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Kultur.Woche.

 | Donnerstag, 28. März 2013 | Seite 25

Tanzen und lieben
Ostertango. Sie haben sich über das Tanzen kennen- und bald darauf l ­ieben gelernt. Dieses Wochenende veranstalten Cécile S ­ idler und Romeo Orsini bereits zum 14. Mal das ­Basler Ostertango-Festival. Seite 27

Vorschau bis 4. 4. 2013

«Es gibt kaum neue Witze zur Politik»
Die Ukraine stagniert, die Politiker sind korrupt: Dem Autor Andrej Kurkow ist das Lachen vergangen
Von Muriel Gnehm Sein Händedruck ist warm, sein Lachen herzlich. Und Andrej Kurkow lacht viel. Zwischen den Fragen, zwischen den Sätzen, manchmal sogar zwischen den Worten. Der 51-Jährige, der sieben Sprachen fliessend spricht, unterhält sich mit uns auf Deutsch. Er trinkt Kaffee im Nebenraum des Literaturhauses Basel, isst Schokolade und erzählt.
BaZ: Andrej Kurkow, Sie werfen in Ihren Büchern gerne einen ironischen Blick auf die Ukraine und die postsowjetische Gesellschaft. War früher alles besser? Andrej Kurkow: Vor 15 Jahren wäre

Also Ehemalige der sowjetischen Elite ...

zu erfahren, wie das Leben zu Sowjetzeiten war. So können sie die heutigen Probleme nicht verstehen. Plötzlich tauchten die Leute aus der Vergangenheit in der heutigen Politik auf … Ja. – Man muss auf eine neue Generation von Politikern warten. Sie kommt, aber sie ist nicht sehr gut ausgebildet. Sie denkt, dass es nicht so wichtig ist, über die Vergangenheit Bescheid zu wissen.

Das stellen Sie auch im Roman dar. Die Hauptfigur Igor hat keine Ahnung, wie er sich auf seinen Zeitreisen im Jahr 1957 aufführen soll.

Brand mit starkem Wiedererkennungseffekt. Wie würde sich der neue Papst in einer Vatikan AG bewähren? Foto Keystone

Eine Satire

Die Papst-Aktie
Von Claude Cueni Nach dem Urbi et orbi eröffnete der neue Papst einen Twitter-Account und teilte der verblüfften Community mit, dass er das serbelnde Christentum den Gläubigen zurückgeben wolle. Vorschläge seien erwünscht. Ich empfahl ihm gleich einen Börsengang, eine Vatikan AG, und jeder Katholik könnte dann Aktien zeichnen und Teilhaber werden. Ich mailte, ich hätte Erfahrung mit dem Texten von IPO-Prospekten (Initial Public Offering) und es sei wirklich ratsam, einen Profi zu enga­ gieren, denn Prospektbetrug sei ein schweres Delikt und ende mittlerweile hinter Gittern, und das sei nun etwas, das sich der Vatikan nach all den Finanz-, Schwarzgeld-, Korruptions- und Sexskandalen nun wirklich nicht leisten könne. Der Heilige Geist begann zu leuchten und der Papst verstand, dass er mich verpflichten musste. Zuerst mussten wir über die Produktpalette der neuen Vatikan AG diskutieren, über den USP, den Unique Selling Point. Inhalt war also die Vermarktung der Figur Christus. War die Marke schon eingetragen? War die Story urheberrechtlich geschützt? Hier gabs schon die ersten Probleme, denn der neue Papst klärte mich darüber auf, dass alles nur geklaut sei, dass das Christentum auf den archaischen Lichtreligionen der Bronzezeit basiere, auf der Verherrlichung der göttlichen Sonne, die später in den Kult um den Sonnengott Mithras einfloss, den Lieblingsgott der römischen Legionäre. Nun gut, sagte ich, irgendwie ist ja alles nur geklaut. Wer hat die Maus erfunden? Apple? Nein, Xerox. Wer hat den Eiffelturm erfunden? Gustave Eiffel? Nein, Maurice Koechlin. Welche immateriellen Werte wird die Vatikan AG haben? Der Papst meinte, die ganze Story sei doch etwas wert, die könne man in der Bilanz aktivieren. Die sei werthaltig, selbst Papst Leo X. habe gesagt, dass alle Welt wisse, ­«wie
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viel uns diese Fabel von Christus eingebracht hat». Also hatte die Vatikan AG die Urheberrechte an dieser Fabel? Nein, das Urheberrecht erlischt (dort, wo es existiert) rund 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Wer hat die Bibel geschrieben? Die Gebrüder Grimm? Der Papst war ratlos. Ich versuchte, das Thema zu überspringen und lösbare Probleme zu erörtern. Wie sollte die neue Vatikan AG auftreten? Vielleicht könnte McDonald’s ein Vorbild sein mit seinem weltweiten Franchise-System. Einheitliche Einrichtungen, einheitliche Kostümierung der Angestellten, ein Brand mit starkem Wiedererkennungseffekt. Der Papst gab mir recht, aber er befürchtete, dass die Kirche gar keinen Brand mehr habe. Warum? Weil ihr mit dem Zeitgeist geht! Wer dem Zeitgeist hinterher­ hechelt, wird vom Zeitgeist pulverisiert.

Wer hat die Bibel geschrieben? Die Gebrüder Grimm? Der Papst war ratlos.
Ihr müsst wieder Kult werden. Ein Kult besteht darin, dass er sich nie wandelt. Wie damals der Ku-Klux-Klan. Die liefen konsequent in weissen Nachthemden rum. Oder Coca-Cola. Die Erkennungsfarbe ist und bleibt rot und der Font ist in Glas gemeisselt. Also zurück zu den Wurzeln, zu den unterirdischen Höhlen des Mithras-Kultes, Fackeln an den Felswänden, gregorianische Gesänge und alles in lateinischer Sprache. Versteht ja eh keiner. Dafür ­ könnte man sogar Eintritt verlangen. H. R. Giger könnte eine neue Götter­ statue entwerfen, wie die kolossale Zeus-Statue des Phidias. Aber ein bisschen mehr naturnah positionieren, ­ damit man all die neuen Patchwork-­ Religionen absorbieren kann. An den Sonnenkult anknüpfen käme gut an, zurück zur Natur und so.

Beim Inkasso wäre es hingegen sinnvoll, dem Zeitgeist zu folgen. Mit NFC (Near Field Communication) ausgerüstete Smartphones könnten das rituelle Inkasso vereinfachen. Die kämen dann beim Eintritt in die Hölle zur Anwendung und selbstverständlich, ähnlich wie bei McDonald’s, auch bei der Verpflegung mit der McHostie. Den Preis könnte man ruhig hoch ansetzen, denn schliesslich ist eine gesegnete Hostie die Reinkarnation Jesu. Das Fleisch Christi. Eigentlich ein Fall von Kannibalismus. Man könnte auch den Bereich aktive Sterbehilfe verstärken, wie das der ­ Vatikan bereits heute mit dem Kondom­ verbot in der Dritten Welt erfolgreich praktiziert. An den bisherigen Finanzanlagen müsste man eigentlich nichts ändern, da ist in den Aktiendepots des Vatikans schon alles enthalten, was man so zum Leben und Sterben braucht. Würde man nach und nach die Schätze des Vatikans in der Bilanz im Wert berich­ tigen, hätte «die Kirche der Armen» ein Kapital von über einer Billion zusammen. Dagegen wären Apple, Google und Microsoft arme Kirchenmäuse. Auch das Merchandising hätte enormes Potenzial. Empfehlenswert wäre eine Kooperation mit Nestlé, dem Weltmarktführer für Mineralwasser. Gesegnetes Perrier-Wasser. Da kann ­ man sich den mühsamen Gang nach Lourdes sparen. Oder besondere Weine wie einen gesegneten Château Pape Clément. Zum Schluss die Mutter aller Details: Wie regelt man den Rücktritt des Papstes im Falle von Burn-out, pädophilen Verfehlungen, Teilnahme an Bunga­ Bunga-Partys und Korruption? Ich denke jetzt nicht gerade an eine vasellanische 72-Millionen-Entschädigung, um einen Übertritt zum Islam zu verhindern, aber Gottes Lohn wäre eindeutig nicht mehr zeitgemäss.
Claude Cueni ist Schriftsteller und Dreh­ buch­ autor. Soeben erschien sein neuer historischer Roman «Der Henker von Paris».

Wird die Politik vom Volk akzeptiert?

es mir einfacher gefallen, diese Frage zu beantworten. Man darf keine Erwartungen an die Zukunft der ­ Ukraine haben, weil die postsowjeti­ sche Identität immer noch sehr stark ist. Es wird keine schnelle Entwicklung in Richtung Demokratie oder Zivilgesellschaft geben. Ich bin es leid, über die ukrainische Situation zu ­ lachen. Es gibt kaum neue Witze zur Politik. Die Politiker ignorieren die Menschen und die Menschen die Politik. Es gibt zwei Welten in einem Land: eine kleine, sehr korrupte Welt, zu der Politiker, Beamte und Geschäftsleute zählen, und eine normale Welt. Die oberste Schicht mit dem Präsidenten und seiner Familie – das hat nichts mit der Ukraine zu tun. Ausser, dass sie das Staatsbudget für sich selber nutzt und denkt, dass sie regiert. Die Mehrheit der Ukrainer guckt fern, sie liest nicht. Die Auflagen der Bücher sind für ein Land mit 46 Mil­ lionen Einwohnern sehr tief. Normalerweise wird ein Buch bloss 3000 bis 4000-mal verkauft. Mein Roman «Picknick auf dem Eis» erzielte eine Auflage von 200  000 Stück. «Jimi Hendrix’ Tournee nach Lemberg», ein Buch, das ich 2012 veröffentlicht habe, ging in Lemberg 12  000-mal über den Ladentisch. Nein, ich schreibe für mich selbst. Und für meine Leser. Für mich spielt es keine Rolle, wo diese zu Hause sind. Über Facebook bin ich mit vielen in Kontakt. Es gibt Leute aus ­Mexiko, die mir schreiben, aus Japan, aus Brasilien. Ich schreibe – einfach für Menschen. Für Menschlichkeit.

Die jungen Erwachsenen kommen in Ihrem Buch generell nicht gut weg. Jener in der sowjetischen Zeit verkauft geklauten Wein, Igor, der in der Gegen­ wart lebt, ergeht sich in süssem Nichtstun.

Wenn Sie hundert ukrainische Studenten nehmen und sie fragen, was 1957 passiert ist, werden Sie keine einzige Antwort erhalten. Dabei war das ein wichtiges Jahr. Es steht für eine gewisse Öffnung der Sowjetunion. Die Leute dachten damals, dass sich nun alles schnell entwickeln wird. Leider ist das nicht geschehen.

Gibt es in der Ukraine viele Jugendliche, die auf der faulen Haut liegen und vom Familienbesitz leben wie Igor?

Das heisst, dass sich die Mentalität in der Zwischenzeit nicht stark verändert hat. Der Weindieb ist aber aktiver als Igor. Er muss überleben, Igor überlebt ohne Arbeit.

Kommt Ihre Ironie bei den Lesern an?

Ist die Jugend so hoffnungslos?

Nach der Auflösung der Sowjetunion im Jahre 1991 waren es viele. Heute gibt es in den Städten nicht mehr so viele, auf dem Land sind sie immer noch zahlreich.

Eine Umfrage unter Studenten hat kürzlich ergeben, dass 60 Prozent an Emigration denken. Sie glauben nicht daran, in der Ukraine etwas erreichen zu können.

Fortsetzung auf Seite 26

Sie schreiben also für Ihre Leser im Westen?

Erste Werke im ­ Samisdat veröffentlicht
Andrej Kurkow wurde 1961 in St. Petersburg geboren. Seit seiner Kindheit lebt er in der ukrainischen Hauptstadt Kiew – heute mit seiner Frau und seinen drei Kindern. Kurkow besuchte das Fremdspracheninstitut und wollte Diplomat werden, wofür ihm die Beziehungen fehlten. Seine ersten Werke veröffentlichte er im Samisdat (Selbstverlag), sein erstes offizielles Buch kam kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion heraus. Kurkows berühmtester Roman «Picknick auf dem Eis» wurde in 65 Sprachen übersetzt. Sein jüngstes auf Deutsch publiziertes Werk ist «Der Gärtner von Otschakow». Nach Basel reiste der Schriftsteller auf Ein­ ladung des Osteuropa-Forums. mgn

Ihr jüngstes deutsches Buch «Der Gärt­ ner von Otschakow» spielt auf zwei Zeit­ ebenen: auf der sowjetischen und der postsowjetischen. Beim Lesen hat man das Gefühl, dass die Menschen zu Sowjetzeiten glücklicher waren …

Sie hatten ein einfacheres Leben und keine grossen Erwartungen. Sie hatten mehr Hoffnungen und Träume als die Menschen heute. Und sie hatten weniger Geld, weniger Möglichkeiten, Karriere oder Reisen zu machen. Ich schrieb diesen Roman, um zum Nachdenken zu bewegen. Die Schüler lernen, was im 17. und 18. Jahrhundert geschah, und landen dann plötzlich bei der unabhängigen Ukraine, ohne

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Mittwoch, 10. April 2013 · Stadtcasino Basel, 19.30 Uhr
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