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Die Bedeutung armenischer Krieger im byzantinischen Reich unter den Kaisern Justinian und Maurikios
VON PETER HALFTER1 Es gibt einige Veröffentlichungen über die Rolle der Armenier im Byzantinischen Reich2. Darunter auch solche, die sich mit deren militärischer Bedeutung für das Oströmische Reich beschäftigen3. Aber nach Meinung des Autors fehlt bisher eine ausführliche militärgeschichtliche Darstellung der Kriege und des Kriegswesens in Armenien in der Zeit der Antike und des Mittelalters. Einer der ersten Versuche, diese Lücke zu füllen, ist das vorliegende Buch. I.). Die damalige armenische Geschichtsschreibung ist über dieses Ereignis hinweggegangen. Der Autor muss deshalb auf den byzantinischen Historiographen Prokopios von Caesarea zurückgreifen, letztlich ein Glücksfall, denn Prokop, im Stab des Feldherrn Belisar tätig, war bestens über die Ereignisse informiert und hat uns in seiner Darstellung über die Perserfeldzüge Justinians eine ausführliche Darstellung des Aufstandes hinterlassen. Der Autor liefert dabei eine beeindruckende Analyse des Textes: Er entschlüsselt die Ortsnamen, die von Prokop nur in ihrer griechischen Form wiedergegeben werden. Dabei geht es nicht nur darum, die ursprünglichen Lokalitäten zu identifizieren, sondern auch, um die räumliche Ausdehnung des Konfliktes und die taktischen Bewegungen der Kontrahenten zu rekonstruieren. Die Rebellion war hervorgerufen worden durch die Verwaltungsreform und die Verhängung neuer Steuern, Maßnahmen durch die die armenischen Fürsten ihren Status als foederati und damit ihre relative Selbständigkeit verloren. Der Aufstand von 538/39 war, das machen die Überlegungen des Autors plausibel, eine Meuterei der Truppen, die Jahre zuvor die Byzantiner in ihrem Teil Armeniens aufgebaut hatten. Den Oberbefehl über die Rebellenarmee übernahm Vasak Mamikonean, der zuvor das Amt des Sparapet d.h. des Oberbefehlshabers bekleidet hatte, einen Rang und eine Funktion des alten Königreiches Armeniens, welche durch die Verwaltungsreformen des Kaisers beseitigt worden war. In den Reihen der Rebellen waren die drei führenden Adelsfamilien Armeniens, die Arsakiden, die Bagratiden und die Mamikoniden zu finden. Ihre Aktion hatten sie umfassend vorbereitet. Sie schlugen los, als ein Großteil der oströmischen Truppen durch den Gotenkrieg in Italien gebunden war. Und sie suchten in ihren Konflikt das Großreich der Sassaniden hineinzuziehen, um den Gegner in Konstantinopel durch einen Zweifrontenkrieg zu beschäftigen. Auf dem armenischen Kriegsschauplatz zeigten sie, dass sie über ein reiches Repertoire an Kriegslisten verfügten. Sie zogen sich durch einen vorgetäuschten Rückzug nach Persarmenien zurück, wo sie den Gegner in ein für ihn ungünstiges Gelände lockten, so dass er seine Truppen nicht in der gewohnten Ordnung aufstellen konnADK 158

Es enthält zwei Studien: Die erste untersucht einen Aufstand der Armenier im byzantinischen Teil Armeniens in den Jahren 538/39 (zu Zeiten des Kaisers Justinian
1 Dr. Peter Halfter promovierte nach dem Studium der Geschichte, Germanistik und Philosophie in Basel und Tübingen Von ihm liegen verschiedene Veröffentlichungen zu den Beziehungen der Römischen Kirche und der Staufer zum armenischen Königreich Kilikien und den Kreuzfahrerstaaten, zum Königreich Georgien vor. 2 Peter Charanis, The Armenians in the Byzantine Empire, Lisbon, 1963, Georges Toumanoff, Studies in Christian Caucasian History, Washington DC, 1963, 3 Gérard Dédéyan, Le Cavalier Arménien, in: Jean-Pierre Mahé and Robert W. Thomson (ed.), From Byzantium to Iran. Armenian Studies in Honour of Nina G. Garsoian, Atlanta (Georgia), 1997, derselb, Les Arméniens soldats de Byzance, in Bazamvep, 145 (1987).
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te und die Schlacht sich in eine Vielzahl von Einzelgefechten auflöste. Den gegnerischen General, einen bewährten und erfahrenen Feldherrn, schalteten sie durch einen gezielten Angriff auf dessen Person aus. Durch einen Vergleich der Schlacht von Akori (481 gegen die Iraner) mit der von Avnik (539) kann der Autor zeigen, dass solch taktische Maßnahmen wie vorgetäuschter Rückzug und dann plötzlicher Angriff auf einem für den Gegner ungewohnten Gelände zum Repertoire armenischer Feldherrnkunst gehörte. Der zweite Aufsatz geht der Frage nach, warum die Armenier nicht im Taktikon (einem militärischen Handbuch) des Kaisers Maurikios (582-602) erwähnt werden. In diesem Ratgeber werden alle Feinde des Reiches in knapper und durchweg abfälliger Weise charakterisiert. Die Armenier fehlen in dieser Negativliste, obwohl dem Kaiser von dem armenischen Historiographen Pseudo-Sebeos unterstellt wird, er habe dem persischen Großkönig Chosrau II. vorgeschlagen, gemeinsam den kriegerischen Adel Armeniens in die entferntesten Provinzen der beiden Reiche zu deportieren und ihn dort mit der Grenzwacht zu betrauen4. Damit wären die beiden Großmächte von dem unzuverlässigen und dauernd zu Aufständen geneigten Element befreit, welches die gemeinsame Grenze bewohne. Der Autor kann zeigen, dass eine solche Charakterisierung der Armenier als unruhiges Volk eine lange Tradition hat. Sie geht letztlich auf Tacitus zurück, der den Armeniern den Stempel als ambigua gens aufdrückte. Dieses generelle Misstrauen gegenüber den Armeniern reichte nicht nur bis in die Zeit des Kaiser Maurikios, es blieb bis in das späte Mittelalter lebendig. Der Autor kann verständlich machen, warum der Kaiser, obwohl er höchstwahrscheinlich von solchen Vorurteilen nicht frei war, sie nicht in seinem militärischen Handbuch in Worte fasste: In Maurikios floss möglicherweise selbst armenisches Blut. Der Kaiser hatte große Teile Persarmeniens in seinen Kriegen ge4 Eine Maßnahme, die von den Byzantinern vor allem in ihren Kriegen gegen die Araber und Bulgaren durchgeführt wurde. Bei den Vorstößen in das armenische Grenzgebiet wurde die armenische Bevölkerung an die ebenfalls bedrohte Westgrenze zu den Bulgaren deportiert.

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Bücher, Zeitschriften & CDs gen die Sassaniden erobert, der Anteil der Armenier in seinem Heer war bedeutend. Da konnte er sein Misstrauen bzw. sein Unbehagen an den neuen Bewohnern seiner strategisch wichtigen Ostprovinz nicht öffentlich äußern. Das „armenische Problem“ versuchte er auf die sanfte Methode zu lösen. Mit der Einsetzung eines ihm ergebenen Gegenkatholikos in Avan (591) bemühte er sich die armenische Kirche auf eine Linie mit der byzantinischen Reichskirche zu bringen5, um über die Einheit im Glauben die Hellenisierung Armeniens durchzusetzen. Mit Recht betont der Autor die zwiespältige Haltung der Byzantiner gegenüber den Armeniern. Aber es hätte ebenso bemerkt werden können, dass auch die Armenier Konstantinopel gegenüber in einer Art Hass-Liebe verbunden waren. Der Autor selbst bringt dafür beeindruckende Beispiele: Einer der Anführer der Rebellion von 538 Artavan, trat nach einem Zwischenspiel beim persischen Großkönig in die byzantinischen Streitkräfte ein, in diesen zeichnete sich später als General unter dem Feldherrn Belisar bei den Kämpfen gegen die Vandalen in Afrika aus. Justinian ernannte ihn in Anerkennung seiner Verdienste zum magister militum Africae und verlieh ihm die Würde eines Consuls. Als dieser Artavan später in ein gescheitertes Attentat auf den Kaiser verwickelt war, wurde er nicht mit dem Tode bestraft, sondern fand in Justinian einen milden Richter. Vielleicht wusste der Kaiser nur zu gut, wie sehr er auf armenische Offiziere angewiesen war. Armen Ayvazyan begründete die militärische Schlagkraft der armenischen Aufgebote, die sich oft gegen eine feindliche Übermacht erfolgreich behaupten konnten, mit der inneren Geschlossenheit der damaligen armenischen Gesellschaft. Eine Geschlossenheit, die auf der gemeinsamen Sprache und Kultur, der Zugehörigkeit zur nationalen Kirche und dem starken Willen zur Unabhängigkeit beruhte. Zweifelsohne waren das wichtige Momente, um den Zusammenhalt zu stärken. Aber die Solidarität hatte auch ihre Schwachstellen. Die mächtigen Adelsfamilien, die das poli5 Über die vom Kaiser verordnete Union hat Alessio Antonio de Siena im Jahr 2008 promoviert: La politica ecclesiastica dell’ imperatore Maurizio (582-602): Genesi et motivazioni, fra ortodossia e necessità “strategiche”. Leider kann der Rezensent nicht sagen, ob die Arbeit publiziert wurde.

tische Geschehens Armeniens bestimmten, hielten als Ganzes nur dann zusammen, wenn ihre Privilegien von einer auswärtigen Macht angetastet wurden. Ansonsten empfanden sie sich doch als Rivalen, die sich argwöhnisch belauerten und oft der Versuchung erlagen, mit einer äußeren Macht zu paktieren, um dem konkurrierenden Clan zu schaden6. Der Aufstand von 538/39 war eben deshalb so erfolgreich, weil an ihm die drei führenden Adelshäuser Armeniens beteiligt waren. Nun, das sind Einwände, die den Wert dieser Publikation nicht beeinträchtigen. Die Arbeit, die Armen Ayvazyan an den historischen Quellen geleistet hat, ist bewundernswert. Seine Fähigkeit den geographischen Rahmen der Auseinandersetzung zu rekonstruieren und dann dessen Gegebenheiten mit den strategischen und taktischen Bewegungen der Kontrahenten zu kombinieren, verdient große Anerkennung. Eine wertvolle Hilfe ist die von ihm entworfene Karte Nr. 1, die sich (etwas versteckt) am hinteren Ende des Buches befindet. Dagegen ist Karte Nr. 2, S. 70, durch die die geographisch-geologische Beschaffenheit des Schlachtfeldes von Avnik deutlich gemacht werden soll, nur mit einer starken Lupe entzifferbar. Miniaturen aus einer Handschrift des armenischen Alexanderromans (15. Jahrhundert) und eine berühmte Darstellung der Schlacht von Avarayr (451) aus dem 16. Jahrhundert sollen dem Leser eine Vorstellung geben, wie er sich die armenischen Kataphrakten (Panzerreiter) vorstellen kann. Eine ausführliche Bibliographie rundet das Buch ab.
Armen Ayvazyan, The Armenian Military in the Byzantine Empire. Conflict and Alliance under Justinian and Maurice. Foreword by Ilkka Syanne - 128 S., Alfortville, France (Édition Sigest) 2012, ISBN: 978-2-917329-39-9, Preis: 14,50 EUR.

Buchtipps 2
2012 Declaration - The Seized Properties of Armenian Foundations in Istanbul, 479 S., Hrant Dink Vakfı 2012. ISBN: 978605-86570-0-7. Interessenten möchten sich an info@hrantdink.org wenden Taner Akçam, Ümit Kurt: Kanunların Ruhu - Emval-i Metruke Kanunlarında Soykırımın İzini Sürmek (Der Geist der Gesetze - Auf der Spur des Genozids in den Gesetzen zum herrenlosen Eigentum), 272 S., Iletişim 2012. ISBN: 9789750511165. Preis: 20 TL (ca. 8,5 EUR) Ronald J. Clark, John O. Rivera (Hg.): Armenia, Azerbaijan, and Georgia: Politics, Profiles and United States‘ Interests, Nova Science Pub Inc 2013. ISBN: 978-1624170058. Preis: 96,99 EUR Raymond H. Kévorkian - Paul B. Paboudjian: 1915 Öncesinde Osmanlı İmparatorluğu‘nda Ermeniler (Die Armenier im Osmanischen Reich vor 1915), 608 S., Aras Yayıncılık 2012, ISBN: 978-6055753-32-0. Preis: 112 TL (ca. 48 EUR). Interessenten möchten sich an info@arasyayincilik.com wenden Laurence Ritter, Max Sivaslian: Les restes de l‘épée: Les arméniens cachés et islamisés de Turquie, 250 S., Editions Thaddée 2012. ISBN: 978-2919131044, Preis: 25 EUR Davide Rodogno: Against Massacre: Humanitarian Interventions in the Ottoman Empire, 1815-1914 (Human Rights and Crimes Against Humanity), 391 S., Princeton University Press 2012. ISBN-13: 9780691151335. Preis: 31,99 EUR Sessizliğin Sesi II - Diyarbakırlı Ermeniler Konuşuyor (Die Stimme der Stimmlosen II - Armenier aus Diyarbakır sprechen), 201 S., Hrant Dink Vakfı 2012. ISBN: 9786058657021. Interessenten möchten sich an info@hrantdink.org wenden Armin T. Wegner: Ausgewählte Werke in drei Bänden 1. Der Knabe Hüssein und andere Erzählungen, hg. von Volker Weidermann, 311 S., Wallstein Verlag 2012. ISBN: 978-3835311046. Preis: 29,90 EUR Jenny White: Muslim Nationalism and the New Turks, 256 S., Princeton University Press 2012. ISBN: 978-0691155180. Preis: 19,95 EUR Antranik (Yeritsyan): Dersim Seyahatname (Dersim-Ein Reisebuch), 200 S., Aras Yayıncılık 2012, ISBN: 978-605-5753-351. Preis: 12 TL (ca. 5 EUR). Interessenten möchten sich an info@arasyayincilik.com wenden

6 Der Autor erwähnt selbst ein Beispiel, dass die Solidarität der Armenier Sprünge bekommen konnte. In der Schlacht von Akori (481), in der Vasak Mamikonean sich mit dreihundert Reitern einer persischen Übermacht entgegenstellte, wechselte während der Kämpfe eine Gruppe der Armenier die Front, ohne allerdings damit die Niederlage der Iraner abwenden zu können. Selbst bei dem von Vahan Mamikonean angeführten Aufstand (450-451) gegen den persischen Großkönig Jezgerd II. gab es den Apostaten Wassak, der auf die Seite des Großkönigs desertierte.
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