institutionsgeschichtlicher Perspektive kann also festgestellt
werden, dass erst um 1968 der wesentliche Ausbau des Faches (und zeitgleich
die Pluralisierung seiner Methoden) stattfand. Zahlenangaben nach: Höppner,
Wolfgang, „Literaturwissenschaft in den Nationalphilologien“, in: Thomas Anz
Einleitung 11
durchgesetzt. An der damit geschaffenen Situation hat sich bis heute
nichts geändert. Aktuell tätigen Germanisten stehen knapp vier Mal so
viele methodologische Optionen zu Gebote wie den Begründern ihres
Faches.
I.3 Strukturierung und Anordnung der Artikel
Da es sich bei dem vorliegenden Band um ein Nachschlagewerk handelt,
wurde den Kontribuenten im Hinblick auf die Verbesserung der Benutz-
barkeit ein bestimmtes festes Schema für den Aufbau der Artikel vorgegeben.
Im Einzelnen enthalten die Artikel jeweils die folgenden sechs Unter-
abschnitte:
1. Definition
2. Beschreibung
x
zentrale Fragestellungen / Grundgedanken
x
wichtige Prämissen
x
spezifische Termini, Schlüsselbegriffe
x
konkrete Analyseverfahren und Vorgehensweisen
x
bevorzugte bzw. besonders geeignete Gegenstände
und Anwendungsbereiche
3. Institutionsgeschichtliches
x
Entstehungszeit und -kontext
x
Umstände der Etablierung und Durchsetzung in der scientific community
x
wichtigste Repräsentanten und Schulen
x
wissenschaftsinterne und -externe Förderer
(Kritiker, Verlage, Zeitschriften usw.)
x
Feindbilder und wirkliche Widersacher
x
ggf. Umstände des Niedergangs, der Ablösung
4. Publikationen
x
wichtigste theoretische Schriften/Manifeste
x
bekannte, vielzitierte, einflussreiche Anwendungsbeispiele
(Hrsg.), Handbuch Literaturwissenschaft, Bd. 3: Institutionen und Praxisfelder, Stuttgart,
Weimar 2007, S. 25–70, hier S. 50; Klausnitzer, Ralf, „Institutionalisierung und
Modernisierung der Literaturwissenschaft seit dem 19. Jahrhundert“, in: Thomas
Anz (Hrsg.), Handbuch Literaturwissenschaft, Bd. 3: Institutionen und Praxisfelder, Stutt-
gart, Weimar 2007, S. 70–147, hier S. 91; Frühwald, Wolfgang, „Germanistik im
Spannungsfeld von literarischer Kritik und Literaturwissenschaft“, in: Gießener
Universitätsblätter, 17/1984, 1, S. 33–44.
12 Jost Schneider
5. Fachgeschichtliche Einordnung
x
wichtigste Leistung, fach-/kulturgeschichtliche Bedeutung
x
wichtigste Defizite, Gegenargumente
x
Nachwirkung
x
unausgeschöpfte Potentiale
6. Auswahlbibliographie
Da es sich bei dem vorliegenden Band um ein Nachschlagewerk handelt,
wurden die Artikel zur Erleichterung der Benutzung alphabetisch sortiert.
Gemäß der Tabelle und den drei oben dargestellten Befunden kann aber
eine Unterteilung in drei Hauptentwicklungsphasen vorgenommen werden:
1) Gründungsphase (bis ca. 1918)
2) Phase des latenten Pluralismus (ca. 1918 bis ca. 1968)
3) Phase des manifesten Pluralismus (ab ca. 1968)
II. Allgemeine Entwicklungsimpulse
der Methodengeschichte
Wie kommt es überhaupt dazu, dass immer wieder neue Methoden ent-
stehen? Was führt dazu, dass bestimmte Methoden zu bestimmten Zeiten
(Durchsetzungs-/Akutphasen) in aller Munde sind? Worauf ist es zurück-
zuführen, dass Methoden plötzlich aus dem Fokus der Wissenschaften
verschwinden (Übergang in die Perseveranzphase), obwohl dies der Sa-
che nach kaum zu rechtfertigen ist? Zur Beantwortung dieser Fragen soll
hier ein Ensemble von sechs relevanten Faktoren präsentiert und analy-
siert werden, die in allen Wissenschaften (in der modernen westlichen
Welt) und so auch in der Germanistik den Gang der Methodenentwick-
lung maßgeblich prägten und prägen. In einem sich dann anschließen-
den Kapitel werden zusätzliche fachspezifische Entwicklungsfaktoren
beschrieben.
II.1 Innovationspostulat
In seinem vielzitierten Werk Die Legitimität der Neuzeit (1966; 1973/74)
hat Hans Blumenberg dargestellt, wie sich bereits in der Frühen Neuzeit
eine Neu- und Höherbewertung der im christlichen Mittelalter negativ
konnotierten ‚curiositas‘ vollzog, die von Nikolaus von Kues und Francis
Einleitung 13
Bacon als ‚theoretische Neugierde‘ (Blumenberg) aufgefasst und zur
Quelle eines wissenschaftlichen Erkenntnisdranges umgedeutet wurde,
dessen Unabschließbarkeit die Unerschöpflichkeit der Natur widerspie-
geln sollte. Seither gilt es als Wesensmerkmal wissenschaftlicher Arbeiten,
dass sie neue Beobachtungen nicht bloß als weitere, detailliertere Bestä-
tigung geoffenbarter oder ‚selbstevidenter‘ absoluter Wahrheiten enthül-
len, sondern ganz neue, eventuell auch horizontverlagernde, ein Umden-
ken erzwingende Einsichten schaffen sollen.
In Promotions- und Habilitationsordnungen findet dieser Gedanke
bis heute seinen direktesten, sinnfälligsten Niederschlag. So dürfte es
kein Zufall sein, dass in den Einleitungen zu wissenschaftlichen Qualifi-
kationsschriften fast immer einige prominente Repräsentanten jener
Methoden (zustimmend) zitiert werden, die sich aktuell in ihrer Durch-
setzungsphase befinden.
Auch in Rezensionen zu wissenschaftlichen Werken schwebt über der
Argumentation in aller Regel die Leitfrage ‚What’s new?‘. Dabei macht
sich die in der Moderne zu konstatierende Veränderung des Wahrheitsbe-
griffes allerdings in irritierender Weise geltend, und zwar insofern, als die
schon um 1789 beim Übergang vom feudalistischen zum bürgerlichen
Zeitalter realisierte Außerkraftsetzung des Konzeptes der absoluten
Wahrheit zu einem Perspektivismus und letztlich im demokratisch-plura-
listischen Zeitalter zu einem Konstruktivismus führte, der es schwierig
macht, zwischen Erkenntnis (‚stabile Konstruktion‘) und Spekulation
(‚wackelige Konstruktion‘) zu unterscheiden. In der Geschichte der
Wahrheitstheorien sind zahlreiche Bemühungen auszumachen, den Weg-
fall des Kongruenzpostulates (adaequatio rerum et intellectus) zu kom-
pensieren: Konsenstheorien fordern die Zustimmung der in einer idealen
Kommunikationsgemeinschaft regelgeleitet argumentierenden Wissen-
schaftler (Beifall der Experten), Kohärenztheorien begnügen sich mit der
Überprüfung der inneren Stimmigkeit eines Konzeptes (stringente Rück-
führbarkeit auf – ihrerseits nicht rein wissenschaftlich begründbare –
Axiome), pragmatische Theorien postulieren die praktische oder wenigs-
tens heuristische Nutzbarkeit der Forschungsergebnisse (medizinische,
technologische, therapeutische, pädagogische usw. Verwertbarkeit).
Rein unter dem Aspekt der Produktivitätssteigerung erweist sich das
Gegeneinander dieser verschiedenen Wahrheitskonzepte durchaus als
fruchtbringend: Zwar ist die Gefahr sehr groß, dass ein methodologi-
scher Neuansatz unter offener oder versteckter, bewusster oder unbe-
wusster Bezugnahme auf ein anderes Wahrheitskonzept von einem Teil
der scientific community in Diskussionen oder Rezensionen zurückge-
14 Jost Schneider
wiesen wird, doch fast genau so sicher ist es, dass ein anderer Teil dieser
community demselben Ansatz Beifall zollen wird, und sei dies auch nur
der eigene, womöglich sorgfältig aufgebaute und gepflegte Zitationszir-
kel. Die Publikationshemmschwelle sinkt unter diesen Voraussetzungen.
Der um 1918 beim Übergang vom bürgerlichen zum demokratischen
Zeitalter postulierte Methodenpluralismus ist heute alltägliche Realität,
und das Innovationspostulat führt unter diesen Rahmenbedingungen zu
einer fortlaufenden Steigerung der Aktivitäten im Bereich der Metho-
denproduktion (Überproduktionskrise).
Mit Thomas S. Kuhn (The structure of scientific revolutions; 1962) und gegen
Karl R. Popper (The logic of scientific discovery; 1935) kann also mit Bezug auf
die konkrete Methodengeschichte der Germanistik nach dem oben Ge-
sagten recht eindeutig festgestellt werden, dass der mit dem Symbolda-
tum 1918 markierte Paradigmenwechsel von der ‚Weltanschauung‘ des
bürgerlichen zu der des demokratisch-pluralistischen Zeitalters offenbar
in maßgeblicher Weise die innere Logik der Forschung überformt und
geprägt hat. Die entscheidenden Wachstumsschübe (wissenschaftliche
Revolutionen) ereignen sich um 1918 und um 1968, d. h. in Zeiten großer
gesellschafts- und mentalitätsgeschichtlicher Umbrüche (Paradigmen-
wechsel). Dabei muss allerdings noch einmal betont werden, dass in der
Germanistik die für das vorherige Paradigma charakteristischen Metho-
den im Gefolge dieses Wechsels nicht von der Bildfläche verschwinden,
sondern einer inneren Modernisierung unterliegen
12
und in Gestalt neu
hinzutretender Methoden eine Ergänzung und damit Relativierung er-
fahren.
II.2 Distinktionszwang
Anders als in der Frühphase der Fachgeschichte sind die Germanisti-
schen Institute der (deutschen und ausländischen) Universitäten heute
so groß und derart pluralistisch besetzt, dass selbst jemand, der nur an
einer einzigen Universität das Fach studiert, mit mehreren verschiede-
nen, unter Umständen sogar inkompatiblen Methoden in Berührung
kommt. Dazu kommt noch der durch Studienortwechsel, Kongress-
besuch, Lektüre oder kollegiale Kontakte entstehende Austausch auch
über Methodengrenzen hinweg, so dass sich der Nachwuchswissenschaft-
12
Dazu: Geppert, Hans Vilmar / Zapf, Hubert, „Vorwort“, in: Dies. (Hrsg.), Theorien
der Literatur. Grundlagen und Perspektiven, Bd. II, Tübingen 2005, S. 3f.
Einleitung 15
ler heute einer Vielzahl von heterogenen Einflüssen ausgesetzt sieht. Da
es vor dem Hintergrund des sich beschleunigenden Methodenwechsels
riskant wäre, sich ganz und ausschließlich als Gefolgsmann des Diskurs-
begründers X oder Y zu präsentieren, und da das Innovationspostulat
auch in methodologischer Hinsicht gegenüber jedem einzelnen Nach-
wuchswissenschaftler geltend gemacht werden kann, bemühen sich heu-
tige Wissenschaftler in der Regel um die Herausarbeitung eines spezifi-
schen Profils, das es ermöglicht, ihnen in Berufungsgutachten oder
Empfehlungsschreiben den Status einer ‚eigenständigen Forscherper-
sönlichkeit‘ zu attribuieren.
Man könnte deshalb durchaus behaupten, dass sich der dem Innova-
tionszwang geschuldete Methodenpluralismus durch die gleichzeitige
Einwirkung des institutionell begründeten Distinktionszwanges heute
bis hin zu einem Methodenindividualismus fortentwickelt hat. Viele Wis-
senschaftler würden demnach für sich in Anspruch nehmen, eine ganz
persönliche Kombination
13
aus drei oder vier Methoden entwickelt zu
haben, wobei es in der Regel sich überkreuzende Loyalitäten gegenüber
methodologisch unterschiedlich orientierten Förderern und Vorbildern
sind, die hierbei eine zentrale Rolle spielen. Tatsächlich ist es nach wie
vor eine ganz ungewöhnliche Seltenheit, wenn ein Assistent sich nicht
als mehr oder minder treuer Diener seiner Herren erweist, sondern me-
thodologisch ganz anders orientiert ist als diejenigen, die seine Master-
Arbeit, seine Dissertation oder seine Habilitation betreut haben und/
oder die seine Ernennung zum Wissenschaftlichen Mitarbeiter, zum As-
sistenten, zum Privatdozenten und schließlich zum Professor beantragt
oder durch Gutachten, Tipps und Kontaktvermittlung unterstützt und
gefördert haben. Obwohl sie selbst nicht als methodologische Innova-
tor/inn/en auftreten und in aller Regel auch gar nicht diesen Anspruch
haben, können die meisten Wissenschaftler/innen deshalb heute mit
Recht für sich in Anspruch nehmen, eine individuelle Mischform aus
drei oder vier Methoden entwickelt und das Methodenspektrum da-
durch um eine weitere Nuance bereichert zu haben. Der Distinktions-
13
Auf dieses Phänomen scheinen die Herausgeber des Bandes Germanistik als Kultur-
wissenschaft zu reagieren, wenn sie in ihrer Einleitung behaupten: „Das Zeitalter des
Methodenstreits scheint vorüber. Die gegenwärtigen ‚Methoden nach den Metho-
den‘ sind eklektizistisch und offen, sie übernehmen Theoreme aus den tradierten
Methoden und ergänzen sie durch neue, bilden aber untereinander auch Über-
schneidungen und Ähnlichkeiten“ (Benthien, Claudia / Velten, Hans Rudolf,
„Einleitung“, in: Dies. (Hrsg.), Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einführung in
neue Theoriekonzepte, Reinbek bei Hamburg 2002, S. 7–34, hier S. 7).
16 Jost Schneider
zwang bewirkt also eine weitere Steigerung des Ausstoßes an Methoden
und Theorien.
Als ein Beispiel hierfür kann der Übergang von der älteren Stoff- und
Motivforschung zur neueren Thematologie genannt werden. Wie die
diesbezüglichen Artikel von Hans-Jakob Werlen und Christine Lubkoll
im vorliegenden Band verdeutlichen, ist der sachliche Unterschied zwi-
schen diesen beiden Ansätzen schwer dingfest zu machen. Doch offen-
kundig spielen hier im Hintergrund prima facie geringfügig erschei-
nende, letztlich jedoch die gesamte wissenschaftliche Grundhaltung und
das berufliche Selbstverständnis prägende Grundanschauungen eine
entscheidende Rolle, die wesentlich mit der Dichotomie Nationalphilo-
logie vs. Komparatistik zu tun haben. Die Thematologie erscheint vor
diesem Hintergrund als die modernere, zeitgemäßere Option, auch
wenn eine detailliertere Analyse zeigt, dass sie teilweise älteren Wein in
neueren Schläuchen zu präsentieren versucht. Auch und gerade auf diese
Schläuche scheint es jedoch im Kontext eines Paradigmenwechsels ganz
wesentlich anzukommen.
II.3 Kontextadaption
Da die Wissenschaft kein geschlossenes oder gar abgeschlossenes System
ist, sondern beständig in Wechselwirkung mit Kultur, Politik, Wirtschaft,
Religion usw. steht, tragen wissenschaftsexterne Einflüsse wesentlich
dazu bei, dass bestimmte Sektoren des reich ausdifferenzierten Metho-
denspektrums zu bestimmten Zeiten mehr in den Fokus des öffentlichen
wie auch des fachöffentlichen Interesses geraten, während andere Sek-
toren dieses Spektrums für kurze oder längere Zeit ein Schattendasein
führen. So steht bei einem Blick auf die eingangs präsentierte Tabelle
wohl außer Zweifel, dass der Nationalismus, die Reformbewegung, der
Faschismus, die Studentenbewegung, die Emanzipationsbewegung und
andere wissenschaftsexterne Denkansätze oder Mentalitätsentwicklun-
gen bedeutenden Einfluss auf die methodologische Entwicklung ausge-
übt und den Fokus auch der Fachöffentlichkeit zeitweise auf gewisse
Probleme und Fragestellungen gelenkt haben.
In den Kategorien der Agenda-setting-Theorie ließe sich dieser Vor-
gang dahingehend deuten, dass zwar die Germanistik ihre eigene, aus der
internen Entwicklungslogik der bisherigen Methodengeschichte durch
idealtypische Extrapolation ableitbare Fachagenda besitzt, dass jedoch
diese spezifische Agenda immer wieder – wie in einer offenen pluralisti-
Einleitung 17
schen Gesellschaft auch kaum anders zu erwarten – durch die Agenda
der Massenmedien, der Kultur- und Wissenschaftspolitiker sowie vieler
anderer ‚Träger öffentlicher Belange‘ überformt wird.
Das berufsethische Grundproblem, ob die Öffnung gegenüber sol-
chen fachexternen Agenden als Bemühung um Relevanzsteigerung
honoriert oder aber ganz im Gegenteil als Verrat am Autonomiepostulat
sanktioniert werden soll, lösen viele Wissenschaftler/innen in der Praxis
erst und nur dann, wenn sich eine konkrete Chance zur Gewinnung
von Aufmerksamkeit in größeren als fachwissenschaftlichen Kontexten
auftut, und zwar in aller Regel im Sinne einer Bejahung der Öffnung.
Obwohl hierin einerseits eine begrüßenswerte, zeitgemäße Steigerung
der Bereitschaft zur wissenschaftsjournalistischen Aufbereitung eigener
Forschungsresultate erblickt werden kann, bleibt doch andererseits die
hierbei feststellbare Passivität und – horribile dictu – auch durch Koope-
ration mit den (überlasteten) Pressestellen der Universitäten nicht in zu-
reichendem Maße kompensierbare Unprofessionalität der entsprechen-
den Vermittlungsaktivitäten ein nicht nur für die Germanistik, sondern
nach wie vor für die meisten Wissenschaften schwer zu lösendes Problem.
Dass wenigstens dann und wann die fachinterne Agenda einmal umge-
kehrt die fach- und wissenschaftsexternen Agenden überformen kön-
nen sollte, ist ein zurzeit noch recht exotischer Gedanke, dessen Rea-
lisierung aufgrund fehlender Ressourcen wohl erst zu erwarten steht,
wenn die Fakultäten der Universitäten es sich irgendwann leisten können
und wollen, spezielle Stabsstellen für Öffentlichkeitsarbeit und Wissen-
schafts-‚Marketing‘ zu unterhalten.
Auch wenn – um hier nur eins von vielen aktuellen Beispielen zu nen-
nen – die Entwicklung der Arabistik, der Islamwissenschaften und
der Orientalistik nach den Anschlägen auf Manhattan und Washington
ab ovo die Hoffnung dämpfen dürfte, dass solche PR-Maßnahmen der
eigenen, fachinternen Agenda größeres Gewicht verleihen können, wäre
es gewiss kurzschlüssig, aus dieser Beobachtung auf die generelle Un-
wirksamkeit derartiger Maßnahmen zu schließen. Da dies alles aber erst
einmal Zukunftsmusik bleibt, kann vorläufig nur konstatiert werden,
dass die Methodenentwicklung der Germanistik bis heute de facto sehr
häufig in erster Linie von fach-/wissenschaftsexternen Instanzen und
Faktoren geprägt wurde.
18 Jost Schneider
II.4 Kontingenz
Als vierter Faktor ist jener mit Bloch oder Musil zu denkende Vorgang
der Möglichkeitsreduktion zu nennen, der aus anderem Blickwinkel als
Kontingenzfaktor beschrieben werden könnte und der dafür sorgt, dass
aus dem Spektrum der zu einem gegebenen Zeitpunkt tatsächlich vor-
handenen Entwicklungsmöglichkeiten jeweils nur eine verwirklicht wird.
Dass beispielsweise Eberhard Lämmert in das Bonner Oberseminar von
Günther Müller aufgenommen wurde und hier die konzeptionelle Basis
für sein Standardwerk über die Bauformen des Erzählens (1955) entwickeln
konnte, ist ebenso ein historischer Zufall wie die Tatsache, dass Wolf-
gang Kayser bereits 1960 verstarb. Wie wäre die Methodenentwicklung
der Germanistik verlaufen, wenn diese beiden historischen Zufälle nicht
eingetreten wären? Die einzige mögliche Antwort auf diese Frage lautet:
anders. Es wären andere Möglichkeiten verwirklicht worden, die aber da-
durch, dass Lämmert bei Müller promovierte und Kayser nicht am Para-
digmenwechsel der 1960er-Jahre partizipieren konnte, gerade nicht zur
Realisierung gelangten.
Es handelt sich bei den hier angesprochenen ontologischen Aspekten
keineswegs um ein Randproblem von bloß theoretischem Interesse, son-
dern um eine für die Darstellung von Geschichtsverläufen sehr wichtige
Frage. Die Glätte und Stringenz vieler Geschichtsdarstellungen resultiert
zu einem großen Teil aus der Skotomisierung des Kontingenten, das in
Verfolgung einer hegelianischen Vorstellung von der Geschichte einer
Sache als Hervortreibung ihres Wesens begründet liegt. In Abgrenzung
von solchen Geschichtsvorstellungen wird in den Artikeln des vorliegen-
den Handbuches auch nach den jeweiligen historischen Quisquilien ge-
fragt, die den Entwicklungsgang einer Methode de facto geprägt haben,
und zwar auch dann, wenn es sich – nach Hegel’schem Verständnis – um
Partikularitäten handelt, die einer historiographischen Dokumentation
prima facie nicht würdig zu sein scheinen. Dazu gehören beispielsweise
die publikations- und institutionsgeschichtlichen Rahmenbedingungen
oder auch die relevanten wissenssoziologischen Data und Fakta wie etwa
die Begründung von Allianzen und Zitationszirkeln, die Organisation
von Gefolgschaftsverhältnissen usw.
Neben der Kontextadaption erweist sich diese ‚Depotentialisierung‘
als zweiter wesentlicher Faktor bei der Entwicklung von Asymmetrien in
der Verteilung der den zu einem gegebenen Zeitpunkt synchron existie-
renden Ansätzen jeweils von der Fachöffentlichkeit, aber auch vom kul-
turell interessierten Publikum im Allgemeinen zugeteilten Aufmerksam-
Einleitung 19
keit. Wie es also konkret im Einzelfall dazu kam, dass von den vielen
Lampen, die der Flamme harrten, gerade diese oder jene angezündet
wurde, soll hier mitbedacht sein, auch wenn gewiss schwer zu ergründen
ist, in welchen Farben die letztlich nicht entzündeten Lampen geleuchtet
hätten.
II.5 Praxisbewährung
Von ausschlaggebender Bedeutung für die Durchsetzungsfähigkeit und
Langlebigkeit einer Methode ist nicht zuletzt der Grad ihrer Fähigkeit,
bestimmte relevante, in der alltäglichen Forschung und Lehre immer
wieder entstehende Probleme auf eine effiziente, praxistaugliche Weise
zu lösen. So können beispielweise im Bereich der Büchner-Edition
Fragen auftreten, bei deren Beantwortung ein positivistischer Ansatz
gute Dienste leistet. Die Analyse der Jugendsprache geht leichter von der
Hand, wenn man mit bestimmten Verfahren der strukturalistischen
Textanalyse vertraut ist. Und das mittelalterliche Oster- oder Fastnachts-
spiel lässt sich in den Kategorien der modernen Performativitätsfor-
schung besser verstehen, als es vor der Entwicklung dieser Methode und
ihres Begriffsinstrumentariums der Fall war.
Allerdings existiert in der Regel ein Widerspruch zwischen der alltags-
praktischen Reservierung der einzelnen Methoden für jeweils ganz be-
stimmte Arbeitsfelder oder Analyseaufgaben einerseits und ihrem– in der
jeweiligen Durchsetzungsphase nicht selten sehr lautstark vorgetragenen –
Universalitätsanspruch andererseits. So beharrt etwa die Dekonstruktion
darauf, dass sich nicht nur polyvalente oder hermetische, sondern letztlich
alle Texte selbst dekonstruieren. Und der hermeneutische Ansatz postu-
liert, dass letztlich alle Sprachkunstwerke einer verstehenden, Textaussa-
gen auf den Begriff bringenden Auslegung zugänglich seien.
In der alltäglichen Berufspraxis scheinen sich jedoch sogar die je-
weiligen Methodenadepten selbst nach erfolgter Etablierung (Ende der
Durchsetzungsphase) in stillschweigendem Einverständnis über diese
Universalitätspostulate hinwegzusetzen und sich weitestgehend auf die
in unmittelbarer Reichweite ihrer Methode(n) liegenden Untersuchungs-
gegenstände und Forschungsfragen zu konzentrieren. Aus dieser Beob-
achtung können interessante Arbeitsprogramme für diskursanalytisch
geschulte Wissenschaftshistoriker abgeleitet werden. Doch hier an dieser
Stelle sei daraus zunächst nur gefolgert, dass es einen unausgesproche-
nen fachinternen Konsens darüber zu geben scheint, welche Instrumente
20 Jost Schneider
bei welcher Operation benutzt werden sollten – und welche anderen
man hierbei besser im Instrumentenkoffer lässt. Das Überleben einer
Methode scheint jedenfalls gesichert zu sein, wenn sie unter Beweis stel-
len konnte, bei der Lösung ganz bestimmter, in Forschung und/oder
Lehre immer wiederkehrender Probleme gute Dienste zu leisten.
II.6 Eigendynamik
Wie jede eingespielte Praxis entwickelt auch die Methodendiskussion
Autonomisierungstendenzen. Auf einer Metaebene kann untersucht und
diskutiert werden, ob in der Abfolge der Methoden allgemeine, abstrakte
Entwicklungstendenzen erkennbar sind, und diese Tendenzen können
geglättet und extrapoliert werden, so dass einerseits aus dem unübersicht-
lichen Neben- und Ineinander der Methoden ein wohlsortiertes Nach-
einander gemacht und andererseits eine Prognostik bezüglich künftiger
Methodenentwicklungen begründet werden kann.
Unterstützt wird dieser Trend durch die akademische Institutionalisie-
rung und Etablierung der Methodologie als einer eigenen Unterdisziplin
der Germanistik mit speziellen Lehrstühlen, Publikationsorganen, Vor-
tragsreihen, Erwähnungen in Studien- und Prüfungsordnungen, Biblio-
graphien usw.
14
Diese Entwicklung ist in der Germanistik inzwischen
dermaßen weit fortgeschritten, dass ohne Zögern von einer durchgrei-
fenden Autonomisierung des Methodendiskurses gesprochen werden
kann, auch im Sinne einer Zunahme an Selbstzweckhaftigkeit dieses Dis-
kurses. Methodologen verstehen sich nicht unbedingt als ‚Dienstleister‘
für ihre Kolleginnen und Kollegen, sondern mehr und mehr als Spezia-
listen mit ganz eigenem Arbeitsgebiet. In der Folge kommt es zu einer
Festigung der eingangs beschriebenen Ausdifferenzierung zwischen den
scharf konturierten ‚Methoden der Methodologen‘ und den makkaroni-
schen ‚Methoden der Praktiker‘.
Dieser Ausdifferenzierungsvorgang kann und darf nicht unter funk-
tionalen oder gar moralischen Aspekten als sinnlos und schädlich diskre-
ditiert werden. Vielmehr ist es anscheinend ein allgemeines, kaum zu un-
terbindendes Symptom aller Bewusstseinsreifung, dass Phänomene nicht
14
Wichtigste Belege hierfür sind wohl die 1972 erfolgte Einrichtung der Arbeitsstelle
für die Erforschung der Geschichte der Germanistik im Deutschen Literatur-
archiv Marbach sowie die 1994 realisierte Etablierung der Arbeitsstelle Fach-
geschichte am Institut für Deutsche Literatur der Berliner Humboldt-Universität.
Einleitung 21
nur bearbeitet werden, sondern dass auch die Art der Bearbeitung reflek-
tiert, diese Reflexion erneut reflektiert wird usf., bis schließlich der Ein-
druck einer weitgehenden Loslösung von den ursprünglich interessieren-
den oder Sorge bereitenden Fragen und Problemen entsteht. Triebfeder
dieser Entwicklung dürfte wieder der oben erwähnte Innovationszwang
sein. Von einem bestimmten Punkt der Diskursentwicklung an ist das
Spektrum der überhaupt artikulierbaren Positionen systematisch erfasst
und beschrieben. Und außerdem ist das Ensemble der bei optimistischster
Kalkulation einigermaßen zustimmungsfähigen Standpunkte irgendwann
ausgeschöpft, so dass – will man keine Extrem- oder Außenseiterposi-
tion übernehmen – nur noch der Weg in die Metaierung bleibt, wenn
man etwas Substanzielles und Neuartiges zur Methodenfrage hervorbrin-
gen will. Da es zudem besonderen Scharfsinn und ausgedehnte Kennt-
nisse erfordert, sich nicht nur zwei oder drei, sondern möglichst alle
Methoden anzueignen, verspricht dieser Weg besonders hohen Distink-
tionsgewinn. So entstehen auf quasi natürliche Weise immer glänzen-
dere, intellektuell brillantere, aber zugleich von der alltäglichen Berufs-
praxis entferntere Methodendiskurse.
Die zunehmende Entfremdung führt dann zu einer Konsolidierung
beider Lager, d. h. zu einer Verhärtung der Positionen. Die Chance der
‚Praktiker‘, ihren makkaronisch-individuellen Standpunkt im Diskurs der
Methodologen geltend zu machen, verringert sich, was sie veranlassen
kann – gelegentlich sogar unter mehr oder minder offener Anverwand-
lung vorwissenschaftlicher Topoi eines hochproblematischen Antiintel-
lektualismus – Theoretikerschelte zu betreiben und sich endgültig in ihrer
Praxis einzumauern. Umgekehrt treibt die frustierende innerfachliche
Resonanzlosigkeit der Methodologen unter Umständen ein outriertes
Avantgardebewusstsein hervor, dessen konsolatorischer Effekt nur
durch Selbstabschottung bewahrt werden kann.
Wenn in den einzelnen Artikeln des vorliegenden Handbuches immer
auch beispielhafte Anwendungsfälle vorgestellt werden, so darf daraus
nicht auf eine naive Vorstellung von Theorie-Praxis-Relationen geschlos-
sen werden. Dass die zum methodologischen Urgestein zu zählende
Hermeneutik ein Füllhorn prominentester Praxisbeispiele ausstreuen
kann, während neuere und neueste Methoden weniger und unbekann-
tere Anwendungsfälle vorzuweisen haben, ist nicht alleine der Ancienni-
tät geschuldet, sondern der im eben dargelegten Sinne nolens volens
größeren Selbstreflektiertheit und Praxisferne neuerer Ansätze, die sich
eben nicht mehr nur als Methoden für die Praxis verstehen können,
sondern immer auch als Methoden für eine unterdessen autonomisierte
22 Jost Schneider
Methodologie präsentieren können müssen. Die Operationalisierung
dieser avancierteren Methoden erfolgt heute im Genre der in immer ra-
scherer Folge publizierten ‚Einführungen‘ in das Studium der Germa-
nistik. Der selbstreflexive und selbstzweckhafte Anteil dieser Methoden
wird darin oft auf irreführende Weise skotomisiert, weil für den Anfän-
ger zunächst nur das unmittelbar Praxistaugliche genug Anschaulichkeit
und Relevanz besitzt, um wahrgenommen zu werden. Die Eigendyna-
mik der Methodengeschichte wirkt also einerseits durch Anziehung, an-
dererseits aber auch durch Abstoßung maßgeblich darauf ein, dass den
einzelnen Methoden in den verschiedenen Sektoren oder Varietäten des
Fachdiskurses zu einem gegeben Zeitpunkt jeweils ein sehr unterschied-
licher Grad an Aufmerksamkeit zuteil wird.
III. Spezifische Probleme der germanistischen Methodik
Zusätzlich zu den sechs gerade beschriebenen allgemeinen Faktoren, wel-
che die Methodenentwicklung aller (modern-westlichen) Wissenschaften
maßgeblich prägen, können einige weitere, für die Germanistik spezifi-
sche Faktoren identifiziert werden. Aus wissenschaftsgeschichtlicher Per-
spektive kann hierbei zwischen älteren, inzwischen gelösten Problemen
einerseits und aktuellen, noch ungelösten Problemen andererseits unter-
schieden werden.
III.1 Gelöste Probleme
Bei ihrer Entstehung im frühen 19. Jahrhundert war die Germanistik mit
drei gravierenden ‚Geburtsfehlern‘ behaftet. Es hat fast zwei Jahrhun-
derte gedauert, diese drei Probleme zu beheben. Trotz vieler Hemmnisse
und Rückschläge ist dies aber schließlich gelungen.
Politisch-ideologische Instrumentalisierung
Wie Uwe-K. Ketelsen in seinem diesbezüglichen Artikel im vorliegenden
Band zeigen kann, ist die Germanistik von ihren ersten Anfängen bis hin
zur Katastrophe des Nationalsozialismus eine in vielerlei Hinsicht ‚deut-
sche‘ Wissenschaft gewesen, die sich zunächst patriotisch, dann nationa-
listisch und schließlich rassistisch gab. Aufgrund personeller Kontinuitä-
ten und da die Ideologiekritik noch in ihrer Formationsphase steckte
und erst um 1968 akut wurde, dauerte es nach 1945 zunächst noch einige
Einleitung 23
Jahre, bis die ‚Nationalphilologie‘ älteren Typs endgültig abgelöst wer-
den konnte.
15
Zurzeit besteht aber glücklicherweise kein Anlass, an der
Endgültigkeit dieses Bruches zu zweifeln. Im aktuellen Methodenport-
folio der Germanistik befinden sich zahlreiche Methoden mit dezidiert
internationaler, komparatistischer Grundorientierung wie etwa Semio-
tik, Systemtheorie, Feldtheorie, Textwirkungsforschung, Diskursana-
lyse, Dekonstruktion, Gender Studies u.v. a. Auch eine deutsch-nationale
Intertextualitätstheorie, Medientheorie oder Thematologie müsste wohl
als Widerspruch in sich selbst bezeichnet werden.
Überschätzung des Gegenstandes
Aus dem Ästhetik-Konzept des Deutschen Idealismus heraus konnte
die Teilhabe an gehobener literarischer Kommunikation bis in die ersten
Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein gelegentlich wie das Nonplus-
ultra menschlicher Existenz dargestellt werden. Liest man bestimmte
Formulierungen aus dieser Zeit – beispielsweise solche aus der Feder
des jungen Friedrich Gundolf –, so könnte man ernsthaft bezweifeln,
ob von ihm überhaupt noch zur Gattung des Homo sapiens gerechnet
wurde, wer nicht die Texte der deutschen Klassiker gründlich durchstu-
diert hatte. Von solchem Überschwang hat sich die moderne Germanis-
tik befreien können. Selbstreflexive Methoden wie die Literaturpsycho-
logie, die Ideologiekritik oder die Rezeptionsforschung einerseits und
betont nüchtern-szientifische Verfahren wie der Strukturalismus, die
Narratologie oder die Semiotik andererseits haben ein solches normati-
ves Denken weitestgehend aus der Wissenschaft verbannt.
16
15
Dazu: Höppner, Wolfgang, „Literaturwissenschaft in den Nationalphilologien“,
in: Thomas Anz (Hrsg.), Handbuch Literaturwissenschaft, Bd. 3: Institutionen und Pra-
xisfelder, Stuttgart, Weimar 2007, S. 25–70, hier S. 64f.; Klausnitzer, Ralf, „Institu-
tionalisierung und Modernisierung der Literaturwissenschaft seit dem 19. Jahr-
hundert“, in Thomas Anz (Hrsg.), Handbuch Literaturwissenschaft, Bd. 3: Institutionen
und Praxisfelder, Stuttgart, Weimar 2007, S. 70–147, hier S. 123–134; Müller, Dorit,
„Literaturwissenschaft nach 1968“, in: Thomas Anz (Hrsg.), Handbuch Literatur-
wissenschaft, Bd. 3: Institutionen und Praxisfelder, Stuttgart, Weimar 2007, S. 147–190,
hier S. 147–152.
16
Selbst neuere Studien zum Verhältnis zwischen Literatur und Wissen, die prima fa-
cie unter erhöhten Normativitätsverdacht zu stellen wären, üben sich in systema-
tischer Selbstrelativierung. Vgl. beispielhaft: Klausnitzer, Ralf, Literatur und Wissen.
Zugänge – Modelle – Analysen, Berlin, New York 2008.
24 Jost Schneider
Antipluralismus trotz faktischer Pluralität
Von der Zurkenntnisnahme des um 1918 entstandenen Pluralismus bis
zu seiner Bejahung hat es ein gutes halbes Jahrhundert gedauert.
17
Jener
wertkonservative Antimodernismus, wie ihn beispielsweise Max Picard
in seinem vielzitierten Buch Hitler in uns selbst (1946) oder Hans Sedlmayr
in seiner Studie Verlust der Mitte (1948) noch in der unmittelbaren Nach-
kriegszeit mit Erfolg propagiert hatten, findet heute nur noch in außer-
wissenschaftlichen, jedenfalls nicht in germanistischen Kreisen und
Kontexten Gehör. Die gegenwärtige Germanistik argumentiert nicht
mehr vom Standpunkt verabsolutierter Wertordnungen aus, sondern
operiert mit dem Grundgestus der Selbstrelativierung und Selbsthistori-
sierung. Wo solche Verabsolutierungen noch aufzutreten scheinen wie
etwa in George Steiners Real presences (1989), werden sie eher als Kurio-
sum denn als ernstzunehmender wissenschaftlicher Einspruch rezipiert.
Auf einer Metaebene muss allerdings konzediert werden, dass die Selbst-
relativierung ihrerseits zum Dogma und damit zur bloßen äußerlichen
Pflichtübung werden kann, wenn ihre Fundierung in der Werte- und Ge-
sellschaftsordnung eines demokratisch-pluralistischen Zeitalters nicht
immer wieder bewusst gemacht wird.
18
17
Rainer Kolk hat mit Recht darauf hingewiesen, dass die Germanistik schon nach
1800 „eine große Bandbreite konkurrierender Wissenschaftskonzepte“ verzeich-
net habe (Kolk, Rainer, „‚Gemischtes Publicum‘. Popularisierung und Vermittlung
wissenschaftlichen Wissens in der Germanistik des 19. Jahrhunderts“, in: Danne-
berg, Lutz / Höppner, Wolfgang / Klausnitzer, Ralf (Hrsg.), Stil, Schule, Disziplin.
Analyse und Erprobung von Konzepten wissenschaftsgeschichtlicher Rekonstruktion ( I ),
Frankfurt a. M. u. a. 2005, S. 179–196, hier S. 182). Eine solche Pluralität bereits als
frühen „‚Methodenpluralismus‘“ (ebd.) zu bezeichen, erscheint mir jedoch irre-
führend, weil hiermit der wichtige Unterschied zwischen der singularistischen
Wahrheitskonzeption des bürgerlichen und der relativistischen Wahrheitskonzep-
tion des demokratisch-pluralistischen Zeitalters verwischt wird. Zudem wäre es
bei Übernahme einer solchen Sichtweise schlechterdings unmöglich, irgendeine
Epoche der Wissenschaftsgeschichte als nicht-pluralistisch zu bezeichnen.
18
Zu dieser Problematik vgl. das instruktive Kapitel 2.3 (Theorienpluralismus in der
Literaturwissenschaft?) in: Köppe, Tilmann / Winko, Simone, Neuere Literaturtheo-
rien. Eine Einführung, Stuttgart, Weimar 2008, S. 14–18.
Einleitung 25
III.2 Ungelöste Probleme
Nach Beseitigung der drei oben beschriebenen ‚Geburtsfehler‘ des Faches
sind inzwischen vier andere, neuartige Mängel hervorgetreten, an deren
Beseitigung gewiss noch längere Zeit zu arbeiten sein wird. Diese vier
neuen Probleme können jedoch im direkten Vergleich als relativ harmlos
eingestuft werden, auch wenn sie die Außendarstellung des Faches er-
schweren und die Arbeitszufriedenheit vieler Fachvertreter gefährden.
Bildungsbegriff im globalisierten Universitätssystem
Der in seiner ganzen Tragweite erst nach und nach erfassbare, in Deutsch-
land in seiner aktuellen Erscheinungsform oft als Degradierung der
Humboldt’schen Universität zum College US-amerikanischen Typs er-
lebte Bologna-Prozess impliziert eine technokratisch anmutende Prag-
matisierung des Bildungsbegriffes, die den geisteswissenschaftlichen Fä-
chern überdurchschnittliche Adaptionsleistungen abverlangt. Neben der
Philosophie und der Pädagogik ist hierbei ohne Zweifel die Germanistik
jene Disziplin, die nicht nur unter verwaltungstechnischen, sondern auch
und gerade unter inhaltlichen, ihre Gegenstände und ihr Selbstverständ-
nis betreffenden Aspekten die weitestgehenden Konzessionen zu machen
gezwungen ist. Denn das Konzept der Bildungsautonomie hat nicht nur
die mit der Literatur des Deutschen Idealismus befassten Spezialisten be-
schäftigt, sondern die gesamte Fachentwicklung durchgreifend und nach-
haltig geprägt. Es ist jedenfalls zu erwarten, dass die Kenntnis der Auto-
nomieästhetik oder des Sprachidealismus selbst als nützliches Wissen
und nur als nützliches Wissen klassifiziert wird, ohne dass der Wider-
spruch zwischen den Inhalten des Faches und der Form, in der sie ver-
mittelt werden müssen, in angemessener Weise reflektiert wird. Und es
steht durchaus zu befürchten, dass dieser innere Widerspruch nicht zu
einer produktiven Infragestellung verwaltungstechnischer Abläufe, son-
dern zu einem schleichenden Geltungsverlust der Inhalte selbst führen
wird.
19
Aber vielleicht gibt es ja unter den Studierenden genug kritische
Geister, die sich mit dem Bildungsbegriff in Goethes Wilhelm Meister nicht
nur deshalb beschäftigen, weil damit sechs oder acht Credit points zu ho-
len sind …
19
Vgl. Dainat, Holger, „Hochschullehre“, in: Thomas Anz (Hrsg.), Handbuch Lite-
raturwissenschaft, Bd. 3: Institutionen und Praxisfelder, Stuttgart, Weimar 2007,
S. 199–209, hier S. 206–208.
26 Jost Schneider
Habitusspezifische Verzerrung der wissenschaftlichen Einstellung
Ein Wissenschaftler muss die Fähigkeit besitzen, den Gegenständen sei-
ner Wissenschaft gegenüber eine neutrale wissenschaftliche Einstellung
einnehmen zu können. Nur so kann er Ekel, Angst, Scham und ähnliche
Empfindungen überwinden, die bei der vorwissenschaftlichen Beschäf-
tigung mit bestimmten Untersuchungsobjekten leicht auftreten können.
In der Philologie (und vielen anderen Kulturwissenschaften) wird aber
noch immer vielfach die ästhetische Einstellung als Surrogat für die
echte wissenschaftliche Einstellung benutzt und akzeptiert. Zur Ver-
deutlichung der Problematik stelle man sich einen Biologen vor, der es
ablehnt, sich mit anderen Tieren als dem Löwen zu beschäftigen, weil
dieser doch der König der Tiere sei. In ähnlicher Form bringen es bis
heute viele Kulturwissenschaftlicher nicht über sich, in distanziert-neu-
traler, wissenschaftlicher Form jene Varietäten der Sprache und der lite-
rarischen Kommunikation zu thematisieren, die nicht den Geschmacks-
präferenzen der Bildungseliten entgegenkommen; die germanistische
Linguistik, in der immerhin Phänomene wie die Alltagssprache, die Um-
gangssprache, die Jugendsprache usw. bearbeitet werden, ist in dieser
Hinsicht allerdings weiter fortgeschritten.
In dieser Feststellung liegt kein Widerspruch zu der oben angemahnten
Verteidigung des Autonomiegedankens. Der Zoologe bewahrt sich seine
wissenschaftliche Autonomie nicht dadurch, dass er die Untersuchung –
vermeintlich oder tatsächlich – hässlicher, gefährlicher oder ekelerregen-
der Tierarten verweigert, sondern dadurch, dass er die Untersuchung
und Beschreibung solcher Tierarten mit sachlich-nüchterner, neutral-
wissenschaftlicher Einstellung durchführt.
Universaldilettantismus statt Interdisziplinarität
Von der Hermeneutik über die Geistesgeschichte, die Mentalitäten-
geschichte und die Medientheorie bis hin zur Kulturwissenschaft gab
und gibt es in der Germanistik eine Vielzahl von Methoden, die von
einer besonders weiten Definition ihres Gegenstandes geprägt sind. So
kommt es nicht selten zu ‚Übergriffen‘ in mehr oder minder benachbarte
Bereiche wie Anglistik, Romanistik, Psychologie, Soziologie, Geschichts-
wissenschaft, Theologie oder Philosophie, aber auch Jurisprudenz, Wirt-
schaftswissenschaften, Biologie usw. Leider stellen echte interdiszipli-
näre Projekte hierbei noch immer eine seltene Ausnahme dar. Und das
betrifft nicht nur jene Fälle, in denen Germanisten sich selbst zur Be-
arbeitung bestimmter Themen eine Ad-hoc-Kompetenz in den jeweils
relevanten Gebieten aneignen, sondern auch einen Großteil der offiziell
Einleitung 27
geförderten Projekte, an denen Repräsentanten verschiedener Wissen-
schaften beteiligt sind. Jedenfalls gibt es bis heute keine eigene germa-
nistische Methodologie des interdisziplinären Arbeitens.
20
Es ist unklar,
welche Kategorien, Prozeduren und Fragestellungen in welche außer-
fachlichen Richtungen welche Anschlussmöglichkeiten eröffnen. Hier
kann der vorliegende Band nur auf ein Desiderat der Methodologie hin-
weisen und vor der weiteren Kultivierung jenes Universaldilettantismus
oder Pseudouniversalismus warnen, der mit erstaunlicher Chuzpe nach
allem greift, was in Reichweite sprach- und literaturwissenschaftlicher
Fragestellungen zu kommen scheint.
Marginalisierung des Methodendiskurses im Berufsalltag
Auf die Frage nach ‚ihrer‘ Methode reagieren Wissenschaftler heute nicht
selten ausweichend oder ablehnend. Wenige bekennen sich ausdrücklich
zu einem bestimmten Ansatz oder Paradigma. Oft wird in der Einleitung
zu wissenschaftlichen Studien nur vage durch Zitate in Fußnoten oder
Anmerkungen ein Spektrum von zwei oder drei Forschungsansätzen
umrissen, in deren Schnittpunkt der Verfasser eine eigenständige Posi-
tion zu beanspruchen versucht. Die Ursachen für diese Zurückhaltung
sind vielfältig:
Erstens werden die in aller Konsequenz ausdifferenzierten Einzel-
methoden oft als zugespitzte Extrempositionen aufgefasst, die in der Pra-
xis alltäglicher Forschung und Lehre unnötige Reibungsverluste erzeugen
und deshalb quasi prophylaktisch ihrer spitzen Ecken und Kanten be-
raubt werden müssen, um anschlussfähig zu sein.
Zweitens befürchten offenbar viele Wissenschaftlerinnen und Wis-
senschaftler, durch eine zu starke Schärfung ihres eigenen methodischen
Profils berufspraktische Nachteile zu erfahren, weshalb man sich lieber
durch seine Arbeitsgebiete als durch seine Arbeitsmethodik zu definieren
versucht: Man ist lieber Grammatiktheoretiker als Strukturalist, lieber
Romantikspezialist als Dekonstruktivist, sofern man nicht – was selten
der Fall ist – als Diskursbegründer auftreten und ein ganz neues Para-
digma stiften will (bzw. im unmittelbaren Wirkungskreis einer solchen
20
Dazu Klein, Wolfgang, „Die Werke der Sprache. Für ein neues Verhältnis zwi-
schen Literaturwissenschaft und Linguistik“, in: LiLi, 150/2008, S. 8–32, hier
S. 13: „Die Forderung nach mehr Interdisziplinarität ist ein Topos. In Wirklichkeit
ist diese Forderung weltfremd. Die Interdisziplinarität geht in der Praxis selten
über ein kultiviertes Gespräch hinaus“.
28 Jost Schneider
Gründerpersönlichkeit arbeitet und in einem entsprechenden Abhängig-
keits- oder sogar Gefolgschaftsverhältnis steht).
Drittens wird häufig der Eindruck artikuliert, dass das Methoden-
karussell sich immer schneller dreht, dass also der schon von Herder
bemerkte, von Blumenberg und Koselleck analysierte Prozess der neu-
zeitlichen ‚Beschleunigung der Zeit‘ auch die Wissenschaften erfasst und
zu einer Konjunktur ephemerer Paradigmen geführt hat, die eher dem
Diktat des Modewandels als einer inneren Entwicklungslogik oder den
Ansprüchen des Lehr- und Forschungsalltags zu genügen scheinen.
Viertens wird die Situation auf dem Markt der Methoden heute oft als
besonders unübersichtlich erfahren, denn die inzwischen professionell
betriebene Ausdifferenzierung der Methodologie und der Methodenge-
schichte hat zu einer relativen Entkonturierung der verschiedenen, bis
ins Feinste und Kleinste ausdifferenzierten Ansätze geführt.
Fünftens und letztens scheint außerdem der personale Faktor bei der
Methodenwahl nach wie vor von ausschlaggebender Bedeutung zu sein:
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gelangen allem Anschein
nach höchst selten durch eigenständiges Vergleichen aller rivalisierenden
Methoden zur bewussten Entscheidung für eine derselben; vielmehr ge-
raten sie offenbar im Verlauf ihrer beruflichen Initiation und Etablie-
rung in den Einflussbereich einiger Kolleginnen und Kollegen, die
durch fachliche Brillanz, durch Macht oder durch persönliches Charisma
ihre persönliche und berufliche Entwicklung stark beeinflussen (vgl.
oben Kap. II.2). Dieser Mechanismus führt zur Ausprägung zahlreicher
methodologischer Mischformen, die sich kaum noch auf einen Begriff
bringen oder klar definieren lassen.
Die Frage nach der ‚eigenen Methode‘ wird deshalb nicht selten als
naiv-praxisferne Gretchenfrage empfunden, die an den Realitäten des
Berufsalltags vorbeigeht und im Grunde nur jene wenigen Kolleginnen
und Kollegen betrifft, die den Status von Methodik-Experten oder Dis-
kursbegründern zugewiesen bekommen und die deshalb als Inseln im
Meer jenes gewöhnlichen diffusen Methodenpotpourris erscheinen, das
die alltägliche Berufspraxis dominiert.
21
Damit entsteht aber auch die
21
Ein Topos praktisch aller neueren Publikationen zur Methodologie ist deshalb der
so eindringlich formulierte wie folgen- und hilflose Aufruf zur methodologischen
Selbstreflexion. Als Beispiel zitiere ich Strelka, Joseph, Methodologie der Literaturwis-
senschaft, Tübingen 1978, S. XI: „Schließlich sei noch in aller aufrichtigen und ge-
bührenden Bescheidenheit darauf hingewiesen, daß das Studium der Methodolo-
gie einer Wissenschaft – und schon gar in jener vereinfachenden Weise, wie dies im
Einleitung 29
Gefahr, dass die methodologische Selbstreflexion zur alleinigen Spezial-
aufgabe der oben unter II.6 beschriebenen ‚Methodologie der Metho-
dologen‘ deklariert wird und dass sich der Durchschnittsgermanist der
Notwendigkeit enthoben sieht, seine methodische Orientierung – we-
nigstens von Zeit zu Zeit – auf den Begriff zu bringen und auf den Prüf-
stand zu stellen. Die Professionalisierung und scheinbare Dynamik der
Methodendiskussion ginge dann mit einer neuen methodologischen Un-
bedarftheit vieler Praktiker einher, denen es genügt, in den Einleitungs-
kapiteln ihrer Publikationen routinemäßig auf jene zwei oder drei Posi-
tionen zu verweisen, denen sie verpflichtet waren, verpflichtet sind und
verpflichtet sein werden. Das kreative Potential einer pluralistisch ge-
wordenen Methodologie bliebe dann unausgeschöpft.
So bleibt zuletzt zu hoffen, dass der vorliegende Band eine Inspirati-
onsquelle für alle Fachkolleginnen und -kollegen werden kann, – also auch
für jene, die über der Bewältigung ihres anstrengenden Alltagsgeschäftes
dazu übergegangen sind, die Frage nach ihrer Methode nicht nur anderen,
sondern auch sich selbst gegenüber als Gretchenfrage einzustufen.
Frau Alexandra Schulz M. A. gebührt großer Dank für ihre zuverlässige, akribische
Hilfe bei der Einrichtung des Manuskriptes. Für die sorgsame Erstellung des Re-
gisters danke ich Frau Dr. Christine Henschel.
IV. Literaturverzeichnis
Strelka, Joseph, Methodologie der Literaturwissenschaft, Tübingen 1978.
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Weimar, Klaus, Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft bis zum Ende des
19. Jahrhunderts, München 1989.
folgenden geboten wird – zwar niemanden zum großen Literaturwissenschaftler
machen kann, daß aber dennoch die wissenschaftstheoretische Selbstbesinnung
auf die methodologischen Grundlagen einer Wissenschaft die unabdingbare Vo-
raussetzung für geordnetes und klares Denken und Vorgehen und damit für ein
gedeihliches Arbeiten darstellt“. Faktum scheint aber gerade zu sein, dass es sich
nicht um eine ‚unabdingbare Voraussetzung‘, sondern (bloß) um eine – allerdings
sehr wünschenswerte – Ergänzung und Vertiefung handelt.
30 Jost Schneider
Hermand, Jost, Geschichte der Germanistik, Reinbek bei Hamburg 1994.
Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, München. Bd. III:
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Einleitung 31
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32 Jost Schneider
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 33
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung
von ALEXANDRE KOSTKA und SARAH SCHMIDT
1. Definition
1.1 Etymologie, Sprachräume
Der Begriff ‚Alterität‘ (engl.: ‚alterity‘; franz.: ‚altérité‘) ist im Deutschen
ein aus dem Lateinischen (‚alteritas‘) abgeleiteter Neologismus und steht
für ‚Andersheit‘. Als solcher wird er in den einschlägigen deutschen Wör-
terbüchern einschließlich der deutschen Fremdwörterbücher bis heute
nicht aufgeführt. Das französische ‚altérité‘ und das englische ‚alterity‘
werden hingegen spätestens seit dem 17. Jahrhundert im Sinne von An-
dersheit (‚otherness‘, ‚caractère de ce qui est autre‘) verwendet.
Das lateinische ‚alteritas‘ entspricht den griechischen ‚tò 0otrçou‘
und ‚rtrçótj,‘. Das Adjektiv ‚rtrçoç‘ (‚heteros‘) bezeichnet sowohl das
exklusive Andere oder das zweite Andere als auch eine allgemeine Ver-
schiedenheit. Während das lateinische ‚alter‘ (‚alternus‘ = abwechselnd)
das Eine von Zweien meint und in diesem Sinne auch als das Entgegen-
gesetzte verwendet werden kann, so meint das Wort ‚alius‘ (griech. ‚állos‘,
‚oììoç‘) ein Anderes unter verschiedenen Anderen.
Im deutschen Sprachraum wird sowohl ‚alter‘ als auch ‚alius‘ weit ge-
hend durch das aus dem ig. Wort ‚antero-‘ (ai. ántara- = fern, verschie-
den, anderer; av. ‚an’tara-‘ = der andere, zweite) gebildete gemeingerma-
nische Wort ‚ander‘ ersetzt. Als Für- und Zahlwort bezeichnet ‚ander‘
zunächst die exklusive Bedeutung von ‚alter‘ als des Zweiten oder Ent-
gegengesetzten eines Ganzen, also eine Geteiltheit im doppelten Sinne,
übernimmt jedoch bald auch die weitere Bedeutung des ‚alius‘ als offene
Verschiedenheit oder Anderes unter vielen möglichen Anderen. Das
Zahlwort ‚ander‘, das vereinzelt noch bis ins 17. Jahrhundert als solches
verwendet wurde, wird jedoch von dem Wort ‚zweite‘ verdrängt.
34 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
1.2 Definition
‚Alterität‘ oder ‚Andersheit‘ ist ein Relationsbegriff, d. h. ein Begriff, der
ein Differenzverhältnis zwischen Subjekt und Objekt, Subjekt und Ko-
Subjekt, zwischen Kollektiva, einem Subjekt zu sich selbst oder aber jen-
seits der vorausgesetzten kollektiven oder subjektiven Einheiten zwi-
schen und innerhalb von Systemzusammenhängen bestimmt. Der oder
das Andere kann dabei ebenso politischer, sozialer, geschlechtsspezifi-
scher, geographischer, ethnologischer, religiöser, sprachlicher bzw. me-
dialer Natur sein und verweist je nach Fokus, Disziplin und Schule auf
phänomenologische, hermeneutische, systemtheoretische, strukturalis-
tische oder poststrukturalistische Ansätze. Allen Ansätzen des Alteri-
tätsdenkens ist gemeinsam, die Funktionsmechanismen von Eigen- und
Fremdzuschreibung zu untersuchen und mit der konkreten Analyse von
Differenzverhältnissen zugleich auch die Bedingungen der Möglichkeit
von Differenz und Identität schlechthin zu reflektieren.
Für die Literaturwissenschaft ist das Alteritätsdenken zum einen ein
interpretativer Ansatz der Textanalyse, zum anderen eine Methodenre-
flexion auf das eigene wissenschaftliche Vorgehen selbst. Beide Ebenen
zu trennen – Alterität als ein in dem jeweiligen literarischen Text behan-
deltes Thema und Alterität als Produktions- und Rezeptionsbedingung
von (Literatur)Wissenschaft – ist im Einzelnen nicht immer möglich, da
gerade die Beschäftigung mit der literarischen Darstellung außerliterari-
scher Andersheit Fragen nach dem eigenen wissenschaftlichen Vorge-
hen hervorruft.
Insofern die Generierung von Selbst- und Fremdbildern in verstärk-
tem Maße in Motiven des Anderen und Fremden, wie z. B. in dem des
‚Irren‘ oder dem des Kindes eine literarische Inszenierung findet, wird
das Alteritätsdenken auch zu einem Ansatz in der Motivgeschichte.
1
Da
bestimmte Gattungen, wie z. B. der Reisebericht oder der Brief, eine be-
sondere Affinität zur Darstellung des Anderen oder Fremden aufweisen,
stellen sich auch gattungstheoretische Fragen im Kontext der Diskus-
sion um Alterität neu.
2
1
Vgl. Lehnert, Gertrud, „Kindheit als Alterität zur Dämonisierung von Kindern in
der Literatur der Moderne“, in: Petra Josting (Hrsg.), Bücher haben ihre Geschichte.
Kinder- und Jugendliteratur, Literatur und Nationalsozialismus, Deutschdidaktik, Hildes-
heim u. a. 1996, S. 246–261.
2
Neben Reiseberichten und Briefen (weiterführende Literaturangaben s. u.) stellen
auch Märchen eine prädestinierte Literaturgattung dar, in der das Andere, hier in
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 35
2. Beschreibung
Die Untersuchung von Andersheit und Differenzverhältnissen unter
dem Schlagwort der Alterität hat sich seit den 1970er-Jahren mittlerweile
in viele Themenbereiche verzweigt und in den unterschiedlichsten Fä-
chern durchgesetzt, sodass es sinnvoll ist, den Diskurs anhand verschie-
dener ‚Achsen‘ darzustellen, die einen ersten Überblick über die Debatten
erlauben.
Die mittlerweile gängige Unterscheidung in zwei Verwendungsweisen
oder ‚Achsen‘ der Alteritätsrelation, in eine ‚vertikale‘ oder zeitliche und
eine ‚horizontale‘ oder kulturelle Alterität, ließe sich um zwei ‚diagonale‘
Achsen der Alterität ergänzen. Geht es in der ‚vertikalen‘ oder zeitlichen
Achse um die Alterität historischer Distanz, wie sie in der Mediävistikfor-
schung zwischen Mittelalter und Moderne prominent von Hans Robert
Jauß thematisiert wurde, benennt die kulturelle Alterität ein ‚horizontales‘
oder synchrones Alteritätsverhältnis zwischen verschiedenen Kulturen.
Eine diagonale Achse, der entlang Alteritätsdiskurse geführt werden,
ließe sich als ‚mediale Achse‘ bezeichnen, insofern das Medium im Zen-
trum steht und beispielsweise, wie in der Übersetzungstheorie, die Alte-
rität zwischen den Sprachen oder aber, wie in der ‚poetischen Alterität‘,
die Alterität zwischen diskursiver und poetischer Sprache thematisiert
wird. Eine weitere diagonale Achse, quer zur kulturellen, zeitlichen und
medialen Alterität, diese schneidend und doch nicht vollständig in ihnen
abzubilden, markiert den Diskurs um die Alterität der Geschlechter.
Es versteht sich von selbst, dass sich diese Achsen ebenso wenig wie
die verschiedenen Ebenen, auf denen Alterität thematisiert wird, strikt
voneinander trennen lassen. Vielmehr sind sie immer miteinander ver-
woben, sie kreuzen sich und gehen teilweise in Abhängigkeit von der
jeweiligen Definition von Kultur ineinander über: Kulturelle Alterität
manifestiert sich auch und nicht zuletzt in Sprache. Die Differenz des
historischen Abstandes wird nicht nur als sprachliche, sondern auch als
kulturelle Differenz analysierbar; die Alterität der Geschlechter wird in
Sprache erfahrbar, und die vermeintlich anthropologische oder biologi-
sche Alterität erweist sich als kulturell vermittelter Machtdiskurs.
Für eine Trennung dieser Achsen spricht, dass sie zum Teil zeitver-
setzt prominent werden und auf unterschiedliche methodisch-theoreti-
Form des Phantastischen, Wunderbaren oder Unheimlichen, thematisiert wird.
Vgl. dazu Kathöfer, Gabi, Auszug in die Heimat. Zum Alteritätsraum Märchen, Hildes-
heim 2008.
36 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
sche Impulse zurückgehen. Für eine Trennung in der Darstellung spricht
ebenfalls, dass sie einen mittlerweile unübersichtlich und komplex gewor-
denen Diskurs zu strukturieren hilft, der sich oft entlang dieser Achsen
entfaltet, und dass sich gerade in ihrer Trennung die ‚Intersektionalität‘,
d. h. die komplexe Verflechtung unterschiedlich gelagerter Alteritäten,
besser verfolgen lässt.
Eine gemeinsame Entwicklung der verschiedenen Diskurse um Alte-
rität zeichnet sich insofern ab, als Vertreter einer so genannten ‚essentia-
listischen‘ Position von Vertretern einer so genannten ‚relationistischen‘
Position weitgehend abgelöst werden. Während die ‚Essentialisten‘ die
alteritären Größen als für sich und unabhängig vom Anderen bestehend
interpretieren und eine Vermittlung mit dem Bild eines Brückenschlages
zwischen zwei fest verankerten Pfeilern beschrieben werden kann, ge-
hen die ‚Relationisten‘ davon aus, dass die beiden Größen im Differenz-
verhältnis selbst konstituiert werden.
Eine ähnlich gelagerte Opposition, die die Diskussion um Alterität
quer durch ihre Achsen prägt, ist die von Differenzdenkern und Univer-
salisten. Während die Differenzdenker die radikale Alterität des Ande-
ren in ihrer Unverfügbarkeit betonen und sich dabei an postmoderne
Positionen anschließen, unterstreichen die Universalisten die Doppelfi-
gur von Alterität und Identität.
Unter den postmodernen Denkern ist es neben Michel Foucault (Les
mots et les choses) und Jacques Derrida (Grammatologie) vor allem Emma-
nuel Lévinas, der immer wieder zum theoretischen Ausgangspunkt für
ein Denken der unaufhebbaren Alterität gewählt wird.
Anstatt das Verhältnis von Ich und Anderem vom Ich aus zu denken
und das Andere auf ein Selbes zurückzuführen, bemüht sich Lévinas um
eine Umkehrung der Perspektive und entwickelt seine Ethik der Alterität
aus der Begegnung mit einem nicht begreifbaren, unverfügbaren Ande-
ren. Im „Antlitz“ des Anderen zeigt und entzieht sich mir der Andere
zugleich. Als etwas, das mein System von Welt übersteigt, stört es mich
in meinem Selbstbesitz – ohne sich in seinem Anderssein zu erkennen zu
geben; denn jede Erkenntnis ist für Lévinas schon mit der Vereinnah-
mung gleichzusetzen. Auf diesen „Anruf“ des Anderen erwächst dem
Ich eine Verantwortung für den Anderen: „Aber das Verhältnis zum An-
deren als nicht-begriffen oder als nicht-umarmt, wie ich es phänomeno-
logisch erscheinen lasse, rührt daher, dass dieses Verhältnis kein Bejahen
und kein Moment des Wissens ist. Die Andersheit, in der der Andere er-
scheint, erscheint als Befehl. Und worüber geht dieser Befehl? Dieser
Befehl ist ein Anrufen, ein Anruf zur Verantwortung. Er ist ein erstes
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 37
Sprechen, das nicht nur Antwort, sondern zunächst Verantwortung ver-
langt.“
3
Der Begriff der ‚Alterität‘ liegt in unmittelbarer Nähe zum Begriff der
‚Alienalität‘ oder Fremdheit. Gerade im deutschsprachigen Raum findet
der Begriff der ‚Fremdheit‘ trotz der internationalen Popularität der
Kategorie ‚Alterität‘ eine größere Anwendung als der der Alterität. Eine
Erklärung für diese deutsche Besonderheit könnte man in der umfas-
senden Bedeutung sehen, die das Wort ‚fremd‘ (etymologisch aus dem
gotischen Partikel ‚fram‘ = ‚fern von‘, ‚weg von‘ hervorgegangen) be-
sitzt. Im Gegensatz zum angelsächsischen und romanischen Sprach-
raum – hier finden sich Ableitungen aus dem Lateinischen ‚alienus‘, ‚ex-
traneus‘ und ‚foras‘ – lassen sich – unter den Begriff der ‚Fremdheit‘
unterschiedlichste Phänomene zu einer Fremdheitsforschung bündeln.
Ein Unterschied von ‚Alterität‘ und ‚Fremdheit‘, auch wenn diese
Begriffe international sowie im deutschsprachigen Raum oft synonym
verwendet werden, ließe sich im Umfang der beiden Begriffe ausma-
chen. Obgleich Fremdheit wie Alterität in allen vier Achsen thematisiert
werden,
4
so liegt der Akzent in der Fremdheitsforschung doch auf der
kulturellen und sozialen Fremdheit. Dies führt u. a. dazu, dass in der
Fremdheitsforschung sozialtheoretische, phänomenologische und her-
meneutische Theorieansätze überwiegen.
Von verschiedener Seite ist der Versuch unternommen worden, die
Bedeutung von Fremdheit und Alterität in ihrer Bedeutung zu differen-
zieren. Eine eingängige, weil dem alltäglichen Sprachgebrauch nahe Un-
terscheidung von ‚fremd‘ und ‚anders‘ liefert Harald Weinrich. Während
für Weinrich ‚anders‘ eine Differenz bezeichnet, die nicht explizit bewer-
3
Lévinas, Emmanuel, „Antlitze und erste Gewalt. Ein Gespräch mit Hans-Joachim
Lenger über Phänomenologie und Ethik“, in: Christian Kupke (Hrsg.), Lévinas’
Ethik im Kontext, Berlin 2005, S. 11–25, hier S. 18; vgl. ebenfalls Lévinas’ erstes und
zweites Hauptwerk: Totalité et l’Infini. Essais sur l’extériorité, La Haye 1961, dt.: Tota-
lität und Unendlichkeit, Freiburg 1987; ders., Autrement qu’être ou au-delà de l’essence,
La Haye 1974; dt.: Jenseits des Sein oder anders als Sein geschieht, Freiburg 1992; eine
gute Einführung bietet Krewani, Wolfgang Nikolaus, Emmanuel Lévinas. Denken des
Anderen, Freiburg, München 1992.
4
Dies belegen beispielsweise die umfassenden phänomenologischen Studien Bern-
hard Waldenfels’ zur Fremdheit, die neben dem Denken Edmund Husserls auch
auf den Differenzdenker Emmanuel Lévinas zurückgehen und Fremdheit nicht
nur als soziales, historisches und kulturelles Phänomen fassen, sondern u. a. auch
als Fremdheit in Sprache untersuchen. Vgl. Der Stachel des Fremden, Frankfurt a. M.
1990; Studien zur Phänomenologie des Fremden 1, Frankfurt a. M. 1997–1999; Grundmo-
tive einer Phänomenologie des Fremden, Frankfurt a. M. 2006.
38 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
tet wird, betont das Wort ‚fremd‘ den Standpunkt des eigenen und kann
als „Interpretament von Andersheit“ verstanden werden.
5
In der folgen-
den Darstellung wird keine Differenzierung zwischen Alterität/Anders-
heit und Fremdheit vorgenommen.
2.1 Alterität historischer Distanz
In der Mediävistik wird der Term ‚Alterität‘ Anfang der 1970er-Jahre
in der Debatte zwischen Paul Zumthor, Peter Haidu und Hans Robert
Jauß zum theoretischen Konzept.
6
Im Mittelpunkt steht die Andersheit
mittelalterlicher Sprache und Kultur und die Frage, wie wir als zeitgenös-
sische Leser, aus der historischen Distanz heraus, derart fremde Texte
rezipieren und interpretieren können.
Dass die vormoderne europäische Literatur in Bezug auf ihre textuel-
len, sozialen, performativen und situativen Bedingungen für das moderne
Verständnis nur schwer zugänglich ist, entspricht in gewisser Weise der
‚Erfindung‘ der Epoche selbst. Denn der Begriff des ‚Mittelalters‘ impli-
ziert die Idee einer Zäsur gegenüber der Neuzeit. Diese Andersheit des
Mittelalters dient immer wieder als positiv oder negativ belegte Kon-
trastfolie für den Entwurf des eigenen neuzeitlichen Selbstverständnis-
ses, das sich bis zur Gegenwart entlang der Oppositionen von religiösem
Weltbild versus vernünftigem Weltbild, Mündlichkeit versus Schriftlich-
keit, Bild versus Text, Individualität versus Kollektivität, Kult versus
Kunst etc. manifestiert. Dabei schreibt der wertende Rückgriff auf diese
Kontrastfolie Mittelalter, der je nach Epoche und Gruppierung sowohl
5
Vgl. Weinrich, Harald, Wege der Sprachkultur, Stuttgart 1985, S. 197. Andere Unter-
scheidungen finden sich u. a. bei Turk, Horst, „Alienität und Alterität als Schlüssel-
begriffe einer Kultursemantik“, in: Jahrbuch für Internationale Germanistik, 22/1990,
1, S. 8–31, hier S. 11; Barth, Volker, „Fremdheit und Alterität im 19. Jahrhundert:
Ein Kommentar“, in: Discussions 1/2007, 36 Absätze; Online-Publikation auf „Per-
spectiva.net“, Zugang: 10. 04. 09; Waldenfels, Bernhard, Grundmotive einer Phänome-
nologie des Fremden, Frankfurt a. M. 2006.
6
Vgl. Zumthor, Paul, Essai de Poétique médiévale, Paris 1972; Haidu, Peter, „Making it
(new) in the Middle Ages. Towards a problematics of alterity“, in: Diacritics 4/1974,
2, S. 2–11; ders., Langue, texte, énigme, Paris 1975; Jauß, Hans Robert, Alterität und
Modernität der mittelalterlichen Literatur. Gesammelte Aufsätze 1956–1976, München
1977; Zumthor, Paul, „Comments on H.R. Jauß’s Article“, in: New Literary History
10/1979, 2, S. 367–376; ders., Die Stimme und die Poesie in der mittelalterlichen Gesell-
schaft, München 1994 (franz.: La poésie et la voix dans la civilisation médiévale, Paris
1984).
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 39
positiv als auch negativ belegt ist und zum Argument für die je eigene
‚Modernität‘ wird, selbst Geschichte.
7
Insofern der Leser oder Literaturwissenschaftler selbst Teil des be-
trachteten Alteritätsverhältnisses ist, zielt dieser von Zumthor und Jauß
angestoßene Diskurs auf die Metaebene des literaturwissenschaftlichen
Vorgehens und reflektiert das Ineinander von literaturwissenschaftlicher
Praxis und Literaturtheorie.
Hans Robert Jauß entwickelt in Rückgriff auf den Sprachwissen-
schaftler Eugenio Coseriu
8
und in Weiterführung der Gadamer’schen
Hermeneutik
9
einen rezeptionstheoretisch fundierten Alteritätsbegriff.
Das Befremden des modernen Lesers gegenüber der Alterität mittel-
alterlicher Literatur ist Quelle ästhetischen Vergnügens und Anlass zu
einer reflektierten Rezeption, die die Modernität des Mittelalters erst
sichtbar macht. Modernität meint dabei nicht den simplen Gleichklang,
mit dem wir uns in einer Tradition mit dem anderen Text verorten. Son-
dern in der Auseinandersetzung mit der Alterität des Textes entdecken
wir ihn als etwas für uns Relevantes.
In seiner Antwort auf Hans Robert Jauß kritisiert Paul Zumthor
10
die
Geschlossenheit, die Jauß in der mittelalterlichen Zivilisation konsta-
tiert, und die vereinnahmende Geste des rezeptionsästhetischen Ansat-
zes. Gegenüber einer relativen Alterität, die sich im ästhetischen Genuss
manifestiert, führt Zumthor eine absolute, nicht aufzulösende Alterität
ins Feld. In eine ähnliche Richtung argumentiert die zum Teil sehr pole-
mische Antwort auf Jauß von Peter Haidu, die in Jauß’ Ansatz eine tota-
7
Vgl. Heinzle, Joachim, Einleitung: Modernes Mittelalter, in: hrsg. v. dems., Modernes
Mittelalter. Neue Bilder einer populären Epoche, Frankfurt a. M., Leipzig 1994, S. 10f.;
vgl. auch Moos, Peter von, Gefahren des Mittelalterbegriffs. Diagnostische und präventive
Aspekte, in: Joachim Heinzle (Hrsg.), Modernes Mittelalter. Neue Bilder einer populären
Epoche, Frankfurt a. M., Leipzig 1994, S. 33–63; Oexle, Otto Gerhard, „Das Bild
der Moderne vom Mittelalter und die moderne Mittelalterforschung“, in: Früh-
mittelalterliche Studien, 24/1990, S. 1–22; Oexle, Otto Gerhard, „Das entzweite Mit-
telalter, in: Gerd Althoff (Hrsg.), Die Deutschen und ihr Mittelalter. Themen und Funk-
tionen moderner Geschichtsbilder vom Mittelalter, Darmstadt 1992, S. 7–28; Belting,
Hans, Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst, München
1990.
8
Coseriu, Eugenio, „Thesen zum Thema ‚Sprache und Dichtung‘“, in: Beiträge zur
Textlinguistik, hrsg. von W.-D. Stempel, München 1971, S. 183–188.
9
Gadamer, Hans Georg, Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Herme-
neutik, Tübingen 1960.
10
Zumthor, Paul, „Comments on H.R. Jauß’s Article“, in: New Literary History,
10/1979, 2, S. 367–376.
40 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
litäre Geste der Vereinnahmung sieht.
11
Eine Semiotik der Alterität, in
der sich Haidu auf strukturalistische Ansätze bezieht, ist nicht primär auf
die Verminderung des Differenten, sondern auf eine Konturierung des
Differenten aus. Anstatt sich in der Auseinandersetzung mit vormoder-
ner Literatur auf klare Oppositionen zu fixieren, schlägt Peter Stroh-
schneider insbesondere in Auseinandersetzung mit Peter Czerwinski
vor, die Komplexität von Differenzen zu beachten, die sich nicht über
schlichte Negationen konstruieren lassen.
12
2.2 Kulturelle Alterität
Dass Kulturen als ‚andere‘ erfahrbar und als solche Stoff einer literari-
schen Verarbeitung werden, ist ein die Kulturgeschichte begleitender und
sie konstituierender Vorgang, dessen Zäsuren jeweils neue Fragestellun-
gen und literarische Strategien zeitigten. Dabei haben sich Kulturkon-
takte im Verlauf der Geschichte nicht nur exponentiell ausgeweitet und
an Intensität gewonnen; auch der Begriff der ‚Kultur‘ selbst unterliegt ei-
ner stetigen Modifikation und schreibt seine eigene Geschichte. Die pro-
gressive Öffnung und Erweiterung des Kulturbegriffs, der Wandel von
einem essentialistischen zu einem relationalen Kulturverständnis ist dabei
von fundamentaler Bedeutung für die Diskussion um kulturelle Alterität,
wobei zentrale Impulse aus der Ethnologie bezogen wurden.
Mit Clifford Geertz kommt Mitte der 1970er-Jahre eine neue ‚relatio-
nale‘ Auffassung der Ethnologie auf (Dichte Beschreibung, 1973), die auch
für die Auffassung der Beziehungen zwischen Kulturkreisen Auswirkun-
gen hat.
13
Orientierte sich die Ethnographie mit dem ‚linguistic turn‘ in
11
Vgl. Haidu, Peter, „The Semiotics of Alterity. A Comparison with Hermeneutics“,
in: New Literary History, Vol. 21, 1989–1990, S. 671–691.
12
Vgl. Strohschneider, Peter, „Die Zeichen der Mediävistik. Ein Diskussionsbeitrag
zum Mittelalter-Entwurf von Czerwinskis, Peter, „Gegenwärtigkeit“, in: Internatio-
nales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, 20/1995, S. 173–191; ders.,
„Textualität der mittelalterlichen Literatur. Eine Problemskizze am Beispiel des
‚Wartburgkrieges‘“, in: Jan-Dirk Müller / Horst Wenzel (Hrsg.), Mittelalter. Neue
Wege durch einen alten Kontinent, Stuttgart, Leipzig 1999, S. 19–41; ders., Gegenwärtig-
keit: simultane Räume und zyklische Zeiten, Formen von Regeneration und Genealogie im Mit-
telalter, München 1993.
13
Geertz, Clifford, Dichte Beschreibung, Frankfurt a. M. 1983, S. 9 (engl.: The Interpre-
tation of Culture, New York 1973); ders., Die künstlichen Wilden. Der Anthropologe als
Schriftsteller, Frankfurt a. M. 1993 (engl.: Works and Lives, The Anthropologist as Author,
Stanford 1988). Einen Einblick in den Forschungsstand vermittelt Ellrich, Lutz,
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 41
den 1970er-Jahren an der Literaturwissenschaft, so wurde ab den 1980er-
Jahren im Gegenzug die Ethnographie zu einem zentralen Impuls für die
Literaturwissenschaften, indem literarische Texte als Medien der kulturel-
len Selbstauslegung in Bezug auf das Fremde verstanden wurden.
14
Ebenso entscheidende Impulse bezieht die Alteritäts-Debatte aus
dem angelsächsischen Postkolonialismus, welcher seinerseits Ansätze
des französischen Poststrukturalismus verarbeitet. So unterwerfen Ed-
ward W. Said (Orientalismus, 1978) oder Homi Bhabha (Verortung der Kul-
tur, 1994) das binäre Denken, das sich in Oppositionen wie „Zentrum/
Peripherie“ oder „kultiviert/barbarisch“ manifestiert, einer radikalen
Kritik und öffnen Perspektiven hin zu einem „hybriden“ Begriff von
Kultur, durch den versucht wird, den Austausch mit einem „Anderen“
als konstitutiv für das „Eigene“ zu fassen.
15
Als eine frühe literarische Quelle, die sich spezifisch mit dem Problem
der kulturellen Alterität befasst, kann man Herodots Historien betrach-
ten. Der französische Historiker François Hartog hat 1980 in einem viel
beachteten, aber auch vielfach kritisierten Kommentar dargelegt, wie
Herodot in einer „Rhetorik der Alterität“ sein Werk nach einem binären
Schema inszeniert: Das Eigene steht dem (je nach Entfernung im Grade
steigerbaren) Fremden gegenüber.
16
Kulturelle Unterschiede werden zu
einer feststehenden ontologischen Kategorie, und kultureller Austausch
wird strengen Regeln unterworfen. Kulturelle Mischungen, wie z. B. in
skythischem Gebiet griechische Kleidung tragende Skythen oder gar an
griechischen Mysterien teilhabende Fremde, beurteilt Herodot mit äu-
ßerster Strenge und zeigt, dass die Götter solche Grenzübertretungen
grausam bestrafen. Obwohl Hartog diesen Bezug nicht ausdrücklich her-
Verschriebene Fremdheit. Die Ethnographie kultureller Brüche bei Clifford Geertz und Stephen
Greenblatt, Frankfurt a. M., New York 1999.
14
Vgl. Bachmann-Medick, Doris (Hrsg.), Kultur als Text. Die anthropologische Wende in
der Literaturwissenschaft, Frankfurt a. M. 1996; dies., „Texte zwischen den Kulturen:
ein Ausflug in ‚postkoloniale Landkarten‘“, in: Hartmut Böhme / Klaus Scherpe
(Hrsg.), Literatur und Kulturwissenschaften – Positionen, Theorien, Modelle, Reinbek 1996,
S. 60–77.
15
Bhabha, Homi K., „Verortungen der Kultur“, in: Elisabeth Bronfen / Benjamin
Marius / Therese Steffen (Hrsg.), Hybride Kulturen. Beiträge zur anglo-amerikanischen
Multikulturalismusdebatte, Tübingen 1997, S. 123–148; Said, Edward W., Orientalis-
mus, Frankfurt a. M. 1979 (engl.: Orientalism, New York 1978).
16
Hartog, François, Le miroir d’Hérodote, Paris 1980, bes. Kap. 3, „Une rhétorique de
l’altérité“, S. 224–269.
42 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
stellt und auch die französischen Denker der „déconstruction“ nicht auf
Herodot verweisen, kann angemerkt werden, dass Platon ungefähr zur
gleichen Zeit die von Derrida kritisierten grundlegenden Unterscheidun-
gen zwischen „materiell/geistig“, „Körper/Seele“ etc. trifft, d. h. jene bi-
nären Kategorisierungen, die den westlichen Diskurs Jahrtausende lang
konstituiert haben und deren essentialistische Paradigmen den Alteritäts-
diskurs bis zur dekonstruktivistischen „Wende“ durchziehen.
17
Auch in der Mediävistik bilden Fragen nach der Wechselwirkung
von Eigen- und Fremdzuschreibung seit den 1980er-Jahren einen zentra-
len Forschungsschwerpunkt, wobei der Reflexion über die Gattung eine
große Aufmerksamkeit zukommt.
18
Kulturtransfer findet vor allem an den
Höfen eine literarische Verarbeitung. Textgruppen, die eine derartige Un-
tersuchung behandeln, sind Reisebeschreibungen, höfische Romane, in
denen der ritterliche Held in der Fremde seine Bewährung sucht, fingierte
Briefe wie die des Priesterkönigs Johannes oder aber fiktionale Beschrei-
bungen fremder, „monströser“ Völker des Ostens.
19
Zu den höfischen
Romanen gehören beispielsweise die in allen europäischen Sprachen ent-
standenen Alexanderdichtungen, in denen der Held in der Fremde und in
Konfrontation mit dem Fremden seine eigene Identität konstituiert. Rei-
seberichte unter dem Paradigma des Fremden und Anderen lesen – bei-
spielsweise die Reiseberichte über Fernostasien im 13. Jahrhundert
20
–, be-
deutet nicht mehr primär, nach historischen Indizien zu suchen, sie als
Quellen der Geschichtsschreibung zu lesen und fiktionale bzw. semifiktio-
nale Texte auf ihre ‚Richtigkeit‘ zu prüfen, sondern nach der Bedeutung
17
Derrida, Jacques, La Dissémination, Paris 1972, S. 4–6; siehe auch den Interviewband
Positions, Paris 1972; Derrida gibt in diesem Werk den von Platon deklassierten Be-
griffen eine neue, „umgekehrte“ Bedeutung; dass diese Überlegungen in die Arbei-
ten von Said, Bhabha und Spivak Eingang gefunden haben, wird von den Autoren
wiederholt betont.
18
Bachorski, Hans-Jürgen / Röcke, Werner (Hrsg.), Weltbildwandel. Selbstdeutung und
Fremderfahrung im Epochenübergang vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit, Trier 1995;
zum Einfluss des ethnologischen Diskurses auf die mediävistische Forschung vgl.
Kiening, Christian, „Anthropologische Zugänge zur mittelalterlichen Literatur.
Konzepte, Ansätze, Perspektiven“, in: Hans-Jochen Schiewer (Hrsg.), Forschungsbe-
richte zur germanistischen Mediävistik, Bern u. a. 1996, S. 11–129.
19
Siehe v. a. Münkler, Marina, „Alterität und Interkulturalität. Ältere deutsche Lite-
ratur“, in: Claudia Benthien / Hans Rudolf Velten (Hrsg.), Germanistik als Kultur-
wissenschaft. Eine Einführung in neue Theoriekonzepte, Reinbek 2002, S. 323–369, mit
weiterführender Literatur.
20
Münkler, Marina, Erfahrungen des Fremden. Die Beschreibung Ostasiens in den Augenzeu-
genberichten des 13. und 14. Jahrhunderts, Berlin 2000, S. 282–285.
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 43
der Darstellung des Fremden und Anderen für das eigene Weltbild und
das eigene kulturelle Selbstverständnis zu fragen.
Die frühe Neuzeit ist – nicht nur bezogen auf das durch die neue Wis-
senskultur veränderte Selbstbild – eine wichtige Epochenschwelle, son-
dern vor allem durch die mit ihr einhergehende Konstruktion europäi-
scher Identität gegenüber der „neuen“ Welt.
21
Die Auseinandersetzung
mit den so genannten ‚Americana‘, mit Briefen, Reiseberichten- oder Be-
schreibungen der neuen Welt aus europäischer Sicht, die seit Ende des
15. Jahrhunderts in großer Zahl auftraten, gehört zu den Forschungsfel-
dern, die mit dem Begriff der ‚Alterität‘ arbeiten.
22
Die Konstruktionen
europäischer Identität(en) spiegeln sich in der Literatur neben den zahl-
reichen utopischen Entwürfen u. a. in dem bis über die Aufklärung hi-
naus wirkenden Motiv des ‚edlen Wilden‘.
23
In der Auseinandersetzung mit der Entdeckung Amerikas entwickeln
sich auch einige wichtige theoretische Ansätze, die in der Literaturwis-
senschaft Anwendung und Resonanz gefunden haben. Der Züricher
Historiker Urs Bitterli entwarf in seiner zu diesem Zeitpunkt bahnbre-
chenden Studie Die ‚Wilden‘ und die ‚Zivilisierten‘. Grundzüge einer Geistes-
und Kulturgeschichte der europäisch-überseeischen Begegnung (1976) eine breit
angelegte Perspektive, die sich auf Wirtschafts- und Sozialgeschichte
ebenso stützte wie auf Literatur, Ethnologie und Anthropologie.
24
Er ent-
wickelte dabei ein Modell, welches zwischen „Kulturberührung“, „Kul-
turkontakt“, „Kulturzusammenstoß“ und „Kulturverflechtung“ unter-
scheidet.
25
Ein mindestens ebenso wirkungsträchtiger Beitrag ist Tzvetan
Todorovs Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen (1982), worin
21
König, Hans-Joachim / Reinhard, Wolfgang / Wendt, Wolfgang (Hrsg.), „Der
europäische Beobachter außereuropäischer Kulturen. Zur Problematik der Wirk-
lichkeitswahrnehmung“, in: Zeitschrift für historische Forschung, 1989, Beih. 7; Harbs-
meier, Michael, „Reisebeschreibungen als mentalitätsgeschichtliche Quellen.
Überlegungen zu einer historisch-anthropologischen Untersuchung frühneuzeit-
licher deutscher Reisebeschreibungen“, in: Antoni Maczak / Hans Jürgen Teute-
berg (Hrsg.), Reiseberichte als Quellen europäischer Kulturgeschichte. Aufgaben und Möglich-
keiten der historischen Reiseforschung, Wolfenbüttel 1982.
22
Vgl. Neuber, Wolfgang, Fremde Welt im europäischen Horizont. Zur Topik der deutschen
Amerika-Reiseberichte der frühen Neuzeit, Berlin 1991.
23
Fludernik, Monika (Hrsg.), Der Alteritätsdiskurs des Edlen Wilden: Exotismus, Anthro-
pologie und Zivilisationskritik am Beispiel eines europäischen Topos, Würzburg 2002.
24
Bitterli, Urs, Die ‚Wilden‘ und die ‚Zivilisierten‘. Grundzüge einer Geistes- und Kultur-
geschichte der europäisch-überseeischen Begegnung, München 1976; ders., Die Entdeckung
Amerikas: von Kolumbus bis Alexander von Humboldt, München 1992 (2. Aufl.).
25
Bitterli, Die Wilden, S. 81.
44 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
sich der am französischen Forschungsinstitut CNRS arbeitende Linguist
vor allem auf die Textproduktion der spanischen Konquistadoren und
Missionare stützt.
26
Wie Todorov verzichtet auch Stephen Greenblatt in seinem Buch
Wunderbare Besitztümer. Die Erfindung des Fremden: Reisende und Entdecker
(1991) auf die Kategorien ‚wahr‘ und ‚falsch‘ bei seiner Untersuchung
der Diskurse der Eroberer und versucht stattdessen die Grenzen der eu-
ropäischen Vorstellungen der Alterität auszuloten.
27
Die Expansion des europäischen Horizontes durch Kolonialismus
und die Intensivierung der internationalen Handelsbeziehungen führte
im Zeitalter der Aufklärung zu einem geradezu leidenschaftlichen Inte-
resse für die Möglichkeiten eines interkulturellen Dialogs.
In seiner Analyse grundlegender Texte aus dem französischsprachigen
Raum zeigt Todorov, wie sich ein Diskurs entwickelt, in dem kulturelle
Fremdheit sowohl im Kontext eines elitär-universalistischen Denkens eu-
ropäischer Überlegenheit als auch im Kontext eines sich entwickelnden
pluralistischen Denkens interpretiert wird.
28
La Bruyère, Pascal und Des-
cartes stimmen trotz aller sonstigen Differenzen darin überein, dass die
europäische Zivilisation die beste aller möglichen ist, deren Technik, Wis-
sen und Wertvorstellungen möglichst weite Ausbreitung finden sollen.
Vor dem Eindruck der Versklavung der überseeischen Bevölkerung
hatte aber schon Montaigne für einen Pluralismus der Zivilisation plädiert,
den Diderot in seiner Schrift Supplément au voyage de Bougainville (posthum
veröffentlicht 1798) noch radikalisiert. Jeder solle, so Diderot, nicht einer
allgemeinen „nature“ folgen, sondern nur seiner eigenen „nature“, d. h.
auch die außereuropäischen Völker sollten ihren Vorstellungen gemäß
leben können. Mit der Frage nach dem richtigen Umgang mit dem Ande-
ren oder Fremden wird auch der Begriff der ‚Toleranz‘ zentral, wie er sich
in der Literatur exemplarisch in Lessings Nathan der Weise manifestiert.
29
26
Todorov, Tzvetan, Die Eroberung Amerikas: Das Problem des Anderen, Frankfurt a. M.
1988 (frz.: La conquête de l’Amérique. La question de l’autre, Paris 1982).
27
Greenblatt, Stephen, Wunderbare Besitztümer. Die Erfindung des Fremden: Reisende und
Entdecker, Berlin 1994 (engl.: Marvelous Possessions. The Wonder of the New World, Ox-
ford 1991).
28
Todorov, Tzvetan, Nous et les autres. La réflexion française sur la diversité humaine, Paris
1989.
29
Siehe Schneider, Jost, „Toleranz und Alterität in Lessings ‚Nathan der Weise‘“, in:
Oxana Zielke (Hrsg.), unter Mitarbeit von Thorsten Meier, Nathan und seine Erben.
Beiträge zur Geschichte des Toleranzgedankens in der Literatur. Festschrift für Martin Bolla-
cher, Würzburg 2005, S. 25–35.
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 45
Rousseaus Discours sur l’origine des hommes (1755) öffnete schließlich einer
schwärmerischen Bewunderung des Exotischen die Tür, die sich exempla-
risch in Chateaubriands Atala (1801) äußert.
Herders einflussreiche Schriften zur Kultur Mitte des achtzehnten
Jahrhunderts, vor allem seine Ideen zur Philosophie der Geschichte der Mensch-
heit (1784–91), erscheinen als eine Weiterentwicklung grundlegender
Ideen der Aufklärung, da „fremde“ Kulturen grundsätzlich als ebenbür-
tig akzeptiert werden. Herders Denkanstöße gehen jedoch von einer es-
sentiellen oder wesenhaften Andersheit aus, vertreten ein geschlossenes,
zeitloses Kulturmodell, welches sich in Sprache und Tradition ein für alle
Mal konstituiert habe.
30
Beflügelte dieses ‚romantische‘ Modell die Wissenschaft seiner Zeit
und führte es vor allem (im deutschen Sprachraum) zur Hinwendung
zu den Sprachen und Kulturen des Ostens, speziell zur Indologie,
so schrieb es auch Differenzen fest, verengte den Blick auf die Kons-
tituierung von Wissen in nationalen Räumen und verdinglichte die
„imagined community“ (Benedict Anderson) der eigenen Kultur in
umfangreichen Lexika zur Sprachentwicklung sowie in Sammlungen
historischer und literarischer „Denkwürdigkeiten“.
31
Somit wurden
nicht nur nationale Traditionen betont bzw. „erfunden“ (Eric Hobs-
bawm) – als unmittelbare Konsequenz ergab sich auch eine imaginäre
Kartographie von ‚verwandten‘ Kulturkreisen, mit denen in Kontakt zu
stehen für befruchtend erklärt wurde, während Austausch mit der eige-
nen Tradition fernstehenden Partnern nach Möglichkeit unterbunden
30
Die Debatte um Herders Thesen ist kontrovers; siehe Pénisson, Pierre / Waszek,
Norbert (Hrsg.), Themenheft „Herder et les Lumières“ der Revue Germanique Inter-
nationale, 20/2003; Geschlossenheit der Kulturräume schließt Beziehungen jedoch
in keiner Weise aus, sondern macht sie zu einer Möglichkeit der Selbstdefinition;
siehe z. B. Essen, Gesa von, „Nationale Emanzipation als internationale Kontakt-
geschichte bei Johann Gottfried Herder“, in: Ulrike Christine Sander / Fritz Paul
(Hrsg.), Muster und Funktionen kultureller Selbst- und Fremdwahrnehmungen. Beiträge zur
internationalen Geschichte der sprachlichen und literarischen Emanzipation, Göttingen
2000, S. 391–413.
31
Anderson, Benedict, Die Erfindung der Nation: zur Karriere eines folgenreichen Konzepts,
Frankfurt a. M. 1995 (engl.: Imagined communities. Reflections on the origin and spread of
nationalism, London 1983). In dieser Perspektive siehe z. B. die interdisziplinäre
Synthese von Thiesse, Anne-Marie, La création des identités nationales. Europe XVIIIe-
XXe siècles, Paris 1999; Espagne, Michel / Werner, Michael (Hrsg.), Philologiques III.
Qu’est-ce qu’une littérature nationale?, Paris 1994.
46 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
werden sollte.
32
Im Zeitalter der deutschen Nationbildung bedeutete
dies eine Hinwendung zum imaginären Idealpartner England und eine
Bekämpfung des französischen Einflusses. So kritisierte z. B. Lessing
die „schwächende“ Wirkung von Racine auf die deutsche Literaturent-
wicklung, während die Schlegel’schen Übersetzungen von Shakespeare
entscheidend zur Inkorporation des englischen Dichters in den Kanon
der deutschen Literatur beitrugen.
33
Die Zeit der Nationalstaaten ist
keineswegs anzusehen als ein Moment gebremster Interkulturalität;
ganz im Gegenteil setzt die Bewusstwerdung der Alterität, und damit
der eigenen Identität, eine verstärkte Internationalisierung in Gang.
34
Der von Michel Espagne und Michael Werner Mitte der 1980er-Jahre
vorgeschlagene Ansatz des Kulturtransfers hinterfragt diese längst ob-
solet gewordene Kategorie des ‚Nationalstaats‘ und demaskiert sie als
ein Konstrukt; die Moderne sei gekennzeichnet von einer Vielfalt von
Kulturkontakten, die mit der diffusen Kategorie eines hierarchisch ge-
dachten „Einflusses“, ausgehend von einer „Kulturnation“ zu einer we-
niger kultivierten Nation, nicht zureichend beschrieben werden kön-
nen.
35
Im Zeitalter des Kolonialismus bzw. des Imperialismus der zweiten
Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts erreichte die Alteritätsdebatte eine
neue Dimension. Zwischen ‚Metropole‘ und ‚Kolonie‘ wurde ein tiefer
Graben postuliert. Erst im Nachhinein wurde man sich bewusst, dass
der Kolonialismus nicht nur die unterworfenen Kulturen tief geprägt
bzw. zerstört hat, sondern auch die Kolonisatoren viel tiefer beein-
flusste, als dies lange angenommen wurde.
36
32
Hobsbawm, Eric, Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780, Frankfurt
a. M. 1991 (engl. Nations and Nationalism since 1780. Programme, myth, reality, Cam-
bridge 1990).
33
Roger, Christine, La réception de Shakespeare en Allemagne de 1815 à 1850, Bern u. a.
2008.
34
Siehe z. B. Schöning, Udo, Madame de Staël und die Internationalität der europäischen
Romantik: Fallstudien zur interkulturellen Vernetzung, Göttingen 2003.
35
Siehe die Synthese von Espagne, Michel, Les transferts culturels franco-allemands, Paris
1999. Michael Werner hat inzwischen ein neues Konzept, die „histoire croisée“
vorgeschlagen, welches die Impulse der postkolonialen Debatte integriert, siehe
Werner, Michael / Zimmermann, Bénédicte (Hrsg.), De la comparaison à l’histoire
croisée, Paris 2004.
36
Honold, Alexander / Simons, Oliver, Kolonialismus als Kultur. Literatur, Medien, Wis-
senschaft in der deutschen Gründerzeit des Fremden, Tübingen u. Basel 2002.
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 47
Galt der Blick in den 1950er- und -60er-Jahren vor allem dem Prozess
der Dekolonisierung selbst,
37
so hat sich unter dem Blickwinkel der
postkolonialen Fragestellungen ein Paradigmenwechsel vollzogen.
Edward Saids 1978 erschienenes und sofort ins Deutsche übersetztes
Werk kann als eine bedeutende Zäsur betrachtet werden, nicht zuletzt
da er versucht, diese neue Herangehensweise für einen ganzen Wissens-
zweig anzuwenden, den im Westen im 19. Jahrhundert konstituierten
„Orientalismus“, der in allen seinen Facetten (Ethnographie, Geogra-
phie, aber auch Literatur und Bildende Kunst) als ein im Foucault’schen
Sinne strukturierter „Diskurs“ analysiert wird. Die von ihm angestoßene
und heftig diskutierte postkoloniale Debatte hat zu neuen Perspektiven
in den Beiträgen von Homi K. Bhabha und Gayatri Chakravorty Spivak
(Subaltern Studies) geführt.
38
Der von Samuel Huntington postulierte
Kampf der Kulturen (The Clash of Civilizations, zuerst 1993 als Artikel in der
Zeitschrift Foreign Affairs erschienen) hat dieses ohnehin sehr dynami-
sche Forschungsfeld noch mehr angeheizt.
Im Kontext der postkolonialen Debatte gewinnt auch der Begriff
der ‚Hybridität‘ (Homi Bhabha) seine heuristische Schärfe, der sich gegen
eine bipolare Gegenüberstellung von eigen und fremd wendet und darauf
hinweist, dass Kulturen immer Mischkulturen sind, in denen sich Alteri-
tätsdiskurse vernetzen.
39
Die Fragestellungen der postkolonialen Litera-
turtheorie haben seit langem ihren ursprünglich angelsächsischen und
französischen Bezugsrahmen überschritten – ihre theoretischen Ansätze
37
Césaire, Aimé, Über den Kolonialismus, Berlin 1968; Fanon, Frantz, Die Verdammten
dieser Erde, Frankfurt a. M. 1981.
38
Spivak, Gayatri Chakravorty, Can the subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Ar-
tikulation, Wien 2007; (Spivak, Gayatri Chakravorty / Guha, Ranajit, Selected Subaltern
Studies, Delhi 1988); weiterführend: Bachmann-Medick, Doris, Cultural Turns. Neu-
orientierungen in den Kulturwissenschaften, Reinbek 2006, darin Kapitel „Postcolonial
turn“, S. 184ff. Siehe auch Ashcroft, Bill / Griffiths, Gareth / Tiffin, Helen (Hrsg.),
The Post-Colonial Studies Reader, London, New York 1995; Rahnema, Majid / Bawtree,
Victoria (Hrsg.), The Post-Development Reader, London 1997; Castro Varela, Maria do
Mar / Nikita, Dhawan, Postkoloniale Theorie: eine kritische Einführung, Bielefeld 2005.
39
Bhabha, Homi K., „Verortungen der Kultur“, in: Elisabeth Bronfen / Benjamin
Marius / Therese Steffen (Hrsg.), Hybride Kulturen. Beiträge zur anglo-amerikanischen
Multikulturalismusdebatte, Tübingen 1997, S. 123–148 (Bhabha, Homi K., The
Location of Culture, London 1994), sowie der Aufsatz „DissemiNation: Time, Nar-
rative and the Margins of the Modern Nation“, in: Homi K. Bhabha, Nation and
Narration, London, New York 1990, S. 291–323; ebenfalls Homi K. Bhabha, „The
Third Space. Interview with Homi Bhabha“, in: Jonathan Rutherford (Hrsg.), Iden-
tity, Community, Culture, Difference, London 1990, S. 202–221.
48 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
finden sich auch in Betrachtungen der deutschsprachigen Literaturen der
Moderne.
40
„Dritte Wege“ zwischen Zentrum und „Peripherie “ werden
exploriert – eine Fragestellung, die auch auf die deutsch-französischen
Intellektuellendebatten der Zwischenkriegszeit mit ihrer „Fluktuation
zwischen dem nationalen und dem europäischen Rahmen“ zurückproji-
ziert werden kann.
41
Ebenso halten Fragen der wirtschaftlichen und so-
zialen Globalisierungen ihren Eingang in die Literaturtheorie, die ihre
Fragestellungen transdisziplinär anderen Medien gegenüber öffnet.
42
2.3 Mediale Alterität – Alterität in der Übersetzung
Mediale oder sprachliche Alterität wird in der Übersetzungstheorie als
Differenz zwischen verschiedenen Sprachen und die Bedingung der
Möglichkeit ihrer Vermittlung in der Übersetzung als zentraler Gegen-
stand reflektiert. Auch wenn der Terminus erst über rezeptionstheore-
tische Modelle in die Übersetzungswissenschaft eingegangen ist, so hat
die Problematik der grundsätzlichen Alterität zwischen Sprachen eine
Tradition, sie wird in den sprachphilosophischen Studien Herders,
Humboldts, Schlegels und Schleiermachers prononciert formuliert und
mit der Entstehung der nationalen Philologien im 19. Jahrhundert insti-
tutionell zementiert.
Ein Grundlagentext für die Übersetzungstheorie, dessen Grundgedan-
ken bis heute relevant geblieben sind, ist die 1813 von Friedrich Schleier-
40
Jüngst Bogdal, Klaus-Michael (Hrsg.), Orientdiskurse in der deutschen Literatur, Bielefeld
2007; Bachmann-Medick, Doris, „Dritter Raum. Annäherung an ein Medium kul-
tureller Übersetzung und Kartierung.“, in: Claudia Berger / Tobias Döring (Hrsg.),
Figuren der/des Dritten. Erkundungen kultureller Zwischenräume, Amsterdam, Atlanta
1998, S. 19–36; siehe auch das Diskussionsforum: Postkoloniale Arbeiten / Postcolo-
nial Studies, Leitung: Anil Bhatti (New Delhi), http://www.goethezeitportal.de/
index.php?id=1431 (konsultiert im März 2009).
41
Vgl. z. B. Keller, Thomas, Deutsch-französische Dritte-Weg-Diskurse, München 2001,
S. 7.
42
Valentin, Jean-Marie (Hrsg.), Akten des XI. Internationalen Germanistenkongresses Paris
2005, ‚Germanistik im Konflikt der Kulturen‘, Bern u. a. 2007; Gutjahr, Ortrud, „Alte-
rität und Interkulturalität. Neuere deutsche Literatur“, in: Claudia Benthien /
Hans Rudolf Velten (Hrsg.), Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einführung in neue
Theoriekonzepte, Reinbek 2002, S. 345–69; Schmeling, Manfred / Schmitz-Emans,
Monika / Walstra, Kerst (Hrsg.), Literatur im Zeitalter der Globalisierung, Würzburg
2000; Reichardt, Ulfried, Die Vermessung der Globalisierung: Kulturwissenschaftliche Per-
spektiven, Heidelberg 2008.
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 49
macher vor der Berliner Akademie der Wissenschaften gehaltene Rede
Über die verschiedenen Methoden des Übersetzens.
43
Mit Rückgriff auf die poli-
tischen Metaphern des Verfremdens und des Einbürgerns bezeichnet
Schleiermacher zwei mögliche Strategien der Übersetzung: Die grund-
sätzliche Differenz zwischen zwei Sprachen – oder in Schleiermachers
Terminologie ihre „Irrationalität“ –, vor deren Hintergrund keine iden-
tische Übertragung möglich ist, kann entweder durch das „Einbürgern“
eines fremden Sinnzusammenhanges gelöst werden oder aber durch
Verfremdung. Während Einbürgern um eine in der Zielsprache be-
kannte und geläufige Terminologie bemüht ist, sucht die Verfremdung
das Andere als Anderes zu bewahren und wählt dazu mitunter sperri-
gere, weniger geläufigere Wege.
Ähnlich wie Schleiermacher, der für eine Übersetzung plädiert, in
der das Eigentümliche des Ursprungstextes noch zu spüren ist, fordert
Walter Benjamin in seinem Aufsatz Die Aufgabe des Übersetzers von 1923,
dass das Fremde noch „durchscheinend“ bleiben muss.
44
Unter anderem
Vokabular haben sich diese von Schleiermacher formulierten zwei Wege
als rezeptions- und produktionsorientierte Übersetzungsstrategien bis
heute in der Übersetzungswissenschaft gehalten.
Die Frage, wie man sich zwischen diesen beiden Strategien entscheidet,
ob man der kulturellen Funktion den Vorzug gibt und für eine „annektie-
rende Übersetzung“ (P. Forget) des fremden „Inhalts“ in die eigene Spra-
che plädiert oder in der „aneignenden Übersetzung“ das Befremdende be-
wusst erhalten soll, wird bis heute kontrovers diskutiert.
45
Unmittelbar steht in der Übersetzung die mediale Alterität im Vorder-
grund, die jedoch mittelbar immer im Wechselverhältnis zu einer kultu-
43
Schleiermacher, Friedrich, „Über die verschiedenen Methoden des Uebersezens“
(1813), in: Friedrich Schleiermacher, Sämtliche Werke, dritte Abteilung: Zur Philo-
sophie, Bd. 2, Berlin 1938, S. 207–245.
44
Benjamin, Walter, „Die Aufgabe des Übersetzens“ (1923), in: Gesammelte Schrif-
ten, Bd. IV.1, hrsg. von Tillmann Rexroth, Frankfurt a. M. 1972, S. 9–21 (bes.
S. 18, 20).
45
So sehen beispielsweise Koller, Werner, Einführung in die Übersetzungswissenschaft,
1978, aber auch Reiß und Vermeer (vgl. Beiträge in Wierlacher, Alois (Hrsg.), Per-
spektiven und Verfahren interkultureller Germanistik, München 1987) den Sinn der
Übersetzung in der kommunikativen Funktion, Forget, Philippe, „Aneignung und
Annexion. Übersetzen als Modellfall textbezogener Interkulturalität“, in: Alois
Wierlacher (Hrsg.), Perspektiven und Verfahren interkultureller Germanistik, München
1987, S. 511–527; Tippner, Anja, Alterität, Übersetzung und Kultur. Cechovs Prosa zwi-
schen Rußland und Deutschland, Frankfurt a. M. u. a. 1997, vertreten eine relationisti-
sche Haltung.
50 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
rellen Alterität steht. Eine konkrete Auseinandersetzung damit, wie
Übersetzungen der Konstruktion von kulturellen Selbst- und Fremdbil-
dern folgen, liefert Anja Tippner am Beispiel der Übersetzung von Ce-
chovs Prosa ins Deutsche.
46
Dabei erweisen sich die Übersetzungen von
Cechov ins Deutsche stark abhängig von der Konstruktion einer russi-
schen Identität von deutscher Seite und der literaturwissenschaftlichen
Grundannahme, in Cechov einen dominanten Repräsentanten dieser
Identität zu sehen.
2.4 Poetische Alterität
Nicht die Differenz zwischen verschiedenen Sprachen, sondern die Dif-
ferenz zwischen dichterischem und diskursivem Sprechen wird mit dem
Terminus der ‚poetischen Alterität‘ bezeichnet, den Norbert Mecklen-
burg in verschiedenen Aufsätzen einführt und mit dem er nach der
grundsätzlichen Andersheit poetischer Sprache und Dichtung gegen-
über dem diskursiven Sprechen fragt.
47
Nach Mecklenburg lassen sich als eine Art Konsens unter allen litera-
turtheoretischen Äußerungen über Dichtung, quer durch die Schulen
und Kulturen hinweg, Aussagen zu ihrer grundsätzlichen Uneinnehm-
barkeit durch Theorie feststellen: Dichtungen sind von diskursiver Rede
nicht restlos einholbare Sinneinheiten, und dies zeige sich vor allem in-
direkt in der Auslegung poetischer Texte, die sich der literaturwissen-
schaftlichen Bestimmung immer wieder entzieht.
Poetische Alterität muss dabei für Mecklenburg nicht zwangsläufig
die Steigerung einer bestehenden kulturellen Alterität darstellen, sie
kann auch ein interkulturelles Potential bergen, sodass sehr hermetische
Dichtung, die der diskursiv bestimmten Sprache unauflösbar alteritär ge-
genüber steht, dennoch über die verschiedenen Sprachen und Kulturen
hinweg als Dichtung verstanden wird.
48
Mecklenburg beschäftigt sich
zum Beispiel mit den Romanen Fontanes und verweist auf die Naturly-
46
Tippner, Anja, Alterität, Übersetzung und Kultur.
47
Mecklenburg, Norbert, „Das Mädchen aus der Fremde“, in: ZfdPh, 108/1989,
S. 263–279; Mecklenburg, Norbert, „Über kulturelle und poetische Alterität. Kul-
tur- und literaturtheoretische Grundprobleme einer interkulturellen Germanis-
tik“, in: A. Wierlacher (Hrsg.), Perspektiven und Verfahren interkultureller Germanistik,
München 1987, S. 563–584.
48
Vgl. Mecklenburg, „Das Mädchen aus der Fremde“, hier S. 268.
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 51
rik, die trotz westlich-östlich unterschiedlicher Ausprägung erstaunliche
Gemeinsamkeiten aufzeige, welche er als „transkulturelle poetische Uni-
versalien“ bezeichnet.
49
Als Beispiel für die in der Literatur selbst thematisierte poetische Al-
terität kann die so genannte ‚Dingästhetik‘ der literarischen Moderne he-
rangezogen werden. Im Zeichen der Erkenntnis- und Sprachkrise wen-
den sich Autoren wie Hofmannsthal, Rilke oder Benjamin nicht nur
verstärkt neuen Ausdrucksformen zu, suchen in Geste, Ton und Bild
eine adäquatere, „unschuldige“ Sprache, sondern orientieren sich an
dem ganz Anderen des Menschen, den Dingen.
50
Die Alterität dieser
„stummen Sprache der Dinge“, die für das epistemisch noch nicht Er-
fasste und nicht Fassbare steht, wird dabei zum Platzhalter einer aufge-
gebenen poetischen Sprache, die sich eben nicht am gewöhnlichen
Sprachspiel, sondern an einer absoluten Sprachalterität orientieren soll.
Sich mit der nicht belebten Umwelt in ein Alteritätsverhältnis zu set-
zen, thematisiert immer auch die Einheit des Belebten und Unbelebten
und stellt auf diese Weise, ob affirmativ oder skeptisch, immer auch die
Frage nach Transzendenz und Offenbarung. In diesem Sinne untersucht
beispielsweise Gabris Kortian Musils Aussagen über Kunst in seinem
Essay Ansätze zur neuen Ästhetik (1925).
51
Ein Anzeichen, dass sich der Terminus der ‚poetischen Alterität‘
durchgesetzt hat, ist die Selbstbezeichnung im DFG-Forschungsprojekt
Literatur der Alterität – Alterität der Literatur. Das Fremde und das Eigene in
den skandinavischen Literaturen seit 1800, welches danach fragt, was künst-
lerische Alterität zur Vermittlung kultureller Alterität beitragen kann.
49
Ebd., S. 270.
50
Dieses ganz Andere der Dinge formuliert Jacques Derrida in seiner Auseinander-
setzung mit der Dingpoetik des Dichters Francis Ponge in seinem Werk Signéponge:
„Das Ding ist nicht etwas, das sich Gesetzen fügt, von denen ich in objektiver
(adäquater) oder im Gegenteil subjektiver (anthropomorpher) Weise zu sprechen
hätte. Allem voran ist das Ding das Andere, das ganz Andere, welches das Gesetz
diktiert oder schreibt, ein Gesetz, das nicht einfach Naturgesetz ist (lex naturae re-
rum), sondern ein unendlich, unerschöpflich gebieterischer Befehl, dem ich mich
zu unterwerfen habe (…).“ Vgl. Derrida, Jacques, Signéponge, New York 1984, S. 17.
51
Kortian, Gabris, „Das Kunstwerk und die Erfahrung der Differenz. Wider einen
aktuellen Hang, das Andere der Kunst mit Mystik zu verwechseln“, in: Merkur,
54/2000, 12, S. 1163–1171. Zur Alterität der Dinge vgl. Frank, Michael C. / Go-
ckel, Bettina u. a., Fremde Dinge. Zeitschrift für Kulturwissenschaften 1/2007.
52 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
2.5 Alterität als Erzählstrategie
Mit dem Begriff des ‚alteristischen Schreibens‘, wie ihn Gerhard Probst
in den 1970er-Jahren in einer Reihe von Aufsätzen einzuführen ver-
sucht,
52
wird Alterität nicht nur als Reflexions-, sondern auch als Pro-
duktionsstrategie untersucht. Probst stellt das alteristische Erzählen
dem so genannten „auratischen“ bzw. dem „autonomen“ Erzählen ge-
genüber, in dem die Autonomie des Kunstwerkes und die nach Probst
„klassisch-romantische […]“ Einheit von Autor und Werk, seine Einma-
ligkeit, Geschlossenheit und Endgültigkeit nicht in Frage gestellt wird.
Alteristisches Schreiben ist für Probst eine Schreibstrategie, bei der
der Schriftsteller dem Leser bei der Sinnkonstitution bewusst einen gro-
ßen Teil zuweist und somit zum einen deutlich macht, inwiefern Inter-
pretation als Alternieren zwischen Text und Interpret entsteht, zum an-
deren die Einheit der Erzählung und die Möglichkeit eines in sich
geschlossenen Werkes in Frage stellt und mithin die grundsätzliche Al-
terität, das Immer-anders-Sein der Erzählung, unterstreicht. Allerdings
ist eine solche Erzählstrategie, wie sie Probst für die zeitgenössische
deutsche Erzählliteratur ‚entdeckt‘ und beispielsweise in Frischs Werken
Andorra, Stiller oder Mein Name sei Gantenbein, in Christa Wolfs Nachdenken
über Christa T., Siegfried Lenz’ Das Vorbild oder aber Uwe Johnsons Mut-
maßungen über Jakob in verschiedenen Aufsätzen untersucht, nicht ledig-
lich ein Merkmal der deutschen Gegenwartsliteratur.
53
Dass sich der Be-
griff des ‚alteristischen Schreibens‘ nicht durchgesetzt hat, obgleich er
mit der Übertragung der Alteritätsproblematik auf die Produktionsstra-
52
Vgl. Probst, Gerhard, „Thematization of Alterity in Christa Wolf ’s Quest for Christa
T.“ in: The University of Dayton Review 13/1978, 2, S. 25.–35; ders., „Unbestimmt-
heitsstellen wertender Art in Uwe Johnsons Mutmassungen über Jakob“, in: Colloquia
Germanica 11/1978, S. 68–74; ders., „‚Du sollst dir kein Bildnis machen‘. Überle-
gungen zu Max Frischs Roman Mein Name ist Gantenbein“, in: Colloquia Germanica
11/1978, S. 317–329; ders., „Auch eine Thematisierung der Alterität. Bemerkun-
gen zu Siegfried Lenz’ Roman Das Vorbild“, in: Germanisch-romanische Monatsschrift,
27/1977, 4, S. 457–461; ders., „Alteristisches Erzählen. Beziehungen zwischen
Struktur und Thematik der Nachkriegslitertur“, in: Wolfgang Elfe / James Hardin
/ Günther Holst (Hrsg.), Deutsche Exilliteratur. Literatur der Nachkriegszeit, Akten
des III. Exilliteratur-Symposiums der University of South Carolina, Jahrbuch für
Internationale Germanistik, Reihe A, Kongressberichte, Bd. 10, Bern u. a. 1981,
S. 88–95.
53
Z.B. Probst, Gerhard, „Auch eine Thematisierung der Alterität. Bemerkungen zu
Siegfried Lenz’ Roman ‚Das Vorbild‘“, in: Germanisch-romanische Monatsschrift,
27/1977, 4, S. 457–461, hier S. 458.
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 53
tegien des Schriftstellers sozusagen ein neues Feld absteckt, mag an die-
ser Einschränkung liegen, die ältere literarische Strategien wie die der ro-
mantischen Ironie oder die der ‚autofiction‘ nicht berücksichtigt.
2.6 Alterität der Geschlechter
Dafür, dass der Mensch zur Konstruktion seiner Identität auf das andere
Geschlecht als das Alter ego, als das gleiche und doch andere Menschsein,
zurückgreift und sich in dieser Konstitution ein Machtdiskurs manifes-
tiert, mangelt es in der Kultur-, Gesellschafts- und Wissensgeschichte
nicht an Beispielen. Die Entwicklung der Reflexion auf diese Selbst- und
Fremdkonstruktionen der Geschlechter ist eng verbunden mit der Ge-
schichte der Frauenemanzipation ab dem Ende des 19. Jahrhunderts bzw.
der Lesben- und Schwulenbewegung ab den 1970er-Jahren sowie der
Queerbewegung ab den 1980er-Jahren.
Obgleich Motor und Anlass wissenschaftlicher Reflexion über die Al-
terität der Geschlechter, treten emanzipatorische Forderungen immer
wieder auch in Konflikt mit ihnen. Dieser Konflikt entsteht unter ande-
rem, wenn eine politische Forderung mit der Annahme der Gleichheit
operiert oder im Kampf für das Marginalisierte eine Festschreibung vor-
genommen wird.
Eine Geschichte der Reflexion über die Alterität der Geschlechter be-
ginnt nicht erst Ende des 19. Jahrhunderts, obwohl sich diese Geschichte
vom 20. und 21. Jahrhundert her mit anderen Vorzeichen liest. So ent-
werfen die Frühromantiker Friedrich Schlegel und Friedrich Schleier-
macher (nicht unabhängig von der für kurze Zeit im Zirkel der Früh-
romantiker gelebten Frauenemanzipation) eine Theorie dialektischer
Wechselwirkung der Geschlechter. In Romanen wie Friedrich Schlegels
Lucinde (1799) findet die Polemik gegen die karikaturhafte Überzeich-
nung und Festschreibung männlicher wie weiblicher Geschlechtscharak-
tere einen Ausdruck. Friedrich Schleiermacher ‚antwortet‘ auf diesen
Roman mit Vertraute Briefe über Friedrich Schlegels Lucinde (1800). In ihnen
wird der Begriff der „Schamhaftigkeit“ entwickelt, der als Ausdruck des
Respekts vor der unhintergehbaren Alterität des Anderen auch auf eine
ethische Dimension hindeutet.
Eine wichtige Etappe in der Auseinandersetzung mit der Alterität der
Geschlechter ist der Wechsel der Blickrichtung, der das Weibliche von
seiner Negativbeschreibung auf eine offene, noch zu findende Anders-
heit hin entwirft. Gründungstext der philosophischen Geschlechterfor-
54 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
schung ist das von Simone de Beauvoir 1949 veröffentlichte Buch Le deu-
xième sexe (dt.: Das andere Geschlecht, Hamburg 1952).
Mit dem Hinweis auf das „Gewordensein“ der Geschlechter und der
Analyse des Objektstatus der Frau im „Mythos Frau“ als des „absolut An-
deren“ zeigt Beauvoir, wie die Geschlechterhierarchie über Jahrhunderte
hinweg zementiert wurde. Als Vertreterin einer existentialistischen Ethik
mit Rückgriff auf den Hegel’schen Begriff der ‚Anerkennung‘ geht es
Beauvoir jedoch nicht darum, Alterität als Dialektik von Selbst und An-
derem zu leugnen. Diese bleibt Voraussetzung als Bedingung mensch-
licher Subjektivität und ist nur in konkreter Erfahrung möglich.
Mit der Bestimmung des Körpers als „Situation“, in dem sich Ent-
würfe von Welt zeigen, formuliert Beauvoir bereits die soziale Konstruk-
tion des Körpers,
54
die erst mit der Historikerin Barbara Duden
55
und
der Philosophin Judith Butler
56
in den 1990er-Jahren eine verstärkte Dis-
kussion erfuhr.
Für die Literatur und Literaturwissenschaft ist die Frage nach der
‚écriture féminine‘, dem weiblichen Schreiben, von großer Bedeutung,
die von Hélène Cixous und Luce Irigaray ins Spiel gebracht und vertre-
ten wurde.
57
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie in einer von ‚männlichen‘ Macht-
und Wertestrukturen durchwirkten Sprache ein anderes, ‚weibliches‘
Schreiben möglich werden kann; dies berührt auch die Frage der poeti-
schen Alterität.
58
In der heute gängigen Unterscheidung in einen so ge-
nannten ‚Substanzfeminismus‘ und einen ‚Differenzfeminismus‘ ließen
sich Cixous, Irigaray und Kristeva als Vertreterinnen einer essentialisti-
schen Position zuordnen.
54
Vgl. Konnert, Ursula / Beauvoir, Simone de, „Das andere Geschlecht. Sitte und
Sexus der Frau“, in: Martina Löw / Bettina Mathes (Hrsg.), Schlüsselwerke der Ge-
schlechterforschung, Wiesbaden 2005, S. 26–58.
55
Duden, Barbara, Geschichte unter der Haut, Stuttgart 1987; dies., Der Frauenleib als
öffentlicher Ort, Hamburg 1991.
56
Butler, Judith, Bodies that Matter: On the Discursive Limits of ‚Sex‘, London, New York
1993 (dt.: Körper von Gewicht, Frankfurt a. M. 1997).
57
Irigaray, Luce, Speculum. De l’autre femme, Paris 1974 (dt.: Speculum. Spiegel des anderen
Geschlechts); dies., Ce sexe qui n’en est pas un, Paris 1977 (dt.: Das Geschlecht, das nicht eins
ist, Berlin 1979).
58
Vgl. Weigel, Sigrid, Die Stimme der Medusa. Schreibweisen in der Gegenwartsliteratur von
Frauen, Hamburg 1989; Masanek, Nicole, Männliches und weibliches Schreiben? Zur Kon-
struktion und Subversion in der Literatur, Würzburg 2005.
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 55
Einen Grundlagentext für einen relationistischen Feminismus lieferte
Judith Butler mit ihrem Buch Gender Trouble (1990; dt.: Das Unbehagen
der Geschlechter, 1991). Wie Cixous, Irigaray und Kristeva geht Butler auch
auf psychoanalytische Ansätze von Freud und Lacan zurück, wendet
sich jedoch ausdrücklich gegen eine Binäropposition der Geschlechter.
Mit Rückgriff auf Foucaults Diskursanalyse wird die gängige Unter-
scheidung in biologisches Geschlecht (sex) und gesellschaftliches Ge-
schlecht (gender) unterlaufen, indem die vermeintliche Natürlichkeit des
Körpers als soziales Konstrukt dekonstruiert wird. Butler plädiert dabei
für einen subversiv-performativen Umgang mit Geschlechterhierarchie
und „Zwangsheterosexualität“ in Form von Parodie oder Imitation. Aus
Alterität der Geschlechter ist somit ihr Plural, Alteritäten der Geschlech-
ter, geworden.
Zu den wichtigen Impulsen, die aus der Diskussion um Alterität(en)
der Geschlechter gegenwärtig für die Alteritätsforschung kommen,
gehört der Begriff der ‚Intersektionalität‘, der auf die komplexen Wech-
selwirkungen kultureller, medialer und genderspezifischer Alterität(en)
aufmerksam macht.
59
Für den deutschsprachigen Raum und die deutsch-
sprachige Literatur, die kulturelle Alterität und genderspezifische Alteri-
tät in ihrer Interdependenz untersuchen, stehen beispielsweise Arbeiten
von Uerlings und Allerkamp.
60
59
Knapp, Gudrun-Axeli, „Intersectionality“ – ein neues Paradigma feministischer
Theorie? Zur Transatlantischen Reise von ‚Race, Class, Gender‘, in: Feministische
Studien, 23/2005, S. 68–81; Crenshaw, Kimberlé, „Demarginalizing the Inter-
section of Race and Sex. A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doct-
rine“, in: The University of Chicago Legal Forum, 1989, S. 139–167; McCall, Leslie,
„The Complexity of Intersectionality“, in: Signs. Journal of Woman in Culture and So-
ciety, 30/2005, S. 1771–1800.
60
Vgl. Allerkamp, Andrea, Die innere Kolonisierung. Bilder und Darstellungen des/der An-
deren in deutschsprachigen, französischen und afrikanischen Literaturen des 20. Jahrhunderts,
Weimar, Wien 1991; Uerlings, Herbert / Hölz, Karl / Schmidt-Linsenhoff, Vikto-
ria (Hrsg.), Das Subjekt und die Anderen. Interkulturalität und Geschlechterdifferenz
vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Berlin 2001; Uerlings, Herbert, ‚Ich bin von nied-
riger Rasse‘. Postkolonialismus und Geschlechterdifferenz in der deutschen Literatur, Bonn
2006.
56 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
3. Institutionsgeschichtliches
Der Begriff der ‚Alterität‘, obgleich im Englischen und Französischen seit
dem 17. Jahrhundert im Sinne von Andersheit zuvor verwendet, findet
erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts eine theoretische Schärfung.
Seit den 1980er-Jahren erfährt der Begriff der ‚Alterität‘ nicht zuletzt
im Kontext der Popularität postmoderner und poststrukturalistischer
Theorien eine Hochkonjunktur und wird in den unterschiedlichsten
Disziplinen und Themenstellungen zu einem weit verbreiteten Problem-
ansatz. Ab den 1990er-Jahren ist eine geradezu explosionsartige Verbrei-
tung zu beobachten, die die Vielfalt der theoretischen und methodischen
Ansätze deutlich macht, zugleich aber auch eine Sinn- und Bedeutungs-
inflation zum Ausdruck bringt, die mit der Publikationsfülle, insbeson-
dere als Titel auf Tagungsbänden, einher geht.
Auch die internationalen Germanistenkongresse, die sich seit den
1990er-Jahren verstärkt der Interkulturalität und Fremdheitsforschung
widmen und in einzelnen Sektionen explizit unter dem Thema der Alte-
rität antreten (so z. B. in Tokyo 1990 mit einer Sektion Theorie der Alterität,
in Wien 2000 mit einer Sektion Interkulturalität und Alterität und 2005 in
Paris mit einer Sektion Alteritätsdiskurse in Sprache, Literatur und Kultur der
skandinavischen Länder), tragen mit einer Sammlung heterogener Beiträge
eher zu einer weiten Verwendung als zu einer theoretischen Schärfung
des Begriffs der ‚Alterität‘ bei.
61
Die Gründe für die weit verzweigte, über die Disziplinen und Spra-
chen hinausreichende prominente Anwendung des Begriffs der ‚Alteri-
tät‘ liegen aus gesellschaftlicher Perspektive in der Brisanz einer Dyna-
mik von Globalisierung und kultureller Ausdifferenzierung. In einer
Zeit, in der sich politische und ökonomische Grenzen verschieben und
Kulturen mischen, lösen sich alte, an großen Einheiten orientierte Iden-
tifikationsmodelle auf. Damit ist die Identitätsproblematik oder die
Bestimmung des Eigenen in Abgrenzung zum Anderen oder Fremden
61
Vgl. Shichiji, Yoshinori (Hrsg.), Theorie der Alterität. Begegnung mit dem ‚Fremden‘.
Grenzen – Traditionen – Vergleiche. Akten des VIII. Internationalen Germanisten-Kongres-
ses, Tokyo 1990, Bd. 2, Sektion 1, München 1991; Wiesinger, Peter u. a. (Hrsg.),
Zeitenwende. Die Germanistik auf dem Weg vom 20. ins 21. Jahrhundert. Akten des X,
internationalen Germanistenkongresses, Wien 2000, Bd. 9: Literaturwissenschaft als
Kulturwissenschaft: Interkulturalität und Alterität; Interdisziplinarität und Media-
lität; Konzeptualisierung und Mythographie, Bern u. a. 2003; Valentin, Jean-Marie
(Hrsg.), Akten des XI. Internationalen Germanistenkongresses Paris 2005 ‚Germanistik im
Konflikt der Kulturen‘, Bd. 2, Bern u. a. 2007.
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 57
nicht etwa ad acta gelegt, sondern gewinnt unter dem Vorzeichen hybri-
der Mischkulturen eine neue Brisanz.
Gründe für die Durchsetzung des Begriffs ‚Alterität‘ sind aber nicht
nur auf gesellschaftspolitischer, sondern auch auf wissenschaftsinterner
Ebene, d. h. im Glauben an insbesondere drei wissenschaftliche Leistun-
gen zu suchen, die dieser Begriff zu versprechen scheint: 1. etwas ‚Neues‘
zu liefern bzw. einen Bruch mit der Tradition vorzunehmen, 2. interna-
tionale Anschlussfähigkeit und 3. interdisziplinäre Anwendbarkeit. Dies
scheint gerade für die seit den 1980er-Jahren einsetzende Neuorientie-
rung der Geisteswissenschaften, weg von historisch gewachsener Dis-
ziplinierung und nationalem Alleingang, hin zu einer interdisziplinären-
internationalen Kulturwissenschaft, besonders relevant.
Die Erwartung, dass mit dem Konzept der Alterität ein neuer Ansatz
verbunden sei, wird vor allem von postmoderner Seite aus genährt, die
der abendländischen Kultur und insbesondere der Identitätsphilosophie
in ihrer Kritik am ‚Logozentrismus‘ vorwerfen, Andersheit und Diffe-
renz nicht ausreichend bedacht zu haben.
Andersheit und Fremdheit sind jedoch Grunderfahrungen der
menschlichen Existenz, und die Reflexion auf Identität, Differenz und
Andersheit gehört zu einem, wenn nicht zu dem zentralen Thema der
westlichen Philosophie- und Ideengeschichte. Dabei wird Andersheit in
der Antike und im Mittelalter als das Andere vorrangig aus ontologischer
Perspektive, d. h. in Bezug auf die Bestimmung des Seins in Gegenüber-
stellung von Einheit und Andersheit reflektiert.
62
In der Philosophie des
Nikolaus von Kues taucht sogar das lateinische ‚alteritas‘ im Begriffspaar
„unitas/alteritas“
63
auf und erhält dort eine theologische Auslegung.
Einheit und Verschiedenheit sind in allem Seienden immer miteinander
verbunden, insofern jedes bestimmte Sein immer auch Negation des
Seins als eines Anderen einschließt.
Die Reflexion auf den Anderen als den menschlich Anderen, also An-
dersheit als intersubjektive Bestimmung, findet seit Hegel und in Hegels
Philosophie in der Herr-Knecht-Problematik unter dem Begriff der ‚An-
62
Vgl. Wyller, Egil A., Einheit und Andersheit. Eine historische und systematische Studie zur
Henologie ( I–III ), Würzburg 2003 (norweg. Oslo 1981).
63
Vgl. Kues, Nikolaus von, Vom Nichtanderen. De li non aliud, übersetzt und mit Ein-
führungen und Anmerkungen, hrsg. von Paul Wilpert, Hamburg 1976 (2. Aufl.),
S. 11; vgl. auch ebd., S. 5; Pätzold, Detlev, Einheit und Andersheit: die Bedeutung kate-
gorialer Neubildungen in der Philosophie des Nicolaus Cusanus, Köln 1981.
58 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
erkennung‘ eine zentrale Grundlegung.
64
Der Begriff der ‚Andersheit‘ in
seiner personell-anthropologischen Bedeutung wird im 19. und 20. Jahr-
hundert insbesondere in der Phänomenologie (Edmund Husserl, Martin
Heidegger, Maurice Merleau-Ponty, Karl Jaspers), der Existenzphiloso-
phie (Jean Paul Sartre)
65
und bei dialogischen Denkern wie Martin Buber
oder Franz Rosenzweig weitergeführt.
Dass gerade im 20. Jahrhundert die Auseinandersetzung mit dem An-
deren ein besonderes Gewicht erhält und eine zentrale Herausforderung
ist, die das moderne Denken in den Griff zu bekommen versucht, führt
Michael Theunissen in seinem Buch Der Andere. Studien zur Sozialontologie
der Gegenwart aus.
66
Der Vorwurf postmoderner Philosophie, nachdrücklich formuliert
von Jacques Derrida und Emmanuel Lévinas, zielt jedoch weniger auf das
Nichtvorhandensein der Thematik des Anderen und Differenten in der
Tradition, sondern auf seine Verstellung und Verdeckung in der Art und
Weise, wie es thematisiert wurde. Gemeinsam sei dieser philosophischen
Tradition aus der Perspektive postmoderner Philosophie, dass sie das
Fremde, Andere und Differente aus der Perspektive des Eigenen, Nicht-
Anderen und Identischen zu bestimmen versucht. Von diesem Primat des
Eigenen aus, für das Identität Ausgangs- und Zielpunkt ist, erscheint der
Andere immer als etwas, das irritiert oder stört und in dieser Störungs-
funktion bekämpft, überwunden oder eben ‚anerkannt‘ werden muss.
Auch wenn der Begriff der ‚Alterität‘ immer wieder mit postmodernen
Theorieansätzen und der Philosophie der Differenz identifiziert wird,
so zeichnet sich die Gesamtheit der Publikationen zur Alterität – dort wo
eine theoretische Verortung vorgenommen wird – bis heute gerade durch
eine Vielfalt der methodisch-theoretischen Ansätze aus. Wollte man diese
64
Auf die Aktualität der Hegel’schen Herr-Knecht-Dialektik für die Diskussion um
kulturelle Alterität verweist beispielsweise Reichardt, Ulfried, Alterität und Geschichte.
Funktionen der Sklavereidarstellung im amerikanischen Roman, Heidelberg 2001, S. 70ff.
65
Zur Aktualität der Sartre’schen Theorie des Anderen in einer multikulturellen
Gesellschaft vgl. Gomez-Muller, Alfredo (Hrsg.), Sartre et la culture de l’autre, Paris
2006.
66
Theunissen, Michael, Der Andere. Studien zur Sozialontologie der Gegenwart, Berlin,
New York 1977. In eine ähnliche Richtung weist Vincent Descombes Geschichte
der jüngeren französischen Philosophie, die er um das Begriffspaar des „Selben“
und des „Anderen“ strukturiert (Descombes, Vincent, Le Même et l’autre. Quarante-
cinq ans de philosophie française (1933–1978), Paris 1979, (dt.: Das Selbe und das Andere.
Fünfundvierzig Jahre Philosophie in Frankreich 1933–1978, Frankfurt a. M. 1981). Auch
Bernhard Waldenfels kennzeichnet modernes Denken mit dem Begriffspaar
fremd/eigen (Waldenfels, Bernhard, Der Stachel des Fremden, Frankfurt a. M. 1990).
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 59
Vielfalt in Gegnerschaften teilen, so könnte man innerhalb der Alteritäts-
debatte einen Theoriestreit ausmachen, in dem ein eher universalistisch
orientiertes Lager einem Lager der Differenzdenker gegenübersteht.
Während das Differenzdenken gegenüber dem abendländischen Identi-
tätsdenken die Unverfügbarkeit des Andren unterstreicht und das radikal
Andere aus seiner Abseitsposition, seinem Ausgeschlossen-Sein des auf
Identität abzielenden Denkens immer wieder ‚dekonstruierend‘ ins Zen-
trum der Aufmerksamkeit rückt, wenden sich ihre Gegner gegen einen
„Alteritäts-Absolutismus“,
67
der „unaufhebbare Fremdheit“ hypostasiert
und jedem Denken von Differenz selbst das Wasser abgrabe.
Für die Etablierung von Debatten und Positionen ist nicht zuletzt
auch ihre institutionalisierte Förderung verantwortlich. Für die germa-
nistische Literatur- und Sprachwissenschaft ist hier vor allem auf die In-
stitutionalisierung der ‚Interkulturellen Germanistik‘ seit den 1980er-
Jahren hinzuweisen, die sich als eigener kulturwissenschaftlicher For-
schungszweig der Fremdheitsforschung zu entwickeln sucht und die
weitgehend dem universalistischen Lager zuzurechnen ist.
68
Etappen
dieser institutionellen Etablierung sind die 1984 erfolgte Gründung der
Gesellschaft für interkulturelle Germanistik (GIG) auf der Konferenz
‚Deutsch als Fremdsprache‘ in Karlsruhe sowie in den 1980er- und
-90er-Jahren die Einrichtung von Lehrstühlen und Studiengängen zu
‚Interkultureller Germanistik‘ an mehreren deutschen Universitäten.
69
Die aus dem Kontext der GIG hervorgehenden Publikationen lösen
sich jedoch personell wie inhaltlich nur langsam von ihrer Herkunft, dem
Fach Deutsch als Fremdsprache, und der in ihr praktizierten didaktisch
reflektierten Fremdsprachenlehre. Theoretisch sind die meisten For-
schungsbeiträge einer hermeneutisch-rezeptionsästhetischen Tradition
verpflichtet, neben der Anerkennung der „hermeneutischen Vielfalt glo-
baler Germanistik“ besteht die Annahme „transkultureller Universa-
lien“.
70
Der Begriff der ‚Fremdheit‘ scheint prominenter als der der Al-
67
Vgl. Mecklenburg, Norbert, „Über kulturelle und poetische Alterität. Kultur- und
literaturtheoretische Grundprobleme einer interkulturellen Germanistik“, in:
Alois Wierlacher (Hrsg.), Perspektiven und Verfahren interkultureller Germanistik, Mün-
chen 1987, S. 563–584, hier S. 568.
68
Wierlacher, Alois (Hrsg.), Kulturthema Fremdheit. Leitbegriffe und Problemfelder kultur-
wissenschaftlicher Fremdheitsforschung, München 1993.
69
So z. B. in Bayreuth, München, Karlsruhe und Düsseldorf; vgl. Wierlacher, Alois
(Hrsg.), Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache, Bd. 15, München 1989.
70
Wierlacher, Alois (Hrsg.), „Einleitung“, in: ders., Perspektiven und Verfahren interkul-
tureller Germanistik, München 1987, S. 15.
60 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
terität,
71
theoretische Ansätze der Postmoderne und der im Kontext der
Postkolonialismus- oder Genderdebatte entstandenen Publikationen
finden weniger Beachtung.
Als eine für den Begriff der ‚Alterität‘ zentrale Forschungsinstitution
in Deutschland ist der von Monika Fludernik an der Universität Freiburg
1997 bis 2003 geleitete SFB Identitäten und Alteritäten zu nennen. Bereits
aus der Wahl des Titels geht hervor, dass Konstruktion von Alterität
nicht ohne Konstruktion von Identität gedacht werden kann. Zugleich
unterstreicht die Wahl des Plurals, dass es nicht um die Reetablierung
eines klassischen Identitätsdenkens geht.
4. Publikationen
Bhaba, Homi K., Die Verortung der Kultur, Tübingen 2000 (The Location of
Culture, London 1994).
Der an der Harvard Universität lehrende indische Philosoph eröffnet
in diesem 1994 erschienenen Werk eine neue Periode der postkolonialen
Studien. Gestützt auf Lacan und Foucault kreist sein Denken um hy-
bride Räume, in denen die traditionellen binären Beziehungsmuster zwi-
schen „Zentrum“ und „Peripherie“ zugunsten eines „dritten Raumes“
aufgegeben werden, um neue Beziehungen zwischen sich immer erneu-
ernden Identitäten zu ermöglichen. Das postmoderne Selbstverständnis
wird als Leben an der „Grenze“ bezeichnet, es ist utopisch besetzt als
das „darüber Hinausgehende (beyond)“, welches durch den Fremden,
Heimatlosen repräsentiert wird.
„Kultur“ erscheint solchermaßen als ein Ort eines flexiblen, für alle
Seiten potentiell schmerzhaften Aushandelns von Werten und Verhal-
tensweisen zwischen Gruppen, deren Grenzen nie scharf zu ziehen sind:
„Kulturen sind niemals in sich einheitlich, und sie sind auch nie einfach
dualistisch in ihrer Beziehung des Selbst zum Anderen. […] Daß ein kul-
tureller Text oder ein kulturelles Bedeutungssystem sich nicht selbst ge-
nügen kann, liegt daran, daß der Akt des kulturellen Ausdrucks – der Ort
der Äußerung – von der différance des Schreibens überkreuzt wird. […]
Es geht hier also nicht um den Inhalt des Symbols oder seine soziale
Funktion, sondern um die Struktur der Symbolisierung“ (S. 54).
71
Bezeichnend dafür ist, dass sich im 2003 erschienenen Handbuch zur Interkultu-
ralität (Wierlacher, Alois / Bogner, Andrea (Hrsg.), Handbuch interkulturelle Germa-
nistik, Stuttgart 2003) kein eigener Eintrag zum Begriff der ‚Alterität‘ befindet.
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 61
Der bewusst schwierige Duktus seines Stiles hat viel Kritik hervorge-
rufen (und zur Verzögerung der deutschen Übersetzung beigetragen);
diesem Vorwurf begegnet Bhaba mit dem Hinweis auf die Notwendig-
keit einer Sprache, die sich einer falschen Transparenz verwehrt.
Jauß, Hans Robert, Alterität und Modernität der mittelalterlichen Literatur,
München 1977.
Mit der zwischen 1956 und 1976 geschriebenen Aufsatzsammlung be-
gründet der Romanist und Mediävist Hans Robert Jauß ein neues, wach-
sendes Interesse an mittelalterlicher Literatur, deren Modernität für den
heutigen Leser er gerade in ihrer befremdenden Andersheit sieht und
u. a. in Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Tierepik exemplifi-
ziert.
Eine methodische Entfaltung des Alteritätsbegriffs findet sich vor al-
lem in der für die Sammlung geschriebenen programmatischen Einlei-
tung sowie in dem 1975 erstmals erschienenen abschließenden Aufsatz
Ästhetische Erfahrung als Zugang zu mittelalterlicher Literatur. Insbesondere
gegen eine „positivistische Traditionsforschung“ (S. 10), die einem im
19. Jahrhundert entwickelten Geschichtsmodell und der ihr inhärenten
„Illusion geschichtlicher Kontinuität“ (S. 15) anhänge, möchte Jauß, im
Anschluss an Arbeiten u. a. von Paul Zumthor, Eugène Vinaver oder Ro-
bert Guiette, Kontinuitätsbrüche in den Vordergrund stellen.
Der Mitbegründer der Rezeptionstheorie lenkt die Aufmerksamkeit
auf die Rolle des Lesers und geht davon aus, dass sich jeder Text erst im
Leseprozess selbst vor dem Hintergrund des zeitbedingten historisch-
ästhetischen Erwartungshorizontes des Lesers konkretisiert.
72
Orien-
tiert an Gadamers Horizontverschmelzung formuliert Jauß einen drei-
schrittigen Rezeptionsprozess, in dem einer präreflexiven ersten Rezep-
tion des Textes, in der uns die Andersheit des Textes deutlich wird, der
Versuch folgt, den Erwartungshorizont des ursprünglichen Lesers zu re-
konstruieren. Die Einsicht in die Modernität des Mittelalters lässt sich
für Jauß nur im „reflektierten Durchgang durch ihre Alterität […] gewin-
nen“ (S. 25), indem wir die Bedeutung des befremdend anderen Textes
für uns aktualisieren. Diese Modernität ist eine überraschende, uns
selbst neu definierende Modernität, denn sie sagt ebenso viel über den
mittelalterlichen Text aus wie über uns selbst.
72
Jauß, Hans Robert, Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft, Kon-
stanz 1967; Warning, Rainer, Rezeptionsästhetik. Theorie und Praxis, München 1975.
62 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
Themen, an denen sich die Alterität des Mittelalters in Bezug auf den
gegenwärtigen Leser manifestiert, sind für Jauß u. a. ihre Mündlichkeit
oder ihr Werkverständnis. Als „die Beziehung auf ein anderes, verstehen-
des Bewußtsein“ (S. 329) ist ‚Alterität‘ jedoch ein relationaler Begriff, der
in Bezug auf die Rezeptionsgeschichte ein sich wandelndes komplexes
Differenzverhältnis zwischen einem historischen, zu rekonstruierenden
und einem je aktuellen Erwartungshorizont darstellt.
Kritik fand Jauß ähnlich wie Gadamer u. a. für die Darstellung der Le-
ser-Text-Beziehung als Gespräch, insofern eine dialogische Situation
nur im übertragenen Sinne gegeben ist. Das Modell der Horizontver-
schmelzung wird von strukturalistischer Seite aus, wie beispielsweise von
Peter Haidu, als vereinnahmende Aneignung des Alteritären gedeutet.
Said, Edward W., Orientalismus, Frankfurt a. M. 1979 (Orientalism, New
York 1978).
Der an der New Yorker Columbia Universität lehrende Literaturfor-
scher palästinensischen Ursprungs Edward W. Said (1935–2003) zieht in
diesem in 26 Sprachen übersetzten Klassiker der Kulturgeschichte der
Gegenwart eine verheerende Bilanz der abendländischen Orientfor-
schung, die im 19. Jahrhundert ihre Blütezeit erreichte: Unter dem Vor-
wand des rationellen Verstehens habe sie zu einem quasi strukturellen
kulturellen Missverständnis beigetragen, das den Imperialismus legiti-
miert habe. Nach dem Schema „Sie-Wir“ habe sie einen Monolog gehal-
ten, der die orientalische Bevölkerung vereinnahmt habe und der, ein-
mal konstituiert, durch keine Erfahrung mehr korrigiert werden konnte.
Gestützt auf die Diskursanalyse von Michel Foucault, versucht Said an-
hand einer breiten Auswahl von Autoren v. a. aus England und Frank-
reich zu zeigen, dass der „Andere“ als „Bild“, nicht als Abbild einer
Wirklichkeit konstruiert wurde. So kommt Said zum Schluss, dass im
19. Jahrhundert „jeder Europäer, in dem, was er über den Orient sagen
konnte, ein Rassist, ein Imperialist und ein fast vollkommener Ethno-
zentriker war“ (S. 204). Dieses Bild habe sich bis in die heutigen Tage er-
halten; Saids heftige Kritik an der amerikanischen Außenpolitik, vor al-
lem dem Irak-Krieg, stützt sich auf den Gedanken, dass auch heute
noch „der Araber“ grundsätzlich nur als Feind wahrgenommen würde,
die Diversität des arabischen Lebens und der Kultur nicht anerkannt
werde.
Die von Said kritisierten Orientalisten warfen ihm eine grobe Verken-
nung der Arbeitsprinzipien ihrer Disziplin sowie eine vorsätzliche Aus-
klammerung des Islam als politischen Faktors vor und kritisierten die
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 63
verengte Auswahl seiner Quellen (deutsche und ungarische Orientalisten –
deren Bedeutung Said zugibt – werden von ihm nicht berücksichtigt).
In seinem Vorwort zur französischen Ausgabe hebt Tzvétan Todorov
hervor, dass Said über Alternativen, die zu einem besseren Verständnis
zwischen West und Ost führen können, sehr vage bleibt, sodass der Ein-
druck entstehen könne, als sei der Kulturenkonflikt ein Schicksal.
Todorov, Tzvetan, Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen, Frank-
furt a. M. 1998 (frz.: La conquête de l’Amérique. La question de l’autre, Paris
1982).
Im Unterschied zu Asien oder Afrika, mit denen Europa schon immer
in Kontakt stand, stellte Amerika an der Epochenschwelle der Frühen
Neuzeit ein „absolutes Anderes“ dar (Vorwort). Im umfangreichen zwei-
ten Kapitel stellt Todorov die Unterwerfung der fremden Kultur als ein
Musterbeispiel der Leistungsfähigkeit semiotischer Analyse dar: Wäh-
rend die Azteken durch die Überdeterminierung ihrer Kultur gelähmt
bleiben, erscheint Hernàn Cortés als „Hermeneut“ (S. 23), der sich
schnell in ein Kultursystem eindenken kann, um es zu instrumentalisie-
ren. „Den Indianern wird nicht bewusst, dass Worte eine ebenso gefähr-
liche Waffe sein können, wie Pfeile“ (S. 112). Schnell verlor der Andere
den Status eines Mitmenschen und wurde innerhalb eines totalitären As-
similationssystems zur Ressource degradiert (S. 177–219).
Für Todorov begünstigte die Fremdheitserfahrung, vor allem die Tat-
sache, dass Europa eine „allozentrische Kultur“ war (das religiöse Zen-
trum, Jerusalem, lag außerhalb des eigenen Einflussbereichs und die
wichtigsten kulturellen Referenzen, Athen und Rom, gehörten der Ver-
gangenheit an), die Fähigkeit, neue Referenzen in eine „offene“ Kultur
zu integrieren (S. 133).
Obwohl der Begriff der ‚kulturellen Alterität‘ nicht explizit benutzt
wird, spielt der damit bezeichnete Themenkomplex eine zentrale Rolle.
In seinem Epilog weist Todorov, französischer Staatsbürger aus Bulga-
rien, darauf hin, dass totalitäre Systeme unfähig seien, die Andersheit als
solche zu akzeptieren, womit der Bezug zwischen dem frühneuzeitlichen
Amerika und dem post-stalinistischen Europa hergestellt wird. Die be-
geisterte Rezeption des Werkes vollzog sich vor dem Hintergrund von
Glasnost und der Freisetzung einer multiplen europäischen Geschichte.
Von Seite der Amerikanisten ist das Werk nicht ohne Kritik geblie-
ben. So weist Inga Clendinnen, Autorin eines Standardwerkes zu den
Azteken, darauf hin, dass die Indianer nicht dem Bild einer rezeptiven,
überdeterminierten Kultur entsprochen haben, welches sich erst nach
64 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
der Conquista zur Legitimation der Eroberer kristallisiert habe.
73
Bei
allem Respekt für die schriftstellerische Brillanz attestiert auch der Kon-
stanzer Universalhistoriker Jürgen Osterhammel Todorov eine Verzer-
rung des Handelsspielraums der indianischen Bevölkerung, die er auf
sein „romantisches“ Kulturverständnis zurückführt.
74
5. Fachgeschichtliche Einordnung
In den letzten zwanzig Jahren ist ‚Alterität‘ zu einem wichtigen kultur-
wissenschaftlichen „Suchbegriff“
75
geworden, der neue Fragestellungen
generiert und Themenfelder miteinander vernetzt. Davon zeugen nicht
nur zahlreiche interdisziplinär angelegte Forschungsprojekte, Tagungen
und Publikationen unter diesem Titel. In diesem Sinne leistet der Begriff
der ‚Alterität‘ einen wesentlichen Beitrag zur Neuformation der Litera-
turwissenschaften auf dem Weg zu einer literaturwissenschaftlich orien-
tierten Kulturwissenschaft.
Die drei Leistungen, die eine Theorie der Alterität versprach, den
Bruch mit der Tradition, internationale Anschlussfähigkeit und interdis-
ziplinäre Anwendbarkeit, sind dabei jeweils nur bedingt eingelöst.
Zwar ist die Diskussion um Alterität ohne Frage international und
interdisziplinär, aber die Breite und Fülle der über Fächer- und Länder-
grenzen hinweg geführten Reflexion hat nicht zu der Herausbildung
eines internationalen Theoriekanons der Alterität geführt.
Gerade im deutschsprachigen Raum, in dem eine sozialtheoretisch,
phänomenologisch und hermeneutisch ausgerichtete Fremdheitsfor-
schung mit der Diskussion um Alterität verschmilzt, zeigt sich eine metho-
dische und theoretische Vielfalt in der Alteritätsdebatte, die man, wie oben
geschehen, als postpostmodernen Methodenstreit interpretieren kann.
Trotz der großen Popularität des Begriffs gibt es unseres Wissens noch
keine Darstellung, die in der großen Publikationsfülle die modisch infla-
73
Clendinnen, Inga, „‚Fierce and Unnatural Cruelty‘. Cortez and the Conquest of
Mexico“, in: Stephen Greenblatt (Hrsg.), New World Encounters, Berkeley 1993,
S. 12–47.
74
Osterhammel, Jürgen, „Wissen als Macht. Deutungen interkulturellen Nicht-
verstehens bei Tzvetan Todorov und Edward Said“, in: ders., Geschichtswissenschaft
jenseits des Nationalstaats. Studien zu Beziehungsgeschichte und Zivilisationsvergleich, Göt-
tingen 2001, S. 240–265.
75
Vgl. Balme, Christopher, Das Theater der Anderen. Alterität und Theater zwischen Antike
und Gegenwart, Tübingen 2001, S. 8.
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 65
tionäre Verwendungen des Begriffs von theoretisch reflektierten schei-
det und die Vielfalt der Themen und methodischen Ansätzen einander
gegenüberzustellen versucht.
76
Eine solche begriffsgeschichtliche Auf-
arbeitung (beispielsweise entlang der vier Achsen), die auch seine Ein-
bindung in die Tradition nicht scheut, steht noch aus.
6. Kommentierte Auswahlbibliographie
Schleiermacher, Friedrich, „Über die verschiedenen Methoden des
Übersezens (1813)“, in: Friedrich Schleiermacher, Sämtliche Werke, Dritte
Abteilung: Zur Philosophie, Bd. 2, Berlin 1938, S. 207–245.
Grundlage der Übersetzungstheorie, in der Schleiermacher von einer
unhintergehbaren Alterität der Sprachen oder „Sprachkreise“ ausgeht,
die er terminologisch als „Irrationalität“ der Sprachen gegeneinander
fasst und die bei literarischen Werken ganz besonders deutlich zu Tage
76
Kurzdefinition und Darstellung zu einzelnen Aspekten der Alteritätsdiskussion
finden sich in folgenden Lexika: Nünning, Ansgar (Hrsg.), Grundbegriffe der Kultur-
theorie und Kulturwissenschaften, Stuttgart, Weimar 2005; ders. (Hrsg.), Metzler-Lexikon
Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze, Personen, Grundbegriffe, Stuttgart, Weimar 2008;
Strohschneider, Peter „Alterität“, in: Klaus Weimar (Hrsg.), Reallexikon der deutschen
Literaturwissenschaft, Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte, Bd.
A-G, Berlin, New York 1997, S. 58–59; Trebeß, Achim (Hrsg.), Metzler Lexikon Äs-
thetik. Kunst, Medien, Design und Alltag, Stuttgart, Weimar 2006; Kuon, Barbara, „Al-
terität“, in: Ralf Schnell (Hrsg.), Metzler Lexikon Kultur der Gegenwart, Stuttgart, Wei-
mar 2000, S. 16–17; darüber hinaus findet sich eine Darstellung einzelner
Ausschnitte der Diskussion bei Münkler, Marina, „Alterität und Interkulturalität.
Ältere deutsche Literatur“, in: C. Benthien / H. R. Velten (Hrsg.), Germanistik als
Kulturwissenschaft. Eine Einführung in neue Theoriekonzepte, Reinbeck 2002, S. 323–344;
Gutjahr, Ortrud, „Alterität und Interkulturalität. Neuere deutsche Literatur“, in:
C. Benthien / H. R. Velten (Hrsg.), Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einführung
in neue Theoriekonzepte, Reinbeck 2002, S. 344–369; Mecklenburg, Norbert, „Über
kulturelle und poetische Alterität. Kultur- und literaturtheoretische Grundpro-
bleme einer interkulturellen Germanistik“, in: Alois Wierlacher (Hrsg.), Perspekti-
ven und Verfahren interkultureller Germanistik, München 1987, S. 563–584; Mecklen-
burg, Norbert, „Das Mädchen aus der Fremde“, in: ZfdPh, 108/1989, S. 263–279;
Schlieben-Lange, Brigitte (Hrsg.), Themenheft zum Thema „Alterität“, Zeitschrift für Li-
teraturwissenschaft und Linguistik (LiLi), 28/1998, 110; Tippner, Anja, Alterität, Über-
setzung und Kultur. Cechovs Prosa zwischen Rußland und Deutschland, Frankfurt a. M.
1997; Paterson, Janet M., L’altérité, Toronto 1999; Eßbach, Wolfgang (Hrsg.), Wir –
ihr – sie. Identität und Alterität in Theorie und Methode, Würzburg 2000; Reichardt, Ul-
fried, Alterität und Geschichte. Funktionen der Sklavereidarstellung im amerikanischen Ro-
man, Heidelberg 2001, insbesondere S. 45–77.
66 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
tritt. Für den Übersetzer als Mittler dieser „Irrationalität“ gibt es nach
Schleiermacher zwei Übersetzungsstrategien, die als produktionsorien-
tierte und rezeptionsorientierte Methoden bis heute in der Überset-
zungswissenschaft in unterschiedlicher Terminologie ihre Gültigkeit ha-
ben. Schleiermacher plädiert dabei für die Methode, in der das Fremde
als Fremdes erhalten bleibt.
Buber, Martin, Ich und Du, Leipzig 1923.
Philosophischer Grundlagentext zum Begriff des ‚Anderen‘ mit dialogi-
schem Ansatz, der eine Ich-Es-Beziehung, die unser Verhältnis zur Welt
bestimmt, von einer Ich-Du-Beziehung, die unser Wechselverhältnis zu
dem Anderen bestimmt, unterscheidet. Der Andere wird nicht als irgend
ein Anderer (alius), sondern als der exklusiv Andere (alter) verstanden, mit
dem zusammen sich eine Identität erst ergibt, die Buber als Liebe definiert.
Sartre, Jean Paul, L’être et le néant. Essai d’ontologie phénoménologique, Paris
1943 (dt.: Das Sein und das Nichts, Hamburg 1952).
Philosophischer Grundlagentext für den Begriff des ‚Anderen‘. Wie He-
gel formuliert auch Sartre die Auseinandersetzung mit dem Anderen in
Das Sein und das Nichts als einen Kampf. Durch den Blick des Anderen er-
fährt sich das Ich als Objekt, es wird zu einem Erblickten, zu einem Sein-
für-Andere. Dieser Blick stört das Für-sich-Sein des Ichs, in dem es die
Welt als um sich zentriert erlebt. Fortan kämpfen zwei Subjekte mit ih-
rem Erblicken und Verobjektivieren des Anderen um ihren Subjektsta-
tus und mithin um ihre Freiheit.
Lévinas, Emmanuel, Totalité et Infini. Essais sur l’extériorité, La Haye 1961
(dt.: Totalität und Unendlichkeit, Freiburg 1987).
Erstes Hauptwerk Lévinas’, formuliert eine Alternative zur Totalität des
abendländischen Denkens und ihrem Bemühen, Anderes auf ein Selbes
zurückzuführen, indem er das Verhältnis von Ich und Anderem vom
Anderen aus denkt. Im „Antlitz“ des Anderen begegnet dem Ich der An-
dere in seiner irreduziblen, radikalen Alterität; aus diesem „Anruf“ er-
wächst dem Ich eine Verantwortung für den Anderen.
Jauß, Hans Robert, Alterität und Modernität der mittelalterlichen Literatur. Ge-
sammelte Aufsätze 1956–1976, München 1977.
Grundlegende, intensiv rezipierte und diskutierte Aufsatzsammlung, die
ein rezeptionstheoretisches Konzept der Alterität entwickelt und in ver-
schiedenen Aufsätzen u. a. in der Interpretation mittelalterlicher Tier-
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 67
epik aufzeigt. Die Alterität der mittelalterlichen Literatur ist zugleich das,
was ihre Modernität ausmacht.
Said, Edward W., Orientalismus, Frankfurt a. M. 1979 (engl.: Orientalism,
New York 1978).
Said dekonstruiert in dieser Schrift den in europäischer Wissenschaft und
Literatur dominierenden Blick auf den Orient als Herrschaftsanspruch
des Okzidents. Dabei geht es Said nicht darum, diesem „Orientalismus“
einen „wirklichen“ Orient gegenüberzustellen, sondern mit Rückgriff
auf Foucault ideologische Diskursstrukturen zu kennzeichnen.
Hartog, François, Le miroir d’Hérodote. Essais sur la représentation de l’autre,
Paris 1980.
Liest Herodots Geschichtsschreibung als „Rhetorik der Alterität“, mit
der Fremdbilder inszeniert werden.
Todorov, Tzvetan: Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen, Frank-
furt a. M. 1985 (frz.: La conquête de l’Amérique. La question de l’autre, Paris
1982).
Die Untersuchung zeigt am Beispiel der Eroberung Amerikas, wie zwei
unterschiedliche Interpretationen des Anderen Instrument der Unterdrü-
ckung des Anderen werden, und ist zu einem viel diskutierten Grundla-
gentext der Alteritätsdebatte in den Literaturwissenschaften geworden.
Wierlacher, Alois (Hrsg.), Perspektiven und Verfahren interkultureller Germa-
nistik, München 1987.
Die Aufsatzsammlung fasst die Beiträge des ersten Kongresses der
Gesellschaft für Interkulturelle Germanistik (GIG) zusammen, versucht
eine Standortbestimmung der interkulturellen Germanistik als Fach.
Interessant für den Begriff der ‚Alterität‘ vor allem die Sektion 4 (Über-
setzung, in sich spannungsreich mit Beiträgen von P. Forget, F. Lönker,
H. Turk und H. J. Vermeer), die Sektion 5 (Methodologie, enthält Beitrag
von N. Mecklenburg zur poetischen Alterität) sowie die Sektion 6 zur
Stereotypenforschung und Kulturanthropologie.
Kristeva, Julia, Etrangers à nous-mêmes, Paris 1988 (dt.: Fremde sind wir uns
selbst, Frankfurt a. M. 1990).
Fokussiert im Rückgriff auf Freuds Aufsatz „Über das Unheimliche“ eine
intrasubjektive Alterität, indem das Ich vor dem von ihm unterdrückten
Bekannten oder Eigenen (Un-heimlichen) als einem Fremden steht.
68 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
Butler, Judith, Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity, Lon-
don, New York 1990 (dt.: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a. M.
1991).
Zählt zu den Grundlagentexten des antiessentialisten Feminismus. Die
Alterität der Geschlechter wird in einem psychoanalytischen Ansatz
(Freud, Lacan) als „Zwangsheterosexualität“ enttarnt. Mit Rückgriff auf
postmoderne Theorieansätze (Foucault, Kristeva) wird die gängige Un-
terscheidung in biologisches Geschlecht (sex) und gesellschaftliches Ge-
schlecht (gender) unterlaufen, indem die vermeintliche Natürlichkeit des
Körpers als soziales Konstrukt dekonstruiert und der Blick für Alteritäten
der Geschlechter geöffnet wird.
Geertz, Clifford, Die künstlichen Wilden. Anthropologen als Schriftsteller,
München 1990 (engl.: Works and Lives. The Anthropologist as Author, Stan-
ford 1988).
In dieser einflussreichen Publikation geht Clifford Geertz auf die „Maul-
tiernatur“ der Anthropologie ein, die bislang nur von ihrem mütterlichen
Onkel gesprochen habe (dem Pferd, i.e. der exakt beobachtenden Feld-
forschung) und nicht von ihrem Vater (dem Esel, i.e. der literari-
schen Texterzeugung). Am Beispiel von vier herausragenden Vertretern
des Faches (Lévi-Strauss, Evans-Pritchard, Malinovski, Benedict) wer-
den die literarischen Strategien beschrieben, mit denen die Alterität
nicht-europäischer Kulturen aufgebaut bzw. als überwindbar definiert
wurde.
Heinzle, Joachim (Hrsg.), Modernes Mittelalter. Neue Bilder einer populären
Epoche, Frankfurt a. M., Leipzig 1994.
Der Herausgeber sieht in Alterität und Kontinuität zwei Denkfiguren,
die das Verhältnis zum Mittelalter und mit ihr den jeweiligen For-
schungszugang bestimmen. Vor diesem Hintergrund liefern die Beiträge
des Bandes eine kritische Reflexion des Epochenverständnisses des Mit-
telalters.
Tippner, Anja, Alterität, Übersetzung und Kultur. Cechovs Prosa zwischen Ruß-
land und Deutschland, Frankfurt a. M. u. a. 1997.
Am Beispiel deutscher Cechov-Übersetzungen soll die unterschiedliche
Praxis des Übersetzens reflektiert und die ihnen zugrunde liegende
Theorie und Rhetorik der Alterität anhand von wiederkehrenden Moti-
ven freigelegt werden. Die Einleitung liefert eine Zusammenfassung der
Alteritätsthematik in der Übersetzungswissenschaft.
Alteritätsforschung / Interkulturalitätsforschung 69
Waldenfels, Berhard, Topographie des Fremden. Studien zur Phänomenologie des
Fremden 1, Frankfurt a. M. 1997.
Erster Band und zugleich Grundlage einer vierbändig angelegten Studie,
die die mit dem Buch Der Stachel des Fremden (1990) begonnenen Studien
zur Fremdheit fortführt. Fremdheit ist dabei bei Waldenfels nicht allein
auf die kulturelle Achse beschränkt, sondern umfasst ebenso Überlegun-
gen zur Fremdheit in den Künsten und in der Rede. Mit dem Terminus
‚Topographie‘ unterstreicht Waldenfels den Primat des Raumes für den
Ansatz einer Phänomenologie des Fremden.
Schlieben-Lange, Brigitte (Hrsg.): Themenheft zum Thema „Alterität“. Zeit-
schrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi), 28/1998, 110.
Der Themenband zur Alterität möchte zu einem nicht-trivialen Umgang
mit dem Begriff der ‚Alterität‘ beitragen, indem er vor allem das Wech-
selverhältnis von Identität und Alterität reflektiert und die „Doppeldeu-
tigkeit“ der Alterität, das ganz Andere und das gleiche Andere zugleich
zu benennen, verfolgt.
Fludernik, Monika / Gehrke, Hans-Joachim (Hrsg.), Grenzgänger zwischen
Kulturen, Würzburg 1999.
Interdisziplinäre Aufsatzsammlung basierend auf der ersten Tagung des
SFB Identitäten und Alteritäten mit Schwerpunkt auf dem Begriff der
‚Grenze‘ und besonderer Aufmerksamkeit für die Figur des ‚Grenzgän-
gers‘. Grenze wird dabei sowohl in geographischer, kultureller religiöser
als auch in sexueller Hinsicht verstanden; der Band enthält sowohl Auf-
sätze mit theoretisch-definitorischer Intention als auch Fallbeschrei-
bungen.
Paterson, Janet M., L’altérité, Toronto 1999.
Aufsatzsammlung mit Beiträgen zum Konzept der Alterität nach ein-
zelnen Disziplinen. Enthält eine ausführliche Bibliographie zum Begriff
der ‚Alterität‘.
Eßbach, Wolfgang (Hrsg.), Wir – ihr – sie. Identität und Alterität in Theorie
und Methode, Würzburg 2000.
Zweite Publikation des SFB Identitäten und Alteritäten, die als theoretische
Grundlegung des SFB gelten kann und wichtige Grundlagenüberlegun-
gen zum Begriff der ‚Alterität‘ enthält.
70 Alexandre Kostka und Sarah Schmidt
Balme, Christopher, Das Theater der Anderen. Alterität und Theater zwischen
Antike und Gegenwart, Tübingen 2001.
‚Alterität‘ wird als ein weiter, alle Differenzthematiken umfassender Be-
griff verstanden, der auf die drei kulturellen Grundthematiken, das
Fremde außerhalb der Grenze, das Fremde innerhalb der Grenze und
das grenznahe Fremde, Bezug nimmt. Die Aufsätze beschäftigen sich
mit der Thematisierung dieser drei Aspekte in Theaterstücken von der
Antike bis zur Gegenwart.
Reichardt, Ulfried, Alterität und Geschichte. Funktionen der Sklavereidarstel-
lung im amerikanischen Roman, Heidelberg 2001.
Untersucht die Darstellung der Sklaverei von Mitte des 19. Jahrhunderts
bis heute. Der literarischen Analyse vorangestellt ist eine Reflexion auf
Alterität des zeitlichen Abstandes und kulturelle Alterität, deren unter-
schiedliche Ansätze Reichardt diskutiert. In seiner „Theorie der Alteri-
tät“ bringt er die in Hegels Phänomenologie unter dem Denkmodell von
Herr und Knecht entwickelte Anerkennungsproblematik als fruchtbaren
Ansatz ins Spiel.
Uerlings, Herbert / Hölz, Karl / Schmidt-Linsenhoff, Viktoria (Hrsg.),
Das Subjekt und die Anderen. Interkulturalität und Geschlechterdifferenz vom
18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Berlin 2001.
Fallstudien, die sich der Leitfrage widmen, „inwieweit europäische Dar-
stellungen der Alterität außereuropäischer Kulturen gerecht werden“
(S. 9), und dazu jeweils Interkulturalitätsforschung und feministische
Kulturkritik zusammenführen. Alterität wird dabei als Andersheit ver-
standen, deren Konstruktcharakter in der Analyse und Konfrontation
unterschiedlicher Alteritätsdiskurse deutlich wird.
Han, Byung-Chul, Tod und Alterität, München 2002.
Philosophisch-literaturwissenschaftliche Studie über die als (radikale)
Alterität erfahrene Todesproblematik, die sich u. a. eingehend mit Hegel,
Heidegger, Lévinas, Ionesco und Canetti beschäftigt.
Dekonstruktion / Poststrukturalismus 71
Dekonstruktion / Poststrukturalismus
von REMIGIUS BUNIA und TILL DEMBECK
1. Definition
Die Ausdrücke ‚Dekonstruktion‘ und ‚Poststrukturalismus‘ stehen für
eine Vielfalt von Strömungen und Methoden; dabei gilt ‚Poststrukturalis-
mus‘ als Oberbegriff, der unter anderem auch unterschiedliche Formen
der Dekonstruktion umfasst. Poststrukturalistische Ansätze sind aus
der kritischen Auseinandersetzung mit dem Strukturalismus entstanden;
gleichwohl ist eine scharfe Abgrenzung zwischen poststrukturalistischen
und strukturalistischen Positionen kaum möglich. Gemeinsam ist den
poststrukturalistischen Ansätzen, zentrale Grundannahmen der alteuro-
päischen Rationalität und Metaphysik zurückzuweisen. Als Dekonstruk-
tion wird insbesondere eine philosophische und literaturwissenschaft-
liche Methode verstanden, die jene versteckten Voraussetzungen in
Texten aufzudecken versucht, die sich aus diesen Grundannahmen her-
leiten. Zum Poststrukturalismus rechnet man auch die Diskursanalyse
M. Foucaults sowie Teile der Gender Studies (z. B. J. Butler) und der In-
tertextualitätsforschung (z. B. J. Kristeva).
2. Beschreibung
2.1 Prämissen/Schlüsselbegriffe
Jeder Versuch, ‚Poststrukturalismus‘ und ‚Dekonstruktion‘ zu beschrei-
ben, sieht sich vor Abgrenzungsprobleme gestellt, vor allem, weil eine
Selbstzurechnung selten ausdrücklich erfolgt. Dies wiederum hängt mit
der weithin von Poststrukturalisten geteilten Einsicht zusammen, dass
jede Einheitlichkeit (oder Identität) auf kontingente Differenzierungspro-
zesse zurückzuführen ist und sich daher nicht aus apriorischen Grundsät-
zen herleiten lässt. Poststrukturalismus versteht sich insofern als Ergeb-
72 Remigius Bunia und Till Dembeck
nis einer Überwindung des Strukturalismus: Trotz seines Zweifels an der
Gegebenheit mit sich selbst identischer Phänomene wie ‚Subjekt‘, ‚Geist‘
oder ‚Sprache‘ führt nämlich der Strukturalismus diese Erscheinungen auf
selbstidentische, prägende Strukturen zurück. Demgegenüber haben sich
die einzelnen poststrukturalistischen Ansätze einer Rückführung auf eine
mit sich identische Grundidee stets verweigert. Daher kann es keine ver-
bindliche Auswahl von ‚Schlüsselbegriffen‘ geben. Für einzelne Kontexte
haben sich solche im wissenschaftshistorischen Verlauf allerdings durch-
aus etabliert.
Unter den Ansätzen des Poststrukturalismus ragt die Dekonstruk-
tion, die auf die Arbeiten von J. Derrida zurückgeht, heraus. Sie ist für die
Literaturtheorie von besonderer Bedeutung, weil sich dank ihrer sowohl
neuartige Techniken der Textlektüre etabliert als auch Debatten um Ba-
sisannahmen des Text- und Sprachverstehens entzündet haben. Derrida
vertritt die fundamentale These, dass die westliche Philosophie und da-
mit vielleicht auch die westliche Gesellschaft selbst auf einen Primat der
Präsenz und speziell des mündlich gesprochenen Wortes setzt. Dies be-
zeichnet er als Logo- bzw. Phonozentrismus. In diversen Anwendungen
der Dekonstruktion werden ähnliche Kritiken der westlichen Metaphy-
sik erprobt (‚Eurozentrismus‘, ‚Phallozentrismus‘ etc.). Zentral für die
Dekonstruktion ist im Gegenzug Schrift, die in der westlichen Tradition
für das Abwesende und das ‚bloß‘ Repräsentierende, ein Supplement,
steht. Schrift wird dabei nicht nur als das Schriftbild begriffen, das etwa
auf dem Papier erscheinen kann, sondern als jede Form der Einkerbung
oder der Spur. Für Derrida setzt jede Präsenzerfahrung die Verwendung
schriftförmiger Verfestigungen voraus, um sich selbst als präsent zu be-
schreiben.
Derridas Schriftkonzept ist besonders über seinen Begriff der ‚diffé-
rance‘ rezipiert worden. ‚Différance‘ bedeutet zugleich ‚Differenz‘ und
‚Aufschub‘ (frz. ‚différer‘ heißt ‚unterscheiden‘ und ‚aufschieben‘). Eine
différance ist mithin eine Differenz, die sich nur in einer Bewegung des
Aufschubs ihrer (also unmöglichen) endgültigen Bestimmung konstitu-
ieren kann. Die Notwendigkeit einer solchen Differenzierungsbewe-
gung ist dann ein Effekt der grundlegenden Schriftbezogenheit jeder
Sinngebung, die der Ausdruck ‚différance‘ markiert, indem er sich von
frz. ‚différence‘ (‚Unterschied‘) nur in der Schreibung und nicht im Laut-
bild unterscheidet.
Gegen den ‚Logozentrismus‘, wie ihn Derrida kritisiert, wendet sich
auch die von P. de Man entwickelte Dekonstruktion. Seine ‚decon-
struction‘ gründet sich auf eine Theorie der Rhetorik, genauer auf eine
Dekonstruktion / Poststrukturalismus 73
Abgrenzung der Rhetorik von der Grammatik bzw. Logik: Geht es der
Grammatik darum, über die Korrektheit sprachlicher Äußerungen ein-
deutig zu entscheiden, so beschreibt die Rhetorik die kontingenten Er-
folgsbedingungen der Rede. Als wichtigste Komponente jeder Bedeu-
tungskonstitution erweisen sich für de Man die (rhetorischen) Tropen.
Auch insgesamt nimmt die poststrukturalistische Literaturwissen-
schaft das Erbe der Rhetoriktheorie auf (schon in Arbeiten von R. Bar-
thes und bis in die Gegenwart). Dies beruht darauf, dass sich die Rheto-
rik von der Antike bis zur Frühen Neuzeit als Komplement der Logik
(‚Dialektik‘ bei Aristoteles) verstanden hat und in der Frühen Neuzeit
dem ‚logozentrischen‘ Rationalismus hat weichen müssen; die rationalis-
muskritische Haltung des Poststrukturalismus findet daher in der Rhe-
toriktheorie ein Vorbild, die sich gegen simplizistische Schemata richtet,
sich aber dennoch um Systematisierung bemüht. Die poststrukturalisti-
sche Rhetorik-Theorie geht dabei zwar davon aus, dass Fehler in der
Sprachverwendung vorkommen, bestreitet aber die Behauptung, es gebe
Norm- oder Normalzustände der Sprache oder der Kommunikation, an
denen sich Abweichungen und Fehler ohne Weiteres messen ließen. Hier
kollidiert sie mit der (analytischen) Sprachphilosophie. Denn sie weist
die Möglichkeit der Bestimmung einer propositionalen oder konstativen,
also bloß Tatsachen feststellenden Rede als eine Idealisierung aus. Wie
die Sprachphilosophie betont sie die performative Dimension jedes
Handelns und Verstehens, folgt aber der epistemischen Annahme, dass
Sinnerzeugung und -annahme sich als Differenzierungsbewegungen be-
schreiben lassen, die nicht im Erreichen eines welthaltigen Signifikats
stillzustellen sind.
2.2 Konkrete Analyseverfahren und Vorgehensweisen
Die Dekonstruktion gilt als Methode der Textinterpretation. Da ihr in-
des keine systematisch beschreibbaren Verfahren des Textumgangs zu
Grunde liegen, lässt sie sich bisweilen eher als ‚Haltung‘ denn als ‚Me-
thode‘ begreifen. Zur Methode wird sie, wenn Texte auf ihre versteckten
Voraussetzungen geprüft und dann mit ihren expliziten Bekundungen
konfrontiert werden. Diese Lesestrategie wird heute am ehesten mit
‚Dekonstruktion‘ verbunden; sie zeichnet aus, dass sie die sichtbare In-
tention des Textes vernachlässigt und sich damit nicht um die ‚einzig‘
richtige Textdeutung bemüht. Eher als Haltung lässt sich Dekonstruk-
tion verstehen, wenn jede mögliche Grundannahme hinterfragt und da-
74 Remigius Bunia und Till Dembeck
mit auch die ‚Suche nach versteckten Widersprüchen‘ als problematische
Vereindeutigung gewertet wird. Die Dekonstruktion akzentuiert somit
in beiden Fällen den Akt der Lektüre. Eine Lektüre in ihrem Sinne setzt
sich kleinteilig mit einem Text oder einem Textkorpus auseinander, ohne
die bereits festgefügte Interpretationsüberlieferung zu respektieren. Die
Aufmerksamkeit gilt jedem einzelnen Wort und seiner Etymologie, nicht
aber seiner (mehr oder weniger) offensichtlichen ‚Aussageabsicht‘.
Als Verfahren nutzt die Dekonstruktion zentrale poststrukturalistische
Einsichten für die Textinterpretation. Die auf Barthes und Foucault zu-
rückgehende Einschätzung, der Autor spiele für das Textverstehen keine
wesentliche Rolle, und die Annahme, der Kontext einer Äußerung könne
ihre Bedeutung nur bedingt festlegen, führen zu einem Textumgang, der
die diskursiven Beschränkungen ermittelt, die die Deutungsmöglichkeiten
und damit die Freiheitsgrade im Umgang mit dem Text eingrenzen.
Die Dekonstruktion versteht sich schließlich als eine Disziplin der
Ethik, die sich indes nicht auf explizite Maximen festlegen lässt, sondern
die Aporien ethischer Reflexionen aufzeigt. Ethische Methoden grün-
den sich etwa oftmals auf dem Verfahren der Dekonstruktion, wenn sie
unterschwellige ‚Zentrismen‘ suchen oder ungenannte Voraussetzungen
aufdecken. Dabei beziehen dekonstruktionistische Ethiken durchaus
Position, etwa Derrida gegen die Todesstrafe (beispielsweise in De quoi
demain). Aus der Ethik heraus entwickelt die Dekonstruktion dann auch
eine politische Dimension. Sie äußert Kritik an den Defiziten gegenwär-
tiger Demokratie und erlaubt die Neubewertung politischer Schriften
des 18., 19. und 20. Jahrhunderts (siehe etwa Spectres de Marx von Der-
rida); ferner lassen sich weite Teile des Poststrukturalismus als Kritik an
bestimmten hegemonialen Auffassungen des Westens beschreiben. In
den USA fokussiert die politische Literaturtheorie mit der Dekonstruk-
tion als unerlässlichem Hilfsmittel bevorzugt die Verankerung ‚unge-
rechter‘ Haltungen in Literatur und Geistesgeschichte.
3. Institutionsgeschichtliches
3.1 Entstehungszeit und -kontext
Poststrukturalismus und Dekonstruktion sind in den 1960er-Jahren in
Frankreich als Überbietung des Strukturalismus entstanden. Bei einzel-
nen Vertretern des Poststrukturalismus (z. B. Barthes) werden eine struk-
turalistische und eine poststrukturalistische Phase unterschieden. Auch
Dekonstruktion / Poststrukturalismus 75
die Weichenstellungen in der strukturalistischen Forschung, die eine
poststrukturalistische Radikalisierung provoziert haben, sind im Wesent-
lichen französischer Provenienz.
Nach F. de Saussures Linguistik konstituiert sich die Bedeutung eines
Zeichens immer nur in der Differenz zu anderen Bedeutungen, sodass
Zeichen also nicht für sich, sondern nur im Bezug zu anderen Zeichen
Bedeutung erzeugen und Identität besitzen. Dieses rein strukturalisti-
sche Konzept fand bei C. Lévi-Strauss Anwendung in der Ethnolo-
gie, bei J. Lacan in der Psychoanalyse und bei L. Althusser im Bereich
der Ideologiekritik marxistischer Provenienz. Eine solche Übertragung
des linguistischen Modells führte insbesondere zur Annahme einer De-
zentrierung des integralen Subjekts, wenn etwa Lévi-Strauss Verwandt-
schaftsbeziehungen als Strukturvorgaben ausweist, deren ‚Füllung‘ durch
konkrete Individuen nebensächlich ist, oder wenn Lacan das Freud’sche
‚Unbewusste‘ als ‚Rede des Anderen‘ im Subjekt bezeichnet.
Auch die strukturalistische Literaturwissenschaft versucht, Texte als
Strukturgefüge zu beschreiben, die sich nicht auf integrale Größen wie
das Autorsubjekt zurückführen lassen. Grundlegend war Barthes’ struk-
turale Erzählanalyse. An seinen Arbeiten lässt sich der fast unmerkliche
Übergang zu poststrukturalistischen Argumentationen nachzeichnen:
Sein Buch S/Z stellt eine übersteigerte Anwendung der strukturalisti-
schen Methode auf einen literarischen Text dar.
Ähnlich wie für Barthes ließe sich auch für andere französische Struk-
turalisten, also etwa für Lévi-Strauss, Lacan oder Althusser behaupten,
dass in ihren Arbeiten der Übergang zum Poststrukturalismus bereits
angelegt ist. Ihre Texte sind für Autoren wie M. Foucault, J. Derrida und
G. Deleuze immer Bezugspunkte geblieben. Daneben steht jedoch eine
enge Orientierung an der deutschen philosophischen Tradition, insbe-
sondere an F. Nietzsches, E. Husserls und M. Heideggers Metaphysik-
Kritik, aber auch an G. W. F. Hegels, K. Marx’ und S. Freuds Philosophie.
In der Lektüre ihrer Texte entstanden die frühen Formen der französi-
schen Dekonstruktion bei J. Derrida.
Als eines der Fermente des Poststrukturalismus gilt schließlich die be-
sonders rigide und unfreie Philosophieausbildung in Frankreich. Ohne
diese Einschränkung dürften Derrida, Deleuze, Barthes, aber auch Fou-
cault kaum so radikale disziplinäre Befreiungsversuche unternommen
haben. Im Establishment der französischen Hochschullandschaft wer-
den sie bis heute eher als Fremdkörper empfunden. Namentlich wurde
das in Frankreich bis heute verpflichtende Verfahren der explication de
texte, eine Variante des close reading, durch Derrida von Innen zersetzt:
76 Remigius Bunia und Till Dembeck
Die Dekonstruktion nahm seine Rigorosität so ernst, dass die Fragwür-
digkeit seiner Prämissen transparent werden musste.
3.2 Umstände der Etablierung und ‚Durchsetzung‘
in der scientific community
Derrida erarbeitete sich in Europa erst über seine Rezeption in der ame-
rikanischen Literaturwissenschaft – nicht in der Philosophie – seine Re-
putation. Dass sich die Dekonstruktion in den USA etablieren konnte,
hing mit vier Voraussetzungen zusammen: Erstens hatte der New Cri-
ticism, die amerikanische Variante werkimmanenter Interpretation, der
dekonstruktiven Lektüre vorgearbeitet, die de Man und andere Repräsen-
tanten der ‚Yale Critics‘, etwa H. Bloom, ‚erfanden‘. Zweitens bereitete
G. Spivaks englische Übersetzung von Derridas De la Grammatologie mit
ihrer einflussreichen Einleitung den Boden für eine politisch engagierte
Aufnahme der Dekonstruktion (z. B. in den Postcolonial Studies). Die
Dekonstruktion knüpfte so an die in der amerikanischen Literaturwis-
senschaft schon entstehende ethische Orientierung der Literaturwissen-
schaften frühzeitig an. Drittens erfuhr der Poststrukturalismus Aufwind,
als der Sprachphilosoph R. Rorty von den Analytikern zu den Poststruk-
turalisten ‚übertrat‘. Einschlägig ist seine Studie Philosophy and the Mirror
of Nature. Viertens wurde die Auseinandersetzung mit poststrukturalisti-
schen Geschichtstheorien, namentlich der Diskursanalyse, zum Einsatz-
punkt des bis heute wirkmächtigen New Historicism von S. Greenblatt
und anderen. Die breite Wirkung, die Poststrukturalismus und Dekon-
struktion ausübten, war nicht zuletzt Vermittlern wie z. B. J. Culler zu
verdanken. Prominente und eigenständige Anschlüsse an den Poststruk-
turalismus fanden im Bereich der Germanistik beispielsweise A. Ronell
und D. Wellbery.
Während also in den USA nicht nur die Dekonstruktion, sondern auch
der französische Poststrukturalismus im Allgemeinen seit den 1970er-
Jahren breit rezipiert wurde, ging ihre Rezeption in Deutschland recht
schleppend voran, nicht zuletzt weil H. G. Gadamers Hermeneutik die
deutsche Literaturwissenschaft stabil theoretisch unterfütterte. So stellte
sich, obwohl erste Übersetzungen etwa der Schriften Derridas schon
in den 1970er-Jahren vorlagen (so J. Hörischs Übersetzung von La voix et
le phénomène von 1973 mit einem stark rezipierten Vorwort), eine breitere
Rezeption erst in den 1980er-Jahren ein, und nie kam es zu einer
so flächendeckenden Akzeptanz von Poststrukturalismus und Dekon-
Dekonstruktion / Poststrukturalismus 77
struktion wie bis in die späten 1990er-Jahre in den USA. Verdient um die
Rezeption des Poststrukturalismus machte sich M. Frank, der den fran-
zösischen Poststrukturalismus mit der deutschen hermeneutischen Tra-
dition seit Schleiermacher engführte (z. B. in Was ist Neostrukturalismus?
von 1983). Nicht zuletzt dank Franks Bemühungen kam es zu einer um-
fassenden Auseinandersetzung zwischen Gadamer und Derrida (Text
und Interpretation, hg. v. P. Forget, 1984).
Später fanden Dekonstruktion und Poststrukturalismus in erster Linie
durch produktive Anwendungen auf zentrale Gegenstände der Disziplin
Anerkennung in der deutschen Germanistik. So regte E. Behler (wieder
von Amerika aus) eine Debatte über die Aktualität der Frühromantik (Sam-
melband, 1987) an: Er und auf andere Weise W. Menninghaus (Unendliche
Verdoppelung, 1987) vertraten die These, dass das frühromantische Den-
ken wichtige Züge der poststrukturalistischen Metaphysikkritik bereits
ausgeprägt habe. A. Haverkamp widmete seine vielbeachtete dekonstruk-
tive Studie Laub voll Trauer (1991) dem späten Hölderlin, Texten also, die
immer schon die avancierte Theoriebildung herausgefordert haben.
Als bedeutsam für die Verbreitung poststrukturalistischer Argumen-
tation in der deutschen Germanistik erwies sich seit Ende der 1970er-
Jahre die auf G. Kaisers Arbeiten zurückgehende, medientechnologische
Variante des Poststrukturalismus, wie sie vor allem F. Kittler vertrat. Un-
ter dem Schlagwort einer Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften
(hg. v. Kittler, 1980) wurde eine psychoanalytische Literaturwissenschaft
Lacan’scher Prägung mit medientechnologischen Paradigmen ‚kurz-
geschlossen‘. Kittler zeigte in Aufschreibesysteme 1800 · 1900 (1985), wie
medientechnische Apparate die Konzeption und die soziale Einbettung
literarischer Kommunikation prägen. Ihm wurde jedoch in der Folge der
Vorwurf gemacht, damit einem einseitigen Determinismus das Wort
zu reden und so mit wesentlichen poststrukturalistischen Prämissen zu
brechen.
Die Rezeption des Poststrukturalismus ging von der Literaturwissen-
schaft und nicht von der Philosophie aus. Zwar zeigten einzelne nam-
hafte Vertreter der Philosophie wie C. Menke (in Die Souveränität der
Kunst, 1988) und der Germanistik wie W. Hamacher (z. B. in Entferntes
Verstehen, 1998) das genuin philosophische Potential der Dekonstruktion
auf. Dennoch mussten poststrukturalistische Philosophen teils als Lite-
raturtheoretiker Anstellung finden: Berühmtestes Beispiel ist R. Rorty.
W. V. O. Quines Begründung gegen die Verleihung der Ehrendoktor-
würde der Philosophie an Derrida, die die Universität Cambridge 1992
plante, enthielt den Hinweis, dass Derrida unter Literaturwissenschaft-
78 Remigius Bunia und Till Dembeck
lern und nicht unter Philosophen anerkannt sei. Doch auch originelle ge-
gen den Poststrukturalismus gerichtete Positionen etablierten sich später
auf literaturwissenschaftlichen Lehrstühlen (zum Beispiel W. B. Micha-
els). Sowohl die Politisierung als auch die Aufnahme epistemologischer
Fragestellungen in das Aufgabenfeld der Literaturtheorie führten so
dazu, dass diese sich jetzt teils nicht mehr nur als Erforscherin der künst-
lerischen Literatur, sondern als Grundlagenwissenschaft in Konkurrenz
zur Philosophie begreift. Dies ist nicht zuletzt dem Poststrukturalismus
zu verdanken.
3.3 Weitere Repräsentanten und Schulen
Neben den wirkmächtigsten Vertretern von Poststrukturalismus und De-
konstruktion, J. Derrida, M. Foucault, P. de Man, R. Barthes, G. Deleuze,
existieren eine Reihe weiterer poststrukturalistischer Ansätze, die sich
teils dezidiert nicht als Dekonstruktion begreifen und teils auch bloß
dem Poststrukturalismus nahestehen, insofern sie mit den Annahmen
des Strukturalismus ausdrücklich brechen. Dabei sind auch primär
nicht-literaturwissenschaftliche Arbeiten für die Literaturtheorie be-
deutsam gewesen. Zu nennen ist hier J.-F. Lyotard, der gerade aus sei-
ner Nähe zur frühen Sprachphilosophie und zur Naturwissenschaft
heraus gegen vereinfachende Determinismusannahmen argumentiert;
er wendet sich so gegen Auswüchse der späten Sprachphilosophie, ge-
gen die Systemtheorie und gegen J. Habermas’ Konsensrationalismus.
M. Serres führt in seinem kommunikationstheoretischen Ansatz den Pa-
rasiten als Theoriefigur ein – eine Figur, die nicht als Normabweichung,
sondern als nicht-sekundäre und ko-evoluierende Erscheinung aller ver-
meintlich primären Phänomene auftritt. Jüngst schlägt B. Latour aus der
Perspektive der Wissenschaftsgeschichte eine Netzwerk-Theorie vor,
die sich gegen ‚große erklärende Systeme‘ wendet.
Serres und Latour stehen in der Tradition der poststrukturalistischen
Skepsis, dürften sich aber nicht als Poststrukturalisten bezeichnen. Da-
hingegen lassen sich Foucaults Ideengeschichte und seine Methode der
Diskursanalyse, Kristevas Intertextualitätstheorie sowie Teile der Gen-
der Studies (Butler, H. Cixious, L. Irigaray) recht klar dem Poststruktu-
ralismus zurechnen. Die Gender Studies lehnen sich in weiten Teilen an
Derrida an; Irigaray ist eine Schülerin Lacans. Diskursanalyse und Gen-
der Studies sind innerhalb der Literaturwissenschaft zu Disziplinen mit
eigenen Methoden und Schulen geworden. In jüngerer Zeit werden auch
Dekonstruktion / Poststrukturalismus 79
politisch und ethisch interessierte Adaptionen in der Germanistik rezi-
piert. Dazu gehören die Postcolonial Studies (z. B. bei Spivak und H. K.
Bhabha) und einige vom Marxismus geprägte Theoretiker (z. B. E. La-
clau und C. Mouffe); G. Agamben wird wegen seiner Lektüren von Hei-
degger, Marx sowie anderen und dank seiner Staatskritik von poststruk-
turalistischen Arbeiten im einschlägig interesssierten Umfeld breit zur
Kenntnis genommen. Zu den wichtigeren Weiterentwicklungen der von
de Man begründeten Dekonstruktion zählt die literaturwissenschaftliche
Ethiktheorie, wie sie vor allem D. Martyn vertritt (Sublime Failures, 2003).
Sie zeigt die Unmöglichkeit von ethischen ‚Totallösungen‘ in der westli-
chen Philosophietradition und verweist auf die Notwendigkeit, ‚Partial-
lösungen‘ zu konkreten Fragen zu finden.
Die heutige Germanistik zehrt teils von einem allzu engen Anschluss
an die poststrukturalistischen Autoritäten. Zugleich bereichert der Post-
strukturalismus jedoch die philologische Diskussion ungemein (N. Weg-
mann, G. Stanitzek, T. Schestag, M. Wetzel). Eine Besonderheit der
deutschsprachigen Auseinandersetzung der Literaturwissenschaft mit
Poststrukturalismus und Dekonstruktion stellt die Diskussion über Paral-
lelen zur Systemtheorie (insbesondere in der Prägung N. Luhmanns) dar,
der zentrale poststrukturalistische Ideen benutzt, um seine Epistemolo-
gie aufzubauen (siehe dazu Arbeiten von N. Binczek und Urs Stäheli).
Hohe Bedeutung für die Literaturwissenschaft besitzen diejenigen Arbei-
ten, die Systemtheorie und Dekonstruktion verbinden, um den Blick für
ungewöhnliche Textphänomene zu schärfen (G. Stanitzek, J. Fohrmann).
3.4 ‚Feindbilder‘ und tatsächliche Widersacher
Die wichtigste offene Gegenströmung zum Poststrukturalismus bilden –
vor allem in den USA und in Großbritannien – die Analytische Philoso-
phie und Literaturwissenschaft. Diese Feindschaft beruht auf gegensätz-
lichen Fundamentalannahmen. Während die analytischen Positionen in
weiten Teilen von einem emphatischen Wahrheitsbegriff ausgehen und
annehmen, sprachliche Ausdrücke hätten eine hinreichend klar ermittel-
bare Extension (‚Begriffsumfang‘) und Eigennamen bezeichneten er-
folgreich Einzelobjekte, bezweifeln Poststrukturalisten die Möglichkeit,
über stabile Bedeutung zu verfügen, da jede Beschreibung von Bedeu-
tung wieder sprachlich ist und Ausdrücke der Alltagssprache sich nicht
strikt ‚definieren‘ lassen. Pflegen die analytischen Ansätze ferner – der in
ihnen tief verwurzelten Wertschätzung für den ‚gesunden Menschenver-
80 Remigius Bunia und Till Dembeck
stand‘ gemäß – den plain style des Rationalismus, also eine möglichst
schnörkellose, begrifflich klare, definitorisch geregelte Sprache, die auf
Tropen verzichtet, so bevorzugt dagegen poststrukturalistische Theorie-
bildung meist einen eher spielerischen Umgang mit Sprache. Beide ‚Stil-
entscheidungen‘ hängen mit den jeweiligen Fundamentalannahmen über
die Präzisierungsfähigkeit der Sprache zusammen. Neben der Auseinan-
dersetzung in der Philosophie kritisieren den Poststrukturalismus aus
analytisch-literaturwissenschaftlicher Sicht im europäischen Kontext
fiktionstheoretische (z. B. F. Zipfel) und allgemein literaturtheoretische
Arbeiten (z. B. L. Danneberg), im amerikanischen eine Ethik- und Se-
miotikkritik (z. B. W. B. Michaels).
In Deutschland spielte die Konfrontation zwischen Dekonstruktion
und Hermeneutik eine große Rolle. In seinem Disput mit Gadamer
wurde Derrida vorgeworfen, keine Verständigung zu wollen: Er ver-
schärfe die Divergenz zwischen Hermeneutik und Dekonstruktion be-
wusst und zeichne gegen den Grundsatz der ‚hermeneutischen Billig-
keit‘ ein verzerrtes Bild der Hermeneutik. Derrida suggerierte daraufhin,
diesem Vorwurf liege ein ‚guter Wille zur Macht‘ zugrunde. Inwiefern
Grundfiguren der Hermeneutik wie der hermeneutische Zirkel (in
F. Schleiermachers Beschreibung) mit der Dekonstruktion vereinbar
sind, ist in der Folgezeit kontrovers diskutiert worden (etwa von Frank
und Hamacher).
Noch A. Koschorkes Dekonstruktionskritik, vorgetragen in der an
Diskursanalyse und Systemtheorie angelehnten Studie Körperströme und
Schriftverkehr (1999), stützt sich auf Argumente, die denen Gadamers nicht
ganz fern stehen: Dem dekonstruktiven Impetus von Derridas Phono-
zentrismuskritik stellt er eine konstruktive ‚Mediologie‘ gegenüber, die
zeigt, wie erst unter den medialen Bedingungen der Schriftlichkeit Kon-
zepte von Selbstpräsenz, Unmittelbarkeit und Ursprung haben entste-
hen können. Auf andere Weise strebt H. U. Gumbrecht in The Production
of Presence (2004) eine Ablösung des Poststrukturalismus an. Er sieht in
der Fixierung auf Sinnsysteme einen Irrweg der Literaturwissenschaft,
die sich in Zukunft der Präsenzerfahrung – etwa in der Lektüre – zuwen-
den sollte. Die – im Kern richtige – Metaphysik-Kritik des Poststruktu-
ralismus blendet für Gumbrecht zu Unrecht aus, dass Welt nicht nur ge-
deutet, sondern auch erlebt werden kann.
In der deutschen Literaturwissenschaft widmen sich in jüngerer Zeit
F. Jannidis, S. Winko, G. Lauer, H.-H. Müller und andere als Vertreter
einer positivistischen und teilweise analytischen Haltung der poststruktu-
ralistischen Kritik etwa am Autor oder an der Intention. Sie reagieren auf
Dekonstruktion / Poststrukturalismus 81
die problembezogenen Vorwürfe seitens des Poststrukturalismus, akzep-
tieren aber dessen Positivismuskritik nicht und versuchen diese durch ein
partielles Entgegenkommen in einzelnen Sachfragen zu entkräften (na-
mentlich in der Intentionsdebatte). Diese zurückhaltend auftretende Ab-
lehnung des Poststrukturalismus bemüht sich, dessen Einfluss zu tilgen,
indem sie dessen semiotische und epistemologische Einwände als irrele-
vant zurückweist und übergeht.
3.5 Umstände des ‚Niedergangs‘, der ‚Ablösung‘
Auch wenn sich poststrukturalistische Ansätze in der Literaturwis-
senschaft vielleicht derzeit in der Defensive sehen, kann von einem ‚Nie-
dergang‘ nicht die Rede sein. Gleichwohl sind erstens einige ‚epigonale‘
Aufweichungen der Argumentationsweisen insbesondere der Dekon-
struktion zu beobachten: So verlieren die sich auf die Dekonstruktion
berufenden Ethiken bisweilen aus dem Blick, dass Kennzeichen der De-
konstruktion die Befragung auch ihrer eigenen Voraussetzungen ist; in
diesem Sinne erscheint ein Weltverbesserertum, das Floskeln der De-
konstruktion übernimmt, bisweilen als Verfallserscheinung der post-
strukturalistischen Ethik. Darüber hinaus haben sich viele, ursprünglich
epistemologische Fragestellungen im Laufe der Zeit zu rein thematisch
begrenzten Forschungsfeldern verengt und sind zu purem Jargon ver-
kommen.
Zweitens haben in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zwei größere
Skandale für die Prognose eines baldigen Endes des Poststrukturalismus
gesorgt. Als 1987 bekannt wurde, dass de Man zur Zeit des zweiten Welt-
krieges im von den Nationalsozialisten besetzten Belgien kollaboratio-
nistische und antisemitische Zeitungsartikel veröffentlicht hatte, erklär-
ten Gegner, eine Konsequenz der Dekonstruktion sei eine ethische
Beliebigkeit – wie de Mans mangelnde Prinzipientreue im Vorhinein
demonstriere. Dass Derrida dem entgegenzuhalten schien, de Mans
Verurteilung gehorche einer ebenso totalitären Logik wie dessen antise-
mitische Propaganda, bestätigte den Eindruck, mit den Mitteln der De-
konstruktion lasse sich jede Position gleichermaßen verteidigen wie an-
greifen. Auf einen anderen Mangel poststrukturalistischer Forschung
machte im Jahr 1996 der sogenannte Sokal-Skandal aufmerksam: Der
Physiker A. Sokal sandte einen parodistischen und gewollt unsinnigen
Text an eine Zeitschrift, die ihn ohne Beanstandung druckte. Sokal ver-
riet daraufhin, dass seine Einsendung den Zweck verfolgt hatte, die post-
82 Remigius Bunia und Till Dembeck
strukturalistischen Cultural Studies zu diskreditieren, deren mangelnde
Konsistenzanforderungen so angeblich vollends sichtbar wurden.
Eine mögliche Weiterentwicklung des Poststrukturalismus liegt in den
Versuchen, die Qualitäten formalen Denkens – wie sie in der Mathematik
und den Naturwissenschaften hervortreten – stärker zu würdigen, ohne
die Möglichkeiten von Aporien oder unvermeidbaren Paradoxien zu leug-
nen. D. Baeckers Arbeit an einer Theorie der Form – die für einen litera-
turwissenschaftlichen Kulturbegriff bereits fruchtbar gemacht worden
ist – erscheint als eine vielversprechende Option. Ein gleichberechtigter
Austausch zwischen Literaturwissenschaft und Biologie bzw. Psychologie,
wie er etwa von W. Menninghaus erstrebt wird, bietet die Chance zu erklä-
ren, wie man in alltäglicher Sprache, aber auch in der Kunst die unschar-
fen Phänomene der Welt – etwa Emotionen, Liebe etc. – zu ordnen und
sich kognitiv (aber nicht rational) verfügbar zu machen vermag. Auch
für die Fiktions-, Darstellungs- und Medientheorie sowie für die Text-
und Kommunikationstheorie liegen Arbeiten vor, die das systematische
Potential des Poststrukturalismus ausschöpfen. Die poststrukturalistische
Rationalismuskritik wandelt sich so zu dem Bemühen, die Erfolge ratio-
nalistischer Wissenschaft und Ethik überhaupt zu erklären.
4. Publikationen
Jacques Derrida: De la Grammatologie (1967).
Die wohl mit Abstand wichtigste Schrift des Poststrukturalismus ist die
Grammatologie von Derrida. Die Studie analysiert Rousseaus Positionen
zu Schrift und mündlicher Äußerung und stellt fest, dass Rousseau ent-
gegen seinen ausdrücklichen Bekundungen von einem Primat der Schrift
ausgeht. In einer Lektüre von Lévi-Strauss problematisiert Derrida das –
für die Sprachphilosophie zentrale – Konzept des Eigennamens. Im
Zuge seiner Analysen führt er viele der in der Dekonstruktion geläufigen
Begriffe (‚différance‘, ‚Differenz‘, ‚Spur‘) ein. Die Grammatologie ist im
Duktus und in ihrem Bemühen um die Klärung des Verhältnisses von
Schrift und gesprochener Sprache der bis dahin herrschenden philoso-
phischen Tradition verhaftet; Derrida positioniert sie ausdrücklich als
Gesprächsangebot an die Analytische Philosophie. Die Derrida vorge-
worfene Neigung zur exzessiven Reflexion auf die eigene Sprache findet
sich in diesem Text kaum. Dass die Grammatologie Ursprung der De-
konstruktion hat werden können, liegt an ihrer grundsätzlichen Rationa-
lismuskritik.
Dekonstruktion / Poststrukturalismus 83
Gilles Deleuze: Logique du sens (1969).
Die Logik des Sinns von Deleuze befasst sich mit der schieren Möglichkeit,
Sinn von Unsinn abzugrenzen und auf angemessene Weise zu charakteri-
sieren. Deleuze beschäftigt sich mit den Eigenarten von Paradoxien und
von Bedeutung und strebt eine prozessorientierte Semiotik an; ein Haupt-
gegenstand seiner Untersuchung ist das ‚Ereignis‘. Er nimmt literarische
Texte – namentlich Carrolls Alice-Erzählungen – als erkenntniskritische
Beiträge ernst. Die Studie ist anspielungsreich und skizziert viele der dar-
gelegten Gedanken nur in Andeutungen. Gemeinhin wird Deleuze’ An-
strengung noch künftiges Potential zugemessen. Im Poststrukturalismus
hat sich die Logik des Sinns vor allem als Ideengeberin etabliert.
Roland Barthes: S/Z (1976).
An Barthes’ detailversessener Studie S/Z, die sich H. de Balzacs Erzäh-
lung Sarrasine widmet, zeigt sich der Übergang vom Strukturalismus zum
Poststrukturalismus. Barthes wählt die Gesamtheit aller Details von Bal-
zacs Text zum Gegenstand, gibt sich also nicht mit der (in der Literatur-
wissenschaft bis heute üblichen) Interpretation vorab selektierter Zitate
zufrieden. Stattdessen werden alle Einheiten des Textes in der Reihen-
folge ihres Erscheinens zitiert und auf die Strukturen hin befragt, die sie
determinieren. Im Ergebnis erweist es sich jedoch als weder möglich
noch erstrebenswert, den Text in seinen Details auf apriorisch benenn-
bare Strukturen zu reduzieren: Während eine solche ‚klassisch‘ struktura-
listische Vorgehensweise aufgrund vorgängiger Schemata (für deren An-
wendung man sich schon vor der Lektüre entscheidet) nach der Lektüre
die Bestandteile des Textes auswiese, fällt Barthes’ Verfahren vor der Lek-
türe eine Entscheidung gegen die Anwendung vorgängiger Schemata und
überlässt sich damit der Nachträglichkeit der Sinnkonstitution. Radikal
lässt sich allerdings auch dieses Verfahren nicht umsetzen, und so verfällt
Barthes auf einen Kompromiss: Er untersucht Balzacs Text als einen ‚un-
vollständig pluralen‘ Text, d. h. er geht in seinen Beschreibungen zwar
von im Vorhinein benennbaren Mustern aus, allerdings nur um aufzuzei-
gen, wie sich diese Strukturen gegeneinander in Bewegung setzen.
Paul de Man: Allegories of Reading (1979).
Die wohl einflussreichste Arbeit der amerikanischen ‚deconstruction‘
ist de Mans Buch Allegories of Reading. Darin findet sich de Mans Fokus
auf Rhetorik in einer Reihe von Einzelstudien konkretisiert. De Man
folgt dabei der (an Jean Paul und Nietzsche anschließenden) Einsicht,
dass jede Bedeutungskonstitution auf tropische Ersetzungsfiguren rück-
84 Remigius Bunia und Till Dembeck
führbar ist, während sich die Tropen zugleich einer grammatischen Erfas-
sung widersetzen. Unterscheidet der Strukturalismus im Sinne einer sol-
chen ‚Grammatik der Tropen‘ etwa die Metapher als paradigmatische von
der Metonymie als syntagmatischer Ersetzungsfigur (R. Jakobson), so
zeigt de Man, dieses Argument überbietend, wie die Rekonstruktion der
tropischen Bedeutungsbildung stets an Punkte führt, an denen angesichts
einander unmittelbar widersprechender Deutungen nicht mehr entschie-
den werden kann, welche Deutung die ‚richtige‘ ist. Weil Sprache ‚immer
schon‘ figurativ funktioniert, können an jedem Punkt literale und figurale
Bedeutung miteinander in einen unaufhebbaren Konflikt geraten. Für
Werke von R. M. Rilke, M. Proust, Nietzsche, H. v. Kleist und Rousseau
weist de Man nun nach, dass sich diese Texte gerade nicht in Unentscheid-
barkeiten schlicht verstricken, wie sie die unhintergehbare Rhetorizität
jedes Textes ohnehin erzeugt. Vielmehr zeichnen sich gelungene literari-
sche Texte dadurch aus, dass sie um die ihnen inhärente dekonstruktive
Dimension bereits ‚wissen‘. Dadurch werden sie zu ‚Allegorien des
Lesens‘: Sie führen vor, an welchen Punkten sie unlesbar sind – und
in diesem Sinne wissen sie ‚immer schon‘ mehr als ihre (dekonstruktiven)
Leser.
Jacques Derrida: Limited Inc. (1990).
Bedeutsam für die Literaturtheorie und für den Konflikt zwischen Post-
strukturalismus und Analytischer Philosophie ist die Searle-Derrida-De-
batte, die Limited Inc. dokumentiert. Ihr Ausgangspunkt ist Derridas frü-
her Aufsatz Signatur Ereignis Kontext, den J. R. Searle in seiner Reply heftig
kritisiert. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Austins Sprechakttheorie
auszulegen sei. In den in Limited Inc. versammelten Texten legt Derrida
dar, dass Textbedeutung nicht vom Autor sichergestellt werden kann und
eine Fiktionstheorie, die über Wahrheitsanspruch, Intention und Auf-
richtigkeit argumentiert und die Fiktion als parasitären Sonderfall norma-
len Sprechens versteht, idealisierende und sogar völlig realitätsfremde
Annahmen trifft. Im Schlussteil, Vers une éthique de la discussion, kritisiert
Derrida die rüden Umgangsformen innerhalb des Wissenschaftsbetriebs
und stellt klar, dass er nicht ‚Referenz‘ und ‚Sinn‘ grundsätzlich ‚ablehnt‘,
sondern die Bedingungen ihrer Möglichkeit hinterfragt.
Jacques Derrida: Spectres de Marx (1993).
Derridas Auseinandersetzung mit Marx stellt (u. a.) einen der Höhe-
punkte des politischen Einsatzes der Dekonstruktion dar. Derrida
nähert sich Marx an, indem er dessen Metapher des Gespenstes bzw.
Dekonstruktion / Poststrukturalismus 85
des Gespenstischen als Theoriefigur ernstnimmt. Gespenster können
als Repräsentanten von Gerechtigkeitsforderungen dienen, da sie als nur
partiell körperlich gewordener Geist in Erscheinung treten und nur im
Namen auch aller Abwesenden Gerechtigkeit denkbar ist. Daher muss
sich Marx’ Ideologiekritik, die sich als Austreibung der Gespenster eines
von den materiellen Produktionsbedingungen abgekoppelten ideologi-
schen Überbaus versteht, ihrerseits im Namen der Gerechtigkeit neue
Gespenster in die Welt setzen – ohne dass sie sich das eingestünde und
daraus Konsequenzen für ihren eigenen Materialismus zöge. Derrida
verbindet so eine Marx-Kritik mit der Aufwertung von dessen teils tot-
gesagter Theorie, indem er betont, dass sie das Phänomen der politi-
schen Gespenster überhaupt sichtbar gemacht habe.
5. Fachgeschichtliche Einordnung
5.1 Wichtigste Leistung, fach-/kulturgeschichtliche Bedeutung
Die wichtigste Leistung der Dekonstruktion und des Poststrukturalismus
besteht darin, die philologische Kompetenz der Textwissenschaften zu
betonen. Gegen gängige geistesgeschichtliche Generalisierungen und
autorzentrierte, vermeintlich hermeneutische Verfahren fordern beide,
dass die Genauigkeit der Lektüre nicht um der Eindeutigkeit der Ergeb-
nisse willen aufgegeben werden darf. Beide zeigen schließlich, dass
Kunst und speziell Literatur sowie die ‚nichtsystematische Philosophie‘
(Romantik, Nietzsche, heute auch P. Sloterdijk) konstruktive Weltbe-
schreibungen und Erkenntnisse liefern und nicht hinter der ‚systemati-
schen Philosophie‘ zurückbleiben.
5.2 Wichtigste Defizite, Gegenargumente
Dem Poststrukturalismus und der Dekonstruktion werden oft – im
Kern allerdings zu Unrecht – gewollte Unverständlichkeit und Esoterik
vorgeworfen, weil ihre Positionen sich nicht auf eine eindeutige For-
mulierung festlegen ließen. In der Tat begegnen in eher epigonalen,
vom Poststrukturalismus angeregten Arbeiten ohne sichtbaren Er-
kenntnismehrwert poststrukturalistische Theoriefetzen oder Ausdrü-
cke (bricolage, différance etc.), die als „transzendentale Abschluss-
signifikate“ (G. Stanitzek) zum Zielpunkt jeder Lektüre werden. Damit
86 Remigius Bunia und Till Dembeck
aber brechen diese Arbeiten mit zentralen poststrukturalistischen Ein-
sichten.
Schwerer wiegt, dass poststrukturalistischen Arbeiten – insbesondere
den ethischen und politischen – mangelnde Konstruktivität attestiert
werden kann. In ihnen lassen sich häufig nur negative Voraussetzungen
ausmachen; sie geben aber nicht an, wie man es (praktikabel) ‚besser‘
machen sollte. Durchsetzungsfähig scheinen allein Sprachregelungen
(z. B. in den Gender Studies), die allerdings oft zu rigiden Vorschriften
der politischen Korrektheit ohne realen politischen oder ethischen Ge-
winn umschlagen.
5.3 Unausgeschöpfte Potentiale
Der Poststrukturalismus könnte in Zukunft zu einer neuen Semiotik und
einer neuen Epistemologie anregen. Bislang orientiert sich das Reprä-
sentations- und Zeichenverständnis – auch das poststrukturalistische –
an Konzepten wie Signifikat/Signifikant und Inhalt/Form (trotz be-
kannter Kritik, vgl. M. Sternberg, C. Metz). Der Poststrukturalismus
zeigt allerdings Möglichkeiten der Überwindung auf: Der ‚Präsenz der
Dinge‘ ist stärker Rechnung zu tragen, und Bedeutung ist dann zu be-
greifen als eine Kombination prozessualer Freiheitsgrade und -be-
schränkungen, die weder ein umrissenes Signifikat noch einen Referen-
ten voraussetzen. Daran könnte die jüngere literaturwissenschaftliche
Orientierung an der Kognitionswissenschaft anknüpfen, da letztere sich
mit einem prozessorientierten Modell (ohne metaphysische Grundan-
nahmen) verträgt. Auch analytische Schulen beginnen, aus ihren Perfor-
mativitätskonzepten heraus Prozessmodelle zu entwickeln, deren Nähe
zu poststrukturalistischen Ideen zu erkunden wäre; damit werden bis-
lang verborgene Nähen zwischen L. Wittgenstein, A. N. Whitehead oder
C. S. Peirce auf der einen und Derrida, N. Luhmann und Deleuze auf der
anderen Seite langsam sichtbar. Eine ‚Aussöhnung‘ scheint denkbar,
auch weil sich der Poststrukturalismus stärker auf seine systematisie-
rende Tradition (etwa in der Rhetorik) besinnen kann.
Dekonstruktion / Poststrukturalismus 87
6. Auswahlbibliographie
Rorty, Richard, Philosophy and the Mirror of Nature, Princeton 1980.
Rorty vollzieht mit diesem Text eine Abwendung von der analytischen
Philosophie hin zum Poststrukturalismus, indem er die versteckten An-
nahmen der analytischen Theoriebildung untersucht.
Hempfer, Klaus W. (Hrsg.), Poststrukturalismus – Dekonstruktion – Postmo-
derne, Stuttgart 1992.
Der Sammelband (mit Aufsätzen von D. Wellbery, A. Kablitz u. a.) wahrt
zum Poststrukturalismus eine gewisse Skepsis und erörtert das Verhält-
nis zwischen poststrukturalistischer Theorie und postmoderner Litera-
tur.
Neumann, Gerhard (Hrsg.), Poststrukturalismus. Herausforderung an die Li-
teraturwissenschaft, Stuttgart 1997.
Der Berichtsband zu einer DFG-Konferenz stellt hochrangige Arbeiten
zu den Bereichen Schrift, Gedächtnis, Rhetorik, Poetik, Literatur, Text,
Geschichte und Repräsentation aus Neuphilologie, Mediävistik, Philo-
sophie und weiteren Fächern zu einer nach wie vor aktuellen Bestands-
aufnahme zusammen.
Wirth, Uwe (Hrsg.), Performanz. Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissen-
schaften, Frankfurt a. M. 2002.
Der Band enthält klassische Texte zur poststrukturalistischen Perfor-
manztheorie (von J. Derrida, J. Searle, J. Butler u. a.), kanonisierte Vorläu-
fertexte (von J. L. Austin, E. Goffmann, W. Iser u. a.) sowie aktuelle
Arbeiten (von E. Schumacher, N. Werber u. a.) und bietet so einen guten
Überblick über poststrukturalistische Theoriebildung.
Fohrmann, Jürgen (Hrsg.), Rhetorik. Figuration und Performanz,, Stuttgart
2004.
Der Sammelband führt in den aktuellen Stand der (vor allem) post-
strukturalistischen Rhetoriktheorie ein (mit Arbeiten von R. Campe,
D. Martyn, E. Geulen, H. Winkler, N. Pethes u. a.). Der Fokus liegt auf
Wissensordnungen; es finden sich erste Überlegungen zu einer post-
strukturalistischen Theorie der Kognition.
88 Remigius Bunia und Till Dembeck
Bertram, Georg W. / Lauer, David / Liptow, Jaspar / Seel, Martin, In der
Welt der Sprache. Konsequenzen des semantischen Holismus, Frankfurt a. M. 2008.
Die vier Autoren stellen die Nähe zwischen strukturalistischen, post-
strukturalistischen, analytischen und ‚neoanalytischen‘ Arbeiten zur
Sprachtheorie heraus (F. de Saussure, R. Jakobson, J. Derrida, M. Schlick,
D. Davidson u. a.); sie ebnen damit den Weg für eine weitere Annähe-
rung zwischen analytischen und poststrukturalistischen Positionen.
Diskursanalyse 89
Diskursanalyse
von ROLF PARR
1. Definition
‚Diskurs‘ ist der zentrale Begriff, unter dem das Denken Michel Foucaults
Eingang in die Literatur- und Kulturwissenschaften gefunden hat, obwohl
Literatur für Foucault selbst kaum einmal Gegenstand genuiner Diskursana-
lysen gewesen ist. Zudem hat Foucault den Diskursbegriff uneinheitlich
verwendet. Auf einem hohen Abstraktionsniveau lässt sich ‚Diskurs‘ jedoch
in Anlehnung an Michael Titzmann als ein „System des Denkens und Argumen-
tierens“ definieren, das sich auf einen „Redegegenstand“ bezieht, spezifische
Regularitäten aufweist und durch „Relationen zu anderen Diskursen charak-
terisiert ist“.
1
Mit ‚Diskursanalyse‘ wird entsprechend die Methodik der Un-
tersuchung dieses komplexen Zusammenhangs bezeichnet.
2. Beschreibung
Seit Beginn der 1970er-Jahre haben drei Ansätze zur Diskursanalyse
eine Rolle gespielt, die jeweils auch in der Germanistik und den anderen
Philologien rezipiert wurden: (1) Die Diskursanalyse im Sinne der
‚Gesprächs- bzw. Konversationsanalyse‘ angloamerikanischer Prägung
(einschließlich Sprechakttheorie) ist einer mal stärker linguistisch, mal
stärker psychologisch orientierten Pragmatik verpflichtet, wobei das Au-
genmerk in beiden Fällen auf über die Satzgrenze hinausgehende Rede-
zusammenhänge und ihren pragmatischen Rahmen gerichtet ist.
2
(2) Ur-
1
Titzmann, Michael, „Skizze einer integrativen Literaturgeschichte und ihres Ortes
in einer Systematik der Literaturwissenschaft“, in: hrsg. v. dems., Modelle des literari-
schen Strukturwandels, Tübingen 1991, S. 395–438, hier S. 406.
2
Vgl. zum Überblick Ehlich, Konrad (Hrsg.), Diskursanalyse in Europa, Frank-
furt a. M. u. a. 1994; Brünner, Gisela, Angewandte Diskursforschung, 2 Bde., Opladen,
Wiesbaden 1999.
90 Rolf Parr
sprünglich daran anknüpfend, sich dann aber verselbständigend meint
‚Diskurs‘ bei Jürgen Habermas eine spezifische Form der Interaktion,
die sich am Idealtyp herrschaftsfreier Kommunikation mit dominant ra-
tionalem Austausch von Argumenten als Ideal orientiert. (3) Insbeson-
dere aber verstehen sich all jene seit den 1960er-Jahren aufgetretenen
und wenig später auch in der Germanistik vermehrt rezipierten Denk-
richtungen als diskursanalytisch, die die Materialität sowie die Macht-
und Subjekteffekte von historisch je spezifischen Aussageformationen
und ihre Beziehungen untereinander sowie zu nicht-diskursiven Prakti-
ken zum Gegenstand haben.
3
Im Folgenden wird (unter Ausklamme-
rung der Derrida’schen Dekonstruktion und Lacan’schen Psychoana-
lyse, die als poststrukturalistische Ansätze zunächst noch mit Foucault
zusammen diskutiert wurden) von Diskurs und Diskursanalyse in die-
sem dritten Sinne der an Foucault anknüpfenden, seine Überlegungen
weiterführenden und vielfach über sie hinausgehenden Ansätze gespro-
chen.
4
Orientiert an Foucaults Arbeiten fassen die an ihn anknüpfenden
Theorien Diskurse im strikten Sinne als materielle Produktionsinstru-
mente auf, mit denen auf geregelte Weise soziale Gegenstände und die
ihnen entsprechenden Subjektivitäten produziert werden. Von daher ist
immer von einem Nebeneinander vieler Diskurse und ihrer diskursiven
Formationen auszugehen, auch wenn Foucault selbst an einigen Stellen
für die allgemeinen Charakteristika aller Diskurse von dem Diskurs im
Singular spricht. Den Ausgangspunkt der Analysen Foucaults in der
Archäologie des Wissens und in Die Ordnung des Diskurses
5
bildet nämlich die
Überlegung, dass sich für moderne Gesellschaften ab etwa dem zweiten
Drittel des 18. Jahrhunderts hochgradig spezialisierte Wissensbereiche
3
Ähnliche Typologien finden sich bei Link, Jürgen / Link-Heer, Ursula, „Diskurs/
Interdiskurs und Literaturanalyse“, in: LiLi. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und
Linguistik, 20/1990, 77, S. 88–99; Winko, Simone, „Diskursanalyse, Diskurs-
geschichte“, in: Heinz Ludwig Arnold / Heinrich Detering (Hrsg.), Grundzüge der
Literaturwissenschaft, München 1996, S. 463–478; Gerhard, Ute / Link, Jürgen /
Parr, Rolf, „Diskurs und Diskurstheorien“, in: Ansgar Nünning (Hrsg.), Metzler Le-
xikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe, 3. Aufl., Stuttgart,
Weimar 2004, S. 117–120.
4
Unabhängig von dieser Dreiertypologie ist in der Erzähltheorie von ‚Diskurs‘ für
den ‚Vollzug des Erzählens‘ (frz. discours) im Gegensatz zum bloßen Rohstoff der
erzählten ‚Geschichte‘ (frz. histoire, engl. story) die Rede.
5
Foucault, Michel, Archäologie des Wissens, Frankfurt a. M. 1973 (frz. 1969); ders., Die
Ordnung des Diskurses, Frankfurt a. M. 1974 (frz. 1970).
Diskursanalyse 91
voneinander abgrenzen lassen, die jeweils relativ geschlossene Spezial-
diskurse ausgebildet haben. Diese Spezialdiskurse können – je nach
Theorieoption – als Resultat zunehmender gesellschaftlicher Ausdiffe-
renzierung (so die Terminologie der Systemtheorie) bzw. zunehmender
Arbeitsteilung (so in der eher marxistischen Denktradition) angesehen
werden. Die verfestigten, z. B. institutionalisierten Formen der Rede in-
nerhalb solcher differenzierter Wissensbereiche lassen sich als je spezi-
fische Diskurse verstehen, wobei ‚Diskurs‘ immer nur die sprachliche
Seite einer weiterreichenden ‚diskursiven Praxis‘ meint, die das gesamte
Ensemble von Verfahren der Wissensproduktion durch Institutionen
wie z. B. Schulen, Universitäten oder Sammlungen (etwa Bibliotheken),
durch Verfahren wie das der Kanalisierung von Wissen, der Verarbei-
tung sowie durch Regelungen der Versprachlichung bzw. der Verschrift-
lichung und Medialisierung umfasst und schließlich auch die Frage nach
autoritativen Sprechern und ihren speziellen Sprecherpositionen. Dis-
kurse im Sinne der an die Arbeiten Michel Foucaults anschließenden
Theorien sind demnach dadurch bestimmt, dass sie sich auf je spezielle
Wissensausschnitte beziehen, deren Grenzen durch Regulierungen des-
sen, was sagbar ist, was gesagt werden muss und was nicht gesagt werden
kann, gebildet sind, sowie durch ihre je spezifische Operativität. Diskurs-
analyse bezeichnet dementsprechend die Methodik der Untersuchung
dieser komplexen diskursiven Praxis, Diskurstheorie wäre ihre Reflexion
auf einer wissenschaftstheoretischen Ebene.
Foucault selbst hat jedoch die Methodologie seines diskursanalyti-
schen Vorgehens nicht systematisch entwickelt, auch wenn die Archäolo-
gie des Wissens immer wieder als sein ‚discours de la méthode‘ bezeichnet
wurde. Dennoch lassen sich aus den von ihm durchgeführten materia-
len Analysen zur Klinik, Medizin, Psychiatrie, zur Konstellation von All-
gemeiner Grammatik, Naturgeschichte und Analyse der Reichtümer
im klassischen französischen Zeitalter und schließlich zum Gefängnis
einige typische Arbeitsschritte einer ‚Diskursanalyse‘ abstrahieren, die in
der germanistischen Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaft dann
produktiv aufgegriffen wurden. Dazu gehören (1) die Abgrenzung eines
Diskurses gegen andere; (2) die bestandsaufnehmende und insofern im-
mer auch empirisch-materielle Beschreibung seiner Formation, also der
jeweiligen Diskursstruktur, die sich aus den Regularitäten ergibt, die ei-
nen Diskurs ausmachen; (3) die Analyse seiner Entwicklungsdynamik,
seines historischen Auftauchens, seines Verfalls, seiner Ablösung durch
neue Diskurse in neuen interdiskursiven Konstellationen; (4) die Be-
schreibung der inter- und extradiskursiven Einbettung eines Diskurses;
92 Rolf Parr
(5) die Frage nach diskursiven Innovationen; (6) schließlich die nach In-
terventionsmöglichkeiten.
Auch literarische Texte können und müssen aus Perspektive der Dis-
kursanalyse als Bestandteile übergreifender historischer Diskursforma-
tionen verstanden werden. Als Literaturanalyse fragt die Diskursanalyse
daher nach denjenigen diskursiven Regularitäten, die literarische und im
Weiteren kulturell-mediale Texturen stets mit konstituieren, nach dem
Status der Literatur als Spezialdiskurs, der Kontextualisierung literari-
scher Texte innerhalb der Diskurssysteme ihrer Zeit (Welche anderen
Diskurse spielen für die Literatur eine Rolle? Welche nicht? Gibt es dabei
Dominanzen oder Hierarchien?) sowie nach den diskursiven Spielräumen
und Potenzialen literarischer Innovation. Das methodische Instrumen-
tarium der Diskursanalyse kann dabei ebenso für die Untersuchung ein-
zelner Textstrukturen, der Subjektivitäten ihrer Produzenten (Was ist ein
Autor? Schreibt ein Autor oder wird er durch die Diskurse geschrieben?)
und Rezipienten sowie des Rezeptionsprozesses insgesamt genutzt wer-
den. Damit ist die Diskursanalyse anschlussfähig an die (materialistische)
Literatursoziologie,
6
die Sozialgeschichte der Literatur
7
und – was den
Befund der Ausdifferenzierung nach relativ autonomen gesellschaft-
lichen Spezialbereichen angeht – an die Systemtheorie. Darüber hinaus
hat sie der traditionellen Begriffsgeschichte ebenso Impulse gegeben wie
der neueren Rhetorik.
Foucaults Orientierung an der Streuung von Aussagen quer durch
ganze Bündel von nicht nur literarischen Texten stellte zunächst jedoch
eine enorme Irritation dar, denn sie erweiterte den seit Ende der 1960er-
Jahre durch den Einbezug von beispielsweise Werbetexten und Trivial-
literatur ohnehin schon über die Grenze der ‚hohen Kunstliteratur‘ hinaus
geöffneten Textbegriff noch einmal deutlich.
8
Das stellte einerseits den
Werkbegriff, den des individuellen Autors und darüber hinaus die In-
stanz des in sich geschlossenen, intentional handelnden Subjekts als Ort
des Ursprungs von Diskursen energisch in Frage, denn die „diskursiven
6
Vgl. als exemplarisches Dokument eines solchen ‚Anschlusses‘ Link, Jürgen /
Link-Heer, Ursula, Literatursoziologisches Propädeutikum. Mit Ergebnissen einer Bochu-
mer Lehr- und Forschungsgruppe Literatursoziologie 1974–1976 (Hans Günther, Horst
Hayer, Ursula Heer, Burckhardt Linder, Jürgen Link), München 1980.
7
Vgl. Parr, Rolf, Interdiskursive As-Sociation. Studien zu literarisch-kulturellen Gruppierun-
gen zwischen Vormärz und Weimarer Republik, Tübingen 2000.
8
Vgl. für die Verbindung von Trivialliteratur als Gegenstand und Diskursanalyse als
Methode Runte, Annette, Subjektkritische Diskurstheorie. Narratologische Textanalysen
von ‚Erlebnisgeschichten‘ am Beispiel von ‚Emma‘ und ‚Meine Geschichte‘, Köln 1982.
Diskursanalyse 93
Prozesse laufen subjektlos ab, die sie konstituierende Macht ist anonym“.
9
Für die Literaturwissenschaft bedeutete das, sich ihrer bis dato für ge-
nuin erachteten Aufgaben beraubt zu sehen: der Interpretation und des
erläuternden Kommentars über den Text,
10
gegenüber denen sich Fou-
cault als einen lediglich ‚Diskursbestände aufnehmenden Positivisten‘
präsentierte. Das wurde von Seiten hermeneutischer Theorien, die sich
besonders herausgefordert fühlen mussten, als ‚Verlust des Subjekts, des
Autors, des Werkes‘ beklagt.
11
In der Tat kann Diskursanalyse sich nicht
nur auf Einzeltexte beziehen, sondern ist darauf angewiesen, sie zu kon-
textualisieren. Andererseits eröffnete dies jedoch eine übergreifend kul-
turwissenschaftliche Perspektive für die Germanistik, und zwar zu einem
Zeitpunkt, als von Kulturwissenschaft im deutschsprachigen Bereich
noch kaum die Rede war.
12
Weiter verschob sich die alte Mimesis-Frage
nach der Abbildung von Realität im Text ebenfalls hin auf die nach der
Konturierung der diskursiven Elemente, Regulierungen und Praktiken
als eigener Form von Materialität, die Wirklichkeiten allererst mit konsti-
tuiert. Das Funktionieren von Texten, nicht ihr vermeintlicher Sinn
rückte damit in den Mittelpunkt des Interesses. Brachte dies den Dis-
kurstheorien vom Typus Foucault gelegentlich den Vorwurf eines wenn
vielleicht auch nicht im Kern, so doch immerhin restidealistischen Kon-
struktivismus ein, so steht einer solchen Argumentation entgegen, dass
die Diskursanalyse keineswegs behauptet, die ganze Welt sei lediglich das
Produkt von Diskursen, sondern mit Foucault zwischen ‚diskursiven‘
und ‚nicht diskursiven‘ Praktiken unterscheidet, wobei beide Formen ge-
sellschaftlicher Praktiken als materiell und im Zustand wechselseitiger
funktionaler Verzahnung begriffen angesehen werden.
9
Dainat, Holger / Kruckis, Hans-Martin, „Die Ordnungen der Literatur(wissen-
schaft)“, in: Jürgen Fohrmann / Harro Müller (Hrsg.), Literaturwissenschaft, Mün-
chen 1995, S. 115–155, hier S. 138.
10
Vgl. ebd., S. 140.
11
Vgl. u. a. Frank, Manfred, Was ist Neostrukturalismus?, Frankfurt a. M. 1984, insbe-
sondere die „12. Vorlesung“, S. 259–278.
12
Vgl. dazu fast durchgängig die Beiträge im ersten Heft von kultuRRevolution. zeit-
schrift für angewandte diskurstheorie (1/1982 bis 53/2007).
94 Rolf Parr
3. Institutionsgeschichtliches
Der Strukturalismus, speziell in seiner semiotischen Variante, hatte die
Aufmerksamkeit der germanistischen Literatur- und Sprachwissenschaft
seit Mitte der 1960er-Jahre verstärkt auf die französischen Theorien und
Theoretiker, etwa Claude Lévi-Strauss und Algirdas Julien Greimas, ge-
lenkt, sodass für die Diskursanalyse Foucaults bereits eine gewisse Auf-
merksamkeit vorhanden war und diese daher vergleichsweise schnell
und intensiv wahrgenommen wurde. Das geschah unabhängig von der
erst etwas später einsetzenden Diskussion darüber, ob man die Diskurs-
analyse als weiterentwickelten Strukturalismus oder umgekehrt als
Bruch mit ihm anzusehen habe. Hinzu kam, dass das ‚diskursive Ereig-
nis‘ der 1968er Studentenbewegung den Blick ein zweites Mal auf das in-
tellektuelle Paris hin ausrichtete, wobei sich das Interesse für neue, zum
deutschen literaturwissenschaftlichen Betrieb alternative Denkmodelle
mit der Suche nach theoretisch reflektierbaren Möglichkeiten zu politi-
scher Intervention verband. Zugleich wurden die alten ‚linken‘ Ansätze
von Kritischer Theorie bis hin zur „marxistisch inspirierten Literatur-
wissenschaft“ zunehmend skeptischer gesehen, da man mit ihnen „aus
Schematisierungen wie progressiv versus reaktionär, klein- und großbür-
gerlich versus proletarisch […] ‚in letzter Instanz‘ nicht heraus“
13
kam.
Brücken zwischen Marxismuskritik, Strukturalismus und Foucault’scher
Diskursanalyse bildeten dabei nicht zuletzt die Arbeiten von Louis Alt-
husser, Michel Pêcheux und Pierre Macherey.
Man suchte jedoch nach ’68 auch unabhängig von politischen Einbet-
tungen verstärkt nach Möglichkeiten einer gegenüber Hermeneutik und
werkimmanenter Interpretation objektiveren und präziseren Methode
der Textanalyse und des Verstehens von Texten. Das führte zwar für ei-
nen Moment zur Orientierung der Literaturwissenschaft an der Linguis-
tik
14
und sollte ein Plus an intersubjektiver Nachprüfbarkeit und damit
Wissenschaftlichkeit sicherstellen, doch wurden solche Kopplungsma-
növer bald wieder eingestellt. Die Diskursanalyse mit ihrer Ablehnung
des emphatisierten Werkbegriffs, der Interpretation als bevorzugter Me-
thode und zugleich auch noch der Infragestellung der vielfach auratisch
verklärten, weil sinnverbürgenden Autorinstanz musste in dieser Situa-
13
Dainat / Kruckis, „Ordnungen“, bes. S. 136–142 („Diskurs“).
14
Vgl. dazu ausführlich Bogdal, Klaus-Michael, „Diskursanalyse, literaturwissen-
schaftlich“, in: Ulrike Haß / Christoph König (Hrsg.), Literaturwissenschaft und Lin-
guistik von 1960 bis heute, Göttingen 2003, S. 153–174.
Diskursanalyse 95
tion gleich in mehrfacher Hinsicht auf besonders fruchtbaren Boden fal-
len. Sie war zudem anschlussfähig an struktural-semiotisches Denken
und konnte auf diese Weise ein zweites, für zumindest ‚objektiver‘ erach-
tetes Modell literaturwissenschaftlichen Vorgehens partiell integrieren.
15
Schließlich hatte die Diskursanalyse auch Antworten auf eine Reihe von
Problemlagen zu bieten, die in den 1970er- und -80er-Jahren für die Ger-
manistik auf der Tagesordnung standen. Als vier solche „Problemfelder“
hat Klaus-Michael Bogdal identifiziert: a) die nicht-ontologische „Be-
stimmung der Besonderheit und Singularität literarischer Kunstwerke“
(ihre Literarizität), b) „die doppelte Bestimmung der Historizität von Lite-
ratur als Literaturgeschichte und als Literatur in der Geschichte“, c) „die
Bestimmung des sozialen Orts der Literatur und der an ihr beteiligten
Subjekte“ und d) die neue „Frage nach der Medialität von Literatur“.
16
Ein institutionelles Zentrum der Foucaultrezeption – und damit ei-
nen nicht unwesentlichen Faktor im Prozess der Etablierung der Dis-
kursanalyse innerhalb der deutschen Germanistik – stellte von Ende der
1970er- bis Anfang der 1990er-Jahre die Ruhr-Universität Bochum dar,
an der neben Jürgen Link als Dozent unter anderem Gerhard Plumpe,
Jutta Kolkenbrock-Netz, Clemens Kammler, Peter Schöttler, Reinhard
Meyer-Kalkus und Klaus-Michael Bogdal zur nachfolgenden Assisten-
ten-, Doktoranden- und Habilitandengeneration gehörten; mit Friedrich
Kittler kam ab 1987 die sich allerdings schnell von ihren Foucault’schen
Ausgangspunkten entfernende medientheoretische Variante der Diskurs-
analyse hinzu, deren Verdienst es war, komplementär zu Foucaults ‚his-
torischem Apriori‘ auf das ‚mediale Apriori‘ der Literatur hinzuweisen.
17
Damit war eine breite Basis für eine auch über die Fachgrenzen der Ger-
manistik hinausgehende diskursanalytische Diskussion gegeben, die
1978/79 mit der Einrichtung des Sonderforschungsbereichs 119 Wissen
und Gesellschaft im 19. Jahrhundert auch die Möglichkeit zu umfangreiche-
ren Quellenforschungen bekam. In diesem Kontext entwickelte Jürgen
Link seine Konzepte von Interdiskursivität und Kollektivsymbolik wei-
ter und zeigte am Beispiel des ‚Ballon‘-Symbols ihre auch genuin litera-
15
Vgl. Link, Jürgen / Parr, Rolf, „Semiotische Diskursanalyse“ in: Klaus-Michael
Bogdal (Hrsg.), Neue Literaturtheorien. Eine Einführung, Opladen, Wiesbaden 1990,
S. 107–130.
16
Bogdal, „Diskursanalyse, literaturwissenschaftlich“, S. 162f.
17
Vgl. dazu Parr, Rolf / Thiele, Matthias, „Foucault in den Medienwissenschaften“,
in: Clemens Kammler / Rolf Parr (Hrsg.), Foucault in den Kulturwissenschaften. Eine
Bestandsaufnahme, Heidelberg 2006, S. 83–112.
96 Rolf Parr
turwissenschaftliche Relevanz auf.
18
Weiter entstanden diskursanalytisch
orientierte Habilitationsschriften, wie die von Gerhard Plumpe zur Foto-
grafieproblematik
19
und etwas später die Dissertationen einer dritten
diskursanalytisch arbeitenden Bochumer Generation.
Rückblickend gehören zu den wichtigeren Repräsentanten und For-
schungsprogrammen in diesem Prozess der Etablierung der Diskurs-
analyse in der Germanistik neben Friedrich A. Kittler vor allem Jürgen
Link mit seinem Foucault für die Literaturwissenschaft weiterentwi-
ckelnden und zugleich methodisch operationalisierenden Ansatz der In-
terdiskursanalyse. Eine zweite Welle literaturwissenschaftlicher Diskus-
sion der Foucault’schen Diskursanalyse leitete 1988 der aus einer im
„Bielefelder Zentrum für interdisziplinäre Forschung“ durchgeführten
Tagung hervorgegangene Sammelband Diskurstheorien und Literaturwis-
senschaft von Jürgen Fohrmann und Harro Müller ein, der sowohl Bilanz
zog als auch nach zukünftigen Forschungsperspektiven fragte.
20
Seit
Ende der 1980er-Jahre kommt die hauptsächlich von Klaus-Michael
Bogdal vertretene Variante einer dezidiert ‚historischen Diskursanalyse‘
hinzu, die stärker als andere den Anschluss an die traditionelle Herme-
neutik sucht.
21
Ein wichtiges Instrument des Transfers zwischen Wis-
senschaft und praktischen Anwendungsfeldern bildet seit 1982 das von
Jürgen Link herausgegebene Periodikum kultuRRevolution. zeitschrift für
angewandte diskurstheorie, in dem versucht wird, die Foucault’schen und
auch die selbst entwickelten ‚Werkzeuge‘ in je aktuellen politischen Zu-
sammenhängen nutzbar zu machen und das nötige Wissen für diskurs-
taktische Interventionen bereitzustellen.
22
18
Vgl. Link, Jürgen, „‚Einfluß des Fliegens! – Auf den Stil selbst!‘ Diskursanalyse des
Ballonsymbols!,“ in: ders. / Wulf Wülfing (Hrsg.), Bewegung und Stillstand in Meta-
phern und Mythen. Fallstudien zum Verhältnis von elementarem Wissen und Literatur im
19. Jahrhundert, Stuttgart 1984, S. 149–164.
19
Vgl. Gerhard Plumpe, Der tote Blick. Zum Diskurs der Photographie in der Zeit des Rea-
lismus, München 1990.
20
Vgl. Fohrmann, Jürgen / Müller, Harro (Hrsg.), Diskurstheorien und Literaturwissen-
schaft, Frankfurt a. M. 1988.
21
Vgl. von Bogdal, Klaus-Michael den eine Reihe von Aufsätzen aus den 1990er-Jah-
ren zusammenführenden Band Historische Diskursanalyse der Literatur, Opladen,
Wiesbaden 1999 (2. Aufl. Heidelberg 2007).
22
Vgl. dazu ausführlich Link, Jürgen / Parr, Rolf, „Projektbericht: diskurs-werk-
statt und kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie“, in: Forum
für Qualitative Sozialforschung / Forum Qualitative Social Research 8/2007, 2,
http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-07-2-P1-d.htm (Stand: 12. 05.
2007).
Diskursanalyse 97
Explizit diskursanalytisch arbeitet in der Germanistik aktuell vor
allem die Generation derjenigen, die etwa zwischen 1975 und 1985 stu-
diert haben, also zur Zeit des Prozesses der Durchsetzung der Diskurs-
analyse innerhalb des Methodenspektrums der Germanistik. Dazu ge-
hören, um nur einige Vertreterinnen und Vertreter zu nennen, Annette
Runte,
23
Ute Gerhard
24
und Rolf Parr,
25
zu einer noch einmal jüngeren,
ab etwa 2000 promovierten Generation diskursanalytisch ausgerichteter
Forscher Hania Siebenpfeiffer.
26
Seit 2001 gibt es mit Diskursivitäten.
Literatur. Kultur. Medien eine eigene diskursanalytische Reihe, herausgege-
ben von Klaus-Michael Bogdal, Alexander Honold und Rolf Parr. Platz
darin finden Studien, die ihre Gegenstände mit Blick auf das sie umge-
bende Wissensfeld thematisieren und nach den je konkreten Möglich-
keiten des Zustandekommens ihrer diskursiven Ordnungen fragen. Da-
mit geht es nicht darum, welche ‚Bedeutungen‘ kulturelle Texturen,
Subjekte und Geschichte haben, sondern auf welche Weise diese konsti-
tuiert werden und welche heterogenen Wissensfelder und Praktiken sie
bündeln.
27
4. Publikationen
Prägnant hat Foucault sein methodisches Arbeitsprogramm in dem die
eigene Methodik rückblickend reflektierenden Aufsatz Antwort auf eine
Frage zusammengefasst, der 1970 in der Zeitschrift Linguistik und Didak-
tik erschien und einen wichtigen Impuls für die vermehrte Rezeption der
Diskursanalyse in der Germanistik darstellte.
28
Große Teile der zwischen
Mitte der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre Studierenden wurden
durch diesen Aufsatz das erste Mal auf Foucault aufmerksam, es folgte
23
Runte, Subjektkritische Diskurstheorie; dies., Biographische Operationen. Diskurse der
Transsexualität, München 1996.
24
Gerhard, Ute, Nomadische Bewegungen und die Symbolik der Krise. Flucht und Wanderung
in der Weimarer Republik, Opladen, Wiesbaden 1998.
25
Parr, Rolf, Interdiskursive As-Sociation. Studien zu literarisch-kulturellen Gruppierungen
zwischen Vormärz und Weimarer Republik, Tübingen 2000.
26
Siebenpfeiffer, Hania, Böse Lust. Gewaltverbrechen in Diskursen der Weimarer Republik,
Köln, Weimar, Wien 2002.
27
Vgl. Parr, Rolf / Bogdal, Klaus-Michael / Honold, Alexander, Diskursivitäten. Li-
teratur. Kultur. Medien, Heidelberg 2001ff., Rückumschlag.
28
Vgl. Michel Foucault, „Antwort auf eine Frage“, in: Linguistik und Didaktik, 1970,
3, S. 228–239 und 1970, 4, S. 313–324.
98 Rolf Parr
meist die 1974 bei Hanser und 1977 noch einmal bei Ullstein auf deutsch
veröffentlichte Inauguralvorlesung Die Ordnung des Diskurses (frz. 1970)
und vielfach erst dann eine systematischere Lektüre der größeren Unter-
suchungen. Was die frühe Sekundärliteratur angeht, war der grundlegende
Aufsatz Wissen ist Macht. Über die theoretische Arbeit Michel Foucaults, er-
schienen 1980 in der Philosophischen Rundschau, auch für die Germanistik
von Wichtigkeit, da er eine Schnittstelle zwischen der philosophischen
Subjekt-, Historizitäts- und Humanismusproblematik und der literatur-
wissenschaftlich operationalisierten Foucaultrezeption
29
bot und so ein
Wissenstransfer stattfinden konnte. Das gilt auch für die 1986 erschie-
nene Foucault-Dissertation von Clemens Kammler.
30
Eine frühe Applikation nicht nur des Foucault’schen diskursanalyti-
schen, sondern (noch) eng aufeinander bezogen auch des Derrida’schen
und Lacan’schen poststrukturalistischen Instrumentariums findet sich in
der Einleitung des von Friedrich A. Kittler und Horst Turk 1977 heraus-
gegebenen Sammelbandes Urszenen. Literaturwissenschaft als Diskursanalyse
und Diskurskritik. Ziel ist es, die „Tragweite des Diskursbegriffs für eine
Erneuerung der Wissenschaft von Reden und Texten“
31
auszuloten und
damit „das Projekt einer systematischen Neubegründung der Literatur-
wissenschaft als Diskursanalyse“
32
zu beginnen. Das Spektrum der theo-
retisch nicht durchgehend homogenen Beiträge bleibt hinter diesem
weitgesteckten Anspruch jedoch bisweilen zurück: Foucault wird meist
da zitiert, wo es von der Literatur aus thematische Anschlüsse gibt, was
sich für die frühe Phase der Foucaultrezeption durch die Germanistik
tendenziell verallgemeinern lässt: Denn da Foucault selbst keine expli-
29
Zu dieser Unterscheidung vgl. Link, Jürgen im Gespräch mit Diaz-Bone, Rai-
ner „Operative Anschlüsse: Zur Entstehung der Foucaultschen Diskursanalyse in
der Bundesrepublik“, in: Forum Qualitative Sozialforschung, 7/2006, 3, Absatz 12,
http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-06/06-3-20-d.htm (Stand: 14. 06.
2007).
30
Kammler, Clemens, Michel Foucault. Eine kritische Analyse seines Werkes, Bonn
1986.
31
Kittler, Friedrich A. / Turk, Horst (Hrsg.), Urszenen. Literaturwissenschaft als Diskur-
sanalyse und Diskurskritik, Frankfurt a. M. 1977, S. 7. Dabei wird noch stark auf die
Gemeinsamkeit von Foucaults ‚Archäologie‘, Derridas ‚Grammatologie‘ und La-
cans ‚strukturaler Psychoanalyse‘ abgehoben, um „das Sprechen selber, diese Zu-
fluchtsstätte des Bewusstseins und des Idealismus, in seiner Materialität zu bestim-
men“ (ebd.).
32
Wunderlich, Stefan, Michel Foucault und die Frage der Literatur: Beitrag zu einer Archäo-
logie des poststrukturalistischen Denkens, Frankfurt a. M. 2000. S. 2.
Diskursanalyse 99
zite Theorie des literarischen Diskurses entwickelt hat,
33
Literatur viel-
mehr als eine Quelle der Erforschung von Wissensformationen neben
anderen bzw. als grenzüberschreitenden ‚Gegendiskurs‘ ansah,
34
ging der
Mainstream der Rezeption seiner Arbeiten in den Kultur- und Literatur-
wissenschaften zunächst nicht in Richtung einer möglichst umfassenden
Bestimmung der Spezifik des literarischen Diskurses, sondern knüpfte
einerseits an die in Was ist ein Autor?
35
begonnene Problematisierung der
Autorfunktion an,
36
verfolgte andererseits die von Foucault herauspräpa-
rierten Spezialdiskurse wie Wahnsinn, Medizin oder Psychiatrie als The-
men der Literatur weiter. Diese zwar von Foucault stimulierte, aber eher
motiv- und themengeschichtlich als diskursanalytisch orientierte For-
schungsrichtung scheint inzwischen jedoch weitgehend ausgereizt zu
sein.
37
Zudem kann sie ein abstrahierbares und auf neue Gegenstände
übertragbares Analyseinstrument ‚Diskursanalyse‘ nur auf Umwegen
verfügbar machen. Weiter haben sich – innerhalb der an Foucault an-
schließenden Diskurstheorien – in den beiden letzten Jahrzehnten un-
terschiedliche Akzentuierungen einzelner Aspekte seiner Theoreme
bzw. Kombinationen mit weiteren Theorieelementen entwickelt: Stärker
an Lacan als an Foucault lehnen sich psychoanalytisch orientierte Dis-
kurstheorien an, wobei vor allem die Faszinationskomplexe unbewusster
Wunschenergien in den Mittelpunkt des Interesses rücken;
38
eine me-
dientheoretisch orientierte Richtung (Friedrich Kittler, teilweise auch
33
Vgl. Foucault, Michel, Schriften zur Literatur, Daniel Defert / François Ewald und
unter Mitarbeit von Jacques Lagrange (Hrsg.), Frankfurt a. M. 2003. Mit der Kritik
konfrontiert, dass bei allen eingeräumten Spielräumen auch literarische Diskurse
Machteffekte produzieren können, hat Foucault diese Position später revidiert.
34
Vgl. dazu „Funktionen der Literatur. Ein Interview mit Michel Foucault“, in: Eva
Erdmann / Rainer Forst / Axel Honneth (Hrsg.), Ethos der Moderne. Foucaults Kritik
der Aufklärung, Frankfurt a. M., New York 1990, S. 229–259; sowie ausführlich Gei-
senhanslüke, Achim, Gegendiskurse. Literatur und Diskursanalyse bei Michel Foucault,
Heidelberg 2007; sowie Wunderlich, Michel Foucault und die Frage der Literatur.
35
Foucault, Michel, „Was ist ein Autor“, in: ders., Schriften zur Literatur, S. 7–31.
36
Vgl. Plumpe, Gerhard, „Eigentum – Eigentümlichkeit. Über den Zusammenhang
ästhetischer und juristischer Begriffe im 18. Jahrhundert“, in: Archiv für Begriffs-
geschichte, XXIII/1980, S. 175–196; ders., Der tote Blick.
37
Mit seiner Studie zum Motiv ‚Gefängnis‘ hat Frank Reiser (Andere Räume, entschwin-
dende Subjekte. Das Gefängnis und seine Literarisierung im französischen Roman des ausge-
henden 20. Jahrhunderts, Heidelberg 2007) eine der wahrscheinlich letzten For-
schungslücken dieser Art geschlossen.
38
Vgl. Gallas, Helga, Das Textbegehren des ‚Michael Kohlhaas‘. Die Sprache des Unbewußten
und der Sinn der Literatur, Reinbek 1981.
100 Rolf Parr
Manfred Schneider
39
, Bernhard Siegert, Bernhard Dotzler) fragt – zu-
nächst noch in konsequenter Verlängerung Foucaults – nach den Medien
als diskurskonstituierenden, diskursbedingenden und diskursregulieren-
den „Aufschreibesystemen“;
40
feministische Ansätze wie auch die Gen-
der Studies untersuchen geschlechtsspezifische diskursive Kodierungen
und Ordnungen (Annette Runte u. a.);
41
im Zuge des Booms der in den
letzten Jahren vermehrten kulturwissenschaftlichen Thematisierung von
Körpern sind ebenfalls einige diskursanalytisch orientierte literaturwis-
senschaftliche Arbeiten entstanden.
42
Eine Weiterentwicklung für den Spezialfall ‚Literatur‘ erfährt die
Diskurstheorie Michel Foucaults mit der von Jürgen Link und Ursula
Link-Heer entwickelten Interdiskursanalyse, die literarische Diskurse als
Orte der Häufung solcher Diskurselemente und diskursiver Verfahren
versteht, die der Re-Integration des in den Spezialdiskursen arbeitsteilig
organisierten Wissens dienen.
43
Denn gäbe es nur Spezialdiskurse, so
wäre Verständigung über deren Grenzen hinweg kaum möglich. Die Ten-
denz zur Spezialisierung muss also durch umgekehrte Mechanismen der
Integration wieder kompensiert werden, d. h. es muss neben den Spezial-
diskursen auch re-integrierende, inter-diskursive Verfahren geben. Solche
integrierenden Diskurselemente entstehen nun beispielsweise dadurch,
dass Elemente von Spezialdiskursen zum strukturierenden Medium an-
derer Spezialdiskurse gemacht werden, also durch analogiebildende Ver-
39
Vgl. Kittler, Friedrich A. / Schneider, Manfred / Weber, Samuel (Hrsg.), Diskurs-
analysen 1: Medien, Opladen, Wiesbaden 1987.
40
Kittler, Friedrich A., Aufschreibesysteme 1800/1900, München 1985; ders., Grammo-
phon, Film, Typewriter, Berlin 1986; Siegert, Bernhard, Relais. Geschichte der Literatur
als Epoche der Post. 1751–1913, Berlin 1993; Dotzler, Bernhard, Diskurs und Medium.
Zur Archäologie der Computerkultur, München 2006.
41
Vgl. Runte, Biographische Operationen; Mehlmann, Sabine, Unzuverlässige Körper. Zur
Diskursgeschichte des Konzepts geschlechtlicher Identität, Königstein Ts. 2006.
42
Ludewig, Karin, Die Wiederkehr der Lust. Körperpolitik nach Foucault und Butler, Frank-
furt a. M., New York 2002; Lösch, Andreas / Schrage, Dominik / Spreen, Dierk /
Stauff, Markus (Hrsg.), Technologien als Diskurse. Konstruktionen von Wissen, Medien und
Körpern, Heidelberg 2001; Schulte-Holtey, Ernst, „Körper/Figuren. Zur interdis-
kursiven Konstitution elementaren Wissens“, in: Marion Heinz / Friederike Kus-
ter (Hrsg.), Geschlechtertheorie – Geschlechterforschung. Ein interdisziplinäres Kolloquium,
Bielefeld 1998, S. 63–82.
43
Vgl. Link, Jürgen, Elementare Literatur und generative Diskursanalyse, mit einem Bei-
trag von Jochen Hörisch u. Hans-Georg Pott, München 1983; ders., „Literaturana-
lyse als Interdiskursanalyse. Am Beispiel des Ursprungs literarischer Symbolik in
der Kollektivsymbolik“, in: Fohrmann / Müller (Hrsg.), Diskurstheorien, S. 284–307.
Diskursanalyse 101
fahren wie Metapher, Symbol, Allegorie, insbesondere aber solche, die als
Kollektivsymbole von jedermann gebildet und verstanden werden kön-
nen. Weiter gehören zu solchen Diskurse verbindenden Verfahren narra-
tive Schemata, Mythen und Charakterbilder. Sie bilden in ihrer Gesamt-
heit den allgemeinen interdiskursiven Rahmen eines Diskurssystems.
Interdiskurse stellen somit eine Art Reservoir von Anschauungsformen
für die notwendige Kodierung spezialdiskursiver Sachverhalte und ‚Halb-
fertigfabrikate‘ bereit, auf die auch die Produktion literarischer Texte an-
gewiesen ist.
44
Bei solch interdiskursiver Kodierung lassen sich nun relativ stabile,
immer wiederkehrende Teilstrukturen auch empirisch identifizieren,
z. B. Kollektivsymbole wie ‚Organismus‘, ‚Körper‘, ‚Schiff‘, ‚Auto‘, ‚Deich/
Flut‘ usw., die zwar mit verschiedenen Spezialdiskursen verbunden sein
können (so z. B. ‚Organismus‘ und ‚Körper‘ mit der medizinischen Wis-
senschaft), die aber jenseits solcher Spezialität in verschiedensten Dis-
kursen und zugleich durch unterschiedlichste soziale Träger verwendet
werden. Sie verbinden gesellschaftliche Praxisbereiche und schließen sie
zugleich an Alltagserfahrungen an. Semiotisch besehen sind solche Kol-
lektivsymbole komplexe, ikonisch motivierte, paradigmatisch expan-
dierte Zeichen, die eine Bildseite (‚Pictura‘) und eine Seite des eigentlich
Gemeinten (‚Subscriptio‘, ‚Sinn‘) vereinen. Diskurstheoretisch betrach-
tet stellen sie Kopplungen von Spezialdiskursen dar. In ihrer Gesamtheit
bilden sie ein sich historisch zwar modifizierendes, synchron jedoch re-
lativ stabiles und in sich kohärentes System, was daraus resultiert, dass
sie sowohl auf Seiten der Pictura als auch der Subscriptio zu paradigma-
tischen Äquivalenzklassen tendieren. Denn einmal können Pictura-
elemente aus verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen bei beibe-
haltenem ‚Sinn‘ untereinander ausgetauscht werden. So lässt sich ein
Gesellschaftssystem mal als Fahrzeug (Auto, Boot, Flugzeug, Zug oder
Fahrrad) symbolisieren, dann aber auch als Organismus (mit Kopf, den
verschiedenen Gliedmaßen, dem Blutkreislauf usw.). Daraus ergeben
sich Ketten von Bildern. Zweitens nun können verschiedenste Sachver-
halte unter einem Bild subsumiert werden. ‚Flut‘-Symbole stehen gleich-
zeitig für Wassermassen, Flüchtlinge, Fußballfans und Autokolonnen
bei Beginn der Sommerferien. Aus diesen beiden Strukturachsen resul-
tiert insgesamt der Charakter der Kollektivsymbolik als ein komplexes,
synchrones System, das zwar aus vielen einzelnen Symbolen besteht, die
44
Vgl. Turk / Kittler, „Einleitung“, S. 38, die von solchen Diskurselementen als
„Wiedergebrauchsreden“ sprechen.
102 Rolf Parr
aber untereinander in Beziehung gesetzt sind. In konkreten Texten wird
daher der fortlaufende Bildbruch (Link spricht von „Katachresenmäan-
der“
45
) den Normalfall des integrierenden Ins-Spiel-Bringens verschie-
denster gesellschaftlicher Praxisbereiche bilden.
Literatur ist aus der Perspektive der Interdiskurstheorie demnach als
ein Spezialdiskurs zu beschreiben, dessen vorrangige Aufgabe darin be-
steht, interdiskursive Elemente und als deren kohärente Vernetzung
ganze Interdiskurse zu produzieren. (‚Kultur‘ wäre analog dazu als das
immer wieder neu integrierte Ensemble ausdifferenzierter moderner
Wissensbereiche zu verstehen und ‚elementare Kultur‘ als das alltags-
konstitutive Integralwissen über die Einzelsektoren hinweg.)
46
Der Li-
teratur kommt aus interdiskurstheoretischer Sicht somit ein quasi para-
doxer Status zu: Einerseits ist sie als Spezialdiskurs zu beschreiben, da
sie eigenen Formationsregeln unterliegt (z. B. dem tendenziellen Gesetz
der ästhetischen Innovation); andererseits greift sie, da sie ja kein genuin
eigenes Thema hat, in besonders hohem Maße auf diskursübergreifende
Elemente der beschriebenen Art zurück, und zwar in zweierlei Hinsicht:
erstens ‚extensiv‘ durch enzyklopädische Akkumulation von Wissen (viel
Wissen aus verschiedensten Sektoren nebeneinander aufstellen; zwei-
tens ‚intensiv‘ dadurch, dass polyisotopes (mehrstimmiges, d. h. auch
mehrdeutiges) Diskursmaterial so verwendet wird, dass die Ambivalen-
zen und semantischen Anschlussmöglichkeiten noch gesteigert werden
und im Extremfall die gesamte Struktur der Spezial- und Interdiskurse
einer Kultur ins Spiel gebracht wird. Das Hand-in-Hand-Gehen von ex-
tensiver und intensiver Re-Integration des in Spezialdiskursen zirkulie-
renden Wissens ist in der institutionalisierten Kunstliteratur der Regel-
fall, wofür Goethes Faust II exemplarisch ist, in dem Vulkanismus- und
Neptunismustheorien mit anderer Literatur (z. B. Chamissos Peter Schleh-
mil ), orientalischen Märchen und aktuellen Technikentwicklungen ver-
knüpft wird.
47
Was die Methodik angeht, setzt interdiskurstheoretisches Arbeiten zu-
nächst stets die Rekonstruktion desjenigen Diskurssystems oder derjeni-
45
Vgl. dazu Link, Jürgen, „Faust II, gelesen als Katachresenmäander der europäi-
schen Kollektivsymbolik“, in: kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie,
3/1983, S. 51–56.
46
Vgl. Link, Jürgen, „Zur Frage, was eine kulturwissenschaftliche Orientierung der
Literaturdidaktik bringen könnte“, in: kultuRrevolution. zeitschrift für angewandte dis-
kurstheorie, 45–46/2003, S. 71–78.
47
Vgl. Link, „Faust II“.
Diskursanalyse 103
gen diskursiven Formation voraus, innerhalb derer ein zu analysierender
literarischer Text in seiner Spezifik zu situieren ist. Diese Rekonstruktions-
arbeit kann den gesamten Fächer der Spezial- und Interdiskurse einer Zeit
umfassen oder auch nur den Gebrauch eines einzelnen Diskurselementes,
etwa eines einzelnen Kollektivsymbols. Dieses Vorgehen impliziert immer
auch eine gewisse empirische Komponente, denn interdiskursive Regula-
ritäten werden – wie alle Regularitäten diskursiver Formation – erst in der
Serialität des Materials und der sich wiederholenden Befunde als solche
sichtbar. Im nächsten Schritt ist dann zu analysieren, welche Praxisberei-
che jeweils integriert werden und in welchem Verhältnis dieses Projekt
partiell-imaginärer Integration zum Diskursfächer der Zeit steht. Bestätigt
es ihn? Entwirft es eine Alternative? Stellt es eine Art Putsch oder eine
kulturelle Revolution dar? Weiter ist mit Blick auf die jeweils verwendeten
interdiskursiven Elemente selbst zu fragen, ob sie kohärent verwendet
werden, etwa indem sie mit konstant bleibenden Wertungen verknüpft
sind. Dann würde man diese kohärente Verwendungsweise eines ganzen
Ensembles von Interdiskurselementen als einheitliche ‚diskursive Posi-
tion‘ bezeichnen können. Von hier aus lässt sich dann eine interdiskurs-
theoretische Alternative zum theoretisch nicht immer überzeugenden
Ideologiebegriff entwickeln und auch der Zusammenhang von Texten,
diskursiven Positionen und (Lese-)Publikum erforschen.
5. Fachgeschichtliche Einordnung
Die wichtigsten Leistungen der Diskursanalyse innerhalb der germanis-
tischen Literaturwissenschaft liegen darin, den älteren Werk- und Autor-
begriff energisch hinterfragt und den Textbegriff noch einmal wesent-
lich erweitert zu haben, wodurch plötzlich ganz neue und zumindest
bisher weitgehend unbeachtete Korpora auch für die Literaturwissen-
schaften interessant wurden, sodass sie in Richtung einer übergreifend
angelegten Kulturwissenschaft anschlussfähig werden konnte. Damit
kann die Diskusanalyse sich als Verdienst anrechnen, eine im Vergleich
mit anderen durchaus langlebige theoretische Perspektive schon früh
eingenommen und gefördert zu haben, was unter anderem dem New
Historicism, insbesondere Stephen Greenblatt, vorgearbeitet hat.
Immer wieder gegen Foucault und die Diskursanalyse ins Feld geführt
wird, dass er keine stringente Terminologie habe, sondern zugunsten von
Beispielanalysen weitgehend auf Definitionen verzichte, zwar Machtkritik
betreibe, allerdings ohne daraus Konsequenzen für Veränderungen zu zie-
104 Rolf Parr
hen, und schließlich das handelnde Subjekt geradezu eliminiere.
48
Aus lite-
raturwissenschaftlicher Perspektive werden diese Kritikpunkte in der Re-
gel als Ausklammerung des textschöpferisch handelnden Autorsubjekts
bzw. als Unfähigkeit zur Erfassung der je ästhetischen Besonderheit des li-
terarischen Kunstwerks artikuliert. Die Diskursanalyse könne die literari-
schen Texte stets nur den übergreifend gültigen diskursiven Regularitäten
und Zwängen subsumieren, womit das eigentlich Wichtige, die Individua-
lität des einzelnen Textes, verloren gehe. Hier wäre allerdings deutlicher zu
unterscheiden zwischen den Arbeiten des frühen Foucault, der Literatur
immerhin als grenzüberschreitenden Gegendiskurs verstanden und ihr
so einen besonderen Status eingeräumt hat, und den zwar von Foucault
ausgehenden, ihn aber um so entscheidende Elemente wie die Ebene des
Interdiskurses und diejenige differierender diskursiver Positionen erwei-
ternden literaturwissenschaftlichen Ansätzen. Gerade diese diskursanaly-
tischen Ansätze sind zudem semiotisch fundiert und haben mit der Lite-
rarizität von Texten ihre Unverwechselbarkeit durchaus im Blick.
Trotz der vielfältigen diskursanalytischen Forschungen in den letzten
drei Jahrzehnten bleibt die Frage zu stellen, ob bereits alles erforscht ist,
oder es Gegenstände und Themen gibt, die näher zu untersuchen sich
gerade mit einem diskurstheoretischen Instrumentarium anbietet. Zu
den Desideraten gehört eine übergreifendere Arbeit, die in diachroner
Perspektive Grundlinien der Entwicklung der Kollektivsymbolsysteme
vom 18. Jahrhundert bis heute aufzeigen und damit zugleich die Ent-
wicklung der Interdiskurse sichtbar machen würde, was eventuell sogar
in Form einer nach Trägerschaften differenzierten Analyse geschehen
könnte. Die vielen vorhandenen Einzelstudien zur Kollektivsymbolik
49
müssten dazu ausgewertet und zusammengeführt werden. Damit wäre
zugleich die Basis für eine Alternative zu herkömmlichen Modellen von
Literaturgeschichtsschreibung geschaffen, denn als Evolutionsgeschichte
von Interdiskursen würde das Augenmerk nicht mehr auf Epochenkon-
strukte und deren Abgrenzung, sondern auf der Frage nach diskursiven
Transformationsprozessen liegen. Weiter ließe sich, was bisher auch erst
ansatzweise geschehen ist, auf diskursanalytischer Basis eine neue Form
48
Vgl. exemplarisch Frank, Was ist Neostrukturalismus; sowie die Liste der Kritik-
punkte bei Müller-Funk, Wolfgang, Kulturtheorie. Einführung in Schlüsseltexte der Kul-
turwissenschaften, Tübingen, Basel 2006, S. 211.
49
Vgl. die Einträge in Parr, Rolf / Thiele, Matthias, Link(s). Eine Bibliographie zu den
Konzepten ‚Interdiskurs‘, ‚Kollektivsymbolik‘ und ‚Normalismus‘ sowie einigen weiteren
Fluchtlinien. Jürgen Link zum 65. Geburtstag, Heidelberg 2005.
Diskursanalyse 105
von Genretheorie entwickeln.
50
Last but not least ist die Chance zu kul-
turvergleichenden Analysen von Interdiskursen, speziell von Kollektiv-
symbolsystemen, bisher erst wenig genutzt worden. So ließe sich fragen,
ob das europäische und das amerikanische System der Kollektivsymbole
identisch sind oder wo die Differenzen gegenüber dem deutschen liegen,
was dann wieder Rückschlüsse auf die unter den jeweiligen ‚Symbol-
bedingungen‘ entstehende Literatur erlauben würde. Das Gleiche wäre
auch für die europäische Binnenperspektive zu leisten. Schließlich wäre
zu fragen, ob sich unter den neuen Bedingungen der Globalisierung an-
satzweise so etwas wie ein ‚internationaler Interdiskurs‘ herausbildet, der
dann die Basis für eine neue Form von ‚Weltliteratur‘ darstellen würde.
Obwohl für den Bereich der (germanistischen) Medienwissenschaft
in den beiden letzten Jahren eine regelrechte Konjunktur der Diskurs-
analyse zu verzeichnen ist,
51
gibt es auch hier offene, sich für ein diskurs-
analytisches Vorgehen eignende Forschungsfelder. So fassen neuere Pu-
blikationen Medien vermehrt als diskursiv produzierte Gegenstände
auf,
52
was den Medienbegriff gegenüber linearen Modellen der Informa-
tionsübermittlung insgesamt offener für variable Bedeutungszuweisun-
gen macht.
53
Da die Interdiskursanalyse seit den 1970er-Jahren zunächst
vorwiegend an Printmaterial, wenn auch durchaus schon unter Einbezug
von Bildern, entwickelt wurde, ist die Frage nach den dynamisch ge-
machten, erzählten und visualisierten Kollektivsymbolen des Fernsehens
erst ansatzweise angegangen worden.
54
Zu fragen wäre etwa, was für sol-
che medialen Bereiche wie Fernsehen, Video, Internet überhaupt die
verbindenden Interdiskurselemente sind.
55
Die Ergebnisse ließen sich
50
Vgl. ansatzweise Link / Link-Heer, Literatursoziologisches Propädeutikum, S. 377–415.
51
Vgl. Fahle, Oliver / Engell, Lorenz, Philosophie des Fernsehens, München 2006.
52
Vgl. als aktuelle Beispiele Thiele, Matthias, Flucht, Asyl und Einwanderung im Fernse-
hen, Konstanz 2005; Stauff, Markus, ‚Das neue Fernsehen‘. Machtanalyse, Gouvernemen-
talität und Digitale Medien, Hamburg, Münster 2005.
53
Bleicher, Joan Kristin, „Abschiede von der Wirklichkeit. Aktuelle Frontlinien der
medien- bzw. kommunikationswissenschaftlichen Fernsehforschung seit 2005 –
eine Sammelrezension“, in: Medien & Kommunikationswissenschaft, 54/2006, 4,
S. 654–665, hier S. 6.
54
Vgl. Thiele, Flucht; Rolf Parr, „Börse im Ersten: Kollektivsymbole im Schnitt-
punkt multimodaler und multikodaler Zeichenkomplexe“, in: Mitteilungen des Deut-
schen Germanistenverbandes, 54/2007, 1, S. 54–70.
55
Parr, Rolf / Thiele, Matthias, „Eine ‚vielgestaltige Menge von Praktiken und Dis-
kursen‘. Zur Interdiskursivität und Televisualität von Paratexten des Fernsehens“,
in: Klaus Kreimeier / Georg Stanitzek (Hrsg.), unter Mitarbeit von Natalie
Binczek, Paratexte in Literatur, Film und Fernsehen, Berlin 2004, S. 261–282.
106 Rolf Parr
wiederum für die Analyse von Literatur/Medien-Beziehungen nutzen
und würden so in die Literaturwissenschaften zurückwirken.
6. Kommentierte Auswahlbibliographie
Link, Jürgen, Elementare Literatur und generative Diskursanalyse, mit einem
Beitrag von Jochen Hörisch u. Hans-Georg Pott, München 1983.
Der Band versammelt Aufsätze aus den 1970er-Jahren, die es ermög-
lichen, die Genese der semiotisch-struktural fundierten Interdiskursana-
lyse nachzuvollziehen, wobei neben theoretisch angelegten Texten auch
Fallstudien zu einzelnen interdiskursiven Elementen (wie dem Kollek-
tivsymbol ‚Ballon‘) und einzelnen literarischen Texten (Brecht, Mali-
nowski, Hölderlin, Schiller) stehen. Abgeschlossen wird der Band durch
die zwischen Link auf der einen und H.G. Pott/J. Hörisch auf der ande-
ren Seite kontrovers geführte Diskussion ‚generative‘ versus ‚hermeneu-
tische‘ Diskursanalyse, die bereits die vermittelnde Position eröffnet, die
dann die historische Diskursanalyse (K.-M. Bogdal) einnimmt.
Fohrmann, Jürgen / Müller, Harro (Hrsg.), Diskurstheorien und Literatur-
wissenschaft, Frankfurt a. M. 1988.
Nimmt man die 1977 erschienenen Urszenen (H. Turk/F. Kittler) als
Beginn, so zieht dieser Band nach einem Jahrzehnt diskursanalytischen
literaturwissenschaftlichen Arbeitens im Anschluss an Foucault und
auch Derrida (weniger Lacan) eine erste Bilanz, prüft die Tragweite des
Ansatzes in exemplarischen Einzelanalysen und fragt zugleich nach zu-
künftigen Perspektiven. Zudem enthält der Band mit den Beiträgen von
J. Link („Literaturanalyse als Interdiskursanalyse“), G. Plumpe („Kunst
und juristischer Diskurs“) und J. Kolkenbrock-Netz („Diskursanalyse
und Narrativik“) gleich mehrere Beiträge, die zu kanonischen Texten der
Forschung geworden sind.
Bogdal, Klaus-Michael, Historische Diskursanalyse der Literatur, Opladen,
Wiesbaden 1999 (2. Aufl., Heidelberg 2007).
Der Band integriert eine Reihe von Aufsätzen aus den 1990er-Jahren,
wobei gegenüber der Interdiskursanalyse der differenzierende Aspekt
im „produktiven“ Anschluss an hermeneutische und im Weiteren an
philologische Verfahren überhaupt liegt, etwa in der Verknüpfung von
Textnähe und historischer Darstellung (S. 7).
Diskursanalyse 107
Geisenhanslüke, Achim, Gegendiskurse. Literatur und Diskursanalyse bei
Michel Foucault, Heidelberg 2007 (1. Aufl., Opladen, Wiesbaden 1997 un-
ter dem Titel Foucault und die Literatur. Eine diskurskritische Untersuchung).
Geisenhanslüke geht dem Verhältnis von Literatur und Diskursanalyse
bei Foucault in zweifacher Weise nach, indem er erstens die Funktion der
Literatur im Hinblick auf Foucaults eigenen Theoriebildungsprozess
von den frühen Schriften bis hin zur Geschichte der Sexualität unter-
sucht, zweitens die Stellung der Diskursanalyse mit Bezug auf die kon-
kurrierenden Theoriemodelle, insbesondere Hermeneutik und Kultur-
wissenschaften, zum Gegenstand macht.
108 Rolf Parr
Editionswissenschaft 109
Editionswissenschaft
von RÜDIGER NUTT-KOFOTH
1. Definition
Die Editionswissenschaft ist eine philologische Teildisziplin der Geistes-
und Kulturwissenschaften. Sie beschäftigt sich mit Theorie und Praxis
der ‚Herausgabe‘ (lat.: ‚editio‘) von (zuvorderst literarischen) Texten,
das meint zugleich auch die Präsentation von Fassungen, Textstadien,
Varianten und der Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte sowie
etwaiger Kommentare. Die auf editionswissenschaftlicher Grundlage er-
arbeiteten Ausgaben, insbesondere die so genannte ‚historisch-kritische‘
oder die ‚kritische Ausgabe‘, bilden die Grundlage jeder weiteren wissen-
schaftlichen Beschäftigung mit den so edierten Texten. Daher stellt die
Editionswissenschaft ein Basiselement aller mit Texten arbeitenden wis-
senschaftlichen Fächer dar, für die Germanistik gilt sie als ein disziplinä-
rer Kern. Sie ist durch eine reiche Methodengeschichte geprägt.
2. Beschreibung
Im Folgenden sollen mit wissenschaftsgeschichtlichem Fokus methodi-
sche Entwicklungen innerhalb der germanistischen Editionswissenschaft
vorgestellt und einige transdisziplinäre Verknüpfungen markiert werden.
Schon der historische Anfang der germanistischen Editionswissenschaft
ist ein interdisziplinärer, und zwar im Sinne einer Ableitung. Als sich die
Germanistik im frühen 19. Jahrhundert – im Zusammenhang mit dem
zunehmenden Interesse an der Kulturgeschichte des deutschen Sprach-
raums – als universitäres Fach zu entwickeln begann, gab es kaum ver-
lässliche Druckfassungen der alt- und mittelhochdeutschen Literatur.
Insofern die sich etablierende Germanistik ihre Objekte, die literari-
schen oder sprachgeschichtlichen Dokumente, nun erstmalig beschaffen
und im Druck herausgeben musste, bildete das editorische Arbeiten
auch ein historisches Fundament des neuen Faches. Dass die junge Ger-
110 Rüdiger Nutt-Kofoth
manistik dazu auf die Verfahren der seit Jahrhunderten gepflegten Alt-
philologie zur Konstitution von Texten der Antike (einschließlich der
Bibelkritik) zurückgriff, kann in zweifacher Hinsicht als eine notwendige
Ableitung verstanden werden: Zum einen konnte das neue Fach durch
den Rückgriff auf erprobte gelehrte Verfahren etwaigen Zweifeln an sei-
ner Wissenschaftlichkeit begegnen, zum anderen gab es schlicht kein an-
deres weit anerkanntes Vorbild, das hätte benutzt werden können.
So konnte Karl Lachmann in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhun-
derts auf der Basis altphilologischer Methodik ein Verfahren der ‚Text-
kritik‘ entwickeln, das als die ‚Lachmann’sche Methode‘ nachhaltige Wir-
kung auf die folgende Editionstätigkeit ausübte. Lachmann selbst hat
das Verfahren nicht zusammenfassend dargestellt, erst weit später ist es
von anderen systematisch aufgearbeitet worden. Lachmanns wesentliche
Leistung bestand in der Abkehr vom bis dato vor allem üblichen Rück-
griff auf den ‚textus receptus‘ für den Textabdruck, ein Verfahren, bei
dem auf weitergehende Handschriftenvergleiche verzichtet wurde. Statt-
dessen betonte Lachmann die Notwendigkeit einer strikten wissen-
schaftlichen Recensio durch Sammlung, Überprüfung und Vergleichung
der überlieferten Textträger. Da Lachmann sein Verfahren sowohl auf
antike Texte als auch auf Texte mittelalterlicher deutscher Autoren sowie
zugleich auf Texte eines neueren deutschen Autors anwandte, konnte
es als ein editorisches Universalverfahren erscheinen. Entscheidende
Voraussetzung von Lachmanns Textkritik ist die Überlieferungslage mit-
telalterlicher deutscher Texte, die – wie auch die Texte der Antike – ganz
überwiegend ohne Beteiligung des Autors in Jahrzehnte oder Jahrhun-
derte später angefertigten, autorfremden Abschriften tradiert, deren
Originale hingegen nicht erhalten sind. Lachmanns Ziel ist es, den Text
des Originals aus den Abschriften wiederherzustellen, denn die überlie-
ferten Abschriften gelten ihm als Dokumente einer zunehmenden Text-
überfremdung durch Fehler, Ergänzungen, Fortlassungen oder sonstige
Eingriffe der Abschreiber, die im textkritischen Prozess wieder rückgän-
gig gemacht werden müssen. Dazu müssen sämtliche erhaltenen Ab-
schriften auf ihre Abhängigkeiten voneinander geprüft werden, wobei
die Handschriften durch die Feststellung von Übereinstimmungen und
Abweichungen zu einem ‚Stemma‘ (grafische Darstellung des Bezie-
hungssystems der Handschriften in Form eines Stammbaums) geordnet
werden. Hilfreich dafür sind die so genannten ‚Leitfehler‘, die anzeigen,
an welcher Stelle des ‚Stemmas‘ sich die Überlieferung verzweigt
(‚Trennfehler‘) und welche Handschriften durch gleiche Fehler in einen
Stemmastrang gehören (‚Bindefehler‘). Dadurch können die eine oder
Editionswissenschaft 111
die wenigen Handschriften ermittelt werden, die von keiner anderen er-
haltenen Handschrift abhängig sind. Durch deren Vergleich sowie durch
die textkritischen Verfahren von Emendation (sichere Verbesserung)
und Konjektur (begründete Vermutung über den richtigen Wortlaut)
wird nun nicht der Text des Originals, sondern der des so genannten Ar-
chetyps hergestellt, das heißt der aufgrund der Überlieferung letztmög-
lichen Erschließungsstufe als der weitestmöglichen Annäherung an das
Original. Die Zielsetzung verdeutlicht somit das Anliegen des ‚Rekon-
struktionsverfahrens‘: Der unverfälschte, ursprüngliche Autortext soll
wiederhergestellt werden.
Dieses Verfahren ist jedoch mit einer Reihe von Unwägbarkeiten und
vereinfachenden Vorannahmen verbunden, die nicht immer der Überlie-
ferungslage gerecht werden. Insbesondere lässt sich eine glatte stemma-
tische Rekonstruktion des Überlieferungsverlaufs und der Abhängig-
keitsverhältnisse nur dann herstellen, wenn die einzelnen Abschriften
keine, für die mittelalterliche Überlieferung nicht unübliche Textmischung
(Kontamination) aus verschiedenen Handschriften aufweisen. Nach
Joseph Bédiers auf französischsprachige Texte bezogener Intervention
gegen die Lachmann’sche Methode in den ersten Jahrzehnten des
20. Jahrhunderts hat für die Germanistik insbesondere Karl Stackmanns
wirkungsmächtiger Aufsatz von 1964
1
die Kritik am Rekonstruktions-
verfahren nachhaltig verstärkt. Stattdessen begann sich seitdem das
‚Leithandschriftenverfahren‘ verstärkt durchzusetzen, dessen Vorfor-
men sich schon vor Lachmann, aber etwa auch in den von Lachmann ab-
schätzig beurteilten Editionen seines Zeitgenossen Friedrich Heinrich
von der Hagen finden und das dann modellhaft seit Anfang des 20. Jahr-
hunderts in der von Gustav Roethe begründeten und bis heute fort-
gesetzten Reihe Deutsche Texte des Mittelalters eingeführt wurde. Unter
Anwendung textkritischer Operationen ist das Ziel des Leithandschrif-
tenverfahrens nicht die Rekonstruktion des verlorenen Autororiginals,
sondern die Herstellung eines Textes nach der besten der überlieferten
Handschriften. Dieses Verfahren steht damit dem faktisch Überlieferten
näher als die strenge Rekonstruktionsmethode. Zugleich dämmte es mit
seiner stärkeren Orientierung am vorgefundenen Text das Überhand-
nehmen der Konjekturfreudigkeit, für die als prominentes Beispiel Carl
von Kraus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts steht, ein.
1
Vgl. Stackmann, Karl „Mittelalterliche Texte als Aufgabe“, in: William Foerste /
Karl Heinz Borck (Hrsg.), Festschrift für Jost Trier zum 70. Geburtstag, Köln, Graz
1964, S. 240–267.
112 Rüdiger Nutt-Kofoth
Einen Schritt weiter geht das in den 1970er-Jahren – insbesondere im
Zusammenhang mit dem zunehmenden Interesse für mittelalterliche
Gebrauchstexte – entwickelte Verfahren der ‚überlieferungskritischen‘
bzw. ‚textgeschichtlichen Edition‘. Es orientiert sich verstärkt an den
zu einer bestimmten Zeit tatsächlich gelesenen Formen von Texten,
berücksichtigt also explizit die Redaktionen der Schreiber für die Text-
edition. Damit hatte sich in der mediävistischen Germanistik eine me-
thodische Verschiebung vollzogen, die durch eine Verlagerung der edi-
torischen Zielsetzung vom originalen, aber durch die Überlieferungslage
häufig nur schwer wiederzugewinnenden Autortext hin zu den erhal-
tenen und rezipierten bzw. einfacher zu ermittelnden späteren Überlie-
ferungszuständen eines Textes gekennzeichnet ist. Jedoch haben sich die
Verfahren in der Folgezeit nicht abgelöst, sondern wurden nebeneinan-
der verwendet. Methodengeschichtlich lässt sich dies als die Alternative
von ‚autororientierter‘ und ‚textorientierter Textkritik‘ oder anders ak-
zentuiert von ‚originalorientierter‘ und ‚überlieferungsorientierter Text-
kritik‘ beschreiben.
Der somit entwickelte differenzierte Blick auf die Überlieferung mit-
telalterlicher Texte ermöglichte also, die erhaltenen Abschriften nicht
allein als Ausdruck von Textverschlechterung, sondern auch als rezep-
tionshistorische und mit zeitgenössischen Wirkungsintentionen verse-
hene Dokumente zu verstehen. Diese Perspektive wurde gestützt durch
die vertiefte Einsicht in die Überlieferungsgeschichte der einzelnen
Texte. Die Veränderungen in den verschiedenen Abschriften ließen sich
unter dem Begriff der ‚mouvance‘ schon seit den 1970er-Jahren
2
– nun
nicht mehr negativ gewertet – als Wanderung von Textelementen be-
schreiben. Verstärkt (und radikalisiert) wurde diese Perspektive auf die
Überlieferung mit der expliziten Akzentuierung der ‚variance‘ durch die
auf Theorien der Postmoderne fußende französisch-amerikanische ‚New
Philology‘ in den späten 1980er- und den 1990er-Jahren, die im ‚unfesten
Text‘, in der ‚Varianz‘ das unhintergehbare Merkmal der mittelalterlichen
Überlieferung sieht. Zugleich konnten im Sinne einer ‚Material Philology‘
die einzelnen Textträger als die Orte, an denen sich die Varianz in ihrer je
spezifischen Beschaffenheit zeigt, nachdrücklicher in den Vordergrund
gerückt werden. Der von der ‚New Philology‘ erhobene Anspruch des
Neuen ließ sich zwar mit Verweis auf die editorische Methodengeschichte
der germanistischen Mediävistik erheblich relativieren, doch ergab sich
2
Zum Begriff ‚mouvance‘ vgl. Zumthor, Paul, Essai de poétique médiévale, Paris 1972,
S. 507.
Editionswissenschaft 113
aus den Veränderungen in der Perspektive auf den mittelalterlichen Text
nun die Möglichkeit, in stärkerem Maße synoptisch-parallelisierte Fas-
sungen literarischer Texte in der Edition zu präsentieren, am nachhal-
tigsten diskutiert anhand von Joachim Bumkes Verfahren zur Edition
der Nibelungenklage Ende der 1990er-Jahre.
Die Kriterien für die Edition mittelalterlicher deutscher Texte waren
damit intensiv in den Kontext der literatur- und kulturwissenschaftlichen
Diskussion eingebunden. Faktoren wie die Opposition von ‚Mündlich-
keit‘ und ‚Schriftlichkeit‘ und der damit einhergehende Aspekt der ‚Per-
formanz‘ sowie die wieder neu akzentuierte Frage nach dem mittelalter-
lichen Autor konnten nun je nach Überlieferungslage für die Edition mit
berücksichtigt werden.
Die germanistische Neuphilologie hat sich anderen, von der Mediävis-
tik zu unterscheidenden methodischen Fragen zu stellen. Das liegt an der
andersartigen Überlieferung von Texten neuerer Autoren. Hier sind in al-
ler Regel eigenhändige Handschriften, Typoskripte etc. des Autors und/
oder vom Autor kontrollierte oder gebilligte Drucke erhalten. Folglich
entfällt die Notwendigkeit einer Rekonstruktion des verlorenen Autor-
textes. Dennoch ist das stemmatische Verfahren zur Bestimmung der
Textträgerverhältnisse auch in der Neuphilologie von Bedeutung, doch
nun nicht als ‚genealogisches‘, sondern als ‚genetisches‘ Verfahren, in-
dem es nicht Abhängigkeiten zunehmend autorfernerer Abschriften dar-
stellt, sondern die Textproduktion des Autors von den ersten Notizen
über die Entwürfe, die Reinschrift bis hin zum Druck etc. widerspiegelt.
Diese kategoriale Differenz der Überlieferungslage konnte im 19. und
beginnenden 20. Jahrhundert erst langsam erkannt werden, was nicht nur
an der Tatsache lag, dass Karl Lachmann auch einen neueren Autor (Les-
sing) nach seinen an der Edition antiker und mittelalterlicher Texte ent-
wickelten Prinzipien ediert hat, sondern auch daran, dass die neuere Lite-
ratur erst nach und nach ein Gegenstandsbereich des neuen universitären
Faches der Germanistik wurde.
Statt des mediävistischen Fokus auf verlorene Handschriften und ihre
etwaige Rekonstruktion stellt sich der neugermanistischen Editions-
wissenschaft aufgrund der Überlieferungslage ihrer Texte eine andere
Aufgabe. Für neuere Autoren sind nämlich vielfach verschiedene, vom
Autor hergestellte ‚Fassungen‘ eines Werks, etwa die eines Entwurfs,
einer Reinschrift, einer Druckfahne oder eines Drucks erhalten, die dem
Editor nun zur ‚Textkonstitution‘ des so genannten edierten Texts die-
nen, also für den Text, der im Vollabdruck zur Rezeption angeboten
wird. Bis in die 1950er-Jahre konnte z. B. in der ersten Phase der Goethe-
114 Rüdiger Nutt-Kofoth
Akademie-Ausgabe (1952–1959; 2. Phase bis 1967, abgebrochen; nach-
folgend Einzelbände) noch die Herstellung des ‚besten Textes‘ eine Leit-
vorstellung der Edition bilden, doch setzte sich danach die Einsicht
durch, dass die vom Autor hergestellten verschiedenen Fassungen je his-
torische Ausprägungen des Werks sind und nicht miteinander vermischt
(kontaminiert) werden sollen. Stattdessen wählt der Editor eine der über-
lieferten Fassungen als Grundlage der Textkonstitution des edierten
Textes. Dabei wird im Regelfall – soweit vorhanden – auf die Druck-
fassung zurückgegriffen, doch wurde auch diskutiert, ob wegen der
möglichen Überfremdung des Drucktextes durch Dritte, die am Produk-
tionsprozess beteiligt sind (z. B. Redakteure, Setzer, Drucker), die rein-
schriftliche Druckvorlage des Autors oder – falls vorhanden – die vom
Autor durchgesehene Druckfahne benutzt werden sollte. Bei Zugrunde-
legung der Reinschrift erhielte man einen vom Autor in allen Einzelhei-
ten hergestellten Text, bei Verwendung der Druckfahne einen vom Au-
tor durchgesehenen und gebilligten Text. Als Argument für den direkten
Rückgriff auf den Druck lässt sich anführen, dass hiermit die in die Öf-
fentlichkeit gelangte und historisch rezipierte Fassung geboten würde.
Wenn Autoren unterschiedliche Fassungen eines Werks in weiter ausei-
nanderliegenden Zeitabschnitten herstellen, muss der Editor zudem ent-
scheiden, ob er die frühere oder die spätere Fassung als edierten Text
wiedergibt. Diese Frage ist unter dem Stichwort ‚frühe Hand – späte
Hand‘ diskutiert worden.
Das Paradigma dieser Diskussion war Goethe. Er hatte in seiner von
ihm selbst so betitelten Ausgabe letzter Hand (1827–1830) die Textbear-
beitungen des greisen Autors zur definitiven Rezeption bereitgestellt.
Die 143-bändige Weimarer Goethe-Ausgabe (1887–1919) verstand diese
Vorgabe Goethes für die Werkabteilung als Verpflichtung. Die Entschei-
dung der Weimarer Ausgabe hatte durchaus exemplarische Funktion für
die folgenden Editionsprojekte. Eine Gegenposition bezog die Goethe-
Akademie-Ausgabe, die die Werkabteilung der Weimarer Ausgabe erset-
zen sollte. Sie legte ihrer Textkonstitution die Fassung des ersten Drucks
zugrunde, eine Entscheidung, die zudem noch durch neue Erkenntnisse
über die textkritische Beteiligung Goethes an seiner Ausgabe letzter
Hand gestützt werden konnte, die sich geringer als angenommen erwies.
Die anschließende editionswissenschaftliche Diskussion um die Fassung
früher oder später Hand hat das generalistische Entweder-oder aller-
dings relativiert und die Entscheidung des Editors allein von der jeweili-
gen Überlieferungssituation des betreffenden Textes abhängig gemacht.
Daher gelten heute alle Fassungen eines Textes als ‚historische Textfas-
Editionswissenschaft 115
sungen‘,
3
aus denen der Editor für den edierten Text eine (oder mehrere)
mit einer stichhaltigen Begründung frei wählen kann.
Mit der Diskussion um die dem edierten Text zugrunde zu legende
Fassung verknüpft ist eine Frage, die sich für die neugermanistische Edi-
tionswissenschaft methodengeschichtlich als ein wichtiges Innovations-
moment erwiesen hat, nämlich die nach der editorischen Relevanz des
‚Autorwillens‘ oder auch der ‚Autorintention‘. Die Weimarer Goethe-Aus-
gabe hatte den Autorwillen noch zum Maßstab ihrer Entscheidung bei
der Textkonstitution gemacht und damit den historisch letzten Autor-
willen für verbindlich erklärt. In der Folgezeit wurde jedoch klar, dass
der Autorwille zum einen aufgrund mangelnder Zeugnisse vielfach nicht
sicher zu erkennen oder zu erschließen ist und sich zum anderen zu Leb-
zeiten des Autors durchaus wandelt. Insofern erwies sich die Orientie-
rung an der Kategorie des Autorwillens als zu hypothesenlastig. Um den
Editor von solchen interpretatorischen Unwägbarkeiten zu lösen und
ihn aus der Abhängigkeit von Autorvorgaben zu befreien, wurde seit
den 1960er- und -70er-Jahren an die Stelle des Autorwillens das Prinzip
der ‚Autorisation‘ gesetzt. Es arbeitet nicht primär autororientiert, son-
dern textorientiert, indem es Autorisation als Merkmal der Textqualität
versteht, die sich durch die Verfasstheit oder die Billigung eines Textes
durch seinen Autor zu einer bestimmten Zeit konstituiert. Das heißt
konkret, dass etwa sämtliche vom Autor selbst hergestellten ‚Hand-
schriften‘ seines Werkes ebenso als autorisiert gelten wie alle von ande-
ren produzierten, aber vom Autor geprüften oder gebilligten Abschrif-
ten und Drucke. Neuere Diskussionen um den Begriff zeigen jedoch,
dass die Bezeichnung sämtlicher eigenhändiger ‚Handschriften‘ als auto-
risiert deshalb missverständlich ist, weil Autorisation eigentlich ‚Bevoll-
mächtigung‘ bedeutet. Deshalb wurde ‚Authentizität‘ als Ersatzbegriff
vorgeschlagen, doch überschneiden sich hier unterschiedliche Begriffs-
füllungen. Im Hinblick auf die Echtheit könnte ‚Authentizität‘ den
Begriff ‚Autorisation‘ durchaus präzisierend ersetzen, doch wird ‚Au-
thentizität‘ in Teilen der Editionswissenschaft im Sinne von ‚Ursprüng-
lichkeit‘ benutzt und meint dann nur vom Autor persönlich, ohne Be-
teiligung Dritter niedergeschriebene Texte, schließt also vom Autor
beauftragte und geprüfte Abschriften und insbesondere die kontrollier-
ten und/oder gebilligten Drucke aus. Jenseits des Mankos einer luziden
Begrifflichkeit im Bereich von ‚Autorisation‘ und ‚Authentizität‘ besteht
3
Vgl. Scheibe, Siegfried, „Zu einigen theoretischen Aspekten der Textkonstitu-
tion“, in: editio 5/1991, S. 28–37, hier S. 29.
116 Rüdiger Nutt-Kofoth
jedoch Übereinkunft, dass der Autorwille kein bzw. nicht der alleinige
Leitmaßstab für die editorischen Entscheidungen sein kann.
Neben der somit gewonnenen Unabhängigkeit des Editors vom Autor
bei der Wahl der Fassung für den edierten Text hatte dieser Klärungs-
prozess auch Folgen für den Begriff des ‚Textfehlers‘ in der neugerma-
nistischen Editionswissenschaft, die sich nun primär text- statt autor-
orientiert verstand. Für die Eruierung von Textfehlern bedeutete dies
seit Beginn der 1970er-Jahre, dass nicht mehr nach dem Willen oder der
Äußerungsabsicht des Autors gesucht werden sollte, die beim Fehlen
konkreter Zeugnisse allemal schwer zu ermitteln sind, sondern dass nun
die „Struktur der textspezifischen Logik“ alleiniges Kriterium der Feh-
lerermittlung wird. Ist diese Struktur gestört, was „bei konventionellen
Texten also“ Stellen meint, die „für sich oder im engeren Kontext keinen
Sinn zulassen“,
4
liegt ein Textfehler vor. Die textorientierte statt autor-
orientierte Vorgehensweise spiegelt sich noch in der Definition, die den
Textfehler als ein „stellenweises Aussetzen der Autorisation“ beschreibt,
und zeigt damit die enge Zusammengehörigkeit der Begriffsklärungen
im Bereich von ‚Textfehler‘ und ‚Autorisation‘. In diesem Sinne soll
dann nicht das textkritische Ingenium des Editors, sondern die Unter-
suchung der physisch-technischen Überlieferungsbedingungen zum
maßgeblichen Nachweis eines Textfehlers dienen.
5
Dies macht nicht
nur deutlich, wie weit dieser Fehlerbegriff durch den Strukturalismus der
1960er-Jahre geprägt wurde, sondern verweist auch auf das Anliegen,
zur Ermittlung eines Fehlers statt rein interpretativer Schlüsse bevorzugt
objektivierbarere Erkenntnisse über Fakten des technischen Produktions-
prozesses heranzuziehen. Können Zweifel beim Fehlernachweis nicht
ausgeräumt werden, wurde für den Verzicht eines Eingriffs im edierten
Text plädiert.
6
Dieser rigide Fehlerbegriff wurde allerdings nicht von
allen Editoren geteilt, weil er den textkritischen Spielraum des Editors
sehr weit einschränkt. Argumente für einen weiter gefassten Fehler-
begriff sind daher gleichfalls vorgetragen worden.
4
Scheibe, Siegfried, „Editorische Grundmodelle“, in: Siegfried Scheibe / Christel
Laufer (Hrsg.), Zu Werk und Text. Beiträge zur Textologie, Berlin 1991, S. 23–48, hier
S. 31.
5
Vgl. Zeller, Hans, „Struktur und Genese in der Editorik. Zur germanistischen und
anglistischen Editionsforschung“, in: LiLi, 5/1975, 19f., S. 105–126, hier S. 118f.
6
Vgl. Zeller, Hans, „Befund und Deutung. Interpretation und Dokumentation als
Ziel und Methode der Edition“, in: Gunter Martens / Hans Zeller (Hrsg.), Texte
und Varianten. Probleme ihrer Edition und Interpretation, München 1971, S. 45–89, hier
S. 70–73.
Editionswissenschaft 117
Weil in der neueren Literatur häufig verschiedene Autorfassungen
eines Werks vorliegen, erhielt die Edition nun auch die Aufgabe, die vom
edierten Text verschiedenen Fassungen adäquat darzustellen, denn sie
repräsentieren die Entstehungs-, die Entwicklungsgeschichte des Werks.
Wichtige methodische Schritte dazu konnten erst in der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts getan werden. Voraussetzung war nämlich zu-
nächst, dass die besondere Relevanz dieses Textmaterials im Verhältnis
zur Überlieferung von antiker und mittelalterlicher Literatur erkannt
wurde, dann dass editionstechnische und methodische Möglichkeiten
entwickelt wurden, um dieses Material in der Edition seinem Status
gemäß sichtbar zu machen. Die erste maßgebliche Reflexion zur Bedeu-
tung der ‚Textgenese‘ wurde 1924 von Reinhold Backmann vorge-
tragen
7
– mit der nahezu umstürzenden, das traditionelle Verständnis
von Edition auf den Kopf stellenden Forderung, nicht den edierten
Text, sondern den Apparat zur Hauptaufgabe der Edition zu machen.
Backmann selber konnte jedoch keine überzeugenden praktischen Vor-
schläge für ein entsprechendes Darstellungsverfahren vorlegen. Auch
er benutzte den ‚lemmatisierten‘ oder ‚nicht-lemmatisierten Einzelstel-
lenapparat‘ zusammen mit verbalisierten Hinweisen auf Änderungs-
vorgänge in den Handschriften. Erst mit dem von Friedrich Beißner in
den 1930er-Jahren entwickelten Modell einer (treppen-)stufenartigen
Darstellung separierter Änderungseinheiten, das in der von ihm heraus-
gegebenen Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe (1943–1985) wissenschafts-
geschichtlich Epoche machte, gelang der Durchbruch zur lesbaren Dar-
stellung von Varianten. Beißners ‚Stufenapparat‘ benötigte aber
weiterhin den edierten Text als Bezugsgröße der Variantenverzeichnung,
weil dieser Apparat nur die vom edierten Text abweichenden Stellen
nennt. Dies wurde anders in dem von Hans Zeller für die C.F.-Meyer-
Ausgabe (1958–1996) entwickelten ‚synoptischen Apparat‘. Er rubri-
ziert Textänderungen zeilenbezogen. Weil er dabei die vollständig abge-
druckte Grundfassung eines Verses als Ausgangspunkt wählt und in den
Folgezeilen sämtliche Änderungen vermerkt, stellt dieser Apparattyp die
Varianten als Textentwicklung eigenständig dar. Er benötigt von seiner
Anlage her keinen edierten Text als Bezugstext, weil die gesamte Text-
entwicklung und damit auch sämtliche Fassungen selbstständig im Ap-
parat dokumentiert sind. Damit war auch von editionstechnischer Seite
7
Vgl. Backmann, Reinhold, „Die Gestaltung des Apparates in den kritischen Aus-
gaben neuerer deutscher Dichter. (Mit besonderer Berücksichtigung der großen
Grillparzer-Ausgabe der Stadt Wien)“, in: Euphorion, 25/1924, S. 629–662.
118 Rüdiger Nutt-Kofoth
der Boden für die theoretische Wiederaufnahme und Fortführung von
Backmanns Betonung der Textgenese bereitet. Sie schlug sich in der
Konzeption eines veränderten editorischen Textverständnisses nieder,
das Gunter Martens Anfang der 1970er-Jahre unter den Begriff der
‚Textdynamik‘ fasste. Der Text des Werkes ist in diesem Verständnis
nicht mehr durch eine oder mehrere Fassungen repräsentiert, sondern
durch die Gesamtheit des überlieferten Textes zu einem Werk. Dieser
Text ist in seinem Ganzen durch die Änderungsprozesse, die er im Laufe
seiner Entwicklung erfahren hat, gekennzeichnet. Nicht die Statik ein-
zelner Fassungen, sondern die ‚Prozesshaftigkeit‘ der Textgenese cha-
rakterisiert den dynamischen Textbegriff. Aus ihm folgt eine weitere
Verschiebung der Aufgaben von ediertem Text und Apparat. Der Appa-
rat verselbstständigt sich und wird zum Kern der Edition, der edierte
Text wird nur noch als rein optionales Zusatzangebot im Sinne eines se-
parierten Klar- oder Lesetexts verstanden. Konsequenterweise verzich-
ten auch die explizit textgenetischen Ausgaben wie die Heym-Ausgabe
(1993) oder die Innsbrucker Trakl-Ausgabe (1995ff.) vollständig auf ein
solches zusätzliches Textangebot und präsentieren den Werktext in sei-
nen verschiedenen Stadien allein durch Textsynopsen.
Die Editionswissenschaft als eine mit Handschriften, Drucken etc.,
also Materialitäten arbeitende Disziplin unterliegt einer nicht hinter-
gehbaren Dichotomie, die methodisch nachhaltig erst zu Anfang der
1970er-Jahre herausgearbeitet wurde: ‚Befund und Deutung‘ bzw. ‚Do-
kumentation und Interpretation‘. Der Editor findet auf dem Textträger
die materialisierten Schriftzeichen vor und muss diesen Ausgangsbefund
zunächst feststellen, um aufgrund dessen z. B. genetische Prozesse zu
rekonstruieren. Doch zugleich ist das Lesen der Schriftzeichen und das
Erkennen von deren räumlicher Ordnung auf dem Textträger schon eine
erste Interpretationsleistung, die in die Befundbeschreibung eingeht. Es
war eine Leistung der Meyer-Ausgabe, die Befunde – vor allem die Orte,
an denen Varianten auf dem Manuskript positioniert waren – in die edi-
torische Diskussion einzubringen. Die in der Meyer-Ausgabe durch zu-
sätzliche Zeichen mitgeteilten Variantenpositionen konnten dann besser
vermittelt werden, als die gesamte ‚Topografie‘ der Handschrift durch
Faksimiles sichtbar gemacht wurde, wie es D.E. Sattlers Frankfurter Höl-
derlin-Ausgabe (1975/76ff.) für sämtliche Autorhandschriften vorführt.
So kann die Abbildung der Handschrift eine objektiviertere Repräsen-
tation des Originals bilden als jede Beschreibung. Seit Mitte der 1990er-
Jahre hat die breite Ausstattung von Gesamtausgaben mit Faksimiles
nicht nur zugenommen (Innsbrucker Trakl-Ausgabe; Marburger Büchner-
Editionswissenschaft 119
Ausgabe 2000ff.), sondern auch Raum für einen weiter spezifizierten
Textbegriff gegeben. Er findet seinen Ausdruck in der Historisch-Kri-
tischen Kafka-Ausgabe (1995ff.), in der die nur handschriftlich über-
lieferten Texte Kafkas allein durch das Manuskriptfaksimile und die
mit einigen genetischen Informationen angereicherte diplomatische
Umschrift repräsentiert werden. Diesem Textbegriff liegt die Vorstel-
lung zugrunde, dass die handschriftliche Fixierung in Schreibduktus und
Topografie genuiner Bestandteil des Textes ist, der daher von seiner ma-
terialen Grundlage nicht abgehoben werden kann. Doch existieren die
verschiedenen Textbegriffe und ihre editorischen Konsequenzen auch
in der Neugermanistik der Gegenwart eher nebeneinander, als dass eines
der jüngeren Modelle tatsächlich ältere in der zweiten Hälfte des 20. Jahr-
hunderts entwickelte Vorstellungen vollständig abgelöst hätte.
Der Akzentuierung der Materialität innerhalb der jüngsten neugerma-
nistischen Editionswissenschaft steht aber ein weiteres, seit Mitte der
1990er-Jahre Raum findendes Interesse zur Seite, das das ‚Schreiben des
Autors‘ zu einem Untersuchungsgegenstand macht. Durch die Notwen-
digkeit, die Textgenese zu beschreiben, wurde deutlich, dass die ‚Arbeits-
weise des Autors‘ schon deshalb ein Untersuchungsgegenstand der Edi-
tionswissenschaft ist, weil dadurch Aufschluss über die Methode oder
auch die Technik, die für die Darstellung der Textgenese in der betreffen-
den Edition am effektivsten ist, erlangt werden kann. In editorischer
Rückkoppelung und literaturwissenschaftlicher Erweiterung kann von
hier aus – in Anknüpfung an den analytischen Umgang mit Handschriften
in der französischen ‚critique génétique‘ – das Manuskript als eigenwerti-
ger Gegenstand der Analyse in den Blick genommen werden.
8
Dadurch
lassen sich nicht nur Erkenntnisse über den Autor als Schreiber gewinnen,
dessen Schreiben etwa als werkgenetisch oder als psychogenetisch klassi-
fiziert werden kann, sondern auch Rückschlüsse auf die editorische Inter-
pretation eines Schreibverhaltens ziehen. So konnte z. B. je nach Editor-
perspektive der gleiche Autor als rezeptionsorientiert (Goethe, Weimarer
Ausgabe; Hölderlin, Stuttgarter Ausgabe) oder produktionsorientiert (Goe-
the, Akademie-Ausgabe; Hölderlin, Frankfurter Ausgabe) ediert werden.
9
8
Vgl. Hurlebusch, Klaus, „Den Autor besser verstehen: aus seiner Arbeitsweise.
Prolegomenon zu einer Hermeneutik textgenetischen Schreibens“. In: Hans Zel-
ler / Gunter Martens (Hrsg.), Textgenetische Edition, Tübingen 1998 (Beihefte zu
editio 10), S. 7–51.
9
Vgl. Hurlebusch, Klaus, „Deutungen literarischer Arbeitsweise“, in: Zeitschrift für
deutsche Philologie, 105/1986, Sonderh., S. 4–42.
120 Rüdiger Nutt-Kofoth
3. Institutionsgeschichtliches
Aus historischer Perspektive war die germanistische Editionswissen-
schaft schon während der Entstehung des Faches Germanistik mit der
Sprach- und Literaturwissenschaft verschränkt, indem das editorische
Arbeiten die notwendige Grundlage, nämlich die Texte, für die sprach-
wissenschaftlichen und literaturwissenschaftlichen Auswertungen be-
reitstellte. Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert firmierte sie daher
unter dem Namen ‚Textkritik‘, was auch ihren Aufgabenbereich ein-
grenzte, nämlich auf die als primäres Ziel verstandene textkritische Her-
stellung des Werktextes als eines Lesetextes. In der mediävistischen Ger-
manistik wird ‚Textkritik‘ noch bis in die Gegenwart als Name für die
Gesamtheit des editorischen Arbeitens verwendet. In der sich sukzessive
entwickelnden Neugermanistik zeigte sich dagegen seit der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts, wie das Spektrum des editorischen Arbeitens durch
die im Verhältnis zur Mediävistik andersartige Überlieferung auch an-
dere Bezeichnungen erforderte. So stellt die erste Monografie zum neu-
germanistischen Edieren, vorgelegt 1924 von Georg Witkowski, ‚Text-
kritik und Editionstechnik‘ als Begrifflichkeit nebeneinander
10
und zeugt
damit von der Einsicht, dass die herkömmlichen, aus Altphilologie und
Mediävistik übernommenen Darstellungsweisen von Text und Apparat
für die Edition neuerer Autoren nicht ausreichen, weil nun die Präsen-
tation der Textgenese auch neue editionstechnische Lösungen verlangte.
Aus dieser Erweiterung des editorischen Aufgabenfelds erwuchsen zu-
gleich veränderte Vorstellungen innerhalb der theoretischen Grundlagen
des Edierens und damit auch für den Namen des Arbeitsfeldes.
Hatte noch der Begriff der ‚Editionstechnik‘ Edieren eher als Hand-
werk verstanden, entwickelte sich durch die zunehmende Komplexität der
theoretischen Überlegungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein
scharf konturiertes Fachgebiet, dessen Status jedoch unterschiedlich ak-
zentuiert wurde. In der DDR gewann zunehmend die Vorstellung Raum,
das editorische Arbeiten sei von den Aufgaben der interpretierenden Lite-
raturwissenschaft zu separieren. In den 1980er-Jahren wurde dies theore-
tisch begründet und durch die Namensgebung ‚Textologie‘ verdeutlicht.
11
10
Vgl. Witkowski, Georg, Textkritik und Editionstechnik neuerer Schriftwerke. Ein metho-
dologischer Versuch, Leipzig 1924.
11
Vgl. Scheibe, Siegfried, „Zum Verhältnis der Edition/Textologie zu den Gesell-
schaftswissenschaften. Mit einem Anhang: 25 Thesen zur Textologie“, in: Weima-
rer Beiträge, 33/1987, S. 158–166.
Editionswissenschaft 121
Das so konstituierte Fach sah seine Aufgabe in der Erarbeitung von Edi-
tionen. Diese Tätigkeit wurde als eine dem literaturwissenschaftlichen
Umgang mit Texten explizit vorgeschaltete verstanden. Dadurch sollte
der Einfluss interpretativer Annahmen auf die Konzeption von Editionen
weitgehend verhindert werden. Unverkennbar war so zugleich vor dem
Hintergrund der DDR-Wissenschaftspolitik ein Schutzraum geschaffen,
in dem sich das editorische Arbeiten den zunehmend ideologisierten
Steuerungen der DDR-Germanistik leichter entziehen konnte. Dennoch
hatte dies weiten Einfluss auf den Status des Edierens in der Germanistik
aller deutschsprachigen Länder, denn die Textologie war so durch eine
Vorstellung geprägt, die editorisches Arbeiten als generell objektivierbar
verstand. Damit verband sich der Anspruch auf Unabhängigkeit und
Selbstständigkeit des Fachs.
Außerhalb der DDR wurde diese strenge Konzeption von ‚Textolo-
gie‘ jedoch nicht vorbehaltlos betrachtet. Zwar war man sich auch in der
westlichen Germanistik seit den 1970er-Jahren über den erlangten Dis-
ziplincharakter des editorischen Gebiets bewusst, doch gab man in der
Regel den Zusammenhang dieses Fachgebiets mit der Literaturwissen-
schaft nicht auf. Insofern ist der für diese Richtung benutzte Name ‚Edi-
tionsphilologie‘ bezeichnend dafür, dass sich diese mit Edieren beschäf-
tigte Disziplin als Teilgebiet der Philologie, nicht aber als selbstständiges
Fach versteht. Damit bleibt berücksichtigt, dass auch editorisches Arbei-
ten nicht generell interpretationsfrei und vorannahmenlos sein kann. Im
fachsprachlichen Gebrauch wird die Bezeichnung ‚Editionsphilologie‘
seit den 1980er-Jahren zunehmend durch ‚Editionswissenschaft‘ ersetzt.
Diese jüngere Bezeichnung verdeutlicht eine verstärkte interdisziplinäre
Orientierung, spricht für die Konstitution eines theoretisch und prak-
tisch reich ausdifferenzierten Feldes und gibt doch den Zusammenhang
mit dem interpretationshaltigen Philologiekonzept nicht auf. Insofern
vereinigt ‚Editionswissenschaft‘ Elemente der Konzepte von ‚Textolo-
gie‘ und ‚Editionsphilologie‘ und schreibt sie erfolgreich in Hinblick auf
eine nicht allein rein germanistische, sondern auch transdisziplinäre und
internationale Perspektive fort, was in einer Rückkoppelung zu einer
weiteren Schärfung des editorischen Potenzials der Germanistik im
Kontext der Kulturwissenschaften führt.
Die institutionellen Räume des Edierens sind schon seit den Anfängen
der Germanistik vielfältig. Neben den Universitäten waren und sind viel-
fach die Akademien und die Archive Orte, an denen Editionen erarbeitet
werden. Es hat in der Geschichte der Germanistik keine Stelle gegeben,
die als eine Art editorisches Zentrum fungiert hätte. Zwar betreuen z. B.
122 Rüdiger Nutt-Kofoth
seit 1904 die damalige Preußische Akademie der Wissenschaften und ihre
Nachfolgeorganisationen bis zur heutigen Berlin-Brandenburgischen Aka-
demie der Wissenschaften die Reihe der Deutschen Texte des Mittelalters, auch
hat etwa das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar seit der voluminösen
Weimarer Goethe-Ausgabe eine ganze Reihe von Editionen zu Autoren der
Goethe-Zeit veranstaltet, doch gab und gibt es neben den genannten In-
stitutionen eine vielfältige Editionslandschaft ebenso in anderen institu-
tionellen Kontexten. Insofern bestand niemals die Gefahr einer etwaigen
Unifizierung editorischer Vorstellungen, stattdessen kann die so ermög-
lichte Pluralität der institutionellen Förderer und Träger als eine Voraus-
setzung für die Entwicklung innovativer Konzepte verstanden werden.
Die vehemente Ausdifferenzierung der germanistischen Editions-
theorie und -praxis seit den 1970er- und -80er-Jahren stand im Kontext
einer neuen internationalen Orientierung, sichtbar geworden vor allem
durch Kontakte mit den französischen Analytikern literarischer Hand-
schriften, den ‚généticiens‘ der ‚critique génétique‘, die sich zumeist im
1982 gegründeten I.T.E.M. (Institut des textes et manuscrits modernes)
in Paris sammelten. In den späten 1970er- und frühen 80er-Jahren haben
drei große Tagungen in deutsch-französischer Kooperation stattgefun-
den. Der sich intensivierende Austausch über editorische Fragen führte
1985 zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft für germanistische Edition.
12
Sie
sieht ihre Aufgabe darin, Foren der editorischen Diskussion zu bieten,
und steht allen Interessierten für jedes editorische Anliegen offen. Alle
zwei Jahre veranstaltet sie eine große Tagung zu einer zentralen editori-
schen Fragestellung und fördert zudem kleinere Kolloquien und Initiati-
ven. Großen Wert legt die Arbeitsgemeinschaft auf Interdisziplinarität.
Sie führt nicht nur Alt- und Neugermanisten zusammen und stiftet damit
Zusammenhänge in der sich zunehmend diversifizierenden Germanistik,
sondern unterhält auch intensive Kontakte zu den editorisch arbeitenden
Philosophen und Musikwissenschaftlern, die regelmäßig an den großen
Arbeitstagungen teilnehmen. Einen eher losen Austausch hat es bisher
mit anderssprachigen Philologien gegeben. Allerdings bestehen enge
Verbindungen zur European Society for Textual Scholarship (ESTS), der
2001 gegründeten englischsprachigen, Editoren aus ganz Europa (und
vereinzelt auch aus Übersee) zusammenführenden Vereinigung.
Seit 1994 existiert zudem das Institut für Textkritik e.V. in Heidelberg.
Es ist Träger verschiedener Editionsprojekte, insbesondere der Bran-
12
Weitere Informationen: www.ag-edition.org, mit Links zu anderen editorischen
Organisationen.
Editionswissenschaft 123
denburger Kleist-Ausgabe (1988ff.) und der Historisch-Kritischen Kafka-
Ausgabe. Deren Herausgeber sind die hauptsächlichen Leiter des Insti-
tuts, das auch technische Informationen, insbesondere in Hinblick auf
typografische und elektronische Fragestellungen, zur Verfügung stellt.
4. Publikationen
Selbstständige Veröffentlichungen in Form von Monografien oder Auf-
sätzen zu Methodenfragen des Edierens sind im 19. und noch in der ers-
ten Hälfte des 20. Jahrhunderts rar. In der Regel stellen die Einleitun-
gen oder sonstige Herausgeberbemerkungen in den Editionen selber die
Orte da, an denen Hinweise zum Methodischen der jeweiligen Edition
erfolgen. Für die Altgermanistik kann allerdings immerhin Lachmanns
Abhandlung Über die ursprüngliche Gestalt des Gedichts von der Nibelungen Noth
von 1816
13
genannt werden, in der zumindest Teile jener Vorstellungen
und Begrifflichkeiten angeführt werden, die das Zentrum von Lachmanns
Textkritik-Verständnis ausmachen. Es ließe sich eine Reihe weiterer Edi-
tionen der nächsten anderthalb Jahrhunderte nennen, doch ist – nach
der wichtigen Kritik an der Lachmann’schen Methode in Stackmanns
Aufsatz von 1964
14
und nach Jürgen Kühnels Beitrag zum Status des mit-
telalterlichen Texts von 1976
15
– die methodisch besonders innovative
36. Auflage von Des Minnesangs Frühling (1977) hervorzuheben. Deren He-
rausgeber Hugo Moser und Helmut Tervooren edierten die auf einer lan-
gen Editionstradition beruhende Liedersammlung nun konsequent nach
dem Leithandschriftenprinzip, was reiche Diskussionen auslöste.
16
Kurz
darauf war Kurt Ruhs Votum für eine überlieferungskritische Editionspraxis
13
Vgl. Lachmann, Karl, Über die ursprüngliche Gestalt des Gedichts von der Nibelungen
Noth, Göttingen 1816, wieder abgedruckt in: ders., Kleinere Schriften zur deutschen Phi-
lologie, Berlin 1876, S. 1–80.
14
Vgl. Stackmann, „Mittelalterliche Texte als Aufgabe“, S. 240–267.
15
Vgl. Kühnel, Jürgen, „Der ‚offene Text‘. Beitrag zur Ueberlieferungsgeschichte
volkssprachiger Texte des Mittelalters (Kurzfassung)“, in: Jahrbuch für Internationale
Germanistik, Reihe A. Kongreßberichte, 2/1976, 2, S. 311–321.
16
Wiederabdruck der Editionsprinzipien zur 36. Auflage (1977) – die auch die Spe-
zifik des Leithandschriftenverfahrens in dieser Edition, nämlich den möglichen
Wechsel der Leithandschrift bei jeder Strophe, erläutern – und des Vorworts zur
37. Auflage (1988) sowie Rezensionen von Burghart Wachinger (1980) und Johan-
nes Janota (1981) in: Bein, Thomas (Hrsg.), Altgermanistische Editionswissenschaft,
Frankfurt a. M. u. a. 1995, S. 167–223.
124 Rüdiger Nutt-Kofoth
(1978) erschienen, das die textgeschichtliche bzw. überlieferungskritische
Editionsmethode vorstellte, 1985 folgte ein Sammelband zu dieser Edi-
tionsrichtung, in dem Georg Steer das Verfahren am Beispiel der ‚Rechts-
summe‘ Bruder Bertholds resümierend beschrieb.
17
Nachhaltigen Ein-
fluss auf die Diskussionen der germanistischen Mediävistik übten die
Thesen der französisch-amerikanischen ‚New Philology‘ aus, die durch
Bernard Cerquiglinis Éloge de la variante 1989 initialisiert wurden und durch
die Erörterungen in der Zeitschrift Speculum 1990 breite Aufnahme fan-
den.
18
Die germanistische Diskussion reagierte darauf auf der Bamber-
ger Tagung 1991, deren Beiträge an verschiedenen Orten publiziert wur-
den, von denen hier nur die Veröffentlichung der Plenarvorträge in dem
Sammelband Methoden und Probleme der Edition mittelalterlicher deutscher Texte
von 1993 genannt sei.
19
Zustimmung, Relativierung und Ablehnung der
von der ‚New Philology‘ vertretenen These über das Varianz-Phänomen
mittelalterlicher Texte finden sich in einer Reihe von Beiträgen der Folge-
zeit,
20
doch hat sich der innovative Charakter der These für die Rekapitu-
lation der mediävistischen Editionstätigkeit innerhalb der Germanistik
nachdrücklich erwiesen. Nicht von ungefähr erschien innerhalb des ersten
Jahrzehnts nach dem Beginn der Diskussion die intensiv besprochene
synoptische Edition der Nibelungenklage (1999) von Joachim Bumke, die
17
Vgl. Ruh, Kurt, „Votum für eine überlieferungskritische Editionspraxis“, in:
Ludwig Hödl / Dieter Wuttke (Hrsg.), Probleme der Edition mittel- und neulateinischer
Texte. Kolloquium der Deutschen Forschungsgemeinschaft Bonn 26.–28. Februar 1973,
Boppard 1978, S. 35–40; Steer, Georg, „Textgeschichtliche Edition“, in: Kurt
Ruh (Hrsg.), Überlieferungsgeschichtliche Prosaforschung. Beiträge der Würzburger Forscher-
gruppe zur Methode und Auswertung, Tübingen 1985 (Texte und Textgeschichte 19),
S. 37–52.
18
Vgl. Cerquiglini, Bernard, Éloge de la variante. Histoire critique de la philologie, Paris
1989; Speculum, 65/1990, S. 1–108.
19
Vgl. Bergmann, Rolf / Gärtner, Kurt (Hrsg.), unter Mitarbeit von Volker Mertens,
Ulrich Müller, Anton Schwob, Methoden und Probleme der Edition mittelalterlicher deut-
scher Texte. Bamberger Fachtagung 26.–29. Juni 1991. Plenumsreferate, Tübingen 1993
(Beihefte zu editio 4).
20
Vgl. u. a. Stackmann, Karl, „Neue Philologie?“, in: Joachim Heinzle (Hrsg.), Moder-
nes Mittelalter. Neue Bilder einer populären Epoche, Frankfurt a. M., Leipzig 1994,
S. 398–427; Schnell, Rüdiger, „Was ist neu an der ‚New Philology‘? Zum Diskus-
sionsstand in der germanistischen Mediävistik“, in: Martin-Dietrich Gleßgen /
Franz Lebsanft (Hrsg.), Alte und neue Philologie, Tübingen 1997 (Beihefte zu editio 8),
S. 61–95; Bennewitz, Ingrid, „Alte ‚neue‘ Philologie? Zur Tradition eines Diskur-
ses“, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 116/1997, Sonderh., S. 46–61; Strohschnei-
der, Peter, „Situationen des Textes. Okkasionelle Bemerkungen zur ‚New Philo-
logy‘“, in: ebd., S. 62–86.
Editionswissenschaft 125
durch eine ausführliche monografische Abhandlung vorbereitet, begrün-
det und kontextualisiert wurde (1996).
21
Resümierend lässt sich feststel-
len, dass durch die Intensivierung der fachlichen Erörterung Aufmerk-
samkeit auf die Breite der germanistischen Editionsmethoden gelenkt
werden konnte, die sich etwa in der Publikation zur jüngsten großen Fach-
tagung der Mediävisten Deutsche Texte des Mittelalters zwischen Handschriften-
nähe und Rekonstruktion (2005) spiegelt.
22
Auch die Methodenfragen der editorischen Neugermanistik fanden
ihren Ausdruck fachgeschichtlich zunächst in den Ausgaben selbst und
in deren Einleitungen, wenn sie überhaupt explizit zur Sprache kamen.
So wiesen Johann Jacob Bodmer und Johann Jacob Breitinger in ihrer
Vorrede zur Edition von Opitz-Gedichten 1745 auf die methodische
Differenz von Varianten bei neueren Autoren im Verhältnis zu denen
der Antike hin.
23
Während Karl Goedeke im Nachlassband seiner chro-
nologisch geordneten Schiller-Ausgabe 1876 schon erste Hinweise auf die
textgenetische Bedeutung der Handschriften gab und deren fotografi-
sche Wiedergabe andachte,
24
begründeten Herman Grimm und Bern-
hard Suphan 1887 im ersten Band der Weimarer Goethe-Ausgabe die
Ordnung nach Gattungen und den Rückgriff auf die Ausgabe letzter Hand
mit der Orientierung am Willen des Autors.
25
Dabei hatte Michael Ber-
nays in der für seine Zeit einmaligen Monografie zur Kritik und Geschichte
des Goetheschen Textes 1866 schon auf die Textverschlechterungen auf-
merksam gemacht, die Goethes Drucktexte zu Lebzeiten des Autors er-
21
Vgl. Die ‚Nibelungenklage‘. Synoptische Ausgabe aller vier Fassungen, hrsg. von Joachim
Bumke, Berlin, New York 1999; Bumke, Joachim, Die vier Fassungen der ‚Nibelungen-
klage‘. Untersuchungen zur Überlieferungsgeschichte und Textkritik der höfischen Epik im
13. Jahrhundert, Berlin, New York 1996 (Quellen und Forschungen zur Literatur-
und Kulturgeschichte 8).
22
Vgl. Schubert, Martin J. (Hrsg.), Deutsche Texte des Mittelalters zwischen Handschriften-
nähe und Rekonstruktion. Berliner Fachtagung 1.–3. April 2004, Tübingen 2005 (Bei-
hefte zu editio 23).
23
Vgl. Bodmer, Johann Jacob / Breitinger, Johann Jacob, „Vorrede der Herausge-
ber“, in: Martin Opitzens Von Boberfeld Gedichte, von J. J. B. und J. J. B. besorget, Erster
Theil, Zürich 1745, Bl. 2
r
–7
v
.
24
Vgl. Goedeke, Karl, „Vorwort“, in: Schillers sämtliche Schriften. Historisch-kritische Aus-
gabe, hrsg. v. dems., im Verein mit A. Ellissen, R. Köhler, W. Müldener, H. Oester-
ley, H. Sauppe und W. Vollmer, Bd. 15,2, hrsg. von Karl Goedeke, Stuttgart 1876,
S. V–VIII.
25
Vgl. Grimm, Herman, „Vorwort“, in: Goethes Werke, hrsg. im Auftrage der Großher-
zogin Sophie von Sachsen, Abt. I, Bd. 1, Weimar 1887, S. XI–XVII; vgl. Suphan,
Bernhard [im Namen der Redactoren], „Vorbericht“, in: ebd., S. XVIII–XXV.
126 Rüdiger Nutt-Kofoth
fahren haben.
26
Die erste ausführliche Erörterung editorischer Fragen
außerhalb von Ausgaben stellt Georg Witkowskis Aufsatz Grundsätze kri-
tischer Ausgaben neuerer deutscher Dichterwerke von 1921 dar, in dem er u. a.
das zu jener Zeit dominierende Verfahren der Weimarer Goethe-Ausgabe
einer kritischen Revision unterzog.
27
Der Aufsatz mündete in die erste
monografische Abhandlung über Methoden der Edition neuerer Auto-
ren 1924: Textkritik und Editionstechnik neuerer Schriftwerke. Ein methodologi-
scher Versuch.
28
Dass ein solches Buch mit der Beschränkung auf die Edi-
tion neuerer Autoren erscheinen konnte, markiert, dass die notwendige
Differenz der Editionsmethoden mittelalterlicher und neuerer Autoren
aufgrund der andersartigen Überlieferungslage nun endgültig ins Be-
wusstsein getreten war. Im gleichen Jahr erschien Reinhold Backmanns
schon oben erwähnte Reflexion über die aufgrund der Überlieferungs-
lage bei neueren Autoren grundsätzlich neu zu charakterisierende Be-
deutung des Apparats und der Textgenese.
29
Die daraufhin entwickelten Verzeichnungsmethoden mit den ihnen
impliziten Textbegriffen werden vor dem Hintergrund der Methoden-
geschichte von editorischer Alt- und Neugermanistik ausführlich in Hans
Werner Seifferts Monografie Untersuchungen zur Methode der Herausgabe deut-
scher Texte (1963)
30
aufgearbeitet, nach Witkowski die zweite bilanzierende
und damit auch die Etablierung des editorischen Fachgebiets fördernde
Publikation. Zu diesem Zeitpunkt war nicht nur Beißners Stufenapparat
durch seine Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe popularisiert, sondern Hans
Zeller hatte zudem seinen synoptischen und Variantenpositionen be-
schreibenden Apparat in einem aufsehenerregenden Beitrag imEuphorion
1958
31
publiziert. Seit 1961 lagen als Manuskript auch die Grundlagen der
Goethe-Ausgabe vor, die von den Mitarbeitern nach dem konzeptionellen
Umbruch der Ostberliner Goethe-Akademie-Ausgabe 1959/60 ausgear-
26
Vgl. Bernays, Michael, Über Kritik und Geschichte des Goetheschen Textes, Berlin 1866.
27
Vgl. Witkowski, Georg, „Grundsätze kritischer Ausgaben neuerer deutscher
Dichterwerke“, in: Werner Deetjen u. a., Funde und Forschungen. Eine Festgabe für Ju-
lius Wahle zum 15. Februar 1921, Leipzig 1921, S. 216–226.
28
Vgl. Witkowski, Textkritik und Editionstechnik neuerer Schriftwerke.
29
Vgl. Backmann, „Die Gestaltung des Apparates in den kritischen Ausgaben neue-
rer deutscher Dichter“, S. 629–662.
30
Vgl. Seiffert, Hans Werner, Untersuchungen zur Methode der Herausgabe deutscher Texte,
Berlin 1963, 2. Aufl. 1969 (Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Ver-
öffentlichungen des Instituts für deutsche Sprache und Literatur 28).
31
Vgl. Zeller, Hans, „Zur gegenwärtigen Aufgabe der Editionstechnik. Ein Versuch,
komplizierte Handschriften darzustellen“, in: Euphorion 52/1958, S. 356–377.
Editionswissenschaft 127
beitet worden waren. Es sind die für jene Zeit ausführlichsten Prinzipien
einer historisch-kritischen Ausgabe mit Erörterungen von Begrifflichkei-
ten und Beschreibung des ‚integralen‘, mit Einblendungen arbeitenden
‚Apparatmodells‘. Sie durften seinerzeit nicht veröffentlicht werden, doch
haben sie durch unter der Hand weitergegebene Kopien auch Eingang in
die Diskussion der westdeutschen Germanistik gefunden.
32
Die Restrik-
tionen der DDR-Wissenschaftspolitik gegenüber der Editionstätigkeit
vor dem Hintergrund ihrer angemahnten gesellschaftlichen Relevanz
spiegeln sich in dem Aufsatz von Karl-Heinz Hahn und Helmut Holtz-
hauer mit dem prägnanten Titel Wissenschaft auf Abwegen?
33
Mit ihm lag ein
offiziöses Verdikt über die Leistungsfähigkeit der jüngsten Entwicklun-
gen in der neugermanistischen Editionswissenschaft vor, dessen Folge
u. a. die Einstellung der Goethe-Akademie-Ausgabe war. In überarbeiteter
und verallgemeinerter Form fanden Teile der Grundlagen der Goethe-Ausgabe
aber dennoch im Beitrag Siegfried Scheibes 1971 Eingang in den Epoche
machenden Sammelband Texte und Varianten, den Gunter Martens und
Hans Zeller herausgaben. Rückblickend erweist sich dieser Sammelband
als die Initialzündung für die seitdem vehement beschleunigte Entwick-
lung von Editionstheorie und -praxis. Neben Scheibes Aufsatz sind insbe-
sondere die Beiträge der beiden Herausgeber, Zellers Befund und Deutung
und Martens’ Textdynamik und Edition, jahrzehntelang Bezugspunkte für
die editorische Diskussion der Neugermanistik gewesen.
34
Martens’ Text-
dynamik-Modell war dabei von den ein Jahr zuvor publizierten Überle-
gungen Gerhard Seidels begleitet worden.
35
32
Vgl. Grundlagen der Goethe-Ausgabe, ausgearbeitet von den Mitarbeitern der Goethe-
Ausgabe, als Manuskript vervielfältigt [1961]; Erstdruck: Scheibe, Siegfried, Kleine
Schriften zur Editionswissenschaft, Berlin 1997 (Berliner Beiträge zur Editionswissen-
schaft 1), S. 245–272.
33
Vgl. Hahn, Karl-Heinz / Holtzhauer, Helmut, „Wissenschaft auf Abwegen? Zur
Edition von Werken der neueren deutschen Literatur“, in: forschen und bilden. Mittei-
lungen aus den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar 1/1966, S. 2–22.
34
Vgl. Martens / Zeller (Hrsg.), Texte und Varianten, darin u. a.: Scheibe, Siegfried,
„Zu einigen Grundprinzipien einer historisch-kritischen Ausgabe“, S. 1–44; Zel-
ler, „Befund und Deutung“; Martens, Gunter, „Textdynamik und Edition. Über-
legungen zur Bedeutung und Darstellung variierender Textstufen“, S. 165–201.
35
Seidel, Gerhard, Die Funktions- und Gegenstandsbedingtheit der Edition. Untersucht an
poetischen Werken Bertolt Brechts, Berlin 1970 (Deutsche Akademie der Wissenschaf-
ten zu Berlin, Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Sprache und Litera-
tur 46, Reihe E: Quellen und Hilfsmittel zur Literaturgeschichte); später erweitert
als: Seidel, Gerhard, Bertolt Brecht – Arbeitsweise und Edition. Das literarische Werk als
Prozeß, Berlin bzw. Stuttgart 1977.
128 Rüdiger Nutt-Kofoth
Mit der Gründung von editio. Internationales Jahrbuch für Editionswissen-
schaft 1987 und der Reihe Beihefte zu editio 1991 schuf sich die Editions-
wissenschaft Organe, die der enormen Zunahme der editorischen For-
schung und Reflexion Raum geben konnten. Dass das Arbeitsgebiet
weiter expandierte, zeigte sich in der Ergänzung dieser Publikationsorte
durch die Reihen Arbeiten zur Editionswissenschaft (1988ff.) und Berliner
Beiträge zur Editionswissenschaft (1997ff.), wobei innerhalb letzterer seit
2005 das Rezensionsorgan Editionen in der Kritik erscheint. Seit 1995 wer-
den zudem die Hefte des Periodikums Text. Kritische Beiträge veröffent-
licht, das die Diskussion aus der Perspektive des Heidelberger Instituts
für Textkritik bereichert. Die Breite der editionswissenschaftlichen Pu-
blikationsorte spiegelt die Reichhaltigkeit der Diskussion zwischen tra-
ditionelleren Editionsmethoden und ihrer steten kritischen Reflexion
und Weiterentwicklung bis hin zu methodisch neuen Ansätzen. Dabei
erweist sich gegenüber einer umfassenden monografischen Darlegung
der Aufsatz innerhalb von Zeitschriften oder Sammelbänden als bevor-
zugte Textsorte. Damit geht der Vorteil einher, dass die so gestalteten
Periodika und Sammelbände vielfach interdisziplinär ausgerichtet sind
und auch auf der Ebene des Publikationsmediums die jüngere Orientie-
rung des Faches spiegeln.
5. Fachgeschichtliche Einordnung
Ohne Zweifel stellt die Editionswissenschaft ein zentrales Arbeitsgebiet
innerhalb der Germanistik dar. Gleichwohl scheint das Bewusstsein der
nicht-editorisch arbeitenden Germanisten für das Potenzial der nach
editionswissenschaftlichen Erkenntnissen hergestellten Ausgaben noch
nicht nachhaltig genug ausgeprägt zu sein. Dies betrifft zweierlei: Zum
einen lässt sich noch zu oft feststellen, dass nicht die besten, gesicherts-
ten Ausgaben für die literaturwissenschaftliche Interpretation genutzt
werden, was einer Unterschätzung der editionswissenschaftlichen Leis-
tung entspricht, zum anderen geht damit eine Unterschätzung des Ein-
flusses einer Edition auf die auf ihr beruhende Interpretation einher,
da häufig die interpretativen Auswirkungen des jeweiligen editorischen
Textbegriffs und der gesamten Editionsanlage von Interpretenseite
nicht bedacht werden. Dabei lässt sich mit Blick auf die Methodenge-
schichte der Editionswissenschaft feststellen, dass das gegenwärtige edi-
torische Reflexionsniveau den bisher höchsten Stand der Fachgeschichte
erreicht hat. Erfreulicherweise bewegt sich die jüngste Diskussion insge-
Editionswissenschaft 129
samt relativ undogmatisch innerhalb eines als Bereicherung verstande-
nen Methodenpluralismus, der keineswegs eine editorische Beliebigkeit
befürwortet, sondern in Abwägung der Funktions- und Gegenstandsbe-
dingtheit der Edition, also in Hinblick auf ihre Zielsetzung und ihre
Grundlagen, die Angemessenheit der Darstellung zu erreichen sucht.
Eine entscheidende zukünftige Herausforderung dürfte nun vor al-
lem die Art und Weise betreffen, in der das elektronische Medium für
das jeweilige Editionsziel genutzt werden kann, um das editorische Ma-
terial unter Umständen noch adäquater als bisher möglich zu vermitteln.
In welcher Weise die EDV besonders effektiv nutzbar ist – etwa für eine
Hybridedition als eine Mischung aus Buchdruck- und elektronischem
Verfahren oder für eine rein digitale Edition –, ist ebenso noch zu klären
wie die Frage, von welchen methodischen Interessen das jeweilige Ver-
fahren getragen wird bzw. welche Auswirkungen es hat, z. B. hinsichtlich
einer etwaigen Verschiebung vom primär editorischen zum vorherr-
schend archivalischen Charakter des entstehenden Produkts.
36
Dass die Editionswissenschaft durchaus stärker den kulturwissen-
schaftlichen Horizont der Germanistik ansprechen könnte, wie es etwa
in Hinblick auf die Rahmenbedingungen einer Edition oder die histori-
schen Rahmenbedingungen der in ihr edierten Texte – so mit Bezug
auf die Zensur, das Schreiben, die Materialität oder die Medialität
37
– in
36
Siehe die unterschiedlichen Verfahrensweisen etwa für die Musil-Nachlass-
CD-ROM (1992), die hybride Gottfried Keller- (1996ff.) und die hybride Harry
Graf Kessler-Tagebuch-Ausgabe (2004ff.) oder das in Arbeit befindliche digitale
Parzival-Projekt; vgl. auch das Konzept einer ‚dynamischen Edition‘ bei Hof-
meister-Winter, Andrea, Das Konzept einer „Dynamischen Edition“. Dargestellt an der
Erstausgabe des „Brixner Dommesnerbuches“ von Veit Feichter (Mitte 16. Jh.). Theorie und
praktische Umsetzung, Göppingen 2003 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 706).
37
Vgl. zur Zensur Plachta, Bodo, „Zensur und Textgenese“, in: editio 13/1999,
S. 35–52; ders., „Die Politisch-Herrschenden und ihre Furcht vor Editionen“, in:
Hans-Gert Roloff (Hrsg.), Die Funktion von Editionen in Wissenschaft und Gesellschaft.
Ringvorlesung des Studiengebiets Editionswissenschaft an der Freien Universität Berlin, Berlin
1998 (Berliner Beiträge zur Editionswissenschaft 3), S. 303–342; zum Schreiben
vgl. z. B. Hurlebusch, Klaus, Klopstock, Hamann und Herder als Wegbereiter autorzentri-
schen Schreibens. Ein philologischer Beitrag zur Charakterisierung der literarischen Moderne,
Tübingen 2001 (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 86); Radecke,
Gabriele, Vom Schreiben zum Erzählen. Eine textgenetische Studie zu Theodor Fontanes
„L’Adultera“, Würzburg 2002 (Epistemata, Reihe Literaturwissenschaft 358);
Schütterle, Annette, Franz Kafkas Oktavhefte. Ein Schreibprozeß als „System des Teil-
baues“, Freiburg i. Br. 2002 (Cultura 33); vgl. die Buchreihe Zur Genealogie des Schrei-
bens, München 2004ff.; zur Materialität vgl. Lüdeke, Roger, „Materialität und Va-
rianz. Zwei Herausforderungen eines textkritischen Bedeutungsbegriffs“, in: Fotis
130 Rüdiger Nutt-Kofoth
ersten Schritten angedacht ist, wäre zu wünschen, um nachhaltiger die
Relevanz des editorischen Arbeitens auch für die aktuelle Literaturwis-
senschaft sichtbar zu machen. Wie überhaupt die Wechselbeziehung
zwischen Editionswissenschaft und Literaturwissenschaft in den 200 Jah-
ren der Germanistik-Geschichte verlaufen ist, ist noch weitgehend uner-
forscht. Die zu wünschende historische Rekapitulation ist allerdings mit
einer neuen Buchreihe Bausteine zur Geschichte der Edition (2005ff.) auf den
Weg gebracht. In diesem Zusammenhang ist auch eine vertiefte Betrach-
tung der in diesem Artikel skizzierten Methodengeschichte der Editions-
wissenschaft zu erhoffen.
6. Kommentierte Auswahlbibliografie
Im Folgenden werden nur solche Titel genannt, die nicht schon in den
vorstehenden Abschnitten in den Anmerkungen angeführt und durch
begleitende Informationen im Haupttext kommentiert sind. Bevorzugt
berücksichtigt sind Überblicke und Einführungen jüngeren Datums, die
methodische Fragen mit abhandeln.
Scheibe, Siegfried (Leitung) / Hagen, Waltraud / Laufer, Christel /
Motschmann Uta, Vom Umgang mit Editionen. Eine Einführung in Verfahrens-
weisen und Methoden der Textologie, Berlin 1988.
Leicht lesbare Einführung in die Benutzung von Editionen, die dem Auf-
bau einer Edition folgt und deren methodische Grundlagen mitbedenkt.
Kanzog, Klaus, Einführung in die Editionsphilologie der neueren deutschen Lite-
ratur, Berlin 1991 (Grundlagen der Germanistik 31).
Editionswissenschaftliche Kategorien systematisch vorstellende Ein-
führung, jeweils mit reichhaltigen Beispielen veranschaulicht.
Bein, Thomas (Hrsg.), Altgermanistische Editionswissenschaft, Frankfurt a. M.
u. a. 1995 (Dokumentation Germanistischer Forschung 1).
Sammelband mit dem Abdruck wichtiger Auszüge oder Volltexte aus
Forschungsdokumenten zur mediävistischen Editionswissenschaft in
Jannidis / Gerhard Lauer / Matías Martínez / Simone Winko (Hrsg.), Regeln der Be-
deutung. Zur Theorie der Bedeutung literarischer Texte, Berlin, New York 2003 (Revisio-
nen 1), S. 454–485; zur Medialität vgl. Nutt-Kofoth, Rüdiger, „Editionsphilologie
als Mediengeschichte“, in: editio 20/2006, S. 1–23.
Editionswissenschaft 131
der Germanistik, von Lachmann bis zur Gegenwart. Mit einer ausführ-
lichen Einleitung und einer umfangreichen Bibliografie.
Nutt-Kofoth, Rüdiger / Plachta, Bodo / van Vliet, H.T.M. / Zwerschina,
Hermann (Hrsg.), Text und Edition. Positionen und Perspektiven, Berlin 2000.
Sammelband mit primär neugermanistisch orientierten Beiträgen, die
systematisch die Rahmenbedingungen des Edierens, die Bestandteile der
Edition, die methodischen Auswirkungen u. a. befragen. Überblickshaft
finden u. a. auch die Mediävistik, die Frühe Neuzeit, die französische
‚critique génétique‘ oder die anglo-amerikanische Edition in separaten
Beiträgen Berücksichtigung.
Kraft, Herbert, Editionsphilologie, (1990), zweite, neubearb. und erw. Aufl.
mit Beiträgen von Diana Schilling und Gert Vonhoff, Frankfurt a. M.
u. a. 2001.
Präsentation einer neugermanistischen Editionstheorie (Fortschreibung
und wesentliche Erweitung von Krafts Buch: Die Geschichtlichkeit lite-
rarischer Texte. Eine Theorie der Edition, Bebenhausen 1973) vor dem
Hintergrund eines spezifischen Literaturverständnisses, das Literatur
nach ihrem historisch-soziologischen Kritikpotenzial bemisst. Mit vie-
len Beispielen.
Roloff, Hans-Gert (Hrsg.), Geschichte der Editionsverfahren vom Altertum bis
zur Gegenwart im Überblick. Ringvorlesung, Berlin 2003 (Berliner Beiträge
zur Editionswissenschaft 5).
Sammelband zu einer 1999 abgehaltenen Ringvorlesung mit Überbli-
cken zur Entwicklung einer Reihe mit Edieren befasster Disziplinen.
Auf die Germanistik bezogen sind die Beiträge von Hans-Gert Roloff
(Karl Lachmann, seine Methode und die Folgen, S. 63–81), Winfried
Woesler (Neugermanistische Editionsleistungen des 19. Jahrhunderts,
S. 123–142) und Hans Zeller (Die Entwicklung der textgenetischen Edi-
tion im 20. Jahrhundert, S. 143–207).
Nutt-Kofoth, Rüdiger (Hrsg.), Dokumente zur Geschichte der neugermanisti-
schen Edition, Tübingen 2005 (Bausteine zur Geschichte der Edition 1).
Sammlung wichtiger Dokumente zur neugermanistischen Editionswis-
senschaft von der Vorrede in Bodmers und Breitingers Opitz-Ausgabe
1745 bis 1970. Präsentation von Auszügen oder Volltexten, versehen mit
einer ausführlichen Einleitung.
132 Rüdiger Nutt-Kofoth
Nutt-Kofoth, Rüdiger / Plachta, Bodo (Hrsg.), Editionen zu deutschsprachi-
gen Autoren als Spiegel der Editionsgeschichte, Tübingen 2005 (Bausteine zur
Geschichte der Edition 2).
Sammelband mit Darstellungen der Ausgabenlandschaft zu 20 editions-
geschichtlich bedeutsamen deutschsprachigen Autoren und einem Bei-
trag zur Geschichte der elektronischen Edition.
Plachta, Bodo, Editionswissenschaft. Eine Einführung in Methode und Praxis
der Edition neuerer Texte, (1997), 2., ergänzte und aktualisierte Aufl., Stutt-
gart 2006.
Instruktiver Überblick über die wichtigsten Fragestellungen der neuger-
manistischen Editionswissenschaft. Mit den bedeutsamsten disziplin-
intern diskutierten Beispielen.
Bein, Thomas, Textkritik. Eine Einführung in Grundlagen germanistisch-medi-
ävistischer Editionswissenschaft. Lehrbuch mit Übungsteil, Frankfurt a. M. u. a.
2008.
Ausführliche und gegenüber der Vorfassung (Textkritik. Eine Einführung
in Grundlagen der Edition altdeutscher Dichtung, Göppingen 1990) wesentlich
erweiterte, dabei neu didaktisierte Einführung in die Edition mittelalter-
licher deutscher Texte. Mit zahlreichen veranschaulichenden Grafiken.
Feministische Literaturwissenschaft 133
Feministische
Literaturwissenschaft
von SARA LENNOX
1. Definition
Feministische Literaturwissenschaft setzt sich mit inhaltlichen und for-
malen Repräsentationen von Frauen, von Gender und von Genderbezie-
hungen sowie mit der Darstellung von Weiblichkeit in literarischen Tex-
ten auseinander. Als politische und wissenschaftliche Praxis versucht die
feministische Literaturwissenschaft festzustellen, inwiefern Repräsenta-
tionsstrategien eines Textes feministische Interessen fördern oder ver-
hindern. Im Lauf des mittlerweile schon fast vierzigjährigen Bestehens
der feministischen Literaturwissenschaft hat aber die Bedeutung solcher
Schlüsselbegriffe wie ‚Repräsentation‘, ‚Frau‘, ‚Gender‘, ‚Weiblichkeit‘
oder ‚feministische Interessen‘ zahlreiche Umdeutungen und Neudefini-
tionen erfahren, und feministische LiteraturwissenschaftlerInnen vertre-
ten oft ganz unterschiedliche Positionen hinsichtlich der Grundvoraus-
setzungen ihrer Methodologie.
Die Mehrheit feministischer ForscherInnen ist sich inzwischen darin
einig, dass es sich bei ‚Gender‘ (das englische Wort wurde ins Deutsche
übernommen, da die deutsche Sprache kein ausreichend exaktes Äquiva-
lent aufweist) um eine sozial konstruierte Kategorie handelt. Das einer
Gesellschaft eigene Verständnis von ‚Frau‘ und ‚Weiblichkeit‘ kann dabei
jeweils nur in Verbindung mit der ihr ebenfalls eigenen Definition von
‚Mann‘ und ‚Männlichkeit‘ verstanden werden. Diese Kategorien sind his-
torisch und kulturell spezifisch und d. h. auch, dass womöglich Frauen
eben nicht durch alle Zeiten und über alle Regionen hinweg mit Hilfe die-
ser Kategorien miteinander in Verbindung zu setzen sind. Die Anerken-
nung dieses Umstandes hat bei feministischen Aktivistinnen Betroffen-
heit, ja Ablehnung hervorgerufen: Sie sahen sich einer gemeinsamen
Handlungsgrundlage beraubt. Schließlich führte die diesbezügliche De-
batte zu der Postulierung des von Gayatri Chakravorty Spivak formulier-
134 Sara Lennox
ten „strategischen Essentialismus“,
1
der auf der Bildung vorläufiger soli-
darischer Frauenbünde zum Zwecke sozialer Aktionsfähigkeit basiert.
Viele feministische WissenschaftlerInnen vertreten die Ansicht, dass
gesellschaftlich zirkulierende Diskurse (d. h. Bedeutungssysteme) für die
Konstruktion der Kategorie Gender verantwortlich sind. Obgleich noch
immer eine Meinungsverschiedenheit hinsichtlich der bestimmenden
Funktion materieller Realität besteht, sind sich nahezu alle feministischen
ForscherInnen einig, dass Materialität diskursiv vermittelt wird. Einige
feministische WissenschaftlerInnen unterscheiden dabei zwischen Gen-
der und dem biologischen Substrat, auf welchem Gender beruht (‚sex‘
oder biologisches Geschlecht), während andere darauf beharren, dass
auch der Körper als eine soziale Konstruktion verstanden werden muss.
2
Unter dem Einfluss von Queer Theory behaupten noch andere feminis-
tische ForscherInnen, dass sowohl Gender als auch sexuelle Identität
durch eben jene Akte (‚Performanzen‘) hervorgerufen werden, welche sie
auszudrücken scheinen.
3
Wenn auch die Psychoanalyse, dem Selbstver-
ständnis ihrer Vertreter nach eine Universaltheorie, und die Gender Stu-
dies mit ihrer historischen Spezifik nicht ohne Schwierigkeiten auszusöh-
nen sind, beziehen sich einige feministische WissenschaftlerInnen auf die
Theorien Freuds oder Lacans, um mit ihrer Hilfe die verschiedenen For-
men psychosozialer Subjektkonstitution zu verstehen.
2. Beschreibung
Feministische ForscherInnen der Gegenwart konzedieren die weibliche
Identität als stets von anderen sozialen Kategorien durchquert. Diese,
wie beispielsweise Klasse, Nationalität, Ethnizität, Rasse, sexuelle Ori-
entierung, Region, Religion und Alter, müssen in Betracht gezogen wer-
den, um die jeweiligen sozialen Umstände jeder einzelnen Frau erfassen
zu können (dieser Zugang ist von einigen FeministInnen ‚Intersektiona-
lität‘ genannt worden).
4
1
Spivak, Gayatri Chakravorty, In Other Worlds. Essays in Cultural Politics, New York
1987, S. 205.
2
Vgl. Nicholson, Linda, „Interpreting Gender“, in: Signs, 20/1994, 1, S. 79–105.
3
Vgl. Butler, Judith, Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity, New York
1990.
4
Vgl. Collins, Patricia Hill, Black Feminist Thought. Knowledge, Consciousness and the
Politics of Empowerment, Boston 1990.
Feministische Literaturwissenschaft 135
Da in diesem Sinne Frauen niemals außerhalb der sozialen Ordnung,
deren Teil sie sind, gestellt werden können, nehmen Frauen dominieren-
der sozialer Gruppen eine komplexe Position gegenüber den Machtaus-
übenden ihrer Gesellschaft ein: Benachteiligt in einigen Bereichen, sind
sie zugleich tendenziell den machtausübenden Kräften verbündet oder
komplizenhaft in deren dominierende soziale Aufstellungen anderer Zu-
sammenhänge eingewoben. Demgemäß räumen feministische Wissen-
schaftlerInnen denn auch ein, dass schließlich sie selbst auch einen be-
stimmten sozialen Ort besetzen, welcher unvermeidlich die von ihnen
erarbeiteten Standpunkte beeinflusst und so zwangsläufig zu unvollkom-
menen, provisorischen wissenschaftlichen Schlussfolgerungen führt. Um
die Spezifität der jeweils individuellen feministisch-wissenschaftlichen
Position beschreiben zu können, entwickelten die ForscherInnen den
Terminus ‚Positionalität‘.
5
Da jedes individuelle Subjekt von den Auswir-
kungen des Diskurses unterschiedlich betroffen wird und die wirkenden
Diskurse im jeweiligen Moment flüchtig, heterogen und häufig nicht
kompatibel sind, da außerdem unterschiedlich situierte Frauen eine große
Anzahl von Subjektpositionen gleichzeitig einnehmen können, da also
ebenfalls die Diskurse wie die historische Realität, die sie hervorbringen
und beschreiben, permanenten Verschiebungen unterworfen sind, sind
denn auch beide, d. h. sowohl die Kategorie der Weiblichkeit als auch das
einzelne weibliche Subjekt, instabil und von vielfältigen Widersprüchen
durchkreuzt. Um zu verstehen, in welcher Form die Diskurse von Gender
und Sexualität in Erscheinung treten und erhalten, moduliert, unterlaufen,
herausgefordert und/oder transformiert werden, haben sich zahlreiche
feministische WissenschaftlerInnen der Geistes- und Sozialwissenschaf-
ten der Analyse von Signifizierung und kultureller Produktion zugewandt
und damit eine weiterreichende Verschiebung intellektuellen Interesses
eingeleitet, die als linguistischer oder kultureller ‚turn‘ (Wende) bezeichnet
wird.
6
Aus dieser neuen intellektuellen Perspektive nahmen literarische
Texte eine erneuerte und auch anders verstandene Bedeutung für die Ar-
beit feministischer LiteraturwissenschaftlerInnen ein.
Ein Ergebnis dieses neuen Verständnisses der Rolle diskursiver Pro-
duktion war eine neue Auffassung der Beziehungen zwischen dem lite-
rarischen Kanon und der außerhalb von ihm liegenden kulturellen Pro-
5
Alcoff, Linda, „Cultural Feminism versus Post-Structuralism. The Identity Crisis
in Feminist Theory,“ in: Signs, 12/1988, 2, S. 434.
6
Vgl. Bachmann-Medick, Doris, Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissen-
schaften, Reinbek 2006.
136 Sara Lennox
dukte. Seit den Anfängen der Frauenbewegung haben FeministInnen
immer wieder mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass die Darstellung
von Frauen innerhalb der Literatur nicht über Voreingenommenheiten
der jeweiligen Entstehungszeit hinausreichte, sondern diese stattdessen
hauptsächlich nachbildete. Die feministische Literaturwissenschaft un-
tersucht im Besonderen die Art und Weise, in der Texte des literarischen
Kanons die Kategorien Weiblichkeit, Männlichkeit und Genderbezie-
hungen beschreiben, und welchen Intentionen diese Konstruktionen da-
bei folgen. Die zunehmende Betonung der Intersektionalität bedeutete,
dass feministische LiteraturwissenschaftlerInnen zudem immer öfter
untersuchten, inwiefern Genderkategorien von textlichen Konstruktio-
nen anderer sozialer Kategorien beeinflusst werden und diese wiederum
formen. In zunehmendem Maße erkannten FeministInnen dabei, dass
Frauen nicht ausschließlich in der Opferrolle auftreten: Sie konnten
zeigen, inwiefern literarische Texte Frauen mit anderen hegemonialen
Kategorien verbanden und sie so in eine anderen Frauen überlegene
Position versetzten. Schließlich lässt sich von hier ausgehend analysie-
ren, wie einige Konzeptionen von Genderbeziehungen, beispielsweise
jene auf Eurozentrismus, liberalem Individualismus oder Heteronorma-
tivität basierenden, hegemonialen Strukturen entsprechen oder diese
verstärken. Obwohl die meisten feministischen Untersuchungen immer
noch eine einzige Lesart des literarischen Textes favorisieren, ist es eini-
gen feministischen ForscherInnen gelungen, die Widersprüchlichkeit
dieser Texte aufzudecken und dabei zeigen zu können, wie sich zum Bei-
spiel konflikthafte Genderdiskurse, deren Harmonisierung oder Aus-
söhnung zum Zwecke eines scheinbar schlüssigen Textausklanges die
AutorInnen womöglich anstreben, in ihnen abzeichnen.
Andererseits haben feministische LiteraturwissenschaftlerInnen die
Arbeiten bekannter oder vergessener Autorinnen unter feministischer
Perspektive neu interpretiert oder diese gar erst entdeckt. Sie stellen die
Autorinnen in den Zusammenhang der historischen Verhältnisse, welche
weibliche Autorenschaft befördert oder behindert haben, und untersu-
chen den Einfluss dieser auf Inhalt, Form und Publikationsmöglichkeit
der Texte von Frauen. In den vergangenen fast 40 Jahren haben feminis-
tische LiteraturwissenschaftlerInnen sehr verschiedene, mitunter sich
nahezu widersprechende feministische Ansätze genutzt, um Texte von
Autorinnen zu analysieren. Während frühe feministische ForscherInnen
unterstrichen, wie die Autorinnen den bis dahin nicht repräsentierten
weiblichen Erfahrungen Ausdruck verliehen, heben neuere Untersu-
chungen stattdessen die Rolle hervor, die diese Texte bei der Hervorbrin-
Feministische Literaturwissenschaft 137
gung einer solchen Erfahrung spielten, wie also z. B. solche Texte Auffas-
sungen von weiblicher Subjektivität, Sexualität, des weiblichen Körpers,
der Handlungsfähigkeit (‚agency‘), von Kollektivität und Widerstand
konstruieren, wie sie gesellschaftliche Kategorien, die die Zurückgestellt-
heit von Frauen unterstützen, in Frage stellen oder dekonstruieren.
Feministische ForscherInnen untersuchen ebenso die Intertextualität
weiblicher Texte und zeigen dabei auf, wie diese auf frühere Texten zu-
rückgreifen, um dabei eine weibliche Tradition zu etablieren, oder wie sie
mit den Texten männlicher Autoren in Auseinandersetzung stehen und
sich diese aneignen oder sie variieren und verwerfen, um die eigenen li-
terarischen Bedürfnisse zu erfüllen. Einige feministische Wissenschaftle-
rInnen haben zusätzlich literarische Texte als Indiz für Instabilität, Flui-
dität und/oder Hybridität der Kategorien von Identität und Subjektivität
überhaupt aufgefasst, während andere wiederum die Formen aufdecken
konnten, in denen Gender, Sexualität und andere Kategorien sozialer
Identität ausgelegt und als performatives Element repräsentiert werden.
Da hoch geschätzte literarische Texte nachweisbar und anschaulich
stets die gleichen Bilder von Frauen reproduzieren wie andere, weniger
angesehene kulturelle Produkte der Trivial- oder Unterhaltungsliteratur
oder auch die Massenmedien, waren feministische WissenschaftlerInnen
von Beginn an skeptisch gegenüber den den literarischen Texten zuge-
schriebenen oder innewohnenden ‚besonderen‘ Qualitäten. Aus diesem
Grund wandten sie sich besonders häufig der Untersuchung von Verbin-
dungen und Affinitäten zwischen der Literatur und den kulturellen Pro-
dukten anderer Bereiche zu. Angelehnt an die angelsächsischen Cultural
Studies oder auch die deutsche Kulturwissenschaft konzentrieren sie
sich häufig auf ein weiterreichenderes Spektrum von Texten und Prak-
tiken als nur das der eher traditionell ausgerichteten Literaturwissen-
schaft. Auf diese Art interdisziplinäre Einflüsse aufnehmend, beziehen
sie Impulse aus der intellektuellen, kulturellen und sozialen Geschichte
sowie aus der Ethnologie und der Kunst mit ein. Mit dieser Beziehung
der Texte untereinander und ihrer Kopplung an ihren jeweiligen histori-
schen Kontext (der stets ja auch als ein textuelles Produkt vermittelt
wird) gelingt es feministischen ForscherInnen in ihren Untersuchungen,
politisch-soziale Effekte dieser Texte zu Tage zu fördern und dabei auf-
zudecken, inwieweit diese Texte in ihrer Entstehungszeit dominierende
soziale Arrangements unterstützt oder unterlaufen haben. Ursprünglich
in der herkömmlichen Literaturwissenschaft ausgebildete FeministInnen
widmen sich inzwischen so vielfältigen Themen wie Erinnerung, Raum
und Räumlichkeit, Konsum, Fashion, Ernährung, Popmusik und Pop-
138 Sara Lennox
magazinen, medizinischen Untersuchungen, politischer Rede, Medienwis-
senschaften, Märchen, Einwanderungsstatistiken oder Dienstbüchern.
3./4. Institutionsgeschichtliches/Publikationen
Vor allem im englischsprachigen Kontext, zunehmend aber auch im
deutschsprachigen Raum haben FeministInnen nichthegemonialen eth-
nischen Hintergrunds ihre Stimme erhoben, um gegen ihren Ausschluss
aus den dominanten feministischen Paradigmen zu protestieren und um
den Besonderheiten ihrer weiblichen Erfahrung zum Ausdruck zu ver-
helfen. Seit den 1980er-Jahren haben die theoretischen und literarischen
Arbeiten der Women of Color die feministische Forschung in den USA
fundamental verändert und insbesondere aufgedeckt, wie das Schreiben
der Frauen dominanter Gruppen oftmals auf rassistisch und ethnisch
begründetem Ausschluss basierte. In Anerkennung der Tatsache, dass
die Studien von ‚Frauen‘ schlechthin nicht per se emanzipatorische oder
subversive Aufdeckungen garantierten, haben feministische Literaturwis-
senschaftlerInnen aus dominanten ethnischen Gruppen auch begonnen,
ihre Aufmerksamkeit auf die Analyse von Texten von Frauen ethnischer
Minderheiten, Frauen aus postkolonialem Zusammenhang oder Frauen
aus der Dritten Welt zu lenken. Feministische Studien von US-amerika-
nischen WissenschaftlerInnen sind so mittlerweile nur noch selten aus-
schließlich auf weiße Frauen fokussiert. Auch in der deutschsprachigen
feministischen Forschung wird den Arbeiten der MigrantInnen, der afro-
deutschen Frauen, der jüdisch-deutschen Frauen und anderer Frauen
nicht-weißer deutscher Herkunft langsam wissenschaftliches Interesse
entgegengebracht, während sich andere feministische ForscherInnen
deutschen Reiseautorinnen oder den in den Kolonien entstandenen
Arbeiten von Frauen zugewandt haben, um an ihnen zu verdeutlichen,
wie diese Autorinnen ihre eigenen privilegierten Positionen repräsentie-
ren. Der Fokus auf Writers of Color hat feministischen Wissenschaftle-
rInnen auch erlaubt, neue Fragen bezüglich literarischer Texte aufzuwer-
fen: Weißsein, Hybridität und transnationale Identitäten rückten so in
den Mittelpunkt. Feministische LiteraturwissenschaftlerInnen untersu-
chen dabei auch die Umstände, unter welchen ein geschlechterbezoge-
ner Vorwand der Legitimierung anderer sozialer Beziehungen dient, so
beispielsweise in der Beziehung von Machthabern gegenüber einer Be-
völkerung oder der eines Kolonisators gegenüber dem kolonialisierten
Land oder dessen Einwohnerschaft sowie auch dort, wo geschlechterba-
Feministische Literaturwissenschaft 139
sierte Symbolik zu einem Aspekt der Auseinandersetzung wird. In der
Untersuchung von Mythen, Topoi und Bildern, die mit Gender assozia-
tiv verbunden wurden, verdeutlichen sie, wie AutorInnen solche Bedeu-
tungszusammenhänge in ihr Schreiben einfließen lassen, um Genderbe-
ziehungen u.a.m. darzustellen.
Schließlich, und obgleich das Schreiben von Frauen niemals außer-
halb eines es auch formenden kulturellen Diskurses stehen kann, haben
feministische LiteraturwissenschaftlerInnen untersucht, wie weibliche
Autoren ihre Texte nutzen, um in ihnen bisher nicht realisierte Alterna-
tiven zu einer negativen sozialen Realität zu entwerfen. So erläutert Inge
Stephan: „Die Inszenierung der Geschlechter ist also auch im Medium
der Literatur nicht frei, sondern historisch, kulturell und individuell
beeinflusst und an den Körper als phantasmatischen Raum gebunden.
Trotzdem bietet gerade die Literatur noch am ehesten die Chance, durch
utopische Entwürfe, parodistische Verfremdung, Karnevalisierung und
Maskerade, aber auch durch dramatische Zuspitzung, epische Entfaltung
und lyrische Konzentration der Konfliktlinien zwischen den Geschlech-
tern die sex-gender-Relation in ihrer Geltung spielerisch zu unterlaufen
und die zerstörerischen Wirkungen aufzuzeigen, die das sex-gender-Sys-
tem nicht nur im Medium der Literatur hat“.
7
Die zweite Welle des Feminismus hat offensichtlich nicht als wissen-
schaftliche Methode begonnen, sondern vielmehr als eine politische Be-
wegung, die aus dem Zusammenhang vielfältiger politischer Bewegungen
der 1960er-Jahre hervorging. Mit diesen häufig in starken Auseinander-
setzungen stehend, lehnten viele FeministInnen der ersten Stunde die
Teilnahme von Frauen in weiterhin sexistischen, androzentrischen oder
in anderer Hinsicht unterdrückerischen Institutionen gänzlich ab. Eher
aufgrund der Verschiedenheiten der amerikanischen und deutschen
Institutionen als aufgrund der renitenten Haltung von Männern erlangte
die feministische Forschung den Status ihrer Institutionalisierung im
akademischen Rahmen in den USA zu einem viel früheren Zeitpunkt als
in Deutschland.
In den frühen 70ern wurden in den USA neue landesweite Gesetze
erlassen, deren ‚Affirmative Action‘-Praktiken (Einstellungspraktiken,
die Menschen aus bisher unterrepräsentierten Kategorien favorisierten)
von nun an für alle Bildungsinstitutionen galten, welche Finanzhilfe vom
amerikanischen Staat bezogen. Die Folge war häufig die Einstellung von
7
Stephan, Inge, „‚Gender‘. Eine nützliche Kategorie für die Literaturwissenschaft“,
in: Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge 9/1999, 1, S. 35.
140 Sara Lennox
jungen Wissenschafterinnen (oder auch People of Color), die bereits
feministisch ausgerichtet arbeiteten oder im Verlauf ihrer Beschäftigung
zu Feministinnen wurden. Anzahl und Vielfalt der amerikanischen
Hochschulen bewirkten dabei zugleich, dass es für junge feministische
Wissenschaftlerinnen viel einfacher wurde, eine akademische Vollzeit-
stelle zu erhalten. Das US-amerikanische Verfahren mit der Möglichkeit,
nach einer sechsjährigen Probezeit in eine an die Assistentenzeit an-
schließende Position auf Lebenszeit übernommen zu werden, verhalf
feministischen ForscherInnen, die erfolgreich diese Hürde überwinden
konnten, zu Status, Prestige und dauerhafter Institutionalisierung ihrer
Position.
Feministische WissenschaftlerInnen in den USA etablierten in der
Folge schnell feministische Gremien innerhalb der akademischen Dis-
ziplinen, und da das Schreiben von Frauen immer eine signifikante Rolle
für die Artikulation der Beschwerden und Hoffnungen von Frauen ge-
spielt hatte, gehörte die Literaturwissenschaft mit zu den ersten Wis-
senschaftszweigen, in denen derartige feministische Gremien gebildet
wurden. Das erste Universitätsseminar in Women’s Studies wurde 1966
angeboten, schon 1973 fanden mehr als 200 Kurse statt. 1970 war das
erste Women’s Studies – Programm an der San Diego State University
gegründet worden; im Jahr 1977 existierten bereits 276 Programme
8
. In
Westdeutschland entwickelten sich die Frauenstudien zunächst außer-
halb des universitären Rahmens in Form von Volkshochschulkursen und
einwöchigen Sommeruniversitäten, an denen sowohl Akademikerinnen
als auch Nicht-Akademikerinnen teilnahmen. Die ersten Einrichtungen
auf Universitätsebene sind in der Bundesrepublik zu Anfang der 1980er-
Jahre zu verzeichnen. Dazu gehören die Interdisziplinäre Forschungsgruppe
Frauenforschung in Bielefeld (1980), die Zentraleinrichtung zur Förderung von
Frauenstudien und Frauenforschung an der Freien Universität Berlin (1981)
und, kurz vor der Wiedervereinigung, das Zentrum für Interdisziplinäre
Frauenforschung an der Humboldt Universität zu Berlin.
In der Einführung ihres Bandes Gender-Studien (2000) geben Christina
von Braun und Inge Stephan einen Überblick über die bis zu diesem
Zeitpunkt entstandenen dreizehn universitären Forschungszentren für
feministische Studien und berichten außerdem von vier weiteren geplan-
8
Allen, Ann Taylor, „Women’s Studies as Cultural Movement and Academic Disci-
pline in the United States and West Germany. The Early Phase, 1966–1982“ in:
Jeanette Clausen / Sara Friedrichsmeyer (Hrsg.), Women in German Yearbook 9, Lin-
coln, Nebraska 1994, S. 6.
Feministische Literaturwissenschaft 141
ten Zentren.
9
Am bedeutsamsten für die Institutionalisierung der femi-
nistischen Literaturwissenschaft in Deutschland war ohne Zweifel die
von den drei feministischen Wissenschaftlerinnen Sigrid Weigel, Inge
Stephan und Marianne Schuller 1985 initiierte und an der Universität
Hamburg realisierte Arbeitsstelle für feministische Literaturwissen-
schaft, zu der 1985 Annegret Pelz und 1986 Kerstin Wilhelms hinzutra-
ten und an der Sibylle Benninghoff-Lühl als Vertretungsprofessorin von
1990 bis 1993 beschäftigt war.
Die von der Arbeitsstelle herausgegebene Nullnummer des Rund-
briefes Frauen in der Literaturwissenschaft erschien im Jahr 1983 unter
den Herausgeberinnen Renate Berger, Sigrid Weigel und Inge Stephan.
Diese wissenschaftliche Zeitschrift, die ab 1993 von Inge Stephan, Dag-
mar von Hoff und Ulrike Vedder ediert wurde, ging mit dem Jubiläums-
heft Nr. 50 im Mai 1997 zu Ende und wurde 1999 unter dem Titel
figurationen. gender literatur kultur, nunmehr unter der Leitung von Barbara
Naumann, wiedergegründet. Durch die fünfzig Ausgaben hindurch
war es Frauen in der Literaturwissenschaft gelungen, sowohl Literatur von
Frauen als auch feministische Forschung in zahllosen Ländern der Welt
bekannt zu machen, dabei den eigenen Schwerpunkt der in den Bereich
der Kulturwissenschaft hineinführenden Bewegung der Literaturwissen-
schaft anzugleichen und diesen so dementsprechend für interdiszipli-
näre Themen zu öffnen. Die großen Konferenzen, die Frauen in der
Literaturwissenschaft in den 1980er-Jahren sponserte, wie die in Hamburg
(1983, 1986), in Bielefeld (1984) und in Paderborn (1989), wie auch die
Konferenzbände, in denen diese anschließend dokumentiert wurden,
waren von unschätzbar großer Bedeutung für die Etablierung der femi-
nistischen Literaturwissenschaft in Deutschland.
Obwohl feministische Literaturwissenschaft vom Standort der ‚Posi-
tionalitäten‘ aus per definitionem immer heterogen sein wird und nahe-
zu jeder Überblick über die feministische Forschung diese Heterogenität
der Ansätze unterstreicht, ist es dennoch möglich, einen allgemeinen
Abriss der historischen Entwicklung des Forschungsgebietes für die
letzten vierzig Jahren zu entwerfen. Obwohl die frühen US-amerikani-
schen FeministInnen der späten 1960er-Jahre je nachdem liberale, radi-
kale oder sozialistische FeministInnen genannt wurden, fokussierte die
Literaturanalyse, die alle drei Tendenzen charakterisierte, im Besonderen
9
Vgl. Jähnert, Gabriele: „Einrichtungen zur Frauen- und Geschlechterforschung in
der Bundesrepublik Deutschland“ in: Christina von Braun / Inge Stephan (Hrsg.),
Gender-Studien. Eine Einführung, Stuttgart 2000, S. 347–350.
142 Sara Lennox
auf die Demaskierung erniedrigender und sexistischer Stereotype von
Frauen speziell im Schreiben von Männern, Stereotype, die der Legiti-
mierung sozialer Ungleichbehandlung von Frauen dienten. In der Mitte
der 1970er-Jahre, etwa zu der Zeit, als die Frauenbewegung in West-
deutschland weithin an Aufmerksamkeit gewann (z. B. mit dem erstaun-
lichen Erfolg von Verena Stefans Roman Häutungen 1975), wurden aber
Varianten des Feminismus, die die Integration von Frauen in veränderte
maskuline Bereiche forderten, inhaltlich ersetzt durch eine neue, häu-
fig als ‚kultureller Feminismus‘ bezeichnete feministische Tendenz, die
stattdessen nach autonomen weiblichen Bereichen in der Gegenwart
strebte und Belege von eigenständigen weiblichen Errungenschaften in
der Vergangenheit suchte, die die weibliche Spezifität bestätigen würden,
die durch das Patriarchat verdeckt worden war. Die feministische Litera-
turwissenschaft dieser Periode, von der Anglistin Elaine Showalter ‚Gy-
nokritik‘ genannt, suchte nach verschollenen Texten von Frauen, nach
der verdeckten weiblichen Tradition, an der sie teilgenommen hatten,
und nach der weiblichen Ästhetik, der sie Ausdruck verliehen. Diese
hoffnungsvolle Suche wurde in den späten 1970er-Jahren modifiziert,
und feministische LiteraturwissenschaftlerInnen unternahmen einen
Schritt in die Richtung der Gender Studies, indem sie die Tatsache aner-
kannten, dass Autorinnen sich notwendigerweise auch auf die von Män-
nern entwickelten literarischen Strategien beziehen, auch wenn sie diese
eventuell für ihre Zwecke modulieren. Etwa zur gleichen Zeit wurde eine
theoretische Untermauerung der essentialistischen und universellen
Forderungen des kulturellen Feminismus durch die französischen Theo-
retikerinnen wie z. B. Hélène Cixous und Luce Irigaray eingebracht,
deren Texte zu argumentieren schienen, dass die Besonderheit des ‚par-
ler femme‘, der ‚écriture féminine‘ oder des ‚weiblichen Schreibens‘,
die sich in Arbeiten der Avantgarde manifestierten, in der Morphologie
des weiblichen Körpers verwurzelt war, der besondere Arten der ‚weib-
lichen jouissance‘, das Schreiben in Muttermilch oder die wechselseitige
Umarmung nach Art der weiblichen (Scham-) Lippen, ermöglichte. Die
Beziehungen der so genannten ‚französischen Feministinnen‘ (eine
Bezeichnung, die sie sich niemals selbst gaben) zu männlichen struktura-
listischen/poststrukturalistischen/psychoanalytischen Theoretikern mit
dem Namen Jacques (wie eine amerikanische Feministin einst witzelte;
sie meinte natürlich Derrida und Lacan) lenkte die Aufmerksamkeit der
feministischen LiteraturwissenschaftlerInnen fort von der Repräsenta-
tion weiblicher Erfahrung hin zu Strategien literarischer Signifizierung.
Diese Kritik, die die ‚écriture féminine‘ an den ‚Phallogozentrismus‘
Feministische Literaturwissenschaft 143
richtete, die den französischen Theoretikerinnen zufolge die gesamte
westliche Tradition charakterisierte, wurde, wie Jutta Osinski ausführte,
verstanden als semiologisch begründet: „Die Sprache und mit ihr das
Denken schlossen alles A-logische, Nichtidentische, sprachlich nicht Fi-
xierbare als unwesentliches Andere aus. Das ausgeschlossene Andere
wurde mit dem ‚Weiblichen‘ identifiziert […]. Was jenseits der herr-
schenden Kultur sein könne, blieb offen. Nahe lag der Gedanke, daß
es mit Inhalten gefüllt werde, wenn Frauen ihre eigene, den ‚Phallo-
gozentrismus‘ durchbrechende Sprache finden könnten, in der das Aus-
gegrenzte in die bezeichnende Praxis einging. Die ‚écriture féminine‘
unternahm so eine Engführung von semiologisch verstandener ‚Weib-
lichkeit‘ und realen Frauen; die Emanzipation der Frau wurde analogi-
siert mit der Emanzipation zu einer neuen, befreienden und integrieren-
den statt fixierenden und ausschließenden Sprache“.
10
So unvorstellbar
es heute erscheint, erreichte dieser für feministische Literaturwissen-
schaftlerInnen sehr schmeichelhafte Ansatz in den 80ern eine hegemo-
niale Kontrolle über die feministische Literaturanalyse in Westdeutsch-
land.
In diesem Moment begann, aus eher demographischen als aus anderen
Gründen, die etliche Jahre andauernde Divergenz von US-amerikani-
scher und deutscher feministischer Literaturwissenschaft. Zwar wurden
in den 1980er-Jahren viele US-amerikanische feministische Literaturwis-
senschaftlerInnen auch angezogen vom ‚französischen Feminismus‘ und
infolgedessen auch von etwas anderen feministischen Varianten der
männlichen französischen Theoretiker, die Cixous und Irigaray beein-
flusst hatten, wie Barbara Vinkens Sammlung Dekonstruktiver Feminismus.
Literaturwissenschaft in Amerika
11
zeigt. Von den späten 1970er-Jahren an
wurden aber amerikanische FeministInnen wiederholt konfrontiert mit
den Protesten der Women of Color, nach denen die Behauptungen wei-
ßer FeministInnen die Weiblichkeit betreffend auf Women of Color
nicht zutrafen. Offensichtlich waren die Unterschiede, auf welche die
Women of Color hinwiesen, nicht begründet durch biologische, sondern
durch soziale und kulturelle Determinanten. Diese konfliktreiche Be-
gegnung mit Unterschieden zwischen Frauen (nicht länger mit dem ein-
zigen anatomischen und semiotischen Unterschied zwischen Männern
und Frauen) hatten in den USA viel früher als in Deutschland den Boden
10
Osinski, Jutta, Einführung in die feministische Literaturwissenschaft, Berlin 1998, S. 58–59.
11
Vgl. Vinken, Barbara (Hrsg.), Dekonstruktiver Feminismus. Literaturwissenschaft in
Amerika, Frankfurt 1992.
144 Sara Lennox
bereitet für eine Auffassung von Maskulinität/Femininität als sozialer
Konstruktion und für die Anerkennung der Tatsache, dass auch Kör-
pererfahrung sozial vermittelt wird. Auf diesen Einsichten beruht die
gegenwärtige Konzeptionalisierung von Gender. Eine andere, eher his-
torisch-spezifische Aneignung der französischen Theorie, dabei insbe-
sondere von Foucault, stellte die speziellen Hilfsmittel bereit, mit denen
es den US-FeministInnen gelang, die Fundamente der Gender Studies
auszuarbeiten. Weil der deutsche Feminismus keine große Anzahl un-
überhörbarer Women of Color einschloss und weil Proteste gegen Ras-
sismus innerhalb der deutschen Frauenbewegung, beginnend in den
Mittachzigern, weithin ignoriert wurden, gelangten deutsche feministi-
sche ForscherInnen sehr viel später zur Einsicht in die Unterschiede
zwischen Frauen und zur Anerkennung der Komplizenhaftigkeit von
Frauen innerhalb dominanter Machtverhältnisse.
12
Der radikale Sozial-
konstruktivismus von Judith Butlers Gender Trouble (1990, übersetzt zu
Das Unbehagen der Geschlechter, vgl. folgende Diskussion hier) wurde, wie
Jutta Osinski erläutert hat, in Deutschland eher als eine sehr kontroverse
und gänzlich eigenartige Intervention wahrgenommen denn als ein Bei-
trag zu einer andauernden Debatte zur Thematik der ‚spezifischen
Frauen in spezifischen Situationen‘.
Als Folge der frühen Bemühungen der Frauenbewegung, kulturelle
Institutionen von Frauen für Frauen zu organisieren, wurden die ersten
Verlage und Journale zur Veröffentlichung feministischer Forschung von
Feministinnen selbst organisiert. Frauenoffensive war der erste deutsch-
sprachige feministische Verlag, gegründet 1974, im gleichen Jahr gefolgt
vomOrlanda Frauenverlag. In Österreich wurde 1980 der Wiener Frauenver-
lag gegründet, der sich 1997 in Milena Verlag umbenannte, sowie 1988 der
eFeF-Verlag in der Schweiz. In den späten 1970er-Jahren entdeckten die
großen Buchverlage wie Fischer, Suhrkamp und dtv, dass der Feminis-
mus verkaufsträchtig war, und trugen, wie auch akademische, progres-
sive und alternative Verlage wie Argument, Böhlau, Campus, Metzler
und Westfälisches Dampfboot, zur Verbreitung von Frauentexten bei.
Die links-feministische Berliner Zeitschrift Courage, die von 1974–1984
herausgegeben wurde, und die eher populäre Emma (1977 bis heute)
richteten die Diskussionen um weibliches Schreiben und zahlreiche an-
dere feministische Fragestellungen auf ein größeres feministisches Publi-
kum aus. Theoretischere Journale wie die Beiträge zur feministischen Theorie
12
Vgl. Lennox, Sara, „Divided Feminism: Women, Racism, and German National
Identity,“ in: German Studies Review, 18/1995, 3, S. 481–502.
Feministische Literaturwissenschaft 145
und Praxis (erscheint seit 1978) und die Feministischen Studien (seit 1982)
nehmen sich vielseitiger Themen an, welche von Interesse für feministi-
sche ForscherInnen sind, während Virgina. Zeitschrift für Frauenbuchkritik
(seit 1986) sich auf weibliche Texte konzentriert. In den letzten Jahren
haben zahlreiche akademische, linke und alternative Zeitschriften sich
den für die feministische literarische Forschung zentralen Fragen zuge-
wandt.
Vor dem Anfang der zweiten Welle der Frauenbewegung der 1960er-
Jahre haben einige Schlüsseltexte Frauen und literarische Produktion
thematisiert und so die Fundamente für die spätere feministische Lite-
raturanalyse gelegt. 1928 publiziert, untersucht Virgina Woolfs A Room
of One’s Own (dt. Ein Zimmer für sich allein, 1978) die Bedingungen für die
literarische Produktion von Frauen. Indem sie vorschlägt: „eine Frau
muß Geld haben und ein Zimmer für sich allein, wenn sie Fiction schrei-
ben will (…)“,
13
macht sie sozio-ökonomische Faktoren für den Mangel
an großen Autorinnen in vorangegangenen historischen Perioden ver-
antwortlich. Dennoch und im Gegensatz zu vielen späteren feministi-
schen LiteraturwissenschaftlerInnen behauptet sie, dass Frauentexte oft
von Wut „deformiert und verzerrt“ seien.
14
Literarisches Genie, so führt
sie aus, ist nur der androgynen Seele möglich, welche zu gleichen Teilen
männlich und weiblich zu sein habe. In Le deuxième sexe (1949; dt. Das
andere Geschlecht, 1951) behauptet Simone de Beauvoir, dass die männ-
liche Abstellung der Frauen in ein Anderssein verantwortlich ist für ihre
Unterordnung, und sie untersucht Biologie, Psychologie, Soziologie,
Geschichte, Mythologie und Literatur, um zu zeigen, wie Männer Frauen
definiert haben. Mit ihrer berühmten Behauptung „Man kommt nicht als
Frau zur Welt, man wird es“,
15
ruft sie die Frauen stattdessen auf, über
die Immanenz, auf welche sie bisher beschränkt wurden, hinauszugehen,
um die Transzendenz zu erreichen. Obgleich feministische Literaturwis-
senschaft ohne die Grundlagen, die Woolf und Beauvoir gelegt haben,
undenkbar ist, so ist doch Kate Milletts Sexual Politics (1970; dt. Sexus und
Herrschaft, 1971), ursprünglich als Dissertation an der Columbia Univer-
sity vorgelegt, dasjenige Buch, das die feministische Literaturanalyse der
zweiten Feminismuswelle begründete. Gemäß ihrer Behauptung, dass
13
Woolf, Virginia, Ein Zimmer für sich allein, übers. v. Renate Gerhardt, Frankfurt a. M.
1981, S. 8.
14
Vgl. ebd., S. 79.
15
de Beauvoir, Simone, Das andere Geschlecht, übers. v. Eva Rechel-Mertens / Fritz
Monfort, Hamburg 1951, S. 265.
146 Sara Lennox
„unsere Gesellschaft wie alle anderen Gesellschaften in der Geschichte
ein Patriarchat ist“,
16
untersuchte Millett die Institutionen einschließlich
der Literatur, welche die männlichen Machtverhältnisse stützten. Im
berühmt gewordenen ersten Kapitel Beispiele von Sexualpolitik, welches in
die Problematik einleitet, analysiert Millett patriarchale Voreingenom-
menheiten sowie die Beziehungen zwischen sexueller Potenz und sozio-
politischer Macht, die den sexuell expliziten Szenen in den Werken von
Henry Miller, Norman Mailer und Jean Genet zu Grunde liegen. Wurde
das Buch auch sehr kontrovers aufgenommen, so etablierte Sexual Politics
doch Schlüsselprinzipien und analytische Kategorien, welche feministi-
sche WissenschaftlerInnen von nun an anwandten, um zu verstehen, wie
literarische Texte die männliche Vorherrschaft gegenüber Frauen zu si-
chern halfen.
Als aber in den 1970er-Jahren die kritische Betrachtung der Qualitä-
ten weiblicher Texte mehr ins Zentrum rückten als die Aufdeckung
männlichen Sexismus, traten andere Texte der feministischen Literatur-
theorie in den Vordergrund: Silvia Bovenschens weithin rezipiertes Es-
say Über die Frage: Gibt es eine ‚weibliche‘ Ästhetik? (1976) erlangte Einfluss
in den USA wie auch in Deutschland, als feministische Wissenschaftle-
rInnen zunehmend zu erklären versuchten, wie die Unterschiede zwi-
schen den Geschlechtern im Schreiben von Autorinnen Ausdruck fand.
Bovenschen argumentierte überzeugend: „Wenn aber der sinnliche Zu-
gang, das Verhältnis zu Stoff und Material, die Wahrnehmung, die Erfah-
rung und der Zeitrhythmus – und das ist etwas, was Ästhetik einem alten
Modell zufolge als Theorie der sinnlichen Wahrnehmung ja auch einmal
meinte – bei Frauen qualitativ andere Voraussetzungen haben, dann
müsste das logischerweise auch in besonderen Formen der mimetischen
Transformationen sichtbar werden“.
17
Bovenschen beschreibt 1979
in ihrem Buch Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu
kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen die his-
torisch-spezifischen „kulturellen Grundmuster, in denen Vorstellungen
vom Weiblichen organisiert werden“ wie auch die „Geschichte solcher
Grundmuster“.
18
Durch die Kulturtheorie der Frankfurter Schule beein-
flusst betonte Bovenschen, dass, ob formuliert von männlichen oder
16
Millett, Kate, Sexus und Herrschaft. Die Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft,
übers. v. Ernestine Schlant, München 1974, S. 39.
17
Bovenschen, Silvia, „Über die Frage: Gibt es eine ‚weibliche‘ Ästhetik?“ in: Ästhe-
tik und Kommunikation, 7/1976, 25, S. 60–75.
18
Osinski, Einführung in die feministische Literaturwissenschaft, S. 75.
Feministische Literaturwissenschaft 147
weiblichen Autoren, die Repräsentationen von Femininität keinen trans-
parenten Zugang zu einer realen weiblichen Erfahrung zuließen, sondern
stattdessen nur aufzeigten, wie Frauen durch unterschiedliche histori-
sche Epochen hindurch imaginiert worden waren. Auf anderem Wege
kamen Sandra Gilbert und Susan Gubar zu etwa derselben Zeit mit The
Madwomen in the Attic. The Woman Writer and the Nineteenth-Century Literary
Imagination (1979) zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Sie legten dar, dass
sich Autorinnen sowohl mit patriarchalen Mustern literarischer Kreati-
vität als auch mit ihrer eigenen „Angst vor Autorenschaft“ auseinander-
setzen müssten, wobei sie, innerhalb männlich bestimmter Genres wir-
kend, „literarische Arbeiten, die in manchem Sinne Palimpseste sind“,
produzierten, „Werke, deren Oberflächen weniger zugängliche (und we-
niger sozial akzeptierte) Verständnisebenen“
19
aufweisen. Feministische
Forschung von Women of Color, zumeist nicht ins Deutsche übersetzt,
wurde eingeführt durch inzwischen legendäre Bücher wie This Bridge
Called My Back. Writings of Radical Women of Color (1981) von Cherríe
Moraga und Gloria Anzaldúa (Hrsg.) oder auch All the Women Are White,
All the Blacks are Men, But Some of Us Are Brave. Black Women’s Studies (1982)
von Gloria T. Hull, Patricia Dell Scott und Barbara Smith (Hrsg.). Diese
Arbeiten stellten emphatisch die Essentialisierung von bisher gebräuch-
lichen Kategorien im Erarbeiten weiblicher Texte in Frage und dehnten
ebenso die Genregrenzen der feministischen Theorie und Analyse aus.
So stellt beispielsweise die schwarze Literaturwissenschaftlerin Barbara
Christian fest: „People of Color haben immer theoretisiert, allerdings in
von der westlichen Form abstrakter Logik sehr unterschiedlichen For-
men“.
20
Die afroamerikanische Autorin Audre Lorde legte zum Beispiel
dar, dass ‚Dichtung nicht Luxus sei‘, sondern der erste Schritt zur Arti-
kulation der eigenen, inneren, chaotischen Gedanken- und Gefühlswelt;
eine Erfahrungsdestillation, notwendig für den Prozess der Theoretisie-
rung, während Moraga und Anzaldúa, deren Bücher Texte sowohl in
englischer als auch in spanischer Sprache enthalten, unterstreichen, dass
solche Hybridität (‚mestizaje‘) der Formung ihrer Identität als Chicana-
Lesben Ausdruck verleihe. Später in den 1980er-Jahren hinterließen
feministisch-postkoloniale ForscherInnen eine signifikante Spur in der
feministischen Literaturtheorie: In ihrem einflussreichen Artikel Under
Western Eyes vertrat Chandra Talpede Mohanty die Auffassung, dass
19
Gilbert, Sandra M. / Gubar, Susan, The Madwoman in the Attic. The Women Writer and
the Nineteenth-Century Literary Imagination, New Haven 1979, S. 73.
20
Christian, Barbara, „The Race for Theory,“ in: Feminist Studies, 14/1998,1, S. 68.
148 Sara Lennox
westliche FeministInnen und westliche AutorInnen die Frauen der Drit-
ten Welt als passive Opfer von Patriarchat und Tradition porträtierten,
die außerhalb von Geschichte und ohne eigene Interessensvertretung
existierten. Die marxistisch-feministische Dekonstruktivistin Gayatri
Chakravorty Spivak, Übersetzerin der Grammatologie Derridas, wandte
sich einerseits der theoretischen Beschreibung der Verortung nicht-
westlicher Frauen in der westlichen Literatur und anderen Texten zu und
analysierte Texte nichtwestlicher Autorinnen. In ihrem berühmten Essay
Can the Subaltern Speak?
21
und andernorts vertrat sie die Behauptung, dass
der untergeordneten nicht-westlichen Frau die Rolle des sprechenden
Subjektes innerhalb der westlichen Welt und innerhalb der grundlegen-
den westlichen Texte verwehrt bleibe.
Die radikalen Fragen, die Judith Butler auf die Stabilität von Gender
und seine Verortung im Diskurs in den frühen 1990er-Jahren bezogen
formulierte, waren also schon durch die amerikanische feministische
Theorie der 1980er-Jahre antizipiert. In Gender Trouble. Feminism and the
Subversion of Identity (1990; dt. Das Unbehagen der Geschlechter, 1991) ging
Butler, um die Theorie der Genderperformativität weiter zu entwickeln,
einen Schritt weiter über diesen Konstruktivismus hinaus, indem sie eine
Theorie der Performativität entwickelte, d. h. sie behauptete, dass eine
geschlechtsspezifische Subjektivität durch die wiederholte individuelle
Performance des Genderdiskurses erworben werde. Für Butler sind Sex,
Gender und der Körper Effekte von Macht, verkörperlichte Subjektivi-
tät wird diskursiv produziert und sowohl Sex als auch Gender existieren
nicht außerhalb von Kultur. Wie Foucault verortet sie die Möglichkeiten
zu Widerstand und Transformation innerhalb des diskursiven Feldes,
das existierende Machtverhältnisse und Formen von Subjektivität her-
vorbringen. Feministische LiteraturwissenschaftlerInnen, die sich auf
Butler beziehen, fassen Texte sowohl als Beitrag zu den regulativen Dis-
kursen, die bestehende heteronormative Machtverhältnisse reproduzie-
ren, als auch als Subversion von bestehenden Gender- und Sexualitäts-
diskursen auf. In Bodies That Matter. On the Discursive Limits of ‚Sex‘ (1993;
dt. Körper von Gewicht, 1995) stellte Butler klar, dass Gender-Performance
keine freie Wahl war, sondern „ein Prozess der Iterabilität, eine regu-
lierte und erzwungene Wiederholung von Normen. Und diese Wieder-
holung wird nicht ausgeführt durch ein Subjekt; es ist diese Wiederho-
lung, die das Subjekt befähigt und zugleich die temporäre Bedingtheit
21
Spivak, Gayatri Chakravorty, Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Ar-
tikulation, übers. v. Alexander Joskowitz / Stefan Nowotny, Wien 2008, S. 17–118.
Feministische Literaturwissenschaft 149
des Subjektes festlegt“.
22
In ihrer Zusammenfassung der deutschen But-
ler-Rezeption merkt Jutta Osinski an, dass deutsche Feministinnen in ih-
rer Kritik Butler „Vernachlässigung weiblicher Körpererfahrung“ vor-
warfen. Osinksi erwidert aber mit einem Zitat aus Butlers Antwort auf
diese Vorwürfe in dem Vorwort zur deutschen Ausgabe von Körper von
Gewicht: „Während es jene Feministinnen gibt, die argumentieren wür-
den, daß Frauen ihren Körpern von Grund auf entfremdet werden,
wenn sie die biologische Basis ihrer Besonderheit in Frage stellen, würde
ich deutlich machen, daß dieses Infragestellen durchaus ein Weg zu einer
Rückkehr zum Körper sein kann […], dem Körper als einem Ort für eine Reihe sich
kulturell erweiternder Möglichkeiten. Vielleicht sucht meine Arbeit auf diese
Weise das Bündnis mit jenen Feministinnen, die körperliche Freiheit
nach wie vor höher ansetzen als die einschränkenden Wirkungen der
Hetero-Normativität“.
23
5. Fachgeschichtliche Einordnung
Wie viele neuere Überblicksdarstellungen der feministischen Literatur-
wissenschaft in Deutschland bestätigen, ist Gender heutzutage eine ana-
lytische Kategorie, die weder in der Literaturwissenschaft noch in an-
deren Disziplinen zu ignorieren ist. Wie jedoch in der Diskussion
bereitwillig eingestanden wird, besteht die feministische Literaturwis-
senschaft heute nicht aus einer einzigen, sondern aus vielen, heteroge-
nen und häufig unvereinbaren Methoden: Alle hier erwähnten feministi-
schen Ansätze können sich noch immer behaupten und viele andere
literaturwissenschaftliche Methodologien, die in dieser Methodenge-
schichte angesprochen werden, haben ihre eigenen feministischen Varian-
ten. Sicherlich hat die feministische Literaturwissenschaft bei der De-
maskierung universaler Behauptungen in der Literatur und anderswo
geholfen, hat in der Aufdeckung des angeblich Natürlichen als sozial
Bestimmten den Essentialismus hinterfragt und für die Konstruiertheit
sozialer Realität argumentiert. Gemeinsam mit anderen literaturwissen-
schaftlichen Methodologien, die seit den 1960er-Jahren entwickelt wur-
den, hat die feministische Literaturwissenschaft das Eingebettetsein lite-
rarischer Produktion in die soziale Realität unterstrichen und auf der
22
Butler, Judith, Bodies That Matter. On the Discursive Limits of ‚Sex‘, New York, London
1993, S. 95.
23
Butler, Judith, Körper von Gewicht, übers. v. Karin Wördemann, Berlin 1995, S. 10–11.
150 Sara Lennox
Bedeutung von Literatur und Kultur für die Konstruktion sozialer Rea-
lität bestanden, indem sie diese sowohl untermauert als auch transfor-
miert hat. Feministische Literaturwissenschaft hat auch dazu beigetra-
gen, Unterscheidungen zwischen hoher und trivialer Literatur und
zwischen Literatur und anderen Formen kultureller Produktion zu ver-
wischen, da alle Texte nachweislich auf ähnliche Weise die die herr-
schende Ordnung stützenden Diskurse sowohl konstruieren als auch be-
streiten. Aus dieser Perspektive hat der Feminismus eine bedeutende
Rolle gespielt für die grundlegende und andauernde Wandlung der Lite-
raturwissenschaft.
Andererseits ist die feministische Literaturwissenschaft aller Arten ge-
wissermaßen ein Opfer ihres eigenen Erfolges. Die Einblicke in die
Genderkonstruktion, hervorgebracht durch die Entwicklung der femi-
nistischen Wissenschaft, haben allmählich deren eigene frühe Analyse
verunmöglicht, haben sogar den Feminismus als politische Einstellung
extrem schwierig gemacht. Als feministische WissenschaftlerInnen zu-
nehmend erforschten, wie rassische, ethnische, sexuelle und klassenspe-
zifische Unterschiede vorhergehende Modelle genderbezogenen Lesens
und Schreibens ausweiten konnten, mussten sie auch einsehen, dass es
unmöglich war, für eine einzige feministische oder weibliche Perspektive
gegenüber oder innerhalb des literarischen Textes zu argumentieren. Zu-
dem wurde deutlich, dass oftmals weibliche oder selbst feministische Ar-
gumentationen in vielerlei Hinsicht die herrschende Gesellschaftsord-
nung stützten. Mit der wachsenden Akzeptanz gegenüber der politischen
Leitung von Frauen wurde es zunehmend schwieriger zu behaupten, dass
die Perspektive von Frauen ohne weiteres systemdestablisierend, gegen-
hegemonial oder subversiv wirkte, und manchmal schien es, dass, wenn
nicht kombiniert mit anderen oppositionellen Strategien, der Feminis-
mus sich erschöpfen könnte in der Forderung nach dem Zugang aller
Frauen zu Privilegien, die bis dato Männern ihrer eigenen Rasse, Klasse,
Ethnie usw. vorbehalten waren.
Zudem schien der Erfolg von Wissenschaftlerinnen im Hochschul-
sektor und die Institutionalisierung von Frauen- oder Gender Studies
fast notwendigerweise die feministische Wissenschaft von dem feminis-
tischen Aktivismus und von den allgemein-gesellschaftlichen politischen
Kämpfen abzukoppeln, aus denen sie einstmals hervorgegangen war.
Ob Ursache oder Wirkung – nur wenig innovative feministische Litera-
turwissenschaft oder bahnbrechende feministische Theorie wurde in der
letzten Dekade produziert, und die feministische Bewegung ist als poli-
tische Kraft kaum sichtbar.
Feministische Literaturwissenschaft 151
Sowohl in den USA als auch in Deutschland haben sich viele einst füh-
rende feministische LiteraturwissenschaftlerInnen weiterbewegt hin zur
Untersuchung anderer Fragen als der von Gender. Viele Wissenschaftle-
rInnen, die ihre durch den Feminismus erlernten Lektionen bewahren,
untersuchen jetzt andere Formen der Unterwerfung etwa in Texten von
Schwulen oder anders sexuell Abweichenden, rassischen und ethnischen
Minderheiten oder kolonialen und postkolonialen Subjekten, während
sie weiterhin auf den Genderaspekten aller sozialer Erfahrung bestehen.
Optimaler Weise würde eine feministische Literaturwissenschaft, die
ihre unausgeschöpften Potentiale zu expandieren sucht, fortfahren, ihr
Verständnis der Bedeutung von Gender seinen Repräsentationen in spe-
zifischen Zeiten und an spezifischen Orten in einer Interaktion mit tau-
senden anderen Variablen zu verfeinern. Obwohl ihre spezifische Ausbil-
dung in literarischen Lektüren liegt, wären sie ebenso beständig bestrebt,
ihr Verständnis des interdisziplinären Kontextes, aus welchem die Texte
hervorgehen und innerhalb dessen sie gelesen werden, auszuweiten, und
blieben dabei vollkommen au courant mit der Wissenschaft anderer Dis-
ziplinen, deren Gegenstand relevant ist für ihre eigene Arbeit. Gleichzei-
tig würden sie, auf ihre eigene Positionalität genauer achtend, verstehen,
dass ihre Sicht auf Texte (und alles andere) unvermeidlich bestimmt ist
von den epistemologischen Begrenzungen ihrer eigenen sozialen Veror-
tung. Schließlich werden feministische LiteraturwissenschaftlerInnen, der
Gendergleichheit noch immer verpflichtet, die Versuchungen einer einfa-
chen Integration in Mainstream-Institutionen, wie sie von den Macht-
verhältnissen gegenwärtig konfiguriert sind, ablehnen und anerkennen,
dass Gerechtigkeit für Frauen nur durch Gerechtigkeit für alle zu errei-
chen ist, und weiterhin ihre wissenschaftlichen Bemühungen zu Errei-
chung dieses Zieles einsetzen.
6. Kommentierte Auswahlbibliographie
Bußmann, Hadumod / Hof, Renate (Hrsg.), Genus. Zur Geschlechterdiffe-
renz in den Kulturwissenschaften, Stuttgart, 1995.
Sammlung von Beiträgen zur Entwicklung von Gender Studies sowie zur
Bedeutung der Geschlechterdifferenz in der Philosophie, theologischen
Wissenschaft, Sprachwissenschaft, Literaturgeschichtsschreibung, Ka-
nonbildung, Geschichtsschreibung, Musikwissenschaft und ästhetischen
Repräsentation.
152 Sara Lennox
Hof, Renate, Die Grammatik der Geschlechter. Gender als Analysekategorie der
Literaturwissenschaft, Frankfurt a. M. 1995.
Übersicht über die Entwicklung der feministischen Literaturwissenschaft
mit Betonung des Konzepts Gender, der Beziehung zwischen Werk und
AutorIn, geschlechtsspezifischer Rezeption und Dekonstruktion.
Lindhoff, Lena, Einführung in die feministische Literaturtheorie, Stuttgart 1995.
Übersicht über die Entwicklung der feministischen Literaturwissen-
schaft bis zu den frühen 1990er-Jahren mit Schwerpunkt auf der Psycho-
analyse, Lacan, Derrida, Kristeva, Cixous und Irigaray.
Osinski, Jutta, Einführung in die feministische Literaturwissenschaft, Berlin
1998.
Überblick über die Entwicklung der feministischen Literaturwissen-
schaft von ihren Anfängen bis zum Ende der 1990er-Jahre mit Schwer-
punkt auf den US-amerikanisch beeinflussten Gender Studies und einem
Versuch einer Systematik der Untersuchung bedeutender theoretischer
Einflüsse.
Zeitschrift für Germanistik. Schwerpunkt: Gender Studies/Geschlechter-
studien, Neue Folge 9/1999,1.
Beiträge zum Nutzen von Gender Studies für die Literaturwissenschaft,
zum Maskulinismus, zur Androgynie und zu Tendenzen und Perspekti-
ven der deutschspachigen Gender-Forschung; Projektvorstellungen uni-
versitärer Einrichtungen und Besprechungen von wissenschaftlichen
Texten zu Gender- und Frauenstudien.
Bontrop, Hiltrud / Metzler, Jan Christian (Hrsg.), Aus dem Verborgenen
zur Avantgarde. Ausgewählte Beiträge zur feministischen Literaturwissenschaft der
80er Jahre, Hamburg 2000.
Wiederauflage zentraler Essays deutscher feministischer Literaturwis-
senschaftlerinnen, zuerst publiziert in fünf Argument-Verlag-Sammlun-
gen der 1980er-Jahre.
Stephan, Inge, „Literaturwissenschaft“, in: Christina von Braun / Inge
Stephan (Hrsg.), Gender Studien. Eine Einführung, Stuttgart, Weimar 2000,
S. 290–299.
Überblick über die Entwicklung der feministischen Literaturwissen-
schaft und über zentrale Arbeitsfelder der Geschlechterforschung mit
einem Ausblick.
Feministische Literaturwissenschaft 153
Bischoff, Dörte, „Neuere deutsche Literatur. ‚Gender‘ als Kategorie der
Kulturwissenschaft“, in: Claudia Benthien / Hans Rudolf Velten (Hrsg.),
Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einführung in neue Konzepte, Reinbek
2002, S. 298–322.
Identifizierung von Analysefeldern, in denen sich die germanistischen
Gender-Studien mit kulturwissenschaftlichen Fragehorizonten verknüp-
fen, und Untersuchung von Weiblichkeit und Briefkultur im 18. Jahrhun-
dert als Beispiellektüre.
Hotz-Davies, Ingrid, „Feministische Literaturwissenschaft und Gender
Studies“, in: Ralf Schneider (Hrsg.), Literaturwissenschaft in Theorie und Pra-
xis. Eine anglistisch-amerikanistische Einführung, Tübingen 2004, S. 117–139.
Definition der Gender Studies und Verteidigung der Notwendigkeit von
Gender als Kategorie der Literaturanalyse unter Nutzung anglophoner
Beispiele.
von Braun, Christina / Stephan, Inge (Hrsg.), Gender@Wissen. Ein Hand-
buch der Gender-Theorien, Köln 2005.
Essaysammlung, die Gender Studies vorstellt und die relevanten The-
menfelder untersucht sowie Abgrenzungen und Überschneidungen
zwischen Gender Studies, Postmoderne, Queer Studies, postkolonialer
Theorie, Medienwissenschaften und Cultural Studies herausarbeitet.
154 Sara Lennox
Formalismus 155
Formalismus
von ULRICH SCHMID
1. Definition
Der (russische) Formalismus, der in den frühen 1920er-Jahren zur größ-
ten Entfaltung gelangte, markiert den Beginn einer methodisch reflek-
tierten Literaturwissenschaft, die Texte in ihrer ästhetischen Organisa-
tion beschreiben will. Die Formalisten haben eine präzise Terminologie
bereitgestellt, die auch heute noch literarische Phänomene auf adäquate
Weise kategorisieren kann. Die strukturalistischen Analyseverfahren
sind ohne die Vorarbeiten des russischen Formalismus undenkbar.
2. Beschreibung
Der Formalismus versucht, die Literatur als autonomes System zu be-
trachten. Deshalb insistieren die Formalisten auf der ‚Literarizität‘ ihres
Untersuchungsgegenstandes. Darunter verstehen sie jene spezifische
Qualität, die einen literarischen Text aus dem Leben heraushebt. Boris
Tomaˇ sevskij erklärt die Literarizität mit einem anschaulichen Vergleich:
„Es ist möglich, die Elektrizität zu untersuchen, ohne zu wissen, was
sie ist. Und was bedeutet überhaupt die Frage: Was ist Elektrizität? Ich
würde antworten: Sie ist das, was eine Glühbirne zum Leuchten bringt,
wenn sie eingeschraubt wird. Wenn man Phänomene studiert, benötigt
man keine a priori Definition des Wesens der Dinge. Man muss nur ihre
Erscheinungsformen unterscheiden und ihre Verbindungen beschrei-
ben. So untersuchen die Formalisten die Literatur. Sie begreifen die Poe-
tik als eine Disziplin, die literarische Phänomene und nicht das Wesen
der Literatur untersucht“.
1
1
Tomaˇ sevskij, Boris, „Formal’nyj metod. Vmesto nekrologa“, in: Sovremennaja litera-
tura. Sbornik statej, Leningrad 1925, S. 148.
156 Ulrich Schmid
Die Beschränkung auf die Literarizität bedeutet, dass ein literarisches
Kunstwerk nicht in seinen biographischen, kulturellen, geschichtlichen
oder ideologischen Kontexten, sondern in seiner künstlerischen Organi-
sation erklärt werden soll.
Die Formalisten wenden sich gegen „jede mimetische Ästhetik“ und
berücksichtigen das Leben ausschließlich in seiner Relevanz für das lite-
rarische Kunstwerk. So kann etwa der Tod eines Dichters zu einem ‚lite-
rarischen Faktum‘ werden, das seinerseits Eingang in literarische Texte
über dieses Ereignis findet. Die formalistische Terminologie verwendet
zur Denotation des Lebens oft den schwer übersetzbaren russischen Be-
griff ‚byt‘, den Roman Jakobson als „Erstarren des Lebens in engen, ver-
knöcherten Schablonen“ und „Bewachsen mit geistig unbeweglichem
Kram“
2
definiert. Diese negative Konnotation des ‚byt‘ wird von den
Formalisten oft als Kontrastfolie für die spezifischen Erkenntnisleistun-
gen des literarischen Kunstwerks eingesetzt.
Im ‚byt‘ dominiert die automatisierte Wahrnehmung: Alle Phänomene
der Welt werden wie selbstverständlich als gegeben und unveränderbar
hingenommen. Die Kunst hingegen verfremdet die Alltagsoptik und
weist auf das Konstruierte, Unnatürliche und Falsche des ‚byt‘ hin. Mehr
noch: Die Kunst wird dem Leben vorgeordnet und entwickelt einen kul-
turrevolutionären Impetus. Ein berühmtes Beispiel für diese Entauto-
matisierung der Wahrnehmung bietet Lev Tolstojs Erzählung Leinwand-
messer, in dem sich ein Pferd darüber wundert, dass die Menschen mit
dem Possessivpronomen ‚mein‘ Eigentumsverhältnisse bezeichnen. Die
spezifische Leistung der Kunst liegt für die Formalisten also im verfrem-
denden Blick auf den ‚byt‘. Die ‚Verfremdung‘ darf als wichtigstes Ver-
fahren für die kategoriale Trennung von Kunst und Leben gelten. Eine
maximale Steigerung erfährt die Verfremdung in der ‚Entblößung des
Kunstgriffs‘: Ein literarisches Werk kann seine eigene ästhetische Orga-
nisation zum Thema machen, wie dies etwa in Hermann Brochs Metho-
dologischer Novelle (1918) auf prominente Weise geschieht.
Ähnlich verhält es sich mit der Dominanz der Kausalität im ‚byt‘: Das
alltägliche Leben ist determiniert von privaten, gesellschaftlichen und
politischen Rahmenbedingungen, während im literarischen Kunstwerk
die Teleologie vorherrscht. Jedes Element eines Textes ist genau auf
einen ästhetischen Effekt ausgerichtet, oder negativ formuliert: Es gibt
2
Jakobson, Roman, „Von einer Generation, die ihre Dichter vergeudet hat“, in:
ders., Poetik. Ausgewählte Aufsätze 1921–1971, Frankfurt a. M. 1979, S. 158–191,
hier S. 164.
Formalismus 157
im literarischen Kunstwerk keine Zufälle. Im Gegensatz zum Leben ist
die Kunst auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet. Genau diesen Unter-
schied hat etwa Anton C
ˇ
echov im Auge, wenn er fordert, dass ein Ge-
wehr, das im ersten Akt eines Stücks an der Wand hänge, im letzten auch
losgehen müsse.
Das Leben bietet mithin nur das Material, das von der Kunst in einem
bestimmten Verfahren für ihre eigenen Zwecke aufbereitet werden muss.
Die formalistische Literaturinterpretation richtet deshalb ihre Aufmerk-
samkeit auf die Faktur, auf die Gemachtheit des Textes. Dabei wird zwi-
schen dem Sujet und der Fabel unterschieden. Der Begriff ‚Fabel‘ bezeich-
net das Rohmaterial eines literarischen Kunstwerks, der Begriff ‚Sujet‘
bezieht sich auf das definitive künstlerische Arrangement der Fabel-
elemente.
3
Berühmte formalistische Einzelanalysen konzentrieren ihr
Erkenntnisinteresse genau auf diesen Aspekt. Von Boris E
˙
jchenbaum
stammt der programmatische Aufsatz mit dem Titel Wie Gogol’s ‚Mantel‘
gemacht ist, Viktor S
ˇ
klovskij beschäftigt sich mit dem ProblemWie Don Qui-
jote gemacht ist. Beiden Formalisten geht es gerade nicht um eine produk-
tionsästhetische Untersuchung der genannten literarischen Werke. In den
zwei Arbeiten kommen die Autoren der analysierten Werke nicht vor. Als
literaturwissenschaftlicher Gegenstand rücken einzig und allein die stilisti-
schen und kompositorischen Verfahren der Textorganisation in den Blick.
Die ‚Autorfeindlichkeit‘ des Formalismus muss allerdings cum grano
salis genommen werden. Es gibt eine Reihe von formalistischen Unter-
suchungen, in denen eine einzelne Autorpersönlichkeit im Zentrum des
Interesses steht. Zu nennen sind hier etwa Boris E
˙
jchenbaums Arbeiten
über Tolstoj oder Jurij Tynjanovs Romane über russische Dichter des
frühen 19. Jahrhunderts. In aller Deutlichkeit hat Boris Tomaˇ sevskij die-
ses Problem in seinem Aufsatz Literatur und Biographie formuliert. Toma-
ˇ sevskij unterscheidet scharf zwischen Kulturgeschichte und Literaturge-
schichte. Für die Kulturgeschichte ist die gesamte Biographie eines
Autors relevant. Die Literaturgeschichte hingegen soll nur insofern auf
den Autor Rücksicht nehmen, als dieser selbst seine Biographie zu einer
literarisch wahrnehmbaren Legende umgeformt und damit als Interpre-
tationshintergrund für seine Werke einkalkuliert hat.
4
3
Unglücklicherweise fällt die deutsche umgangsprachliche Verwendung von ‚Sujet‘
(„Das Sujet von E.T. ist die Landung eines Außerirdischen“) mit dem formalisti-
schen ‚Fabel‘-Begriff zusammen.
4
Vgl. Tomaˇ sevskij, Boris, „Literatur und Biographie“, in: Fotis Jannidis u. a. (Hrsg.),
Texte zur Theorie der Autorschaft, Stuttgart 2000, S. 49–64.
158 Ulrich Schmid
Das spezifische Erkenntnisinteresse des Formalismus bevorzugt eine
synchrone Literaturbetrachtung. Texte werden nicht in erster Linie als
historisch gewordene, sondern als ästhetisch organisierte Gebilde wahr-
genommen. Gegen diese Einseitigkeit wandte sich vor allem Jurij Tynja-
nov, der eine wichtige Theorie der literarischen Evolution entwarf. Dabei
wich er auf produktive Weise vom Prinzip ab, dass sich die formalistische
Interpretation nur mit der ‚Literarizität‘ eines Werks befassen dürfe. Tyn-
janov untersuchte die komplexen Wechselwirkungen zwischen Literatur
und außerliterarischem Leben und wies etwa darauf hin, dass die klassi-
zistische Ode auf den mündlichen Vortrag ausgerichtet gewesen sei. Zu
Beginn des 19. Jahrhunderts habe sich dieses Genre „verschlissen“; Oden
seien nur noch zu bestimmten außerliterarischen Zwecken, z. B. für Gra-
tulationen, einsetzbar gewesen.
5
Aus solchen Beobachtungen leitete Tyn-
janov generelle Gesetze zur Beschreibung der literarischen Evolution ab.
Er setzte mit einer allgemeinen Kritik der Literaturgeschichte ein, die er
als Geschichte der Generäle bezeichnete: Nur kanonisierte Autoren seien
vertreten, die traditionelle Literaturgeschichte spiegle überhaupt nicht
den Reichtum und die Vielfalt der Literatur in einer bestimmten Epoche.
Außerdem gehe die Literaturgeschichte von der Illusion aus, die Literatur
entwickle sich stetig, das Neue entstehe organisch aus dem Alten.
Tynjanov verortet jeden Text zweifach: einerseits im literarischen Sys-
tem seiner Gegenwart, andererseits in der diachronen Reihe seines Gen-
res. Der Literaturhistoriker muss immer beide Aspekte im Auge behalten.
Jede Epoche stellt ein Genre in ihren Mittelpunkt: Der Klassizismus
die Tragödie, die Romantik das Poem, der Realismus den Roman usw. Mit
der Zeit verliert aber jedes Genre seine verfremdene Wirkung und sinkt
in die Epigonalität ab. Deshalb wird das dominante Genre nicht durch
etwas abgelöst, das sich organisch aus dem Vorhergehenden entwickelt.
Der entscheidende Motor der literarischen Evolution liegt in der abrup-
ten Setzung von etwas ganz Neuem, Unerhörtem, das über eine ungebro-
chene Verfremdungsfähigkeit verfügt. Für Tynjanov präsentiert sich die
Literaturgeschichte mithin als Tradition des Traditionsbruchs. Wenn ein
bestimmter Kunstgriff zu oft eingesetzt wird, verliert er seine Innova-
tionskraft und wird zum Gegenstand einer literarischen Parodie. Gleich-
zeitig rücken bisher marginale literarische Formen ins Zentrum des Gen-
resystems. Die Formalisten nennen diesen Vorgang ‚Kanonisierung der
5
Vgl. Tynjanov, Jurij, „Über die literarische Evolution“, in: Jurij Striedter (Hrsg.),
Russischer Formalismus. Texte zur allgemeinen Literaturtheorie und zur Theorie der Prosa,
München 1988, S. 433–461, hier S. 453.
Formalismus 159
Seitenlinie‘: Der Albumvers des Klassizismus wird in der Romantik als
lyrisches Kurzgedicht zum dominanten Genre, Dostoevskij gibt mit Ver-
brechen und Strafe dem Kriminalroman die Würde einer literarischen
Norm, C
ˇ
echov führt Elemente der Farce in die Novellengattung ein.
Tynjanov gab der Theorie der literarischen Evolution wertvolle Im-
pulse, allerdings gelang es ihm nicht, Tempo und Richtung mit hinrei-
chender Klarheit zu benennen. Weitere Fortschritte in dieser Hinsicht
bringt erst die Rezeptionsästhetik (Ingarden, Mukaˇrovsk´ y, Jauss).
3. Institutionsgeschichtliches
Der Formalismus entwickelte sind in den Jahren nach 1915 in den bei-
den russischen Hauptstädten. In St. Petersburg schlossen sich Boris
E
˙
jchenbaum, Viktor S
ˇ
klovskij, Jurij Tynjanov und andere zur Gesellschaft
zur Erforschung der poetischen Sprache zusammen (Opojaz). In Moskau for-
mierte sich ein linguistischer Zirkel, dem u. a. Roman Jakobson, Petr
Bogatyrev und Grigorij Vinokur angehörten. Beide Organisationen
hatten nur einen informellen Charakter und lösten sich zu Beginn der
1920er-Jahre auf. Der Opojaz wurde in das staatliche Institut für Kunst-
geschichte in Leningrad integriert, der Moskauer linguistische Zirkel
verlor 1920 durch Jakobsons und Bogatyrevs Emigration nach Prag
zwei führende Köpfe. Um 1930 verschwand der Formalismus aufgrund
ideologischer Anfeindungen aus dem öffentlichen Diskurs der Stalin-
zeit.
Die Bezeichnung ‚Formalismus‘ wurde dieser literaturwissenschaft-
lichen Schule, die über einen eher lockeren Zusammenhang verfügte,
von ihren Kritikern verliehen. Die Formalisten selbst wiesen immer
wieder darauf hin, dass sie ‚Form‘ nicht als Gegensatz zum Begriff ‚In-
halt‘ verstanden wissen wollten, sondern als künstlerisches Organisa-
tionsprinzip. Besonders vehement lehnten die Formalisten die Auffas-
sung ab, dass die Form eine Art Gefäß darstelle, in die ein Inhalt
gegossen werde.
Der Formalismus entstand nicht im luftleeren Raum. Er ist als theore-
tischer Ansatz eng mit der literarischen Entwicklung in Russland zu Be-
ginn des 20. Jahrhunderts verbunden. Zwar polemisierte Viktor S
ˇ
klovskij
heftig gegen die Ästhetik des russischen Symbolismus, weil er meinte, dass
die Kunst dort zu einem Erkenntnisinstrument degradiert werde. In der
Tat hatten die Symbolisten die Kunst mit einer Alabastervase verglichen,
in der das Licht der reinen Wahrheit brenne. Prominente Symbolisten hat-
160 Ulrich Schmid
ten die Aufgabe der Kunst darin gesehen, den Menschen von den „realia“
zu den „realioria“ zu führen.
6
Solche Metaphern mussten den Formalis-
ten, die das Kunstwerk selbst als höchsten Zweck der Kunst betrachteten,
in der Tat fremd erscheinen. Gleichwohl verdankt die formalistische
Theoriebildung der symbolistischen Ästhetik viel: Auch die Symbolisten
insistierten auf der Autonomie der poetischen Sprache. Wichtige symbo-
listische Dichter wie Valerij Brjusov und Andrej Belyj legten verstheoreti-
sche Arbeiten vor, die in ihrem Erkenntnisinteresse und in ihrer Durch-
führung durchaus formalistisch genannt werden können. Umgekehrt
baute Aleksandr Blok die ästhetische Wirkung seines Kurzdramas Die
Schaubühne (1906) ganz auf dem Prinzip der Verfremdung auf.
Eine ungleich stärkere Affinität verband den Formalismus mit dem
Futurismus. Hier ergänzten sich Theorie und Praxis in idealer Weise. Der
junge Roman Jakobson verfasste selbst futuristische Dichtungen, bevor
er sich der theoretischen Erfassung der poetischen Sprache zuwandte.
Die Vorliebe futuristischer Dichter für Neologismen deckt sich mit dem
formalistischen Verfremdungsbegriff: Wenn Aleksandr Kruˇ cenych sein
berühmtes gegenstandsloses Gedicht dyr bul ˇsˇcyl schreibt, das auch im
Russischen nichts bedeutet, dann setzt er das formalistische Ideal einer
nicht-mimetischen Literatur um.
Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Futurismus und Formalis-
mus liegt in ihrer Vorliebe für Manifeste. Beide Richtungen wenden sich
in aller Schärfe gegen die Fehler der Tradition und propagieren mit
Verve ihre eigenen Prinzipien. Berühmt geworden ist die Neun-Punkte-
Erklärung von Jurij Tynjanov und Roman Jakobson zu den Problemen
der Sprach- und Literaturwissenschaft aus dem Jahr 1928. Bereits Viktor
S
ˇ
klovskijs berühmte Aufsätze Die Auferweckung des Worts (1914) und Kunst
als Kunstgriff (1916) weisen alle Merkmale von Programmschriften auf:
Sie setzen mit einer radikalen Kritik des Status quo ein, gehen dann zu
einer Explikation der eigenen Position über und enden mit einem Auf-
ruf.
Auch die Malerei der Avantgardekunst weist bedeutende Parallelen
zum Formalismus auf. Die Begeisterung für primitive und ursprüngliche
Formen, die Absage an die Mimesis und die Revolutionierung der Per-
spektivik können als verfremdende Praktiken verstanden werden.
Wissenschaftsgeschichtlich basiert der Formalismus vor allem auf
den Erkenntnissen der strukturalen Linguistik, die zu Beginn des
6
Vgl. Schmid, Ulrich, Fedor Sologub. Werk und Kontext, Bern 1995, S. 29–43.
Formalismus 161
20. Jahrhunderts von Ferdinand de Saussure in Genf entwickelt wurde.
Besonders wichtig war die relationale Betrachtungsweise, die den Wert
eines Elements nicht als absolute Setzung, sondern als Resultat aller Be-
ziehungen zu den übrigen Elementen des Systems auffasste.
Bedeutende Impulse kamen überdies von der Phänomenologie. Hus-
serl wandte sich gegen die positivistische Auffassung, dass nur Erfahrung
Wissen generieren könne. Er forderte eine Rückkehr „zu den Sachen
selbst“, allerdings nicht zu den singulären, realen Gegenständen, sondern
zu den „irrealen“ Phänomenen, die gerade aufgrund ihrer Wirklichkeits-
enthobenheit in ihrem innersten Wesen erkannt werden. Husserls er-
kenntnistheoretischer Optimismus basiert auf einer konsequenten „Ent-
realisierung“ der Welt: Die Gegenstände der konkreten Wirklichkeit sind
nicht selbständig, sondern existieren nur als Korrelate eines reinen Be-
wusstseins. Deshalb traut Husserl der Phantasie höhere Wahrheitschan-
cen zu als der Erfahrung und bezeichnet die Fiktion als „Lebensele-
ment“ der Phänomenologie. Die Parallelen zwischen Formalismus und
Phänomenologie reichen bis in einzelne Analysekategorien hinein: Zu
nennen sind hier etwa die Begriffe ‚Motivation‘ (‚motivirovka‘) und ‚Ein-
stellung‘ (‚ustanovka‘). Eine weitere Gemeinsamkeit liegt in der Ableh-
nung der Psychologie: Die Formalisten wollten sich von problematischen
subjektivistischen Begriffen wie der Autorintention oder dem Leser-
eindruck emanzipieren, Husserl löste die individuelle Erfahrung im Pos-
tulat eines transzendentalen Ich auf.
7
In den 1920er-Jahren geriet der Formalismus in immer schärferen
Gegensatz zum Marxismus. Zunächst gab es durchaus Berührungs-
punkte. In beiden Denksystemen spielte der handelnde Mensch als Ak-
teur eine untergeordnete Rolle. Die historische Evolution der Gesell-
schaftssysteme im Marxismus und die literarische Evolution der Genres
im Formalismus gehorchen gleichermaßen abstrakten Gesetzen, die
nicht von Individuen kontrolliert werden. Nach der Revolution wollten
sowohl der Marxismus als auch der Formalismus die Rolle der Kunst
nach streng wissenschaftlichen Grundsätzen neu definieren. Boris
E
˙
jchenbaum ging in seinem Aufsatz 5=200 (1922) so weit, die Revolu-
tion und die Literaturwissenschaft als sich gegenseitig stützende Größen
zu bezeichnen. Viele herausragende Formalisten standen den marxisti-
schen Zeitschriften LEF und Novyj LEF nahe. Genau aus dieser struk-
7
Vgl. Hansen-Löve, Aage A., Der russische Formalismus. Methodologische Rekonstruktion
seiner Entwicklung aus dem Prinzip der Verfremdung, Wien 1978, S. 181.
162 Ulrich Schmid
turellen Ähnlichkeit ergab sich später die ideologische Konkurrenz zwi-
schen Marxismus und Formalismus.
8
Die eigentliche Konfrontation beider Schulen fand in den späten
1920er-Jahren statt. 1923 gab Lev Trockij den Formalismus zum Ab-
schuss frei. In einem längeren Artikel für die Pravda, den er im gleichen
Jahr auch in sein Buch Literatur und Revolution integrierte, griff er den For-
malismus scharf an. Trockijs besonderen Ärger erregte die formalistische
Trennung von Leben und Literatur. Trockij wies darauf hin, dass der
Dichter von seiner sozialen Umwelt determiniert sei und den Stoff für
seine Literatur nur im Leben finden könne. Trockij beendete seinen Auf-
satz mit einem vernichtenden Verdikt: „Die formale Schule ist eine von
Stubengelehrten präparierte Frühgeburt des Idealismus, auf die Fragen
der Kunst angewandt. Auf den Formalisten liegt das Siegel eines frührei-
fen Popentums. Sie sind Johanniter, für sie war im Anfang das Wort.
Aber für uns war im Anfang die Tat. Das Wort folgte ihr nach als ihr laut-
licher Schatten“.
9
Der sowjetische Kulturminister Anatolij Lunaˇ carskij denunzierte in
einem Referat aus dem Jahr 1924 den Formalismus als Ausdruck eines
bourgeoisen Kunstverständnisses und kündigte einen entscheidenden
Kampf zwischen Marxismus und Formalismus an.
10
Gemäßigter äußerte sich im Jahr 1925 Nikolaj Bucharin, der die wis-
senschaftlichen Leistungen des Formalismus anerkannte, aber forderte,
dass man das Phänomen Kunst dialektisch verstehen müsse, d. h. die
Funktion der Kunst im Leben nicht vernachlässigen dürfe.
11
1928 erschien Pavel Medvedevs Buch Die Formale Methode in der Litera-
turwissenschaft. Medvedev warf den Formalisten vor, das Kunstwerk vom
subjektiven Bewusstsein und damit auch aus seiner ideologischen und
sozialen Bindung herauszulösen. Das Verhältnis zwischen Literatur und
Leben werde ganz einseitig gefasst, kritisierte Medvedev weiter. Zwar
könne ein wirklicher Tatbestand ein literarisches Faktum werden, damit
werde aber seine Alltagsbedeutung gewissermaßen annulliert. Dieses
8
Vgl. Tihanov, Galin, „When Eurasianism met Formalism. An Episode from the
History of Russian Intellectual Life in the 1920s“, in: Die Welt der Slaven, 48/2003,
S. 359–382, hier S. 368ff.
9
Trotzki, Lev, „Die Formale Schule der Dichtung und der Marxismus“, in: ders.,
Literaturtheorie und Literaturkritik, München 1973, S. 100–118, hier S. 118.
10
Vgl. Lunaˇ carskij, Anatolij, „Der Formalismus in der Kunstwissenschaft“, in: Hans
Günther (Hrsg.), Marxismus und Formalismus. Dokumente einer literaturtheoretischen
Kontroverse, Frankfurt a. M., Berlin, Wien 1976, S. 83–95.
11
Vgl. Bucharin, Nikolaj, „Über die formale Methode in der Kunst“, in: ebd., S. 65.
Formalismus 163
„Aufsaugen“ des Lebens durch die Literatur werde diesem Prozess nicht
gerecht, der eher als eine Art Überlagerung von fiktionalen und realen
Bedeutungen gefasst werden müsse. Medvedevs intelligente Kritik war
in der ersten Ausgabe des Buchs noch von einer Wertschätzung für den
Formalismus getragen: „Der Formalismus hat insgesamt eine fruchtbare
Rolle gespielt. Er hat es verstanden, die wesentlichsten Fragen der Lite-
raturwissenschaft auf die Tagesordnung zu setzen“.
12
Bereits in der
zweiten Ausgabe von 1934 fehlen diese anerkennenden Worte. Das Vor-
wort setzt mit einem gehässigen Angriff ein: „In unserem kampferfüll-
ten und angespannten ideologischen Leben kommt der Entlarvung ver-
schiedener antimarxistischer literaturwissenschaftlicher und ästhetischer
Konzeptionen ein beachtlicher Platz zu“.
13
Die Hetze gegen die Formalisten ging so weit, dass Viktor S
ˇ
klovskij in
einem Artikel in der Literaturnaja gazeta vom 27. Januar 1930 Selbstkritik
üben und den Formalismus als „wissenschaftlichen Irrtum“ bezeichnen
musste.
Spätestens mit der Durchsetzung des sozialistischen Realismus als
der einzig gültigen Kunstdoktrin der Sowjetunion im Jahr 1934 wurde
der Begriff ‚Formalismus‘ zur ideologischen Kampfvokabel, mit der alle
missliebigen Erscheinungen der Kunstproduktion und -interpretation
diffamiert werden konnten.
Pavel Medvedev gehörte zum Kreis um Michail Bachtin. Bis heute ist
ungeklärt, ob sein Formalismus-Buch nicht von Bachtin selbst verfasst
wurde. Jedenfalls ist Bachtins Verhältnis zum Formalismus von einer
ähnlichen Ambivalenz geprägt. Bachtin versteht seinen eigenen Ansatz
als Metalinguistik: Er will die stilistischen Regeln des Einsatzes ver-
schiedener Stimmen im Text untersuchen. Berühmt geworden ist seine
Analyse der Gerichtetheit des Worts in Dostoevskijs Romanen. Darin
kommt er einem formalistischen Erkenntnisinteresse sehr nahe: Auch
die Formalisten untersuchen die ästhetischen Implikationen, die sich aus
der perspektivierten Wahrnehmung einer Handlungsfigur in einem nar-
rativen Text ergeben. Eine weitere Gemeinsamkeit liegt im gesteigerten
Interesse für die künstlerische Funktion der Parodie: Für S
ˇ
klovskij ist die
Parodie ein Prüfstein für seine Verfremdungstheorie, während Tynjanov
auf der Parodie eine literarische Evolutionstheorie aufbaut. Michail
12
Medvedev, Pavel, Formal’nyj metod v literaturovedenii. Kritiˇceskoe vvedenie v sociologiˇces-
kuju po˙etiku, Leningrad 1928, S. 232.
13
Medvedev, Pavel, Formalizm i formalisty, Leningrad 1934, S. 7.
164 Ulrich Schmid
Bachtin sieht in der Parodie den stilistischen Keim der Polyphonie, die
aus seiner Sicht für den Roman konstitutiv ist.
Gleichzeitig lassen sich aber auch tiefgreifende Unterschiede zwi-
schen Bachtin und den Formalisten feststellen. Bachtin verfolgt zu-
nächst kein genuin literaturwissenschaftliches Interesse. Ihn interessiert
die Ethik, die aber bei den Formalisten konsequent ausgeblendet wird.
Gerade Bachtins frühe Arbeiten zum Verhältnis zwischen Autor und
Held sind von einem moralischen Pathos getragen. Der Text ist für
Bachtin keine autonome Wirklichkeit, sondern ein fiktionales Modell für
das Leben, in dem Beziehungen zwischen Menschen gewissermaßen als
Laborexperiment durchgespielt werden können.
14
4. Publikationen
Als Kernschrift des russischen Formalismus darf Viktor S
ˇ
klovskijs Auf-
satz Kunst als Kunstgriff (1916) gelten. S
ˇ
klovskij grenzt den alltäglichen
Sprachgebrauch vom künstlerischen Sprachgebrauch ab. Die Alltags-
sprache diene als Kommunikationsmittel und bemühe sich deshalb, ihre
Inhalte so ökonomisch wie möglich zu formulieren. Im Gegensatz dazu
bevorzuge die dichterische Sprache die „erschwerte Form“. Die Dich-
tung wolle damit die Aufmerksamkeit vom Bezeichneten auf das Be-
zeichnende, mithin auf sich selbst lenken. Kunst ist für S
ˇ
klovskij in erster
Linie Wortkunst, sie dient gerade nicht als Transportmittel für einen au-
ßerliterarischen ästhetischen Inhalt. Das sorgfältig gestaltete Kunstwerk
sei vielmehr dieser Inhalt selbst. Zentrale Bedeutung kommt dem Be-
griff der ‚Verfremdung‘ zu. Kunst solle die alltägliche, automatisierte
Wahrnehmung ausschalten und zu einem neuen Sehen führen. In diesem
Sinne sei das literarische Kunstwerk eine Schule des Erkennens. Die
Aufgabe der Literaturwissenschaft bestehe nun darin, in der künstleri-
schen Organisation des Textes jene Elemente aufzuspüren, die das neue
Sehen ermöglichen.
Später hat Viktor S
ˇ
klovskij sein technizistisches Literaturverständnis
weiter präzisiert: „Wer Schriftsteller werden will, muss ein Buch ebenso
aufmerksam betrachten, wie ein Uhrmacher eine Uhr oder ein Chauf-
feur ein Auto. Autos werden üblicherweise wie folgt untersucht: Die
14
Vgl. Tihanov, Galin, „Formalisty i Bakhtin. K voprosu o preemstvennosti v russ-
kom literaturovedenii“, in: P. A. Nikolaev (Hrsg.), Literaturovedenie na poroge XXI
veka, Moskva 1998, S. 64–71.
Formalismus 165
dümmsten Leute gehen zum Auto und drücken auf den Ballon der
Hupe. Das ist der erste Grad der Dummheit. Leute, die ein bisschen
mehr verstehen, ihre Kompetenz aber überschätzen, kommen zum Auto
und spielen mit dem Ganghebel. Das ist ebenfalls dumm und schlecht,
weil man nicht mit Dingen spielen sollte, für die ein anderer Arbeiter
verantwortlich ist. Ein vernünftiger Mann untersucht das Auto einge-
hend und findet heraus, was wozu dient. Warum hat das Auto soviele Zy-
linder und warum hat es große Räder, wo ist das Getriebe, warum läuft
das Heck in einem spitzen Winkel zu und warum ist der Kühler nicht
lackiert? So muss man lesen“.
15
Eine formalistische Musterinterpretation bietet Boris E
˙
jchenbaum
in seinem Aufsatz Wie Gogol’s ‚Mantel‘ gemacht ist (1918). E
˙
jchenbaum stellt
den Begriff des ‚skaz‘ in das Zentrum seiner Ausführungen. Unter ‚skaz‘
verstehen die Formalisten die Orientierung des Erzähltextes auf die
mündliche Rede. Dadurch erhält das Werk eine bestimmte sprachliche
Einfärbung, die als Kontrastfolie für alle anderen Redestile dient. E
˙
jchen-
baum stellt die These auf, dass die Handlung von Gogols berühmter Er-
zählung nur den Vorwand bietet, verschiedene Redestile gegeneinander
auszuspielen. Das Sujet des ‚Mantels‘ wird also nicht von einer dramati-
schen, sondern von einer rhetorischen Notwendigkeit diktiert.
Jurij Tynjanovs wichtigster Beitrag zum Formalismus liegt in seinen
Aufsätzen Das literarische Faktum (1924) sowie Die literarische Evolution
(1927). In beiden Texten formuliert Tynjanov die Gesetze der Entwick-
lung von Stilepochen. Die Literaturgeschichte wird als dynamisches Sys-
tem begriffen, in dessen Zentrum jeweils ein dominantes Genre steht.
Zu jedem Zeitpunkt lässt sich die literarische Werthierarchie des Systems
bestimmen. Das dominante System wird von „Archaisten“ gestützt,
steht aber auch unter künstlerischem Dauerfeuer der „Neuerer“. Tynja-
nov beschreibt die literarische Evolution am Beispiel des Briefs. Im
18. Jahrhundert ist der Brief noch ein privates Dokument, das keine Be-
ziehung zur Literatur aufweist. Bei Karamzin, Puˇ skin und Dostoevskij
wird dann der Brief zu einem „literarischen Faktum“, er wird in das Sys-
tem der Literatur integriert und nach literarischen Gesichtspunkten
geschrieben und gelesen. Die literarische Kanonisierung des Briefs ist
allerdings nicht endgültig, in späteren Epochen sinkt der Brief wieder
ins außerliterarische Leben ab. Die literaturgeschichtliche Dynamik des
Briefs kann mutatis mutandis auf die meisten literarischen Genres ange-
15
S
ˇ
klovskij, Viktor, Technika pisatel’skogo remesla, Moskva 1928, S. 7f.
166 Ulrich Schmid
wandt werden. Tynjanov versteht die literarische Evolution vor allem als
Geschichte der Ablösung verschiedener Systeme und nicht als Tradition.
Der Formalismus hat eine besondere Affinität zu folkloristischen Tex-
ten, die keinen konkreten Autor aufweisen, sondern mündlich überliefert
werden. Berühmt geworden ist Vladimir Propps Morphologie des Märchens
aus dem Jahr 1928. Für Propp ist das Märchen kein Phänomen der Lite-
ratur, sondern der Sprache. Er betrachtet die Gesamtheit der russischen
Zaubermärchen als ein System, das aufgrund bestimmter Regeln aus
einer beschränkten Anzahl von Figuren- und Handlungsmustern eine
unbeschränkte Anzahl von Texten generieren kann. Propp reduziert das
Personeninventar des Zaubermärchens auf sieben Aktantentypen (Held,
scheinbarer Held, Antagonist, Entsender, Geber, Helfer, Königin).
Diese Aktanten können in 31 verschiedenen Handlungsformen auftre-
ten (z. B. Verbot, Erhalt eines Zaubermittels, Auszug, Rückkehr, Trans-
figuration, Hochzeit usw.). Propp bezieht sich ausdrücklich auf Goethes
Morphologiebegriff (von Goethe stammen auch die Epigraphen zu den
einzelnen Kapiteln der Morphologie des Märchens). Claude Lévi-Strauss kri-
tisierte 1960, dass Propp eine rein textimmanente Analyse vorgelegt
hatte, ohne auf den ethnographischen Kontext Rücksicht zu nehmen.
Propp verteidigte sich mit dem Hinweis darauf, dass ähnliche folkloris-
tische Schemata in ganz unterschiedlichen Kulturzusammenhängen auf-
treten können und sich hinsichtlich ihrer narrativen Ausdifferenzierung
überhaupt nicht an die historische Genealogie halten müssen.
Eine Sonderstellung im russischen Formalismus nimmt Viktor Z
ˇ
ir-
munskij ein. Sein komparativistisches Erkenntnisinteresse trennt ihn
von den Formalisten, deren Methodologie er jedoch in zahlreichen
Punkten nahe steht. So stellt das literarische Kunstwerk auch für Z
ˇ
ir-
munskij ein geschlossenes System von poetischen Verfahren dar, die auf
einen bestimmten ästhetischen Effekt gerichtet sind. Allerdings wandte
sich Z
ˇ
irmunskij gegen die formalistische Beschränkung des Textes auf
seine ‚Literarizität‘. Er erweiterte die formalistischen Grundkategorien
‚Material‘ und ‚Kunstgriff‘ um den Begriff des ‚Stils‘. Er forderte vor al-
lem für die Erklärung der literarischen Evolution die Berücksichtigung
breiterer kultureller Kontexte, die für die Einzeltexte stilbildend wirken.
Als ‚Stil‘ eines Kunstwerks bezeichnete Z
ˇ
irmunskij jene ästhetische Ein-
heit, die als teleologisches Konstruktionsprinzip den literarischen Text
dominiert. In weit gehender Übereinstimmung mit den Formalisten
wusste sich Z
ˇ
irmunskij auch in seiner Konzeptualisierung des Verhält-
nisses von Form und Inhalt, die für ihn untrennbar miteinander verbun-
den waren. Er kritisierte indes die maximalistische Position S
ˇ
klovskijs,
Formalismus 167
der den Inhalt nur als einen Aspekt der Form verstand. Dabei verwies
Z
ˇ
irmunskij auf den „philosophisch-poetischen Synkretismus“ etwa von
Nietzsches Zarathustra, dessen Poetik sowohl hinsichtlich Thematik als
auch hinsichtlich Komposition beschrieben werden müsse. Verallgemei-
nernd hielt Z
ˇ
irmunskij fest, dass ein Kunstwerk sich nicht in seiner äs-
thetischen Qualität erschöpfe, sondern darüber hinaus philosophische,
moralische oder religiöse Wirkungen entfalte.
5. Fachgeschichtliche Einordnung
Die Bedeutung des russischen Formalismus für die literaturwissenschaft-
liche Theoriebildung im 20. Jahrhundert kann kaum überschätzt werden.
Besondere Relevanz kommt vor allem dem hohen methodologischen
Reflexionsgrad der formalen Schule zu. Erst durch die Offenlegung und
die damit verbundene Überprüfbarkeit der zentralen Analysekategorien
gelang der quellenorientierten Philologie des 19. Jahrhunderts der Schritt
zur modernen Literaturwissenschaft.
Obwohl der Formalismus selbst nicht im strengen Sinne des Wortes
strukturalistisch vorgeht (d. h. Oppositionen bildet und Taxonomien er-
stellt), bauen alle strukturalistischen Ansätze auf dem russischen Forma-
lismus auf. Die wichtigste personelle Verbindung zwischen dem Forma-
lismus und dem Strukturalismus bildet Roman Jakobson, der 1926 nach
dem Vorbild des Moskauer linguistischen Zirkels den Prager Zirkel
gründete. Der entscheidende Fortschritt gegenüber der formalistischen
Theoriebildung bestand in einer doppelten Erweiterung des Instrumen-
tariums: Zum einen führte der Prager Strukturalismus kultursemiotische
Gesichtspunkte in die Betrachtung ein, zum anderen wurde das literari-
sche Kunstwerk nicht mehr als „Summe aller Kunstgriffe“ (S
ˇ
klovskij),
sondern als funktionales Gebilde aufgefasst. Jakobson versucht in seinen
literaturwissenschaftlichen Arbeiten im Exil, möglichst viele Aspekte
der Bedeutungskonstitution eines Textes zu berücksichtigen. Jakobson
unterstrich vor allem die Autonomie der ästhetischen Funktion eines
literarischen Kunstwerks, die allerdings auch mit anderen (politischen,
dokumentarischen usw.) Funktionen gepaart sein konnte. Damit setzte
er sich ab von der einseitigen formalistischen Betonung der Literarizität
des Kunstwerks.
Auch der französische Strukturalismus ist weitgehend vom russi-
schen Formalismus beeinflusst. Eine wichtige Rolle spielt hier die Ver-
mittlungstätigkeit von bulgarischen Literaturwissenschaftlern wie Tsve-
168 Ulrich Schmid
tan Todorov oder Julia Kristéva, die in Frankreich tätig wurden. Ein
formalistischer Grundgestus lässt sich etwa in Roland Barthes minutiö-
ser Studie S/Z beobachten, in der eine kurze Balzac-Erzählung Satz für
Satz ausschließlich auf ihre textuelle Organisation hin untersucht wird.
Weiter ist auf Jurij Lotmans Kultursemiotik hinzuweisen, die eben-
falls auf den Methoden des Formalismus aufbaut. Lotman hatte selbst
1939 in Leningrad bei ehemaligen Mitgliedern der formalen Schule stu-
diert. Lotmans innovative Leistung besteht darin, dass er den Textbe-
griff auf die Kultur ausweitet und sich mit der Übersetzbarkeit zwischen
verschiedenen „Kulturtexten“ beschäftigt. Lotmans ausgeprägtes Inte-
resse für kulturelle Phänomene hat Efim ˙ Etkind veranlasst, den sowjeti-
schen Strukturalismus scherzhaft als „Formalismus mit menschlichem
Antlitz“ zu charakterisieren.
16
Die formalistische Evolutionstheorie hat noch viel zu wenig Eingang
in die Theorie und Praxis der Literaturgeschichtsschreibung gefunden,
die sich nach wie vor allzu oft in der positivistischen Aneinanderreihung
von Autorbiographien und Werkzusammenfassungen erschöpft. Im-
merhin hat Hans-Robert Jauss in seinem Aufsatz Literaturgeschichte als
Provokation der Literaturwissenschaft (1967) formalistische Theorieange-
bote aufgegriffen und durch das hermeneutische Konzept des ‚Erwar-
tungshorizonts‘ erweitert. Deutlich beeinflusst von Tynjanovs Gedan-
ken ist auch Harold Bloom, der in seinem Buch Anxiety of Influence (1973)
die bewusste Abwehr epochenspezifischer Merkmale zu einem wichti-
gen Merkmal der Konstituierung dichterischer Identitäten erhebt.
6. Kommentierte Auswahlbibliographie
Erlich, Viktor, Russischer Formalismus, München 1963.
Bereits klassisch gewordene Darstellung von Geschichte und Lehre des
russischen Formalismus. Erlich beschreibt die intellektuelle Entstehung
des Formalismus und stellt die wichtigsten theoretischen Konzepte ein-
zeln vor.
Hansen-Löve, Aage A., Methodologische Rekonstruktion seiner Entwicklung
aus dem Prinzip der Verfremdung, Wien 1978.
Bisher umfassendste Darstellung des russischen Formalismus. Hansen-
Löve untersucht die wichtigsten Ausgangspunkte für den Formalismus
16
Vgl. Egorov, Boris, Z
ˇ
izn’ i tvorˇcestvo Ju.M, Lotmana, Moskva 1999, S. 164.
Formalismus 169
(Romantik, Symbolismus, Avantgarde, Futurismus) und geht dann über
zu einer Periodisierung des Formalismus. Er unterscheidet drei Phasen,
die mit zunehmend komplexeren Modellen operieren. Das paradigmati-
sche Reduktionsmodell rückt die ästhetische Wahrnehmung in den Vor-
dergrund, das syntagmatische Funktionsmodell beschäftigt sich mit der
Komposition und das pragmatische Modell berücksichtigt gesellschaft-
liche und kommunikative Aspekte.
Steiner, Peter, Russian Formalism. A Metapoetics, Ithaca, London 1984.
Gute wissenschaftshistorische Einführung in den Formalismus. Steiner
sieht den Formalismus eher als disparates Phänomen und unterscheidet
drei Basismetaphern (Maschine, Organismus, System), die er verschiede-
nen Vertretern dieser Schule (S
ˇ
klovskij, Z
ˇ
irmunskij, Tynjanov) zuordnet.
Striedter, Jurij, Literary Structure, Evolution and Value. Russian Formalism and
Czech Structuralism Reconsidered, Cambridge (Mass.), London 1989.
Striedter bietet eine Einführung in den russischen Formalismus und
zeichnet die Entwicklungslinien nach, die vom Formalismus zur Prager
Schule führen. Gleichzeitig macht er auch auf die entscheidenden Unter-
schiede zwischen Formalismus und Strukturalismus aufmerksam.
170 Ulrich Schmid
Gattungstheorie und -geschichte 171
Gattungstheorie und -geschichte
von EVA-MARIA SIEGEL
1. Definition
Ausgehend davon, dass die Debatte um die Gattungsproblematik nicht
„vom Problem des Mediums und des Darstellungsmodus getrennt wer-
den kann“, bestimmt Peter Stolz ‚Gattungen‘ als „historische Formen
bestimmter Kulturen“, deren Strukturen „als ‚longue durée‘-Beschrei-
bungsmodell […] hypothetische Wahrscheinlichkeit vermitteln“.
1
Die
Zuordnung zu einer Gattung prägt den Text immer weniger als eine nor-
mative Komponente, sie tritt vielmehr in Form einer historischen Be-
griffs(re-)konstruktion in eine Beziehung zu den jeweiligen Texten ein.
Diese Entwicklungstendenz stellt v. a. Wilhelm Voßkamp heraus. Er
betont, dass literarische Gattungen „zu den wichtigsten Einteilungs- und
Gliederungsmöglichkeiten der Literatur und Literaturgeschichte“ ge-
hören. Dem Befund sei eine wichtige Komponente hinzuzufügen: Mit
Hilfe der Gattungszuordnung werden „durch das Herausarbeiten signi-
fikanter Faktoren und dominanter Tendenzen […] Gesichtspunkte ge-
wonnen, die ein gegebenes literaturgeschichtliches Datenmaterial grup-
pieren, einander zuordnen und umfassender charakterisieren lassen“.
2
Aus den Arbeiten der modernen Gattungstheorie und -geschichte
geht hervor, dass normative Gattungsgesetze oder -regeln als weitgehend
1
Stolz, Peter, „Der literarische Gattungsbegriff – Aporien einer literaturwissen-
schaftlichen Diskussion. Versuch eines Forschungsberichts zum Problem der ‚lite-
rarischen Gattungen‘“, in: Siegfried Mauser (Hrsg.), Theorie der Gattungen, Laaber
2005, S. 24–33, hier S. 27.
2
Voßkamp, Wilhelm, „Gattungen“, in: Helmut Brackert / Jörn Stückrath (Hrsg.),
Literaturwissenschaft. Ein Grundkurs, Reinbek b. H. 1992, S. 253; vgl. auch ders.,
„Gattungen als literarisch-soziale Institutionen“, in: Walter Hinck (Hrsg.), Text-
sortenlehre – Gattungsgeschichte, Heidelberg 1977, S. 27–44. Der Aufsatz plädiert
für die Interpretation und Beschreibung von Gattungen als „historisch beding-
te[n] Kommunikations- und Vermittlungsformen, d.i. als soziokulturelle[n] Phä-
nomene[n]“.
172 Eva-Maria Siegel
obsolet gelten. Damit tritt der Klassifikationsdiskurs der Gattungen in
eine neue Aufgabe ein: Er geht jenen Produktions- bzw. Rezeptionsein-
stellungen nach, die normativ-begrenzend oder transitiv-entgrenzend
mit der Gattungsproblematik umgehen, oder er wendet sich im Zuge
der Untersuchung einzelner Gattungen und Genres mikrologischen
Beschreibungen im Sinne eines ‚pragmatisch konzipierten Gattungssys-
tems‘ zu.
3
Die Funktionsbeschreibung reicht bis zu einer Bestimmung
ihrer Aufgabe, die besagt, dass „die literaturwissenschaftliche Gattungs-
theorie […] eigentlich nichts anderes“ ist „als ein systematischer und
auf Prinzipienwissen ausgerichteter Versuch der theoretischen Reflexion
über literarische Gattungen“.
4
2. Beschreibung
Seit Aristoteles hat die zentrale Fragestellung, die sich an Geschichte
und Theorie des in der Regel philosophisch-erkenntnistheoretisch be-
gründeten Klassifikationsbegriffs ‚Gattung‘ knüpft, eine Differenz von
Präskription und Deskription zum Ausgangspunkt. András Horn hebt
diesen Aspekt besonders deutlich hervor: „Jegliche Gattungstheorie
ordnet die konkreten Werke der Literatur, doch nicht nach Land bzw.
Sprache (dies tut die Geschichte der Nationalliteraturen), auch nicht
nach Perioden, etwa nach jener des europäischen Klassizismus oder der
euroamerikanischen Romantik (dies ist Sache der vergleichenden Litera-
turwissenschaft), sondern nach transkulturell wiederkehrenden, grund-
legenden, allgemeinen Eigentümlichkeiten: Ist dieses Werk eher drama-
tisch, episch oder lyrisch zu nennen? […] Heute ist die Gattungstheorie
deskriptiv, beschreibend; sie versucht überall auffindbare, ‚elementare‘
Merkmale der Gattungen schlicht zu beschreiben. Ob diese Merkmale in
einem konkreten Werk aufweisbar sind oder nicht, sagt ihrer Auffassung
nach nichts über seinen ästhetischen Wert aus“.
5
Drei Aspekte dieser tendenziellen Verabschiedung des Ästhetisch-
Normativen aus der Gattungstheorie sind besonders hervorzuheben.
Insofern die moderne Gattungstheorie sich für das Allgemeine der Gat-
3
Vgl. Stolz, „Der literarische Gattungsbegriff“, S. 32f.
4
Zymner, Rüdiger, Gattungstheorie. Probleme und Positionen der Literaturwissenschaft,
Paderborn 2003, S. 9 (Hv. von dem Vf.).
5
Horn, András, Theorie der literarischen Gattungen. Ein Handbuch für Studierende der Lite-
raturwissenschaft, Würzburg 1998, S. 10.
Gattungstheorie und -geschichte 173
tungen interessiert, ist das Erkenntnisvermögen ihrer Begrifflichkeit
nicht darauf ausgerichtet, das Singuläre des einzelnen literarischen Kunst-
werks zu erfassen. Neben den drei poetischen Hauptunterteilungen
Lyrik, Dramatik und Epik taucht zweitens innerhalb der Gattungs-
geschichte noch eine vierte Schlüsselkategorie auf. Sie umfasst didakti-
sche oder dokumentarische Funktionen bzw. Komponenten von Texten
oder Textsorten. Die damit verbundene Trennungslinie verläuft entlang
des Begriffes der ‚Fiktionalität‘.
6
Zu betonen ist drittens, dass unter Be-
rufung auf die im Zuge der Jahrhunderte alten gattungstheoretischen
Reflexion gewonnenen Vorgehensweisen und Analyseverfahren – wie
z. B. der Gedichtinterpretation, der Dramenanalyse oder der Roman-
analyse – sich deren Gegenstands- bzw. Anwendungsbereich außer-
ordentlich stark erweitert hat. Unter der Voraussetzung, dass die Gat-
tungsproblematik nicht mehr von medialen Darstellungsproblematiken
zu trennen ist, erhebt sich im Gegenzug die von Rüdiger Zymner aufge-
worfene Frage, ob Gattungen denn „überhaupt existieren“
7
– und wie es
sich, wenn sie als Klassifizierungsgewohnheiten beibehalten werden, mit
einer alltagspraktischen Kategorie wie etwa dem „Schmöker“
8
verhält.
Seine Ausführungen zum ‚vitalen Gattungsverständnis‘ problemati-
sieren die Kluft zwischen Alltagsgewohnheiten bei der Rezeption litera-
rischer Texte und dem Nachdenken der Literaturwissenschaft über die
Dichtkunst bzw. „das Lesen“ als das „heilsamste Vergnügen“.
9
Sie rea-
gieren damit auf die in den Kommunikationswissenschaften aufgewor-
fene provokante Frage, ob sich nicht noch in den „Grußbotschaften von
Anrufbeantwortern“ Merkmale von ‚minimal genres‘ aufweisen lassen,
die sich „an einem festen Schema“
10
orientieren. Gattungen ‚gibt es‘ z. B.
auch im Rechtswesen, wo Kategorien zur Klassifikation von Einzelfällen
ebenfalls mit diesem Begriff gekennzeichnet werden. Festzuhalten ist,
dass parallel mit der Erweiterung des Gegenstandsfeldes der Literatur-
wissenschaft hin zur Medien- und/oder Kulturwissenschaft Gattungen
„in Massenmedien und elektronischer Kommunikation“
11
eine besondere
Bedeutung zugesprochen wird. Darauf verweisen etwa neuere Arbeiten
6
Uerding, Gert (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 3, Darmstadt 1996,
Spalte 552 (Artikel von H. Knoblauch).
7
Zymner, Gattungstheorie, S. 37–60.
8
Ebd., S. 7f.
9
Bloom, Harold, Die Kunst der Lektüre. Wie und warum wir lesen sollten, München 2000,
S. 13.
10
Uerding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 3, Spalte 561.
11
Ebd. (Hv. im Text).
174 Eva-Maria Siegel
zur Filmtheorie, die, ausgehend vom ‚performative turn‘, den „Zusam-
menhang von Gender und Genre“ in den Fokus der Aufmerksamkeit
rücken und damit die Konzeptualisierung von „Medien, Genre und
Gender“
12
vorantreiben. Insofern ist die Erweiterung der Schauplätze,
auf denen sich die Diskussion um den Gattungsbegriff und seine theo-
retischen Reflexionsmöglichkeiten abspielt, gegenwärtig als ein Brenn-
punkt literaturwissenschaftlicher Methodologie zu bezeichnen.
3. Institutionsgeschichtliches
Ansätze der Gattungslehre lassen sich bis zu Platons Dialog Der Staat
zurückverfolgen. Bereits ca. 370 v. Chr. steht der „Wirklichkeitsbezug“
der Dichtung, die ‚mím¯ esis‘, im Mittelpunkt:
„Dass die Dichter lügen können, behauptete schon Hesiod. Ihm
folgten andere Dichter: Solon, Xenophanes und Pindar. Berühmt wurde
zumal die Kritik, die Xenophanes, ein leidenschaftlicher Monotheist,
an den homerischen Göttern übte; er erklärte sie für naive Selbstprojek-
tionen der Menschen von einst. Der Vorwurf zielte überhaupt auf diesen
Punkt: daß die Dichter falsche Götter lehren. Er entsprang einer be-
stimmten Bewußtseinslage: Die Mythen Homers hatten einst nicht nur
Geschichte, sondern auch Deutung, nicht nur das wahre Einzelne, son-
dern auch das verbindlich Allgemeine in schwer fasslicher wechselseiti-
ger Durchdringung mitgeteilt. Die homerischen Epen blieben sich
gleich, doch die Deutung des Menschen und seiner Götter änderte sich;
aus dieser Differenz erwuchs der Protest“.
13
Formal betrachtet führt Platon die von Aristoteles im 3. Kapitel der
Poetik übernommene Dreiteilung vor: einfache Erzählung, unmittelbare
Darstellung sowie ein Gemisch aus beidem; Hymnus, Drama und Epos.
Am Beginn steht allerdings weniger das Interesse an der Dichtkunst als
vielmehr das Interesse an ihrem Reglement. Eingebettet in seine Lehre
von den Ideen, weist Platon jenen Verfahren, die der Darstellung von
Affekten gelten, einen untergeordneten Rang zu. Deshalb sollte „die
dramatische Darstellung und die epische Mischung von Bericht und
12
Vgl. u. a. Schneider, Irmela, „Genre, Gender, Medien. Eine historische Skizze und
ein beobachtungstheoretischer Vorschlag“, in: Claudia Liebrand / Ines Steiner
(Hrsg.), Hollywood hybrid. Genre und Gender im zeitgenössischen Mainstream-Film, Mar-
burg 2004, S. 16–28.
13
Fuhrmann, Manfred, Dichtungstheorie der Antike, Darmstadt 1992, S. 89.
Gattungstheorie und -geschichte 175
direkter Rede […] gänzlich verworfen und nur die ‚herbste‘ Form, die
einfache Erzählung zugelassen werden; Platons politische Ideale dulden
einzig eine gereinigte, gesinnungsertüchtigende Zweckpoesie. Als Grund
für das Verbot von Epos und Drama verlautet, daß sich niemand als
Dichter oder Schauspieler mit verschiedenartigen Rollen identifizieren
dürfe; die Nachahmung schlechter Handlungen […] färbe auf den Cha-
rakter des Nachahmenden ab“.
14
Demgegenüber erweist sich die Gattungstheorie des Platon-Schülers
Aristoteles in Peri Poietikes – Über die Dichtkunst, ca. 335 v. Chr. – als ge-
prägt von einem philosophisch-analytischen Interesse. Sie ist im Wesent-
lichen wirkungsorientiert. Dem Charakter nach wissenschaftliche Lehr-
schrift, bildet ihre Grundlage u. a. empirisches Untersuchungsmaterial.
Deskriptive und präskriptive Aspekte werden noch weitgehend nebenei-
nander abgehandelt. Normative Folgerungen beruhen im Wesentlichen
auf dem Gedanken der Entelechie: Die sich im Stoff verwirklichende
Form ist die im Organismus liegende Kraft; sie bewirkt seine Entwick-
lung und Vollendung. Den ersten beiden Teilen der poetischen Gat-
tungslehre werden systematische und anthropologisch-entwicklungs-
theoretische Grundlegungen vorangestellt. Manfred Fuhrmann verweist
darauf, dass sie „der historisch-positivistischen Philologie des 19. und
beginnenden 20. Jahrhunderts oft wichtiger waren als die gesamte aris-
totelische Theorie“.
15
Dichtung ist dem aristotelischen Verständnis nach
zuallererst ‚mím¯ esis‘, Nachahmung. Doch sollte der Dichter „nicht
Geschehenes darstellen, sondern was geschehen könne, was nach den
Regeln der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit möglich sei. [Aristo-
teles] bringt hiermit eine Bestimmung, die nicht allein der Tragödie, son-
dern Poiesis überhaupt gilt […] Nicht einmalige und wirkliche, sondern
allgemeingültige und mögliche Handlungen seien Gegenstand der Dich-
tung“.
16
In der Poetik dienen die Gattungen Tragödie, Epos und Komödie als
Kernprinzipien der Einteilung des gesamten Stoffes. Ihre zum Teil ein-
dimensionale Rezeption ist u. a. aus dem Umstand hergeleitet worden,
dass die vermutlich in einem zweiten Buch dargelegte Theorie der Ko-
mödie als verschollen gilt, während die erhaltene Schrift vorwiegend der
Abgrenzung der Tragödie vom Epos gewidmet ist. Weit weniger als sei-
nen Nachfolgern bis weit in das 18. Jahrhundert hinein ging es dem Ver-
14
Ebd., S. 92.
15
Ebd., S. 15.
16
Ebd., S. 31; vgl. auch S. 18.
176 Eva-Maria Siegel
fasser um ein Regelwerk, das beim Dichten zu beachten wäre. Vielmehr
steht im Fokus das ästhetische Objekt. Zymner betont: „Aristoteles
schreibt weniger Regeln vor, als daß er Regelhaftigkeit beschreibt“.
17
Drei Differenzierungsmerkmale lassen sich hinsichtlich der Mimesis
anführen: Darstellungsmittel, Gegenstände und Darstellungsart. Rhyth-
mus, Sprache und Melodie gelten als Elemente, die entweder einzeln
oder in kombinierter Form auftreten. Zur ‚poí¯ esis‘, zur Dichtkunst, zählt
Aristoteles nur, was sich auf menschliches Handeln – ‚práxis‘ – bezieht.
Aus der Alternative von ‚guten‘ und ‚schlechten‘ Handlungen leitet er
drei Darstellungsmöglichkeiten – idealisierend, karikierend und porträ-
tierend – ab. Diese Triade wird ihm zum Unterscheidungsmerkmal der
dramatischen Gattungen und zwar ebenfalls im Rahmen eines morali-
schen Diskurses. Zu den Darstellungsarten zählt Aristoteles den Bericht,
d. h. die Erzählung, sowie die unmittelbare Darstellung des Geschehens
im Schauspiel, in der Musik und im Tanz. Weitere Unterscheidungen wie
die von Epos und Tragödie betreffen formale Aspekte, so den Umfang
der Handlung, das Versmaß und die Komposition.
Während die aristotelische Poetik als Gattungstheorie aus dem Bann
hervorgegangen ist, den Platon über die Dichtkunst verhängte, richtet
sich die später von Quintilian so bezeichnete Ars Poetica des Horaz –
65–8 v. Chr. – auf Aufgabe und Verpflichtungen der Dichter. Sie trägt
weitgehend den praktischen Charakter eines Handbuches und „begnügt
sich damit, das Gültige zu kodifizieren“.
18
Im Zeichen ihrer Epoche, der
augusteischen Klassik stehend, kommt sie einer dichtungstheoretischen
Abhandlung sehr nahe. Die Prämissen der poetischen Form werden auf
zwei Gattungen verpflichtet: das Lehrgedicht und die Versepistel.
19
Für
spätere Distanzierungen vom Mimesisbegriff gewinnt der Schlüssel-
begriff der ‚imitatio‘ an Bedeutung. Dieser repräsentiert nicht mehr die
Nachahmung einer als vorbildlich verstandenen oder im Abgrenzungs-
modus dargestellten Wirklichkeit, sondern dient der ‚intertextuellen‘
Orientierung an literarischen Modellen und Mustern. Damit richtet sich
der Blickwinkel verstärkt auf deren institutionalisierenden Charakter aus.
Dass in der Spätantike „bereits die wesentlichen Gattungen des früh-
mittelalterlichen Schrifttums entwickelt“ worden sind, „die auch für den
Unterricht, die Schreibtätigkeit und den Fundus der Bibliotheken aus-
17
Zymner, Gattungstheorie, S. 11.
18
Fuhrmann, Dichtungstheorie der Antike, S. 125.
19
Vgl. ebd., S. 126.
Gattungstheorie und -geschichte 177
schlaggebend wurden“,
20
konstatiert Schieffer. Ein relativer Vorsprung
kam Italien im 6., Spanien im 7. und England im 8. Jahrhundert zu. Auf-
schwünge literarischen Schaffens gelangen, als sich im Reich Karls des
Großen die Traditionsstränge der Übergangszeit bündelten und regio-
nale Unterschiede zurücktraten. „Es versteht sich, daß dabei die Bedürf-
nisse der Kirche im Vordergrund standen“.
21
Dennoch emanzipierten
sich die im Schoße der Kirche überlieferten literarischen Muster sowie
die im Schulbetrieb eingeprägten formalen Fertigkeiten „zaghaft“ von
dieser Bestimmung und wurden weltlichen Zwecken dienstbar gemacht –
so in den Bildungszentren des Frankenreiches die Briefkultur oder die
Geschichtsschreibung in Gestalt von Annalen, Chroniken und Herr-
scherbiographien.
22
Zwischen 1050 und 1250, in der Zeit des Hochmittelalters, gewinnt die
Welt deutende Leistung von Literatur an Gewicht. Den einzelnen Gattun-
gen wird ein „Vorgang der Ablösung von primär kultisch bestimmter zu
eher immanenter ästhetischer Erfahrung“ zugerechnet. „Die höfische Ly-
rik wäre kaum lebensfähig geblieben, hätte sie nicht unter der formalen
Variation Weisen des Lebensvollzugs thematisiert, die für das gesellschaft-
liche Selbstverständnis von Bedeutung waren“,
23
so Henning Kraus. Der
höfische Roman bezog seinen Reiz aus der Lust am Ungelösten, Dunklen.
Aber er bot auch „Lösungen an, die nichts mehr mit der alle Schichten um-
fassenden Welt- und Heilsgeschichte zu tun haben“, wie sie die Heldene-
pik thematisiert. Die „Fähigkeit zur Entschlüsselung der zunächst als opak
erfahrenen Wirklichkeit“ wird einer „Nobilität“ zugerechnet, „die sich po-
lemisch gegen nachdrängende Gruppen […] abschottet.“
24
Insbesondere für die spätmittelalterliche Literatur wird festgehalten,
dass ihre Situation ohne den Einbezug literarischer Gebrauchsformen
nicht angemessen zu kennzeichnen ist.
25
Gattungslehre als Zuordnung
20
See, Klaus von (Hrsg.), Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 6: Europäisches
Frühmittelalter, Wiesbaden 1985, S. 85f.
21
Ebd., S. 86.
22
Vgl. ebd.
23
Krauss, Henning (Hrsg.), Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 7: Europäi-
sches Hochmittelalter, Wiesbaden 1981, S. 4.
24
Ebd., S. 5.
25
Vgl. hierzu Frank, Barbara, „‚Innensicht‘ und ‚Außensicht‘. Zur Analyse mittel-
alterlicher volkssprachlicher Gattungsbezeichnungen“, in: hrsg. v. ders. / Thomas
Haye / Doris Tophinke, Gattungen mittelalterlicher Schriftlichkeit, Tübingen 1979,
S. 117–136, hier S. 120. Betont den intersubjektiven „kollektiven Anteil“ der Gat-
tungsbezeichnungen.
178 Eva-Maria Siegel
zu institutionalisierten Kategorien und christliche Lehre geraten in ein
deutliches Spannungsverhältnis. Was in die gattungstheoretischen Über-
legungen Einzug hält, zeigt sich verbunden mit dem Aufkommen typo-
logischer Kategorien, wie sie etwa die Poetria des aus England stammen-
den Johannes de Garlandia benutzt. Sie gehört zu den regelrechten
Lehrbüchern der Dichtkunst, die wenig Theorie, dafür aber umso mehr
praktische Hinweise auf ästhetisch befriedigende Gestaltung enthal-
ten.
26
Im Zuge der Vorstellung einer ständisch gegliederten Gesellschaft
werden den drei Stilarten drei Stände zugeordnet, so dass Standeslehre,
Stiltheorie und Gattungseinteilung sich verbinden. Ausgangspunkt die-
ses Ordnungsmodells ist der Oberbegriff der ‚narratio‘. In ihm verknüp-
fen sich Darbietungsform, sprachliche Form, Fiktionalitätsgrad und der
Ausdruck von Emotionen.
Dieses Nebeneinander unterschiedlicher Schemata gilt in der For-
schungsliteratur als Beleg dafür, dass die Literatur der Zeit nicht hinrei-
chend mit tradierten Gattungsmerkmalen zu beschreiben war. Darüber
hinaus erwies sich das aristotelische Verständnis von Mimesis als nur im-
plizit überliefert. Demzufolge konnte es als Unterscheidungskriterium
für fiktionale und nicht-fiktionale Formen kaum wirksam werden – ein
Umstand, der sich mit dem Aufkommen nationalsprachlicher Poesie
und Prosa noch verschärfte. Erich Auerbach führt zur Institutionalisie-
rung einer ‚mittleren‘ Stillage mit Bezug auf Boccaccios Decamerone aus,
dass diese „zwar noch vielfach an die Formen und Vorstellungen der
feudal-höfischen Kultur anknüpfte“, aber bald unter dem Einfluss früh-
humanistischer Strömungen „ein neues, weniger ständisches, stark per-
sönliches und realistischeres Gepräge“ erhielt.
27
Die Fragen stilistischer
Einordnung zeigen sich auch an Dantes gattungspoetologischen Über-
legungen in De vulgari eloquentia. Sie rücken die Kanzonendichtung in den
Mittelpunkt. Hier stellt der Verfasser ganz andere Anforderungen an
den hohen und tragischen Stil als diejenigen, die er später in der Komö-
die erfüllt. Auerbach nennt in diesem Zusammenhang die Auswahl des
Gegenstandes und den Purismus der Form- und Wortwahl, der auf die
antike Stiltrennungslehre referiert.
28
26
Vgl. Brunhölzl, Franz, „Die lateinische Dichtung“, in: Willi Erzgräber (Hrsg.),
Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 8: Europäisches Spätmittelalter, Wies-
baden 1978, S. 519–564.
27
Auerbach, Erich, Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur
[1949], 3. Aufl., Bern, München 1964, S. 209.
28
Vgl. ebd., S. 178.
Gattungstheorie und -geschichte 179
Während der Renaissance und im Barock diktiert die normative Poe-
tik „das Gesetz“, das auf der Ebene der Dichtung herrscht, „so gut wie
unumschränkt“.
29
Die ‚ars‘, die erlernbare dichterische Technik, und die
‚doctrina‘, das gelehrte Wissen, komplettieren die von der Antike über-
nommene Vorstellung des ‚ingeniums‘, der angeborenen Begabung. Die
‚imitatio‘ wird zur ‚aemulatio‘, Nachahmung der antiken Muster zur Ver-
wirklichung dichterischer Individualität vermittels der Aneignung der
Vorbilder.
30
Dabei bleibt die modellhafte Vorstellung der griechischen
‚Muster‘ zunächst erhalten. Doch verselbständigt sich die Dichtkunst ge-
genüber Grammatik und Rhetorik. Im Zuge der Etablierung der ‚studia
humanitatis‘ wird das Leitbild des ‚poeta doctus‘ grundsätzlich einge-
bunden in eine Vorstellung von Dichtung als Bildungstätigkeit.
Mit dieser Verlagerung des Akzents auf die ‚techné‘, auf die Erlernbar-
keit des Dichtens, geht eine pädagogische Komponente einher. Sie deutet
die aristotelische Poetik größtenteils normativ um. Besonders deutlich
zeigt sich dies an der Forderung des italienischen Humanisten Lodovico
Castelvetro nach den drei Einheiten in der Tragödie: der Einheit der
Handlung, der Zeit und des Ortes. Im Gegensatz zu Petrarcas esoteri-
scher Dichtungslehre, in der Ruhm und Gelehrsamkeit einen bedeuten-
den Platz einnahmen, forderte Castelvetro, „Dichtung solle das gemeine
Volks unterhalten und müsse daher von diesem verstanden werden“; die
Stimme eines „Predigers in der Wüste“,
31
wie Buck betont. Unter Beru-
fung auf die Beachtung der Wahrscheinlichkeitskriterien proklamiert der
italienische Theoretiker die Wahrung der drei Einheiten als „Grundge-
setz der Tragödie“, das in Frankreich eine fast uneingeschränkte Zustim-
mung fand. Boileau fasst es in die oft zitierten Verse: ‚Qu’en un Lieu,
qu’en un jour, un seul Fait accompli/ Tienne jusqu’a la fin le Theatre rem-
pli‘ (‚Möge eine in sich geschlossene Handlung an einem Ort und an
einem Tag das Theater bis zum Schluß voll besetzt halten‘)“.
32
Während im Mittelalter „gebundene und ungebundene Kunstrede als
vertauschbar galten“,
33
emanzipiert sich die Dichtkunst im Vergleich zur
Prosarede, die eine Abwertung erfährt. Um jene Folgen, die sich aus der
29
Buck, August, „Dichtungslehren der Renaissance und des Barock“, in: hrsg. v.
dems., Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 9: Renaissance und Barock,
Frankfurt a. M. 1972, S. 28–60, hier S. 20.
30
Vgl. ebd., S. 32f.
31
Ebd., S. 37.
32
Ebd., S. 46.
33
Curtius, Ernst Robert, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter [1948],
11. Aufl., Tübingen, Basel 1993, S. 158.
180 Eva-Maria Siegel
vorausgesetzten Modellhaftigkeit der Antike für die zeitgenössische
Dichtung ergaben, beginnen insbesondere die ‚Querelles des Anciens et
des Modernes‘ zu kreisen. Sie setzen ein mit dem Streit zwischen Cice-
ronianern und deren Gegnern im 15. und 16. Jahrhundert und werden
über die ‚Querelles‘ des 17. Jahrhunderts in Frankreich bis zur Auseinan-
dersetzung zwischen Klassikern und Romantikern in Deutschland fort-
geführt. Bei E.R. Curtius findet sich dazu Grundsätzliches vermerkt:
„Die klassischen Schriftsteller sind immer die ‚Alten‘. Man kann sie als
Vorbilder anerkennen, man kann sie auch als überholt ablehnen. Dann
haben wir eine Querelle des Anciens et des Modernes. Das ist ein konstantes
Phänomen der Literaturgeschichte und Literatursoziologie“.
34
Symptomatisch für das Vorgehen bleibt dabei der widerspruchsvolle
Ort der Lyrik. Unter dem Einfluss des ‚Petrarkismus‘ war sie zum Ge-
genstand theoretischer Reflexion geworden; als Gattung erschien sie we-
der bei Aristoteles noch bei Horaz. Julius Caesar Scaligers einflussreiche
Schrift Poetices libri septem, in Lyon 1561 erschienen, greift in ihrer grund-
sätzlichen Funktionsbestimmung der Dichtung auf die Autorität von
Aristoteles zurück, übernimmt ansonsten aber eher die mittelalterliche
Lehre vom Bezug zwischen Gattung, Stand und Stil. Das „Wesen der
Poesie“ erblickt sie in „ihrem metrischen Bau“.
35
Institutionalisiert wer-
den im Gegensatz zu den Poetiken des Hochmittelalters aber nicht mehr
Vergils Werke als Grundlage einer Stiltheorie, sondern vielmehr Komö-
die und Tragödie. Während der niedrige Stil dem Personal der Komödie
gewidmet ist, bleibt der hohe Stil der Tragödie vorbehalten. Der mittlere
Stil – bei Boccaccio gebunden an die Novelle – findet in diesem Rahmen
keinen Gattungsbezug. Mit Scaligers Lehre beginnt die Trias literarischer
Gattungen mit dem Begriff der ‚Literatur‘ „deckungsgleich“ zu werden,
eine Vorstellung, die bald „mentalitätsbildende Kraft“ gewinnt.
36
Damit wird ein dem soziokulturellen Gefüge angepasstes Gattungs-
gefüge etabliert. In Gestalt der ‚genera dicendi‘ tritt es etwa im Barock in
der so genannten Ständeklausel zu Tage. Seither gilt es, „die Ordnung
der Welt durch die Mittel der Sprache zu bestätigen“, treten Stillehren
in Verbindung mit Gattungsbestimmungen. Im Falle des Barock beru-
hen sie auf der Funktion des ‚aptum‘. Als Norm stilistischer Sprachge-
34
Ebd., S. 256.
35
Scaliger, Julius Caesar, Poetices libri septem, Faksimile-Neudruck der Ausgabe von
Lyon 1561, Stuttgart, Bad Cannstatt 1964, S. XIV; zu Scaliger vgl. auch Jung, Wer-
ner, Kleine Geschichte der Poetik, Hamburg 1997, S. 48ff.
36
Trappen, Stefan, Gattungspoetik, Heidelberg 2001, S. 13.
Gattungstheorie und -geschichte 181
staltung sorgt sie für die „Entsprechung zwischen einer gegliederten und
nach Rangunterschieden abgestuften Welt und deren Spiegelung in ver-
schiedenwertigen Sprachebenen“.
37
Demgegenüber gewinnt die Kate-
gorie der Wahrscheinlichkeit im Sinne jenes ‚decorum‘ normative Be-
züge, das die Regelwerke der Rhetorik ergänzt. Als ‚bienséance‘, als
Schicklichkeit, feiert es in der Poetik des französischen Klassizismus
Auferstehung. Die zum Teil bereits wirkungsästhetische Orientierung
macht eine Abhängigkeit des Dichters vom Urteil eines klar definierten
Publikums zur impliziten Voraussetzung. So verlangt etwa die Anerken-
nung durch ‚la cour et la ville‘, durch Hof und Großbürgertum, in Nico-
las Boileau-Despréaux’ L’Art Poétique – das Manifest in der ‚Querelle des
Anciens et des Modernes‘ – nach einem Kriterium der Angemessenheit,
das davon ausgeht, das „Ziel der Belehrung durch das mit dem Kunst-
genuß verbundene Vergnügen effektiver als die Moralphilosophie errei-
chen zu können“.
38
Die Nachahmung gilt nun einer idealisierten, der Ra-
tio adäquaten ‚Natur‘. Da der ‚bon sens‘ Ausgewogenheit fordert, d. h.
das korrekte Verhältnis der Teile zum Ganzen und das eingehaltene Maß
der behaupteten drei Einheiten von Zeit, Ort und Handlung, resultiert
daraus die Ablehnung vermischter Gattungen.
39
Bevor auf die normativen Systementwürfe im deutschsprachigen
Raum des 18. Jahrhunderts eingegangen wird, die an den französischen
Klassizismus anknüpfen, ist ein Blick auf Martin Opitz’ Buch von der Deut-
schen Poeterey aus dem Jahr 1624 angebracht.
40
In der Gattungseinteilung
folgt er Scaliger. Im Verweis auf Autoritäten folgt er der kommentierten
Aristoteles-Übersetzung des niederländischen Gelehrten Daniel Hein-
sius. Den Dichter Opitz interessiert indes v. a. die Dichtungspraxis:
„Hier möchte er Regeln anbieten, bestimmen, wie viele Gattungen es
gibt und welche Regeln beachtet werden müssen […]“.
41
Die Verschrän-
kung von Präskription und Deskription führt dazu, dass Opitz’ Buch von
der Deutschen Poeterey im 17. Jahrhundert als eine Art „Leitpoetik“ gilt, die
37
Fischer, Ludwig, Gebunden Rede. Dichtung und Rhetorik in der literarischen Theorie des Ba-
rock, Tübingen 1968, S. 263.
38
Boileau-Despréaux, Nicolas, Art Poétique/ Die Dichtkunst, Halle 1968, S. VII.
39
Vgl. zur Wirkungsgeschichte Gesse, Sven, ‚Genera mixta‘. Studien zur Poetik der Gat-
tungsvermischung zwischen Aufklärung und Klassik-Romantik, Würzburg 1997.
40
Vgl. Opitz, Martin, Gesammelte Werke. Kritische Ausgabe, George Schulz-Behrend
(Hrsg.), Stuttgart 1978, Bd. 2/1, S. 373–416; vgl. dazu auch Drux, Rudolf, Martin
Opitz und sein poetisches Regelsystem, Bonn 1976, S. 152.
41
Zymner, Gattungstheorie, S. 16f.
182 Eva-Maria Siegel
Inhalt und Personenregister von Tragödie und Komödie auf „Personen-
kreise und Geschehensbereiche“
42
festlegt.
Aus vielerlei Gründen interessieren sich während des 18. Jahrhunderts
Philologen, Dichter und Philosophen für das „jahrtausendealte und, wie
man sagen darf, älteste Problem der Literaturwissenschaft“.
43
Während
die größtenteils ‚nebenberuflichen‘ Dichter klare Regeln und Gattungs-
grenzen erwarten, beginnt um die Mitte des Jahrhunderts eine philoso-
phische Ästhetik ihren Aufstieg, die jene ‚Regelpoetiken‘ ersetzt, wie
sie sich etwa mit Johann Christoph Gottscheds Critischer Dichtkunst ver-
banden. Alexander Gottfried Baumgartens Schrift Aisthetica, verfasst
1750–1758, verdankt die neue philosophische Richtung ihren Namen.
Karlheinz Barck zufolge überwinden Baumgarten und später Kant „die
Isolierung der Imagination (Einbildungskraft) durch ihre Bindung an den
speziellen Bereich der Poesie“ dadurch, dass sie die ‚Logik der Phantasie‘
theoretisch „als eine Grundkraft der Vermögen im Zusammengang mit
anderen Vermögen“
44
behandeln. Zymner spricht von der „Umwertung
eines menschlichen Erkenntnisdefizits“, mit der eine philosophische
Nobilitierung der ‚cognitio sensitiva‘ einherging. Es kommt zu einer Auf-
wertung der Dichtkunst als eines eigenen Erkenntnisvermögens – ein
Schritt, „dessen Auswirkungen noch in der literaturtheoretischen Dis-
kussion im 20. Jahrhundert zu spüren sind“.
45
An die psychologischen
Aspekte schließt Sulzers Empfindungslehre in der Allgemeinen Theorie der
Schönen Künste an, in der Gattungen allerdings nur ‚Launen‘ des Dichters
repräsentieren. Auch Baumgarten geht in den Aesthetica nur ‚en passant‘
auf gattungstheoretische Fragestellungen ein. Doch nimmt seine Schrift
Meditationes philosophicae de nonnullis ad poema pertinentibus aus dem Jahr 1735
auf die Trias der Gattungen Epik, Lyrik und Dramatik deutlich Bezug.
46
42
Fischer, Gebunden Rede, S. 100.
43
Kayser, Wolfgang, Das sprachliche Kunstwerk, Bern 1948, S. 332, mit Verweis auf die
„positive Wirkung“ der „scharfen Negation des Gattungshaften“ bei Benedetto
Croce.
44
Barck, Karlheinz, Poesie und Imagination. Studien zu ihrer Reflexionsgeschichte zwischen
Aufklärung und Moderne, Stuttgart, Weimar 1993, S. 61; vgl. auch Campe, Rüdiger,
„Der Effekt der Form. Baumgartens Ästhetik am Rande der Metaphysik“, in: Eva
Horn / Bettine Menke / Christoph Menke (Hrsg.), Literatur als Philosophie – Philo-
sophie als Literatur, München 2006, S. 17–33.
45
Zymner, Gattungstheorie, S. 17f.
46
Vgl. Baumgarten, Alexander Gottlieb, Meditationes philosophicae de nonnullis ad poema
pertinentibus. Philosophische Betrachtungen über einige Bedingungen des Gedichts, Hamburg
1983, § 106, zit. nach ebd.
Gattungstheorie und -geschichte 183
Auch die sensualistische Vielfalt, die von den Schweizern Bodmer
und Breitinger noch vor dem Kant’schen „Paradigmenwechsel“ hin zur
„Analyse der Einbildungskraft“
47
zum bevorzugten Gegenstand dichte-
rischer Darstellung erklärt wird, erfordert ein Spektrum an Ausdrucks-
formen, das einer Beschränkung auf poetische Gattungen zuwider läuft.
Für Schiller schließlich gewinnen ausgewählte lyrische Gattungen als
‚Nachahmungen‘ von Gemütsbewegungen an Gewicht. Ebenso stellt
die lyrische Form der Ode in Herders gattungspoetischen Überlegun-
gen ein Zentralmoment dar. Mit „normativen, dichtungstypologischen
‚Grundbegriffen‘“
48
arbeitet Goethes Differenzierung von Dichtarten
und Dichtweisen, die im Sinne von ‚Naturformen der Dichtung‘ noch
heute gelegentlich zur heuristischen Unterscheidung von Genres und
Gattungen dient. In den Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis
des ‚West-östlichen Divans‘ heißt es:
„Es gibt nur drei echte Naturformen der Poesie: die klar erzählende,
die enthusiastisch aufgeregte und die persönlich handelnde: Epos, Lyrik
und Drama. Diese drei Dichtweisen können zusammen oder abgeson-
dert wirken“.
49
Die jüngere Forschungsliteratur hebt hervor, dass Goethes Konzep-
tualisierung des institutionellen Gefüges von Gattungen und Genres
zum einen von Mischformen spricht und zum zweiten von Merkmalen
und nicht von Klassifizierungen. Dabei spiele der Gedanke der Diffe-
renzierung eines ursprünglichen Ganzen eine vergleichbare Rolle wie
etwa in F. Schlegels Entwurf einer Universalpoesie, an den wiederum
A. W. Schlegels Jenaer Vorlesungen anknüpfen. S. Holmes ordnet beide in
den Paralleldiskurs von Universalisierung und Reglementierung ein.
50
F. Schlegel bezieht in seiner geschichtsphilosophisch begründeten Gat-
tungspoetik die Trias von Lyrik, Epik und Dramatik auf die antike Lite-
ratur. Als ‚Naturpoesie‘ moderner ‚Kunstpoesie‘ gegenübergestellt, ver-
knüpften sich damit Kategorien des ‚Subjektiven‘, des ‚Objektiven‘ und
des ‚Synthetischen‘. Die Historisierung der Gattungslehre, die das „Pro-
blem von deren geschichtlichen Wandel“ einbegreift, zieht Peter Szondi
47
Barck, Poesie und Imagination, S. 66.
48
Voßkamp, „Gattungen als literarisch-soziale Institutionen“, S. 27.
49
Goethe, Johann Wolfgang von, „Divan. Noten und Abhandlungen“, in: Ernst
Beutler (Hrsg.), Gedenkausgabe, Bd. 3: Epen. West-östlicher Divan. Theaterge-
dichte, Zürich 1949, S. 413–566, hier S. 480f.
50
Vgl. Holmes, Susanne, Synthesis der Vielheit. Die Begründung der Gattungstheorie bei
August Wilhelm Schlegel, Paderborn 2006, S. 233.
184 Eva-Maria Siegel
zufolge die Überwindung der Gattungspoetik nach sich und impliziert
eine Vereinigung aller Gattungen, die in eine einzige literarische Reprä-
sentation einmünden: den Roman. Er steht stellvertretend für die Dich-
tung der Epoche, deren Kernbegriff das Romantische ausmacht.
51
He-
gels geschichtsphilosophische Betrachtung der Gattungsproblematik
ordnet Szondi in den Zusammenhang einer Denkfigur des 19. Jahrhun-
derts ein. Die Spirale als „Figur der Synthese von Fortentwicklung und
Wiederkehr“
52
transformiert, gelesen als „Geschichtsbild“, das Verspre-
chen der Aufklärung in ein Nebeneinander und Widerspiel von ge-
schichtlicher Dynamik und poetologischer Klassifizierung zugleich. Im
„System der einzelnen Künste“ wird die Dichtkunst besonders hervor-
gehoben, weil sie „auf einer höheren Ebene, nämlich auf der Ebene der
inneren Vorstellung“, diese „Entwicklung“
53
wiederholt. Restlos ins Ge-
schichtliche überführt, wird die Gattungstrias als dialektische entwickelt,
die Form in der Eigendynamik des Prozesses verortet. Auch bei Hegel
gerinnt das Studium der Klassik zum Inbegriff und Muster aller Kunst.
Das Griechentum wird zum unwiederbringlichen Kulminationspunkt
des geschichtsphilosophischen Triptychons: Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft.
Der These vom Ende der Kunstperiode stellen die Hegelianer Vischer
und Rosenkranz Konzepte entgegen, die alle Poetik Gattungspoetik sein
lassen. Sie rekurieren auf außerhalb des Literarischen liegende Katego-
rien und nähern sich damit der ‚realistischen‘ Verkündungsformel von
der „Materialität des Sinnlichen“, die „die ‚gemischten Empfindungen‘
im Inneren des Zeitalters“
54
konstituiert. Darauf aufbauend, etabliert
sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts eine Gegenströmung zur idealisti-
schen Gattungssystematisierung, die weitgehend induktiv verfährt. Wil-
helm Scherers Poetik geht von „Natur- und Grundverhältnissen der Poe-
sie“ aus, eine Voraussetzung, die dazu führt, dass „das Heranziehen von
Fundierungsfaktoren zur Darstellung der literarischen Formenwelt […]
nie anders erfolgt als auf dem Weg ihrer Einbeziehung in gattungsgesetz-
51
Vgl. Szondi, Peter, Poetik und Geschichtsphilosophie, Bd. 2: Von der normativen zur spe-
kulativen Gattungspoetik. Schellings Gattungspoetik, Frankfurt a. M. 1974, S. 28.
52
Szondi, ebd., Bd. 1: Antike und Moderne der Ästhetik der Goethezeit. Hegels
Lehre von der Dichtung, S. 500.
53
Ebd., S. 499.
54
Siegel, Eva-Maria, „Nach dem Vormärz oder von der ‚Emancipation des Fleisches‘
zur ‚Ästhetik des Hässlichen‘, in: Hartmut Kircher / Erich Kleinschmidt (Hrsg.),
Literatur und Politik in der Heine-Zeit. Die 48er Revolution in Texten zwischen Vormärz und
Nachmärz, Köln, Weimar, Wien 1998, S. 205–218, hier S. 208 und S. 214.
Gattungstheorie und -geschichte 185
liche Zusammenhänge“.
55
Dass diese Annahme nirgendwo mehr ge-
rechtfertigt werden muss, gilt als Indiz für die äußerste institutionelle
Verfestigung der Analogie von Geistes- und Naturwissenschaften.
4. Publikationen
Die „Art und Weise, in der der Gattungsgedanke durchgesetzt wird, ist
die Verabsolutierung von Mustern“,
56
resümiert Gottfried Willems. Für
das Ende des 19. Jahrhunderts hält er eine Ausschaltung historischer
Aspekte zu Gunsten der Engführung mit einem ‚biologistischen‘ Gat-
tungskonzept in die Literaturtheorie fest.
57
Zu Beginn des 20. Jahrhun-
derts kommt es jedoch zu einer entschiedenen Abwendung von funda-
mentalistisch-anthropologisch ausgerichteten Kategorien. Es setzt sich
eine „Orientierung an wissenschaftstheoretischen Maßstäben“
58
der
‚scientific community‘ durch. Kernfrage der Gattungstheorie bleibt die
Frage nach der Bestimmung einzelner Gattungen. Weitere Prinzipienfra-
gen treten hinzu: die Eruierung des Verhältnisses von Schreibweise und
Gattung oder die Frage nach geschlechtsbezogenen Dispositionen. Da-
mit beschleunigt sich der Prozess der Ablösung von herkömmlichen
Klassifizierungs- und Beschreibungsmustern. Aspekte der literarischen
Produktion wie Schock, Impression, Expression, Originalität, Verfrem-
dung werden verstärkt akzentualisiert. Paradigmatisch dafür steht die
grundsätzliche Ablehnung von Gattungskonzeptualisierungen durch
Benedetto Croce. Die Bestimmung des Kunstwerks erfolgt in seiner
Schrift La Poesia vielmehr über eine Verletzung der Regelnorm. Kunst
wird als Synthese von Einfühlung und Ausdruck begriffen, das Problem
der ästhetischen Erkenntnis grundlegend von anderen Formen logi-
schen und praktischen Denkens unterschieden.
59
55
Willems, Gottfried, Das Konzept der literarischen Gattung. Untersuchungen zur klassischen
deutschen Gattungstheorie, insbesondere zur Ästhetik F. Th. Vischers, Tübingen 1981,
S. 313.
56
Ebd., S. 188.
57
Vgl. auch unter dem Gesichtspunkt der Auseinandersetzung mit der ‚Zwei-Kultu-
ren-These‘ im Hinblick auf die Vernetzung von Literatur und Wissen Kilcher, An-
dreas B., mathesis und poiesis. Die Enzyklopädik der Literatur 1600 bis 2000, München
2003.
58
Zymner, Gattungstheorie, S. 33.
59
Vgl. Croce, Benedetto, Die Dichtung. Einführung in die Kritik und Geschichte der Dich-
tung und der Literatur, Tübingen 1970.
186 Eva-Maria Siegel
Die gattungstheoretische Reflexion in Deutschland wurde zu Beginn
des 20. Jahrhunderts vom Einfluss Wilhelm Diltheys geprägt. Er operiert
auf zunächst empirisch-psychologischer Basis, um dann eine Hermeneu-
tik zu entwerfen, in der er Gattungen als „Weltanschauungstypen“ kon-
zeptualisiert, gebunden an das „Medium der Sprache“, in dem die Dich-
tung „ein besonderes Verhältnis zur Weltanschauung“
60
gewinnt. Erich
Staigers Grundbegriffe der Poetik stehen noch ganz im Zeichen dieses Ent-
wurfs. Mit Bezug auf die Daseinsphilosophie begründen sie Gattungszu-
weisungen ontologisch. Aus einer „Fundamentalpoetik“ wird ein „Bei-
trag der Literaturwissenschaft an die philosophische Anthropologie“.
61
Käte Hamburgers Logik der Dichtung von 1957 legt den Begriff der
‚Fiktionalität‘ neu als Differenzierungsmerkmal zugrunde. Sie grenzt
eine fiktionale oder mimetische Fiktion – Epik und Dramatik bzw. Film–
von einer existenziellen Gattung Lyrik ab, deren „Wirklichkeitsaus-
sage“
62
sich durch die Kategorie des Aussagesubjekts unterscheidet.
Aufgewiesen wird, dass „erst die Struktur der Aussage das vieldiskutierte
Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit und damit auch das von
Dichtung und Wirklichkeit erhellt“.
63
Das „Aussagesubjekt“ sei nicht
„wirklich“ im Film, der auf dem „Wege der sinnlichen Wahrnehmung“
aufgenommen wird „und nicht auf dem Weg der Vorstellung“
64
wie der
Roman. Hamburgers Standortbestimmung der filmischen Fiktion, in der
Zweidimensionalität ein dreidimensionales Raumerleben vermittelt,
während es sich in der Bühnenrealität umgekehrt verhält, zählt damit zu
den weitestreichenden Ansätzen moderner Gattungstheorie. Einfluss-
reicher in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird aber der Perspek-
tivwechsel hin zum ‚Erwartungshorizont‘ der Rezipienten in Hans
Robert Jauß’ rezeptionstheoretischen Überlegungen.
65
Parallel zur her-
meneutischen Fundierung lassen sich Einflüsse der linguistischen Kom-
60
Dilthey, Wilhelm, Gesammelte Schriften, Bd. 8: Weltanschauungslehre, Abhandlun-
gen zur Philosophie der Philosophie, Leipzig, Berlin 1931, S. 92.
61
Staiger, Emil, Grundbegriffe der Poesie, Zürich, Freiburg i. B. 1946, S. 12. Der Band ist
dem Mediziner L. Binswanger gewidmet.
62
Hamburger, Käte, Die Logik der Dichtung [1957], 2. Aufl., Stuttgart 1968, S. 43.
63
Ebd., S. 44.
64
Ebd., S. 177.
65
Jauß, Hans Robert, „Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissen-
schaft“, in: ders., Literaturgeschichte als Provokation, Frankfurt a. M. 1970, S. 163. Der
Aufsatz macht die Einsicht praktikabel, dass „das geschichtliche Wesen des Kunst-
werks nicht allein in seiner darstellerischen oder expressiven Funktion“ liegt, son-
dern „gleich notwendig auch in seiner Wirkung“.
Gattungstheorie und -geschichte 187
munikationstheorie wie der Konzeptualisierung durch die russischen
Formalisten beobachten. Sie tragen zu einer weiteren Historisierung des
Formbegriffs bei. Besonders die Praktikabilität des Textbegriffs wird aus-
gelotet. So umfasst die ‚Textsortenlehre‘ als „Arbeitsgebiet“ die „Eintei-
lung und Gruppierung literarischer Texte nach ihren Hauptmerkmalen“,
wobei „Spannungen“, die hinsichtlich des Zusammenspiels von „Tradi-
tion und Wandel“ auftreten, „auf der Hand“
66
liegen. Sie verstärken sich
in dem Maße, wie die Gattungstheorie ihr Augenmerk auf die „Korres-
pondenz zwischen Erwartungshaltungen im Lesepublikum und Entste-
hungs- wie auch Erstarrungsbedingungen von literarischen Gattungen“
67
richtet. Exemplarisch dafür steht Jürgen Links ‚programmierte Einfüh-
rung‘ Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe, die Konstituenten der Genre-
und Gattungstheorie untersucht, zu deren Analyse anleitet und Über-
gänge zur Filmanalyse aufweist.
68
Dieter Schlenstedts Wirkungsästhetische
Analysen von 1979 sowie der Band Literarische Widerspiegelung von 1981
kennzeichnen Beiträge zur Rezeptionsästhetik. Sie begreifen „Widerspie-
gelung“ als ein „Beziehungsbündel“
69
und zeigen dessen „Dimensionen-
vielfalt“ und „Funktionsdeterminierung“
70
auf. Eine dritte Position be-
gründet Wilhelm Voßkamps systemtheoretisch fundierter Ansatz. Er
rückt Gattungen als soziokulturell verfasste Konventionen in den Fokus
der Aufmerksamkeit und weist verstärkt auf deren institutionelle Ver-
fasstheit hin. Gattungen gelten als Konsensbildungen, die produktions-
wie rezeptionsästhetische Merkmale vereinen.
71
5. Fachgeschichtliche Einordnung
Wenn die Buchstabenschrift als ein wesentliches Medium der Literatur
„spätestens im 20. Jahrhundert nicht mehr ausschließlich als ‚Eigentüm-
lichkeit‘ der Literatur bezeichnet“ werden kann, gilt diese Aussage ver-
66
Lämmert, Eberhard, „Vorwort“, in: Hinck (Hrsg.), Textsortenlehre – Gattungs-
geschichte, S. V und VI.
67
Ebd., S. IV.
68
Vgl. z. B. Link, Jürgen, Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe. Eine programmierte Ein-
führung auf strukturalistischer Basis [1974], 5. Aufl., München 1995, S. 256.
69
Schlenstedt, Dieter, Wirkungsästhetische Analysen, Berlin 1979; ders. (Ltg. und Ge-
samtred.), Literarische Widerspiegelung. Geschichtliche und theoretische Dimensionen eines
Problems, Berlin, Weimar 1981, S. 15.
70
Ebd., S. 18 und S. 176.
71
Vgl. Voßkamp, „Gattungen“, S. 259.
188 Eva-Maria Siegel
stärkt zu Beginn des 21. Jahrhunderts: „Kalligramme, komplexe Text-
Bild-Beziehungen, scheinen die engen Grenzen eines Gattungsbegriffs
medial in Frage zu stellen“.
72
Die Aporien der Diskussion um den Gat-
tungsbegriff aber erweisen sich als höchst produktiv, seitdem Diskursver-
fechter ihn den Elementen eines allgemeinen semiotischen Sinngebungs-
prozesses zuordnen.
73
Solche Überlegungen knüpfen an die sich seit dem
18. Jahrhundert durchsetzende Grundthese an, dass es Archetypen von
Gattungen ‚nicht gibt‘, insofern diese kulturhistorisch vermittelt sind.
Gérard Genette fügt daher in Palimpsestes die gattungsspezifische Relation
in ein Netz der „Archetextualität“
74
ein, das damit zu einer möglichen Bezie-
hungsstruktur zwischen Texten wird. Gattungszuordnung wird zum ‚Ma-
terial‘ der Textproduktion. Dabei haben Produktions- wie Rezeptionsseite
Einstellungen zur Voraussetzung, die „normativ-begrenzende oder transi-
tiv-entgrenzende Tendenzen“
75
aufweisen können. Kontextualisierung
ist das Zauberwort. Jede Perspektive hat institutionalisierte Sozialisations-
formen zur Bedingung. Jedem sinnlichen Eindruck gehen kulturell ge-
formte Modi komplexer Zeichenpraktiken voraus. Auf dieser Grundlage
wird die Komplexität von Lektüresituationen zum Ausgangspunkt von
Überlegungen, die konkret-praktische Beschreibungskategorien für ästhe-
tische Wirkung entwickeln.
76
Licht fällt dabei insbesondere auf typologi-
sche Ansätze, die Textkorpora erfassen, welche innerhalb bestimmter Re-
zipientengruppen den Status literarischer Institutionen erlangt haben. Im
Zusammenhang damit rückt die jüngste Forschung literarische „Emotio-
nalisierungspotenziale“ ins Zentrum, die eine „spielerische Erprobung
emotionale Kompetenzen“ erlauben, wie sie in „risikoreicheren Interak-
tionen mit sozialen und natürlichen Umwelten“
77
abverlangt werden.
Zusammengefasst gilt die Gattungslehre lange Zeit als intrinsische
Theorie der Betrachtung literarischer Texte. Ihre wichtigste Leistung
liegt in der Produktivität der Aporie von normativen und deskriptiven
Ansätzen. Sie stellt den Motor der fach- und kulturgeschichtlichen Be-
deutung wie ihrer enormen Folgewirkungen dar. Wenn Adornos metho-
72
Stolz, Der literarische Gattungsbegriff, S. 25.
73
Vgl. insbesondere Raible, Wolfgang, „Was sind Gattungen? Eine Antwort aus
semiotischer und textlinguistischer Sicht“, in: Poetica 12/1980, S. 320–349, hier
S. 327. [Ursprungstitel: „Gattungen als Textsorten“]
74
Genette, Gérard, Palimpsestes. Die Literatur auf zweiter Stufe, Paris 1982, S. 9.
75
Stolz, Der literarische Gattungsbegriff, S. 32.
76
Vgl. Schneider, Jost, Einführung in die Romananalyse, Darmstadt 2003, S. 11.
77
Anz, Thomas, „Tod im Text, Regeln literarischer Emotionalisierung“, in: Mitteilun-
gen des deutschen Germanistenverbandes, 54/2007, 3, S. 306–327, hier S. 325.
Gattungstheorie und -geschichte 189
disches Prinzip Geltung behält, „daß von den jüngsten Phänomenen her
Licht fallen soll auf alle Kunst anstatt umgekehrt, nach dem Usus von
Historismus und Philologie“,
78
wenn Gattungszuordnung grundsätzlich
konstitutiv nachträglich erfolgt, dann wäre allerdings zu fragen, was gat-
tungstheoretische Betrachtungen zum ‚topographic‘ turn beizutragen
haben. Wie erklärt sich etwa die „große anthropologische Bedeutung“,
die „das Erzählen von Geschichten für den Menschen“
79
hat? Festzuhal-
ten ist, dass die Frage, ob Gattungen „existieren“, ein „essentialistisches
Missverständnis“
80
darstellt. Was aber macht transkulturell wiederkeh-
rende Eigentümlichkeiten aus? Mit Blick auf räumliche Kategorien ist
erneut zu klären, „unter welchen Bedingungen man von Gattungen
spricht, welches die kulturell eingeübten und tradierten Regeln der
Sprachspiele sind, in denen man über Gattungen spricht“.
81
Gattungen
sind konventionalisierte Klassifikationen, die der Strukturierung dienen.
In sie gehen komplexe kulturelle Traditionen ein, für die identitätslogi-
sche Definitionen heute kaum noch Verwendung mehr finden.
6. Kommentierte Auswahlbibliographie
Platon, Der Staat, Leipzig 1988.
Scaliger, Julius Caesar, Poetices libri septem. Faksimile-Neudruck der Ausgabe
von Lyon 1561, Stuttgart, Bad Cannstatt 1964.
Boileau-Despréaux, Nicolas, Art Poétique/ Die Dichtkunst [1674], Halle 1968.
Opitz, Martin, Gesammelte Werke. Kritische Ausgabe, George Schulz-Beh-
rend (Hrsg.), Bd. 2/1, Stuttgart 1978, S. 373–416.
Dilthey, Wilhelm, Gesammelte Schriften, Bd. 8: Weltanschauungslehre, Ab-
handlungen zur Philosophie der Philosophie, Leipzig, Berlin 1931.
78
Adorno, Theodor W., Ästhetische Theorie, Frankfurt a. M. 1973, S. 533.
79
Nünning, Vera / Nünning, Ansgar, „Produktive Grenzüberschreitungen. Transge-
nerische, intermediale und interdisziplinäre Ansätze in der Erzähltheorie“, in:
hrsg. v. dens., Erzähltheorie transgenetisch, intermedial, interdisziplinär, Trier 2002,
S. 1–22, hier S. 1.
80
Zymner, Gattungstheorie, S. 60.
81
Ebd. (Hv. von dem Vf.)
190 Eva-Maria Siegel
Staiger, Emil, Grundbegriffe der Poetik, Zürich, Freiburg i. B. 1946.
Curtius, Ernst Robert, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter
[1948], (11. Aufl.) Tübingen, Basel 1993.
Auerbach, Erich, Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen
Literatur [1949], 3. Aufl., Bern, München 1964.
Literaturgeschichtlicher Aufriss des Problems der Widerspiegelung seit
Homer, im Istanbuler Exil verfasst.
Nachahmung von Wirklichkeit in der Literatur wird als Kernpro-
blem des Realismus herauspräpariert; Ausgangspunkt ist antike Mime-
sisvorstellung, die auf Poetiken im europäischen Sprachraum appliziert
wird.
Hamburger, Käte, Die Logik der Dichtung [1957], 2. Aufl., Stuttgart 1968.
Fischer, Ludwig, Gebunden Rede. Dichtung und Rhetorik in der literarischen
Theorie des Barock, Tübingen 1968.
Croce, Benedetto, Die Dichtung. Einführung in die Kritik und Geschichte der
Dichtung und der Literatur, Tübingen 1970.
Adorno, Theodor W., Ästhetische Theorie [1970], Frankfurt a. M. 1973.
Szondi, Peter, Poetik und Geschichtsphilosophie, Frankfurt a. M. 1974.
Drux, Rudolf, Martin Opitz und sein poetisches Regelsystem, Bonn 1976.
Hink, Walter (Hrsg.), Textsortenlehre – Gattungsgeschichte, Heidelberg 1977.
Sammelband mit Dokumentation der Diskussion um den Textbegriff;
Gattungen werden erstmals als literarisch-soziale Institutionen begrif-
fen.
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burg 1978.
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Frank, Barbara, „‚Innensicht‘ und ‚Außensicht‘. Zur Analyse mittelalter-
licher volkssprachlicher Gattungsbezeichnungen“, in: hrsg. v. ders. /
Gattungstheorie und -geschichte 191
Thomas Haye / Doris Tophinke, Gattungen mittelalterlicher Schriftlichkeit,
Tübingen 1979, S. 117–136.
Raible, Wolfgang, „Was sind Gattungen? Eine Antwort aus semiotischer
und textlinguistischer Sicht“, in: Poetica 12/1980, S. 320–349 [Ursprungs-
titel: „Gattungen als Textsorten“].
Standardaufsatz, leitet Hinwendung der Gattungstheorie zur Textsor-
tenlehre ein. Gattungen gewinnen die Funktion, Rahmenbedingungen
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Fuhrmann, Manfred, Dichtungstheorie der Antike, Darmstadt 1982.
Überblicksdarstellung mit Verbreitung weit über Fachgrenzen hinaus,
Erschließung der Antike als literarisch-kultureller Epoche.
Genette, Gerard, Palimpsestes. Die Literatur auf zweiter Stufe, Paris 1982.
Standardwerk der französischen Narratologie.
Schnur-Wellpott, Margrit, Aporien der Gattungstheorie aus semiotischer Sicht,
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Bickmann, Claudia, Der Gattungsbegriff im Spannungsfeld zwischen historischer
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Frankfurt a. M. u. a. 1984.
Brackert, Helmut / Stückrath, Jörn (Hrsg.), Literaturwissenschaft. Ein
Grundkurs, Reinbek b. H. 1992.
Grundlagenband, ‚Gattung‘ gilt neben ‚Epoche‘ als zentraler Begriff li-
teraturwissenschaftlicher Systematik. Kommunikationsorientiertes und
systemtheoretisch untermauertes Gattungskonzept, zeigt Aspekte einer
struktur- und funktionsgeschichtlichen Gattungsgeschichte vor allem
am Beispiel des Bildungsromans auf.
Barck, Karlheinz, Poesie und Imagination. Studien zu ihrer Reflexionsgeschichte
zwischen Aufklärung und Moderne, Stuttgart, Weimar 1993.
192 Eva-Maria Siegel
Schwalm, Helga, „Moderne und Postmoderne. Zum Problem epochaler
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chen 2000.
Verstärkung der Rezeptionsästhetik durch Anleitung zu regelhafter Lek-
türe, Plädoyer für das Lesen als heilsames Vergnügen und ganzheitlichen
Akt, Aufstellung von Prinzipien für den Leseakt, verteidigt normativen
Gattungsbegriff.
Gattungstheorie und -geschichte 193
Gernig, Kerstin (Hrsg.), Fremde Körper, Zur Konstruktion des Anderen in euro-
päischen Diskursen, Berlin 2001.
Trappen, Stefan, Gattungspoetik, Heidelberg 2001.
Nünning, Vera/ Nünning, Ansgar, „Produktive Grenzüberschreitun-
gen. Transgenerische, intermediale und interdisziplinäre Ansätze in der
Erzähltheorie“, in: hrsg. v. dens., Erzähltheorie transgenetisch, intermedial,
interdisziplinär, Trier 2002, S. 1–22.
Perspektivenreicher Aufsatzband, arbeitet die interdisziplinäre Relevanz
der Erzähltheorie heraus, Narrativität gilt als gattungs-, medien-, kultur-
und epochenübergreifendes, anthropologisch fundiertes Problemfeld.
Kilcher, Andreas B., mathesis und poiesis. Die Enzyklopädik der Literatur
1600 bis 2000, München 2003.
Schneider, Jost, Einführung in die Romananalyse, Darmstadt 2003.
Anleitung zu methodisch fundierter Analyse narrativer Textsorten, re-
zeptionsanalytischer Ansatz, interdisziplinäre Herangehensweise an die
Romangattung wird betont, Konnexion mit Mentalitätsforschung her-
gestellt.
Zymner, Rüdiger, Gattungstheorie. Probleme und Positionen der Literaturwissen-
schaft, Paderborn 2003.
Überblicksdarstellung zur historischen Genese des Gattungsbegriffs; die
Frage, inwiefern und inwieweit es Gattungen ‚wirklich gibt‘, avanciert
zum ontologischen Problem literaturwissenschaftlicher Forschungs-
arbeit.
Schneider, Irmela, „Genre, Gender, Medien, Eine historische Skizze
und ein beobachtungstheoretischer Vorschlag“, in: Claudia Liebrand /
Ines Steiner (Hrsg.), Hollywood hybrid, Genre und Gender im zeitgenössischen
Mainstream-Film, Marburg 2004, S. 16–28.
Hempfer, Klaus W., „Probleme der Terminologie, Wissenschaftsspra-
che, Objektebene und Beschreibungsebene“ [1973], in: Siegfried Mauser
(Hrsg.), Theorie der Gattungen, Laaber 2005, S. 3–15.
Methodischer Neuansatz, ausgehend von Kritik am Zustand der Gat-
tungstheorie. Erneuertes Plädoyer für Textbegriff, lässt aber keine termi-
nologische Differenzierung verschiedener Abstraktionsstufen zu, Sam-
194 Eva-Maria Siegel
melbegriffe wie der Gattungsbegriff gelten lediglich als ‚Zweckformen‘
und Klassen im logischen Sinne.
Stolz, Peter, „Der literarische Gattungsbegriff. Aporien einer literaturwis-
senschaftlichen Diskussion. Versuch eines Forschungsberichts zum Pro-
blem literarischer Gattungen“ [1990], in: Siegfried Mauser (Hrsg.),Theorie
der Gattungen, Laaber 2005, S. 24–33.
Methodischer Neuansatz und Gegenentwurf zur reinen Klassifikations-
theorie, stellt Klärung und Einbezug von sozio-kulturellen Kontexten
als zentrale Aufgabe der Literaturwissenschaft heraus, fruchtbar inso-
fern für kulturwissenschaftliche Ausrichtung des Fachs Germanistik.
Plädiert für die Trennung von Gattungsgesetzen und -regeln sowie für
Beschreibungsheuristiken im Sinne eines pragmatisch konzipierten Gat-
tungssystems.
Campe, Rüdiger, „Der Effekt der Form. Baumgartens Ästhetik am
Rande der Metaphysik“, in: Eva Horn / Bettine Menke / Christoph
Menke (Hrsg.), Literatur als Philosophie – Philosophie als Literatur, München
2006, S. 17–33.
Holmes, Susanne, Synthesis der Vielheit. Die Begründung der Gattungstheorie bei
A. W. Schlegel, Paderborn u. a. 2006.
Anz, Thomas, „Tod im Text. Regeln literarischer Emotionalisierung“,
in: Mitteilungen des deutschen Germanistenverbandes 54/2007, 3, S. 306–327.
Geistesgeschichte 195
Geistesgeschichte (Ideengeschichte /
Problemgeschichte / Form- und Stilgeschichte)
von NINA HAHNE
1. Definition
Geistesgeschichte als Methode der Literaturwissenschaft bezeichnet eine
spezifische Ausprägung der Literaturgeschichtsschreibung. Sie untersucht
komplexe Formen geistiger Kohärenz in ihrer jeweiligen literarischen Re-
präsentation, wobei diese Kohärenz als eindeutig bestimmbar verstanden
wird, so zum Beispiel in Form von Epochen oder als überzeitliche Ausprä-
gung nationalen Charakters. Die geistesgeschichtliche Literaturwissen-
schaft entsteht um 1910 und entfaltet ihre Hauptwirkung bis in die späten
1920er-Jahre. Hierbei handelt es sich um die Adaption und theoretische
Ausarbeitung eines Programms aufgeklärter Literaturgeschichtsschrei-
bung, welches sich um 1800 in Ergänzung eines idealistischen Verständ-
nisses des Begriffes ‚Geist‘ entwickelt und seine entscheidenden Impulse
von Herder, F. Schlegel und Hegel empfängt. Die Begriffskonsolidierung
erfolgt in Schlegels Wiener Vorlesungen zur Geschichte der alten und neuen Li-
teratur (1812), in welchen die „Geschichte des menschlichen Geistes“ in ih-
ren nationalen Ausprägungen mit besonderem Blick auf die „Geschichte
deutscher Geistesbildung“ behandelt wird.
1
Die Geistesgeschichte bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Her-
ders unsystematisch konzipierter Idee der sich in unendlichem Wandel
offenbarenden Humanität und Hegels systematisch fundiertem Begriff
des sich selbst bewusst werdenden ‚Weltgeistes‘. Zumeist tritt der teleo-
logische Gedanke zugunsten einer Sichtweise in den Hintergrund, wel-
che in den literarischen Leistungen des Sturm und Drang, der Weimarer
Klassik und der Romantik (nach Hermann August Korff als ‚Goethezeit‘
1
Schlegel, Friedrich, „Geschichte der alten und neuen Literatur, Vorlesungen, ge-
halten zu Wien im Jahre 1812“, in: Ernst Behler / Hans Eichner (Hrsg.), Friedrich
Schlegel, Kritische Schriften und Fragmente [1812–1823], 6 Bde., Paderborn, München,
Wien, Zürich 1988, Bd. 4, S. 1–234, hier S. 8 und S. 215.
196 Nina Hahne
bezeichnet) Kulminationspunkte des ‚deutschen Geistes‘ sieht, so dass
nachfolgende künstlerische und philosophische Leistungen einen quali-
tativen Abstieg bedeuten.
Ein wesentliches Charakteristikum der geistesgeschichtlichen Litera-
turwissenschaft ist ihre intensive Auseinandersetzung mit der Poetologie
der Romantik, welcher sie ihre philosophische Fundierung entlehnt, so-
wie ihre damit einhergehende Rehabilitierung der Romantik gegenüber
der Klassik als gleichberechtigter Form künstlerischen Ausdrucks.
2. Beschreibung
Den Geist einer Zeit aus literarischen Werken zu erschließen, ist somit
Aufgabe der geistesgeschichtlichen Literaturwissenschaft. Welche Merk-
male dabei in den Fokus der Untersuchung rücken, resultiert aus indivi-
dueller Schwerpunktsetzung: Gegenstand der Betrachtung sind vor allem
historisch rückverfolgbare Ideen von zentraler gesellschaftlicher Präge-
kraft (zum Beispiel ‚Bildung‘) oder die ästhetische Auseinandersetzung
mit menschlichen Grundproblemen (prominenteste Beispiele: ,Liebe‘
und ,Tod‘). Andererseits können auch bestimmte Form- und Stilmerk-
male im Mittelpunkt stehen oder aber der Verfasser selbst in seiner
als für den Zeitgeist repräsentativ verstandenen Einheit von Individua-
lität und Werk. Man spricht daher von ‚Ideengeschichte‘, ‚Problem-
geschichte‘, ‚Form- und Stilgeschichte‘ sowie ‚Kräftegeschichte‘, wobei
in der wissenschaftlichen Praxis zumeist Mischformen auftreten (die
einzelnen Varianten werden unter Punkt 4 näher erläutert). Die Frage,
ob alle genannten Ansätze gleichwertig unter den Sammelbegriff ‚Geis-
tesgeschichte‘ zu subsumieren sind und ob es hierarchische Abstufun-
gen gibt, wird unterschiedlich beantwortet. So spricht zum Beispiel
Jost Hermand für den Zeitraum zwischen 1895 und 1918 hinsichtlich
der Literaturgeschichte von „geistesgeschichtlichen, formtypologischen,
neuromantischen-nationalistischen, heimatlich-stammlichen und arisch-
rassistischen Konzepten“.
2
Hermand versteht die Form- und Stilge-
schichte somit als eine separate Methode neben der geistesgeschicht-
lichen,
3
die mit dieser jedoch bedeutende Verbindungen eingegangen
2
Hermand, Jost, Geschichte der Germanistik, Hamburg 1994, S. 77.
3
Die Begriffe ‚Formtypologie‘ und ‚Stiltypologie‘ bezeichnen die Formgeschichte
beziehungsweise Stilgeschichte mit Betonung der Präferenz dieser Methoden für
die Bildung formaler Klassifikationsschemata.
Geistesgeschichte 197
sei.
4
Das von Thomas Anz herausgegebene Handbuch Literaturwissenschaft
hingegen zählt auch die nationale und die stiltypologische Strömung zu
den geistesgeschichtlichen Ansätzen.
5
Hier wird zum einen die Problemgeschichte als Bereich der Ideenge-
schichte verstanden, und zum anderen werden auch die Form- und Stilge-
schichte als geistesgeschichtliche Ausrichtungen aufgefasst. Zur Proble-
matik der Einordnung finden sich ebenfalls unter Punkt 4 im Kontext der
Gegenüberstellung einzelner Anwendungsbeispiele genauere Angaben.
Zentral für das Selbstverständnis der Geistesgeschichte ist ihr Bestre-
ben, durch die Beschäftigung mit Literatur direkt auf das Leben des
Menschen einzuwirken. Vorreiter ist hierbei Wilhelm Dilthey, welcher
Dichtung als „die lebendigste Erfahrung vom Zusammenhang unserer
Daseinsbezüge in dem Sinn des Lebens“
6
versteht. Die Geistesgeschichte
bezieht ihre lebensweltlichen, ethischen Prämissen aus den Begriffen
‚Humanität‘ und ‚Bildung‘. So konstatiert Ernst Cassirer in seinen Klei-
nere[n] Schriften zu Goethe und zur Geistesgeschichte, das Konzept ‚Bildung‘
bezeichne geradezu repräsentativ den Geist der Goethezeit; allein diese
sei befähigt gewesen, den komplexen Gehalt des Wortes zu erfassen.
7
Die Logik der Argumentation beruht in diesem Fall auf einer typischen
Vorannahme der geistesgeschichtlichen Theorie, welche ein Wechselver-
hältnis von Geist und konkreten historischen Gegebenheiten postuliert.
Somit gewinnt eine Idee wie ,Bildung‘ autonomen Charakter und bean-
sprucht, durch den Menschen vollständig erschlossen zu werden. Glei-
chermaßen bestimme wiederum der Geist die historischen Verhältnisse.
8
In der Monographie, der bevorzugten geistesgeschichtlichen Darstel-
lungsform, folgen in der Regel auf eine allgemeine (essayistische) Ein-
führung autor- oder themengebundene Einzeldarstellungen, welche
die dargelegten Thesen, immer mit Bezug auf die übergeordnete Synthe-
seleistung, belegen sollen (so zum Beispiel bei Wilhelm Dilthey in Das
4
Vgl. Hermand, Germanistik, S. 73ff.
5
Vgl. Klausnitzer, Ralf: „Institutionalisierung und Modernisierung der Literatur-
wissenschaft seit dem 19. Jahrhundert“, in: Thomas Anz (Hrsg.), Handbuch Litera-
turwissenschaft, Stuttgart, Weimar 2007, S. 70–146, hier S. 94–101.
6
Dilthey, Wilhelm, Das Erlebnis und die Dichtung. Lessing, Goethe, Novalis, Hölderlin,
Leipzig, Berlin 1916, S. 179.
7
Vgl. Cassirer, Ernst, „Goethes Idee der Bildung und Erziehung“, in: Barbara Neu-
mann / Simon Zumsteg (Hrsg.), Ernst Cassirer, Kleinere Schriften zu Goethe und zur
Geistesgeschichte 1925–1944, Hamburg 2006, S. 11–14.
8
Vgl. ders., „Philosoph[ische] Probleme u[nd] Tendenzen der deutschen Geistes-
geschichte“, in: ders., Kleinere Schriften, S. 3–10.
198 Nina Hahne
Erlebnis und die Dichtung oder bei Hermann August Korff in Geist der Goe-
thezeit).
Da sich das Dichtungsverständnis der „klassischen“ Geistesgeschichte
normativ aus Klassik und Romantik herleitet, ist ihre Beschäftigung
bevorzugt auf Texte und Personen gerichtet, die sich im philosophisch-
literarischen Raum zwischen Aufklärung und Idealismus bewegen.
Überproportionales Interesse erfährt daher vor allem Goethe, daneben
widmet man sich unter anderem Hegel, Herder, Hölderlin, Kleist, Les-
sing, Novalis oder Schiller. Werke, deren Autor keiner Generation, Epo-
che oder literarischen Tradition zuzuordnen ist, erweisen sich daher als
weniger geeignet für die stark biographieorientierte geistesgeschicht-
liche Methode.
Die verbreitete These, geistesgeschichtliches Arbeiten richte sich pri-
mär auf Werke von formaler Geschlossenheit, kann jedoch nicht bestä-
tigt werden, da formale Geschlossenheit kein notwendiges Kriterium
geistesgeschichtlicher Betrachtung ist. Auch ist die romantische Litera-
tur, einer der bevorzugten Gegenstände geistesgeschichtlicher Betrach-
tung, in besonderem Maße durch die Verwendung offener Formen ge-
kennzeichnet.
3. Institutionsgeschichtliches
In der sogenannten ‚Krise der Germanistik‘ um 1900 definiert die litera-
turwissenschaftliche Geistesgeschichte sich selbst in Abgrenzung gegen
eine – oft mit abwertender Absicht als ‚Positivismus‘ bezeichnete – lite-
raturgeschichtliche Praxis der Deutschen Philologie, welche sich in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Analogie zur Klassischen Philolo-
gie konstituiert hatte. Rudolf Unger charakterisiert treffend Gegen-
standsbereich und Vorgehensweise dieser Philologie: „Der Methodik
der alten und der germanischen Philologie analog solle also auch in
der neueren Literaturgeschichte die Textinterpretation und -kritik als die
grundlegende Tätigkeit in den Mittelpunkt der Forschung treten. Daran
habe sich die formale und inhaltliche Bearbeitung zu schließen: sprach-
liche, stilistische und metrische Untersuchungen einerseits, anderseits
die Behandlung der Fragen nach Entstehungsgeschichte, Verfasser,
Quellen, Stoff- und Motivgeschichte, Kompositionsweise, Typen,
Tendenzen, Entlehnungen, Anspielungen und Anklängen, Vorbildern,
Einflüssen, Umarbeitungen, Aufnahme bei den Zeitgenossen, kritischen
Beurteilungen, Nachwirkungen usw. Als wichtigstes Hilfsmittel hierbei
Geistesgeschichte 199
gilt die Vergleichung nach ihren beiden Richtungen, als Parallelisierung
und Kontrastierung“.
9
Unter den vielfältigen frühen Ansätzen einer wissenschaftlichen
Beschäftigung mit Literatur, welche sowohl die Lehre des dichterischen
Handwerks als auch geistesgeschichtliche Ziele mit einschlossen, hatte
um 1820 im Kampf um ein adäquates Wissenschaftlichkeitsverständnis
die Philologie den Sieg davon getragen. Wie Klaus Weimar ausführt,
bestimmten Georg Friedrich Benecke, Jacob und Wilhelm Grimm sowie
Karl Lachmann die orthographisch, grammatisch und metrisch verein-
heitlichte Textedition zur Kernbeschäftigung der Philologie, während
eine am Gehalt des Werkes orientierte Praxis der Literaturbetrachtung
per se als unwissenschaftlich abgewiesen wurde.
10
Holger Dainat legt
dar, dass sich in der Neueren deutschen Literatur die Philologie erst in
den 1880er- und 1890er-Jahren vollständig durchsetzte.
11
Dann jedoch
habe sie ein strenges „Wahrheitsregime“ errichtet,
12
welches den wissen-
schaftlichen Nachwuchs einer regelrechten „Sozialdisziplinierung“ un-
terzog,
13
um die uneingeschränkte Geltung philologischer Maßstäbe zu
gewährleisten.
Auch die Auseinandersetzung zwischen Vertretern einer geistes-
geschichtlichen Literaturbetrachtung und den Verfechtern der ‚exakten‘
Philologie ist in erster Linie wissenschaftstheoretisch motiviert: Die
geistesgeschichtliche Theorie verurteilt die Philologie aufgrund ihres
(angeblich) naturwissenschaftlich-kausalen Ansatzes, welcher dem em-
pirisch fundierten Positivismus eines Auguste Comte entspreche. Dieser
Positivismus zerstöre den historischen Sinn, das Gefühl der Verbunden-
heit mit der Vergangenheit. So konstatiert Walter Strich in seinem Beitrag
Wesen und Bedeutung der Geistesgeschichte, 1922 veröffentlicht in dem von
ihm selbst herausgegebenen Jahrbuch für Geisteswissenschaften mit
dem Titel Die Dioskuren (erschienen 1922–1924): „Die Frage also, wie
9
Unger, Rudolf, „Philosophische Probleme in der neueren Literaturwissenschaft“,
in: ders., Gesammelte Studien, Erster Band: Aufsätze zur Prinzipienlehre der Literatur-
geschichte, Darmstadt 1966, S. 1–32, hier S. 1f.
10
Vgl. Weimar, Klaus, Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft bis zum Ende des
19. Jahrhunderts, München 1989, S. 231.
11
Vgl. Dainat, Holger, „Ein Fach in der ‚Krise‘, Die ‚Methodendiskussion‘ in der
Neueren deutschen Literaturwissenschaft“, in: Otto Gerhard Oexle (Hrsg.), Krise
des Historismus – Krise der Wirklichkeit. Wissenschaft, Kunst und Literatur 1880–1932,
Göttingen 2007, S. 247–272, hier S. 257.
12
Ebd., S. 255.
13
Ebd., S. 254.
200 Nina Hahne
das Werk entstanden ist, richtet die philologische Geschichte. Durch sie
wird diese zu einem Archiv, in dem alles als toter Gegenstand aufgeho-
ben wird, was lebendig wirken wollte“.
14
Die positivistische Arbeitsweise wird in der geistesgeschichtlichen
Polemik immer wieder mit dem Namen Wilhelm Scherers in Verbindung
gebracht, dessen Berliner Lehrstuhl für neuere deutsche Literatur-
geschichte auch in der Neubesetzung durch seinen Nachfolger Erich
Schmidt (1887) und dessen Nachfolger Julius Petersen (1920) als ein Boll-
werk philologisch exakter Methodik gegen die neue geistesgeschicht-
liche Mode gilt.
15
Jürgen Sternsdorff legt dar, wie Wilhelm Scherers Werk
durch bewusste Fehlinterpretation zum materialistischen Feindbild der
Geistesgeschichte aufgebaut wird und welche vor allem auch groß-
deutsch-nationalistischen Interessen sich dahinter verbergen.
16
Sterns-
dorff, der Scherers Werk vor allem politisch beurteilt, sieht Scherer dabei
vielmehr in der Tradition der Aufklärung und einer von dieser hergelei-
teten „kosmischen Vorstellung, in der die Natur selbst schon zur Durch-
setzung der allgemeinmenschlichen Natur, zum humanitären Fortschritt
gegen alle despotisch-künstlichen Behinderungen treibt“.
17
Diese Anschauung bringt Scherer den Vorwurf des Historismus und
damit des Relativismus ein, ein Kapitalverbrechen in den Augen der
Geistesgeschichtler, denen es gerade nicht um die geschichtliche Relati-
vierung von Werten geht, sondern um die Sichtung überkommener
Werte und ihre Prüfung auf Gegenwartstauglichkeit. Das stark über-
zeichnete Bild der angeblich positivistischen Philologie, welche in dieser
Extremform niemals praktiziert wurde, dient daher in erster Linie als
Negativfolie für die geistesgeschichtliche Selbstbestimmung. Ausgehend
von dieser Kritik entwickeln sich zunächst die ideengeschichtliche (Wil-
helm Dilthey, Ernst Cassirer, Hermann August Korff) und die problem-
geschichtliche Variante (Rudolf Unger, Paul Kluckhohn, Walter Rehm).
Daran anschließend und in stärkerer Betonung des formalen Charakters
14
Strich, Walter, „Wesen und Bedeutung der Geistesgeschichte“, in: Die Dioskuren.
Jahrbuch für Geisteswissenschaften, Bd. 1, München 1922, S. 1–34, hier S. 27.
15
Vgl. Höppner, Wolfgang, „Eine Institution wehrt sich, Das Berliner Germanische
Seminar und die deutsche Geistesgeschichte“, in: Christoph König / Eberhard
Lämmert (Hrsg.), Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 1910–1925, Frankfurt
a. M. 1993, S. 362–380.
16
Vgl. Sternsdorff, Jürgen, Wissenschaftskonstitution und Reichsgründung, Die Entwicklung
der Germanistik bei Wilhelm Scherer, Eine Biographie nach unveröffentlichten Quellen,
Frankfurt a. M. 1979, vor allem S. 262–296.
17
Ebd., S. 267.
Geistesgeschichte 201
literarischer Werke bildet sich die form- und stilgeschichtliche Ausprä-
gung (Paul Böckmann, Fritz Strich, Oskar Walzel) heraus, während die
Kräftegeschichte (Ernst Bertram, Friedrich Gundolf) eine Sonderstel-
lung einnimmt. Initiatorische Wirkung entfalten in diesem Prozess die
Monographie Wilhelm Diltheys Das Erlebnis und die Dichtung (1906) so-
wie Rudolf Ungers Aufsatz Philosophische Probleme in der neueren Literatur-
wissenschaft (1908) und seine Monographie Hamann und die Aufklärung
(1911).
1923 wird die Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und
Geistesgeschichte durch Erich Rothacker und Paul Kluckhohn als zentra-
les Publikationsorgan der Geistesgeschichte gegründet, welches jedoch
auch für andere Methoden offen ist. Aus dem kurzen programmatischen
Vorwort des ersten Bandes der DVJS (1923) geht hervor, dass die form-
und stilanalytische Methode nicht zur geistesgeschichtlichen Literatur-
wissenschaft gezählt wird, aber auch nicht als deren Opposition erscheint,
da die Herausgeber eine engere Verbindung als „fruchtversprechend
und wegweisend“ erachten. Außerdem spricht man sich ausdrücklich ge-
gen die Veröffentlichung „bloßer Materialsammlungen“ oder „rein stoff-
licher Quellenuntersuchungen“ aus, also gegen positivistische Ansätze
generell, bekennt sich gleichzeitig jedoch hinsichtlich der Grundlagenar-
beit ebenso zu philologischer Strenge und Gewissenhaftigkeit, um auf
diese Weise dem nach wie vor wirkungsmächtigen Gebot der Wissen-
schaftlichkeit gerecht zu werden.
18
Holger Dainat weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass auch
die Philologie letztendlich die Erforschung deutschen Geisteslebens be-
zweckt, dass sich jedoch in Relation zur Geistesgeschichte das Verhältnis
von Analyse und Synthese umkehrt: Erwarte die Philologie, dass die
„möglichst vollständige Aufarbeitung des Materials gewissermaßen au-
tomatisch, d. h. unter einem minimalen Einsatz von Intuition bzw. Kon-
struktion, zur zusammenfassenden Synthese führt“,
19
so werden in der
geistesgeschichtlichen Vorgehensweise die bereits vorgefassten Synthe-
sen häufig lediglich noch durch Beispiele aus einem ausgewählten Text-
korpus belegt.
Auch die Literatursoziologie, die sich ebenfalls in den ersten Jahr-
zehnten des 20. Jahrhunderts konstituiert, ist in diesem Zeitraum nicht
18
Kluckhohn, Paul / Rothacker, Erich (Hrsg.), Deutsche Vierteljahresschrift für Literatur-
wissenschaft und Geistesgeschichte, 1/1923, S. Vf.
19
Dainat, Holger, „Überbietung der Philologie“, in: König / Lämmert (Hrsg.), Lite-
raturwissenschaft und Geistesgeschichte, S. 232–239, hier S. 234.
202 Nina Hahne
klar von der Geistesgeschichte abgegrenzt. Unvereinbar mit soziologi-
schem Arbeiten ist der Anspruch der Geistesgeschichte auf den absolu-
ten Wert der Dichterpersönlichkeit und des dichterischen Kunstwerkes,
welche die Soziologie nur innerhalb ihres jeweiligen geschichtlichen Zu-
sammenhangs bestimmen kann. Die Beschaffenheit des Milieus ist für
die geistesgeschichtliche Biographie etwas Äußeres, Kontingentes, da sie
davon ausgeht, dass der Mensch bereits von Geburt an mit einem origi-
nellen Weltverständnis ausgestattet ist, welches sich in der Biographie
quasi „offenbart“. Eine spannungsreiche Zwischenstellung nimmt hier
die ‚stammesethnographische‘ (oder in der zeitgenössichen Terminolo-
gie: ‚stammeskundliche‘) Literaturgeschichte ein, welche aufgrund poli-
tischer und sozialer Verhältnisse Aussagen über geistige Entwicklungen
von Stämmen und Nationen und den in ihnen – so die zentrale These –
charakterlich verwurzelten Dichtern trifft.
20
Zentral ist hier die Prager
Rektoratsrede August Sauers mit dem Titel Literaturgeschichte und Volks-
kunde aus dem Jahre 1906.
Rudolf Unger bezeichnet die stammesethnographische Literatur-
geschichte als „soziologischen Positivismus“ und weist sie doch trotz
starker Zweifel an der wissenschaftlichen Aussagekraft ihrer Thesen kei-
neswegs von der Hand. In seinem Aufsatz Die Vorbereitung der Romantik in
der ostpreußischen Literatur des 18. Jahrhunderts. Betrachtungen zur stammes-
kundlichen Literaturgeschichte (1925) setzt sich Unger mit Joseph Nadlers
vierbändigem Werk Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften
(ab 1912) auseinander. Nadlers These, die Romantik sei ein Produkt des
gespaltenen Wesens des ostdeutschen Menschen, welcher dem ‚roman-
tischen Seelentypus‘ angehöre, zieht Unger stark in Zweifel. Besonders
kritisiert er, dass sich bei Nadler ein „anthropologisch-naturwissenschaft-
licher“ mit einem „kulturhistorisch-geisteswissenschaftlichen“ Begriff
von „Stamm und Stammestum“ vermische.
21
Unger sieht darin den wis-
senschaftlich zweifelhaften Versuch, die Typenpsychologie auf „psy-
chische Verschiedenheiten innerhalb desselben Volksganzen“ anzuwen-
den.
22
Die wissenschaftliche Validität einer Typenpsychologie generell
wird allerdings nicht in Frage gestellt und vielmehr der interdisziplinäre
20
Vgl. hier vor allem Nadler, Josef, Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Land-
schaften, 4 Bde., Regensburg 1912ff.
21
Unger, Rudolf, „Die Vorbereitung der Romantik in der ostpreußischen Literatur
des 18. Jahrhunderts, Betrachtungen zur stammeskundlichen Literaturgeschichte“,
in ders., Prinzipienlehre, S. 171–195, hier S. 189.
22
Ebd., S. 190.
Geistesgeschichte 203
Ansatz des Werkes gelobt. Deutlich wird jedoch das Vorrecht der Geis-
tesgeschichte hinsichtlich der Betrachtung eines primär als literaturge-
schichtlich verstandenen Phänomens wie der Romantik herausgehoben,
zu welchem die Stammeskunde gerne, „aber eben nur in Verbindung mit
und unter Führung der geisteshistorischen Literaturgeschichte“ etwas
beitragen könne.
23
Die Stammeskunde wird somit durch Unger stärker der Soziologie
zugeordnet als der Geistesgeschichte. Die direkte ideologische und rhe-
torische Nähe der Stammesethnographie zum Gedankengut des Natio-
nalsozialismus (zentrale Begriffe bei Nadler sind ‚Blut‘, ‚Boden‘, ‚Rasse‘,
‚Raum‘ etc.) hat außerdem dazu geführt, dass diese auch nachträglich in
der literaturwissenschaftlichen Betrachtung nicht in den Kreis „klassi-
scher“ geistesgeschichtlicher Positionen aufgenommen wurde.
Wie Christa Hempel-Küter in ihrer Studie zur fachinternen Reaktion
der Germanistik auf den Nationalsozialismus ausführt, ist die nationale
Ausrichtung der Germanistik bereits vor 1933 so stark ausgeprägt, dass
nach der Machtübernahme eine „inhaltliche Gleichschaltung“ des Fa-
ches nicht notwendig ist.
24
Am Beispiel Herbert Cysarz (1896–1985)
zeigt sich besonders augenfällig die Affinität der Geistesgeschichte zum
Nationalismus und ihre sich daraus ergebende äußerst problematische
Rolle im Nationalsozialismus. Die geistesgeschichtliche Auffassung
Cysarz’ ist bereits in seinem Werk Literaturgeschichte und Geisteswissenschaft
aus dem Jahre 1926 sehr nationalistisch orientiert und verwendet eine
ins Militaristische ausgreifende kräftegeschichtliche Bildlichkeit.
25
In sei-
nem Werk Das Deutsche Schicksal im Deutschen Schrifttum aus dem Jahre
1942 zeichnet Cysarz den langen Verlauf der kulturellen und politischen
Einigung Deutschlands anhand herausragender (Dichter-) Persönlich-
keiten nach und sieht sich auf diese Weise im Schulterschluss mit den
Frontsoldaten. In auffälligem Kontrast stehen dabei einerseits Cysarz’
Wertschätzung fremder kultureller Leistungen (seine akademischen
Vorträge auch über jüdische Autoren machten ihn dem NS-Regime ver-
dächtig, führten jedoch nicht zu seiner Absetzung), andererseits seine
Überzeugung von der naturgegebenen Eigenschaft des deutschen „Füh-
rervolkes“, welche ihn den 2. Weltkrieg als „Dienst an Europa“ zur Her-
23
Unger, „Vorbereitung der Romantik“, in: ders., Prinzipienlehre, S. 190.
24
Hempel-Küter, Christa, Germanistik zwischen 1925 und 1955, Studien zur Welt der Wis-
senschaft am Beispiel von Hans Pyritz, Berlin 2000, S. 39.
25
Vgl. Cysarz, Herbert, Literaturgeschichte als Geisteswissenschaft, Kritik und System, Halle
(Saale) 1926.
204 Nina Hahne
stellung einer neuen Völkerordnung verstehen lässt, als „Verantwortung
und Sorge für alle“.
26
In den Nachkriegsjahren sind von Seiten der Geistesgeschichte sehr
unterschiedliche Reaktionen auf die Katastrophe des Nationalsozialis-
mus zu beobachten. In seiner 1946 im Rahmen der Reihe Der Deutschen-
spiegel: Schriften zur Erkenntnis und Erneuerung erschienen Studie Die Idee des
Menschen in der Goethezeit beschwört Paul Kluckhohn das Idealbild des
Menschen der Goethezeit als Gegengewicht zu den Schrecken des ver-
gangenen Krieges und als Orientierungspunkt für die Erneuerung des
nationalen Selbstgefühls. Leitbild sei dabei „[d]ie Forderung der Totali-
tät, für welche die Griechen immer wieder als Vorbild angesprochen
werden, der Gedanke der Höherentwicklung, der Appell an die innere
Freiheit und an die Stimme des Gewissens, die Bedeutung der Eigen-
tümlichkeit der Individualität, zu der die Forderung der Gemeinschaft
und ihrer Pflichten ebensowenig im Gegensatz stehen wie das Nationale
zum Universalen oder Übernationalen“.
27
Dargestellt wird die Entwicklung dieses Ideals vom 16. Jahrhundert
bis zur Romantik, nach deren Ende Kluckhohn, bedingt durch Materia-
lismus und technischen Fortschritt, nur noch „Rückschritte der Kultur,
der wahren Bildung, Rückschritte des Menschentums“ erkennt.
28
Der
Nationalsozialismus wird sehr abstrakt behandelt und dem anti-moder-
nistischen Weltbild eingefügt. So heißt es direkt zu Beginn: „Bei so man-
chen Geschehnissen der letzten Jahre mußte man das peinliche, beschä-
mende und empörende Gefühl haben, daß das Bild des Menschen
herabgewürdigt, ja in den Schmutz gezogen wurde“.
29
Nur aus einer sol-
chen Ausgangslage kann Kluckhohn argumentieren, dass eine Besin-
nung auf die Ideen der Goethezeit für die aktuelle gesellschaftliche Si-
tuation Relevanz besitzt. Nur auf der Ebene von Bildern und Ideen kann
die Wissenschaft inhaltlich direkt dort anschließen, wo sie bis zum Be-
ginn der Diktatur und vielfach bis zum Ende des Krieges tätig gewesen
ist. Zum Schluss wird die Unzulänglichkeit dieser Verfahrensweise dem
Autor deutlich, um im gleichen Augenblick jedoch erneut negiert zu
werden: „[…] in keinem Falle können wir einfach zu einer vergangenen
Zeit und ihren Ideen zurückkehren. Unser Weg muß vorwärts gehen,
26
Vgl. ders., Das Deutsche Schicksal im Deutschen Schrifttum, Ein Jahrtausend Geisteskampf
um Volk und Reich, Leipzig 1942, S. 70.
27
Kluckhohn, Paul, Die Idee des Menschen in der Goethezeit, Stuttgart 1946, S. 44.
28
Ebd., S. 45.
29
Ebd., S. 7.
Geistesgeschichte 205
wenn er auch zunächst durch lastendes Dunkel führt. Aber das Beste
und Tiefste, was jene Höhenzeit deutscher Geistesgeschichte zu sagen
hatte, kann uns Hilfe sein zur Besinnung auf unser eigenes Wesen und
ein Kraftquell, der immer neu für uns entspringt“.
30
Fritz Strich hingegen betont im Vorwort einer Vortragssammlung mit
dem Titel Der Dichter und die Zeit (1947), welche Vorträge von 1929 bis
1947 umfasst, diese Vorträge seien ein Versuch gewesen, die dargestell-
ten Dichter als „Beschwörer der entfesselten Dämonen“ herbeizuru-
fen.
31
Alle Vorträge seien daher auf die gegenwärtige Zeit bezogen und
spiegelten ein geistesgeschichtliches Selbstverständnis, welches darauf
ausgerichtet sei, dem Leser die Fähigkeit zu vermitteln, die eigene Zeit
zu beurteilen. Besonders deutlich wird dies in seinem Vortrag Zu Lessings
Gedächtnis (1929), in welchem Strich mit deutlichen Worten den „Ungeist
der Zeit“, die „unselige Verhetzung zwischen Rassen und Religionen“
und die „dunklen, dumpfen, unbewussten Kräfte des Blutes“ mit ihrer
„rhetorischen Pathetik“ an den Pranger stellt.
32
In seiner weiteren Vortragssammlung Kunst und Leben aus dem Jahr
1960 begreift der Geistesgeschichtler Strich sich selbst als Außenseiter
innerhalb der Literaturwissenschaft. ,Geistesgeschichte‘ und ,Weltan-
schauung‘ seien Spottnamen geworden, die Literaturwissenschaft habe
sich auf die reine Textinterpretation und damit auf „die Isolierung des
Werkes in sich selbst“ zurückgezogen.
33
Gegen diese Werkimmanenz er-
hebt Strich vehementen Einspruch: „Wissenschaft beginnt in dem Au-
genblick, in welchem man sich vom Text zu entfernen anfängt und nicht
mehr an ihm klebt“.
34
Im Vordergrund der Literaturbetrachtung müsse
stets der Dichter als „menschliche Einheit und Ganzheit“ stehen.
35
Zwar rückt der jüdische Literaturwissenschaftler Strich durch das Er-
lebnis des Nationalsozialismus nicht von der Geistesgeschichte als sol-
cher ab, doch hat sich sein Verhältnis zur Romantik tief greifend verän-
dert. Stärkt er den Wert der Romantik 1922 in Deutsche Klassik und
30
Ebd., S. 46.
31
Strich, Fritz, Der Dichter und die Zeit, Eine Sammlung von Reden und Vorträgen, Bern
1947, S. 10.
32
Ders., „Zu Lessings Gedächtnis, Rede zur Staatsfeier seines zweihundertjährigen
Geburtstages in Berlin 1929“, in: ders., Der Dichter und die Zeit, S. 135–147, hier
S. 136f.
33
Ders., Kunst und Leben, Vorträge und Abhandlungen zur deutschen Literatur, Bern, Mün-
chen 1960, S. 7.
34
Ebd.
35
Ebd.
206 Nina Hahne
Romantik noch, so nimmt er diese Aufwertung in seinem Vorwort zur
fünften Auflage des Werkes von 1962 wieder zurück. Die Geistes-
geschichte müsse eine Überwindung der Romantik leisten, da diese den
„Rückgang auf ein magisch-dämonisches Weltbild“ darstelle und damit
maßgeblich an der Durchsetzung der nationalsozialistischen Ideologie
beteiligt gewesen sei. Zwar revidiert Strich nicht seine Ansicht von der
ästhetischen Bedeutung der Romantik, doch müsse diese aus dem Leben
und der Politik ferngehalten werden, denn: „Die Romantik war die Ab-
dankung der europäischen Vernunft“.
36
Mit der werkimmanenten Interpretation, welche sich folgerichtig aus
einer Formgeschichte entwickelt, wie sie durch Paul Böckmann, Wolfgang
Kayser und andere nach 1945 proklamiert wird, zieht sich die Literatur-
wissenschaft somit aus der ideologisch verdächtigen Geistesgeschichte
zurück.
4. Publikationen
4.1 Ideengeschichte
Als ein bedeutender Vertreter der Ideengeschichte vor der ‚geistesge-
schichtlichen Wende‘ ist Rudolf Haym (1821–1901) zu nennen. Seine
Werke, zum Beispiel Hegel und seine Zeit (1857) oder Die romantische Schule
(1870) zeigen das Weiterleben geistesgeschichtlicher Denkweisen auch
nach dem Niedergang der Hegel’schen Schule und in Koexistenz mit der
Philologie des 19. Jahrhunderts.
Der Liberale Haym richtet sich vehement gegen die als restaurativ be-
wertete Hegel’sche Philosophie und sieht in der Geistesgeschichte den
allein fruchtbaren Fortbestand Hegel’schen Gedankengutes. Ziel der
Geistesgeschichte sei es, „die Wandlungen des Ideenlebens einer Na-
tion“ darzustellen,
37
wobei zum einen ein biographischer Ansatz not-
wendig sei, da „große Geister“ die Ideen trügen und diese durch sie
wirkten, zum anderen besäßen die Ideen jedoch auch eine „sich selbst
einwohnende […] Lebenskraft“,
38
deren Entwicklung auf ihre Gesetz-
36
Ders., Deutsche Klassik und Romantik, Oder Vollendung und Unendlichkeit, Ein Vergleich,
Bern, München 1962, S. 11f.
37
Haym, Rudolf, Die Romantische Schule, Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Geistes,
Berlin 1928, S. 8.
38
Ebd.
Geistesgeschichte 207
mäßigkeiten hin untersucht werden müsse. Das einzelne literarische
Werk sei Kreuzungspunkt sowohl allgemeiner Entwicklungen als auch
individualpsychologischer Aspekte. Daraus ergebe sich die Notwendig-
keit, „zugleich das Durchgehende und Allgemeine festen Blickes zu ver-
folgen, und zugleich verstehend und mitfühlend sich in die Eigenart von
Individuen, in die inneren Erlebnisse bedeutender Menschen zu verset-
zen“.
39
Der Begriff des ‚Erlebnisses‘, der anschließend für Dilthey und in
seiner Nachfolge für die gesamte geistesgeschichtliche Bewegung zen-
trale Bedeutung erlangt, ist hier bereits vorgeprägt.
In seiner Romantischen Schule strebt Haym an, ein realistisches Bild der
Romantik zu zeichnen, nachdem restaurative Kräfte seit den 1840ern
durch die Verbreitung klischeehafter Vorstellungen den Ruf der Roman-
tik zerstört und diese als das allein Rückwärtsgewandte, nicht Lebens-
fähige dargestellt hätten. Das Bild, welches Haym zeichnet, ist jedoch
nicht positiver. Auf der Folie seines ästhetischen Ideals einer geschlosse-
nen, organisch gewachsenen Form im Sinne der Dichtung Goethes fällt
er ein hartes Urteil: In der Ästhetik der Romantiker habe Talent keine
Rolle gespielt, ihre Dichtung sei ein künstliches Produkt auf der Basis
der romantischen Universalpoesie, einer dilettantischen Regelpoetik,
und der Willkür des Dichters. Besonders Friedrich Schlegel wird für
Haym zum Zielpunkt seines Angriffs; er erklärt dessen Theorie der Uni-
versalpoesie beziehungsweise der romantischen Ironie aus Schlegels
zweifelhaftem Charakter (erkenntlich nach Haym vor allem aus Schle-
gels Roman Lucinde, in welchem das Konzept der romantischen Univer-
salpoesie in die Praxis umgesetzt wird). Die Form des romantischen
Fragments stehe dafür sinnbildlich: sie sei eine „formlose Form“, welche
„aus Bequemlichkeit“ zum philosophischen und literarischen Grundsatz
ernannt worden sei.
40
Zusammenfassend stellt Haym fest: „Allein das ist
ja vielmehr das Auszeichnende der romantischen Poesie, daß in ihr, was
sonst das Zeugnis der Unbeholfenheit und der Unpoesie ist, zum Stem-
pel der Schönheit und Vollendung wird“.
41
Findet sich also bei Haym zwar eine ideengeschichtliche Basis der Li-
teraturbetrachtung, so etabliert sich die Geistesgeschichte als literatur-
wissenschaftliche Methode im engeren Sinne doch erst mit Wilhelm
Dilthey (1833–1911) und seinen Nachfolgern, welche um eine Versöh-
nung des klassischen und des romantischen Dichtungsideals bemüht
39
Ebd., S. 9.
40
Ders., Romantische Schule, S. 280.
41
Ebd., S. 556.
208 Nina Hahne
sind und diese als konsistente Entwicklungsphasen der deutschen Natio-
nalliteratur darstellen.
Diltheys Konzept einer geistesgeschichtlichen Literaturbetrachtung
ist in seine theoretische Grundlegung der Geisteswissenschaften als
„moralisch-politische Wissenschaften“ eingebettet.
42
Dasjenige seiner
Werke, welches für die Begründung der Geistesgeschichte maßgebend
ist, Das Erlebnis und die Dichtung (1906), setzt als Anwendungsbeispiel
geisteswissenschaftlichen Arbeitens eine Kenntnis seines Theoriegebäu-
des voraus. Dies kann zur Folge haben, dass eine literaturwissenschaft-
liche Dilthey-Rezeption, welche sich primär an diesem Werk orientiert,
zentrale Begrifflichkeiten wie ‚Leben‘ / ‚Erlebnis‘, ‚Geist‘ oder ‚Sinn‘ in
einen metaphysischen Kontext stellt, welchen Dilthey gerade vermeiden
will. Zur theoretischen Ergänzung eignen sich daher neben der 1883 er-
schienenen Einleitung in die Geisteswissenschaften besonders Diltheys 1910
veröffentlichte Studiensammlung Der Aufbau der geschichtlichen Welt in
den Geisteswissenschaften, welche in komprimierter Form seine Kernthesen
darstellen.
‚Geist‘ bezeichnet bei Dilthey weder eine rein subjektiv-psycholo-
gische noch eine metaphysische Konstante, sondern vielmehr einen
Ausschnitt aus dem gesamten ,Leben‘, der gesellschaftlich-geschichtli-
chen Wirklichkeit des interaktiv handelnden Menschen. Zeichnen sich
die Naturwissenschaften nach Dilthey dadurch aus, dass in ihnen der
Mensch hinter einen Gegenstand aus dem Bereich der empirischen
Naturbetrachtung zurücktritt, dessen Eigenschaften mit den Mitteln
der Abstraktion erklärt werden können, so besitzen die Geisteswissen-
schaften im Gegenzug ihren gemeinsamen Untersuchungsgegenstand
im „ganzen Menschen“, welcher als „psycho-physische Lebenseinheit“
innerhalb eines Gefüges sozialer Systeme verstanden wird.
43
Das wissen-
schaftliche Verstehen des Menschen ist dabei für Dilthey primär ein ent-
wicklungsgeschichtliches, es geht ihm um die Schaffung einer Kritik der
historischen Vernunft, welche – in Abgrenzung zu Kant – nicht von einem
„starren a priori unseres Erkenntnisvermögens“ ausgeht.
44
Zentral ist
dabei der Begriff des ‚Erlebnisses‘, welcher die Fähigkeit des Individu-
42
Vgl. Johach, Helmut, Handelnder Mensch und objektiver Geist. Zur Theorie der Geistes-
und Sozialwissenschaften bei Wilhelm Dilthey, Meisenheim am Glan 1974, S. 6.
43
Dilthey, Wilhelm, „Einleitung in die Geisteswissenschaften“, in: Gesammelte Schrif-
ten, Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte, Bd. 1,
Bernhard Groethuysen (Hrsg.), Stuttgart, Göttingen 1990, S. 15.
44
Ebd., S. XVIII.
Geistesgeschichte 209
ums bezeichnet, aufgrund seines eigenen Eingebundenseins in die ge-
sellschaftlich-geschichtliche Wirklichkeit deren Eigengesetzlichkeit auf
der Basis hermeneutischer Prozesse nachzuvollziehen.
Poesie nun basiert nach Dilthey auf den Erlebnissen des Dichters,
welcher mit Hilfe der Phantasie eine „zweite Welt“ schafft
45
, in welcher
das einzelne Geschehnis durch die Bedeutung, die der Dichter hinein-
legt, den Bezug auf das Lebensganze, zum Symbol des Lebens erhoben
wird. Der Dichter verfügt nach Dilthey über eine besondere Intensität
des Erlebens, er ist in besonderem Maße dazu befähigt, diejenigen psy-
chischen und sozialen Prozesse zu erfassen, die das Leben des Menschen
bedingen, und diese komprimiert im literarischen Symbol zu gestalten.
Dies macht ihn zu einer „dämonischen Natur“.
46
Der Dichter erweitert
den geistigen Besitz der Menschheit, denn: „Jedes echte poetische Werk
hebt an dem Ausschnitt der Wirklichkeit, den es darstellt, eine Eigen-
schaft des Lebens heraus, die so vorher nicht gesehen worden ist“.
47
Aus literarischen Werken erschließe sich somit der Sinn des Lebens,
wobei ‚Sinn‘ verstanden wird als „Zusammenhang, wie er sich aus der
Bedeutung der Teile ergibt“.
48
Dieses Vorhaben weist der Literaturge-
schichte einen bedeutenden Platz innerhalb der Gesellschaft zu: Sowohl
durch eine psychologische Auseinandersetzung mit dem einzelnen
Dichter und seinem Werk im Nacherleben der gestalteten Erlebnisse als
auch durch das Verstehen geistiger Objektivationen, welche dieses Werk
historisch bedingen (Traditionen, Normen, Werte), kann der Geist einer
Zeit erfasst werden. Untersucht werden nicht innere Vorgänge, „son-
dern ein in diesen geschaffener, aber von ihnen ablösbarer Zusammen-
hang“,
49
welchen Dilthey in Anlehnung an Hegel auch als ,objektiven
Geist‘ bezeichnet, ohne jedoch Hegels teleologisches Geschichtsbild zu
übernehmen oder diesem Geist eine eigene Subjektivität zuzuschreiben.
,Geist‘ ist nach Dilthey ein Produkt der Gesellschaft, welche zum einen
durch die immergleichen Attribute des menschlichen Wesens und zum
anderen durch die veränderlichen historischen Bedingungen bestimmt
wird.
45
Dilthey, Erlebnis, S. 185.
46
Ebd., S. 188.
47
Ebd., S. 197.
48
Ders., „Plan der Fortsetzung zum Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geistes-
wissenschaften“, in: Gesammelte Schriften, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geis-
teswissenschaften, Bd. 7, Bernhard Groethuysen (Hrsg.), Leipzig, Berlin 1927, S. 240.
49
Ders., „Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften“, in:
Schriften, Bd. 7, Groethuysen (Hrsg.), S. 85.
210 Nina Hahne
Geistesgeschichtliche Erkenntnis darf jedoch nicht gesucht werden,
indem von den einzelnen Phänomenen nach dem Prinzip der Kausalität
auf das Allgemeine geschlossen wird, wie es nach Dilthey die Positivisten
in der Nachfolge Auguste Comtes beziehungsweise die naturwissen-
schaftlich ausgerichteten Empiriker im Sinne John Stuart Mills praktizie-
ren, welche Dilthey zufolge die geschichtliche Wirklichkeit „verstüm-
meln“.
50
Abstraktion und mechanische Unterordnung der Erscheinungen
unter die jeweiligen Konstruktionsmittel seien das Prinzip der Naturwis-
senschaften, verstehende Einordnung der Erscheinungen in die gesell-
schaftlich-geschichtliche Wirklichkeit das der Geisteswissenschaften.
51
Besonderes Studienobjekt ist hierbei nach Dilthey die Genera-
tion. Diese eignet sich besonders als Bindeglied in der wechselnden
Betrachtung von Individuen und sozialen Systemen; sie ermöglicht die
angestrebte Kombination aus subjektiv-psychologischer und objektiv-
soziologischer Betrachtung. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, her-
vorzuheben, dass Dilthey, wenn er von Psychologie spricht, nicht die
eigentliche Wissenschaft der Psychologie meint, sondern eine konkrete
Psychologie oder Anthropologie, welche Fragen nach der Bedeutung
des Lebens stellt. Wie Gunter Scholtz ausführt, ergibt sich aus der Tat-
sache, dass Dilthey einerseits anthropologische Konstanten voraussetzt,
andererseits jedoch den Menschen aus der Geschichte begreifen will,
kein Widerspruch. Beide Prämissen verhielten sich vielmehr zueinander
„wie systematischer Rahmen und Konkretion“.
52
Diltheys Theorie, in welcher der Literaturgeschichte ein zentraler
Platz zukommt, geht somit über das, was als ‚klassische‘ Geistesge-
schichte bezeichnet wird, weit hinaus. Die Rezeption Diltheys innerhalb
der Geistesgeschichte beschränkt sich jedoch vor allem auf seine ideen-
geschichtliche Konzeption mit dem Kern des Erlebnisbegriffes, wäh-
rend Diltheys Hermeneutik in der Literaturwissenschaft unberücksich-
tigt bleibt. Diese Tatsache veranlasst Tom Kindt und Hans-Harald
Müller zu dem Urteil, „dass Diltheys kurzzeitiger Erfolg in der Literatur-
50
Ders., „Einleitung in die Geisteswissenschaften“, in: Schriften, Bd. 1, Groethuysen
(Hrsg.), Vorwort S. XVII.
51
Vgl. ders., „[Über vergleichende Psychologie] Beiträge zum Studium der Indivi-
dualität (1895/96)“, in: Gesammelte Schriften, Die geistige Welt, Einleitung in die Philoso-
phie des Lebens, erste Hälfte: Abhandlungen zur Grundlegung der Geisteswissenschaften,
Georg Misch (Hrsg.), Leipzig, Berlin 1924, S. 265.
52
Scholtz, Gunter, „Diltheys Philosophiebegriff“, in: Gudrun Kühne-Bertram /
Frithjof Rodi (Hrsg.), Dilthey und die hermeneutische Wende in der Philosophie, Wirkungs-
geschichtliche Aspekte seines Werkes, Göttingen 2008, S. 17–37, hier S. 31.
Geistesgeschichte 211
wissenschaft eher als Bestandteil einer rhetorischen Legitimierungsstra-
tegie denn als Ergebnis einer genauen inhaltlichen Auseinandersetzung
zu sehen ist“.
53
Ist die Dilthey-Rezeption um 1910 sehr selektiv, so wirkt
Diltheys Werk Das Erlebnis und die Dichtung doch gerade dadurch als Ka-
talysator für bereits vorhandene geistesgeschichtliche Tendenzen, wel-
che sich aus einer allgemeinen Unzufriedenheit mit den Methoden und
Ergebnissen der Philologie ergeben.
Ein weiterer bedeutender Vertreter der Ideengeschichte, Hermann
August Korff (1882–1963), stellt in seinem vierbändigen Werk Geist der
Goethezeit (ab 1923) die philosophische und literarische Entwicklung in
Deutschland vom Sturm und Drang über die Klassik und die Frühro-
mantik bis hin zur Hochromantik als eine konsistente Entwicklung dar.
Korff verfährt dabei geistesgeschichtlich, indem er nicht einzelne Pha-
sen der Entwicklung in ihrer zeitlichen Abfolge nachvollzieht, sondern
seine Darstellung nach sachlichen Kategorien (Weltanschauung, Le-
bensanschauung, Kunstanschauung) systematisch ordnet.
54
Getragen
wird die Darstellung nach Korff „von dem alten Hegelschen Aberglau-
ben […], daß die Entwicklung der Ideengeschichte im Großen gesehen
auch einen logischen Fortgang habe und die systematische Darstellung
einer ausgereiften Ideenwelt darum zugleich ein ideelles Bild der geisti-
gen Bewegung gebe“.
55
Korff prägt mit seinem Werk den Begriff ‚Goe-
thezeit‘ für den Zeitraum von 1770–1830, dessen kunstphilosophischen
Charakter er in Goethe und Hegel verkörpert sieht.
4.2 Problemgeschichte
Rudolf Unger (1876–1942) entwickelt sein Konzept einer Problem-
geschichte in mehreren Schritten. In seinem Aufsatz Philosophische Probleme
in der neueren Literaturwissenschaft (1908) sowie in seiner monographischen
Darstellung Hamann und die Aufklärung (1911) orientiert er sich noch
stark an Diltheys ideengeschichtlichem Konzept und kombiniert dieses
mit seinem kräftegeschichtlichen Grundverständnis, welches das Irratio-
53
Kindt, Tom / Müller, Hans-Harald, „Eine Wende ohne Folgen, Die Fassungen
von Das Erlebnis und die Dichtung und die Dilthey-Rezeption in der Literaturwis-
senschaft“, in: Kühne / Rodi (Hrsg.), Hermeneutische Wende, S. 333–347, hier S. 334.
54
Vgl. Korff, Hermann August, Geist der Goethezeit, Versuch einer ideellen Entwicklung der
klassisch-romantischen Literaturgeschichte, Bd. 2: Klassik, Leipzig 1958, S. 4.
55
Ders., Goethezeit, S. 4.
212 Nina Hahne
nale (verkörpert nach Unger in der Person Hamanns) zu einer „Erneue-
rung der Religion“ beschwört und sich darüber hinaus in einer Bildlichkeit
des „Dunklen“, „Chaotischen“ und „Dämonischen“ manifestiert.
56
Sein
späterer Aufsatz Literaturgeschichte als Problemgeschichte (1924) präsentiert
einen neuen Ansatz. Diltheys Ausrichtung auf die subjektive Erlebnis-
seite der Dichtung wird nun kritisch verworfen, Scherer und Dilthey hin-
sichtlich ihrer angeblich ‚psychologistischen‘ Ausrichtung miteinander
verglichen und Dilthey somit in die Richtung des Positivismus gerückt.
57
Literatur wird nun verstanden als eine „Spiegelung der Entwicklung
sachlicher Probleme“ (wie zum Beispiel Liebe und Tod), deren Darstel-
lung die Aufgabe der Ausbildung einer „nationalen Ethik“ vorantreiben
soll. Dilthey habe diese Probleme als Gegenstand geistesgeschichtlicher
Forschung nicht erkannt,
58
eine unzutreffende Behauptung, da Dilthey
menschliche Grundprobleme als eine von vielen Untergruppen unter
die Aspekte des Lebens fasst.
59
Im Sinne eines neuen „philosophischen
Objektivismus“ sei es Aufgabe der Literaturgeschichte, die Natur des
Menschen nicht länger individualpsychologisch zu untersuchen, son-
dern ihre Vergegenständlichung im Sinne einer „Phänomenologie der
Lebensprobleme“ zu erforschen.
60
Hatte sich Unger 1908 vor allem auf
Herder als den Ahnherrn der Geistesgeschichte bezogen, so rückt nun
Hegel an dessen Stelle.
Zwei Jahre später veröffentlicht Unger mit seinem Aufsatz Literatur-
geschichte und Geistesgeschichte (1926) seine systematischste Darstellung des
Konzeptes Problemgeschichte, in welchem er die Positionen von 1908
und 1924 zur Synthese führt. Unger geht nun von einer „Doppelnatur
der Lebensprobleme des Geistes“ aus, welche einerseits als „geschicht-
lich und psychologisch sich wandelnd“ und andererseits als „im unver-
änderlichen Grunde der Menschennatur und ihrer Situation im Kosmos
wurzelnd“ aufgefasst werden müssten.
61
Daher müsse die Geistes-
56
Unger, „Philosophische Probleme“, in: ders., Prinzipienlehre, S. 16; Unger, Rudolf,
Hamann und die Aufklärung, Studien zur Vorgeschichte des romantischen Geistes im 18. Jahr-
hundert, Bd. 1 / Text, Jena 1911, S. 576ff.
57
Vgl. ders., „Problemgeschichte“, in: ders., Prinzipienlehre, S. 144.
58
Vgl. ebd., S. 144.
59
Konstatiert Dilthey doch in Das Erlebnis und die Dichtung: „[D]ie großen Momente
des Daseins, Geburt, Liebe, Tod werden verklärt durch Bräuche, die die Realitäten
umkleiden und über sie hinausweisen.“ (Dilthey, Erlebnis, S. 184.)
60
Unger, „Problemgeschichte“, in: ders., Prinzipienlehre, S. 154.
61
Ders., „Literaturgeschichte und Geistesgeschichte, Ein Vortrag“ [1926], in: ders.,
Prinzipienlehre, S. 212–225, hier S. 218f.
Geistesgeschichte 213
geschichte die Lebensprobleme von zwei Seiten her erforschen, von der
subjektiv-psychologischen (nach Dilthey) und von der dialektischen be-
ziehungsweise phänomenologischen (Hegel).
62
Unger fasst abschließend
zusammen: „Geistesgeschichte bedeutet in unserem Zusammenhang
also die übergreifende innere Einheit von Seelengeschichte, sei es indi-
vidual-, sei es sozialpsychologischer Art, und historisch sich entfaltender
wesensmäßiger Problemdialektik“.
63
Eine Durchführung dieses problemgeschichtlichen Konzeptes stellt
Walther Rehms (1901–1963) Studie Der Todesgedanke in der deutschen Dich-
tung vom Mittelalter bis zur Romantik (1928) dar, in welcher er an Rudolf
Ungers Studie Herder, Novalis und Kleist, Studien über die Entwicklung des
Todesproblems im Denken und Dichten vom Sturm und Drang zur Romantik
(1922) anschließt und deren zeitlichen Untersuchungsrahmen erweitert.
Nach Rehm erschließt sich der Geist einer Zeit vor allem aus ihrem spe-
zifischen Bezug zu den grundlegenden Problemen ‚Leben‘ und ‚Tod‘,
welcher sich in Kunst und Philosophie ausgestalte.
4.3 Kräftegeschichte
Bestimmt man die Geistesgeschichte primär aus ihrem Antagonismus zur
„positivistischen“ Philologie, so stellt die kräftegeschichtliche Ausrich-
tung Friedrich Gundolfs (1880–1931) ihre radikalste Ausprägung dar.
Gundolfs Habilitationsschrift, Shakespeare und der deutsche Geist, welche
zeitgleich mit Ungers Hamann-Monographie 1911 erscheint, weist bereits
die Hauptmerkmale seiner Darstellungsweise auf wie das gänzliche Feh-
len eines literaturwissenschaftlichen Apparates und den emphatischen
Duktus seiner Sprache, welche eine Ästhetisierung des Werkes bewirken
sollen. Gundolf, der Mitglied des Künstlerkreises um Stefan George ist
und sich nach und nach durch seine literaturwissenschaftlichen Ambitio-
nen und Aktivitäten aus diesem entfernt, bezieht seine Wissenschaftsauf-
fassung aus dieser „künstlerischen Erneuerungsbewegung“.
64
Gundolf versteht sich als Vorkämpfer gegen die materialistische und
„geistig flache“ Gegenwart, gegen den anglo-amerikanischen Protestan-
62
Vgl. ebd., S. 218f.
63
Ebd., S. 219.
64
Osterkamp, Ernst, „Friedrich Gundolf“, in: Christoph König / Hans-Harald Mül-
ler / Werner Röcke (Hrsg.), Wissenschaftsgeschichte der Germanistik in Portraits, Berlin,
New York 2000, S. 162–175, hier S 175.
214 Nina Hahne
tismus und Kapitalismus, zu deren Bekämpfung er einen neuen „Kultur-
heiland“ in direkter Nachfolge Dantes, Shakespeares und Goethes her-
bei sehnt und zu welchem er Stefan George stilisiert.
65
In der deutschen
Gegenwart sei alles „mechanisch-willkürlich zusammengezwungen“;
daher müsse ein ‚Formbringer‘ eine Zeit neuer kultureller Einheit und
Harmonie herbeiführen.
66
Gundolfs Geschichtsverständnis ist dabei
zyklisch, nicht progressiv.
In seinem Essay Vorbilder aus dem dritten Band des von 1910 bis 1912
in der Herausgeberschaft Friedrich Gundolfs und Friedrich Wolters er-
schienenen Jahrbuchs für die geistige Bewegung legt Gundolf sein Geschichts-
bild dar, welches das Gestern als Kraft begreift, deren Größe – zur
Erscheinung gekommen in den großen menschlichen Gestalten, den
Vorbildern – bis in die Gegenwart wirke. Ein einzelner großer Mensch
kann nach Gundolf allein den Zeitgeist, ein ganzes ,Weltalter‘ gestalten.
Gundolf vertritt somit eine rein subjekt-zentrierte Kräftegeschichte: Die
geistige und geschichtliche Welt existiere nicht außerhalb wirklicher
Menschen, daher könne sie nur durch Auswahl und Deutung zentraler
Persönlichkeiten verstanden werden; auch hier kommt ein starker künst-
lerischer Impuls zum Tragen: „Zu befinden was aus einem unerschöpf-
lichen und unauflösbaren gesamtwesen bloss historie und was mitwir-
kende gegenwart sei: dazu sind die lebendigen wähler und wirker jedes
zeitalters da, das gehört zum beruf der geistigen bewegungen. Sie weh-
ren den betrachtern nicht die objektive feststellung der tatsachen, aber
bei der gestaltung ihrer heroen fragen sie nicht nach ‚wahrheit‘, sondern
nach wirklichkeit“.
67
Gundolfs Verehrung der Vorbilder wird von
ihm selber als Kult verstanden, ihr Leben und Wesen bezeichnet er als
,Mythus‘. Als Vorbild gilt der „kosmisch runde Mensch“, welcher den
christlichen Zwiespalt von Leib und Seele in sich aufhebe und somit
„oberstes sichtbares Sinnbild der Gottheit“ werde.
68
In seinen Gestalt-Monographien bringt Gundolf diese Konzeption
zur Anwendung, vor allem in seinem Buch Goethe von 1916, in welchem
er die harmonische Einheit von Leben und Werk Goethes gemäß seiner
65
Vgl. die Einleitung zum 3. Jahrgang des Jahrbuchs für die geistige Bewegung (Gundolf,
Friedrich / Wolters, Friedrich (Hrsg.), Jahrbuch für die geistige Bewegung, 3/1912,
S. III–VIII.)
66
Gundolf, Friedrich: „Vorbilder“, in: Gundolf / Wolters, (Hrsg.), Geistige Bewegung,
S. 1–20, hier S. 8.
67
Ebd. S. 2
68
Ebd., S. 7.
Geistesgeschichte 215
Grundidee der Kräftekugel darstellt, deren Zentrum, die „lebendige,
ausstrahlende Kraft“, alle Schichten des Werkes, ihre „Atmosphäre“ be-
stimme und zu einer einheitlichen Gestalt forme.
69
Entscheidend ist für Gundolfs geistesgeschichtliche Literaturbetrach-
tung ebenfalls der Erlebnisbegriff. Er unterscheidet zwischen ,Urerleb-
nissen‘ „denen der Mensch kraft seiner inneren Struktur ausgesetzt ist“,
,Bildungserlebnissen‘ d. h. den bereits vorgefundenen geistigen Objekti-
vationen der Zeit, und einer „Reihe langsam und heimlich bildender
Mächte“, deren Eigenart nicht näher bestimmt wird.
70
Gundolfs Werke erreichen eine breite Leserschaft, vor allem in nicht-
wissenschaftlichen Kreisen, doch innerhalb der Literaturwissenschaft
reagiert man auf sie reserviert, wobei auch ein latenter Antisemitismus
gegenüber dem jüdischen Autor Gundolf seinen Einfluss geltend macht.
Hauptkritikpunkt ist jedoch vor allem die als unwissenschaftlich be-
trachtete Kunst-Wissenschaft Gundolfs, die zwar ästhetisch verdienst-
voll, im akademischen Bereich jedoch unangebracht sei. So warnt Rudolf
Unger als Verfechter philologischer Exaktheit vor dieser neuen Art der
Geschichtsbetrachtung, wobei das Gefahrenpotenzial allein im wissen-
schaftlichen Bereich gesehen wird: „Und zwar begegnet es [das pro-
blemgeschichtliche Programm] in der heutigen Geisteslage, bei allem
Einverständnis mit tieferen Tendenzen derselben, zugleich einer mäch-
tigen Gegenströmung: dem Drange zur willkürlichen Stilisierung und
subjektivistischen Verflüchtigung des Geschichtlichen und seines geisti-
gen Gehaltes in vermeintlich künstlerischer Gestaltung und ‚Schau‘.
Diese mehr oder minder bewußte und absichtsvolle freie Umbildung
und Umdichtung der Geschichte, vor allem auch der Literaturge-
schichte – im weitesten Sinne – zum ‚Mythos‘ wächst sich, wie mir
scheint, immer mehr zu einer ernsten Gefahr für unsere und die Nach-
barwissenschaften aus“.
71
4.4 Form- und Stilgeschichte
Die Form- und Stilgeschichte zeigt bereits eine gewisse methodische
Distanz zur Ideen- und Problemgeschichte. In Anlehnung vor allem an
Heinrich Wölfflin bemüht man sich um eine Übertragung kunstge-
69
Ders., Goethe, Berlin 1916, S. 14f.
70
Ebd., S. 49.
71
Unger, „Problemgeschichte“, S. 167.
216 Nina Hahne
schichtlicher Begriffe und Kategorien auf die Analyse des literarischen
Werkes, um auf diese Weise eine stärkere Betonung des gestalterischen
Anteils zu erreichen. So spricht Oskar Walzel (1864–1944) in seiner Mo-
nographie Wechselseitige Erhellung der Künste (1917) von der „Architektonik
einer Dichtung“
72
und plädiert 1923 in Gehalt und Gestalt im Kunstwerk
des Dichters im Sinne seines Verständnisses von Dichtung als einem „Or-
ganismus“ für einen Mittelweg zwischen geistesgeschichtlicher und
formanalytischer Literaturwissenschaft: „Geistiges als Voraussetzung
der Gestalt des Dichtwerks, die Gestalt des Dichtwerks als Ausdruck sei-
nes geistigen Inhalts gilt es zu nehmen“.
73
Fritz Strich (1882–1963) geht in seinem stilgeschichtlichem Werk
Deutsche Klassik und Romantik (1922) einen ähnlichen Weg. An die Stelle
des Begriffes ‚Geist‘ rückt der Stil eines Autors oder einer Zeit, welcher
sich aus menschlichen ,Urphänomenen‘ oder ,Grundhaltungen‘ ergebe
und in künstlerischer Ausdrucksform erscheine.
74
,Stilvergleichung‘ sei
daher das angemessene Vorgehen, um den Geist eines Werkes und einer
Zeit zu begreifen.
75
Strich geht von zwei überzeitlichen polaren Stilrich-
tungen aus, welche in allen literarischen Epochen wiederkehrten, da sie
die Grundeinstellungen des Menschen zum Leben und zur Zeit repräsen-
tierten. Diese bezeichnet er mit den stilgeschichtlich neu definierten Be-
griffen ‚Klassik‘ und ‚Romantik‘, wobei es der Klassik um die Verewigung
des Augenblicks und damit die anschauliche Darstellung der Vollendung
im Endlichen zu tun sei, während die Romantik durch eine vergeistigte
Sprache die Vergänglichkeit der Zeit und die daraus entstehende Sehn-
sucht nach dem Ewigen fokussiere.
76
Besondere Bedeutung gewinne da-
bei für die Romantik die metaphorische Sprache: „Wenn die romantische
Sprache durch und durch metaphorisch ist, so will doch diese Bildlichkeit
nicht etwa Anschauung erwecken, sondern sie vernichten. […] Das Bild
ist wie eine magische Formel, welche den Gegenstand in Geist verwan-
delt. […] Je mystischer der Gedanke ist, desto metaphorischer ist die
Sprache. Denn das Wort des unendlichen Geistes, der sich jedem Begriff
und jeder Vorstellung entzieht, ist das sprechende Bild“.
77
Strich tritt ge-
72
Walzel, Oskar, Wechselseitige Erhellung der Künste, Ein Beitrag zur Würdigung kunst-
geschichtlicher Begriffe, Berlin 1917, S. 24.
73
Ders., Gehalt und Gestalt im Kunstwerk des Dichters, Berlin 1923, S. 15.
74
Strich, Klassik und Romantik, S. 15.
75
Ebd., S. 16.
76
Vgl. Walzel, Gehalt und Gestalt, S. 22ff.
77
Ebd., S. 173.
Geistesgeschichte 217
gen die Absolutsetzung des klassischen Dichtungsverständnisses ein und
betont die Rolle der deutschen Romantik für die Weltliteratur, welche
sehr viel größer gewesen sei als die der Klassik.
78
Strichs Stilgeschichte
betont somit die ästhetische Autonomie des Kunstwerkes, bezieht ihre
Betrachtungen zur Form jedoch aus ideengeschichtlichen Vorüberlegun-
gen. Textbeispiele dienen dementsprechend auch sehr allgemein zur Il-
lustration der Synthesen und nicht als Ausgangspunkt der Untersuchung.
Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs greift Paul Böckmann in sei-
nem Werk Formgeschichte der deutschen Dichtung (1949) diese noch stark an
der Ideengeschichte orientierte Literaturbetrachtung auf und entwickelt
daraus seine Formgeschichte, die ihren Ausgangspunkt ausschließlich
an der Gestalt des Kunstwerkes nimmt. Böckmann versteht sich zu-
gleich in Opposition und Ergänzung zur Geistesgeschichte: Für ihn ist
die sprachliche Form das Bestimmende der Literatur, nicht ihr Gehalt,
daher dürfe Literaturgeschichte nicht nur allgemeine Kultur- und Geis-
tesgeschichte sein. Böckmann möchte mit seiner Formgeschichte der Li-
teraturgeschichte eine „größere Sachnähe“ geben.
79
Sowohl Biographis-
mus als auch Ideengeschichte hätten die Formensprache der Dichtung
bislang unberücksichtigt gelassen;
80
in dieser Zusammenstellung zweier
antagonistischer Richtungen zeigt sich besonders deutlich Böckmanns
Verständnis eines grundlegenden Neuansatzes innerhalb der Geistes-
geschichte, welcher ihn bereits fast aus dieser heraus hebt: „Die Form-
geschichte geht von der Überzeugung aus, daß die Dichtung zur Aus-
bildung von Lebensanschauungen und Lebensidealen nur insoweit
beiträgt, als sie eine Formensprache zur Verfügung stellt, in der sich der
Mensch über sich selbst zu verständigen vermag. Sie sucht die Dichtung
als Dichtung zum Forschungsgegenstand zu machen und sieht sich des-
halb genötigt, bis zur konkreten Struktur des jeweiligen Werkes vorzu-
fragen“.
81
Böckmann begreift die dichterischen Formen somit als „Auffas-
sungsformen des Menschlichen“.
82
Deren Untersuchung ist das zentrale
Anliegen der Böckmann’schen Formgeschichte: Nicht einzelne Form-
78
Vgl. ebd., S. 360.
79
Böckmann, Paul, Formgeschichte der deutschen Dichtung, Erster Band: Von der Sinnbild-
sprache zur Ausdruckssprache, Der Wandel der literarischen Formensprache vom Mittelalter
zur Neuzeit, Hamburg 1973, S. 2.
80
Vgl. ebd.
81
Ders., Formgeschichte, S. 2.
82
Vgl. ebd., S. 13.
218 Nina Hahne
elemente, sondern ein allen formalen Erscheinungen innerhalb eines
Werkes zugrunde liegender ,Stilwille‘ soll erschlossen werden und Auf-
schluss geben über den Geist des Dichters und seiner Zeit.
83
Die Radikalität der Position Böckmanns liegt nicht darin, dass sie die
Formensprache der Dichtung ins Zentrum der Betrachtung rückt – dies
ist keine Innovation –, sondern darin, dass sie das geistesgeschichtlich
relevante Potential der Dichtung ausschließlich in dieser Formensprache
sieht. Der Begriff ‚Formensprache‘ ist jedoch bei Böckmann sehr weit
gefasst, wie er bereits 1931 in seinem Aufsatz Von den Aufgaben einer geis-
teswissenschaftlichen Literaturbetrachtung in der DVJS darlegt: Er beinhaltet
vor allem die Symbolgestaltung eines Werkes, welche sich durch Rhyth-
mus, Bild, Charakter und Fabel zeige, also Kategorien, deren Untersu-
chung den Gehalt des Werkes notwendigerweise inkorporieren muss.
84
5. Fachgeschichtliche Einordnung
Der geistesgeschichtlichen Literaturwissenschaft kommt das Verdienst
zu, erneut eine Brücke zwischen Literaturwissenschaft und Philosophie
geschlagen und damit den wissenschaftlichen Horizont der Germanistik
beträchtlich erweitert zu haben. Sie hebt die Vereinseitigung der Philo-
logie auf und öffnet sie auch für weiter gehenden interdisziplinären Aus-
tausch. Allerdings muss auch konstatiert werden, dass Ausprägungen
wie die stammesethnographische Literaturgeschichte dazu gedient ha-
ben, nationalsozialistischem Gedankengut ein wissenschaftliches Forum
zu bieten.
Das größte Problem der geistesgeschichtlichen Darstellungsweise
liegt in ihrer Tendenz zum essayistischen Schreiben, welche die Autorität
des Verfassers absolut stellt und auf den Nachweis verwendeter Quellen
beziehungsweise auf die nachvollziehbare Rekonstruktion der Thesen-
bildung verzichtet.
Direkt nach 1945 lassen sich zwei übergreifende Beurteilungen der
Geistesgeschichte feststellen: Zum einen wird sie totgesagt und die geis-
tesgeschichtliche Literaturgeschichte aus der engeren – werkimmanen-
ten – Literaturwissenschaft ausgeschlossen, so beispielsweise durch
83
Vgl. ebd., S. 29f.
84
Vgl. ders., „Von den Aufgaben einer geisteswissenschaftlichen Literaturbetrach-
tung“, in: Kluckhohn / Rothacker (Hrsg.), Deutsche Vierteljahresschrift für Literatur-
wissenschaft und Geistesgeschichte, Bd. 9, Halle (Saale) 1931, S. 448–471, hier S. 461.
Geistesgeschichte 219
Wolfgang Kayser in seiner literaturwissenschaftlichen Einführung Das
sprachliche Kunstwerk aus dem Jahr 1948. Karl Viëtor hält in der 60. Aus-
gabe der amerikanischen Reihe Publications of the Modern Language Associa-
tion 1945 fest: „Die Epoche der geistesgeschichtlichen Betrachtungs-
weise und ihrer Methoden ist offenbar abgeschlossen. Seit etwa zehn
Jahren schon befindet sich die Schule in einem Zustand der Erschöp-
fung, ja der Sterilität. Neue Ideen und Leistungen von Rang sind in ih-
rem Kreis nicht mehr hervorgetreten. Der politische Terror hat die Zer-
setzung der philosophischen Position beschleunigt und zudem eine
tiefgehende Korruption der intellektuellen Redlichkeit hervorgerufen.
Zugleich hat aber aus dem Streit der mannigfaltigen Richtungen die Ein-
sicht sich herauszuheben begonnen, daß der interpretierende Wissen-
schaftler es zunächst und vor allem mit dem künstlerischen Phänomen
zu tun haben sollte, also mit dem Dichtwerk als dem Produkt des eigen-
tümlichen und einzigartigen Vermögens, das den Künstler zum Künstler
macht“.
85
Zum anderen jedoch wird der Geistesgeschichte auch das Potenzial
zugeschrieben, der traumatisierten Nation ein neues, positives Selbstbild
zu geben. Diese gegensätzlichen Positionen bestimmen den Umgang
mit der Geistesgeschichte bis auf den heutigen Tag.
Im Zuge einer kulturwissenschaftlichen Ausrichtung der Literatur-
wissenschaft ist auch die Geistesgeschichte wieder salonfähig geworden.
Dabei wird ihr wiederum ein ethischer Wert beigelegt, so zum Beispiel
bei Heinz Gockel, welcher in seiner ideengeschichtlichen Textsamm-
lung Literaturwissenschaft als Geistesgeschichte (2005) den Begriff ‚Geistes-
geschichte‘ neu definiert als „Geschichte ethischer Verantwortung“, in
direkter Abgrenzung gegen jegliche erneute ideologische Vereinnah-
mung.
86
Seine Einleitung überschreibt er mit dem Goethe-Zitat Das Un-
ternehmen wird entschuldigt, woraus deutlich wird, dass der geistesgeschicht-
liche ‚Sündenfall‘ noch immer tief verwurzelt ist.
Geistesgeschichte sieht sich daher in die Notwendigkeit versetzt, me-
thodologisch selbstreflexiv zu verfahren. Dies ist vor allem der Proble-
matik geschuldet, dass der Begriff ‚Geistesgeschichte‘ homonym ist, das
heißt er bezeichnet sowohl die angewendete Methode als auch den Ge-
genstand der Betrachtung, die voraussetzungslos behauptete Existenz
85
Viëtor, Karl, Deutsche Literaturgeschichte als Geistesgeschichte, Reprint, Bern 1967,
S. 32f.
86
Gockel, Heinz, Literaturgeschichte als Geistesgeschichte, Vorträge und Aufsätze, Würzburg
2005, S. 12.
220 Nina Hahne
eines Zeitgeistes und dessen Beschreibbarkeit. Die lebensphilosophi-
sche (idealistische) Grundlage der „klassischen“ Geistesgeschichte ver-
hinderte solch eine methodische Selbstreflexion.
Einen bedeutenden Schritt zur Aufarbeitung des geistesgeschicht-
lichen Erbes der Germanistik leistet die 1972 gegründete Marbacher
Arbeitsstelle für die Geschichte der Germanistik des Deutschen Literaturarchivs
in Marbach am Neckar. Zu den Veröffentlichungen dieser Arbeitsstelle
mit Bezug zur Geistesgeschichte zählen unter anderem der Sammelband
Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 1910 bis 1925 (1993), der Sammel-
band Wissenschaftsgeschichte der Germanistik in Porträts (2000), das Internatio-
nale Germanistenlexikon 1800–1950 (2003) sowie die jährlich erscheinende
Reihe Geschichte der Germanistik, Mitteilungen.
Die 2007 neu gegründete Zeitschrift für Ideengeschichte, herausgegeben
durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach, die Herzog August Biblio-
thek Wolfenbüttel sowie die Klassik Stiftung Weimar, präsentiert sich
selbst von der Überzeugung getragen, dass die politische und kulturelle
Gegenwart unverständlich bleiben muss, solange sie ideengeschichtlich
nicht erschlossen ist.
87
Einen weiteren Beitrag leistet die 1983 gegründete Dilthey-For-
schungsstelle am Philosophischen Institut der Ruhr-Universität-Bo-
chum, welche zwischen 1983 und 2000 das Dilthey-Jahrbuch für Philosophie
und Geschichte der Geisteswissenschaften in 12 Bänden herausgab und die Ge-
sammelten Schriften Wilhelm Diltheys (26 Bände) vervollständigte.
Diese Entwicklungen bezeugen ein neu belebtes Interesse an der Me-
thode.
6. Kommentierte Auswahlbibliographie
6.1 Literatur zur Einführung in das Thema:
König, Christoph / Lämmert, Eberhard (Hrsg.), Literaturwissenschaft und
Geistesgeschichte 1910–1925, Frankfurt a. M. 1993.
Diese umfangreiche Sammlung von Beiträgen erörtert die Bedeutung
der Geistesgeschichte für Wissenschaft und Gesellschaft.
87
Vgl. http://www.z-i-g.de/ueberuns.cfm (Stand: 26. 11. 2008)
Geistesgeschichte 221
König, Christoph / Müller, Hans-Harald / Röcke, Werner (Hrsg.), Wis-
senschaftsgeschichte der Germanistik in Porträts, Berlin, New York 2000.
Anhand von Lebensläufen bedeutender Germanisten erschließen sich
die Ursachen für Entstehung und Ablösung der geistesgeschichtlichen
Literaturwissenschaft.
Hempel-Küter, Christa, Germanistik zwischen 1925 und 1955, Studien zur
Welt der Wissenschaft am Beispiel von Hans Pyritz, Berlin 2000.
Die Arbeit gibt unter anderem Auskunft über die Beziehung zwischen
Geistesgeschichte und Nationalsozialismus.
Kühne-Bertram, Gudrun / Rodi, Frithjof (Hrsg.), Dilthey und die herme-
neutische Wende in der Philosophie, Wirkungsgeschichtliche Aspekte seines Werkes,
Göttingen 2008.
Der Band spiegelt den aktuellen Stand der Dilthey-Forschung und be-
handelt unter anderem Diltheys Verhältnis zur geistesgeschichtlichen Li-
teraturwissenschaft.
6.2 Theoretische Schriften / Anwendungsbeispiele
Haym, Rudolf, Die Romantische Schule, Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen
Geistes, Berlin 1870.
Dilthey, Wilhelm, Das Erlebnis und die Dichtung, Lessing, Goethe, Novalis,
Hölderlin, Leipzig 1906.
Unger, Rudolf, Hamann und die Aufklärung, Studien zur Vorgeschichte des ro-
mantischen Geistes im 18. Jahrhundert, Bd. 1: Text, Jena 1911.
Gundolf, Friedrich, „Vorbilder“, in: Friedrich Gundolf / Friedrich Wol-
ters (Hrsg.), Jahrbuch für die geistige Bewegung, 3/1912, S. 1–20.
Nadler, Josef, Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften,
4 Bde., Regensburg 1912ff.
Dilthey, Wilhelm, Gesammelte Schriften, 26 Bde., Karlfried Gründer /
Frithjof Rodi (Hrsg. ab dem 18. Bd.), Leipzig, Berlin 1914ff., Stuttgart,
Göttingen 1957ff., Göttingen 1970ff.
222 Nina Hahne
Gundolf, Friedrich, Goethe, Berlin 1916.
Walzel, Oskar, Wechselseitige Erhellung der Künste, Ein Beitrag zur Würdigung
kunstgeschichtlicher Begriffe, Berlin 1917.
Strich, Fritz, Deutsche Klassik und Romantik, Oder Vollendung und Unendlich-
keit, Ein Vergleich, München 1922.
Strich, Walter, „Wesen und Bedeutung der Geistesgeschichte“, in: hrsg.
v. dems., Die Dioskuren, Jahrbuch für Geisteswissenschaften, Bd. 1, München
1922, S. 1–34.
Kluckhohn, Paul / Rothacker, Erich, Deutsche Vierteljahresschrift für Litera-
turwissenschaft und Geistesgeschichte, 1/1923.
Korff, Hermann August, Geist der Goethezeit, Versuch einer ideellen Entwick-
lung der klassisch-romantischen Literaturgeschichte, 4 Bde., Leipzig 1923ff.
Walzel, Oskar, Gehalt und Gestalt im Kunstwerk des Dichters, Berlin 1923.
Cysarz, Herbert, Literaturgeschichte als Geisteswissenschaft, Kritik und System,
Halle (Saale) 1926.
Böckmann, Paul, „Von den Aufgaben einer geisteswissenschaftlichen
Literaturbetrachtung“, in: Paul Kluckhohn / Erich Rothacker, Deutsche
Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Bd. 9, Halle
(Saale) 1931, S. 448–471.
Cysarz, Herbert, Das Deutsche Schicksal im Deutschen Schrifttum, Ein Jahrtau-
send Geisteskampf um Volk und Reich, Leipzig 1942.
Kluckhohn, Paul, Die Idee des Menschen in der Goethezeit, Stuttgart 1946.
Strich, Fritz, Der Dichter und die Zeit, Eine Sammlung von Reden und Vorträ-
gen, Bern 1947.
Kayser, Wolfgang, Das sprachliche Kunstwerk, Eine Einführung in die Litera-
turwissenschaft, Bern 1948.
Geistesgeschichte 223
Böckmann, Paul, Formgeschichte der deutschen Dichtung, Erster Band: Von der
Sinnbildsprache zur Ausdruckssprache, Der Wandel der literarischen Formenspra-
che vom Mittelalter zur Neuzeit, Hamburg 1949.
Kluckhohn, Paul (Hrsg.), Charakteristiken, Die Romantiker in Selbstzeugnis-
sen und Äußerungen ihrer Zeitgenossen, Stuttgart 1950.
Strich, Fritz, Kunst und Leben, Vorträge und Abhandlungen zur deutschen Lite-
ratur, Bern, München 1960.
Unger, Rudolf, Gesammelte Studien, 1. Band: Aufsätze zur Prinzipienlehre der
Literaturgeschichte, Darmstadt 1966.
Viëtor, Karl, Deutsche Literaturgeschichte als Geistesgeschichte, Reprint, Bern
1967.
Schlegel, Friedrich, „Geschichte der alten und neuen Literatur, Vor-
lesungen, gehalten zu Wien im Jahre 1812“, in: Ernst Behler / Hans Eich-
ner (Hrsg.), Friedrich Schlegel, Kritische Schriften und Fragmente [1812–1823],
6 Bde., Paderborn, München, Wien, Zürich 1988, Bd. 4, S. 1–234.
Gockel, Heinz, Literaturgeschichte als Geistesgeschichte. Vorträge und Aufsätze,
Würzburg 2005.
Cassirer, Ernst, Kleinere Schriften zu Goethe und zur Geistesgeschichte 1925–1944,
Barbara Neumann / Simon Zumsteg (Hrsg.), Hamburg 2006.
6.3 Weitere zitierte Literatur
Johach, Helmut, Handelnder Mensch und objektiver Geist. Zur Theorie der Geis-
tes- und Sozialwissenschaften bei Wilhelm Dilthey, Meisenheim am Glan 1974.
Sternsdorff, Jürgen, Wissenschaftskonstitution und Reichsgründung, Die Ent-
wicklung der Germanistik bei Wilhelm Scherer, Eine Biographie nach unveröffent-
lichten Quellen, Frankfurt a. M. 1979.
Weimar, Klaus, Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft bis zum Ende des
19. Jahrhunderts, München 1989.
224 Nina Hahne
Hermand, Jost, Geschichte der Germanistik, Hamburg 1994.
Anz, Thomas (Hrsg.), Handbuch Literaturwissenschaft, Stuttgart, Weimar
2007.
Dainat, Holger, „Ein Fach in der ‚Krise‘, Die ‚Methodendiskussion‘ in
der Neueren deutschen Literaturwissenschaft“, in: Otto Gerhard Oexle
(Hrsg.), Krise des Historismus – Krise der Wirklichkeit. Wissenschaft, Kunst und
Literatur 1880–1932, Göttingen 2007, S. 247–272, hier S. 257.
Hermeneutik / Neohermeneutik 225
Hermeneutik / Neohermeneutik
von HILTRUD GNÜG
1. Definition
Der griechische Gott Hermes, der den Menschen die Botschaften
der Götter übermittelte, stand wohl
1
Pate bei der Namensgebung einer
wissenschaftlichen Methode, die sich mit der sinngerechten Ausle-
gung, Interpretation eines Schriftwerks beschäftigt. Dem Götterboten
schrieb man – so Gerhard Ebeling
2
– die Erfindung der Sprache und
der Schrift zu, und er hatte auch die Aufgabe, den Menschen die Worte
der Götter auszulegen. Das griechische Wort rçµjvrurtv ‚hermeneu-
ein‘ – auslegen, deuten – verweist schon auf diesen Aspekt der Hermes-
gestalt. Die Hermeneutik gehört in den Grundbereich der sprachlichen
Kommunikation, sie setzt eine gewisse Fremdheit der Kommunizieren-
den voraus, jedoch auch die grundsätzliche Möglichkeit des Verstehens,
sie findet – so Hans-Georg Gadamer – zwischen einer Polarität von
Fremdheit und Vertrautheit
3
statt. Hermeneutik bezeichnet die Lehre
von den Methoden der Deutung von Texten im Unterschied zum Deu-
tungsakt selbst. Sie stellt – so Martin Heidegger
4
– die grundsätzliche
Erkenntnistheorie dar, auf die andere Methodologien der einzelnen
geistesgeschichtlichen Disziplinen aufbauen. Es ist zwischen der theo-
1
Jean Grondin äußert Skepsis: „Der Zusammenhang ist wohl zu offensichtlich, um
auch wahr zu sein. Indessen hat es noch keine bessere Deutung vermocht, sich all-
gemein durchzusetzen, so dass die Frage um die Herkunft des Wortfeldes
rçµjvrurtv hier offen bleiben muß“. Grondin, Jean, Einführung in die philosophische
Hermeneutik, 2. Aufl., Darmstadt 2001, S. 39.
2
Ebeling, Gerhard, „Hermeneutik“, in: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Hand-
wörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, Bd. 3, hrsg. v. Kurt Galling, 3. Aufl.,
Tübingen 1959, S. 242–262, hier S. 243.
3
Gadamer, Hans-Georg, Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Herme-
neutik, 3. Aufl., Tübingen 1972, S. 279.
4
Heidegger, Martin, „Hermeneutik“, in: Gesamtausgabe, Bd. 63, Frankfurt a. M. 1975,
S. 12ff.
226 Hiltrud Gnüg
logischen, philologischen, historischen und der juristischen Hermeneu-
tik zu differenzieren.
2. Beschreibung
Die literaturwissenschaftliche Hermeneutik gilt einerseits als eine be-
sondere Interpretationsmethode, neben u. a. dem Positivismus, dem
Strukturalismus, der Literatursoziologie, der Literaturpsychologie, der
Kritischen Theorie, der Dekonstruktion. Doch andererseits steht jede
Analyse, jede Interpretation allgemein im Zeichen der Hermeneutik, der
Kunst der Auslegung. Hermeneutik versteht sich als Kunst der sinnge-
mäßen Auslegung, der Deutung, der Exegese, der Interpretation eines
Schriftstücks. In der Neuzeit, seit der Lutherzeit, wurde darunter die
Lehre von der Methode des Verstehens verstanden im Unterschied zum
Vollzug des Auslegens.
Das hermeneutische Denken entwickelte sich im Zusammenhang mit
einem geschichtlichen Bewusstsein; so verstand Giovanni Battista Vico
5
in seiner Neuen Wissenschaft von 1725 im Gegensatz zum cartesianischen
Weltbild, das die zeitlose ahistorische Gesetzmäßigkeit des Naturgesche-
hens betonte, die Welt als Geschichte. Der Gedanke, dass die Menschen
die historische Welt erkennen können, weil die Menschen sie erschaffen
haben,
6
formuliert die erkenntnistheoretische Prämisse für die Ge-
schichtswissenschaft. In Deutschland zeigt sich vor allem im Werk Her-
ders
7
der Wandel vom normativen zum historischen Denken. Er begreift
Völker und Nationen in Analogie zum Individuum als Individualitäten,
die ihren eigenen Wertmaßstab in sich tragen und aus sich heraus, durch
einen Akt der Einfühlung, verstanden werden können. Historisches
Denken bedeutet – so formuliert Gadamer – „jeder Epoche ein eigenes
Daseinsrecht, ja eine eigene Vollkommenheit zugestehen“.
8
5
Vico, Giovanni Battista, Grundzüge einer neuen Wissenschaft über die Natur der Völker,
mit deren Hilfe die Prinzipien eines neuen Systems des Naturrechts der Völker wiederhergestellt
werden, hrsg. v. W. E. Weber, Leipzig 1822.
6
Vgl., Hauff, Jürgen / Heller, Albert / Hüppauf, Bernd / Köhn, Lothar / Philippi,
Klaus-Peter (Hrsg.), Methodendiskussion. Arbeitsbuch zur Literaturwissenschaft, Bd. 2,
5. Aufl., Frankfurt a. M. 1975, S. 5.
7
Herder, Johann Gottfried, „Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der
Menschheit“, in: Herders Werke, ausgewählt und eingeleitet von W. Dobbek, Bd. 2,
Weimar 1957, S. 279–378.
8
Gadamer, Wahrheit und Methode, S. 188.
Hermeneutik / Neohermeneutik 227
Schon vor dem 19. Jahrhundert gab es die Praxis hermeneutischer
Auslegung, z. B. die Homer-Exegese der alexandrinischen Schule, die bib-
lische Hermeneutik zur Zeit des Augustinus, die Auslegung der Bibel im
Sinne des mehrfachen Schriftsinnes im Hochmittelalter, das protestanti-
sche Prinzip ‚Scriptura sui ipsius interpres‘. Dieses Konzept ‚Die Heilige
Schrift ist der Interpret ihrer selbst‘ führte im Zusammenhang der huma-
nistischen Philologie zu einer streng philologischen und stark historischen
Auslegung der Bibel. Man denke an Martin Luthers Bibelübersetzung, die
als Übersetzung in eine andere Sprache schon eine Interpretation voraus-
setzt, einen hermeneutischen Akt darstellt. Er betreibt die Auslegung
nach dem aus der Rhetorik bekannten ‚hermeneutischen Zirkel‘, nach
dem es das Ganze der Heiligen Schrift ist, die das Verstehen der einzelnen
Textstelle leitet, so wie umgekehrt dieses Ganze nur aus dem differenzier-
ten Verständnis des Einzelnen erworben wird. Ein Beispiel: „Ich bin der
gute Hirte, meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie und sie
folgen mir und ich gebe ihnen das ewige Leben“.
9
Wie hat man diesen
Hirten und die Schafe zu deuten, als Schäferidylle? Dieser Deutung wider-
spricht der Gedanke des ewigen Lebens. Nur aus dem biblischen Kontext
ist der Text zu verstehen. Die Schafe als die Gläubigen, der gute Hirte als
Gottessohn, der sie vom Bösen erlöst.
Wesentlich für die Entstehung neuzeitlichen hermeneutischen Den-
kens ist ‚La Querelle des Anciens et des Modernes‘. In diesem Streit,
der im 17. Jahrhundert geführt wurde, ging es um den idealen Maßstab
der Kunst. Ausgelöst hatte ihn Charles Perrault (1628–1703) durch seine
Schrift Les Parallèles des Anciens et des Modernes en ce qui regarde les Arts et les
Sciences,
10
die in vier Bänden 1688–1697 erschien.
Sie erregte die entschiedene Kritik des Verfassers der Art poétique,
Nicolas Boileau, und entfachte eine heftige Auseinandersetzung um die
Vorbildlichkeit der Antike für die Kunst. Angesichts der vielen naturwis-
senschaftlichen Entdeckungen und der u. a. durch Descartes mitbegrün-
deten philosophiegeschichtlichen Wende flammte der Streit um Fort-
schrittsgedanken auf und er spaltete die berühmtesten Repräsentanten
der Epoche in zwei Lager. Während die Traditionalisten, die Anciens,
daran festhalten, dass nur durch die Nachahmung der antiken Autoren
9
Joh. 10, 11, 27ff., in: Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testa-
ments nach der Übersetzung Martin Luthers mit seinen Vorreden, Stuttgart 1967, S. 1200.
10
Perrault, Charles, Les Parallèles des Anciens et des Modernes en ce qui regarde les Arts et les
Sciences / Vergleich zwischen den Alten und den Modernen, die Künste und Wissenschaften be-
treffend, Faksimile mit einer Einleitung von Hans Robert Jauß, München 1964.
228 Hiltrud Gnüg
das Vollkommene in der Kunst zu vollbringen sei, setzen die Modernen
dem Anspruch der Anciens das rationalistische Argument der natürlichen
Gleichheit aller Menschen entgegen, und sie behaupten den Fortschritt
der Wissenschaften und Kultur. Sie messen die antike Kunst am Maß-
stab des ‚bon goût‘, des guten Geschmacks ihrer Zeit. Darauf erwidern
die Anciens noch defensiv, eine jede Epoche habe ihren eigenen Ge-
schmack. Und im Laufe der Querelle entwickelte sich daraus auf beiden
Seiten die Erkenntnis, dass es neben der ‚beauté universelle‘ noch ein
‚beau rélatif‘ gebe. Es zeichnet sich ein Weg zum Abbau klassizistischer
Normen hin zu einem ersten historischen Verständnis ab, es zeigt sich
die Entwicklung weg von einer normativen Poetik hin zu einer ge-
schichtlich bestimmten Ästhetik.
11
Was hat das nun mit der Hermeneu-
tik zu tun?
Der erste Standpunkt der ‚anciens‘ ist noch normativ, unhistorisch,
reflektiert weder das eigene Vorverständnis noch die Fremdheit und die
je eigenen Bedingungen der Antike. Für sie gibt es kein Verstehenspro-
blem, kein Ausdeutungsproblem, die Antike ist für sie unmittelbar gege-
bener Maßstab idealer Schönheit. Für sie gilt, in der Antike sei das ideale
Maß vollkommener Kunst geschaffen worden.
Der erste Standpunkt der ‚modernes‘ ist ebenso unhistorisch, nur der
Maßstab verkehrt sich, denn es fehlt an Einsicht in die Historizität, in die
Eigengesetzlichkeit und Fremdheit der anderen zurückliegenden Epo-
che. Jedoch bewirkt die Umkehrung eine neue Reflexion auf die Gül-
tigkeit des Maßstabs. Erst mit der Einsicht in die ‚Geschichtlichkeit der
Kultur‘ und ihrer Werteskala kann die Frage nach Beurteilungskriterien,
d. h. auch nach den Methoden der Auslegung entstehen. Diese geistesge-
schichtlich bedeutende Wende zum historischen Bewusstsein, zur Ge-
schichtlichkeit des Verstehens
12
überhaupt, verändert die Reflexion auf
die Hermeneutik. Das Verstehensproblem erfährt durch das Wissen um
die grundsätzliche Fremdheit und Eigentümlichkeit alles Historischen
eine neue Dimension. Die Hermeneutik ist nicht mehr nur eine Hilfsdis-
ziplin der Theologie, Philologie oder Jurisprudenz, sondern sie gewinnt
als Erkenntnistheorie des geschichtlichen Lebens Selbständigkeit. Die
hermeneutische Differenz zwischen Text und Auslegung wird dem ge-
schichtlichen Bewusstsein zur Frage.
11
Vgl. Perrault, Charles, Les Parallèles, München 1964, darin die Einleitung von Hans
Robert Jauß.
12
Vgl. Ricklefs, Ulfert, „Hermeneutik“, in: Literatur 2.1, hrsg. v. W.-H. Friedrich und
W. Killy, Frankfurt a. M. 1965, S. 277–293, hier S. 284.
Hermeneutik / Neohermeneutik 229
Friedrich Schleiermacher formulierte seine Konzeption in den Aka-
demiereden von 1829, er führte seine „Kunstlehre des Verstehens“ in
seiner Hermeneutik-Vorlesung aus, hier entwickelt er eine psycholo-
gische Hermeneutik, bricht mit der theologischen und philologischen
Tradition hermeneutischen Denkens und verlagert die hermeneutische
Reflexion vom Feld der Textphilologie auf das der Psychologie des Au-
tors.
13
Im Mittelpunkt dieser Theorie steht die Kategorie der ‚Divina-
tion‘, die die Differenz zwischen Text und Interpret überbrücken soll.
Nicht sollen unverständliche Textstellen verständlich gemacht werden,
sondern es soll die zwischen den Individuen bestehende Fremdheit über-
wunden werden. Gefühl und Einfühlungsvermögen des Interpreten sol-
len die Schranken der Fremdheit zum Autor überwinden. Das bedeutet
ein divinatorisches Verhalten auf Seiten des Interpreten, ein Nachbilden
des schöpferischen Aktes. „Verstehen ist also“ – so Gadamer
14
– „eine
auf eine ursprüngliche Produktion bezogene Reproduktion, ein Erkennen
des Erkannten (…), eine Nachkonstruktion, die von dem lebendigen Mo-
ment der Konzeption, dem ‚Keimentschluß‘ als dem Organisationspunkt
der Komposition ausgeht“. Letztlich wäre die ‚Kongenialität‘ der Geister
die Voraussetzung geglückten Verstehens!
Schon ein Titel wie der eines Gedichts des Barockdichters Gryphius
Es ist alles eitel verlangt vom Interpreten geschichtliches Wissen, das über
die voraussetzungslose Textkenntnis hinausgeht, nämlich das von der
Bedeutungsentwicklung des Wortes ‚eitel‘; nicht Eitelkeit im Sinne von
selbstgefällig, eingebildet ist gemeint, sondern die Vergänglichkeit allen
irdischen Daseins. Das lyrische Ich sieht in diesem bekannten Sonett
überall nur Eitelkeit, die Hinfälligkeit der Dinge, der Menschen mit ihren
Gütern, es beklagt die Vergänglichkeit alles Seins, alles Irdischen; doch
dieser düstere Blick verdankt sich nicht nur einer existenziellen Melan-
cholie, sondern diese ist die Haltung eines Menschen, der einen endlosen
Krieg erlebt, nämlich den dreißigjährigen, und der nur Tod und Vernich-
tung um sich herum sieht. Allein im Horizont dieses geschichtlichen
Kontextes ist das Gedicht zu verstehen. Der Alexandriner mit seiner
starken Zensur entspricht der antinomischen gedanklichen Struktur des
Gedichts, dem Kontrast von Bau und Zerfall, Blühen und Vergehen. Man
sieht, stilistische, sozialgeschichtliche, autobiographische Deutungs-
ansätze müssen sich ergänzen, nur die verschiedenen Aspekte tragen zu
13
Schleiermacher, Friedrich, Hermeneutik und Kritik, hrsg. v. Manfred Frank, 8. Aufl.,
Frankfurt a. M. 1999.
14
Gadamer, Wahrheit und Methode, S. 175.
230 Hiltrud Gnüg
einem komplexeren Verständnis des Werks bei. Ein literarischer Text lässt
sich daher angemessen nur im Wissen um seinen vielschichtigen histori-
schen, kulturellen, biographischen, literarischen Kontext verstehen.
Der Begriff ‚hermeneutische Differenz‘ verweist auf einen wesent-
lichen Aspekt aller sprachlichen Kommunikation. Das gilt auch für die
Alltagskommunikation, doch trotz aller darin möglichen Verständigungs-
schwierigkeiten ist die ‚hermeneutische Differenz‘, die zwischen dem
Interpreten und einem vielschichtigen Text der Literaturgeschichte
besteht, in der Regel erheblich größer. Die literaturwissenschaftliche
Hermeneutik hat es mit poetischen Texten zu tun, die mit artistischen
Mitteln, rhetorischen Figuren, Bildern, ästhetischen Strukturen gebildet
sind, die sich oft bewusst gegen die Alltagssprache wenden, selbst die
grammatischen Regeln aushebeln, gegen die Vorerwartungen der Leser
gerichtet sind. Man denke an die poésie pure, die hermetische Lyrik, an
literarische Allegorien, Satiren, die sich einem wörtlichen Verständnis
entschieden widersetzen. Das gilt im Wesentlichen auch für ein frühes
Werk fortwährender hermeneutischer Reflexion, das das Abendland in
seinen Grundstrukturen prägte: für die Bibel! So sehen Dilthey und Ga-
damer bezeichnenderweise etwa den Entstehungsort bzw. die Entste-
hungszeit einer eigenständigen Hermeneutik im Protestantismus, als Lu-
ther mit seiner Bibelübersetzung, die wesensmäßig zugleich Auslegung,
Deutung war, eine die westliche Welt prägende Leistung hermeneuti-
scher Exegese schuf.
3./4./5. Institutionsgeschichtliches/Publikationen/
Fachgeschichtliche Einordnung
Im 20. Jahrhundert durchlief die Hermeneutik zunächst drei Phasen
der Rezeption: Zu Beginn des Jahrhunderts beeinflusste sie Wilhelm
Diltheys literaturwissenschaftliches Selbstverständnis. Dilthey gilt neben
Schleiermacher als Begründer der modernen Hermeneutik, die er als
grundlegende Methode der Geisteswissenschaften von der der Natur-
wissenschaften abhebt. Seine Studie Die Entstehung der Hermeneutik
15
zei-
tigte eine große Wirkung. Zum Ausgangspunkt seiner Argumentation
wird der Gedanke vom Nachfühlen fremder Seeelenzustände, die Fähig-
keit des Menschen, fremde Lebensäußerungen, das heißt auch: die Texte
15
Dilthey, Wilhelm, „Die Entstehung der Hermeneutik“, in: W. D., Gesammelte Schrif-
ten, Bd. 5, 5. Auflage, Stuttgart, Göttingen 1968, S. 317–331.
Hermeneutik / Neohermeneutik 231
anderer Individuen und Epochen, nachzuvollziehen. „Für die Geistes-
wissenschaften folgt […,] daß in ihnen der Zusammenhang des Seelen-
lebens als ein ursprünglich gegebener überall zugrunde liegt. Die Natur
erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“.
16
Er argumentiert im Sinne
der romantischen Einfühlungstheorie und der psychologischen Herme-
neutik Schleiermachers.
In der Nachkriegszeit entwickelt Martin Heidegger
17
eine philosophi-
sche Erkenntnistheorie, die eine Grundlage für die speziellen Erkenntnis-
theorien der Einzelwissenschaften bilden sollte und die zeitweise auch
die Literaturwissenschaft sehr beeinflusst hat. Seine philosophische
Hermeneutik reflektiert die Bedingungen des Verstehens und die grund-
sätzlichen Möglichkeiten der Auslegung. Heideggers Philosophie inspi-
rierte auch die Germanistik, hat u. a. die Werke Emil Staigers
18
und Wolf-
gang Kaysers
19
geprägt.
Die immanente Werkinterpretation, von Emil Staiger und Wolfgang
Kayser vertreten, versteht sich auch als polemische Gegenposition zu
einer positivistischen Textanalyse, die den literarischen Text aus seinen
Entstehungsereignissen, biographischen Umständen des Autors, den so-
zialgeschichtlichen Bedingungen der Zeit erklärt, kurz, die ihn als Funk-
tion einer außerdichterischen Realität begreift. Literatur – so hieß es bei
Erich Schmidt
20
– wurde verstanden als „Abbild umgebender Sitten“,
bei Wilhelm Scherer
21
ist vom „Erlebten, Ererbten, Erlernten“ die Rede,
das es zu untersuchen gelte. Auch für spätere Positionen des Positivis-
mus gilt, dass diese Methode das literarische Werk in seinen Quellen, lite-
rarischen Einflüssen analysiert, seine Motive, Stilistika, biographischen
Daten etc. auflistet, erklärt. Sie sucht die Intentionen des Autors ‚zu re-
konstruieren‘. Das impliziert: Es gibt quasi nur die eine ‚richtige‘ Deu-
tung, die idealiter mit der Autor-Intention zusammenfiele. Das bedeutet
weiter: Das Werk zerfällt gleichsam in einzelne verifizierbare Aspekte,
während das Sinnganze des literarischen Textes sich diesem methodi-
16
Dilthey, Gesammelte Schriften, Bd. 5, 5. Aufl., Stuttgart,Göttingen 1968, S. 143f.
17
Heidegger, Martin, Der Ursprung des Kunstwerks, Stuttgart 2005, S. 7–81.
18
Staiger, Emil, Grundbegriffe der Poetik, Zürich 1946; ders., Die Kunst der Interpretation,
Zürich 1955.
19
Kayser, Wolfgang, Das sprachliche Kunstwerk. Eine Einführung in die Literaturwissen-
schaft, Bern 1969.
20
Schmidt, Erich, „Wege und Ziele der deutschen Literaturgeschichte. Eine Antritts-
vorlesung“, in: E.S., Charakteristiken, Bd. 1, Berlin 1886, S. 280–498.
21
Scherer, Wilhelm, Aufsätze über Goethe, 2. Aufl., Berlin 1900. Zitiert nach Methoden-
diskussion I, S. 43.
232 Hiltrud Gnüg
schen Modell entzieht. Dass der Interpret immer schon mit einem be-
stimmten Vorverständnis an den Text herangeht, sein eigenes ‚Erkennt-
nisinteresse‘ – so Jürgen Habermas
22
– die Interpretation leitet, entzieht
sich der Einsicht des Positivismus. Auch der spätere kritische Rationa-
lismus – so etwa die Theorie Ernst Topitschs
23
– vertritt nach Ansicht
Th. W. Adornos
24
ein positivistisches Wissenschaftsmodell, das zwischen
wissenschaftlicher Forschung und gesellschaftlicher Praxis strikt trennt.
Im Gegensatz zum literaturwissenschaftlichen Positivismus älterer
Spielart will die werkimmanente Interpretation den literarischen Text al-
lein aus der Organisationsform des einzelnen Werks deuten.
Die Kunst der Interpretation
25
, so lautet der Titel einer germanistischen
Studie, die seit ihrem Erscheinen 1955 in jedem germanistischen Institut
stand und eine enorme Wirkung zeitigte. Staigers Ausführungen waren
symptomatisch für das wissenschaftliche Selbstverständnis der 1950er-
und -60er-Jahre, sie knüpften an eine stilanalytische deutsche Tradition an,
und sie entwickelten im Rekurs auf Heideggers philosophische Theorien
einen metaphysischen Kunstbegriff, der seinerseits nun das Kunstwerk
aus all seinen sozialgeschichtlichen Beziehungen löste. Heideggers Essay
Der Ursprung des Kunstwerkes definiert das Wesen der Kunst als „das Sich-
ins-Werk-Setzen der Wahrheit des Seienden“,
26
das heißt, Heidegger be-
greift Poesie als Wahrheit, als eine Wahrheit jedoch, die – so Jost Her-
mands
27
Kritik – direkt aus dem Absoluten stammt und daher jenseits aller
bildungsmäßigen, politischen, religiösen, psychologischen, sozial-ökono-
mischen Voraussetzungen steht. Heidegger konzipierte einen metaphysi-
schen Kunstbegriff, der dem geistesgeschichtlichen Dichtungsverständnis
eines Staiger entgegenkam.
Oliver Jahraus
28
bemerkt: „Die immanente Dimension des Verstehens
wird betont, ohne jedoch ihre Transzendenz aufzugeben. Das geschieht
einerseits durch eine verstärkte Auratisierung des Textes als Werk und
22
Habermas, Jürgen, „Erkenntnis und Interesse“, in: Technik und Wissenschaft als ‚Ideo-
logie‘. Frankfurt a. M. 1968.
23
Topitsch, Ernst, Das Verhältnis zwischen Sozial und Naturwissenschaften. Eine methodo-
logisch-ideologiekritische Untersuchung, Köln, Berlin 1966.
24
Adorno, Theodor W., „Ästhetische Theorie“, in: Ges. Schriften. Bd. 7, Frank-
furt a. M. 1970.
25
Staiger, Emil, Die Kunst der Interpretation, Zürich 1955.
26
Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerkes, S. 30.
27
Hermand, Jost, Synthetisches Interpretieren. Zur Methodik der Literaturwissenschaft, Mün-
chen 1968, S. 32.
28
Jahraus, Oliver, Literaturtheorie, Tübingen, Basel 2004, S. 266.
Hermeneutik / Neohermeneutik 233
zum anderen durch eine stillschweigende Aufwertung des Interpreten“.
Dem ist zuzustimmen. Nach der Devise, „denn groß ist nur, der sich an
Großem misst“, beschäftigten sich die Anhänger der werkimmanenten
Interpretation nur mit hochkarätigen Werken, betrieben eine monu-
mentale Geschichtsschreibung, wie Nietzsche sie in seiner Schrift Vom
Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben
29
kritisch beschreibt, eine
Art Starkult. Doch das vielschichtige kulturelle Leben, das nicht nur von
den überragenden Genies lebt, fand keine Beachtung. Problematisch
war jedoch nicht nur der literarische Kanon, sondern eben die Isolation
des Werks aus seinen sozialen, kulturellen, biographischen Bezügen, der
Anspruch der Werkimmanenz der Deutung.
Wilhelm Dilthey hat sich vor allem in drei Studien mit der Hermeneu-
tik befasst; in seinem Essay Die Entstehung der Hermeneutik
30
von 1900 gibt
er einen Überblick über die Entwicklung der Hermeneutik von den ers-
ten Textexegesen im klassischen Griechenland über die Bibelauslegun-
gen zur Lutherzeit bis hin zur intensiven Auseinandersetzung mit der
Hermeneutik-Theorie bei Schleiermacher. Sein geschichtlicher Über-
blick zeigt die Bedeutung auf, die der Hermeneutik für die Begründung
der Geisteswissenschaften zukommt. Die Geisteswissenschaften, zu de-
nen er „Geschichte, Nationalökonomie, Rechts- und Staatswissenschaf-
ten, Religionswissenschaft, das Studium von Literatur und Dichtung,
von Raumkunst und Musik, von philosophischen Weltanschauungen
und Systemen, endlich die Psychologie“ zählt, stimmen alle in dem über-
ein, dass sie den Menschen betrachten, „die Menschen, ihre Verhältnisse
zueinander und zur äußeren Natur“.
31
Dieser erste Essay zum Problem
wird sein bekanntester Beitrag zur Geschichtsschreibung der Hermeneu-
tik bleiben. Hier bestimmt er die Hermeneutik als die „Kunstlehre des
Verstehens schriftlich fixierter Lebensäußerungen“. Er unterscheidet
strikt zwischen der Methode der Natur- und derjenigen der Geisteswis-
senschaften: „Für die Geisteswissenschaften folgt …, dass in ihnen der
Zusammenhang des Seelenlebens als ein ursprünglicher gegebener über-
all zugrunde liegt. Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“.
32
29
Nietzsche, Friedrich, „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“, in:
Werke, Bd. 20, hrsg. v. Karl Schlechta, 8. Aufl., München 1977, S. 209–286.
30
Dilthey, Wilhelm, „Die Entstehung der Hermeneutik“, in: Gesammelte Schriften,
Bd. 5, hrsg. v. G. Misch, Stuttgart, Göttingen 1968, S. 317–331.
31
Dilthey, Gesammelte Schriften, Bd. 5, S. 70.
32
Ebd., S. 143f.
234 Hiltrud Gnüg
Das Leben als ein individueller Bedeutungszusammenhang gilt ihm als
der nicht weiter zu hinterfragende Grund der Erkenntnis.
In seiner Fragment gebliebenen Einleitung in die Geisteswissenschaften
33
sollte der Hermeneutik eine zentrale Rolle zukommen. In der Studie
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften von 1910
sucht er in Abhebung zu den Naturwissenschaften eine philosophische
Grundlegung der Geisteswissenschaften: „Nur was der Geist erschaffen
hat, versteht er. Die Natur, der Gegenstand der Naturwissenschaft,
umfasst die unabhängig vom Wirken des Geistes hervorgebrachte Wirk-
lichkeit. Alles, dem der Mensch wirkend sein Gepräge aufgedrückt hat,
bildet den Gegenstand der Geisteswissenschaften“.
34
Sein Ziel, eine all-
gemeine Methode der Geisteswissenschaften insgesamt in essentieller
Unterscheidung zu den Methoden der Naturwissenschaften zu ent-
wickeln, hat die Literaturwissenschaft geprägt.
Neue Impulse erhielt die Diskussion um die Hermeneutik in den
1960er-Jahren, in diese Zeit fällt die Rezeption der Theorie Hans-Georg
Gadamers, dessen Studie Wahrheit und Methode aus dem Jahr 1960 größte
Wirkung zeigte.
Die Hermeneutik macht – im Gegensatz zum Positivismus – einen
grundsätzlichen Unterschied zwischen den Natur- und den Geisteswis-
senschaften. Der Positivismus vertrat dagegen einen wissenschaftstheo-
retischen Monismus, d. h. er reklamierte für die Naturwissenschaften
und Geisteswissenschaften die gleiche Methode, für ihn ist der Zusam-
menhang der Naturwissenschaften ein ‚kausaler‘, das einzelne Phäno-
men wird durch eine Vielzahl von Determinanten bestimmt, die im iso-
lierenden Verfahren des Experiments in ihrer Wirksamkeit erkannt
werden; dagegen ist der Zusammenhang in den Geisteswissenschaften
ein ‚geschichtlicher‘, dessen individuelle Sinnstrukturen in ihrer Beson-
derheit, in ihrer Einmaligkeit begriffen werden.
Hans Georg Gadamer betrachtet die Hermeneutik als ‚Gespräch‘,
fordert die kommunikative Offenheit der Gesprächspartner: „Es ist daher
mehr als eine Metapher – es ist eine Erinnerung an das Ursprüngliche,
wenn sich die hermeneutische Aufgabe als ein In-das-Gesprächkommen
33
Dilthey, Wilhelm, „Einleitung in die Geisteswissenschaften“, in: Gesammelte
Schriften, Bd. 1, hrsg. v. B. Groethuysen, 5. Aufl., Stuttgart, Göttingen 1962,
S. 332f.
34
Dilthey, Wilhelm, „Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissen-
schaften“, in: Gesammelte Schriften, Bd. 7, hrsg. v. B. Groethuysen, Stuttgart, Göttin-
gen 1968, S. 77–188.
Hermeneutik / Neohermeneutik 235
mit dem Text begreift“.
35
Er geht von der Einsicht aus, dass „wir als ge-
schichtlich Lebende … ständig in Überlieferungen“
36
stehen, und inso-
fern soll die Hermeneutik die Aneignung von ‚Tradition‘, die wissen-
schaftliche Erforschung der eigenen Geschichte leisten. Da sowohl der
literarische Text als auch der Interpret sich in einem bestimmten zeit-
lichen Horizont befinden, soll das Gespräch zwischen Interpret und
Text zu einer ‚Horizontverschmelzung‘ führen,
37
ein Schlüsselbegriff bei
Gadamer, der die hermeneutische Bedeutung des Zeitenabstands akzen-
tuiert, die Polarität von „Vertrautheit und Fremdheit“. „In diesem Zwi-
schen ist der wahre Ort der Hermeneutik“.
38
Anders als Schleiermacher,
der die Interpretation als Rekonstruktion einer ursprünglichen Produk-
tion verstand und der die Fremdheit zwischen Text und Interpret durch
die Kongenialität der Geister approximativ auslöschen wollte, akzentu-
iert Gadamer den Zeitenabstand, betont die Geschichtlichkeit des Ver-
stehens. Der Zeitenabstand lässt den „wahren Sinn, der in einer Sache
liegt, erst voll herauskommen“.
39
Auch er beschreibt den Verstehenspro-
zess als einen hermeneutischen Zirkel. Dieser Zirkel vom Ganzen und
von den Teilen ist ein substanzielles Moment das Verstehens, oder in
Gadamers Worten, „ein ontologisches Strukturmoment des Verstehens“
selbst.
40
Das heißt konkret, der Interpret muss schon eine Vorstellung
vom Sinnganzen des Textes haben, um von diesem Sinnganzen aus die
einzelnen Teile zu deuten.
Gadamer proklamiert zwar die Geschichtlichkeit des Verstehens, je-
doch deutet sich schon in dem Begriff der ‚Horizontverschmelzung‘
die Tendenz zu unkritischer Annahme der literarischen Tradition an.
Die Möglichkeit kritischer Auseinandersetzung mit der Tradition ist in
diesem Ansatz nicht gegeben. Jürgen Habermas
41
kritisiert: „Gadamers
Vorurteil für das Recht der durch Tradition ausgewiesenen Vorurteile
bestreitet die Kraft der Reflexion, die sich doch darin bewährt, daß sie
den Anspruch von Traditionen auch abweisen kann“. Er entrückt die
Überlieferung dem reflektierten kritischen Zugriff der Wissenschaft.
35
Gadamer, Wahrheit und Methode, S. 350.
36
Ebd., S. 266.
37
Ebd., S. 290.
38
Ebd., S. 286.
39
Ebd., S. 282.
40
Ebd., S. 273.
41
Habermas, Jürgen, Zur Logik der Sozialwissenschaften, Frankfurt a. M. 1970, S. 284f.
236 Hiltrud Gnüg
Gadamer „ontologisiert“ letztlich – so das Autoren-Quintett der ‚Me-
thodendiskussion‘ – „das Überlieferungsgeschehen“.
42
Doch auch das produktive Konzept des hermeneutischen Zirkels
selbst wirft Probleme auf! Das Problematische an diesem Konzept, dem
hermeneutischen Zirkel vom Ganzen und den Teilen, liegt darin, dass
der Interpret von der Idee eines vollkommen geglückten Kunstwerks
auszugehen hat. Aber was ist nun, wenn das Werk Brüche aufweist, Wi-
dersprüche, Unstimmigkeiten? Dann greift dieses Konzept nicht! Da-
raus folgt, die Textanalyse im Horizont des hermeneutischen Zirkels
muss sich mit literaturkritischer Betrachtung verbinden, andernfalls ist
immer der Interpret für eventuelle Widersprüche und Unstimmigkeiten
verantwortlich!
Auch Jürgen Habermas hat sich in seiner methodenkritischen Stu-
die Erkenntnis und Interesse
43
von 1968 mit den Repräsentanten herme-
neutischer Reflexion – vor allem mit Dilthey – auseinandergesetzt. Mit
Gadamer teilt er die Kritik an einem positivistischen Wissenschaftsver-
ständnis, an einem erkenntnistheoretischen Modell, in dem sich Er-
kenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt, also Interpret und Text, unver-
mittelt gegenüberstehen. Er stimmt mit Gadamer darin überein, dass wir
immer schon in Traditionen stehen und folglich von Vorurteilen geleitet
sind, die durch die Tradition bestimmt sind.
Vorurteil, das bedeutet keineswegs ein falsches Urteil, sondern ein
Urteil vor der wissenschaftlichen Überprüfung. „Der Interpret“ – so
heißt es bei Habermas – „kann den offenen Horizont der eigenen Le-
benspraxis nicht einfach überspringen und den Traditionszusammen-
hang, durch den seine Subjektivität gebildet ist, nicht schlicht suspendie-
ren“.
44
Er fordert gegenüber Gadamer das Recht, „den Anspruch von
Traditionen auch abzuweisen“.
45
Habermas stellt das ‚erkenntnislei-
tende‘ Interesse in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Die ‚kommu-
nikative Erfahrung‘, die zwischen Text und Interpreten entsteht, ist ab-
hängig vom Standpunkt des Interpreten. „Autorität und Erkenntnis
kongruieren nicht. Gewiß ist Erkenntnis in faktischer Überlieferung ver-
42
Hauff, Jürgen / Heller, Albert / Hüppauf, Bernd / Köhn, Lothar / Philippi,
Klaus-Peter, Methodendiskussion. Arbeitsbuch zur Literaturwissenschaft 2, Frankfurt
a. M. 1972, S. 31.
43
Habermas, Jürgen, „Erkenntnis und Interesse“, in: Technik und Wissenschaft als ‚Ideo-
logie‘, Frankfurt a. M. 1968.
44
Habermas, Erkenntnis und Interesse, S. 227f.
45
Habermas, Zur Logik der Sozialwissenschaften, S. 284f.
Hermeneutik / Neohermeneutik 237
wurzelt; sie bleibt an kontingente Bedingungen gebunden. Aber Refle-
xion arbeitet sich an der Faktizität überlieferter Normen nicht spurlos
ab. Sie ist zur Nachträglichkeit verurteilt, aber im Rückblick entfaltet sie
rückwirkende Kraft … Aber indem die Reflexion jenen Weg der Autorität
erinnert, auf dem die Sprachspielgrammatiken als Regeln der Weltauffas-
sung und des Handelns dogmatisch eingeübt werden, kann der Autorität
das, was an ihr bloße Herrschaft war, abgestreift und in den gewaltlosen
Zwang von Einsicht und rationaler Entscheidung aufgelöst werden“.
46
Jürgen Habermas argumentiert, dass die hermeneutischen Verfahren,
die den hermeneutischen Erkenntnisprozess nicht an individuellen und
kollektiven Sozialisationsverfahren überprüfen, dem ‚Ideologieverdacht‘
verfallen. Die kritische Hermeneutik fordert – so Habermas –, den
Standpunkt des Interpreten aufzuklären, d. h. die Realität der herrschen-
den Normen und Meinungen durchschaubar zu machen, die die jewei-
lige Frage grundiert. Jede Fragestellung drückt schon ein bestimmtes
Erkenntnisinteresse aus, fokussiert bestimmte Aspekte, blendet andere
aus, das sollte sich jeder Interpret bewusst machen. Fragt er zum Beispiel
nach dem Frauenbild, der Kunstkonzeption oder dem erotischen Lie-
besentwurf in Friedrich Schlegels Lucinde, rücken unterschiedliche Mo-
mente des Textes in den Blick. Das erkenntnisleitende Interesse be-
stimmt den ganzen analytischen Prozess. Die kritische Hermeneutik soll
das Selbstverständnis, das Vorverständnis des Interpreten bewusst ma-
chen, dieser setzt sich dem Ideologieverdacht aus, wenn er sein eigenes Er-
kenntnis leitendes Interesse nicht reflektiert. Mit Jürgen Habermas hatte
die Hermeneutik einen ihrer kritischsten Repräsentanten gefunden.
Anfang der 1970er-Jahre erfuhr die Diskussion um die Möglichkeiten
und Schranken literaturwissenschaftlicher Methoden Hochkonjunktur.
Hans Robert Jauß
47
setzt sich in der viel beachteten Studie Literatur-
geschichte als Provokation der Literaturwissenschaft kritisch mit der formalisti-
schen und marxistischen Literaturtheorie auseinander, moniert, dass
die „orthodoxe Ästhetik des Marxismus“ Autor und Leser nur in ihrer
sozialen Schichtung begreife, die formalistische Schule wiederum den
Leser als wahrnehmendes Subjekt, als Philologen benötige, der den Text
entschlüsselt. Dagegen postuliert er – gegenüber einer Produktions-
ästhetik und Darstellungsästhetik – eine „Rezeptions- und Wirkungs-
ästhetik“; nur so sei für das „Problem, wie die geschichtliche Folge lite-
46
Ebd.
47
Jauß, Hans Robert, Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft, Frank-
furt a. M. 1970.
238 Hiltrud Gnüg
rarischer Werke als Zusammenhang der Literaturgeschichte zu begreifen
sei, eine neue Lösung“ zu finden. Er greift Gadamers Gedanken vom
‚Gespräch‘ auf: „Sieht man die Geschichte der Literatur derart im Hori-
zont des kontinuitätsbildenden Dialogs von Werk und Publikum, so wird
auch der Gegensatz ihres ästhetischen und historischen Aspekts ständig
vermittelt und ineins damit der Faden von der vergangenen Erscheinung
zu der gegenwärtigen Erfahrung der Dichtung weitergeknüpft, den der
Historismus durchschnitten hatte“.
48
Auch er reflektiert den Zeitenab-
stand zwischen Interpret und Werk, fasst ihn aber konkreter und zielt auf
die differenzierte Recherche hinsichtlich der damaligen Produktionsbe-
dingungen, Publikumserwartungen, poetologischen Vorgaben etc. Jauß
fordert die Rekonstruktion des ‚Erwartungshorizonts‘ eines Werks. Die-
ser Zugang „bringt die hermeneutische Differenz zwischen dem einsti-
gen und dem heutigen Verständnis eines Werkes vor Augen“, macht die
„Geschichte seiner Rezeption bewusst und stellt damit die scheinbare
Selbstverständlichkeit, dass im literarischen Text Dichtung zeitlos gegen-
wärtig und ihr objektiver, ein für allemal geprägter Sinn dem Interpreten
jederzeit unmittelbar zugänglich sei, als ein platonisierendes Dogma der
philologischen Metaphysik in Frage“.
49
Man denke an Molières Mis-
anthrope, den die damalige Zeit und der Autor durchaus als komische Fi-
gur verstanden haben, den jedoch spätere Leser – so etwa Rousseau oder
Goethe eher als tragische Figur empfanden. In diesem Zusammenhang
sind auch die Zensurprozesse interessant – wie der um Baudelaires Fleurs
du Mal oder um Flauberts Madame Bovary, Werke, denen von der Staatsan-
waltschaft Verstöße gegen die öffentliche Moral und gegen die Religion
(„offenses à la morale publique et à la réligion“
50
) vorgeworfen wurden.
Dass Emma ihren Ehebruch nicht bereut, ihn sogar glorifiziert, empfand
der Ankläger als unmoralischer als den Ehebruch selbst.
51
Heute gehört
der Roman zur großen klassischen Literatur, der provoziert, jedoch kaum
das Sittlichkeitsempfinden der heutigen Leserschaft verletzt.
Die Gewinnung des geschichtlichen Erwartungshorizonts vermittelt
uns produktive Einblicke in das historische Selbstverständnis, in den
48
Jauß, Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft, S. 170.
49
Ebd., S. 204.
50
Flaubert, Gustave, „Madame Bovary. Procès, Appendice“, in: Oeuvres, Bd. 1, hrsg.
v. A. Thibaudet / R. Dumesnil, Paris 1951, S. 615.
51
Procès. Le Ministre Public contre Gustave Flaubert. Réquisitoire de M. l’Avocat
Impériale M. Ernest Pinard, in: Oeuvres I: „elle chante le cantique de l’adulterie, ses
voluptés. Voilà eux, bien plus immoral que la chute elle-même!“, S. 623.
Hermeneutik / Neohermeneutik 239
Wertewandel, in das veränderte Verständnis von Anstand, Schicklichkeit
und Moral. Das Beispiel des Romans Madame Bovary, der 1857, im selben
Jahr wie die Fleurs du Mal veröffentlicht wurde, macht deutlich, dass ein
neuer Stil, ein Wandel ästhetischer Darstellung sehr provokant wirken
kann. Es ist die neue personale Erzählperspektive, aus der Emmas ero-
tische Eskapade, ihr Ehebruch dargestellt wird, der Verzicht auf kriti-
sche Distanz, der die Sittenwärter herausforderte. Jauß kommentiert:
„So kann ein literarisches Werk die Erwartungen seiner Leser durch eine
ungewohnte ästhetische Form durchbrechen und sie zugleich vor Fra-
gen stellen, deren Lösung ihnen die religiös oder staatlich sanktionierte
Moral schuldig blieb“.
52
Gadamers kritische Auseinandersetzung mit dem Historismus, die
seine Konzeption der philosophischen Hermeneutik bestimmte, hat
Wissenschaftler immer wieder angeregt, sich differenziert mit seiner Ar-
gumentation auseinanderzusetzen.
Karl-Otto Apel sucht in seiner Studie Das Apriori der Kommunikations-
wissenschaft
53
die „verstehenden“ Geisteswissenschaften mit den erklä-
renden Naturwissenschaften zu verbinden. Er zieht eine Analogie zwi-
schen dem psychotherapeutischen und dem hermeneutischen Gespräch
und folgert daraus, es ergebe sich „die methodologische Forderung einer
dialektischen Vermittlung der sozialwissenschaftlichen ‚Erklärung‘ und
des historisch-hermeneutischen ‚Verstehens‘ der Sinntradition unter
dem regulativen Prinzip einer ‚Aufhebung‘ der vernunftlosen Momente
des geschichtlichen Daseins“.
54
Paul Ricœur
55
, ein Hauptrepräsentant der hermeneutischen Phänome-
nologie in Frankreich, geht in seiner Schrift von 1971 von der These aus,
dass die menschliche Handlung wie ein Text „ein unvollendetes offenes
Werk ist, dessen Sinn in der Schwebe bleibt“. Er folgert: „Alle entschei-
denden Ereignisse und Taten stehen auf diese Weise der praktischen In-
terpretation durch die gegenwärtige Praxis offen“. Ricœur wendet sich ge-
gen die von Dilthey aufgestellte Dichotomie von Erklären und Verstehen,
die dieser jeweils den Naturwissenschaften bzw. den Geisteswissenschaf-
52
Jauß, Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft, S. 207.
53
Apel, Karl-Otto, „Das Apriori der Kommunikationswissenschaft“, in: Hans-
Ulrich Lessing (Hrsg.), Philosophische Hermeneutik, München 1999, S. 225–257.
54
Apel, Apriori, S. 257.
55
Ricœur, Paul, „Der Text als Modell: hermeneutisches Verstehen“, in: W.L. Bühl
(Hrsg.), Verstehende Soziologie. Grundzüge und Entwicklungstendenzen, zitiert nach Les-
sing, S. 276.
240 Hiltrud Gnüg
ten zuordnete. Er geht von dem „dialektischen Charakter der Beziehung
zwischen Erklären und Verstehen“ aus, „wie sie sich am besten beim Lesen
zeigt“.
56
Er kritisiert den Ansatz der romantischen Hermeneutik, welche
„die dialogische Situation zum Standard des hermeneutischen Verfahrens
der Textinterpretation“
57
genommen hat, er dagegen bestimmt die „Lese-
situation als ein Paradigma von eigenem Recht“.
58
Vier Grundzüge – die
„Fixierung des Sinngehalts“, die „Trennung von Sinngehalt und geistiger
Intention des Autors“, die „Entfaltung von nicht ostentativen Bezügen“
und die „unbegrenzte Reihe ihrer Adressaten“ – „machen die ‚Objektivi-
tät‘ der Texte aus“.
59
Er betont, dass „einen Text verstehen noch lange
nicht heißt, sich in den Autor hineinzuversetzen“,
60
und er verweist auf
die „Dissoziation zwischen Sinngehalt und Intention“;
61
der objektive
Sinngehalt eines Textes unterscheidet sich von der subjektiven Intention
des Autors und insofern kann „dieser Sinngehalt auf verschiedene Weise
konstruiert oder rekonstruiert werden“. Das Wort ‚Rekonstruktion‘ stellt
keine glückliche Bezeichnung für das Phänomen dar, insofern es nur eine
Weise der Rekonstruktion im Sinne des vorgegebenen Plans geben kann,
Ricœur jedoch eine Vielzahl von Rekonstruktionen bzw. besser: Ausle-
gungen anvisiert. Zuvor bestimmte er selbst die Hermeneutik, „die für die
Interpretation von schriftlichen Dokumenten unserer Kultur erforderlich
ist“,
62
als ‚Auslegung‘ im Unterschied zum ‚Verstehen‘, das sich auf alle
„Arten von Zeichen, in denen sich psychisches Leben ausdrückt“, be-
zieht. Ricœurs Verweis auf die Dissoziation zwischen Sinngehalt und In-
tention, das heißt zwischen Werkintentionalität und Autorintention, ist
sinnvoll, ist sie doch eine der Prämissen von Literaturkritik, die oft Diffe-
renzen zwischen dem Schreibentwurf des Autors und seinem fertigen
Text feststellt. Doch auch ein gelungenes Werk muss nicht der Intention
seines Autors entsprechen. So wollte z. B. Grabbe in seinem Drama Don
Juan und Faust die Antipoden sinnlicher und intellektueller Lebensweise
gegenüberstellen, doch der dramaturgische Plan, die beiden selbständigen
Stoffe zu einem Handlungsgeschehen zu verbinden, ändert vor allem die
Figur des Don Juan, zwingt ihn zum Dialog, zur Selbstreflexion. Aus der
56
Ebd., S. 277.
57
Ebd.
58
Ebd., S. 278.
59
Ebd.
60
Ebd.
61
Ebd.
62
Ebd., S. 260.
Hermeneutik / Neohermeneutik 241
Inkarnation erotischer Sinnlichkeit wird ein reflektierter Verführer. Das
Werk in seiner Intentionalität, in seinem Sinnentwurf, widerspricht der In-
tention seines Autors.
Was Gadamer als Vorentwurf eines Sinnganzen bezeichnet, stellt sich
bei Ricœur als Erfindung von Hypothesen dar, Hermeneutik wäre „eine
Kunst des Hypothesen-Erfindens“.
63
Er geht im Sinne der tradierten
Bedeutung von dem zirkulären Charakter der „Rekonstruktion eines
Textes als eines Ganzen“
64
aus und führt für die „Hypothesenbestäti-
gung“ aus, dass diese eher einer „Logik der Wahrscheinlichkeit“ als einer
„Logik der empirischen Verifikation“ gleicht.“ Ricœur bezieht sich in
diesem Kontext mit diesem Begriff auf Eric D. Hirschs
65
Studie Validity
in Interpretation und er folgert: „In diesem Sinne geht es um Validierung
und nicht um Verifikation“.
66
Letztlich unterscheidet sich Ricœur von der Hermeneutik eines
Gadamer mehr durch seine an den Naturwissenschaften angelehnte
Terminologie als durch seine Argumentation selbst. Das deutet sich auch
in der Schlussfolgerung seines Beitrags zum „hermeneutischen Verste-
hen“ an: „Wenn wir deshalb die Sprache der romantizistischen Herme-
neutik, die von der Überwindung der Distanz, vom Zu-eigen-machen,
von der Annäherung des Entfernten, Fremden spricht, beibehalten wol-
len, kann das nur möglich sein, wenn wir ein wichtiges Korrektiv einfüh-
ren. Das, was wir uns zu eigen machen, – was wir uns aneignen –, ist nicht
eine fremde Erfahrung, sondern es ist das Ergebnis unserer Bemühung,
eine in den Bezügen des Textes angedeutete Welt ins Bewusstsein zu
heben“.
67
Ricœur betont den Zusammenhang von Entschlüsselung und
Aneignung, er akzentuiert so gegenüber Gadamers Konzept der zeit-
lichen Horizontverschmelzung den Aspekt der Entdeckung von Welt,
gleichsam der Selbsterfahrung in Texterfahrung.
Manfred Frank hat vier Essays, die sich mit Schleiermachers Sprach-
theorie, Sartres Flaubert-Studie, mit Jacques Lacans und Jacques Derri-
das Hermeneutik-Konzepten beschäftigen, in einem Buch mit dem Titel
Das Sagbare und das Unsagbare. Studien zur neuesten französischen Hermeneutik
und Texttheorie
68
publiziert. Er wirft die Frage nach einem „Kontinuum
63
Ebd., S. 279.
64
Ebd.
65
Hirsch, Eric D., Validity in Interpretation, New Haven/Conn. 1967, S. 25.
66
Ebd., S. 281.
67
Ebd., S. 290.
68
Frank, Manfred, Das Sagbare und das Unsagbare, Frankfurt a. M. 1980.
242 Hiltrud Gnüg
zwischen der Ebene der universellen Bedeutungen einer Sprache und
der individuellen Sinngebung des gesprochenen Worts“
69
auf. Anhand
von Schleiermachers Vorlesungen zur Hermeneutik und Kritik
70
stellt er
ein dreistufiges Textmodell vor. Der Text ist zunächst eine Tatsache, d. h.
er verdankt sich „der Tat eines sinnstiftenden Individuums“. Als eine zu-
sammenhängende „Äußerungsreihe“, als „Relation“, ist er erstens struk-
turiert, er unterscheidet sich von anderen Texten durch „Entgegenset-
zung“ und „Koordination“, er gehört einer bestimmten Gattung an,
einem Genre; im Blick auf das Genre kann der Interpret feststellen, „wo
der Autor eine Konvention befolgt und wo er über sie hinausgeht“. Und
schließlich enthält „jedes Werk – das wäre die dritte Stufe, die Schleier-
macher aushebt – mehr oder weniger ausgeprägt Spuren einer indivi-
duellen Komposition, es hat einen unverwechselbaren Stil, den es mit
keinem anderen Werk teilt und der insofern den Vorschriften der Kodi-
fikation entgeht: Der Stil ist das irreduzibel Nicht-Allgemeine des Tex-
tes“.
71
Frank führt an, dass unter dem Konkurrenzdruck der sogenann-
ten ‚exakten Wissenschaften‘ „das Interesse der Literaturwissenschaften
an den strukturalen Qualitäten eines Textes befördert“
72
wurde. Diese
Präferenz bedeutete z. B. für die Interpretation eines Sonetts von Gry-
phius: Das Gedicht würde als Sonett, in seinem Strophenaufbau, sei-
ner Versform, in seinen barocken Wortbedeutungen etc. erläutert, quasi
in seinen objektiv beschreibbaren Strukturen und Merkmalen, die sich
auf allgemeine poetische Normen, Regeln oder Konventionen beziehen,
vorgestellt; doch das, was sein unverwechselbar Individuelles, seinen be-
sonderen Stil ausmacht, geriete nicht in den Blick.
Doch Texte wie Sprachen – so Frank – existieren auf zwei Ebenen:
„[A]ls systematische Ordnungen syntaktischer und semantischer Einhei-
ten und als gesprochene oder geschriebene Reden (als Systeme und Ereig-
nisse)“.
73
Er moniert letztlich das Auseinanderfallen dieser Perspektiven,
die bei Schleiermacher noch eine Einheit bildeten, in modernen wissen-
schaftstheoretischen Konzepten. „Struktur“ und „Sinnverstehen“, das
„Erfassen des Allgemeinen und die Deutung des Individuellen“ müssen
sich durchdringen. Er betont, „wie aktuell zumal der philologische An-
69
Frank, Das Sagbare, S. 7.
70
Schleiermacher, Friedrich, Hermeneutik und Kritik, hrsg. v. Manfred Frank, 8. Aufl.,
Frankfurt a. M. 1999.
71
Frank, Das Sagbare, S. 8.
72
Ebd., S. 9.
73
Ebd.
Hermeneutik / Neohermeneutik 243
satz Schleiermachers geblieben ist und wie gut er sich eignet, den Dialog
zwischen strukturalistischen und sprachanalytisch-hermeneutischen Po-
sitionen in Gang zu bringen“.
74
Frank setzt mit Schleiermacher bei der
„Krise des Subjekts“ an: „Sie findet statt, sobald das Subjekt die Wahr-
heit, in der es besteht, nicht mehr erzeugen, sondern nur noch bezeugen
kann“.
75
Es hat aufgehört, der Ort einer übergeschichtlich sich offenba-
renden Wahrheit zu sein. Urteile über „das Seiende der geschichtlichen
Welt“ lassen sich nicht von den individuellen Erfahrungen des Subjekts
deduzieren. „Die Transzendenz des Wissensgrundes zwingt das Subjekt,
die Evidenz seiner Erkenntnisse auf dem Felde zwischenmenschlicher
Verständigung zu bewähren“.
76
Hier ist die Dialektik gefragt, die Schlei-
ermacher als die „Darlegung der Grundsätze für eine kunstgemäße Ge-
sprächsführung im Gebiet des reinen Denkens“
77
bestimmt. Ziel der
Dialektik ist das „Wissen“, das in seinem Wesen in der „Unveränderlich-
keit und Allgemeinheit der Theorie“
78
besteht. Eine weitere Prämisse
der Dialektik ist die „Selbigkeit des Gegenstandes, dem divergierende
Prädikate zugesprochen werden. Nur sie ermöglicht das Aufeinander-
prallen dialektisch aufzuhebender Widersprüche“.
79
Da es keine objek-
tive Instanz gibt, die über Richtigkeit oder Falschheit der sich widerspre-
chenden Urteile entscheidet, sind die Gesprächspartner gezwungen,
jedes „aufrichtig“ dem Gegenstand zuerkannte Prädikat „in die Formu-
lierung ihres möglichen Konsensus mit einzubeziehen, d. h. einzugeste-
hen, dass der Gegenstand des Urteils nicht gleichgültig ist gegen die in-
dividuellen Interpretationen, die die Gesamtheit der Subjekte von ihm
fertigt“.
80
Das heißt, eine eindeutige Prädikation des Gegenstands ist un-
möglich, und diese Unmöglichkeit ist nicht etwa ein Mangel, sondern ein
Grundzug der Hermeneutik. „Die irreduzible Nicht-Allgemeinheit oder
‚Relativität des Denkens‘ verweist die Dialektik an die ‚Auslegungskunst‘
oder ‚Hermeneutik‘“. Während die Hermeneutik Sprachäußerungen
vorwiegend unter dem Gesichtspunkt betrachtet, inwiefern sich in ihnen
das Individuelle geltend macht, betont die Dialektik umgekehrt den
Aspekt, dass auch die „privateste Äußerung von Sinn teils im Vorblick
74
Ebd., S. 14.
75
Ebd., S. 19.
76
Ebd.
77
Schleiermacher, Hermeneutik, S. 412.
78
Ebd., S. 414.
79
Frank, Das Sagbare, S. 20.
80
Ebd.
244 Hiltrud Gnüg
auf eine allen Denkenden gemeinschaftliche ‚Idee des Wissens‘ erfolgt,
teils um ihrer möglichen Mitteilbarkeit sprachlich verfasst sein muß“
81
.
Frank folgert mit Schleiermacher: „Daraus ist klar, dass beide [Herme-
neutik und Dialektik] nur miteinander werden“.
82
Frank versteht mit Schleiermacher Sprache als „ein individuelles All-
gemeines“. „Sie besteht als universelles System nur aufgrund prinzipiell
widerrufbarer Übereinkünfte ihrer Sprecher und verändert ihren Ge-
samtsinn mit jeder Redehandlung und in jedem Augenblick, sofern we-
nigstens dieser semantischen Neuerung der Durchbruch ins gramma-
tische Repertoire gelingt, wie es in den Gesprächshandlungen ständig
geschieht“.
83
Die Sprecher verhalten sich mit ihren einzelnen Sprechak-
ten schöpferisch innerhalb des gegebenen Systems der langue. Saussures
Bestimmung des Verhältnisses von ‚langue‘ und ‚parole‘ entspricht – so
Frank – Schleiermachers Ausführungen.
In der poetischen Rede sieht Schleiermacher „in aller Reinheit“ die
„sinnschöpferische Potenz der Sprache“ hervortreten. „Die Metaphorik
der symbolischen Sprachverwendung“ unterläuft die „konventionalisier-
ten Bedeutungen (Schemata) der Wörter durch einen wohlkalkulierten
Schock,
84
der des Lesers ‚freie Produktivität in der Sprache‘ herausfor-
dert“.
85
Wird das zunächst „singuläre Bild“
86
vom Rezipienten der Rede
zugeeignet, so hat es aufgehört, exklusiv oder privat zu sein und existiert
als ein virtuell allgemeines Schema bzw. als Sprachverwendungsregel
(neben anderen) im Gesamt der Sprache“.
87
In diesen Gedankengang verortet Frank Schleiermachers Theorem
der Divination, das „fundamentale Argument“ seiner Sprachtheorie, das
„von den schlimmsten Missverständnissen skandiert“
88
sei. Es gehöre
ursprünglich keineswegs in den Kontext „der historischen Dimension
der Überbrückung des Zeitenabstands zwischen Interpret und Inter-
pretand“, darf auch nicht durch „Einfühlung“ übersetzt werden. „Die
‚Divination‘ begegnet im Rahmen einer Theorie des ‚Stils‘“.
89
Stil – so
Frank – versteht er als die ‚Behandlung der Sprache‘, und zwar in dem
81
Ebd., S. 21.
82
Vgl. Schleiermacher, Hermeneutik, S. 411; Frank, Das Sagbare.
83
Ebd., S. 27.
84
Schleiermacher, Hermeneutik, S. 143.
85
Ebd., S. 405f.
86
Ebd., S. 407f.
87
Vgl. ebd., S. 410f., Frank, Das Sagbare, S. 28.
88
Frank, Das Sagbare.
89
Vgl. Schleiermacher, Hermeneutik, S. 168; Frank, Das Sagbare, S. 28f.
Hermeneutik / Neohermeneutik 245
Sinne, dass der Sprecher die ihm „eigentümliche Art den Gegenstand
aufzufassen, (…) in die Anwendung und somit auch in die Sprachbe-
handlung mit einbringt“.
90
Ein Bespiel: In seinemMignon-Lied zeigt Goethe nicht einfach ein Ita-
lienbild mit Lorbeer-, Zitronen- und Apfelsinenbäumen, wie es ein Rei-
seprospekt abbilden könnte, er entwirft Mignons Sehnsuchtsbild einer
erinnerten Südlandschaft, die etwas Zauberisches, Paradiesisches aus-
strahlt, ein Süd-Idyll voller Aromen, vibrierender Leuchttöne, das ganz
von dem melancholischen Fern- und Heimweh Mignons kündet. In sei-
nem Stil – in der Form seiner Erscheinung – teilt sich die Sicht des Kin-
des mit. Es ist ein individueller Entwurf, und nur im Nachhinein ließen
sich Regeln seiner Komposition formulieren. Über eine Sache als schön
urteilen wir – so Kant – „in der bloßen Betrachtung (Anschauung oder
Reflexion)“.
91
Der Stil ist individuell, insofern nicht auf einen Begriff zu bringen,
der immer nur das Allgemeine, Abstrakte der Sache fasst. „Darum sind
alle Modelle“ – so Frank –, „die den Stil als regelgeleitetes oder mehr-
fach-codiertes Verfahren einem generativen Apparat unterstellen möch-
ten, zum Scheitern verurteilt“.
92
Nicht weil dem Stil etwa eine „extraver-
bale Qualität“ eignete, sondern weil er etwas Singuläres schafft, entzieht
er sich abstrakter Zuordnung. Kant formuliert in seiner Kritik der Urteils-
kraft dieses Phänomen für das Genie. „Genie ist das Talent (Naturgabe),
welches der Kunst die Regel gibt. Da das Talent, als angebornes produk-
tives Vermögen des Künstlers, selbst zur Natur gehört, so könnte man
sich auch so ausdrücken: Geni e ist die angeborne Gemütslage (inge-
nium), dur ch wel che die Natur der Kunst die Regel gibt“.
93
Die
Kunst, der Stil, ist also keineswegs regellos – „eine jede Kunst setzt Re-
geln voraus, durch deren Grundlegung allererst ein Produkt, wenn es
künstlich heißen soll, als möglich vorgestellt wird“
94
–, doch er lässt sich
nicht vorab als Regel, als Produktionsanleitung bestimmen. Das Genie/
ingenium, das der ‚künstlichen‘/ künstlerischen Produktion fähig ist, ist
demnach eine eingeborene Naturgabe, die selbst regelsetzend ist.
90
Vgl. Schleiermacher, Hermeneutik, S. 168; Frank, Das Sagbare, S. 29.
91
Kant, Immanuel, „Kritik der Urteilskraft“, 46. Werkausgabe 10, hrsg. v. Wilhelm
Weischedel, 2. Aufl., Frankfurt a. M. 1977, S. 116 § 2.
92
Frank, Das Sagbare, S. 30.
93
Kant, Urteilskraft, S. 241f.
94
Ebd., S. 242.
246 Hiltrud Gnüg
Jochen Hörisch
95
hat recht spät auf die Hermeneutik-Diskussion rea-
giert und erst 1988 seine Kritik an der „Wut des Verstehens“ – so der be-
zeichnende Titel seiner Polemik – publiziert. Er bezieht sich in seinem
Essay, der sich als grundsätzliche Abrechnung mit der Hermeneutik ver-
steht, vor allem auf die Schriften Schleiermachers, von dem er auch sei-
nen Titel bezieht. Er befasst sich mit Hermes, dieser zwielichtigen Ge-
stalt, dem schillernden Gott, „der deutend, lügend, betrügend, Zeugen
tötend und Meineide schwörend Aussagen manipuliert wie kein zwei-
ter“.
96
Kein überzeugender Einwand gegen die Hermeneutik, da Her-
mes als Namensgeber der hermeneutischen Methode nicht unumstrit-
ten ist und der Name wenig über die Schlüssigkeit der Methode aussagt,
die zudem eine markante geschichtliche Entwicklung mit differierenden
Positionen durchlaufen hat. Der Autor lässt sich auf die fortgeschrit-
tenen Positionen einer kritischen Hermeneutik gar nicht ein, er nennt
zwar Gadamer im Zusammenhang mit der Kunst der Interpretation
97
– so
ist eine bekannte Studie Emil Staigers betitelt –, doch er setzt sich in kei-
ner Weise differenziert mit dessen Konzept auseinander. Jürgen Haber-
mas, der auf hohem Niveau ideologiekritisch die Fallstricke hermeneu-
tischer Verfahren aufdeckte, wird nicht einmal im Literaturverzeichnis
genannt.
Jean-François Lyotard geht von dem grundsätzlichen Konflikt zwi-
schen der Wissenschaft und „den Erzählungen“ aus, das heißt, den groß
angelegten Sinnauslegungen geschichtlicher Entwicklungen. Die Wis-
senschaft führt über ihr „eigenes Statut einen Legitimationsdiskurs, der
sich Philosophie genannt hat“.
98
Ursprünglich hat Jean-François Lyo-
tards Untersuchung von 1979 mit dem Titel La condition postmoderne „die
Lage des Wissens in den höchstentwickelten Gesellschaften, für die er
von amerikanischen Soziologen die Bezeichnung ‚postmodern‘ über-
nahm“,
99
zum Gegenstand. Doch was er im „Auftrag des Universitäts-
rats der Regierung von Québec“ als Bericht plante, „wurde dann aber zu
einem Versuch, neue Entwicklungen in Wissenschaft, Technik, in der
Politik, im Alltagsleben und in der Kunst nicht nur, wie sonst üblich, als
Fortschreibung des Projektes der Moderne zu verstehen, sondern sie als
95
Hörisch, Jochen, Die Wut des Verstehens, Frankfurt a. M. 1988, S. 18.
96
Ebd.
97
Ebd., S. 82.
98
Lyotard, Jean-François, Das Postmoderne Wissen. Ein Bericht, hrsg. v. Peter Engel-
mann, Wien 1999. S. 13.
99
Ebd., S. 9.
Hermeneutik / Neohermeneutik 247
Phänomene des Bruches mit diesem Projekt zu begreifen“.
100
Die 1982
erschienene Schrift bildet einen Ausgangspunkt der weltweiten Diskus-
sion um die Postmoderne, die ihrerseits mit den ‚Meta-Erzählungen‘ der
Moderne, dem Diskurs der Aufklärung und der Geschichtsphilosophie
Hegels, bricht, wichtigen Voraussetzungen des klassischen hermeneuti-
schen Denkens. Insofern stellt sein ‚Bericht‘ einen radikalen Gegenent-
wurf hermeneutischer Theorie dar.
Im letzten Kapitel seiner kritischen Hermeneutik-Geschichte, die sich
mit „Nietzsches Reduktion der Erkenntnisinteressen“ auseinandersetzt,
zeigt Habermas, dass Nietzsche „mit dem Positivismus den Begriff von
Wissenschaft“
101
teile, er wie Comte „die kritischen Folgen des wissen-
schaftlich-technischen Fortschritts als Überwindung der Metaphysik“
deute. Nietzsche setzt sich kritisch mit dem zeitgenössischen Historismus
auseinander, der mit „einer Kritik an der Verwissenschaftlichung der Historie
begründet“
102
ist. Jedoch durchschaut Nietzsche – so Habermas
103
– den
objektivistischen Anspruch des Historismus nicht als „falsches szientisti-
sches Selbstverständnis“, sondern er hält ihn für eine „notwendige Implika-
tion der Geschichtswissenschaft
104
überhaupt, die die Konstellation von
Leben und Historie verändert und die das Leben daran hindert, das Wis-
sen um die Vergangenheit zu bändigen. Das Ich im Zeichen des Historis-
mus verfügt nicht mehr über die „plastische Kraft eines Menschen, eines
Volkes, einer Kultur“, die „Vergangenes und Fremdes umzubilden, sich
einzuverleiben“
105
vermag. Als Gegenmittel gegen das Historische nennt
Nietzsche „die Namen von Giften“, „das Unhistorische und das Überhis-
torische“.
106
Doch er hätte sich – so Habermas
107
– auf seine eigene Argu-
mentation im zuvor entstandenen Essay Über Wahrheit und Lüge im außermo-
ralischen Sinn besinnen sollen, dann hätte ihm das falsche Selbstverständnis
des Historismus bewusst werden müssen. In dieser frühen erkenntnis-
theoretischen Schrift stellt Nietzsche die Vorstellung, der Mensch könne
die Wahrheit einer objektiven unabhängigen Realität erkennen, als Illusion
dar. Er hält die klassische Definition von Wahrheit, ‚adaequatio rei et intel-
100
Ebd.
101
Habermas, Erkenntnis und Interesse, S. 354.
102
Ebd., S. 358.
Ebd., S. 354.
103
Ebd., S. 358.
104
Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, S. 231.
105
Ebd., S. 213.
106
Ebd., S. 281.
107
Habermas, Erkenntnis und Interesse, S. 358.
248 Hiltrud Gnüg
lectus‘, die Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem Gegenstand, der
Realität, für eine Lüge. Der Begriff, in dem traditionell das gefasst ist, was
die Sache an sich ist, ist nur eine vom Menschen entworfene Metapher, de-
ren Metapherncharakter er vergessen hat. „Was ist also Wahrheit? Ein
bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen,
kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die poetisch und rheto-
risch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden und die nach langem Ge-
brauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrhei-
ten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind“.
108
Kurz, für Nietzsche gibt es keine objektive Wahrheit, nur eine von Men-
schen geschaffene, erdichtete Wahrheit. Der Mensch ist ein „Baugenie“
109
,
der anders als die Biene, die aus dem Wachs, „das sie aus der Natur zusam-
menholt“, baut, „aus dem weit zarteren Stoff der Begriffe, die er erst aus
sich fabrizieren muß“, seine Welt schafft, eine Welt, die er dann als Wahr-
heit bezeichnet. Wenn es aber generell so um die Wahrheit bestellt ist, kann
es auch den objektivistischen Anspruch des Historismus nicht geben bzw.
ist dieser leicht als Illusion zu entlarven. Gerade Friedrich Nietzsche in sei-
ner pointierten Erkenntniskritik hätte das falsche wissenschaftliche Selbst-
verständnis des Historismus aufdecken können. Ohne dass er den Begriff
der ‚Hermeneutik‘ darin angeführt hat, weist ihn seine Schrift Über Wahr-
heit und Lüge im außermoralischen Sinn implizit als Denker der philosophi-
schen Hermeneutik aus.
6. Kommentierte Auswahlbiographie
Droysen, Johann Gustav, Grundriß der Historik. Vorlesungen über Enzyklo-
pädie und Methodologie der Geschichte, hrsg. v. R. Hübner, München 1967.
Droysen ist derjenige unter den bekannten deutschen Historikern, der die
von der Historischen Schule praktizierte Theorie der Geschichte kritisch
reflektierte. Sein Konzept von den Möglichkeiten der Geschichtsfor-
schung entwickelte sich in Auseinandersetzung mit Hegels Geschichts-
philosophie und Rankes Geschichtsschreibung.
108
Nietzsche, Friedrich, „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn“, in:
F. N., Werke in drei Bänden, Bd. 3, hrsg. v. Karl Schlechta, München 1977, S. 314.
109
Ebd., S. 315.
Hermeneutik / Neohermeneutik 249
Dilthey, Wilhelm, „Einleitung in die Geisteswissenschaften. Versuch einer
Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte“
(1883), in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 1, Stuttgart, Göttingen 1979.
Die Hermeneutik betrachtet D. in dem Zusammenhang von Erkenntnis-
theorie, Logik und Methodenlehre der Geisteswissenschaften.
Dilthey, Wilhelm, „Die Entstehung der Hermeneutik“ (1900), in: ders.,
Gesammelte Schriften, Bd. 5, hrsg. v. G. Misch, Leipzig, Berlin 1924.
Diltheys bekannteste Studie zur Geschichtsschreibung der Hermeneutik,
die auf seine Untersuchungen zur protestantischen Hermeneutik aufbaut.
Dilthey, Wilhelm, „Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geistes-
wissenschaften“ (1910), in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 7, hrsg. v.
B. Groethuysen, Stuttgart, Göttingen 1979.
In Abgrenzung der Geistes- und Naturwissenschaften sucht D. die
Grundlagen der Geisteswissenschaften zu bestimmen.
Heidegger, Martin, Der Ursprung des Kunstwerks [1935], Stuttgart 2005.
Eine philosophische Erkenntnistheorie, die die Grundlagen für die Ein-
zelwissenschaften ausarbeitet.
Staiger, Emil, Grundbegriffe der Poetik, 5. Aufl., Zürich 1961.
Die 1946 erschienene Studie versteht Poetik als allgemeine Anthropologie.
Horkheimer, Max / Adorno, Theodor W., Dialektik der Aufklärung. Phi-
losophische Fragmente, Frankfurt a. M. 1969.
Die 1947 erschienene Schrift fragt nach den Ursprüngen der Barbarei in
einer Welt wissenschaftlich-technischen Fortschritts.
Kayser, Wolfgang, Das sprachliche Kunstwerk. Eine Einführung in die Litera-
turwissenschaft, Bern 1961.
Die 1948 erschienene Arbeit liefert eine Einführung in die Arbeitswei-
sen der Literaturwissenschaft, sofern sie Stilanalyse, Strukturforschung
und Interpretation betreibt.
Ebeling, Gerhard, „Artikel ‚Hermeneutik‘“, in: Die Religion in Geschichte
und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, 3. Bd.,
Tübingen 1959, Spalte 242–262.
E. beschreibt in klarer Diktion die Grundaspekte hermeneutischer Text-
deutung.
250 Hiltrud Gnüg
Gadamer, Hans-Georg, Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophi-
schen Hermeneutik (1960), Tübingen 1972.
Die Studie von 1960, sein bedeutendstes Werk, entwickelt eine systema-
tische Theorie des Verstehens, die im Horizont von Heideggers Philoso-
phie entstand und zugleich eine Art Gegenentwurf bildet. Sie führt eine
kritische Auseinandersetzung mit dem Historismus, diese bestimmt
seine Konzeption einer philosophischen Hermeneutik, die bis heute die
kritische Diskussion über Fragen der Hermeneutik leitet.
Topitsch, Ernst, Das Verhältnis zwischen Sozial-und Naturwissenschaften. Eine
methodologisch-ideologische Untersuchung, Köln, Berlin 1966.
Eine Studie im Sinne des kritischen Rationalismus, der ein Wissen-
schaftsmodell vertritt, das zwischen wissenschaftlicher Forschung und
gesellschaftlicher Praxis strikt trennt.
Jauß, Hans-Robert, Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissen-
schaft, Frankfurt a. M. 1970.
J. zeigt hier u. a. am Beispiel der „Querelle des Anciens et des Modernes“
die Wende zum historischen Bewusstsein.
Hauff, Jürgen / Heller, Albert / Hüppauf, Bernd / Köhn, Lothar / Phi-
lippi, Klaus Peter, Methodendiskussion. Arbeitsbuch zur Literaturwissenschaft,
Bd. 2: Hermeneutik. Marxismus, Frankfurt a. M. 1972.
Das Autorenquintett stellt im zweiten Band Basistexte der Hermeneutik
und des Marxismus vor, kommentiert sie und bereitet sie didaktisch zum
Selbststudium (mit Kontrollfragen) auf.
Ricœur, Paul, „Der Text als Modell: hermeneutisches Verstehen“, in:
Verstehende Soziologie. Grundlage und Entwicklungstendenzen, hrsg. v. W. L.
Bühl, München 1972. (Wiederabdruck bei H. U. Lessing)
Ricoeur akzentuiert gegenüber Gadamers Konzept der zeitlichen Hori-
zontverschmelzung den Aspekt der Entdeckung von Welt, gleichsam der
Selbsterfahrung in Texterfahrung.
Apel, Karl-Otto, „Szientistik, Hermeneutik, Ideologiekritik. Entwurf ei-
ner Wissenschaftslehre in erkenntnisanthropologischer Sicht“ in: Trans-
formation der Philosophie, Bd. 2: Das Apriori der Kommunikationsgemein-
schaft, Frankfurt a. M. 1973.
Bibliographisch orientierter Abriss der Hermeneutik. Die Fragment
gebliebene Studie sollte ein „wichtiges Verbindungsglied zwischen der
Philosophie und den geschichtlichen Wissenschaften“ herstellen.
Hermeneutik / Neohermeneutik 251
Gadamer, Hans-Georg / Boehm, Gottfried, Seminar: Philosophische Her-
meneutik, Frankfurt a. M. 1979.
G. erläutert die Vorgeschichte der Hermeneutik, die romantische Her-
meneutik, setzt sich mit Dilthey und der Dilthey-Schule auseinander und
mit der philosophischen Hermeneutik eines Heidegger. Die „Gegen-
wart der Griechen“ (S. 324), Kant und Hegel bestimmen das philosophi-
sche Gespräch der Gegenwart.
Lyotard, Jean-François, Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, hrsg. v. Peter
Engelmann, Wien 1999.
Die 1979 unter dem Titel La condition postmoderne erschienene Schrift
bildet einen Ausgangspunkt der weltweiten Diskussion um die Post-
moderne, die ihrerseits mit den ‚Meta-Erzählungen‘, dem Diskurs der
Aufklärung und der Geschichtsphilosophie Hegels, bricht, wichtigen
Voraussetzungen klassischen hermeneutischen Denkens.
Frank, Manfred, Das Sagbare und das Unsagbare. Studien zur neuesten franzö-
sischen Hermeneutik und Texttheorie, Frankfurt a. M. 1980.
Frank geht in den vier Essays, die sich mit Schleiermachers Sprachtheo-
rie, Sartres Flaubert-Studie, mit Jacques Lacans und Jacques Derridas
Hermeneutik-Konzepten beschäftigen, der Frage nach einem „Konti-
nuum zwischen der Ebene der universellen Bedeutungen einer Sprache
und der individuellen Sinngebung des gesprochenen Worts“ nach.
Sloterdijk, Peter, „Aufklärung als Gespräch – Ideologiekritik als Fort-
setzung des gescheiterten mit anderen Mitteln“, in: Kritik der zynischen
Vernunft, Bd. 1, Frankfurt a. M. 1983.
Untersuchungen zum modernen unglücklichen Bewusstsein, an dem
Aufklärung zugleich erfolgreich und vergeblich gearbeitet hat.
Koselleck, Reinhart, Hans Georg Gadamer: ‚Hermeneutik und Historik‘,
Heidelberg 1987.
K. setzt die Gültigkeit einer transzendenten Kategorienlehre voraus.
Gadamers Antwort: „Historik und Sprache“.
Frank, Manfred, Ein Geistergespräch zwischen Lyotard und Habermas. Die
Grenzen der Verständigung, Frankfurt a. M. 1988.
Die Schrift versteht sich als eine Streitschrift zur Verteidigung von Jür-
gen Habermas’ Diskursethik.
252 Hiltrud Gnüg
Habermas, Jürgen, Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesun-
gen, Frankfurt a. M. 1988.
H. sucht der Philosophie des Abschieds von der Moderne, der von Hei-
degger, Bataille bis zu Derrida und Foucault destruierten ästhetischen
Avantgarde, ein Gegenmodell aufzuzeigen, er will im Blick auf die neo-
strukturalistische Vernunftkritik den philosophischen Diskurs der Mo-
derne rekonstruieren.
Ineichen, Hans, Philosophische Hermeneutik, Freiburg, München 1991.
I. setzt sich mit der Frage nach dem Verhältnis von Erkenntnistheorie,
geschichtlich-gesellschaftlicher Welt und Hermeneutik auseinander.
Habermas, Jürgen, Erkenntnis und Interesse, mit einem neuen Nachwort,
Frankfurt a. M. 1992.
Die Studie von 1968 setzt sich mit der Krise der Erkenntniskritik aus-
einander, mit der Selbstreflexion der Natur- und Geisteswissenschaften,
mit Psychoanalyse und Gesellschaftstheorie, und sie stellt das erkennt-
nisleitende Interesse, die Selbstreflexion des Interpreten, ins Zentrum
der Analyse.
Seiffert, H., Einführung in die Hermeneutik, München 1992.
Eine relativ knapp gehaltene, übersichtliche Einführung mit Schwer-
punkt auf klassischen Bereichen angewandter Texthermeneutik: Theo-
logie, Jura, Pädagogik.
Albert, Hans, Kritik der reinen Hermeneutik. Der Antirealismus und das Pro-
blem des Verstehens, Tübingen 1994.
Albert sucht eine Wissenschaftsphilosophie zu entwerfen, die die drei
derzeit konkurrierenden theoretischen Positionen vermitteln soll.
Hörisch, Jochen, Die Wut des Verstehens. Zur Kritik der Hermeneutik, Frank-
furt a. M., erweiterte Neuauflage 1998.
Ein polemischer, mit Pauschalurteilen nicht geizender Essay zur Kritik
der Hermeneutik, der ihren Erkenntnisanspruch infragestellt.
Lessing, Hans Ulrich (Hrsg.), Philosophische Hermeneutik, Freiburg (Breis-
gau), München 1999.
Der Band bietet eine sinnvolle Auswahl an Texten von Dilthey bis Ri-
cœur und eine gute Bibliographie weiterführender Literatur zum Thema.
Hermeneutik / Neohermeneutik 253
Schleiermacher, Friedrich, Hermeneutik und Kritik, hrsg. u. eingeleitet von
Manfred Frank, Frankfurt a. M. 1999.
Sch. entwickelte seine „Kunstlehre des Verstehens“ als eine psychologi-
sche Hermeneutik, er bricht mit der theologischen und philologischen
Tradition hermeneutischen Denkens, und er verlagert die hermeneuti-
sche Reflexion vom Feld der Textphilologie auf das der Psychologie des
Autors.
Grondin, Jean, Einführung in die philosophische Hermeneutik, 2. überarb.
Aufl., Darmstadt 2001.
Ein guter und konzentrierter historischer Gesamtüberblick aus franzö-
sischer Sicht.
Jung, Matthias, Hermeneutik zur Einführung, Hamburg 2001.
Eine knappe systematische Einführung, die auf neuere philosophische
Fragestellungen eingeht, sich jedoch vor allem mit Gadamers Herme-
neutik beschäftigt.
Kurt, Ronald, Hermeneutik – Eine sozialwissenschaftliche Einführung, Stutt-
gart 2004.
K. liefert eine didaktisch orientierte sozialwissenschaftliche Einführung
in die Hermeneutik.
Figal, Günter (Hrsg.), Hans-Georg Gadamer. Wahrheit und Methode, Berlin
2007.
Der Band enthält dreizehn Essays internationaler Wissenschaftler zu
verschiedenen Aspekten der Schrift Gadamers.
Vetter, Helmuth, Philosophische Hermeneutik. Unterwegs zu Heidegger und
Gadamer, Frankfurt a. M. 2007 (Reihe der Österreichischen Gesellschaft
für Phänomenologie; Band 13).
254 Hiltrud Gnüg
Intermedialitätsforschung 255
Intermedialitätsforschung
von WOLFGANG BOCK
1./2. Definition/Beschreibung
Die Intermedialitätsforschung befasst sich mit den gleich- und gegen-
sinnigen Korrespondenzen zwischen einzelnen Medien. Seit etwa Mitte
der 1990er-Jahre findet der Begriff Anwendung, wenn ansonsten ver-
schieden wahrgenommene Medien in einer neuartigen Konfiguration
auftreten; dieser Zusammenhang wird zugleich auf die Geschichte der
Medien zurück übertragen. Im Kontext dieses Prozesses bildet sich ein
ganzes Bedeutungsfeld ähnlicher Beziehungen aus. In einer strukturalis-
tischen Perspektive lässt sich zunächst eine ‚Transmedialität‘ von der
‚Intermedialität‘ abgrenzen, wenn ein Stoff unabhängig von einem spe-
zifischen in verschiedenen Medien behandelt wird. Dagegen spricht man
von ‚Intramedialität‘, die auch ‚Intertextualität‘ umfasst, wenn es um
Bezüge eines Mediums in demselben (Bild im Bild, Buch im Buch etc.)
geht. In der Intermedialität im engeren Sinne wird nach diesem Ansatz
zwischen ‚Medienkombination‘, ‚Medienwechsel‘ und ‚intermedialen
Bezügen‘ unterschieden.
Eine ‚Medienkombination‘ bezeichnet hier die Verbindung von min-
destens zwei beteiligten Einzelmedien: als Mischung von Text und Bild
wie im Emblem, im Comic oder im Photoroman, als eine von Text, Bild,
Ton und Musik wie etwa im Film oder von Theater, Text und Musik wie
beispielsweise in der Oper. Dabei können die einzelnen Elemente kom-
plementär, gleichrangig oder hierarchisch angeordnet sein (im Film ist
die Schrift in der Regel dem Bild untergeordnet, das einzelne Bild aber
wiederum der Filmerzählung).
1
Von ‚Medienwechsel‘ (‚Medientransfer‘
oder ‚Medientransformation‘) spricht man bei der Übertragung des glei-
1
Lyotard, Jean-François, „Idee des souveränen Films“, in: Elsaesser, Thomas /
Lyotard, Jean-François / Reitz, Edgar, Der zweite Atem des Kinos, hrsg. von Andreas
Rost, Frankfurt a. M. 1996, S. 19–52; Bock, Wolfgang, Medienpassagen. Der Film im
Übergang in eine neue Medienkonstellation. Bild – Schrift – Cyberspace II, Bielefeld 2006.
256 Wolfgang Bock
chen Stoffes von einem in ein anderes Medium wie in einer Literatur-
oder Theaterverfilmung; dabei geht der ursprüngliche Zusammenhang
weitgehend verloren und wird durch den neuen ersetzt. In ‚intermedia-
len Bezügen‘ schließlich kommt es ebenfalls zu einer Transformation
des Stoffs, bei der aber in der neuen Form tragende Momente des älteren
Zusammenhanges im neuen beibehalten und weitergeführt werden: so
wie in der filmischen oder musikalischen Schreibweise in der Literatur
oder narrativen Formen in filmischen Erzählungen. Diese Übergänge
sind die eigentlich interessanten und die Spannungen zwischen ihnen
und die sich daraus ergebenden Erkenntnisse rechtfertigen den übrigen
terminologischen Aufwand.
2
In einer anderen Systematik spricht Jan Siebert von einer „primären
Intermedialität“ als Verschmelzung verschiedener Medien, von „sekun-
därer Intermedialität“ als Medienwechsel und von „tertiärer“ oder „figu-
rativer Intermedialität“, wenn es um die Interaktion zwischen Medien
geht.
3
Irina Rajewsky betont darüber hinaus das historische Moment der
jeweiligen Medienerfahrung, eine deutliche Nachweisbarkeit gegenüber
einer weitergefassten Einflussforschung und die Imitation des einen
Mediums im anderen („Als-Ob-Charakter“) zur Überwindung des so ge-
nannten „intermedial gap“ als unüberbrückbarer Grenze zwischen den
einzelnen Medien.
4
Rajewsky nimmt ihre Untersuchungen an italienischen Texten der
1990er-Jahre vor, in denen Film-, Fernseh- und Videoästhetik eine be-
sondere Rolle spielen. In Deutschland beziehen sich so unterschiedliche
Autoren wie Thomas Hettche, Alexander Kluge oder W. G. Sebald auf
eine intermediäre Schreibweise; die Verfahrensweisen sind aber beispiels-
weise auch von Thomas Mann, Günter Grass und anderen bekannt,
wenn sie Postkarten, Photographie und andere Bilder nicht allein be-
schreiben, sondern mit den Ausdrucksmitteln der Sprache in eine zwi-
2
Rajewsky, Irina O., Intermedialität, Tübingen 2002; Cheon, Hyun Soon, Intermedia-
lität von Text und Bild bei Alexander Kluge. Zur Korrespondenz von Früher Neuzeit und
Moderne, Würzburg 2007; Paech, Joachim, „Intermedialität. Mediales Differenzial
und transformative Figurationen“, in: Helbig, Jörg (Hrsg.), Intermedialität: Theorie
und Praxis eines interdisziplinären Forschungsgebiets, Berlin 1998, S. 14–30; Paech, Jo-
achim / Schröter, Jens (Hrsg.), Intermedialität – Analog / Digital. Theorien, Methoden,
Ansätze, München 2007.
3
Siebert, Jan, Flexible Figuren, Bielefeld 2005.
4
Vgl. Rajewsky, Intermedialität; Iser, Wolfgang, „Akte des Fingierens“, in: Hen-
rich, Dieter / Iser, Wolfgang (Hrsg.), Funktionen des Fiktiven, München 1983,
S. 121–151.
Intermedialitätsforschung 257
schen beiden Medien korrespondierende Beziehung setzen.
5
In der
Kunst- und Mediengeschichte lassen sich Einflüsse ‚photographischer‘
Verfahren möglicherweise bereits bei Malern des 15. Jahrhunderts nach-
weisen; solche Bezüge können dann deutlich in den Malweisen der fran-
zösischen und englischen Impressionisten aufgezeigt werden.
6
Verwandte Begriffe sind ‚Multimedialität‘, ‚Medientheorie‘, ‚Medien-
geschichte‘, ‚Szenographie‘.
3./4. Institutionsgeschichtliches/Publikationen
Intermedialität setzt zunächst Medialität voraus, das heißt unterschied-
liche technische und ästhetische Verfahren zur Herstellung von Stoffen
in verschiedenen einzelnen Medien. In der Ästhetik wird danach gefragt,
welcher Gegenstand sich besser für welche Form – also etwa für eine
malerische Darstellung oder für ein Sonett – eignet, worüber man vor-
zugsweise eine Oper schreiben sollte und welcher ein Kunstlied erfor-
derte.
7
In diesem Sinne besitzt jedes Medium ein bestimmtes Ausdrucks-
verfahren, das Effekte und Formen hervorbringt, die nur ihm eigen sind.
Wenn Siegfried Kracauer danach fragt, was das Filmische am Film
ausmacht, dann fasst er dieses Moment ins Auge, das den produktions-
und rezeptionsästhetischen Unterschied des Films zur Photographie
und zum Theater ausmacht: die Herstellung von bewegten Bildern und
zugleich die Darstellung des Flusses des Lebens oder des Lebens der
Straße. Kracauer will Ende der 1940er-Jahre den Film und seine Mög-
lichkeiten der Kadrage, Montage und Collage deutlich vom Theater und
vom Roman unterschieden wissen.
8
Im Zeitalter der digitalen Bilder aber
5
Rajewsky, Irina O., Intermediales Erzählen in der italienischen Literatur der Postmoderne:
von den giovani scrittori der 80er zum pulp der 90er Jahre, Tübingen 2003; Hettche, Tho-
mas, Animationen, Köln 1999; Kluge, Alexander, Tür an Tür mit einem anderen Leben,
Frankfurt a. M. 2006; Sebald, Winfried G., Die Ringe des Saturn. Eine englische Wall-
fahrt, Frankfurt a. M. 1997; Cheon, Hyun Soon, Intermedialität von Text und Bild bei
Alexander Kluge. Zur Korrespondenz von Früher Neuzeit und Moderne, Würzburg 2007.
6
Hockney, David, Geheimes Wissen. Verlorene Techniken der Alten Meister, München
2001; Bock, Wolfgang, Bild Schrift Cyberspace. Grundkurs Medienwissen, Bielefeld
2002.
7
Lessing, Gotthold Ephraim, Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie,
Frankfurt a. M. 1988; Adorno, Theodor W. / Eisler, Hanns, „Komposition für den
Film“ [1944], in: Adorno, Theodor W., Gesammelte Schriften, Bd. 15, Frankfurt a. M.
1997, S. 7–156.
8
Kracauer, Siegfried, Theorie des Films, Frankfurt a. M. 1985.
258 Wolfgang Bock
treten nun umgekehrt auch wiederum die verbindenden Elemente zwi-
schen den zuvor ausgeschlossenen Medien stärker in den Vordergrund.
9
In der Verbindung verschiedener Medien wie Literatur und Film, ins-
besondere aber im Zuge der digitalen Vereinheitlichung der Produk-
tions-, Rezeptions- und Speicherformen erscheinen die einzelnen ästhe-
tischen Formen damit deutlicher als Medien mit unterschiedlichem, aber
verwandtem Anspruch auf Darstellung und Wirklichkeit. Zugleich zeigt
sich, dass sich diese einzelnen Medien aus Elementen zusammensetzen,
die in ihren historischen und aktuellen Formen jeweils neu kombiniert
werden. Als solche einzelnen Bausteine können das Bild, der Ton, der
Buchstabe und auch die Ziffern einschließlich der Null als binärer Code
angesehen werden. Die Mediengeschichte erscheint in einer solchen Per-
spektive dann in einem Bogen von den polychromen Höhlenzeichnungen
bis zu den digitalen bewegten Bildern als unterschiedlicher Zusammen-
hang dieser Elemente auf dem jeweils neuen technischen und formal-
ästhetischen Niveau der Epoche.
10
Im Sinne der Medienkombination
kann man von der Darstellung und gegenseitigen Repräsentanz eines
Mediums oder seines besonderen Inhaltes in einem anderen sprechen.
Das ist der Fall, wenn beispielsweise in Mozarts Zauberflöte in einem Li-
bretto ein Gemälde beschrieben, in Charles Laughtons Film Nachtjäger
aus einem Buch vorgelesen wird oder in Jonathan Demmes Film Das
Schweigen der Lämmer der Rhythmus einer filmischen Sequenz sich an die
Zeitstruktur von Bachs Goldbergvariationen anlehnt. Die Repräsentanz
muss sich also nicht auf eine einfache Adaption oder ein bloßes Vorkom-
men beschränken, sondern vermag sich im Rahmen intermedialer Bezüge
an die jeweilige Produktions- und Darstellungsweise des anderen Medi-
ums anzugleichen. Das ist auch der Fall, wenn wie in Döblins Berlin Ale-
xanderplatz, Dos Passos’ Manhattan Transfer oder Burroughs’ Dutch Schultz
ein Roman eine formale Collagen- und Montagetechnik verwendet, de-
ren Effekt aus der Filmproduktion bekannt ist, oder wenn ein essayisti-
scher Text wie das Drehbuch einer Fernsehserie geschrieben wird.
11
9
Zielinski, Siegfried, Archäologie der Medien, Reinbek 2002; Bock, Medienpassagen.
10
Bredekamp, Horst / Krämer, Sibylle (Hrsg.), Bild – Schrift – Zahl (Kulturtechnik),
München 2003; Bock, Bild Schrift Cyberspace. Grundkurs Medienwissen.
11
Benjamin, Walter, „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbar-
keit“ [1936], in: Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, hrsg. v. Hermann Schwep-
penhäuser und Rolf Tiedemann, Bd. 2, Frankfurt a. M. 1989, S. 471–508; Bürger,
Peter, Theorie der Avantgarde, Frankfurt a. M. 1974; Rajewsky, Intermediales Erzählen
in der italienischen Literatur der Postmoderne: von den giovani scrittori der 80er zum pulp der
90er Jahre.
Intermedialitätsforschung 259
Betrachtet man diesen Zusammenhang in einer fortschreitenden Ent-
wicklungslinie, dann können sich daraus Formen ergeben, die erst später
deutlicher werdende Effekte des neuen Mediums im älteren vorweg neh-
men.
12
Eine solche neue Medienkonstellation liegt beispielsweise beim
Film vor, wenn dieser die Formen des Einbruchs äußerer Wirklichkeit
in ein Gemälde, das die Dadaisten noch mit aufgeklebten Billets und Ge-
genständen versehen, nun in sich durch das Verfahren des Einschlusses
der photographierten äußeren Welt und der Montage herstellt.
13
Sie liegt
auch in den digitalen Medien vor, wenn in ihnen Texte, Bilder und Töne,
die zuvor einer jeweiligen analogen Reproduktion unterworfen waren,
auf der gleichen technischen Grundlage kodifiziert werden und auf diese
Weise bildliche Verfahren wie der ‚Hypertext‘ die bekannten Lesefor-
men neu beeinflussen und verändern.
In diesem Sinne gibt es kein reines Medium, sondern die Rezipienten
und Produzenten leben immer in einer besonderen Medienkonstella-
tion, in welcher die jeweiligen Einzelmedien latent oder manifest reprä-
sentiert oder bereits virtuell vorhanden sind und ihre Eigenheiten unter
diesen Bedingungen neu zum Ausdruck bringen.
Deutlich ist damit, dass die Fragestellungen der Theorien der Inter-
medialität eng an die Entwicklung der Medientheorien geknüpft sind und
deren Voraussetzungen weitgehend übernehmen. Sie reagieren damit auf
die zunehmende Angleichung der Produktions- und Darstellungsbedin-
gungen der Medien im Übergang von der analogen zur digitalen Form.
Allerdings lassen sich die verschiedenen Medienkonstellationen nur
bedingt allein unter der Vorstellung eines technischen Fortschritts ver-
stehen, da unter ästhetischen Gesichtspunkten auch frühere qualitativ
hochwertige Medienformen wie der Stummfilm, die Schallplatte oder
die analoge Photographie in einem eindimensional gefassten Entwick-
lungsprozess verloren gehen. Eine historische Betrachtung der ein-
zelnen Medienelemente zeigt dagegen, dass bestimmte Formen wie die
Emblematik in anderen Epochen wiederzukehren vermögen und die
Idee eines linearen Fortschreitens, wie sie nach herkömmlicher Lesart
beispielsweise László Moholy-Nagy in seinem programmatischen Buch
Malerei, Fotografie, Film entwickelt, auch gegenläufig interpretierbar er-
12
Koyré, Alexandre, Von der geschlossenen Welt zum unendlichen Universum, Frank-
furt a. M. 2007; Schivelbusch, Wolfgang, Lichtblicke, Zur Geschichte der künstlichen
Helligkeit im 19. Jahrhundert, München 1983.
13
Benjamin, Walter, „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzier-
barkeit“; Bürger, Theorie der Avantgarde.
260 Wolfgang Bock
scheint: dann nämlich, wenn die digitalen Formen auf emblematische
Momente rückbezogen werden.
14
Darüber hinaus versteht ein erweiterter
Medienbegriff nicht allein die technisch-apparativen Vermittlungsagen-
turen und die ästhetischen Verfahren als Medien, sondern alle Äuße-
rungen der menschlichen Kulturproduktion wie Bild, Schrift, Sprache,
Gestik und vom Menschen geschaffene Gegenstandswelten wie auch
diejenigen der Natur. Für die Intermedialität bedeutet das, dass sich alle
menschlichen und natürlichen Äußerungen als Ausdruck verschiedener
Sprachen verstehen lassen, deren Summe kein Ganzes bildet. Kommu-
nikation und Übersetzung sind in diesem Sinne a priori intermediäre
Prozesse, indem Äußerungen aus der Sphäre einer Sprache in diejenige
einer anderen übertragen werden, ohne vollständig ineinander aufzuge-
hen. Man kann in dieser Perspektive nicht allein unterschiedliche natio-
nale Kultursprachen oder eine Frauen- von einer Männersprache, von
einer Sprache der Musik, des Films oder einer solchen des Textes abset-
zen, sondern ebenso von einer Sprache der Architektur, der Justiz oder
einer solchen des Verkehrs reden. Diese schließt ihre eigenen Regeln
ebenso ein wie eine Sprache der Pflanzen oder der Tierformen, die
nichts mit einer Botanik oder Zoologie zu tun haben und jeweils unüber-
tragbare Reste als Abgründe zwischen den einzelnen Trägern bilden. Mit
solchen Übertragungen bewegt man sich nicht allein in Designdiskursen
und solchen des Kunst- und Naturschönen, sondern ebenso im Bereich
formaler Kommunikation zwischen Mensch und Maschine, wie sie im
Bereich der Kybernetik üblich geworden ist.
15
Eine Intermedialität beschränkte sich dann auf die besonderen Bedin-
gungen des jeweiligen medialen Ausdrucks, der sich nicht im anderen Me-
dium auflösen ließe. Die Sprache der Malerei wäre auch dann eine andere
als diejenige eines rhetorisch argumentierenden Textes, wenn beide auf
der Festplatte eines Computers in demselben binären Code gespeichert
14
Moholy-Nagy, Malerei, Fotografie, Film, Mainz 1967; Bock, Medienpassagen; Cheon,
Hyun Soon, Intermedialität von Text und Bild bei Alexander Kluge. Zur Korrespondenz von
Früher Neuzeit und Moderne, Würzburg 2007.
15
Pasolini, Pier Paolo, „Schule des Widerstands: Genariello“, in: ders., Das Herz
der Vernunft, Berlin 1986; Benjamin, Walter, „Über Sprache überhaupt und über
die Sprache des Menschen“ [1916], in: Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, hrsg.
v. Hermann Schweppenhäuser und Rolf Tiedemann, Bd. 2, Frankfurt a. M. 1989,
S. 140–156; Benjamin, Walter, „Über das mimetische Vermögen“ [1933], in: Walter
Benjamin, Gesammelte Schriften, hrsg. v. Hermann Schweppenhäuser und Rolf Tiede-
mann, Bd. 2, Frankfurt a. M. 1989, S. 210–213; Chomsky, Noam, Regeln und Reprä-
sentationen, Frankfurt a. M 1981.
Intermedialitätsforschung 261
werden könnten. In dieser Perspektive ist die Ebene der Darstellung von
derjenigen der Produktion oder der Speicherung abzutrennen. Man un-
terscheidet unter diesen Gesichtspunkten daher sinnvoll eine technische
Ebene der Herstellung und Speicherung von einer ästhetischen der
Produktion und Reproduktion, die jeweils anderen Gesetzmäßigkeiten
unterliegen, die sich aber auch gegenseitig beeinflussen können, wie das
Beispiel des Hypertexts zeigt. Hier ist nicht allein auf einer Unterschied-
lichkeit der jeweiligen Medien zu beharren, sondern ebenso auf einer
Trennschärfe der jeweils dazugehörigen Untersuchungsmethoden.
In einem historischen Sinne treten die einzelnen Medienformen in
Konstellationen auf. Zwar gibt es unterschiedliche Darstellungsverfah-
ren, aber innerhalb eines einzelnen Mediums finden sich vermittelt auch
immer bereits andere Formen auf unterschiedlichem technischem Ni-
veau wieder. So unterscheidet beispielsweise die Hermeneutik verschie-
dene Sinnstufen des Lesens in einem Text, indem sie sich auf wörtliche,
bildliche oder auf eine moralische und anagogische Leseweise bezieht.
16
Das metaphorische Darstellungsvermögen eines Textes, das auf
dem verständigen Umgang mit rhetorischen Mitteln beruht, verbindet
eine textliche Darstellung von Bildern mit dem Vermögen eines Spre-
chers oder Schreibers, solche Bilder so im Rezipienten zu entzünden, als
sei er selbst bei den beschriebenen Ereignissen als Augenzeuge dabei ge-
wesen.
17
Diese Bildrhetorik auf Seiten des Textes entwickelt sich im anti-
ken Griechenland bei Platon zunächst im Gegensatz zur Darstellung
von Bildern oder Statuen; mit Aristoteles beginnt die Hochschätzung
der bildenden Künstler und führt zu einer Parallelentwicklung beider
Sphären in Athen und Rom. Die christliche Entwicklung nimmt durch
den pointiert bilderfeindlichen Ausdruck, den das frühe Christentum
mit dem Islam und dem Judentum teilt, die äußere Bildlichkeit wieder
zurück und es dauert fast tausend Jahre, bis in der Renaissance im Wes-
ten die äußerliche Darstellung der Bildlichkeit außerhalb des geschriebe-
nen Textes wieder in erweiterter Form aufgenommen wird.
18
In der Frü-
hen Neuzeit kommt es dann insbesondere durch die Erfindung des
16
Auerbach, Erich, Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur
[1946], Tübingen 1994; Gadamer, Hans Georg, Wahrheit und Methode, Tübingen
1990.
17
Aristoteles, Poetik, Stuttgart 1982; Bock, Bild Schrift Cyberspace. Grundkurs Medienwis-
sen.
18
Panofsky, Erwin, Idea. Ein Beitrag zur Begriffsgeschichte der älteren Kunsttheorie [1924],
Berlin 1993; Bock, Bild Schrift Cyberspace. Grundkurs Medienwissen.
262 Wolfgang Bock
Buchdrucks zu einer neuen Möglichkeit der Darstellung von Bildern und
Texten, die in der Folge zu den Massenmedien des 19. und 20. Jahrhun-
derts weiterentwickelt werden.
19
Dieser Zusammenhang befördert zu-
gleich die intermediale Idee der Bilderschriften. Bereits die frühen Al-
phabete weisen bildliche, semiotische und lautliche Zeichen auf, die in
der jeweiligen Lesart miteinander verknüpft werden. Die ägyptischen Bil-
derschriften weisen neben ihren ikonologischen Anteilen ebenfalls laut-
liche und semiologische Spezifität auf. Ähnliches gilt für die hebräischen
und arabischen Schreibformen, die keine Vokale kennen, sondern den
Leser diese im Vortrag jeweils einsetzen lassen. Schließlich weisen die
griechischen und lateinischen Schriften Zeichen für Selbstlaute auf, las-
sen den Leser aber noch eigenständig die Worttrennung vornehmen usf.
20
Die Bilderschriften der Renaissance und des Barock knüpfen an diese
Darstellungsformen an und entwickeln sich darüber hinaus in besonde-
ren Bereichen weiter: Sie verknüpfen in den Impresen die beiden Mo-
mente von Bild und Schrift miteinander oder weisen wie dann in der ent-
wickelten Barockemblematik mit der bildlichen pictura, der inscripto und
der subscriptio als Bild, Inschrift und Motto drei solche intermediale Ele-
mente auf, die durch ein viertes Moment des Rahmens ergänzt werden.
21
Diese Art von Medienkombination verweist in ihrem Bildteil zu-
nächst vorwärts auf die Photographie, in ihrer Mischung dann auch be-
reits auf das gedruckte Bild mit Unterschrift auf eine Literarisierung der
Medien in der Zeitung. Zugleich enthält sie mit typografischen Titeln
den Stummfilm und mit der als Unterschrift anzusehenden Tonspur den
Tonfilm virtuell bereits in sich.
Ebenfalls in der Frühen Neuzeit entsteht die Idee des Gesamtkunst-
werks, wenn theatrale Elemente aus Komödie und Tragödie mit religiösen
und juristischen Formen zu Opern und Singspielen verbunden werden.
Die Szenographie untersucht die einzelnen Elemente solcher Gesamt-
kunstwerke im Hinblick auf Zusammenwirken und Performanz.
22
19
Schivelbusch, Lichtblicke, Zur Geschichte der künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert;
Paech/Schröter, Intermedialität – Analog / Digital. Theorien, Methoden, Ansätze.
20
Illich, Ivan, ABC – Das Denken lernt schreiben. Lesekultur und Identität, Hamburg
1988; ders., Im Weinberg des Textes. Als das Schriftbild der Moderne entstand. Ein Kommen-
tar zu Hugos „Didascalicon“, Frankfurt a. M. 1991.
21
Volkmann, Ludwig, Bilder Schriften der Renaissance, Leipzig 1923, Nachdruck 1962;
Schöne, Albrecht, Emblematik und Drama im Zeitalter des Barock, München 1993.
22
Panofsky, Erwin, Was ist Barock? Hamburg 2005; Bohn, Ralf / Wilharm, Heiner
(Hrsg.), Inszenierung und Ereignis. Beiträge zur Theorie und Praxis der Szenographie,
Bielefeld 2009.
Intermedialitätsforschung 263
5. Fachgeschichte
Die digitalen Medien kombinieren in ihrem Speicherungsformat alle drei
unterschiedlichen Formen von Bild, Ton und Schrift, ohne sie vollstän-
dig zu vereinheitlichen. Aus dieser Kombination resultieren neuartige
digitale Produktions- und Reproduktionsverfahren, die dann eine neue
Form der Distribution als CD oder DVD und deren Nachfolgeprodukte
ermöglichen. Zugleich bleibt die Logik der Rezeption auch als interme-
diäre nach wie vor an bestimmte Vorgaben geknüpft. So kann ein linea-
res Erzählen nur bedingt durch deskriptive Verfahren ergänzt werden;
vielmehr zeigt gerade die neue technische Entwicklung, dass beide Mo-
mente aufeinander angewiesen sind, sich gegenseitig voraussetzen und
auf verschiedenen Stufen ineinander umschlagen: Textbilder und Bilder-
schriften gelangen gerade im Zusammenhang der neuen Medien zu
erneuter Aktualität.
23
Für die Zukunft ist daher zu erwarten, dass die
Verbindung intermedialer Aspekte zunehmen wird, da sich die tech-
nische Seite der einzelnen Medienverfahren weiterentwickelt und eine
Theorie diese Zusammenhänge kritisch zu erläutern hat. Davon wird
auch die Perspektive auf die einzelnen Medien und ihre Kombination
betroffen sein. Dem wird die Notwendigkeit einer sinnvollen ästheti-
schen Bestimmung der intermedialen Möglichkeiten gegenüberstehen,
die auch nach anderen Gesichtspunkten als einer technischen Machbar-
keit fragt, ohne diese allerdings zu unterschätzen.
6. Kommentierte Auswahlbibliographie
Aristoteles, Poetik, Stuttgart 1982.
Frühe Bestimmung der ästhetischen Theorie.
Lessing, Gotthold Ephraim, Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und
Poesie, Frankfurt a. M. 1988.
Erstmalig 1766 erschienene Studie über die Unterschiede zwischen bil-
dender Kunst und Literatur.
Benjamin, Walter, „Über Sprache überhaupt und über die Sprache des
Menschen“ [1916], in: Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, hrsg. v. Her-
23
Zielinski, Archäologie der Medien; Bock, Medienpassagen.
264 Wolfgang Bock
mann Schweppenhäuser und Rolf Tiedemann, Bd. 2, Frankfurt a. M.
1989, S. 140–156.
Theorie der Sprache als eines universellen Mediums.
Volkmann, Ludwig, Bilder Schriften der Renaissance, Leipzig 1923, Nach-
druck 1962.
Darstellung der verschiedenen Formen von italienischen und französi-
schen Bilderschriften in Renaissance und Barock.
Panofsky, Erwin, Idea. Ein Beitrag zur Begriffsgeschichte der älteren Kunsttheorie
[1924], Berlin 1993.
Klassische Studie zur Wandlung des Kunstbegriffs von der Antike zur
Renaissance.
Dos Passos, John, Manhattan Transfer [1925], Reinbek 2000.
Roman in cut-up-Technik.
Benjamin, Walter, „Krisis des Romans. Zu Döblins Berlin Alexanderplatz“
[1930], in: Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, hrsg. v. Hermann Schwep-
penhäuser und Rolf Tiedemann, Bd. 3, Frankfurt a. M. 1972, S. 230–236.
Studie zur Intermedialität von Bild, Text, Malerei und Film.
Benjamin, Walter, „Über das mimetische Vermögen“ [1933], in: Walter
Benjamin, Gesammelte Schriften, hrsg. v. Hermann Schweppenhäuser und
Rolf Tiedemann, Bd. 2, Frankfurt a. M. 1989, S. 210–213.
Spekulative Untersuchung über die Ähnlichkeitsbeziehung in verschie-
denen Ebenen der Sprache.
Panofsky, Erwin, Was ist Barock? Hamburg 2005.
Erster Vortrag von Panofsky im amerikanischen Exil 1934 zur Barock-
epoche als übergreifendes Stilprinzip.
Benjamin, Walter, „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Re-
produzierbarkeit“ [1936], in: Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, hrsg.
v. Hermann Schweppenhäuser und Rolf Tiedemann, Bd. 2, Frankfurt
a. M. 1989, S. 471–508.
Untersuchung zum Übergang von der Photographie zum Film und zu
der Auswirkung auf eine neue Ästhetik.
Intermedialitätsforschung 265
Adorno, Theodor W. / Eisler, Hanns, „Komposition für den Film“
[1944], in: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 15, Frankfurt
a. M. 1997, S. 7–156.
Studie über das Verhältnis von Film, Musik und gesellschaftlicher Reprä-
sentation im Medium.
Auerbach, Erich, Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Li-
teratur [1946], Tübingen 1994.
Darstellung der unterschiedlichen Rhetoriken in verschiedenen literatur-
historischen Epochen.
Gadamer, Hans Georg, Wahrheit und Methode, Tübingen 1990.
Studie zur Hermeneutik des Heidegger-Schülers, die 1961 das erste Mal
erschien.
Kracauer, Siegfried, Theorie des Films [1964], Frankfurt a. M. 1985.
Umfassende Filmtheorie, die auch der Frage der Rettung der äußeren
Wirklichkeit durch ihre Abbildung nachgeht.
Moholy-Nagy, Malerei, Fotografie, Film, Mainz 1967.
Studie über Medienübergänge vom Pigment- zum Lichtbild.
Burroughs, William S., The Last Words of Dutch Schultz, New York 1970.
Roman in cut-up-Technik.
Bürger, Peter, Theorie der Avantgarde, Frankfurt a. M. 1974.
Studie zum Verhältnis von Leben und Kunst, Montage und Allegorie,
Tradition und Avantgarde.
Chomsky, Noam, Regeln und Repräsentationen, Frankfurt a. M 1981.
Linguistische Darstellung der Forschungen zur generativen formalen
Grammatik.
Iser, Wolfgang, „Akte des Fingierens“, in: Henrich, Dietrich / Iser,
Wolfgang (Hrsg.), Funktionen des Fiktiven, München 1983, S. 121–151.
Wichtiger Beitrag über den Unterschied in der Medienzitation.
Schivelbusch, Wolfgang, Lichtblicke, Zur Geschichte der künstlichen Helligkeit
im 19. Jahrhundert, München 1983.
266 Wolfgang Bock
Kulturwissenschaftliche Untersuchung zum elektrischen Licht und der
Entwicklung der Medien im 19. Jahrhundert.
Pasolini, Pier Paolo, „Schule des Widerstands: Genariello“, in: ders., Das
Herz der Vernunft, Berlin 1986.
Untersuchungen zur Filmsprache und der Sprache der Dinge in unter-
schiedlichen historischen Epochen.
Illich, Ivan, ABC – Das Denken lernt schreiben. Lesekultur und Identität,
Hamburg 1988.
Historische Untersuchung über das Buch als Medium und die verschie-
denen Formen von Verschriftlichung.
Prümm, Karl, Intermedialität und Multimedialität. Eine Skizze medienwissen-
schaftlicher Forschungsfelder, in: Bohn, Rainer / Müller, Eggo / Ruppert,
Rainer (Hrsg.), Ansichten einer künftigen Medienwissenschaft, Berlin 1988.
Überblicksstudie zum Thema.
Illich, Ivan, Im Weinberg des Textes. Als das Schriftbild der Moderne entstand.
Ein Kommentar zu Hugos „Didascalicon“, Frankfurt a. M. 1991.
Materialreiche und eigenwillige Studie zum Übergang der Schriftkultur
vom Spätmittelalter zur Neuzeit.
Schöne, Albrecht, Emblematik und Drama im Zeitalter des Barock, München
1993.
Klassische Studie zum Verhältnis von Bild und Text im Barock.
Eicher, Thomas / Bleckmann, Ulf (Hrsg.), Intermedialität. Vom Bild zum
Text, Bielefeld 1994.
Früher Sammelband zum Thema Intermedialität.
Lyotard, Jean-François, „Idee des souveränen Films“, in: Elsaesser, Tho-
mas / Lyotard, Jean-François / Reitz, Edgar, Der zweite Atem des Kinos,
hrsg. von Andreas Rost, Frankfurt a. M. 1996, S. 19–52.
Filmtheorie Lyotards, die an Batailles Souveränität und Deleuzes Theorie
des Zeit-Bildes anschließt.
Sebald, Winfried G., Die Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt, Frankfurt
a. M. 1997.
Erzählerisches Werk mit zentralen fiktiven und intermedialen Anteilen.
Intermedialitätsforschung 267
Helbig, Jörg (Hrsg.), Intermedialität. Theorie und Praxis eines interdisziplinären
Forschungsgebietes, Berlin 1998.
Sammelband mit wichtigen Texten zum Thema.
Paech, Joachim, „Intermedialität. Mediales Differenzial und transforma-
tive Figurationen“, in: Helbig, Jörg (Hrsg.), Intermedialität: Theorie und Pra-
xis eines interdisziplinären Forschungsgebiets, Berlin 1998, S. 14–30.
Wichtige Studie zur Medientransformation.
Hettche, Thomas, Animationen, Köln 1999.
Experimentelle Erzähltechniken im Übergang von Wort- zum Bildme-
dium, auch als Sozialgeschichte der Moderne und ihrer Anfänge in Vene-
dig; klug erzählt im Zwischenraum von Medienwissenschaft und Literatur.
Belting, Hans, Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der
Kunst, München 2000.
Materialreiche Erläuterung der These vom Ende der Kunstgeschichte:
Verkennung des Bildcharakters durch die Religion und durch die an-
schließende ästhetische Betrachtung.
Hockney, David, Geheimes Wissen. Verlorene Techniken der Alten Meister,
München 2001.
Der Maler versucht zu zeigen, dass die Renaissancemaler bereits frühzei-
tig Spiegel- und Linsensysteme verwendeten.
Bock, Wolfgang, Bild Schrift Cyberspace. Grundkurs Medienwissen, Bielefeld
2002.
Kritische Mediengeschichte als emblematisches Verhältnis von Bild,
Text und Rahmung; erster Teil: Von der Bilderschrift zur Photographie.
Rajewsky, Irina O., Intermedialität, Tübingen 2002.
Systemtheoretische Bestimmung des Begriffs.
Zielinski, Siegfried, Archäologie der Medien, Reinbek 2002.
Elemente einer Medien-An-Archäologie, die die jeweils vergessenen
bildkonstituierenden Momente in den Blick zu nehmen versucht.
Bredekamp, Horst / Krämer, Sibylle (Hrsg.), Bild – Schrift – Zahl (Kultur-
technik), München 2003.
Sammelband zu Übergängen zwischen den Medien aus kunsthistori-
scher Sicht.
268 Wolfgang Bock
Rajewsky, Irina O., Intermediales Erzählen in der italienischen Literatur der
Postmoderne: von den giovani scrittori der 80er zum pulp der 90er Jahre, Tübingen
2003.
Darstellung verschiedener zeitgenössischer Schreib- und Sehformen in
Italien.
Rajewsky, Irina O., „Intermedialität ‚light‘? Intermediale Bezüge und die
‚bloße‘ Thematisierung des Altermedialen“, in: Lüdeke, Roger / Greber,
Erika (Hrsg.), Intermedium Literatur. Beiträge zu einer Medientheorie der Litera-
turwissenschaft, Göttingen 2004.
Überblick und Literaturzusammenstellung.
Siebert, Jan, Flexible Figuren, Bielefeld 2005.
Systematische Bestimmung des Begriffs.
Bock, Wolfgang, Medienpassagen. Der Film im Übergang in eine neue Medien-
konstellation. Bild – Schrift – Cyberspace II, Bielefeld 2006.
Film als ästhetische Form im Übergang von der analogen zur digitalen
Technik.
Kluge, Alexander, Tür an Tür mit einem anderen Leben, Frankfurt a. M. 2006.
Erzählende Literatur mit engem Bildbezug.
Cheon, Hyun Soon, Intermedialität von Text und Bild bei Alexander Kluge. Zur
Korrespondenz von Früher Neuzeit und Moderne, Würzburg 2007.
Vergleich von bildlichem und textbezogenem Denken, Film und Emble-
matik.
Koyré, Alexandre, Von der geschlossenen Welt zum unendlichen Universum,
Frankfurt a. M. 2007.
Studien zum modernen Weltbild und seinen projektiven Voraussetzungen.
Paech, Joachim / Schröter, Jens (Hrsg.), Intermedialität – Analog / Digital.
Theorien, Methoden, Ansätze, München 2007.
Mit 800 Seiten umfangreiches Sammelwerk zum Thema.
Bohn, Ralf / Wilharm, Heiner (Hrsg.), Inszenierung und Ereignis. Beiträge
zur Theorie und Praxis der Szenographie. Bielefeld 2009.
Aktueller Sammelband zu den Möglichkeiten der Szenographie.
Intertextualitätsforschung 269
Intertextualitätsforschung
von UWE LINDEMANN
1. Definition
Im Rahmen der Literaturwissenschaft befasst sich die Intertextualitäts-
forschung mit textuellen Bezügen, die in Form von Zitaten, Anspielun-
gen, Reminiszenzen, Parodien usw. über den literarischen Einzeltext hi-
nausgehen. Je nachdem, wie weit der Begriff ‚Intertextualität‘ gefasst
wird, kann sich die Analyse der textuellen Bezüge entweder nur auf lite-
rarische Texte im engeren Sinne beschränken oder aber alle zeichenhaf-
ten Bezüge eines Textes zu anderen kulturellen Zeichensystemen ein-
schließen. Der Begriff ‚Intertextualität‘ selbst bezeichnet die Beziehung
der Texte bzw. Kodes untereinander.
2. Beschreibung
Kaum ein anderer Begriff hat in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten
ähnlich Karriere gemacht wie der Begriff ‚Intertextualität‘. Literaturwis-
senschaftliche Studien, die ihn im Titel führen, sind nicht mehr zu zäh-
len. Auch konnten Phänomene, die sich als Intertextualität beschreiben
lassen, für alle Phasen der Literatur seit ihrer Frühzeit aufgezeigt werden.
Mehr noch: Ausgehend von einem Grundpostulat der Intertextualitäts-
theorie, dass sich alle Texte über ihre verschiedenen Bezüge untereinan-
der letztlich als ein umfassender ‚texte général‘ beschreiben lassen, kann
gesagt werden, dass Intertextualität zu den zentralen strukturellen Be-
dingungen für die Produktion und Rezeption von Literatur gezählt wer-
den muss.
Dass der Begriff ‚Intertextualität‘ und die an ihn geknüpften metho-
dischen und theoretischen Überlegungen derart Karriere machen konn-
ten, liegt nicht zuletzt an der Polyvalenz des Begriffes selbst. Seit seiner
ersten Formulierung Ende der 1960er-Jahre hat er nicht nur vielfältige
theoretische Modellierungen erhalten, sondern auch in der konkreten
270 Uwe Lindemann
analytischen Arbeit an Texten viele Modifikationen erfahren. Dies liegt
zum einen an den disziplinären Kontexten, in denen intertextuelle Ana-
lysen betrieben werden, etwa in der Rhetorik, in den philologischen Ein-
zeldisziplinen, in der Religionswissenschaft, im Rahmen feministischer
Studien oder postkolonialer Forschungen.
1
Zum anderen hängt es mit
einem jeweils unterschiedlich gefassten Textbegriff zusammen, der den
einzelnen theoretischen Modellen zugrunde liegt.
2
Generell lassen sich zwei Tendenzen unterscheiden. Auf der einen
Seite wird ein Textbegriff vorausgesetzt, der im Sinne eines kultursemio-
tisch erweiterten Textverständnisses den Einzeltext als Geflecht von
unterschiedlichen sozialen und kulturellen Kodes auffasst, in dem die
Bezüge zu anderen literarischen und nicht-literarischen Texten nur ein
Aspekt unter vielen sind (Kristeva, Barthes u. a.). Im Rahmen dieses
Textbegriffes werden auch Geschichte und Gesellschaft zu Phänome-
nen, die gelesen werden müssen. Dieser Textbegriff wird von der Spra-
che abgelöst: Text ist nicht nur die Aktualisierung eines Zeichensystems,
sondern das Zeichensystem selbst, d. h. jede Praxis, die Sinn produziert.
3
In anderen Modellen wird dagegen ein Textbegriff favorisiert, der den
Text gerade nicht als semiotisch überkodierten Kreuzpunkt verschiede-
ner Texte und Kodes auffasst, sondern den Einzeltext als strukturelle
Einheit (‚Werk‘) versteht, deren einzelne Elemente sich in sorgsamer
Lektüre entziffern und zuordnen lassen (Genette, Riffaterre, Broich,
Pfister u. a.). Während der erste Textbegriff im Sinne poststrukturalisti-
scher Analyseverfahren eine Entgrenzung, Dezentrierung und Plurali-
sierung der Sinndimensionen von Texten anvisiert, versucht der zweite,
diese Entgrenzung, Dezentrierung und Pluralisierung einzudämmen,
wenn nicht zu beherrschen.
Beide Textbegriffe sind in verschiedener Hinsicht unbefriedigend.
Der kultursemiotisch erweiterte Textbegriff führt zu einem Intertextua-
litätskonzept, in dem die Komplexität der sich in einem Text über-
schneidenden, teilweise widerstreitenden Kodes und Intertexte zu einer
unüberschaubaren, teilweise inkommensurablen Vielfalt an Deutungs-
1
Einen Überblick zur Rezeption der Intertextualitätstheorie in neueren For-
schungskontexten bietet Allen, Graham, Intertextuality, London, New York 2000,
S. 133f.
2
Zu den verschiedenen Textbegriffen vgl. Weimann, Robert, „Textual Identity and
Relationship. A Metacritical Excursion into History“, in: Mario J. Valdès / Owen
Miller (Hrsg.), Identity of the Literary Text, Toronto 1985, S. 274–293.
3
Vgl. Brütting, Richard, ‚écriture‘ und ‚texte‘, Die französische Literaturtheorie ‚nach dem
Strukturalismus‘, Bonn 1976, S. 120.
Intertextualitätsforschung 271
möglichkeiten führt. Dem gegenüber versucht die zweite Richtung der
Intertextualitätstheorie, die zentralen Kodes und Intertexte eines Textes
nicht allein zu identifizieren, sondern auch zu ihrer interpretatorischen
Ausdeutung zu gelangen. Was im Rahmen eines auf einem kultursemio-
tisch erweiterten Textbegriff beruhenden Intertextualitätskonzeptes in
letzter Konsequenz zur Unmöglichkeit der Interpretation eines Textes
führt, wird von der zweiten Richtung der Intertextualitätstheorie auf
eine textanalytische Praktikabilität hin operationalisiert, wobei die jewei-
ligen intertextuellen Bezüge auf den Status ihrer Präsenz im Text (vom
markierten Zitat bis zur versteckten Anspielung) qualitativ erfasst wer-
den. Problematisch wird dieser zweite analytische Zugriff auf Texte in
dem Moment, wo die Intertexte selbst in ihrer textuellen Präsenz entwe-
der nur schwach ausgeprägt oder aber die Intertexte nicht mehr aktuali-
sierbar sind, weil sie aus dem kulturellen Wissen verschwunden sind.
Dies führt zu zwei grundlegenden Fragen, welche die Intertextuali-
tätstheorie bis heute nicht hinreichend beantwortet hat. Erstens: Wo
sind die Grenzen, an denen die Präsenz eines Intertextes in einem Text
tatsächlich manifest wird, d. h. seine strukturelle Latenz in interpretato-
rische Valenz umschlägt? Und zweitens: Wie weit muss der intertextuelle
Horizont eines Textes in Bezug zum ‚texte général‘ gefasst werden?
Letzteres betrifft insbesondere das Problemfeld, inwiefern Intertextua-
lität selbst eine historische Dimension besitzt bzw. diese historische Di-
mension in den einzelnen Texten, die analysiert werden, sichtbar wird.
Kann etwa ein Text, der im Zeichen einer poetologischen Programmatik
von ‚imitatio‘ und ‚aemulatio‘ oder im Rahmen rhetorischer Verfahren
zur Textproduktion verfasst wurde, mit demselben Intertextualitätsbe-
griff analysiert werden wie ein moderner Text?
4
Öffnet also die inter-
textuelle Analyse einen Text zur Geschichte hin oder lediglich zur
Textualität bzw. Intertextualität anderer Texte?
Im Zusammenhang mit diesen Fragen wurden zwei weitere Aspekte
kontrovers diskutiert: Welche Rolle spielt der Autor bzw. Autorschaft im
Rahmen von Intertextualität? Und welche Funktion bzw. Aufgabe kann
dem Leser im Verhältnis zum Text und seinen Intertexten zugesprochen
werden? Beide Aspekte betreffen grundsätzliche Parameter der Produk-
tions- und Rezeptionsbedingungen von Intertextualität. Während Inter-
textualitätsmodelle mit einem kultursemiotisch erweiterten Textbegriff
die Einheit des Werkes und damit die Einheit des schreibenden Subjekts
4
Zu dieser Problematik vgl. Mai, Hans-Peter, „Bypassing Intertextuality“, in: Hein-
rich Plett (Hrsg.), Intertextuality, Berlin, New York 1991, hier S. 32f.
272 Uwe Lindemann
radikal in Frage stellen, nehmen strukturalistisch orientierte Intertextua-
litätsmodelle eine zumindest partiell bestehende Einheit des Werkes an.
Damit wird zugleich die Rolle des Lesers anders gefasst. So hat Roland
Barthes als paradigmatischer Vertreter der ersten Richtung der Inter-
textualitätstheorie gänzlich bestritten, dass man in einem Text noch die
Instanz des Autors, geschweige denn die Einheit eines Werkes ausma-
chen könne: „Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unterschiedlichen
Stätten der Kultur. […] Ein Text ist aus vielfältigen Schriften zusammen-
gesetzt, die verschiedenen Kulturen entstammen und miteinander in
Dialog treten, sich parodieren, einander in Frage stellen. Es gibt aber
einen Ort, an dem diese Vielfalt zusammentrifft und dieser Ort ist nicht
der Autor […], sondern der Leser“.
5
Lesen wird im Rahmen der kultursemiotisch erweiterten Intertextua-
litätstheorie als aktiver, bisweilen aggressiver Prozess der Aneignung ver-
standen, der damit zwangsläufig selbst zur Dezentrierung bzw. Plurali-
sierung der Sinndimensionen eines Textes und seiner Intertexte beiträgt.
Dem gegenüber steht in strukturalistisch orientierten Intertextuali-
tätsmodellen das Werk im Mittelpunkt, das über seine intertextuellen Be-
züge einen Zugewinn an Bedeutung und/oder Struktur gewinnt. Hierfür
ist es nötig (und zwar paradoxerweise im Widerspruch zum zugrundelie-
genden strukturalen Textbegriff), weiterhin eine Intentionalität des rea-
len Autors anzunehmen, der die intertextuellen Bezüge auf primärer
Ebene organisiert, damit sie an die Oberfläche des Textes gelangen kön-
nen und damit für einen Leser rezipierbar werden. Der Leser wird hier
als eine Art Detektiv verstanden, der die intertextuellen Spuren in einem
Text aufzuspüren und zu deuten versucht, um letztlich in einen herme-
neutischen Verstehensprozess eintreten zu können.
3. Institutionsgeschichtliches
Die Intertextualitätstheorie entsteht Ende der 1960er-Jahre in Frankreich
in einem Klima, das von einer umfassenden Neuorientierung gekenn-
zeichnet ist. Zunächst hatte der Strukturalismus Anfang bis Mitte der
1960er-Jahre im Anschluss an die Saussure’sche Linguistik und den russi-
schen Formalismus zahlreiche etablierte Positionen in Philosophie, Poli-
5
Barthes, Roland, „Der Tod des Autors“, in: Fotis Jannidis / Gerhard Lauer / Ma-
tias Martinez / Simone Winko (Hrsg.), Texte zur Theorie der Autorschaft, Stuttgart
2000, S. 185–193, hier S. 190f.
Intertextualitätsforschung 273
tikwissenschaft und psychoanalytischer Theorie in Frage gestellt. Wenig
später wurde der Strukturalismus selbst zur Zielscheibe der Kritik, indem
einige seiner Grundannahmen in Zweifel gezogen wurden. Eine maßgeb-
liche Rolle im Rahmen der Kritik am Strukturalismus spielte die Tel-Quel-
Gruppe, die sich zur Aufgabe gestellt hatte, die Relationen zwischen Li-
teratur und politischer sowie philosophischer Theorie zu untersuchen.
Obwohl es nicht möglich ist, Theoretiker wie Jacques Derrida, Roland
Barthes, Jean Ricardou, Philippe Sollers oder Michel Foucault auf einen
gemeinsamen Nenner zu bringen, leiteten sie im Rahmen der Tel-Quel-
Gruppe jenen Theorieumschwung ein, der unter dem Etikett Poststruk-
turalismus in die moderne Theoriegeschichte eingehen sollte.
6
Auch die bulgarische Immigrantin Julia Kristeva (*1941) gehörte der
Gruppe an. Als 26-Jährige prägte sie in ihrem Aufsatz Bakhtine, le mot,
le dialogue et le roman (1967) den Begriff ‚Intertextualität‘ und lieferte
damit einen der folgenreichsten Neuansätze, den die jüngere Theorie-
geschichte kennt. Dem Aufsatz vorausgegangen waren mehrere Artikel
Kristevas, in denen sie sich darum bemüht hatte, die Sprach- und Litera-
turtheorie des russischen Literaturwissenschaftlers Michail Bachtin, der
im Westen zu diesem Zeitpunkt kaum bekannt war, einem französisch-
sprachigen Wissenschaftspublikum zugänglich zu machen.
7
Gemeinsam mit Volosinov hatte Bachtin schon in den 1920er-Jahren
aus einer Kritik am Saussure’schen Sprachmodell heraus versucht, das
Verhältnis von Sprache und den sozialen bzw. gesellschaftlichen Kon-
texten neu zu beschreiben. Während Saussure Sprache als zeitenthobe-
nes System auffasste, ging es Bachtin/Volosinov darum, auch die histo-
rischen Bedingungen der Sprachverwendung zu berücksichtigen. Sie
waren der Auffassung, dass Sprache je nach sozialem Kontext, in dem
sie verwendet wird, eine bestimmte Wertung besitzt, dass es also keine
Äußerung gibt, die neutral sein kann. Bachtin/Volosinov entwickelten
daraus die Idee, dass sich an der Sprachverwendung nicht nur der histo-
rische Wandel von sozialen Werten ablesen ließe, sondern dass man stets
die sozialen bzw. gesellschaftlichen Kontexte kennen müsse, um eine ein-
zelne sprachliche Äußerung adäquat verstehen zu können. Jede Äuße-
rung ist damit ‚dialogisch‘ auf andere Äußerungen bezogen.
6
Zu den externen und internen Auseinandersetzungen der Tel-Quel-Gruppe und
insbesondere zu deren kulturrevolutionärem Selbstverständnis vgl. Brütting, ‚écri-
ture‘ und ‚texte‘, hier S. 115ff.
7
Ein Teil der frühen Aufsätze findet sich abgedruckt in: Kristeva, Julia, Sèméiôtikè.
Recherches pour une sémanalyse, Paris 1969.
274 Uwe Lindemann
Diese Grundüberlegungen bezog Bachtin später auf die Literatur.
8
Einerseits entwickelte er daraus den Gedanken der ‚Polyphonie‘ von li-
terarischen Texten, insbesondere des Romans. Zum anderen versuchte
er die ideologischen Kämpfe beschreiben, die sich über die dialogische
Struktur von Sprache im Rahmen der Literatur abspielen, und zwar als
synchrone Beziehung zwischen fremder und eigener Rede in literari-
schen Texten.
9
Darüber hinaus waren zwei weitere Konzepte Bachtins
für die Entwicklung der Intertextualitätstheorie von größter Bedeutung:
zum einen das Konzept der monologischen und dialogischen Sprachver-
wendung in Literatur, zum anderen das Konzept des ‚zweistimmigen
Wortes‘, dem die Dialogizität der Sprache selbst inhärent ist.
10
Kristeva knüpft mit ihrem Artikel unmittelbar an Bachtins Überle-
gungen an, nicht nur was inhaltliche Aspekte angeht, nämlich Sprache
bzw. Literatur und Gesellschaft als Einheit zu denken, sondern auch im
Hinblick auf die Frontstellung, welche die Tel-Quel-Gruppe zum Struk-
turalismus einnahm.
11
Einerseits leitet sie in theoretischer Hinsicht vom
dialogischen Wort Bachtins zum dialogischen Text über und überträgt
dessen synchron gedachtes Dialogizitätsmodell in diachroner Hinsicht
auf den textuellen Status von Literatur, ja von Kultur im Ganzen:
„[J]eder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorp-
tion und Transformation eines anderen Textes. An die Stelle des Begriffs
der Intersubjektivität tritt der Begriff der Intertextualität, und die poeti-
sche Sprache lässt sich zumindest als eine doppelte lesen“.
12
Zum anderen weist Kristeva dezidiert den Textbegriff der Struktura-
listen zurück: Strukturen und Texte werden von ihr nicht als feste Enti-
täten gedacht, sondern prozessual. Auf diese Weise stellt sie sich nicht
8
Vgl. Bachtin, Michail, Probleme der Poetik Dostoevskijs, München 1971; ders., Rabelais
und seine Welt, Frankfurt a. M. 1988; ders., Die Ästhetik des Wortes, Frankfurt a. M.
1979.
9
Vgl. Grübel, Rainer, „Die Geburt des Textes aus dem Tod der Texte“, in: Wolf
Schmid / Wolf-Dieter Stempel (Hrsg.), Dialog der Texte. Hamburger Kolloquium zur
Intertextualität, Wien 1983, S. 205–271.
10
Vgl. Pfister, Manfred, „Konzepte der Intertextualität“, in: Ulrich Broich / Man-
fred Pfister (Hrsg.), Intertextualität. Formen. Funktionen. Anglistische Fallstudien, Tü-
bingen 1985, S. 1–30, hier S. 5.
11
Zum Verhältnis Bachtin/Kristeva vgl. auch Pechey, Graham, „Bakhtin, Marxism,
and Post-Structuralism“, in: The Politics of Theory. Proceedings of the Essex Conference on
the Sociology of Literature, July 1982, Colchester 1982, S. 234–247.
12
Kristeva, Julia, „Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman“, in: Jens Ihwe
(Hrsg.), Literaturwissenschaft und Linguistik. Ergebnisse und Perspektiven, Bd. 3: Zur lin-
guistischen Basis der Literaturwissenschaft II, Frankfurt a. M. 1972, S. 348.
Intertextualitätsforschung 275
zuletzt gegen den wissenschaftlichen Objektivitätsanspruch, den die
Strukturalisten für sich propagierten.
Kristevas Ansatz wird von einem kulturrevolutionären Pathos grun-
diert. Es geht ihr nicht allein um eine Reformulierung Bachtin’scher
Ideen und Konzepte, sondern auch um eine Subversion der damals do-
minierenden gesellschaftlichen Kräfte. Im Zentrum der Analysen steht
neben der Kritik am Strukturalismus zugleich die Dekonstruktion eines
bürgerlichen Subjektbegriffs, der bei ihr ins Spiel der Texte bzw. Inter-
texte eingespeist wird. Es war sicherlich auch diese provokative Geste,
die mit verantwortlich dafür war, dass Kristevas in hohem Maße anspie-
lungsreicher, bisweilen schwer lesbarer
13
Text jene Geltung gewinnen
konnte, den er noch heute im Rahmen der Intertextualitätstheorie be-
sitzt.
14
Neben Kristeva ist es vor allem Roland Barthes (1915–1980), der
Ende der 1960er-Jahre für die wissenschaftspolitische und institutionelle
Durchsetzung des Intertextualitätskonzeptes in Frankreich und im ge-
samten europäischen und angloamerikanischen Raum sorgt. Barthes
schließt mit seinen Überlegungen eng an Kristeva an, spitzt ihre Ausfüh-
rungen aber in vielerlei Hinsicht zu. Bei Barthes, der schon Ende der
1950er-Jahre internationale Berühmtheit erlangte und bei dem Kristeva
zunächst studiert hatte, lässt sich paradigmatisch die Wende vom Struk-
turalismus zum Poststrukturalismus nachvollziehen. Als Strukturalist
Ende der 1950er-Jahre noch ganz auf die Analyse von semiotischen Ko-
des in kulturellen Zeichensystemen konzentriert,
15
verändert er seine
Analysemethodik gegen Ende der 1960er-Jahre vom Fokus auf die Text-
produktionsebene hin zu einer den ‚Text‘ erst in der Lektüre produzie-
renden Rezeption. Laut Barthes kann ein Text nicht auf einen oder
einige wenige Sinngehalte reduziert werden, da er im Rahmen einer
schier unendlichen Zahl von intertextuellen Verflechtungen mit anderen
13
Neben Bachtin hatten auch andere Denker bedeutenden Einfluss auf Kristevas
frühe theoretische Versuche: Husserl/Derrida (in philosophischer Hinsicht),
Marx/Althusser (in politischer Hinsicht), Freud/Lacan (in psychologischer bzw.
psychoanalytischer Hinsicht) und Chomsky (in linguistischer Hinsicht). Vgl. Mai,
„Bypassing Intertextuality“. Eine detailliertere Diskussion dieser Einflüsse findet
sich bei Allen, Intertextuality, S. 35ff.
14
Schon Mitte der 1970er-Jahre sieht Kristeva den Begriff ‚Intertextualität‘ zu sehr
auf die Textarbeit eingeschränkt. Daher wird sie ihn in La révolution du langage poéti-
que (1974) aufgeben und durch den psychoanalytisch grundierten Begriff der
„Transposition“ ersetzen.
15
Vgl. etwa Barthes, Roland, Mythologies, Paris 1957.
276 Uwe Lindemann
Texten, Kodes und Zeichen steht. Dies hat nicht nur eine enorme Auf-
wertung des Lesers bzw. Rezeptionsprozesses zur Folge, sondern der
Autor büßt auch seine zentrale Stellung in Bezug auf die Welt der Texte
ein. Das Schlagwort, das Barthes in diesem Zusammenhang prägt, ist die
später vielfach missverstandene Formel vom ‚Tod des Autors‘. Dabei
bestreitet Barthes keineswegs die reale Existenz von Autoren, sondern
es geht ihm – ähnlich wie Michel Foucault in Qu’est-ce qu’un auteur?
(1969) – darum, den Autor im Hinblick auf seinen funktionalen Status in
Texten zu beschreiben. Dem entsprechend verändert sich die Lektüre
von Texten: „Die Abwesenheit des Autors macht es ganz überflüssig,
einen Text ‚entziffern‘ zu wollen. Sobald ein Text einen Autor zugewie-
sen bekommt, wird er eingedämmt, mit einer endgültigen Bedeutung
versehen, wird die Schrift angehalten. […] Der Raum der Schrift kann
durchwandert, aber nicht durchstoßen werden. Die Schrift bildet unent-
wegt Sinn, aber nur, um ihn wieder aufzulösen.“
16
Die Sinnkonstitution
in Texten kann also niemals still gestellt oder auf bestimmte strukturelle
Merkmale reduziert werden. In diesem Sinne ist laut Barthes jeder Text
unendlich und bedarf letztlich auch einer unendlichen Lektüre.
Nach den frühen Modellierungen der Intertextualitätstheorie durch
Kristeva und Barthes wird versucht, deren grundlegende Postulate auch
in anderen theoretischen und methodischen Zusammenhängen frucht-
bar zu machen. Dass dies gelingen konnte, hängt einerseits damit zusam-
men, dass bestimmte Fragen und Problemstellungen, welche die frühe
Intertextualitätstheorie bezüglich des Verhältnisses von Autor, Text und
Leser aufgeworfen hatte, nicht mehr von der Hand zu weisen waren. Zum
anderen liegt es daran, dass der Strukturalismus selbst in einer Krise war,
da ihm sein ahistorischer Formalismus zunehmend zum Vorwurf ge-
macht wurde. Gerade die Intertextualitätstheorie schien die Möglichkeit
zu bieten, die strukturale Methodik, auch und gerade in literaturhistori-
scher Perspektive, zu dynamisieren. Dies hatte allerdings zur Folge, dass
bestimmte Postulate der frühen Intertextualitätstheorie modifiziert wer-
den mussten. Insbesondere musste der kultursemiotisch erweiterte Text-
begriff eingeschränkt werden, da er zentralen Prämissen einer struktura-
len Textanalytik widersprach.
16
Barthes, „Der Tod des Autors“, hier S. S. 191. Andere wichtige Publikationen zur
Intertextualitätstheorie von Barthes sind: „De l’œuvre au texte“, in: Revue d’Ésthé-
tique, 24/1971, S. 225–232; „Texte (Théorie du)“, in: Encyclopaedia Universalis,
Bd. 15, Paris 1973, S. 31–47.
Intertextualitätsforschung 277
Besonders wirkungsträchtig werden in diesem Zusammenhang die
Arbeiten von Gérard Genette (*1930), die maßgeblich dazu beigetragen
haben, die Intertextualitätstheorie unter strukturalen Vorzeichen inter-
national zu popularisieren. Genette, einer der führenden Köpfe der
‚nouvelle critique‘, kommt das Verdienst zu, in mehreren Publikationen
systematisch die verschiedenen intertextuellen Bezugnahmen von Tex-
ten aufgearbeitet und auf der Basis eines neuen Ansatzes zur formalen
Textanalyse ein umfassendes Konzept zur Intertextualität vorgelegt zu
haben. Dabei überführt Genette verschiedene strukturalistische Ansätze
zur Poetik in eine kohärente Theorie der Inter- bzw., wie er es selbst
nennt, ‚Transtextualität‘. Vor allem in Palimpsestes. La Littérature au second
degré (1982) versucht Genette, das Intertextualitätskonzept den Postula-
ten einer strukturalen Poetik anzupassen und zugleich eine taxonomisch
orientierte Systematisierung des Forschungsfeldes zu liefern. Genette
unterscheidet fünf Typen ‚transtextueller‘ Beziehungen: 1. die ‚Inter-
textualität‘, die er in deutlicher Abgrenzung zu Kristeva als „effektive
Präsenz eines Textes in einem anderen“
17
in Form von Zitaten, Plagiaten
oder Allusionen bezeichnet; 2. die ‚Paratextualität‘, mit der Genette alles
bezeichnet, was einen Text in funktionaler Weise ‚einrahmt‘: Titel,
Untertitel, Vorworte, Nachworte, Fußnoten usw.; 3. die ‚Metatextualität‘,
die laut Genette alle Texte umfasst, die wesentlich kritischer Natur sind,
vor allem im Hinblick auf das Gebiet der Literaturkritik; 4. die ‚Archi-
textualität‘, die eng mit der Paratextualität korreliert ist und alles ein-
schließt, was der generischen Beschreibung von Texten dient; 5. die ‚Hy-
pertextualität‘, mit der Genette eine Weise der Überlagerung von Texten
bezeichnet, „die nicht die des Kommentars ist“,
18
sondern das Verhält-
nis von früheren zu späteren Texten als transformativen oder imitativen
Bezug beschreibt. Den Formen und Funktionen der Hypertextualität ist
ein Großteil von Palimpsestes gewidmet. Genette führt die Hypertextuali-
tät in all ihren Verzweigungen vor und hebt ihre literaturgeschichtliche
Bedeutung hinsichtlich der Produktion und Tradierung von Literatur
hervor. So kann er, zumindest in Ansätzen, zeigen, wie eine strukturale
Poetik auch historisch agieren könnte.
Im Spannungsfeld von Strukturalismus und Poststrukturalismus ste-
hen auch zwei weitere Theoretiker, deren Arbeiten im Zusammenhang
mit der fachlichen und institutionellen Durchsetzung der Intertextuali-
17
Genette, Gérard, Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe, Frankfurt a. M. 1993,
S. 10.
18
Genette, Palimpseste, S. 15.
278 Uwe Lindemann
tätstheorie erhebliche Bedeutung haben: zum einen der Amerikaner
Harold Bloom (*1930), der in den 1970er-Jahren mit der dekonstrukti-
vistischen Theorie der Yale-School in Verbindung stand,
19
und zum
anderen der nach Amerika ausgewanderte Franzose Michael Riffaterre
(1924–2006), dessen Werk wie das von Genette aus einer Kritik der frü-
hen strukturalistischen Theorie wesentliche Impulse bezieht.
1973 veröffentlichte Bloom mit The Anxiety of Influence ein Buch,
20
in
dem er auf produktionsästhetischer Ebene das Verhältnis von Texten
über ihre Einflusslinien zu erläutern versucht. Auf Basis eines psycho-
analytisch inspirierten Konzeptes, das Bloom mit rezeptionsästhetischen
Überlegungen verbindet, wird ‚Einflussforschung‘ nicht als Quellen-
recherche oder Filiationsforschung aufgefasst, sondern im Sinne der
Rekonstruktion eines agonalen Verhältnisses zwischen früheren und
späteren Dichtern, die systematisch ‚Fehllektüren‘ ihrer Vorgänger vor-
nehmen. Die Beziehung der Texte untereinander wird als Vater-Sohn-
Verhältnis charakterisiert, d. h. die nachgeborenen Dichter bewältigen
mit Hilfe verschiedener Verfahren (Ergänzung, Korrektur, Sublimie-
rung, Dämonisierung usw.)
21
die schriftstellerischen Leistungen ihrer
Vorgänger, um selbst zu ‚starken‘ Dichtern werden zu können. Grun-
diert werden Blooms Ausführungen von einer literaturgeschichtlichen
These: Einflussangst werde verstärkt erst in der Literatur der Romantik
sichtbar und sei begründet im zeitgleichen Entstehen moderner Autor-
schaftskonzeptionen. Dadurch würden Schriftsteller zu permanenter
Originalität gezwungen. Während die meisten anderen Intertextualitäts-
theorien ihren Hauptakzent auf die Texte bzw. den Leser lenken, ver-
sucht Bloom die psychologischen Mechanismen sichtbar zu machen, die
Autoren veranlasst haben, sich mit ihren Texten in den Kosmos der frü-
heren Literatur einzuschreiben bzw. – genauer – herauszuschreiben.
Man könnte in diesem Zusammenhang auch von einer „negierten Inter-
textualität“
22
sprechen. In Map of Misreading (1975) spitzt Bloom in Reak-
19
Allgemein zu den theoretischen Verbindungen zwischen Intertextualitätstheorie
und Dekonstruktion v. a. im angloamerikanischen Raum vgl. Leitch, Vincent B.,
Deconstructive Criticism. An Advanced Introduction, New York 1983.
20
Blooms Buch wird im Rahmen der Diskussionen um Intertextualitätsphänomene
immer wieder selbstverständlich genannt, obwohl der Begriff selbst an keiner
Stelle fällt!
21
Bloom schafft hierfür eine eigene Terminologie, vgl. Bloom, Harold, Einflussangst.
Eine Theorie der Dichtung, Basel, Frankfurt a. M. 1995, S. 16–18.
22
Vgl. den Beitrag von Lerner, Laurence, „Romantik, Realismus und negierte Inter-
textualität“, in: Pfister / Broich (Hrsg.), Intertextualität, S 278–296.
Intertextualitätsforschung 279
tion auf die teilweise massive Kritik an The Anxiety of Influence seine Thesen
nochmals zu und erläutert sie in weitläufigen Textanalysen zu ‚starken‘
Dichtern und deren Nachfolgern, ohne dass grundlegende methodische
und theoretische Probleme aus dem ersten Buch gelöst würden.
Riffaterres Beitrag zur Intertextualitätstheorie besteht in einer deut-
lichen Aufwertung des Lesers. Im Gegensatz zu den Intertextualitäts-
konzepten Kristevas und Barthes postuliert Riffaterre im Rahmen seiner
Stiltheorie allerdings eine Art ‚Über-Leser‘, dem es dank seiner umfas-
senden literaturwissenschaftlichen Kompetenz möglich ist, die implizi-
ten Bedeutungsmuster eines Textes objektiv zu entschlüsseln. Dabei
geht er von einem Textbegriff aus, der Texte vor allem in ihrer amimeti-
schen Dimension zu erfassen sucht: Texte sind laut Riffaterre nicht auf
eine außertextliche Realität referenzialisiert, sondern im Hinblick auf an-
dere Texte und semiotische Kodes. In Semiotics of Poetry (1978) entwickelt
Riffaterre das Konzept einer ‚Matrix‘, die jedem Text als inhärentes Be-
deutungsmuster eingeschrieben sei und durch die Analyse intertextueller
Referenzen, Klischees, grammatikalischer, stilistischer oder rhetorischer
Auffälligkeiten im Prozess der Lektüre auf eindeutige Weise entzifferbar
wäre. Diese ‚Matrix‘ kann im Extremfall nur aus einem Wort oder einem
kurzen Satz bestehen. Was bei Barthes und Kristeva in einer Multiplika-
tion von Bedeutungs- und Sinnstrukturen eines Textes einmündet, ver-
sucht Riffaterre in einer Art hermeutischem Verstehensprozess wie-
derum auf eine feststehende Bedeutung zu reduzieren. Er versucht
damit gerade das auszuschließen, was sein im Grunde kultursemiotischer
Textbegriff postuliert, nämlich eine Ambiguität und Polyvalenz von Tex-
ten in ihren intertextuellen Bezugnahmen.
23
4. Publikationen
(im Hinblick auf die deutschsprachige Rezeption)
Ende der 1970er-Jahre ist die Konstitutionsphase der Intertextualitäts-
theorie abgeschlossen. Wesentliche Positionen sind formuliert und in die
wissenschaftliche Diskussion eingetreten, zunächst im frankophonen
23
Kritisch zu Riffaterre schon früh: Grivel, Charles, „Serien textueller Perzeption“,
in: Schmid / Stempel (Hrsg.), Dialog der Texte, hier S. 57ff., bes. S. 62; Stempel,
Wolf-Dieter, „Intertextualität und Rezeption“, in: Schmid / Stempel (Hrsg.), Dia-
log der Texte, hier S. 88ff. Eine andere wichtige Publikation Riffaterres zur Inter-
textualitätstheorie ist La production du texte, Paris 1979.
280 Uwe Lindemann
und im angloamerikanischen Raum,
24
ab den frühen 1980er-Jahren auch
in Deutschland.
Wichtige Impulse für die Vermittlung der Überlegungen Kristevas in
den deutschsprachigen Raum gehen von der Konstanzer Slawistin Re-
nate Lachmann aus. Vor allem der von ihr herausgegebene Sammelband
Dialogizität (1982), der aus einem 1980 an der Universität Konstanz ab-
gehaltenen, interdisziplinären Symposium hervorgeht, wird zu einem
Markstein auf dem Weg zu einer breiteren deutschen Rezeption der In-
tertextualitätstheorie. Beiträger zu dem Band sind neben Lachmann u. a.
Hans Robert Jauß, Wolfgang Preisendanz, Zoran Konstantinovi´ c, Jean
Starobinski und Charles Grivel. Diskutiert wird neben Bachtins Dialogi-
zitätskonzept ausführlich auch Kristevas Intertextualitätsansatz. Trotz
kritischer Anmerkungen zu Kristeva
25
werden zugleich aber die metho-
dischen Perspektiven angedeutet, die ihre Ideen fortführen können. Ein
weiterer wichtiger Impuls für die deutschsprachige Rezeption der Inter-
textualitätstheorie geht von einem 1982 an der Universität Hamburg ver-
anstalteten interdisziplinären Kolloquium aus, dessen Beiträge 1983 in
einem Sammelband mit dem wiederum auf Bachtin anspielenden Titel
Dialog der Texte veröffentlicht werden. Als Herausgeber fungieren der
Slawist Wolf Schmid und der Romanist Wolf-Dieter Stempel. Die Kritik
an Kristeva wird hier noch deutlicher formuliert, und es zeichnet sich
eine Tendenz ab, die viele deutschsprachige Publikationen der nächsten
Jahre prägen wird: Gegenüber der poststrukturalistisch akzentuierten
Intertextualitätstheorie favorisiert die deutsche Rezeption ein Intertex-
tualitätskonzept, das stark von hermeneutischen bzw. posthermeneuti-
schen Methodenansätzen geprägt ist.
26
Auch in Das Gespräch (1984), dem elften Band der renommierten Reihe
Poetik und Hermeneutik wird Intertextualität zum Thema. Erneut meldet
sich Renate Lachmann zu Wort, die darum bemüht ist, die „Ebenen des
24
Vgl. das dem Thema Intertextualität gewidmete Sonderheft der von G. Genette
und T. Todorov herausgegebenen Zeitschrift Poétique, 27/1976 sowie den von
J. Praisier-Plottel und H. Charney herausgegebenen Band Intertextuality. New Per-
spectives in Criticism des New York Literary Forum, 2/1978. Etwas später, wiederum
wichtige Theoretiker der frühen Intertextualitätstheorie versammelnd: Texte. Revue
de critique et de théorie littéraire, 2/1983.
25
Vgl. Preisendanz, Wolfgang, „Zum Beitrag von R. Lachmann ‚Dialogizität und
poetische Sprache‘“, in: Lachmann, Renate (Hrsg.), Dialogizität, München 1982,
S. 28.
26
Beispielhaft hierfür ist der Beitrag von Karlheinz Stierle „Werk und Intertextuali-
tät“ im gleichen Band.
Intertextualitätsforschung 281
Intertextualitätsbegriffs“ zu klären. Obwohl der Begriff „vorerst nicht
disziplinierbar“ und „seine Polyvalenz irreduzibel“
27
erscheint, versucht
sie in einer Zusammenschau der verschiedenen theoretischen Ansätze
sowohl die texttheoretischen, textdeskriptiven als auch die literatur- bzw.
kulturkritischen Implikationen der Intertextualitätstheorie zu systemati-
sieren. Lachmann erweist sich auch hier als Theoretikerin, welche die
poststrukturalistischen Implikationen der Intertextualitätstheorie ernst-
nimmt und sich ausdrücklich gegen eine ‚Reakademisierung‘ des Inter-
textualitätsbegriffes stellt.
28
Aus einem 1984 an der Universität München veranstalteten Sympo-
sium geht dann der dritte bedeutende Sammelband zur Intertextualität
im deutschsprachigen Raum der ersten Hälfte der 1980er-Jahre hervor:
der von den Anglisten Ulrich Broich und Manfred Pfister herausgege-
bene Band Intertextualität. Formen, Funktion, anglistische Fallstudien (1985).
Die in diesem Sammelband zusammengefassten Beiträge versuchen im
Gegensatz zu den früheren Tagungsbänden das Forschungsfeld umfas-
send systematisch zu bestimmen.
29
In profunder Kenntnis der struktu-
ralistischen wie der poststrukturalistischen Theorieansätze bietet der
Band nicht nur einen umfangreichen Überblick über den damaligen For-
schungsstand, sondern es wird darüber hinaus versucht, die von Lach-
mann kritisch beäugte ‚Reakademisierung‘ der Intertextualitätsforschung
in operationaler Hinsicht voranzutreiben. Der Band von Pfister und
Broich stellt einen zentralen Beitrag zur Intertextualitätsdebatte dar.
Mitte der 1980er-Jahre führt er die deutschsprachige Diskussion auf ein
wissenschaftliches Niveau, das im Rahmen einer deutlich über Genette
27
Lachmann, Renate, „Ebenen des Intertextualitätsbegriffs“, in: Karlheinz Stierle /
Rainer Warning (Hrsg.), Das Gespräch, München 1984, S. 134.
28
Dazu Lachmann, ebd., hier S. 138: „Die Entwicklung einer Metasprache der Inter-
textualität zeigt das Aufbegehren des Strukturalismus gegen ein die Struktur (des
Einzeltextes) überschreitendes poststrukturales Denken an“.
29
Es geht im Theorieteil des Bandes um „markierte und nicht-markierte Intertextua-
lität“ (Broich), „Einzeltextreferenz“ und „Systemreferenz“ (Broich, Pfister und
ausführlich Karrer), „Intertextualität und Gattung“ (Suerbaum), Fragen einer
„intertextuellen Poetik“ (Plett) sowie „Integrationsformen der Intertextualität“
(M. Lindner). Auch werden Fragen von Intertextualität in Bezug auf Übersetzun-
gen (v. Koppenfels), auf Gattungswechsel (Lenz), auf Medienwechsel (Zander)
und hinsichtlich der feministischen Literaturwissenschaft (Ecker) thematisiert. Im
letzten Beitrag des theoretischen Teils werden in dezidierter Abgrenzung zur post-
strukturalistischen Intertextualitätstheorie die „Funktionen intertextueller Text-
konstitution“ dargestellt (Schulte-Middelich). Vgl. die scharfe Kritik am Sammel-
band bei Mai, „Bypassing Intertextuality“, hier S. 45.
282 Uwe Lindemann
hinausgehenden terminologischen Spezifizierung eine strukturanaly-
tisch gerechtfertigte Anwendungsperspektive skizziert.
Mit Manfred Geiers Die Schrift und die Tradition. Studien zur Intertextualität
erscheint 1985 schließlich eine erste monografische Arbeit zur Inter-
textualität in deutscher Sprache, die allerdings nicht das theoretische
Niveau der Sammelbände einholen kann, da sich die Ausführungen zur
Intertextualitätstheorie fast ausschließlich auf das erste Kapitel beschrän-
ken und der Begriff selbst in den folgenden Analysen zu Celan/Hölderlin,
Schreber, Hamann und Müntzer kaum mehr eine Rolle spielt. Mit Geiers
Buch zeigt sich eine zweite Tendenz der Intertextualitätsforschung Mitte
der 1980er-Jahre, die sich in den nächsten Jahren noch verstärken wird:
Die theoretische Reflexion der Intertextualitätstheorie tritt zurück hinter
konkrete Analysearbeit an Texten. Dies ist ebenfalls in Ingeborg Hoeste-
reys 1988 publizierter Monografie Verschlungene Schriftzeichen. Intertextualität
von Literatur und Kunst in der Moderne/Postmoderne der Fall, wo die Analyse
von intertextuellen Bezügen im Mittelpunkt von Einzelfallstudien vor-
nehmlich deutscher Literatur nach 1945 steht. In Hoestereys Buch wird
zudem der Konnex von Intertextualität und Postmoderne profiliert,
30
der
Anfang der 1990er-Jahre für die Diskussionen um die Poetologie und Äs-
thetik der westlichen Gegenwartsliteraturen bestimmend wird.
Während bis Mitte der 1970er-Jahre die poststrukturalistische Theo-
riebildung bei Intertextualitätskonzepten vorherrschend war und man
von Mitte der 1970er- bis Mitte der 1980er-Jahre die Intertextualitäts-
theorie im Rahmen strukturalistischer oder (post-)hermeneutischer
Analysetechniken ‚reakademisiert‘ hat, wird sie um 1990 herum mit der
Postmodernediskussion kurz geschlossen. Ein offensiver und offener
Umgang mit intertextuellen Verweisen wird zum Markenzeichen post-
moderner Literatur und Kunst deklariert, die sich selbst als Literatur und
Kunst nach deren Ende versteht. Die Intertextualitätstheorie scheint zur
Analyse dieses neuen Paradigmas nicht allein methodisch geeignet, son-
dern in wesentlichen Punkten auch dem postmodernen Selbstverständ-
nis zu entsprechen. Schon die damalige Diskussion übersieht allerdings,
30
Vgl. Hoesterey, Ingeborg, Verschlungene Schriftzeichen. Intertextualität von Literatur und
Kunst in der Moderne/Postmoderne, Frankfurt a. M. 1988, S. 130–163, wo sich Hoes-
terey ausführlich dem Thema Intertextualität und Postmoderne widmet und es in
unterschiedlichen disziplinären Kontexten (Amerikanistik/Anglistik vs. Germa-
nistik) kritisch beleuchtet; vgl. auch Pfister, Manfred, „How Postmodern is Inter-
textuality?“, in: Plett (Hrsg.), Intertextuality, S. 207–224; Bernardelli, Andrea, „In-
troduction. The Concept of Intertextuality Thirty Years On: 1967–1997“, in:
Versus. Quaderni di studi semiotici, 77–78/1997, S. 12–15.
Intertextualitätsforschung 283
dass zentrale Aspekte der postmodernen Programmatik dem von Kris-
teva Ende der 1960er entworfenen Intertextualitätsmodell nicht ferner
stehen könnten. Was bei Kristeva letztlich eine subversive, antibürger-
liche Taktik ist, wird im Rahmen des postmodernen Selbstverständnisses
zum ‚anything goes‘ einer rekombinativen Zitatkultur umdeklariert, in
der eine Ästhetik des Pastiche vorherrschend ist.
31
Auch wenn es Berüh-
rungspunkte zwischen Intertextualitäts- und Postmodernediskussion
gibt, konnte sie in methodischer Hinsicht jedoch nichts wirklich Neues
zur Intertextualitätstheorie beitragen.
Mitte der 1990er-Jahre beginnt mit Nathalie Piégay-Gros’ Introduction
à l’intertextualité (1996) die Zeit der resümierenden Einführungen. Spätes-
tens zu diesem Zeitpunkt hat sich die Intertextualität im wissenschaft-
lichen Diskurs etabliert: ihre ‚Reakademisierung‘ ist vollzogen. Auch die
theoretische Arbeit an den vor fast dreißig Jahren formulierten Positio-
nen ist weitgehend abgeschlossen, da die inhärenten Widersprüche der
Intertextualitätstheorie offenbar nicht zu lösen sind.
32
Verfeinerungen
intertextueller Frage- und Problemstellungen werden noch vorgenom-
men (z. B. bei Holthuis, Klein / Fix, Stocker oder Böhn)
33
oder es wird
versucht, im Rahmen anderer theoretischer Modelle die Intertextualitäts-
theorie fruchtbar zu machen (etwa hinsichtlich Diskursanalyse bei Bruce
und Fairclough
34
oder hinsichtlich der Forschungen zum kulturellen Ge-
31
Beliebte Studienobjekte für intertextuelle Analysen sind im englischsprachigen
Raum etwa die Texte von John Barth, Thomas Pynchon oder Paul Auster und im
westeuropäischen Kulturraum Umberto Ecos Il nome della rosa (1980).Vgl. z. B.
Lauretis, Teresa de, „Das Rätsel der Lösung – Umberto Ecos Der Name der Rose als
postmoderner Roman“, in: Andreas Huyssen / Klaus R. Scherpe (Hrsg.), Postmo-
derne. Zeichen eines kulturellen Wandels, Reinbek 1986, S. 251–269.
32
Vgl. den von Heinrich Plett herausgegebenen Sammelband Intertextuality (1991), in
dem die kritischen Punkte der strukturalistischen Intertextualitätstheorie deutlich be-
nannt werden, ohne dass die poststrukturalistische Variante als Lösungsmöglichkeit
propagiert wird (siehe v.a. den Artikel von Mai, „Bypassing Intertextuality“ im Band).
33
Vgl. Holthuis, Susanne, Intertextualität. Aspekte einer rezeptionsorientierten Konzeption,
Tübingen 1993; Klein, Josef / Fix, Ulla (Hrsg.), Textbeziehungen. Linguistische und li-
teraturwissenschaftliche Beiträge zur Intertextualität, Tübingen 1997; Stocker, Peter,
Theorie der intertextuellen Lektüre. Modelle und Fallstudien, Paderborn, München u. a.
1998; Böhn, Andreas, Das Formzitat. Bestimmung einer Textstrategie im Spannungsfeld
zwischen Intertextualitätsforschung und Gattungstheorie, Berlin 2001.
34
Vgl. Bruce, Donald, De l’Intertextualité à l’interdiscursivité. Histoire d’une double émer-
gence, Toronto 1995; Fairclough, Norman, „Linguistic and intertextual Analysis
within discourse analysis“, in: Adam Jaworski / Nikolas Coupland (Hrsg.), The Dis-
course Reader, London, New York 1999, S. 183–209.
284 Uwe Lindemann
dächtnis bei Lachmann).
35
Gänzlich neue Positionen sind aber, abgese-
hen vom Transfer der Theorie in andere disziplinäre Kontexte, nicht aus-
zumachen, lediglich eine von Zeit zu Zeit zu beobachtende Besinnung
auf die frühen kulturkritischen Implikationen der Theorie.
5. Fachgeschichtliche Einordnung
Neben Diskursanalyse und Dekonstruktion muss das Intertextualitäts-
konzept zu den wesentlichen Innovationen im Bereich der westlichen
Literatur- und Kulturtheorie der 1970er-Jahre gerechnet werden. Es
stellte nicht nur zentrale Kategorien der damaligen Literaturtheorie,
etwa die Einheit des Werkes oder die Bedeutung des Autors, in Frage,
sondern war auch eine der wichtigsten methodischen Herausforderun-
gen für Hermeneutik, Strukturalismus und New Criticism. In Bezug auf
die Germanistik im engeren Sinne ist jedoch zu konstatieren, dass das
Intertextualitätskonzept, sei es in der poststrukturalistischen, sei es in
der strukturalistischen Variante, bis heute kaum Fuß gefasst hat,
36
wäh-
rend es in den meisten anderen philologischen Disziplinen (allen voran
in Slawistik, Romanistik, Anglistik und Komparatistik) heute zum festen
Bestandteil des Methodeninventars gehört.
Ein zentrales Defizit der Intertextualitätstheorie besteht bis heute
in dem je anders interpretierten Textbegriff. Auf der einen Seite führt er
zu einer radikalen Unlesbarkeit von Texten. Auf der anderen Seite muss
er in der strukturalistisch eingeschränkten Version auf Kategorien rekur-
rieren, welche die frühe Intertextualitätstheorie hinter sich zu lassen ver-
suchte.
37
Diese der Intertextualitätstheorie inhärente Widersprüchlich-
keit scheint ebenso unvermeidbar wie unauflösbar zu sein.
35
Vgl. Lachmann, Renate, Gedächtnis und Literatur. Intertextualität in der russischen
Moderne, Frankfurt a. M. 1990; dies., „Intertextualität“, in: Nicolas Pethes / Jens
Ruchatz (Hrsg.), Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Lexikon, Hamburg
2001, S. 286–288; sowie die Einführung von Tiphaine Samoyault, wo der Gedächt-
nis-Aspekt, freilich unter einer anderen Perspektive als bei Lachmann, in den Mit-
telpunkt gestellt wird: Samoyault, Tiphaine, L’intertextualité. Mémoire de la littérature,
Paris 2001 (bes. Teil 2 des Bandes).
36
Vgl. die Einschätzung von Holthuis, Intertextualität, S. 22ff. Seit 1993 hat sich bis
heute im Grunde nichts verändert.
37
Hier nähert sich die Intertextualitätstheorie nicht selten der traditionellen Stoff-,
Motiv- und Toposforschung an und deren Betonung der Kategorie des Einflusses.
Intertextualitätsforschung 285
6. Kommentierte Auswahlbibliographie
Kristeva, Julia, „Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman“, in: Critique,
23/1967, S. 438–65 (dt. „Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman“,
in: Jens Ihwe (Hrsg.), Literaturwissenschaft und Linguistik. Ergebnisse und Per-
spektiven, Bd. 3: Zur linguistischen Basis der Literaturwissenschaft II,
Frankfurt a. M. 1972, S. 345–375).
Siehe Ausführungen im Fließtext.
Kristeva, Julia, Sèméiôtikè. Recherches pour une sémanalyse, Paris 1969.
Sammlung früher Artikel von K. zu Bachtin, zur Semiotik und zur Inter-
textualität.
Barthes, Roland, „La mort de l’auteur“, in: Manteia, 5/1968, S. 12–17
(dt. „Der Tod des Autors“, in: Fotis Jannidis / Gerhard Lauer / Matias
Martinez / Simone Winko (Hrsg.), Texte zur Theorie der Autorschaft, Stutt-
gart 2000, S. 185–193).
Siehe Ausführungen im Fließtext.
Bloom, Harold, The Anxiety of Influence. A Theory of Poetry, New York 1973
(dt. Einflussangst. Eine Theorie der Dichtung, übers. v. Angelika Schweikhart,
Basel, Frankfurt a. M. 1995).
Siehe Ausführungen im Fließtext.
Bloom, Harold, Map of Misreading, New York 1975. (dt. Eine Topographie
des Fehllesens, übers. v. Isabella Mayr, Frankfurt a. M. 1997).
Siehe Ausführungen im Fließtext.
Genette, Gérard, Introduction à l’architexte, Paris 1979 (dt. Einführung in den
Architext, übers. J.-P. Dubost / G. Febel / H.-Ch. Hobohm/ U. Pfau,
Stuttgart 1990).
Überblick über die Geschichte der Poetik seit Platon und Aristoteles.
These: seit Platon und Aristoteles sei es zu erheblichen Konfusionen in
der poetologischen Theorie gekommen, da die Theoretiker nicht ausrei-
chend zwischen den verschiedenen Aussagetypen differenziert haben.
Der gattungstheoretischen Reflexion sei daher bis heute ein fortwähren-
des Moment der Instabilität und Inkongruenz eingeschrieben.
Riffaterre, Michael, Semiotics of Poetry, London 1980.
Siehe Ausführungen im Fließtext.
286 Uwe Lindemann
Genette, Gérard, Palimpsestes, La Littérature au second degré, Paris 1982 (dt.
Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe, übers. v. Wolfram Beyer / Dieter
Hornig, Frankfurt a. M. 1993).
Siehe Ausführungen im Fließtext.
Lachmann, Renate (Hrsg.), Dialogizität, München 1982.
Siehe Ausführungen im Fließtext.
Bruce, Don, „Bibliographie annotée. Écrits sur l’intertextualité“, in:
Texte, 2/1983, S. 217–255.
Kommentierte und thematisch geordnete Bibliografie zur frühen Inter-
textualitätstheorie.
Schmid, Wolf / Stempel, Wolf-Dieter (Hrsg.), Dialog der Texte. Hamburger
Kolloquium zur Intertextualität, Wien 1983.
Siehe Ausführungen im Fließtext.
Broich, Ulrich / Pfister, Manfred (Hrsg.), Intertextualität. Formen. Funktio-
nen. Anglistische Fallstudien, Tübingen 1985.
Siehe Ausführungen im Fließtext.
Ette, Ottmar, „Intertextualität. Ein Forschungsbericht mit literaturso-
ziologischen Anmerkungen“, in: Romanische Zeitschrift für Literaturge-
schichte, 9/1985, S. 497–519.
Bestandsaufnahme der Forschung bis Anfang der 1980er-Jahre.
Genette, Gérard, Seuils, Paris 1987 (dt. Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des
Buches, übers. v. Dieter Hornig, Frankfurt a. M., New York 1992).
Der in Palimpseste nur skizzierte konzeptuelle Rahmen der Paratextualität
wird mit zahlreichen Beispielen illustriert und dabei eine umfassende Ty-
pologie entwickelt. G. versucht, das Einzelwerk bzw. den Einzeltext
selbst in seinen Grenzen zu fassen, um damit im Sinne seines struktura-
listischen Projektes jenen Bereich zu fixieren, in denen transtextuelle
Phänomene überhaupt erscheinen können.
Hoesterey, Ingeborg, Verschlungene Schriftzeichen. Intertextualität von Litera-
tur und Kunst in der Moderne/Postmoderne, Frankfurt a. M. 1988. Siehe Aus-
führungen im Fließtext.
Intertextualitätsforschung 287
Hebel, Udo J., Intertextuality, Allusion and Quotation. An international biblio-
graphy of critical studies, New York, London 1989.
Umfassende Bibliografie zur Intertextualität in Theorie und Praxis (bis
1986), mehr als 2000 Studien werden aufgelistet.
Mai, Hans-Peter, „Intertextual Theory. A Bibliography“, in: Heinrich
Plett (Hrsg.), Intertextuality, Berlin, New York 1991, S. 236–250.
Unkommentierte Bibliografie zur Intertextualitätstheorie bis 1990.
Plett, Heinrich (Hrsg.), Intertextuality, Berlin, New York 1991.
Siehe Ausführungen im Fließtext.
Holthuis, Susanne, Intertextualität. Aspekte einer rezeptionsorientierten Kon-
zeption, Tübingen 1993.
Im Gegensatz zu anderen Publikationen zur strukturalistisch orientier-
ten Intertextualitätstheorie versucht H. stärker den Rezeptionsprozess
zu berücksichtigen. Auch diese Studie ist stark taxonomisch angelegt, in-
dem sie eine „Typologie intertextueller Relationen“ anstrebt, die Genet-
tes Differenzierungsversuche bei weitem überbietet. Zudem werden
deutlich die methodischen Probleme benannt, die eine Intertextualitäts-
theorie mit engerem Textbegriff besitzt, ohne dass aussichtsreiche Lö-
sungsansätze für diese Probleme angeboten werden.
Stocker, Peter: Theorie der intertextuellen Lektüre. Modelle und Fallstudien, Pa-
derborn, München u. a. 1998.
Versuch einer Fortführung des Genette’schen Projektes einer taxono-
misch ausgerichteten Typologisierung intertextueller Relationen; stark
produktionsästhetisch orientiert.
Allen, Graham, Intertextuality, London, New York 2000.
Differenzierte und kritische Einführung ins Thema.
Böhn, Andreas, Das Formzitat. Bestimmung einer Textstrategie im Spannungs-
feld zwischen Intertextualitätsforschung und Gattungstheorie, Berlin 2001.
Versuch einer Nutzbarmachung des Intertextualitätskonzeptes zur his-
torischen Gattungsanalyse.
288 Uwe Lindemann
Kulturwissenschaften 289
Kulturwissenschaften
von BETTINA GRUBER
1. Definition
Die Bestimmung dessen, was kulturwissenschaftliche Germanistik ist,
hängt vom jeweils implizierten Kulturbegriff ab. Dieser wird in den
meisten Fällen so vage gebraucht, dass nahezu alles, was nicht mit dem
Etikett ‚immanenter‘ Literaturwissenschaft versehen wird, darin Raum
findet. Der klassische Kulturbegriff im Sinne der ‚Pflege von etwas‘
leistet diesen inklusorischen Tendenzen Vorschub, denn im Sinne einer
Praxis ‚gepflegt werden‘ kann von der Kreuzstickerei bis zum Ritual-
mord so gut wie alles. Auch neuere Konzepte, wie die systemtheoretisch
inspirierte Auffassung, der zufolge der Kulturbegriff selbst durch die
Möglichkeit des historischen und ethnischen Vergleichs entsteht, engen
das Feld nicht ein. In diesem Sinn lassen sich dann auch literatursozio-
logische und literaturpsychologische Versuche nicht mehr von kultur-
wissenschaftlichen differenzieren, sondern gehen in ihnen auf. Zudem
steht der Begriff ‚Kulturwissenschaften‘ in einem engen (Konkurrenz-)
Verhältnis zu dem älteren Begriff der ‚Geisteswissenschaften‘ sowie
dem der ‚Humanwissenschaften‘ (‚humanities‘), wie er vorwiegend
im französischen und anglo-amerikanischen Sprachraum verwendet
wird.
2. Beschreibung
Kulturwissenschaftliche Germanistik ist darauf ausgelegt, die Betrach-
tung von Literatur als ‚autonomem‘ System zu transzendieren, und ist
an ihrer ‚Literarizität‘ daher überwiegend uninteressiert. In genauem
Gegenzug zu ‚autonomen‘ oder ‚immanenten‘ Interpretationsmethoden
rückt hier alles, was den ‚Kontext‘ des literarischen Textes ausmacht, in
den Blick. Dieser wird in seiner Bestimmtheit durch das kulturelle Um-
feld (und ggf. auch in Hinblick auf den Einfluss, den er seinerseits auf
290 Bettina Gruber
dieses Umfeld nimmt) ins Visier genommen. Diese Blickrichtung kann
erweitert werden auf die spezifische kulturelle Bestimmtheit des Phäno-
mens ‚Literatur‘ überhaupt, das in seiner ausdifferenzierten Form als an
die historischen und eben ‚kulturellen‘ Bedingungen der europäischen
Neuzeit geknüpft erscheint.
Die verschiedenen kulturwissenschaftlichen Inputs in die Germa-
nistik lassen sich nach dem zugrunde liegenden Kulturbegriff und/
oder nach der Disziplin, von der sie jeweils ausgehen (Ethnologie, So-
ziologie, Gender Studies, Psychoanalyse, Kunstgeschichte usw.), unter-
scheiden.
Das klassische Kulturverständnis leitet sich aus der Etymologie
her – ‚colere‘ in den Bedeutungen von anbauen, bebauen, bearbeiten,
pflegen, schmücken, putzen, hochhalten, pflegen und schließlich heilig
halten, feiern. Auf den ersten Blick scheinen die beiden hauptsäch-
lichen Bedeutungsvarianten ‚pflegen, bebauen‘ und ‚anbeten, feiern,
verehren‘ ganz Verschiedenes zu implizieren, aber sie hängen durchaus
zusammen: Die Anbetung, der ‚Cultus‘, ist nichts anderes als die Pflege
unberechenbarer göttlicher Instanzen, die mindestens genauso sorg-
fältig gewartet werden wollen wie ein Acker, sollen sie irgendwelche
Früchte für die Sterblichen abwerfen. Diese Bedeutung des Pflegens
und Bearbeitens mit ihrem stark durativen Aspekt ist in den beiden
Hauptbedeutungen, die dem Wort ‚Kultur‘ beigelegt werden, aufge-
hoben.
Die erste Variante (A1) ist immer noch die gängigste und sie setzt
‚Kultur‘ sehr weitgehend mit ‚Kunst‘ und hier insbesondere mit sog.
Höhenkammkunst gleich. Alle klassischen Kunstsparten – wozu längst
der Film und seit sehr viel kürzerer Zeit auch Erzeugnisse in den Neuen
Medien zählen – machen in diesem Verständnis Kultur aus, und zwar
sowohl auf der Seite des Produzenten als auf der des Rezipienten. Aller-
dings erscheint letztere betont: Ist für den Kulturproduzenten im All-
gemeinen die Bezeichnung ‚Künstler‘ reserviert, mit der wir seit der
Renaissance und vermehrt seit dem 18. Jahrhundert die Qualität der
Innovation verbinden, so ist der Rezipient, der eifrige Museumsgänger,
Theaterbesucher und Leser, vorrangig derjenige, den man im Sinne
dieser ersten Bedeutung als ‚kultiviert‘ anspricht. Für einen Künstler
erscheint die Vokabel unangemessen, was darauf hinweist, dass im her-
kömmlichen Kulturbegriff der durative Aspekt den innovativen bei weitem
überwiegt.
„Kultur ist also das, was im Gebrauch steht, bräuchlich ist: das gut
Gefestigte von Handlungen und Haltungen (Praxis und Hexis), die ge-
Kulturwissenschaften 291
wahrten Lebensformen, das Habituelle, die Riten – immer ist daran das
Moment der Kontinuitätsherstellung entscheidend“.
1
Dieser durative Aspekt ist in besonderem Maße für den wertenden Kul-
turbegriff charakteristisch, und es ist auch einsichtig, warum: Die Be-
tonung des Dauerhaften impliziert bereits den Aspekt der Wertung,
denn wiederholt, gepflegt, gefestigt usw. wird nur etwas, das von einem
Kollektiv mit spezifischen Bildungsvoraussetzungen geschätzt und als
erhaltenswert validiert wird. Der angesprochene Kulturbegriff umfasst
also keineswegs alle Praxisformen einer Gesellschaft. Von bestimmten
Positionen aus ist damit die Oper Kultur, das Musical aber nicht. Er eig-
net sich für wissenschaftliche Beschreibungen daher nur bedingt, bzw.
insofern dieses Vorverständnis mitreflektiert wird. Ihn als tendenziös
abzuwerten, ist trotzdem nicht angebracht: Von unvermeidlichen ideo-
logischen Ingredienzien abgesehen, besitzt er sehr wohl ein Orientie-
rungskriterium, das freilich nicht konsequent zur Anwendung kommt,
nämlich das der Komplexität. Im Allgemeinen verfügen als Kultur im
Sinne der Hochkultur anerkannte Produkte über eine gewisse Komple-
xität, die entweder im Produkt selbst liegt oder aber in dessen Bezug auf
seinen Kontext gefunden werden kann, d. h. auf die ihm vorangegange-
nen Werke, den gesamten aktuellen Stand seiner Kunstsparte und ggf.
eine vorausliegende kunsttheoretische oder kunstphilosophische De-
batte (als Beispiel können hier die scheinbar einfachen Gedichte Eichen-
dorffs oder volksliedhaft sich gebende Lieder Franz Schuberts dienen,
deren vermeintliche Simplizität in beiden Fällen Resultat der ästhetisch
hochkomplexen Präferenzen der Romantik ist. Es handelt sich hier um
eine ‚sekundäre‘ Simplizität). Werke oder Techniken, die über eine solche
Komplexität verfügen, werden in unserer Gesellschaft relativ mühelos in
den Bestand von ‚Kultur‘ in diesem Sinne integriert und erfüllen eine
wichtige Funktion in Hinblick auf Identitätsbildung und Kontinuitäts-
erzeugung.
Die zweite Variante (A 2) versteht unter ‚Kultur‘ alle, und zwar wirk-
lich alle Praxisformen – Gebräuche, Gewohnheiten, Institutionen, Pro-
duktionsweisen, Erzeugungstechniken – welche a) die Geschichte bzw.
der Mensch oder b) (und hier beißt sich die definitorische Katze in den
Schwanz) eine bestimmte Kultur hervorgebracht hat. Beide Auffassungen
bergen Probleme. Der ersten zufolge ist Kultur alles, was nicht Natur
1
Böhme, Hartmut, „Vom Cultus zur Kulturwissenschaft. Zur historischen Seman-
tik des Kulturbegriffs“, in: Renate Glaser / Matthias Luserke, Literaturwissenschaft –
Kulturwissenschaft. Positionen, Themen, Perspektiven, Opladen 1996, S. 46–68, hier S. 53.
292 Bettina Gruber
ist – damit aber hat sich die Definitionsproblematik bloß verdoppelt,
denn jetzt muss auch noch die Frage ‚Was ist Natur?‘ bearbeitet werden.
Auffassung b) dagegen operiert mit einer Tautologie. Sie impliziert näm-
lich, dass die im Sinne von a) definierte Kultur in verschiedene Kulturen
zerfällt. Damit stellt sich eine Abgrenzungsproblematik ein, denn die
Rede von verschiedenen Kulturen setzt voraus, dass ich imstande bin,
diese gegeneinander zu profilieren. Das ist einfach, solange es sich um
Einheiten handelt, die durch räumliche Distanz und/oder durch radikale
Ungleichzeitigkeit deutlich voneinander abgehoben sind. Schwierig wird
die Frage nach der Abgrenzbarkeit von Kulturen gegeneinander vor al-
lem bei solchen, die sich nahe stehen: Gibt es eine italienische und eine
deutsche Kultur, oder eine germanische bzw. romanische, oder gibt es
nur eine europäische? Und da die amerikanische ein historischer Ableger
der europäischen Kultur ist, kann, bei allen Differenzen, von einer euro-
amerikanischen Kultur gesprochen werden? Diese Fragen sind unbe-
antwortbar, insofern ihre Beantwortung von den Differenzen abhängt,
die man einführen möchte, also von dem Arbeitsinteresse, das man an
einer solchen Fragestellung hat. Natürlich verfügen die amerikanische
und die europäische Kultur über so viele Gemeinsamkeiten, dass man sie
als einen ‚Block‘ beschreiben kann, und natürlich über eine ausreichende
Zahl von Differenzen, um ihre Verschiedenheit herauszustreichen.
Die beiden Bedeutungsvarianten A 2a und A 2b fordern nun jeweils
Anschlussfragen heraus. Im ersten Fall drängt sich nicht nur die noto-
risch zum Streitpunkt prädestinierte Frage nach der Abgrenzung von
Natur und Kultur auf, sondern damit auch, ob es sich um zwei metho-
disch gänzlich zu trennende Bereiche handelt oder ob Mechanismen der
Natur im kulturellen Bereich weiterwirken. Im zweiten Fall, bei dem es
um Abgrenzung von Kulturen voneinander geht, wird außer der Ab-
grenzungsfrage die Frage nach den Verständigungsmöglichkeiten von
Kulturen untereinander unabweisbar.
Für die Literaturwissenschaft ergeben sich daraus unterschiedliche
Konsequenzen: Wird der klassische Kulturbegriff (A 1) auf Basis eines
etymologischen Verständnisses zugrunde gelegt, so ergibt sich daraus
eine wertungsorientierte (und daher bewusst selektive) literarhistorische
Erbepflege und Erbekonstruktion in Gestalt von Editionen, Interpreta-
tionstätigkeit usw., wie sie bis in die Germanistik der 1960er-Jahre hinein
dominiert. Literarische Vereine, Archive, Gesamtausgaben und alles, was
der Pflege des ‚literarischen Erbes‘ dient, sind einem solchen Begriff von
Kultur verpflichtet, der die Entstehung des Faches Germanistik (wie die
der anderen Nationalphilologien) historisch ermöglicht hat. Gegen kul-
Kulturwissenschaften 293
turrevolutionäre Erschütterungen hat er sich als vergleichsweise stabil
erwiesen. Zwar hat der Kanon der deutschen Literaturwissenschaft ei-
nige Wandlungen erfahren und sich insgesamt erheblich flexibilisiert,
aber die zeitweilig von manchen Fachvertretern im Gefolge der 68er-Be-
wegung angestrebte Zerschlagung hat nicht stattgefunden. Das ist nicht
überraschend, denn es sind zwar an den jeweiligen historischen Bedürf-
nissen orientierte ‚Gegenkanones‘ möglich, ein gänzlicher Verzicht auf
Selektivität ist aber schlicht nicht funktionsfähig (Dies wird gerade auch
an Jugend- und Populärkulturen sichtbar, die sich durch ausgeprägte Ka-
nonisierungsprozesse mit radikalen Ausschlussmechanismen von ihrer
Umgebung abgrenzen.) Darüber hinaus wäre er auch kaum wünschens-
wert, da das Fach damit auf jede innerfachliche und wissenspolitische
Gestaltungsmöglichkeit verzichtet würde. Es scheint, dass sich die jün-
gere Forschung von dieser Utopie stillschweigend verabschiedet hat.
Variante (A 2a) hat für die Literaturwissenschaft so gut wie keine Re-
levanz, da das, womit sie es zu tun hat, immer schon Kultur ist (eine Ab-
grenzung ‚Literatur‘ gegen ‚Natur‘ wäre absurd), was allenfalls die biolo-
gistisch inspirierten Versuche der Nationalsozialisten anders gesehen
haben. Variante (A 2b) („alle Praxisformen, die eine bestimmte Kultur
hervorgebracht hat“) schließlich ist für die jüngste, sich schwerpunktmä-
ßig als Kulturwissenschaft begreifende Literaturwissenschaft von größ-
ter Bedeutung geworden.
3./4. Institutionsgeschichte und Publikationen
Der Boom kulturwissenschaftlicher Methoden (in der Germanistik etwa
seit den späten 1980er-Jahren) reagiert fachgeschichtlich auf drei glei-
chermaßen als einseitig empfundene Festschreibungen: einmal auf die
klassische Konzentration auf die Achse Text-Autor, dann auf die litera-
tursoziologische Vogue im Gefolge der 68er, die Literatur häufig einsei-
tig im Sinne eines materialistischen Determinismus interpretierte; und
schließlich auf die sprachphilosophische Fixierung, die mit dekonstruk-
tivistischen und anderen postmodernen Modellen Einzug hielt und die
Welt auf ein endloses Spiel von Verweisen reduzierte. Demgegenüber
wurde nach einer umfassenderen Wahrnehmung des Phänomens Litera-
tur verlangt.
Die enge Verbindung zwischen der Literaturwissenschaft und ande-
ren humanwissenschaftlichen Fächern ist wissenschaftsgeschichtlich
aber nicht neu. Sie fand ihre Vorgängerpraxis in der „Geistesgeschichte“,
294 Bettina Gruber
ein Begriff, der ähnlich vage ist wie der der Kultur und genau deshalb
eine ähnlich hohe Anschlussfähigkeit bewies. Eine Reihe neuerer Arbei-
ten belegt ein Wiederaufleben des Begriffs.
2
„Ich gehe von dem umfassenden Tatbestand aus, welcher die feste
Grundlage jedes Räsonnements über die Geisteswissenschaften bildet.
Neben den Naturwissenschaften hat sich eine Gruppe von Erkenntnis-
sen entwickelt […], welche durch die Gemeinsamkeit des Gegenstandes
miteinander verbunden sind. Solche Wissenschaften sind Geschichte,
Nationalökonomie, Rechts- und Staatswissenschaften, Religionswissen-
schaft, das Studium von Literatur und Dichtung, von Raumkunst und
Musik, von philosophischen Weltanschauungen und Systemen, endlich
die Psychologie. Alle diese Wissenschaften beziehen sich auf dieselbe
große Tatsache: das Menschengeschlecht. Sie beschreiben und erzählen,
urteilen und bilden Begriffe und Theorien in Beziehung auf diese
Tatsache. Was man als Physisches und Psychisches zu trennen pflegt,
ist in dieser Tatsache ungesondert“.
3
Das Zitat von Wilhelm Dilthey
(1833–1911) zeigt, dass die Kulturwissenschaften, wiewohl unter diesem
Label meist als ganz rezente Entwicklung begriffen, auf Vorläuferkon-
struktionen zurückblicken können. Tatsächlich ist das Feld, das Dilthey
hier für seine „Geisteswissenschaften“ reklamiert, von dem der heutigen
Kulturwissenschaften kaum unterscheidbar. Suggeriert zunächst der
Kulturbegriff eine größere Materialität als der idealistisch konnotierte
des Geistes, so zeigt sich anhand von Diltheys Begriffsbestimmung, dass
dieser Eindruck nicht haltbar ist. Den Begriff des Geistes dehnt er näm-
lich auf all das aus, was heute in das Feld der Kulturwissenschaften fällt,
und verleiht ihm durch die Referenz auf das „Physische“ eine durchaus
materielle Basis. Auch der anthropologische Rückbezug („dieselbe große
Tatsache: das Menschengeschlecht“) ist den neueren Kulturwissenschaf-
ten erhalten geblieben und im Begriff der ‚humanities‘ oder ‚sciences hu-
maines‘ sogar titelgebend geworden, obwohl anthropologische Annah-
men meist implizit bleiben. Was sich allerdings seit Dilthey entschieden
geändert hat, ist die Reichweite der jeweiligen Fächer, im Falle der Lite-
2
Vgl. Raphael, Lutz (Hrsg.), Idee als gesellschaftliche Gestaltungskraft im Europa der Neu-
zeit. Beiträge für eine erneuerte Geistesgeschichte, München 2006; zum historischen
Begriff: König, Christoph / Lämmert, Eberhard (Hrsg.), Literaturwissenschaft und
Geistesgeschichte 1910 bis 1925, Frankfurt a. M. 1993.
3
Dilthey, Wilhelm, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. Einlei-
tung von Manfred Riedel [1970], 3. Aufl., Frankfurt a. M. 1990, S. 89.
Kulturwissenschaften 295
raturwissenschaften die Integration populärkultureller Phänomene, die
für Dilthey unter „Literatur und Dichtung“ noch nicht befasst waren.
Diltheys einflussreiche Konzeption der Geisteswissenschaften (Haupt-
wirkung seit 1914 mit der Herausgabe seiner gesammelten Schriften und
zwischen den beiden Weltkriegen) ist ihrerseits nicht denkbar ohne das
von den Romantikern entwickelte Bewusstsein der Geschichtlichkeit
von Lebenswelten. Wichtigster Vorläufer ist hier Giambattista Vico
(1668–1744) mit seinen Principii di una scienza nuova d’intorno alla communa
natura delle nazioni (1725). Vico ist so bemerkenswert, weil er die histori-
sche Gewordenheit kultureller Welten hervorhebt und damit gegen mo-
nistische cartesianische Erkenntniskonzepte Position bezieht, die nicht
geeignet sind, diese zu erfassen. Gegenüber den charakteristischen baro-
cken Vorstellungen einer auf alles anwendbaren ‚mathesis universalis‘
wird hier die Eigenständigkeit des Kulturell-Historischen betont ebenso
wie der universelle (also: anthropologische) Charakter dieser historischen
Gewordenheit; es geht Vico also noch nicht (wie später der Roman-
tik) um die Differenz von Einzelkulturen, sondern um ihre Gemeinsam-
keiten.
Seit ihrer Entstehung aus dem Geist der Romantik ist die Germanis-
tik eine Disziplin, die in hohem Maße vom Input anderer Fächer gelebt
hat. Für ihre Begründung durch die Brüder Grimm und andere ist das
konstitutiv: Das Interesse an Geschichte, Rechts- und Religionsge-
schichte geht dem im heutigen Sinn ‚literaturwissenschaftlichen‘ voraus.
Die Germanistik war also in ihren Anfängen schon einmal eine Kultur-
wissenschaft, bevor sie in eine reine Philologie überführt wurde. Und
diese Überführung blieb immer nur partiell: Schon der Positivismus mit
seinem Dogma von „race, milieu, moment“,
4
das bei dem Germanisten
Wilhelm Scherer zum „Erlebten, Ererbten, Erlernten“ wurde, prakti-
zierte durchaus eine Kulturwissenschaft ‚ante datum‘, wenn auch weder
die Idee eines ‚Ererbten‘ noch die einer durchgehenden Determiniert-
heit kultureller Äußerungen unserer Auffassung entspricht. (Was die De-
terminiertheit betrifft, finden sich allerdings aktuelle Anschlüsse in der
durch Pierre Bourdieu weiterentwickelten marxistischen Debatte.) Mehr
oder weniger zeitgleich wird der Begriff „science of culture“ bei dem eng-
lischen Ethnologen Edward Tyler wohl erstmals verwendet. Die Zeit um
1900 ist eine Hochphase kulturwissenschaftlicher Aktivität, auch wenn
diese (meist) nicht unter diesem Titel läuft. Wilhelm Dilthey, Georg Sim-
4
Taine, Hippolyte, Histoire de la littérature anglaise, 1864, Einleitung.
296 Bettina Gruber
mel, Ernst Cassirer, Max Weber, Sigmund Freud und andere leisten ent-
scheidende Beiträge. Allerdings fällt deren Integration in die Germanis-
tik zeitlich und quantitativ ganz unterschiedlich aus. Gelingt es Dilthey
u. a. mit Das Erlebnis und die Dichtung (ersch. 1906), einer Studie, in der er
produktionsästhetisch die Kategorie der „Lebenserfahrung“ in den Mit-
telpunkt stellt, prägenden Einfluss zu entfalten, und finden Freuds
Ideen relativ früh literaturwissenschaftliche Anwendung, so gibt es bis
heute kaum systematische literaturwissenschaftliche Applikationen der
Weber’schen Theorie.
5
Ähnlich verhält es sich mit Georg Simmel, dessen
originelle lebensphilosophisch inspirierte Thesen weitgehend ohne in-
nergermanistischen Anschluss geblieben sind. Die Lebensphilosophie
als das beherrschende Paradigma jener Phase wirkte allerdings an uner-
warteter Stelle nach, nämlich in der französischen Dekonstruktion, de-
ren Abneigung gegen systematisches „logozentristisches“ Denken und
deren Vorliebe für das (als progressiv eingestufte) „freie Flottieren“ auf
die Metaphorik der Lebensphilosophie zurückgeht, deren rationalitäts-
kritischen Impuls sie erbt.
6
Auf dem Umweg über Dekonstruktion/
Postmoderne kehrt diese so wirkmächtig in die Germanistik zurück. Am
deutlichsten wird dies an Friedrich Nietzsche, der für die Neukonstitu-
tion der Kulturwissenschaft seit den 1980er-Jahren die überragende Fi-
gur darstellt. Nietzsches Werk mit seinen widersprüchlichen Phasen
fand dabei eine sehr selektive Verwendung. Es lieferte hauptsächlich
zwei Denkfiguren, die allerdings beherrschenden Stellenwert gewinnen
konnten: einmal die der Genealogie, dann die der Subjektkritik. Die Ge-
nealogie geht von der Annahme aus, der Trieb nach Macht sei die be-
herrschende Kraft hinter allen Handlungen; Nietzsches Subjektkritik
dagegen stützt sich auf eine sprachphilosophische Überlegung und be-
stimmt das ‚Ich‘ als eine bloße Funktion der Grammatik. Beide Gedan-
ken koppeln sich im Werk Michel Foucaults, das einen nachhaltigen Ein-
fluss auf die Literaturwissenschaften gewann. Sie spiegeln eine negative
Anthropologie (ähnlich wie bei Freud), die das Interesse an der Einzel-
person (sei es als Autor oder Leser) aus der Literaturwissenschaft ver-
schwinden ließ. Die Vorstellung selbstbestimmten Handelns erscheint
als bloßer ‚Subjekteffekt‘, als eine sprachlich induzierte Täuschung. Fou-
5
Vgl. Weiller, Edith, Max Weber und die literarische Moderne. Ambivalente Begegnungen
zweier Kulturen, Stuttgart 1994.
6
Vgl. Preusser, Heinz-Peter, „Logozentrismus und Sinn. Indikatoren eines Paradig-
menwechsels. Ludwig Klages-Jacques Derrida-Georges Steiner“, in: Weimarer Bei-
träge, 45/1999, 2, S. 199–217.
Kulturwissenschaften 297
caults zentrale Innovation über Nietzsche hinaus ist jedoch der Begriff
des ‚Diskurses‘. Foucaults Grundannahmen, die eine Art von ‚Diskurs-
determinismus‘ einführen, sind nichtsdestoweniger in ihren Ergebnissen
gerade aus einer kulturwissenschaftlich orientierten Literaturwissen-
schaft nicht wegzudenken.
Auch die von Oskar Walzel propagierte „wechselseitige Erhellung der
Künste“ gehört in diesen Zusammenhang einer Vorgeschichte der Kul-
turwissenschaften als Versuch disziplinärer Integration. Mit dem Werk
Aby Warburgs leistet die Kunstgeschichte eine elementare Vorarbeit für
den späteren sog. Iconic Turn. Gustav René Hockes in Die Welt als Laby-
rinth. Manier und Manie in der Europäischen Kunst (1957–59) entwickelter
umstrittener ‚Manierismus‘-Begriff zielt auf eine Integration des Litera-
rischen und Ikonischen ab.
7
Diese Ansätze wurden im Begriff der ‚Inter-
medialität‘ weiterentwickelt, der schon als solcher auf die vorherr-
schende fächerintegrative Tendenz hinweist.
Mit dem Strukturalismus des französischen Ethnologen Claude Lévi-
Strauss’ lässt sich vom Einsetzen einer regelrechten ‚Ethnologisierung
der Literaturwissenschaften‘ sprechen, die in zwei Phasen verläuft: auf
eine strukturalistische Phase, in Deutschland seit den 1960er-Jahren,
folgt eine konstruktivistische im Gefolge von Clifford Geertz.
Von Anfang an bildet die Ethnologie eine Meisterdisziplin für die
Entstehung der Kulturwissenschaften und bleibt auch nach deren Etab-
lierung eine Folie für Referenzen. Es ist kein Zufall, dass Edward B. Tyler
in Primitive Culture (1871) den Begriff als ‚science of culture‘ verwendet,
dass dieser also aus der Ethnologie heraus geboren wird. Der beliebte
und meist im Sinne einer Immunisierungsstrategie eingesetzte Ethno-
zentrismusvorwurf wird schon durch diese Genese zweifelhaft. Kultur-
wissenschaften konstituieren sich ‚ab ovo‘ aus dem Vergleich mit ande-
ren Kulturen (Luhmann) und dass sie diesen Vergleich mit eigenen
Kategorien und nicht mit denen der untersuchten Ethnien anstellen, liegt
in der Natur der Sache: Wissenschaft übernimmt nicht die Selbstbe-
schreibungen ihrer Gegenstände, sonst wäre sie keine. Kulturwissen-
schaften sind also, im Gegensatz zu einer verbreiteten Auffassung, auch
und gerade als Errungenschaft der Offenheit euroamerikanischer Kultur
und deren Fähigkeit, das Fremde thematisch zu machen, zu begreifen.
7
Vgl. Hocke, Gustav René, Die Welt als Labyrinth. Manier und Manie in der europäischen
Kunst (Bd. 1), Manierismus in der Literatur (Bd. 2), Reinbek b. Hamburg 1957 u. 1959.
Illustrierte Studienausgabe unter dem Titel Die Welt als Labyrinth. Manierismus in der
europäischen Kunst und Literatur, Reinbek b. Hamburg 1991.
298 Bettina Gruber
Lévi-Strauss ist als ein wichtiger Vorgänger und Zeuge des heutigen
Paradigmas Kulturwissenschaften zu verstehen. Indem sich der ethnolo-
gische Strukturalismus an der Linguistik orientierte und ihr seine we-
sentlichen Verfahrensweisen entnahm, machte er jene Nutzung fremder
Fächer als Medium vor, die für die heutigen Kulturwissenschaften so
kennzeichnend ist. Die Literaturwissenschaft adaptierte dann wiederum
Strauss. Das Operieren mit vielfältigen Oppositionspaaren ermöglichte
saubere Textanalysen und kam dem Bedürfnis der Zeit nach einem ge-
genüber der unmittelbaren Nachkriegsgermanistik präziseren Vorgehen
entgegen. In die Germanistik hinein wirkte wohl am einflussreichsten
der von Helga Gallas herausgegebene Band Strukturalismus als interpreta-
tives Verfahren,
8
der eine Reihe längst klassischer Artikel von Lévi-Strauss,
Barthes, Kristeva, Greimas, Lacan und anderen versammelte. Ein Bei-
spiel für die Wirkung der Strauss’schen Methode auf die deutsche Dis-
kursanalyse, wie sie in der Link-Schule entwickelt wurde, bietet auch
Rolf Parrs Studie zu Strukturen und Funktionen der Mythisierung Bismarcks.
9
Aber das Interesse, auf das Strauss traf, speiste sich nicht nur aus den
Analysekategorien, die der Strukturalismus bereitstellte. Sein Haupt-
werk, die Mythologica I–V, wurde und wird eher wenig zitiert. Traurige Tro-
pen (Tristes Tropiques, 1955) dagegen avancierte zum ‚Kultbuch‘, weil sich
darin Literatur, Ethnologie, philosophische Elemente und kulturkriti-
sche Reflexion auf komplexe Weise verschränken. Die sich daraus erge-
bende Faszination richtet sich nicht so sehr auf das Fremde als solches
als vielmehr auf das Verhältnis des Fremden zum Eigenen. Lévi-Strauss’
furios vorgetragener Rousseauismus und seine skeptische Wendung ge-
gen die als zerstörerisch erlebte eigene Kultur sind charakteristisch auch
für den Impuls der eigentlichen Cultural Studies, die sich überwiegend
aus kritischen Projekten heraus entwickelt haben.
Die auffallende ‚Ethnologisierung/Ethnographisierung‘ der Kultur-
wissenschaften setzt sich fort mit Clifford Geertz’ Dichte Beschreibung.
Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Der Titelaufsatz des gleichnami-
gen Bandes greift mit dem Begriff des ‚Verstehens‘ über den sich szien-
tifisch gebenden Strukturalismus auf einen hermeneutischen Horizont
und über die taxonomiefeindliche Dekonstruktion auf den Begriff des
‚Systems‘ zurück. Er verschmelzt damit zwei unterschiedliche Zugangs-
8
Gallas, Helga (Hrsg.), Strukturalismus als interpretatives Verfahren, Darmstadt, Neu-
wied 1972.
9
Vgl. Parr, Rolf, ‚Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.‘ Strukturen und Funktionen der
Mythisierung Bismarcks, München 1992.
Kulturwissenschaften 299
formen, nämlich eine subjektbezogene, die auf die reflektiv kontrollierte
Erfahrung des Interpreten setzt (kontrollierte Subjektivität), mit einem
objektivierenden Blick, der kulturelle Manifestationen als Teil eines ‚Sys-
tems‘ begreift.
„Ethnographie betreiben, gleicht dem Versuch, ein Manuskript zu
lesen (im Sinne von ‚eine Lesart entwickeln‘), das fremdartig, verblasst,
unvollständig, voll von Widersprüchen, fragwürdigen Verbesserungen
und tendenziösen Kommentaren ist, aber nicht in konventionellen Laut-
zeichen, sondern in vergänglichen Beispielen geformten Verhaltens ge-
schrieben ist“.
10
Geertz lehnt ausdrücklich die Vorstellung, es handle sich dabei um ein
„Dechiffrieren“ vorgegebener „Codes“,
11
ab und stellt der „Arbeit des
Dechiffrierers“ die des „Literaturwissenschaftlers“, mit dem er den Eth-
nologen vergleicht, entgegen. Seine Auffassung beider Tätigkeiten rückt
also die Tätigkeit des Interpretierens ins Zentrum und weist dadurch jede
kulturwissenschaftliche Aktivität als eine letztlich hermeneutische aus.
Diese Unvermeidlichkeit des Interpretierens rehabilitiert die Hermeneu-
tik, die durch Szientismus (die Vorstellung, Literaturwissenschaft könne
ihre Gegenstände nach dem Muster der Naturwissenschaften bearbei-
ten) einerseits und einen Dekonstruktivismus, der den Interpretations-
begriff ablehnte, andererseits in den Ruf des Veralteten geraten war.
Dichte Beschreibung untergräbt damit die Möglichkeit pseudo-objektiver
Strategien ebenso wie die Legitimität reiner assoziierender Beliebigkeit.
Allerdings sind die Forderungen der Aufmerksamkeit, Selbstkontrolle
usw., die für den Interpreten erhoben werden, genauso wenig systemati-
sierbar wie die alte Hermeneutik – Geertz’ Aufsatz bleibt damit eine
Programmatik der Programmlosigkeit und die Tätigkeit des Kultur-
(alias Literatur-)wissenschaftlers eher Handwerk oder Kunst als eine
Wissenschaft im strengen Sinn.
Einen Sonderbereich der Kulturwissenschaften bilden die an die Eth-
nologie wie an die dekonstruktivistische Sprachphilosophie eng anschlie-
ßenden Postcolonial Studies. Mit weiten Bereichen der Gender Studies
haben sie gemeinsam, dass der normalerweise in den Kultur- und Geistes-
wissenschaften befolgte Grundsatz einer ‚Latenthaltung des Politischen‘
hier schon bei der Konstituierung des Feldes durchbrochen wird. Die
Postcolonial Studies widmen sich der Lage entkolonialisierter Länder und
10
Geertz, Clifford, Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, 5. Aufl.,
Frankfurt a. M. 1997.
11
Ebd., S. 15.
300 Bettina Gruber
Gebiete und adoptieren dabei identifikatorisch den (oft nur unterstellten)
Blickwinkel der Entkolonialisierten. Schon aus dieser Ausgangsposition
erhellt die grundlegende Problematik des ganzen Paradigmas: Meist spre-
chen diese nicht für sich selbst, sondern Intellektuelle mit ‚westlicher‘ Aus-
bildung sprechen für sie. Das zweite methodische Problem liegt in der
Konstruktion von Groß-Subjekten, die gegeneinander in Stellung ge-
bracht werden: die Generalisierung von Kolonisatoren hier und Koloni-
sierten dort verdeckt massive Unterschiede zwischen letzteren. Sie ver-
deckt auch, dass die z. B. bei den Gründerfiguren Frantz Fanon und
Edward Said artikulierten Anschauungen und Forderungen gerade nicht
Ergebnis autochthoner Traditionen, sondern europäisierter Sozialisation
sind. Im Wesentlichen stehen die Postcolonial Studies damit in einer nicht
zulänglich reflektierten rousseauistisch-romantischen Tradition.
Doch nicht nur Nachbardisziplinen haben einen Beitrag zur Bestim-
mung des Kulturbegriffs geleistet: Mit der Auffassung von ‚Kultur als
Text‘ hat die Literaturwissenschaft den Versuch unternommen, sich
selbst ins Zentrum der Kulturwissenschaften zu begeben. Es ist aller-
dings auffallend, dass sie das ‚Angebot‘ selbst dazu aus der Ethnologie
erhält: Geertz’ metaphorische Redeweise von Buch und Palimpsest be-
hauptet das Lesen als zentrale Kulturtechnik, indem es kulturelles Ver-
stehen am Modell des Lesens orientiert. Nahe liegend wäre es gewesen,
dass ein solches Modell in den Literaturwissenschaften selbst entwickelt und
von ihnen propagiert worden wäre. Dies ist aber nicht der Fall. Wissen-
schaftshistorisch erstaunt der defensive Charakter des literaturwissen-
schaftlichen Engagements, der entscheidende Neuerungen bevorzugt
als Import aus anderen Disziplinen zu akzeptieren vermag. Die Wahr-
nehmung des Kontextes (also der ‚Umgebung‘ von Texten) als ‚Text‘ er-
laubt die Präparierung von Sinnzusammenhängen, tilgt aber Materialität
und Ereignishaftigkeit dessen, was eben nicht im Grundsinn des Wortes
Text ist. Dies ist besonders kritisch in Hinblick auf den Körper, der sich
dagegen sperrt, im Prozess der Semiose aufzugehen. Auf dieses Manko
antwortet dann das Paradigma von Kultur als Performanz, das die Ereig-
nis- und Prozesshaftigkeit aller kulturellen Äußerungen in den Mittel-
punkt stellt. Das Modell der Textualität von Kultur ist für den Literatur-
wissenschaftler besonders verlockend, denn es bietet ihm die scheinbare
Chance, seine Verfahren auf das gesamte Feld der Kultur auszudehnen
und damit unter den Kulturwissenschaften ein Alleinstellungsmerkmal
zu erlangen. Diese Vorstellung, die die Literaturwissenschaft in den Rang
eines Meisterdiskurses erhebt, läuft jedoch Gefahr, die Eigengesetzlich-
keit anderer Materialien und Felder in hybrider Weise zu ignorieren. Kul-
Kulturwissenschaften 301
tur lässt sich als Text denken, allerdings setzt dies einen anderen Text-
begriff voraus als den herkömmlichen. Ein solches Unternehmen rückt
wieder in die Nähe einer allgemeinen Semiotik, wie sie vor allem von
Umberto Eco konzipiert worden ist. Ein geschärftes Bewusstsein dafür,
dass man hier lediglich mit einer Metapher operiert, die dem Literatur-
wissenschaftler strategisch besonders gute Karten verschafft, ist zudem
unerlässlich. Letztlich wäre es sinnvoll, beide Modelle, Textualität und
Performativität, als alternative Beschreibungsweisen bestehen zu lassen
und durch eine bislang ausstehende Theorie der Materialität zu ergänzen.
Zwei weitere für die Literaturwissenschaft relevante neuere Ansätze
müssen noch genannt werden: die Auffassung von Kultur als Gedächt-
nis bzw. als Serie von Erinnerungsakten (sog. Memoria-Theorien) sowie
das Paradigma des Vergleichens.
„Werden in der Kognitionswissenschaft, der Neurobiologie und der
Psychologie eher die neuronalen Prozesse in Verbindung mit Bewusst-
seinsstrukturen untersucht, so stehen in den kulturwissenschaftlichen
Memoria-Theorien soziale wie ästhetische Aspekte im Vordergrund, und
anders als in den konstruktivistischen Modellen, an die sie anzuschließen
scheinen, werden eher hermeneutische Verfahren aufgegriffen“.
12
Dass das Aufgreifen hermeneutischer (hier im weitesten Sinn verstan-
den, also auch semiotischer) Verfahren in den Kulturwissenschaften un-
hintergehbar ist und diese daher durch das Problem der Interpretation
auf das Engste mit literaturwissenschaftlichen Fragestellungen verbun-
den sind, hat Clifford Geertz (s. u.) dargelegt. Erinnerung und Gedächt-
nis dagegen sind in doppelter Weise mit dem Phänomen Literatur und
seiner wissenschaftlichen Bearbeitung verbunden. Erstens gilt jegliche
Erinnerung als fiktiv (A. Assmann) und steht dadurch in einer unmittel-
baren Parallele zur dichterischen Tätigkeit; zweitens trifft die grundsätz-
liche Bestimmung als Erinnerungsspeicher und damit als Identitätssiche-
rung, welche Assmann der Kultur zuschreibt, eben auch in eminentem
Ausmaß auf Literatur zu.
Außer dem Komplex Gedächtnis/Erinnerung kommt einer weiteren
Größe fundamentale Bedeutung zu, nämlich der Figur des Vergleichs.
Der Systemtheoretiker Dirk Baecker, ein Schüler Niklas Luhmanns, hat
sie in den Mittelpunkt seines Kulturverständnisses gerückt:
„Erst in der Neuzeit machen es die Erfindungen des Kulturbegriffs
und parallel dazu, des Begriffs des ‚Menschen‘ erforderlich, sich selbst
12
Schößler, Franziska, Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft. Eine Einführung, Tü-
bingen 2006, S. 195.
302 Bettina Gruber
mit anderen zu vergleichen. Denn die anderen leben zwar anders,
aber das liegt nicht daran, daß sie keine Menschen sind. Sondern es
liegt daran, daß sie eine andere Kultur haben. Das ist das wichtigste
Moment des modernen Kulturbegriffs: der Vergleich der Lebensum-
stände zwischen den Menschen, und dies in regionaler und historischer
Hinsicht. Erst jetzt, essayistisch auf den Punkt gebracht von Montai-
gne und ausgearbeitet von Vico, Herder und vielen anderen, entstehen
Historiographie, Anthropologie und Ethnologie im modernen Wort-
sinn.
Die Kultur ist jetzt nicht mehr eine Frage der Verehrung wie in der
Antike. Sie wird zu einer Frage des Vergleichs“.
13
Zwar liegt es nahe, die Wichtigkeit des Vergleichs für den modernen
Kulturbegriff eher auf die verstärkten Kontakte mit Fremdkulturen zu-
rückzuführen als auf die ‚Erfindung‘ des Menschen (die implizieren
würde, die Antike hätte keine Anthropologie gehabt), aber das Argu-
ment ist nachvollziehbar. Auch der Begriff der ‚Religion‘ ist ein solcher
Vergleichsbegriff, während vorher eher von Glauben (fides) die Rede
war. Da „die materielle Basis des Vergleichs“
14
die Schrift ist, ist schon
deshalb die Literatur involviert, die ein zentraler Schauplatz dieser nun-
mehr unabwendbaren Praxis des Dauervergleichs wird.
Einen wichtigen neuen Beitrag zum Verhältnis von Kultur und Tex-
ten/Textualität leistet Moritz Baßlers 2005 erschienene Studie Die kultur-
politische Funktion und das Archiv, die ankündigt, eine „Theorie der Textua-
lität […], die Text und kulturellen Kontext zugleich beschreibt“, zu
bieten. Die Theoriebildung zielt also kühn auf nicht weniger als die
Überwindung der Spaltung zwischen immanenten und nicht-immanen-
ten Methoden ab. Sie nimmt dabei Rekurs auf „die literaturwissenschaft-
liche Praxis des New Historicism“ sowie auf „den strukturalistischen
Text- und den poststrukturalistischen Intertextualitätsbegriff“.
„Weil Texte per definitionem nicht nur lesbar, sondern immer wieder
lesbar sind, ist es möglich, sie immer neu zu kontextualisieren, das heißt:
sie mit anderen Texten zu vergleichen, die ebenfalls immer wieder lesbar
sind. Die Archivanalyse, in die man damit eintritt, ist keine Erweiterung
der Lektüre, sie macht nur explizit, was immer schon Bedingung der
Lektüre war und ist“.
15
13
Baecker, Dirk, Wozu Kultur?, 2. Aufl., Berlin 2001, S. 66.
14
Ebd., S. 68.
15
Baßler, Moritz, Die kulturpoetische Funktion und das Archiv. Eine literaturwissenschaft-
liche Text-Kontext-Theorie, Tübingen 2005, S. 363.
Kulturwissenschaften 303
Baßler selbst bezeichnet diesen Ansatz als „archivimmanenten Struk-
turalismus“. Bedeutsam für die Literaturwissenschaft an sich ist dabei
nicht nur eine Perspektive, die kulturalistische und immanente Ansätze
eher nach Art eines Vexierbildes begreift denn als feindselige Gegen-
sätze, sondern auch der Rückgriff auf strukturalistische Denkmuster, de-
ren hohes Analysepotential erneut sichtbar wird.
5. Fachgeschichtliche Einordnung
Niklas Luhmann bemerkte einmal sarkastisch in Hinblick auf Thomas S.
Kuhns berühmten Begriff des ‚Paradigmas‘, niemand habe jemals heraus-
gefunden, wie dieser genau zu verstehen sei. Diese ‚Ungenauigkeit‘ oder
Vielschichtigkeit von wissenschaftlichen Leitkonzepten ist jedoch nicht
einfach ein Mangel, sondern sie ist konstitutiv für sog. Paradigmen.
Eben ihre Unschärfe ermöglicht, unter ihnen Disparates zu versammeln,
wodurch sie erst zu Leitkonzepten aufsteigen können. Sie ermöglicht
also Anschließbarkeit auch über die Einzeldisziplin hinaus, während
‚scharf‘ definierte Konzepte meist sogar auf eine Schule innerhalb einer
Disziplin beschränkt bleiben. Als Beispiel kann hier Luhmanns eigener
Begriff des ‚Systems‘ gelten, der seinen Siegeszug nur antreten konnte,
indem er der sehr präzisen Begriffsbestimmung innerhalb der soziologi-
schen Systemtheorie entkleidet wurde. Ähnliches gilt für den Begriff des
‚Diskurses‘, der an Inhalt je mehr verlor, je präsenter er in der interdis-
ziplinären Debatte wurde. Präzise und handhabbare Diskurskonzepte,
wie das von Jürgen Link und Ulla Link-Heer entwickelte, sind meist
nicht gemeint, wenn der Diskursbegriff in der Debatte auftritt. Man fin-
det sie eher in spezialisierten Studien, wo der Zwang, benutzte Termini
zu belegen, zu definitorisch präziserer und konsequenterer Begriffs-
verwendung führt. Die sowohl innerfachliche als auch interdisziplinäre
Debatte neigt dazu, Paradigmen in einem Prozeß des ständigen Verlusts
an Inhalten zu verschleißen und dann durch neue Kandidaten zu ersetzen.
In beiden Fällen ist dies der Forderung nach Anschließbarkeit geschul-
det, ohne welche die Disziplinen in abgeschlossenen Kompartimenten
(buchstäblich in ‚Fächern‘) operieren würden. Statt diesen Vorgang als
‚Oberflächlichkeit‘ zu beklagen, muss man sich klar machen, dass hier
eine epistemologische Gesetzmäßigkeit vorliegt. Wissenschaften benöti-
gen zur Verständigung untereinander und mit der interessierten Umwelt
eine ‚Koiné‘, eine Gemeinsprache, die Verständigung überhaupt möglich
macht. Zugleich ist kritisch festzustellen, dass ein mit erhöhter Ge-
304 Bettina Gruber
schwindigkeit verlaufender Paradigmenwechsel, wie er in den Kulturwis-
senschaften der letzten Jahre zu beobachten war, auf strukturelle Pro-
bleme hinweisen kann. Die sich mit verblüffender Geschwindigkeit
ablösenden ‚turns‘ nur als einen Hinweis auf eine wissenschaftsgeschicht-
liche Periode besonderer intellektueller Produktivität begreifen zu wol-
len, wäre unzureichend. Diese Entwicklung ist zunächst der Tendenz
zu rapide evolvierenden medialen Verbundphänomenen (Film, Neue
Medien) geschuldet, die für Literatur inhaltlich und strukturell eine stei-
gende Rolle spielen. Die Faktoren Unschärfe und mediale Einbindung
erklären den Siegeszug der Kulturwissenschaften, allerdings nicht alleine.
Stattdessen ist dieser das Ergebnis eines massiv gestiegenen Drucks, den
wirtschafts- und wissenschaftspolitische Verschiebungen auf die Wis-
senschaftler ausüben. Einzelfächer werden aus Kostengründen zu kul-
turwissenschaftlichen Instituten umgeschmolzen, und die universitäre
Überproduktion an Kulturwissenschaftlern verschärft die Konkurrenz
und steigert damit die Innovationsgeschwindigkeit. Da theoretische In-
novationen in den Kulturwissenschaften vornehmlich an ihrer inneren
Kohärenz gemessen werden und anders als in den meisten naturwissen-
schaftlichen und allen technischen Fächern keiner Realitätsprüfung un-
terliegen, ist dies nicht immer ein Gewinn. In dieser Situation besteht die
Gefahr eines Verlusts an fachspezifischer Kompetenz. Die Spezialisie-
rung in den Geistes-/Humanwissenschaften ist eben keine beliebige
Entwicklung, die schadlos wieder abgeschafft werden könnte, sondern
dem realen Reichtum kulturellen Materials geschuldet, das durch die Bil-
dung von Disziplinen strukturiert, aber (entgegen radikalkonstruktivis-
tischen Positionen) eben nicht hervorgebracht wird.
Defizite liegen weiters in der Tendenz, innerhalb der Literaturwissen-
schaften kulturelle Phänomene abzuhandeln, die schwer in einen er-
kennbaren Zusammenhang mit Literatur gebracht werden können. Der
Literaturwissenschaftler erledigt so die Arbeit anderer Disziplinen und
betätigt sich als eine Art ‚Universalspezialist‘, wobei mitunter Kompe-
tenzen arg überdehnt werden.
Rudolf Helmstetter und Michael Makropoulos bezeichnen „Distan-
zierung von den kulturellen Selbstverständlichkeiten“ als Leistung der
Kulturwissenschaften. Die eigene Kultur könne nur verstanden werden
aus ihrer Geschichte einerseits und dem Vergleich mit anderen Kulturen
andererseits. „Was Kunst im Modus der Fiktionalität tut, das tun die
Kulturwissenschaften im Modus der Historizität und des Blicks über die
Grenzen des allzu vertraut Scheinenden. Den Kulturwissenschaften
kommt in modernen Gesellschaften die Funktion des Gedächtnisses zu,
Kulturwissenschaften 305
und zwar als spezifischer Instanz, die die Selbstverständlichkeiten und
Transzendentalien einer Gesellschaft einer beständigen Konfrontation
mit anderen Möglichkeiten aussetzt. […] sie haben es deshalb bewusst
nicht in erster Linie mit Aktualität zu tun, sondern mit der Geschichte
der Gegenwart, mit ihrer Entstehung, ihren Potentialitäten und am Ende
eben auch mit ihren nicht verwirklichten Möglichkeiten. Nicht in der
Orientierung an Aktualität besteht die Aufgabe der Kulturwissenschaf-
ten, sondern in der Organisierung der Latenz – der Latenz der Gesell-
schaft wohlgemerkt. Diese Latenz objektiviert sich in sozialen Möglich-
keitshorizonten. Sie bilden den allgemeinen analytischen Gegenstand
der Kulturwissenschaften, weil sie das permanent veränderliche Archiv
des gesellschaftlichen Selbstverständnisses sind […]“.
16
Dass diese „Dis-
tanzierung von den kulturellen Selbstverständlichkeiten“ in Form von
der Reflexion auf sie in einer globalisierten Welt unabweisbar ist, ist of-
fensichtlich – nicht zufällig entstehen und ‚boomen‘ die Kulturwissen-
schaften in einem bestimmten historischen Augenblick; ebenso offen-
sichtlich sind leider jedoch auch die Folgeprobleme, die sich aus dieser
Distanzierung ergeben, da Kulturen/Gesellschaften ohne einen Mindest-
bestand an „Selbstverständlichkeiten und Transzendentalien“ (sowie
sich auf diese stützenden Routinen im Luhmann’schen Sinn) nicht ope-
rations- und daher nicht existenzfähig sind. Es ist ein notorisches Problem
der Kulturwissenschaften, die Distanzierung als solche bereits für eine
Lösung durch Identifikation entstandener Probleme anzusehen. Vor-
gänge, die Reaktionen auf diese Distanzierungsprozesse darstellen (für
die die Kulturwissenschaften ja lediglich symptomatisch stehen) wie z. B.
die massive Zunahme fundamentalistischer Bewegungen, können aus
dieser Perspektive kaum adäquat beschrieben werden, weil sie gar nicht
vorgesehen sind. Dies gilt auch für die Literaturwissenschaft, die didak-
tisch durchaus nicht in allen Fällen nur Distanzierung, sondern mitunter
(in Hinblick auf unhintergehbare Kanonisierungsprozesse, s. o.) auch se-
kundäre Re-Identifikation hervorbringen muss, wenn sie mehr sein will
als eine Maschinerie zur Produktion desorientierter Subjekte.
Die wichtigste und bleibende Leistung kulturwissenschaftlicher Mo-
delle für die Germanistik wie für die allgemeine Literaturwissenschaft
liegt in dem Erkenntnisgewinn, den sie in Hinblick auf die enorme Be-
16
Helmstetter, Rudolf / Makropoulos, Michael, „Kulturwissenschaft und soziales
Wissensregime“, in: Ludger Heidbrink / Harald Welzer (Hrsg.), Das Ende der Be-
scheidenheit. Zur Verbesserung der Geistes- und Kulturwissenschaften, München 2007,
S. 42–50.
306 Bettina Gruber
ziehungsvielfalt zwischen Literatur und ihrem Umfeld gebracht haben,
und damit auch im Unterlaufen der einseitigen Opposition von imma-
nenten und soziologisch interessierten Verfahren durch ein Drittes.
Ästhetizistische Einschränkung einerseits und die Tendenz zu marxisti-
schem Determinismus (im Sinne einer eindeutig kausalen Basis-Überbau-
Verbindung) andererseits, wie sie die Literatursoziologie vor Auftreten
der Kulturwissenschaften zu prägen pflegte, sind durch einen offenen
Blick abgelöst worden. Die notorische Vagheit des Kulturbegriffs er-
möglicht, nahezu sämtliche Phänomene, die in einen Konnex mit Lite-
ratur zu treten vermögen, zu thematisieren, und bleibt dadurch für An-
schlüsse an historisch neue Erscheinungen offen. Die Unschärfe des
Kulturbegriffs ist damit ein Mittel für das Wissenschaftssystem, die Ent-
wicklungen einer sich rapide wandelnden Gesellschaft zu thematisieren.
6. Kommentierte Auswahlbibliographie
Dilthey, Wilhem, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaf-
ten. Einleitung von Manfred Riedel [1970], 3. Aufl., Frankfurt a. M. 1990.
Für ein Verständnis unserer Fachgeschichte unerlässliches Standard-
werk, das die Genese aktueller Problemlagen an vielen Stellen vorweg-
nimmt und das Neuaufleben der Kulturwissenschaften Ende des
20. Jhds. historisch perspektiviert.
Glaser, Renate / Luserke, Mattias (Hrsg.), Literaturwissenschaft – Kultur-
wissenschaft. Positionen, Themen, Perspektiven, Opladen 1996.
Immer noch instruktiver Band mit einigen grundlegenden Beiträgen zur
Bestimmung der Begriffe ‚Literatur‘, ‚Kultur‘ und ‚Medien‘. Kritische
Überlegung zur ‚Interpretationsfigur‘ ‚Kultur als Text‘ im Beitrag von
Carsten Lenk.
Hansen, Klaus P., Kultur und Kulturwissenschaft. Eine Einführung, 2. voll-
ständig überarbeitete und erweiterte Aufl., Tübingen, Basel 2000.
Gut lesbare, kritische und originelle Darstellung, die sich mit dem Kultur-
begriff selbst auseinandersetzt sowie mit Standardisierungen als Grund-
elementen der Kultur und dem Verhältnis von Individuum und Kollek-
tiv. Interkulturalität und Fremdverstehen ist ein ausführliches Kapitel
gewidmet. Den Bezug zur Literaturwissenschaft stellt der Abschnitt
„Der Kulturbegriff und die wissenschaftlichen Felder“ her.
Kulturwissenschaften 307
Benthien, Claudia / Velten, Hans Rudolf (Hrsg.), Germanistik als Kultur-
wissenschaft. Eine Einführung in neue Theoriekonzepte, Reinbek bei Hamburg
2002.
Besonderes Verdienst dieser Einführung ist es, sämtliche Themenfelder
sowohl für die Ältere als auch für die Neuere deutsche Literatur zu be-
handeln, was die strikte Trennung von ‚neuem‘ und ‚altem‘ Fach unter-
läuft und einen notwendigen Brückenschlag leistet. Traktiert werden
(unter jeweils diesem Etikett) Historische Anthropologie, Ordnungen
des Wissens, Medien- und Kommunikationstheorie, Textkritik, Perfor-
mativität, Gender-Theorien und Alterität/Interkulturalität. Durch die
direkte Bezugnahme auf das Auftauchen dieser Kategorien im Fach
selbst wird das Auseinanderklaffen von Kulturtheorie hier und Germa-
nistik da erfolgreich vermieden.
Baßler, Moritz, Die kulturpoetische Funktion und das Archiv. Eine literaturwis-
senschaftliche Text-Kontext-Theorie, Tübingen 2005.
Zentrale These s. Abschnitt 3 und 4; auch Baßlers Vorarbeiten, ‚Science
of the Particular?‘ Perspektiven einer literaturwissenschaftlichen Text-
theorie der Kultur, in: Burtscher-Bechter, Beate / Sexl, Martin (Hrsg.),
Theory Studies? Konturen komparatistischer Theoriebildung zu Beginn
des 21. Jahrhunderts, Innsbruck, Wien, München 2001, sowie Forum:
Kultur als Text, in: Kultur/Poetik 2.1/2000, S. 102–113, sind lesenswert.
Bachmann-Medick, Doris, Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kultur-
wissenschaften, Reinbek bei Hamburg 2006.
Umfassend informierte Darstellung sämtlicher Haken, die die Fachge-
schichte in den letzten Jahrzehnten geschlagen hat. Als handbuchartiger
Überblick, von dem aus weiter geforscht werden kann, geeignet.
Schößler, Franziska, Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft. Eine Einfüh-
rung, unter Mitarbeit von Christine Bähr, Tübingen, Basel 2006.
Bietet Überblick über die Kulturtheorien um 1900 anhand von Heinrich
Rickert, Georg Simmel, Ernst Cassirer, Max Weber und Sigmund Freud,
im Anschluss über aktuelle Debatten von Foucault, Bourdieu, Luhmann
über die Gender Studies, Postcolonial Studies, Ethnologie und Erinne-
rungstheorien. Der Bezug zur Literaturwissenschaft ist streckenweise
nicht erkennbar, so dass gerade deutlich wird, wo Kultur- und Literatur-
wissenschaft nicht zur Deckung gelangen.
308 Bettina Gruber
Helmstetter, Rudolf / Makropoulos, Michael, „Kulturwissenschaft und
soziales Wissensregime“, in: Ludger Heidbrink / Harald Welzer (Hrsg.),
Das Ende der Bescheidenheit. Zur Verbesserung der Geistes- und Kulturwissen-
schaften, München 2007, S. 42–50. Zentrale These s. Abschnitt 5
Leseforschung 309
Leseforschung
von JAN BOELMANN
1. Definition
Unter ‚Leseforschung‘ wird ein interdisziplinärer Forschungsbereich ver-
standen, der sich mit verschiedenen Facetten des Lesens beschäftigt. Den-
noch umschreibt ‚Leseforschung‘ keine einheitliche Forschungsdisziplin,
sondern dient als Sammelbegriff für verschiedene Forschungsrichtungen.
Hierbei wird nicht nur Lesen im engeren Sinne, also die Decodierung
von Graphemsequenzen, untersucht, sondern auch Literaturrezeption
als Teil der Kultur und die hiermit verbundenen äußeren Umstände des
Lesens betrachtet.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts haben sich zahlreiche Richtungen
der Leseforschung herausgebildet, von denen die psychologische Lese-
forschung, die Literatursoziologie, die Rezeptions- und Produktions-
forschung, die empirische Leseforschung, die neurobiologische Lese-
forschung, die Literaturwissenschaft und die Literaturdidaktik als die
einflussreichsten angesehen werden können.
2. Beschreibung
Dem heterogenen Charakter der Leseforschung gemäß lassen sich klare
Tendenzen innerhalb der Leseforschung nur schwer identifizieren. Graf
formuliert hierzu überspitzt: „Da jede wissenschaftliche Community
mehr oder weniger exakt oder sachhaltig den Gegenstand Lesen in ihrem
Sinn definiert, resultieren aus den Unterschieden im Zugriff unver-
gleichbare oder unvereinbare Befunde“.
1
Dennoch lassen sich zentrale Forschungsfelder benennen, die größ-
tenteils interdisziplinär bearbeitet werden: Die leitenden Fragestellun-
1
Graf, Werner, Der Sinn des Lesens, Münster 2004, S. 7.
310 Jan Boelmann
gen betreffen die Alphabetisierung, die Buchmarkt- und Bibliotheksfor-
schung, die Lesesozialisation und das Mediennutzungsverhalten sowie
die Lesekompetenz und die historische Leseforschung.
Alphabetisierung wird in der Leseforschung aus verschiedenen Blick-
winkeln betrachtet: Einerseits wird der eigentliche Akt des Lesens unter-
sucht (Neurowissenschaft und Psychologische Leseforschung), anderer-
seits werden auch die (historischen) kulturellen Bedingungen des
Schrifterwerbs erforscht (Literatursoziologie).
Der Prozess des Lesens gliedert sich in mehrere Phasen der Reizauf-
nahme und der Verarbeitung. Beim gelingenden Leseprozess werden über
die Augen in spezifischen Bewegungen und Sakkaden (Sprüngen)
2
Gra-
phemsequenzen wahrgenommen, die durch ein Wechselspiel der M- und
P-Zellen im Auge in das Gehirn weitergeleitet und dort unter Aktivierung
verschiedener Gehirnareale verarbeitet werden. Es kommt zu einer ge-
fühlsmäßigen Bewertung des Gelesenen und zum Aufbau neuen Wissens.
Während die Reizaufnahme durch die Augenbewegungen als weitge-
hend erforscht gilt, ist die neurologische Bestimmung der Textweiterver-
arbeitung eine vergleichsweise junge Disziplin.
Als gesichert gilt die Annahme, dass für das Verständnis von Sprache
verschiedene, über das Großhirn verteilte Areale aktiv sind. In diesen
Arealen sind lexikalische, semantische, syntaktische, sprachlautliche und
prosodische Kompetenzen verankert.
3
Erst ein Zusammenspiel dieser
Kompetenzen ermöglicht das Lesen.
4
Die an diese Befunde anknüpfende Psychologische Leseforschung
befasst sich mit der Konstruktivität des Leseprozesses während der
Textrezeption, demzufolge mit der Frage, wie graphische Informationen
zu Sinn verarbeitet werden. Hierbei ist es relevant, dass der Leser nicht
nur aus Buchstaben, Worten und Sätzen Sinn konstruiert, sondern auch
die im Text enthaltenen Informationen mit Vorwissen, Emotionen und
vorhandenen Konzepten von Wirklichkeit abgleicht.
5
2
Inhoff, Albrech / Rayner, Keith, „Das Blickverhalten beim Lesen“, in: Hartmut
Günter / Otto Ludwig (Hrsg.), Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use. Ein inter-
disziplinäres Handbuch internationaler Forschung. An Interdisciplinary Handbook of Inter-
national Research, 2. Halbband, Berlin, New York 1996, S. 942–957.
3
Damasio, Antonio / Damasio, Hanna, „Sprache und Gehirn“, in: Spektrum der Wis-
senschaften, Bd. 1, Heidelberg 1992, S. 80–92.
4
Vgl. Wittmann, Marc / Pöppel, Ernst, „Neurobiologie des Lesens“, in: Bodo
Franzmann u. a. (Hrsg.), Handbuch Lesen, München 1999, S. 224–239.
5
Vgl. Groeben, Norbert, Leserpsychologie: Textverständnis – Textverständlichkeit, Müns-
ter 1988.
Leseforschung 311
Die Effekte des Lesens untersucht die Textwirkungsforschung. Sie
sind stark an die Funktion des Textes, wie die Überzeugungsfunktion
bei pragmatischen Texten oder die Informationsvermittlungsfunktion
bei Sachtexten, gekoppelt und finden unmittelbar im Anschluss an die
Rezeption statt.
6
Eine Untergattung der psychologischen Leseforschung ist die auf
den Rezipienten von Literatur fokussierte Leserpsychologie. Zu ihrem
Arbeitsfeld gehören „Lesealter, Lesertypologien, Leseinteressen und Le-
semotivation, Textverständnis und Textverständlichkeit sowie die Wir-
kung von (fiktionalen und nichtfiktionalen) Texten“.
7
Die Buchmarkt- und Bibliotheksforschung hat in Deutschland zwar
keinen starken institutionalisierten Hintergrund und auch keine einheit-
liche Terminologie und Methodologie, im historischen Rückblick lässt
sich jedoch eine Tradition der Buchlese(r)forschung feststellen. In regel-
mäßigen Abständen werden seit 1958 durch den Börsenverein des deut-
schen Buchhandels, das Allensbacher Institut und die Bertelsmann Stif-
tung Studien zum Leseverhalten der Deutschen in Auftrag gegeben.
Erfragt werden Informationen zum Mediennutzungsverhalten, der Lite-
ralität, den Voraussetzungen des Lesens und den Konsequenzen der
Lektüre.
8
Die Ergebnisse dieser Befragungen dienen in erster Linie der
Markt- und Konsumforschung, werden aber darüber hinaus in der Lese-
sozialisationsforschung und der hiermit verbundenen Erforschung des
Mediennutzungsverhaltens verwendet.
Nach Rosebrock entstanden die Begriffe ‚Lesesozialisation‘ oder ‚li-
terarische Sozialisation‘ vor dem Horizont der aktuellen kulturellen Um-
wälzungen der Wahrnehmungs- und Lektüreformen; sie beschreiben
nicht nur das Phänomen, sondern zugleich bereits partiell das skizzierte
Verständnis von und die Reaktionsrichtung auf diese Umwälzung“.
9
Da das Buch durch veränderte Mediennutzungsgewohnheiten im
ausgehenden 20. Jahrhundert die Rolle des Leitmediums verloren hat,
stellt sich die Lesesozialisationsforschung der Frage, wie Menschen zu
Lesern werden und wie das Lesen gefördert werden kann.
6
Vgl. Groeben, Norbert / Vorderer, Peter, Leserpsychologie II: Lesemotivation – Lektü-
rewirkung, Münster 1988.
7
Groeben, Leserpsychologie, S. 2.
8
Bonfadelli, Heinz, „Leser und Leseverhalten heute“, in: Bodo Franzmann u. a.
(Hrsg.), Handbuch Lesen, München 1999, S. 86–144, hier S. 99.
9
Rosebrock, Cornelia, „Literarische Sozialisation im Medienzeitalter. Ein Systema-
tisierungsversuch zur Einleitung“, in: hrsg. v. ders., Lesen im Medienzeitalter, Wein-
heim 1995, S. 9–30, hier S. 13.
312 Jan Boelmann
Während der Begriff ‚Lesesozialisation‘ auf den „Prozeß der Aneig-
nung und Vermittlung von Kompetenzen zur Rezeption und Verarbei-
tung von Texten aller Art“
10
abzielt, ist ‚literarische Sozialisation‘ enger
gefasst und bezieht sich auf literarische Medien.
11
Für beide Forschungsgebiete sind die Sozialisationsinstanzen Familie,
Umfeld (Peers) und Schule von äußerster Wichtigkeit, wobei die soziale
Schicht, das Geschlecht und die Bildungsbeteiligung der Eltern als wich-
tigste Indikatoren für den späteren Leseerfolg gelten.
12
Während der Begriff der ‚Lesekompetenz‘ durch die PISA-Studie im
Jahr 2000 einem breiten Publikum bekannt wurde, haben sich bereits in
den 1990er-Jahren zwei Schulen der Lesekompetenzforschung heraus-
gebildet: Hurrelmann und Groeben verfolgen einen durch das Kompe-
tenzkonzept von Chomsky geleiteten Ansatz, in dem unter Kompetenz
„ein individuelles Potenzial dessen, was eine Person unter idealen Um-
ständen zu leisten im Stande ist“,
13
verstanden wird. Der später in PISA
verwendete konstruktivistische Ansatz von Weinert folgt dem anglo-
amerikanischen Reading-Literacy-Konzept und sieht Lesekompetenz als
die Fähigkeit zur sozialen Teilhabe durch Lesen.
14
Neuere Schulleistungsstudien wie PISA und IGLU zeigen zudem
einen Paradigmenwechsel in der Leseforschung: Mit der Jahrtausend-
wende wurde die Vormachtstellung der qualitativen Verfahren durch
empirisch valide quantitative Verfahren abgelöst. Gleichzeitig steht die
empirische Leseforschung für einen klar interdisziplinären Weg, der von
Lese-Psychologen, Fachdidaktikern und Fachwissenschaftlern gleicher-
maßen begangen wird.
Die Historische Leseforschung ist eine Forschungsrichtung, die sich
quer zu den bereits vorgestellten Forschungsfeldern bewegt. Sie versteht
sich als „kultursoziologische und funktionsanalytische Kommunikations-
10
Payrhuber, Franz-Josef u. a., „Lesesozialisation, Literaturunterricht und Leseför-
derung in der Schule“, in: Franzmann u. a. (Hrsg.), Handbuch Lesen, S. 568–637, hier
S. 568.
11
Vgl. Eggert, Hartmut / Garbe, Christine, Literarische Sozialisation, Stuttgart, Wei-
mar 1995.
12
Vgl. Groeben, Norbert / Hurrelmann, Bettina (Hrsg.), Lesesozialisation in der Me-
diengesellschaft, Weinheim, 2004.
13
Groeben, Norbert, „Zur konzeptuellen Struktur des Konstrukts ‚Lesekompe-
tenz‘“, in: Norbert Groeben / Bettina Hurrelmann (Hrsg.), Lesekompetenz, Wein-
heim 2006, S. 11–24, hier S. 13.
14
Vgl. Baumert, Jürgen, Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen
Vergleich, Opladen, 2001.
Leseforschung 313
geschichte“,
15
die sich einerseits der Frage nach der Kultur des Lesens,
andererseits aber auch der Kultivierung durch Lektüre widmet.
Lag in der Frühphase der historischen Leseforschung der Schwer-
punkt noch auf der Hochliteratur und der Kanonforschung, weitete sich
das Forschungsfeld in der Folge durch die Mitberücksichtigung der Tri-
vialliteratur und anderer populärer Lesestoffe stark aus.
3. Institutionsgeschichtliches
Während die Literaturwissenschaft, die sich mit dem Gegenstand des
Lesens beschäftigt, eine vergleichsweise lange Tradition hat, ist die Lese-
forschung eine junge Disziplin.
Einen ausführlichen Einblick in die Entwicklungsgeschichte der ver-
schiedenen Teildisziplinen kann dieser Artikel nicht bieten, allerdings
sollen im Folgenden kurz Leitlinien der Leseforschungsentwicklung
skizziert werden.
Erste Vorläufer einer systematischen Leseforschung finden sich im
ausgehenden 19. Jahrhundert. Wegweisend ist das von den Philosophen
und Psychologen Erdmann und Dodge im Jahr 1898 verfasste Werk
Psychologische Untersuchungen über das Lesen auf experimenteller Grundlage,
16
das
in der Einleitung den aktuellen Forschungsstand seiner Zeit darlegt und
in der Folge erste Forschungsergebnisse zu Augenbewegungen während
des Lesens formuliert.
1923 publizierte Levin Ludwig Schücking seine damals viel diskutierte
Soziologie der Literarischen Geschmacksbildung, die jedoch bald in Vergessen-
heit geriet. In der psychologischen Legasthenie-Forschung der 1950er-
und 1960er-Jahre wurden zunächst die Erkenntnisse von Dodge und Er-
mann aufgegriffen und weitere Forschungen angestellt.
17
Auch wenn die
herausragenden Veröffentlichungen dieser Zeit noch im angloamerika-
nischen Sprachraum publiziert werden, bildet sich ab diesem Zeitpunkt
auch in Deutschland eine Leseforschungsgemeinschaft heraus.
15
Schneider, Jost, Sozialgeschichte des Lesens, Berlin, New York 2004, S. 18.
16
Erdmann, Benno / Dodge, Raymond, Psychologische Untersuchungen über das Lesen auf
experimenteller Grundlage, Halle 1898.
17
Einen Überblick geben: Valtin, Renate, Legasthenie – Theopien und Untersuchungen,
Weinheim 1970; Angermaier, Michael, Legasthenie – Verursachungsmomente einer Lern-
störung, Weinheim 1970.
314 Jan Boelmann
Ab den 1960er-Jahren wird Lesen im Rahmen der Kognitiven Psy-
chologie (Neisser
18
) erforscht und in den 1970er-Jahren erreicht das Le-
sen eine breite Beachtung als Forschungsgegenstand: Sowohl die experi-
mentelle Leseforschung (Gibson und Levin
19
), wie auch die historische
Leseforschung (Schenda
20
) und die Rezeptions- und Produktionsfor-
schung befassen sich intensiv mit dem Lesen.
Ein großer Schritt für die Institutionalisierung des Lesens bedeutete
die Gründung der Deutschen Lesegesellschaft 1977. Ihr Ziel war es, systema-
tisch das Lesen, besonders bei Kindern und Jugendlichen, zu fördern.
Hierzu wurden unter Rückgriff auf die Erkenntnisse der Leseforschung
zielgruppenspezifische Förderprogramme entwickelt und mit den För-
derpartnern, zumeist Schulen und Bibliotheken, realisiert.
Die Nachfolgeorganisation der Deutschen Lesegesellschaft ist seit 1988
die Stiftung Lesen. Diese behält den Förderanspruch bei, initiiert Medien-
nutzungsstudien, dokumentiert veränderte Lesegewohnheiten und fun-
giert als Multiplikator für die Ergebnisse aktueller Leseforschung.
Durch die veränderte Medienlandschaft in den 1980er-Jahren rückt
die Lesesozialisationsforschung stärker in den Fokus der Leseforschung.
Es werden zahlreiche Forschungsprogramme aufgelegt, von denen die
Lesesozialisations-Studien der Bertelsmann Stiftung 1993 (Hurrelmann,
Bonfadelli und Saxer
21
) und das DFG-SchwerpunktprogrammLesesozia-
lisation in der Mediengesellschaft 1998 (Groeben, Hurrelmann
22
) als die ein-
flussreichsten gesehen werden können.
Einen regelrechten Boom erlebt die Leseforschung in der Zeit seit der
Jahrtausendwende: Durch die Veröffentlichung der Ergebnisse der inter-
nationalen Schulleistungsstudie PISA
23
und bedingt durch das schlechte
Abschneiden deutscher Schüler rückt Lesen in das öffentliche Interesse.
Die Erkenntnis, dass Lesen einerseits als Schlüsselkompetenz in der
Mediengesellschaft gilt (Groeben und Hurrelmann) und andererseits
18
Neisser, Ulric, Cognitive psychology, Englewood Cliffs 1967.
19
Gibson, Eleanor J. / Levin, Harry, The psychology of reading, Cambridge 1975.
20
Schenda, Rudolf, Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe
1770–1910, 3. Aufl., Frankfurt a. M. 1970.
21
Hurrelmann, Bettina u. a., „Leseklima in der Familie“, in: dies., Lesesozialisation Bd. I.
Studien der Bertelsmannstiftung, Gütersloh 1993; Bonfadelli, Heinz u. a., „Lesen im All-
tag von Jugendlichen“, in: dies., Lesesozialisation Bd. II. Studien der Bertelsmannstiftung,
Gütersloh 1993; Saxer, Ullrich, „Lesesozialisation“, in: Heinz Bonfadelli u. a., Lese-
sozialisation Bd. II. Studien der Bertelsmannstiftung, Gütersloh 1993. S. 311–374.
22
Vgl. Groeben / Hurrelmann, Lesesozialisation.
23
Vgl. Baumert, Basiskompetenzen.
Leseforschung 315
als Grundvoraussetzung für die gelingende gesellschaftliche Teilhabe
(PISA) verstanden werden muss, hat zu einer Veränderung der schuli-
schen Leseausbildung geführt. Die Veränderung hin zur Output-Orien-
tierung der Curricula sowie einer klaren Lesekompetenzorientierung der
schulischen Ausbildung wurde vor allem mit Blick auf das Konzept des
Lesens als Informations- und Sinnentnahme und die mangelnde Berück-
sichtigung der ästhetischen Qualität von Literatur kritisiert (Spinner).
Flankiert werden die curricularen Veränderungen von zahlreichen
Mediennutzungsstudien wie der KIM- und JIM-Studie des Medienpäda-
gogischen Forschungsverbundes Südwest, die seit 1998 im jährlichen
Rhythmus durchgeführt werden.
24
4. Publikationen
Chartier, Roger, Lesewelten. Buch und Lektüre in der frühen Neuzeit, aus
d. Französ. v. Brita Schleinitz u. Ruthard Stäblein, Frankfurt a. M., New
York, Paris 1990.
Das Buch des französischen Leseforschers Chartier besteht aus fünf
Texten, die im Zeitraum von 1982–1990 entstanden, und verfolgt das
Ziel, den Fokus der historischen Leseforschung neu auszurichten.
Hierzu betrachtet Chartier die sozialen und kulturellen Bedingungen des
Zeitraums von 1530 bis 1780, differenziert den Begriff des ‚Sozialen‘
weiter aus, untersucht die materiellen Bedingungen der Buchproduktion
und beschreibt die zeitgeschichtlichen Leseweisen und Leseumstände.
Eggert, Hartmut / Garbe, Christine, Literarische Sozialisation, Stuttgart
1995.
In dem 1995 erschienenen und 2003 um ein Kapitel zur Literarischen
Sozialisation und Lesekompetenz ergänzten Buch befassen sich Eggert und
Garbe ausführlich mit dem gesamten Spektrum des literarischen Ler-
nens. Nach einer Rückschau auf historische Modelle und einem Über-
blick über aktuelle Forschungsrichtungen zur literarischen Sozialisation
entwerfen sie ein Konzept der literarischen Sozialisation im Kindes- und
Jugendalter.
24
‚KIM‘ steht für ‚Kinder + Medien‘; vgl. http://www.mpfs.de/index.php?id=10.
‚JIM‘ ist die Abkürzung für ‚Jugend, Information, (Multi-) Media‘; vgl.
http://www.mpfs.de/index.php?id=11.
316 Jan Boelmann
Franzmann, Bodo u. a. (Hrsg.), Handbuch Lesen, München 1999.
Das im Auftrag der Stiftung Lesen und der Deutschen Literaturkonfe-
renz herausgegebene Handbuch Lesen gilt als das Standardwerk zur Le-
seforschung. In 17 Überblicksartikeln wird das gesamte Spektrum der
Leseforschung ausführlich behandelt und die wichtigsten Strömungen
der einzelnen Disziplinen zusammengetragen.
Groeben, Norbert / Hurrelmann, Bettina (Hrsg.), Lesekompetenz. Bedin-
gungen, Dimensionen, Funktionen, Weinheim 2006.
Der Sammelband entstand im Rahmen des DFG-Schwerpunkt-Pro-
gramms Lesesozialisation in der Mediengesellschaft und arbeitet den nationa-
len und internationalen Forschungsstand zum Thema Lesekompetenz
auf. Dieser wird in einzelnen Artikeln mit dem Schwerpunkt auf der
Beschreibung und Erhebung von Lesekompetenz sowie auf der Be-
trachtung der Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren auf konkrete
Projekte bezogen. Abschließend werden die Ergebnisse in einem Kon-
zept der prototypischen Merkmale von Lesekompetenz zusammenge-
führt.
Groeben, Norbert, Leserpsychologie: Textverständnis – Textverständlichkeit,
Münster 1988.
Auf bekannten Konzepten der Leseforschung aufbauend, entwirft
Groeben ein umfassendes Konzept des Textverstehens. Mit dem Ziel,
das Textverstehen zu verbessern, betrachtet er einerseits im Rahmen des
Textverständnisses den Leser und die kognitiven Prozesse des Lesens.
Andererseits analysiert er im Bereich Textverständlichkeit mit Informa-
tions- und literarischen Texten den Gegenstand des Lesens. Einen
Schwerpunkt nehmen die Kapitel zur Verbesserung des Textverstehens
ein, wobei auch hier sowohl auf Seiten des Lesers wie auf Seiten des Tex-
tes angesetzt wird.
Günther, Hartmut / Ludwig, Otto (Hrsg.), Schrift und Schriftlichkeit. Wri-
ting and Its Use. Ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung. An
Interdisciplinary Handbook of International Research, 1. Halbband, Berlin,
New York 1994.
Das zweisprachige Handbuch entfaltet in 75 interdisziplinären Artikeln
das Spektrum der aktuellen Forschung. Hierbei betrachtet der erste
Halbband die allgemeinen, formalen und materialen Aspekten von
Schrift, Schriftlichkeit und Schriftkultur.
Der zweite Halbband erweitert die Betrachtung um psychologische
Leseforschung 317
Aspekte, den Erwerb von Schriftlichkeit sowie sprachliche Aspekte von
Schrift und Schriftlichkeit.
Martino, Alberto, Die deutsche Leihbibliothek. Geschichte einer literarischen In-
stitution (1756–1914), mit einem zusammen mit Georg Jäger erstellten
Verzeichnis der erhaltenen Leihbibliothekskataloge, Wiesbaden 1990.
Anhand von Leihbibliothekskatalogen entwirft Martino eine Geschichte
der deutschen Leihbibliothek von der Leserevolution der 1750er-Jahre
bis hin in die Zeiten des Massenbuchmarktes Anfang des 20. Jahrhun-
derts. Ausführlich werden die gesellschaftliche Funktion, aber auch die
verschiedenen Krisen des Leihbibliothekswesens betrachtet. Eine um-
fassende Bibliographie schließt das Werk ab.
Schneider, Jost, Sozialgeschichte des Lesens. Zur historischen Entwicklung und
sozialen Differenzierung der literarischen Kommunikation in Deutschland, Berlin,
New York 2004.
Das Werk bietet einen umfassenden Überblick über die Geschichte der
literarischen Kommunikation. Beginnend im vierten vorchristlichen
Jahrhundert arbeitet Schneider die Lebensumstände der verschiedenen
sozialen Schichten und ihr jeweiliges Mediennutzungsverhalten bis
in die Gegenwart heraus und führt seine Beobachtungen in der Be-
schreibung von vier Hauptformen der literarischen Kommunikation
zusammen.
Schön, Erich, Der Verlust der Sinnlichkeit oder die Verwandlungen des Lesers.
Mentalitätswandel um 1800, Stuttgart 1987.
Die veränderten Rezeptionsbedingungen des Lesens und die Rolle des
Rezipienten im 18. Jahrhundert stellt Schön in seinem Buch in den Mit-
telpunkt. Hierbei legt er seinen Schwerpunkt auf den sich wandelnden
Leseakt und analysiert die Veränderungen vom lauten zum leisen und
vom gemeinsamen zum einsamen Lesen.
Stein, Peter, Schriftkultur. Eine Geschichte des Schreibens und Lesens, Darm-
stadt 2006.
Die Betrachtung der Geschichte des Lesens und Schreibens von den An-
fängen der Kultur durch die Erfindung der Schrift bis hin zur Bedeutung
der Schrift- und Lesekultur im Kontext der Medienkonkurrenz zeichnet
Steins Werk aus. Hierbei beschränkt er seine Beobachtungen nicht auf
den deutschsprachigen Raum, sondern fokussiert in seinen Beobachtun-
gen die jeweiligen Hochkulturen und betrachtet den Einfluss weiterer
318 Jan Boelmann
Aspekte, wie z. B. die Rolle der Religion, auf die Entwicklung der Schrift-
kultur.
Wittmann, Reinhard, Geschichte des deutschen Buchhandels. Ein Überblick,
München 1991.
Wittmann betrachtet in seinem Werk einen Unterbereich der Buch-
geschichte und beleuchtet mit dem Buchhandel eine zentrale Instanz der
literarischen Kulturgeschichte: Auch wenn der Buchhandel in der For-
schung oftmals übersehen wird, nimmt er doch die Mittlerrolle zwischen
Autoren und Rezipienten ein und trifft somit wichtige Selektionsent-
scheidungen für die literarische Kultur. Wittmann stellt die Stellung und
Funktionen des Buchhandels in der Zeit nach Gutenberg dar und endet
in der Moderne.
5. Fachgeschichtliche Einordnung
Als wichtigste Leistung der Leseforschung kann die systematische Er-
forschung der Bedeutung des Lesens für die Kultur genannt werden.
Dies beschränkt sich nicht nur auf die historische Rückschau, sondern
findet seine Fortsetzung in der Betrachtung aktueller Probleme und hilft
Antworten auf die Fragen der sich wandelnden Mediengesellschaft zu
geben. Gleichzeitig steht neben der kulturellen Entwicklung auch der
Mensch als Individuum im Fokus der Forschung, wodurch Aussagen mit
gesamtgesellschaftlichem Bezug erarbeitet werden können.
Auch wenn die Leseforschung die Rolle des Lesens als Schlüsselkom-
petenz in der Mediengesellschaft herausstellen konnte, müssen eine em-
pirisch fundierte Theorie der Entwicklung des Lesens und Verstehens
sowie eine Analyse des Zusammenspiels der neurologischen Prozesse
beim Lesen als Desiderat gekennzeichnet werden. Zudem fehlen valide
Untersuchungen über die Bedeutung des Strategieeinsatzes und des Vor-
wissens für den literarischen Verstehensprozess.
Die Leseforschung sieht sich allerdings dem Vorwurf ausgesetzt, ihre
durch die interdisziplinäre Forschung gegebenen Potentiale nicht voll
auszuschöpfen. Dass eine produktive Zusammenarbeit über Fächer-
grenzen hinweg nur partiell stattfindet, zeigt sich in den zahlreichen De-
finitionen von Lesen besonders deutlich. Zwar haben die interdisziplinä-
ren Forschungen der letzten Jahre beachtliche Ergebnisse erzielt,
dennoch bleiben interdisziplinäre Forschergruppen eine Ausnahme in
der Leseforschung.
Leseforschung 319
6. Auswahlbibliographie
Prutz, Robert, „Die deutsche Belletristik und das Publicum“, in: ders., Die
deutsche Literatur der Gegenwart. 1848 bis 1858, Bd. 2, Leipzig 1859, S. 69–89.
Erdmann, Benno / Dodge, Raymond, Psychologische Untersuchungen über
das Lesen auf experimenteller Grundlage, Halle 1898.
Neisser, Ulric, Cognitive psychology, Englewood Cliffs 1967.
Angermaier, Michael, Legasthenie – Verursachungsmomente einer Lernstörung,
Weinheim 1970.
Schenda, Rudolf, Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären
Lesestoffe 1770–1910, 3. Aufl., Frankfurt a. M. 1970.
Valtin, Renate, Legasthenie – Theopien und Untersuchungen, Weinheim 1970.
Gibson, Eleanor J. / Levin, Harry, The psychology of reading, Cambridge 1975.
Kiesel, Helmuth / Münch, Paul, Gesellschaft und Literatur im 18. Jahrhundert.
Voraussetzungen und Entstehung des literarischen Markts in Deutschland, Mün-
chen 1977.
Gruenter, Rainer (Hrsg.), Leser und Lesen im 18. Jahrhundert. Colloquium der
Arbeitsstelle Achtzehntes Jahrhundert, Gesamthochschule Wuppertal, Schloß
Lüntenbeck 24.–26, Oktober 1975, Heidelberg 1977.
Bruckner, Wolfgang / Blickle, Peter / Breuer, Dieter (Hrsg.), Literatur
und Volk im 17. Jahrhundert. Probleme populärer Kultur in Deutschland, Teil II,
Wiesbaden 1985.
Hanebutt-Benz, Eva-Maria, Die Kunst des Lesens. Lesemöbel und Leseverhal-
ten vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Frankfurt a. M. 1985.
Winckler, Lutz, Autor – Markt – Publikum. Zur Geschichte der Literaturpro-
duktion in Deutschland, Berlin 1986.
Groeben, Norbert / Vorderer, Peter, Leserpsychologie II: Lesemotivation –
Lektürewirkung, Münster 1988.
320 Jan Boelmann
Martino, Alberto, Die deutsche Leihbibliothek. Geschichte einer literarischen
Institution (1756–1914), mit einem zusammen mit Georg Jäger erstell-
ten Verzeichnis der erhaltenen Leihbibliothekskataloge, Wiesbaden
1990.
Dörrich, Sabine, Die Zukunft des Mediums Buch. Eine Strukturanalyse des ver-
breitenden Buchhandels, Bochum 1991.
Nusser, Peter, Deutsche Literatur im Mittelalter. Lebensformen, Wertvorstellun-
gen und literarische Entwicklungen, Stuttgart 1992.
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Bonfadelli, Heinz u. a., „Lesen im Alltag von Jugendlichen“, in: dies., Le-
sesozialisation, Bd. 2, Studien der Bertelsmannstiftung, Gütersloh 1993.
Kosch, Günter / Nagl, Manfred, Der Kolportageroman, Bibliographie 1850
bis 1960, mit einer Beilage: Friedrich Streissler, Der Kolportagehandel. Prak-
tische Winke (1887), Stuttgart, Weimar 1993.
Saxer, Ullrich, „Lesesozialisation“, in: Heinz Bonfadelli u. a., Lesesoziali-
sation, Bd. 2, Studien der Bertelsmannstiftung, Gütersloh 1993,
S. 311–374.
Rosebrock, Cornelia (Hrsg.), Lesen im Medienzeitalter, Weinheim 1995.
Berg, Klaus / Kiefer, Marie-Luise (Hrsg.), Massenkommunikation. Eine
Langzeitstudie zur Mediennutzung und Medienbewertung, Bd. 5: 1964–1995,
Baden-Baden 1996.
Scheideler, Britta, Zwischen Beruf und Berufung. Zur Sozialgeschichte der deut-
schen Schriftsteller von 1880 bis 1933, Frankfurt a. M. 1997.
Raabe, Mechthild, Leser und Lektüre vom 17. zum 19. Jahrhundert. Die Aus-
leihbücher der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel 1664–1806, Teil C, Bd. 2:
Chronologisches Verzeichnis 1720–1806, Gesamtstatistik, München
1998.
Leseforschung 321
Bohnsack, Petra / Foltin, Hans-Friedrich (Hrsg.), Lesekultur. Populäre
Lesestoffe von Gutenberg bis zum Internet, Marburg 1999.
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Messerli, Alfred / Chartier, Roger (Hrsg.), Lesen und Schreiben in Europa
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Wilke, Jürgen, Grundzüge der Medien- und Kommunikationsgeschichte. Von den
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Baumert, Jürgen, Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im inter-
nationalen Vergleich, Opladen 2001.
Graf, Werner, Der Sinn des Lesens, Münster 2004.
Groeben, Norbert / Hurrelmann, Bettina (Hrsg.), Lesesozialisation in der
Mediengesellschaft, Weinheim, 2004.
Rupp, Gerhard u. a., Lesen und Medienkonsum. Wie Jugendliche den Deutsch-
unterricht verarbeiten, Weinheim, 2004.
Groeben, Norbert / Hurrelmann, Bettina (Hrsg.), Lesekompetenz, Wein-
heim 2006.
Reitze, Helmut / Ridder, Christa-Maria, Massenkommunikation VII. Eine
Langzeitstudie zur Mediennutzung und Medienbewertung 1964–2005, Baden-
Baden 2006.
322 Jan Boelmann
Linguistische Poetik 323
Linguistische Poetik
von ULRICH SCHMID
1. Definition
Die linguistische Poetik war in den 1960er-Jahren einer der produktivs-
ten Versuche, alte philologische Konzepte durch eine interdisziplinäre
Annäherung von Literaturwissenschaft und Linguistik zu überwinden.
Literarische Texte wurden mit linguistischen Kategorien analysiert; eine
wichtige Rolle spielte überdies die kybernetische Informationstheorie,
die auch auf stilistische und ästhetische Phänomene angewandt wurde.
2. Beschreibung
Der Siegeszug der strukturalistischen Linguistik als geisteswissenschaft-
licher Leitdisziplin in der Mitte des 20. Jahrhunderts schlug sich auch in
Versuchen zur methodischen Neubegründung der Literaturwissenschaft
nieder. Man wollte die Analyse literarischer Texte nach den Prinzipien
der exakten Wissenschaften ausrichten.
1
Eine wichtige Rolle spielten
dabei formalisierte Notierungen, die vor allem aus der Logik und der
Semantik übernommen wurden. In diesem Sinne wollte die linguistische
Poetik die Literaturwissenschaft als Teilbereich einer linguistischen Text-
wissenschaft verstehen. Programmatisch formulierte Roman Jakobson
1960: „Denn wir alle begreifen jetzt, dass ein Linguist, der sich gegen-
über der poetischen Funktion der Sprache verschließt, und ein Literatur-
wissenschaftler, der sich über linguistische Fragen und Methoden hin-
wegsetzt, gleicherweise krasse Anachronismen sind“.
2
Literarische Kunstwerke wären in diesem Sinne als Spezialfall einer
sprachlichen Äußerung beschreibbar. Die differentia specifica der künst-
1
Vgl. etwa Moles, Abraham, Théorie de l’information et perception scientifique, Paris 1957;
2
Jakobson, Roman, „Linguistik und Poetik“ in: ders., Poetik. Ausgewählte Aufsätze
1921–1971, Frankfurt a. M. 1979, S. 83–121, hier S. 119.
324 Ulrich Schmid
lerischen Textverwendung wird in der linguistischen Poetik terminolo-
gisch unterschiedlich gefasst, baut aber in jedem Fall auf dem Verfrem-
dungsbegriff des russischen Formalismus auf. Viktor S
ˇ
klovskij hatte
den wesentlichen Unterschied zwischen dem ästhetischen und dem all-
täglichen Sprachgebrauch in der Deautomatisierung der menschlichen
Wahrnehmung erblickt: In der Kunst wird Selbstverständliches verfrem-
det und dadurch problematisiert. Die linguistische Poetik versucht, die-
sen kategorialen Unterschied durch Termini wie „poetische Funktion“
(Roman Jakobson) oder „Entfunktionalisierung“ (Siegfried Schmidt) in
den Griff zu bekommen.
3
Im künstlerischen Gebrauch wird die einzelne
Äußerung aus dem pragmatischen Deutungszusammenhang einer kon-
kreten Situation herausgehoben („entfunktionalisiert“) und einer neuen
„poetischen“ Verwendungsweise zugeführt, in der nicht mehr der Wirk-
lichkeitsbezug, sondern die Selbstreferentialität der sprachlichen Äuße-
rung im Vordergrund steht.
Im Wesentlichen beschäftigt sich die linguistische Poetik mit einer
grammatikalischen Analyse der spezifischen Regeln, die den ästheti-
schen Gehalt eines literarischen Kunstwerks konstituieren. Besonders
wird die Tatsache unterstrichen, dass literarische Texte nicht aus Ideolo-
gien, Bildern oder Inhalten bestehen, sondern als Sprachkunstwerke ver-
fasst sind. Eine Analyse müsse sich deshalb zuerst mit dem eigentlichen
Material des Kunstwerks, nämlich der Sprache und ihrer konkreten poe-
tischen Gestaltung, beschäftigen. Auch in dieser grundlegenden Ein-
sicht weiß sich die linguistische Poetik dem russischen Formalismus ver-
pflichtet. Allerdings erweitert die linguistische Poetik dieses Programm
auf entscheidende Weise: Die sprachliche Verfasstheit des literarischen
Kunstwerks soll nicht nur hinsichtlich Komposition und Stilistik, son-
dern auch im konkreten Kommunikationszusammenhang untersucht
werden. Besonderes Augenmerk legt die linguistische Poetik auf neuere
sozialwissenschaftliche, mathematische und kulturtheoretische Metho-
den: Dazu gehören etwa empirische Erhebungen, informationstheoreti-
sche Ansätze, diskursanalytische Beschreibungen oder Verfahren der
kognitiven Psychologie. Diese dezidiert interdisziplinäre Ausrichtung
weist die linguistische Poetik als vielfältig anschlussfähige Forschungs-
richtung aus, die jedoch bisweilen einem Szientismus huldigt.
3
Vgl. Barsch, Achim, Die logische Struktur linguistischer Poetiken. Vergleichende Untersu-
chungen auf dem Grenzgebiet zwischen Linguistik und Literaturwissenschaft, Berlin 1981,
S. 192.
Linguistische Poetik 325
Eine zentrale Prämisse der linguistischen Poetik liegt in ihrem radika-
len Konstruktivismus. Peter L. Berger und Thomas Luckmann haben in
ihrem mittlerweile zum Klassiker der Wissenssoziologie gewordenen
Buch Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit (1969) den Realitäts-
begriff in eine subjektive und eine objektive Komponente aufgelöst.
Wirklichkeit ist aus konstruktivistischer Sicht keine konstante, gegebene
Größe, sondern ist gesellschaftlich determiniert: objektiv durch sinnstüt-
zende Institutionen, subjektiv durch die Sozialisation der Individuen.
Ähnlich argumentiert die linguistische Poetik: Das literarische Kunst-
werk wird objektiv durch die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten in
einem gegebenen kulturellen Kontext und subjektiv durch die indivi-
duelle Stilisierung bestimmt. Das Anliegen der linguistischen Poetik, die
relevanten Größen des literarischen Textes zu isolieren und zu beschrei-
ben, ist durchaus legitim und wird auch den Anforderungen einer strik-
ten Wissenschaftlichkeit gerecht. Allerdings birgt die Konzentration auf
Konstruktivismus, Empirie und Formalisierung die Gefahr, das Kunst-
werk auf ein mechanisches Räderwerk zu reduzieren.
Wenn das rechte Augenmaß gewahrt wird, dann erfasst die linguisti-
sche Poetik erfolgreich die semantischen Strukturen, die in literarischen
Texten sinnkonstitutiv wirken. In diesem Fall gelingt es ihr, die Wechsel-
wirkungen zwischen Lautgestalt, Wortwahl, Syntaxform und Stilregister
herauszuarbeiten. Dadurch erhält die literaturwissenschaftliche Inter-
pretation einen deutlichen linguistischen Mehrwert.
Die linguistische Poetik verzichtet in ihren Textanalysen indes weit-
gehend auf die Untersuchung ideologischer Aspekte. Das Kunstwerk ist
für sie in erster Linie eine sprachliche Struktur, deren spezifisches Funk-
tionieren beschrieben werden muss. Ideelle Aussagen treten erst dann in
die Betrachtung ein, wenn sie eine beschreibbare linguistische Organisa-
tion aufweisen oder mit der sprachlichen Verfasstheit des Textes korres-
pondieren.
Ein weiterer blinder Fleck der linguistischen Poetik liegt in der Ver-
nachlässigung diachroner Aspekte. Der einzelne Text wird bevorzugt aus
einer synchronen Perspektive analysiert; kulturhistorische Überlegungen
geraten nur am Rand in den Blick. Diese Eigenheit der linguistischen
Poetik liegt wahrscheinlich nicht in einem mangelndem Erkenntnisinte-
resse, sondern in einem Komplexitätsproblem begründet: Bereits die
Rekonstruktion der semantischen Tiefenstruktur eines kurzen lyrischen
Texts weist so viele Verästelungen auf, dass die Bestimmung eines ‚ter-
tium comparationis‘ für ein literarhistorisches Vergleichsobjekt zu einem
Ding der Unmöglichkeit wird.
326 Ulrich Schmid
Es mag diesen Umständen geschuldet sein, dass die linguistische Poe-
tik sich als Methode konstituiert hat, die vor allem einen theoretischen
Anspruch vertritt und die Interpretationspraxis oft nur als Prüfstein für
die Leistungsfähigkeit der Theorie einsetzt. So ist auch zu erklären, dass
sich die meisten gewichtigen Publikationen aus dem Umkreis der linguis-
tischen Poetik mit der Kritik der traditionellen Literaturwissenschaft,
mit der Formulierung der eigenen Prämissen und der Explikation des
methodischen Vorgehens beschäftigten. Die Arbeit am konkreten Text
blieb dabei nicht selten im Hintergrund. Die Vertreter der linguistischen
Poetik sahen sich als Vorreiter einer neuen akademischen Disziplin, in
der viele bisher isoliert betriebene Wissenschaften sich zu einem organi-
schen Ganzen verbinden sollten.
3. Institutionsgeschichtliches
Die linguistische Poetik kann sich auf eine Reihe von Vorarbeiten stüt-
zen. Ihrem Erkenntnisinteresse liegt die Vorgehensweise des russischen
Formalismus besonders nahe. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich
die formale Schule in zwei Zentren gebildet, imMoskauer linguistischen Zir-
kel und in der Petersburger Gesellschaft der poetischen Sprache (Opojaz). Die
Verbindung von Linguistik und Literaturwissenschaft war mithin bereits
durch diese doppelte Ausrichtung gegeben. Die programmatische Be-
schränkung des Erkenntnisinteresses auf die ‚Literarizität‘ eines Textes
steigerte die Aufmerksamkeit für formalisierte Beschreibungsverfahren,
wie sie von der Sprachwissenschaft bereit gestellt wurden. Gleichzeitig
profitierte die lingistische Poetik aber auch von Weiterentwicklungen,
die auf dem russischen Formalismus aufruhen, wie dem Prager Struktu-
ralismus und der Moskau-Tartuer semiotischen Schule. Eine persönliche
Verbindung wurde hergestellt durch Roman Jakobson, der als junger
Mann Mitglied des Moskauer linguistischen Zirkels war, später den Pra-
ger Kreis mitbegründete und 1966 an Jurij Lotmans Sommerschule in
Tartu teilnahm. Bereits 1964 verfasste Lotman seine Vorlesungen zu einer
strukturalen Poetik, in der er die literaturwissenschaftliche Analyse des
Kunstwerks neu begründete. Für Lotman ist die Kunst ein modellbil-
dendes System, das die menschliche Vorstellung von der Wirklichkeit
prägt. Die Aufschlüsselung der Struktur des poetischen Wirklichkeits-
verständnisses, das einem künstlerischen Text zugrunde liegt, ist aus sei-
ner Sicht die erste Aufgabe der Literaturwissenschaft. Dabei richtet Lot-
man seine Aufmerksamkeit vor allem auf die Wiederholung bestimmter
Linguistische Poetik 327
sprachlicher Gestaltungselemente auf verschiedenen Ebenen (Phonem,
Morphem, Syntax, Prosodie usw.).
Eine wichtige Etappe in der Entwicklung der linguistischen Poetik
markierte der Warschauer Poetik-Kongress von 1960. Hier präsentierte
Roman Jakobson seinen Vortrag Poesie der Grammatik und Grammatik der
Poesie, in dem er den Parallelismus zwischen der grammatischen Gestalt
und dem Sinngehalt in lyrischen Texten untersuchte. Andere Beiträge
beschäftigten sich mit Verstheorie, dem Verhältnis zwischen Prosa und
Poesie, der linguistischen Beschreibung von Stilepochen und der mathe-
matischen Analyse von literarischen Stilphänomenen. Allerdings gab es
auf diesem Kongress auch skeptische Stimmen, die das gemeinsame Ar-
beitsfeld von Linguistik und Poetik stark einschränken wollten. So wies
etwa Roman Ingarden darauf hin, dass von einem „vollen, sinnvollen
und wertreichen Kunstwerk“ nur ein unverständlicher Rumpf übrig-
bleibe, wenn sich die Poetik von der Sprachwissenschaft einreden lasse,
das literarische Kunstwerk sei nichts weiter als eine „besonders organi-
sierte Sprache“.
4
Prominente Gegenrede gegen diese Position erhob Seymour Chat-
man in seiner Theory of Meter aus dem Jahr 1964. Chatman unternimmt
hier einen methodischen Brückenschlag zwischen strukturaler Linguis-
tik, experimenteller Psychologie und Verstheorie. Er versteht den Rhyth-
mus eines Textes als Grundlage für die Metrik und analysiert in einem
zweiten Schritt die Organisationsregeln der rhythmisch strukturierten
Sprache. Bei seinen Analysen setzt er Tabellen und Oszillogramme ein,
die die phonetische Realisierung eines poetischen Textes dokumentie-
ren. Programmatisch beendet Chatman sein Buch mit einer methodisch
optimistischen Feststellung: „Das Versmaß ist ein Merkmal für die Ver-
fügungsmacht des Dichters; es zeigt die Angemessenheit der Formalisie-
rung und Genrespezifizierung an. Und seine Ressourcen sind in ihrem
eigenen kleinen Maßstab dazu da, semantische Bewegungen und Einzel-
teile oder das Ganze hervorzuheben. Auch ohne einige der schicken
Eigenschaften, die man ihm zugeschrieben hat, operiert das Versmaß
mit einer beindruckenden Vielfalt von Möglichkeiten, und die Analyse-
probleme, die sich damit verbinden, sind ebenso interessant wie alle an-
deren in der Literaturwissenschaft“.
5
4
Ingarden, Roman, „Poetik und Sprachwissenschaft“, in: Donald Davie (Hrsg.) Poe-
tics, Poetyka, Po˙etika, Warszawa, ’s-Gravenhage 1961, S. 3–10.
5
Chatman, Seymour, A Theory of Meter, London, The Hague, Paris 1964, S. 224.
328 Ulrich Schmid
Ein weiterer Ansatz, der für die linguistische Poetik wichtig wurde,
stammte aus Dänemark. Die Kopenhagener Schule erhob die Sprache
der Kunst gegenüber der normalen Sprache in eine Metaposition: Die
Kunstsprache verfüge über einen ästhetischen Inhalt, der nicht sprachlich
verfasst sei, und einen Ausdruck, der seinerseits eine normalsprachliche
Inhalts- und Ausdrucksseite aufweise.
6
Damit griff die Kopenhagener
Schule den Begriff des ‚ästhetischen Objekts‘ auf, den Broder Christian-
sen bereits 1909 in seiner wegweisenden Studie Die Philosophie der Kunst
geprägt hatte. Das ‚ästhetische Objekt‘ ist für Christiansen jenes nicht-
materielle Korrelat des Kunstwerks, das den eigentlichen Gegenstand
der ästhetischen Erfahrung bildet. Die Kopenhagener Konzeption wirkt
aus heutiger Sicht allerdings ambivalent: Der Vorteil besteht darin, dass
mit der verdoppelten Bedeutungsstruktur ein eindeutiges Unterschei-
dungskriterium zwischen künstlerischer und alltäglicher Sprachverwen-
dung vorliegt; der Nachteil liegt allerdings in der Preisgabe der Einheit
des Kunstwerks.
Eine enorme Strahlkraft auf die linguistische Poetik ging von der ge-
nerativen Transformationsgrammatik aus.
7
1957 hatte Noam Chomsky
in seinem Buch Syntactic Structures das linguistische Sprachverständnis re-
volutioniert. Für Chomsky ist das strukturalistische langue-parole-Para-
digma zu statisch, weil es nur bestehende, nicht aber mögliche sprach-
liche Äußerungen erfassen kann. Chomsky seinerseits versteht die
Sprache als ein generatives Prinzip und ersetzt die Opposition langue-
parole durch die Opposition Kompetenz-Performanz.
8
Die Sprache be-
ruht auf einem Regelsystem, das von jedem Sprecher beherrscht wird.
Die Kenntnis einer begrenzten Anzahl von Regeln befähigt den Spre-
chenden, eine unendliche Anzahl von sprachlichen Äußerungen hervor-
zubringen. Die Aufgabe der generativen Transformationsgrammatik
besteht darin, die Generationsregeln einer Sprache zu beschreiben und
in Kenntnis dieser Regeln die Tiefenstruktur einer Äußerung zu analy-
sieren.
Chomskys Neukonzeptualisierung war für die linguistische Poetik
interessant, weil hier die rein statische Strukturbeschreibung einem um-
fassenden dynamischen Sprachverständnis gewichen war. Chomsky hat
6
Vgl. Stender-Petersen, Adolf, „Zur Möglichkeit einer Wortkunst-Theorie“, in: Or-
bis Litterarum, 2/1958, S. 136–152, hier S. 148.
7
Vgl. Ihwe, Jens, Linguistik in der Literaturwissenschaft. Zur Entwicklung einer modernen
Theorie der Literaturwissenschaft, München 1972, S. 115ff., 202ff., 301ff., 376ff.
8
Vgl. Chomsky, Noam, Aspekte der Syntax-Theorie, Frankfurt a. M. 1973, S. 14.
Linguistische Poetik 329
seine Theorie nicht selbst auf die Ästhetik angewandt, möglicherweise
weil die Transformationsgrammatik bereits für die Beschreibung nor-
malsprachlicher Phänomene einen sehr hohen Komplexitätsgrad auf-
weist. Letztlich sind auch die deutschen Vordenker der linguistischen
Poetik bei der Einführung der generativen Transformationsgrammatik
in den Bereich der Literaturwissenschaft gescheitert, weil sie nicht mehr
die Theorie an die zu beschreibenden Phänomene anpassten, sondern
umgekehrt. Bezeichnend ist indes der unterschiedliche Akzent, der bei
diesen Versuchen im geteilten Deutschland gesetzt wurde: Im Osten
überwog der Glaube an den neuen Menschen, der über eine ideale,
lernbare Sprachkompetenz verfügt, im Westen tauchte die utopische
Vision einer technischen Beschreibbarkeit aller literarischen Kunst-
werke auf.
In der DDR versuchte Manfred Bierwisch im Rückgriff auf Chom-
sky den analogen Terminus einer ‚literarischen Kompetenz‘ einzufüh-
ren, die beim Rezipienten für ein adäquates Verstehen von literarischen
Texten vorauszusetzen sei.
9
Eine solche Konzeption weist allerdings
stark normative Züge auf und führt in eine hermeneutische Sackgasse:
Sie unterstellt nämlich, dass die Bedeutung eines literarischen Textes
nur mit Expertenwissen ‚richtig‘ entschlüsselt werden könne. Eine un-
mittelbare ästhetische Erfahrung wäre damit ausgeschlossen; die An-
verwandlung des Kunstwerks müsste der wissenschaftlichen Explika-
tion weichen.
In der Bundesrepublik ließ sich auch Jens Ihwe von seiner Begeiste-
rung für die Transformationsgrammatik davontragen. Er glaubte, eine
generative Poetik mit einem endlichen Regelapparat formulieren zu kön-
nen, die „nicht nur die tatsächlich gegebenen SKW (sprachlichen Kunst-
werke, U.S.) einer Epoche umfasst, sondern auch die Form der mög-
lichen SKW dieser Epoche“
10
festlegt. Dieser überzogene Anspruch ist
bezeichnend für den in den 1970er-Jahren weit verbreiteten Glauben
an die Allmacht kybernetischer Systeme. Ihwe gebührt allerdings das
Verdienst, exakte linguistische Termini in die literaturwissenschaftliche
Methodendiskussion eingeführt zu haben.
Besonders stark schlug sich der deutsche Versuch, die philologischen
Unterdisziplinen einander anzunähern, in der institutionellen Zusam-
menlegung von Linguistik und Literaturwissenschaft in den neu gegrün-
9
Barsch, Die logische Struktur linguistischer Poetiken, S. 98.
10
Ihwe, Linguistik in der Literaturwissenschaft, S. 373.
330 Ulrich Schmid
deten Reformuniversitäten Konstanz (1966) und Bielefeld (1969) nieder.
Allerdings muss dieses mutige Modell mittlerweile als gescheitert gelten;
Linguistik und Literaturwissenschaft sind auch an diesen beiden Univer-
sitäten wieder in eigene Fachdiskurse eingetreten.
11
In die 1960er-Jahre fallen bezeichnenderweise auch die Gründungen
zweier deutscher Zeitschriften, die sich um eine verstärkte Vermittlung
zwischen Sprach- und Literaturwissenschaften bemühten. 1967 erschien
die erste Nummer der Poetica, die unter der Leitung von Forschern der
Ruhr-Universität Bochum stand (Karl Maurer, Hellmut Flashar, Ingrid
Strohschneider-Kohrs, Ulrich Suerbaum). Der federführende Herausge-
ber berief sich in seinem Gründungseditorial auf die Tradition der russi-
schen Formalisten, aber auch auf deutsche Philologen wie Oskar Walzel,
Karl Vossler und Leo Spitzer.
12
Kurz darauf begründeten Helmut Kreuzer, Wolfgang Klein, Rul
Gunzenhäuser und Wolfgang Haubrichs die Siegener Zeitschrift für Litera-
turwissenschaft und Linguistik, die oft nur unter ihrem Kürzel LiLi figuriert.
Noch konsequenter als die Poetica wollte die LiLi die Grenzen zwischen
den einzelnen Disziplinen überwinden. Dabei stand zwar die Koopera-
tion zwischen Literaturwissenschaft und Linguistik im Vordergrund;
allerdings ließ sich bei den Herausgebern von Anfang an ein deutliches
Interesse für die Verbindung zwischen Mathematik und Ästhetik beob-
achten. Das weitgespannte Spektrum der Themen spiegelt sich in den
Titeln der einzelnen Hefte wie z. B. Textlinguistik, Trivialliteratur und Me-
dienkunde, Literaturpsychologie, Argumentation.
13
Im selben Jahr wie LiLi wurde in den Niederlanden die Zeitschrift
Poetics gegründet. Auch hier stand die methodische Horizonterweiterung
der Literaturwissenschaft im Zentrum des Interesses, allerdings mehr in
Richtung Soziologie und Kulturgeschichte. Im ersten Editorial heißt es
programmatisch: „Poetics will not be limited to these formal aspects of
texts, for full understanding of literary phenomena requires examination
of the historical and psycho-social conditions underlying the production
11
Vgl. Kasten, Ingrid / Neuland, Eva / Schönert, Jörg: „Literaturwissenschaft und
Linguistik: Konsequenzen aus Kooperationen und Konfrontationen seit den 60er
Jahren?“, in: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 44/1997, 3, S. 4–10.
12
Vgl. Maurer, Karl, „Zu dieser Zeitschrift“, in: Poetica, 1/1967, o. S.
13
Vgl. Geisenhanslüke, Achim / Müller, Oliver, „Linguistik als Gegendiskurs? Die
Siegener ‚Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik‘“, in: Ulrike Hass /
Christoph König (Hrsg.), Literaturwissenschaft und Linguistik von 1960 bis heute, Göt-
tingen 2003, S. 87–106.
Linguistische Poetik 331
and reception of literary texts, as well as the cultural, aesthetic and ideo-
logical function of literature in society“.
14
In Frankreich engagierte sich vor allem der gebürtige Bulgare Tsvetan
Todorov für die Anliegen der linguistischen Poetik. 1965 hatte er auf An-
regung von Gérard Genette eine übersetzte Anthologie von Schlüssel-
texten der russischen Formalisten herausgegeben. 1968 verfasste er den
Artikel Poetik im programmatischen Sammelwerk Was ist der Strukturalis-
mus?. 1970 gründete er mit Genette die Zeitschrift Poétique und leitete sie
bis 1978. Todorov verfocht in diesen frühen Arbeiten das formalistische
Prinzip der Literarizität und versuchte die Poetik als autonome Wissen-
schaft zu begründen, die ihren literarischen Gegenstand im Gegensatz
zu psychologischen, soziologischen, ethnologischen oder ideengeschicht-
lichen Ansätzen aus sich selbst heraus beschreiben will. Deswegen gilt
Todorovs Interesse auch nicht in erster Linie dem Einzeltext, sondern
dem literarischen Diskurs, der das Entstehen bestimmter Werke erst
möglich macht.
1975 wurde an der Universität Tel Aviv das Institut für Poetik und Se-
miotik gegründet. Roman Jakobson hielt eine Inaugurationsvorlesung
mit dem Titel Language, Sign, Poetry. Seit 1979 veröffentlicht dieses Insti-
tut die Zeitschrift Poetics Today, die ihrerseits die kurzlebige Amsterdamer
Zeitschrift PTL (Poetics and Theory of Literature) (1976–1979) fortführt.
Spezialnummern von Poetics Today waren u. a. folgenden literaturtheore-
tischen Themen gewidmet: die Konstruktion von Wirklichkeit in fiktio-
nalen Werken, Repräsentation in der modernen Literatur, Aspekte des
Metaphernverständnisses. Daneben zeichnet sich Poetics Today aber auch
durch ein eminentes kulturwissenschaftliches Erkenntnisinteresse aus
und untersucht etwa die kulturellen Prozesse in arabischen Gesellschaf-
ten oder die Kulturpoetik des Purimfestes.
1982 wurde – erneut in Siegen – die Zeitschrift SPIEL (Siegener
Periodicum zur Internationalen Empirischen Literaturwissenschaft) ins Leben ge-
rufen. Die Herausgeber Siegfried J. Schmidt und Reinhold Viehoff ver-
abschiedeten sich im Editorial zur ersten Nummer von der traditionellen
Konzentration der Literaturwissenschaft auf das Kunstwerk: „Wir sehen
im literarischen Werk nicht den einzig wichtigen Gegenstand der Litera-
turwissenschaft. Wir beschreiben mit dem Begriff ‚Literatur‘ vielmehr
den Kristallisationspunkt einer Reihe unterschiedlicher sozialer Hand-
14
Van Dijk, Teun, „Poetics: An Introduction“, in: Poetics. International Review for the
Theory of Literature, 1/1971, S. 5–7, hier S. 6.
332 Ulrich Schmid
lungen, die theoretisch und empirisch erforscht werden können und
sollen“.
15
Die linguistische Poetik wird hier programmatisch in Richtung Pragma-
tik weiterentwickelt: Nicht nur Textstrukturen sollen untersucht werden,
sondern auch die soziale Situation, in die ein bestimmtes literarisches
Phänomen eingebunden ist.
Diese Neuausrichtung ist durchaus symptomatisch für den Stellen-
wert der linguistischen Poetik in der heutigen Theoriediskussion. Die
strenge Beschränkung der Beschreibung des Sprachkunstwerks auf ein
textlinguistisches Instrumentarium wurde fallen gelassen; gleichzeitig
bewegt sich die linguistische Poetik in dieselbe Richtung wie die kultur-
wissenschaftliche Analyse literarischer Texte.
4. Publikationen
Von kaum zu überschätzender Wichtigkeit ist Roman Jakobsons Aufsatz
Linguistik und Poetik aus dem Jahr 1960. Für Jakobson steht die Frage nach
der Differenzqualität eines literarischen Kunstwerks im Vordergrund.
Voraussetzung für dieses Erkenntnisinteresse ist eine weite Auffassung
des Gegenstandes der Linguistik: Keinesfalls dürfe sich die Linguistik
auf den Satz als größte Analyseeinheit beschränken; ebensowenig sei
eine Verabsolutierung der Grammatik als des einzigen Beschreibungs-
modells zulässig. Jakobson ordnet den literarischen Text in ein Kommu-
nikationsmodell ein, bei dem der Text als Botschaft zwischen Sender
und Empfänger verschiedene Funktionen ausüben kann. Dabei unter-
scheidet er sechs verschiedene Spielarten: Die referentielle, die emotive,
die konative, die phatische, die metasprachliche und schließlich die poe-
tische Funktion. Es ist nun genau die poetische Funktion, die das Spezi-
fische der Literatur ausmacht. In der poetischen Funktion äußert sich die
Einstellung der Botschaft auf ihre eigene sprachliche Verfasstheit. Zu
nennen sind hier Phänomene wie Lautmalerei, rhetorische Gestaltung
oder Rhythmisierung der Sprache. Jakobson hält programmatisch fest:
„Die poetische Funktion projiziert das Prinzip der Äquivalenz von der
Achse der Selektion auf die Achse der Kombination“.
16
Im alltäglichen,
nichtliterarischen Sprachgebrauch wählt der Sprecher aus verschiedenen
äquivalenten Wörtern einen bestimmten Ausdruck, der zusammen mit
15
Schmidt, Siegfried J. / Viehoff, Reinhold, „Editorial“, in: SPIEL, 1/1982, 3f, S. 3.
16
Jakobson, „Linguistik und Poetik“, S. 94.
Linguistische Poetik 333
weiteren Wörtern eine syntaktische Einheit bildet. Die hierbei eine Rolle
spielenden Relationen nennt Jakobson ‚Similarität‘ (ein Wort kann durch
ein anderes ersetzt werden) und ‚Kontiguität‘ (ein Wort kann mit einem
anderen Wort kombiniert werden). Im literarischen Sprachgebrauch
werden nun Syntagmen gebildet, in denen die einzelnen Elemente äqui-
valent sind. Dabei gibt es unterschiedliche Aspekte: Die Wörter kön-
nen die gleiche Silbenzahl, eine ähnliche Lautstruktur (Alliteration, As-
sonanz, Reim) oder dieselbe Metaphorik aufweisen. Als Beispiel für ein
äquivalentes Kombinationsprinzip führt Jakobson etwa Cäsars Diktum
‚Veni, vidi, vici‘ an, dessen einzelne Elemente bei minimaler Varianz
über eine maximale lautliche Ähnlichkeit verfügen. Exemplarisch hat
Jakobson seine Thesen ein Jahr später im Aufsatz Poesie der Grammatik
und Grammatik der Poesie anhand einer Analyse eines Puˇ skin-Gedichts
durchgeführt. Jakobson zeigt hier, dass Puˇ skin ohne Bilder auskommt
und den Effekt seines lyrischen Textes ganz auf dem Spiel mit gramma-
tikalischen Kategorien aufbaut. Dazu gehört das Verhältnis von Adjek-
tiven und Adverbien, der Wechsel zwischen Aktiv- und Passivformen
des Verbes ‚lieben‘ und die stark ausgebaute Deklination des Personal-
pronomens.
17
1962 legte Jakobson gemeinsam mit Claude Lévi-Strauss eine Inter-
pretation von Baudelaires Gedicht Les chats vor und demonstrierte da-
durch die Leistungsfähigkeit seines Ansatzes. Die Autoren stellen in dem
Gedicht weitgehende Parallelen und Übereinstimmungen zwischen der
inhaltlichen Gliederung, der Metaphorik, der Reimstruktur und der Pho-
netik fest. Die ästhetische Wirkung von Baudelaires Les chats beruht laut
Jakobson und Lévi-Strauss auf einem komplexen Geflecht von Ähnlich-
keits- und Kontrastverhältnissen auf verschiedenen sprachlichen Ebe-
nen.
18
Diese Musteranalyse hat in der strukturalistischen Literaturwissen-
schaft eine lange Debatte hervorgerufen, deren einzelne Wortmeldungen
in zwei Sammelbänden dokumentiert sind.
19
17
Vgl. Jakobson, Roman, „Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie“, in:
ders., Poetik, S. 233–263, hier S. 245.
18
Vgl. Jakobson, Roman / Lévi-Strauss, Claude: „‚Die Katzen‘ von Charles Bau-
delaire“, in: ders., Semiotik. Ausgewählte Texte 1919–1982, Frankfurt a. M. 1992,
S. 206–232.
19
Vgl. Delcroix, Maurice / Geerts, Walter (Hrsg.), ‚Les Chats‘ de Baudelaire. Une con-
frontation de méthodes. Namur, Paris 1980. – Vidal-Beneyto, José (Hrsg.), Posibilidades
y límites del análisis estructural. Una investigación concreta en torno a lenguaje y poesía, Madrid
1981.
334 Ulrich Schmid
5. Fachgeschichtliche Einordnung
Die linguistische Poetik spielt in der aktuellen Literaturtheorie nur noch
eine untergeordnete Rolle. Dies ist vor allem auf die sich immer weiter
öffnende epistemologische Schere zwischen Linguistik und Literatur-
wissenschaft zurückzuführen. Das Erkenntnisinteresse der Linguistik
hat sich im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert stark ausdifferenziert
und beschäftigt sich kaum mehr mit der Deutung literarischer Texte. Zu
konstatieren ist einerseits eine intensive Entwicklung von Grammatik-
theorien und andererseits eine verstärkte Auseinandersetzung mit so-
ziologischen und interkulturellen Fragestellungen. Aber auch die Lite-
raturwissenschaft hat sich von der Konzentration auf die sprachliche
Verfasstheit ihres Untersuchungsgegenstandes entfernt. Programma-
tisch wurde eine kulturwissenschaftliche Wende in den Geisteswissen-
schaften ausgerufen, die mittlerweile die Forschungsagenda maßgeblich
bestimmt. Ende der 1980er-Jahre setzten der Wissenschaftsrat und die
Westdeutsche Rektorenkonferenz eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe
prominenter Experten ein, die sich zur Zukunft der Geisteswissen-
schaften äußern sollte. Dazu gehörten der Germanist Wolfgang Früh-
wald, der Romanist Hans Robert Jauß, der Philosoph Jürgen Mittelstraß
und der Historiker Reinhart Koselleck. In ihrer Denkschrift Geisteswis-
senschaften heute (1991) stellten die Autoren ernüchtert fest, dass die alte
Einheit der philosophischen Fakultät nicht mehr aufrechterhalten wer-
den könne. Die verlorenen interdisziplinären Verbindungen seien nur
noch durch übergreifende kulturwissenschaftliche Fragestellungen
kompensierbar.
Ein fruchtbares Anwendungsfeld fand die linguistische Poetik in den
1970er- und -80er-Jahren in der computergestützen Stilanalyse. Ein
wichtiger Forschungsgegenstand war dabei die Attribuierung von Tex-
ten mit umstrittener Autorschaft. So versuchte man etwa die Einheit von
Shakespeares Werk durch vergleichende Stilanalysen zu erweisen. Dabei
wurden in verschiedenen Texten die Satzlänge, die Frequenz von Rela-
tivsätzen, die Spezifika der Wortbildung und der Einsatz von determi-
nierenden Partikeln verglichen.
20
In ähnlicher Weise wurde der Roman
Der stille Don des sowjetischen Nobelpreisträgers Michail S
ˇ
olochov un-
tersucht. Die Forschergruppe konnte aufgrund bestimmter Rekurren-
20
Dolores M. Burton, Shakespeare’s Grammatical Style. A Computer-Assisted Analysis of
Richard II and Antony and Cleopatra, Austin, London 1973.
Linguistische Poetik 335
zen von lexikalischen und syntaktischen Mustern mit hoher Wahrschein-
lichkeit die Authentizität des Manuskripts bestätigen.
21
In jüngster Zeit lässt sich indes auch wieder ein zunehmendes For-
schungsinteresse an der Poetik feststellen. Monika Schmitz-Emans,
Manfred Schmeling und Uwe Lindemann haben im Jahr 2009 ein Lexi-
kon der Poetiken herausgegeben, das die Kernthemen poetologischer Re-
flexionen in den westlichen Literaturen darstellt, sie in ihrer netzwerkar-
tigen Struktur transparent macht und die Geschichte ihrer Entfaltung
darlegt. Die raison d’être dieses Nachschlagewerks verdankt sich zu ei-
nem guten Teil der konzeptuellen Vorarbeit, die durch die linguistische
Poetik geleistet worden ist.
6. Kommentierte Auswahlbibliographie
Ihwe, Jens, Linguistik in der Literaturwissenschaft. Zur Entwicklung einer mo-
dernen Theorie der Literaturwissenschaft, München 1972.
Frühes programmatisches Theoriekompendium, das vom ungebroche-
nen Glauben an die Möglichkeiten der ‚Linguistierung‘ der Literaturwis-
senschaft getragen ist.
Wirrer, Jan, Literatursoziologie, linguistische Poetik. Zur diskussion anhand
zweier texte von W.B. Yeats, München 1975 (Grundfragen der Literaturwis-
senschaft 9).
Diese Tübinger Dissertation wendet die Erkenntnisse der linguistischen
Poetik auf ein Sonett und ein Drama von Yeats an und versucht dabei,
die Transformation eines Mythos im Gedicht und das zentrale Hand-
lungselement des Tausches im Drama mit strukturalistischen Mitteln zu
erläutern.
Küper, Christoph, Linguistische Poetik, Stuttgart 1976.
Praxisbezogenes Handbuch, das strukturalistisch den Bedeutungsauf-
bau des literarischen Kunstwerks untersucht und dabei in aufsteigender
Folge die graphemische, die phonologische, die morphologische, die
syntaktische, die semantische und schließlich die Text-Ebene berück-
sichtigt.
21
Geir Kjetsaa, The authorship of „The Quiet Don“, Oslo 1984.
336 Ulrich Schmid
Barsch, Achim, Die logische Struktur linguistischer Poetiken. Vergleichende Un-
terschungen auf dem Grenzgebiet zwischen Linguistik und Literaturwissenschaft,
Berlin 1981.
Bilanzierender Überblick über die linguistischen Poetiken von J. Ihwe,
T.A. van Dijk, G. Wienold, S.J. Schmidt und J.S. Petöfi.
Hoffmann, Michael / Kessler, Christine (Hrsg.), Berührungsbeziehungen
zwischen Linguistik und Literaturwissenschaft, Frankfurt a. M. 2003 (Sprache.
System und Tätigkeit 47).
In diesem Sammelband wird zunächst der theoretische Versuch unter-
nommen, zentrale Analysekategorien wie ‚Text‘, ‚erlebte Rede‘ oder
‚Perspektive‘ aus literaturwissenschaftlicher und linguistischer Sicht zu
definieren. In einem zweiten Teil wird das so gewonnene Instrumenta-
rium in konkreten Werkanalysen angewendet.
Hass, Ulrike / König, Christoph (Hrsg.), Literaturwissenschaft und Lin-
guistik von 1960 bis heute, Göttingen 2003 (Marbacher Wissenschafts-
geschichte 4).
Gute kritische Würdigung der linguistischen Poetik, in der auch wis-
senschaftshistorische und institutionelle Aspekte zur Sprache kommen.
Gleichzeitig wird auch das Verhältnis der linguistischen Poetik zu Stilis-
tik, Rhetorik und Diskursanalyse behandelt.
Literarische Anthropologie 337
Literarische Anthropologie
von LOTHAR VAN LAAK
1. Definition
Literatur handelt sehr häufig von Menschen im Einzelnen und Konkre-
ten und dem Menschen im Generellen und Allgemeinen. Sie zeigt ihn in
seinen Bedingtheiten und Vermögen, in seinen Leistungen und Gren-
zen; und sie spricht ihn in der ästhetischen Erfahrung auf eine spezifi-
sche Weise an. In Akten des Fingierens und Imaginierens, des Lesens
und verstehenden Nachvollzugs tritt Literatur in Produktion und Re-
zeption mit dem Menschen, seinem Wissen von sich selbst und seinen
Vermögen der Weltwahrnehmung und -gestaltung in Verbindung. Lite-
ratur als Medium leistet dies in (selbst-)reflektierter und reflektierender
Form. Literatur ist so in doppelter Weise anthropologisch bedeutsam:
Sie stellt den Menschen dar, thematisiert ihn; und sie gestaltet seine
Weltverhältnisse ästhetisch. Dies in der Literarischen Anthropologie
zu erfassen, geschieht weniger in einem strengen Sinn von ‚Methode‘,
sondern in der Verbindung von literatur- und wissensgeschichtlichen,
wissenstheoretischen sowie rezeptionshermeneutischen Herangehens-
weisen.
2. Beschreibung
Literarische Anthropologie trägt bei zum Wissensbestand der Anthro-
pologie im Allgemeinen und einer Kulturanthropologie im Besonderen.
Wenn sie diesen Beitrag insbesondere literarisch erbringt, geschieht dies
nicht nur im Hinblick auf Bestände, Prozesse und Funktionen des Wis-
sens und der Wissenschaft, sondern auch durch die besondere ästheti-
sche Gestaltung von (menschlichen) Erfahrungen, Rezeptionsformen
und Deutungsstrukturen. Literatur in ihrer produktiven ästhetischen
Dynamik von Imagination, Mimesis und Performanz macht einerseits et-
was mit uns als Menschen; als Menschen gestalten wir andererseits unser
338 Lothar van Laak
kulturelles, existenzielles und damit anthropologisches Wissen von uns
selbst literarisch, in und als Literatur.
In der Literarischen Anthropologie verbinden sich somit zwei ver-
schiedene Argumentationsrichtungen, sofern einerseits eher das Wissen
vom Menschen und andererseits dessen literarische Vermittlung und
Darstellung stärker in den Blick genommen wird. Weil sich diese beiden
Argumentationsrichtungen bisweilen sogar auch widersprechen und –
gerade literarisch – in einen produktiven Widerstreit gebracht werden
können, schwankt die methodologische bzw. (literatur-)wissenschaft-
liche Wertschätzung Literarischer Anthropologie durchaus. Genauigkeit
verlangt die selbstkritische Reflexion und Offenlegung der implizierten
anthropologischen Prämissen und Modelle, die jede literaturanthropolo-
gische Untersuchung vornehmen sollte. Denn sie kann sich zum einen
auf die Literatur oder die Anthropologie beziehen. Zum anderen kann sie
dabei historisch oder überhistorisch bzw. mit einem allgemein-systemati-
schen Anspruch argumentieren.
Die Literarische Anthropologie in ihrem doppelten Interesse an lite-
rarischer Darstellung und anthropologischer Wissensorientierung ist
auch methodengeschichtlich aus zwei verschiedenen Traditionslinien
herzuleiten, die die beiden beschriebenen Argumentationsrichtungen er-
klären. Die eine Traditionslinie lässt sich als eine literaturwissenschaft-
liche Hinwendung zu Themen, Fragen und Problemen der Anthropolo-
gie nachzeichnen. Das Interesse an ihr setzte in den 1980er-Jahren in
der Erforschung der Aufklärung und des späteren 18. Jahrhunderts ein.
Anthropologie ist hierbei im engeren, philosophiegeschichtlichen Sinn
thematisiert worden; sie ging damit also von einer literatur-, philosophie-
bzw. kulturhistorischen Problemlage aus. „Gemeinsamer Fluchtpunkt
[…] sind die differenzierten und vielfach ambivalenten Folgen jener Re-
habilitation der Sinnlichkeit, die das 18. Jahrhundert prägt und in der An-
thropologie der Spätaufklärung ihren Höhepunkt erreicht“
1
und um das
Problem des ‚ganzen Menschen‘ kreist.
Die andere, schon seit den späten 1970er-Jahren sich zeigende Linie in
der Forschung lässt sich bestimmen als eine Erweiterung kulturanthro-
pologischer, ethnologischer und kultursoziologischer Überlegungen.
Deren Konzepte wurden mehr und mehr auch auf das Korpus literari-
scher Texte und deren literaturwissenschaftliche, insbesondere diskurs-
geschichtliche Analyseverfahren ausgedehnt.
1
Barkhoff, Jürgen / Sagarra, Eda, „Vorwort“, in: hrsg. v. dens., Anthropologie und Li-
teratur um 1800, München 1992, S. VI–IX, hier VI.
Literarische Anthropologie 339
Wolfgang Riedel hat beide Linien und Fragerichtungen als Literarische
Anthropologie (1) und Literaturanthropologie (2) in einer wichtigen
Standortbestimmung strikt voneinander unterschieden.
2
Literarische
Anthropologie (1) lasse sich von den einzelnen literarischen Texten her-
leiten. In und mit ihnen zeige und kommentiere sie ‚den‘ Menschen und
seine Selbstdarstellung und Selbstreflexion. Dies tut sie auch kritisch,
und auf historisch sich wandelnde Weise. Die eher kulturwissenschaft-
lich argumentierende Literaturanthropologie (2) hingegen formuliert
„ein kulturwissenschaftliches Neuverständnis von Literaturwissenschaft
als historischer Kulturanthropologie“.
3
Sie stellt nach Riedel die Texte
allen anderen Äußerungen des Menschen gleich und begreift sie (nur) als
Dokumente für den Menschen. Die erste Argumentationsrichtung ist eine
stärker literaturwissenschaftlich-interpretative, wie sie Riedel im deutsch-
sprachigen Raum verortet; die zweite eine kulturwissenschaftliche und
ethnologisch inspirierte bzw. diskursgeschichtlich verfahrende Argu-
mentationsrichtung, wie sie den ‚cultural studies‘ im Wissenschaftsver-
ständnis des anglo-amerikanischen Raums entspricht. Riedel selbst ord-
net seine eigene Position der ersten Argumentationsrichtung zu. Denn
die „Festschreibung auf Kulturwissenschaft im engeren Sinne von lite-
rary anthropology […] zieht den Rahmen für die Philologien zu eng.
Ohne Not unterwirft sie den wissenschaftlichen Umgang mit der schrift-
lichen Überlieferung der […] Tendenz zur Soziologisierung der Geistes-
wissenschaften“.
4
Mit einer solchen Tendenz, die aber etwas treffender
als eine Tendenz zur Ethnologisierung bezeichnet werden müsste, geht
das ästhetisch Besondere von Literatur verloren. Dieses bestimmt sich
nach Riedels Auffassung gerade darin, dass „die Literatur einen ‚Diskurs
vom Menschen‘ [führt]. Dieser Diskurs bewegt sich […] in größtmög-
licher Nähe zu Erfahrung und Erleben, zu Aisthesis und Emotion, und
ist von daher gekennzeichnet durch eine geradezu spezifische Leibaffi-
nität. Liebe und Tod, Lüste und Schrecken, ‚Traum und Rausch‘, temps
perdues und senilità – Literatur und Dichtung kann und will von den
‚physiologischen‘ oder ‚Natur‘-Aspekten der condition humaine, von
2
Vgl. Riedel, Wolfgang, „Literarische Anthropologie. Eine Unterscheidung“, in:
Wolfgang Braungart / Klaus Ridder / Friedmar Apel (Hrsg.), Wahrnehmen und Han-
deln: Perspektiven einer Literaturanthropologie, Bielefeld 2004, S. 337–366.
3
Riedel, Wolfgang, „Art. ‚Literarische Anthropologie‘“, in: Harald Fricke u. a.
(Hrsg.), Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Bd. II, Berlin, New York 2000,
S. 432–434, hier 433.
4
Riedel, „Literarische Anthropologie. Eine Unterscheidung“, hier S. 349f.
340 Lothar van Laak
der Körper- und Triebgebundenheit unseres Daseins, der Sinnlichkeit
unserer Wahrnehmungsformen, gar nicht abstrahieren“.
5
Literatur wird mit ihrer modernen Ausdifferenzierung als kulturelles
und soziales System seit etwa 1750 nicht nur von ihrem Wechselspiel mit
der Anthropologie und ihrem Wissen besonders geprägt. Moderne Lite-
ratur wird damit zudem – historisch gesehen – in gewisser Weise auch
‚anthropologischer‘ und ‚sinnlicher‘, d. h. sinnlichkeitsnäher. Wie sich
also seit dem 18. Jahrhundert Ästhetik und Anthropologie intra- wie in-
terdisziplinär neben- und miteinander in teilweise höchst bedeutsamer
Weise entfalten, so etabliert sich auch die Literatur zur selben Zeit und
bis ins 20. Jahrhundert hinein in dieser Hinsicht als das kulturelle Leitme-
dium: In der Perspektive einer Literarischen Anthropologie ist dies kein
bloßes Nebeneinander oder gar Zufall, sondern geradezu wechselsei-
tige Bedingung. Denn die Tatsache, dass für den Menschen (als ein sinn-
bedürftiges Lebewesen) Literatur, Sprache, Schrift oder die Künste als
kulturelle Medien immer schon einen anthropologischen Stellenwert
haben, erhält mit der Entfaltung der Anthropologie als eines ausdiffe-
renzierten Wissensbereiches eine umfassendere und selbstreferenzielle,
meta-reflexive Bedeutung, die Literatur zu dem diskursiven Medium der
Sinnlichkeit und Naturhaftigkeit des Menschen werden lässt. In und seit
der ‚Sattelzeit‘ erst werde die ‚(schöne) Literatur‘ „von der Entstehung
der Anthropologie als Wissenschaft“
6
kontextualisiert und Literatur hat
dann ihren anthropologischen Stellenwert darin, (selbst-)kritischer
Kommentar der kulturellen und geschichtlichen Entwicklung des Men-
schen zu sein und ihm ein ‚anderes‘ Wissen von sich selbst zu geben. In
der Spätaufklärung sind es ein (kultur-)kritischer Naturbegriff und die
Physiologie, in der Romantik die Traumwelten des Psychischen und Psy-
cho-Pathologischen, um und nach 1900 dann Soziologie, Biologie oder
Psychoanalyse, mit denen sich dieses ‚andere‘ Wissen, literarisch, kritisch
und ‚kommentarhaft‘ zum Ausdruck gebracht hat.
Die Frageperspektive und das Forschungsprogramm einer so bestimm-
ten Literarischen Anthropologie lassen sich dabei wie folgt charakterisie-
ren: Erstens geht eine Literarische Anthropologie von einer ‚aistheti-
schen‘ Auffassung literarischer Erfahrung (der ästhetischen Erfahrung
von Literatur) aus.
7
Zweitens erscheint sie als kritische, kommentarhafte
5
Ebd., S. 361.
6
Riedel, „Art. ‚Literarische Anthropologie‘“, hier S. 433.
7
Die Ausweitung der philosophischen Ästhetik zu einer umfassenderen Wahrneh-
mungslehre, einer von der Aisthesis ausgehenden ‚Aisthetik‘ diskutieren: Seel,
Literarische Anthropologie 341
Reflexion in der Perspektive des Wissens (von diesen menschlichen Er-
fahrungen) und drittens als eine Form moderner Subjektivitätskritik mit
ganz verschiedenen Facetten.
8
Alle drei Charakterisierungen bzw. Leistungen von Literatur sind so
als eine Form reflektierter, kultureller Vermitteltheit zu verstehen, als ein
sich kritisch – mit sich selbst als Mensch, in seinen anthropologischen
Vermögen und seinen Begrenzungen – in Beziehung Setzen. Diese kul-
turelle Vermitteltheit des Menschen kommt – als Wissen – in der Litera-
tur und – als Prozess der Wissensvermittlung – eben literarisch zum Aus-
druck und zeigt sich dabei, nach der Formulierung Wolfgang Isers, als
„ein ständiges Sich-selbst-Überschreiten des Menschen“.
9
Diese Dynamik kann eine literarische Kulturanthropologie herausar-
beiten, indem sie Literatur z. B. in den Kategorien von Mythos, Mimesis,
Ritual, Inszenierung, Spiel oder Performativität betrachtet, wie sie Iser
(im Blick auf Inszenierung und Performanz) als einer der Ersten in be-
sonderer Weise literaturanthropologisch systematisiert und profiliert
hat. Dabei hat er darauf insistiert: „[…] die Inszenierung der Literatur
veranschaulicht die ungeheure Plastizität des Menschen, der gerade des-
halb, weil er keine bestimmte Natur zu haben scheint, sich zu einer un-
vordenklichen Gestaltenfülle seiner kulturellen Prägung zu vervielfälti-
gen vermag“.
10
Martin, „Ästhetik und Aisthetik. Über einige Besonderheiten ästhetischer Wahr-
nehmung“, in: Birgit Recki / Lambert Wiesing (Hrsg.), Bild und Reflexion. Paradig-
men und Perspektiven gegenwärtiger Ästhetik, München 1997, S. 17–38; Welsch, Wolf-
gang, „Erweiterungen der Ästhetik. Eine Replik“, in: Birgit Recki / Lambert
Wiesing (Hrsg.), Bild und Reflexion. Paradigmen und Perspektiven gegenwärtiger Ästhetik,
München 1997, S. 39–67. Als systematischen Entwurf ausformuliert hat dieses
Programm: Böhme, Gernot, Aisthetik. Vorlesungen über Ästhetik als allgemeine Wahr-
nehmungslehre, München 2001. Die Konsequenzen einer solchen Perspektive für die
ästhetische Erfahrung im Umgang mit Literatur diskutiert: Laak, Lothar van, Her-
meneutik literarischer Sinnlichkeit. Historisch-systematische Studien zur Literatur des 17. und
18. Jahrhunderts, Tübingen 2003, S. 23–48.
8
Vgl. z. B. Spies, Bernhard, Politische Kritik, psychologische Hermeneutik, ästhetischer Blick.
Die Entwicklung bürgerlicher Subjektivität im Roman des 18. Jahrhunderts, Stuttgart 1992.
9
Iser, Wolfgang, Das Fiktive und das Imaginäre. Perspektiven literarischer Anthropologie,
Frankfurt a. M. 1993, S. 12.
10
Ebd., S. 481–515, hier 505. Siehe zur Mythenforschung auch den Beitrag von
Ralph Köhnen in diesem Band. Der literarischen und literaturanthropologischen
Bedeutung des Rituals widmet sich: Braungart, Wolfgang, Ritual und Literatur, Tü-
bingen 1996. Zur Herleitung der Kategorie der Performativität aus der Pragmatik
und ihrer literatur- und kulturwissenschaftlichen Aktualisierung siehe: Wirth, Uwe
(Hrsg.), Performanz. Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften, Frankfurt a. M.
342 Lothar van Laak
Von dieser Formulierung aus eröffnen sich letztlich auch die vier Per-
spektiven literaturanthropologischen Arbeitens, wie es sich derzeit zeigt:
Die Literarische Anthropologie bemüht sich (1) darum, die „Plastizität
des Menschen“ und die „Gestaltenfülle seiner kulturellen Prägung“ wei-
ter auszudifferenzieren. Die Literaturanthropologie widmet sich (2) eher
den soziologischen und kultur-anthropologischen Verfahren der (dis-
kursiven) Prägung dieser literaturanthropologischen Vielfalt des Men-
schen; ferner diskutiert (3) eine rezeptionshermeneutisch-systematisie-
rende Perspektivierung Literarischer Anthropologie die ästhetischen
Verfahren des Inszenierens, des Veranschaulichens und der kulturellen
Vervielfältigung, Darstellung und Anreicherung selbst, in denen sich die
Dynamik menschlichen Handelns in und mit Literatur entfaltet; und
schließlich fragt (4) eine (evolutions-)biologisch argumentierende Lite-
raturanthropologie heute nach den natürlichen Ursachen für die (und
den kulturellen Umgang mit den) Eigentümlichkeiten, die sich aus der
anthropologischen Bestimmung ergeben, dass der Mensch „keine be-
stimmte Natur zu haben scheint“.
3. Institutionsgeschichtliches
Als Denkansatz bzw. methodologische Argumentationszusammenhänge
finden sich Literaturanthropologie (als ‚cultural‘ resp. ‚literary anthropo-
logy‘) seit den späten 1970er-, Literarische Anthropologie seit den
1980er-Jahren. Der ertragreiche wissenschaftsgeschichtliche Höhepunkt
dieses Denkansatzes lag zweifellos in den 1990er-Jahren. Er erklärt sich
aus dem produktiven Zusammenwirken auch widerstreitender Tenden-
zen, wie sie sich aus der Beschreibung der beiden genannten unterschied-
lichen argumentativen Traditionslinien ergeben. Deren gemeinsamer
Denkansatz ist dabei das methodologische Bedürfnis einer lebenswelt-
lichen Kontextualisierung von literarischen Texten. Diese werden nicht
nur als ästhetisch-autonome Kunstwerke und poetisch von ihrer Litera-
rizität her verstanden, sondern auch sozial situiert und insbesondere mit
den (anthropologischen) Wissensbeständen im Allgemeinen (fiktionale
2002. Zu ihrer Entfaltung und Weiterentwickung die Arbeiten von Erika Fischer-
Lichte, Sybille z. B.: Ästhetik des Performativen, Frankfurt a. M. 2004; Krämer, Sybille
(Hrsg.), Performativität und Medialität, München 2004. Siehe zu einer ersten kultur-
wissenschaflichen Orientierung im Blick auf diese Kategorien auch: Fauser, Mar-
kus, Einführung in die Kulturwissenschaft, Darmstadt 2006.
Literarische Anthropologie 343
Produktion und rezeptive Wahrnehmbarkeit von Literatur) oder im His-
torisch-Besonderen (z. B. Einbeziehung medizinischen Wissens für die
literarische Gestaltung bei Schiller)
11
produktiv in Beziehung gesetzt.
Diese lebensweltliche, soziale und wissensbasierte bzw. -bezogene Kon-
textualisierung lässt sich aus der Hinwendung zum sozialen Ort von Li-
teratur verstehen, wie sie die Gesellschafts- und Literaturwissenschaft
der 1970er-Jahre forcierte. Sie partizipierte dann aber auch an der Bewe-
gung des ‚cultural turn‘ in den Geisteswissenschaften, ohne dass man al-
lerdings von einem ‚anthropological turn‘ sprechen könnte.
12
Denn die
kulturwissenschaftlich geprägte Praxis der Literaturanthropologie im en-
geren Sinne trug mit ihrer Ausweitung und Entgrenzung der Auffassung
von der ‚Kultur als Text‘ in der Tat nicht nur zur Ethnologisierung der
Geistes- und Literaturwissenschaft bei. Sie löste letztlich auch die Gren-
zen zwischen den (anthropologischen) Wissensbeständen und -formen
und ihren literarisch verfassten Gegenständen tendenziell auf. Diese zu
weit gehende kulturwissenschaftliche Entgrenzung ist insofern auch ein
wichtiger Impuls gewesen, die Literarische Anthropologie (1) auch ganz
bewusst und kritisch (wieder) von der Literaturanthropologie (2) abzu-
setzen und die historischen und spezifisch literarischen Qualitäten von
Texten als literaturwissenschaftliche Gegenstände hervorzuheben.
Literarische Anthropologie ist insofern zum Teil auch als eine stärker
hermeneutisch und literaturgeschichtlich argumentierende Gegenströ-
mung zu diskursanalytischen Verfahren anzusehen, die sich in der Litera-
turwissenschaft ja ebenfalls seit den 1970er-Jahren entfaltet haben und der
kulturwissenschaftlich geprägten Literaturanthropologie näher stehen.
Die Literarische Anthropologie hat demgegenüber eine Traditionslinie
aufgegriffen, die sich bis auf Johann Gottfried Herders Sprach- und Lite-
raturauffassung zurückbeziehen lässt
13
und sowohl an die Kategorie des
11
Vgl. Riedel, Wolfgang, Die Anthropologie des jungen Schiller. Zur Ideengeschichte der medi-
zinischen Schriften und der ‚Philosophischen Briefe‘, Würzburg 1985. Aufschlussreich
sind in dieser Perspektive auch die Beiträge in: Schings, Hans-Jürgen (Hrsg.), Der
ganze Mensch. Anthropologie und Literatur im 18. Jahrhundert, Stuttgart, Weimar 1994.
12
Vgl. zum interdisziplinären bzw. kulturwissenschaftlichen Wandlungskonzept des
‚turns‘ insgesamt und dem Stellenwert (kultur-)anthropologischer und biologi-
scher Aspekte in den aktuellen Debatten: Bachmann-Medick, Doris, Cultural turns.
Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, Reinbek bei Hamburg 2007, S. 389–395.
13
Vgl. dazu die Studien von: Adler, Hans, Die Prägnanz des Dunklen. Gnoseologie – Äs-
thetik – Geschichtsphilosophie bei Johann Gottfried Herder, Hamburg 1990; Herz, An-
dreas, Dunkler Spiegel – helles Dasein. Natur, Geschichte, Kunst im Werk Johann Gottfried
Herders, Heidelberg 1996.
344 Lothar van Laak
Erlebnisses in der lebensphilosophischen Hermeneutik Wilhelm Dilt-
heys
14
als auch an das Konzept der ästhetischen Erfahrung in John De-
weys Kunstanthropologie anknüpfen kann.
15
Die Hermeneutik, z. B. die-
jenige Gadamers, dynamisiert sie, indem sie die Vollzugshaftigkeit von
Literatur und ihrer ästhetischen Erfahrung noch stärker in den Blick rückt.
Eine – oben bereits beschriebene – Sonderstellung neben den kultur-
wissenschaftlichen Arbeiten der Literaturanthropologie und den litera-
turhistorisch ansetzenden Einzelstudien der Literarischen Anthropolo-
gie nehmen die Arbeiten Wolfgang Isers ein (1989, 1991).
16
Dessen
Literaturanthropologie entwickelt sich aus der Tradition einer phänome-
nologischen Rezeptionsästhetik und versteht sich selbst als systemati-
scher Entwurf zur Bestimmung des Imaginären durch die Reflexion der
Fiktionalität von Literatur. Isers Ansatz ist aber einerseits als am wenigs-
ten schulbildend einzuschätzen, andererseits vielleicht aber auch als
noch am wenigsten ausgeschöpft; dies erklärt sich aus seinem relativ abs-
trakten Charakter. Allerdings hat er Eingang in das Profil des Sonderfor-
schungsbereichs Literatur und Anthropologie gefunden, der in den Jahren
von 1996 bis 2002 an der Universität Konstanz eingerichtet gewesen ist.
Einen wichtigen neuen Impuls für das Verhältnis von Literatur und
Anthropologie haben die Arbeiten von Karl Eibl und Rüdiger Zymner
seit Mitte der 1990er-Jahre gegeben. Mit ihrer Aufnahme aktueller evo-
lutionsbiologischer, neuro- und kognitionswissenschaftlicher Forschun-
gen und der Aneignung dieser neuen anthropologisch-naturwissen-
schaftlichen Wissensbestände für die Literaturwissenschaft lässt sich
nicht nur das Forschungsprogramm der Literarischen Anthropologie
weiter ausformulieren. Auch wenn bei diesem Ansatz zurzeit das syste-
matische Interesse stark überwiegt und die Verbindung zu den histori-
schen Gegenständen noch zu selten gesucht wird, zeichnen sich interes-
14
Siehe zur Erlebniskategorie bei Dilthey allgemein: Sauerland, Karol, Diltheys Erleb-
nisbegriff. Entstehung, Glanzzeit und Verkümmerung eines literarhistorischen Begriffs, Ber-
lin, New York 1972, S. 103ff.; weiterführend und im Vergleich mit Wilhelm Sche-
rer: Kindt, Tom / Müller, Hans Harald, „Dilthey gegen Scherer. Geistesgeschichte
contra Positivismus. Zur Revision eines wissenschaftshistorischen Stereotyps“, in:
DVjs, 74/ 2000, S. 685–709, hier 705.
15
Dewey, John, Kunst als Erfahrung, Frankfurt a. M. 1998 [orig. Art as Experience,
1934]; aufgegriffen und weiter entwickelt hat diese Position: Shusterman, Richard,
Kunst Leben. Die Ästhetik des Pragmatismus, Frankfurt a. M. 1994 [orig. Pragmatist Aes-
thetics. Living Beauty, Rethinking Art, 1992].
16
Vgl. Iser, Wolfgang, „Towards a Literary Anthropology“, in: Ralph Cohen (Hrsg.), The
Future of Literary Theory, New York, London 1989; ders., Das Fiktive und das Imaginäre.
Literarische Anthropologie 345
sante literaturwissenschaftliche Ergebnisse ab: So lässt sich in dieser
Forschungsperspektive für den Menschen fragen, ob er nicht das ‚animal
poeta‘ der Natur darstellt, dessen Bedürfnis und Weltverhältnis poetisch
bzw. ‚poietisch‘ zu nennen ist. Oder auch: Inwiefern werden Emotionen
durch Literatur fassbar, mitgestaltet und moduliert? Und noch eine
letzte Frage: Lassen sich ästhetische Situationen und sozial-kommunika-
tive Gelegenheiten von existenzial-anthropologischen Gegebenheiten
ableiten und Gattungen somit als ‚poetogene Strukturen‘ auffassen und
gattungstheoretisch neu bestimmen?
Letztlich entgeht man mit diesem Frage-Ansatz auch der wenig hilf-
reichen Totalisierung der Auffassung von ‚Kultur als Text‘ einerseits;
und andererseits umgeht man damit auch die grundsätzliche Gefahr
einer nicht mehr systematisierbaren Partikularisierung historischer Ein-
zelphänomene im Verhältnis von Literatur und anthropologischem Wis-
sen. Der Preis der so gewonnenen Forschungsaktualität, der biologisch-
empirischen Fundierung geisteswissenschaftlicher Argumentationen und
der neuen ‚lebenswissenschaftlichen Anschlussfähigkeit‘ dieses literatur-
anthropologischen Neuansatzes kann aber das Wieder-unhistorisch-Wer-
den einer solchen Argumentation sein. Sie würde sich dann als eine neue
Form einer Literaturanthropologie (2) erweisen. Diese müsste zudem
sogar in noch stärkerem Maße den prinzipiellen wissenschaftstheoreti-
schen Vorwurf an die Anthropologie generell hinnehmen, nur unhisto-
risch argumentieren zu können und unhintergehbar – und unkritisier-
bar – überhistorische Universalien zu postulieren.
4. Publikationen
Nach dem frühen programmatischen Versuch Fernando Poyatos’ im
Jahr 1977, eine ‚literary anthropology‘ im Sinne von Literaturanthropo-
logie (2) zu proklamieren, sind die Beiträge in den Sammelbänden von
Fernando Poyatos (1988), Paul Benson (1993), Doris Bachmann-Medick
(1996) und Jürgen Schlaeger (1996) als wichtigste Äußerungen der kul-
turwissenschaftlichen Literaturanthropologie zu nennen.
17
17
Vgl. Poyatos, Fernando (Hrsg.), Literary Anthropology. A New Interdisciplinary Ap-
proach to People, Signs and Literature, Amsterdam 1988; Benson, Paul (Hrsg.), Anthro-
pology and literature, Urbana/Illinois 1993; Bachmann-Medick, Doris (Hrsg.), Kultur
als Text. Die anthropologische Wende in der Literaturwissenschaft, Frankfurt a. M. 1996;
Schlaeger, Jürgen (Hrsg.), The Anthropological Turn in Literary Studies, Tübingen 1996.
346 Lothar van Laak
Forschungsgeschichtlich in der hermeneutisch-literaturgeschicht-
lichen Tradtionslinie der Literarischen Anthropologie (1) stehen Hans-
Jürgen Schings’ Melancholie und Aufklärung (1977) und Wolfgang Riedels
Die Anthropologie des jungen Schiller (1985).
18
Auch wenn beide Studien
anthropologische Wissensbestände in ihrer Wirkung auf die Literatur
und Kultur des 18. Jahrhunderts beziehen, treten diese frühen Arbeiten
noch nicht so sehr mit dem expliziten Anspruch auf, eine Literarische
Anthropologie zu betreiben. Explizit begreifen sich als solche dann die
Arbeiten von Helmut Pfotenhauer (1987 und weitere),
19
die Beiträge in
den Sammelbänden von Jürgen Barkhoff / Eda Sagarra (1992), Rudolf
Behrens / Roland Galle (1993) und Hans-Jürgen Schings (1992/94)
20
sowie Wolfgang Riedels Studie ‚Homo natura‘. Literarische Anthropologie
um 1900 (1997).
21
Als wichtige Einzelbeiträge zu zentralen Fragen sind
außerdem noch zu nennen: Georg Braungarts Leibhafter Sinn (1995),
worin auch eine anti-dekonstruktivistische Stoßrichtung eingenommen
wird, Manfred Engels Arbeiten zur Traumtheorie und zu literarischen
Träumen in und seit der Romantik sowie Alexander Koˇ seninas Anthropo-
logie und Schauspielkunst (1995).
22
Gerade die Arbeiten der Würzburger Literaturwissenschaftler Wolf-
gang Riedel und Helmut Pfotenhauer prägten die konkrete Ausgestal-
18
Vgl. Schings, Hans-Jürgen, Melancholie und Aufklärung, Stuttgart 1977; Riedel, An-
thropologie des jungen Schiller.
19
Vgl. Pfotenhauer, Helmut, Literarische Anthropologie, Stuttgart 1987; ders., Um 1800.
Konfigurationen der Literatur, Kunstliteratur und Ästhetik, Tübingen 1991; ders. / Rie-
del, Wolfgang / Schneider, Sabine (Hrsg.), Poetik der Evidenz. Herausforderung der Bil-
der in der Literatur um 1900, Würzburg 2004.
20
Vgl. Barkhoff / Sagarra (Hrsg.), Anthropologie und Literatur um 1800; Behrens, Ru-
dolf / Galle, Robert (Hrsg.), Leib-Zeichen. Körperbilder, Rhetorik und Anthropologie im
18. Jahrhundert, Würzburg 1993; Schings (Hrsg.), Der ganze Mensch.
21
Vgl. Riedel, Wolfgang, ‚Homo natura‘. Literarische Anthropologie um 1900, Berlin, New
York 1996.
22
Vgl. Braungart, Georg, Leibhafter Sinn. Der andere Diskurs der Moderne, Tübingen
1995; Engel, Manfred, „‚Träumen und Nichtträumen zugleich‘. Novalis’ Theorie
und Poetik des Traums zwischen Aufklärung und Hochromantik“, in: Herbert
Uerlings (Hrsg.), Novalis und die Wissenschaften, Tübingen 1997, S. 143–168; ders.,
„Traumtheorie und literarische Träume im 18. Jahrhundert. Eine Fallstudie zum
Verhältnis von Wissen und Literatur“, in: Scientia Poetica, 2/1998, S. 97–128;
Koˇ senina, Alexander, Anthropologie und Schauspielkunst. Studien zur ‚eloquentia corporis‘
im 18. Jahrhundert, Tübingen 1995. Zuletzt hat diesen literaturgeschichtlichen
Zusammenhang von der Aufklärung bis in die Romantik sehr konzise gebündelt:
Koˇ senina, Alexander, Literarische Anthropologie. Die Neuentdeckung des Menschen, Ber-
lin 2008.
Literarische Anthropologie 347
tung des Konzepts einer Literarischen Anthropologie in der deutschen
Literaturwissenschaft, und insbesondere Riedel systematisierte in seinen
Forschungsberichten immer wieder die zentralen Positionen und bezog
in diesen Bestimmungen auch kritisch Stellung.
23
Als grundlegende Arbeiten sind außerdem Wolfgang Isers Literatur-
anthropologie in Das Fiktive und das Imaginäre zu nennen;
24
dazu in der
neueren Fortführung der Debatte Die Entstehung der Poesie und Animal
Poeta von Karl Eibl
25
sowie dessen, Rüdiger Zymners u. a. Sammelbände
zur Anthropologie der Literatur.
26
Im Folgenden werden die Arbeiten
von erstens Pfotenhauer und Riedel, zweitens Iser und drittens Eibl und
Zymner noch etwas ausführlicher vorgestellt.
Für Helmut Pfotenhauer ist Literarische Anthropologie „Ausdruck
für einen, vor allem im 18. Jahrhundert denkwürdigen Sachverhalt: die
Verbindung von Anthropologie und Literatur als wechselseitige Ermuti-
gung, Reflexion und Kritik“. Diese Verbindung ist spannungsvoll, und
in ihr ergibt sich als Bild vom Menschen: „Menschennatur deckt ihre
wunde Innenseite auf; sie rundet sich nicht leicht, wie sonst oft in der
Literatur, am Ende zum stimmigen Ganzen, und sie ist nicht wie in der
bloß szientifischen Anthropologie ein objektivierbarer und affektiv neu-
traler Sachverhalt […]; sie ist von generellem Interesse als authentische,
rückhaltlose, erlebte conditio humana“. Zur conditio humana gehören
auch die Nachtseiten von Autobiografien, mit denen er deren Gattungs-
und Problemgeschichte in seiner Studie Literarische Anthropologie (1987)
als „Innenansicht des Anthropologischen“ beschreibt.
27
Dabei treten
explizite anthropologische Einsichten zutage, aber auch „implizit An-
thropologisches“, wie die „Authentizität der Selbstdarstellung […], die
formgebende Kraft dieses menschenkundigen Anliegens, […] die Er-
schließung des Anderen der erwachsenen Vernunft, […] auch de[r]
Grenzbereich zwischen Selbsterfahrung und dem, was man anthropolo-
23
Vgl. Riedel, „Literarische Anthropologie. Eine Unterscheidung“; ders., „Anthro-
pologie und Literatur in der deutschen Spätaufklärung. Skizze einer Forschungs-
landschaft“, in: IASL, 1994, 6. Sonderh., S. 93–159.
24
Vgl. Iser, Das Fiktive und das Imaginäre.
25
Eibl, Karl, Die Entstehung der Poesie, Frankfurt a. M., Leipzig 1995; ders., Animal
poeta. Baust