Wolfgang Cernoch

Heideggers Analyse der Parusie im Kontrast zu Kierkegaards Umkehr
Anhang zur Zeitfrage (1992, 2011) Zwischen Determination aus der Zeitreihe A oder aus der Zeitreihe B wie sie McTaggart unterschieden hat, und die Auffassungen der Implikation von Diodorus Chronos und Philo von Megara diskriminieren (vgl. W. Cernoch, Gesetz und Determination. Vorschau Oktober 2010), indem die Philonische Implikation den Grund der Notwendigkeit allein aus der Unveränderlichkeit des Vergangenen bezieht, wird auch zwischen Selektion oder empirischer Kausalität entschieden. In den Modellen komplexer Systeme, welche zwischen Makro- und Mikrolevel unterscheiden lassen, sind weiters noch Interdependenz der Teile und Selbstreferenz der Untersysteme und Systeme zu berücksichtigen. In der Reihe der Depotenzierung von Endzeit zu Endzweck zu Teleologie und Systemgleichgewicht fehlt die individuelle Antizipation und die Tension (Spannung) der Erwartung, wie sie Heidegger in seinen Kommentaren zur Erwartungshaltung von Paulus und in den Horizonten der Ek-stasen der Zeit in Sein und Zeit (eigentliches und uneigentliches Denken von Vergangenheit und Zukunft, und eigentliche und uneigentliche Verfallenheit des Augenblickes) bis zur Überwindung der Fundamentalontologie im sich anhand eines Paradigmenwechsels sich ankündigenden Ereignisses entwickelt. Diese Erwartungshaltung der Endzeit soll die Idee der Urstiftung wieder gegen die Interessen der alltäglichen Besorgung zur Geltung bringen, was der eigentlichen Bedeutung von Parusie bei Plato entspricht, die Idee eines Wesens neben dem seienden Wesen zum Vorschein zu bringen. Heideggers Analyse der Parusie des Paulus im dritten Brief an die Thassoliniker beschreibt die Aufmerksamkeit der Christen in der Endzeiterwartung der Wiederkehr des Messias und den Beginn der Verschiebung der Aufmerksamkeit auf die Haltung der Aufmerksamkeit selbst. Heidegger meint, daß Paulus nun die Aufmerksamkeit stärker auf die Haltung selbst richtet, indem er verschiedene Gruppen nach der Ausrichtung ihres Interesses unterscheidet. Diese Aufmerksamkeit ist zuerst von der Objektivität des wissenschaftlichen Denkens zu unterscheiden, dann von der Besorgung des alltäglichen Lebens. Diese Aufmerksamkeit ist ursprünglich auf die Erwartung in der Endzeit gerichtet, oder ist die Erwartung selbst. Es ist auch von einer Gruppe die Rede, die zwar die Anzeichen der Endzeit erkennen, darauf aber nur mit gesteigertem Hedonismus und Verfall der Sitten reagiert. Paulus erwartet selbst zu Lebzeiten die Erscheinung des

verändert sich auch der Horizont der Erwartungen: Von der Wiederkehr und dem Abschluß des ursprünglichen Heilsereignisses mit Furcht und Schrecken zunehmend zur Auslegung des ursprünglichen Heilsereignisses in der Reihe der Augenblicke eigentlicher Wiedererinnerung als konkrete Nachfolge. . Diese Haltung betrifft die Art und Weise der Analyse der Zeit als Epoche und des Berührt-Werdens im eigenen Menschsein von seiner Stellung in der Gesellschaft und in der Geschichte. daß die Endzeit auf sich warten lässt. als Grund der Umkehr. 1992 zu den Philosophischen Brocken Kierkegaards). Die uneigentliche Verfallenheit des Augenblickes Heideggers steht zwischen Temporalität (Zeitreihe A) und der eigentlichen Verfallenheit der alltäglichen Besorgung (Zeitreihe B) — also zwischen den hermeneutischen Bedingungen der Auslegung des Gegenwärtigen (Erfahrungsbereich) und subjektiven Gewärtigem (Wahrnehmungsbereich) — zwar nicht unmittelbar der endzeitlichen Wiederkehr des sinnstiftenden Ereignisses gegenüber. welche dem Interesse alltäglicher Besorgung und an der Natur entgegengesetzt ist. Cernoch. aber es wird in manchen Partien in Sein und Zeit die uneigentliche Verfallenheit als Ankündigung der weiteren Auslegung derjenigen Aufmerksamkeit. Demgegenüber schließlich die Umkehr bei Kierkegaard in der Differenz (a) von sokratischem Lehrer und der Augenblick der von ihm vermittelten Amnamnese als Rückblick und (b) von christlichem Lehrer und der Augenblick der Einsicht. Nachdem sich etwa 120 Jahre nach der christlichen Zeitrechnung herausgestellt hat. Heidegger geht es demnach nicht um die Endzeit des Antichristen und der anschließend erwarteten Wiederkehr (Endstiftung).—2— Antichrist. er stellt die Art der Aufmerksamkeit ins Zentrum. von Heidegger als elliptischen Negation der Eigentlichkeit und als eine Version der eigentlichen Wiedererinnerung übernommen. Die Unterscheidung der Gruppen betrifft auch verschiedene Einstellungen zur Zeit. Diese Erwartung ist von der Antizipation der anderen Haltungen als der christlichen zu unterscheiden. das auch moralische Wertfragen determiniert. Der Augenblick zwischen Überhöhung und Verfallenheit bei Sören Kierkegaard. nämlich die der Erwartung einer endzeitlichen Auseinandersetzung mit dem Antichristen. (W. den Antichrist als Ankündigung der Endzeit zu erkennen. in der Irrnis zu stehen. und die geforderte Aufmerksamkeit soll erst instand setzen. und Paulus fügt eine neue Qualität. und schließlich auch nicht um die Nachfolge eines sich erst allmählich enthüllenden Heilsereignisses (Urstiftung). hinzu. Oder später zwischen Scholsatik und Neuzeit: Die Vorsehung Gottes gegenüber der menschlichen Freiheit am Grund des historischen Regressus der Menschenrechte auf das scholastische Naturgesetz.

und den Augenblick aus der Zeitreihe B auf die Zeitreihe A bezieht.—3— Heideggers Interpretation der Parusie bei Paulus kann das erste Vorbild gewesen sein. Wie Heidegger anmerkt. wie sie auch Heidegger in Paulus drittem Brief an die Thessaloniker ins Zentrum stellt. Heidegger aber versucht sich von der psychologischen und erkenntnistheoretisch geprägten Terminologie der Husserlschen Phänomenologie im Namen der philosophischen Anthropologie zu verabschieden. . weil der Augenblick als uneigentliche Verfallenheit in der Zeitreihe B nach der elliptischen Negation von einer Handlung ausgehend formuliert wird. weshalb die »Art der Aufmerksamkeit« auch in den Ek-stasen der Zeit auf die Endstiftung gerichtet ist. die aus der Welthaftigkeit hinausweist. Der Horizont der Zukunft als leitende Ek-stase erwartet ein Ereignis. Kierkegaard führt in den Philosphischen Brocken zu jener Art der Aufmerksamkeit. Auch ist der Augenblick der Amnamnese des sokratischen Lehrers keiner der von Heidegger im dritten Brief an die Thessaloniker von Paulus herausgearbeiteten Gruppen in der Endzeit gleichzusetzen. welche über die Ursachen der Welt und die Gründe des Handelns in ihr übersteigt. Der Augenblick. Die Amnamnese des (platonischen) Sokrates führt zwar zur Urstiftung und zur Öffnung unseres Zeithorizontes. deren Herausgeber Heidegger 1929 auch war. was für den Vorblick aus dem Rückblick aus der Ek-stase der Vergangenheit eine daseinshermeneutische Erklärung. der aus der elliptischen Negation des Augenblicks der eigentlichen Verfallenheit entsteht. aber Sokrates verhilft nur als Geburtshelfer bei der Erinnerung der Seele. hat Kierkegaard für seine Überlegungen in Sein und Zeit eine Rolle gespielt (§ 62). Kierkegaard vergleicht jedoch die vom christlichen Lehrer herbeigeführte Umkehr aus der Irrnis mit der Amnamnese des sokratischen Lehrers. Heideggers Erklärung lehnt sich zweitens methodisch an die Erklärung der »Protention« in der phänomenologischen Untersuchung des inneren Zeitbewußtseins Edmund Husserls an. Die »Protention« hängt assoziativ mit »Retention« (Kurzeitgedächtnis zwischen Gewärtigen und überblickbarer Gegenwart) und »Reproduktion« von weiter zurückliegenden Abschnitten der Zeitreihe B aus dem Gedächtnis zusammen. hat insofern wie der Augenblick der christliche Umkehr mit der uneigentlichen Verfallenheit des Augenblicks bei Heidegger zu tun. aber auch Überwindung sein kann. der in die sokratischen Amnamnese führt. Bestätigung. und nicht zu einer neuen Einsicht. die wir zuvor nicht gehabt haben.

also der bevorstehenden Parusie und kollektiven Wiederkehr des (für die Epoche des Neuen Testaments) ursprünglichen Heilsereignisses entnimmt. entnimmt Kierkegaard die Wiederherstellung des eigentlichen ursprünglichen Gnadenzustandes durch Umkehr aus der selbstverschuldeten Irrnis aus der eigentlichen Wiedererinnerung und Nachfolge des Vorbilds des ursprünglichen Heilsereignisses. Die Eröffnung des Horizontes der Art von Aufmerksamkeit.—4— Der Augenblick der Umkehr bei Kierkegaard ist vielmehr der Moment der Einsicht. der auf das Heil fehlt. Wien 1975. (2) Die vergehende Zeit verändert oder zerstört die Botschaft der Urstiftung. somit nicht der Hinwendung zur endzeitlichen Parusie. aus eigener Schuld in der Irrnis zu stehen. um den ersten Augenblick als in die Ewigkeit aufgenommen und den zweiten Augenblick als die Fülle der Zeit aufnehmend zu denken. daß die Vorstellung der Urstiftung von der Endstiftung aus deutlicher gelingt. was uns Sokrates amnamnetisch nicht geben kann. Der göttliche Lehrer gibt etwas. den verbleibenden Rest. Diese Asymmetrie in der Deutlichkeit hat meinem Verständnis nach zwei mögliche formale Gründe. Wissen und Glauben. Aus eigener Kraft kann der Mensch diese Entscheidung nicht mehr rückgängig machen. in der Endstiftung aber kollektive vollzieht. §§ 65-66). die Heidegger der Endzeit. selbst beizutragen (Michael Benedikt. es liegt vordem aber sicherlich auch der Idee von Wahrheit. die beide auf Eigenschaften der historischen Zeit zurückgeführt werden können: (1) Die in der Urstiftung gegebenen Botschaft enthüllt erst im Laufe der Zeit die Unzumutbarkeit. also aus der göttlichen Gnade herausgefallen zu sein. als die Vorstellung der Endstiftung von der Urstiftung aus gesehen. Letzteres ist bei Paulus nicht anzunehmen. . Gleichwohl die Parusie als Folge der Urstiftung selbst wieder auf diese verweist. 24) gegeben wird. im Sinne Kierkegaards aber als christliche die Fülle der Zeit erleuchtet. und an der Bedingung zur Wahrheit. ist trotz des Verweises des einen auf das andere die Bedeutung (die Botschaft) jeweils verschieden. insbes. Philosophphische Brocken S. da die Aufmerksamkeit der Parusie anders ausgerichtet ist als die der Umkehr Kierkegaards oder der Apostel zu Jesu Lebzeiten. Dabei halte ich es für bemerkenswert. ist die Aufmerksamkeit vom nahenden Bruch und dessen Bedeutung als Ankündigung der Annäherung des Absoluten hervorgerufen worden. die dem Jünger des Gottes zur Umkehr (Kierkegaard. die sokratisch als in sich bleibende Ewigkeit aufleuchtet. Da sich die Annäherung des Absoluten in der Urstiftung individuell. Es liegt wohl an der Bedingung zur Wahrheit wie sie für den Schüler eines sokratischen Lehrers vorausgesetzt ist. bei Heidegger aber die Frage.

Das gegenüber der platonisch-sokratischen Amnamnese Neue. Doch ist die Ankündigung der Endzeit in der Auslegung der Apostel verschiedentlich enthalten. der temporalen Charakteristik der Aufmerksamkeit auf die Endzeit durch Kollektivierung (Predigt) eine empirische Basis zur Universalisierung zu geben. Heidegger versucht aber in Sein und Zeit. dem sokratischen Lehrer die christliche Dimension der Parusie zwischen Urstiftung und Endstiftung aufzuprägen und zugleich der theologischen Dimension für die Daseinontologie abzuwerben. Die Umkehr betrifft nicht allein die Einstellung der Aufmerksamkeit. vielleicht in zweiter Folge auch der Absicht. bei Kierkegaard der »Philosophischen Brocken« geht es um die richtige Haltung in der Zeit zwischen Urstiftung und Endstiftung.und Endstiftung anhand der Botschaft. und inwieweit die Botschaft im Laufe der Zeit erst ausgelegt wird (M. Trotz dieser Verschiedenheit der Absichten oder zumindest der Entwicklung der Überlegungen sind in beiden Perspektiven die Quellen der Bedeutung der Zeitlichkeit nach verschieden. Die Parusie rückt auch bei Paulus aus naheliegenden Gründen ins Zentrum der Aufmerksamkeit.—5— Für Heidegger ist die Orientierung an der Ek-stase der Zukunft eine Folge seiner Orientierung an der Parusie. Benedikt. also dem Augenblick. es ist auch der Kontext der inhaltlichen Botschaft in der Urstiftung und in der Endstiftung verschieden. kommt aber primär aus der Konstellation der Umkehr selbst. mitgegeben worden ist. Sie betrifft die Richtigkeit des Lebens zwischen Ur. Christus ist der Sohn Gottes und der Grund des Neuen Bundes. zu Welte und Heidegger in Wissen und Glauben). das uns nur der christliche Lehrer geben kann. der mit dem ursprünglichen Heilsereignis der Stiftung eines neuen Bundes hinaus verbunden ist. auch wenn sie insbesondere hinsichtlich des Horizontes der Vergangenheit Geschehnissen . sie betrifft aber nicht die Richtigkeit der unmittelbaren Erwartung der Parusie. Für Kierkegaard wird der Augenblick des christlichen Lehrers (Umkehr) an der Botschaft der Urstiftung des Neuen Testaments gemessen. Unbestreitbar bleibt. So ist der Umfang des Inhalts der Urstiftung (als NT) zu diskutieren. daß beide zeitlichen (überzeitlichen) Orientierungen aus epistemologischen Gründen der Zeitreihe A angehören. Insofern wird die Urstiftung selbst inhaltlich auf die Endstiftung bezogen. die ist bei Kierkegaard die Folge des christlichen Lehrers. Bei Heideggers Paulus geht es um die richtige Haltung in der Endzeit. die mit der Botschaft. bevor die Urstiftung in der Endstiftung ihren Gehalt entfaltet.

sondern durch die Offenheit eben dieser endzeitlichen Aufmerksamkeit. Die Parusie der Endzeit wird demnach mit der Einsicht verbunden. Da Heidegger die theologische Parusie anhand der Endzeit auf die Daseinshermeneutik überträgt und enttheologisiert. in dieser Verstrickung zu stehen. — Heidegger bringt die Zeitreihe A und die Zeitreihe B in der Temporalität der Ek-stasen der Zeit zur Bestimmung des Augenblicks auf eigentümliche Weise in Verbindung. Die historische Bedeutung des Ereignisses als Ankündigung ist eben nicht die der Antizipation der innerweltlichen Erfahrung. die in Gegensatz zur Geschlossenheit des innerweltlichen Besorgens gerät. noch weniger ein nach meiner Lesart vom Conatus strikt zu unterscheidendes teleologisches Zweck-MittelVerhältnis ausgezeichnet ist. führt aber die Sinnfrage des Historischen im Vorlauf zum Tode an deren endzeitlicher Grenze zur nächsten Urstiftung und damit wie die Kierkegaardsche Umkehr aus der Irrnis der bloßen Objektivität der physikalischen Welt (Kant: Die Natur ist der einzige Gegenstand der Welt) und aus der Zweckmäßigkeit des innerweltlichen Besorgens an die Eigentlichkeit der daseinshermeneutischen Frage überhaupt (noch jenseits der Epoche machenden Urstiftung) heran. das Außerweltliche an der innerweltlichen Antizipation zu bemerken. daß die Eigentlichkeit der bewußtseinsunabhängigen Wirklichkeit unsere Eigentlichkeit am Ende überwältigen wird. wir versuchen die Welt zu bestimmen (und das als Natur und Gesellschaft). die bereits von einer Urstiftung präformiert worden ist. und setzt so die Verbindung der Zeitreihe A und der Zeitreihe B schon aus methodischen Gründen der Daseinshermeneutik voraus. der als solcher zunächst der Zeitreihe B angehört. Die Eigentlichkeit des Menschen ist zuerst die Einsicht. ———————————————————— . auch wenn die Analyse daseinshermeneutisch in der Vergangenheit beginnt. läuft seine Bemühung darauf hinaus. welche nicht durch mechanische Kraft oder ein gerichtetes Streben (Conatus und Entelechie). Die Analyse ist auf die Fähigkeit gerichtet. Diese Umstülpung ist transzendentalphilosophisch allerdings fundierbar: Wir sind in der Welt. der aristotelischen Unterscheidung von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit idealistisch umzustülpen. Die leitende Ek-stase der Zukunft tritt als Ergebnis der ontologischen Daseinsanalyse hervor. die Daseinshermeneutik beginnt zwar per se historisch.—6— entspringen. und die Welt ist eine Vorstellung von uns. deren historisch-empirischer Gehalt behauptet wird. oder diese aufklären zu sollen.

60.—7— Benedikt. Frankfurt/Main. Sören: Philosophische Brocken (1844). GA Bd. Suhrkamp stw 147 . Michael: Wissen und Glauben. Wien 1975 Heidegger. Frankfurt/Main. Martin: Phänomenologie des religösen Lebens. Vittorio Klostermann 1995 Kierkegaard.

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