Jorge Bucay

Liebe mit offenen Augen
ROMAN
AUS
DEM

SPANISCHEN

VON

PETRA WILLIM

AMMAN VERLAG
Die Originalausgabe ist 2000 unter dem Titel »Amarse con los ojos abiertos« bei Editorial del Nuevo Extremo in Buenos Aires erschienen. Der deutschen Übersetzung liegt die Ausgabe von RBA Libros, SA., Barcelona 2003 zugrunde. Erste Auflage © 2008 by Ammann Verlag & Co., Zürich Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten www.ammann.ch © 2000 by Jorge Bucay Satz: Gaby Michel, Hamburg Druck und Bindung: Clausen & Bosse, Leck ISBN 978-3-250-60117-3

Für Roberto Francisco Gómez, ohne dessen Hilfe dieses Buch niemals hätte geschrieben werden können.

Vorwort zur deutschen Ausgabe
Ein Buch über Paare und für Paare zu schreiben ist in unserer heutigen Zeit keine einfache Aufgabe. Wünscht man sich zudem, es möge ernsthaft und unterhaltend zugleich sein, so wächst sich die Aufgabe ins schier Unermessliche aus. Die vorliegende »romanhafte Paartheorie« oder dieser »paartheoretische Roman«, der all das zu vermitteln versucht, was man bis heute über die Eintracht oder Zwietracht zwischen zwei Liebenden weiß, entspricht meiner Art, die Sache in die Hand zu nehmen. Schon vor sehr vielen Jahren begann ich über ein solches Buch nachzudenken, über ein Paarebuch, das ich gern mit meiner Partnerin gelesen hätte, als wir vor mehr als dreißig Jahren unsere Hochzeit ins Auge fassten. Aber ein solches Buch existierte nicht, und ich hatte noch nicht gelernt, was ich heute weiß. Einige der hier verhandelten Dinge lehrte mich meine Ausbilderin Adriana Schnake Silva, eine chilenische Therapeutin, unter deren Anleitung ich meine ersten Schritte auf dem Weg zur Gestalttheorie Fritz Perls' tat; andere Einsichten - die meisten - lernte ich im Zusammenleben mit meiner Partnerin Perla, die während der letzten vierzig Jahre gemeinsam mit mir die Kunst, sich leidenschaftlich zu begegnen, sich zu lieben, zu tolerieren und einander zuzuhören lernte, lehrte und lebte - so dass wir einer an der Seite des anderen reifen konnten. All die anderen Erkenntnisse kamen mir schließlich durch den tatkräftigen Beistand von Silvia Salinas, die sich bei der Aufarbeitung der in diesem Buch ausgebreiteten theoretischen Zusammenhänge als wahre Stütze erwies. An ihrer Seite Wort für Wort erneut durchzugehen war die schwierigste und zugleich lohnendste Arbeit an diesem Roman. Auf diese Weise erfuhren wir manches am eigenen Leibe, was sich parallel bei Laura und Roberto, den beiden Protagonisten des Romans, zutrug. Das Resultat all dieser Bemühungen ist der vorliegende Versuch, auf originelle Weise und in einfacher Sprache die wesentlichen Aspekte unseres Paarberatungskonzepts vorzustellen. Ich habe mich darum bemüht, all jene Elemente der Eintracht oder Zwietracht zu berücksichtigen, derentwegen seit vielen Jahren Paare meine Sprechstunde aufsuchen. Geht es mir doch darum, Denk- und Gesprächsanstöße zu liefern und damit zu unterstreichen, dass all das Gesagte und Vorgetragene nicht auf abstrakten Lehrmeinungen basiert, sondern auf der Praxiserfahrung, weshalb es auch jederzeit in Frage gestellt werden kann und soll. Der Spiegel, den unser Partner abgibt, liefert uns - ob es uns nun gefällt oder nicht - ein wahrheitsgetreueres Bild von uns selbst, als wir allein es jemals gewinnen könnten; mag dieses Bild im einzelnen richtig oder falsch, zuträglich oder verwirrend, klar oder konfliktgeladen sein - es zeigt uns immer als ein liebenswertes Wesen. Und zwar deshalb, weil wir in der Liebe unsere innere Welt überschreiten, um den unerlässlichen Begriff des Du in uns aufzunehmen. Dieses außen- und mir doch sehr nahestehende Du wird, sofern es das will und ich es zulasse, mir dabei behilflich sein, zu erfahren, wer ich tatsächlich bin. Ich betone das Wollen und Zulassen, weil Liebe stets ein Werk von zweien ist und alles kaputtgehen kann, wenn - wie Laura im Text sagt - »auch nur einer von beiden nicht mehr mitspielt«. Mir gefällt der Gedanke, dass sich dieses Buch auch wie ein packender Roman über menschliche Leidenschaften lesen lässt, ein Roman, der von Verwirrungen erzählt, der spannungsgeladen ist und - wie manches im Leben - einen einfallsreichen und unerwarteten Schluss hat. Buenos Aires, Oktober 2007

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Inhalt
Vorwort zur deutschen Ausgabe..................................................................................................2 Erstes Buch..........................................................................................................................................4 Kapitel 1......................................................................................................................................5 Kapitel 2....................................................................................................................................13 Kapitel 3....................................................................................................................................19 Kapitel 4....................................................................................................................................23 Kapitel 5....................................................................................................................................28 Kapitel 6....................................................................................................................................35 Zweites Buch.....................................................................................................................................42 Kapitel 7....................................................................................................................................43 Kapitel 8....................................................................................................................................49 Kapitel 9....................................................................................................................................57 Kapitel 10..................................................................................................................................64 Drittes Buch.......................................................................................................................................73 Kapitel 11..................................................................................................................................74 Kapitel 12..................................................................................................................................79 Kapitel 13..................................................................................................................................86 Kapitel 14..................................................................................................................................91 Kapitel 15..................................................................................................................................97 EPILOG...................................................................................................................................101 Literaturliste.....................................................................................................................................104

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Erstes Buch
rofrago@

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KAPITEL 1

Programmierer des Betriebssystems oder die Wirklichkeit - ihn zu ohnmächtigem Warten verdonnerte, war ihm zutiefst verhasst. Als sich das Programm mit einem gebrochenen Akkord öffnete, trat er näher, bewegte den Cursor auf das kleine gelbe Telefon und vollführte einen Doppelklick mit der linken Maustaste. Danach kehrte er in die Küche zurück, diesmal unter dem Vorwand, ob sich nicht etwas Verführerisches im Kühlschrank finden lasse; in Wahrheit wollte er jedoch vermeiden, dass sein Rechner miterlebte, wie sein Besitzer vor Ungeduld schier platzte, bis sich die Internetverbindung endlich aufgebaut hatte. Mit seinem Computer war Roberto jene ambivalente Bindung eingegangen, die uns Netsurfern gemein ist. Wie alle bewältigte er, je nach Tagesform, besser oder schlechter die ambivalente Beziehung, die wir zu jenen haben, die wir lieben, sobald uns bewusst wird, dass wir von ihren Wünschen, ihrem guten Willen oder so mancher ihrer Launen abhängig sind. Heute allerdings hatte sein PC einen guten Tag. Er hatte das Programm seines Mailproviders schnell geladen, ohne dass seltsame Geräusche auftraten und, was noch erfreulicher war, ohne die üblichen Fehlermeldungen auf dem Bildschirm: Der Speicher dxc.frtyg.dll kann nicht gefunden werden. Wollen Sie ihn manuell suchen? Ja? Nein? Laufwerk C existiert nicht. Erneut versuchen, ignorieren oder abbrechen? Das Programm hat eine ungültige Operation ausgeführt und sich ausgeschaltet. Schließen. Unbehebbarer Fehler im Speicher Ex_oct.put - Erneut versuchen oder ignorieren? Nichts dergleichen. Dies also sollte ein wunderbarer Tag werden. Er rief seinen elektronischen Posteingang auf und gab sein Passwort ein. Der Rechner antwortete mit einem Signalton, und das Begrüßungsfenster des Programms öffnete sich: Hallo, rofrago. Sie haben 6 neue Nachrichten erhalten. rofrago war der Phantasiename, mit dem er sich bei seinem Provider für ein Gratis-Account angemeldet hatte. Eigentlich hatte er schlicht roberto@ ... sein wollen, aber nein, ein anderer Roberto hatte sich bereits vor ihm registrieren lassen. Desgleichen ein Rober, ein Bob, ein Francisco, ein Frank und ein Francis. Und so hatte er die ersten Silben seines Vor- und Nachnamens kombiniert (Roberto Francisco Gómez) und sich unter rofrago@yahoo.com registrieren lassen. Er nahm einen Schluck Kaffee und klickte den Posteingang an. Die erste E-Mail kam von seinem Freund Emil aus Los Angeles. Er las sie sehr erfreut und legte sie im Ordner »Korrespondenzen« ab. Die zweite war von einem Kunden, der endlich eine Marketingstudie für eine neue Film- und Theaterzeitschrift in Auftrag gab. Der Gedanke gefiel ihm, und er legte die Nachrieht in dem Ordner »Arbeit« ab. Bei den beiden nächsten handelte es sich um Spam. Es blieb unklar, wer was verkaufen wollte und welchem Blödian danach gelüsten würde. Darauf konnte man gut verzichten. Wie sehr ihm das unerwünschte Eindringen in seine Privatsphäre auf die Nerven ging! Er hasste diese Art von Mails fast ebenso wie die unpersönlichen Anrufe auf seinem Handy: »Sie sind Sieger bei einer Auslosung geworden und haben zwei Tickets nach Cochimanga gewonnen. Sie müssen nur zu einem unserer Büros kommen und Ihre Adressangaben vervollständigen, die notwendigen Formulare ausfüllen und Ihr Einverständnis erklären, dass wir ohne irgendwelche Zusatzkosten ein wunderbares Warenangebot zu Ihnen nach Hause senden können...«

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ie gewöhnlich schaltete er seinen Computer ein und holte sich einen Kaffee. Dass sein tyrannischer PC - oder der

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Rasch löschte er die beiden Nachrichten und befasste sich mit der nächsten. Es handelte sich um einen Brief von seinem Freund Joschua. Aufmerksam las er jeden Satz und stellte sich Josches jeweiligen Gesichtsausdruck beim Schreiben vor. Sie hatten sich so lange nicht gesehen! Er nahm sich vor, ihm mit einem langen Brief zu antworten. Aber jetzt war nicht der geeignete Augenblick. Er ließ die E-Mail im Posteingang, damit er wieder an sein Vorhaben erinnert würde. Die letzte Nachricht erregte seine Aufmerksamkeit. Sie stammte von einem unbekannten Absender: carlospol@spacenet.com. In der Betreffzeile stand: »Ich schicke Dir«. Da auf Robertos Visitenkarte auch seine E-MailAdresse stand, dachte er, es handele sich um einen weiteren Arbeitsauftrag. »Großartig!« sagte er sich. Er öffnete die Mail. Sie war an irgendeinen Fredy gerichtet, dem jemand Grüße sandte, um sich anschließend über irgendein nicht nachvollziehbares Beratungskonzept für Paare auszulassen. Als Absender firmierte eine gewisse Laura. Roberto konnte sich an keine Laura und keinen Carlos erinnern, die ihm hätten schreiben können, und noch weniger ging ihn das Thema des Briefes etwas an, so dass er recht bald zu der Einsicht gelangte, es müsse sich um einen Irrtum handeln. Er löschte die Mail auf seinem Computer und in seinem Kopf. Dann fuhr er den Rechner herunter und ging zur Arbeit. In der folgenden Woche erhielt er eine zweite E-Mail von carlospol@spacenet.com. In weniger als fünf Sekunden hatte Roberto erneut die Taste »Entfernen« gedrückt. Diese Ereignisse wären für Robertos Leben völlig belanglos gewesen, hätte ihm nicht drei Tage später ein weiteres »Ich schicke Dir« einen neuerlichen Brief von Laura auf seinem Rechner beschert. Ein wenig entnervt löschte er auch diese Nachricht, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Die vierte Nachricht von Laura erreichte ihn in der vierten Woche. Roberto öffnete sie, um herauszufinden, wo wohl der Fehler stecken könne. Er hatte keine Lust, weiterhin diese kleine Freude und Aufregung zu verspüren, die sich jedesmal mit dem Empfang einer neuen Mail bei ihm einstellte - um anschließend frustriert feststellen zu müssen, dass er gar nicht der richtige Empfänger war. In der Nachricht stand: Lieber Fredy, was hältst Du von dem, was ich Dir geschrieben habe? Wir können darüber reden und die Sachen, mit denen Du nicht einverstanden bist, abändern. Hast Du Miguel schon gesprochen? Die Buchidee treibt mich dermaßen um, dass ich mit Schreiben gar nicht aufhören kann. Anbei eine weitere Sendung. Und es folgte ein langer Text über Paarbeziehungen. Da Roberto ein wenig Zeit hatte, überflog er das Ganze rasch. Wenn sich Menschen mit Beziehungsschwierigkeiten konfrontiert sehen, neigen sie dazu, diese ihrem Partner, ihrer Partnerin anzulasten. Sie spüren sehr deutlich, inwiefern sich der andere ändern müsste, damit die Beziehung funktionierte, während es ihnen äußerst schwerfällt, den eigenen Anteil an der Entstehung des Problems zu erkennen. Sehr häufig erhalte ich bei einer paartherapeutischen Sitzung auf die Frage »Wie geht es Ihnen?« die Antwort: »Ach, er versteht nicht, dass ...« Und wenn ich dann nachhake: »Aber wie geht es Ihnen?«, antwortet sie mir erneut: »Ständig ist er so aggressiv!« Und ich insistiere bis zum Überdruss: »Aber was empfinden Sie? Wie geht es Ihnen?« Vielen Menschen fällt es schwer, zu formulieren, was in ihnen vorgeht, was sie brauchen oder empfinden. Immer wollen alle bloß über den anderen reden. Es ist jedoch ein großer Unterschied, ob ich mich mit einem Beziehungskonflikt auseinandersetze, indem ich darüber nachdenke, »was in mir vorgeht«, oder ob ich ständig nur wütend annehme, das Problem bestehe darin, dass ich mit der falschen Person zusammen sei. Viele Paare trennen sich schließlich, weil sie glauben, dass es mit einer anderen Person anders wäre; selbstverständlich finden sie sich später in ganz ähnlichen Situationen wieder - einzig und allein der Gesprächspartner hat gewechselt. Deshalb sollte man sich bei Auseinandersetzungen in der Beziehung als erstes

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klarmachen, dass manche Strecken auf dem Weg der Liebe holprig sind. Eine intime Beziehung ohne Konflikte gibt es nicht. Der Ausweg besteht darin, die Phantasie vom idealen Paar, das keine Konflikte kennt und unentwegt verliebt ist, ad acta zu legen. Es ist verblüffend, wie sehr die Leute diesem Ideal nachhängen. »... und als sich Herr X darüber klar wurde, dass seine Partnerin nicht dem ersehnten romantisch-romanhaften Ideal entsprach, gab er trotzdem nicht auf und sagte sich, dass andere ja sehr wohl solch eine idyllische Beziehung erlebten, er aber offensichtlich Pech gehabt und die Falsche geheiratet habe ...« Nein! So ist es nicht. Man heiratet nicht irrtümlich die falsche Person. Der einzige Irrtum liegt in der klischeehaften Vorstellung von der Ehe, der Vorstellung vom perfekten Paar. In gewisser Weise beruhigt es mich zu wissen, dass dasjenige, was ich nicht besitze, auch sonst niemand besitzt, dass also das ideale Paar eine Fiktion und sehr fern von der Realität ist. Der Gedanke, dass der Rasen des Nachbarn grüner ist oder dass der andere etwas besitzt, was ich nicht erlange, scheint großes Leid zu erzeugen. Vielleicht kann die Einsicht in diese Wahrheiten manch einen von seinen Neidgefühlen heilen. Realismus führt offenkundig zu einer Besserung, wenn ich mich dazu entschließe, das Menschenmögliche zu genießen, anstatt darunter zu leiden, dass eine Illusion oder eine Phantasie sich nicht verwirklichen lässt. Kern des Beratungskonzepts ist also: Machen wir aus dem Leben, so wie es ist, das Beste. Leiden, weil die Dinge nicht so sind, wie ich sie mir vorgestellt habe, ist nicht nur unnütz, sondern auch infantil. >Diese Psychologen werden niemals lernen, mit einem Computer umzugehen<, dachte Roberto, wobei ihm seine Freundin Adriana durch den Kopf ging, eine Psychologin, die ihn in Computerfragen ständig um Rat bat. Er überprüfte sorgfältig die Empfängeradresse: rofrago@yahoo.com – R-O-F-R-A-G-O. Kein Zweifel, die Nachricht war an seine Adresse gerichtet. Einige Minuten starrte er bewegungslos auf den Bildschirm. Er suchte nach einer befriedigenderen Antwort für das Rätsel der E-Mails, da ihm die Unfähigkeit Lauras als Erklärung nicht mehr ausreichend erschien. Vermutlich hatte jener Fredy eine Mailbox, deren Account oder Benutzername ähnlich lautete wie der seine. Die Zuteilung der freien Mailboxen geschieht automatisch, und daher genügen nur winzige Unterschiede, damit der Server ein neues Account akzeptiert. Mit Sicherheit hatte sich auch Fredy (genau wie er selbst) nicht unter dem eigenen Namen anmelden können und deshalb seinen Nachnamen, den Namen seines Hundes oder wer weiß was benutzt. Demnach dürfte seine elektronische Adresse rodrigo, rodrago oder rofraga lauten ... und Laura hatte sie falsch notiert. Jemand empfing nicht das an ihn gesandte Material, und eine Psychologin schrieb an diesen Jemand, ohne dass ihn die Botschaften je erreichten. Sehr gut. Alles geklärt. Und jetzt? In einer freien Minute am Wochenende würde er das Problem lösen: Er würde Laura auf ihren Irrtum aufmerksam machen, und sie würde die richtige Adresse von Fredy Rofraga (er hatte sich für diesen Nachnamen entschieden) herausfinden. Roberto fuhr seinen Rechner herunter und ging ins Büro. Die wenigen Zeilen von jener Laura gingen ihm den ganzen Tag im Kopf herum, und als der Abend kam, rief er seine Freundin an und verstrickte sich, wie schon so häufig, in eine dieser unendlichen Streitereien, die sie miteinander auszufechten pflegten. Cristina beklagte sich darüber, dass er nie Zeit zum Ausgehen habe. Sofern er nicht noch am Arbeiten sei, müsse er sich von der Arbeit erholen, und wenn nicht eines von beidem ihn in Anspruch nehme, sitze er am Schreibtisch vor seinem Rechner, »eingeloggt« in die virtuelle Wirklichkeit - im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinne. Auch Roberto beklagte sich. Cristina sei so fordernd. Sie müsse verstehen, das Internet sei seine Art der Erholung und er habe ein Recht darauf, ein bisschen seine Freizeit zu genießen. »Ja, natürlich, mit mir zusammen zu sein ist kein Genuss«, hatte Cristina zu ihm gesagt. 7

»Manchmal eben nicht«, antwortete Roberto, was (wie er später dachte) ein bisschen zu ehrlich war. »Zum Beispiel?« »Zum Beispiel, wenn du mich mit Klagen und Vorwürfen bombardierst.« Cristina hatte aufgelegt. Mit dem Hörer in der Hand fühlte sich Roberto an den letzten Streit mit Carolina, seiner früheren Freundin, und zugleich an einen Satz erinnert, den er diesen Morgen in der E-Mail von Laura gelesen hatte: »... selbstverständlich finden sie sich später in sehr ähnlichen Situationen wieder - einzig und allein der Gesprächspartner hat gewechselt.« Und: »Immer wollen alle bloß über den anderen reden.« Das stimmte! Genau das taten Cristina und er bei jedem Streit. Und genau das hatte seiner Beziehung zu Carolina ein Ende bereitet. In der Tat hatte er sich von ihr getrennt, weil er glaubte, mit einer anderen würde es besser gehen. An diesem Abend verließ er sein Büro etwas früher. Er wollte den Text über Paare noch einmal lesen. Kaum war er zu Hause, warf er sein Sakko über den alten grauen Sessel im Flur und schaltete seinen Rechner ein. Dieses Mal dauerte das Laden der Programme länger denn je, aber er wartete. Schließlich öffnete sich sein MailProgramm, und er klickte auf »Ich schicke Dir«. Da war's. Er markierte den Text und kopierte ihn in das Textverarbeitungsprogramm. Dort legte er einen Ordner »ichschickedir.doc« an und suchte nach den Sätzen, an die er sich noch erinnerte. Er markierte sie und weitere gelb, um sie hervorzuheben. »... die Phantasie vom idealen Paar ... ad acta zu legen.« »... dass dasjenige, was ich nicht besitze, auch sonst niemand besitzt ...« »Machen wir aus dem Leben, so wie es ist, das Beste.« »... dass manche Strecken auf dem Weg der Liebe holprig sind.« Ein seltsamer Gefühlsmischmasch überfiel ihn: Erstaunen, Begeisterung, Scham, Verwirrung. Schon manches Mal in seinem Leben hatte er jene dumpfe Ahnung gehabt, dass ihm von außen auf mysteriöse Weise genau das nahegebracht wurde, was er gerade brauchte. Er erinnerte sich an den Tag vor etwas mehr als einem Jahr, an dem er Cristina kennengelernt hatte. Er fühlte sich damals verdammt traurig und irgendwie bedrückt. Mit dem Schmerz über die Trennung von Carolina war - wie die Spitze eines Eisberges - seine Depression zum Vorschein gekommen. Drei Wochen lang hatte er nicht das geringste Bedürfnis gehabt, auf die Straße zu gehen. Eingeigelt in seine Wohnung, ließ er das Telefon klingeln, bis der Anrufbeantworter irgendwann selbst über die Telefonate entschied, indem er von Zeit zu Zeit die angesammelten Nachrichten löschte, ohne dass jemand sie abgehört hatte. An jenem Abend, an dem Roberto es satt hatte, sich zu langweilen, beschloss er, den Begrüßungstext auf seinem Anrufbeantworter zu ändern, und zwar so: »Ich bin verreist. Hinterlassen Sie keine Nachrichten, niemand wird sie abhören können.« Es schien ihm heroisch und geschickt, sich auf diese Weise seinen Freunden mitzuteilen, ohne ihnen die Hoffnung auf Antwort zu geben. Aber als er das Band anstellte, um es neu zu besprechen, erklang vom Anrufbeantworter eine Stimme. »Hallo, hier spricht Cristina. Du kennst mich nicht, Felipe hat mir deine Telefonnummer gegeben. Also, um die Wahrheit zu sagen: Am Samstag bin ich zu einer tollen Party eingeladen, und es wäre furchtbar, dort allein oder, besser gesagt, als Single aufzutreten. Felipe sagte mir, du seist groß, unterhaltsam und intelligent, genau das, was mir mein Arzt empfohlen hat. Wenn das stimmt und du Lust auf einen aufregenden Abend in netter Begleitung hast, dann ruf mich vor Freitag unter der Nummer 63124376 an. Wenn Felipe lügt und seine Beschreibung nicht zutrifft, dann entschuldige, dann habe ich mich verwählt.« Wie konnte diese Nachricht abgespielt werden, ohne dass er auf irgendeine Taste gedrückt hatte? Seltsam. Wieso hatte Felipe, den er kaum kannte, so einen Unsinn über ihn erzählt? Seltsam. Für wen hielt sich diese Frau, dass sie ihn so offensiv anmachte? Seltsam. Er rief bei ihr an. 8

Und hier nun taten sich erneut solch unerklärliche Zusammenhänge auf. Eine ihm unbekannte Psychologin sandte von irgendeinem Flecken der Erde aus an einen anderen Ort der Welt irgendeinem Typen Überlegungen zu Paarbeziehungen. Diese landeten bei ihm - ohne dass nachvollziehbar wäre, wieso - und enthielten just das, was er gerade brauchte. Zauberei. Stets war er der Ansicht gewesen, dass solche Zufälle nur zutiefst abergläubischen Menschen oder fanatischen Esoterikern widerfuhren. Unabhängig davon, ob es nun einen Gott geben mochte oder hunderttausend - die einen wie die anderen benutzten ihren Glauben an den Allmächtigen lediglich, um (womöglich auf phantastische Weise) zu erklären, was sich logisch nicht erklären ließ, und flüchteten in die Vorstellung vom Göttlichen, um sich so Erleichterung zu verschaffen. Auf diese Weise konnten sie sicherstellen, dass ihr individuelles Schicksal weder vom blinden Zufall noch von irgendwelchen Wechselfällen des Lebens oder gar von menschlichen Irrtümern abhinge. Auch er, Roberto, hätte, bis er sich wieder beruhigt haben würde, auf die Idee verfallen können, irgend jemand oder irgend etwas habe die Verantwortung für seine Zukunft übernommen oder sein Schicksal in seiner ganzen Unendlichkeit sei bereits festgeschrieben. Aber so dachte er nun einmal nicht. Er konnte nicht anders, als die Existenz des Zufalls, des Kontingenten, des Unerklärlichen zu akzeptieren. Zufälle ... Glück ... Energieverdichtungen ... Er suchte in seinem Gehirn nach dem Wort, das ihm helfen könnte, seine Empfindungen auf den Punkt zu bringen. In der Therapie hatte er gelernt, dass man unmöglich die eigene Existenz in den Griff bekommt, solange man die Dinge noch nicht benennen kann. Er legte sich hin und sann über das fehlende Wort nach. Über das Ausprobieren von Sätzen und Silben schlief er dann ein. Am Morgen erwachte er bestürzt. Er musste einen sehr unangenehmen Traum gehabt haben, denn das Bett war zerwühlt, und die dünne Bettdecke lag, völlig zusammen geknäult, im äußersten Eck des Zimmers, als sei sie dorthin geworfen worden. Er blieb bewegungslos im Bett liegen und schloss erneut die Augen, um Bilder des Traumes zurückzuholen. Er erinnerte sich nur an einige sehr verworrene: Wörter, immer wieder Wörter, sie erschienen auf den Bildschirmen von Hunderten von Computern, vermehrten sich mit schwindelerregender Geschwindigkeit und wuchsen im Innern der Bildschirme, bis sie diese ganz ausgefüllt hatten ... Dann brachen sie aus ihnen hervor und traten heraus, um die ganze materielle Welt zu überschwemmen ... Eine Welt voller Wörter, dachte er. Zu viele Wörter. Er schluckte Speichel hinunter und stand auf. Beim Duschen entschied er, heute nicht ins Büro zu gehen. In der Tat hatte er viel zu ordnen, das konnte er auch von zu Hause aus tun. Er arbeitete eine Weile an seinen Unterlagen, bis er auf seinen Schultern das Gewicht der Langeweile verspürte, jenes Gespenst, das ihm ein treuer Lebensbegleiter war. Er nahm den Telefonhörer und rief Cristina an. Mit etwas Glück würde er sie gerade noch erwischen, bevor sie das Haus verließ. »Hallo?« meldete sich Cristina unbeteiligt. »Hallo«, sagte Roberto und versuchte, beschwichtigend zu wirken. »Hallo«, wiederholte Cristina ärgerlich. »Wir müssen miteinander reden«, sagte Roberto. »Worüber?« erwiderte sie; offensichtlich wollte sie sich seinem Annäherungsversuch widersetzen. »Über die politische Situation in Tansania«, gab er ironisch zurück. »Haha!« lautete die trockene Antwort am anderen Ende der Leitung. »Wirklich, Cris, lass uns heute Abend ausgehen. Ich hab' dir einiges zu sagen, und ich möchte dir einen Text vorlesen, der mich übers Internet erreicht hat.« »Einen Text worüber?« »Über Paare.« »Wie - der dich >erreicht hat<?« »Das erzähle ich dir später. Um acht in der Kneipe?« »Nein, hol mich zu Hause ab«, sagte Cristina und unterstrich damit, dass sie die Sache nicht aus der Hand geben wollte. 9

»Okay«, sagte Roberto, »bis später.« »Bis später.« »Das erzähle ich dir später«, hatte er gesagt. Würde er Cristina tatsächlich sagen, woher der Text von Laura stammte? Sicher nicht. Wieso nicht? Die E-Mails, die er erhalten hatte, waren Teil eines persönlichen Briefwechsels, und sein Handeln könnte als eindeutige Verletzung der Privatsphäre verstanden werden. Sie sollte nicht wissen, dass er dazu fähig gewesen war, im Leben eines anderen herumzuspionieren. Bestimmt würde sie dies missbilligen, sich über ihn aufregen und den nützlichen Inhalt des Briefes verächtlich vom Tisch wischen. Aber, dachte Roberto, Laura würde jetzt sagen: Was - unabhängig von Cristina - geht in mir vor? Hatte er das Recht, das Postgeheimnis zu verletzen? In Wirklichkeit bin ich derjenige, der dies missbilligt, gab er sich zur Antwort. Er erhob sich aus seinem Sessel, warf den Rechner an, öffnete das Textprogramm und schrieb: Laura, ich empfange in meinem Posteingang E-Mails von Ihnen an Fredy, mit Texten, die offenbar zu einem Buch über Paarbeziehungen gehören. Sicherlich gibt es in der Empfängeranschrift einen Fehler. Mit freundlichen Grüßen Roberto Francisco Gómez Er rief sein E-Mail-Programm auf, um die Nachricht zu versenden. Das Programm gab automatisch einen Piepston von sich und öffnete das Fenster des Posteingangs, in dem zu lesen war: Hallo, rofrago, Sie haben 1 neue Nachricht(en) erhalten. Er fuhr ein wenig zusammen. In halbfetten Buchstaben verkündete der Bildschirm den Absender und den Betreff der erhaltenen Nachricht: carlospol@spacenet.com: Ich schicke Dir Robertos Körper registrierte den Konflikt zwischen seinem Wunsch und seinen Prinzipien - insbesondere in Rücken, Schultern und im rechten Arm. Roberto zögerte. Das ist ein privater Raum, sagte er sich. Aber plötzlich fiel ihm jener Aufmacher einer Informatikzeitschrift ein: »Internet: das Unendliche ohne Privatsphäre.« Und er dachte an die Hacker, jene Legion von Jugendlichen, die einen Großteil ihres Lebens damit verbringen, im Internet zu surfen und in alle möglichen Dateien einzudringen, mit Vorliebe in solche, deren Zugang als gesichert gilt egal, ob es sich dabei um die Nationalbibliothek, die Apotheke um die Ecke oder das Pentagon handelt. Diese Jungen und Mädchen in aller Welt verwendeten eine Menge an Stunden und geistiger Anstrengung darauf, Geheimcodes, Passwörter und Systeme zur Verschlüsselung von Informationen zu knacken, um an Daten zu gelangen, herumzuschnüffeln oder auch die einmal geknackten Server mit Viren zu infizieren. Das war weit mehr als ein Jugendstreich. »Das Internet ist frei, und jeder, der uns bremsen will, behindert unsere Freiheit zu surfen. Wir werden diese Barrieren niederreißen und alles, was sich dahinter versteckt, zerstören - als Zeichen des Protestes gegen die Einschränkung unserer Freiheit. Die Verschlüsselungsprogramme werden immer besser - wir aber auch.« »Kybernetische Anarchisten«, hatte Roberto noch vor wenigen Tagen zu einem Kunden gesagt. Und auch wenn er selbst eher einem Anarchisten als einem Hacker glich, fühlte er sich in diesem Moment auf ihrer Seite. Er ging mit dem Cursor auf das C von Carlos und klickte zweimal mit der linken Maustaste.

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Dies also ist das neue Konzept: Wir müssen von einem anderen Standpunkt aus über das Paar nachdenken, und zwar von dem des Möglichen und nicht dem des Idealen. Deshalb will ich versuchen, Konflikte als einen Weg zu begreifen, auf dem ich meine Schranken überwinden und mich so dem anderen nähern kann, darüber hinaus aber auch als einen Weg, auf dem ich meinem Gefährten begegne - was dann natürlich auch zum Wandel in der Begegnung mit mir selbst führen wird. Eine Paarbeziehung trägt zu unserer persönlichen Entfaltung bei, hilft uns, an unseren menschlichen Qualitäten zu feilen, uns selbst besser kennenzulernen. Eine Beziehung ist eine Addition. Deshalb lohnt sie sich. Sie... lohnt die Mühe, das Leiden, das sie hervorbringt, den Schmerz, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Und all dies ist wertvoll, weil wir - nachdem wir es durchgestanden haben - nicht mehr dieselben sein werden: Wir sind daran gewachsen, vieles ist uns bewusster geworden, wir fühlen uns vollständiger. Die Paarbeziehung rettet uns vor nichts. Sie darf uns vor nichts retten. Viele Menschen suchen einen Partner, um auf diese Weise ihre Probleme zu lösen. Sie glauben, dass eine intime Beziehung sie von ihren Ängsten, ihrer Langeweile, ihrem Gefühl der Sinnlosigkeit heilen wird. Sie hoffen, dass ein Partner die Lücken in der eigenen Persönlichkeit stopft. Welch schrecklicher Irrtum! Wenn ich mir mit solchen Erwartungen einen Partner aussuche, werde ich am Ende unweigerlich die Person hassen, die mir nicht das gibt, was ich mir von ihr erhoffe. Und anschließend? Anschließend suche ich mir vielleicht jemand anderen und wieder jemand anderen und wieder jemand anderen ... Oder ich lasse das Leben verstreichen und ziehe es vor, mich über mein Schicksal zu beklagen. Das Konzept lautet also: Ich muss mein eigenes Leben meistern, ohne die Erwartung, dass jemand dies für mich erledigt. Das bedeutet aber auch: Ich sollte nicht versuchen, das Leben eines anderen zu meistern, sondern das Zusammensein mit dem anderen als ein gemeinsames Projekt begreifen, das dazu dient, dass es uns gut geht, wir aneinander wachsen, uns miteinander vergnügen - aber nicht dazu, dass der andere meine Schwierigkeiten beseitigt. Solange wir glauben, die Liebe könnte uns retten, all unsere Probleme lösen und uns in einen Dauerzustand von Glück und Sicherheit versetzen, sitzen wir weiterhin Phantasien und falschen Vorstellungen auf - was die wahre Kraft der Liebe, die Kraft, uns zu verändern, lediglich schwächt. Dabei gibt es nichts Aufschlussreicheres, als auf dieser Grundlage mit jemandem zusammen zu sein, nichts Außergewöhnlicheres, als die eigene Veränderung an der Seite der geliebten Person zu spüren. Statt in einer Beziehung Zuflucht zu suchen, sollten wir uns lieber ihr Potential zunutze machen und uns von ihr wachrütteln lassen, wo wir eingeschlafen sind und vor dem nackten und direkten Kontakt mit dem Leben ausweichen ihr Potential, uns Beine zu machen und uns vor Augen zu führen, wo wir uns weiterentwickeln müssen. Damit unsere Beziehungen gedeihen, müssen wir sie anders sehen: als eine Reihe von Möglichkeiten, unser Bewusstsein zu erweitern, eine tiefere Wahrheit zu entdecken und in einem vollständigeren Sinn menschlicher zu werden. Und wenn ich mich in ein vollständigeres Wesen verwandle, das zum Überleben nicht eines anderen bedarf, so werde ich bestimmt einem anderen, ebenso vollständigen begegnen, mit dem ich teilen kann, worüber wir als Individuen jeweils verfügen. Darin eben liegt der Sinn des Paares: nicht in der Rettung, sondern in der Begegnung. Oder, besser gesagt, in den Begegnungen. Ich begegne dir. Du mir. Ich mir. Du dir. Wir den anderen Menschen. Roberto war erneut verblüfft. Vorstellungen und Bilder aus jüngsten und vergangenen Lebensabschnitten schwirrten ihm durch den Kopf. Ihm platzte schier der Schädel. Laura schrieb, als würde sie zu ihm reden. Laura sprach genau das aus, woran er knabberte, als ob sie ihn tatsächlich kennen würde. In der Tat klang die E-Mail so, als hätte sie sein früherer Therapeut verfasst, um ihn aus seiner endlosen Lethargie und Unwissenheit zu reißen und ihm die Bedeutung der Paarbindung nahezubringen. Womöglich war Laura nicht einmal Psychologin. Vielleicht hieß sie auch gar nicht Laura. Eventuell hatte sie gar keine Ahnung davon, was sie da sagte, und schrieb lediglich Absätze aus irgendeinem berühmten Buch oder einem Schundblatt ab. Aber das war egal. Die Klarheit und die Eindringlichkeit, mit der der Text sein gegenwärtiges Leben zu kommentieren schien, erschütterten Roberto. 11

Er dachte an seine abendliche Verabredung mit Cristina. Wie ließe sich dieses Erlebnis mitteilen? Etwas in seinem Innern war aufgebrochen, in Bewegung geraten. Dessen war er sich sicher. Aber konnte denn der Brief einer wildfremden Person solch ein Aha-Erlebnis hervorrufen? Er selbst hatte keine Antwort darauf. Gleichwohl ahnte er, dass etwas Geheimnisvolles und äußerst Bedeutsames geschah. Und plötzlich fiel ihm etwas ein: Synchronie! Das war das Wort, das er wachend und schlafend gesucht hatte. Das war es, was ihn zu erschüttern vermocht hatte: die Synchronizität der Ereignisse. Jetzt erinnerte er sich, dass er über diese Vorstellung der Jungianer gelesen hatte, der zufolge sich die Dinge auf synchrone Weise in einem Leben vereinen, um die erforderliche Botschaft, die notwendige Lehre, die unerlässlichen Hilfsmittel bereitzustellen. Und ihm ging auch jenes buddhistische Sprichwort aus Japan durch den Kopf: »Erst wenn der Schüler bereit ist, erscheint der Meister.« Der Meister war erschienen. Seine Botschaften kamen auf elektronischem Wege, und er, Roberto, konnte, besser gesagt: wollte nicht auf sie verzichten. Auf keinen Fall würde er die bereits verfasste E-Mail an Laura abschicken. »Synchronie«, sagte er zu sich, während er Lauras Schreiben als Ergänzung des vorigen in sein Textverarbeitungssystem kopierte und seinem Computer den Befehl erteilte, beide auszudrucken. Während er das Blatt besah, das die gehorsame Maschine auswarf, nahm ihn ein anderes Gefühl gefangen. Mit der geschlossenen Faust schlug er zwei-, dreimal auf den Tisch, in Gedanken an die vorherigen E-Mails, die er, ungelesen, gelöscht hatte. Rasch öffnete er seinen elektronischen Papierkorb, um die vernichteten Textstücke zu suchen, fand aber nichts... »Synchronie«, wiederholte er, vielleicht, um sich zu trösten.

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KAPITEL 2

nichts in die Quere gekommen. Ihm ging eine neue Begegnung, ein neues Beziehungskonzept durch den Kopf: eine Paarbindung, die wechselseitig zur Entfaltung der Persönlichkeit beiträgt. Das klang wundervoll. Er besah sich im Rückspiegel und setzte sein charmantestes Lächeln auf. Anschließend stieg er aus dem Auto und drückte, an der Gegensprechanlage angelangt, auf Appartement 4. »Ja?« meldete sich Cristina. »Ich bin‘s«, sagte Roberto. »Ich komm' runter«, rief sie. Roberto lehnte sich gegen den Türrahmen und ließ seinen Blick in Richtung Straße schweifen. Autos fuhren vorbei. Manche beschleunigten und bremsten dann dicht hinter jenen, die nur im Schritttempo dahin schlichen. Die einen wie die anderen hielten vor der Ampel an der Straßenecke. Genau so, dachte Roberto, spielte sich sein Leben ab: Viele Ereignisse zogen an ihm vorbei, manche mit unglaublicher Geschwindigkeit, andere wiederum viel zu langsam, aber allesamt glitten sie in einer unaufhaltsamen Karawane vorüber. >Dumm, wenn ein Ereignis auf halbem Weg steckenbleibt und die nachfolgenden blockiert< dachte er. >Und dennoch ähnelt mein Leben manchmal einem großen Stau ...< Cristina ließ ewig auf sich warten. >Das tut sie mit Absicht<, dachte er. >Sie versucht sich interessant zu machen.< Er begann sich aufzuregen. >Zum Teufel, ich komme gutgelaunt her, und sie ...< Er unterbrach sich. >Aber was ist mit mir los?< erinnerte er sich. Weshalb regt es mich dermaßen auf, wenn ich auf sie warten muss? Weshalb ärgert es mich überhaupt, warten zu müssen? Es fuchst mich genauso, wenn ich den Anruf eines Kunden erwarte oder die Antwort auf eine E-Mail oder wenn die Bedienung in einer Bar nicht spurt oder mein Computer ewig braucht, bis er hochgefahren ist ... Ich hasse es zu warten<, fuhr er fort. >Aber was ist mit mir los, dass mich die Warterei dermaßen stört?< Das Gefühl, Zeit zu verlieren, hatte ihn schon immer irre gemacht. Er erinnerte sich an den Händler im Kleinen Prinzen, der durststillende Pillen verkauft, damit man keine Zeit beim Wassertrinken verliere. Damit könne man dreiundfünfzig Minuten pro Woche einsparen, wirbt der Händler. Und der kleine Prinz denkt: Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte, ... würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen... >Zeit verlieren<, sagte Roberto zu sich. >Wie kann man etwas verlieren, was man nicht besitzt? Wie kann man etwas sparen, was sich nicht einbehalten lässt? Wenn ich die Wahl hätte ... Was würde ich gern tun, wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte?< Er lächelte. >Sie wären gut angelegt, wenn ich sie dafür verwendete, auf die Begegnung mit der geliebten Person zu warten.< Er lehnte sich bequem mit der Schulter gegen die Wand und beobachtete weiterhin die Straße. Er besah die Autos, die mit größerem Abstand vorbeifuhren: ein graues, dann ein blaues und ein weißes, ein brauner Kleinlaster, ein Motorrad, eine riesige schwarze Limousine und schließlich, eine Weile lang, gar keines. Plötzlich war die Straße wie leergefegt. Plötzlich war sein Kopf wie leergefegt. 13

E

r parkte vor dem Wohnblock, in dem Cristina wohnte, und hatte ungewöhnlich gute Laune. Bis hierhin war ihm

Er fühlte sich entspannt, und ein Lächeln glitt über sein ganzes Gesicht. Cristina verspätete sich noch ein paar Minuten mehr - fünfzehn, zwanzig, er hatte keine Ahnung. Roberto nahm nicht wahr, wie die Zeit verstrich. Alles um ihn herum stimmte mit ihm überein, die Straße und die Entdeckung der Leere. Die Stimme Cristinas unterbrach ihn. »Da bin ich.« »Hallo«, sagte Roberto und versuchte wieder in die Welt der greifbaren Tatsachen zurückzukehren. »Weil du ja normalerweise immer Verspätung hast«, rechtfertigte sie sich, »habe ich noch ein paar Dinge erledigt und war deshalb noch nicht fertig, als du zu früh kamst.« Roberto wusste, wie diese Diskussion weitergehen würde. »Ich bin nicht zu früh gekommen«, würde er sagen. »Ich war pünktlich.« »Bei dir, mein Lieber«, würde sie erwidern, »heißt pünktlich normalerweise immer zu spät.« »Dafür, dass ich mehr als eine halbe Stunde auf dich warten musste, willst du mir nun obendrein noch die Schuld geben?« würde er ihr antworten. Cristina, ärgerlich darüber, entlarvt worden zu sein, würde zum Gegenangriff übergehen. »Schau mal, Roberto«, sie nannte ihn jedesmal bei seinem Vornamen, wenn sie wütend wurde, »ich habe schon so oft auf dich warten müssen, jetzt kannst du auch einmal warten und deinen Mund halten.« Und alles würde sich so weiterentwickeln wie immer. »Ich habe gar nichts gesagt, du hast damit angefangen, von dir kam der Vorwurf, du seist nur zu spät, weil ich dich eh immer warten lassen würde.« »Du hast sehr wohl angefangen, mit diesem Scheiß-Hallo zur Begrüßung.« Und dies wäre der Anfang vom Ende gewesen. Cristina hätte hinzugefügt: »Wenn dir dazu nichts Besseres einfällt, wärst du besser zu Hause geblieben.« Und Roberto hätte den Streit beendet: »Du hast recht. Tschüs!« Sie wäre, einige Schimpfwörter auf den Lippen, wieder nach oben gegangen, und er hätte den Wagen stehenlassen, um sich ein wenig Bewegung zu verschaffen, bis seine Wut verraucht wäre oder bis er - so würde er sich selbst einreden - es endlich über sich brächte, diese Beziehung zu beenden, indem er die Schuld an seiner Unzufriedenheit Cristina zuschöbe - wohl wissend, dass Cristina ihrerseits ihn für alles verantwortlich machen würde. Aber diesmal nicht. Diesmal sollte es anders kommen. Er war bereit, bis aufs letzte auszuprobieren, was er gelernt hatte. >Sie verteidigt und rechtfertigt sich derart aggressiv, als wolle sie sich vor meinem Zorn schützen<, dachte er. >Aber, was ist mit mir? Bin ich wütend? Nein, überhaupt nicht<, gab er sich selbst zur Antwort. Vielleicht hatte ja sein »Hallo« wie ein Vorwurf geklungen, oder Cristina war schon beim Runterkommen auf Vorwürfe gefasst gewesen und hätte, was auch immer er von sich geben mochte, entsprechend ausgelegt. In jedem Fall lohnte es sich, das aufzuklären. »Mal ganz ruhig, Cristina«, sagte er. »Es ist alles okay.« »Sei nicht sarkastisch«, griff sie ihn an. »Das bin ich nicht«, fügte Roberto hinzu. »In Wahrheit war ich ganz in Gedanken und habe deine Verspätung gar nicht weiter bemerkt.« »Ich hasse dich, wenn du den Überlegenen spielst«, versuchte Cristina, den verlorenen Streit neu zu entfachen. »Außerdem glaube ich dir kein Wort. Ich bin ganze 45 Minuten zu spät, und du willst es noch nicht einmal bemerkt haben? Ha!« >Erstaunlich<, dachte Roberto und lächelte erneut bei der Erinnerung an das Gefühl von der leeren Straße in seinem Innern. »Tut mir leid, wenn du mir nicht glaubst, Cristina«, begann er zu erklären. »Aber ich bin wirklich nicht wütend. Wenn ich dir beschreiben sollte, was du und deine Verspätung bei mir ausgelöst haben, so wäre der treffende Ausdruck >Dankbarkeit<.« 14

»Dankbarkeit?« fragte Cristina. »Dankbarkeit?« »Dankbarkeit.« Roberto näherte sich ihr und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Danach schaute er sie lange an, während er sie sanft an den Händen hielt. »Die Verspätung hat sich gelohnt«, sagte er. »Du siehst bezaubernd aus.« Sie küssten sich zärtlich. Dann legte er ihr den Arm um die Schulter und führte sie zum Wagen. Sie schliefen nicht vor fünf Uhr ein. Die Unterhaltung mit Cristina war sehr interessant und erhellend. Sie lasen - ohne langwierige Überlegungen zum Ursprung der Texte anzustellen - gemeinsam die beiden E-Mails von Laura. Was den Inhalt anbetraf, äußerte Cristina einige Skepsis. Mit vielen Dingen war sie einverstanden, aber sie hatte auch Einwände. Über diese Einwände redeten sie ausführlich. Roberto stellte für sich fest, dass er ungewöhnlich respektvoll auf Cristinas Ansichten reagierte. Auf der einen Seite, so meinte diese, komme ihr der Ansatz wie ein Trost für Dummköpfe vor. »Dieses Sich-Abfinden, weil vermeintlich dasjenige, was ich nicht besitze, auch sonst niemand besitzt<, halte ich für beschränkt ... Außerdem«, fügte sie hinzu, »ist mir das zu viel Psychologisiererei, dauernd nur über sich nachzudenken. Was, wenn der andere wirklich im Unrecht ist? Wenn er wirklich schlecht, unangemessen oder gemein und aggressiv handelt?« Auf der anderen Seite vertrat sie die Ansicht, das Konzept gehe von einer konformistischen Vorstellung aus. Sie wiederholte zwei-, dreimal den Satz »Tun wir also das Mögliche« und betonte ihre Kritik am »Möglichen«. »Wer weiß, was das Mögliche ist? Weshalb sollte ich nicht länger nach meinem idealen Partner suchen, wenn ich doch mit ihm eine wunderbare Beziehung haben könnte?« argumentierte sie. Einige ihrer Kommentare machten Roberto auf seine eigenen Widersprüche aufmerksam. Er selbst hatte immer diejenigen kritisiert, die sich kampflos mit etwas zufriedengaben, und der Ansatz, wie Cristina ihn darstellte, schien auf ein »Sich-mit-der-Mittelmäßigkeit-Abfinden« hinauszulaufen. >Sie hat recht<, dachte Roberto. Und im Unterschied zu vielen anderen Situationen sprach er es auch aus. »Du hast recht, daran habe ich nicht gedacht.« Dieser Satz wirkte wie ein Schlüssel, der in Cristinas Innerem ein Türchen aufspringen ließ. Von da an gestaltete sich die Unterhaltung lebendiger und aufschlussreicher. Sie waren sich darin einig, die Liebe und die Paarbeziehung sollten nicht darunter leiden, dass einer sich zum Retter des anderen aufzuschwingen suchte. Und sie kamen überein, in ihrer eigenen Beziehung stärker darauf achten zu wollen, wie sie sich jeweils fühlten. »Stimmt«, sagte Cristina. »Als ich heute Abend runterkam, glaubte ich, du wärest sicher wütend. Und statt danach zu schauen, was mit mir los war, handelte ich so, als würdest du mir tatsächlich meine Verspätung vorwerfen. Inzwischen weiß ich, dass ich bei deinem Anblick wütend war.« »Okay«, sagte Roberto. »Das ist nun ausgestanden.« »Es hat sich gelohnt«, sagte Cristina. »Es hat die Mühe gelohnt«, hob Roberto noch einmal hervor. In dieser Nacht hatten sie wunderbaren Sex miteinander. Roberto hatte für sich das Gefühl, noch nie so mit seiner eigenen Lust, seinen eigenen Empfindungen in Kontakt gewesen zu sein, sich noch nie so auf seinen eigenen Orgasmus konzentriert zu haben; und gleichwohl schien es ihm, als habe auch Cristina den Sex mehr als andere Male genossen. Dieser Eindruck bestätigte sich, als er seine Lampe ausschaltete und sah, wie sich Cristina im Bett aufrichtete, ihn mit einem Lächeln ansah und zu ihm jene Worte sagte, die in ihrem privaten Sprachspiel das Zeichen größten Beifalls waren: »Sehr gut, Gómez ... Sehr gut.« Roberto lächelte zurück und zwinkerte ihr zu. Sie sah ihn noch einmal an, dann drehte sie sich um, löschte ebenfalls das Licht, kuschelte sich im Bett dicht an seinen Körper und schloss die Augen. Einige Sekunden später, bereits im Halbschlaf, wisperte sie, als spräche sie zu sich selbst: »... sehr gut.« 15

Als Roberto gegen zwei Uhr mittags erwachte, tastete er suchend im Bett nach ihr, fand sie aber nicht. Obwohl ihm Cristina angekündigt hatte, dass sie mittags zu einer Grillparty bei Adriana gehen würde, war Roberto in dem sicheren Gefühl eingeschlafen, dass sie ihrer Freundin einen Korb geben und, wie schon so viele Male, bei ihm bleiben würde. Empört erhob er sich, und in der gleichen Stimmung wärmte er sich den Kaffee auf, der in der Nacht zuvor übriggeblieben war. Er rührte in der schwärzlichen Brühe und sah, wie sein Gefühl, das Paradies erobert zu haben, in den Strudeln versank. Sie war gegangen. Sie zog diese dumme Grillparty einem wunderbaren Zusammensein mit ihm vor. »Scheiße!« murmelte er. Er schüttete den Kaffee in sich hinein und versagte sich jede Geschmackswahrnehmung. Was würde Laura zu alldem sagen? Er stellte den Computer an, suchte nach eingegangenen Nachrichten und ... da war was. Wozu dient denn eigentlich die Paarbeziehung? Unsere Augen gebrauchen wir, um uns zu sehen und zu erkennen. Wir können damit unsere Hände, unsere Füße und unseren Bauchnabel betrachten. Nun gibt es aber bestimmte Körperteile, die wir niemals direkt zu sehen bekommen, etwa unser Gesicht - was immerhin so bedeutsam und identitätsstiftend ist, dass der Gedanke, es niemals mit eigenen Augen sehen zu können, nicht leicht zu ertragen ist. Um die unseren Augen nicht zugänglichen Körperpartien erkunden zu können, brauchen wir einen Spiegel. Gleichermaßen gibt es in unserer Persönlichkeit, in unserer ganzen Art, mit Menschen und Dingen umzugehen, Eigenschaften, die unserer Wahrnehmung verborgen bleiben. Um sie zu sehen, brauchen wir ebenfalls einen Spiegel. Und der einzige Spiegel, in dem wir uns möglicherweise erkennen können, ist der andere. Der Blick des anderen zeigt mir, was meine Augen nicht sehen. Und genau wie in der physikalischen Wirklichkeit hängt auch hier die Präzision des Widergespiegelten von der Qualität des Spiegels und der Entfernung ab, in der er zu uns steht. Je präziser der Spiegel ist, desto detaillierter und wirklichkeitsgetreuer wird sein Bild ausfallen. Je geringer die Distanz ist, aus der ich mein reflektiertes Bild betrachte, desto klarer wird die Wahrnehmung meiner selbst sein. Der beste, genaueste und grausamste Spiegel ist der der Paarbindung: Es ist die einzige Bindung, in der mir aus größter Nähe meine schlechtesten und meine besten Eigenschaften widergespiegelt werden können. Die Paare, die zu uns in die Sprechstunde kommen, vergeuden viel Zeit damit, einander klarzumachen, dass das Verhalten des jeweils anderen schlecht sei. Statt sich aber als Richter aufzuspielen oder gar den anderen ummodeln zu wollen, sollten sie lernen, miteinander Kompromisse zu schließen. Wenn ich dir dauernd deine Fehler nachweise, wenn ich mein Leben darauf ausrichte, dir zu zeigen, wie du hättest handeln sollen, wenn ich dich unablässig darauf hinweise, wie man die Dinge richtig handhabt, dann erreiche ich bestenfalls, dass du dir wie ein Idiot vorkommst, oder schlimmer, dass du mich verlässt, oder noch schlimmer, dass du bei mir bleibst und mich verabscheust. Ich möchte, dass du mir wahrhaft zuhörst, mit jenem Ohr, das wir der Neugier, dem Begehren, der Liebe leihen. Und wenn ich wirklich möchte, dass du mir deine Aufmerksamkeit schenkst, muss ich folglich auch lernen, von mir zu sprechen - davon, was ich brauche und was dein Verhalten bei mir auslöst. Allein diese Veränderung bewirkt wahrscheinlich schon, dass es dir leichter fallen wird, mir zuzuhören. Ein großer Teil der paartherapeutischen Arbeit besteht darin, beiden Individuen dabei zu helfen, stets mit dem verbunden zu bleiben, was in ihnen individuell vorgeht, und sich nicht damit aufhalten, über den andern herzuziehen. Ich sollte also die Konflikte nutzen, um meine Empfindungen zu ergründen und Worte für sie zu finden. Der Leitgedanke dieser Therapie besteht darin, zwei Menschen, die sich eingeigelt haben, dabei behilflich zu sein, sich wieder öffnen zu können. Wenn sie hierherkommen, sind sie meist voller Groll und voller unausgesprochener Vorbehalte, und der Therapeut sollte es ihnen ermöglichen, sich ungezwungener zu verhalten, zu äußern, was auszusprechen ihnen angst macht, ihren Schmerz zu zeigen. 16

Was kann man tun, damit sich zwei Individuen erneut öffnen, Einblick in ihr Inneres gewähren und einander vertrauen? Grundsätzlich sollte man in der Beratung für eine Atmosphäre der Offenheit sorgen und es ihnen damit erleichtern, sich zu entspannen und ihre Bedürfnisse zu artikulieren. Eines der Therapieziele besteht darin, dass es zu einer Begegnung kommt. Eine solche Begegnung lässt sich jedoch nicht erzwingen: Entweder sie findet statt oder nicht. Dennoch gibt es bestimmte Verhaltensweisen, die ihr förderlich sind. Entsprechend beobachten wir Therapeuten, ob und inwiefern die Partner durch ihr Verhalten dazu beitragen, eine Begegnung zu verhindern, und machen sie dann auf ihre jeweiligen Vermeidungsstrategien aufmerksam. Um eine Begegnung nicht zu verhindern, muss man präsent sein, in Kontakt mit dem, was in einem vorgeht. Das gleiche gilt für meinen Gefährten: Ich muss nachvollziehen, was er braucht und was ihn schmerzt. So gesehen sind Konflikte eine Möglichkeit, mich selbst zu entdecken, kennenzulernen, sensibel dafür zu werden, was in mir vorgeht - also aus ihnen zu lernen. Paare kommen in die Beratung, weil sie das Gegenteil tun. Jedesmal, wenn ein Konflikt in der Beziehung auftritt, beginnt der eine den anderen zu interpretieren oder ihm zu sagen, was er zu tun hätte, und ihn für das ganze Ungemach verantwortlich zu machen. In der Regel führen die meisten dieser Schuldzuweisungen zu gar nichts und der verbleibende Rest... höchstens dazu, dass endgültig alles zerstört wird. Unser Beziehungskonzept ist vielleicht nicht neu, dafür umso grundlegender: Es gilt, die Verantwortung für das eigene Leben zurückzugewinnen. In der Praxis bedeutet dies, dass derjenige, der sich über die Situation beklagt, sich die Frage »Was ist mein Anteil daran?« selbst müsste beantworten können. Das soll nicht heißen, dass ihm allein die Verantwortung aufgebürdet würde; vielmehr sollte er mit Hilfe dieser Frage seine eigenen Handlungen überdenken. Was könnte er anders machen, damit am Ende etwas Besseres herauskommt? Derjenige von beiden, der sich darein »verbeißt«, der andere sei der Schuldige und er das Opfer, wird sich nicht weiterentwickeln, bleibt festgefahren und blockiert jegliche Veränderung in der Beziehung. Mit Hilfestellung des Therapeuten sollten die Partner 1ernen, vom Spiel »Ich armes Hascherl« abzulassen und stattdessen zu überprüfen, welche anderen Handlungsmöglichkeiten sich ihnen bieten, um einen kreativen Ausweg aus der Situation zu finden. Der Therapeut sollte ihnen dabei helfen zu erlernen, wo sie sich selbst weiterentwickeln können, wo ihre Schwachstellen sind und vor welchen Hindernissen sie zurückschrecken. Unserer Erfahrung zufolge kann einzig diese Blickrichtung die Individuen dazu bringen, über ihre Möglichkeiten nachzudenken, neue Fähigkeiten auszubilden und sich kreativer und folglich auch freier und stärker zu fühlen. Ein Leben ohne Konflikte ist weder wahrscheinlich noch wünschenswert; vielmehr sollten wir lernen, jede Schwierigkeit, der wir begegnen, zum Anlass zu nehmen, uns intensiver mit ihr zu befassen und so nicht nur tieferen Zugang zu unserem Partner, sondern auch zu unserem eigenen Selbst zu erlangen. Fritz Perls pflegte zu sagen, dass achtzig Prozent unserer Weltwahrnehmung reine Projektion seien. Und angeblich fügte er augenzwinkernd hinzu: »... und der größte Teil der übrigen zwanzig Prozent ebenfalls.« Wenn Menschen sich darüber beschweren, was mit ihnen geschieht, dann gilt es zu untersuchen, welche »Eigenanteile« im Individuum da Beschwerde führen. Wenn einen Mann beispielsweise der Egoismus seiner Partnerin stört, könnte es sein, dass er mit seinen eigenen egoistischen Anteilen im Clinch liegt, weil er sich nicht traut, diese anzuerkennen, oder es sich versagt, sie auszuleben. Er wird jedenfalls nicht umhinkönnen, über seinen Egoismus nachzudenken und daran zu arbeiten - völlig unabhängig von den Eigenheiten und Möglichkeiten seines Gegenübers. Greifen wir eine andere zentrale Paarproblematik auf: die Aufteilung der Pflichten. Wenn sie es für notwendig erachtet, dass er bestimmte Aufgaben im Haushalt übernimmt, dann gilt es, mit ihm auszuhandeln, wer was macht, und eine Übereinkunft zu erzielen. Wenn sie stattdessen ihre Zeit damit verschwendet, ihn als Egoisten zu entlarven und mit

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seiner Mutter zu vergleichen (»du bist genau wie sie ...«), wird das nirgendwohin führen (in der Tat gibt es nichts Schlimmeres, als bei Streitigkeiten die Mütter aufs Tapet zu bringen). Ein angemessener Satz könnte lauten: »Du magst sein, wie du willst, aber auf jeden Fall sollten wir miteinander vereinbaren, wer zum Supermarkt geht.« Den Sinn für Kommunikation zu wecken ist weit effektiver und besonnener, als den Nachweis antreten zu wollen, wer egoistisch und wer großzügig ist. Als Therapeuten schlagen wir in solchen Situationen gern folgendes kleines Spiel vor: Wir fordern den Patienten, um den es in der Sitzung gerade geht, dazu auf, seine Anschuldigungen gegen die Person, die vor ihm sitzt, zu artikulieren und bei Bedarf auch Beschimpfungen wie »dumm«, »geizig«, »aggressiv« oder was auch immer zuzulassen. Wir ermutigen ihn dazu, auszusprechen, was er denkt, zu schreien, mit anklagendem Zeigefinger auf seinen Gefährten zu zeigen und den in ihm aufgestauten Beschimpfungen freien Lauf zu lassen. Nach einigen Sekunden bitten wir ihn, in dieser Position zu verharren. Dann lenken wir seine Aufmerksamkeit auf seine Hand und zeigen ihm eine symbolische, häufig aufschlussreiche Tatsache: Während sein Zeigefinger auf den Beschuldigten gerichtet ist, zeigen drei andere Finger auf ihn selbst ... Mittel-, Ring- und kleiner Finger sagen ihm, dass er selbst vielleicht dreimal geiziger, dümmer und aggressiver ist als derjenige, den er anklagt. Wenn mich eine Eigenschaft am anderen stört, bedeutet das fast immer, dass mich ebendieselbe in Wirklichkeit an mir selbst stört. Sie würde mir nicht am anderen bitter aufstoßen, gäbe es bei mir keinen inneren Konflikt. Entsprechend sollte meine Frage stets lauten: »Weshalb regt mich das am anderen auf? Was hat das mit mir zu tun?« Konflikte zur persönlichen Weiterentwicklung zu nutzen - darum geht es. Statt meine Energie darauf zu verschwenden, am anderen herum zu modellieren, sollte ich zu ergründen suchen, welche eigenen Anteile sich in dem verbergen, was mich stört. »Mein Egoismus!« fauchte Roberto den Bildschirm an und schaltete den Computer aus.

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KAPITEL 3

H

ot dogs. Das war das einzige, was er sich zubereiten konnte, sonst hatte der Kühlschrank nichts zu bieten. Cristina

genoss derweil sicher ein köstliches Essen, amüsierte sich mit ihren Freundinnen und verschwendete keinen Gedanken an ihn. Und er sollte der Egoist sein? Das war doch sie, die es sich gutgehen ließ, während er zehn Minuten die Senfflasche auf den Kopf stellen musste, damit ein paar arm selige Tropfen herauskamen, mit denen er die Würstchen würzen konnte. Und sich obendrein von Laura anhören zu müssen, der Egoist sei er! Er biss herzhaft in den letzten Hot dog. »Dabei kennt sie mich ja noch nicht einmal...«, sagte er laut und mit vollem Mund. Was wusste sie schon? Als ob irgendjemand Weisheiten formulieren könnte, die auf alle und jeden zuträfen! Aber das sollte nun ein Ende haben. Er würde diese Nachrichten nicht weiter lesen. Er würde die Absenderin auch nicht auf die falsche Adresse aufmerksam machen. Und wenn die E-Mails diesen Fredy nie erreichten - umso besser. Sie waren ohnehin sinnlos. Wozu sollte es denn gut sein, den Wunsch nach einer idealen Beziehung aufzugeben, sich nicht über den anderen aufzuregen, sich auf die eigenen Empfindungen zu konzentrieren? Wozu sollte es gut sein, sich weiter zu entwickeln - wenn der andere am Ende doch geht? Am Ende war Cristina gegangen und hatte ihn allein gelassen. Roberto erhob sich vom Tisch und lief zur Küche, um die wenigen Dinge, die er benutzt hatte, abzuwaschen. Während er auf seinen Händen das heiße Wasser spürte, wurde er den Gedanken nicht los, dass Cristina in früheren Zeiten geblieben wäre. Vielleicht liebte sie ihn nicht mehr. Das heißt, sie liebte ihn nicht mehr so wie früher, sie stellte ihn nicht mehr über alles andere. Vielleicht liebte auch er sie nicht mehr wie am Anfang. Er drehte den Wasserhahn zu und trocknete sich langsam und ausgiebig die Hände am Küchentuch ab, als ließen sich seine sorgenvollen Gedanken mit sorgfältigem Abtrocknen beseitigen. Unsicheren Schrittes ging er in sein Zimmer und legte sich auf sein Bett. Wenige Sekunden später stand er auf und schloss sich in der Toilette ein. Nach einigen erfolglosen Minuten kehrte er ins Bett zurück, doch bevor noch sein Kopf das Kissen berührte, richtete er sich erneut auf. Er ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und betrachtete eine Weile die Plastik Verpackungen, auf der Suche nach etwas, was ihn reizen könnte ... Nichts überzeugte ihn, und so schloss er die Kühlschranktür und vergewisserte sich, dass sie auch richtig zu war. Dann trat er auf den Balkon. Autos fuhren vorbei. Er ging wieder hinein. Im Zimmer blieb er einen Moment unschlüssig stehen. Dann setzte er sich vor seinen Computer. Er spielte minesweeper, aber es gelang ihm nicht, sich zu konzentrieren. Ein ums andere Mal explodierten ihm die kleinen Sprengkörper. Er beendete das Spiel und betrachtete die Icons auf seinem Bildschirm: ein Computer, ein Blatt Papier mit einem Bleistift darauf, ein Stapel Spielkarten, eine Erdkugel, eine Lupe, ein kleines, gelbes Telefon: die Verbindung zum Internet. Er blickte um sich, als wollte er sicherstellen, dass niemand ihn beobachtete ... und dann tat er genau das Gegenteil von dem, was er sich vorgenommen hatte: Er öffnete den Posteingang. Dort fand sich eine neue E-Mail von Laura. Mag sein, dass niemand etwas zu sagen vermag, was für alle gleichermaßen hilfreich ist - sagte er sich -, aber vielleicht findet sich in dieser Nachricht ja was Neues; etwas, und sei es auch nur ein Satz, der ihm plausibel machte, was ihm mit Cristina passierte, ob er sie liebte oder nicht, warum er ihr böse war und weshalb er anfing, sich über Laura Gedanken zu machen, wie alt sie wohl sei und in welcher Beziehung sie zu Fredy stehe. Lieber Fredy, wie war Deine Reise? Ich würde gerne von Dir hören. Ich habe in diesen Wochen viel nachgedacht, aber ich habe Schwierigkeiten, dies alles in Worte zu fassen. Und mir fiel wieder ein, was Du damals für den Kongress in Cleveland geschrieben hast. Weißt Du noch? 19

Lieben und Verliebtsein Vielleicht beruht die Erwartung von unmittelbarem Glück, die wir normalerweise an die Paarbeziehung stellen - jener Wunsch nach dauerhaftem Hochgefühl -, auf einer trügerischen Verallgemeinerung des flüchtigen Moments von Verliebtheit. Tatsächlich ist die Begegnung am Anfang leidenschaftlich, überschäumend, unbezähmbar, irrational. Die Emotionen überfallen uns, bemächtigen sich unser, und eine geraume Zeitlang sind wir außerstande, an etwas anderes zu denken als an das Individuum, in das wir verliebt sind, und an unsere eigene überschäumende Freude. Im Zustand des Verliebtseins empfinden wir Freude, weil wir wissen, dass es den anderen gibt. Wir sind erfüllt von der keineswegs alltäglichen Empfindung vollkommener Zufriedenheit. Dieser Zustand hält zwar nicht lange an, bleibt aber als ein wesentlicher Pfeiler der Beziehung ins Gedächtnis eingeschrieben und kann von Zeit zu Zeit neu belebt werden. Nach einigen Monaten nimmt die Realität uns wieder gefangen, und die Sache findet ein Ende, oder es beginnt die Ausgestaltung eines gemeinsamen Weges. Wenn man sich verliebt, sieht man in Wirklichkeit den anderen nicht in seiner Totalität; vielmehr funktioniert der andere wie ein Bildschirm, auf den der Verliebte seine idealisierten Eigenschaften projiziert. Im Gegensatz zu den Leidenschaften sind Gefühle weit dauerhafter und stärker in der Wahrnehmung der äußeren Realität verankert. Die Gestaltung der Liebe beginnt, wenn ich denjenigen, den ich vor mir habe, zu erkennen vermag, wenn ich den anderen entdecke. Genau da tritt die Liebe an die Stelle der Verliebtheit. Ist der Anfangsmoment erst einmal vorüber, kommen nach und nach meine schlimmsten Eigenschaften ans Tageslicht, die ich ebenfalls auf den anderen projiziere. Jemanden zu lieben meint die Herausforderung, jene Projektionen aufzulösen, um mich mit dem anderen wahrhaft zu verbinden. Dieser Prozess ist keineswegs einfach, aber es handelt sich hierbei um eines der schönsten Ereignisse, an denen wir beteiligt sind. Liebe meint, dass »uns das Wohlbefinden des anderen wichtig ist«. Nicht mehr und nicht weniger. Liebe als ein Wohlbefinden, das Körper und Seele überkommt und sich ausbreitet, sobald ich den anderen sehen kann, ohne ihn ändern zu wollen. Wichtiger als die Wesensart des anderen ist das Wohlbefinden, das ich an seiner Seite verspüre et vice versa - das Vergnügen, mit jemandem zusammen zu sein, der sich darum kümmert, dass es mir gut geht, der wahrnimmt, was ich brauche, und der es genießt, mir all dies zu geben. Das ist Liebe. Eine Paarbeziehung beruht nicht bloß auf einer Entscheidung; sie kommt zustande, wenn wir uns mit dem anderen auf besondere Weise verbunden fühlen. Man könnte sagen, dass wir, ausgehend von dem Vergnügen, mit dem anderen zusammen zu sein, die Entscheidung treffen, einen großen Abschnitt unseres Lebens mit dieser Person zu teilen, und dabei Gefallen am Miteinander entdecken. Gleichwohl muss man wissen, dass einen Weggefährten zu finden nicht ausreicht; diese Person muss, wie schon erwähnt, uns auch hätscheln und uns auf unserem individuellen Werdegang eine hilfreiche Stütze sein können. Liebe ist das Werk zweier Individuen, und der ihr eigene chemische Prozess bewirkt, dass wir uns anders fühlen vielleicht dank der wundervollen Empfindung, von jemandem völlig akzeptiert zu werden. Neulich habe ich einer Patientengruppe von unserem Gespräch über die Liebe erzählt und bin näher auf die Frage eingegangen, »was bedeutet mir der andere«, sowie auf die physische Empfindung, mit der geliebten Person zusammen zu sein. Danach bat ich jeden einzelnen zu sagen, was er unter Liebe versteht. Die Antwort, die mir am meisten gefallen hat, kam von einem Fünfundzwanzigjährigen: »Wenn wir lieben, sehen wir weiter, als man normalerweise sieht. In der Liebe verlieren ästhetische Normen an Bedeutung.« Ich glaube, dass Verliebtsein und Liebe Zustände sind, die sich in einer Beziehung immer wieder abwechseln. Am Anfang steht normalerweise eine leidenschaftliche Phase, in der ich vieles phantasiere und auf mein Gegenüber projiziere. Ich übertrage meinen Idealmann oder meine Idealfrau auf jenes menschliche Wesen, das ich vor mir habe. Verliebtsein ist eine Beziehung zu mir selbst, auch wenn ich mir dafür eine bestimmte Person als Projektionsfläche für meine Empfindungen ausgesucht habe. Und entsprechend können wir uns fragen: Weshalb suche ich mir gerade diese

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Person aus? Was geschieht, wenn der andere sich nach einiger Zeit als der zu entpuppen beginnt, der er ist, und nicht mit meinem Ideal übereinstimmt? Da nun setzen die Konflikte ein. Er ist nicht so, wie ich geglaubt habe. Die Alternative, die sich hier auftut, lautet: Kann ich jenen, den ich vor mir sehe, lieben, oder halte ich an meinem Idealmann fest? Liebe entsteht, sobald dieses Dilemma sich auflöst - sobald ich den anderen sehe und mir darüber klar werde, dass ich ihn liebe, wie er ist. Dies schließt sogar ein, dass ich Eigenschaften zu lieben beginne, die mir sonst nicht gefallen, die ich aber ihm zuschreibe und an ihm akzeptiere. Ich denke, dass Beziehungen Momenten des Verliebtseins, der Liebe und des Hasses ausgesetzt sind. In der Realität liegen Liebe und Hass sehr nahe beieinander. Niemand können wir so hassen wie den, den wir lieben. So sagte neulich mein Sohn mitten in einem Wutanfall zu mir: »Ich hiebe dich« (er wollte sagen, »ich hasse dich«, aber dann hat ihm die Liebe dazwischengefunkt). Diese widersprüchlichen Gefühle zu akzeptieren ist gesund. Wir surfen sozusagen in der Beziehung, und diese wird dann wirklich halten, wenn wir Einblick in unser Inneres gewähren, wenn wir uns unserer Empfindungen bewusst sind, wenn wir uns nicht verleugnen oder Unangenehmes überspielen. Bewusstsein ist das Zauberwort. Seien wir uns dessen bewusst, wie es uns geht, und befassen wir uns damit. So gestaltet man die Beziehung und pflegt sie. Das Hilfsmittel ist stets dasselbe: Bewusstsein, unsere Mitte finden. Nur wenn ich mich im Gleichgewicht fühle, kann ich mit komplizierten Situationen umgehen. Viele Menschen leben vor sich hin, von ihrem eigenen Selbst abgetrennt, sie haben einzig Zugang zu dem, was sie denken, und nicht die geringste Vorstellung von dem, was sie tatsächlich empfinden. Auf diese Weise ist es äußerst schwierig, sich der Liebe hinzugeben. Um lieben zu können, ist es unerlässlich, den Blick ins Innere zu wagen. Und es bedarf auch nicht unbedingt eines Konfliktes, damit ich mich selbst betrachte, Zugang zu mir selbst habe und ich selbst bin. Solange ich mich nicht zu erkennen gebe, kann mich niemand lieben. Allenfalls wird man nur meine Fassade lieben, aber damit ist mir nicht geholfen. Ich bin auf ein Buch des argentinischen Psychoanalytikers Mauricio Abadi gestoßen, das von Verliebtheit handelt. Ich zitiere drei Passagen, die ich interessant fand: »Beim Verliebtsein handelt es sich um eine Beziehung, in der die andere Person nicht wirklich als die wahrhaft andere erkannt, sondern so empfunden und interpretiert wird, als sei sie die Verdopplung des eigenen Ich, ausgestattet mit Charakterzügen, die dem idealisierten Bild vom eigenen Ich entsprechen. Im Verliebtsein steckt so etwas wie ein >ich liebe es, mich in dir gespiegelt zu sehen< ... Mich verlieben heißt, dir mitzuteilen, wie sehr du mir sympathisch bist, weil du so anmutig den Spiegel hältst, in dem ich mich betrachte, um mir meiner Liebe zu mir selbst gewahr zu werden ... Doch es passiert, dass - in dem Maße, wie die Zeit vergeht und die Beziehung Wechselfälle erlebt - der vermeintliche Spiegel aufhört, ein Spiegel zu sein, und statt dessen, einem natürlichen Wunsch folgend, seine eigene Identität wiederzuerlangen trachtet. Am Anfang war das Bedürfnis, sich geliebt und bewundert zu fühlen, dermaßen groß, dass es ihm relativ egal war, ob man ihn für einen anderen hielt. Wir sind so sehr auf Liebe angewiesen, dass wir sogar gern in diese Falle tappen und es eine Zeitlang genießen, darin zu sitzen.« Und es handelt sich wirklich um eine Falle, wie Abadi sagt, denn in Wahrheit gilt die leidenschaftliche Verliebtheit nicht dir, sondern jener Eigenschaft, die du mir widerspiegelst. Vielleicht sollte ich den schmeichlerischen Brief ablehnen, in dem mir jemand seine bedingungslose und blinde Liebe gesteht, und sollte begreifen, dass mit der Adressatin auf dem Umschlag nicht ich gemeint bin. Aber wer bringt so etwas schon fertig? In jedem Fall wird, was wir auch tun mögen, der andere nach wenigen Augenblicken oder einigen Wochen (in einem Zeitrahmen zwischen fünf Minuten und drei Monaten) mir zeigen, was er nicht länger verbergen, und an mir erblicken,

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was ich nicht dauerhaft verstecken kann - selbst wenn ich noch so gern an der mir schmeichelhaften Verliebtheit des anderen und dem schönen Gefühl der Verliebtheit festhielte. Es ist, als erwachte man aus einem Traum. Nach und nach zeichnen sich die Konturen einer Person ab, die sich von der, mit der ich zusammen zu sein glaubte, heftig unterscheidet. Manchmal wirkt es geradezu komisch, wenn jene, bei denen dieser leidenschaftliche Zustand erst kurz zurückliegt, steif und fest behaupten, der andere habe sich verändert und sei nicht mehr derselbe, während sie ihn in Wirklichkeit lediglich mit anderen Augen sehen. Man entdeckt die Unterschiede, und dies führt zur Konfrontation. Solange der andere dir dermaßen ähnlich war, konnte es so leicht nicht zum Streit kommen, aber es war auch kompliziert, sein wahres Wesen zu erkennen. Zumindest kann man jetzt entdecken, dass man in Begleitung ist. Es gilt, die Unterschiede auszuloten und sich über sie hinweg um eine Einigung zu bemühen. Vorher einten uns bloß die Ähnlichkeiten. In einem Interview hast Du einmal einen, wie ich finde, großartigen Satz gesagt: Sich verlieben heißt, die Übereinstimmungen zu lieben, und lieben, sich in die Unterschiede zu verlieben. Das Verliebtsein ist kein geteiltes Gefühl, denn es existiert noch nicht einmal das Subjekt, mit dem man teilen könnte. Das Verliebtsein ist eine willkürliche und schier unvermeidliche Verrücktheit, fachlich gesprochen: ein Zustand wahnhafter Verschmelzung mit manischer Überspanntheit. Liebe hingegen ist ein vernünftiges und mühsames Unterfangen. Es ist dauerhafter und weniger turbulent, aber man muss hart arbeiten, damit es Bestand hat. Ich lese diesen Brief noch einmal durch und bin mir nicht sicher, ob ich selbst mit allem, was ich geschrieben habe, einverstanden bin. Jetzt aber steht es da. Lass mich Deine Meinung wissen. Und was machst Du, Fredy? Genießt Du die Hitze in Spanien? Es küsst Dich Laura Als Roberto den Brief zu Ende gelesen hatte, lächelte er. Er empfand Genugtuung darüber, dass er seiner Intuition gefolgt war und die E-Mail geöffnet hatte. Hier lag der Hase im Pfeffer: Die Beziehung zu Cristina hatte sich gewandelt, sie waren nicht mehr verliebt. Aber er hing an diesem Gefühl der Verliebtheit. Nach und nach wich das Lächeln einem Gesichtsausdruck tiefer Konzentration. Er war sich nicht sicher, ob er das, wovon Laura sprach, diesen Wechsel von Intensität zu Tiefe, wünschte, denn was er am meisten genoss, war ebendiese Intensität, diese Leidenschaft, diese Entgrenzung. Allerdings hatten Cristina und er diesen Zustand bereits hinter sich gelassen, sie waren im Begriff, einander realistisch wahrzunehmen - und durch nichts würden sie dies rückgängig machen können. Und jetzt? Jetzt hörte alles auf ... Plötzlich kamen ihm Zweifel. Laura deutete an, dass entweder alles aufhörte oder die Ausgestaltung eines gemeinsamen Weges begann. Er fragte sich, welche der beiden Möglichkeiten zu seiner Geschichte mit Cristina passte: Würden sie Schluss machen oder etwas weniger Intensives, aber Tiefgründigeres beginnen? Und danach korrigierte er sich ... »Wofür möchte ich mich entscheiden?«

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KAPITEL 4

mechanisch. »Schön«, antwortete sie, erstaunt über seine Kälte. »Was ist mit dir?« »Ich bin schlecht gelaunt«, antwortete Roberto ernst. »Aber das hat nichts mit mir zu tun, oder?« fragte sie in der Absicht, außen vor zu bleiben - ein vergebliches Unterfangen, wie sie augenblicklich feststellen musste. »Selbstverständlich hat es mit dir zu tun ...« Roberto legte eine kurze Pause ein, fuhr dann aber fort - obwohl er bei sich dachte, reden sei ohnehin sinnlos: »Letztlich hast du immer damit zu tun, wenn‘s mir schlecht geht!« »Aber wir haben uns doch vorgestern Nacht noch so gut verstanden ...« »So gut - dass du anschließend zu dieser beschissenen Grillparty gegangen bist!« »Aber Roberto, du wusstest doch davon ...« »Na und? Bloß weil ich weiß, dass du mit einem Messer auf mich losgehen wirst, tut mir dann die Wunde nicht weh?« »Findest du nicht, dass der Vergleich etwas hinkt?« »Nein.« »Ich komme bei dir vorbei.« »Nein. Das will ich nicht.« »Ich komme trotzdem«, sagte sie und hängte ein, ohne seine Antwort abzuwarten. »Ich werde nicht da sein«, drohte er ins Leere. Roberto blieb eine Weile, den Hörer in der Hand, sitzen und überlegte, ob er sich davonmachen sollte, bevor Cristina käme. Er war wohl etwas unentschlossen, denn als es klingelte, hatte er noch immer nicht aufgelegt. Er öffnete die Tür, ohne nachzusehen, wer es sei, bereitete sich in der Küche einen Kaffee zu und ignorierte heroisch das Eintreffen Cristinas. Sie stand derweil wartend im Wohnzimmer. »Du könntest mich ruhig mal begrüßen, oder?« beschwerte sie sich. Roberto sah sie erst wütend an, setzte dann ein möglichst falsches Grinsen auf und vollführte mit ausholender Geste eine tiefe Verbeugung. Cristina nahm auf dem Sofa Platz. »Ich kann nicht begreifen, was mit dir los ist«, begann sie. Aber er antwortete nicht. Er trat ans Fenster und sah mürrisch auf die Straße. »Du kannst doch nicht so einen Zirkus veranstalten, bloß weil ich zu einem Grillfest gegangen bin, oder?« fuhr sie ernsthaft überrascht fort. »Ich kann veranstalten, was ich will.« »Kannst du mir sagen, was dich dermaßen ärgert?« »Sieh mal, wenn ich das erst erklären muss, lohnt es sich wirklich nicht.« »Und was ist mit dem >es lohnt sich<, was du mir beigebracht hast?« »Hab‘ ich vergessen!« »Du bist unmöglich!« »Nein, du bist unmöglich!« Cristina schnappte nach Luft und entschied sich, es noch ein letztes Mal zu versuchen. »Können wir miteinander reden?« Robertos eisige Miene entspannte sich ein wenig, und er setzte sich in den Sessel. »Was ist los mit dir?« fragte sie nachdrücklich. »Ich begreife gar nichts. Es war so wunderschön, wir hatten die beste Begegnung in unserem Leben, und du musst zu diesem Essen. Das begreif ich nicht... War das denn so wichtig, dass du alles, was wir uns erobert hatten, einfach wegwerfen musstest?« »Aber Rober ... Das Grillfest war mir überhaupt nicht wichtig. Wenn du mich gebeten hättest, wäre ich dageblieben ...« »Wenn ich dich gebeten hätte?« »Ja, warum nicht?« 23

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elbstverständlich rief Cristina am Montag an, als sei nichts geschehen. »Wie war die Grillparty?« fragte er

»Muss ich dich darum bitten, dass ich in deinem Leben wichtiger bin als dieses dumme Mittagessen?« »Muss ich erraten, was du brauchst, damit du dir darüber klar wirst, dass du für mich wichtig bist?« »Ich weiß nicht, ich weiß nicht ... Da ist etwas faul.« »Roberto, hör auf, mach wegen eines solchen Blödsinns nicht alles kaputt.« »Du hast alles kaputtgemacht, Cristina, nicht ich. Diesmal warst du es, diesmal hast du alles kaputtgemacht.« »Es tut mir leid. Es tut mir wirklich sehr leid ...« »Mir auch ... mir auch.« Sie erhob sich langsam, nahm Mantel und Handtasche vom Sofa und ging zur Tür. Dort blieb sie einige Sekunden zögernd stehen, als wartete sie darauf, dass Roberto ihr hinterher riefe. Doch es blieb still. Mit Tränen in den Augen verließ sie die Wohnung, ohne die Tür hinter sich zu schließen. Er war wütend, wusste jedoch nicht so recht, warum. Er hätte, so ging ihm durch den Kopf, ein wenig nachgeben und ihr eine mehr oder weniger ernst gemeinte Entschuldigung entlocken können, er hätte die Beziehung retten können und ... Aber er hatte sich anders entschieden. Sie verdiente es nicht! Sie! Aber ... - und er? Verdiente er es, dass die Beziehung gerettet würde? Er wurde immer wütender, ballte die Fäuste und biss die Zähne aufeinander, bis es ihm weh tat. Wer sollte damit bestraft werden? Plötzlich fiel ihm das Märchen von der Traurigkeit und der Wut ein. Darin schlüpft die Traurigkeit in die Kleider der Wut, um nicht nackt bleiben zu müssen. Deshalb also sein Ärger: Er vertuschte seine Traurigkeit, versteckte seinen Schmerz, verbarg seine Ohnmachtsgefühle. Er spürte, wie sich seine Augen mit Tränen füllten und wie eine nach der anderen ganz langsam seine Wangen hinunterrollte. Wäre er in seinem Gefühlschaos nicht dermaßen außer sich geraten, hätte er die Nachricht empfangen können, die Laura ihm gesandt hatte und die bereits in seinem Computer auf ihn wartete. Zusammenfassend, Fredy: Die erste These unseres Beratungskonzepts lautet, dass Paarprobleme aus individuellen Problemen resultieren, die in der Beziehung zum Ausdruck kommen. Und diese Probleme tauchen nur in der Liebesbeziehung auf, da in dem Moment, in dem man mit dem anderen zusammen ist, plötzlich Eigenschaften ans Tageslicht treten, die sich zuvor im Dunkeln verbargen. Als Therapeuten müssen wir Konflikte unter diesem Blickwinkel betrachten und, wenn ein Paar in die Beratung kommt, nachzuvollziehen versuchen, welcher jeweils individuelle Konflikt die Beziehung stört. Wir helfen jedem einzelnen dabei, an seinem persönlichen Problem zu arbeiten, und zeigen auf, wie die Neurose des einen sich mit der des anderen verhakt. Der Leitgedanke lautet also: »Wenn dich eine bestimmte Situation ärgert, dann deshalb, weil sich in dem Konflikt ein individuelles Problem spiegelt. Welches?« Dafür hat der amerikanische Autor Hugh Prater folgendes Bild gefunden: »Du würdest dich niemals über einen Stein aufregen, läge er nicht auf deinem Weg.« Wir blockieren uns mit der Projektion. Ich denke daran, worauf uns Adriana Schnake Silva in ihren Workshops immer wieder hingewiesen hat: »Ich projiziere auf den anderen jene Anteile von mir, die ich am stärksten in mir ablehne.« »Wenn ich bemerke, wie sehr mich etwas am anderen stört, untersuche ich, inwiefern es mich an mir selbst stört.« »Wenn ich der Ansicht bin, ich hätte nichts mit dem, was mich am anderen stört, zu tun, besteht die Arbeit darin, mir klarzumachen, wo ich eigene Wesenszüge verleugne - denn wäre das Irritierende nicht in meinem Innern verankert, würde es mich auch nicht stören.« Diese Überlegungen sind grundlegend für die Gestalttherapie. Dasselbe drückt CG. Jung mit der Metapher des Schattens aus: Ich werfe meinen Schatten auf meinen Gefährten, und indem ich ihn an ihm sehe, entdecke ich ihn auch für mich. 24

Von hier aus bieten sich mir nun zwei Möglichkeiten: Entweder versuche ich, das mir Bedrohliche zu zerstören, und zerstöre dabei auch mein Gegenüber, oder ich nutze die Gelegenheit, um mich mit meinem Schatten zu versöhnen und ihn künftig nicht mehr als bedrohlich zu empfinden. Zweifellos verändert sich damit die Interpretation der Paarproblematik ganz wesentlich. Ich höre auf, den anderen laufend zu beschuldigen, und beginne, meinen Anteil an dem jeweiligen Konflikt zu sehen. Statt meine Energie darauf zu verwenden, den anderen umkrempeln zu wollen, nutze ich sie, um mich selbst zu beobachten und mich anschließend dem anderen mitzuteilen - ihm mitzuteilen, was ich benötige und was sein Verhalten bei mir auslöst. Meinem Partner wird dadurch das Zuhören wesentlich erleichtert. Der Schlüssel liegt darin, stets in Kontakt mit dem zu bleiben, was in mir vorgeht, und nicht vom anderen, sondern von mir zu reden. Außerdem: Was sonst könnte ich tun, wenn mir etwas nicht behagt, ich aber eine mir angenehmere Situation herbeiführen möchte? Freilich kann ich fortfahren, zu weinen und mich zu beschweren; oder ich kann einen neuen Partner suchen; ich kann aber auch ausprobieren, wie ich mit dem gegenwärtigen am besten auskomme. Ich kann den Konflikt dazu nutzen, mich um eine kreative Lösung zu bemühen und herauszufinden, was ich an mir selbst weiterentwickeln möchte und aufgrund welcher blinden Flecke ich mich selbst blockiere. Es kann Spaß machen, mich und die anderen zu entdecken; es ist eine Herausforderung, die Konflikte als eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung zu begreifen. Eine Schwierigkeit dabei ist die Projektion, die andere das Sich-Gewahr-werden, was wir wirklich benötigen. Freilich scheint es uns einfacher, bloß abwehrend zu reagieren, wenn wir das, was wir zu benötigen glauben, nicht erhalten statt uns aktiv das Benötigte selbst zu besorgen. Häufig jedoch bitten wir auch um die falschen Dinge. Zum Beispiel kann ich einen Mordsstreit vom Zaun brechen, weil du zu spät gekommen bist. Entsprechend wird sich die Debatte auf dieses vordergründige Thema konzentrieren. Aber darum geht es nicht; vielmehr sollte in den Blick geraten, worum ich dich auf dem Umweg über die Pünktlichkeit bitte. Wenn ich zornig darüber werde, dass du dich verspätest, lässt sich möglicherweise mein verborgener Wunsch nicht damit erfüllen, dass du pünktlich kommst. Ich sollte begreifen, was mir derart nahegeht, wie ich deine Verspätung interpretiere, was ich von dir brauche, worum ich dich eigentlich bitte, wenn ich Pünktlichkeit einklage ... Demonstrierst du mir, was ich dir bedeute? Wie sehr schätzt du mich? Wie sehr achtest du mich? Wovon rede ich in Wahrheit, wenn ich mich beschwere? Dem anderen erscheint unsere Reaktion, da er nicht in unser Inneres blicken kann, zumindest übertrieben, wenn nicht gar völlig irrational. Und möglicherweise ist dies auch so, denn diese sehr archaischen Handlungen stammen in Wirklichkeit aus den ersten Lebensjahren, verdanken sich Verhaltensweisen, die wir erlernt haben, um uns vor den Verwundungen zu schützen, die wir in frühester Kindheit erlitten haben. Der amerikanische Familientherapeut John Bradshaw bezeichnet die Erinnerung an solch ursprüngliche Wunde als »das verletzte Kind«. Jenes verletzte Kind, das wir in uns tragen, lässt uns in einer bestimmten Weise handeln. Die Schmerzen, die wir in unserer Kindheit nicht haben zum Ausdruck bringen können, schleppen wir wie einen Rucksack mit uns herum, und sie manifestieren sich so unmittelbar in unseren Reaktionen, dass wir uns leicht in etwas schon hineinmanövriert haben, bevor wir überhaupt darüber nachdenken konnten. Solche Reaktionen verursachen die größten Probleme in den Intimbeziehungen. Denn unseligerweise offenbaren sich gerade in unserer Beziehungsgegenwart, in unseren Reaktionen auf den anderen, jene Ärgernisse und Schmerzen, die wir in der Vergangenheit nicht haben überwinden können. Gemeinhin tauchen diese einstigen Schmerzen erst wieder auf, wenn wir eine Beziehung haben. Intensive Bindungen führen dazu, dass solche alten Wunden aufplatzen; und wir unterstellen, unser Gefährte habe sie verursacht. Üblicherweise geschieht dies nicht zu Beginn, sondern in dem Maß, in dem wir uns mit dem anderen wahrhaft verbunden fühlen.

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Jenes verletzte Kind, das wir im Innern mit uns herumschleppen, ist wie ein alles absorbierendes schwarzes Loch - oder wie ein Zahnschmerz: Wenn er auftritt, können wir an nichts anderes mehr denken, der Schmerz dominiert unser ganzes Leben. Meine Reaktion ruft deine hervor, und so steigern wir uns beide immer mehr in etwas hinein, das der Beziehung schadet. Wenn wir so mit unseren verletzten Kindern herumfuhrwerken, haben wir die Empfindung, nicht in der Gegenwart präsent zu sein. Dauernd reagieren wir auf Dinge, die uns vor Jahren passiert sind. Das macht die Beziehung zum anderen unmöglich. Solange ich mich nicht um dieses verletzte Kind kümmere, wird es weiterhin auf sich aufmerksam machen und meine Intimbeziehung belasten. Der einzige aber, der ihm zuhören kann, bin ich selbst; erst wenn ich mich mit seiner Traurigkeit und seiner Wut befasse, wird sich das Kind nicht mehr beschweren, sondern gehalten fühlen. Manche dieser Wunden kann man unmöglich alleine aufspüren. Wir brauchen jemanden an unserer Seite, einen Beziehungspartner, in dessen Beisein sie aufbrechen, der ihnen zugleich aber auch eine Berechtigung erteilt - der uns all dies Unangenehme zu fühlen erlaubt und daran teilhat, ohne uns zu entwerten. Das verletzte Kind bedarf der Anerkennung seines Schmerzes. Nur wenn ein Individuum sich anerkannt fühlt, kann es seinen Schmerz ausdrücken und durchleben. Der Schmerz ist ein Prozess, der die Phasen Schock, Traurigkeit, Einsamkeit, Beleidigung, Unmut, Wut und Gewissensbisse durchmacht. Und er dauert lange an. Um an den Schmerzpunkt gelangen zu können, muss ich unbedingt aufhören, den anderen zu beschuldigen und statt dessen an meinen Reaktionen beobachten, was in mir vorgeht. Wenn wir eine Paarbindung eingehen, schließen wir unbewusst einen Vertrag miteinander ab, dem zufolge ich beispielsweise darauf baue, dass du der Vater bist, der mich nicht verlassen wird, während du darauf hoffst, dass ich die Mutter bin, die dich bedingungslos akzeptiert. Und wenn dies nicht eintritt - weil es unmöglich ist, dass der andere meine Wunden heilt -, fange ich an, dich zu beschuldigen. Im schlimmsten Fall entscheidet sich ein Paar - sobald es jene Leere verspürt, die der eine nicht mit dem anderen zu füllen vermag - dafür, ein Kind zu haben. Und diejenigen, die vorgeben, zwei Erwachsene zu sein, sind ihrerseits lediglich zwei bedürftige Kinder, die ihr Heil wiederum in ihrem Kind suchen. Manche Personen können sich hervorragend auf dem Niveau von Erwachsenen bewegen, aber wenn sie sich in die Intimität ihrer äußerst gefährdeten Beziehung zurückziehen, sind sie nichts anderes als unendlich bedürftige Kinder, die auf den Mangel an Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit und Anerkennung reagieren. Wenn wir Paare in der Beratung beobachten, nehmen wir sofort die inneren Kinder wahr, die sich in dem Verhalten der Individuen jeweils artikulieren. Oft können Erwachsene keine Einigung erzielen, weil in Wirklichkeit ein jeder seinem verletzten Kind Ausdruck verleiht; ein jeder durchlebt eine Szene aus seiner Kindheit und verlangt von seiner Mutter oder seinem Vater unterschiedliche Dinge, und der andere kann sie ihm nicht geben, weil er selbst nach dem für ihn Nötigen verlangt. Wenn es uns gelingt, den Klienten klarzumachen, was passiert, ebbt der Streit ab: Nachdem sich ihre inneren Kinder haben austoben dürfen, können sie sie besänftigt zurücklassen und sich wieder der Beziehungsgegenwart zuwenden. Unsere verletzten Kinder brauchen einen Raum, wo sie ihrem Ärger und ihrem Schmerz Ausdruck verleihen können. Geschieht dies, beginnen sie, erwachsen zu werden, und stören nicht länger unsere intimen Beziehungen. Welwood schärft uns als praktische Lektion ein: »Wir müssen lernen, von jeder Schwierigkeit, die uns auf unserem Weg begegnet, zu profitieren, um tieferen Zugang nicht nur zu unserem Partner, sondern auch zu unserer eigenen conditio humana zu erhalten.« Hoffentlich bist Du damit einverstanden, all dies in das Buch aufzunehmen? Was hältst Du davon? Es küsst Dich Laura 26

Roberto las die Nachricht, nachdem er mehr als sechzehn Stunden im Bett verbracht hatte. Immer passierte ihm dasselbe: Wenn ihn ein Kummer überwältigte, antwortete sein Körper mit Schlaf. Noch beim Aufwachen überfiel ihn eine unerwartete Schlafsucht und hinderte ihn daran, aufzustehen, selbst wenn er eigentlich keine Lust mehr verspürte, weiterzuschlafen. Die Wohnung war schmutzig und voller übler Gerüche. Der leere Kühlschrank passte zu seinem inneren Leid, in seinem Zimmer herrschte Unordnung, Kopf und Schultern taten ihm weh. Ein wenig schwankend gelangte er ins Bad und hielt sein Gesicht unter Wasser, um wach zu werden. Er kehrte nicht in sein Zimmer zurück, um sich anzuziehen, sondern ging gleich in die Küche und machte sich einen Kaffee. Er hatte den Computer bereits angestellt, während er noch darauf wartete, dass das Wasser endlich kochte. Nun brühte er den noch in der Tüte verbliebenen Pulverrest auf und kippte die schwarze, bittere Flüssigkeit automatisch hinunter. Die Lektüre der E-Mail hatte ihn endgültig wachgerüttelt. Er ging ans Telefon. Es blinkte und bedeutete ihm, dass der Anrufbeantworter neue Nachrichten gespeichert hatte. Sicherlich bat ihn Cristina, er möge antworten, sie anrufen, mit ihr reden etc. Ohne seine Vermutungen zu überprüfen und in der Hoffnung, sie nicht selbst anzutreffen, entschied er sich, ihre Nummer zu wählen. Sein Wunsch ging in Erfüllung: Es meldete sich der automatische Anrufbeantworter. »Es hatte nichts mit dir zu tun«, hinterließ er, »es tut mir leid. Ich glaube, ich muss ein paar Dinge für mich klären, bevor ich es verdiene, mit dir zusammen zu sein. Ruf mich nicht an, ich werde mich bei dir melden. Kuss.« Er suchte in seinem Notizbuch nach der Telefonnummer seiner Freundin Adriana, der Psychologin. Er fühlte, dass er eines Spiegels bedurfte, um sich ein wenig betrachten zu können. »Hättest du ein bisschen Zeit für mich?« Sie verabredeten sich fünfundvierzig Minuten später in einer Bar nahe der Praxis ...

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KAPITEL 5

Freundin war er am Fluss spazieren gegangen, um nachzudenken. Jetzt schien ihm alles viel klarer. Adriana hatte ihm sehr geholfen. Seit Jahren glaubte Roberto, dass er seine Verstrickungen in die Geschichte seiner Mutter überwunden habe. Aber nein: Hier lag das Problem; zwar nicht völlig unangetastet, aber doch immer noch präsent. Lauras Bild vom »verletzten Kind« beschäftigte ihn. Wie oft hatte das Kind in seinem Innern aufgestampft, geschrien, geweint, hatte sich gedemütigt, gedroht und dazwischengefunkt, damit der andere bitte schön an seiner Seite bliebe ? Jetzt ging es um Cristina, aber zuvor hatte sich im Grunde das gleiche mit Carolina abgespielt, mit Marta, mit Alicia -und letztlich auch mit allen seinen Freunden, denen er in unzumutbarem Maße bedingungslose Zuwendung und dauernde Verfügbarkeit abverlangt und sie damit schließlich alle verschreckt hatte. Die jetzige Klarheit verdankte sich dem Gefühl der Gelassenheit, das sich immer dann einstellte, sobald er die Geschehnisse hatte in Worte fassen können. Nun fühlte er sich in der Lage, seine Empfindungen zu erklären und vielleicht auch Änderungen herbeizuführen. In seiner Therapie hatte er gelernt, wie wichtig es ist, die Dinge benennen zu können. Immer wieder erinnerte er sich fasziniert an die Sitzung, in der er sich über den kulturellen Wert gewisser Worte und Sätze ausgelassen hatte ... So war ein Gedanke, dass Personen erst zu existieren begännen, wenn man sie mit einem Vor- und einem Nachnamen identifizierte, denn vom juristischen Standpunkt aus existiert jemand praktisch nicht, wenn er nicht registriert, nirgends eingetragen und somit namenlos ist. Wie entscheidend kann es für uns sein, wenn wir so oder so heißen? Wie bedrückend, so fragte er sich, mochten Namen wie Soledad, Dolores oder Angustia für ein Individuum sein?* Welche geheime Bürde trug man mit sich, wenn man nach einem verstorbenen Bruder, Großvater oder Onkel benannt oder es gewohnt war, auf denselben Namen zu hören wie der Vater oder die Mutter - ein Name, der häufig auch noch verstümmelt wurde, so dass man gezwungenermaßen so lange als »Joschi« oder »Silvi« oder »Michi« durchs Leben ging, bis die Eltern starben, man auf den Diminutiv verzichten und sich endlich als »Joachim«, »Silvia« oder »Michael« präsentieren durfte.
* Ins Deutsche übertragen heißen diese Namen: Einsamkeit, Schmerzen, Angst.

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o gegen Mitternacht kehrte Roberto in seine Wohnung zurück. Nach dem mehrstündigen Gespräch mit seiner

Von der Bedeutung der Benennung künden auch gängige sprachliche Wendungen, die wir meist achtlos benutzen: So sagen die Leute, etwas sei »namenlos« - sie reden von »namenlosem Elend« oder »namenloser Freude« -, wenn sie damit zum Ausdruck bringen wollen, dass jede Beschreibung mit Worten unzulänglich bleiben muss; für das Gegenteil, die Klarheit, verwendet der Volksmund hingegen die Redewendung: »die Dinge beim Namen nennen«. Schließlich fiel Roberto noch das biblische Gleichnis ein: Gott selbst fordert den Menschen auf, jedem einzelnen Ding und Tier einen Namen zu geben, damit er über die Schöpfung »herrschen« könne. Die Menschen hingegen bezeichnen Gott als denjenigen, dessen Name nicht genannt werden darf, vermutlich um damit die Machtlosigkeit der Sterblichen Ihm gegenüber sicherzustellen ... »Benennen bedeutet definieren, und mit dem Definieren beginnt das Kontrollieren, denn über das, was man weder definieren noch benennen kann, gewinnt man keine Kontrolle«, sagte sich Roberto. Er musste anfangen, an dem »verletzten Kind« zu arbeiten, das in seinem Inneren hauste. Niemals würde er eine Paarbeziehung aufrechterhalten können, solange er nicht die krankhafte Angst überwand, verlassen zu werden. Roberto konnte es kaum fassen, dass dies alles ausgelöst worden war, weil sich die Nachrichten einer Unbekannten mit seinem Leben gekreuzt und diese seltsame und unfreiwillige Verwirrungskomödie in Gang gesetzt hatten. Erstaunt ertappte er sich dabei, wie er über Laura nachdachte. Es schien, als ob dieser Carlos ihr Ehemann, ihr Partner oder ihr Geliebter war; vom Inhalt her konnte es ebenso gut ihr Ex-Ehemann sein, dem sie weiterhin freundschaftlich verbunden war. In jedem Fall, dachte Roberto, dürfte es nicht so schwer sein, mit jemandem eine Beziehung zu haben, der 28

auf diesem Gebiet so bewandert war. Laura stellte so viel Freiheit, so viel Verständnis, so viel Erfahrung unter Beweis ... Das war es, was er brauchte: So einer Frau müsste er begegnen. Aber wo fand man die? Immerhin, er wusste, wo es eine solche Frau gab. Sie lebte in einer Mailbox unter dem Namen carlospol@spacenet.com. Genau in diesem Augenblick wurde ihm bewusst, dass Lauras Mailbox carlospol hieß. Ihn beunruhigte der Gedanke, dass Laura ein Pseudonym für Carlos, einen Journalisten von Frauenzeitschriften, sein könnte; vielleicht hatte dieser sich mit einem erfahrenen Psychiater, mit Fredy, zusammengetan und wollte etwas Geld machen. Und da sich das geplante Buch an ein weibliches Publikum richten sollte, hatte sich Carlos entschieden, als Frau zu firmieren, und deshalb Laura erfunden ... Roberto öffnete seine Archivmappe und suchte nach den dort abgelegten Nachrichten. Er überflog rasch die Texte, um nach den Stellen zu suchen, in denen sie von Carlos hätte sprechen können ... Warum machte er immer alles so kompliziert? Warum dachte er auf solchen Umwegen? Ein von Laura gesandtes Schreiben, in dem sie sich als Paartherapeutin vorstellte und von einem Buch sprach, musste nichts anderes sein als das, wofür es sich ausgab. Laura war also Laura, jener Fredy ihr Freund und Carlos ihr Ex-Ehemann oder bedauerlicherweise noch immer ihr Gatte. Punktum. Und er phantasierte weiter: »Laura lebt mit ihren beiden Kindern, einem Sohn und einer Tochter, in einem großen Haus außerhalb von Buenos Aires, wahrscheinlich in der Nähe des Deltas, wo sie samstags und sonntags mit ihrem ExEhemann und ihren Kindern zum Rudern geht ...« Aber das Problem lag woanders. Weshalb dachte er nun über Laura nach, statt sich um seine gefährdete Beziehung zu Cristina zu kümmern? Er machte es sich vor seinem Rechner bequem, suchte unter den neuen Nachrichten und fand gleich zwei auf einmal: »ichschickedir I« und »ichschickedir II«. Hallo Fredy, weshalb antwortest Du mir nicht? Komm, sei nicht so faul ... Außerdem brauche ich Deinen Rat wegen eines Patienten. Ich denke, dass seine Probleme einige wichtige Aspekte zum Buch beisteuern können. Seit einem Jahr kommt er zu mir, und gleich am Anfang wurde ihm klar, dass er sich in eine andere Frau verliebt hatte. Seitdem befindet er sich in dem Dilemma, ob er mit seiner Geliebten zusammenleben oder bei Frau und Kind bleiben soll. Und gestern sagte er mir etwas äußerst Interessantes: Er habe festgestellt, die Eigenschaft, die ihn an seiner Geliebten am meisten begeistere, sei ihre Unberechenbarkeit - er wisse niemals, wo sie sich befinde. Gemeinsam dachten wir über diese Paradoxie nach: Die Intensität der Leidenschaft wächst mit der möglichen Abwesenheit des anderen, mit dem Außerplanmäßigen, der Überraschung. Wenn daraus nun eine konventionelle Beziehung werden sollte, wäre es per definitionem um die Leidenschaft geschehen. Wie absurd, Leidenschaft und Ehe zusammenbringen zu wollen! Wie kann man bloß zwischen Leidenschaft und Ehe wählen wollen? Das ist unmöglich, zumal, sollte er sich für die Leidenschaft und für seine Geliebte entscheiden, diese Beziehung schon bald vom Alltag zerrieben würde. Er genießt es durchaus, nach Hause zu kommen und mit seiner Frau und seinem Sohn zusammen zu sein. Allerdings empfindet er keine Leidenschaft mehr für seine Frau, er schläft grundsätzlich nicht gern mit ihr und fährt auch nicht gern mit ihr weg. Ich glaube, er hegt einen tiefen Groll gegen sie, dem er niemals Ausdruck verliehen hat. Mit einem anderen Paar habe ich gestern über ähnliche Themen geredet. Ihn hat es sehr erleichtert zu erfahren, dass diese Problematik keineswegs ungewöhnlich ist. Sie hingegen hat sich sehr darüber aufgeregt, sie wollte nicht akzeptieren, dass so etwas vorkommt. Ich glaube, letztlich muss man die Dinge so akzeptieren, wie sie sind, und jeder muss nach einer angemessenen Lösung für sein Leben suchen. Meiner Einschätzung nach war ihre Haltung sehr infantil: »Ich will nicht, dass so etwas geschieht!« Häufig genug besteht die Therapie darin, dem Patienten die Augen dafür zu öffnen, dass die Dinge ihren Lauf nehmen - unabhängig davon, ob man andere Pläne mit ihnen hatte.

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Gestern Abend las ich in John Welwoods Buch Challenge of the Heart und habe anschließend folgenden Absatz für unser Buch übersetzt: »In den traditionellen Gesellschaften war es üblich, dass die Eltern die Eheschließung vereinbarten, und zwar aufgrund von Erwägungen, die Familie, Status, Gesundheit etc. betrafen. Die Heirat war eher ein Bund zwischen Familien als zwischen Individuen. Sie diente dem Fortbestand des Clans und des Familieneigentums sowie der gemeinschaftlichen Aufzucht der Kinder innerhalb des sozialen Gefüges. Keine traditionelle Gesellschaft hat je spontane individuelle Liebesgefühle als solide Basis für dauerhafte Beziehungen zwischen Mann und Frau angesehen. Darüber hinaus hat keine der frühen Gesellschaften je den Versuch gemacht, geschweige denn, dabei Erfolge erzielt, die romantische Liebe, den Sex und die Ehe in einer einzigen Institution zusammenzubringen. Die griechische Kultur vereinte Sex und Ehe miteinander, behielt aber die romantische Liebe den Beziehungen zwischen Männern und Knaben vor. In der höfischen Liebe des 12. Jahrhunderts, aus der unsere Vorstellungen von einer Romanze hervorgingen, blieb die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau formal von der Ehe getrennt. Erst im 19. Jahrhundert kam in der viktorianischen Gesellschaft die Vorstellung auf, die Heirat müsse auf romantischen Idealen basieren. Allerdings blieb der Sex ausgeschlossen: Eine Frau galt als krank, wenn sie sexuelles Begehren oder sexuelle Lust empfand. Der Sex blieb in die Freudenhäuser verbannt. Dass sich Liebe, Sex und Ehe in einer einzigen Person bündeln sollen, ist eine relativ neue Vorstellung. Wir sind die ersten, die romantische Liebe, sexuelle Leidenschaft und die Verpflichtungen einer monogamen Ehe in einer einzigen Übereinkunft zu vereinigen suchen. Der amerikanischen Anthropologin Margaret Mead zufolge handelt es sich hierbei um eine der kompliziertesten Eheformen, die die menschliche Rasse jemals erfunden hat.« Vielleicht ist es ein bisschen gewagt, so etwas zu publizieren, aber ich würde diese Vorstellung gern auf irgendeine Weise weitergeben, um deutlich zu machen, dass jeder die für sein Leben angemessene Schlussfolgerung daraus ziehen sollte. Ich möchte unterstreichen, wie schwierig die moderne Ehe ist und dass jeder einzelne ein Anrecht darauf hat, seine eigenen Strategien zu entwerfen, um erfüllter durchs Leben zu gehen. Das soll nicht heißen, diese Aspekte (eheliche Verpflichtung, romantische Liebe und sexuelle Leidenschaft) müssten unbedingt voneinander getrennt werden. Ich plädiere lediglich dafür, dass wir uns des Ausmaßes der Schwierigkeiten bewusst werden, wenn wir all dies in einer einzigen Beziehung unterzubringen suchen. Und ich glaube, diese knappe Historisierung kann einem dabei auf die Sprünge helfen. Diese Woche kam ein Paar zu mir, das seit acht Jahren verheiratet ist und zwei Kinder hat. In der Sitzung erklärte sie, sie habe eine Beziehung zu einem anderen Mann und wünsche sich, ihr Mann möge ihr Zeit geben, um diese Erfahrung zu leben; erst danach sollten sie eine Entscheidung über ihre gemeinsame Zukunft als Paar treffen. Er hätte sie am liebsten umgebracht. Von ihrer Bitte um Aufschub wollte er nichts wissen und forderte stattdessen die sofortige Scheidung. Ich habe mich gefragt, ob wir das, was diese Frau umtreibt, als ein Agieren oder als Ausdruck aufgestauten Grolls gegen ihren Mann deuten müssen. Gegenwärtig schien es mir jedoch am ratsamsten, dass sie, da sie dermaßen in den anderen Mann verliebt ist, tatsächlich diese Erfahrung auskostet und später, sofern sie die Beziehung zu ihrem Mann wieder aufnehmen möchte, erneut zu mir kommt. Freilich dachte ich auch, sie hätte besser schweigen, sich allein mit der Situation auseinandersetzen und ihre Vorstellungen klären sollen, bevor sie den Mund auftat. Während des Gesprächs begriff er jedenfalls, dass sie weder ihren Gefühlen einfach Einhalt gebieten noch ihm seine Bitte, den anderen nicht mehr zu treffen, gewähren kann. Es hätte ihm das gleiche passieren können. Ich würde gern über all diese Dinge reden. Die Schwierigkeit besteht darin, wie wir sie in einem Buch wie dem unseren unterbringen können. Wir müssten eine Darstellungsform finden und uns genau überlegen, was wir ansprechen und 30

was nicht. Grundsätzlich begeistert mich die Vorstellung, Themen aufzugreifen, die üblicherweise unter den Teppich gekehrt werden. Laura Fredy, wie Du siehst, wenn ich einmal auf Touren komme, bin ich nicht zu bremsen. Mich faszinierte unsere Diskussion über Adrianas Satz: »Paare trennen sich aus dem gleichen Grund, aus dem sie sich zusammentun.« Das trifft den Nagel auf den Kopf. So manch ein Individuum überlegt sich: »Wieso habe ich mich in ihn bzw. sie verliebt, wo wir doch so verschieden sind? Vielleicht würde ich mich mit jemand anderem, der einen ähnlichen Geschmack hat wie ich, besser verstehen?« Doch häufig zieht uns gerade die Verschiedenheit an. Am Anfang beeindruckt mich, dass der andere etwas hat, was für mich schwierig zu erlangen ist. Ich vervollständige mich mit Hilfe meines Partners, meiner Partnerin, weil gerade er oder sie über Fähigkeiten verfügt, die ich nicht besitze, et vice versa. In der Phase der Verliebtheit akzeptiere ich diese Charaktereigenschaften nicht nur beim anderen, sondern auch bei mir selbst. Wenn ich beispielsweise eine sehr aktive, tatkräftige Person bin, dann faszinieren mich Ruhe, Aufnahmebereitschaft, Introspektion. Der andere wird ebenso von meinem Unternehmungsgeist und meiner Fähigkeit, Sachen voranzutreiben, begeistert sein. Anfangs genieße ich diese Verschiedenheit, doch das Problem entsteht, sobald die Verliebtheitsphase vorüber ist und ich mich mit meinem Partner wegen derselben Eigenschaften zu zanken beginne, die uns zuvor einander nähergebracht haben. Wenn ich die Aktive, die Rührige bin, dann werde ich wahrscheinlich mit der passiven Seite in mir in Streit liegen. Indem ich mich mit dem anderen streite, ergreife ich für das Aktive Partei und ordne ihn dem feindlichen Lager des Passiven zu - ein alter innerer Kampf wird also auf die Paarbindung übertragen. Wenn ich mich in die andere Person verliebe, weil sie sich erlaubt, so entspannt und ruhig zu sein, versöhne ich mich in gewisser Weise mit den von mir verleugneten Anteilen in mir; entwickle ich diese Anteile aber nicht weiter, werde ich schließlich mit meinem Gefährten ebenso sehr hadern wie zuvor mit dem von mir verleugneten Anteil. Es empfiehlt sich daher, die gar nicht oder wenig entfalteten Eigenschaften, die wir am andern bewundern, in uns selbst zu fördern. Unser Gefährte kann sich in unseren Lehrer oder in unseren Feind verwandeln - wir haben die Wahl. Wir sollten diese in uns verleugneten oder angefeindeten Eigenschaften zu entwickeln trachten, um zu einer vollständigeren Persönlichkeit zu reifen und so dem inneren und dem äußeren Streit ein Ende zu bereiten. Das beste Beispiel hierfür bieten wir selbst, findest Du nicht? Mich fasziniert Deine Fähigkeit, Dinge auf den Punkt zu bringen, mit Worten und Beziehungen umzugehen. Ich bin eine sperrige Person, die stets mit den Formen auf Kriegsfuß steht. Mit Dir zusammenzuarbeiten bietet mir die Möglichkeit, mich mit diesem Teil meiner selbst zu versöhnen und Dich in dieser Hinsicht als meinen Lehrer zu akzeptieren. Es wäre hingegen neurotisch, regte ich mich darüber auf, dass Du so viel Wert auf die Formen legst und nicht siehst, dass doch das einzig Wichtige der Inhalt ist. Dies könntest Du nun aus Deiner Perspektive ergänzen: Welchen verleugneten Anteil kannst Du in der Beziehung zu mir für Dich integrieren? Hier kommt zum Tragen, was wir bereits über Paare gesagt haben: Die Partner spiegeln einander die jeweils negierten Anteile wider. Und ich sollte mich darum bemühen, diese in mir weiterzuentwickeln, weil ich weiß, dass ich mich andernfalls aus dem gleichen Grund trennen werde, aus dem ich mich mit dem andern vereint habe. Darin liegt die Herausforderung der Paarbeziehung. In einem anderen Kapitel sollten wir die individuellen Probleme ansprechen, mit denen man sich auseinandersetzen muss, weil das Zusammensein mit dem anderen abscheuliche Eigenschaften aus einem heraus kitzelt, die, wäre man alleinstehend, gar nicht ans Tageslicht kämen. Das macht die Zweisamkeit manchmal so schwer erträglich. Denn solange ich allein bin, kann ich mich für einen wunderbaren Menschen halten, während im intimen Kontakt meine besten wie meine schlechtesten Seiten zum Vorschein kommen: mein Konkurrenzgeist, meine Eifersucht, mein Machtstreben, meine Lust, Dich zu kontrollieren, zu manipulieren, mein Mangel an Großzügigkeit etc.

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Es ist hart, derlei an sich selbst wahrzunehmen, zu akzeptieren und daran zu arbeiten. Weit einfacher ist es, den anderen als Konkurrenten, als egoistisch und hart abzutun. Diese Gedanken finden sich auch bei Adriana: »Es scheint so, als trügen dieselben Elemente, die die Stabilität und Harmonie des Paares ausmachen, auch zu seiner Zerstörung bei.« »Jede Beziehung, die nicht auf die Entfaltung des Ich setzt, sondern dessen Wachstum verhindert, trägt - auch wenn sie stabil und zufriedenstellend zu sein scheint - den Keim zur eigenen Zerstörung in sich. Derlei Beschränkungen erkennen zu können ist von unschätzbarem Wert. Die wahrhafte Beziehung zum anderen ist eine der schönsten Erfahrungen in unserem Leben: Nachdem wir in einem bestimmten Moment an den anderen geglaubt und in dessen Beisein unsere Angst vor Einsamkeit und Selbstbezogenheit haben überschreiten und überwinden können, nähern wir uns einander in Liebe.« Was für ein schöner Satz! Eben fällt mir eine Szene ein: Wir sprachen über uns, in der Bar im Stadtteil Once, weißt Du noch? Ich sagte Dir etwas, und ein Strahlen ging über Dein Gesicht. Du wurdest Dir einer Sache »gewahr«. In diesem Moment spürte ich zum ersten Mal, dass Du mich wirklich wahrnimmst, mir auf besondere Art und Weise zuhörst. Es war großartig, aber wie dumm wäre es, Dich nicht wiedersehen zu wollen, sobald sich so etwas nicht mehr einstellt. Es küsst Dich Laura Während der nächsten Tage blieb Roberto fast ausschließlich zu Hause. Er verließ die Wohnung nur, um unumgänglichen Arbeitsverpflichtungen nachzukommen und die nötigsten Einkäufe zu machen. Ob sich Paare tatsächlich aus dem gleichen Grunde trennen, aus dem sie zusammenfanden? Dieser Gedanke beschäftigte ihn sehr. Allerdings schien der Zeitpunkt nicht günstig: Immer wieder sah er vor seinem inneren Auge das Wort »Tilt« - das Wort, das in den alten Flipperautomaten aufleuchtete, wenn man zu heftig an ihnen gerüttelt hatte, um die Metallkugel doch noch ins Loch zu schmuggeln. Dieser Vorgang gab ziemlich genau seinen Zustand wieder: daneben, durchgerüttelt, erschüttert, an der falschen Stelle blockiert, »getilt«. Zweimal am Tag schaltete er seinen Computer ein und suchte im Posteingang vergeblich nach neuen Nachrichten. Anfangs reagierte er missmutig, doch in dem Maße, wie die Woche verstrich und sich nichts tat, wuchs seine innere Unruhe. Am achten Tag schließlich erreichte ihn folgendes Schreiben: Lieber Fredy, das ist die letzte E-Mail, die ich Dir schreibe. So gern ich Dir schreibe, Dein Schweigen schmerzt mich. Ich weiß, dass mir Schreiben Vergnügen bereitet, dass ich es brauche, es mir Freude macht, mir gut tut, ich damit in Kontakt zu mir selbst trete - aber ich brauche auch Antworten. Ich bin sicher, dass Du meine E-Mails liest, dass Du den Computer anschaltest und auf Post von mir wartest, und ich weiß, dass Du im Moment nicht schreiben kannst. Zum Schreiben gehört Spontaneität, wir können es nicht erzwingen. Auch habe ich viel über ein Thema nachgedacht, worüber ich mit meinen Patienten oft rede: Wie kann man den Rhythmus des anderen akzeptieren? Deshalb warte ich jetzt geduldig, bis Du wieder in der Lage bist, mit mir Kontakt aufzunehmen. Bei den Paaren, die ich behandle, kommt es häufig zu Unstimmigkeiten, weil die Individuen bei der Bewältigung von Alltagsproblemen unterschiedlichen Rhythmen folgen. Den Rhythmus des anderen zu akzeptieren ist äußerst wichtig. Männer flüchten gern, wenn sie sich unter Druck gesetzt fühlen. Frauen hingegen pflegen sich darüber zu beschweren, dass sich die Männer gegen Kontakt abschotten, und begreifen nicht, dass dies eine Antwort auf den Druck ist, den sie,

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die Frauen, ausüben. Die Männer verschließen sich, wenn sie sich gezwungen fühlen, wenn wir ihnen nicht die Zeit geben, die sie benötigen. Ich sage mir selbst, dass ich Dir weiter schreiben sollte, da es mir doch solches Vergnügen bereitet. Und freilich hat das auch mit dem Thema Geben und Nehmen zu tun - worüber wir so oft geredet haben. Der Akt des Gebens enthält zugleich ein Empfangen: Ich empfange das Vergnügen, dass Du meine Gabe empfängst. Ich empfinde Freude, wenn Du mir zuhörst und meine Gabe schätzt. Man sollte beim Geben nicht noch auf etwas hoffen, das jenseits dieses Aktes liegt. Aber es kommt der Augenblick, wo ich Deiner Ansprache bedarf, wo mich Dein Schweigen schmerzt. Deshalb muss ich Dir mitteilen, dass dies meine letzte Nachricht ist. Wir werden uns auf einer anderen Reise, bei einem anderen Kongress, in einem anderen Moment wiedertreffen ... Herzlichst Laura Roberto spürte, wie es ihm kalt den Rücken herunterlief; erneut las er die Nachricht. Das konnte nicht sein. Laura wollte mit Schreiben aufhören? Er würde ihrer Briefe beraubt, nur weil dieser Depp von Fredy ihr eine falsche Adresse gegeben hatte? Das war nicht gerecht, beim besten Willen nicht. In den letzten Wochen war Laura die zuverlässigste und einfühlsamste Person in seiner Umgebung gewesen. Er konnte es nicht zulassen, dass sie verschwand - wie Cristina, wie Carolina, wie all die anderen. Er musste etwas tun. Er fragte sich, wie Fredy wohl reagieren würde, wenn er erführe, dass Laura das Schreiben einstellen wollte. >Kann sein, dass er auf diese Nachricht antworten würde<, dachte er. Aber auch Roberto kannte Fredys richtige Adresse nicht. Er könnte herum probieren. Das Telefon! Er stand auf, um das Telefonbuch zu suchen, doch bis er ans Regal getreten war, fiel ihm ein, dass er Fredys Nachnamen ja gar nicht wusste. Er könnte ihn vielleicht ausfindig machen, wenn er unter seinen Psychologenfreunden nach einem Fredy forschte. Und dann? Anschließend würden Laura und Fredy untereinander kommunizieren, und sein Draht zu Laura wäre endgültig gekappt. Aber er konnte auf diese Nachrichten nicht verzichten, nicht jetzt. Er begann, in der Wohnung auf und ab zu wandern. Es musste eine Lösung geben. Und wenn er die Telefonnummer von Laura herausbekäme und sie glauben machte, Fredy befände sich im Ausland und könnte ihr deshalb nicht antworten? Eigentlich brauchte er dafür das Telefon gar nicht. Er könnte ihr dies auch auf elektronischem Wege mitteilen. Laura, gestern Abend meldete sich Fredy bei mir und bat mich, Sie zu benachrichtigen, dass er auf Reisen sei und ... Laura, gestern Abend rief mich unser gemeinsamer Freund Fredy an. Wie Sie schon wissen dürften, musste er dringend abreisen... Laura, gestern Abend rief mich unser gemeinsamer Freund Fredy an. Er bat mich, Sie zu benachrichtigen, er sei gerade auf Reisen, Sie möchten ihm jedoch bitte auch weiterhin schreiben. Nach seiner Rückkehr würde er Ihnen alles erläutern ... Laura, gestern Abend rief mich unser gemeinsamer Freund Fredy an.

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Ich weiß nicht, ob Sie darüber informiert sind, dass er sich augenblicklich im Ausland befindet. Im Verlauf unseres Gesprächs bat er mich, Ihnen mitzuteilen, Sie möchten doch bitte an dem Buch weiterarbeiten, nach seiner Rückkehr würde er selbst auf alle E-Mails antworten ... Das alles hatte keinen Sinn. Fredy wirkte stets wie ein Idiot. Auf jedem Flecken dieser Erde fanden sich Computer. Warum ließ er sie das nicht selbst wissen, statt seinen Freund Roberto anzurufen? Genau! Warum sagte Fredy es ihr nicht selbst? Warum nicht? Es gab keine Kameras, keine Handschrift, keinen Absender. Wie sollte Laura dahinterkommen, dass die Entschuldigung von ihm und nicht von Fredy stammte? Laura, ich flehe Dich an, ärgere Dich nicht. Ich hatte einige Schwierigkeiten bei der Arbeit zu bewältigen und war auf Reisen, deshalb konnte ich Deine wunderbaren E-Mails nicht erwidern ... »Wunderbar« - waren sie für Fredy »wunderbar«? ... deshalb konnte ich Deine E-Mails nicht erwidern. Ich denke, dass ich in ein paar Monaten wahrscheinlich etwas mehr Zeit haben werde, Dir zu antworten. Bitte hör in der Zwischenzeit nicht auf zu schreiben. Alles, was Du sagst, ist mir sehr hilfreich, und ich bin sicher, dass das Buch großartig werden wird. Küsse, Fredy Er überflog die Nachricht, strich »in ein paar Monaten wahrscheinlich« und ersetzte es durch »schon bald«. An Stelle der »Küsse« fügte er »Ganz herzliche Grüße« ein. Vor die »Laura« setzte er ein »Liebe«, und »ich flehe Dich an« tauschte er durch »ich bitte Dich« aus. Er beseitigte das »alles« zu Beginn des letzten Satzes und ersetzte »großartig« durch »ein Erfolg«. Das war nicht schlecht, wirklich nicht schlecht. Roberto atmete tief durch und suchte nach dem Icon für senden. Er ging mit dem Cursor darauf und las die sendebereite E-Mail noch einmal durch. Erneut kehrte er zum Text zurück und strich »ganz«, so dass »Herzliche Grüße« stehenblieben. Er musste aufhören, das Geschriebene weiter zu überarbeiten, sonst würde er es nie abschicken. Schließlich hatte er keine Zeit zu verlieren: Wenn er nicht irgendeine Antwort erfände, würden keine weiteren E-Mails von Laura bei ihm eintreffen. Er klickte mit der Maus und schickte die Nachricht ab. Der Bildschirm flimmerte, und der Hinweis »Nachricht gesendet« erschien vor Robertos Augen. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

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KAPITEL 6

Sechzehnjähriger, als er um das Telefon herumgeschlichen war und den Anruf von Rosita, seiner ersten Freundin, ersehnte. Aber Roberto war keine sechzehn mehr und Laura nicht seine Freundin; deshalb bereitete ihm diese angstvolle Unruhe Unbehagen. Wann immer wir zu ohnmächtigem Warten verdammt sind, fürchten wir, die Zeit sei stehengeblieben. Und selbst wenn das Erwartete pünktlich einträfe, bliebe der Eindruck bestehen, es komme doch reichlich spät. So war die Woche ohne Nachricht von Laura für Roberto schier unerträglich gewesen. Was würde er tun, wenn sie nicht wieder schriebe? Laura nahm in seiner Gedankenwelt immer mehr Raum ein - was für eine nichtexistente Beziehung recht erstaunlich war. Er legte sich hin und dachte an die Gedichte des erdachten Mannes von Nicanor Parra. Montag morgen um vier Uhr wachte er schweißgebadet, aufgewühlt und mit Herzjagen auf. Er glaubte sich, wenn auch nur äußerst vage, zu erinnern, dass er von Laura geträumt hatte. Von Laura träumen - der erdachten Laura. Irgendwann einmal hatte er gelernt, dass Traumbilder mit den Sinnen verknüpft sind und dass Menschen, die von Geburt an blind sind, lautmalerisch träumen. Aber wie kann man von jemandem träumen, der lediglich eine schemenhafte Vision ist? >Wie lange soll die Warterei noch dauern?< Er suchte nach einem weißen Blatt Papier und kritzelte darauf: »Zwanzig Mal am Tag, sieben Mal in der Woche, werfe ich den Computer an, lasse die Startprogramme über mich ergehen, öffne den Postadministrator, suche nach neuen Nachrichten, aber das Gewünschte ist nicht eingetroffen. Ich drücke auf beenden, selbst um rausgehen zu können, muss ich warten, verflucht, ich fahre den Computer wieder runter, trinke einen Kaffee, schalte den Fernseher ein, dann lass ich alles liegen ... und beginne von vorn.« Roberto zog sich eine Windjacke an und ging auf die Straße - nur um nicht zu Hause zu bleiben. »Es hat nicht gereicht. War ja klar. Sie schreibt und denkt nach, und der andere Idiot antwortet nicht. Wie blöd ist der eigentlich? Eine erstklassige Frau lässt dich an ihrem Projekt teilhaben, sie engagiert sich für etwas, was ihr gemeinsam entworfen habt, die Kommunikation wird unterbrochen, und du bemerkst es noch nicht einmal. Das muss ein Hornochse sein, wahrlich ein Hornochse.

E

r wirkte wie ein frisch Verliebter, der erwartungsvoll nicht von seinem Computer wich, so wie damals als

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So blöd kann man doch gar nicht sein, dass man eine Frau bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag auf eine Antwort warten lässt. Wenn sie dich nicht interessiert, dann sag ihr, >ich habe kein Interesse<, und beende die Sache. Das sind genau die Typen, die sich danach beschweren, Frauen würden einen immer sitzenlassen ...« Je länger er lief, desto heftiger ärgerte er sich über Fredy. An seiner Stelle hätte er sich niemals so verhalten. Ihm fiel die abgedroschene Phrase ein, die seine Mutter immer zu wiederholen pflegte: »So ist es in der Welt: Der eine hat 'nen Beutel, der andre hat das Geld«, und er lachte in sich hinein über die Plattheit seiner Assoziationen. »Vielleicht kann ich das Kind in mir pflegen, indem ich anfange, wie meine Mutter zu denken«, sagte er sich. Er lachte erneut, diesmal laut, während er die Treppe zu seiner Wohnung hochstieg. Zwei Meter vor seiner Tür hörte er sein Telefon klingeln. »Laura!« rief er und versuchte sich zu beeilen, um abheben zu können, bevor der Anrufbeantworter sich einschaltete. Nach einer Weile und während er den Inhalt seiner Tasche, der zerstreut vor der Türschwelle lag, wieder einsammelte, konnte er seine Gedanken wieder logisch ordnen und sich darüber klarwerden, dass ihm sein Unbewusstes einen herben Streich gespielt hatte. Als er seine Schlüssel schließlich gefunden und die Tür geöffnet hatte, hörte er gerade noch das Ende von Cristinas Nachricht. »Mich schmerzt es, dass du mir nicht zuhörst, deshalb melde ich mich nun nicht mehr bei dir. Vielleicht werden wir in einer anderen Phase unseres Lebens miteinander reden können. Leb wohl.« Einen Moment lang kamen ihm diese Worte bekannt vor, als habe er genau die gleichen schon einmal gehört, wenn auch aus einem anderen Mund ... Roberto zuckte mit den Achseln und dachte für sich, es sei besser so, schließlich wüsste er Cristina augenblicklich ohnehin nichts zu sagen. Außerdem durfte er sich nicht verzetteln: Er benötigte seine ganze Energie, um das Schweigen Lauras zu ertragen. Noch einmal griff er seine ursprüngliche Idee auf, ihr als vermeintlicher »Freund von Fredy« zu schreiben. Laura, Fredy ist beunruhigt, weil er keine Nachricht von Ihnen hat. Er fürchtet, Sie hätten sich über irgendetwas geärgert. Seien Sie doch bitte so freundlich und schreiben Sie ihm ein paar Zeilen, damit ... Absurd! Völlig entmutigt stellte er ein weiteres Mal die Verbindung zum Internet her. Sein Posteingang quoll über, lauter Reklamationen von Kunden, die von Mal zu Mal energischer wurden. Roberto atmete tief ein und schnaufte hörbar wieder aus. Es wurde Zeit, sich wie ein Erwachsener zu verhalten, wenn er nicht all das aufs Spiel setzen wollte, was er sich mit so viel Mühe in den letzten Jahren erarbeitet hatte. Ob er Lust dazu hatte oder nicht, er musste ins Büro zurückkehren, seinen beruflichen Pflichten wieder nachkommen und nebenbei auch seine spärlichen Ersparnisse sichern. Sorgfältig notierte er sich all die noch unerledigten Angelegenheiten sowie die fünf Arbeitsaufträge, die er kürzlich erhalten hatte. Erleichtert registrierte er, dass er noch im Zeitrahmen lag. Er nahm eine doppelte Ration Bachblüten ein, die ihm seine Freundin Adriana verschrieben hatte, und legte sich früh schlafen. Er hatte einen wundervollen, hollywoodartigen Traum. Nach einer geradezu übermenschlichen Anstrengung lief er, der im Traum eine Art Marathonläufer war, als erster durchs Ziel. Eine Blondine wartete dort auf ihn, weinte aufgewühlt, rannte, das Taschentuch in der Hand, auf ihn zu, fiel ihm in die Arme und überhäufte ihn mit Küssen. Beim Erwachen wünschte er sich, sein Traum möge noch ein wenig andauern. Er traute sich nicht, die Augen zu öffnen, um das Bild festzuhalten, das ihm so behagte: der Triumph, die Anerkennung, Laura ... Beim Zähneputzen dachte er: >Ich werde hart arbeiten müssen. Eine wertvolle Frau begnügt sich nicht mit einem mittelmäßigen Arbeiter. Die Traumbotschaft ist klar: Am Zieleinlauf wartet die Blondine.< Er drehte die Wasserhähne auf und seifte sich mit Rasierschaum ein. Im Spiegel sah er auf den Weihnachtsmann mit schaumigem weißem Bart und sagte: »Ans Ziel! Sieger!« 36

Pfeifend beendete er die Rasur, und nachdem er der Putzfrau noch ein Zettelchen geschrieben hatte, damit sie in der Wohnung Ordnung mache, auch wenn es länger dauern würde als vereinbart, ging er ins Büro. Als er aus dem Taxi stieg, konnten sich sowohl der Mann vom Zeitungskiosk als auch der Pförtner ein Lächeln nicht verkneifen, weil sie ihn so früh kommen sahen. Roberto ging es im Grunde ähnlich: Er staunte über das Lächeln, das, wie er spürte, in sein Gesicht geschrieben stand. An diesem Tag arbeitete er viel und gut - wie auch am nächsten und übernächsten. Als er am Freitag nach Hause kam, dachte er, dass er schon seit Jahren keine so produktive Arbeitswoche hinter sich gebracht habe. Das Schaumbad, das er sich bereitete, war wohl verdient, wie auch das Sushi, das er sich kommen ließ: Lachs-Sashimi, Thunfisch-Niguiri und California Roll. Am Montag schaltete Roberto seinen Computer ein und suchte nach der Bestätigung für einen Materialeinkauf, den er am Mittwoch getätigt hatte. Erstaunt fand er eine Nachricht von carlospol vor, die ihm mit einer anderen Überschrift aufwartete: Von Illusionen Abschied nehmen. Hallo Fredy, man muss sich von seinen Illusionen verabschieden, um denjenigen zu erkennen, den wir vor uns haben. Das war heute Thema in der Gruppe: der Schmerz, seine Illusionen aufzugeben und die Realität zu akzeptieren. In diesem Moment der Persönlichkeitsentfaltung streiten wir uns nicht länger, sondern nehmen die Dinge, wie sie sind. Heute ging es um einen jungen Mann von dreißig Jahren; er hat sich gerade von einer Frau getrennt, die ihn ständig auf Distanz gehalten hat. Er schilderte, wie sehr es ihn schmerzte, das Idealbild verloren zu haben, das er sich von dieser Frau gemacht hatte. »Sich keine Illusionen mehr machen« ist hier das richtige Wort, denn als sich der junge Mann langsam ihres tatsächlichen Verhaltens bewusst wurde - dass sie ihn schlecht behandelte und auf seine Bedürfnisse überhaupt nicht einging -, lag es auf der Hand, dass er die Beziehung nicht länger aufrechterhalten wollte. Aber sie verstand es, ihm immer wieder leere Versprechungen zu machen, und er hat sich immer neu ködern lassen. Im Grunde schmerzt ihn die Erkenntnis, wie sehr er sich so an der Nase hat herumführen lassen und wie bereitwillig er an jener Illusion festgehalten hat. Aber schließlich setzte sich die Realität durch. Jetzt sieht er sie und nicht mehr die leeren Versprechungen, die ihm die Frau gemacht hat. Abschied zu nehmen von den Illusionen, sich zu sagen: »Komm, genießen wir das Vorhandene, und weinen wir dem Unmöglichen nicht mehr nach« - dies ist ein entscheidender Augenblick im Leben einer Person. Es schmerzt, die Vorstellung vom Idealpartner und der dauerhaften Leidenschaft ad acta zu legen, aber es ist die einzige Möglichkeit, eine gesunde Beziehung zu führen. Wir alle hängen an unseren Hoffnungen und geben sie ungern auf. Gleichwohl setzt sich die Realität am Ende immer durch. Wie Dein Fast-Namensvetter Fritz Perls immer zu zitieren pflegte: »Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ...« Die Realität zählt, und die Illusionen lösen sich auf. Ich verstehe, dass Du wenig Zeit hast, aber ich erkläre mich für absolut unfähig, alleine weiterzumachen. Es tut mir leid Laura Die Nachricht bestätigte, was Roberto schon wusste: Die Entschuldigungen, die er in seiner kurzen E-Mail vorige Woche verschickt hatte, waren unzureichend. Laura würde aufhören zu schreiben. Könnte ein weiterer Versuch hilfreich sein? Liebe Laura, selbstverständlich kannst Du es allein schreiben! Meine Mitarbeit war bislang so spärlich, dass es gar nichts ändern würde, ob ich nun dabei bin oder nicht. Ich mag mich nicht zum Schreiben gezwungen sehen, wenn es mir nicht in die Feder fließt. Ich denke, das sollte Dich nicht an der Weiterarbeit hindern, denn was Du schreibst, ist sehr kostbar. Und hör vor allem nicht auf, mir Deine Ausarbeitungen zuzuschicken, damit ich weiter von Dir lernen kann. Ein Kuss Fredy 37

Er versandte die E-Mail, lud den Rest der Korrespondenz herunter und ging in sein Büro. Noch am selben Abend fand er, als er den Computer hochfuhr, Lauras Antwort vor: Lieber Fredy, ich habe Deine letzte Nachricht erhalten und nehme sie als das, was sie ist: ein riesiges Lob. Dennoch hatte ich beim Lesen aus irgendeinem Grund, den ich nicht benennen kann, den Eindruck, dass sich bei Dir etwas verändert hat. Vielleicht hast Du kein Interesse mehr an dem Buch, vielleicht scheust den Aufwand für dieses Projekt, vielleicht hast Du ganz einfach keine Lust mehr, mit mir zusammenzuarbeiten. Ich nehme die Höflichkeitsbezeugungen an, aber ich will nicht ohne Dich schreiben, und selbst wenn ich es wollte, fiele es mir sehr schwer voranzukommen - ohne Deinen Kommentar, den ich schätze und benötige. Ich will Dich zu nichts zwingen; aber ich gebe es auf, mich vor diesen Karren spannen zu lassen, der vormals von der Phantasie beflügelt war, dass wir gemeinsam schreiben; und ich will nicht länger auf Dein Urteil, das niemals eintrifft, warten. Ich gebe es auf, dieses Projekt allein voranzutreiben, von dem wir einst gemeinsam träumten. Lass Dich davon nicht beunruhigen. Manchmal kommt es eben anders, als man denkt. Noch einen Kuss Laura Alles war verloren! Obwohl Roberto wusste, dass sie seine wahre Identität nicht kennen konnte, fuhr er zusammen und fühlte sich entlarvt. Der Satz: »Dennoch hatte ich beim Lesen aus irgendeinem Grund, den ich nicht benennen kann, den Eindruck, dass sich bei Dir etwas verändert hat«, war beunruhigend und schien dem Spiel ein Ende zu bereiten. Unterschied sich sein Stil sehr von dem Fredys? Vielleicht duzte er sie noch nicht einmal. Vielleicht gehörten Entschuldigungen einfach nicht zu seiner Wesensart. Woher sollte er das wissen? Und jetzt? Roberto stand auf und wanderte nervös in der Wohnung hin und her. Er konnte, wollte, durfte nicht aufgeben. Wenn er weiter drängte, würde er eventuell das Gegenteil von dem erreichen, was er sich wünschte, früher oder später würde Laura den Betrug bemerken, und dann waren sie mit Sicherheit am Ende des Weges angelangt. Er versuchte, sich zu beruhigen. Was würde ein Mann wie Fredy in dieser Situation antworten? Es war unmöglich, das Verhalten eines Unbekannten vorauszusagen. Im Grunde, sagte er sich, war es überhaupt unmöglich, die Reaktion von irgendjemandem exakt vorauszusagen. Hier lag die Lösung! Er musste ihr seine Meinung mitteilen. Das genau wünschte sich Laura von Fredy. Augenblicklich setzte er sich mit einem Kaffee vor die Tastatur und begann auf ihre E-Mail zu antworten: Liebe Laura, auch ich hatte den Eindruck, dass etwas anders geworden ist - bei Dir. Aber im Gegensatz zu Dir glaube ich nicht, dass sich deshalb an unserem Projekt etwas ändern muss. Und vertreten nicht gerade wir letztendlich die These, dass voraussagbare Antworten die Zukunft einer Beziehung überschatten? Haben wir nicht immer verfochten, gerade die Veränderungen beim anderen seien die Ursache dafür, dass jede Begegnung wundervoll sein kann? Glaubst Du nicht, dass das Unvorhergesehene in unseren Handlungsweisen auch die Beziehung zwischen uns beiden zu etwas Zauberhaftem macht? Jawohl: zu etwas Zauberhaftem! Ich bin nicht mit allem, was Du über den »Abschied von Illusionen« sagst, einverstanden. Und das hat mit dem Zauber zu tun, der, wie ich glaube, existiert. Und zwar existiert er immer dann, wenn sich eine Hoffnung (dank unserer Mitwirkung) in handfeste Realität verwandelt. Ich denke, Du wirst mir darin zustimmen, dass es uns wie jedem anderen Paar ergeht: Auch wir brauchen ein wenig Zauber; der wird sich jedoch nur herstellen, wenn wir mit der Überraschung umgehen können, dass wir uns heute an einem anderen Ort begegnen als gestern - einer Überraschung ohne Angst, ohne Gelähmt sein, einer Überraschung, die eher ungehemmte Neugierde als Unsicherheit vor dem Unbekannten auslöst. Und ich denke, Du wirst auch hierin meine Meinung teilen, dass wir nur in dem Maße, in dem wir die Realität als solche akzeptieren, auch verändernd in sie eingreifen können. Nur so werden wir unsere Phantasie wieder spielen lassen und den gemeinsamen Traum genießen können - sei es der 38

von einer Familie, einer Reise, einem Partner oder vom Schreiben eines Buches. In jedem Fall gilt, was Ambrose Bierce sagte: »Wenn du möchtest, dass deine Träume Wirklichkeit werden, musst du aufwachen.« Ich sende Dir tausend Küsse Fredy Lauras Antwort bereitete ihm die Freude, dass dank seiner auch eine Phantasie Wirklichkeit geworden war: die Phantasie, Laura möge weiterschreiben. Lieber Fredy, Du überraschst mich! Du überraschst mich immer wieder! Bist Du derselbe Fredy, den ich kannte? Und bin ich noch immer dieselbe Laura, mit der Du einmal ein Buch schreiben wolltest? Mit Sicherheit nicht. Gleichwohl: Wenn der Zauber eintritt, folgt die Begegnung. Oder umgekehrt, wenn die Begegnung erfolgt, tritt der Zauber ein. Mich begeistert der Zauber, der Zauber der Begegnung. Es ist kaum zu fassen: Ich setze mich vor den Computer, lese Deine Kommentare und fühle mich sofort besser. Die Aussicht, weiter an dem Projekt arbeiten zu können und nicht meinen Traum aufgeben zu müssen, ist wie ein Abrakadabra, mit dem alle meine Schreiblust plötzlich wieder da ist. Mir gefällt das Wort »Zauber«: es ist zauberhaft. Seit ich in der Praxis angekommen war, hoffte ich auf eine freie Stunde, um weiterschreiben zu können. Etwas von dem, was Du sagst, scheint mir sehr zutreffend: Was mit uns geschieht, ist zauberhaft. Ich spüre, wie die Energie, die mich zum Schreiben antreibt, geradezu aus meinem Innersten hervorbricht. Schon immer war ich der Ansicht, dass die Buchstaben zwar gleich aussehen mögen, ihre Bedeutung jedoch eine andere wird, sofern sie von Herzen kamen. Sortieren wir noch einmal unsere Vorstellungen: Es gibt kein Paar ohne Konflikte; zudem sorgen gerade die Konflikte dafür, dass das Zusammensein mit dem anderen attraktiv ist; präziser formuliert: die Unterschiede, die eben Konflikten zugrunde liegen und diese hervorbringen. Manchmal ärgere ich mich darüber, wie nachgiebig Carlos gegenüber jedermann ist, aber dann denke ich wieder, hätte er sich mir gegenüber nicht so verhalten, hätte es mit uns nicht funktioniert. Er geht mit mir so um wie mit allen anderen auch. Es wäre absurd, ihn darum zu bitten, mich weiterhin so zu behandeln, die anderen aber nicht - denn dies ist eben seine Art. Ich glaube, dass man aus Schwierigkeiten lernen kann. Es handelt sich um eine mögliche Lebensweise: zu beobachten, was geschieht, und zu erkennen, wie man eine Situation meistern kann - sich also auf die Zufälle des Lebens einzulassen. Das ist etwas ganz anderes, als einem fixen Plan zu folgen. Das Leben wäre sehr langweilig, bestünde es lediglich daraus, ein selbst gestecktes Ziel nach dem anderen zu erreichen. Viel spannender ist es, wenn wir uns vornehmen, die Ereignisse zu beobachten und dann zu entscheiden, wie wir im Zuge der Geschehnisse reagieren. Viele Ängste und Depressionen schulden sich der Tatsache, dass wir eine fixe Vorstellung davon haben, wo wir hinwollen, und wenn der Plan nicht aufgeht, sind wir frustriert. Wenn Du Dich nicht so verhältst, wie ich es erwarte, mag ich Dich nicht. Aber das kann es nicht sein. Sehr viel lebenswerter ist das Leben, wenn wir uns das Verhalten eines Wellenreiters aneignen: Die Wellen zeichnen meinen Weg vor, nicht meine Vorstellung, wo ich anlangen möchte. Es ist besser, den Weg entlang der Steine zu entdecken, auf die wir laufend stoßen. Welche Erleichterung, wenn man den Punkt erreicht hat, an dem man sagen kann: Das kann ich, das tut mir gut. Es gibt kein vorgefertigtes Lebensschema: Was mich begeistert, mag Dir nicht gefallen, aber das ist in Ordnung so. Weshalb sollte ich Dich davon überzeugen, dass es unterhaltsamer ist, den Fluss zu betrachten, als ins Internet zu gehen? Bleib Du bei Deinem Computer, und ich schlendere weiter den Fluss entlang. Wir sehen uns später. Es hat Jahre gedauert, bis ich akzeptieren konnte, dass Carlos den Fluss nicht so genießen konnte wie ich. Die meisten Menschen streiten sich, weil einer den anderen davon überzeugen möchte, dass seine Haltung die richtige ist. Gehen wir von der Grundlage aus, dass es die korrekte Haltung nicht gibt. Ich glaube, die Menschen brauchen vom jeweils anderen Anerkennung, um sich selbst in dem, was sie denken oder fühlen, bestätigen zu können. Es wäre genial, wenn man sagen könnte: »Das ist gut für mich, auch wenn aller Welt 39

etwas anderes gefällt«, und wenn man dabei bleiben könnte - weil man der Genehmigung des anderen nicht bedarf und an der Unterschiedlichkeit festhält. Es gibt nicht nur eine Form zu leben. Jeder einzelne inszeniert nach Gutdünken seinen eigenen Zirkus - und jedes Paar ebenfalls. Das Leben sprudelt um einen herum, wenn man sich auf diese Weise öffnet. Es ist wundervoll, was alles passiert, wenn wir uns in das Abenteuer Leben stürzen und den Weg des Helden einschlagen. Dann verwandeln sich Konflikte in etwas Interessantes, in ein Abenteuer, das zur Entdeckung des eigenen Selbst führen kann. Wäre es Dir nicht auch langweilig, wenn Du immer schon wüsstest, was mit Dir passiert? Das ist das gleiche, wie allein zu sein: Es fehlt der Zauber. Wie mein Freund, der argentinische Philosoph Luis Halfen, sagt: »Wir können unser Leben so leben, als seien wir ein U-Bahn-Lokführer, der genau weiß, wohin die Fahrt geht und wie die Wegstrecke beschaffen ist; oder wie ein Wellenreiter, der der Welle folgt.« Ich schlage Dir vor, dass wir den Wellen folgen. Wir werden uns amüsieren. Und darum geht es schließlich auch. Siehst Du? Deine E-Mails inspirieren mich zum Weiterschreiben. Küsse Laura Kaum war Roberto mit Lesen fertig, verspürte er den gleichen Drang wie Laura. Ohne noch einen Gedanken daran zu verschwenden, ob er oder Fredy schrieb, tippte er in einem Rutsch die folgende Nachricht in die Maschine und schickte sie ab: Hallo, Laura, ich habe Deine E-Mail erhalten. Wie sehr hat mir die Metapher vom U-Bahn-Lokführer und vom Wellenreiter gefallen! Das scheint mir ein kraftvolles Bild zu sein. In der Tat ist das Leben ein labiles Gleichgewicht, dessen Schwankungen nicht vorhersagbar sind. Man sollte sich nicht nur von der Welle tragen lassen, sondern sich auch klarmachen, dass nicht jede zum Surfen taugt. Die Metapher lässt sich sehr schön auf unsere Ansichten übertragen: Beim Surfen musst Du auf Unvorhersehbares gefasst sein (niemand weiß genau, wie die Welle kommt). Das Ganze ist eine Mischung aus Geschick und Übung. Niemand kommt auf die Welt und kann es schon. Zudem muss man das Risiko eingehen, ein paarmal baden zu gehen und sich blaue Flecken einzuhandeln, dabei aber auch die Erfahrung zu gewinnen, wie man die nächste Welle nehmen muss. Es ist richtig: Träume, Phantasie, Hoffnungen, Wünsche, Projekte - all dies reicht nicht, ist aber doch wegweisend. Ich schicke Dir ein paar Ideen, mit denen ich mich herumgeschlagen habe. Ich bin der Auffassung, dass alle unsere kohärenten Handlungen mit einem Traum beginnen, mit dem, was wir gewöhnlich als Phantasie bezeichnen und das sich in Redewendungen ausdrückt wie: »Wie schön wäre es ...« »Wie unglaublich könnte es sein ...« »Es wäre wundervoll ...« Wenn wir uns dieser Phantasie bemächtigen und sie uns anprobieren, als wäre sie ein Hemd, verwandelt sich die Phantasie in Hoffnung: »Wie gerne hätte ich ...« »Ich wäre entzückt, wenn ...« »Es wäre großartig, wenn ich eines Tages ...« Wenn ich nun zulasse, dass sich diese Hoffnung in mir einnistet, wenn ich sie füttere und wachsen lasse, wird aus der Hoffnung irgendwann ein Wunsch: »Ich wäre gerne ...« »Was ich mir am meisten wünsche, ist ...« »Ich möchte wirklich ...«

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An diesem Punkt angelangt, bin ich vielleicht dazu in der Lage, mir zu überlegen, wie ich selbst diesen Wunsch realisieren, das heißt: Wirklichkeit werden lassen kann. In diesem Moment nimmt der Wunsch die Gestalt eines Projektes an: »Ich werde es tun ...« »In einem bestimmten Moment ...« »Schon bald werde ich ...« Nun bleibt nur noch, den Plan, die Taktik oder die Strategie auszuarbeiten, die es mir erlaubt, ein phantastischer Zauberer zu sein, der seine Träume in Wirklichkeit verwandelt. Denk Dir: Bis zu diesem Moment habe ich noch keinen Finger krumm gemacht. Alle meine Handlungen laufen in meinem Innern ab. Und doch: Wie viel hat sich, seit ich bloß phantasierte, in mir getan. Du wirst mir sagen, dass das nicht ausreicht. Stimmt, meist ist dies nicht genug. Man muss sein Vorhaben noch umsetzen und die Irrtümer korrigieren. Man muss die Badehosen anziehen, sich das Surfbrett mit unseren Projekten schnappen, sich ins Leben hineinbegeben und aufmerksam die Welle der Wirklichkeit abwarten, um ihren Kamm zu erklimmen und auf ihr bis zu dem märchenhaften Strand der Zufriedenheit zu gleiten. Küsse Fredy Roberto las das Geschriebene noch einmal durch. Er war ganz erfüllt. Mochte es sich hierbei lediglich um ein kurzlebiges Spiel handeln, so hatte dieses Spiel ihn doch dazu angeregt, in einem Maße zu lernen, zu lesen und nachzudenken wie nur wenige Male zuvor. Bis zu diesem Augenblick hatte er nicht geahnt, dass in ihm die Fähigkeit schlummerte, seinen Gedanken schriftlich Ausdruck zu verleihen. Wenn Liebe die klügsten und einfallsreichsten Seiten im Individuum weckte, dann war Roberto unzweifelhaft verliebt.

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Zweites Buch
trebor@

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KAPITEL 7

können. Er gefiel sich in der Vorstellung, dass er ein künftiges Buch rettete - auch wenn dies hieß, dass er diesem Idioten von Fredy half, der ja nun, ohne es zu wissen, seine weitere Mitarbeit an diesem Werk Roberto verdankte. Im Büro lief alles wie am Schnürchen. An diesem Morgen vollendete er seinen Mediaplan für eine Anzeigenkampagne, die ein Unternehmen für Rentenfonds bei ihm in Auftrag gegeben hatte. Ihm schwirrte der Kopf von den Mails, die am Vortag hin- und hergegangen waren. Grundidee seiner Werbetexte sollte sein, dass man das Fortschreiten der Zeit akzeptieren müsse, sich von der Illusion ewiger Jugend verabschieden und lieber den Traum von einem geschützten und abgesicherten Alter verwirklichen solle. Noch auf dem Heimweg am späten Nachmittag hatte er den spontanen Beifall und die Gratulationen im Ohr, die ihm bei der Konferenz mit der Firmenleitung zuteil wurden, als er seinen Entwurf vorgestellt hatte. »Auch etwas, wofür ich mich bei Laura bedanken muss«, dachte er bei sich. Eilig lief er nach Hause, um sich erneut die E-Mails anzuschauen. Ihm war, als habe er sie am Vortag zu rasch gelesen. Schon immer hatte Roberto solche Tourismusangebote gehasst, die mit zwölf Städtebesichtigungen in zehn Tagen warben. Seit seiner ersten Reise hatte er es vorgezogen, an dem Ort, an dem er gelandet war, auch ein wenig zu verweilen. Er musste ihn zu Fuß erobern, um ihn auf seiner Netzhaut, in seinem Gehörgang, in seinen Beinen und seinem Kopf zu speichern. Und genauso ging es ihm mit Lauras Worten: Es reichte nicht, ihre Texte nur einmal zu lesen. Er musste sie noch einmal durchgehen und herausziehen, was ihm besonders wichtig oder zutreffend schien, oder schlicht, was ihn am meisten ansprach. Eine Weile dachte er über zwei Bilder nach, die ihm besonders gefielen: dasjenige vom Wellenreiter und vom U-BahnLokführer sowie dasjenige vom Zirkus, den jeder, so gut er kann, für sich inszeniert. Dann befasste er sich mit dem kurzen Bericht von einer Therapiesitzung. »Heute ging es um einen jungen Mann von dreißig Jahren; er hat sich gerade von einer Frau getrennt, die ihn ständig auf Distanz gehalten hat. Er schilderte, wie sehr es ihn schmerzte, die Hoffnungen verloren zu haben, die er in diese Frau gesetzt hatte.« Die Geschichte dieses Patienten brachte in Roberto viele Saiten zum Klingen, er identifizierte sich sehr mit ihm. Auch er hatte stets seine Beziehung beendet, sobald er sich von seiner Partnerin auf Distanz gehalten fühlte. Auch er hatte Dutzende Male den Schmerz verspürt, wenn die Erwartungen an eine Beziehung zerstoben. Aber der letzte Satz passte ihm ganz und gar nicht: »Im Grunde schmerzt ihn die Erkenntnis, wie sehr er sich so an der Nase hat herumführen lassen ...« War das der eigentliche Schmerz in den Beziehungen: dass man einsehen musste, wie sehr man sich an der Nase hat herumführen lassen? Galt das auch für ihn? Was bedeutete das überhaupt, sich »an der Nase herumführen lassen«? Und womit hatten eigentlich die Frauen, auf die er sich eingelassen hatte, ihn getäuscht? Waren sie nicht, wie er sie sich phantasiert hatte - begehrenswert, traumhaft oder auch liebesbedürftig? Laura behauptete: »Wenn die Verliebtheit vorüber ist, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich mit der Realität des anderen zu konfrontieren.« Das war hart. Ihm gingen die Worte Liebe, Beziehung, 11lusion, Enttäuschung, Täuschung weiter durch den Kopf. Schließlich sprang ihm noch ein Satz ins Auge:

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oberto stand zufrieden auf. Fürs erste, davon war er überzeugt, hatte er Lauras Entscheidung rückgängig machen

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»... aber ich will nicht ohne Dich schreiben, und selbst wenn ich es wollte, fiele es mir sehr schwer voranzukommen - ohne Deine Kommentare, die ich schätze und benötige.« Laura würde sich auf keinen Fall darauf einlassen, das Buchprojekt allein voranzutreiben. Sie klagte, völlig zu Recht, Fredys Mitarbeit ein. Was die Psychologie von Paaren anbetraf, so standen Roberto lediglich seine eigenen, zumeist schmerzvollen Erfahrungen sowie einige Aha-Erlebnisse aus seiner Therapiezeit zur Verfügung. Auch waren ihm einige Begriffe aus der Verhaltenspsychologie geläufig, mit denen er sich im Zuge seiner beruflichen Karriere als Werbefachmann hatte auseinandersetzen müssen, sowie einige Fachausdrücke, die ihm nach der Lektüre von Büchern im Gedächtnis geblieben waren, welche er aus purer Neugierde aufgeschlagen hatte. Ihm wurde klar, dass solche »Kenntnisse« nicht ausreichen würden, um die Kommunikation mit Laura über das Thema Paare aufrechterhalten zu können. Er schaute auf die Uhr. Es war Viertel vor acht. Wenn er sich beeilte, würde er es noch vor Ladenschluss zur Buchhandlung in der Innenstadt schaffen. Mit einem Scannerblick ging er, auf der Suche nach Autorennamen, die früheren Schreiben durch und notierte sich dann: Welwood, Bradshaw und Perls. Gegen zehn Uhr kam er wieder nach Hause, mit zehn Büchern in der Tasche: Dem Herzen folgen war das einzige, was er von Welwood hatte bekommen können; Das Kind in uns von John Bradshaw; Gestalt-Wahrnehmung von Fritz Perls; Spielarten und Spielregeln der Liebe von Eric Berne; Leben, lieben, lernen von Leo Buscaglia und weitere Bücher von Enrique Rojas Montes, Hugh Prater, Adriana Schnake Silva, Mauricio Abadi und Sergio Sinay. Er warf den Mantel über den Sessel und setzte sich an den Tisch, um seinen Einkauf zu begutachten. Im Grunde war er recht bescheiden gewesen. Bedachte man sein Vorhaben, schien eine Menge von zehn Büchern doch sehr vernünftig. Seit der - bereits lange zurückliegenden - Zeit seiner Begeisterung für politische Philosophie hatte ihn kein solcher Bücherkaufrausch mehr erfasst. Was ihn stets überkam - eben noch in der Buchhandlung wie zuvor in jeder anderen auch -, war dieses Gefühl von unstillbarer Neugierde und Faszination angesichts jedes einzelnen Buches; dieses interessierte ihn aufgrund seines Titels, jenes des Umschlags wegen, wieder in anderes wegen des Autors oder weil es ihm beim Durchblättern spannend erschien. Während er die auf dem Tisch gestapelten, noch ganz jungfräulichen Bücher betrachtete, kam er sich wie ein Geschichtenräuber vor, der entzückt einen eben ausgegrabenen Schatz begutachtet. Bevor er das Buch von Welwood aufschlug, gönnte er sich ein paar Minuten, um den Augenblick zu feiern. Dann atmete er tief durch und las: »Nie zuvor haben intime Beziehungen dazu herausgefordert, uns mit solcher Ehrlichkeit und Bewusstheit selbst anzuschauen. Eine lebendige Beziehung zu einem intimen Partner aufrechtzuerhalten verlangt heute von uns, dass wir uns von alten Gewohnheiten verabschieden und die ganze Vielfalt unserer Kräfte, unserer Empfindsamkeiten und inneren Tiefen als Menschen entwickeln. Wer in früheren Zeiten die tiefen Geheimnisse des Lebens erkunden wollte, trat oft in die Abgeschiedenheit eines Klosters oder einer Eremitage ein. Aber heute ist für viele von uns eine intime Beziehung zu einer neuen Wildnis geworden, die uns mit all unseren Göttern und Dämonen konfrontiert. Da man auf Beziehungen als Garanten des Wohlergehens und der Sicherheit nicht länger bauen kann, bedeuten sie neue Scheidewege, an denen wir eine grundsätzliche Wahl treffen müssen. Wir können uns an sehnsüchtigen Phantasien und alten, von der Zeit überholten Gleichungen festklammern, obwohl sie weder der Wirklichkeit entsprechen noch Orientierungshilfe bieten. Oder wir können lernen, die Schwierigkeit in unseren Beziehungen als Chance zu nützen - um unsere besten menschlichen Qualitäten wie Bewusstheit, Mitleid, Humor, Weisheit und furchtlose Ergebenheit in die Wahrheit zu erwecken und zu fördern. Dann wird die Beziehung zu einem Pfad, auf dem wir unsere Verbindung mit uns selbst und mit jenen, die wir lieben, vertiefen und unseren Sinn für das, was wir sind, erweitern können.«

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Sehr beeindruckt blätterte Roberto weiter und schlug per Zufall eine andere Stelle auf: »Diejenigen unter uns, die sich auf diese Reise machen, müssen etwas Neues erlernen - wie man eine Bindung sich auf natürliche Weise entwickeln lässt, durch viele Höhen und Niederungen hindurch, mit Fortschritten und Rückschlägen. Somit besteht das Problem nicht in unserer Ungewissheit, ob wir mit den Herausforderungen, die der Weg mit sich bringt, fertig werden. Denn sie stellen Teile des Weges selbst dar. Mich haben in dieser Hinsicht die Worte von Chogyam Trungpa bestärkt, einem tibetischen Lehrer, der einmal gefragt wurde, wie er es geschafft habe, der chinesischen Invasion zu entkommen. Er war über den verschneiten Himalaya gezogen, ohne viel Vorbereitung, Verpflegung oder Sicherheit in Bezug auf die Route oder den Ausgang des Unternehmens. Seine Erwiderung war kurz: >Ich habe einen Fuß vor den anderen gesetzt.<« Das Buch schien vielversprechend zu sein. Ohne seine Lektüre zu unterbrechen, ließ Roberto nebenbei einige Stücke Pizza vom Kühlschrank in die Mikrowelle wandern, öffnete eine Bierdose und ging zum Schreibtisch, wo er sich aus der untersten Schublade einen linierten Schreibblock und aus der mittleren einen Bleistift 2B holte, um rasche Notizen machen zu können. Je mehr er las, desto mehr freute er sich: Schon lange hatte ihn keine Lektüre mehr so gefesselt. Lag es am Thema? An dem interessant aufgemachten Buch ? Der außergewöhnlichen Situation? Seinen Phantasien über Laura? Oder an einer Mischung aus allem? Er las Dem Herzen folgen in einem Rutsch bis zum Ende, wo Welwood sagt: »Je tiefer und leidenschaftlicher zwei Menschen einander lieben, desto größer wird ihre Sorge um den Zustand der Welt sein, in der sie leben. Sie werden ihre Verbundenheit mit der Erde und das hingebungsvolle Verlangen spüren, für diese Welt und für all die empfindenden Wesen zu sorgen, die ihrer Fürsorge bedürfen.« Irgendwann einmal hatte Roberto mit dem Gedanken gespielt, Psychologie zu studieren. Aus einer anderen Ecke tauchte diese Phantasie nun wieder auf, diesmal jedoch mit dem von der Welwood-Lektüre inspirierten Wunsch, anderen nützlich zu sein - eine Empfindung, die, wie Roberto rasch selbst bemerkte, ihm bisher eher fremd war. Die ganze Woche verging mit Lesen. Auf Welwood folgten Berne, Perls und Buscaglia. Danach Schnake (überraschend), Abadi und Prater (von denen er Jahre zuvor schon einmal etwas gelesen hatte), anschließend Sinay und Rojas und schließlich Bradshaw, den er sich intuitiv bis zuletzt aufgehoben hatte. Das Lesen strengte ihn an (dieser Ratgeber zur Selbsthilfe kam ihm allzu amerikanisch daher!), doch war, was Bradshaw aufzeigte, so beeindruckend, dass Roberto sich auf seine Gedankengänge einließ. Als er dort angelangt war, wo der Autor vorschlägt, man solle ein Märchen schreiben, das die eigene Kindheit widerspiegelt, setzte sich Roberto an den Computer und verfasste ohne Unterbrechung folgenden Text: »Es war einmal, in einem sehr entlegenen Königreich, ein Prinz namens Egroj. Der Prinz war zu einem Zeitpunkt gezeugt worden, als sich das Leben seiner Eltern sehr schwierig gestaltete. Kaum hatte er als Erstgeborener das Licht der Welt erblickt, musste der König in den Krieg ziehen, um sein Volk vor den Angriffen feindlicher Königreiche zu schützen. Über Jahre hinweg beschränkte sich das, was der Prinz von ihm erfuhr, auf die kurzen Botschaften, die Kuriere überbrachten und die die Mutter an ihn weitergab. Und freilich musste sich die Königin, solange der König abwesend war, um die Regierungsangelegenheiten kümmern, so dass auch sie keine Zeit hatte, mit dem Prinzen zu spielen. Zwar besaß Egroj die teuersten und erlesensten Spielsachen, doch litt er darunter, dass er niemanden hatte, mit dem er hätte spielen können. Und so wuchs der Prinz heran, einsam und schweigsam. Einen Großteil des Tages verbrachte er damit, aus dem Fenster zu sehen. Sein Blick war stets auf jenen Punkt gerichtet, wo die Palaststraße hinter einer Baumgruppe verschwand. Er stellte sich vor, wie zwischen den Bäumen plötzlich die königlichen Fahnen und Standarten hervorbrachen. Wie das 45

begeisterte Volk herankam, um das königliche Heer zu begrüßen und die siegreiche Heimkehr seiner geliebten Söhne zu feiern. Er stellte sich vor, wie er selbst von seinem Fenster aus den König begrüßte und feurig das Ende des Krieges beklatschte - das ihm Vater und Mutter zurückgeben würde. Jeden Abend, wenn die Sonne unterging, liefen über Egrojs Wangen einige Tränen, die er mit ins Bett nahm und jede Nacht an seinem Kissen trocknete.« Auf Bradshaws Vorschlag, man solle nun dem Märchen ein Ende geben, fügte Roberto hinzu: »So verging die Zeit, bis eines Tages die Königin abdankte. Der Prinz hatte keine andere Wahl, als sich auf den Thron seines Vaters zu setzen und zu regieren. Bis ans Ende seiner Tage regierte er mit Gerechtigkeit und Güte. Von der Gewohnheit, aus dem Fenster auf die Baumgruppe zu sehen, ließ er niemals ab. An seine Regentschaft erinnerte man sich später vor allem deshalb, weil der König offensichtlich von einer Leidenschaft besessen war: Ständig und überall ließ er Brücken und Wege bauen.« Das genau hatte er immer versucht: Wege, Brücken, Straßen zu bauen, damit die bedingungslose Zuneigung, die er suchte, endlich bei seinem Herzen anlangen konnte. Auch er hatte, vorsichtshalber, niemals die Gewohnheit aufgegeben, ständig hoffnungsvoll den Horizont abzusuchen. In gewisser Weise war die Beziehung zu Laura eine neue Brücke. Dieses Mal handelte es sich um eine Brücke über die Realität hinweg, eine kybernetische, virtuelle Brücke - hin zu Laura. Plötzlich fiel Roberto auf, dass er sich die ganze Woche über, zwischen Arbeit und Lektüre, nicht eine Minute Zeit genommen hatte, um seine E-Mails abzurufen. Er speicherte das Märchen unter »Egroj« ab und öffnete im Textprogramm eine neue leere Seite. Liebe Laura, Du hast mich dazu gebracht, erneut Bradshaw zu lesen, und von Deinen Entwürfen angeregt, bat ich neulich einen meiner Patienten, seine Kindheit in der Form eines Märchens wiederzugeben. So kam jener Text zustande, den ich Dir jetzt zusende. Lass mich wissen, wie er Dir gefällt. Küsse Fredy Anschließend öffnete er seinen Postausgang, markierte die Nachricht aus dem Textprogramm und zog sie in das Fenster, das sich auftat, nachdem er auf »Neue E-Mail« geklickt hatte. Dann ging er auf »Einfügen«, suchte im Speicher nach dem Dokument mit dem Titel »Egroj« und hängte den Text seiner E-Mail an. Nach einem weiteren Klick auf »Senden Empfangen« ertönte ein Klingelton, und der Rechner teilte mit, dass die Nachricht gesendet werde. Anschließend tat der Computer kund: Hallo, rofrago. Sie haben vier (4) neue Nachrichten erhalten. Er suchte mit der Maus nach der von Laura und rief mit einem Doppelklick den Betreff »Die Bedürfnisse akzeptieren« auf. Fredy: Die Unstimmigkeit zwischen uns hat mich nachdenklich gemacht. Manchmal fällt es mir schwer, mir darüber klarzuwerden, was ich wirklich brauche. Und das schlimmste ist, dass mich die Erfahrung ein ums andere Mal darin bestätigt, dass ich dann zu guten Resultaten gelange, wenn ich mit mir selbst in Kontakt bleibe und ein Bedürfnis in eine Handlung, Suche, Bitte oder was auch immer umsetze. 46

Aber was soll das Ganze? Warum dieses verhasste Versteckspiel? Vielleicht sollten wir in einem Teil des Buches erläutern, wie es dazu kommt, dass der Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen unterbrochen ist. Mir gefällt die Erklärung, die Du in Cleveland an einem Fallbeispiel illustriert hast: Wenn wir als Kinder feststellen, dass unsere Eltern negativ reagieren, sobald wir mehr Zuneigung, emotionalen Halt oder Präsenz von ihnen fordern, lernen wir, unsere Bedürfnisse zu verstecken. Das ist kein Vorwurf gegen die Eltern. Vielleicht können sie uns nicht geben, was wir brauchen - weil sie über die entsprechende Fähigkeit einfach nicht verfügen, auch für sich selbst nicht. In jedem Fall richten wir uns von diesem Moment an darauf ein, unsere Bedürfnisse zu übergehen, um mit Hilfe dieser Strategie den Schmerz der Enttäuschung zu mindern. Über Jahre hinweg wenden wir diese Überlebenstechnik an: bloß nicht unsere Bedürfnisse zu spüren. Und vielleicht halten wir diese Lebensweise eines Tages für die uns gemäße. Dann handelt es sich nicht mehr um eine Strategie, sondern um einen Teil unserer Persönlichkeit. Ich brauche gar nichts, ich komme allein zurecht. Wir sind ganz auf dieses Muster fixiert und vergessen, was wir in Wirklichkeit sind, was uns wahrhaft Freude, Frieden und Wonne bereitet. In diesem Moment tritt dann das auf den Plan, was Erich Fromm in seinem Buch Haben oder Sein darlegt: dass wir glauben, ein neues Auto, ein luxuriöseres Haus, das modischste Parfüm oder ein gut gefülltes Konto könnten uns glücklich machen. Die Konsumgesellschaft verkauft uns die Vorstellung, dass Haben die Tür zum Glück sei; einkaufen, ausgeben, tauschen dienen als Schlüsselwörter. Sind diese Begriffe erst einmal in unserem Anschauungssystem konfiguriert, wird es ein leichtes sein, mit ihrer Hilfe unser Verhalten zu manipulieren. Sobald wir jedoch das Gewünschte erstanden haben, werden wir feststellen, dass »dies« zu haben nicht ausreicht, und sehr bald wird uns die Werbung etwas anderes anpreisen, so dass wir auf jenem Weg weitersuchen - auf dem falschen Weg. Es sollte der Tag kommen, an dem wir innehalten und erkennen, dass es sich um einen Irrweg handelt. Von da an richtet sich die Suche auf unser Inneres, wir beginnen wieder in uns hineinzuhorchen. Aber so einfach ist das nicht. Wir haben vergessen, wie das geht, und häufig werden wir einen anderen bitten müssen, uns bei der Rückkehr zu uns selbst behilflich zu sein, uns dazu anzuspornen, das kindliche Wissen wiederzuerlangen, über das wir verfügt haben, als wir noch unentwegt lachen und spielen konnten. Darum muss es in unserem Beratungskonzept im Grunde gehen: Es soll unseren Lesern einen Anreiz dazu bieten, sich der Herausforderung zu stellen und sich selbst zurückzuerobern; einen Weg ausfindig zu machen, auf dem sich das Selbst äußern und in der Beziehung zu anderen zu erkennen geben darf. Wir werden darlegen müssen, wie wichtig es ist, in sich hineinzuhorchen, Rücksicht auf sich selbst zu nehmen, sich zu beobachten - und an der Seite der geliebten Person all das zu tun, was unsere Eltern nicht fertiggebracht haben. Das wesentliche Problem besteht darin, dass es sehr schmerzhaft ist, wenn man ein Bedürfnis verspürt und es nicht befriedigen kann. Keiner mag diesen Schmerz. Aber nur über diesen Schmerz gelange ich zu meinen wahren Bedürfnissen, und erst wenn ich diese entdeckt habe, werde ich sie auch befriedigen können. Denn solange wir uns dagegen sperren, unsere Verletzlichkeit zu empfinden, werden wir uns immer mehr verhärten und von der Möglichkeit, unsere Bedürfnisse zu ergründen, entfernen. Zudem verschließen wir uns dadurch auch der Fähigkeit, etwas entgegenzunehmen. Wir müssen uns darüber klarwerden, dass uns die Strategie des Nicht-Fühlens in der Kindheit nützlich war; wahrscheinlich war es intelligenter, ein Bedürfnis erst gar nicht zu verspüren, wenn es doch ohnehin nicht befriedigt werden konnte. Aber als Erwachsene können wir für die eigene Bedürfnisbefriedigung sorgen oder uns die geeigneten Personen dafür suchen. Wir sind nicht mehr von unseren Eltern abhängig. Eine Deiner E-Mails hast Du mit einem wundervollen Satz beendet: »Wir sind verletzlich, aber nicht schwach. Viele von uns sind sich dessen jedoch nicht bewusst.« Intimität lässt sich nicht auf der Grundlage von Strategien herstellen. Sie verhindern das Fühlen. Eventuell können wir dank ihrer unsere Ziele erreichen: uns daran vergnügen, den anderen zu beherrschen oder zu erobern, oder ihn zumindest auf uns aufmerksam zu machen. Mit der wahrhaften Begegnung, mit Intimität und Liebe, hat dies jedoch nichts zu tun. 47

Wir müssen in unserer Beziehung dem Schmerz und der Verwirrung Raum geben, die sich immer dann einstellen, wenn wir auf unsere Strategien verzichten. Das ist der Weg nach Hause, zur Begegnung mit dem anderen Menschen, zur Liebe. Ob Du damit wohl einverstanden bist? Laura Wie sollte er damit nicht einverstanden sein? Laura sprach in seiner Sprache, gab seinen Vorstellungen, wo nicht gar seinen Gefühlen Ausdruck. Sie fand Worte für das, was auszusprechen er bislang nicht gelernt hatte. Seine Bedürfnisse kannte er: Er sehnte sich nach einer Person, die in der Lage wäre, mit ihm gemeinsam den Rückweg nach Hause zu gestalten. War es nicht verblüffend, dass ihre E-Mail mit diesem Vorschlag endete, wo er ihr doch gerade ein Märchen gesandt hatte, in dem ein Prinz Wege baut, um zu denen zu gelangen, die er liebt?

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KAPITEL 8

gelöscht hatte. Sie enthielten wahrscheinlich Informationen darüber, wie es zu der Idee des schriftlichen Gedankenaustauschs gekommen war; mit ihrer Hilfe wäre das Spiel, weiterhin als Fredy aufzutreten, weniger riskant. Er überlegte, ob er Laura wohl um eine Kopie all jener E-Mails bitten könnte. Anscheinend war Fredy ja hinreichend zerstreut, so dass man ihm den Verlust der früheren Schreiben durchaus zutrauen konnte. Es bot sich also an, Laura, die sie mit Sicherheit ordentlich archiviert hatte, darum zu bitten. Laura, zu Deiner Mail: Wer könnte damit nicht einverstanden sein? Mir hat Deine Beschreibung des neurotischen Defensiverhaltens, mit dem wir unsere Bedürfnisse und Gefühle zu kaschieren pflegen, sehr gut gefallen. Während ich den Text las, dachte ich, dass mir - wüsste ich nichts über Paare und Therapien - die Klarheit Deiner Argumentation sehr nützlich sein würde. Tatsächlich war ich gerade im Begriff, die E-Mails durchs zusehen, um mich darüber zu freuen, was schon alles schriftlich vorliegt, als ich zu meinem großen Ärger bemerkte, dass mir offenbar versehentlich die ersten Nachrichten, die wir ausgetauscht haben, verlorengegangen sind. Könntest Du mir eine Kopie davon zusenden? Ich hätte sie gerne zur Hand (und verspreche, sie auch nicht wieder zu verlieren). Jetzt nutze ich die Gelegenheit, Dich noch folgendes zu fragen: Von einem Kollegen aus Spanien, der uns in Cleveland gehört hat, erhielt ich einen Brief, in dem er um eine paartherapeutische Literaturliste bittet. Er kennt Welwoods Dem Herzen folgen sowie alles, was auf Spanisch, Englisch und Deutsch von Perls und Bradshaw vorliegt. Welche Bücher würdest Du zusätzlich empfehlen? Ich bin weiterhin der festen Überzeugung, dass unser Buch hervorragend wird. Antworte mir bald. Es küsst Dich Fredy PS: Was hältst Du von dem Märchen meines Patienten? Roberto vertiefte sich erneut in die Lektüre der Bücher und stellte Verbindungen zu dem her, was er aus den letzten Briefen gelernt hatte. Eine ganze Woche lang erhielt er keine Antwort - was ihn jedoch nicht weiter beunruhigte. Am Sonntagabend erreichte ihn eine 140 KB große E-Mail mit dem Titel »Eine langjährige Geschichte«. Fredy, unter dem Vorwand, Dir eine Kopie unserer frühen Korrespondenz zu erstellen, habe ich selbst noch einmal alles gelesen, was wir uns seit 14 Monaten schreiben. (Ist Dir klar, dass mittlerweile schon mehr als ein Jahr vergangen ist?) Ich habe es so genossen! Bisweilen klingt manches dermaßen naiv, dass es mir schwerfiel zu glauben, dies alles stamme aus Deiner und meiner Feder. Anfangs hast Du mich immer noch als Frau Dr. Laura Jorsyl angeredet. Die erste E-Mail schicktest Du mir von Deinem Rückflug nach Buenos Aires, nachdem wir uns kurz zuvor in den USA voneinander verabschiedet hatten. Du flogst gemeinsam mit unserem Freund Eduardo nach Hause, während ich nach New York reiste. Erinnerst Du Dich?

B

eim Wiederlesen der Briefe, die er vor Monaten erhalten hatte, ärgerte er sich erneut darüber, dass er die allerersten

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»Frau Dr. Laura Jorsyl, wie schön war unser Zusammentreffen auf dem Kongress! Die Idee, weiterhin zusammen zu arbeiten und zu schreiben hat mich bis um drei Uhr morgens nicht einschlafen lassen. Du weißt - ich hoffe jedenfalls, dass Du es weißt -, wie sehr ich Deine Arbeit und Dein Fachwissen schätze. Als Du mir sagtest, dass auch Du Dich schon einige Zeit mit der Idee herumschlägst, ein Buch über Paare zu schreiben, war ich wie elektrisiert. Während ich dies schreibe, schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass unsere Beziehung in gewisser Weise die Geschichte und die Schwierigkeiten eines jeden Paares reproduziert. Vielleicht ist die Entstehung eines therapeutischen Paares nur eine Variante der Entstehung oder, wie wir es in unserem Vortrag bezeichnet haben, der Konstruktion jeder Paarbindung. Anfangs haben mich unsere Gemeinsamkeiten angezogen, und der Gedanke, unsere Fähigkeiten miteinander zu teilen, begeistert mich. Gleichwohl werden sich, wir beide wissen dies, die Unterschiede schon bald bemerkbar machen. Bei Paaren geht dieses Gefühl, auf gleicher Wellenlänge zu sein, entweder in Verliebtheit oder in Abneigung über. Wie wird das zwischen uns werden? Was wird geschehen, wenn die Unterschiede zwischen uns Konturen annehmen? Werden wir dazu in der Lage sein, diese Differenzen in einen Sesam-öffne-dich umzumünzen, der die Pforte zu Deiner und meiner Persönlichkeitsentfaltung aufschließt? Ich weiß es nicht. Im Augenblick, Laura, erscheint mir die Idee, gemeinsam zu arbeiten und zu schreiben, dermaßen attraktiv, dass ich erst einmal im Stadium der Verliebtheit verharren möchte - ich bin verliebt in diese Idee, dieses Projekt, in die Vorstellung, wie diese Begegnung mein persönliches und mein berufliches Leben bereichern kann. Das Flugzeug macht sich zur Landung bereit, und der Kapitän hat gerade durchgegeben, dass alle elektronischen Geräte vor der Landung ausgeschaltet werden müssen. Voller Dankbarkeit, dass Du mich zu diesem gemeinsamen Vortrag nach Cleveland eingeladen hast, sende ich Dir Küsse Fredy« Kaum hatte ich die E-Mail erhalten, habe ich Dir geantwortet. »Lieber Fredy, ich bin noch so erfüllt von all dem, was auf dem Kongress passiert ist! Es hat mir große Freude bereitet, dass Du gekommen bist. Die Präsentation unserer Arbeit war wie ein Paartanz. Mal tratest Du hervor, um zu antworten, mal ich - ohne dass wir alles miteinander abgesprochen hätten. Vieles ergab sich wie von selbst, ohne bewusste Planung. Manchmal erschreckt mich der Gedanke, dass wir doch so unterschiedlich sind, aber sobald wir zusammen arbeiten, harmonieren wir unglaublich gut miteinander. Ich bin von dem Buchprojekt völlig hingerissen. Ich empfinde es als ein großes Abenteuer, das uns beide und vielleicht auch unsere Leser verändern kann. Wie groß meine Begeisterung ist, kannst Du daran ablesen, dass ich hier mitten in New York bin und dennoch mehr Lust dazu hatte, im Hotel zu bleiben und auf Deine E-Mail zu antworten, als auszugehen. Mein Zimmer hat einen sensationellen Ausblick auf den Hudson. Ich könnte den ganzen Tag damit verbringen, in Ruhe zu schreiben und aufs Wasser zu schauen. Bei Deinen Worten, Du seist in die Buchidee verliebt, geht mir das Herz auf. Du hast einmal zu mir gesagt, Worte können jemanden verwandeln. Das stimmt. Ich empfinde es beim Lesen Deiner E-Mail, und deshalb schreibe ich Dir prompt: damit Du an meinen Gefühlen teilhast. Wir beide wissen, dass Verliebtheit nicht lange anhält, wir sagen es den Paaren, die zu uns in Behandlung kommen, immer wieder. Danach beginnen die Schwierigkeiten. Aber ich bin fest entschlossen, sie zu überwinden. Jedesmal, wenn wir uns in etwas verstricken, finden wir auch einen Ausweg. Vielleicht sollten wir unseren Lesern erklären, dass uns das gleiche passiert wie anderen Paaren auch und dass es sehr schmerzlich ist, wenn man sich nicht versteht. Hat man die schwierige Situation aber durchgestanden, ist die Beziehung umso stabiler, und wir entwickeln uns beide weiter. 50

Ich pflege Probleme direkt aufzugreifen. Du schlüpfst gern in die sympathischere und attraktivere Rolle des Gelassenen, während ich auf den Konflikt zusteuere. Aber das ist okay, so ergänzen wir uns. Bei unseren gemeinsamen Auftritten sagst Du dasselbe wie ich, häufig allerdings auf unterhaltsamere Weise, so dass die Leute es besser verstehen. Es kommt jedoch auch vor - und dies sollten wir nicht unerwähnt lassen -, dass wir uns im Negativen verstärken. Bislang haben wir zum Glück noch immer Auswege aus solchen Krisen gefunden. Meine neurotische Schwäche liegt darin, dass ich alles auf einmal will. So werde ich ungeduldig und sitze Dir im Nacken. Du hingegen gehst dann auf Abstand, was meinen Zustand nur noch verschlimmert. Ich verlange immer mehr, und Du distanzierst Dich immer stärker. Wenn ich mir dessen bewusst werde und von Dir ablassen kann, suchst Du den Kontakt. Ich beruhige mich etwas, Du rückst näher, ich bin noch mehr besänftigt - und schließlich läuft alles wieder flott und reibungslos. Auf dem Weg zum Kongress hätte ich mir nicht vorstellen können, dass wir so viel Unterstützung erhalten würden. Als sie Dich baten, den Kongress mit dem Märchen zu beschließen, auf das Du bei unserem Vortrag eingegangen warst, konnte ich es kaum fassen. Und als ich Dich, nachdem Du Dein Märchen auf Englisch erzählt hattest, vor den fünfhundert Zuhörern aus aller Welt stehen sah, die Dir bewegt Beifall spendeten, überliefen mich Schauer. >Dieser Typ existiert nicht wirklich<, dachte ich. Küsse Laura« Der nächste Brief erreichte mich, kurz bevor ich nach Argentinien zurückkehrte. »Wie ich Dich beneide, Jorsyl! Nun bin ich schon in Buenos Aires, und es herrscht die übliche Junikälte. Wie gerne wäre ich noch einige Tage in den USA geblieben, um ein wenig auszuruhen; aber gut, wie Du weißt, die Patienten warten. Als am Dienstag mein erster Patient, Joaquin, eintraf, warf er mir vor, dass ich mich in dieser Jahreszeit eine ganze Woche aus dem Staub gemacht hätte. Er wiederum beneidete mich. Neid - das Thema hatten wir noch nicht. Neid ist ein wesentlicher Grund für Reibereien in der Paarbeziehung. Eigentlich wollte ich Dir eben schreiben: >Ich werde mich demnächst einmal intensiver damit befassen<, aber es ist besser, die Dinge aufzugreifen, wenn sie aktuell sind. Diese dämliche Unterscheidung zwischen >gesundem< und >ungesundem Neid< existiert für mich nicht. Ich beneide Dich, das heißt: Auch ich wäre schrecklich gern in New York. Aber ich möchte auch schrecklich gern, dass Du so lange dort bleiben kannst, wie es Dir gefällt. Genieß es und benimm Dich bloß nicht anständig. Vergiss nicht, dass wir zwar verletzlich, aber nicht unbedingt schwach sind. Küsse Fredy« Ich habe Dir sofort geantwortet. »Lieber Fredy, ich befinde mich im Flughafen, bin kurz davor, den Flieger zu besteigen, der mich nach Buenos Aires zurückbringt und freue mich auf die Rückkehr. Diese Reise hat mir sehr gut getan. Ab und an muss ich mich zurückziehen, meinen Alltag, meine Familie, meine Patienten verlassen, um dann lustvoll wieder zurückzukehren. Dazu fallen mir die Ausführungen von Bob und Rita Resnick über die verschiedenen Momente der Kontaktaufnahme ein und ihre These, dass es für das Einander begegnen wichtig ist, unsere Bedürfnisse nach Kontaktaufnahme wie nach

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Rückzug zu respektieren. Sie ergänzen dies durch etymologische Überlegungen zu dem Wort relationship, zu deutsch: Beziehung, dessen grundlegende Bedeutung >die Fähigkeit, sich neu zu begegnen< lautet. Mir bedeutet die Beziehung zu Carlos sehr viel. Wir vermissen uns und begegnen uns nach einer örtlichen Trennung aufs Neue. Ich kehre mit vielen frischen Eindrücken zurück, und dies belebt unsere Beziehung. Zu Beginn unserer Ehe tat ich mich schwer damit, wenn er sich auf Reisen begab. Drei- bis viermal im Jahr pflegt er beruflich unterwegs zu sein. Heute aber nutze ich die Gelegenheit, ein wenig Abstand zu gewinnen, damit wir anschließend wieder aufeinander zugehen können. Wie so häufig muss ich dabei an meine Mutter denken: Sie war die erste, die mir das - wie so vieles andere - begreiflich machte: Man kann sich eine Zeitlang voneinander trennen, ohne dass man aufhört, einander von ganzem Herzen zu lieben. Manchmal genehmigen sich Paare solche Trennungen nicht - aus Angst vor Isolation und Einsamkeit. Ich dagegen bin davon überzeugt, dass es sich hierbei um einen Bestandteil der Beziehung handelt. Wenn ich mir während einer Woche wie eine alleinstehende Frau vorkomme, erlebe ich mich selbst intensiver und fühle mich anschließend wie ausgetauscht und lebendiger als je zuvor. Das ist nicht immer einfach. Als ich gestern durch das Museum of Modern Art ging, hätte ich gern meine Eindrücke mit Carlos ausgetauscht. Doch auch dies ist eine interessante Erfahrung. Gestern Abend traf ich zum Essen einen amerikanischen Freund, den ich vor einem Jahr bei einem Workshop von Welwood kennengelernt habe. Entgegen Deinen unfrommen Wünschen habe ich mich trotzdem anständig benommen. Jetzt startet der Flieger. Wir sehen uns in Buenos Aires. Übrigens: Nenne mich bitte nicht Dr. Jorsyl, das klingt dermaßen distanziert und nach reiner Geschäftsverbindung. Ich möchte einfach Laura oder Lau oder L sein - wie für alle. Küsse Laura« »Laura, ich vermute, Du fliegst gerade auf Buenos Aires zu. Ich schließe die Augen und sehe Dich im Geiste schlafend auf einem Sessel in der Business Class. (Warum in der Managerklasse? Das muss damit zusammenhängen, dass ich Dich für eine >klasse< Frau halte...) Auch ich bin sehr stolz auf das, was auf dem Kongress passiert ist, und Deinen Vergleich mit einem Tanz finde ich sehr schön. Meiner Auffassung nach reicht dieses Bild noch viel weiter, alle zwischenmenschlichen Beziehungen sollten so sein. Natürlich gibt es immer solche und solche Tänze. Manche wirken harmonisch, ästhetisch und synchron; andere fremdartig und unverständlich, sofern man nicht einer der Tänzer ist. Viele sind alltäglich und stereotyp, nahezu langweilig und gewöhnlich; einige andere aber originell, kreativ und unnachahmlich. Manche sind darauf angelegt, das Publikum zu begeistern, andere, den Tänzern zu gefallen; die wenigsten, um jedermann eine Freude zu bereiten. Viele halten sich steif an die Choreographie, die der Augenblick, die Gebräuche, die Kultur vorgeben; bei anderen hingegen handelt es sich um wirklich ausdrucksvolle Improvisationen, die vermitteln, wie die Tänzer, von den Akkorden erfasst, sich jeder Bewegung hingeben, die ihr Inneres hervorbringt. Jedes Paar ist demnach wie ein Tanz. Okay, Laura, begreifen auch wir uns als Duo, als Gespann, als Team, als Paar. Demonstrieren wir mutig an uns selbst, was jedem Paar passieren kann, handele es sich nun um ein Liebespaar, zwei Freunde, Geschwister oder welche Verbindung auch immer; wir beide sind fähig, einander ohne Not zu wählen, einzig aus der Lust, etwas gemeinsam zu schaffen und das Beste eines jeden von uns zur Entfaltung zu bringen. Mich begeistert die Vorstellung, dass in dieses Unternehmen Dein Scharfsinn, Deine Geradlinigkeit, Deine Erfahrung, Deine Hingabe, Deine Lebensklugheit einfließen werden. Wenn ich nun noch das beizusteuern vermag, was Du mir zutraust, wird unser Buch über Paarbeziehungen nützlich und erhellend sein. Ich denke, das Thema gibt auch die Form vor. Wenn ich mit jemandem etwas gemeinsam schreiben will, kann ich nicht vorab alles allein in meinem Kopf konzipieren. Meine erzählenden Texte »flössen« mir zwar quasi aus der Feder, und an 52

den Schreibvorgang kann ich mich kaum mehr erinnern; aber ansonsten fällt mir Schreiben eher schwer. Deshalb habe ich auch sofort Gegenargumente bei der Hand, sobald mir jemand anträgt, über diesen oder jenen Gegenstand müsse man unbedingt schreiben. Jeder meiner Aufsätze hat mich Wochen und Monate gekostet - es brauchte eine Unmenge Zeit, bis die Sätze aus meinem Inneren endlich ihren Niederschlag auf dem Bildschirm gefunden hatten. Was also muss ich tun, wenn ich mit Dir dieses Buch gemeinsam verfassen will? Fürs erste halte ich es für das beste, wenn wir uns weiter auf elektronischem Wege austauschen. Vielleicht fällt uns ja noch was ein, was meinst Du? Antworte mir bald. Küsse Fredy« »Fredy, ich möchte mit Dir über das Paar sprechen, das Du zu mir geschickt hast. Er legte dar, er wolle allein sein. Seit langem schon zwingt er sich ein bestimmtes Verhalten auf, damit sie sich nicht ärgert. Sie benimmt sich wie eine Mutter, die ihm sagt, was er zu tun hat, und er sucht ständig ihre Zustimmung. Nun ist er an einem Punkt angelangt, an dem er sich elend fühlt und die Trennung möchte. Das Problem liegt darin, dass er nicht sagen kann: >Das bin ich, so geht es mir, das möchte ich.< Er kann sich nicht artikulieren und zieht sich emotional zurück. Sie ihrerseits wird immer fordernder und verzweifelt – was ihn wiederum erschreckt und noch introvertierter werden lässt. In der Therapie muss er dabei unterstützt werden, seine Empfindungen zu versprachlichen. Wenn ich, um mit jemandem zusammenzusein, darauf verzichten muss, ich selbst zu sein, kann das nicht gut gehen. Hier fehlt eine Grundvoraussetzung für die Paarbindung. Da es ihm sehr schwerfällt, über sich zu sprechen, gebe ich ihm Hilfestellung, damit er die Angst vor ihr verliert und es sich erlaubt, seine Bedürfnisse zu artikulieren. Er steckt voller Wut darüber, dass er sich so lange unterworfen hat. In der Therapie soll er lernen, dieser Wut Ausdruck zu verleihen; und womöglich schafft dies neuen Raum für die Liebe. Die Arbeit mit ihr wird darin bestehen, dass sie sich mit sich selbst vertraut macht. Deshalb soll sie alleine kommen. Sie sieht ihn mit fordernden Augen an, erwartet eine Antwort, und er nimmt sich zurück. Sie fixiert ihn unablässig, in der Hoffnung, er möge etwas sagen, und er fühlt sich in die Enge getrieben und schweigt. Wenn sie lernen würde, sich auf sich selbst zu konzentrieren, fühlte er sich weniger bedrängt. Das Positive ist, dass er gern kommt. Ich frage ihn in jeder Sitzung, ob er wiederkommen möchte, damit er die Verantwortung für die Begegnung übernimmt und sich nicht unter Druck gesetzt fühlt. In der letzten Sitzung sprachen wir über ihre Beziehungsstruktur. Beide stimmten meiner Beschreibung zu, sahen aber keinen Ausweg daraus. Er hat Angst vor ihr, deshalb unterwirft er sich. Viele Männer ordnen sich aus Angst den Frauen unter und ziehen sich dann emotional zurück. Entsprechend muss die Therapie sie darin bestärken, sich mit der Frau auseinanderzusetzen, statt sich zu fügen oder zu fliehen. Welwood zufolge fehlt vielen Männern ein Verhaltensmodell dafür, den Klauen der Mütter zu entkommen, und so wiederholen sie diese Situation in ihren Beziehungen. In der Therapie sollen sie lernen, sich zu konfrontieren, und begreifen, dass beides zugleich möglich ist: man selbst und zugleich mit einer Frau zusammenzusein. Das Problem liegt also in der Alternative, die dem Individuum suggeriert: Um ich selbst zu sein, muss ich allein sein; wenn ich eine Beziehung haben möchte, muss ich mich unterwerfen. Auf welchem Weg aber kann ich beides zugleich erlangen? Wenn die Männer spüren, dass sie mit einer Frau nicht zurechtkommen, flüchten sie, ziehen sich emotional oder physisch zurück und brechen den Kontakt zu ihr ab. Dies verletzt, sie wird daher fordernder und beschwert sich, woraufhin der Mann sich noch mehr entzieht - ein Teufelskreis, in dem sich die beiden immer weiter voneinander entfernen.

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Ein Beispiel: Jüngst erzählte er in einer Sitzung, er habe Lust gehabt, mit ihr essen zu gehen und sich zu amüsieren. Und als er sie anrief, um sie einzuladen, begann sie ihm zu berichten, dass ihre Mutter ihrer Tante erzählt habe, sie, die Tochter, umsorge ihn nicht gut, und was meinst du dazu etc., etc. In diesem Moment blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr recht zu geben, obwohl ihn das Thema nicht im Geringsten interessierte. Schließlich hängte er ein und traf sich nicht mit ihr. Als sie in die Sitzung kamen, erläuterte er mir, was in ihm vorgegangen war. Ich fragte ihn: >Was wäre geschehen, wenn du ihr gesagt hättest, dass du zwar dazu Lust hast, mit ihr zusammenzusein, aber nicht über dieses Thema zu reden? Wenn du sie darum gebeten hattest, dieses Thema auf einen anderen Zeitpunkt zu verschieben?< Er antwortete: >Das habe ich mich nicht getraut.< Dann fragte ich sie, wie sie wohl auf eine solche Antwort reagiert hätte, und sie sagte: >Mich hätte es gefreut, wenn du mir die Hand gereicht hättest, damit wir das Thema hätten beenden und statt dessen eine schöne Nacht miteinander verbringen können.< Die therapeutische Arbeit besteht meiner Ansicht nach darin, die Männer dazu zu befähigen, dass sie den Frauen sagen, was in ihnen vorgeht, insbesondere in Konfrontation mit ihnen. Eine Frau schätzt es sehr, wenn sich der Mann öffnet, statt zu flüchten - genauso wie ein Mann einer Frau dafür dankbar ist, wenn sie sich ihrerseits öffnet, anstatt ihm zu sagen, wie er zu handeln oder zu sein hat. Ich würde gerne Deine Meinung dazu wissen, zumal Du die beiden ja kennst. Die von Dir angekündigte Mail habe ich nicht erhalten. Schicke sie mir noch einmal, ich verspreche Dir, umgehend zu antworten. Laura« »Hallo Laura, hier bin ich, diesmal habe ich den Flieger, der mich nach Buenos Aires zurückbringt, gerade erst bestiegen. Ich finde Spanien bei jedem Besuch schöner. Die Präsentation meiner Arbeit in Granada hat mich sehr aufgewühlt; aber ich bin trotzdem mit Dir und Argentinien innerlich in Kontakt geblieben, denn ich habe mir in einem Interview erlaubt, eine spätere Veröffentlichung unseres Buches über Paare in Spanien anzukündigen (was hältst Du davon?). Zuweilen fühle ich mich in Andalusien wie zu Hause, in anderen Momenten aber habe ich den Eindruck, mich nicht nur in einem anderen Land, sondern in einer anderen Welt zu befinden. Vielleicht hängt es mit den vierzig Jahren Franquismus zusammen oder mehr noch mit den vierzig Jahren Psychologisierung in Argentinien, jedenfalls haben sich die Spanier und wir in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelt. So erstaunt mich immer wieder der Grad der sexuellen Unterdrückung bis in die jüngste Vergangenheit. Meine Feststellung bezieht sich nicht auf kosmopolitische Städte wie Madrid oder Barcelona, wohl aber auf die Spanier der übrigen Halbinsel, sofern sie vor den fünfziger Jahren geboren sind - und ich rede eher von den Spaniern als von den Spanierinnen. Das Tabu äußert sich bei einigen in Worten, die wir in Argentinien so gut wie nie hören, höchstens noch aus dem Mund irgendeiner anachronistischen Großmutter oder eines exaltierten pseudochristlichen Sektenpredigers. Sexuelle Phantasien gehen beispielsweise mit einem enormen Schuldgefühl einher, und die selbstauferlegte Strafe besteht in der Gewissheit, verdammt zu werden (selbstverständlich zur Hölle). Im inneren Dialog dieser Männer sagt das Bewusstsein nicht: >Das ist schlecht, tu's nicht.< Es kennt nur Verurteilungen: >Du wirst in der Hölle schmoren! Deine Seele und Deine Nachkommenschaft werden verdammt sein!< (Und zwar nur wegen schlechter Gedanken.) Anlass für diesen Vergleich war, dass ich mit einigen Kollegen über unser Buch gesprochen habe, vor allem mit Julia Atanasopulo (einer Psychologin, die das Zentrum für Gestalttherapie in Granada gegründet hat). Unsere Thesen und unser ganzes Konzept sowie das von Welwood verblüfften sie zunächst und begeisterten sie recht bald. In gewisser Weise glauben die Spanier persönlich und beruflich noch an das ideale Paar, die unentwegte Lust und den Zustand dauernder Verliebtheit. Sie suchen nach diesem Ideal, klagen es ein, verordnen es oder resignieren. Nach einer Woche kam Carmen, meine Frau, ebenfalls nach Granada, um ein paar Tage mit uns dort zu verbringen und anschließend mit mir nach Buenos Aires zurückzukehren. Seit drei Jahren hatten wir uns nicht mehr gemeinsam mit Julia und Quique, ihrem Mann, getroffen. Carmen war wundervoll. Sie hatte zunächst drei Tage bei Freunden in Madrid verbracht und war dann nach Granada gereist.

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Julia fragte mich: >Sag mal, Carmen und dir, geht es euch gut?< Ich antwortete: >Ja, hervorragende - Wirklich?< fragte sie erneut. >Ja<, beteuerte ich, >wieso?< - >Ich nehme euch als sehr distanziert wahr.< - >Als distanziert ?< hakte ich nach. >Ja: als kalt, unabhängig, seltsame Ich antwortete nicht, aber es machte mich nachdenklich. In gewisser Weise ist es richtig: Carmen und ich haben uns seit dem letzten Mal, als wir alle zusammentrafen, enorm weiterentwickelt - wenn auch auf sehr unterschiedliche Art. Carmen war wieder einmal der Motor für meine eigene Persönlichkeitsentfaltung. Wenn ich zurückschaue, sehe ich, wie ich selbst vor Jahren war: dermaßen abhängig, verschroben, unentschieden und folglich fordernd. In einem Cafe in Ramos wurde Carmen damals sehr ernst, und wie jemand, der eine schlechte Nachricht zu verkünden hat, sagte sie mir: >Ich möchte ein Universitätsstudium beginnend Ich muss gestehen, zunächst empfand ich diese Erklärung als sehr banal. >Ach, ja?< antwortete ich mürrisch. >Ja<, sagte Carmen, >ich möchte Psychologie studieren.< - >Na gut<, antwortete ich. Und ein ausgesprochen atavistischer Kloß saß mir im Hals. Tausend Selbstvorwürfe angefangen bei >töricht< und >dumm< bis hin zu >chauvinistisch<, >reaktionär< und >faschistisch< - blieben unausgesprochen, während mein Mund ergänzte: >Bist du dir sicher?< - >Ärgert dich das?< fragte Carmen, die die Antwort kannte. >Ja<, sagte ich. Während der nächsten 48 Stunden konnten wir nicht weiter miteinander reden. Carmen versuchte sich mir zu nähern und das Thema anzusprechen, aber ich ging ihr aus dem Weg. Ich, der vermeintlich aufgeklärte Therapeut, Paarberater und Fachmann für psychische Gesundheit, wusste nicht, was aus mir werden sollte. Heute, während ich dies schreibe, schäme ich mich, aber so war es. Über Jahre hinweg hatte sich Carmen um alles gekümmert, nur nicht um meine Arbeit. Zwanzig Jahre lang hatte sie allen Verwaltungskram, den Haushalt, die Steuern, die Erziehung der Kinder, die Handwerker, die Ferien, die Kleidung, die Einladungen und die Familienpolitik gemanagt. Und jetzt wusste ich, es würde alles anders werden. Ich hatte immer mit einem Freund plaudern und ein Essen, ein Treffen außer Haus oder eine Reise verabreden und damit rechnen können, Carmen würde nichts dagegen haben. Und plötzlich war Schluss damit. Das versetzte mir einen Schlag. Und machte mich sehr ärgerlich. Und sehr traurig. Nach einer Woche redeten wir schließlich miteinander. Ich war noch immer ziemlich aufgewühlt. Ich musste die ganze Zeit an meinen Patienten Juan Carlos denken, dessen Frau ihm offenbart hatte, sie wolle wieder arbeiten gehen. Er hatte ihr geantwortet: Warum? Woran fehlt es dir? Wieso musst du außer Haus arbeiten gehen?< Und in der Beratung hatte er dann erklärt, es sei ihm schleierhaft, wieso seine Gefährtin mit der Rolle der Ehefrau allein nicht zufrieden sei. War ich emotional genauso gepolt? Die Zeit bewies, dass dem nicht so war. Und wieder einmal verhalf mir Carmen dazu, mich von meinen finstersten Eigenschaften zu befreien. Man kann die Beziehung zu der geliebten Person auf vielfältige Weise leben. >Jedes Paar inszeniert seinen eigenen Zirkus<, wie Du zu sagen pflegst. Ich habe gelernt, in dieser anderen Paarkonstellation zu leben und dabei einiges zu genießen, was längst vergessen schien, wie etwa allein zu reisen. Ich empfinde es als Erleichterung, nicht überallhin die Partnerin mitnehmen zu müssen, und ich beschwere mich nicht länger darüber, dass ich mich nicht mehr mit all meinem Gewicht auf Carmen stützen kann. Richtig ist allerdings: Seither sind drei Jahre vergangen, und ab und zu vermisse ich sie noch, sehne mich nach der Carmen, die sie einmal war - und die mir trotz allem nicht meine Entscheidungen würde abnehmen können. Danke, dass Du mir zugehört hast. Fredy« »Lieber Fredy, ich habe in diesen Wochen über vieles nachgedacht, wusste aber nicht so recht, wie mich Dir mitteilen. Vor allem anderen will ich Dich darüber informieren, dass wir einen Brief von den Kongressorganisatoren aus Cleveland erhalten haben, in dem diese uns zur Evaluation unseres Vortrags gratulieren. Die Teilnehmer sollten uns auf einer Skala von 1 bis 5 bewerten, und wir erhielten 4,8! Stell Dir vor!

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Nebenbei laden sie uns dazu ein, unsere Arbeit im Gestalt Journal zu veröffentlichen. Ich habe ihnen bereits mitgeteilt, dass wir daran interessiert sind, und versprochen, ihnen bis zum 15. Oktober den Text zu schicken. Wie schön, dass das Buch auch in Spanien erscheinen soll! Den Kontakt zu Dir wiederaufzunehmen spornt sofort meine Schreiblust an. Auch gingen mir Deine Ausführungen über Deine Beziehung zu Carmen durch den Kopf, besser gesagt: zu den verschiedenen Personen mit Namen Carmen, die Du auf Deinem Weg kennengelernt hast. Ich denke, wir müssen uns in jedem Moment selbst erkunden, indem wir uns beobachten. Das heißt: Wir sollten nicht darauf hoffen, dass wir oder unser Partner gleich bleiben, sondern stattdessen akzeptieren, dass die Person an unserer Seite uns jeden Augenblick verblüffen kann und umgekehrt - eben weil wir sehr unterschiedliche Seiten haben können. Ich bin immer stärker davon überzeugt, dass die Identität etwas ist, was wir erfunden haben und worunter wir leiden. Diesen Monat hatte ich zwei Erlebnisse, die in diese Richtung gehen. In Cariló las ich das letzte Buch von Milan Kundera, das den Titel Die Identität trägt. Von einer postmodernen Haltung aus gelangt Kundera zu den gleichen Schlussfolgerungen wie Welwood vom Buddhismus her. Die Identität handelt von einem Paar. Bei diversen Anlässen hinterfragen die Protagonisten ihre eigene Identität und die des anderen. Nie wissen sie, wer sie selbst sind, noch wer der andere ist, aber sie suchen einander und fliehen voreinander, wie das Paare nun mal so tun. Welwood seinerseits ermuntert uns ausdrücklich dazu, die Idee des Ichs aufzugeben. Mich begeistert die Vorstellung, mich jeden Augenblick neu zu entdecken, mich von Carlos' Handlungen überraschen zu lassen. Mir gefällt es, stets dem Neuen Raum zu geben. Kuss Laura PS: Ich würde mich freuen, von Dir zu hören.« Ich vermute, Fredy, dass Du alle weiteren Schreiben zur Hand hast. Beim erneuten Lesen all dieser E-Mails habe ich mich auch gefragt, was mit jenen Aspekten Deines Lebens geschehen ist, von denen Du mir nie wieder berichtet hast. Ich schließe diese Nachricht wie jene vor mehr als einem Jahr: Ich würde mich freuen, von Dir zu hören. Küsse Laura Roberto brauchte eine gewisse Zeit, um all diese Informationen zu verdauen. Die Situation spitzte sich immer mehr zu: Es war unverzichtbar, ein genaueres Profil von Fredy zu erstellen, damit Laura nicht alles entdecken würde. Er ging auf die Option »Antworten« und schrieb an Laura: Laura, danke, dass Du mir diese Bruchstücke aus unseren Biographien hast zukommen lassen. Du wirst es kaum glauben, aber es kam mir bei der Lektüre so vor, als läse ich sie zum ersten Mal. Ich frage mich, ob wir uns tatsächlich dermaßen verändert haben, dass mir das Gesagte seltsam vorkommt. Erstaunlich, nicht? In gewisser Weise ist es erfrischend. Ich fühle mich wie ausgewechselt und habe ebenfalls den Eindruck, als würde unsere Beziehung heute erst beginnen. Ich danke Dir sehr. Heute vor allem danke ich Dir dafür, dass Du mir geholfen hast, einige verlorene Passagen aus meiner jüngsten Vergangenheit zu rekonstruieren. Küsse Fredy PS: Mir fehlt noch die Bücherliste für die Kollegin aus Spanien und der Kommentar zu dem Märchen. Schickst Du mir beides?

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KAPITEL 9
Mailer Daemon. Das war der Name der ersten Nachricht in seinem Posteingang. Das kam manchmal vor. Schuld daran war NABOVIRA, die ihn dazu zwang, mehr zu arbeiten. NABOVIRA war seine Bezeichnung für jene Entelechie, deren Existenz ebenso unbestreitbar wie ungerecht war. Er hatte diesen Namen aus den ersten beiden Anfangsbuchstaben jener Worte konstruiert, mit denen er sich erklärte, wie es zu solch unerträglichen Phänomenen kam wie etwa: dass die wichtigste E-Mail verlorenging, dass die dringlichste Antwort plötzlich gelöscht wurde oder dass etwa ein Text wie dieser auf dem Bildschirm erschien: Lieber Roberto, ich schreibe Dir, um Dir etwas sehr Wichtiges zu erzählen. Es hat sich herausgestellt, dass Und wenn er dann die unendlich weiße Seite hinunter scrollte, fand er gar nichts. Oder schlimmer noch, die Nachricht eines guten Freundes, der sich gerade in Kiew auf Reisen befand, lautete: Rober, 3=@$$$+ = (desc)\]][+x+**.,,,,66S6 ffi-akJ3.,,!@@ffiffi$.fFentlich verstehst Du mich. Oder wie jetzt, wo eine E-Mail, obwohl sie auf üblichem Weg versandt worden war, unerklärlicherweise zum Absender zurückkam. NABOVIRA: die natürliche Boshaftigkeit des virtuellen Raumes. Er dachte, dass die Nachricht, die nicht hatte versandt werden können, wohl jene letzte an Laura sein müsse. Uff, das hieß: sie wieder hervorholen, kopieren, neu einfügen und wieder absenden. Er machte einen Doppelklick auf das Symbol der noch ungeöffneten Nachricht, und das Programm zeigte sie. Roberto kniff die Augen zusammen, um den Text auf dem Bildschirm besser in den Blick zu bekommen. Irgendwas lief schief, ganz schief. Er schloss die Datei und öffnete sie wieder. Der Computer wiederholte den Vorgang, und es zeigte sich dieselbe E-Mail. Roberto verstand gar nichts mehr: Diese E-Mail stammte nicht von ihm. Darin stand: Liebe Laura, hier bin ich wieder, zurück in Argentinien. Diesmal war die Abwesenheit sehr lange. Bei meiner Rückkehr habe ich all Deine Nachrichten vorgefunden. Sehr schön! Ich finde wirklich großartig, was Du bislang erarbeitet hast. Sei mir nicht böse, weil ich nicht geantwortet habe. Ich werde mich bemühen, Dich in den kommenden Monaten dafür zu entschädigen. Ich weiß nicht, warum Du mir eine Kopie des früheren Briefwechsels zugesandt hast, denn das habe ich alles archiviert. Trotzdem hat es mir Spaß gemacht, all das wieder zu lesen. Einen Kuss Alfredo Roberto las den Vorspann zu dieser E-Mail. Da stand: This mail has been returned for irrecuperable error (Error=4587) from <rofrago@yahoo.com> to <carlospol@spacenet.com> 57

Noch einmal las er Buchstaben für Buchstaben: rofrago@yahoo.com. Die Nachricht war von seiner Mailbox aus versandt worden. Er war sprachlos und ganz durcheinander. Paranoide Wahnvorstellungen und magische Phantasien sausten ihm durch den Kopf; dann aber rief er sich zur Ordnung und schloss sie definitiv aus. Es musste eine logische Erklärung für all das geben, aber welche? Die E-Mail war von Alfredo und an Laura adressiert. »Das kann doch nicht sein!« sagte Roberto laut, als wolle er seinem Computer einen Vorwurf machen. »Es muss eine Erklärung dafür geben«, bestätigte er sich. Bis zu diesem Augenblick war er der Ansicht gewesen, Laura besäße nicht Alfredos richtige E-Mail-Adresse, weshalb ihre Briefe bei ihm, Roberto, landeten. Wenn es nun aber gar nicht an Laura lag? Alles lief so ab, als hätte Alfredo tatsächlich die Adresse rofrago@yahoo.com. Aber das war schlechterdings unmöglich. Lag es tatsächlich in NABOVIRAs Macht, eine solche Situation zu erzeugen? Dass ein Server eine zugeteilte Adresse nicht sperrte und dementsprechend ein Antragsteller irgendwo in der Welt sich dieselbe Adresse wählen konnte? Oder war es denkbar, dass zwei Personen sich in exakt demselben Augenblick unter demselben Namen anzumelden versuchten und der Provider anscheinend seine Daten durchsuchte, die Anschrift als frei zertifizierte und automatisch die Registrierung von beiden zuließ? Oder dass die Namen zweier Konten vielleicht tatsächlich auf zwei unterschiedliche Kontoinhaber zurückgingen, sich aber die Mailboxes überlagert hatten? Oder ...? Wie auch immer, die einzige mögliche Erklärung lief auf die Annahme hinaus, dass Alfredo und er wirklich dieselbe elektronische Anschrift hatten. Jetzt fiel ihm ein, dass ihm manchmal auf diesem Wege Informationen, Werbung oder Newsletter zugegangen waren und er sie als spam eingeordnet und in den Papierkorb geworfen hatte. Sie erhalten diese Information, weil Ihre Anschrift registriert wurde oder jemand sie registrieren ließ, damit Sie Zugang zu folgenden Daten haben. Wenn Sie diese Information nicht weiter erhalten wollen, senden Sie eine Blanko-Mail an die folgende Adresse: unsubscribe@... Wie oft schon hatte er wohl Abonnements für Dinge rückgängig gemacht, die den armen Alfredo vielleicht interessierten? Er erinnerte sich an die letzte Mail dieser Art. Er hatte bereits dreimal die gewünschte Blanko-Mail versandt und erhielt dennoch weiterhin Nachrichten, so dass er in Großbuchstaben eine Notiz verschickte, in der es hieß: PLEASE STOP MAILING ME!!! Alfredo hatte wohl mehrfach das Abonnement erneuert, während er es immer wieder kündigte. Das entbehrte nicht einer gewissen Komik. Das Lachen, das sich gerade auf seinen Lippen abzuzeichnen begann, verging ihm jedoch schnell wieder: Wenn sie dieselbe Anschrift teilten, erhielt Alfredo auch jene Nachrichten, die an ihn, Roberto, gerichtet waren. Jetzt wurde ihm begreiflich, weshalb er die übers Internet gekauften Bücher und CDs nie erhielt. Klar: Wenn die Verkaufsfirma eine Auftragsbestätigung verlangte, lehnte Alfredo den Kauf ab. So ein Hurensohn! Aber dann mussten ja auch Lauras Briefe bei Alfredo angelangt sein. Erneut stand die Drohung im Raum, es würde alles auffliegen. Zitternd ging er die Zahl der neuen Nachrichten durch und hoffte zum ersten Mal, dass sich keine weitere von Laura darunter fände. Aber klar hatte sie geschrieben, und nicht nur ein-, sondern gleich zweimal: Lieber Fredy, wir müssen uns darüber klarwerden, dass wir - genauso wie unsere Patienten - nicht immer und ewig dieselben sein werden. Ich bin sogar davon überzeugt, dass der Versuch, stets dieselbe Person sein zu wollen, der Begegnung keineswegs förderlich ist, sondern sie eher verhindert. 58

Das knüpft an jene Überlegungen zur Identität an, die ich Dir bereits mitgeteilt habe. Das Thema beschäftigt mich sehr. Aufgrund der Frustrationen, die wir im Rahmen unserer Erziehung erfahren, denken wir gemeinhin von uns, wir seien es nicht wert, so geliebt zu werden, wie wir sind; und entsprechend fühlen wir uns dazu gedrängt, uns eine Identität zu verschaffen, die sich an jenen ausrichtet, von denen wir uns zurückgestoßen fühlen: unseren Eltern. Da diese Identität meist nicht ausreicht, um Beifall zu erhaschen, verschaffen wir uns kompensatorisch eine nachfolgende zweite, dritte, vierte oder wie viele auch immer nötig sind, um endlich die Zustimmung unserer Erzieher zu erhalten, um endlich das Gehoffte zu erreichen: von ihnen geliebt zu werden. Die Erfindung einer vermeintlich liebenswerten Identität basiert also auf der Annahme, dass wir das eigene wirkliche Wesen für nicht der Liebe wert erachten. Wenn wir dann eine Liebesbeziehung eingehen, wünschen wir uns einerseits, unser Partner möge unsere kompensatorische Identität bestätigen, und andererseits haben wir Angst, er könnte unsere defizitäre Identität zu Gesicht bekommen, ihm könnte bewusst werden, dass wir nicht die Person sind, als die wir uns ausgeben, und dass wir also nicht der Liebe wert sind. Diesem Dilemma entkommen wir nur, wenn wir das Wagnis auf uns nehmen und uns von unserer vermeintlichen Identität befreien, uns in der Welt einrichten, ohne zwanghaft den mit dieser Identität einhergehenden Ansprüchen Folge zu leisten, und uns, indem wir unser Handeln beständig beobachten, auf diesem Wege selbst entdecken. Ich bin immer mehr davon überzeugt, dass die Identität etwas ist, was uns leiden lässt, weil wir uns ihren Anforderungen unterwerfen müssen. Wir suchen die Intensität der Begegnung, doch wenn es zu einer solchen kommt, jagt sie uns Angst ein, und wir geraten aus dem Gleichgewicht. Freilich wissen wir intuitiv, dass es nichts Gesünderes gibt als eine authentische Begegnung ohne Masken, ohne Täuschungsmanöver und ohne Erwartungen; deshalb wünschen wir sie herbei. Gleichzeitig ahnen wir, wie groß die Gefahr zu leiden, wie hoch der Preis sein kann. Ich vermute, dass wir uns deswegen nur teilweise auf den anderen einlassen können, weil wir so viel Angst davor haben, mit ihm zu verschmelzen. Wir versuchen uns auf diese Weise vor zwei großen Ungeheuern zu schützen: der Ablehnung und dem Verlassen werden. Es ist sehr hart, sich jemanden herbeizuwünschen, der nicht da ist. Dennoch gilt es, die Angst vor dem Sich-Ausliefern zu verlieren. Sicher ist dies ein langer und schwieriger Weg, letztlich jedoch ist es der Weg des Lebens. Ich habe keine Antworten, sondern stecke selbst voller Fragen. Wir können unsere Patienten lediglich dabei begleiten, dass sie diesen Weg verantwortungsvoll zurücklegen und sich dessen bewusst werden, welches Spiel sie spielen. Unser Auftrag besteht darin, ihnen beizubringen, wie sie einer Situation auf den Grund gehen können, was keineswegs nur eine Frage der Gefühle ist. Ich finde die Angst vor dem Sich-Ausliefern unsäglich. Was tun wir nicht alles, um Begegnungen zu vermeiden? Wir zetteln Streitigkeiten an, schaffen Distanz und führen uns und andere an der Nase herum. Wenn wir begehren und der andere da ist, ist es wunderschön. Wenn dem jedoch nicht so ist, scheint uns der Schmerz unerträglicher als jedes andere Leiden. Deshalb widerstehen wir manchmal der Versuchung, spontan zu sein, und suchen uns ein sicheres Leben innerhalb unserer alten, abgeschotteten, aber behaglichen und wohlgeordneten Persönlichkeit. Das wäre an und für sich noch nicht schlimm, zumal wir als rohes Fleisch nicht zu leben vermögen. Früher oder später jedoch erweist sich das in der Identität abgeschottete Leben als langweilig und beklemmend. Die Intensität reizt und schmerzt uns: Wir suchen sie, können sie aber nicht ertragen. Für dieses Dilemma, ich wiederhole es, halte ich keine fertigen Lösungen bereit. Wir können lediglich das Problem darlegen und so weitere Fragen hervor kitzeln. Vielleicht müssen wir uns damit abfinden, dass wir weder in dem Buch noch sonst wo allgemeingültige Antworten geben können. Unsere Fragen sollten jedoch die Menschen dazu anregen, ihr Leben zu überdenken. Laura

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Fredy, mir geht das Wort »Rätsel« durch den Kopf. Manche Personen bringen mich dazu, mich zu öffnen, bei anderen verschließe ich mich. Wie kommt das? Ich vermute, zum Teil »widerfährt« mir das, zum Teil jedoch entscheide ich selbst, ob ich mich in einem bestimmten Moment einer bestimmten Person gegenüber öffnen möchte. Stets geht da die Angst vor dem Sich-Ausliefern, dem Leiden, dem Gleichgewichtsverlust um, die Angst, alles zu verlieren, was wir mit der Konstruktion unserer Identität erlangt haben. Mich interessiert die Frage nach der Chemie zwischen den Menschen, vielleicht liegt darin das Rätsel. So frage ich mich, wie wir in einem Moment eine Person sehen und ablehnen können und dennoch uns wenige Augenblicke später, bei verändertem Blickwinkel, dabei ertappen, sie zu lieben. Das hängt mit der vermeintlichen Identität zusammen. Und mit der Paradoxie der Liebesbeziehung: Ständig sind wir jemand anders, und der andere... ist ebenfalls jemand anders. Unserem Beratungskonzept zufolge gilt es, das zu akzeptieren und zu schauen, an welchem Tag sich eine Begegnung ergibt und an welchem nicht. Wir müssen dieses Hin und Her in einer Beziehung als Gegebenheit akzeptieren und nicht von uns verlangen, ständig das gleiche zu fühlen; wir müssen diese emotionalen Bewegungen vergnügt bei uns selbst und beim anderen zulassen und uns die Erlaubnis erteilen, das Rätsel der Beziehungen auszukosten, wie es in dem Gedicht heißt, das ich Dir einmal in einer Bar vorgelesen habe: »Wenn du weißt, wie du mit deinem Ehemann oder deiner Ehefrau Umgang pflegst, bist du nicht wirklich verheiratet, sondern wendest lediglich Psychologie an. Sobald eine Beziehung real ist, wächst und wächst sie von Augenblick zu Augenblick.« Ich glaube, dass die Dynamik des Realen auch innerhalb der Persönlichkeit vonstatten geht; dazu müssen wir das »Paar-Wesen« vom »Ich-Wesen« unterscheiden. Die Persönlichkeit ist ein Vehikel, um zu sein; lösen wir sie auf, kommt unsere Essenz, unser Wesen zum Vorschein. Die Persönlichkeit identifiziert sich nur mit einem Teil unsres Wesens, schreibt diesem aber den Wert der Totalität zu. Wir müssen jedoch begreifen, dass das Wesen uns ausmacht und nicht nur die Haltung, mit der wir uns identifizieren. Der Verstand verfügt über die Fähigkeit, uns auf eine bestimmte Weise zu definieren - als könnten wir, sobald wir diese oder jene Form angenommen haben, uns nicht mehr verwandeln. Dieser Mechanismus hindert uns jedoch daran, vollständig zu sein. Wir stellen unser Ich nicht in Frage, bemerken nicht, dass unser Verstand es geschaffen hat, dass es sich in unserer Vergangenheit gebildet und dort seine Wurzeln hat und dass es auf Dinge von damals reagiert, auf mehr oder weniger verfälschte Vorkommnisse und Erinnerungen, die wir festzuhalten oder zu verstecken versuchen. Folglich können wir auch nicht ganz präsent sein, denn wir werden von Geschehnissen beansprucht, die uns zur Schaffung einer bestimmten Identität gezwungen haben. Stück für Stück leistet das strukturierte Ich Widerstand gegen die bedingungslose Präsenz. Wir müssen daran arbeiten, unsere Loyalität gegenüber dem konstruierten, gewohnten Ich aufzugeben und uns an dem umfassenden Sinn des Wesens auszurichten, das wir als »unsere wahrhaftige Natur« bezeichnen können, jene Natur, die sich außerhalb der Schranken des konstruierten Ichs befindet und innerhalb jener Schranken nicht gelebt werden kann. Wir müssen bereit sein, uns von unserer Persönlichkeit zu lösen, die ohnehin an Kraft verliert; wir können ihr dankbar sein, da sie uns bis jetzt am Leben gehalten hat, aber wir müssen akzeptieren, dass sie uns nicht mehr nützlich ist.

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Wir sind daran gewöhnt, in ihr zu leben, und wissen nicht, wie es sich anfühlt, wenn man sich ohne die Zügel der Identität vom Leben tragen lässt. Sich mit den finstersten Ecken unseres Wesens vertraut zu machen und unsere alte und vertraute Identität aufzugeben macht uns angst und ist sehr schwierig. Liebe zu geben und zu empfangen wird jedoch zu einer höchst beschwerlichen Aufgabe, solange ich nicht entschlossen bin, mich aus meinen alten Strukturen herauszuwinden. Es ist freilich nicht so, als müssten wir bloß einmal die Entscheidung treffen, unsere alte Identität aufzugeben, und könnten uns dann augenblicklich mit unserem Wesen in Verbindung setzen; wäre es so einfach, würde jeder dies tun, denn wir alle suchen nach Liebe. In gewisser Weise möchte jeder von uns geachtet, akzeptiert, geliebt werden. Es geht auch nicht darum, dass wir unser konstruiertes Ich kritisieren und verdammen oder gar uns davon befreien und es zertrümmern müssten; das wäre ein Fehler, denn es bezeichnet einen Schritt auf unserem Weg, es hatte eine Funktion und übt diese auch weiterhin aus. Manchmal mögen die Grenzlinien zwischen der Struktur und der Essenz nicht so starr verlaufen, dennoch bleiben sie von Bedeutung. Die Struktur basiert auf der Vergangenheit, die Essenz auf der Gegenwart. Die Struktur ist reaktiv; sie hängt mit dem Wunsch zusammen, »etwas zu machen«, mit der Anstrengung; sie hält ständig Ausschau nach etwas, das sie begehrt, das sie braucht, sie ist stets gierig und unerfüllt; ihr Blick richtet sich nach außen. Die Essenz hingegen kennt keine Anstrengung, ist nicht aufs Handeln ausgerichtet, braucht nichts, ist satt, ruht in sich selbst. Welwood ermuntert uns dazu, uns von der Idee des strukturierten Ichs zu verabschieden und mit der Leere in Kontakt zu treten, statt uns zwanghaft mit einer falschen Identität vollzustopfen. Jedoch wird dieses Gefühl der Leere als eine große Bedrohung unserer Struktur erlebt. Im Grunde ist jeder Identitätsentwurf eine dagegen gerichtete Verteidigungsstrategie. Der Verstand kann die Leere buchstäblich nicht fassen und erfindet deshalb Geschichten über sie, als handele es sich um ein schwarzes Loch. Das Ich errichtet eine Schranke, jenseits deren uns alles als gefährlich erscheint. Das strukturierte Ich münzt dieses ängstliche Verhalten in eine Lebensnotwendigkeit um und erreicht damit, dass das Leben stets nur um jene Bedrohung kreist, die vermeintlich von der Leere ausgeht. Ich glaube, wir wären wesentlich lebendiger, würden wir den Gedanken wagen, dass wir nicht unablässig wissen müssen, wer wir sind, geschweige denn uns exakt und detailliert ständig dessen versichern müssen, was man von uns erwartet. Wir könnten sehr wohl ausprobieren, was wohl geschieht, wenn wir uns nicht an unser Ich ketten - unser Ich, das uns beschränkt und nur wenige, bereits bekannte Antworten für uns bereithält. Diese Vorstellungen können uns dabei helfen, in der Paarbeziehung zu leben, denn sie erlauben uns, alte Fesseln zu lockern, und befreien vor allem auch unsere Reisegefährten von ihren eigenen individuellen Konditionierungen. Ich hoffe, ich konnte Dich mit diesen Überlegungen überraschen. Laura Es ging Roberto durch den Kopf, dass er die Frage seiner Identität lösen müsse. Schließlich hatte er sich in einen Betrug verstrickt. Weshalb konnte er nicht als derjenige mit Laura in Kontakt treten, der er wirklich war? Darüber musste er nachdenken. Für den Augenblick schien alles in Ordnung, jedenfalls noch. Wenn er rechtzeitig handelte, würde er die Katastrophe verhindern können. Er kopierte die Nachricht von Alfredo in seinen Computer und löschte sie beim Server. Wenn Alfredo keinen Hinweis auf die Rücksendung erhielte, würde er niemals auf den Gedanken kommen, seine Mail sei nicht angekommen, und hätte somit auch keinen Grund, sie noch einmal abzuschicken. Doch schloss dies nicht die Gefahr einer künftigen Kontaktaufnahme aus. Die einzige Lösung wäre, Alfredo auszusperren. Aber wie ließe sich sein Briefwechsel mit Laura unterbinden? Fredy kannte ihre Adresse und konnte ihr schreiben, wann immer er wollte. Es sei denn ... Roberto rief den Server von hotmail.com auf, wo die elektronischen Adressen vergeben wurden. Er ließ sich unter trebor registrieren (sein Name rückwärts buchstabiert) und erlangte eine neue Mailbox. Zwar entfernte er sich mit dem Spiel, das er betrieb, immer weiter von moralischen Grundsätzen, aber das schien ihn nicht zu beunruhigen. Er ging auf die Website und schrieb eine Nachricht an rofrago@yahoo.com:

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Lieber Fredy, ich freue mich, dass Du wieder unter uns weilst. Es ist schön zu wissen, dass Du nach dieser, wie Du sagst, langen Abwesenheit wieder in der Nähe bist. Hoffentlich wirst Du Dein Versprechen, von nun an intensiver mitzuarbeiten, auch erfüllen. Ich glaube, ich habe Dir die Kopie der ersten Briefe zugesandt, um Dich dazu anzustiften, dass Du angesichts des schon hinter uns liegenden Weges endlich antwortest (was offenbar funktioniert hat). In jedem Fall beachte bitte folgendes: Schreib mir nicht mehr an die alte Adresse. Ich habe mich dazu entschlossen, mich für das Buch unter einer eigenen Anschrift registrieren zu lassen und die alte aufzugeben, weil mich diese mit einer anderen Zeit, einer anderen Situation und einer Realität verband, die nicht mehr der aktuellen entspricht. Ich denke, es ist an der Zeit, nicht mehr die Anschrift meines Ex-Mannes als die meinige zu verwenden, findest Du nicht auch? Mach Dir also eine Notiz, zumal Du immer mal wieder etwas zerstreut bist und ich die frühere Mailbox nicht mehr öffnen werde. Die neue lautet: trebor@hotmail.com Ich hoffe, sehr bald wieder von Dir zu hören, wie ich ja schon in der letzten Mail geschrieben habe. Küsse Laura PS: Vergiss nicht, meine Anschrift in Deinem Adressbuch zu ändern. Bis bald. Roberto klickte mit der Maus erst auf »Speichern«, um diese hervorragende Mail aufzubewahren, und dann auf »Senden«. »Geschafft«, dachte er. Soweit war alles unter Kontrolle. Alfredo konnte nun schreiben, was er wollte, und er, Roberto, würde darüber entscheiden, ob er es weiterleitete, zensierte, veränderte oder völlig ignorierte. NABOVIRA mochte Alfredo wohl das Recht zugesprochen haben, dieselben Informationen zu erhalten wie er, von nun an jedoch würde er am Rande des direkten Austausches mit Laura bleiben. Roberto öffnete seine Hausbar und genehmigte sich ein Glas: zur Hälfte Cointreau, zur Hälfte Cognac. »Ein Liebescocktail«, wie Carolina ihm beigebracht hatte. Er war äußerst zufrieden damit, dass seine Skrupel ihn nicht dieses häuslichen Vergnügens beraubt hatten. Um zwei Uhr in der Frühe und nach dem vierten Glas fühlte er, wie ihm manches, das er für seine Philosophiekurse gelesen hatte, durch den Kopf ging. Und er hatte Lust, Laura daran teilhaben zu lassen. Laura, ich würde gerne wissen, was Du über die Liebesfähigkeit denkst. In meinen Augen ist das eine sehr interessante Frage. Häufig beschweren sich die Leute darüber, nicht geliebt zu werden, während das eigentliche Problem darin besteht, dass sie nicht zu lieben verstehen. Ich denke, hier gibt es Entwicklungsbedarf. Ortega y Gasset sagt, für die Liebe bedürfe es verschiedener Voraussetzungen. Da wäre als erstes die Wahrnehmung, die Fähigkeit, den anderen zu sehen, die Kraft, sich für eine andere Person zu interessieren, und nicht nur für sich selbst. Ich sehe bei manchen Frauen recht widersprüchliche Verhaltensweisen. Sie beschweren sich, dass sie alleinstehend sind, zugleich ist es verblüffend, mit welcher Geringschätzung sie von den Männern sprechen. Anschließend ärgern sie sich darüber, verlassen worden zu sein, während sie in Wirklichkeit - aus mangelnder Liebe - ihre Männer zuerst verlassen haben. Wie Du mir »beigebracht« hast, kann man nur mit jemandem Zusammensein, ihn lieben und lustvoll ergründen, wenn man ihn akzeptiert, wie er ist. Aber die meisten Leute befassen sich nicht mit dem Thema, ob sie lieben oder nicht. Sie interessiert lediglich, ob sie geliebt werden, ob man ihnen Liebe entgegenbringt.

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Neulich sagte eine Freundin im Gespräch mit ihrem Freund: »Wenn du so denkst, liebst du mich nicht.« Und ich, anstelle ihres Partners, antwortete: »Du liebst ihn nicht, wenn du so denkst.« Zwar begriff sie, dass sie in Wahrheit diejenige war, die den anderen nicht liebte, gleichwohl regte sie sich über mich auf und fragte mich, was ich gegen ihre Beziehung hätte. Wir langen stets am gleichen Punkt an: an der Schwierigkeit, das Problem bei sich selbst und nicht beim anderen zu sehen. Wie können wir Menschen dabei behilflich sein, ihre Liebesfähigkeit zu entwickeln? Es wäre gut, wenn man ihnen ihre besondere Art, nicht zu lieben, demonstrieren könnte. Im Falle meiner Freundin sähe das so aus: Du akzeptierst nicht, wie er ist. Du verschließt dich, wenn er zu dir spricht. Mach dir klar, wie wenig dir das bedeutet, was ihn interessiert. Du kritisierst ihn, schätzt ihn gering, wertest ihn ab. Du, die du bedauerst, dass du zu viel liebst, und die du dich für so großzügig hältst, erkenne, dass du ihm nur gibst, was du zu geben bereit bist, dass du nicht herauszubekommen versuchst, was er braucht, dass du nur gibst, weil du dieser Geste bedarfst, und nicht, weil deine Gabe ihm gut tun könnte. Du bist diejenige, die nicht weiß, wer er ist, diejenige, die ihn in ein Schubfach eingeordnet und niemals dort wieder herausgeholt hat, die niemals nachgeschaut hat, wer er wirklich ist. Entsprechend sagt Hugh Prater über die Unfähigkeit zu lieben: »Ich denke, dass solche Menschen vor allem sich selbst nicht lieben und dass sie sich ebenso schlecht behandeln und geringschätzen wie den anderen. Viele Menschen können nicht aus sich selbst herausgehen, können für einen anderen kein Interesse aufbringen, weil niemand ihnen etwas bedeutet.« Aus demselben Grund gehen wir stets davon aus, dass Paarprobleme in individuellen Problemen wurzeln, denn jemand, der zu lieben vermag, findet in seinem Gegenüber immer auch etwas Liebenswertes. Oder denken wir an die Therapiegruppen oder -seminare, zu denen wir voller Vorurteile hingehen und an deren Ende wir das Gefühl haben, die ganze Welt zu lieben - bloß weil die anderen uns ihre Seele geöffnet haben und uns das gleiche möglich wurde. Noch einmal Ortega y Gasset: »Niemand liebt ohne Grund. Der Mythos, dass die Liebe purer Instinkt sei, ist ein Irrtum.« Ich halte es für sehr interessant, darüber nachzudenken. Küsse Fredy Nachdem er die Nachricht verschickt und den sechsten Cocktail ausgetrunken hatte, bemerkte er, wie die Buchstaben auf dem Bildschirm ihm verdächtig vor den Augen tanzten. Der, wie er ihn zu nennen pflegte, »automatische Roberto« schaltete das Gerät ab, trottete, von der Gewohnheit gesteuert, in sein Zimmer, dann ins Bad und landete schließlich, ebenfalls aus purer Gewohnheit, in seinem Bett. So musste es gewesen sein ... dort jedenfalls fand er sich am nächsten Morgen wieder.

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KAPITEL 10

er selbstironisch. Es war Feiertag, er hatte also den ganzen Tag für sich. Nach der dritten Tasse Kaffee löste er ein Tütchen Aspirin in einem halben Glas Mineralwasser auf. Er mochte dieses überschäumende Sprudeln, das das weiße Pulver beim Herabsinken in dem kohlensäurehaltigen Wasser auslöste. Er trank es in einem Schluck und rülpste lautstark. Stets hatten ihn jene Laute fasziniert, die sozial geächtet waren und die ihn, wenn er sich ihnen in der Einsamkeit zügellos überließ, mit jenen Wesen der Gattung Mensch verbanden, die in der spontanen und unschuldigen Entladung ihr zynisches Vergnügen fanden. >Eine hörbare Markierung meines Territoriums<, dachte er bei sich. Sein Territorium, seine Wohnung, sein Computer, seine Gedanken, seine Gefühle. Laura, Laura, Laura ... Wie konnte man sich in jemanden verlieben, den man nicht kannte? War zwischen Fredy und ihr etwas vorgefallen? Hatten sie in Cleveland miteinander geschlafen? Laura. Roberto erinnerte sich an die Atmosphäre bei Marketing-Kongressen: jeder mit jedem. Bei den Psychologen dürfte es kaum anders sein. Laura. Auch wenn seine Vorstellung von Psychologen in dieser (wie auch in manch anderer) Hinsicht viel zu wünschen übrigließ, so wusste er doch, dass jenes überall kursierende Gerücht von den sexuell »Befreiten« stets eine Wunschprojektion aller Psychoanalysepatienten dieser Welt war. Laura. Wieder wollte ihm Laura nicht aus dem Kopf gehen. Wieder wollte er nicht, dass ihm Laura aus dem Kopf ginge. Er warf seinen Computer an und suchte nach ihren abgespeicherten Texten. Er wollte jenes Schreiben noch einmal lesen, in dem sie sich über den Zustand der Verliebtheit geäußert hatte. Nach einer Weile fand er es. »Im Zustand des Verliebtseins empfinden wir Freude, weil wir wissen, dass es den anderen gibt. Wir sind erfüllt von der keineswegs alltäglichen Empfindung vollkommener Zufriedenheit.« »Wenn man sich verliebt, sieht man in Wirklichkeit den anderen nicht in seiner Totalität; vielmehr funktioniert der andere wie ein Bildschirm, auf den der Verliebte seine idealisierten Eigenschaften projiziert.« »Der andere ist nicht er selbst, sondern vielmehr die Summe der positivsten Anteile, die der in Leidenschaft Entflammte auf ihn projiziert.« »Verliebtsein ist eine Beziehung zu mir selbst, auch wenn ich mir dafür eine bestimmte Person als Projektionsfläche für meine Empfindungen ausgesucht habe.« Das war sicher richtig ... Aber, na und? Sollte man auf dieses wundervolle Gefühl der Verliebtheit verzichten, bloß weil es früher oder später wieder vergeht? Sollte man die Leidenschaft ad acta legen und durch eine intelligente (und doch absurde, wie ihm schien) intellektuelle Analyse der Psychologen dieser Welt ersetzen? Jedenfalls hielt er das Gegenteil für richtig: Gerade die Kurzlebigkeit des Verliebtseins war ein gewichtiger Grund dafür, es intensiv zu genießen. Laura. Was tat sie gerade? Arbeitete sie an Feiertagen? Kümmerte sie sich um Notfälle? Las sie Material für das Buch? Lief sie am Ufer des Flusses entlang? Schrieb sie eine E-Mail an ihn? An ihn? Ihm fiel wieder ein, dass Lauras Schreiben nicht an ihn gerichtet waren, sondern eben an Fredy. Er fühlte sich ziemlich unbehaglich. Er rief die Internetverbindung auf. »Hallo, rofrago, Sie haben vier (4) neue Nachrichten erhalten.« audimet@usa.com. Betreff: Zustimmung zu dem Werbekonzept 64

E

r erwachte mit klebrigem Mund und benebeltem Kopf. »Für Alkohol bin ich offensichtlich noch zu jung«, bemerkte

Großartig! joschua@aol.com. Betreff: Sitze nachrichtenmäßig auf dem Trocknen Heute Nachmittag noch würde er sich hinsetzen und antworten. intermedical@system.net. Betreff: Antwort auf Ihren Antrag Diese dritte Mail öffnete er: Sehr geehrter Herr Daey, es tut uns leid, dass Ihnen diese Antwort erst so spät zugeht. Wie Sie sicher verstehen werden, liegen dem Rat Hunderte von Anträgen vor, und jede Mappe wird gründlich geprüft und strikt nach dem Eingangsdatum bearbeitet. In jedem Fall freuen wir uns, Ihnen mitteilen zu können, dass wir Ihrem Antrag stattgegeben haben und nun auf Ihre Bestätigung warten, um die notwendigen Formalitäten zur Konkretisierung einleiten zu können. Hochachtungsvoll Dr. Nestor Farias (Vorsitzender) >So also heißt er mit Nachnamen: Daey!< Roberto blieb eine ganze Weile regungslos vor dem Bildschirm sitzen. Dann jedoch hob er den Kopf und betrachtete sich in dem Spiegel, der seitlich an der Wand hing. Er sah das Gesicht eines ungezogenen Jungen. Er lächelte, und sein Gesicht nahm einen diabolischen Ausdruck an. Er klickte auf »Antworten«. Herrn Doktor Nestor Farias Nach so langer Wartezeit und mehrfachem Drängen erhalte ich nun die verspätete Mitteilung, dass mein Antrag angenommen wurde. Meines Erachtens - und ich glaube, ich befinde mich mit dieser Feststellung nicht im Irrtum - sollte man eine anachronistische Bürokratie, die wichtige Entscheidungen dermaßen hinauszögert, in dieser unserer Welt nicht länger hinnehmen. Ich halte es für meine moralische Pflicht, meiner Empörung Ausdruck zu verleihen und meinen Prinzipien treu zu bleiben. Ich wende mich direkt an Sie, um Sie wissen zu lassen, dass ich Ihre Mitteilung zurückweise und meinen Antrag, den ich Ihnen bei passender Gelegenheit zugesandt hatte, hiermit zurückziehe. Ich hoffe, dass mein Verhalten in der Institution, deren Vorsitz Sie einnehmen, ein wenig Aufsehen erregen wird. Dr. Alfredo Daey Roberto drückte auf »Senden« und löschte anschließend die Eingangsmail von Farias. Niemand würde je herausfinden, was vorgefallen war. Als er auf die vierte E-Mail stieß und sah, dass sie von Laura war, konnte er nicht mehr genau bestimmen, was ihm mehr Vergnügen bereitete: die neue Nachricht oder das boshafte Gefühl der Schadenfreude. Lieber Fredy, zu Recht zweifelst Du die Liebesfähigkeit der Leute an, obgleich ich in jedem Fall dahinter eher die individuelle Unsicherheit und das von ihr ausgehende Bedürfnis nach Gewissheit, Sicherheit und Kontrolle sehen würde. Leider sehen wir im Stadium der Verunsicherung zumeist kein anderes Mittel mehr als den Streit um die Macht und das Ausagieren der Eifersucht. Ich meinerseits bin immer mehr der Auffassung, dass das Problem der Kontrolle einzig und allein auf die Unfähigkeit zu lieben zurückgeht.

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Die Menschen glauben zu lieben, aber in Wirklichkeit sind sie besessen von ihrem Bedürfnis, den anderen zu besitzen so als würden sie sagen: »Ich liebe dich, solange du an meiner Seite bist, aber wenn du fortgehst, werde ich dich hassen.« Das kann keine Liebe sein. Liebe äußert sich darin, dass man darüber nachdenkt, was der andere braucht, und es genießt, wenn es dem anderen gut geht - und dies alles völlig unabhängig davon, ob er an meiner Seite ist oder nicht. Eine Patientin sagte mir einmal, sie ertrage es nicht, wenn ihr Mann genussvoll mit Freunden ausgehe, und sie fügte hinzu, wenn er sie wirklich liebte, würde er dies doch einzig und allein mit ihr tun. Absurd. Wenn sie ihn wahrhaftig liebte, hätte sie ihre Freude daran, dass er vergnüglich mit seinen Freunden Zusammensein kann. Als ich ihr nahezubringen versuchte, dass ihr Gefühl weniger Ausdruck von Liebe als von dem Bedürfnis sei, den anderen zu besitzen, wurde sie wütend auf mich. In unserer Kultur wird das eine mit dem anderen vermengt. Man akzeptiert nicht, dass ich meinen Partner sehr lieben und zugleich andere Personen ebenfalls sehr mögen kann. Wir gehen stets von der falschen Vorstellung aus, dass die zu mir passende Person mir alles geben soll, was ich benötige. In meinen paartherapeutischen Ausbildungsgruppen haben wir uns mit diesem Thema befasst und Überlegungen angestellt, wie wohl in Zukunft Liebesbeziehungen aussehen werden. Eine unserer Vermutungen lief darauf hinaus, es könnte sich womöglich ein großzügigeres Verständnis von Beziehung entwickeln. So, wie die Paarbeziehung heute angelegt ist, funktioniert sie offensichtlich nicht. Mein Freund Norberto äußerte mir gegenüber die feste Überzeugung, man werde in Zukunft die Möglichkeit, intime Beziehungen zu mehreren Personen zu haben, eher akzeptieren. Letztlich stimme man damit lediglich dem zu, was ohnehin auf der Hand liegt: dass wir sehr wohl mehrere Personen zugleich lieben können, auch wenn wir jeweils unterschiedliche Bindungen zu ihnen eingehen. Wir Therapeuten wissen, was die Liebenden in den vermeintlich monogamen Beziehungen von heute alles anstellen. Möglicherweise werden unsere Leser auf solche Überlegungen entsetzt reagieren, aber es geht nicht darum, etwas als gut oder schlecht zu bewerten. Ich beschreibe lediglich, was ich sehe, was in der Realität geschieht - unabhängig davon, ob es mir gefällt. Weshalb sollte man nicht eine Einstellungsveränderung ins Auge fassen und das, was geschieht, für gültig erklären, statt sich weiterhin mit nicht lebbaren Beziehungsmustern abzumühen? Weshalb sollten wir nicht an unserem pathologischen Bedürfnis, den anderen in Besitz zu nehmen, arbeiten, statt immer kunstvollere Methoden zu entwickeln, wie ich meinen Partner kontrollieren kann? Wieso sollte ich nicht von meiner krankhaften Eifersucht geheilt werden, anstatt dich ständig mit der Ausrede zu verfolgen, wie weh es mir täte, wenn ich dich verlöre? Ich denke, dass ich im Sinne beider Individuen eines Paares spreche, wenn ich behaupte, dass Eifersucht immer, immer! ein neurotisches Symptom und Ausdruck unserer finstersten Eigenschaften ist. Wenn ich meinem Partner hinterher spioniere, beruht dies auf der Vorstellung, dass mein Geliebter einer anderen Person das gibt, was allein mir zustünde. Oder wie Ambrose Bierce in Des Teufels Wörterbuch sagt: »Eifersucht: unnötige Besorgnis um etwas, das man nur verlieren kann, wenn es sich sowieso nicht lohnt, es zu halten.« Man sollte mehr daran arbeiten, die Beziehung zu der geliebten Person nach den eigenen Wünschen auszugestalten, statt ihre sonstigen Beziehungen zu kontrollieren und zu verbieten. Zudem muss man lernen, loslassen zu können. Ich bin der festen Überzeugung, dass man denjenigen Kontra geben muss, die behaupten, man müsse hartnäckig an der Beziehung festhalten. Beziehungen haben so lange Bestand, wie sie eben dauern, das heißt, solange beide Individuen sich darin entfalten können: manche ein paar Wochen, andere ein ganzes Leben lang. Nur wenn man stets bereit ist loszulassen, kann man eine Beziehung immer wieder erneuern.

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Wie oft schon haben wir dieses Buchprojekt fallengelassen? Und trotzdem arbeiten wir immer noch daran und nähern uns dem Zeitpunkt der Veröffentlichung. Laura Eifersucht! Das war's: Er war eifersüchtig - auf Fredy, auf Carlos, die Patienten von Laura, ihre Kinder, auf alle. Eifersüchtig. Ganz schön doof! Aber ob doof, neurotisch oder krank - in jedem Fall war er eifersüchtig. Mit einem Mal bemerkte Roberto, dass er nicht mit Laura übereinstimmte. Wozu diese absurde Offenheit? Weshalb sollte er jedem Idioten das Recht zusprechen, eine Beziehung zu Laura zu unterhalten? Es war überhaupt nicht gerecht, dass Alfredo Nachrichten und Schmeicheleien in Empfang nahm, die er überhaupt nicht verdiente. Schließlich hätte Laura, wäre nicht Roberto gewesen, das Projekt längst fallengelassen. Irgendwie musste er diesbezüglich eingreifen. Aber wie? Und wenn er ...? Warum eigentlich nicht? Er klickte auf die Taste »Antworten«. Liebe Laura, Deine Überlegungen zum Thema Eifersucht haben mich sehr begeistert. Über manches muss ich noch ein wenig nachdenken, ich werde Dir die Resultate zusenden, sobald ich kann. Gerade bin ich im Begriff, nach Uruguay zu fliegen, und es stehen noch einige andere Reisen an. Da ich den Kontakt zu Dir wie auch Deine E-Mails nicht verlieren möchte, bitte ich Dich, mir von nun an an folgende Adresse zu schreiben: trebor@hotmail.com. Ich kann sie von meinem Laptop aus wesentlich leichter aufrufen. Kuss Fredy Er klickte auf »Senden« und lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Schachmatt«, dachte er bei sich. Mittwoch Abend erreichte ihn die erste E-Mail unter trebor@hotmail.com. Sie war von Fredy. Hallo Laura, um Deine neue elektronische Anschrift einzuweihen, habe ich einen Aufsatz ausgesucht, der von Julia stammt. (Erinnerst Du Dich, dass ich Dir von ihr erzählt habe? Sie lebt und arbeitet in Spanien, genauer gesagt in Granada, der Hauptstadt des Tango im »Mutterland«.) Dort in Andalusien haben sich Julia und ihr Mann, beide Argentinier, zum ersten Mal in den Tango verliebt. Aus jener Liebe ging dieser Text hervor. Lies ihn langsam und, wenn es Dir möglich ist, mit einem kleinen Tango im Hintergrund. »Lass uns Tango tanzen, Liebling! Die Entscheidung war gefallen: Ich würde Tango-Tanzen lernen. Mehr noch: Ich musste Tango-Tanzen lernen. Und dieses Mal würde ich allen Eifer daransetzen, den ich nach so vielen Jahren fruchtloser Versuche aufgespart hatte (vom ersten Gestolper mit meinem Vater an bis hin zu jenen flüchtigen Versuchen an der Hand opferbereiter >Freiwilliger<, denen ich auf meinem Weg begegnet war). Und da ich diesmal fest entschlossen war, dem Ganzen bis auf den Grund zu gehen, musste ich als erstes, wie es sich gehört, an einer Unterrichtsstunde teilnehmen (mit Tanzlehrer und allem Drum und Dran). Voll guten Willens, emporgehoben von meinen Stöckelschuhen, in einen den Umständen angemessenen Rock gezwängt und mit meinem überzeugendsten Lächeln auf dem Gesicht, tauchte ich also in jenem Tanzsaal auf, den mir meine Freundinnen so sehr empfohlen hatten. Aber klar, da so viel Glück unmöglich und uns Vollkommenheit verwehrt ist, war es wie immer: Es fehlte etwas. Ich schaute mich einmal um und noch einmal, und je intensiver ich meinen Blick schweifen ließ, desto deutlicher hatte ich die ewige Wirklichkeit vor der Nase: Auf fünfundzwanzig Frauen kamen vier Männer. Trotz allem wollte ich mich nicht ein weiteres Mal unterkriegen lassen. Und so begab ich mich auf die Tanzfläche, willens, irgendeiner der anderen vierundzwanzig Frauen eines jener vier begehrten Beutetiere zu entreißen. Gleichwohl 67

- trotz all meinem guten Willen und meinem schönsten Lächeln - gelang es mir in jener Stunde lediglich ein einziges Mal, einen Tanzpartner zu ergattern, und das für fünf Minuten. Bei dem Tempo würde ich in zwei Jahren höchstens eine Figur erlernen (wenn nicht zuvor noch weitere Konkurrentinnen auf der Tanzfläche erschienen). Just in diesem Augenblick kam mir die Erleuchtung, und ich begriff mit äußerster Klarheit: Für irgendetwas ist der Ehemann doch gut! Nachdem ich zu meinen wirksamsten und ausgefeiltesten Tricks aus der Kiste »manipulative Verführung« gegriffen hatte, gelang es mir, ihn zur Tanzstunde zu schleifen. Und das Beste und Unglaublichste daran war: Er hatte Spaß daran! Erste Stunde >Das erste, was wir vom Tango lernen werden, ist die Umarmung<, sagte der Tanzlehrer Julio Horacio Martinez. Ich dachte, dass es dazu nicht allzu viel Wissens bedurfte, schließlich umarmen wir uns doch ständig, oder? Umarmung ist etwas Natürliches, dafür müssen wir nicht in die Lehre gehen. Aber nein. Anscheinend verbarg sich hinter der Umarmung beim Tango etwas recht Kompliziertes. >Beim Tango müssen die Körper einen Stromkreis entgegengesetzter Spannungen aufbauen. Der Arm muss fest sein, darf aber nicht schieben. Die Beine sind in Kontakt, aber ohne aneinanderzukleben oder sich in der Bewegung zu behindern. Bedenken Sie, dass bei diesem Tanz das Gleichgewicht nicht in jedem einzelnen ruht, sondern in der Mitte zwischen den beiden Tänzern, und wenn Sie sich nicht verstehen, werden Sie sich aus der Balance bringen. Sie müssen lernen, sich zu verständigen, damit Sie es beide genießen können.< Also umfing mich mein Mann mit Armen und Beinen zugleich; mit einer Hand hielt er meine Taille fest, die andere bot er mir, erhoben und fest, als Stütze. Soweit alles in Ordnung ... jedenfalls in der Theorie. Wenn seine Hand an meiner Taille mich nicht nahezu in die Höhe gehoben und seine Beine mir nicht jeglichen Raum zur Bewegung verwehrt hätten, ganz zu schweigen von seiner festen Hand ... Er hielt mich so fest, dass er mir schier die Finger zerquetschte. >Deine Hand muss Gegendruck aufbauen - sonst fühlst du dich umher geschoben. Mit einem Pudding kann man nicht tanzen - auch wenn er die Gestalt einer Frau hat.< Man hatte zu mir >Pudding in Gestalt einer Frau< gesagt, und zwar sagte dies ... Und damit endete die erste Stunde. Zweite Stunde >Heute lernen wir den Grundschritt, der aus acht Taktschlagen besteht. Sehen Sie? Eins, zwei, drei, vier, fünf ... Und beim fünften muss die Frau das Körpergewicht auf dem rechten Fuß haben und dann, mit demselben Fuß, indem sie das Gewicht verlagert, nach hinten ausschreiten, und es geht weiter: sechs, sieben, acht. Verstanden?< Wir sagten ja (nicht ohne gewisse Vorbehalte) und begannen zu tanzen: Eins, zwei, drei, vier, fünf ... Eins, zwei, drei, vier, fünf ... Eins, zwei, drei, vier, fünf ... Es war unmöglich! Mein Mann bestand hartnäckig darauf, dass ich den sechsten Schritt mit dem linken Fuß machte, und wollte einfach nicht begreifen, dass er nach vorn kreuzen musste. >Du rennst mich um!< >Nein, du bist dran schuld, du gehst nicht zurück.< >Aber, wie soll ich denn zurückgehen, wenn ich mit dem Standbein vor dir ausweichen muss?< >Die anderen Frauen können es doch auch ...< >Die anderen Frauen können es, weil die anderen Männer die richtigen Schritte vorgeben.< Der Tanzlehrer kam näher und wandte sich an meinen Mann: >Du musst bedenken, wo sie ihr Körpergewicht hat. Wenn du das nicht tust, kann sie nicht weiter. Schau: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht. Siehst du?< Wie schön, mit jemandem zu tanzen, der mich versteht! Ich erkannte, dass ich mich mit meinem Mann unfähig fühlte. Er gab mir die Schuld an seinen Schwächen und wollte nicht einsehen, dass ich unmöglich seinen Vorgaben folgen konnte.

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Dritte Stunde >Heute arbeiten wir an der Ausdrucksweise des Grundschrittes. In den acht Taktschlägen gibt es zwei Geschwindigkeiten: die Eingangs- und die Ausgangsgeschwindigkeit. Das gilt für die Männer wie für die Frauen, also fürs Paar. Der Mann kann entscheiden, ob er ihr allein den Raum gibt oder ob er sie in ihren Bewegungen begleitet.< Endlich waren wir an dem Punkt angekommen, auf den ich gehofft hatte: dass wir diese schönen, eleganten und so sinnlichen Tanzfiguren des Tango ausführen sollten ... Ich schreite nach hinten aus, kehre zurück, schreite nach hinten aus ... Aber was war das? Plötzlich mussten wir beide uns anstrengen, nicht hinzufallen - vier Meter voneinander und meilenweit von der erträumten Eleganz und Sinnlichkeit entfernt. >Was macht ihr da?< Julio kam angeschossen wie der Blitz. >Wir wollen hier Tango tanzen, und ihr führt euch auf wie Sumoringer. Komm her<, sagte er zu meinem Mann. >Jetzt übernehme ich die Rolle deiner Partnerin, und du zeigst mir, was du tust. Siehst du? Wenn du mir nicht genügend Raum lässt, werde ich ihn mir auf welche Weise auch immer nehmen, und sei es, indem ich mich entferne ...< Vierte Stunde Auch wenn wir uns so einigermaßen bewegen können, kostet es uns noch immer sehr viel, uns aufeinander abzustimmen. Nachdem wir das Pause-Einhalten geübt haben, ist es uns gelungen, ein wenig zusammenhängend zu tanzen, aber nach einigen verzwickten, äußerst anstrengenden Schritten stoße ich wieder gegen seine Füße (vielleicht stößt ja auch er gegen die meinen, ich weiß es nicht). Wie dem auch sei, mein Mann wirft mir vor, ihm nicht zuzuhören und allein zu tanzen. Ich wiederhole, dass ich nicht verstehe, was ich ihm zufolge tun solle ... Aber es scheint so, als verstünde auch er mich nicht. Erneut kommt Julio auf uns zu, um mit meinem Mann zu sprechen. Sind wir das einzige Paar im Saal, das nicht tanzen kann? >Wenn du ihr etwas sagen möchtest, musst du zuerst Kontakt aufnehmen, ihre Aufmerksamkeit erregen. Stattdessen überfällst du sie, überraschst sie, und so vor den Kopf gestoßen, wird sie dich nicht verstehen. Übertragen wir das auf den Tanz. Schau mal: Zunächst suchst du ihren Fuß, du hältst sie zurück, und dann machst du eine Bewegung. Wenn du nicht zuvor schon Kontakt zu ihr aufnimmst, wird es schwierig für sie, zu erraten, was du ihr mitteilen möchtest. Genauso rufst du sie, wenn du mit ihr sprechen willst, und erst, wenn du siehst, dass sie dir zuhört, redest du. Ansonsten müsstest du vorher und nachher schreien. Das ist das gleiche. Und du<, hiermit wandte er sich zu mir, >bedenke, dass du, wenn er ruft, anhalten und ihm zuhören musst. Sonst wird er brüllen müssen, damit du ihm zuhörst. Und wenn ihr tanzt, wird er dir weh tun. Ich zeig' es euch: Ich führe meinen Fuß an ihren; sie hält ein, um zuzuhören. Ich führe eine Bewegung aus und hoffe, dass sie mir antwortet. Vergesst nicht: Tanzen heißt, einen Dialog miteinander führen, und nicht, sich dem anderen aufdrängen. Der eine spricht, und nachdem der andere zugehört hat, antwortet er. Achtung: erst nach dem Zuhören. Denn beim Tango ist es wie im Leben: Wenn ich mir nicht die Mühe mache zuzuhören, setze ich einfach voraus, dass ich schon weiß, was man mir sagen will; so aber werde ich dem anderen nie antworten. Damit geht der tatsächliche Dialog zugrunde und wird zum Monolog. Und das eben macht ihr; das hat aber mit Tangotanzen nichts zu tun, denn der Tango ist ein Paartanz, in dem jeder einzelne im Einverständnis mit dem anderen improvisierte Fünfte Stunde Heute habe ich keine Lust, zur Tanzstunde zu gehen. Im Grunde möchte ich nirgendwohin gehen. Ich weiß nicht, was gerade geschieht, aber ich habe das Gefühl, dass meine Beziehung zu Ende geht. Seit einiger Zeit streiten wir uns bei jeder Kleinigkeit, und es gibt keine Möglichkeit, ernsthaft miteinander zu reden. Endlose gegenseitige Vorwürfe verhindern den Dialog. Es ist, als sprächen wir verschiedene Sprachen, und eine schmerzhafte Distanz, eine Mischung aus Wut und Gleichgültigkeit, macht sich zwischen uns breit. 69

Dieses Schweigen, von dem ich nicht weiß, wie und wann es eingesetzt hat, wächst sich immer weiter aus und ist an« scheinend nicht mehr einzudämmen. Niemals hätte ich gedacht, dass nach einer so langen Zeit der Gemeinsamkeit und Nähe ein Moment kommen würde, in dem wir uns, obwohl wir zusammen sind, nicht mehr begegnen können. Es ist besser, ich ziehe mich um und gehe zur Tanzstunde, denn all das in meinem Kopf kreisen zu lassen ist kein Gewinn, und wenn wir allein zu Hause bleiben, wird die Distanz unerträglich. >Heute werden wir keinen neuen Schritt lernen. Ich denke, es ist wichtig, dass Sie wissen, was Sie tun. Wenn Sie nicht begreifen, was es heißt, Tango zu tanzen, können Sie zwar die Schritte ausführen, werden aber niemals Tango tanzen. Der Tango als Paartanz lebt von der Umarmung, die ein Halten und kein Drücken ist. Umarmen meint, mit geöffneten Armen etwas geben, und derjenige, der mit geöffneten Armen gibt, erhält etwas zurück mit dem ganzen Körper. So vereint, verlagern sich die beiden Tanzenden im Raum, aber es handelt sich nicht um irgendeinen Raum. Im Gegenteil, es ist ein von den beiden geschaffener Raum. Wie das berühmte Tanzpaar Gloria und Rodolfo Dinzel sagt: Der Tango widerlegt die Mathematik, denn eins und eins sind nicht zwei, sondern eins, nämlich das Paar, oder vielmehr drei: er, sie und eine dritte Einheit. Eins oder drei, aber niemals zwei! Es handelt sich um einen wirklich körperlichen und liebevollen Dialog, in dem beide die Selbstbestimmtheit zu handhaben wissen und in dem es auch Momente des Schweigens gibt - eines Schweigens, das ein notwendiger Teil des Dialogs ist, ihn, wenn Sie so wollen, bereichert, aber niemals außer Kraft setzt. In diesem Dialog können beide etwas vorschlagen, denn auch wenn der eine die Initiative zur ersten Bewegung ergreift, wird - je nachdem, wie die Antwort hinsichtlich Geschwindigkeit, Ausmaß und Richtung ausfällt - die folgende Bewegung aussehen. Deshalb gilt es auch zu lernen, den Fehler als eine Möglichkeit der Bereicherung aufzufassen. Wenn dies nicht der Fall wäre, gäbe es den Tango nicht. Sie dürfen sich über ein Versagen nicht ärgern; suchen Sie den Kontakt mit dem anderen, und versuchen Sie gemeinsam etwas zu erschaffen. Schließlich ist der Tango auch eine Form der Selbsterkenntnis, denn so, wie ich im Beziehungsleben - sei es nun als Freund, Geliebter oder Vater - in Auseinandersetzung mit dem anderen meine Qualitäten kennenlerne, kann ich im Tango die Rolle eines Beschützers oder eines Beschützten, eines Beherrschten oder eines Herrschers einnehmen. Ich kann unendlich zärtlich, aber auch stürmisch oder eine Mischung aus beidem sein. Und mein Partner ist da, um mir dies zu spiegeln. Was ich hier andeute, ist nicht einfach, aber nur, wenn Sie das begriffen haben, werden Sie tanzen können - und zudem jeden Tag wieder anderes: an manchen voller Wildheit, an anderen voller Zärtlichkeit, an wieder anderen in wahrhafter Ekstase aber Sie werden mit Sicherheit nicht mitten im Tanz stehenbleiben.< Während wir nach Hause gingen, klangen mir Julios Worte noch im Ohr. Es war, als hätten die Sätze eine körperliche Gestalt angenommen und tanzten nun in meinem Kopf, füllten ihn aus, ordneten sich, fanden zur Eintracht und ergaben Sinn: >Die Umarmung ist ein Halten und kein Drücken ... Fassen Sie den Fehler als eine Möglichkeit auf ... Wenn ich ihm keinen Raum lasse, wird er ihn sich nehmen ... Mein Partner ist da, um mir zu zeigen, wie ich bin ... Die Begegnung ist ein Dialog, keine Zwangsmaßnahme; im Dialog hör ich dem anderen zu und setze nicht voraus, was er sagen will; die Umarmung meint, dem anderen Raum zu geben, nicht ihn einzufangen; der Tango ist ein ständiger Dialog ...< Heute überfliege ich diese alten Notizen. Ich habe sie in der Schublade einer Kommode gefunden, die seit dem Umzug im Keller gestanden hat. Wie viel Zeit seither vergangen ist! Zehn Jahre? Ja, ich glaube, zehn. Damals waren wir gerade mal zwei Jahre verheiratet, und nun sind es zwölf. Wir überwanden die Krise, und wir mussten in der Tat das Zusammenleben ebenso lernen wie das Tangotanzen. Während ich lese, höre ich Musik, und mein Mann wird wohl gerade seine Gartenarbeit beenden. So ist es, da kommt er schon herein. Es läuft gerade Tango Danzarin. >Was machst du?< frage ich ihn. >Ich denke gerade, dass ich große Lust habe, dich zu umarmen. Tanzen wir einen Tango, Liebling?< Julia Atanasöpulo Garcia« Ist das nicht ein Schmuckstück? Ich denke, der Text sagt im Großen und Ganzen das gleiche wie wir, nur eben nicht auf das Paar, sondern auf den Tanz bezogen. Ich finde ihn großartig. 70

Wollen wir ihn in unser Buch aufnehmen? Küsse Fredy Roberto gefiel der Aufsatz sehr, so sehr sogar, dass er darüber hinwegsehen konnte, von wem der Text kam. Er ging mit dem Cursor auf den Befehl »Bearbeiten« und klickte die Option »Alles markieren« an. Anschließend kopierte er ihn auf eine leere Seite und löschte den letzten Teil der Nachricht. Anstelle der abschließenden Worte von Fredy schrieb er: Ist das nicht ein Schmuckstück? Als ich den Text las, dachte ich, er spricht von Dir und mir. Mir war, als beschriebe er unsere Begegnung, und statt sich über die Beziehung zweier Erwachsener auszulassen, die sich kennen und mögen, bezieht er sich auf den Tanz. Ich finde ihn großartig. Auch wir haben inzwischen gc lernt, einen ganzen Tanz lang miteinander durchzuhalten, das heißt: dieses Buch zu schreiben. Auch wir mussten, denke ich, erst lernen, wie man sich umarmt, hält und nicht schubst oder umrennt. Und auch wir können beim gemeinsamen Tanzen weiter hinzulernen. Tanzt Du diesen Tango mit mir? Ich sende Dir einen Kuss und umarme Dich »ungehobelt«. Fredy Roberto ging das Geschriebene noch einmal durch, kürzte und ergänzte es und sandte die E-Mail mit dem Betreff »Tango« von trebor@hotmail.com an carlospol@spacenet.com. Lauras Antwort kam am Abend des nächsten Tages und ließ ihn einen Moment lang erschaudern. Er musste vorsichtiger sein, denn am Anfang der Nachricht stand: Fredy, Was soll das heißen: »Um Deine neue elektronische Anschrift einzuweihen«? Meine neue Anschrift? Ich habe doch nicht die Mailbox gewechselt, sondern Du! Mir scheint, bei all dem vielen Reisen weißt Du nicht mehr, ob Du kommst oder gehst, ob Du da bist oder fort, ob Du es bist oder ein anderer. Jedenfalls habe ich mich sehr über Deine Verwirrung amüsiert. Was wohl Deine Patienten sagen würden, wenn sie wüssten, dass Du nicht einmal mehr weißt, wo Du bist? Er musste die Nachrichten unbedingt genauer lesen, wenn er weiterhin die Rolle eines Postadministrators einnehmen wollte. Laura schrieb weiter: Die Idee Deiner Freundin Julia finde ich hinreißend. Es ist erstaunlich, wie es nicht nur zu unserer Beziehung, sondern auch zu all dem passt, was wir verfechten und woran wir arbeiten. Nachdem ich das über den Tango gelesen hatte, holte ich meine Schreibmappe hervor, in der ich einige Notizen aufbewahre, unter anderem die zur Vorbereitung unseres Vortrags in Cleveland. Dabei fiel mir unser Arbeitsprogramm für Patienten, die Schwierigkeiten in ihrer Paarbeziehung haben in die Hände, erinnerst Du Dich? 1. 2. 3. 4. 5. 6. Unsere Liebesfähigkeit entwickeln. Den Perfektionismus aufgeben. Ein Gleichgewicht finden zwischen beruflichem Engagement und Privatsphäre. Die Intuition entwickeln, damit wir uns von ihr und manchmal auch von der unseres Partners- unserer Partnerin leiten lassen können. An den Schwierigkeiten beim Geben und Nehmen arbeiten, in Kontakt treten mit den wahren Bedürfnissen. Den Botschaften des Körpers und angenehmen Situationen Vorrang geben vor unhinterfragten Vorstellungen, wie man sich dann und dann zu »fühlen« habe.

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Ehrlich überprüfen, bis zu welchem Punkt wir bereit sind, alles zu geben, was wir haben, auch wenn es uns mehr kostet, als uns zur Verfügung steht; der Beziehung Raum und Zeit zuzugestehen und von der Vorstellung abrücken, das absolute Zentrum des Universums zu sein. Merkst Du? Es passt genau zu dem Text. Ich bin sehr beeindruckt und sehr glücklich.

Ich mag Dich sehr. Küsse an Julia, wenn Du ihr schreibst. Laura Roberto lud die E-Mail in sein Textverarbeitungsprogramm und entfernte den Anfang. Bevor er sie weiterversandte, löschte er noch am Ende das »Ich mag Dich sehr« sowie das »und sehr glücklich«; er wollte einige von Lauras Worten ganz für sich behalten. Die ganze Nacht und einen größeren Teil des nächsten Tages dachte er über die Rolle nach, die ihm die neue Situation auferlegt hatte. Im Grunde funktionierte diese dazwischen geschaltete Mailbox in der Beziehung zwischen Laura und Fredy wie ein allmächtiger Gott. Trebor konnte die Informationen, die jeder von ihnen erhielt, je nach Lust und Laune verändern, ergänzen, entfernen, reproduzieren oder verfall sehen und auf diese Weise bestimmte Antworten, Gedankengänge und Handlungen manipulieren, ohne dass die beiden davon erführen. Anders als man vielleicht vermuten könnte, wollte er niemandem Schaden zufügen. Nicht Fredy, zumal der Schachzug mit Herrn Farias schon boshaft genug gewesen war, so dass Robertos Ärger im Anschluss daran nahezu verflogen war (in der Tat hatte er schon ein etwas schlechtes Gewissen). Und nicht Laura, denn sein einziger Wunsch bestand darin, den Kontakt zu ihr nicht zu verlieren. Trebor war schlicht die einzige Möglichkeit, seine Beziehung zu ihr aufrechtzuerhalten.

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Drittes Buch
carlospol@

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KAPITEL 11

lächelte, während sie im Geiste ihren Tag neu strukturierte, damit sie noch Zeit fände, bei der Schule vorbeizufahren und ihrer Tochter die Mappe zu bringen. Das Teewasser hatte inzwischen bestimmt die richtige Temperatur; deshalb eilte sie zur Küche und hörte dort das typische Geräusch des Wassers kurz vor dem Aufkochen. Sie drehte das Gas aus und öffnete die Teekiste. »Welchen?« fragte sie sich, während sie die verschiedenfarbigen Beutelchen betrachtete, die sorgfältig in zwei Reihen eingeordnet waren. Sie sah aus dem großen Fenster zum Garten hinaus und entschied sich für »Traum«, eine Mischung aus schwarzem Tee, Pfefferminze und Zimt. Es war ein Genuss, die verschieb denen Geschmacksrichtungen und Teesorten durchzuprobieren und für sich zu entdecken. Während sie den Teebeutel ins heiße Wasser tauchte, kam ihr jener Ort in den Sinn, an dem sie noch nie gewesen war, von dem aber in ihrer Vorstellungskraft, einem Traumhafen gleich, ein besonderer Zauber ausging: die Teestuben des Stadtviertels Albaicin in Granada. Vor sechs oder sieben Jahren hatte ihr Claudia ausführlich von diesem Ort berichtet. Ihre Patientin war von einer langen Spanienreise zurückgekehrt und hatte einen großen Teil der ersten drei Sitzungen nach ihrer Rückkehr darauf verwendet, von der andalusischen Szenekultur und den Teestuben zu erzählen. Laura rührte mit dem Löffelchen im Tee, führte die Tasse zur Nase, schloss die Augen und atmete das Aroma tief ein. Vom Paseo de los Tristes aus stieg sie die alten Straßen des Albaicin empor, bis zum Platz San Nicolás. Eine ganze Weile betrachtete sie die Türme der Alhambra. Dann lief sie zwischen den rustikalen Häuschen hinunter und betrat das alte Viertel Morería. Die kleinen Läden, mitunter kaum größer als ein Kiosk, boten eine betörende Mischung von marokkanischer Musik, intensiven Düften, unterschiedlichsten Farben und fremdartigen Formen dar. Hinter verschnörkelten Gardinen konnte man auf die unbequemen Tische blicken, an denen die Familienmitglieder Hunderte von unterschiedlichen Teesorten servierten, in Gläsern mit goldenen Zeichnungen und in winzigen Teekännchen aus getriebener Bronze für eine Person. Claudia hatte sie so viele Male an diesen erinnerten Spaziergängen teilhaben lassen, dass sich Laura, als sie Jahre später mit Alfredo in Cleveland zusammentraf, mit ihm über das maurische Viertel Granadas unterhalten konnte, als wären sie gemeinsam durch jedes Sträßchen gegangen und hätten gemeinsam das »Marrakesch« betreten, die - wie sie beide fanden - weitaus beste aller Teestuben. Mit der Erinnerung an Fredy wanderten ihre Gedanken zum Buch: Sie schuldete ihm immer noch die Bibliographie zur Paartheorie. Es kostete sie eine kleine Anstrengung, um dem Impuls zu widerstehen, sich mit der Tasse in der Hand zu erheben und unmittelbar zum Schreibtisch zu eilen. Viele Jahre hatte sie an sich selbst gearbeitet und mühsam erlernt, nicht ständig die eine Tätigkeit wegen einer anderen zu unterbrechen, zumal wenn es sich um eine angenehme Aufgabe handelte. So trank sie, ohne Eile, erst ihren Tee aus und begab sich dann in die Bibliothek. Langsam wanderten ihre Augen über die vier maßgefertigten Regale aus dunklem Holz, die die Zimmerwände vom Boden bis zur Decke hin vollständig bedeckten. Zum ersten Mal bemerkte sie, dass nahezu alle Bücher in ihrem Haus vom selben Thema handelten. Mit Ausnahme von sechs oder sieben Romanen und einigen Kurzgeschichtensammlungen drängten sich in den Regalen Hunderte von Abhandlungen, Nachschlagewerken und Notizen über Psychologie und Paartherapie: Bücher auf Englisch, Französisch, Spanisch oder Portugiesisch, die häufig - trotz des Plagiats ungestraft dasselbe wiederholten, andere wieder, die einander offenkundig und unversöhnlich widersprachen. Sie griff Bücher heraus und stapelte sie auf ihrem Schreibtisch. Und als der Turm zu schwanken begann und zusammenzustürzen drohte, machte sie sich an die Konstruktion eines zweiten babylonischen Turms. Schließlich stellte

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aura schloss die Tür zu ihrem Haus und bemerkte, dass Ana ohne ihre Zeichenmappe weggegangen war. Sie

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sie den beiden noch einen dritten zur Seite, der allerdings nur die halbe Höhe erreichte - nicht jedoch, weil es nun genug war, sondern weil sie sich Einhalt gebot. Laura setzte sich in ihren Ledersessel und ging die Bücher einzeln durch. Eins nach dem anderen nahm sie vom Stapel, streichelte es, blätterte darin und las einige zufällig aufgeschlagene Passagen. Jeder Satz erinnerte sie an Momente in ihrem beruflichen wie privaten Leben: an längere Phasen, in denen sie in ebendiesen Büchern Antworten auf ihren inneren Schmerz gesucht hatte, oder an Augenblicke der Begeisterung, wenn sie von Workshops, die Adriana Schnake, Welwood, Bradshaw oder die Resniks geleitet hatten, zurückgekehrt war, mit überladenen Koffern voller frisch erstandener Neuveröffentlichungen, einem Stapel Broschüren und fotokopierten Aufsätzen - nicht zu vergessen die Menge eigener Notizen, die sie sich während der Seminare gemacht hatte, damit ihr keines der treffenden Worte ihrer »Meister« entginge. Gegen Mittag lagen noch etwa zwanzig Bücher auf dem Schreibtisch, die anderen waren in die Bibliothek zurückgewandert. Laura fuhr den Computer hoch und gab die Bücherliste ein. Literaturliste Mauricio Abadi, Te quiero, pero... J. Blachman, M. Garvich, M. Jarak, ?Quién soy yo sin mi pareja? John Bradshaw, Creating love. The next great stage of growth Jolan Chang, Das Tao der Liebe. Unterweisungen in altchinesischer Liebeskunst Pema Chödrön, Die Weisheit der Ausweglosigkeit Irene Claremont de Castillejo, Die Töchter der Penelope Mony Elkaim, Wenn du mich liebst, lieb mich nicht Erich Fromm, Haben oder Sein Hendrix Harville, So viel Liebe, wie du brauchst Jiddu Krishnamurti, Über die Liebe Ronald D. Laing, Knoten Norberte Levy, El asistente interior Juan David Nasio, Livre de la douleur et de l’amour Osho, Sieben Himmel, sieben Höllen Osho, Tantra, Spiritualität & Sex Gerard Pommier, Du bon usage de la colère Emilio Rodrigué, La lección de Ondina Jack Lee Rosenberg, Körper, Selbst und Seele John A. Sanford, Unsere unsichtbaren Partner Adriana Schnake, Los diálogos del cuerpo Sergio Sinay, Esta noche no, querida Alan Watts, El futuro del éxtasis John Welwood, Dem Herzen folgen John Welwood, Durch Liebe reifen Joseph C. Zinker, Auf der Suche nach gelingender Partnerschaft Laura beendete das Abtippen der Bücherliste und ging in ihr Zimmer, um Leggins und Turnschuhe fürs Aerobic anzuziehen. Sie steckte den Zeichenblock in ihren Rucksack, ging hinaus und genoss den Spaziergang. Wenn sie sich ein wenig beeilte, könnte sie gerade rechtzeitig beim Pausenklingeln ankommen und in der Schulkantine mit Ana noch einen Salat essen. Wo Fredy wohl war? In Spanien, Uruguay oder Chile? Fast immer beneidete sie Alfredo darum, wie er sein Leben führte: An einem x-beliebigen Tag stieg er in ein Flugzeug, ein Auto oder ein Schiff und reiste ab, nachdem er sich spontan 75

dazu entschieden hatte. Manchmal aber auch brachte Laura das mit einer Eigenart zusammen, die sie an vielen ihrer männlichen Patienten beobachtet hatte: Der Drang, sich bestimmte Räume der Unabhängigkeit zu bewahren, erzeugte eine neue Art der Abhängigkeit. Was wurde aus so viel Flexibilität, wenn Carmen eines Tages die Entscheidung träfe, sie wolle nicht mehr zu Hause bleiben, wenn sie von der Familie und den Kindern genug hätte? Was würde geschehen, wenn sie sich eines Tages endgültig nicht mehr um die Steuern, die kleinen Reparaturen im Haus und die Autopannen kümmerte? Alfredo Daey war in und außerhalb von Buenos Aires sehr anerkannt, aber - wäre das alles ohne Carmen denkbar? Nach Lauras Meinung: mit Sicherheit nicht. Wie die meisten Männer legte Fredy seiner Frau gegenüber jene diffuse und unverbindliche Dankbarkeit an den Tag, die jede denkende Frau für belangloses Geplapper halten musste, wenn sie nicht gar eine verkappte Geringschätzung dahinter verspürte. Etwas musste sich bei Fredy geändert haben; denn wäre tatsächlich alles so zufriedenstellend verlaufen, hätte sich Carmen vielleicht nicht dafür entschieden, an die Universität zurückzukehren. Ob, so fragte sich Laura, jenes veränderte, nahezu verführerische Auftreten Fredys, das sich in seinen letzten E-Mails artikulierte, nicht eventuell mit jener Veränderung zu tun hatte, die (wie Laura vermutete) sich gerade in Carmen vollzog? Aber ganz abgesehen davon, was in ihm vor sich ging, wie empfand eigentlich sie selbst diese neue Situation? Nach der Trennung von Carlos war Laura der Ansicht, die Sache mit der Partnersuche habe sich nun für sie erledigt. Ihre erste Ehe mit Emilio hatte in einer Katastrophe geendet. Erst nach einer sehr düsteren Zeit raffte sie sich wieder auf und begab sich unter Leute, mit der Vorstellung im Kopf, sie müsse jemand völlig anderem begegnen. Und so hatte sie sich in Carlos verliebt. Bereits drei Wochen nach dem ersten Rendezvous hatten sie beschlossen zusammenzuleben, und weitere drei Wochen später wusste Laura, dass zwischen Emilio und Carlos kein großer Unterschied bestand, auch wenn sie als Paar viel besser funktionierten. Vielleicht hatte sie dazugelernt. Einige Zeit später wurde ihr klar, dass die meisten Menschen dieselbe Erfahrung machten: Die zweiten Partner unterscheiden sich nicht sonderlich von den ersten - weil man sie im Grunde für dieselbe Rolle auserkoren hat. Nur eine eigene Verhaltensänderung könnte eine Neuerung, ein Erwachen hervorrufen. Laura erinnerte sich an den Satz von Georges I. Gurdjieff: »Um wirklich lebendig zu sein, musst du wiedergeboren werden; dafür aber musst du zuvor gestorben und dafür wiederum zuvor erwacht sein.« Ihre Trennung von Carlos war in gewisser Weise der krönende Abschluss einer wunderbaren Beziehung gewesen, aus der beide sehr viel für sich gewonnen hatten, angefangen mit den beiden Kindern bis hin zur Persönlichkeitsentfaltung eines jeden von ihnen. Die Trennung vollzog sich zwischen zwei Erwachsenen, die nicht länger zusammenleben mochten. Alles war durchgesprochen und in Einzel- und Paartherapien aufgearbeitet worden, sie hatten sich genügend Zeit gegeben, um alle Hilfen zu nutzen und sämtliche Möglichkeiten auszuschöpfen. Alles war so freundlich vonstatten gegangen, dass Laura sich manchmal fragte, ob ihre zweite Scheidung nicht eine übertriebene Reaktion gewesen war. Vom Zusammenleben und vom Sex einmal abgesehen, war die Beziehung zwischen Carlos und Laura immer noch so, dass sie alle Arten von Neid hervorrief - sei es bei Freundinnen, bei Patienten oder Nachbarn (die bis heute die Stirn runzelten, wenn sie von ihrem Fenster aus heimlich beobachteten, wie der Vater der Kinder kam und ging). Laura war zu der festen Überzeugung gelangt, ein glückliches Zusammenleben werde ihr wohl, wenn schon nicht mit Carlos, auch mit sonst niemandem gelingen. Vielleicht hatte sie deshalb seit ihrer Scheidung und bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt an keinerlei Partnerschaft, und wäre sie auch nur sporadisch, ihre Gedanken verschwendet. Lediglich ein paar flüchtige, aber angenehme Begegnungen hatte es gegeben; Momente, in denen ihre Weiblichkeit aus ihr hervorgebrochen war, ihre Genussfähigkeit, ihr Vermögen, den eigenen Körper in Kontakt mit dem des Mannes zu genießen - der, wie sie fand, im horizontalen Sinne eine hervorragende Ergänzung abgab.

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Lieber Fredy, ich schicke Dir hiermit die Bücherliste, um die Du mich gebeten hast. Vielleicht bin ich mit der Anzahl der Bücher ein wenig übers Ziel hinausgeschossen, aber ich hoffe, Du kürzt oder ergänzt sie nach Belieben. Außerdem sende ich Dir meine Überlegungen zum Thema zweite Ehe; ich halte es für immens wichtig - nicht nur, weil es zunehmend mehr Menschen betrifft, sondern weil ich es in den zusammengestellten Büchern nicht hin' reichend berücksichtigt fand und den Eindruck habe, dass es sich hierbei um eines der Themen handelt, die man lieber unter den Teppich kehrt. Wenn unsere Kollegen also an jener absurden Position des »geeigneten Partners« festhalten, müssen offensichtlich die zweiten Ehen als ein weiterer Teil der Suche danach begriffen werden. Dieser Auffassung nach können nur die Paare zusammenbleiben, die »sich gefunden haben«, während alle anderen weiterhin suchen oder, schlimmer noch, schließlich des Ganzen überdrüssig werden und von diesem Moment an unausweichlich ihre Partner als Prokrustes behandeln (indem sie ihm die Beine abschneiden, wenn das Bett zu klein für ihn ist, oder, sollte zu viel Platz darin sein, ihn dem Streckbett unterwerfen). Ich habe mir dazu ein paar Gedanken gemacht. Wenn ein Paar sich trennt, bauen sowohl die Väter als auch die Mütter, jeder für sich, eine besondere Beziehung zu ihren Kindern auf; was zuvor eine Dreierbeziehung war, wird zur Dyade: zu Vater und Sohn sowie Mutter und Tochter. Diese Beziehungen bilden schon recht bald bestimmte Charakteristika und Alltagsmuster aus. Die Kinder gewöhnen sich enorm schnell an die neue Zweierkonstellation, und folglich ist das Duo schon etabliert, bevor ein nächster Partner auf der Bildfläche erscheint. In der Folge kehrt sich die Situation gegenüber der ursprünglichen Familie um: Während hier die Beziehung der Eltern der Ankunft des Kindes vorausging, nimmt in den zweiten Ehen der neue Partner die Rolle jenes Dritten ein, der hinzukommt. Und dies ruft besondere Schwierigkeiten hervor, die man kennen muss, um damit umgehen zu können umso mehr in jenen Patchwork-Familien, in denen beide neuen Ehepartner Kinder aus der vorigen Ehe mitbringen. Es wäre gut, sich von Anbeginn an auszusprechen: Die neu hinzugekommenen »Eltern« werden niemals die gleiche Beziehung zu den Kindern ihres Partners erlangen wie zu ihren leiblichen. Und offensichtlich ist auch die Liebe der Kinder zu ihren biologischen Eltern eine andere als ihre Zuneigung zum neuen Partner von Vater oder Mutter. Diese Realität zu akzeptieren kann schmerzhaft sein, weil sich sowohl die neuen Väter oder Mütter als auch die hinzugekommenen Kinder zurückgewiesen fühlen. Ein Großteil der Schwierigkeiten entsteht deshalb, weil die neuen Ehepartner bei der Eheschließung der Vorstellung nachhängen, ihre neue Familie würde der vorigen gleichen. Die Konflikte treten dann auf, wenn die Unterschiede zwischen diesen Erwartungen und der Realität zum Vorschein kommen. Nur in dem Maße, wie wir die Situation als solche akzeptieren, können wir dem Ganzen eine gute Wendung geben, zusammen mit den gemeinsamen wie mit den Kindern aus früheren Ehen. Auch wenn also in Fragen des praktischen Zusammenlebens die neuen Väter oder Mütter an Vater- oder Mutterstelle treten können, werden sie diese niemals ersetzen. Häufig wehren sich die Kinder und durchaus auch die leiblichen Eltern dagegen, den neu hinzugekommenen Partnern Erziehungsautorität zuzugestehen, und dies führt zu grundlegenden Problemen. Deshalb halten wir es für äußerst wichtig und dringlich, diese Themen mit dem neuen Partner durchzusprechen, denn viele dieser strukturellen Probleme kommen im Gewand von Reibereien im Zusammenleben daher, und häufig wissen die Beteiligten gar nicht, weshalb sie sich überhaupt streiten. Im Kern geht es darum, welchen Platz jeder einzelne innerhalb der Familie besetzt und wie viel Macht ihm zukommt. Man muss sich die Mühe machen, dies von Anfang an für alle klar zu definieren und vorzugeben, um so Konfusionen und Missverständnisse zu vermeiden. Wir dürfen nicht vergessen, dass die neuerliche Heirat zwar für die Erwachsenen das Ende einer Phase der Einsamkeit und insofern einen Grund zur Freude darstellt, für die Kinder jedoch den Beginn einer weiteren schwierigen Etappe einläutet, die sich an die - sei es durch Trennung oder Tod herbeigeführten - bereits erlittenen Verluste unmittelbar anschließt. Bei den Kindern erzeugt dies enorme Loyalitätsprobleme: »Wenn ich den neuen Partner meiner Mutter mag, verrate ich meinen Vater.«

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Mit alldem kann man umgehen, wenn man darüber redet. Tut man dies nicht, bleiben die Konflikte unabgeschlossene Gestalten und stören das Zusammenleben. Eine Patchwork-Familie schafft komplizierte Situationen, und nur wenn man auf diese gefasst ist, gelingt das Zusammenleben. So sagt der amerikanische Gestalttherapeut Joseph C. Zinker: »Manche Zwistigkeiten sind unauflösbar und müssen hingenommen werden. Man kann seinen Gefährten lieben und respektieren und gleichzeitig die Tatsache akzeptieren, dass sich nicht alle Probleme aus der Welt schaffen lassen. Hollywood und die meisten gängigen Vorstellungen von Persönlichkeitsentfaltung predigen uns den Mythos, es lasse sich für alle zwischenmenschlichen Konflikte eine Lösung finden.« Dem ist aber nicht so, insbesondere wenn mit Entschlossenheit Unmögliches verlangt wird. Die Lösung kann nur darin bestehen, mit diesen Differenzen zu leben und sich auf die Gemeinsamkeiten zu konzentrieren; dort zu genießen, wo dies möglich ist, und zu akzeptieren, dass manche Verluste sich nicht mit einem neuen Partner kompensieren lassen zumal die Kinder Bedürfnisse haben, die der neue Partner nicht erfüllen kann. Die Intelligenz eines Paares zeigt sich darin, inwieweit es das Vorhandene genießt und nicht über die Durchsetzung von Unmöglichem streitet. Diese Haltung entspricht, nebenbei gesagt, in etwa meiner Vorstellung von einer besseren Liebe. Kuss Laura

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KAPITEL 12

begonnen, verführt von Alfredos Idee, gemeinsam ein Buch über Paare zu schreiben, aber nun, nachdem die Saat in ihrem Geist aufgegangen war, wuchs ihre eigene Lust daran (sehr viel mehr die eigene als die des anderen, denn Fredys Mitarbeit war eher spärlich und äußerst zäh). Sie selbst erging sich in der Phantasie, das fertig gedruckte Buch in der Hand zu halten. Fredy hatte sich verpflichtet, ihre E-Mails zu ordnen und mit seinen eigenen Gedanken sowie dem gemeinsam in den USA gehaltenen Vortrag anzureichern. Auch sie ging die Themen durch, zu denen sie bereits etwas geschrieben hatten, und stellte fest, dass sie manche von mehreren Seiten beleuchtet, andere jedoch lediglich gestreift hatten. Sie schaltete den Computer ein und begann zu schreiben. Lieber Fredy, ich will Dir erzählen, wie aufgeregt ich bin. Ich kann es kaum erwarten, dass unser Buch endlich fertig wird, es eine visuelle Gestalt erhält - ich es endlich in Händen halten kann. Vorhin habe ich mir vorgestellt, wie ich mit meiner Mutter eine sehr große und wichtige Buchhandlung betrete. In meinem Tagtraum wollte ich gemeinsam mit ihr das Buch zum ersten Mal veröffentlicht sehen. Ich denke, sie hat diese Ehre am meisten verdient, nach all dem, was sie im Leben durchgemacht hat. Aber als ich mich nun nach dem Buch umschaute, merkte ich, dass ich es mir gar nicht recht vorstellen konnte, weil wir nicht einmal wissen, wie es denn heißen soll. Wir sollten uns auf einen Titel einigen. Beruflich wie im Privatleben hat sich mir bestätigt, was Du immer wieder betonst: dass wir nur in den Griff bekommen, was wir auch benennen können. Vielleicht ist dieses Bedürfnis, vor sich hin zu träumen oder eine Phantasiereise in die Zukunft zu machen, eine Flucht aus dem Alltag und insofern eine persönliche Marotte. Wenn dem so sein sollte, möchte ich sie als einen Teil meiner Persönlichkeit akzeptieren. Womöglich aber hat dieses Bedürfnis auch mit meinem Frausein zu tun, und in diesem Falle bin ich sogar stolz darauf. Das Thema Männlichkeit und Weiblichkeit bei Männern und Frauen sollten wir unbedingt in dem Buch ansprechen. Wenn wir unser Wissen über die rechte und linke Gehirnhälfte weitergeben, können unsere Leser vielleicht leichter nachvollziehen und akzeptieren, dass die Geschlechter zum Teil aufgrund rein biologischer Determinanten verschieden sind. Es ist bekannt, dass die meisten Frauen eher zu einer holistischen, die meisten Männer hingegen zu einer fokussierenden Sicht tendieren. Die männliche Sicht hat mit Trennen, Analysieren, Konzentrieren, Verändern zu tun, das heißt mit dem Aktiven, das die Neurobiologen gemeinhin der (dominanten) linken Gehirnhälfte zuordnen. Die weibliche Sicht hingegen hängt stärker mit dem Ganzheitsbewusstsein zusammen, mit Aufnahmefähigkeit, Geduld und der Veranlagung, Beziehungen zu knüpfen, zu träumen und kreativ zu sein (also mit Funktionen, die von der rechten Gehirnhälfte übernommen werden). In Krankheit als Weg sagen Dethlefsen und Dahlke in Bezug auf das Gehirn: »Beide Gehirnhälften unterscheiden sich deutlich in ihrem Funktions- und Leistungsbereich und in ihrer jeweiligen Zuständigkeit. Die linke Hemisphäre könnte man die >verbale Hemisphäre< nennen, denn sie ist zuständig für Logik und Struktur der Sprache, für Lesen und Schreiben. Sie schlüsselt alle Reize dieser Welt analytisch und rational auf, das heißt, sie denkt also digital. So ist die linke Hirnhälfte auch für Zählen und Rechnen zuständig. Weiterhin ist das Zeitempfinden in der linken Hemisphäre zu Hause. 79

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aura erhob sich, während die Gedanken in ihrem Kopf weiter um das Buch kreisten. Sie hatte mit dem Schreiben

Alle hierzu polaren Fähigkeiten finden wir in der rechten Hirnhälfte: Statt Analyse finden wir hier die Fähigkeit zur ganzheitlichen Erfassung komplexer Zusammenhänge, Muster und Strukturen. So ermöglicht diese Hirnhälfte die Erfassung einer Ganzheit (Gestalt) aufgrund eines kleinen Teils (pars pro toto). Offensichtlich verdanken wir auch der rechten Hirnhälfte die Fähigkeit der Erfassung und Begriffsbildung von logischen Mengen (Oberbegriffe, Abstraktionen), die realiter nicht existieren .... Hier ist auch das Analogiedenken und der Umgang mit Symbolen beheimatet. Die rechte Hälfte ist für den Bild- und Traumbereich der Seele zuständig und unterliegt nicht dem Zeitverständnis der linken Hemisphäre.« Meiner Ansicht nach liegt es auf der Hand, dass bei den Frauen die rechte und bei den Männern die linke Gehirnhälfte vorherrscht. Norberto Levy sagt: »So wie eine Paarbeziehung zwischen zwei menschlichen Wesen existiert, so gibt es auch eine innere Paarbeziehung zwischen den femininen und maskulinen Anteilen der eigenen Persönlichkeit.« Wir alle sind auf Polaritäten gegründet. Wir verfügen über maskuline und feminine, aktive und passive, schwache und starke Eigenschaften. Das Problem besteht darin, dass wir, sofern wir uns kulturell nur mit einer der polaren Eigenschaften identifizieren, die andere nach außen projizieren. Gewöhnlich kommt es zu einigem Durcheinander, weil man glaubt, dass der Partner der Grund für einen Konflikt sei, und nicht bemerkt, dass es sich um einen inneren Konflikt zwischen zwei entgegengesetzten Eigenschaften handelt, den man mit sich herumschleppt, ohne sich dessen bewusst zu sein. Die gleiche Energie, die ich dafür aufwende, um mich mit meinem Partner zu streiten, benötige ich, um zu entdecken, was in mir vorgeht. Manchmal frage ich mich, ob nicht viele Schwierigkeiten von Paaren in letzter Instanz darauf zurückgehen, dass die unterschiedliche Sichtweise des Mannes und der Frau nicht berücksichtigt wird. Zu Recht verwundert sich der amerikanische Paar- und Familientherapeut John Gray: »Wie können zwei Personen miteinander harmonieren, die in so unterschiedlichen Welten leben? Wie können ein Mann und eine Frau miteinander kommunizieren, wenn sie doch auf verschiedenen Frequenzen senden und empfangen?« Antwort: Nur dann, wenn sie von der Vorstellung abrücken, es gäbe einen einzigen Standpunkt. Es hat unheilvolle Auswirkungen, wenn ich glaube, meine Ansicht sei die einzig richtige; es ist freilich noch schlimmer, wenn ich mich davon überzeugen lassen muss, dass du den alleingültigen Standpunkt einnimmst. Man muss notwendigerweise beide Weisen, die Welt zu erfassen, in sich aufnehmen, um die eigenen abgespaltenen Anteile und den anderen integrieren zu können. Ich respektiere meine Identität und meinen Zugang zur Welt, und von hier aus schulde und verlange ich Respekt. Ich persönlich muss zugeben, dass ich zu einem etwas konfusen und verträumten Bewusstsein neige und mich deshalb in den letzten Jahren sehr darum bemüht habe, ein stärker fokussierendes Bewusstsein zu erlangen. (Während ich dies schreibe, muss ich lachen, weil ich mir gerade all die Männer vorstelle, mit denen ich in den letzten Jahren zusammen war, wie sie sich einträchtig gegenseitig bestätigen, niemals das Resultat meiner Bemühungen um Logik wahrgenommen zu haben.) Wenn es mir an Flexibilität mangelt, von einem Bewusstseinsniveau zum anderen überzugehen, und wenn ich einen rigiden Standpunkt einnehme, neige ich dazu, meinen Gefährten, der aus einer anderen Perspektive heraus denkt, zurückzuweisen - darin besteht die Paarproblematik. Sobald ich mich auf das Abenteuer einlasse, seine Denkweise zu begreifen, mache ich mir neue Ansichten, vor allem aber auch Anteile von ihm zu Eigen. Die Herausforderung in der Paarbeziehung besteht darin, sich auf einen anderen - ihren oder seinen - Zugang zur Welt einzulassen und diesen Zugang in sich aufzunehmen; sich einer neuen Denkweise, einer anderen Lebensweise gegenüber zu öffnen.

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Liebe beginnt erst dann, wenn ich den anderen wahrhaftig entdecke, wenn dies nicht eine bloße Idee bleibt, sondern wenn ich mit jemand Neuem konfrontiert bin, der mich mit seiner Originalität überrascht. Da fängt Liebe an: mit der Überraschung, mit der Entdeckung. Wenn ich umgekehrt lediglich versuche, den anderen in meine alten Vorstellungen einzupassen, passiert gar nichts, zumindest nichts »Liebevolles«. Sich der Liebe zu öffnen bedeutet, sich dem Neuen zu öffnen. Lieben heißt, sich der Realität hinzugeben. Laura Und bevor sie dies versandte, fügte sie noch hinzu: PS: Ich verlange Deine Mitarbeit! Laura lächelte und trat in den Garten, um noch ein paar Sonnenstrahlen zu genießen, bevor sie zur Praxis gehen würde. Sie setzte sich auf die Bank und begann über die Termine an jenem Nachmittag nachzudenken: Hector und Graciela, Marcelo und Patricia, Javier und Analia, Hugo und Beatriz, Armando und Carla. Bei Hector und Graciela lief alles bestens: Beide hatten begriffen, dass sie sich zuhören müssen, um etwas gemeinsam aufzubauen, und die Dinge nahmen nun ihren Lauf - beinahe ohne Lauras Zutun. Marcelo und Patricia hatten letzte Woche erst begonnen. Er schien ein aufgeschlossener und angenehmer Mann zu sein. Sie hingegen wirkte anspruchsvoll und ängstlich. Laura würde darauf achten müssen, ob sich dieser erste Eindruck bestätigen würde. Javier und Analia waren zu ihr in Beratung gekommen, weil sie sich unentwegt stritten. Von Anfang an hatte Laura geahnt, dass es sich hier um das klassische Beispiel einer Paarbeziehung handelte, in der die individuellen Probleme auf die Beziehung übertragen worden waren. Laura hatte sich dafür entschieden, sie zwar als Paar anzusehen, aber einzeln zu bestellen. Heute würde Analia kommen. Sie arbeitete an der verzwickten Beziehung zu ihrem Vater, einem gewalttätigen und wenig liebevollen Alkoholiker, um nicht ihre Ansprüche auf Javier zu übertragen, der viele Male unschuldig (andere Male nicht so ganz) für die Scherben zu zahlen hatte, die jene noch so wenig aufgearbeitete Beziehung in seiner Frau hinterlassen hatte. Beatriz und Hugo hingegen waren ein in jeder Beziehung besonderes Paar, zunächst einmal, weil sich Laura so sehr mit Beatriz identifizierte. Ihr eigenes und Beatriz' Leben ähnelten sich in vielerlei Hinsicht: Ihre Lebensentwürfe stimmten miteinander überein, ihre Ansprüche waren identisch. Aber dieses Paar unterschied sich auch von anderen, weil beide sehr viel Charme hatten und die wöchentliche Sitzung deshalb eine besondere Note erhielt. Häufig schon hatte Laura daran gedacht, die beiden an einen anderen Kollegen zu überweisen. Aber weder Beatriz noch Hugo wollten auf ihren Vorschlag eingehen - vielleicht gerade wegen dieser Affinität, die in ihren Zusammenkünften spürbar wurde. Also hatte sich Laura von der Vorstellung, sie weiter zu behandeln, verführen lassen. Augenblicklieh steckten sie in einer Phase der Nachdenklichkeit: Sie hatten gerade beide entdeckt, dass sie sich »Freiräume« zugestehen und deren Folgen genießen konnten. Beatriz nahm wieder Zeichenunterricht, und Hugo nutzte die Zeiten ihrer Abwesenheit, um im Internet zu surfen, statt paranoisch auf die »Leute« zu reagieren, mit denen sie sich traf. Am meisten sorgte sich Laura an diesem Tag um Armando und Carla. Ganz im Geheimen konnte Laura nicht verstehen, weshalb die beiden eigentlich noch aneinander festhielten. Sie führten eine dieser »Jo-Jo-Beziehungen«*, wie Laura sie nannte, die sich dadurch auszeichneten, dass sich beide auf schäbige Weise ganz ausschließlich mit sich selbst beschäftigten. Ein weiterer Grund für diese Namensgebung war, dass sie in einem ständigen Auf und Ab auf maliziöse Weise miteinander stritten, sich trennten, wieder zusammenkamen, sich anschrien, beschimpften und oberflächlich wieder versöhnten. Darüber hinaus verhedderten sie sich so häufig ineinander, dass sich die Knoten kaum mehr entwirren ließen.
* Im Spanischen yo-yo und insofern doppeldeutig: meint erstens das Spielzeug und zweitens »Ich-Ich«.

Beide wussten, dass sie sich anlogen, sich manipulierten, miteinander konkurrierten und beleidigt nebeneinander her lebten. Sie gingen heimlich mit Dritten aus und flirteten unablässig mit anderen. Gleichwohl wurden sie jedesmal sehr 81

ärgerlich, wenn Laura ihnen vorschlug, sie sollten sich, und sei es nur vorübergehend, voneinander trennen; dann produzierten sie während der Sitzung einen Gemeinplatz nach dem anderen und rechtfertigten das weitere Zusammensein mit Worten wie: »Wir lieben uns zu sehr, als dass wir uns trennen könnten«, »Ich weiß, dass sie die Frau (oder er der Mann) meines Lebens ist«, »Wenn man jemanden liebt, muss man alles bis zum Ende mit ihm durchfechten, gerade weil man ihn liebt« oder »Ich könnte ohne ihn (oder sie) nicht leben«. Laura hakte dann noch ein wenig nach, gab es dann aber auf, fand sich mit ihren Beschränkungen ab und fragte sich, ob die beiden letzten Endes nicht doch recht hätten und ob nicht sie, Laura, oder die ganze Wissenschaft mit ihrer hoch gezüchteten psychologischen Beziehungsanalyse letztlich im Irrtum seien. »Schließlich«, so fragte sie sich, »wer kann mit Sicherheit behaupten, dass eine Trennung für sie besser wäre, als zusammenzubleiben? Ist es denn gewiss, dass man allein glücklicher ist als in einer schlechten Beziehung?« Womöglich hatten Armando und Carla recht, und Laura würde alle ihre Theorien über Paare neu durchdenken müssen. Sie erhob sich von der Bank und nahm sich vor, in den nächsten Sitzungen vorsichtiger vorzugehen. Die Situation berührte sie persönlich, und vielleicht hielt sie diese Paarbeziehung deshalb nicht für lebenswert, weil sich bei ihr Privates und Berufliches vermengte. Sie musste wachsam sein, um nicht hineingezogen zu werden. Im Grunde lebte sie selbst in keiner Beziehung, weil sie keine mittelmäßige oder konventionelle Beziehung akzeptieren wollte. Niemals hatte sie eine Beziehung wegen der Beziehung selbst aufrechterhalten, immer hatte sie mehr verlangt. Der Rest des Tages verlief ohne Überraschungen, selbst die Sitzung mit Armando und Carla erwies sich als interessant und produktiv. Laura kehrte nach Hause zurück, zufrieden mit ihrem Beruf und ihrem Tätigkeitsfeld. Im Computer wartete eine E-Mail auf sie. Laura, ich habe über Deine Äußerungen nachgedacht. Du wirst in meinen Augen immer präziser und weiser. Ich füge hier noch einiges an, was ich gelesen und worüber ich nachgedacht habe. Irene Claremont de Castillejo zufolge verhindern drei wesentliche Gründe die Begegnung. Als ersten führt sie an, dass wir manchmal zu kommunizieren versuchen, obwohl wir uns auf verschiedenen Bewusstseinsebenen befinden. Wie Du schon referiert hast, gibt es zwei verschiedene Zugänge zur Welt: einen vom fokussierenden Bewusstsein aus und einen anderen eher diffusen, aber ganzheitlichen. Der erste hängt mit der Logik und dem analytischen Blick zusammen, der zweite mit der holistischen Wahrnehmung der Welt als Totalität; dieser letztere schließt die Emotionen und Erlebnisse mit ein: Es ist der Blickwinkel der Erfahrung. Wenn zwei Personen miteinander kommunizieren wollen und die eine vom Standpunkt der Logik, die andere von dem der Erfahrung aus redet, wird es zu keiner Begegnung kommen. Das ist, als wollte man eine Unterhaltung in zwei verschiedenen Sprachen führen, es prallen zwei Paradigmen aufeinander. Wir müssen uns also unbedingt darüber im klaren sein, von welcher Ebene aus der andere mit uns spricht - wie er sich selbst sieht, wie er mich sieht und wie er das Geschehen beurteilt. Wenn ich daran gewöhnt bin, die Dinge mit meinem diffusen Bewusstsein oder intuitiv zu erfassen, wird es schier unmöglich sein, mich harmonisch mit jemandem zusammenzufinden, der das Leben prinzipiell vom Kohärenzstandpunkt aus betrachtet. Ich muss also die Bereitschaft haben, die Dinge auch auf andere Weise zu sehen - nicht allein, um dem anderen begegnen zu können, sondern um auch mir einen anderen Zugang zur Welt zu erschließen. Wenn ein Paar ein Problem angeht und er es von der Seite der Logik, sie es von der Seite der Gefühle her betrachtet, werden sie Schwierigkeiten haben, sich zu verständigen, solange sie noch nicht wahrgenommen und akzeptiert haben, dass sie von verschiedenen Ausgangspunkten ausgehen.

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Mir scheint, dass sich heutzutage glücklicherweise ein Wandel vollzieht: Die Frauen befassen sich damit, ihre männlichen Anteile in sich weiterzuentwickeln, und die Männer ihre weiblichen. Wie Du sehr richtig gesagt hast: Wenn ich Deine Sichtweise akzeptiere und respektiere und sie versuchsweise einzunehmen bereit bin, löst dies bei mir einen persönlichen Reifungsprozess aus. Wenn ich sie zurückweise und Dich von meiner Ansicht zu überzeugen suche, bleibe ich allein und mit mir deckungsgleich. Dennoch handeln wir immer wieder so: Wir versuchen den anderen dahin zu bringen, dass er die Dinge so macht, wie es uns richtig erscheint, ohne selbst innezuhalten und uns klarzumachen, dass der andere für uns eine andere, neue und vielleicht bessere Handlungsmöglichkeit bereithält. In Bezug auf andere Verhaltensweisen, die einer Begegnung im Wege stehen, äußert sich Castillejo ausführlich zu der Schwierigkeit, präsent zu sein. Wenn wir uns hinter Masken verstecken, können wir mit niemandem in Kontakt treten, denn niemand kann mit einer fiktiven Person Verbindung aufnehmen. Ein anderes Problem ist der Selbstbetrug: Zwar wissen viele nicht, was in ihnen vorgeht, gleichwohl haben sie fast immer eine schlüssige Erklärung für ihr Leiden zur Hand, einen Leitfaden, der alles rechtfertigt, in Wirklichkeit aber nichts mit ihrem tatsächlichen Schmerz zu tun hat. Wie kann jemand mich verstehen oder gar mir helfen, solange ich mich selbst darüber hinwegtäusche, was mir weh tut oder was ich brauche? Das dritte Thema ist die Schwierigkeit zuzuhören. Wenn man bloß mit mehr oder weniger Geduld darauf wartet, dass der andere zu reden aufhört, damit man selbst sagen kann, was man ohnehin schon gedacht hat, handelt es sich nicht unbedingt um einen Dialog, sondern häufig um eine Vermischung oder die Überlagerung zweier Monologe. In solchen Fällen beziehen sich die Individuen überhaupt nicht auf das, was der andere gesagt hat, sie hören einander nicht zu, weil ohnehin jeder bereits für sich entschied den hat, dass er recht hat, und es deshalb nur noch darum geht, darauf zu warten, dass man an die Reihe kommt, um dies argumentativ unter Beweis zu stellen. Ich fand diese »Gründe für Unstimmigkeiten« sehr überzeugend, und Du? Tausend Küsse an Dich, bis bald Fredy PS: Du hast mich nie wissen lassen, wie Dir das Märchen meines Patienten Roberto gefiel. Dieses über trebor gesandte Schreiben schien zu erläutern, was bei dem konfliktreichen Paar Armando und Carla vor sich ging. Sie, Laura, setzte auf ihren Verstand und schlüssige Argumente, um die angemessenste Lösung zu finden. Sie ging also von einem logischen Standpunkt aus, während die beiden untereinander ausschließlich einen emotionalen Blickwinkel einnahmen und sich von ihren Ängsten, kindlichen Bedürfnissen oder unbefriedigten Forderungen aus artikulierten. Je stärker Laura Logik ins Spiel brachte, desto irrationaler wirkten die Sichtweisen des Paares. Wenn Laura hingegen darauf verzichtete, ihren Standpunkt durchzusetzen, schwächten sich die Vorbehalte des Paares gegenüber Lauras Hilfe ab. Laura ging zum Schreibtisch und verfasste eine E-Mail. Fredy, zwei Dinge: Erstens danke für Deinen letzten Brief, Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie sehr Du mir geholfen hast. Zweitens: Ich habe das Märchen von Egroj erneut gelesen, und es hat mich, wie schon damals, als ich es frisch erhalten hatte, begeistert. Wenn Roberto tatsächlich in diesem Märchen sein Leben gespiegelt sieht, vermute ich, dass er über enorme innere Möglichkeiten verfügt und vor allem über eine sehr gesunde Grundstruktur.

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Ich war immer der Ansicht, dass Gesundheit darin besteht, Türen und Fenster zur Welt hin zu öffnen, und der Ansatz des Märchens scheint eine ähnliche Haltung zu vertreten: Mit dem Brücken- und Wegebau werden Hilfsmittel geliefert, die zwar in der Erzählung im wesentlichen dazu dienen, anzukommen (vom psychologischen Standpunkt also: zu empfangen), zweifellos sich aber auch dazu eignen, hinauszugehen, zu suchen und sogar das Draußen zu erkunden, einzusammeln und mitzubringen (symbolisch also: zu geben). In jedem Fall würde ich, wenn ich das Ganze auf der Folie des verletzten inneren Kindes betrachte, ihm dahingehend Hilfe anbieten wollen, dass er die Wege und Brücken befahrbar hält, aber für sich herausarbeitet, was er »innerhalb der Mauern« braucht, und dass er diese Wege nutzt, um mit dem Außen zu teilen, worüber er in sich selbst verfügt. Ich glaube aus dieser Erzählung eine Person herauszuhören, die immer noch den Blick auf die Rückkehr von etwas gerichtet hat, was nie eintraf. Und ich möchte zwar nicht behaupten, es sei ungesund, auf den zu warten, den ich liebe; aber wie schön muss es erst sein, wenn ich etwas nicht erwarte und mir dann das Herz vor Freude hüpft, weil ich überraschenderweise am Horizont das kommen sehe, was ich nicht erwartet, mir aber so innig gewünscht habe. Vielleicht hilft diese Einstellung, damit man nicht zu anspruchsvoll dem entgegentritt, was einem auf dem Weg begegnet. Denn wenn ich den Fahnenzug mit weißen Flaggen und goldenen Standarten erwarte, mir aber strammen Schrittes ein Zug von Fahnenträgern in grün und ohne Standarten entgegenkommt, laufe ich Gefahr, sie nicht zu erkennen, nicht zu bemerken, dass diese Kolonne auf mich zukommt; unberührt lasse ich sie dann an mir vorüberziehen und jammere mein weiteres Leben, weil ich sie nie zu sehen bekam. In Wirklichkeit vermochte ich sie nicht zu erkennen. Laura Nicht zu erkennen, was auf einen zukommt, weil es nicht so aussieht, wie man es sich vorgestellt hatte - der Gedanke an diese Gefahr ließ sie nicht los. Im Grunde war sie genauso wie Egroj. Nachdem sie einen großen Teil ihres Lebens damit verbracht hatte, den Horizont abzusuchen, hatte sie die Hoffnung aufgegeben. Das allein war noch nicht das Beunruhigende - aber würde sie denn den Triumphzug erkennen, wenn er am Horizont erschiene? Wie meistens, wenn sie etwas umtrieb, rief sie ihre Freundin Nancy an. »Wie geht's dir?« fragte Nancy harmlos. »So lala«, gab Laura zurück. »Wieso?« »Ich befürchte, dass ich mich zu sehr mit einem Patienten identifiziert habe, was mir sehr schlecht bekommen ist«, antwortete Laura in dem Wissen, ihre Kollegin Nancy würde dies nachempfinden können. »Das ist übel«, reagierte Nancy. »Wie kam's dazu?« »Du weißt ja, dass ich die Vorstellung, jemals wieder in Zweisamkeit zu leben, aufgegeben habe. Und nun stellen plötzlich die Denkansätze eines Pärchens, das ich betreue, sowie die E-Mail eines Kollegen und das Märchen eines seiner Patienten mein Konzept in Frage. Und das Schlimme ist: Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, meine bisherigen Argumente nicht aufrechterhalten zu können - nicht einmal vor mir selbst.« »Weil du dir immer eine zu enge Vorstellung von deinem zukünftigen Liebesleben gemacht hast«, war Nancys Kommentar. »Wieso sagst du mir das?« »Na, sieh mal. Ich habe häufig Patienten zu dir geschickt: Männer, Frauen, Paare. Ich weiß, wie begeisterungsfähig du bist. Auf jede Person, die dir zuhört, gehst du ein, belehrst sie, bearbeitest sie und erläuterst ihr, welche Bedeutung die Paarbeziehung hat, wie sie die Persönlichkeitsentfaltung vorantreibt, dass sie den idealen Rahmen für die menschliche Entwicklung abgibt, welche unersetzlichen Tugenden das Zusammenleben fördert etc. Aber für dich selbst scheinst du ein anderes Handbuch zu verwenden. Du selbst hältst an den Schwierigkeiten, dem Unwahrscheinlichen, den Konditionierungen, der Einsamkeit fest.« »Komm, hör auf! Ich bin nicht allein.«

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»Du verstehst nicht, was ich sagen möchte, Laura. Vielleicht ist es an der Zeit, dass du deine Entscheidungen neu überdenkst. Schließlich sind wir beide in heiratsfähigem Alter, oder nicht?« urteilte Nancy. Und eine Weile lachten beide am Telefon.

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KAPITEL 13
Fredy, hast Du die Bücherliste, die ich Dir geschickt habe, noch mal durchgesehen? Ein Thema taucht letztlich in keinem dieser Bücher auf. Ich würde es als die »Paradoxie der Liebe« oder den »Schmerz der verpassten Begegnung« bezeichnen. In groben Zügen geht es um folgendes: Das reale Paar kann das Leiden nicht umgehen. Man wird sich dessen bewusst und bleibt allein, bis der »ideale Partner« auftaucht (der definitionsgemäß gar nicht existieren kann). Mit ihm jedoch ist das Leiden keineswegs beseitigt, sondern stellt sich erneut ein. Jede intime Beziehung, in der wir uns öffnen, einander begegnen und uns hingeben können, gehört zu den erfreulichsten Dingen, die wir im Leben erfahren. In ihr suchen wir Kontakt, Liebe und Nähe, deshalb bereichern uns diese Situationen am meisten, geben uns das Gefühl von Lebendigkeit, Kraft und Lebensfreude. Die Paradoxie besteht darin, dass ebendiese Beziehungen, mehr als alle anderen, uns zugleich das größte Leid und den größten Schmerz bereiten. Wenn wir uns der Intimität, der Liebe, der Begegnung hingeben, setzen wir uns damit auch dem Leid und dem Schmerz aus. Die Kraft, die uns naturgemäß dazu antreibt, uns unseren Emotionen zu überlassen und Begegnungen herbeizuführen, gerät in Konflikt mit der natürlichen Neigung, uns vor dem Leiden zu schützen, da wir uns intuitiv dessen sicher sind, dass die Hingabe an eine Person die Möglichkeit, verwundet zu werden, nach sich zieht. Wir alle verfügen über eine Persönlichkeit, einen Panzer, der nicht das Risiko eingehen möchte, verletzt zu werden, und sich deshalb verschließt. Das Kind bedarf der Liebe der Eltern und wird sich deshalb daran ausrichten, wofür es diese Liebe erhält. Erlebe ich, dass man mir mehr Aufmerksamkeit schenkt, wenn ich schwach bin, werde ich eine Persönlichkeit ausbilden, in deren Zentrum Schwäche steht. Spüre ich hingegen, dass man stolz auf mich ist, wenn ich unabhängig bin, werde ich eine starke Persönlichkeit entwerfen und mir selbst einreden, ich könne mich allein durchschlagen und brauchte niemandes Hilfe. Der Persönlichkeit, die wir entwickelt haben, verdanken wir, dass wir funktionieren und gemocht werden. Wir schaffen uns eine Maske und identifizieren uns mit ihr. Darüber vergessen wir, wer wir eigentlich sind und was wir wahrhaftig wollen. Liebe und Intimität können nur dann entstehen, wenn wir uns als ein gegenwärtiges Wesen jemand anderem gegenüber zeigen. In voller Rüstung und in unserer Burg verschanzt ist das jedoch nicht möglich. Es kann aber nicht darum gehen, diese Persönlichkeit zu verwerfen; wir haben sie uns geschaffen, um den Fährnissen des Lebens begegnen zu können. Wir müssen sie jedoch beobachten, kennen und auf der Hut sein, wenn sie uns an wahrhaften Kontakten hindern will. Deshalb sollten wir es uns zur Aufgabe machen, unseren Zugang zur Welt zu beobachten und uns unseres festgefahrenen Rollenverhaltens bewusst werden. Die Paradoxie geht noch weiter, denn es gibt keine bessere Gelegenheit, als mittels der potentiell destruktiven Intimbeziehung zu uns selbst zu gelangen und uns unserer gewohnten Masken zu entledigen. Wir jedoch verbarrikadieren uns häufig vor der Liebe, versagen uns die intime Begegnung, um das Leiden zu vermeiden. Bei unserem Versuch, dem Schmerz aus dem Wege zu gehen, gehen wir zugleich der Liebe aus dem Weg. Wenn wir uns verlieben, veranlasst uns das Unbewusste der Liebe dazu, uns einen ersten Moment lang zu öffnen und mit unserem wahrhaften Wesen in Kontakt zu treten. Der Zustand des Verliebtseins erscheint uns deshalb so wundervoll, weil wir uns dabei zeigen können, wie wir wirklich sind. Verliebtheit ist die Begegnung zweier wirklicher Wesen. Dauernd spielen wir Rollen, funktionieren wie programmierte Roboter, und plötzlich geschieht ein Wunder: Wir legen unsere Verkleidung ab und schenken der geliebten Person unsere Gegenwart. 86

Wir wissen, dass dieser Zustand nicht lange andauert. Davor und danach kommen die Hindernisse zum Vorschein: Neigungen, Angewohnheiten und Verteidigungsstrategien. Der einzige Weg, diese Hindernisse zu überwinden, besteht - das gilt es zu lernen - darin, sie zu ergründen, statt sie zu negieren oder auf unseren Gefährten zu projizieren. Problematisch wird es, wenn wir uns mit unserem Panzer identifizieren und damit sicher fühlen. Wir wehren unbehagliche Gefühle ab, indem wir lernen, nichts zu spüren und uns von unseren Bedürfnissen abzukoppeln; die Abwehrstrategien verwandeln sich dann in eine Identität, die uns von unseren Gefühlen trennt und daran hindert, zu lieben. In der Paarbeziehung können wir an uns beobachten, wie und wann wir uns dem anderen gegenüber öffnen oder verschließen, und je mehr wir darüber in Erfahrung gebracht haben, wann die Verbindung aussetzt, können wir herausfinden, auf welchem Kanal wir senden müssen, um uns zu öffnen. Die Partner projizieren ihre eigenen verschlossenen Bereiche auf den anderen und übertragen so einen inneren Konflikt auf einen äußeren. Und so glauben wir, dass sich der andere verschließt, uns den Zugang verwehrt, abweisend ist. Wenn wir gemeinsam und liebevoll diesen Weg gehen, können wir - statt auf die Reaktion des anderen zu reagieren zeigen, was mit uns geschieht, wenn sich der andere entfernt und verschließt. Ich muss von meinem Gefährten hören, welche meiner Verhaltensweisen ihn verletzen und ihn von mir entfernen. Die Paarprobleme beginnen dann, wenn wir nicht mehr anwesend sind - für uns selbst wie für den anderen -, wenn wir beginnen, uns hinter festgelegten Rollen zu verstecken, uns abschirmen; wenn wir die Entfernung des anderen, die häufig nur die Projektion unserer eigenen Entfernung ist, als schmerzlich empfinden. Ich glaube immer weniger, dass die konkreten Probleme, an denen die Paare - nach eigener Aussage - leiden, die wirkliche Konfliktursache sind. Bei jedem Streit, den wir zu ergründen suchen, stoßen wir stets auf diesen Mangel an Kontakt und Offenheit. Wenn ich mich öffnen und angesichts eines Problems meinen Schmerz zeigen kann, lässt sich - vorausgesetzt, mein Partner tut das gleiche - vielleicht eine Lösung auf einer anderen Ebene finden; denn am wichtigsten ist, dass wir uns einander zeigen, miteinander in Kontakt bleiben und dem Geschehen offen begegnen. Und dies ist sehr tröstlich. Uns öffnen und darauf vertrauen, dass uns der andere so, wie wir sind, annimmt, ist eine Haltung, die uns zur Liebe führt. Ich muss mich nicht maskieren, damit du mich liebst. Tue ich es dennoch, werde ich niemals in Erfahrung bringen, ob du fähig bist, mein wahres, verwundbares, schwaches oder wie auch immer geartetes Ich zu lieben. Ich binde dich stattdessen an das Bild, das mir jene oktroyierten, die mir während meiner Erziehung weismachten, ich müsse, um geliebt zu werden, so oder so sein. Sich zu zeigen ist nicht einfach; es macht uns beispielsweise angst, wenn andere uns für verletzlich halten. Wenn ich aber verletzlich bin (und dies ist selbstverständlich der Fall), dann müssen du und ich diese meine Verletzlichkeit akzeptieren, um präsent und hingebungsvoll sein zu können. Die Schwierigkeit in der Paarbeziehung besteht darin, dass es sehr weh tut, wenn der eine sich öffnet und der andere sich verschließt. Aus diesem Grund erzeugt sie so viel Leid. Vielleicht hilft es unseren Lesern, wenn sie auf diesen Ablauf in der Paarbeziehung aufmerksam werden, ihn sich bewusst machen und auf diese Weise überwinden. Wir können diesen Streit in unserem Inneren beobachten, den Streit zwischen der einen Seite, die sich ausdehnen und zeigen will, die nach außen drängt, und der anderen Seite, die sich verstecken möchte und davor Angst hat, nicht geliebt, zurückgewiesen und verlassen zu werden. Die konkreten Probleme, die wir mit unseren Partnern haben, sind lediglich die oberste Schicht, hinter der sich das grundlegendste aller Probleme verbirgt. Wir können freilich die Alltagsprobleme als Wegweiser zu jenen wesentlichen Problemen nutzen, die den Hintergrund einer jeden Beziehung abgeben. Dies bereichert uns, denn so nähern wir uns immer mehr uns selbst und der Möglichkeit, uns wirklich gut zu fühlen, Liebe, Frieden und Freude zu finden. Uns gut zu fühlen, danach streben wir letztlich alle - zumeist aber auf dem falschen Weg. 87

Manchmal fragen mich die Paare: »Wie können wir zusammenbleiben, wo wir doch so unterschiedliche Interessen haben?« Und ich antworte ihnen dann, dass wir letztlich alle dasselbe wollen: Liebe, Vereinigung, Verzicht auf den Panzer, Hingabe. Vielleicht finden wir einen Ausweg, wenn wir bemerken, dass sich der vorgefasste Weg als vergeblich erwiesen hat. Wir werden unsere alten Identifikationen und Strukturen ablegen und einen neuen Kurs einschlagen müssen, indem wir uns mit unserer Angst vor Verwirrung und Leere konfrontieren. Und wir dürfen nicht erwarten, diese Angst loszuwerden; nur in Auseinandersetzung mit ihr kommen wir vorwärts. Jedes Paar hat Probleme, ungelöste Angelegenheiten. Eine rein pragmatische Lösung führt zu nichts, da sich sonst immer wieder nur neue Problemfelder auftun. Vielmehr müssen wir uns von der Oberfläche des besonderen Problems lösen und es unter anderer Perspektive betrachten, ohne uns einzig mit unserer Seite zu identifizieren. Wir müssen die Vorstellung, alles ließe sich regeln und so schaffte man sich jedes Problem vom Hals, aufgeben. Diese neue Sichtweise einzunehmen fällt uns schwer, weil sie einer grundlegenden Überzeugung unserer Kultur zuwiderläuft, die glaubt, durch äußere, >technische< Veränderungen alles in den Griff zu bekommen. Da dies aber niemals ausreicht, pflegen wir die Schuld auf die Unverträglichkeit der Charaktere zu schieben oder darauf, dass wir immer noch nicht den passenden Partner gefunden haben. Die Paradoxie der Liebe ... (Nebenbei: Das wäre, so er Dir gefällt, vielleicht auch ein Titel für unser Buch.) Laura Laura wollte das Geschriebene nicht noch einmal lesen; sie wusste, dass sie keineswegs nur von ihren Patienten, sondern ebenso von sich selbst sprach, mochte dies jedoch nicht öffentlich preisgeben - aus Angst, sich bloßzustellen. Vielleicht hatte sie ja wirklich, wie Nancy sagte, alle Gedanken an Zweisamkeit beiseite gefegt, um damit der Paradoxie zu entkommen. Und vielleicht hatte sie sich geirrt. Abgesehen von ihrer inneren Unruhe fühlte sich Laura erleichtert, ihre persönlichen Erfahrungen zu Papier gebracht zu haben. Sie hätte gern gewusst, was Fredy wohl zu ihrem Text sagen würde. Ihr Kollege würde, da hatte sie kaum Zweifel, durchschauen, inwieweit ihre Überlegungen auf Persönliches zurückgingen - auch wenn Fredy häufig so zerstreut war, dass niemand sagen konnte, wann ihm seine Erkenntnisse zuflogen. Laura war über sich selbst überrascht, als sie am nächsten Tag scheinbar grundlos in ihrem Posteingang nach einer Antwort von trebor suchte. Noch mehr verwunderte sie ihre Enttäuschung, als sie keine Nachricht vorfand. Normalerweise war Laura von nichts abhängig, schon gar nicht von E-Mails. Das Erstaunen verwandelte sich in Arger. Die Erwartung nährte die Ängstlichkeit, und Enttäuschung verkehrte sich in Verdruss. Nach einer Woche war lediglich eine einzige Mail bei ihr eingetroffen: die Einladung zum nächsten Kongress der Vereinigung der Gestalttherapeuten von Amerika. Vielleicht würde Fredy ja wieder mit ihr kommen. Im Grunde würde sie gern mehr Zeit mit diesem Mann verbringen, über den sie sich einerseits heftig aufregen konnte, den sie aber in vieler Hinsicht auch bewunderte. >Ganz ruhig, Laura!< warnte eine innere Stimme sie, von der sie vermutete, es sei die ihrer Mutter. Diesmal konnte sie ihr allerdings nicht gehorchen. Irgendwie war sie aufgeregt, und zweifellos steckte hinter dieser ängstlichen Unruhe mehr. Vielleicht sollte sie ihn einfach anrufen und darum bitten, ihr Schreiben zu lesen und zu beantworten. Auch wenn sie bislang noch niemals telefoniert hatte, besaß Laura sämtliche Telefonnummern; Fredy hatte sie ihr in Cleveland gegeben. Warum also nicht? Sie durchwühlte ihr Adressbuch und wählte seine Nummer. Sie hörte bereits das Klingelzeichen, als ihr einfiel, dass Fredy ja mitgeteilt hatte, er sei bis Montag nicht in der Stadt. Noch bevor sich der Anrufbeantworter eingeschaltet hatte, hängte sie ein. Es vergingen vier weitere lange Tage, bis sich endlich eine Antwort von trebor@hotmail.com auf dem Bildschirm zeigte. 88

Laura, ich freue mich, dass Dir meine Worte persönlich weitergeholfen haben. Ob Du es glaubst oder nicht, diesen Satz empfinde ich als großes Lob. Wenn ich bedenke, wie sehr ich Deine Kenntnisse und Erfahrungen schätze, kommt es mir so vor, als habe mir Pavarotti beim Singen in der Badewanne zugehört. Und wie geht es Dir? Ich war immer der Ansicht, dass Du das Thema besser durchdringst als sonst jemand, aber nachdem ich Deine letzte Mail gelesen hatte, wurde mir klar, dass auch Du, wie alle Therapeuten in der Welt, sehr viel geschickter bist, wenn es um die Konflikte anderer geht. Was für ein Glück! Nie mehr werde ich mich allein fühlen in solchen Situationen der Ohnmacht, die mich bis heute an meiner professionellen Befähigung haben zweifeln lassen. Durch Dich ermuntert, wage ich mich noch einen Schritt vor. Es muss sich - anders kann ich mir es gar nicht vorstellen - bei Dir um eine Art Geiz handeln, wenn Du Dich selbst »vom Markt nehmen« willst. Ich kenne einige Dutzend Männer, die bereitwillig ihre Mutter ermorden würden, um eine Frau wie Dich zu erobern. Ich bin nicht in der Lage, einschätzen zu können, ob irgendeiner von ihnen Dir gefallen oder Deinen Ansprüchen genügen würde. Mein Rat jedenfalls lautet: Finde es heraus. Lass zu, dass der nächste, der auftaucht, sich Dir nähert, und schau, was passiert. Wer weiß? Vielleicht ... Entschuldige bitte, mein Rat ist sicher nicht auf der Höhe eines intertherapeutischen Austauschs, aber ich habe den Eindruck, dass manchmal die einfachsten Lösungen die besten sind. Zwei weitere Dinge möchte ich noch ansprechen. Auch ich habe über den Buchtitel nachgedacht. Beim erneuten Lesen Deines Briefes und der Passagen über die Paradoxie der Liebe erinnerte ich mich an ein Gedicht von Marguerite Yourcenar, in dem es heißt: »Mit geschlossenen Augen lieben heißt wie ein Blinder lieben. Mit offenen Augen lieben heißt vielleicht wie ein Verrückter lieben. Heißt leidenschaftlich hinnehmen: Ich liebe dich wie eine Verrückte.« Während ich dies sowie die Botschaft unseres Buches überdachte, kam mir der Gedanke, Dir folgenden Titel vorzuschlagen: Liebe mit offenen Augen. Lass es Dir mal durch den Kopf gehen. Mir scheint, es hat viel mit uns zu tun. Und zum Schluss noch etwas, was mit dem vorigen nichts zu tun hat. Oder vielleicht doch. Erinnerst Du Dich noch an meinen Freund und Expatienten Roberto? Genau, der mit dem Märchen von Egroj. Also, es ist so, ich habe ihm Deine Kommentare vorgelesen, und er war (noch mehr als ich) von der Klarheit Deiner Gedanken und Deiner Intelligenz begeistert. Und anschließend sagte er mir, er würde Dich gerne wegen seiner aktuellen Paarbeziehung konsultieren. Könntest Du Dich um ihn kümmern, ihn beraten - auch wenn es nur ein paar Sitzungen wären? Ich möchte nicht, dass Du ihm irgendetwas schenkst. Du solltest ihn wie jeden anderen Patienten behandeln, Dein übliches Honorar verlangen und mir danach, wenn Du magst, Deine Einschätzung mitteilen. Sollte Deine Antwort ja sein, wie ich hoffe, dann schreib mir, unter welcher Nummer er Dich erreichen kann. Vielen Dank im Voraus Fredy Laura schrieb ihm sofort eine kurze Nachricht zurück. Den von Yourcenar inspirierten Titel fand sie grandios, zumal er in wenigen Worten auf den Punkt brachte, was sie vermitteln wollten. Ohne Zweifel würde sie auch Roberto ein paar Beratungsstunden anbieten können. Deshalb gab sie ihre Adresse, Telefonnummer und die Sprechzeiten an.

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Über alles andere verlor sie in der E-Mail kein Wort. Laura wusste, auch wenn sie es nicht erwähnte, dass Fredys Aufforderung, es doch auch weiterhin »zu probieren«, sie aufgewühlt hatte und dass sie daran noch eine gute Weile würde knabbern müssen.

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KAPITEL 14

H

allo, Laura?« fragte eine angenehme Stimme zu Beginn der Sprechstunde am Montag.

»Ja«, antwortete sie. »Also, ich bin der Patient, von dem Ihnen Doktor Daey berichtet hat.« »Ah, ja. Wie geht's, Roberto?« »Wie nett, dass Sie sich meinen Namen gemerkt haben.« Einen Augenblick lang wusste Laura nicht, was sie sagen sollte. Die Replik war viel zu intim für jemanden, den sie nicht kannte. Womöglich hätte sie ihn nicht mit seinem Vornamen ansprechen sollen. Vielleicht machte sie sich aber auch zu viele Gedanken; möglicherweise war Roberto tatsächlich überrascht und zugleich dankbar, nicht der kühlen Stimme eines automatischen Anrufbeantworters zu begegnen. Laura erinnerte sich daran, wie sie es zum ersten Mal gewagt hatte, sich bei einem Therapeuten zu melden: Nachdem sie mehrere Tage ums Telefon geschlichen war, hatte sie sich schließlich ein Herz gefasst, die Nummer gewählt, und eine metallische Stimme antwortete ihr: »Dies ist die Praxis von Frau Doktor H... Wir können Ihren Anruf zurzeit leider nicht entgegennehmen. Sie können gleich nach dem Signalton Ihren Namen und Ihre Telefonnummer hinterlassen, wir rufen Sie so bald wie möglich zurück.« »Gleich nach dem Signalton« hatte sie eingehängt und die Idee, Frau Doktor H... um ein Erstgespräch zu bitten, fallengelassen. »Hallo, Laura«, sprach Roberto weiter. »Sind Sie noch dran?« »Ja, Roberto, Entschuldigung. Was kann ich für Sie tun?« »Nun, Fredy, also Doktor Daey, hat Sie mir empfohlen. Ich möchte Sie um einen Gesprächstermin bitten.« »Lassen Sie mich sehen ...«, sagte Laura, während sie ihren Terminkalender durchblätterte. »Können Sie beide am Donnerstag um ... 18 Uhr?« Es entstand ein Schweigen in der Leitung, und nach wenigen Sekunden wurde das Gespräch unterbrochen. »Hallo?« rief Laura, obwohl sie merkte, dass es vergeblich war. »Hallo? Hallo?« Sie drückte auf den roten Knopf ihres schnurlosen Telefons und ging mit dem Apparat in der Hand in die Küche, um sich einen Tee mit Orangenaroma aufzugießen. Während sie ihn trank, bemerkte sie erstaunt, dass sie immer noch auf den Anruf wartete. Es befremdete sie, dass der Patient sich nicht sofort noch einmal gemeldet hatte. Mehrmals ging sie an jenem Morgen zum Telefon, um zu prüfen, ob die Leitung funktionierte. »Er wird schon noch anrufen«, sagte sie sich, um die Sache innerlich abzuschließen. Während des Tages dachte sie nicht mehr an den Vorfall, aber als sie abends im Auto nach Hause fuhr, ging ihr durch den Kopf, dass sie Fredy von dem missglückten Versuch seines Freundes, einen Termin zu bekommen, berichten müsse. Glücklicherweise tat sie es nicht, denn am Dienstag mittag klingelte erneut das Telefon. »Hallo?« »Kann ich bitte mit Laura sprechen?« sagte Roberto. »Hallo Roberto«, antwortete Laura, offenbar ehrlich erfreut, als sie seine Stimme erkannte. »Was war gestern mit Ihnen?« »Nichts, die Leitung wurde unterbrochen, und dann fand ich den ganzen Tag keine Zeit mehr, Sie anzurufen. Ich bitte um Entschuldigung.« »Nein, ist schon in Ordnung.« »Als wir unterbrochen wurden, wollte ich Sie gerade um einen Gesprächstermin für Cristina und mich bitten.« »Ja. Ich hatte Ihnen den Donnerstag um 18 Uhr vorgeschlagen. Würde Ihnen das passen?« 91

»Ja, ganz bestimmt.« »Gut, dann sehen wir uns übermorgen in der Praxis. Die Adresse haben Sie, nicht wahr?« »Ja, danke.« »Also bis Donnerstag«, verabschiedete sich Laura. »Bis Donnerstag.« In vieler Hinsicht waren Cristina und Roberto ein weiteres Beispiel für kaputte Zweisamkeit - ihre Mutter würde gesagt haben »Entzweisamkeit« -, aber immerhin ein Paar. Sie kamen pünktlich zu dem Donnerstagstermin, und die Sitzung dauerte zwei Stunden. Am Ende spürte Laura, dass diese Beziehung bereits schon einige Zeit tot war und nur noch von der Erinnerung, der Gewohnheit oder was auch immer getragen wurde. Nicht zum ersten Mal saßen zwei Menschen bei ihr, die keine lebendigen Gefühle mehr füreinander hatten und im Grunde nur zu ihr in die Beratung kamen, um einander adieu sagen zu können. Was bei der Zusammenkunft besprochen worden war, unterschied sich nicht sonderlich von Hunderten früherer Erstgespräche. Trotzdem hatte Laura irgendwie eine andere Rolle gespielt - eine so deutlich andere, dass sie sich am Freitag etwas Zeit freischlug, um ihre Freundin Nancy zu treffen und mit ihr darüber zu reden. »Es ist seltsam«, erläuterte Laura. »Während der ganzen Sitzung hatte ich das Gefühl, dass sie für ihn gar nicht existiert. Der Typ hat die ganze Zeit fast ausschließlich mit mir geredet, er hat sie, wie ich dir schon sagte, noch nicht einmal angeschaut.« »Womöglich interessiert ihn die Beziehung zu ihr überhaupt nicht«, mutmaßte Nancy. »Könnte sein, aber ... warum hat er dann um ein Paargespräch gebeten? Weshalb hat er sich bei Fredy um meine Telefonnummer bemüht? Weshalb hat er sich auf einen weiteren Termin eingelassen? Das reimt sich alles nicht zusammen.« »Schau mal«, fuhr Nancy recht selbstsicher fort. »Meiner Erfahrung nach nehmen Männer manchmal solche Gespräche in Kauf, um ihrer Partnerin einen Gefallen zu tun; in Wahrheit aber kommen sie nur, um den Beweis zu erbringen, dass da ohnehin Hopfen und Malz verloren ist. Womöglich fühlt sich der arme Mann von ihr unter Druck gesetzt und nun bemüßigt, zu beweisen, dass er alles Menschenmögliche getan hat, sogar >zur Therapeutin< ist er mitgegangen. Das ist ein Klassiker.« »Nein, das scheint mir nicht einleuchtend. Erstens, weil Cristina nicht die Art von Frau zu sein scheint, die solche Situationen gewaltsam herbeiführt. Meinem Gefühl nach ist sie seinetwegen mitgekommen. Zweitens waren sie schon gc trennt. Soweit sie mir erzählt haben, hat er sie angerufen, damit sie mit ihm zur Beratung geht. Das kann es also nicht sein.« »Na gut, dann folgen wir mal deiner therapeutischen Intuition weiter«, schlug Nancy vor. »Sie ist seinetwegen in die Sprechstunde gegangen. Und er? Was hat ihn dazu veranlasst?« »Das genau weiß ich nicht, und genau das wüsste ich zu gern.« »Mmmm ...« »Was ist los?« »Wenn er nicht wegen seiner Partnerin gekommen ist und gleichzeitig nur zwei weitere Personen im Behandlungszimmer anwesend waren, dann muss Roberto wegen einer der beiden anderen gekommen sein. Entweder seinet- ... oder deinetwegen.« »Wegen mir?« Laura ließ die Sitzung vom Vortag noch einmal vor ihrem geistigen Auge vorüberziehen. »Jetzt erinnere ich mich, was ich mir nach der Sitzung dazu notiert habe, dass ich nämlich mehrfach das Gefühl hatte, als wolle er mich mit seinen Kommentaren und Vorkenntnissen verführen.« »Vielleicht war es tatsächlich so«, merkte Nancy an. »Ich habe es so gedeutet, dass er das gleiche Verhalten an den Tag legt wie viele Patienten, die sich der Sympathie des Therapeuten versichern möchten, um dafür zu sorgen, dass er >zu ihnen hält<, wenn die Paarprobleme auf den Tisch kommen.« »Kann auch sein. Die Diagnose liefern deine eigenen Notizen. Hattest du den Eindruck, er wolle dich manipulieren oder verführen?«

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»Ich weiß nicht, schwierig«, sagte Laura. »Du weißt, dass ich mich gerade in einer seltsamen Lage befinde. Ich habe Angst, in dieser Sprechstunde etwas fälschlicherweise wahrzunehmen, was ich mir im Grunde im realen Leben tatsächlich wünsche.« »Halt mal, einen Augenblick. Die Psychoanalytikerin hier bin ich. Hast du mir nicht erzählt, dass es sich um jenen Patienten handelt, der das Märchen vom Prinzen verfasst hat und so begeistert von deinem Kommentar war, dass er anschließend um deine Telefonnummer gebeten hat?« Laura nickte und erwiderte: »Weißt du, was ich denke? Als er anrief und um einen Termin bat, habe ich ihm einen vorgeschlagen und wie immer gefragt, ob sie da beide Zeit hätten. Jetzt fällt mir ein, dass danach ein seltsames Schweigen eintrat, dann plötzlich die Leitung unterbrochen wurde und Roberto sich erst am nächsten Tag wieder gemeldet hat.« »Na also, dann ist alles klar. Er hatte die Phantasie, er könne allein in die Sprechstunde kommen, und deine Frage hat ihn durcheinandergebracht. Und dann hat er logischerweise Cristina angerufen und ihr den Vorschlag unterbreitet, an einem paartherapeutischen Gespräch teilzunehmen.« Nancy griff nach einem Croissant; bevor sie hineinbiss, fügte sie, stolz auf ihre Schlussfolgerung, im Tone der Urteilsverkündung hinzu: »Ich versicher' dir, Roberto kommt deinetwegen und nicht wegen Cristina.« »Meinst du? Stell dir das mal vor ...« Versunken sah Laura zum Fenster hinaus. Dass sie dabei lächelte, wäre ihr nicht bewusst geworden, hätte nicht Nancy sie darauf aufmerksam gemacht. Am Samstag morgen setzte sich Laura gleich an ihren PC. Es war ihr dringlich. Lieber Fredy, ich möchte ein wenig darüber nachdenken, wie die Leute Märchen erfinden, wie sie Geschichten aus der Taufe heben und dann daran glauben. Findest Du es nicht auch erstaunlich, wie jemand sich mit einer anderen Person vereint oder von ihr trennt, leidet oder sich vom anderen entfernt, ohne sich über die Gründe im Klaren zu sein? »Männer taugen zu gar nichts«, »Ich brauche einen starken Mann, gerate aber immer nur an schwache«, »In dem Alter will mich bestimmt keiner mehr«, »Mich mag sowieso keiner «, »Die Männer wollen nur mit einem schlafen, und dann machen sie sich aus dem Staub«, »Die Frauen suchen bloß einen Kerl, der ihnen den Unterhalt zahlt«, »Mit so einem könnte ich nie was anfangen« etc. Jeder verfügt über eine ganze Menge neurotischer Konditionierungen, die er in den Beziehungen zu anderen unterzubringen versucht. Die Märchen, die jeder für sich erfindet, wären nicht so schlimm, würden sie sich nicht am Ende in sich selbst erfüllende Prophezeiungen verwandeln und so schließlich Realität werden. So beschwert sich beispielsweise eine Frau, die Angst davor hat, verlassen zu werden, jedesmal bei ihrem Mann, sobald er sich ein wenig entfernt: »Siehst du, du liebst mich nicht, sonst würdest du mich nicht immer allein lassen!« Vielleicht ist der Mann nur augenblicklich ein wenig auf Distanz gegangen; doch wird sie mit ihren Vorwürfen seine Haltung verstärken, bis er sich schließlich an die Wand gedrückt fühlt und sie verlässt. Auf diese Weise bestätigt sie sich ihre Theorie, die Männer würden sie immer verlassen, man könne ihnen nicht trauen etc. In solchen Situationen muss man sich unbedingt vor Augen führen, auf welche Weise man selbst zum Wiederholungstäter wird. Sich dies klarzumachen ist der erste Schritt, um sich davon zu befreien. In der Paarbeziehung schreibt jeder an seinem eigenen Drehbuch, das seine Wahrnehmung des anderen vorzeichnet und womit er sich des anderen bemächtigt. Jeder weist seinem Gegenüber eine Rolle in der eigenen Geschichte zu, und so schaffen sich beide eine verzerrte Realität. Die Individuen bauen eine Beziehung nach einer vorgefertigten Vorstellung auf, was zu geschehen habe, und verhalten sich demgemäß, bis das Erwartete tatsächlich eintritt.

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Ich habe das Paar Roberto und Cristina in der Beratung gehabt. Jeder von beiden kam, wie Paare stets, mit den eigenen festen Überzeugungen im Gepäck: sie mit der Vorstellung, dass bei einem guten Paar der andere Priorität haben muss, und er mit der Überzeugung, ihre Beziehungsprobleme resultierten daraus, dass sie so verschieden seien, während es beim Paar darauf ankomme, »übereinzustimmen«. Man muss den Leuten den Rücken stärken, damit sie sich von jenem Mythos befreien können, dem zufolge Liebe mit möglichst vollständiger Übereinstimmung gleichgesetzt wird. So ist es nicht. Weder bedeutet Liebe, dass ich genauso denke wie du, noch, dass ich dich mehr mag als mich selbst. Vielmehr muss man den anderen respektieren als der, der er ist. Es geht, wie der Buchtitel sagt, um die »Liebe mit offenen Augen«. Wenn wir ein Paar dahin geführt haben, ist es nicht so schwer, Einverständnis zu erzielen, denn etwas Grundlegendes ist dann schon vorhanden: das gegenseitige Sich Akzeptieren. Wir sollten herausstreichen, wie wundervoll dieses Gefühl ist, als Mensch mit all seinen Eigenheiten angenommen zu werden: Es geht mit einem Gefühl von Freiheit einher, erzeugt eine Antriebskraft, die uns hilft, über uns hinauszuwachsen. Deshalb müssen wir daran arbeiten, unseren Gefährten als solchen, in seiner Totalität, zu akzeptieren und seinen Zugang zur Welt wie seine Wesensart zu respektieren. Wenn einer der beiden Partner sagt: »Mir wäre es lieb, du wärest weniger so und mehr so«, ist er sich nicht darüber im Klaren, dass sich das ganze System wandeln würde, wenn der andere sich tatsächlich änderte. Und es ist keineswegs garantiert, dass derjenige, der die Veränderung einklagt, den anderen dann immer noch mögen würde. Als Person sind wir sozusagen ein ganzes Paket, und lieben heißt, den anderen ebenfalls als Gesamtpaket zu akzeptieren, ohne an ihm herumzudoktern. Und dies ist eine Herausforderung, die bei einem selbst beginnt. Ich kann den anderen nur akzeptieren, wenn ich mich selbst akzeptiere. Und ich kann es nur bis zum Überdruss wiederholen: Dies ist nicht gleichbedeutend mit Resignation oder dem Verzicht auf positive Veränderungen. Ganz im Gegenteil: Ich bin der festen Überzeugung, dass nur diese Haltung und keine andere einen wirklichen Wandel herbeiführen kann. Natürlich verändert sich alles. Wenn ich mir das klarmache, kann ich mich angstfrei auf den anderen einlassen, denn ich weiß, dass ich nicht ins Stocken geraten werde und das Leben ein ewiger Fluss ist. Es mag paradox klingen: Aber auf Veränderungen bestehen bedeutet, den natürlichen Wandel zu bremsen. Umgekehrt lässt die Akzeptanz den natürlichen Wandel zu, der sich vollzieht, ohne dass ich darüber entscheide. Lebendig ist derjenige, der sich dieser ständigen Bewegung aussetzt. Sobald wir diese beiden Themen zusammenführen - den Mangel an Akzeptanz und das Verstricktsein in bestimmte Glaubenssätze -, dann haben wir ein Gebiet abgesteckt, in dem neunzig Prozent der Paarprobleme beheimatet sind. Wenn wir eine Paarbindung eingehen, haben wir sehr genaue Vorstellungen davon, wie diese auszusehen hat: wie sich eine Frau, wie sich ein Mann verhalten, wie mir der Liebende begegnen sollte, was teilen bedeutet, wie und wie oft man Sex haben sollte, ob man ihn ausschließlich gemeinsam erleben darf etc. Aber weder im Individuum noch im Paar findet sich eine Richtschnur, die »das Beste« definiert. Das Beste ist, sich authentisch zu verhalten. Freilich kann man sich weiterentwickeln und verbessern, aber lediglich auf der Grundlage der Selbstakzeptanz. Wie Adriana Schnake zu sagen pflegt: »Man kann keine Brücke über einen Fluss bauen, den man nicht sieht.« Uns selbst akzeptieren heißt nicht, auf Verbesserung zu verzichten; es bedeutet vielmehr, uns zu sehen, wie wir sind, uns nicht darüber aufzuregen, was mit uns geschieht, uns selbst liebevoll gegenüberzutreten und mit uns selbst eine Beziehung einzugehen, die uns Kraft gibt und uns reifen lässt. Solange wir uns selbst quälen und uns andere Eigenschaften abfordern als die, die wir haben, werden wir irgendwann den Grund für unsere ständige Unzufriedenheit auf einen anderen projizieren. Zunächst einmal besetzen die Eltern diesen Platz. Später jedoch übertragen wir unsere Klagen auf unseren Partner: Er oder sie ist dann daran schuld, dass ich mich beruflich nicht weiterentwickele, mich nicht amüsiere, kein Geld verdiene, nicht glücklich bin.

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Die Arbeit beginnt immer bei einem selbst. Wenn wir uns selbst akzeptieren, ruhen wir bequem und entspannt in uns selbst. Küsse Laura PS: Wann kommst Du zurück? Wir müssen uns unbedingt sehen. Laura kopierte, nachdem sie dieses lange Schreiben beendet hatte, den Text, rief in ihrem Postverwaltungsprogramm den Befehl »Neue E-Mail« auf, Klick, »Senden an«, Klick, suchte im Adressbuch Alfredo Daey, Klick, »Okay«, Klick, und notierte in der Betreffzeile »Glaubenssätze«. Ein weiterer Klick, und die vollständige E-Mail erschien auf dem Bildschirm, dann mit der Maus auf »Senden« und Klick. Kurz darauf erschien die Bestätigung auf dem Bildschirm: Ihre Nachricht an Alfredo Daey über rofrago@yahoo.com wurde gesendet. Schon wollte sie den Computer herunterfahren, als sie ihren Irrtum bemerkte. Sie rief erneut ihren Brief unter »Gesendete Objekte« auf, klickte auf »Weiterleiten an«, fügte die andere Adresse ein und ergänzte das Schreiben: Jetzt habe ich versehentlich meinen Brief an Deine alte Adresse geschickt. Dort wird er auf Dich warten, bis Du zurück bist. In der Zwischenzeit erhältst Du ihn schon einmal über trebor. Nochmals Küsse Laura Hätte sie Fredy mehr über ihr Gespräch mit Roberto und Cristina berichten müssen? Möglicherweise. Die Unterhaltung mit ihrer Freundin hatte die innere Aufregung noch vergrößert. Und was, wenn Nancy recht hätte? Eines hatte sich Laura bislang auf ihre Fahnen geschrieben: Niemals ein Liebesverhältnis mit einem Patienten zu haben. Auf der anderen Seite pochte sie in ihren Texten darauf, dass man sich akzeptieren müsse und nicht mit seinen Gedanken, Gefühlen oder Erlebnissen in Widerstreit liegen dürfe. Im Augenblick aber zog die Aufforderung, »sich selbst zu akzeptieren«, einiges nach sich: Sie musste zugeben, dass das verführerische Verhalten Robertos, das Gespräch mit Nancy und Fredys Aufforderung, »auszuprobieren«, in ihr eine Reihe von Phantasien freigesetzt hatte, die sie schon lange nicht mehr in sich verspürt hatte. Sie konnte nicht verleugnen, was sie schon von Berufs wegen nicht ignorieren durfte: dass das innere Durcheinander zu einer Sicherheit führt, wenn man den Zustand der Verwirrung einige Zeit zulässt. Es würde nicht leicht sein, sich selbst zu überlisten. Und so unangenehm es sein mochte, sie würde Geduld haben müssen. Fredys Antwortschreiben ging auf einige Punkte ihrer Beunruhigung ein. Liebe Laura, man muss ein Gleichgewicht finden zwischen der Beherrschung und dem Ausleben der Gefühle. Was wir bislang gesagt haben, gilt für solche Individuen, die Schwierigkeiten haben, ihre Gefühle auszudrücken. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass so manch einer auch das umgekehrte Problem hat, das heißt, seine Emotionen nicht zurückhalten kann. Dies ist ein wichtiger Aspekt, denn viele Leute, die sich mit Gestalttheorie befassen, glauben sich hernach dazu berechtigt oder gar aufgefordert, allem Ausdruck zu verleihen, was gerade in ihnen vorgeht. Damit bin ich ganz und gar nicht einverstanden, zumal wenn sie Unfug behaupten und sich anschließend damit rechtfertigen, sie hätten sich sehr authentisch verhalten und eben ausgedrückt, was sie empfunden haben. Das kann es nicht sein.

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Uns unserer Gefühle bewusst zu sein und uns gedanklich nicht zu betrügen sind äußerst wichtige Fähigkeiten. Sie liefern die Grundlage für psychische Gesundheit: »Von jetzt an werde ich darauf achten, wie ich auf das, was mir begegnet, reagiere.« Gleichwohl müssen wir auch lernen, unsere Gefühle zurückzuhalten. Wir müssen in der Lage sein, uns so lange zu beherrschen, bis der passende Moment gekommen ist und wir die passende Form dafür gefunden haben, damit der andere unsere Offenheit auch annehmen kann. Nehmen wir zum Beispiel unseren Patienten Roberto. Er war von dem Gespräch mit Dir begeistert. Den Tag darauf schrieb er mir einen Brief und bedankte sich überschwänglich für die Empfehlung. Und anschließend berichtete er mir (und ich teile Dir das von Kollege zu Kollege mit), er habe schon nach fünf Minuten gemerkt, dass er sich bereits in Dich verliebt hatte - schon bevor er Dich kennenlernte. Am liebsten hätte er Cristina gebeten, sie möge gehen, um über seine Angelegenheiten mit Dir reden zu können und nicht über die Beziehung zu Cristina. (Tatsache ist, dass ich das Ganze nicht für einen eindeutigen Fall von positiver Übertragung halte.) Mir scheint es ein deutliches Zeichen von psychischer Gesundheit, dass Roberto seinem Impuls nicht nachgab und sein Gefühl nicht gezwungenermaßen in eine Handlung überführte. Man muss nicht alles verantwortungslos auskotzen, das führt zu gar nichts. Den eigenen Gefühlen auf den Grund zu gehen und zu schauen, ob sich hinter der ersten Regung noch andere verbergen, ist eine interessante Reise ins eigene Innere. Menschen, die ihre Gefühle zum Dreh- und Angelpunkt all ihren Handelns machen, traue ich nicht über den Weg. Es bedarf einer Menge Arbeit, um zu erfahren, was man wirklich empfindet, und erst danach kann man entscheiden, ob der geeignete Moment gekommen ist, dem Gefühl Ausdruck zu verleihen. Häufig jedoch sind sich die Menschen ihrer Gefühle nicht bewusst. Wie können sie dann vorgeben, sie handelten vernünftig, wenn sie sich ihren Gefühlen überlassen? Zu guter Letzt muss ich Dir noch gestehen, dass ich mich häufig frage, was manche Menschen eigentlich ausdrücken wollen, wenn sie Stereotypen von sich geben wie: »Ich mag sie, aber ich liebe sie nicht«, »Fulano ist für mich gestorben« oder »Ich mag ihn als Person, aber ...« Fredy PS: Und wenn wir von Vorsicht reden: Schicke mir bitte keine weiteren Nachrichten an die alte Adresse. Ich würde es Dir nicht verzeihen, wenn mir eine Deiner E-Mails verlorenginge. Von dem Absatz an, in dem von Robertos Geständnis die Rede war, überflog Laura rascher den folgenden Text, vor allem, um zu sehen, ob sich noch weitere Anspielungen auf Roberto darin fänden. Kaum war sie am Textende angelangt, ging sie zu jener Passage zurück und las sie gleich mehrfach. Schier atemlos, den entscheidenden Absatz auf dem Bildschirm, griff sie nach dem Telefon und hinterließ ihrer Freundin eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter: »Nancy, du hattest vollkommen recht!«

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KAPITEL 15

machte sich, wie sie selbst bemerkte, etwas mehr zurecht als gewöhnlich, doch sie gestand es sich zu. Es war ein untypischer Anruf gewesen: Roberto hatte sie um ein Einzelgespräch gebeten. Seine Begründung lautete, er sehe, unter den gegebenen Umständen, keinen Sinn darin, die Sitzungen mit Cristina fortzuführen, wenn sie nicht zuvor wenigstens einmal allein miteinander gesprochen hatten. Ihren professionellen Grundsätzen treu, hatte Laura ihn gefragt, ob Cristina von seinem Anruf und seinem Vorschlag wisse, und Roberto hatte ihr versichert, Cristina sei nicht nur darüber informiert, sondern auch damit einverstanden. Sie habe dem ersten Termin ohnehin nur zögerlich zugestimmt, hatte er hinzugefügt. Nachmittags um drei öffnete Laura ihre Praxistür und bat Roberto, Platz zu nehmen. »Möchten Sie einen Tee?« fragte sie ihn. »Gerne, danke.« Als sie ihm die Tasse reichte, stellte Laura fest, dass Roberto wunderschöne kastanienbraune Augen hatte, und bedauerte, dies nicht schon zuvor bemerkt zu haben. »Ich glaube, dass ich das letzte Mal mit einer Ausrede hergekommen bin«, begann Roberto. »Das heißt, ich weiß wohl schon seit geraumer Zeit, dass meine Beziehung zu Cristina keinen Bestand haben wird.« »Und daraus folgt?« »Fredy hat mir häufig schon gesagt, es falle mir manchmal schwer, in der Wahrheit die einzige Möglichkeit zu sehen. Ich erfinde alternative Möglichkeiten und manövriere mich in unsinnige Situationen. Ich bin gekommen, weil ich glaube, du könntest mir dabei helfen, einige ungelöste Fragen zu klären.« »Dafür, so scheint mir, ist dein Therapeut Fredy zuständig.« »Fredy ist mein Freund, auch wenn er mir häufig auf die Sprünge hilft, wenn ich allein nicht weiterweiß. Aber es ist so: Als ich hörte, was du über mein Märchen von Egroj geschrieben hast, wuchs in mir der Wunsch, dich kennenzulernen. In dem Moment wusste ich nicht recht, ob ich eine neue Therapie anfangen oder schlicht am Kaffeetisch plaudern wollte. Aber ich wusste, dass ich mir auf keinen Fall diese Gelegenheit entgehen lassen wollte. Deshalb rief ich bei dir an und bat dich um einen Termin. Als du dann fragtest, ob >wir< am Donnerstag Zeit hätten, wurde mir klar, dass du annahmst, ich würde als Paar kommen. Deshalb kam mir der Gedanke, Cristina hinzu zu bitten und so zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: dich kennenzulernen und meine Beziehung mit ihr endgültig zu klären. So war das.« »Und jetzt?« »Jetzt habe ich einiges gelesen, was du für das Buch geschrieben hast ...« »Wie denn das?« unterbrach ihn Laura. »Ich habe Fredy darum gebeten, mir einige Passagen aus eurem Briefwechsel vorzulesen, und während ich ihm zuhörte, wurde mir klar, dass ich mich an deiner Seite weiterentwickeln möchte.« Das Gespräch ging weit über die vorgesehenen sechzig Minuten hinaus. Laura empfand Roberto als einen sehr interessanten Mann, intelligent, sensibel, kreativ, erfrischend offen und verführerisch. Sie unterhielten sich über seine Arbeit und ihre, über Paarbeziehungen, Liebe, den Tod des Romantischen, über Sexualität und über archetypische kulturelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Laura hatte eigentlich in keinem Moment das Empfinden, die Position der Therapeutin einzunehmen. Eher sah sie sich mitunter als Lehrerin, die bereits auf einige Erfahrung beim Erforschen des Weges zurückgreifen konnte. Die meiste Zeit jedoch fühlte sie sich schlicht als Frau gegenüber einem Mann, der seine Erlebnisse schilderte und Einstellungen darlegte, die sich von den ihren häufig unterschieden, aber bezaubernd waren. Zehn Minuten nach fünf Uhr klingelte das Telefon, und Laura sprach kurz mit einer Patientin. Gleich anschließend kam sie zu Roberto zurück. »Schön«, sagte sie, ohne sich hinzusetzen. »Ich denke, für heute ist es genug.« »Viertel nach fünf!« rief Roberto mit einem Blick auf seine Armbanduhr aus. Sofort stand er auf. 97

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aura öffnete den Kleiderschrank, suchte eine Bluse aus und zog sie vor dem Spiegel mit besonderer Sorgfalt an. Sie

»Was schulde ich dir?« fragte er. »Nichts«, sagte Laura. »Nein, bitte, das ist deine Arbeit«, betonte Roberto. »Das war keine Arbeit«, antwortete ihm Laura ehrlich. »Ich fand unser Gespräch toll«, sagte Roberto. »Ich auch«, gab ihm Laura zurück. Roberto wartete mit seiner Frage, bis er an der Tür angelangt war. »Können wir uns wiedersehen? Diesmal würde ich dich sehr gern zum Tee einladen.« Laura fühlte sich durchschaut, obwohl sie sich eine solche Bemerkung erhofft hatte. Sie war sich aber nicht sicher, ob sie sich dies gewünscht hatte, um zuzusagen oder um die Gefühle, die auf sie einstürmten, zu überprüfen. Und da sie gelernt hatte, wie man in solchen Situationen der Unsicherheit reagieren sollte, antwortete sie: »Ich weiß nicht ...« und öffnete die Tür. Sie verabschiedeten sich mit einem Küsschen auf die Wange, und als Roberto seine Hand zu einem letzten Gruß erhob, wollte Laura hinzufügen: »Ruf mich an.« Als Laura an diesem Abend nach Hause zurückgekehrt war, schaltete sie den Computer ein und schrieb: Fredy, wir haben uns darauf verständigt, dass eines der Ziele, die unser Buch verfolgt, die Entmythisierung der Liebe, der Paarbeziehung, des Sex sein soll. Sie sollen den Stellenwert erhalten, der ihnen zukommt - aber jenseits der vor' gefertigten Vorstellungen oder gar Gebote, in einer weniger rigiden, aber realitätstauglicheren Form. Ich vermute, dass diese Position im ersten Augenblick beunruhigen kann, dann aber ein entspannteres Verhalten ermöglicht. Die romantische Liebe ist tot. Wenn wir heute von Liebe reden, müssen wir definieren, was wir darunter verstehen. Mit dieser wichtigen Frage muss sich das Buch auseinandersetzen. Du behauptest: »Liebe heißt, dass mir jemand wichtig ist.« Hinzu kommt aber auch, wie ich meine, eine physische Empfindung. Das ist nicht leicht zu beschreiben. Sie stellt sich bei allen Menschen ein, die ich liebe. In Augenblicken größerer Intensität fühlt sich das an, als ginge mir das Herz auf, im Alltag geht es einfach mit physischem Wohlbefinden einher. Ich erlebe dies mit Freunden, meiner Familie, meinem Exmann und manchmal auch mit Patienten. Dann freue ich mich, sie zu sehen und mit ihnen zu sprechen. Das geht mir nicht mit allen so, nur bei manchen tritt das auf. Natürlich widerspricht das nicht Deiner Definition: Diese Menschen sind mir wichtig. Aber ich will auf etwas anderes hinaus. Manche Menschen berühren mein Innerstes. Wenn ich mich in Córdoba von Estela verabschiede oder von Adriana, bevor sie nach Chile reist, verspüre ich nahezu einen Stich in meiner Brust - ein Gefühl, das sich bei anderen nicht einstellt. Liebe geht Hand in Hand mit der Entscheidung, den anderen einzulassen, meine Abwehr abzubauen, mein Misstrauen abzulegen, mutig meine starren Vorstellungen dem anderen zuliebe hinter mir zu lassen und dann zu entdecken, wie er sich bewegt, verhält und denkt - ohne ihn auf meine Ansichten und Verhaltensweisen festnageln zu wollen. Und ebenso gehört dazu, dass ich mich nicht dazu zwinge, so zu sein, wie er mich meinen Vermutungen nach gern hätte. Liebe ereignet sich. Um jedoch dieses Ereignis erleben zu können, müssen wir Vorurteile ablegen, die uns hinderlich sind, Vorurteile, die mit der kulturellen Definition des »Paares« zusammenhängen. Was ist ein Paar? Wann wird aus zwei Individuen ein Paar? Du verweist in diesem Zusammenhang immer auf das gemeinsame Projekt. Ich wäre nie auf diese Idee gekommen; ich denke, andere Dinge sind hier entscheidend; aber ich höre Dir zu.

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Das Vergnügen, zusammen zu sein - das wäre eine andere mögliche Definition. Wenn ich nur seine Schönheit, sein Vermögen oder seine umwerfenden Gefühle für mich schätze, werde ich beim Sex keinen Zugang zu meinen Gefühlen finden. Wenn wir es genießen, mit einem Menschen zusammen zu sein, neigen wir dazu, möglichst viel mit ihm zu teilen. Dies ist eine innere Entscheidung. Das hängt noch nicht einmal so sehr von der Person ab, mit der wir zusammenleben, noch ist es eine Willensentscheidung. Diese Empfindung ereignet sich vielmehr, wenn wir uns unserem Gegenüber auf spezielle Weise verbunden fühlen. Diese besondere und innige Bindung spüren wir, wenn wir beide präsent sind. Was meint Präsenz? Im Hier und Jetzt anwesend zu sein ist vielleicht der wichtigste Aspekt. Erst einmal muss man sich ohne falsche Bescheidenheit klarmachen, weshalb für den anderen ein Augenblick besondere Bedeutung erlangt und sich von vergangenen und zukünftigen unterscheidet: Die Voraussetzung hierfür ist schlicht und ergreifend meine Anwesenheit. Im Hier und Jetzt sein, im »Kontinuum des Sich-bewusst-Werdens«, wie Fritz Perls es ausgedrückt hat, meint eine Technik, eine Methode, die wir in unser Alltagsleben integrieren sollten, genauso wie Fahrradfahren lernen: Anfangs braucht man noch Stützräder, und das Gleichgewicht zu halten ist gar nicht so einfach. Aber mit der Übung automatisiert sich das Erlernte, und so kommt es schließlich auf unerklärliche Weise zu fließenden Bewegungen, ohne dass wir noch einen Gedanken an das Gleichgewicht verschwenden. In unserem Beratungskonzept steht für diese fließende Bewegung das Anwesend sein. Die psychologische Arbeit, die wir leisten, steht also im Dienst der geistigen Entwicklung. Unser rigide strukturiertes Ich verstellt uns den Zugang zu unserem wahrhaften Wesen, und deshalb kann der Abbau dieser Persönlichkeitsstrukturen zu einem Vehikel werden, das Absolute zu entdecken. Die erste Hürde, die wir dafür nehmen müssen, ist stets die ungenügende Präsenz in uns selbst. Wie sollen wir aber an Orten anwesend sein, denen wir eigentlich nur entfliehen wollen? Wir haben nie erlernt, uns an jenen von uns verabscheuten Orten aufzuhalten; uns wurde lediglich beigebracht, wie wir solchen Situationen entkommen können, statt uns ihnen zu stellen. Also müssen wir die Fähigkeit erlangen standzuhalten. Es scheint uns unvorstellbar, Schmerzhaftes auszuhalten, und entsprechend glauben wir, dass wir einzig darauf reagieren können, indem wir uns verschließen, andere angreifen, beschuldigen oder eben fliehen. Nachdem wir uns diese Verhaltensweisen über viele Jahre hinweg angewöhnt haben, bleiben jene Orte verlassen zurück. Sie bezeichnen eine Leere, ein inneres schwarzes Loch. Wir denken uns Geschichten aus, denen zufolge wir niemals mehr entkommen können, wenn wir uns erst einmal in unseren Kummer hineinbegeben haben - als würden wir gefangen gehalten, wenn wir uns auf unsere Traurigkeit einlassen. Dorthin zurückzukehren halten wir für gefährlich; wir denken uns diesen Ort düster, dabei mangelt es ihm nur an Präsenz. Wir müssen aber lernen, dort gegenwärtig zu sein, denn dort nimmt der Heilungsweg seinen Ausgang. Wenn wir uns diesem Schmerz stellen, statt wie sonst vor ihm zu fliehen, werden wir unsere Kraft entdecken. Und aus dieser Begegnung mit uns selbst kann sich die Begegnung mit dem anderen ergeben. Seien wir also präsent, und zwar beide. Unser Versuch einer Entmythisierung stößt sich jedoch an jener tradierten Vorstellung, der zufolge sich alle Probleme mit der Heirat lösen. Alle Liebesgeschichten laufen scheinbar auf ein glückliches Ende zu: »Und sie heirateten und wurden glücklich bis an ihr Lebensende ...« Wachen wir aus diesem dummen Traum auf: So funktionieren Paarbindungen nicht. Die Paarbindung ist ein neuer Weg, eine Herausforderung. Nichts endet, vielmehr beginnt alles mit ihr. Mit Ausnähme der Phantasie von einem idealen Leben ohne Probleme. Sich von seinen Phantasien verabschieden zu müssen ist hart, ist ein wichtiger Verzicht. Der ideale Partner, von dem ich schon von Kindesbeinen an immer geträumt habe, stirbt mit der Eheschließung - und das tut weh. Und wenn ich mir nicht klarmache, was da wirklich passiert, beschuldige ich den Falschen.

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Statt dessen sollte ich lernen, mein eigenes Leben in die Hand zu nehmen: zu entdecken, was mir gefällt, wie ich für mich sorgen, mich vergnügen kann, welchen Sinn ich meinem Leben geben möchte. Alle diese wesentlichen Fragen sind individuelle, niemand kann sie für mich lösen. Ich kann von einem Partner lediglich erwarten, dass er mich auf meinem Lebensweg begleitet, mich stützt und sich durch meine Anwesenheit seinerseits stützen lässt. Er darf mir aber nicht vorschreiben wollen, wo ich langgehen soll. Die schlimmste Vorstellung, die Eltern an die Kinder weitergeben, ist jene, dass wir alle auf der Suche nach unserer besseren Hälfte seien. Weshalb sollten wir nicht versuchen, einem anderen Ganzen zu begegnen, statt uns mit einer Hälfte zu begnügen? Die Liebe, wie wir sie uns vorstellen, entsteht zwischen zwei vollständigen Wesen, die einander begegnen, nicht zwischen zwei Hälften, die sich brauchen, um sich vollständig zu fühlen. Wenn ich den anderen zum Überleben brauche, verwandelt sich die Beziehung in eine Abhängigkeit. Und Abhängigkeit lässt keine Wahl zu. Ohne Wahl aber gibt es keine Freiheit, ohne Freiheit keine wahrhafte Liebe, und ohne wahrhafte Liebe mag es zwar Eheschließungen geben, aber keine Paarbindung. Ich mag Dich sehr. Laura Laura las das Geschriebene noch einmal durch und lehnte sich zufrieden zurück. Als sie auf den Befehl »Senden und empfangen« ging, erschien im Posteingang eine lange E-Mail mit dem Titel »Hallo Laura«, gesandt von liebemitqffenenaugen@erneut.com.

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EPILOG
liebemitoffenenaugen@ Lieber Roberto, nun werden wir uns endlich kennenlernen. In diesen letzten zwei Jahren waren wir uns häufig sehr nah und in engem Kontakt miteinander und wussten doch herzlich wenig einer vom anderen. Ich begann von Deiner Existenz zu ahnen, als mich die zweite E-Mail von Doktor Farias (dem Präsidenten von Intermedical, Du erinnerst Dich?) erreichte. Anfangs war mir seine Entschuldigung völlig unverständlich und noch überraschender die angehängte Mail, die angeblich ich geschrieben hatte und in der ich ihn zum Teufel jagte. Es kostete mich drei Monate, bis ich mir zusammengereimt hatte, was passiert sein könnte; und selbst heute, wo ich die Fakten kenne, kommt es mir immer noch unglaublich vor. Ich hatte mich vor zwei Jahren unter der Adresse rofrago angemeldet. Ihr lag ein Spiel mit den Namen meiner Kinder zugrunde: Romina, Francis und Gonzalo. Von da an nutzte ich sie als Anschrift für die berufliche Kommunikation. Und ich habe, wie Du vermutlich auch, mich nicht wenig über die große Zahl unerwünschter Nachrichten gewundert, die in meinem Posteingang landeten; ich habe niemals auf eine geantwortet, aber viele davon gelöscht, um mehr Speicherplatz zu haben. Freilich möchte ich dieses Schreiben nicht dazu nutzen, um über die Verlässlichkeit oder Fehleranfälligkeit des Internet zu diskutieren. Ich möchte mich lieber kurz fassen und das Ziel dieser Mail nicht aus den Augen verlieren, auch wenn ich einige Erklärungen vorausschicken muss. Wie Du vermutlich inzwischen weißt, kennen Laura und ich uns bereits seit Jahren, nachdem wir uns auf Kongressen oder Veranstaltungen unserer gestalttherapeutischen Vereinigung über den Weg gelaufen waren. Ich schätzte ihre Vorträge und Aufsätze über Paarbeziehungen, und sie fand nach eigenen Aussagen ein von mir verfasstes Buch hilfreich. Zufällig oder vielleicht auch nicht sind wir einander bei einer gemeinsamen Veranstaltung während des Weltkongresses der gestalttherapeutischen Vereinigung in Cleveland, USA, wieder begegnet. Dort kam mir die Idee, gemeinsam ein Buch über Paare zu schreiben. Schon lange recherchierte ich zu diesem Thema, aber die Vorstellung, von Lauras gedanklicher Klarheit und ihrem Erfahrungsschatz zu profitieren, war ungeheuer verführerisch. Nachdem wir uns einige Male getroffen hatten, wurde uns klar, dass unser beider Verpflichtungen und Termine häufigeren Treffen im Wege standen. Und so verabredeten wir, unsere Zusammenarbeit über E-Mails zu organisieren. Wie Du weißt, bestand die Idee darin, dass wir auf diese Weise Informationen austauschen wollten, die später Buchform annehmen sollten. Laura und ich waren einer Meinung, es könne nicht darum gehen, die riesige Zahl vergleichbarer Bücher um ein weiteres, genauso gestricktes zu vermehren. Es galt also, unser Thema in eine neue Form zu gießen. Als die Mails zwischen uns hin' und hergingen, kam mir die Idee, der elektronische Briefwechsel zwischen zwei Therapeuten, die sich über Paartherapien und Paare in Therapien verständigen, könnte eine angemessene Form sein. Die Zeit verstrich, Laura schrieb weiter und beschwerte sich über meine unzulängliche Mitwirkung. Ich jedoch war entmutigt. Ich fand nichts so recht überzeugend. Ich bat Laura darum, alleine weiterzumachen, weil ich nicht wusste, wie man dies Buch attraktiv machen könnte, zumindest für mich. Und dann tratest phantastischer weise Du auf den Plan. Die Bestätigung dessen, wie dies alles zustande kam, erhielt ich, als Laura mir irrtümlich jene Mail an rofrago sandte. Wie bereits gesagt, kostete es mich mehrere Wochen, bis ich mir alles erklären konnte, bis ich begriff, dass Du Laura unter meinem Namen schriebst, bis ich Deine Schöpfung trebor entschlüsselt (klar, »Robert« rückwärts buchstabiert) und die doppelte Lüge begriffen hatte, mit der Du Dir die Kontrolle über unseren Briefwechsel sichern wolltest.

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Ich muss gestehen, ich habe mich fürchterlich aufgeregt. Als ich Laura von meiner neuen Mail-Adresse aus schrieb und ihr die Dinge auseinandersetzte, kreisten meine Gedanken noch immer um juristische Schritte und Rachephantasien. Bis ich eines Morgens mit einer Idee erwachte: Das ist der Handlungsfaden für das Buch! Das ist der Aufmacher! Ich musste nur noch Dich als handelnde Figur zwischen die paartherapeutischen Überlegungen montieren und aus dem Ganzen einen Roman konstruieren. Der einzige Zweck dieses Briefes, mein lieber Roberto, bc steht darin, mich bei Dir zu bedanken. Ich versichere Dir, dass dieser Satz nicht ironisch gemeint ist. Ich habe schon immer erklärt, dass ich kein Schriftsteller bin, und Laura, denke ich, ebenso wenig. Niemals, ich wiederhole Dir: Niemals wäre mir ein so reizvoller und spannender Handlungsfaden eingefallen wie Deine heimlichen Eingriffe in unsere Kommunikation. Als Zeichen meiner ehrlichen Anerkennung widme ich Dir dieses Buch und dieses Märchen, das ich persönlich für Dich ausgesucht habe und Dir nun erzählen werde. Ich weiß nicht, von wem es stammt und wer es ins Internet gestellt hat. Mein Freund Pancho Hunneus aus Chile jedenfalls hat es mir geschenkt. Es war einmal in einem klitzekleinen Dorf ein Mann, der als Wasserträger arbeitete. Damals floss das Wasser noch nicht aus Hähnen, sondern ruhte in tiefen Brunnen oder sprudelte aus den ergiebigen Quellen der Flüsse hervor. Wer sich nicht selbst auf die Wassersuche machen wollte, musste, so es keine ausgehobenen Brunnen in der Nähe des Dorfes gab, die kostbare Flüssigkeit bei einem der Wasserträger kaufen, die hin und her liefen und sie in großen Tonkrügen zum Dorf trugen. Eines Morgens bekam einer der Tonkrüge einen Sprung und verlor Wasser. Im Dorf angelangt, zahlten die Käufer dem Wasserträger die gewohnten zehn Geldstücke für den rechten Krug, aber lediglich fünf für den Inhalt des anderen, der nur noch annähernd zur Hälfte gefüllt war. Einen neuen Tonkrug zu erstehen wäre für unseren Wasserträger zu kostspielig gewesen. Und so nahm er sich vor, seine Schritte zu beschleunigen, um auf diese Weise den Geldverlust auszugleichen. Zwei Jahre lang marschierte der Mann nun stramm hin und her, brachte das Wasser zum Dorf und erhielt dort für die anderthalb Tonkrüge Wasser seine fünfzehn Geldstücke. Eines nachts weckte ihn ein »Pst« in seinem Zimmer: »Pst ... Psssst ...« »Wer ist da?« fragte der Mann. »Ich bin's«, sagte eine Stimme, die aus dem gesprungenen Tonkrug kam. »Warum weckst du mich zu dieser Stunde?« »Hätte ich dich tagsüber und bei vollem Sonnenlicht angesprochen, wärest du vermutlich so erschrocken, dass du mir nicht hättest zuhören können. Und es ist mir wichtig, dass du mir zuhörst.« »Was willst du?« »Ich möchte mich bei dir entschuldigen. Den Sprung, aus dem das Wasser rinnt, habe ich zwar nicht verschuldet, aber ich weiß, welchen Schaden er dir zugefügt hat. Jeden Tag, wenn du müde im Dorf ankommst und für meinen Inhalt nur die Hälfte von dem erhältst, was du für meinen Bruder bekommst, kommen mir schier die Tränen. Ich weiß sehr wohl, dass du mich eigentlich wegwerfen und gegen einen neuen Tonkrug hättest austauschen müssen, aber du hast mich bei dir behalten. Dafür möchte ich dir danken und mich noch einmal entschuldigen.« »Wie nett von dir, dass du mich um Entschuldigung bittest«, sagte der Wasserträger. »Morgen in der Frühe gehen wir beide hinaus. Ich möchte dir etwas zeigen.« Und so setzte der Wasserträger seinen Schlaf bis in die Morgenstunden fort. Als sich die Sonne am Horizont zeigte, nahm er das gesprungene Gefäß und ging mit ihm zum Fluss. »Schau mal«, sagte er, kaum angelangt, und deutete auf die Stadt. »Was siehst du?« »Die Stadt«, antwortete der Krug. »Und was noch?« fragte der Mann. »Ich weiß nicht ... den Weg«, ergänzte der Tonkrug. »Richtig. Nun schau dir mal die Wegränder genau an. 102

Was siehst du dort?« »Ich sehe auf der rechten Seite des Weges trockene und hässliche Erde und auf der linken ein Blumenband«, sagte das Gefäß, das nicht begriff, was sein Besitzer ihm zeigen wollte. »Viele Jahre lang bin ich diesen traurigen und einsamen Weg entlanggegangen, habe Wasser zum Dorf getragen und die gleiche Menge Geld für beide Krüge erhalten. Aber eines Tages bemerkte ich, dass du einen Sprung hattest und Wasser verlorst. Austauschen konnte ich dich nicht, und so fasste ich einen Entschluss: Ich kaufte Blumensamen in allen erdenklichen Farben und säte sie zu beiden Seiten des Weges aus. Bei jedem Fußmarsch, den ich machte, besprenkelte das Wasser, das du verlierst, den linken Wegrand, und in diesen zwei Jahren hast du diesen Unterschied bewirkt.« Der Wasserträger machte eine Pause, streichelte sein treues Gefäß und sagte: »Und du bittest mich um Entschuldigung? Was bedeuten schon einige Geldstücke weniger, wenn ich mich doch dank deiner und deines Sprunges der bunten Blumen am Wegrand erfreuen kann? Ich habe dir für deinen Mangel zu danken.« Hoffentlich begreifst Du - und ich denke, Du wirst es begreifen -, weshalb ich Dir dieses Märchen schenken möchte. Und nun ist der Roman fast an seinem Ende angelangt. Wir müssen jedoch noch eine Entscheidung treffen, was den Schluss angeht. Sollten Roberto und Laura sich schließlich begegnen und auf eine gesunde Beziehung miteinander einlassen, auf eine »Liebe mit offenen Augen«, wie der Buchtitel nahelegt? Oder sollte Laura, nachdem sie aus Fredys Mund über die Lüge in Kenntnis gesetzt wurde, Roberto verachten und daraus die Lehre ziehen, wie wenig erfolgversprechend der Betrug in Liebesdingen ist? Vielleicht lässt sich ja auch noch ein ganz anderer, weniger klassischer Schluss denken. Möglicherweise ist es aber auch so wie im richtigen Leben: Man weiß nie, wie die Dinge enden. Dr. Alfredo Daey liebemitoffenenaugen@von_neuem.com

PS: Ach, ich muss mich noch für etwas anderes bei Dir bedanken: Farias wird meine Arbeit unter den von mir geforderten Bedingungen veröffentlichen, ohne irgendeine Einschränkung, um so seine verspätete Reaktion wieder gutzumachen. 24. Januar 2000, 17.07 Uhr

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Ein Forum der Begegnung
Liebe Leserin, lieber Leser, in unserem Diskussionsforum www.liebemitoffenenaugen.com hatten Sie Gelegenheit, mit anderen Lesern dieses Romans in Kontakt zu treten, sich zu den angesprochenen Themen zu äußern, Ihre eigenen Gedanken und Ideen einzubringen oder sich an Debatten zu beteiligen. Zudem bot das Forum die Möglichkeit, den Text dieses Buches (eines Buches ohne Anfang und Ende) fortzuschreiben und zu ergänzen und so selbst als Autor oder als Figur dieses Romans in Erscheinung zu treten. www.liebemitoffenenaugen.com wollte ein Ort sein, an dem man sich selbst und dem anderen im Dialog begegnet - indem man seine Meinung kundtut, diskutiert und eventuell sogar voneinander lernt.

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Literaturliste
Das auf Seite 229 zitierte Gedicht, dem dieses Buch seinen Titel verdankt, entstammt dem Band Feuer von Marguerite Yourcenar. Aus dem Französischen von Rolf und Hedda Soellner. München: Hanser 1996. Mauricio Abadi, Te quiero, pero... Buenos Aires: Ediciones Beas 1992. Eric Berne, Spielarten und Spielregeln der Liebe. Psychologische Analyse der Partnerbeziehungen. Deutsch von Edelgard und Gerd Stöhr. Reinbek: Rowohlt 1971. Ambrose Bierce, Des Teufels Wörterbuch. Neu übersetzt von Gisbert Haefs. Teilausgabe. Zürich: Haffmans 1986. J. Blachman, M. Garvich, M. Jarak, ?Quien soyyo sin mipareja? Buenos Aires: Grupo Editor Latinoamericano 1989. John Bradshaw, Das Kind in uns. Wie ich zu mir selbst finde. Aus dem Amerikanischen von Bringfried Schröder. München: Droemer Knaur 1992. John Bradshaw, Creating love. The next great stage of growth. New York: Bantam 1992. Leo Buscaglia, Leben lieben lernen. Brücken bauen, nicht Barrieren. Aus dem Amerikanischen von Hans Jürgen Baron von Kuskull. München: Goldmann 1987. Jolan Chang, Das Tao der Liebe. Unterweisungen in altchinesischer Liebeskunst. Deutsch von Lilith Tannenbaum. Reinbek: Rowohlt 1978. Pema Chödrön, Die Weisheit der Ausweglosigkeit. Aus dem Amerikanischen von Stephan Schumacher. Freiamt im Schwarzwald: Arbor 2004. Irene Claremont de Castillejo, Die Töchter der Penelope. Elemente des Weiblichen. Übersetzt von Ute Evertz. Freiburg im Breisgau: Walter 1979. Thorwald Dethlefsen, Rüdiger Dahlke, Krankheit als Weg. Deutung und Bedeutung der Krankheitsbilder. München: Bertelsmann 1983. Mony Elkaim, Wenn du mich liebst, lieb mich nicht. Wirklichkeitskonstruktionen in der systemischen Familientherapie. Aus dem Französischen von Eva Kimminich. Freiburg im Breisgau: Lambertus 1992. Erich Fromm, Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt 1976. Hendrix Harville, So viel Liebe, wie du brauchst. Das Therapiebuch für eine erfüllte Liebe. Aus dem Amerikanischen von Simone Wilhelms Kind. Düsseldorf/Wien: Econ 1992. Jiddu Krishnamurti, Über die Liebe. Deutsch von Ingeborg von Massenbach. Grafing: Aquamarin 1976. Milan Kundera, Die Identität. Aus dem Französischen von Uli Aumüller. München/Wien: Hanser 1998. Ronald D. Laing, Knoten. Deutsch von Herbert Elbrecht. Reinbek: Rowohlt 1972. Norberto Levy, El asistente interior. Buenos Aires: Editorial del Nuevo Extremo 1983. Juan David Nasio, Livre de la douleur et de Vamour. Paris: Payot 1996. Osho, Sieben Himmel, sieben Höllen. Liebe leben im Alltag. Köln: Ed. Osho 2003. Osho, Tantra, Spiritualität & Sex. Köln: Rajneesh-Services 1985. Nicanor Parra, Chistes para desorientar a la poesia. Madrid: Visor Libros 1989. Fritz Perls, Gestalt-Wahrnehmung. Verworfenes und Wiedergefundenes aus meiner Mülltonne. Die ungewöhnliche Biographie des Begründers der Gestalttherapie. Übersetzt von Ursula Ullrich. Frankfurt am Main: Verlag für humanistische Psychologie Flach 1981. Gerard Pommier, Du bon usage de la colere. Et quelques unes de ses consequences. Paris: Aubier 1994. Hugh Prater, Palabras a mi pareja. Santiago de Chile: Cuatro Vientos 1973. Emilio Rodrigué, La lección de Ondina. Madrid: Fundamentos 1980. 104

Enrique Rojas Montes, El amor inteligente. Madrid: Ediciones Temas de Hoy 1997. Jack Lee Rosenberg, Körper, Selbst und Seele. Ein Weg zur Integration. Aus dem Amerikanischen von Marianne Krampe. Oldenburg: Transform 1989. John A. Sanford, Unsere unsichtbaren Partner. Von den verborgenen Quellen des Verliebtseins und der Liebe. Aus dem Amerikanischen von Waltraud Ferrari. Interlaken: Ansata 1987. Antoine de Saint'Exupéry, Der kleine Prinz. Ins Deutsche übertragen von Grete und Josef Leitgeb. Düsseldorf: Karl Rauch Verlag 1956. Adriana Schnake Silva, Sonia, te envío los cuardernos de café. Buenos Aires: Editorial Estaciones 1979. Adriana Schnake Silva, Los diálogos del cuerpo. Santiago de Chile: Editorial Cuatro Vientos 1995. Sergio Sinay, El amor a los 40. Buenos Aires: Editorial del Nuevo Extremo 1994. Sergio Sinay, Esta noche no, querida. Barcelona: RBA Integral 2002. Alan Watts, El futuro del éxtasis. Barcelona: Kairós 1985. John Welwood, Dem Herzen folgen. Durch Liebe und Freundschaft zu sich selbst finden. Aus dem Amerikanischen von Malte Hein. München: Droemer Knaur 1996. John Welwood, Durch Liebe reifen. Partnerschaft als spiritueller Weg. Aus dem Amerikanischen von Karin Petersen. München: Kösel 1998. John Welwood, Challenge of the Heart: Love, Sex, and lntimacy in Changing Times. Boston: Shambhala Publications 1985. Joseph C. Zinker, Auf der Suche nach gelingender Partnerschaft. Gestalttherapie mit Paaren und Familien. Aus dem Amerikanischen von Bringfried Schroeder. Paderborn: Junfermann 1997.

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