PIERRE TEILHARD DE CHARDIN

WISSENSCHAFT UND CHRISTUS
SCIENCE ET CHRIST

«Ich meinerseits bin überzeugt, daß es keine kraftvollere natürliche Nahrung für das religiöse Leben gibt als den Kontakt mit den recht begriffenen wissenschaftlichen Wirklichkeiten […] Niemand begreift so gut wie der sich über die Materie neigende Mensch, wie sehr Christus aufgrund seiner Inkarnation der Welt innerlich ist, in die Welt bis in das Herz des geringsten Atoms eingewurzelt ist.» [Wissenschaft und Christus, 27. Febr. 1921]

«Ich bin von dem Faktum betroffen, daß es der Kirche fast vollständig an einem Forschungsorgan fehlt [im Unterschied zu allem, was um sie herum lebt und voranschreitet]. Doch wird sie den Glauben in seiner Leuchtkraft, für ihre Kinder und für die Fremden, nur bewahren, indem sie mit dem Forschergeist forscht, bei dem man spürt, daß es um eine Frage auf Leben und Tod geht. […] Unter der Kontrolle der Ecclesia docens muß sich also die Ecclesia quaerens organisieren, entwickeln.» [Brief an P. Fontoynont, 27. Juli 1917]

Neunter Band der Werke von Teilhard de Chardin «Wissenschaft und Christus» ist unter dem Originaltitel «Science et Christ» als Band IX der Œuvres de Pierre Teilhard de Chardin in den Éditions du Seuil erschienen. © Éditions du Seuil, Paris, 1965 Die vom französischen Herausgeberkomitee veranlasste und gutgeheißene Übersetzung besorgte Karl Schmitz-Moormann.

© Walter-Verlag AG Olten, 1970

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INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort................................................................................................................................................................................... 4 Vorbemerkung .................................................................................................................................................................. 12 Woraus besteht der menschliche Körper? ............................................................................................................. 13 Über den Christus-Universalis .................................................................................................................................... 14 Wissenschaft und Christus ........................................................................................................................................... 17 I. Unvermögen der Wissenschaft, Gott im Laufe ihrer analytischen Schritte zu finden .............................. 18 II. Die «wissenschaftliche» Rückkehr zum göttlichen Zentrum ............................................................................. 23 Mein Universum ............................................................................................................................................................... 26 I. Philosophie. Die Unio Creatrix ........................................................................................................................................... 27 A. Die Grundprinzipien .................................................................................................................................................. 27 B. Die Unio Creatrix ......................................................................................................................................................... 30 Einige Schlußfolgerungen aus der Unio Creatrix ............................................................................................... 32 II. Religion. Der Christus-Universalis ................................................................................................................................. 35 A. Christus ist nichts anderes denn Omega........................................................................................................... 35 B. Der Einfluss des Christus-Omega – Das universelle Element .................................................................. 37 C. Die Beseelung der Welt durch den Christus-Universalis ........................................................................... 38 III. Moral und Mystik. Die Prä-Adhäsion ........................................................................................................................... 42 A. Die Eroberung der Welt – Die Entwicklung .................................................................................................... 42 B. Die Lösung von der Welt – Die Minderung ...................................................................................................... 43 C. Das mystische Milieu – Die Kommunion........................................................................................................... 46 IV. Geschichte: Die Evolution der Welt .............................................................................................................................. 48 A. Die Vergangenheit ...................................................................................................................................................... 48 B. Die Zukunft..................................................................................................................................................................... 50 Das menschliche Phänomen ........................................................................................................................................ 52 1. Wissenschaftliche Wirklichkeit des menschlichen Phänomens ........................................................................ 53 2. Spezifische Natur des menschlichen Phänomens .................................................................................................... 55 3. Grundlegende Bedeutung des menschlichen Phänomens ................................................................................... 56 Das Christentum in der Welt ....................................................................................................................................... 59 1. Religion und Menschheit .................................................................................................................................................... 59 2. Auf der Such nach einem Ziel für das Leben .............................................................................................................. 60 3. Die Bewährung der Religionen ........................................................................................................................................ 62 4. Die Möglichkeit des Christentums .................................................................................................................................. 63 5. Die Religion von Morgen ..................................................................................................................................................... 64 Der moderne Unglaube – Tiefere Ursache und Heilmittel ............................................................................... 66 1. Das Übel ...................................................................................................................................................................................... 67 2. Das Heilmittel........................................................................................................................................................................... 68 Einige Bemerkungen über die Bekehrung der Welt ........................................................................................... 69 1. Wie sich heute das Problem der Bekehrung der Welt stellt. Die entstehende Welt ................................ 69 2. Anscheinend antichristlicher Charakter der entstehenden Welt: Der Konflikt der beiden Religionen ............................................................................................................................................................................................................. 69 3. Allgemeine Methode, um den Konflikt zu lösen: Nicht die Verurteilung, sondern die Taufe .............. 70 4. Eine Synthese des Neuen und des Alten: Der Christus-Universalis [Der Universelle Christus] ......... 71 5. Eine mögliche neue Ära für das Christentum: Innere Befreiung und Expansion ...................................... 72 6. Einen entscheidenden Schritt tun: Der christliche Optimismus ....................................................................... 73

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Die Menschheit retten – Überlegungen zur gegenwärtigen Krise ................................................................. 74 1. Was zu glauben ist: Die menschliche Zukunft ........................................................................................................... 75 2. Was zu sehen ist: Die menschliche Konvergenz ....................................................................................................... 80 3. Was zu tun ist: Die menschliche Front.......................................................................................................................... 82 4. Der Ort des Christentums ................................................................................................................................................... 84 Super-Menschheit, Super-Christus, Super-Caritas. Neue Dimensionen für die Zukunft ....................... 87 I. Super-Menschheit ................................................................................................................................................................... 88 1. Wirklichkeit ................................................................................................................................................................... 88 2. Gestalt ............................................................................................................................................................................... 90 3. Vor-Einfluss.................................................................................................................................................................... 92 II. Super-Christus ........................................................................................................................................................................ 94 1. Der Christus-Omega ................................................................................................................................................... 94 2. Der Christus-Evolutor ............................................................................................................................................... 95 III. Super-Caritas .......................................................................................................................................................................... 96 Zusammenfassung: Kohärenz, Aktivanz, Wahrheit ..................................................................................................... 98 Aktion und Aktivation .................................................................................................................................................... 99 1. Das Prinzip des Maximums – Allgemeine Form ....................................................................................................... 99 2. Das Prinzip der maximalen Aktivanz – Primäre Konsequenzen .................................................................... 100 3. Das Prinzip der maximalen Aktivanz – Sekundäre Konsequenzen .............................................................. 101 4. Aktion und Vereinigung ................................................................................................................................................... 104 Katholizismus und Wissenschaft .............................................................................................................................106 über die Grade wissenschaftlicher Gewissheit der Evolutionsidee ............................................................108 Ökumenismus .................................................................................................................................................................111 Über den religiösen Wert der Forschung ..............................................................................................................112 Notiz über die biologische Struktur der Menschheit ........................................................................................116 1. Die bifokale Natur eines jeden natürlichen kosmischen Elements ............................................................... 116 2. Organischer Wert des sozialen Phänomens ............................................................................................................ 117 3. Die Einrollungsstruktur der Menschheit .................................................................................................................. 117 Was ist das Leben? .........................................................................................................................................................118 Kann die bis zu Ende vorangetriebene Biologie uns dahin bringen, in das Transzendente zu emergieren? .....................................................................................................................................................................119 Forschung, Arbeit und Anbetung .............................................................................................................................120 1. Wissenschaftlicher Geist und Glaube an das Voran ............................................................................................. 120 2. Der Konflikt Religion-Wissenschaft und seine Lösung ...................................................................................... 121 3. Ein ins Auge zu fassender praktischer Plan: Eine spezialisierte religiöse Ausbildung für diejenigen, die im Laboratorium und in der Fabrik arbeiten ....................................................................................................... 122 Anhang ...............................................................................................................................................................................124

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VORWORT
In diesem neuen Band der von Teilhard de Chardin hinterlassenen Schriften überwiegen im Unterschied zu den früheren Bänden die religiösen Probleme. Abgesehen vom Werk Das göttliche Milieu, das eine Arbeit für sich darstellt, kam im Maße des Möglichen den Studien und Abhandlungen die Priorität zu, die Gegenstände mehr wissenschaftlicher Ordnung behandelten oder in Richtung der Naturphilosophie gingen. Wenn von Zeit zu Zeit von religiösen Themen die Rede war, so wurden sie meistens nur gestreift, und das im Rahmen eines Ideenzusammenhangs, der seiner Substanz nach in den ebengenannten Bereich gehörte. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Schriften über unmittelbar religiöse Probleme zusammenzufassen und in chronologischer Ordnung zu veröffentlichen. Angesichts des Umfangs und der Zahl dieser Schriften mußten wir ihre Herausgabe auf drei Bände verteilen. Anschließend folgen in einem späteren Band die Schriften mehr autobiographischen Charakters. Zum rechten Verständnis der folgenden Texte ist es vielleicht nicht überflüssig, die Aufmerksamkeit auf die Besonderheit dieser Schriften zu lenken. Wir brauchen ganz gewiß nicht noch einmal zu sagen, daß Teilhard in erster Linie ein Mann der Wissenschaft, ein Forscher der Geologie und Paläontologie war. Er hat niemals den Anspruch erhoben, Religionssoziologe oder Religionshistoriker oder Theologe zu sein, was allerdings nicht verhindert, daß ihm die religiösen Probleme am Herzen lagen und er sich um den Fortschritt des Christentums sorgte.
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Gerade weil Teilhard de Chardin ein Mann der Wissenschaft war, erscheinen ihm viele Dinge klar, die für andere, da mit dem derzeitigen Stand der Wissenschaften weniger vertraut und in einem anderen geistigen Klima zu Hause, im Bereich des Unbekannten blieben und deren Bedeutung sie m.E. nicht genügend erkannten. Seine Qualität als Gelehrter ließ ihn Probleme und Schwierigkeiten sehen, die nach seiner Meinung noch nicht in befriedigender Weise geklärt worden waren, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil diejenigen, die zu ihrer Lösung berufen waren, sich über ihre Tragweite nicht Rechenschaft gaben oder nicht einmal ihre Existenz zu ahnen schienen. Ist es vernünftig ihm vorzuwerfen, daß er diese Probleme in ihrer ganzen Schärfe herausgestellt hat, daß er diejenigen, die sich mit Religionssoziologie und Theologie befassen, aufgefordert hat, sie aufmerksam zu studieren, und daß er in der Zwischenzeit für sich selbst und für jene, die ihn um Rat fragten, eine Lösung gesucht hat in der Erwartung, andere, kompetentere als er selbst, möchten sich auf das Studium dieser Fragen einlassen? Müßten wir ihm nicht im Gegenteil gerade Dank wissen für die Dienste, die er so den Theologen geleistet hat, indem er ihnen Probleme bewußt machte, deren Existenz oder zumindest deren Bedeutung ihnen häufig entgangen war, und indem er sie darüber hinaus an den reichen Intuitionen seines Glaubens ebenso teilhaben ließ wie an den Lösungen, die er für sich selbst gefunden hatte? Es ist folglich unstatthaft in den folgenden Seiten nach den Regeln der Kunst aufgebaute theologische Abhandlungen und noch weniger eine neue, mit Gewißheit vorgetragene Theologie zu suchen. Was wir jedoch (16) in den folgenden Texten erkennen können, ist das Zeugnis eines hervorragenden Gelehrten und großen Christen, der mit absoluter Integrität und einer ehrlichen Liebe zu Christus mit den Problemen gerungen hat, denen er im Laufe seines Lebens begegnete. Es ist nicht unsere Absicht, hier alle auf den folgenden Seiten behandelten Themen zu kommentieren. Es sei uns jedoch erlaubt, einige Punkte ganz besonders herauszustellen. Wenn wir die verschiedenen Themen dieser Schriften durchgehen, lassen sie sich unschwer in drei

5 Gruppen einteilen. So sind einige Aufsätze in den Bereich der Religionssoziologie einzuordnen, während in anderen eine Art von Phänomenologie des Christentums skizziert wird. Daneben finden wir Aufsätze zu Problemen im theologischen Bereich. Bei der Lektüre dieser Schriften muß man folglich das Faktum berücksichtigen, daß das Christentum unter drei verschiedenen Gesichtspunkten angegangen wird. 1. Zum soziologischen Zugang zählen verschiedene Überlegungen, die Teilhard im Hinblick auf die derzeitige religiöse Situation der Menschheit und insbesondere im Hinblick auf die Situation des Christentums ausarbeitet. Die Krisensituation, der das religiöse Gefühl in der heutigen Welt begegnet, ist von Teilhard deutlich gespürt worden, und er hat häufig versucht, ihre Ursachen zu finden und die Mittel, ihr zu begegnen, anzugeben. Wenn man diese Aufsätze auch als fragmentarisch beurteilen kann, wenn sie auch persönliche Eindrücke wiedergeben [es ist hier offensichtlich nicht die Rede von soziologischen Untersuchungen im eigentlichen Sinne], so muß man doch anerkennen, daß die hier entwickelten Konzeptionen unsere Aufmerksamkeit verdienen und häufig von einem feinen Gefühl für die heutige Mentalität zeugen. (17) Kraft seiner wissenschaftlichen Ausbildung und Tätigkeit war Teilhard de Chardin ganz besonders empfänglich für den Einfluß wissenschaftlicher Anschauungen auf das religiöse Bewußtsein. Dieses ist übrigens innig mit der allgemeinen Weltschau verknüpft. Die Konzeption, die der Mensch vom Universum und seinem Platz in der Welt entwirft, beeinflußt sein Gottesverständnis und bestimmt seine Auffassung über die irdische Aufgabe, die er zu übernehmen hat. Dies erklärt, weshalb die großen Revolutionen in der Weltschau immer mit Spannungen im religiösen Denken der Menschheit zusammenfallen, Spannungen, die sich häufig zu einer wirklichen Krise entwickeln können. Die wissenschaftlichen Fortschritte der letzten beiden Jahrhunderte haben eine Art von Offenbarung im Denken des modernen Menschen geweckt: Der Kosmos hat sich ihm in seiner phantastischen Größe und seiner organischen Kohärenz bekundet. «Die derzeitige Geschichte des religiösen Gefühls bei den Menschen, wer auch immer sie seien, scheint mir beherrscht zu sein von einer Art sich im menschlichen Bewußtsein vollziehender Offenbarung von dem einen und großen Universum. » Aus dieser neuen Weltschau ist eine neue Form der natürlichen Religiosität hervorgegangen, die in den vergangen Jahrhunderten gänzlich unvorstellbar war: «… Man könnte sagen, eine noch unbekannte Form der Religion [eine Religion, die bisher niemand sich vorstellen oder beschreiben konnte, da kein genügend großes und organisches Universum da war, um sie zu fassen] ist derzeit dabei, im Herzen des modernen Menschen in der von der Idee der Evolution aufgebrochenen Furche zu keimen». Die zeitgenössische Menschheit ist nicht, wie einige behaupten, gottlos. Im Gegenteil, sie hat eine Art neuer (18) natürlicher Religiosität entwickelt, die ihr Respekt und Bewunderung dem Kosmos gegenüber einflößt und die in ihr das Gefühl geweckt hat, das irdische Leben beinhalte eine grandiose Sendung, nämlich die Welt zu beherrschen und zu vollenden. «Was immer man auch sagt, unser Jahrhundert ist religiös – wahrscheinlich religiöser als alle anderen… Nur hat es noch nicht den Gott gefunden, den es anbeten könnte.» Selbst im zeitgenössischen Atheismus verbirgt sich oft ein unbewußter religiöser Faktor, und es scheint sich eher um einen unbefriedigten Theismus als um einen wirklichen Atheismus zu handeln. Ist nicht der Erfolg eines Buches wie Honest to God von John A. T. Robinson symptomatisch für die Leidenschaft, mit der der moderne Mensch für seine Gottesidee kämpft? Lange Zeit bevor der anglikanische Bischof diese Situation deutlich machte, schrieb Teilhard bereits die bemerkenswerten Worte: «Um uns herum sagt ein gewisser Pessimismus immer wieder, unsere Welt versinke im Atheismus. Müßte man nicht viel eher sagen, sie leide an unbefriedigtem Theismus?».

6 Die Konsequenzen dieser religiösen Situation der Menschheit sind klar: «Definitiv und für alle Zeiten, so darf man glauben, hat sich das Universum unserer Generation als ein organisches Ganzes bekundet, das sich auf dem Weg zu immer mehr Freiheit und Personalität befindet. Aufgrund eben dieses Faktums ist die einzige Religion, die die Menschheit von nun an wünscht und anerkennen kann, eine Religion, die fähig ist, den kosmischen Fortschritt zu rechtfertigen, zu assimilieren und zu beseelen, so wie er sich im Aufstieg der Menschheit abzeichnet». Zugleich stellt sich das Problem, in welchem Maße das Christentum, so wie es sich derzeit in der Welt bekundet, diese Bedingung (19) erfüllt. In der Theorie anerkennen die Christen unzweifelhaft den Wert der Wissenschaften und der neuen Weltschau, die sich aus ihnen ergeben hat. Praktisch fahren sie aber fort, so zu sprechen, als lebten sie in einer statischen Welt und in einem vorwissenschaftlichen Klima. Sie erwecken den Eindruck, nicht an der psychologischen Evolution teilgenommen zu haben oder sogar ihre integrale Annahme zu verweigern. Sie scheinen sich darin zu gefallen, die menschlichen Hoffnungen geringzuschätzen und auf die Schwächen und Unvollkommenheiten der Gesellschaft und der Wissenschaft hinzuweisen. Ihr Glaube beseelt nicht die höchsten Bestrebungen unserer Zeit. Zwischen «an Gott glauben» und «an die Welt glauben» ist so eine Antinomie aufgetaucht, die als das wachsende Hauptanliegen angesehen werden muß. Weder die Größe des wissenschaftlichen Abenteuers noch der Wert der sozialen Bestrebungen zur Befreiung des Menschen von seiner wirtschaftlichen und kulturellen Entfremdung haben im kirchlichen Milieu das Echo und die Beurteilung gefunden, die sie mit Recht erwarten durften. «Seien wir offen: die Kirche hat gezaudert, den schönen menschlichen Stolz und die Leidenschaft der Forschung – diese beiden grundlegenden Elemente des modernen Denkens – zu begreifen, wie wir sie heute begreifen». Dies hat eine tragische Spaltung zwischen der Welt unserer Tage und der Kirche zur Folge gehabt. «… der Ursprung des modernen Unglaubens … ist in dem illegitimen Schisma zu suchen, das seit der Renaissance das Christentum Schritt um Schritt von dem getrennt hat, was man die natürliche religiöse menschliche Strömung nennen könnte». Das ist die religiöse Situation unserer Zeit. Die Erklärung der sich derzeit abzeichnenden religiösen Krise (20) ist einerseits in dem Auftreten eines neuen, aus der modernen Weltschau hervorgegangenen religiösen Empfindens und andererseits in dem Konservativismus zu suchen, der allzulange das Denken und das Tun der Christen charakterisiert hat. Dem kann nur eine tiefe grundlegende Neubesinnung über die Beziehung der Christen zur Wissenschaft abhelfen. «Das Werk der Assimilation», schreibt Henri de Lubac, S.J., «hört in der Kirche nie auf, und es ist niemals zu früh, es anzugehen!». Gewiß, Teilhard steht mit seiner Diagnose nicht allein. Andere haben gleichfalls schon ähnliche Überlegungen vorgetragen. Erst kürzlich betonte D. Dubarle, O. P., die Notwendigkeit, im Akt des Glaubens nicht nur die Erkenntnisse der Wissenschaft, sondern auch den sie beseelenden Geist und die mitbeinhaltete intellektuelle Einstellung zu berücksichtigen. «Der gläubige Verstand muß sich nicht nur zu eigen machen, was die wissenschaftliche Konzeption uns über die Wirklichkeit sagt, sondern sich wirklich den inneren Geist der Wissenschaft aneignen, eine Art gelebter instinktiver Philosophie, die die Wissenschaft implizit in sich enthält und die sie übrigens jeweils sehr wohl auszusagen weiß, wenn es notwendig ist. Dieser Geist, diese Philosophie, lassen sich nicht aus den von der Wissenschaft vorgetragenen Erkenntnissen herauslösen, ohne daß man an einem entscheidenden Teil ihrer Lehren vorbeigeht… Das zu verkennen, wirft man der Religion vielleicht am meisten vor…». Dort, wo diese Notwendigkeit nicht anerkannt ist, scheint die Religion ein überlebender Rest aus einer vorwissenschaftlichen Ära, eine schöne Erinnerung an die menschliche Kindheit zu sein. Soziologisch gesprochen, hat

7 das Christentum vor sich eine Zukunft nur in dem Maße, wie es (21) diesen Erfordernissen gerecht wird und so die moderne Konzeption des Lebens zu integrieren vermag. 2. Eine zweite Reihe von Überlegungen des religiösen Denkens Teilhard de Chardins ist dem Christentum als historischem Faktor zugewandt. Tatsächlich können wir das Christentum wie ein Phänomen unter anderen sozusagen von außen her untersuchen, ohne uns zu seinem übernatürlichen Charakter zu äußern. Zunächst handelt es sich hier ausschließlich um ein historisches Phänomen; wir können seinen Umfang, seine Tragweite, vor allem auch seine charakteristischen Merkmale und seine geistige Struktur analysieren und diese dann mit anderen Erfahrungsgegebenheiten vergleichen. In derselben Weise können wir die anderen großen Religionen der Welt untersuchen. Ist dies Aufgabe einmal geleistet, stellt sich die Frage, welche Religion sich aufgrund ihrer inneren Struktur mit der Grundstruktur einer Welt verbindet, die durch eine konvergente Evolution charakterisiert ist, mit anderen Worten, welche Religion sich am besten eignet, als Religion der Evolution angesehen zu werden. «Unter ‹christlichem Phänomen› verstehe ich die durch die Erfahrung erwiesene Existenz einer religiösen Strömung innerhalb der Menschheit die durch die Gruppe folgender Eigenschaften charakterisiert ist: eine intensive Vitalität, eine eigenartige ‹Anpassungsfähigkeit›, die ihr im Gegensatz zu anderen Religionen erlaubt, sich am besten und hauptsächlich in der eigentlichen Wachstumszone der Noosphäre zu entwickeln; in den dogmatischen Anschauungen schließlich eine bemerkenswerte Ähnlichkeit… mit all dem, was uns das Studium des menschlichen Phänomens gelehrt hat». Gewiß, eine Phänomenologie der Religionen und des (22) Christentums insbesondere stellt keine Neuerung dar, doch dem Vorgehen Teilhards mangelt es nicht an Originalität. Neben der großen Vitalität und der Geschmeidigkeit, die das Christentum befähigen, alles zu integrieren, was wichtig ist, und jeden Fortschritt des geistigen Lebens aufzunehmen, vermag Teilhard einige Grundwahrheiten des Christentums herauszuarbeiten und es so als die ideale Religion einer Welt zu erweisen, die auf dem Wege der Evolution ihre endgültige Einheit und Vollendung erreichen muß. Es handelt sich hier nicht um einen billigen Konkordismus, sondern um einen ehrlichen Versuch, den Ort des Christentums im Ganzen der Welt zu bestimmen, in der es sich bekundet, und so mittels einer objektiven Analyse die harmonische Kohärenz zwischen dieser Religion und der umgebenden Welt aufzuzeigen. Es ist hier keine Rede davon, heterogene Elemente künstlich miteinander zu verbinden, vielmehr geht es um eine sich aus der Analyse der Phänomene ergebende wirkliche Gegebenheit. Beschränken wir uns auf einige grundlegende Elemente der Struktur des Christentums, die wesentlich diese Religion charakterisieren und die sie von den anderen Weltreligionen unterscheiden. Außer dem Glauben an einen persönlichen Gott zeichnet sich das Christentum durch folgende Züge aus: a. Zunächst durch das Faktum, daß eine historische Person einen ganz zentralen Platz einnimmt. Christus ist nicht nur der Gründer einer religiösen Bewegung oder der Verkünder und Prediger einer Botschaft; er ist selbst der Inhalt dieser Botschaft. Christ ist nicht, wer einer bestimmten Lehre anhängt oder eine bestimmte Moral praktiziert, sondern eben der, der sich mit Ihm vereinigt, sich Ihm einverleibt. Sich als (23) Christ erweisen heißt, «in Christus sein». Dies findet sich in derselben Weise nicht in den anderen Weltreligionen. Buddha und Mohammed sind Begründer wichtiger religiöser Strömungen, doch sie beschränken sich darauf, Träger und Prediger einer Heilslehre zu sein. Buddhist ist, wer sich die Philosophie Buddhas zu eigen macht und dem «achtfachen Weg» folgt. Mohammedaner ist, wer den Koran als das Heilige Buch annimmt und seine Vorschriften befolgt. Überhaupt wird die Bezeichnung «Mohammedaner»

8 nicht von den Mohammedanern selbst verwendet, sie ist vielmehr von den Europäern erfunden worden. Sie selbst nenne sich «Muselmanen», und ihre Religion ist der Islam, die Religion der vertrauensvollen Hingabe an Allah. b. Die historische Person Christi hat ihre Wiederkehr zum Ende der Zeiten als Krönung und Vollendung der Geschichte angekündigt. Das Christentum ist zutiefst eschatologisch, d.h. auf die letzten Dinge ausgerichtet. Damit richtet das Christentum seine Anhänger nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft aus. Es lehrt sie, in der Hoffnung auf das Ende der Welt zu leben und den Blick auf den glorreichen Christus der Parusie zu richten. In gewissen Sekten des Buddhismus ist die Rede von einer wiederholten Reinkarnation des Buddha, aber weder Buddha noch Mohammed haben ihre Wiederkehr zum Ende der Zeiten als Vollstrecker der Geschichte angekündigt. c. Die glorreiche Wiederkehr Christi muß durch den langsamen Aufbau seines mystischen Leibes vorbereitet werden, denn der totale Christus umgreift das Haupt und die Glieder [Totus Christus, caput et membra]. Die ganze Welt bildet das «Pleroma» Christi, in dem alles, was sich im Himmel und auf der Erde findet, (24) «rekapituliert», unter ein einziges Haupt, Christus, gestellt und so für immer geeint werden muß. Weder im Buddhismus noch im Islam noch in irgendeiner anderen Religion findet sich etwas ähnliches. d. Das höchste Gesetz der christlichen Moral läßt sich zusammenfassen in der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Der Christ kann sich nicht damit zufriedengeben, seinem Nächsten nicht zu schaden [passive Caritas], vielmehr muß er sich bemühen, Gutes zu tun und das Glück der ganzen Menschheit zu fördern [aktive Caritas]. Wenn man seinen Vertretern [Ghandi, Vivekananda etc.] glaubt, beginnt der Hinduismus, der die passive Nächstenliebe kannte, erst in unseren Tagen, unter dem Einfluß des Christentums die aktive Caritas zu entdecken. Dasselbe gilt für den Buddhismus. Der Islam kennt durchaus das Gebot der aktiven Caritas, doch wird die Ausübung durch den dieser Religion eigenen Fatalismus stark eingeschränkt. So gehören also alle diese Charakteristika wesentlich zum Christentum, und sie unterscheiden es von den anderen wichtigen Religionen. Vergleicht man diese Elemente mit der allgemeinen Struktur der Evolution, so sieht man leicht, wie eine derartige Religion sich in harmonischer Weise der allgemeinen Ordnung des Universums integrieren und verbinden kann, dem sie ein höchstes Zentrum und ein seinen Bedürfnissen und Erfordernissen durchaus angepaßtes Grundgesetz bringt. Wenn jemand eine Religion entwerfen wollte in der Verlängerung eben der universellen Evolution, dürfte es ihm schwerfallen, etwas Besseres und mit unserer Welt in größerer Harmonie Stehendes zu finden. Das Christentum ist kein heterogenes Element, sondern gewinnt hier die Gestalt einer Ergänzung und natürlichen Krönung der ganzen Schöpfung. (25) Durch die Vertiefung dieses Gedankengangs entdecken wir hier «eine Harmonie höherer Ordnung», deren Größe und Reichtum Teilhard unaufhörlich feierte. Diese Harmonie zwischen der Grundstruktur des Christentums und den Erfordernissen einer konvergenten Evolution gewinnt bei ihm die Bedeutung einer rationalen Rechtfertigung seines Glaubens. Die Harmonie stellt übrigens das Merkmal der Wahrheit dar. All das bezieht sich selbstverständlich noch nicht auf die Theologie im eigentlichen Sinne. Im besten Falle vermöchte man hier den Entwurf einer dem modernen Denken angepaßten Apologetik zu sehen. Der eigentliche theologische Zugang beginnt erst, wenn der durch seinen Glauben erleuchtete Gläubige sich bemüht, den Inhalt der Offenbarung zu vertiefen.

9 3. Gerade eben als Gläubiger und glaubender Mann der Wissenschaft hat Teilhard unaufhörlich über den Inhalt und die Bedeutung seines Glaubens meditiert. Verlieren wir nicht aus den Augen, daß die Theologie trotz ihres übernatürlichen Gegenstandes immer eine menschliche Wissenschaft und ein menschlicher Versuch bleibt, die Offenbarung genau zu erfassen und einsichtig zu formulieren. So wie jedes menschliche Denken ist auch das theologische Denken immer ein Denken im Ausgang von einer bestimmten konkreten Situation, die unter anderem durch alle möglichen soziologischen und kulturellen Umstände bestimmt ist. Da sie aufgrund dieses Merkmals eng an den Menschen gebunden ist, kennt die theologische Arbeit kein Ende, und sie muß in jeder Generation von neuem aufgegriffen werden. Nach Teilhard de Chardin verlangt die menschliche Erfahrung unserer Tage vom theologischen Denken vor allem die Erfüllung dreier Grunderfordernisse. (26) Die Theologie muß zunächst die Wahrheit des Glaubens dem Menschen von heute einsehbar machen, indem sie sie von allen endgültig überholten Konzeptionen und Formulierungen befreit. Dann fällt uns die Aufgabe zu, unsere Aufmerksamkeit besonders auf die Probleme der Beziehung zwischen Gott und der Welt zu richten, wobei letztere so zu begreifen ist, wie sie von der zeitgenössischen Wissenschaft gesehen wird. Schließlich verspüren wir das Bedürfnis nach einer Theologie der Arbeit und des menschlichen Bemühens in ihrer konkreten Anwendung auf die wissenschaftliche Forschung und die technische Schöpfung. Untersuchen wir diese drei Erfordernisse näher. a. Es ist evident, daß die Offenbarung in einer Phase der Kulturgeschichte gegeben wurde, da der Kosmos noch als eine geschlossene und statische Welt angesehen wurde. Aus innerer Notwendigkeit heraus ist sie also in Worten und Vorstellungen formuliert worden, die eng an die zu der Zeit allgemein angenommene Weltschau gebunden waren. Auch die Patristik und die ganze Scholastik kannten keine andere Weltvorstellung. Die traditionelle Theologie, deren Grundlagen während der vergangenen Jahrhunderte gelegt wurden, ist so notwendig von diesen Umständen geprägt worden. Die Kirchenväter und die mittelalterlichen Theologen haben das Christentum von ihrer konkreten kulturellen Situation aus vertieft und in Termini explizitiert, die aus dem Erfahrungsleben von damals genommen wurden. Man sollte sie nicht in dieser Form wieder aufgreifen und so tun, als habe sich seither in unserer Weltschau nichts geändert. Deshalb plädiert Teilhard zugunsten einer «Transposition der traditionell in Begriffen des Kosmos ausgesagten Schau in die Dimensionen der Kosmogenese». (27) Eine derartige Transposition setzt voraus, daß es möglich ist, die fortdauernde Wahrheit von ihrem veränderlichen Ausdruck zu unterscheiden: «Eines ist die Substanz der alten Lehre, die im Glaubensdepot enthalten ist, ein anderes die Formulierung, die sie annimmt». Selbstverständlich kann ein derartiges Unternehmen nicht von einem Menschen allein zu Ende gebracht werden, der nicht einmal die Theologie ex professo ausübte. Es war das wesentliche Ziel Teilhards, die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit zu lenken, endgültig auszuscheiden, was noch irgendwie die Erinnerung an die alte Konzeption der Welt wachrief, und nach einer neuen Formulierung des Glaubens zu streben, deren Begriffe der modernen Weltschau in ihrer ganzen Strenge Rechnung tragen würden. Die Vorschläge, die er im Hinblick auf Begriffe wie die Schöpfung, die Erbsünde, die Erlösung, die Parusie usw. gemacht hat, verdienen auf jeden Fall unsere Aufmerksamkeit und unser Nachdenken. Sie sind in der Lage, ein wertvolles Material für den Aufbau einer angemesseneren Theologie zu schmieden. b. Eines der Hauptprobleme im theologischen Denken Teilhard de Chardins betrifft die Beziehung zwischen Gott und einer in Evolution befindlichen Welt. «Es dürfte in einer Epoche, da das menschliche Denken dahin strebt, den Kosmos als ein Ganzes per se zu erkennen, an der Zeit sein, ein wenig über die Beziehungen nachzudenken, die dieses Ganze mit Gott vereinen.»

10 «In allen Zweigen der heiligen Wissenschaft ist es an der Zeit, durch Studium und Gebet den Bereich zu untersuchen, in dem sich Gott und der Kosmos berühren». Es läßt sich z.B. kaum leugnen, daß die Theorie der (28) Schöpfung etwas anders formuliert werden muß, wenn wir die Welt als eine statische Gegebenheit betrachten, die plötzlich aus dem Schöpferwillen Gottes hervorgegangen und in der Folge lediglich bewahrt worden ist [creatio im Gegensatz zur conservatio], oder aber als eine dynamische Größe, in der sich sozusagen eine permanente Schöpfung vollzieht, die erst am Ende der Zeiten vollendet sein wird. Betrachten wir diesen Schöpferakt ex parte Dei, von Gott her, so müssen wir eingestehen, daß er uns absolut unvorstellbar und uneinsichtig ist [man müßte Gott sein, um zu erkennen, was ein Schöpfergott ist]. Betrachten wir ihn jedoch von der Welt her, d.h. insofern er auf der Grundlage der geschaffenen Dinge sich erkennen läßt, so darf man mit gutem Recht annehmen, daß die Welt sich uns konkret als ein Werk der Einswerdung, als ein schrittweiser Aufbau des Vielen zu einer endgültigen Einheit darstellt. Es ist evident, daß die metaphysische Definition des «geschaffenen Seins» als eine relatio radicalis dependentiae, als eine Beziehung radikaler Abhängigkeit, so keineswegs abgewertet wird. Der wesentliche Interferenzpunkt zwischen Gott und der Welt liegt jedoch für den Gläubigen in der Person Christi. Die Frage der Beziehung zwischen Gott und der Welt ist so ausgerichtet auf die Frage der Beziehung zwischen Christus und der Welt. Folglich müßte der Theologe sich bemühen, «die Existenz- und Einflußbeziehungen, die Christus und das Universum miteinander verbinden, zu analysieren und zu präzisieren». In den früheren Jahrhunderten ging es darum, die Beziehung zwischen Christus und der Trinität des näheren zu untersuchen und genau zu formulieren; nunmehr ist der Augenblick gekommen, die Beziehung Christi mit der Welt zu vertiefen. (29) Die Gedanken, die Teilhard zu diesem Punkt entwickelt hat, sind charakterisiert durch: 1. seinen Versuch, den Ort Christi im Rahmen der modernen Weltschau zu bestimmen, denn er erstrebt «eine zu den neuen Dimensionen der Zeit und des Raumes ausgeweitete Christologie» und 2. sein Bemühen, die Bande zwischen Christus und der Welt nicht nur rein juridisch oder moralisch, sondern durchaus organisch zu konzipieren, d.h. Christus im Ganzen des Kosmos eine organische Funktion als Sinn, Zielpunkt und treibende Kraft der ganzen Evolution zu geben, und zwar «derart, daß die Christogenese als die Sublimation der Kosmogenese erscheint». Theologisch gesprochen, ist gegen dieses Bestreben als solches nichts einzuwenden. Auch der heilige Paulus schreibt in seinen Gefangenschaftsbriefen der Inkarnation und der Erlösung eine kosmische Dimension zu. In der katholischen Theologie hat sich immer eine Tendenz bekundet, die organische Beziehung zu betonen, die Christus an die Welt bindet, daß die Welt ihre Existenz in ihm erkennt und sich durch ihn zu ihrer Einheit gedrängt fühlt. Mit gutem Recht konnte Teilhard also schreiben: «Ich tue nichts anderes als in Begriffe der physischen Wirklichkeit die juridischen Ausdrücke zu übertragen, in denen die Kirche ihren Glauben niedergelegt hat». Mit der Theorie des Primats Christi steht Teilhard auf festen und soliden Grundlagen. Es ist jedoch klar, daß die Synthese, die er auf den wissenschaftlichen und christologischen Perspektiven aufgebaut hat, zu einem großen Teil von seiner Weltschau abhängt. Der Theologe hat aber keine Kompetenz, sich über diesen letzten Punkt zu äußern. c. Als dritte Forderung Teilhards an die Theologie (30) nannten wir die Notwendigkeit einer Neubesinnung über den religiösen Wert der Arbeit und des menschlichen Bemühens und insbesondere der wissenschaftlichen Forschung und der technischen Schöpfung. Es geht hier um ein theologisches Problem ersten Ranges, denn das Ergebnis einer derartigen Neubesinnung wäre bestimmend für die Haltung des Christen der modernen Kultur gegenüber. Gewiß, solche

11 Überlegungen stellen in unseren Tagen keine Ausnahme mehr dar. Doch zu der Zeit, da Teilhard schrieb, waren sie unzweifelhaft weniger geläufig. Außerdem entwickelte er gleichfalls in diesem Punkte einige neue Intuitionen, die unserer Aufmerksamkeit und unseres weiteren Bedenkens wert sind. Sie schließen sich logisch an die Ideen an, die er im christologischen Bereich vortrug. Schematisch läßt sich der Gedankenablauf wie folgt darlegen: In der Perspektive einer Evolution konvergenten Typs, die durch die freie Mitarbeit des Menschen vollendet werden muß, gewinnen die Arbeit, die Wissenschaft und die Technik eine außergewöhnliche Bedeutung, und sie müssen vom Menschen als eine höchste Pflicht und als eine heilige Sendung betrachtet werden. Die Arbeit, die Wissenschaft und die Technik sind zum Aufstieg des Menschen in Richtung einer immer wachsenden Einheit und Vergeistigung notwendig. Für den Christen kommt jedoch noch eine weitere Dimension hinzu. Denn wenn wir annehmen, Christus selbst stelle den Zielpunkt der ganzen Schöpfung dar und alles müsse in ihm seine Vollendung und Krönung finden, so ergibt sich, daß die Welt insgesamt den Charakter des Heiligen aufweist und daß alles, was zur künftigen Entfaltung der Schöpfung beiträgt, innerlich auf Christus ausgerichtet ist. Zieht man (31) in Betracht, welche außergewöhnliche Rolle die Arbeit, die Wissenschaft und die Technik in dieser Hinsicht spielen, so folgt daraus, daß sie eine wesentliche, zwar in sich unzulängliche, aber doch notwendige Bedingung für den Aufbau des Reiches Gottes darstellen. Unzulänglich, da das Heil des Menschen letzten Endes nur das Werk der Gnade sein kann; notwendig jedoch, weil sie eine in den Plänen Gottes unersetzliche Funktion erfüllen. In seiner Liebe zu Christus findet der Christ so eine neue Ermutigung, zugunsten des Fortschritts, der Kultur und der besseren Erfüllung seiner irdischen Aufgabe zu kämpfen. Diese Konzeption Teilhards über den Wert der menschlichen Arbeit stellt lediglich die logische Konsequenz seiner Christologie dar: «Sagen, daß Christus der Zielpunkt und Motor der Evolution ist, heißt implizite anerkennen, daß er im ganzen Prozeß der Evolution und durch ihn hindurch erreichbar wird». Wer diese Konzeption bis ans Ende vertieft, wird sehr rasch begreifen, in welchem Maße sie für eine neue Begegnung zwischen dem Christentum und der modernen Welt fruchtbar sein kann. Obwohl die Aufsätze, die Teilhard den soziologischen, phänomenologischen und theologischen Aspekten des Christentums widmet, nur fragmentarisch sind, bringen diese Seiten doch reiche und anregende Konzeptionen ans Licht, die eine gründlichere Prüfung verdienten. Es wäre ein Beweis entlarvender Engstirnigkeit, wollte man sie ohne weiteres verwerfen. Vergessen wir nicht, daß der Mensch die Wahrheit auch in Fragen der Religion nur durch Tasten zu erreichen vermag. N. M. Wildiers Doctor der Theologie (32)

12

VORBEMERKUNG
Wir sprechen für diesen Band noch einmal die bereits gegebene Warnung aus: Die hier zusammengestellten Schriften sind von dem Autor nicht im Hinblick auf eine Veröffentlichung durchgesehen worden, wir übergeben sie also dem Leser als Arbeitsmaterial. Insgesamt muß von diesen Aufsätzen in verschiedenem Maße das gesagt werden, was P. Teilhard am Anfang von Christentum und Evolution1 präzisierte: «Diese Zeilen schreibe ich nur, um zur gemeinsamen Arbeit des christlichen Bewußtseins einen individuellen Beitrag zu leisten, der die Erfordernisse zum Ausdruck bringt, die in meinem besonderen Falle die fides quaerens intellectum angenommen hat. Anregungen und keine sicheren Aussagen oder Lehren». So «wird das, was in meinem Denken fruchtbar oder was kritisierbar sein mag, deutlicher hervortreten. Was lebendig ist, wird seine Chance finden, zu überleben und zu wachsen. Und damit wäre meine Aufgabe erfüllt.»
Anmerkung der Herausgeber (33)

1

(FN 1)

Wird in dem Band erscheinen, der insbesondere den religiösen Schriften gewidmet ist.

13

I WORAUS BESTEHT DER MENSCHLICHE KÖRPER?
[A] Man braucht nur einmal versucht zu haben, sich klar zu machen, woraus der Leib eines Lebewesens besteht, um zu bemerken, daß diese Entität: «mein Leib» , die doch so klar ist, wenn man im praktischen Bereich bleibt, in der Theorie äußerst schwierig zu definieren und abzugrenzen ist. – Entweder will man den Leib auf die Elemente einschränken, die streng aus dem Leben des Lebendigen leben – und dann wird er auf ein einfaches Geflecht von Nervenfasern reduziert… – Oder aber man versucht, ihn auf all das auszuweiten, was das beherrschende und organisierende Wirken der Seele erfährt – und dann muß man ihm Elemente zuschreiben, die notorisch des Lebens im üblichen Sinne des Wortes entbehren [so die toten Zellen der Knochen und des Blutes] oder aber mit einem ganz autonomen Leben begabt sind [Amöben] – und bei denen es recht schwierig sein dürfte, die Ansicht zu vertreten, sie seien persönliches, unmitteilbares Eigentum des Lebewesens. [B] Die Schwierigkeit gewinnt eine neue Gestalt und Eindringlichkeit, wenn man von irgendeinem Leib zu dem Christi übergeht. Welches ist in Jesus die der hypostatischen Union unterworfene Materie, die anbetungswürdige Materie? Soll man die vom Meister auf den Dornen am Wege zurückgelassenen Blutstropfen anbeten? Und hatten die beinahe unabhängigen Zellen, die das Fleisch Christi auf Erden [wie alles menschliche Fleisch] durchflossen, die Ehre – in ihrem Eigenleben als Amöben – hypostatisch mit dem Wort verbunden zu (34) sein, – eine Ehre, die nicht einmal der allerseligsten Jungfrau Maria zuteil wird?... [C] Alle diese Unwahrscheinlichkeiten und diese bizarren Fragen beweisen bis zur Evidenz, daß die gebräuchliche Vorstellung vom «menschlichen Leib» der philosophischen Kritik nicht zugänglich ist. Man kann versuchen, sie eine nach der anderen zu mildern, zu umgehen. Im Grunde ist das eine vergebliche Arbeit. Die vielen Subtilitäten und Detailerklärungen, um in der Philosophie den Erfahrungsbegriff des «Leibes» zu retten, sind auf einen alten Stoff genähte Flicken. Die eigentliche Basis unserer Spekulationen über die Materie ist mangelhaft. Wir müssen den Leib anders begreifen, als wir es bisher getan haben. – Aber wie? Vielleicht so: [D] Der Leib [das heißt die unmittelbar jeder Seele verbundene Materie] ist, so hat man bisher vor allem gesagt, ein Fragment des Universums – ein in adäquater Weise von dem Übrigen losgelöstes und einem es informierenden Geist anvertrautes Stück Universum. [E] Der Leib, so werden wir von nun an sagen, ist die Universalität selbst der Dinge, insofern sie auf einen beseelenden Geist zentriert sind, insofern sie ihn beeinflussen – und auch insofern sie von ihm beeinflußt und getragen werden. Einen Leib haben heißt für eine Seele, ἑγxεxοδμιδμένη2 sein. [F] Gewiß strahlt das individuelle Tun von einem ganz besonders beweglichen organischen Zentrum aus – von einer Gruppe besser kolonisierter niederer Monaden. Doch die Sphäre des immanenten Wirkens erstreckt sich in Wirklichkeit irgendwie auf das ganze Universum.
2 (Anm 1)

Enkekosmismene: im Kosmos eingewurzelt [Anmerkung des Herausgeber].

14 [G] Mein mir zueigener Leib sind nicht diese oder jene (35) Zellen, über die ich ein Monopol hätte: er ist vielmehr das, was in den Zellen und in der ganzen übrigen Welt mich erfährt und auf mich reagiert. Meine Materie ist kein Teil des Universums, den ich totaliter besäße; sie ist die Totalität des von mir partialiter besessenen Universums. [H] So sind die begrenzten, greifbaren Fragmente, die wir in der Umgangssprache Monaden, Moleküle, Körper nennen, keine vollständigen Wesen. Das ist nur ihr Kern, ihr ökonomisches Zentrum. Die wirkliche Ausdehnung dieser Körper entspricht für einen jeden von ihnen den Dimensionen des Universums selbst. [I] Von diesem Standpunkt aus erscheint die Welt nicht mehr einer Zusammenballung untereinander verschweißter Elemente vergleichbar, sie ist vielmehr eine einzige Sphäre mit zahllosen perspektivischen Zentren und Mittelpunkten des Wirkens. Sie ist Vieles, nicht in der Weise eines Steinhaufens [Summe nebeneinander liegender Teile], sondern wie ein Gasgemisch [wo jedes Gas das ganze Volumen der Mischung einnimmt] [selbstverständlich ein jämmerlich grober Vergleich]. Da jedes Element im strengen Sinne allen anderen, dem Ganzen, koextensiv ist, ist es wirklich ein Mikrokosmos. Universelle Welt = auf Peter zentrierte Welt + auf Paul zentrierte Welt… etc...3
Nicht datierte Studie. (36)

II ÜBER DEN CHRISTUS-UNIVERSALIS
Unter Christus-Universalis verstehe ich Christus als das organische Zentrum des ganzen Universums: – als organisches Zentrum, das heißt als das Zentrum, an dem letzten Endes physisch die ganze, selbst die natürliche Entwicklung hängt; – des ganzen Universums, das heißt nicht nur der Erde und der Menschheit, sondern des Sirius, der Andromeda, der Engel, aller Wirklichkeiten, von denen wir nah oder fern physisch abhängen [das heißt wahrscheinlich allen teilhabenden Seins]; – und noch einmal des ganzen Universums, das heißt nicht nur des sittlichen und religiösen Bemühens, sondern gleichfalls von all dem, was dieses Bemühen voraussetzt, nämlich von jeglichem Wachsen des Leibes und des Geistes. Dieser Christus-Universalis ist der, den die Evangelien und insbesondere der heilige Paulus und der heilige Johannes uns darstellen. Der, aus dem die großen Mystiker gelebt haben. Nicht immer der, mit dem sich die Theologie am meisten befaßt hat. Dieser Aufsatz setzt sich zum Ziel, meinen Freunden, die in der heiligen Wissenschaft erfahrener sind und an günstigerem Ort stehen als ich, um auf den Geist der Menschen einzuwirken, wieder die für uns heute so aktuelle vitale Notwendigkeit vor Augen zu führen, den so katholischen Begriff des Christus α und ω darzulegen.
(Anm 2) Vielleicht ist von diesen Seiten in dem Brief Pater Teilhards an Marguerite Teillard-Chambon vom 5. September 1919 die Rede: «Schließlich habe ich kürzlich acht Seiten darüber geschrieben, wie die Grenzen des menschlichen Lebens begriffen werden sollen. Wenn ich Dir dies schreibe, so deshalb, weil Valensin davon begeistert ist und sie Blondel schicken will…» [Genèse d’une Pensée, 402, Édition Grasset, Entwurf und Entfaltung, 371, Karl Alber]. Doch die Kürze dieses Textes [vielleicht ein Resümee oder ein erster Entwurf] bereitet Schwierigkeiten. [Anmerkung der Herausgeber]. 3

15 [A] Zuallererst scheint mir, wie ich bereits an anderer Stelle dargelegt habe die derzeitige Geschichte des religiösen Gefühls bei den Menschen, wer auch immer sie seien, beherrscht zu sein von einer Art sich im (37) menschlichen Bewußtsein vollziehender Offenbarung von dem einen und großen Universum. Angesichts der konkreten Unermeßlichkeit, die sich so unserer Generation enthüllt, wenden sich die einen [die Ungläubigen] a priori von Christus ab, weil man ihn ihnen häufig in einer Gestalt zeigt, die offensichtlich geringer ist als die Welt. Die anderen [viele Gläubige], die besser unterrichtet sind, fühlen sich um nichts weniger im Innern ihrer selbst in einen Kampf auf Leben und Tod verwickelt. Wer wird in ihren Augen der Größere und also anbetungswürdig sein? Christus oder das Universum? Dieses wächst unaufhörlich, unermeßlich. Es ist absolut notwendig, daß Jener offiziell, explizite, seinen Ort über allem Maß findet. Damit die einen beginnen, damit die anderen fortfahren zu glauben, müssen wir vor den Menschen die Gestalt des Christus-Universalis aufrichten. [B] Dieses Bedürfnis nach dem Christus-Universalis könnte einigen ungerechtfertigt, künstlich, subjektiv erscheinen. Sie ihrerseits fühlen nicht so. Denen werde ich unverhohlen antworten: Um so schlimmer für euch. Doch ich kann hinzufügen: Unabhängig von allem subjektiven Streben zwingt sich der ChristusUniversalis selbst euch auf. Er ist nämlich die einzige Wirklichkeit, die heute das Dogma in se ins Gleichgewicht bringen könnte. Wir haben schon [seit immer und glücklicherweise] von Christus die Attribute des universellen Mittlertums vielfältig ausgesagt: «Omnia in ipso, per ipsum...» Hat man je bemerkt, daß diese Attribute für unsere klassische Philosophie und Theologie eigentümlich schwer zu ertragen sind, um so schwerer, je unermeßlicher sich das Universum in seinen Determinismen, seiner Vergangenheit und seiner (38) Ausdehnung erweist? Ein gewisser kleiner Schul-Christus zerbirst unter dem andauernden Zustrom an Sein, den die Wissenschaft hervorsprudeln läßt; umgekehrt enthüllt sich der große Christus der Tradition und der Mystik, und er zwingt sich auf. Zu ihm müssen wir gehen. [C] Den Christus-Universalis studieren heißt also nicht nur, der [ungläubigen oder gläubigen] Welt eine anziehendere Gestalt zeigen. Es heißt die Theologie [Dogmatik, Mystik, Moral] einem notwendigen Neuguß unterwerfen. Dieser Neuguß aber wir sich automatisch, vital, sanft, exercite, allein auf Grund der Tatsache vollziehen, daß das christliche Denken sich bemüht, die Züge des Christus-Universalis herauszuarbeiten, so wie es ihn immer angebetet hat, allerdings ohne noch ausdrücklich genug zu begreifen, welcher unermeßliche Wert diesem Attribut zukommt. Denn wirklich: 1. Damit Christus wahrhaft universell sei, müssen die Erlösung und folglich der Sündenfall sich auf das ganze Universum erstrecken. Die Erbsünde gewinnt damit eine kosmische Natur, die die Tradition ihr immer zuerkannt hat, die uns aber angesichts der neuen Dimensionen, die das Universum für unser Erkennen hat, dazu verpflichtet, die historische Darstellung und die [allzu rein juridische] Übertragungsweise, die wir ihr gewöhnlich zuschreiben, tiefgreifend zu reformieren. 2. Damit das Universum als Ganzes von einem in einigen Seelen eingetretenen Unglück betroffen werden konnte, mußte seine Kohäsion, «in unitate materiae et in unitate spiritus», unendlich viel größer sein, als wir im allgemeinen zugeben. Um den dogmatischen Gegebenheiten zu genügen, kann die Welt kein Agglomerat aneinander gereihter Dinge mehr sein: man muß sie als (39) ein großes, zusammenhängendes und organisch evolviertes Ganzes anerkennen. – Damit muß die ganze Metaphysik des Einen und des Vielen von den Theoretikern des Christentums erneut

16 aufgegriffen werden, wenn wir wollen, daß unsere Philosophie auf der Höhe der Erfordernisse unserer Theologie sei. 3. Wenn Christus universal ist [das heißt, sich nach und nach im Ausgang von aller Kreatur vollendet], so folgt daraus, daß sein Reich den Bereich des übernatürlichen Lebens im strengen Sinne des Wortes wesentlich überschreitet. Nicht nur durch eine [zusätzlich hinzugefügte] Verdoppelung der Absicht, der Treue, des Gehorsams, sondern eigentlich durch das Materielle seiner Werke kann das menschliche Tun sich auf Christus beziehen, zu der Vollendung Christi beitragen. Aller Fortschritt, sei es im organischen Leben, sei es in der wissenschaftlichen Erkenntnis, sei es in den ästhetischen Fähigkeiten, sei es im sozialen Bewußtsein, ist also bis in seinen Gegenstand hinein christianisierbar [weil jeder Fortschritt, in se, sich organisch in den Geist integriert, der seinerseits in Christus gehalten ist]. Diese sehr einfache Schau läßt die unheilvolle Wand zusammenfallen, die trotz allem in unseren gegenwärtigen Theorien zwischen christlichem Bemühen und menschlichem Bemühen fortbesteht. Da das menschliche Bemühen in opere vergöttlichbar wird [und nicht nur in operatione], wird die Welt für den Christen restlos göttlich. – Die ganze Askese und die ganze Mystik werden so erneuert. 4. Damit schließlich all diese Arbeit der Vollendung Christi einen Sinn hat, die Mühe lohne, die sie Gott gekostet hat, muß das geheimnisvolle Gefüge, das von Christus und dem Universum [von dem auf Christus zentrierten Universum] gebildet wird, einen spezifischen, (40) außergewöhnlichen Wert haben. Die Anbetung des Christus- Universalis wird das christliche Denken auf diese so gewichtige, häufig so leichthin übergangene Frage nach dem Wert der Seelen in se, das heißt nach dem Wert der Welt, das heißt letzten Endes nach dem Weshalb der Schöpfung lenken. Es dürfte in einer Epoche, da das menschliche Denken bestrebt ist, den Kosmos als ein Ganzes per se zu erkennen, an der Zeit sein, ein wenig über die Beziehungen nachzudenken, die dieses Ganze und Gott vereinen. Das ist schnell gesagt: Schöpfung aus Liebe, äußere Herrlichkeit. Ist nicht noch etwas anderes in der Offenbarung niedergelegt? Die Frage des Christus-Universalis angehen heißt letzten Endes, das sieht man, die Reflexion, das Gebet, den Fortschritt auf das natürliche Zentrum jedes christlichen Denkens, auf den Kernpunkt des Lebens der gegenwärtigen Kirche lenken. Wenn man, nachdem man das begriffen hat, die Entwicklungen vergleicht, die zum Beispiel das «xεχαριτωμἐνη» des englischen Grußes sowie die Theorie des Christus-Universalis, wie sie der heilige Paulus über ganze Kapitel hinweg darlegt, durch die Tradition erfahren haben, dann ist man betroffen und staunt: dort ist aus einer kleinen seitlichen Knospe ein breit ausladender Zweig hervorgegangen: hier hat sich die von Saft geschwellte eigentliche Spitze des christlichen Baumes seit dem ersten Jahrhundert der Kirche fast nicht verändert. Wie soll man einen derartig tiefgreifenden Unterschied erklären? Ich antworte: eben zunächst auf Grund des Spiels der Entwicklung des menschlichen Denkens. Um leidenschaftlich Unsere Liebe Frau zu lieben, brauchten die (41) Christen nur in vermehrtem Maße feinfühlig, empfänglich, menschlich zu werden. Dieses Stadium ist bereits im Mittelalter erreicht worden. Um leidenschaftlich das große Universum zu lieben und das gebieterische Bedürfnis zu verspüren, Christus mit ihm zu bekleiden, bedurften die Menschen eines fortgesetzten Bemühens der Beobachtung, des Denkens, der Besitzergreifung ihrer selbst. Diese vordringlichen Anliegen einer neuen Größenordnung beginnen heute gerade erst, uns ausdrücklich zu beanspruchen. Es gibt meines Erachtens einen anderen, weniger tiefen, aber unmittelbareren Grund für die Immobilität, in der sich seit dem heiligen Paulus der Begriff des Christus-Universalis fixiert hat:

17 nämlich der Mißbrauch, der in der Philosophie mit den logischen, moralischen, juridischen Relationen getrieben wurde. Es ist einfacher, sicherer [tutius], ökonomischer [der Herr hat uns dazu das Beispiel gegeben], die Beziehungen zwischen Gott und dem Menschen in Gestalt familiärer oder sozialer Beziehungen auszusagen. Diese Analogien sind wahr, weil die Vereinigung in Christus sich zwischen Personen vollzieht. Doch sie sind unvollständig. Um die Wahrheit zu erfassen, müssen wir sie durch Analogien berichtigen, die den eigentlich natürlichen, physischen Wirklichkeiten entnommen sind. Die göttliche Freundschaft, die göttliche Adoption sind Aussagen, die eine nicht aufhebbare organische Anpassung, Transformation, Neugestaltung des Universums mitbeinhalten. Ein freier Wille Gottes ist eine besondere Anpassung aller Determinismen des Kosmos. Solange man in dem oberflächlichen Bereich der juridischen und moralischen Beziehungen bleibt, ist es für die kindliche Philosophie gewisser Theologen nicht sher schwierig, das universelle Königtum Christi zu (42) erklären. – Sobald man sich dagegen auf den Standpunkt des «Organischen» stellt, erweist sich die zentrale Würde Christi als eine gewaltige, alles aufsaugende Wirklichkeit – die allen Glauben, alle Übung und das ganze System in seinem Dienst um- und neugestaltet. Ich glaube, weil ihr Denken nicht genügend von diesem Prinzip des Primats des Organischen über das Juridische beherrscht war, konnten die Theologen so lange unempfänglich für das grundlegende Geheimnis des Christus-Universalis bleiben. Heute übernimmt es das menschliche und christliche «Volks-» Bewußtsein, den Meistern in Israel in Erinnerung zu rufen, daß wir nie und nimmer das Recht haben werden, uns endgültig mit verschränkten Armen in einer Doktrin einzurichten, so bequem sie auch sein mag. «Wir wollen das Eine, das Organische, weil Christus so in der Tiefe unseres Herzens erscheint.» Viele sprechen so in jüngster Zeit. Sollte nicht für den noch ruhenden Haupttrieb des Baumes der Augenblick gekommen sein, sein Wachstum wieder aufzunehmen? Hebt nicht, ohne daß wir übertreiben, ein neuer Zyklus für die Kirche an, ein wunderbarer, dem gegenwärtigen Zeitalter der Menschheit angepaßter Zyklus: der Zyklus des durch das Universum hindurch angebeteten Christus? Auf daß jene, die glauben, den Meister kommen zu hören, wachen, daß Verlangen sie erfülle und daß sie arbeiten.
Paris, Januar 1920 (43)

III WISSENSCHAFT UND CHRISTUS
Bemerkungen darüber, in welcher Weise das wissenschaftliche Studium der Materie dazu dienen kann und muß, bis zum göttlichen Zentrum emporzusteigen Meine Freunde, Für Menschen, die wie Sie die Aufgabe haben, in ein und derselben Existenz wissenschaftliche Arbeit und christliches Bemühen zu verbinden, ist es unerläßlich, daß die wechselseitigen Beziehungen der beiden Bereiche «Wissenschaft und Religion» so klar wie möglich seien. Diese eindeutige Sicht ist um so notwendiger, als die Versuche der Apologetik auf diesem Gebiet nicht immer sehr ausgewogen sind. Bald haben die Apologeten gegen unbestreitbare Entdeckungen Widerstand geleistet; bald haben sie versucht, deduktiv aus wissenschaftlichen Fakten philosophische oder theologische Schlußfolgerungen zu ziehen, die sich aus dem Studium der

18 Phänomene nicht ergeben können. Bald wird die Wissenschaft als eine böse Kraft dargestellt, als eine Versucherin, eine böse Zauberin, bald wir sie als ein göttliches Licht gerühmt, als ein sehr edles, dem christlichen Ehrgeiz angebotenes Bemühen. Ohne hier direkt die Frage angehen zu wollen, worin die Wissenschaft gut und sogar unentbehrlich ist für die volle Entwicklung des Christen, will ich versuchen [als eine Art Einführung zu dieser grundlegenden Frage], Sie dahin zu bringen, die Wissenschaft christlich zu lieben, indem ich die beiden folgenden Sätze aufweise: (44) 1. Das wissenschaftliche Studium der Welt läßt uns, weil es wesentlich analytisch ist, zunächst in der den göttlichen Wirklichkeiten entgegengesetzten Richtung gehen. 2. Andererseits aber führt uns eben diese wissenschaftliche Durchdringung der Dinge, da sie uns die synthetische Struktur der Welt offenbart, zu einer Umkehr, und sie verweist uns durch ihre natürliche Weiterführung auf das einzige Zentrum der Dinge, welches Gott, unser Herr, ist. I. UNVERMÖGEN DER WISSENSCHAFT, GOTT IM LAUFE IHRER ANALYTISCHEN SCHRITTE ZU FINDEN Was auch immer die überspannten Pragmatiker, die Utilitaristen, sagen mögen, das, was der Mensch im Laufe seines Lebens sucht, dem er mehr nachjagt als dem Brot und allem materiellen Wohlsein – ist das Wissen. Es gehört nicht zum Wesen unseres Seins, nach einem Besser-Sein zu streben, sondern nach Mehr-Sein. Doch ein Instinkt, der stärker ist als alle Gegenreden der Skeptiker und falschen Weisen, macht uns darauf aufmerksam: um mehr zu sein, ist es zunächst notwendig, daß wir mehr wissen. In unseren Geist eingewurzelt, hegen wir alle die Überzeugung, daß irgendwo um uns herum ein geheimnisvolles Feuer verbogen ist, das geraubt werden muß, damit wir glücklich sind – eine Flamme, um unsere Einsicht in den tiefen Sinn der Welt zu erhellen, ein Instrument, um die Dinge zu beherrschen und neuzugießen. Die Menschheit hat immer aus dieser (45) hartnäckigen Hoffnung gelebt, und sie lebt immer noch aus ihr, daß wir, sofern wir nur genug die Natur erforschen, das Geheimnis des Wirklichen entdecken, die Hand an die Hebel des Wachsens der seienden Wesen legen können: das Geheimnis finden, die Quelle finden. – Und das Forschen des Gelehrten, so positivistisch es sich auch gibt, hat seine Nuance, seine Aureole – oder noch besser seine Seele unbezwinglich in der Tiefe seiner selbst, in einer mystischen Hoffnung… So versucht also unser Geist wesentlich, bis zum Herzen der Welt vorzudringen. Doch wohin müssen wir unsere Schritte lenken, um zu dem gewünschten Punkt zu gelangen, an dem alle Dunkelheit sich in Licht auflösen, jeder Antagonismus der gehorsame Diener unseres Wirkens werden muß? Wahrscheinlich konnten sich die Menschen lange Zeit hindurch vorstellen, das Geheimnis der Welt verberge sich in der geografischen Ferne. Wenn wir nur, so dachten sie, bis in die fernsten oder die unzugänglichsten Gegenden der Erde gelangen, die Gipfel des Olymp erklimmen, die Tiefe der Wälder durchdringen, die Quelle der großen Flüsse erreichen, unseren Fuß auf die Antipoden setzen, in den Schoß der undurchdringlichen Erde hinabsteigen könnten, würden wir gewiß auf die Wohnung der Seelen oder der Götter stoßen. Wir würden eine Weiterführung oder sogar eine andere Seite der Dinge erreichen. Eine große Reise, eine kühne Fahrt, würde genügen, um uns dem Geheimnis gegenüberzustellen, das uns beunruhigt. Das Göttliche war uns nur durch die Undurchsichtigkeit der Körper oder die Nebel am Horizont verschleiert.

19 Schon lange bevor eine methodische Erforschung die (46) Erde ganz umrundet und die Abgründe völlig ausgelotet hatte, haben wir, meine Freunde, über diese kindlichen Vorstellungen gelächelt. Die einfache Überlegung hat uns gezeigt, daß wir, durchlaufen wir das Universum an der Oberfläche, niemals etwas anderem denn unseresgleichen begegnen können. Die Welt besteht aus aufeinanderfolgenden Zonen, aus übereinandergeschichteten Ebenen konzentrischer Existenz-Sphären, die einander abgrenzen. Um mehr zu wissen, muß man den Kreis verlassen, auf dem sich das gegenwärtige Leben bewegt. Es wir nur hell, wenn wir genügend tief gehen. Wir werden das Licht nur leuchten sehen, wenn es uns gelingt, unter der Rinde der Seienden das zu entdecken, was sich in ihnen in der Tiefe verbirgt. Als der Mensch begriffen hatte, daß er den Umkreis aller Dinge durchlaufen konnte, ohne etwas zu finden, was sie ihm verständlich machte, hat er sich entschieden, in sie einzudringen. Doch was heißt das eigentlich, in die Tiefe der Dinge eindringen? Was bedeutet diese Metapher? Jedes Seiende hat zwei Pole, einen niederen Pol, aus dem es heraustritt, einen höheren Pol, zu dem es aufsteigt. In welcher Richtung wird es durchdringbar, erklärbar? Entlang der scharf umrissenen Straße, die in das Geheimnis der Körper hinuntersteigt, oder aber entlang dem verschleierten Weg, der zu den Weiterführungen der Seele aufsteigt? Für die große Mehrheit der Menschen scheint sich die Frage nicht einmal zu stellen. Wenn wir wissen wollen, was in einer Wohnung ist, öffnen wir die Türe – was in einer Uhr ist, nehmen wir sie auseinander – was in einer Nuß ist, so zerbrechen wir sie. Die erste Bewegung des Geistes, der wissen will, woraus etwas besteht, geht dahin, es in Stücke zu zerlegen, es zu analysieren. (47) Die ganze Wissenschaft ist aus dieser instinktiven Geste hervorgegangen. Die Wissenschaft ist wesentlich eine Analyse. Ihre Forschungsmethode, ihre Schlußfolgerungen sind von diesem Prinzip beherrscht, daß sich das Geheimnis der Dinge in ihren Elementen findet, so daß es, um die Welt zu begreifen, genügt, zu den einfachsten Gliedern zu gelangen, aus denen sie hervorgegangen ist. Sie kennen ebenso gut wie ich die erstaunlichen Fortschritte, die in diesem Jahrhundert vom Menschen in seiner Analyse des Wirklichen realisiert worden sind. 1. Im Bereich der unbeseelten Materie sind wir zu einer außerordentlichen offensichtlichen Trennung der höheren und niederen Elemente der Materie gelangt. – Über uns beginnen wir [dank den sehr genauen Messungen, die erlauben, den Ort der Sterne im Raum und ihre Geschwindigkeit zu bestimmen, und dank den Vergrößerungen und fotografischen Methoden, die die Elemente der Nebel individualisiert haben und die neuen Sterne zu Tausenden am Himmelsgewölbe auftauchen ließen] uns eine Vorstellung von der sideralen Struktur des Universums zu machen. Und wir werden «erdrückt» von der Entdeckung, daß die höhere «makroskopische» Einheit der Welt, ihr größtes bekanntes Molekül, der Spiralnebel ist: Tausende von Milchstraßen, die im Raum nach den Gesetzen der Schwerkraft kreisen, soweit das Auge reicht. Dann wandten wir die Analyse auf den mikroskopischen Bereich an, und unseren Augen offenbarte sich das zweite Unendliche Pascals. Zunächst haben wir visuell, dann indirekt mit Methoden von bewundernswerter Erfindungsgabe und Genauigkeit innerhalb der Materie eine erstaunliche Reihe kleiner werdender (48) natürlicher Einheiten sichtbar werden lassen: unter dem Ultra-Mikroskop tanzende kolloidale Partikel, in den Elektrolyten zirkulierende oder sich in den Gasen hin und her bewegende Moleküle, elektrisch geladene Atom-Fragmente, die wir heute zählen und wiegen, sogar bis in die winzigen Phasen ihrer Massenanziehung verfolgen können.

20 2. Die Zerlegung, welche die Wissenschaft optisch oder chemisch an der rohen Materie durchführte, hat sie parallel dazu im Bereich der organischen Materie verwirklicht. Das Lebendige ist uns nacheinander erschienen als aus Zellen aufgebaut – die Zellen als aus Protoplasma und Kern zusammengesetzt. Man meinte, die Trennung sei vollendet. Keineswegs. Der Kern erweist sich nunmehr von äußerster Komplikation, und seine unwahrscheinlich komplizierte Kernstruktur stützt sich auf ein unvollständig analysiertes, aber genau beschriebenes Eiweiß-Gerüst. Damit wird hier also im Innern unseres Fleisches selbst die nicht nur zellulare, sondern chemische Vielheit aufgedeckt: über dieses Verbindungsstück schließt die lebende Substanz sich an die absteigende Reihe der Moleküle und Elektronen an. 3. Zur selben Zeit, wie die Wissenschaft die materiellen Elemente der Welt auseinandernahm, zerlegte sie ihre energetischen Spannkräfte. Die extreme Komplexität der physiko-chemischen Bewegungen, angefangen mit jenen, die die Sterne majestätisch gravitieren lassen, bis hin zu jenen, die die letzten von unseren Forschungen erreichten Korpuskeln vibrieren lassen, ist nach und nach auf eine Gruppe relativ einfacher Komponenten reduziert worden. Das ganze Gleichgewicht der Welt läßt sich auf eine Gruppe von Gleichungen zurückführen, die von zwei Energien [der elektromagnetischen (49) Energie und der Schwerkraft]4 regiert werden, und auf einige Bedingungen, die in einer Gruppe von Gleichungen mit vier Veränderlichen ausdrückbar sind. Die Analyse der Massen und die der Energien sind, indem sie einander stützten, zu einer derart weit vorangetriebenen Zerlegung der Dinge in ihre natürlichen Elemente gelangt, daß es uns nicht mehr gelingt, etwas anderes als letzten Grundraster der Welt zu erkennen denn eine unglaubliche Vielheit von maßlos vereinfachten Partikeln, bei denen man nicht mehr zu sagen vermöchte, was sie voneinander unterscheidet oder was sie von dem Milieu trennt, das sie trägt. Diese letzten Partikeln sind so zahlreich, sie sind so wenig individualisiert, daß sie eine kontinuierliche Energiewolke zu bilden scheinen. 4. Nun wohl, läßt die aktive, experimentelle, von der Wissenschaft betriebene Analyse uns zu der unendlich aufgelösten Welt gelangen, so garantiert uns eine andere Methode, daß sie keine fiktive Wirklichkeit, ein künstliches Produkt unseres Einwirkens auf das Wirkliche ist. Wenn wir in der Gegenwart auf die räumliche Untersuchung der in Frage stehenden Körper ihr Studium in der Zeit, die Beobachtung ihrer Geschichte folgen lassen, so sehen wir, wie sie sich gemäß demselben Gesetz auflösen, zerstreuen. Denn kein organisches [oder anorganisches] Wesen tritt fix und fertig, voll ausgebildet auf. Vielmehr stellt es sich der Erfahrung dar als von einer unendlichen Reihe früherer Zustände gestützt [verschiedene Kondensationszustände der Materie, schrittweise entworfene Formen des Lebens]. Versuchen wir diese Kette aufeinanderfolgender Zustände bis zum Ursprung zu verfolgen: am Ende eines Falles in die Vergangenheit, der nur mit dem von der chemischen Analyse der materiellen Massen (50) verwirklichten Fall in die Kleinheit zu vergleichen ist, finden wir die Welt der Partikeln wieder. Die historische Analyse der Vergangenheit verbindet sich mit der physiko-chemischen Analyse der Gegenwart. Ob wir nun wissenschaftlich zu den zeitlichen Ursprüngen der Welt zurückgehen oder ob wir in die Geheimnisse ihrer gegenwärtigen Struktur eindringen, alles läßt sich in gleicher Weise auf ein Gewimmel von Elementen reduzieren, die einzig und allein den statistischen Gesetzen der großen Zahlen und des Zufalls gehorchen. So ist also, meine Freunde, die wissenschaftliche Analyse in ihrem Versuch in unerhoffter Weise erfolgreich gewesen. Wir wollten die Schale zerbrechen, die Dinge öffnen: die Dinge haben mit
(Anm 1) Wenn der Autor selbst heute diesen Text veröffentlichte, würde er die seit 1921 festgestellten Interaktionen hinzufügen: die sogenannten schwachen Interaktionen [Beta-Radioaktivität] und die nukleare Interaktion [Anmerkung der Herausgeber]. 4

21 überraschender Leichtigkeit nachgegeben. Unter unseren Schlägen wurden sie durch aufeinanderfolgende Spaltungen Schritt um Schritt auf etwas reduziert, von dem wir nicht mehr zu sagen vermögen, ob es Materie oder Kraft ist. Alles hat sich in eine Art von Energie aufgelöst, die mit einer rudimentären Masse und Struktur begabt ist und die zugleich die allgemeinste Form der derzeitigen Substanzen der Welt und das anfängliche Reservoir darstellt, aus der ihre ganze Vergangenheit zu emergieren scheint. Sind wir nun am Ende dieses großen, so erfolgreichen Bemühens dem zentralen Punkt näher gekommen, den wir erreichen wollten? Ist es uns gelungen, uns dem Herz der Dinge, ihrem Geheimnis, ihrer Quelle zu nähern? Stoßen wir endlich auf die Erklärung? Ja, aber nicht in der Weise, wie man es oft gemeint hat. Erst kommt dem Menschen, der mit Hilfe der wissenschaftlichen Analyse bis zu den äußersten unteren Grenzen der Materie gelangt ist, der Gedanke, er halte wirklich (451) mit den letzten Partikeln der Materie die eigentliche Essenz der Reichtümer des Universums in Händen. «Die Elemente enthalten in sich die Kraft des Ganzen: wer die Elemente in Händen hält, besitzt das Ganze». Das ist das implizite, von zahlreichen Gelehrten und sogar Philosophen eingeräumte Prinzip… Wenn dieses Prinzip wahr wäre, müßte man sagen, daß wir von der Wissenschaft zum Materialismus genötigt würden. Nach und nach schien nämlich mit den Fortschritten der wissenschaftlichen Analyse alles, was «Seele» ist, aus unseren Perspektiven zu verschwinden: die schöpferische und providentielle Kraft, die die Welt lenkt, ist für die Wissenschaft in ein Bündel evolutiver Gesetze zerfallen – die Freiheit in Determinismen – das organische Leben in physiko-chemische Phänomene – das Licht in Schwingungen – die Moleküle in Elektronen. Eins nach dem anderen wurden die Gottheit, die Sittlichkeit, das Leben, die Wahrnehmung, die Kontinuität ausgelöscht, um einem Gewimmel immer unpersonalerer Elemente Platz zu machen. Wenn die Analyse uns wirklich zum Zentrum der Dinge führt, das heißt zu dem äußersten Punkt ihrer Wirklichkeit und ihrer Konsistenz, ist es mit dem Geist aus – aus mit dem Reich des Geistes, der Priorität des Geistes! Letzten Endes ist alles nur Vielheit und Unbewußtsein. Was ist darauf zu antworten? Meine Freunde, um den tödlichen Zauber des Materialismus zu brechen, um die geistige Welt wiederzufinden, ohne die Wissenschaft zu verleugnen, brauchen wir nur folgende Feststellung zu machen: «Die Analyse ist notwendig, sie ist gut. Doch sie hat uns nicht dorthin geführt, wohin wir dachten». Der Materialismus entsteht aus einem grundlegenden Irrtum der Perspektive: wir haben uns häufig eingebildet, wir (52) hätten durch die Wissenschaft die wesentlichen Sphären der Welt, die dichtesten Bezirke des Universums, den Bereich der Konsistenz und des Absoluten angegangen. Tatsächlich sind wir, da wir ihr folgten, lediglich zu den äußersten unteren Grenzen des Wirklichen gelangt, dorthin, wo die Seienden am stärksten verarmt und verdünnt sind. Wir wollten die Einheit, die Synthese: wir haben sowohl die eine als auch die andere gefunden, jedoch nicht die höhere Synthese der Fülle, nicht die Einheit der Konzentration – was wir in Händen halten, ist die Einheit der Verarmung im Homogenen, die Synthese durch Abschwächung der Merkmale5. Sehen wir etwas näher zu, was uns denn letzten Endes die Wissenschaft gelassen hat, um die Welt wieder aufzubauen: Atome, mehr oder weniger in eine antlitzlose Energie aufgelöst. Das ist wenig. Das ist sehr untergeordnet. Doch ist das wenigstens etwas? Etwas Festes, Beständiges, Unsterbliches, Absolutes? – Keineswegs. Betrachten wir das letzte materielle Residuum etwas
(Anm 2) Was man wissenschaftliche «Synthese» nennt [cf. Die allgemeine Theorie der SchwerkraftStrahlungen], ist nur die Reduzierung des Wirklichen auf ein kleineres gemeinsames Element. 5

22 näher, bei dem derzeit die Analyse stehengeblieben ist, und wir erkennen, daß es lediglich eine Art von unterer Nebelwolke darstellt: es handelt sich um Unaufgelöstes. Vielleicht gelingt es uns niemals, die Zerlegung des Wirklichen weiterzutreiben als bis zu dem Punkt, zu dem wir gelangt sind. Schließen wir aber nicht daraus, wir hätten einen widerstandsfähigen Grund erreicht, ein erstes Element der Dinge, eine unzerlegbare Einfachheit, ein ewiges Substrat. Unsere ganze wissenschaftliche Erfahrung legt uns nahe: unterhalb des Elektrons, der Energie, ist die Materie noch analysierbar, sie ist in der Zeit und im Raum unendlich in natürliche Elemente zerlegbar – im etymologischen Sinne des Wortes gib es kein Atom. Die Materie ist (53) wesentlich grenzenlose Vielheit, Staub: es ist also unmöglich, auf ihr aufzubauen; und wer ihr bis ans Ende ihrer selbst folgen wollte, würde zum Nichts streben. Die Materie ist keine feste Grundlage der Welt: sie ist eine Richtung, in der die Dinge immer mehr in dem Maße verschwinden, wie sie ein wenig mehr Einheit verlieren. Wir mußten bis zu den «Atomen» hinabsteigen, um diese Wahrheit zu begreifen; jetzt aber ist es notwendig, daß wir dies nicht mehr vergessen: durch die Analyse haben wir das entrinnen lassen, was den Wert und die Festigkeit der Seienden ausmacht; die einzige Konsistenz der Seienden wird ihnen durch ihr synthetisches Element gegeben, das heißt durch das, was in einem mehr oder weniger vollkommenen Grade ihre Seele, ihr Geist ist. Kehren wir noch einmal, um Kritik zu üben, zur Operation der Analyse zurück, die uns Schritt um Schritt von den Höhen des vernünftigen Lebens bis hin zum Partikelgewimmel der Elektronen geführt hatte. Wir sind mittels aufeinanderfolgender Teilungen vorgegangen. Bei jeder Operation trennten wir zwei Elemente: ein unwägbares, unanalysierbares, synthetisches Ordnungsprinzip – und geordnete [wägbare] Elemente. Jedes Mal verschwand, kraft eben dieser Analyse, das Ordnungsprinzip. Wir haben also unsere Aufmerksamkeit auf die geordneten Elemente konzentriert, die uns von stabilerer Natur zu sein schienen. Diese haben ihrerseits unter der Analyse nachgegeben, sie gaben eine neue Ordnung auf und wurden auf UnterElemente reduziert. Und so weiter. Auf diese Weise haben wir uns von der Statue abgewandt, um das Korn des Marmors zu untersuchen – das Lichtempfinden nicht beachtet, um nur die (54) Schwingungen des Äthers zu behalten – das zellulare Leben beiseite gelassen, um uns den chemischen Gruppierungen zuzuwenden, etc. Das taten wir im Glauben, uns auf das Festere auszurichten, auf etwas, das ein erstes, nicht geordnetes Element wäre. Eine unmögliche Jagd. Wohl haben wir so ein gewisses Gesetz entdeckt, nach dem die Wirklichkeit konstruiert ist, das Gesetz von Hierarchie und der wachsenden Komplikation in der Einheit. Doch die Wirklichkeit selbst, das höchste Etwas, das wir erreichen wollten, ist uns entgangen – und sie entfernte sich sogar immer mehr von uns bei jeder neuen Analyse, wie sich das Licht von dem entfernt, der seinem Widerschein nachjagt. Wir sind tatsächlich in die Richtung gegangen, in der alles zerfällt, alles sich abschwächt: doch das Absolute, das Begreifliche steht im Zentrum, in der Richtung, in der alles sich akzentuiert, bis es nur mehr eins ist. Jedes Ding ist etwas mehr als die Elemente, aus denen es sich zusammensetzt. Und dieses Etwas-Mehr, diese Seele, ist das wahrhafte Band seiner Festigkeit. Man könnte sagen, individuell oder als Ganzes haben die Dinge eine einer Kegelstruktur ähnliche Struktur. In einem Kegel gibt es einen Gipfel und eine Basis, ein Zentrum der Konvergenz und einen Bereich unendlicher Divergenz. Ein Beobachter, der die Achse eines Kegels in Richtung des Gipfels verfolgt, erreicht schließlich den Punkt, in dem alle Erzeugenden sich begegnen und verbinden. Ein Marsch in umgekehrter Richtung führt ihn zu einer grenzenlosen Auflösung der Elemente des Körpers. Nun wohl, durch die analytische Erforschung der Welt sind wir in Richtung der Basis des Kegels gegangen: deshalb schien die Welt sich zwischen unseren Händen aufzulösen. Das ist kein (55) Scheitern. Im Gegenteil, das ist eine große Entdeckung. Auf Grund der

23 wachsenden Pulverisierung der Seienden um uns herum können wir endlich den Punkt des Universums fixieren, an den wir gelangt sind, seine Struktur begreifen, eine wahre Sicht von den Dingen gewinnen, entscheiden, in welcher Richtung verbogen ist, was wir suchen. Wir wissen jetzt, was es bedeutet: «zum Herz der Dinge durchdringen». Will man die lichten, festen, absoluten Bereiche der Welt erreichen, so geht es nicht darum, so tief wie möglich nach unten oder so weit wie möglich nach hinten, sondern darum, in das Innerste der Seele und in Richtung des Neuesten in der Zukunft vorzudringen. Das Elementare und die Vergangenheit sind so geheimnisleer wie die geografische Tiefe der Kontinente und der Abgründe. Eine Fata Morgana ließ uns das Geheimnis der Seienden in ihrem Ursprung sehen [die «Ursprünge» fliehen unaufhörlich vor uns wie der Horizont], man findet ebensowenig den Ursprung der Dinge wie die Quelle eines Flusses: «crescit eundo6». Die Erklärung und die Konsistenz der Welt sind in einer höheren Seele fortschreitender Anziehung und Festigung zu suchen, ohne die die radikale Vielheit des Universums niemals aus ihrem Staub herausgekommen wäre. Die Analyse der Materie offenbart dem, der zu sehen weiß, die Priorität, den Primat des Geistes. II. DIE «WISSENSCHAFTLICHE» RÜCKKEHR ZUM GÖTTLICHEN ZENTRUM Meine Freunde, welche Methode wollen wir wählen – wer soll unser Führer sein, um das Wirkliche in der (56) neuen Richtung zu durchdringen, die sich uns als der wahre Weg der Forschung und der Entdeckung gezeigt hat? – Wie können wir, nachdem wir den Abhang hinabgestiegen sind, der automatisch zum Elementaren, zum Geteilteren, zum Älteren führt, die unvorhersehbaren und komplizierten Wege erkennen, die zum Synthetischeren, zum Neueren aufsteigen? Dürfen wir im Laufe dieses neuen Tages wiederum die Wissenschaft bitten, uns zu lenken? Sie hat uns zum Pol der Auflösung der Dinge geführt. Ist sie fähig, uns zu dem ihrer höchsten Verbindung aufsteigen zu lassen? Viele Leute glauben es, und Sie haben sicher schon die Behauptung gehört: «Die Wissenschaft ist stark genug, um ganz allein uns zu retten». Gerade weil sie alles zerlegt hat, hält die Wissenschaft das Geheimnis in Händen, alles wieder zusammenzusetzen: sie hat also die Hand auf die Kraft gelegt, die wir zum Anteil Gottes machten. «Sehen Sie nur, so sagt man, zu welchen Ergebnissen wir bereits gelangt sind. Wir können [oder wir werden bald] den Äther nach unserem Willen schwingen lassen, äußerst komplizierte Molekulargebäude aufbauen, die auf dem Weg zur organischen Materie liegen. Es wir uns vielleicht eines Tages gelingen, künstlich solche Bedingungen herzustellen, daß wir nach unserem Wunsch Leben hervorbringen. Weshalb sollte es nicht möglich sein, die Hand an die bisher heiligsten Energien zu legen? Die medizinischen und psychologischen Wissenschaften tasten noch im Empirismus. Doch haben sie noch nicht ihr letztes Wort gesprochen. Sollte es uns nicht gelingen, indem wir die Energien des Leibes und der Seele meistern, uns methodisch von den Grenzen unseres Organismus zu befreien, uns wissenschaftlich zu vergeistigen?...». (57) Wir sind vorhin der Illusion, der Versuchung begegnet, die uns glauben machen wollte, wir wären nur Materie, und wir haben versucht, sie zu überwinden. Wie werden wir diese andere, schein-wissenschaftliche Perspektive überwinden, wir seien wie Götter geworden? Es wäre wirklich recht unklug, das erkenne ich an, wollte man von vornherein einen Punkt festlegen, den die wissenschaftliche Synthese niemals überschreiten wird. Ich werde also vermeiden, mich auf irgendwelche Voraussagen dieser Art zu stützen, Voraussagen, die von den Fakten allzuhäufig widerlegt worden sind. Ich möchte sogar folgendes sagen: unsere
6 (Anm 3)

Er wächst im Lauf [Anmerkung der Herausgeber].

24 Menschenpflicht ist es, zu handeln, als ob unserem Vermögen keine Grenzen gesetzt wären. Da wir durch unser Dasein bewußte Mitarbeiter einer Schöpfung geworden sind, die sich in uns fortsetzt, um uns wahrscheinlich zu einem weit höheren und ferneren [selbst irdischen] Ziel zu führen, als wir dachten, müssen wir Gott mit allen unseren Kräften helfen und die Materie umgestalten, als hinge unser Heil nur von unserem Fleiß ab. Doch nachdem dies zugestanden ist, möchte ich folgende Bemerkung machen, die, recht verstanden, genügt, die wissenschaftliche Eroberung der Welt von allem Geist des Stolzes und der Härte zu befreien: wieweit die Wissenschaft in der Beherrschung der Materie und in der Kunst, die Kräfte des Lebens auszulösen, auch fortschreiten mag, wir haben nicht zu befürchten, diese Fortschritte würden uns jemals logisch zwingen, in der Anspannung unserer Kräfte des sittlichen und religiösen Bemühens nachzulassen; wir können im Gegenteil gewiß sein, daß sie lediglich dazu dienen werden, immer gebieterischer in uns diese Kräfte anzuspornen. (58) Unmöglich, widersprüchlich ist, wenn man es recht bedenkt, der Versuch, wie Titanen die Pforten des Mehr-Lebens a- oder un-moralisch zu sprengen. Das Bemühen in Richtung organischer Einheit kompliziert sich [auf Grund seiner Struktur] wesentlich um eine innere Haltung des Herzens und des Willens. Die wissenschaftliche Synthese des Menschen [wenn man so sagen darf] findet ebenso notwendig ihre Weiterführung im moralischen Fortschritt wie die chemische Synthese der Eiweiße in biologischen Manifestationen. Die Titanen spielen? = unmöglich. Und weshalb? 1. weil die einsmachende Synthese in se = α Tugend; 2. weil die einsmachende Synthese inter se = α Zentrum. Wir sind immer versucht die Moralität des Lebens, die mystische Schau der Dinge als oberflächliche, subjektive Phänomene zu betrachten, als Energien geringerer Natur. In Wirklichkeit stellt die eine wie die andere in uns die unmittelbare Weiterführung der Kräfte dar, die unter dem schöpferischen Einstrom die aufeinanderfolgenden Kreise der Welt aufgebaut haben. Sie sind das Anzeichen, das Maß, die Faktoren der wahrhaften organischen Synthese des Geistes. Je weiter wir auf den Wegen der Materie in Richtung der Vervollkommnung unseres Organismus voranschreiten, um so notwendiger wird es, daß die von unserem Sein eroberte Einheit sich in den Fibern unseres Bewußtseins durch die Herrschaft des Geistes über das Fleisch, durch die Harmonisation und die Sublimation der Leidenschaften kundgebe und vollende. Und je mehr wir uns durch geschickte Konvergenz unseres Bemühens dem gemeinsamen Zentrum nähern, zu dem die Elemente der Welt streben, um so mehr müssen wir auch als bewußte Atome des Universums uns «aus Konstruktionsgründen» den immer (59) umfassenderen Zusammenhängen, dem beherrschenden universellen Einfluß dieses besser bekannten Zentrums unterordnen – um so mehr müssen wir anbeten. Ich bin weit entfernt davon, meine Freunde, die christlichen Dogmen allein aus der Durchsicht der Eigenschaften ableiten zu wollen, die von unserer Vernunft der Struktur der Welt zuerkannt werden. Christus, so werden wir sagen, ist die Fülle, das synthetische Prinzip des Universums: er ist also etwas mehr als alle Elemente dieser Welt zusammen, das heißt, er kann nicht aus ihnen abgeleitet werden, wenn er auch aus ihnen erwartet werden mag. Dagegen ist es legitim, bedeutet es Stärke, wenn wir feststellen, wie sehr die christlichen Anschauungen harmonisch dem entsprechen, was wir suchen. Die Wissenschaft, so haben wir gesehen, hat uns sogar auf Grund des Unvermögens ihres analytischen Bemühens gelehrt, daß es in der Richtung, in der die Dinge sich in der Einheit komplizieren, ein höchstes Zentrum der Konvergenz und der Konsistenz geben müsse, in dem sich alles verknüpft und durch das alles Bestand hat. Freuen wir uns [der Terminus ist nicht zu stark], zu sehen, wie sehr Jesus Christus

25 auf Grund seiner grundlegendsten Moral und seiner gewissesten Attribute bewundernswert den von der Erwartung der ganzen Natur vorgezeichneten leeren Platz ausfüllt. Jesus predigt uns die Reinheit, die Liebe, die Entsagung. Welches aber sind die spezifischen Effekte der Reinheit, wenn nicht die Konzentration und die Sublimation der vielfältigen Kräfte der Seele, die Einswerdung des Menschen in sich? – Was bewirkt die Liebe ihrerseits, wenn nicht die Verschmelzung der vielgestaltigen Individuen in einem einzigen Leib und einer einzigen Seele, die Einswerdung der Menschen (60) untereinander? – Was stellt schließlich die christliche Entsagung dar, wenn nicht die Dekonzentration jedes Menschen zugunsten eines vollkommeneren und geliebteren Seins, die Einswerdung des Ganzen in Einem? Und nun, wer ist Christus selbst? Öffnet die Schrift an ihren gewichtigsten und authentischsten Stellen. Befragt die Kirche über ihre wesentlichsten Glaubenssätze. Und ihr werdet folgendes erfahren: Christus ist kein der Welt hinzugefügtes Beiwerk, kein Schmuck, kein König, wie wir sie machen, kein Besitzer… Er ist das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende, der Grundstein und der Schlußstein, die Fülle und der Erfüllende. Er ist jener, der vollendet, und jener, der allem seine Konsistenz gibt. Zu ihm hin und durch ihn, inneres Leben und Licht der Welt, wird in der Klage und im Bemühen die universelle Konvergenz allen geschaffenen Geistes. Er ist das einzige, wertvolle und konsistente Zentrum, das am kommenden Gipfel der Welt funkelt, am Gegenpol der dunklen, ewig abnehmenden Bereiche, in die sich unsere Wissenschaft hineinwagt, wenn sie die Straße der Materie und der Vergangenheit hinabsteigt. Angesichts dieser tiefen Harmonie, die für unsere Christenaugen den Bereich des Vielen und den der Einheit, den wesentlich analytischen Bereich der Wissenschaft und den ultra-synthetischen der Religion, miteinander verbindet und einander unterordnet, können wir, so scheint mir, meine Freunde, folgende Schlußfolgerungen ziehen, die die Moral dieser allzu langen Rede enthalten: Vor allem sollen wir Christen nicht blindlings vor den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung, sei es in der Physik, der Biologie oder der Geschichte, Angst (61) haben und Ärgernis daran nehmen. Es gibt Katholiken, die verwirrt sind, wenn man ihnen zeigt: – daß z.B. die Gesetze der Vorsehung sich in Determinismen und in Zufall auflösen – oder aber daß sich hinter unseren geistigsten Kräften sehr komplizierte materielle Gebäude verbergen – oder aber daß die christliche Religion Wurzeln in einer natürlichen religiösen Entwicklung des menschlichen Bewußtseins hat – oder daß der menschliche Leib eine unermeßliche Reihe von vorangehenden organischen Entwicklungen voraussetzt. Diese Katholiken leugnen die Fakten, oder aber sie erschrecken davor. Das ist ein großes Unrecht. Die Analysen der Wissenschaft und der Geschichte sind sehr häufig richtig; doch mindern sie absolut nicht die göttliche Allmacht, noch die Geistigkeit der Seele, noch den übernatürlichen Charakter des Christentums, noch die Überlegenheit des Menschen über die Tiere… Die Vorsehung, die Seele, das göttliche Leben sind synthetische Wirklichkeiten. Da ihre Funktion ist «einszumachen», setzen sie außerhalb und unterhalb von ihnen ein System von Elementen voraus: doch konstituieren diese Elemente sie nicht, sie erwarten vielmehr von ihnen ihre «Beseelung». Die Wissenschaft dürfte uns also durch ihre Analysen in unserem Glauben nicht verwirren. Sie muß uns im Gegenteil helfen, Gott besser zu erkennen, zu begreifen und zu schätzen. Ich bin meinerseits überzeugt, daß es keine machtvollere natürliche Nahrung für das religiöse Leben gibt als den Kontakt mit den recht begriffenen wissenschaftlichen Wirklichkeiten. Der Mensch, der gewöhnlich in Gesellschaft der Elemente dieser Welt lebt, der Mensch, der persönlich die erdrückende Unermeßlichkeit der Dinge und ihre erbärmliche Auflösung erfährt – der wird sich, dessen (62) bin ich sicher, klarer als sonst jemand sowohl des unermeßlichen Bedürfnisses nach

26 Einheit, welches das Universum immer weiter voranjagt, als auch der unerhörten Zukunft bewußt, die ihm vorbehalten ist. Niemand begreift so sehr wie der sich über die Materie neigende Mensch, wie sehr Christus auf Grund seiner Inkarnation der Welt innerlich ist, bis in das Herz des geringsten Atoms in die Welt eingewurzelt ist. Wir haben die Struktur des Universums der eines Kegels verglichen: nur der beurteilt recht den in dem Gipfel des Kegels eingeschlossenen Reichtum, der zuerst die Breite und die Macht der Basis ausgemessen hat. Es ist folglich eitel – es ist ungerecht, Wissenschaft und Christus einander entgegenzustellen oder sie als zwei einander fremde Bereiche zu trennen. Die Wissenschaft allein kann nicht Christus entdecken – doch erfüllt Christus die Wünsche, die in unseren Herzen in der Schule der Wissenschaft geboren werden. Der Zyklus, der die Menschen bis ins Innerste der Materie inmitten des Vielen hinabsteigen läßt, um ihn von dort bis zum Zentrum der geistigen Einswerdung aufsteigen zu lassen ist ein natürlicher Zyklus. Man könnte sagen, er sei ein göttlicher Zyklus, weil zunächst der ihm nachgegangen ist, der «zur Hölle absteigen» mußte, bevor er sich bis zu den Himmeln erhob, damit er alles erfülle. «Quis ascendit nisi qui descendit prius, ut impleret omnia7.»
In Paris am 27. Februar 1921 gehaltener Vortrag. (63)

IV MEIN UNIVERSUM8
Die folgenden Seiten wollen keineswegs eine endgültige Erklärung der Welt erbringen. Sie haben nicht unmittelbar die Absicht, irgendeine allgemeine Theorie des Denkens, des Tuns und der Mystik aufzustellen, als ob die Horizonte, welche sie aufdecken, sich unmittelbar so, wie sie sind, allen denkenden Wesen auf Kosten gewisser anderer Sehweisen aufdrängen müßten, die [zu Recht oder Unrecht] als traditioneller oder allgemeiner angesehen werden. Ich habe hier lediglich die Absicht, darzulegen wie ich auf meine persönliche Weise die Welt begreife, eine Sicht, zu der mich die unausweichliche Entwicklung meines menschlichen und christlichen Bewußtseins Schritt um Schritt geführt hat. Die religiösen Wahrheiten und die religiöse Praxis haben in einem Prozeß, auf den, das fühle ich, meine Freiheit keinerlei Einfluß hatte, durch ihr Einwirken auf meine individuelle Natur die Ergebnisse gezeitigt, die ich hier zur Aussage bringen möchte. Dieser Determinismus [oder, wenn man es vorzieht, diese unwiderstehliche Spontaneität] macht die Hauptbedeutung des vorliegenden Essays aus. Es wäre selbstverständlich leicht, von einem intellektuellen Gesichtspunkt aus das von mir vorgeschlagene System zu kritisieren. Diese Kritiken vermöchten in keiner Weise ihm seinen besonderen Wert zu nehmen, nämlich ein unwiderlegliches psychologisches Zeugnis zu geben. Meine Philosophie mag mehr oder weniger geschickt sein, es bleibt doch immer als ein Faktum bestehen, daß ein durch nichts ausgezeichneter Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, weil er ganz normal an den Ideen und Sorgen seiner Zeit teilnahm, das (64) Gleichgewicht seines inneren Lebens nur in einer physizistischen und einheitlichen Konzeption von der Welt und Christus zu finden vermochte – und daß er darin einen unendlichen Frieden und eine grenzenlose Entfaltung gefunden hat.
Nach Eph 4, 9 und 10. Diese Schrift ist die zweite mit dem Titel Mein Universum. Die erste aus dem Jahre 1918 ist von Alice Teillard-Chambon in Écrits du Temps de la Guerre, Éditions Grasset, Paris 1965, veröffentlicht worden. Die deutsche Ausgabe ist unter dem Titel Frühe Schriften [Freiburg 1968] erschienen [Anmerkung der Herausgeber und des Übersetzers].
7 8 (Anm 4) (Anm 1)

27 Dieses objektive Gelingen aber hat seine Bedeutung in sich selbst. Es beweist, daß trotz der Ungeschicklichkeiten und des Annäherungscharakters der Begriffe, die ich verwende, eine geistige Tendenz in mir Gestalt zu gewinnen suchte, welche später einmal andere glücklicher als ich niederschreiben werden. Wirklich, ich fühle es, nicht ich habe diese Seiten entworfen: sondern in mir ein Mensch, der größer ist als ich – ein Mensch, den ich als immer denselben hundertmal in meiner Umgebung erkannt habe. So begrenzt sie auch sein mag, meine Erfahrung der letzten zehn Jahre hat mir erwiesen, daß eine ungeahnte Zahl von Menschen, sei es im Christentum, sei es außerhalb von ihm, sich [mehr oder weniger deutlich] aus denselben Intuitionen und denselben Vorahnungen nähren wie die, die mein Leben erfüllt haben. Weil das Schicksal mich an eine privilegierte Kreuzung der Welt gestellt hat, wo ich in meiner doppelten Eigenschaft als Priester und Mann der Wissenschaft spüren konnte, wie durch mich hindurch unter besonders erregenden und mannigfaltigen Bedingungen der doppelte Strom der menschlichen und göttlichen Kräfte hindurchgeht; und weil ich in dieser Vorzugsstellung an der Grenze der beiden Welten außergewöhnliche Freunde gefunden habe, die mir mein Denken öffnen halfen, und lange Zeiten der Muße, um es auszureifen und zu fixieren: so glaube ich, ich würde dem Leben und auch jenen untreu sein, die meiner Hilfe bedürfen [wie andere mir geholfen haben], wenn ich nicht versuchte, (65) ihnen die Grundlinien der leuchtenden Gestalt zu übermitteln, die sich vor mir im Laufe von fünfundzwanzig Jahren des Nachdenkens und der Erfahrungen aller Art im Universum enthüllt hat. Ich wiederhole es: sie werden hier nur eine Skizze finden. Doch wird es das Glück ihres wie meines Lebens ausmachen, ständig an dieser Skizze zu arbeiten, um ihre Züge zu präzisieren. Die Anschauung, die ich umreißen möchte, gewinnt ihre Verführungskraft und ihr Frieden schenkendes Vermögen aus der Geschmeidigkeit und Leichtigkeit, mit der sich, im Ausgang von ihr, die zahllosen Elemente der physischen, moralischen, sozialen, religiösen… Welt miteinander verketten, sich ordnen, wechselseitig erhellen – soweit das Auge reicht und in ihrem innersten Grund. Diese feste, natürliche, totale Kohärenz zu zeigen, wird meine ganze «Apologetik» ausmachen. Ich werde keine Zeit damit verlieren, Einzelsätze zu diskutieren. Ich werde nicht unruhig nach immer neuen Postulaten suchen. Ebensowenig werde ich mir die Mühe machen, die Korollarien, die entlang den in großen Strichen aufgezeichneten Leitlinien in Mengen geboren werden, bis in ihre letzten Konsequenzen zu verfolgen. Mein ganzes Bemühen möchte zeigen, wie es möglich ist – geht man die gewaltige Unordnung der Dinge unter einem gewissen Winkel an – plötzlich zu sehen, wie sich ihre Dunkelheit und ihr Mißklang zu einer unsagbaren Schwingung verwandelt, unerschöpflich im Reichtum ihrer Nuancen und ihrer Töne, unendlich in der Vollendung ihrer Einheit. Wenn ich dieses Gelingen ein wenig begreiflich zu machen und daran teilhaben zu lassen vermag, hätte ich den besten Beweis geliefert: wird die Synthese des Wirklichen mühelos verwirklicht so können wir dort nur die Wahrheit vor uns haben. (66) I. PHILOSOPHIE. DIE UNIO CREATRIX A. DIE GRUNDPRINZIPIEN Bevor wir die synthetische Darlegung der Philosophie angehen, die das Gebäude meiner moralischen und religiösen Konstruktion trägt und organisiert, halte ich es für nützlich, eine gewisse Zahl von Grundprinzipien oder Postulaten herauszuarbeiten, in denen «der Geist» sichtbar wird, aus dem meine Vorstellung des Universums geboren ist und sich entwickelt hat. 1. Der Primat des Bewußtseins Logisch und psychologisch ist das erste dieser Prinzipien die tiefe Überzeugung, daß das Sein gut ist, das heißt:

28 a] daß es besser ist, zu sein, als nicht zu sein, b] daß es besser ist, mehr zu sein, als weniger zu sein. Wird als Hilfsprinzip zugestanden, daß das «vollendete» Sein das bewußte Sein ist, so kann man diesem Prinzip eine praktischere, klarere Form geben, nämlich: a] daß es besser ist, bewußt zu sein, als nicht bewußt zu sein, b] daß es besser ist, bewußter zu sein, als weniger bewußt zu sein. Auf den ersten Blick könnten diese Sätze als wertlose Binsenwahrheiten erscheinen. In Wirklichkeit erweisen sie sich als äußerst fruchtbar und anspruchsvoll, sobald man versucht, sie bis in ihre letzten Konsequenzen voranzutreiben. Mit Erstaunen erfährt und sieht man, wie häufig sie praktisch oder theoretisch von den Agnostikern, den Pessimisten, den Genießern, den (67) Kleinmütigen bestritten werden. Vielleicht kommt es wirklich in der Urentscheidung zwischen dem absoluten Wert oder Unwert des höchsten Bewußtseins zu dem großen Trennungsstrich zwischen den guten oder bösen, den erwählten oder verworfenen Menschen. 2. Der Glaube an das Leben Unmittelbar neben diesem ersten Grundstein meines inneren Lebens – dem Primat des Bewußtseins – erkenne ich einen anderen, nämlich den Glauben an das Leben, das heißt die unerschütterliche Gewißheit, daß das in seiner Gesamtheit betrachtete Universum a] ein Ziel hat, b] sich weder im Wege täuschen, noch unterwegs stehenbleiben kann. Einzeln genommen gelangt, leider!, nur ein lächerlich kleiner Teil der Elemente der Welt zum Ziel. Unbeirrt weigere ich mich, diese totale Kontingenz auf ihre Kollektivität auszudehnen. Ich kann nicht zugeben, daß das Universum scheitert. Ob dieses Privileg [die Sicherheit des Gelingens] einem providentiellen, transzendenten Tun zu verdanken sei – oder aber dem Einfluß einer dem Ganzen immanenten geistigen Energie [einer Seele der Welt] – oder aber der Art von Unfehlbarkeit, die, während sie sich den Einzelversuchen verweigert, den endlos vervielfachten Versuchen zu eigen ist [«Unfehlbarkeit der großen Zahlen»] – oder aber, ob es gleichzeitig im hierarchisierten Wirken dieser drei Faktoren gründet – das ist hier unwichtig. – Vor jeder Erklärung der Sache glaube ich an dieses Faktum: die Welt, wird sie als ein Ganzes genommen, ist ihrer sicher, daß sie ans Ziel kommt, das heißt [kraft des Prinzips 1], daß sie zu einem gewissen höheren Bewußtseinszustand gelangt. (68) Ich glaube es auf Grund einer Folgerung: wenn nämlich dem Universum bisher die unwahrscheinliche Arbeit gelungen ist, das menschliche Denken im Schoße dessen hervorzubringen, was uns als ein unvorstellbares Netz von Zufällen und schlechten Aussichten erscheint, so deshalb, weil es im Kern seiner selbst von einer – die es zusammensetzenden Elemente souverän beherrschenden – Kraft gelenkt wird. Ich glaube das auch, weil es mir nottut: denn könnte ich zweifeln an der allem standhaltenden Festigkeit der Substanz, in die ich hinein genommen bin, würde ich mich absolut verloren und verzweifelt fühlen. Ich glaube es schließlich und vielleicht vor allem aus Liebe; denn ich liebe das mich umgebende Universum zu sehr, als daß ich nicht zu ihm Vertrauen hätte. 3. Der Glaube an das Absolute Da die Welt gelingt [Prinzip 2], und da das Gelingen darin besteht, bewußter zu werden [Prinzip 1], komme ich, wie gerade gesehen, zu dem Schluß, daß das Universum in sich die Frucht eines gewissen Bewußtseins zur Reife bringt. Welches wesentliche Attribut muß diesem höheren Bewußtsein, dieser höheren Seinsweise zukommen, damit wir anerkennen können, daß es

29 wirklich ein Gelingen sei? – Wir wollen von ihm verlangen, daß es einen für immer gewonnenen Status, das heißt eine absolute Vollkommenheit darstellt. Tatsächlich, und das ist ganz klar, stellen sich 99 Menschen von 100 diese Frage niemals eindeutig: «Lohnt es die Mühe, zu leben?» Sie sehen darin kein Problem, weil das Leben sie noch automatisch mitreißt, wie es die unvernünftigen Wesen mitgerissen hat, die allein bis zum Menschen hin die Arbeit der Evolution geleistet haben. Doch das Problem existiert in Wirklichkeit, (69) und es ist vorauszusehen, daß es sich der Menschheit mit wachsender Schärfe in dem Maße stellen wird, wie das von ihr verwirklichte Werk kostbarer und schwerer wird. Dürfen wir wirklich hoffen, ein dauerhaftes Werk zu vollbringen oder kneten wir einfach nur Asche? Mit der Intelligenz ist im Herzen der irdischen Welt ein furchtbares Vermögen, diese Welt zu kritisieren, aufgetreten. Die Tiere ziehen passiv und blind den recht schweren Karren des Fortschritts. Der Mensch seinerseits kann und muß, bevor er die gemeinsame Aufgabe fortsetzt, sich fragen, ob sich die Mühe lohnt, die sie verlangt: die Arbeit des Lebens und der Schrecken des Sterbens. Die einzige Entlohnung aber, die uns befriedigen könnte [ich rufe das loyale Nachdenken jedes Menschen zum Zeugen, der fähig ist, bis an den wahren Grund seiner selbst hinabzusteigen], ist die Garantie, daß das greifbare Ergebnis unserer Mühsal mit irgend etwas von ihm selbst in eine Wirklichkeit aufgenommen wird, wo weder Wurm noch Rost es zu erreichen vermöchten. Das hier ausgesprochene Erfordernis könnte maßlos erscheinen. Ich glaube jedoch, es ist für den Menschen absolut natürlich, weil ich es so deutlich in mir selbst lese, daß ich nicht zugeben kann, daß es von Rechts wegen in irgendeinem unter meinesgleichen fehle. Je mehr ich es bedenke, um so mehr sehe ich, daß ich psychologisch unfähig wäre, die geringste Anstrengung zu leisten, wenn ich nicht an den absoluten Wert von irgend etwas in diesem Bemühen glauben könnte. Beweisen Sie mir, daß eines Tages nichts mehr von meinem Werk übrig bliebe, weil es nicht nur einen Tod des Individuums und einen Tod der Erde, sondern auch einen Tod des Universums gibt – und Sie töten in mir die Triebkraft allen Tuns. Versprechen (70) Sie meinem Sein Jahrtausende personalen Lebens oder übermenschlichen Nutzens in etwas Größerem als es selbst. Wenn am Ende dieses Zeitraums ihm die Vernichtung auflauert, so ist das genauso, wie wenn der Tod morgen über mich käme: ich würde nicht den kleinen Finger rühren, um besser zu werden. Der freie Wille kann nur in Bewegung gesetzt werden, und wäre es für die geringste Sache, durch den Anreiz eines endgültigen Ergebnisses, eines «Κτἣμαέίςάέι»9, das seinem Bemühen verheißen ist. Und da ich gerade eben [Prinzip 2] nicht einräumen kann, die Welt sei schlecht konstruiert, physisch widersprüchlich, unfähig, den wesentlichen Hunger der Seienden zu nähren, die sie in ihrem Schoß hervorgebracht hat – lege ich mich so rückhaltlos auf die Gewißheit fest, daß das Leben in seiner Gesamtheit auf die Errichtung einer neuen und ewigen Erde zugeht. 4. Die Priorität des Ganzen Unter welchen Zügen stelle ich mir nun die allein wertvolle Endwirklichkeit vor, die all das sammelt, was meine Arbeit und die Arbeit des Lebens an Absolutem enthalten? – Unausweichlich in der Gestalt einer unermeßlichen Einheit. Da das Leben in seiner Gesamtheit und nicht in seinen Elementen unfehlbar ist [Prinzip 2]; da in der erwarteten Frucht des Wachstums der Welt der reinste von jeder Monade hervorgebrachte Saft destilliert werden muß [Prinzip 3], vermöchte das Absolute, zu dem hin wir uns erheben, kein anderes Antlitz denn das des Ganzen zu haben – eines geläuterten sublimierten, «bewußt gemachten» Ganzen. So hat sich,
9 (Anm 2)

Eines «für immer bleibenden Werkes» [Anmerkung der Herausgeber].

30 Schritt um Schritt, mein Glaube an den Wert des individuellen Seins präzisiert, bereichert, bis er mich einer universell erwarteten Wirklichkeit zu (71) Füßen warf. Der intellektuelle Prozeß ist logisch. Historisch ist mein Geist, dessen bin ich sicher, einem entgegengesetzten Weg gefolgt. Vielmehr hat es sich mir durch eine Art von «kosmischem Bewußtsein» dargestellt, sich mir aufgedrängt. Seine Anziehung hat alles in mir in Bewegung gesetzt, alles beseelt, alles organisiert. Weil ich leidenschaftlich das Ganze spüre und liebe, weil ich an den Primat des Seins glaube – und weil ich nicht ein endgültiges Scheitern des Lebens einräumen kann – und weil ich keine geringeren Lohn zu wünschen vermag denn dieses Ganze selbst. Weder philosophisch noch psychologisch kann, das wird im weiteren immer wieder deutlich, in der Welt etwas begriffen werden, außer im Ausgang vom Ganzen und im Ganzen. B. DIE UNIO CREATRIX Die verschiedenen aufgezeigten Prinzipien umschreiben das Feld, innerhalb dessen die Lösung des Problems des Lebens zu suchen ist – doch sie liefern noch keine Interpretation der Welt. Diese Interpretation habe ich mir durch die Theorie von der Unio Creatrix zu geben versucht. Die Unio Creatrix ist nicht eigentlich eine metaphysische Doktrin. Sie ist weit eher eine Art empirischer und pragmatischer Erklärung des Universums, die in mir aus dem Bedürfnis entstanden ist, in einem handfest zusammenhängenden System die wissenschaftlichen Perspektiven der Evolution [die in ihrer Essenz als endgültig anerkannt werden] mit der eingeprägten Tendenz zu versöhnen, die mich dahin drängte, das (72) Göttliche nicht im Bruch mit der physischen Welt, sondern durch die Materie hindurch und in gewisser Weise im Verein mit ihr zu suchen. Zu dieser Erklärung der Dinge bin ich auf sehr einfache Weise gelangt, indem ich über die so verwirrenden Beziehungen nachdachte, die zwischen dem Geist und der Materie bestehen. Wenn die Erfahrung eines wirklich aufgewiesen hat so dieses: «Je höher ein Psychismus bei allen uns bekannten Lebewesen ist, um so stärker scheint er uns an einen komplizierten Organismus gebunden zu sein». Je geistiger die Seele ist, um so vielfältiger und zerbrechlicher ist ihr Leib. – Dieses seltsame Kompensationsgesetz scheint die Aufmerksamkeit der Philosophen nicht besonders erregt zu haben, es sei denn, um ihnen als Anlaß zu dienen, den Abgrund noch zu vertiefen, den sie gerne zwischen dem Geist und der Materie ausheben. Mir schien diese Beziehung, weit davon entfernt, paradox oder akzidentell zu sein, weit eher in Frage zu kommen, um die verborgene Konstitution der Seienden zu verraten. Anstatt daraus eine Schwierigkeit, einen Einwand zu machen, habe ich sie also gerade in das Prinzip der Erklärung der Dinge verwandelt. Die Theorie der Unio Creatrix räumt ein, daß in der derzeitigen evolutiven Phase des Kosmos [der einzigen uns bekannten] sich alles so vollzieht, als bilde das Eine sich durch aufeinanderfolgende Einswerdungen des Vielen – und als wäre es um so vollkommener, je vollkommener es unter sich ein umfassenderes Vieles zentralisiert. Für die durch die Seele in einem Leib gruppierten [und eben dadurch zu einem höheren Grad des Seins erhobenen] Elemente «plus esse est plus cum pluribus uniri»10. Für die Seele selbst, das Prinzip der Einheit, «plus esse est plus plura unire»11. Für die (73) beiden heißt, die Vereinigung zu empfangen oder mitzuteilen, den Schöpfereinfluß Gottes zu erfahren «qui creat uniendo»12.
(Anm 3) Mehr sein heißt, besser mit einer größeren Zahl von Elementen vereint werden [Anmerkung der Herausgeber]. 11 (Anm 4) Mehr sein heißt, eine größere Zahl von Elementen besser vereinen [Anmerkung der Herausgeber]. 12 (Anm 5) Der vereinigend erschafft [Anmerkung der Herausgeber]. 10

31 Diese Formulierungen sind sorgfältig abzuwägen, damit sie nicht falsch interpretiert werden. Sie bedeuten nicht, das Eine sei aus Vielem zusammengesetzt, das heißt, es entstehe dadurch, daß in ihm die Elemente verschmelzen, die es verbindet [denn dann wäre es entweder nicht eine Schöpfung, das heißt etwas ganz Neues, oder aber die Grenzen des Vielen würden sich fortschreitend reduzieren, und das widerspricht der Erfahrung]. Sie sagen einzig und allein diese Tatsache aus, daß das Eine uns nur in der Folge des Vielen erscheint, in der Beherrschung des Vielen, weil es sein wesentliches, formales Tun ausmacht, zu vereinigen. – Und dies führt uns dahin, ein Grundprinzip auszusprechen, nämlich: «Die Unio Creatrix verschmilzt nicht die Glieder untereinander, die sie gruppiert [besteht die Seligkeit, die sie bringt, nicht gerade eben darin, eins mit dem anderen zu werden, indem man sich selbst bleibt?]. Sie bewahrt sie: sie vollendet sie sogar, wie wir im Leib der Lebewesen sehen, wo die Zellen in dem Maße spezialisierter sind, wie sie zu einem in der Reihe der Tiere höher stehenden Wesen gehören. Jede höhere Seele differenziert die Elemente besser, die sie vereint.» In dem unseren historischen oder experimentellen Forschungen offenstehenden Bereich sind die Gesetze der Unio Creatrix mehr als hinreichend zu verifizieren. Das sich Schritt um Schritt auf einer immer breiteren und höheren Pyramide von beseelter Materie erhebende Bewußtsein: das ist genau der objektivste und befriedigendste Ausdruck für das Wirkliche, so weit und so tief wir es durch unsere Sinne zu erreichen vermögen. (74) – Die Freude des menschlichen Geistes aber macht es aus, zu versuchen, die Harmonie seiner Perspektiven über jede direkte Schau hinaus in alle Richtungen auszuweiten. Zu diesem heiligen Spiel bietet sich die Rekursionsformel von der Unio Creatrix mit wunderbarer Anpassungsfähigkeit an. Im folgenden wollen wir in großen Zügen die Organisation skizzieren, die sie in die dunkle Masse der fernsten Vergangenheit und der letzten Zukunft trägt. An der unteren Grenze der Dinge, unterhalb unseres Zugriffs, enthüllt sie uns eine unermeßliche Pluralität – die vollständige Mannigfaltigkeit in Verbindung mit der totalen Enteignung. In Wirklichkeit wäre diese absolute Vielheit das Nichts, und sie hat niemals existiert. Doch sie ist die Richtung, aus der für uns die Welt hervorgeht am Ursprung der Zeiten erweist die Welt sich uns als aus dem Vielen emergierend, von Vielem durchtränkt und triefend. Doch hat bereits, da etwas ist, die Arbeit der Einswerdung begonnen. In den ersten Stadien, da die Welt uns vorstellbar wird, ist sie schon seit langer Zeit die Beute einer Vielzahl von elementaren Seelen, die sich um ihren Staub streiten, um zu existieren, indem sie sie einsmachen. Wir können nicht daran zweifeln: die sogenannte rohe Materie ist gewiß auf ihre Weise beseelt. Vollständige Äußerlichkeit oder totale «Transienz» sind, ebenso wie absolute Vielheit, Synonyme des Nichts. Atome, Elektronen, Elementarteilchen müssen, was immer es auch sei [vorausgesetzt, es sei etwas außerhalb von uns], ein Rudiment von Immanenz haben, das heißt einen Funken von Geist. Bevor auf der Erde die physiko-chemischen Bedingungen die Entstehung des organischen Lebens erlaubten, war entweder das Universum in sich noch nichts, oder aber es bildete bereits eine (75) Nebelwolke von Bewußtsein. Jede Einheit der Welt ist, sofern sie eine natürliche Einheit ist, eine Monade. In der materiellen Welt vereinen die Monaden wenig und schlecht: deshalb sind sie im Vergleich zu den Lebewesen im eigentlichen Sinne so maßlos stabil. Bei den Tieren vereinen sie mehr – genug, um sehr gebrechlich zu sein, zu wenig, um dem Zerfall zu widerstehen, der ihnen auflauert. Im Menschen allein vereint unseres Wissens der Geist die Universalität des Universums so vollkommen um sich, daß trotz der vorübergehenden Auflösung seines organischen Stützpunktes nichts mehr den «Vortex» des Wirkens und des Bewußtseins zu zerstören vermöchte, deren subsistentes Zentrum er ist. Die menschliche Seele ist der erste endgültige Halt, an dem das durch die Schöpfung in Richtung Einheit emporgehobene Viele sich anzuklammern vermag.

32 Soweit sind um uns herum im Universum die Dinge gelangt. Wie eine von zahllosen Zentren ausstrahlende Sphäre scheint die materielle Welt heute gewissermaßen am geistigen Bewußtsein der Menschen zu hängen. Was lehrt uns die Unio Creatrix über das Gleichgewicht und die Zukunft dieses Systems? – Sie weist uns formell darauf hin, daß die Welt, die wir sehen, noch zutiefst unstabil und unvollendet ist: unstabil, weil die Millionen der heute in den Kosmos eingeschlossenen [lebenden oder dahingeschiedenen] Seelen ein schwankendes Vieles bilden, das, mechanisch, eines Zentrums bedarf, um «zu halten»; unvollendet, weil eben ihre Pluralität zugleich eine Schwäche darstellt und eine Zukunftskraft und -hoffnung ist – das Erfordernis oder die Erwartung einer weiteren Einswerdung im Geiste. Damit sind wir auf Grund des Gewichts der ganzen vergangenen Evolution gezwungen, (76) höher hinauf zu blicken in den Reihen des Geistigen, selbst über uns Menschen hinaus. Wenn die infrahumane Welt durch die uns eigenen Seelen konsolidiert wurde, so ist die menschliche Welt ihrerseits nur vorstellbar als getragen von umfassenderen und mächtigeren bewußten Zentren denn den unsrigen. Und so gelangen wir Schritt um Schritt [vom mehr zum weniger Vielen] dahin, ein erstes und höchste Zentrum, ein Omega zu entwerfen, in dem sich alle Fasern, alle Fäden, alle Erzeugenden des Universums verbinden – ein noch in Bildung begriffenes [virtuelles] Zentrum, wenn man die Vervollständigung der Bewegung ins Auge faßt, die es leitet, jedoch auch ein breites wirkliches Zentrum; denn ohne seine derzeitige Anziehung vermöchte der allgemeine Strom der Einswerdung das Viele nicht emporzuheben. Es zeigt sich also: im Lichte der Unio Creatrix gewinnt das Universum die Gestalt eines unermeßlichen Kegels, dessen Basis sich unendlich nach hinten in die Nacht entspannen würde – während sich sein Gipfel immer mehr im Lichte erhöbe und konzentrierte. Von oben nach unten ist derselbe schöpferische Einfluß spürbar – jedoch immer bewußter, immer geläuterter, immer komplizierter. Am Ursprung bewegen dunkle Affinitäten die Materie; dann macht sich bald die Anziehung des Lebendigen bemerkbar – eine fast mechanische Bewegung in den niederen Formen, die aber im menschlichen Herzen zum unendlich reichen und erschreckenden Vermögen der Liebe wird; weiter oben schließlich entsteht die Leidenschaft für die über die Kreise des Menschlichen sich erhebenden Wirklichkeiten, in die wir uns dunkel eingetaucht fühlen. Die Wissenschaft befaßt sich notwendigerweise vorrangig damit, die von der Bewegung des Lebens nacheinander (77) verwirklichten materiellen Anordnungen zu studieren. Dabei sieht sie nur die Kruste der Dinge. Die wahrhafte Evolution der Welt vollzieht sich in den Seelen und in der Vereinigung der Seelen. Ihre inneren Faktoren sind nicht mechanistisch, sondern psychologisch und moralisch. Deshalb [wir werden auf diesen Punkt noch zurückkommen] sind die späteren physischen Entwicklungen der Menschheit, das heißt die wirklichen Weiterführungen ihrer sideralen und biologischen Evolution, in einem Bewußtseinszuwachs zu suchen, der erzielt wird, indem Einheit schaffende psychische Kräfte ins Spiel gebracht werden. EINIGE SCHLUßFOLGERUNGEN AUS DER UNIO CREATRIX Wenn man diese Vorstellung des Universums annimmt, sieht man überrascht, mit welcher Leichtigkeit sich als Konsequenzen aus der Unio Creatrix eine ganze Reihe von für das bessere Verständnis und den besseren Gebrauch der Welt äußerst wertvollen Sätzen ergeben. 1. An der Spitze dieser Schlußfolgerungen steht, vom Format einer erstrangigen Wahrheit, das Grundprinzip, daß «alle Konsistenz vom Geist kommt». Das ist genau die Definition der Unio Creatrix. Die unmittelbare und brutale Erfahrung der Welt mag uns das Gegenteil nahelegen. Festigkeit des Anorganischen und die Gebrechlichkeit des Fleisches wollen uns glauben machen, alle Konsistenz komme von der Materie. Diese grobschlächtige Sicht der Dinge, welche die Physik selbst gerade eben zerstört, indem sie das langsame Dahinschwinden der Substanzen, die

33 wir (78) für unzerstörbar hielten, entdeckt, gilt es entschlossen umzukehren. – Nein, alles hält nur durch einen Synthese-Effekt, das heißt letzten Endes, so bescheiden diese Synthese auch sein mag, durch einen Widerschein des Geistes. Damit ergreift die materialistische Philosophie, die das feste Prinzip des Universums unterhalb der Seele sucht, nur den Staub, der ihr zwischen den Fingern zerrinnt. Und auch wer aus dem Fleische ist, wer versucht, das Objekt seiner Leidenschaft anders zu erreichen denn auf dem Wege der Erhöhung seines Seins, das heißt ohne zu versuchen, durch die Vereinigung zweier Lebender eine Art reichere und höhere neue Seele zu bilden – wer aus dem Fleische ist, sage ich, bringt damit in seinen Versuch der Adhäsion ein unheilbares Prinzip der Trennung: jeder neue Schritt im materiellen Genießen entfernt ihn von seiner Liebe. Durch das unermeßliche Netz der universellen Vielheit hindurch, vom bescheidensten Element bis zum erhabensten, von den materiellsten Konstruktionen der Natur bis hin zu den geläutertsten Gebäuden unseres Denkens, von der kleinsten Verbindung der Monaden bis hin zu den umfassendsten organisierten Ganzen, «hält alles von oben». 2. Alles hält von oben. Daraus folgt zunächst einmal, daß alle Wirklichkeit um uns herum [so geistig sie auch sein mag] unendlich in Glieder zerlegbar ist, die ihr gegenüber von niederer Natur sind. Jeder der lebenden Organismen ist auf seine Weise auf physiko-chemische Elemente reduzierbar: – die wissenschaftliche Hypothese auf mehr oder weniger rohe Fakten – der freie Akt auf Determinismen – die Intuition auf Syllogismen – der Glaube auf Glaubensgründe – die heilige Inspiration auf langes menschliches Wachen und Arbeiten… (79) Doch jeder neue Grad der Reduktion auf das Viele [der Materialisation] macht eine Seele verschwinden. Die Analyse, das bewundernswerte und machtvolle Instrument zur Sezierung des Wirklichen, läßt in unseren Händen immer weniger begreifliche und immer ärmere Glieder zurück. Sie enthüllt uns das Gesetz des Aufbaus der Dinge; doch die Rückstände selbst ihres Vorgehens – weit davon entfernt, uns die beständige Essenz der Welt in die Hand zu geben – sind immer mehr dem Nichts benachbart. 3. Alles hält von oben, noch einmal. Dieses Prinzip bestätigt, vor allem, das Königtum des Geistes. Doch genau dadurch rettet und adelt es auch die Materie. Wenn nämlich der Geist die Materie beständig im Aufstieg zum Bewußtsein mitreißt und trägt, so erlaubt die Materie ihrerseits dem Geist zu bestehen, indem sie ihm beständig einen Wirkpunkt und Nahrung liefert. Wir sagten schon: der alles tragende Geist selbst hat seinen Seinsgrund und seine Konsistenz nur, er «hält» nur, indem er «zum Halten bringt». Seine Sublimität und sein Reichtum sind an die organisierte Vielheit gebunden, die er in seinem «festen Winkel» umgreift. Die Reinheit des geistigen Gipfels seines Seins ist proportional zur materiellen Breite seiner Basis. 4. Es ist übrigens in dem System der Unio Creatrix nicht mehr möglich, weiterhin Geist und Materie brutal einander entgegenzustellen. Wer nämlich das Gesetz von der «Vergeistigung» begriffen hat, hört auf, hier zwei Abteile, das des Geistes und das des Leibes, im Universum zu sehen: es gibt nur mehr zwei Richtungen auf ein und derselben Straße [die Richtung der schlechten Pluralisierung und die Richtung der guten Einswerdung]. Jedes Seiende in der Welt steht irgendwo auf dem Abhang, der von dem (80) Dunkel zum Licht emporsteigt. Vor ihm das Bemühen, seine Natur zu beherrschen und zu vereinfachen; hinter ihm das Gehenlassen in die physische und moralische Auflösung seiner Kräfte. Wenn es voranschreitet, begegnet es dem Guten: alles ist für es Geist. Wenn es absinkt, findet es unter seinen Schritten nur Übel und Materie. – So erstreckt sich zwischen dem absoluten Übel [das heißt dem Nichts, der totalen Pluralität, in die man zurückfällt] und dem höchsten Gut [das heißt dem Zentrum universeller Konvergenz, auf das alles zustrebt] eine unendliche Stufenleiter – zwar von bestimmten

34 Absätzen unterbrochene Stufen [zum Beispiel jene, die das Tier vom Menschen oder den Menschen vom Engel trennt], jedoch Stufen, die ein und dieselbe allgemeine Bewegung beschreiben. Und jeder Stufe entspricht eine ihr eigentümliche Verteilung des Guten und des Übels, des Geistes und der Materie. Was für mich schlecht, materiell ist, ist gut, geistig für einen anderen, der hinter mir hergeht. Und wer mir auf dem Berge voraus ist, würde sich zugrunde richten, benützte er das, was mich einsmacht. Materie und Geist stehen einander nicht wie zwei Dinge, wie zwei Naturen gegenüber, sondern wie zwei Richtungen der Evolution innerhalb der Welt. 5. Damit verschwinden die zahllosen Schwierigkeiten, an denen sich jede Philosophie stößt, die die Welt im Ausgang von isolierten Elementen [von der Monade] zu konstruieren versucht, anstatt als Prinzip die grundlegende und substantielle Einheit des Universums zu setzen. Der wechselseitige Einfluß des Geistes und der Materie, das Aufeinander-Einwirken der Seienden, die Erkenntnis der «äußeren» Welt sind nur unlösbare Fragen, weil man sich ein falsches und unmögliches Problem stellt, nämlich das Ganze mit den Partikeln (81) dieses Ganzen begreifen zu wollen, ohne die dem Ganzen eigentümlichen Eigenschaften zu Hilfe zu nehmen [als ob ein natürliches Ganzes nicht mehr wäre als seine Teile]. Diese «cruces philosophorum»13 verflüchtigen sich wie eine Illusion, sobald man begriffen hat, daß es im Kosmos letzten Endes nur eine einzige im Werden begriffene Wirklichkeit, eine einzige Monade, gibt. Es ist nicht mehr nötig, die «Brücke» wischen den Naturen oder den Dingen in einem Universum zu suchen, in dem die Einheit [und folglich die vollständige gegenseitige Beeinflussung] der Gleichgewichtszustand ist, auf den alle Seienden zustreben, indem sie sich vergeistigen. Gewiß, die Vorstellung unvollendeter und hierarchisierter Substanzen, die untereinander nach einem gleichförmigen organischen Gesetz verkettet sind [und in diesem Zusammenhang die Fülle ihrer individuellen Differenzierung und ihres Wirkvermögens finden], wird von einer übertrieben intellektualistischen und geometrischen Ontologie deformierter Köpfe in Erstaunen setzen. Sie wird Ärgernis erregen bei jenen, die das Wirkliche in Substanzen [die alle gleich substantiell sind] und in Akzidenzien aufteilen wollen. Um so schlimmer für sie. Die wahre Weisheit besteht darin, die Dunkelheiten in der Welt dorthin zu setzen, wo sie sich in Wirklichkeit finden, und sie nicht künstlich zu verschieben unter dem Vorwand, Prinzipien zu wahren, die nur dem Anschein nach klar sind [oder die nur gültig sind für ein an den Endpunkt seiner Evolution gelangtes Universum]. Wenn der Ort eines Geheimnisses klar bestimmt ist, wird es ebenso fruchtbar wie die am besten ergründeten Wahrheiten. Das gilt für dieses von der Unio Creatrix eingeräumte Prinzip, daß es «in natura rerum»14 weder eine vollendete (82) noch folglich eine isolierte Substanz gebe, daß vielmehr jegliche Substanz von einer Reihe von Substanzen aus Substanz getragen wird, die einander stützen von Stufe zu Stufe bis zum höchsten Zentrum, in dem alles konvergiert. Ohne diese beiden Begriffe er «unvollendeten Substanz» und der «Substanz aus Substanz» bleibt jede Philosophie inkohärent und verklemmt. Sind dagegen diese Begriffe einmal anerkannt, findet alles eine lichte Erklärung, und alles um uns herum gewinnt ein außerordentliches Relief – nicht nur in der Metaphysik, sondern auch, und vielleicht noch mehr, in der Moral und in der Religion.

13 14

Philosophische Aporien [Anmerkung der Herausgeber]. (Anm 7) In der Natur der Dinge [Anmerkung der Herausgeber].
(Anm 6)

35 II. RELIGION. DER CHRISTUS-UNIVERSALIS Sind die durch die Anwendung der Rekursionsformel eröffneten Perspektiven wahrscheinlich, wenn es um die Vorstellung von der Vergangenheit des Universums geht, so werden sie etwas phantastisch, wenn wir uns den Geheimnissen der Zukunft zuwenden. Anerkennen, daß die menschlichen Monaden die Elemente einer höheren organischen Synthese sind – annehmen, daß sie dazu bestimmt sind, den Leib einer Seele zu bilden, die geistiger ist als die unsere, überschreitet allzu sehr die Grenzen unserer Vorstellungskraft, als daß wir nicht die Notwendigkeit spürten, unsere verwirrenden Extrapolationen auf einige positive Gegebenheiten zu stützen. Zahlreiche heidnische Mystiker haben nicht gezögert, aus dem Glauben ihres Verlangens und ihres sich Hingezogenfühlens den Schritt zu tun und sich in den (83) köstlichen Abgrund des Glaubens an eine Seele der Welt zu stürzen. Der Christ seinerseits braucht nur über sein Credo nachzudenken, um in der von ihm anerkannten Offenbarung die unerhoffte Verwirklichung des Traumes zu finden, zu dessen Schwelle ihn die Philosophie logisch führt. Ich möchte in diesem Kapitel zeigen, daß das Christentum seinen vollen Wert in einem solchen Maße aus den Ideen der Unio Creatrix gewinnt, daß diese Theorie, anstatt als eine durch die christlichen Anschauungen bestätigte und abgelöste Philosophie betrachtet zu werden, eher verdiente, eine philosophische Ausweitung des Glaubens an die Inkarnation genannt zu werden. Um es abzukürzen, bezeichnen wir mit Omega den höheren kosmischen Zielpunkt, der von der Unio Creatrix aufgedeckt wird. Alles, was ich zu sagen habe, läßt sich auf drei Punkte bringen: A. Der offenbarte Christus ist nichts anderes denn Omega. B. Als Omega stellt er sich als in allen Dingen erreichbar und notwendig15 dar. C. Und schließlich mußte er, um als Omega konstituiert zu werden, durch die Mühsal seiner Inkarnation das Universum erobern und beseelen. A. CHRISTUS IST NICHTS ANDERES DENN OMEGA Um diesen grundlegenden Satz aufzuzeigen, genügt es, auf die lange Reihe johanneischer und vor allem paulinischer Texte zu verweisen, in denen in großartigen Worten der physische Supremat Christi über das Universum ausgesagt wird16. Ich kann sie hier nicht aufzählen. Alle lassen sich in diesen beiden wesentlichen (84) Aussagen zusammenfassen: «In eo omnia constant» [Kol 1,17] und «Ipse est qui replet omnia» [Kol 2,10, cf. Eph 4,9], und zwar derart, daß «Omnia in omnibus Christus» [Kol 3,11]. Genau das ist die Definition Omegas! Ich weiß. Es gibt zwei Hintertüren, durch die die zaghaften Geister dem erschreckenden Realismus dieser wiederholten Aussagen entrinnen zu können glauben: entweder behaupten sie, die kosmischen Attribute des paulinischen Christus gehörten der Gottheit allein; oder aber sie versuchen, die Kraft der Texte abzuschwächen, indem sie annehmen, die Bande der Abhängigkeit, welche die Welt Christus unterwerfen, seien juridische oder moralische Bande des Besitzerrechtes, des Vaters oder des Vorsitzenden einer Gesellschaft. Was die erste Ausflucht
(Anm 8) Teilhard schreibt: inévitable = «unausweichlich, unvermeidbar»; das Wort wird hier aber wohl stärker in dem Nebensinn des Unvermeidlichen und deshalb Notwendigen gebraucht [Anmerkung des Übersetzers]. 16 (Anm 9) Vergleiche vor allem beim heiligen Paulus: Röm 8,18ff.; 14,7.9; 1 Kor 4,22; 6,15ff.; 10,16; 12,12ff.; 15,23-29.39ff.; 2 Kor 3,18; 4,11; 5,4.19; Gal 3,27.28; Eph 1,10.19-23; 2,5.10.13.14; 3,6.18; 4,9.12.13.16; Phil 2,10; 3,10.11.20-21; Kol 1,15-20.28; 2,9.10.12.19; 3,10; 1 Thess 4,17; Hebr 2,7-8… [Anmerkung der Herausgeber]. 15

36 angeht, so gebe ich mich damit zufrieden, auf den Kontext zu verweisen, der formell ist: sogar in Kol 1,15 und den folgenden Versen hat Paulus offensichtlich den theandrischen Christus vor Augen; im inkarnierten Christus ist das Universum vorgebildet worden. – Was die abgeschwächte Interpretation der Worte des Apostels angeht, so weise ich sie schlicht und einfach zurück, weil sie weniger mit dem Geist übereinstimmt, der das Corpus seiner Briefe beseelt, und auch weniger mit meiner allgemeinen Weltschau übereinstimmt. Doch ich verzichte darauf, meine Gegenredner zu bekehren. Ich bin nämlich zu der Überzeugung gelangt, daß es unter Menschen zwei aufeinander nicht reduzierbare Kategorien von Denken gibt: die Physizisten [welche die «Mystiker» sind] und die Juridiker. Für die ersteren ist das Sein nur schön, wenn es sich als organisch zusammenhängend erweist; und folglich17 muß der in souveräner Weise anziehende Christus (85) physisch ausstrahlen. Für die anderen wird das Sein beunruhigend, sobald sich in ihm etwas Umfassenderes und weniger Definierbares verbirgt als unsere sozialen menschlichen Beziehungen [die in dem gesehen werden, was an ihnen künstlich ist]. Damit ist Christus nur mehr ein König und ein Eigentümer. Letztere [die Juridiker] wollen immer, ihrer Gnadentheologie gegenüber wenig logisch, «mystisch» [im mystischen Leib] in Analogie zu einem etwas verstärkten Familien- oder Freundschaftsverband begreifen. Jene dagegen [die Physizisten] wollen in diesem Terminus den Ausdruck für eine hyper-physische [super-substantielle] Beziehung sehen, die stärker ist und folglich die leibhaften Individualitäten mehr respektiert als jene, die zwischen den Zellen ein und desselben beseelten Organismus wirken. Die einen werden die anderen niemals begreifen. Zwischen den beiden Haltungen muß man sich entscheiden, nicht auf Grund von Beweisführungen, sondern weil man schaut. Was mich betrifft, so ist die Entscheidung unwiderruflich getroffen, und zwar schon seit je. Ich bin instinktiv Physizist. Und deshalb ist es mir unmöglich, den heiligen Paulus zu lesen, ohne hinter seinen Worten in eklatanter Weise die universelle und kosmische Herrschaft des inkarnierten Wortes erscheinen zu sehen. Halten wir dies gut fest. In keinem Falle konnte der Kosmos ohne ein höchstes Zentrum der geistigen Konsistenz begriffen, verwirklicht werden. Nicht nur kraft der besonderen Formulierungen der Unio Creatrix, sondern im Sinne aller rechten Metaphysik wird die Vorstellung der isolierten Schöpfung eines Atoms oder einer Gruppe von Monaden eine Absurdität: was in der Schöpfung gewollt und erhalten wird, ist zunächst das Ganze, und dann der Rest in ihm, nach (86) ihm. Jede Hypothese verlangt, daß eine Welt, um denkbar zu sein, zentriert ist. Folglich hat das Vorhandensein eines Omega an ihrer Spitze nichts mit der Tatsache ihrer «übernatürlichen Erhebung» zu tun. Es macht gerade eben das «Gnaden»-Merkmal der Welt aus, daß der Platz des universellen Zentrums nicht irgendeinem höchsten Mittler zwischen Gott und dem Universum gegeben wurde; sondern daß er vielmehr von der Gottheit selbst eingenommen worden ist – die uns so «in et cum Mundo» in den trinitaren Schoß ihrer Immanenz eingeführt hat. Nachdem ich meine theologische Position soweit erläutert habe, wollen wir das Geheimnis Jesu in seiner physischen Kraft näher betrachten.
(Anm 10) Dieser Schluß, der voraussetzt, daß die Wirklichkeit Christi Schritt um Schritt durch die wachsenden Erfordernisse unseres Ideals definiert wird, ist legitim. Nicht weil Christus das absolut schönste mögliche Sein ist [hat das übrigens einen Sinn?], sondern weil er das schönste mögliche Sein relativ zu uns ist [da er uns vollendet], haben wir das Recht zu sagen: «Dieses ist schöner als das: folglich gehört dieses und nicht jenes zu Christus.» – Die schwierige Aufgabe des christlichen Denkens [die Triebfeder der Evolution des Dogmas] liegt gerade darin, in jedem Augenblick in Christus die Fülle dieser drei Attribute zu wahren: zugleich historisch, universell und ideal zu sein. «Ideal» sein ist eine Weise, universell zu sein: es heißt fähig sein, dem Streben der Menschheit aller Zeiten angemessen zu sein. Man könnte auch umgekehrt sagen, Christus muß universell sein, weil es unser Ideal ist, daß er so sei. 17

37 B. DER EINFLUSS DES CHRISTUS-OMEGA – DAS UNIVERSELLE ELEMENT Da wir festgestellt haben, daß der paulinische Christus [der große Christus der Mystiker] mit dem universellen Zielpunkt, mit dem Omega zusammenfällt, das unsere Philosophie vorausahnte – ist das großartigste und dringlichste Attribut, das wir ihm zuerkennen könnten, das Attribut eines physischen und höchsten Einflusses auf ausnahmslos alle kosmische Wirklichkeit. Wir haben gesehen: in den Augen der einfachen Vernunft ist nichts im Universum einsichtig, lebendig, konsistent, es sei denn durch ein Element der Synthese, das heißt durch einen Geist, das heißt von oben. Innerhalb des Kosmos hängen alle Elemente in der wachsenden Ordnung ihres wahren Seins [das heißt ihres Bewußtseins] ontologisch aneinander; und der ganze Kosmos, als ein einziges Ganzes, wird getragen, «informiert» (87) von der machtvollen Energie einer höheren und einzigen Monade, die allem, was unter ihr ist, seine endgültige Einsichtigkeit und sein endgültiges Aktions- und Reaktionsvermögen verleiht. Nun, diese Energie, «qua sibi omnia possit subjicere» [Phil 3,21], müssen wir furchtlos dem inkarnierten Wort zuschreiben, wollen wir nicht um die Gestalt Jesu herum eine Welt wachsen und überquellen lassen, die schöner, majestätischer, organischer, anbetungswürdiger ist als Er! – Jesus wäre nicht der Gott des Apostels Paulus, noch der Gott meines Herzens, wenn ich nicht angesichts der demütigsten, der materiellsten Kreatur sagen könnte: «Dieses Etwas kann ich nicht begreifen, nicht erfassen und es geht mich nicht wirklich etwas an, es sei denn in Funktion dessen, der dem natürlichen Ganzen, zu dem es gehört, seine volle Wirklichkeit und seine letzte Bestimmung gibt.» Weil Christus Omega ist, ist das Universum physisch bis in sein materielles Mark von dem Einfluß seiner übermenschlichen Natur durchtränkt. Die Gegenwart des inkarnierten Wortes durchdringt alles wie ein universelles Element. Im gemeinsamen Herzen aller Dinge leuchtet sie als ein unendlich inneres und zugleich [da es mit der universellen Vollendung zusammenfällt] unendlich fernes Zentrum. In seinem Wesen ist der vitale, organisatorische Einfluß des Universums, von dem wir sprechen, die Gnade. Doch wird sichtbar, wie sehr vom Standpunkt der Unio Creatrix diese wunderbare Wirklichkeit der Gnade mit größerer Intensität und Weite begriffen werden muß, als man es gewöhnlich tut. Um auszudrücken, daß die Gnade unser Eigensein nicht aufhebt, ordnen die Theologen sie erbärmlich in die Kategorie der «Akzidenzien» ein, neben dem Wohlklang, (88) den Farben oder den guten Eigenschaften der Seele. Unter der Tyrannei ihrer philosophischen Kategorien machen sie aus ihr [im Gegensatz zu der ganzen Praxis der Mystiker] etwas InfraSubstantielles18. Das hat [wie wir gesehen haben] seinen Grund darin, daß sie nicht bereit sind, die Existenz unvollendeter, hierarchisierter Substanzen, das heißt von Substanzen aus Substanz, anzuerkennen. Wir dagegen setzen diese neue Klasse von Seienden als Grundlage unserer Erklärung der Welt, und wir werden sagen, die Gnade ist uns nicht weniger innerlich, nicht weniger substantiell als das Menschsein. Sie ist es im Gegenteil noch mehr. Durch die Taufe in der kosmischen Materie und im sakramentalen Wasser sind wir weit mehr Christus, als wir wir selbst sind – und gerade eben unter der Voraussetzung dieses Überwiegens Christi in uns dürfen wir hoffen, eines Tages ganz unser eigenes Selbst zu sein.

(Anm 11) Der heilige Thomas nennt die Gnade, während er durchaus sagt, sie sei eine Qualität [ein «Akzidenz»], weil sie der Glanz der Seele ist [S.T., I. II., q. 110, art. 2], gleichfalls und, so scheint es, lieber eine neue Natur, die den Menschen «gemäß einer gewissen Ähnlichkeit durch eine Art von Wiedergeburt oder Neuschöpfung an der göttlichen Natur teilhaben» läßt [S.T., I. II., q. 110, art. 4]. [Anmerkung der Herausgeber.] 18

38 Soviel zur physischen Intensität der Gnade. Was die Weite ihres «morphogenen» Einflusses angeht, so ist sie ohne Grenzen. Und wirklich erstreckt Christus, da er Omega ist, sein organisatorisches Wirken nicht auf einen einfachen Bereich unseres Seins – den der sakramentalen Beziehungen und des tugendhaften «Habitus». Um uns Sich durch den Gipfel unserer Seelen vereinen zu können, mußte er die Sendung übernehmen, uns in unserer Ganzheit, sogar in unserem Leib, zu einem Gelingen zu bringen. Damit durchdringt sein lenkender und informierender Einfluß die ganze Stufenleiter des menschlichen Arbeitens, der materiellen Determinismen und der kosmischen Evolutionen. Diese niederen Bewegungen des Universums nennen wir aus Konvention «natürlich». In Wirklichkeit sind sie kraft der Einsetzung Christi als Haupt des Kosmos bis (89) in ihre greifbarste Wirklichkeit von Finalität, von übernatürlichem Leben durchdrungen. Alles um uns herum ist physisch «christifiziert», und es kann [wie wir sehen werden] immer mehr christifiziert werden. Dieser «Pan-Christismus» hat, das ist leicht einzusehen, nichts falsch Pantheistisches an sich. Wie üblich macht der Pantheismus, weil er das universelle Zentrum unterhalb des Bewußtseins und der Monaden ansetzt, den Fehler, «Omega» als ein Zentrum geistiger Auflösung, der Verschmelzung, des Unbewußtseins, des geringeren Bemühens zu begreifen. Sobald dagegen, wie wir es getan haben, die Dinge wieder in die rechte Perspektive gestellt sind, verschwindet all dieses Unangemessene. Weil unser Omega, Christus, an dem höheren Zielpunkt der bewußten Spiritualisation seinen Ort hat, wird sein universeller Einfluß, weit davon entfernt aufzulösen, konsolidieren – weit davon entfernt zu verschmelzen, differenzieren – weit davon entfernt, die Seele in einer verschwommenen oder trägen Vereinigung abzustumpfen, sie immer höher die klaren Wege des Tuns hinaufjagen. Die Gefahr der falschen Pantheismen ist verschwunden; und doch bewahren wir die unersetzliche Kraft religiösen Lebens, welche die Pantheisten zu Unrecht monopolisierten. Um uns herum wirkt Christus physisch, um alles zu regeln. Von der letzten Schwingung der Atome bis hin zur höchsten mystischen Kontemplation – von dem leisesten Hauch, der durch die Lüfte weht, bis hin zu den größten Lebens- und Denkströmen beseelt er unaufhörlich, ohne sie zu stören, alle Bewegungen der Erde. Und umgekehrt zieht er aus jeder einzelnen von ihnen Nutzen: alles, was im Universum gut ist [das heißt alles, was durch das Bemühen in Richtung Einswerdung (90) geht], wird von dem inkarnierten Wort als eine Nahrung empfangen, die es assimiliert, transformiert, vergöttlicht19. – Im Bewußtsein dieser doppelten und unermeßlichen herabsteigenden und aufsteigenden Bewegung, in der die Erarbeitung des Pleroma [das heißt die Reifung des Universums] ihren Fortgang nimmt, kann der Gläubige ein unglaubliches Licht und eine unglaubliche Kraft finden, um sein Bemühen zu lenken und zu nähren. Der Glaube an den universellen Christus ist in der Moral und in der Mystik von unerschöpflicher Fruchtbarkeit. Doch bevor wir in einem besonderen Kapitel diese praktischen Schlußfolgerungen aus unserem System untersuchen, wollen wir uns fragen, in welchen Etappen der wunderbare Zyklus sich anbahnt und durch welchen Mechanismus er sich festlegt – der Zyklus, der dynamisch den Himmel und die Erde, den Geist und die Materie durch ihre ganze Geschichte verbindet. C. DIE BESEELUNG DER WELT DURCH DEN CHRISTUS-UNIVERSALIS Die Konzentration des Vielen in der höchsten organischen Einheit Omega stellt eine äußerst mühselige Arbeit dar. Jedes Element hat entsprechend seiner Stufe an dieser mühevollen Synthese teil. Doch die von dem höchsten Ende der Einswerdung verlangte Anstrengung mußte

(Anm 12) Im Grunde ist der so begriffene Christus das Milieu, in dem und durch das sich konkret für uns das [abstrakte] Attribut der göttlichen Unermeßlichkeit verwirklicht. 19

39 die größte von allen sein. Deshalb ist die Inkarnation des Wortes unendlich demütigend und schmerzlich gewesen – so sehr, daß sie in einem Kreuz ihr Symbol finden konnte. Der erst Akt der Inkarnation – das erste Auftreten des Kreuzes – ist gekennzeichnet durch das Eintauchen (91) der göttlichen Einheit in die letzten Tiefen des Vielen. Nur das vermag in das Universum einzutreten, was aus ihm hervorgeht. Nichts vermag sich mit den Dingen zu vermischen außer auf dem Wege der Materie, durch das Aufsteigen aus der Pluralität. Ein Einbrechen Christi in die Welt über irgendeinen Seitenweg wäre unbegreiflich. Der Erlöser hat nur den Stoff des Kosmos durchdringen, sich in das Blut der Welt eingießen können, indem er sich zunächst in die Materie einschmolz, um dann aus ihr wiedergeboren zu werden. «Integritatem Terrae Matris non minuit, sed sacravit»20. Die Kleinheit Christi in seiner Wiege und die noch viel größeren Kleinlichkeiten, die seinem Auftreten unter den Menschen vorangegangen sind, sind nicht nur eine moralische Aufforderung zur Demut. Sie sind zunächst die Anwendung eines Gesetzes des Geborenwerdens und in dessen Folge das Zeichen einer endgültigen Einflußnahme Jesu auf die Welt. Weil Christus sich auf die Materie «aufokuliert» hat, ist er von dem Wachsen des Geistes nicht mehr zu trennen – ist er derart in die sichtbare Welt hineinverwachsen, daß man ihn von nun an nicht mehr aus ihr herauszureißen vermöchte, ohne die Grundfesten des Universums zu erschüttern. Bei jedem Element der Welt darf man sich als guter Philosoph fragen, ob es nicht seine Wurzeln bis an die letzten Grenzen der Vergangenheit erstreckt. Mit wieviel mehr Grund muß man Christus diese geheimnisvolle Präexistenz zuerkennen! – Nicht nur «in ordine intentionis», sondern auch «in ordine naturae» «omnia in eo condita sunt»21. Die verschwenderischen Zeiträume, die der ersten Weihnacht vorausgehen, sind nicht leer von ihm, sondern von seinem machtvollen Einstrom durchdrungen. Der Anstoß seiner (92) Empfängnis bewegt die kosmischen Massen und lenkt die ersten Strömungen der Biosphäre. Die Vorbereitung seiner Geburt beschleunigt die Fortschritte des Instinkts und das Aufblühen des Denkens auf der Erde. Wir nehmen nicht mehr töricht Ärgernis an den endlosen Wartezeiten, die der Messias uns auferlegt hat. Nichts Geringeres war nötig denn die erschreckenden und anonymen Mühsale des frühen Menschen und die lange ägyptische Schönheit und die unruhige Erwartung Israels und der langsam destillierte Wohlgeruch der orientalischen Mystiken und die hundertmal geläuterte Weisheit der Griechen, damit auf dem Stamm Jesse und der Menschheit die Blume erblühen konnte. Alle diese Vorbereitungen waren kosmisch, biologisch notwendig, damit Christus auf der menschlichen Bühne auftrat. Und diese ganze Arbeit wurde von dem aktiven und schöpferischen Erwachen seiner Seele insofern bewegt, als diese menschliche Seele erwählt war, das Universum zu beseelen. Als Christus in den Armen Marias erschien, hob er die Welt empor. Und damit begann für ihn eine zweite Phase der Anstrengung und der Kreuzigung – die einzige, die wir in etwa zu begreifen vermöchten, weil sie die einzige ist, die unserem derzeitigen Bewußtsein entspricht: die Phase der menschlichen «Sympathie» nach jener der «Kenosis» in der Materie. Um das menschliche Leben zu erobern, um es mit dem ihm eigenen Leben zu beherrschen, genügt es nicht, daß Christus sich neben es stellte; es war notwendig, daß er es assimilierte, das heißt, daß er es versuchte, es kostete, es in der Tiefe seiner selbst zähmte. Man würde also seine historische Existenz nicht begreifen, man würde sie entstellen und profanieren, wollte man in ihr nicht ein gigantisches (93) Ringen zwischen dem Prinzip der höchsten Einheit und dem Vielen sehen, das es einszumachen galt.
(Anm 13) Er hat die Unversehrtheit der Mutter Erde in keiner Weise gemindert, er hat sie vielmehr konsekriert [Anmerkung der Herausgeber]. 21 (Anm 14) Nicht nur «in der Ordnung der Intention», sondern auch «in der Ordnung der Natur» «ist alles in ihm enthalten» [Anmerkung der Herausgeber]. 20

40 Christus hat zunächst in sich das individuelle menschliche Herz erfahren, jenes, das unseren Schmerz und unsere Freude ausmacht. Doch in ihm war nicht nur ein Mensch – in ihm war der Mensch; nicht nur der vollkommene Mensch, der ideale Mensch – sondern der totale Mensch, jener, der in der Tiefe seines Bewußtseins das Bewußtsein aller Menschen sammelt. Deswegen hat er durch eine Erfahrung des Universellen hindurchgehen müssen. Versuchen wir, die Unmenge an Leidenschaften, Erwartungen, Ängsten, Schmerzen, Glück in einem einzigen Ozean zu vereinen, von dem jeder Mensch einen Tropfen darstellt. In dieses unermeßliche Meer ist Christus eingetaucht, bis er es mit allen seinen Poren ganz aufgesaugt hat. Dieses unruhige Meer hat er in sein mächtiges Herz abgeleitet, bis er seine Wogen und seine Fluten dem Rhythmus seines Lebens unterworfen hat. – Das ist der Sinn des glühenden Lebens des gutestuenden und betenden Christus. Das ist das unzugängliche Geheimnis seiner Agonie. Und das ist auch die unvergleichliche Kraft seines Todes am Kreuze. An sich ist der Tod ein Ärgernis und ein Mißerfolg. Er ist die blinde Revanche, welche die unzulänglich beherrschten Elemente an der Seele nehmen, die ihre Autonomie behindert. Er tritt in der Welt als die schlimmste Schwäche und der ärgste Feind auf. Und doch, trotz dieses Urmakels vermag er eine Nutzung und einen unerhofften Sinn in den Schritten der Unio Creatrix zu finden. Für ein Seiendes heißt sterben normalerweise Rückfall in das Viele. Doch es kann für es auch die unentbehrliche Umgestaltung im Übergang in den Herrschaftsbereich einer höheren Seele sein. (94) Das Brot, das wir essen, scheint in uns zu zerfallen; und doch wird es unser Fleisch. Weshalb sollte es nicht Auflösungen geben, in deren Verlauf die Elemente immer wieder von einer Einheit dominiert werden, die sie auseinandernimmt, um sie neuzubilden? In jeder Vereinigung wird das dominierte Glied nur eins mit dem dominierenden Glied, indem es zuvor aufhört, es selbst zu sein. Im Fall der endgültigen Vereinigung mit Gott in Omega begreift man, daß die Welt, um vergöttlicht zu werden, ihre sichtbare Form in jedem von uns und in ihrer Totalität verlieren muß. Das ist vom christlichen Standpunkt aus gesehen die belebende Funktion des menschlichen Todes kraft des Todes Jesu. Damit der physiologische Tod [in uns ein Rest der Herrschaft des Vielen] in ein Mittel der Vereinigung transformiert werden konnte, mußten [mit physischer Notwendigkeit] die Monaden, die dazu verurteilt sind, ihn zu erleiden, ihn mit Demut, Liebe und vor allem unermeßlichem Vertrauen annehmen können. Es war notwendig, daß wir, intellektuell und vital, den Schrecken überwanden, den die Zerstörung uns einflößt. – Da er an sich selbst den individuellen Tod erprobte, da er heilig den Tod der Welt starb, hat Christus diese Umkehr unserer Anschauungen und unserer Befürchtungen bewirkt. Er hat den Tod überwunden. Er hat ihm physisch den Wert einer Metamorphose gegeben. Und mit Ihm ist durch den Tod hindurch die Welt in Gott eingedrungen. Und dann ist Christus auferstanden. – Wir versuchen allzusehr, die Auferstehung als ein apologetisches und augenblickshaftes Ereignis anzusehen, als eine kleine individuelle Revanche Christi über das Grab. Sie ist etwas ganz anderes und weit mehr als das. Sie ist ein (95) überwältigendes22 kosmisches Ereignis. Sie bezeichnet die tatsächliche Besitzergreifung seiner Funktionen als universelles Zentrum durch Christus. Bis dahin war er überall wie eine Seele, die mühsam ihre embryonalen Elemente sammelt. Jetzt strahlt er über das ganze Universum als ein sich selbst gebietendes Bewußtsein und Tun. Er ist aus der Welt emergiert, nachdem er in ihr getauft wurde. Er hat sich bis zu den Himmeln ausgestreckt, nachdem er die Tiefen der Erde
(Anm 15) Teilhard verwendet hier, in Anführungszeichen, das englische Wort tremendous, vermutlich im Anschluß an das lateinische tremendum, zu dem es im Französischen keine abgeleitete Form gibt [Anmerkung des Übersetzers]. 22

41 berührt hat: «Descendit et ascendit ut impleret omnia» [Eph 4,10]. Wenn wir angesichts eines Universums, dessen physische und geistige Unermeßlichkeit sich als immer schwindelerregender erweist, vor der immer größer werdenden Last von Energie und Herrlichkeit erschrecken, die wir dem Sohn Marias auflegen müssen, um das Recht zu haben, ihn weiterhin anzubeten, wollen wir an die Auferstehung denken. Wie die Schöpfung ist die Inkarnation [als deren sichtbare Seite] ein der Dauer der Welt koextensiver Akt. Wie wird derzeit der Einfluß des universellen Christus an uns übermittelt? – Durch die Eucharistie; aber durch die ihrerseits mit ihrer universellen Macht und ihrem universellem Realismus begriffene Eucharistie. In der Eucharistie hat der christliche Glaube schon seit jeher in glücklicher Weise die natürliche Weiterführung des Erlöser- und Einungsaktes Christi erkannt und verehrt. Kann man aber sagen, daß in dieser Hinsicht [wie auch in vielen anderen] die Frömmigkeit der Gläubigen voll befriedigt sei von der derzeitigen formelhaften Erklärung der wachsenden Anziehung, die sie zur Kommunion hindrängt? Wird die Hostie [das heißt die wirkliche Gegenwart Christi] nicht noch allzu häufig als ein lokalisiertes, äußeres Element dargestellt, dem man sich, kommunizierte man alle Tage, (96) letzten Endes nur ab und zu näherte – während man sonst fast immer außerhalb leben müßte? – Um den grundlegenden Platz angemessen zu interpretieren, den die Eucharistie tatsächlich in der Ökonomie der Welt einnimmt, um der legitimen Forderung jener Genüge zu tun, die, weil sie Jesus lieben, nicht ertragen können, einen Augenblick außerhalb von ihm zu sein, halte ich es für notwendig, im christlichen Denken und Beten den wirklichen und physischen Ausweitungen der eucharistischen Gegenwart einen größeren Platz einzuräumen. Die Hostie ist gewiß zunächst und vor allem das Materiefragment, an dem, dank der Transsubstantiation, bei uns, das heißt im menschlichen Bereich des Universums, die Gegenwart des inkarnierten Wortes «ihren Aufhänger hat». In der Hostie fixiert sich wirklich das Zentrum der personalen Energie Christi. Und wie wir im eigentlichen Sinne das lokale Zentrum unserer geistigen Ausstrahlung als «unseren Leib» bezeichnen [vielleicht ohne daß damit unser Fleisch mehr unser sei als irgendeine andere Materie], müssen wir sagen, daß der Anfangsleib, der Primärleib Christi auf die Spezies von Brot und Wein begrenzt ist. Doch kann Christus bei diesem Primärleib bleiben? Offensichtlich nicht. Da er vor allem Omega ist, das heißt universelle «Form» der Welt, vermag er sein organisches Gleichgewicht und seine organische Fülle nur zu finden, indem er mystisch [wir haben weiter oben den hyper-physischen Sinn genannt, der diesem Terminus gegeben werden muß] alles, was ihn umgibt, assimiliert. Die Hostie gleicht einem glühenden Zentrum, von dem die Flamme ausstrahlt und sich ausbreitet. Wie der in die Heide geworfene Funke sich bald mit einem breiten Feuerkreis umgibt, so umhüllt sich im (97) Lauf der Jahrhunderte die sakramentale Hostie [denn es gib nur eine einzige, in den Händen der einander ablösenden Priester wachsende Hostie], die Hostie aus Brot, so sage ich, immer inniger mit einer anderen, unendlich viel größeren Hostie, die nichts weniger ist denn das Universum selbst – das Schritt um Schritt von dem universellen Element aufgesogene Universum. So bezeichnet, wenn ich die Formel ausspreche: «Hoc est Corpus Meum», «Hoc» «primario» das Brot. «Secundario», in einem zweiten Schritt der Natur, aber ist die Materie des Sakraments die Welt selbst, in der sich die übermenschliche Gegenwart des universellen Christus ausbreitet, um sie zu vollenden. Die Welt ist die endgültige und wirkliche Hostie, auf die Christus nach und nach und bis zur Vollendung ihrer Zeit herabsteigt. Ein einziges Wort und ein einziger Werkvollzug erfüllen seit eh und je schon die Universalität der Dinge: «Hoc est Corpus Meum». Alles arbeitet in der Schöpfung, nur, um, mittelbar oder unmittelbar, bei der Konsekration des Universums zu helfen. Recht begriffen, ist diese Wahrheit die festeste Grundlage und der stärkste Anreiz, den wir für unser Bemühen in Richtung des Guten und des Fortschritts zu finden vermöchten.

42 III. MORAL UND MYSTIK. DIE PRÄ-ADHÄSION Unter dem Gesichtspunkt der Unio Creatrix findet das Gesetz und das Ideal jedes [moralischen wie physischen] Guten seinen Ausdruck in einer einzigen Regel (98) [die auch eine Hoffnung ist]: «in allen Dingen die organische Einheit der Welt vorantreiben und erleiden». Sie vorantreiben, insofern sie, um sich zu erfüllen, der Mitwirkung ihrer Elemente bedarf. Sie erleiden, insofern ihre Verwirklichung vor allem der Effekt einer synthetischen, unserem Vermögen überlegenen Macht ist. Wird sie durch den Glauben an die Inkarnation bestätigt, präzisiert, verklärt, gewinnt diese Handlungsweise eine unvergleichliche Dringlichkeit und Süße; und sie läßt sich auch mühelos in eine Menge unmittelbarer und praktischer Pflichten übersetzen. Wir werden sehen, daß für den Christen, der sich der Einswerdung der Welt in Christus widmet, die Arbeit des inneren sittlichen und mystischen Lebens sich restlos auf zwei komplementäre Grundbewegungen zurückführen läßt: die Welt erobern und sie lassen, diese beiden Bewegungen entstehen natürlich eine aus der andern und sind zwei miteinander verbundene Formen ein und derselben Tendenz: Gott durch die Welt hindurch erreichen. A. DIE EROBERUNG DER WELT – DIE ENTWICKLUNG Der erste, das Viele in Richtung Einheit in Bewegung setzende Impuls, die Quellenergie, die die ganze Folge der kosmischen Einswerdung und Spiritualisation beseelt, ist, das setzen wir als begriffen voraus, die Anziehung Omegas. Ohne diese unverdiente Anziehung des Seins, ohne diese vorausgehende Lust der Vereinigung würde die universelle Maschine unbeweglich bleiben, würden die Elemente der Welt nicht aus ihrer unendlich losen Pluralität heraustreten. Hat jedoch (99) die «Konzeption» eines Omega einmal in den Monaden das Verlangen entzündet, den Geist zu erreichen, geraten sie allsogleich unruhig in Bewegung und fühlen sich zum Tun gedrängt. Der erste Wille Gottes, der im Elan des Lebens in uns seinen Ausdruck findet, geht dahin, daß seine Kreaturen wachsen und sich vermehren.23 Um getreu zu sein, müssen diese zunächst sich entwickeln und die Welt erobern. Die Natur dieser Verpflichtung wird häufig von «juridischen» Denkern, wie wir sie genannt haben, als ein Gehorsam begriffen, der dem mehr oder weniger äußerlichen und willkürlichen Befehl eines Meisters geschuldet wird. Wenn man gewisse Leute reden hört, möchte es scheinen, der Mensch brauche nur zu arbeiten, um den Beweis seines guten Willens zu erbringen. Die Werke, deren Verwirklichung man von uns hier unten verlangt, sind gebrechliche Gefäße, deren Los es ist, in Staub zu zerfallen: es kommt nicht darauf an! Nicht die materiellen Ergebnisse der menschlichen Arbeit zählen: es zählt nur der Gehorsam, den er bezeugt haben wird, indem er nutzlose Werke schuf. Oh! Wenn doch nur der Christ diese großartige Wahrheit entdeckte, daß Christus Omega ist, und damit diese armseligen und entmutigenden Anschauungen verwandelte! – Wenn Christus Omega ist, ist nichts dem physischen Aufbau seines universellen Leibes fremd. Sucht, gleich an welcher Stelle, in der unendlichen Reihe der materiellen oder lebenden Bewegungen, die in jedem Augenblick in der Welt ausgeführt werden, ganz gleich welches Tun: so demütig und verborgen dieses Tun auch sein mag, sofern es nur in der Richtung der Einswerdung getan wird, verwirklicht es ein Atom an Mehrsein, und dieses wird im Besten seiner selbst unmittelbar für
(Anm 16) Die Vermehrung der Lebewesen ist keine Rückkehr in den Plural, sondern die Konstitution eines Vielen höherer Ordnung [neue Materie], das dazu bestimmt ist, eine neue Seele zu tragen. So progressiv und vergeistigend diese Vermehrung auch sein mag, sie hört nicht auf, eine Gefahr zu sein: indem sie «die Menge» schafft, führt sie in die Welt eine neue Chance ihrer Emanzipation und Revolte [die schlimmer ist als die vorhergehenden] ein. Das ist das Risiko des Seins. 23

43 immer vom totalen (100) Christus assimiliert. Im Universum ist jede materielle Wachstumsbewegung letzten Endes für den Geist, und jede geistige Wachstumsbewegung ist letzten Endes für Christus. Folglich habe ich, wie grob oder edel, langweilig oder begeisternd auch immer die Arbeitslast sein mag, an die mich die gegenwärtige Stunde fesselt, das Glück denken zu dürfen, daß die Frucht meiner Arbeit von Christus erwartet wird; – die Frucht, begreifen wir das recht, das heißt nicht nur die Absicht meines Tuns, sondern das greifbare Ergebnis meines Werks, «Opus ispum, et non tantum operatio». Wenn diese Hoffnung begründet ist, muß der Christ wirken und viel wirken und mit ebenso großem Ernst wirken wie der überzeugteste Arbeiter der Erde, damit Christus immer mehr in der Welt um ihn herum geboren werde. Mehr als jeder Ungläubige muß er das menschliche Bemühen verehren und vorantreiben; – das Bemühen in allen seinen Formen – vor allem das menschliche Bemühen, das in unmittelbarer Weise dahin geht, das Bewußtsein [das heißt das Sein] der Menschheit zu vermehren; ich meine die wissenschaftliche Erforschung der Wahrheit und das organisierte Streben nach einer besseren sozialen Bindung. In Richtung dieser Bemühungen dürfen jene, die den universellen Christus lieben, sich niemals in der Hoffnung und im Wagemut übertreffen lassen. Niemand nämlich hat soviele Gründe wie sie, an das Universum zu glauben und sich auf es zu werfen, um sich seiner zu bemächtigen. Doch fürchten wir nicht, die Menschen, von denen wir sprechen, würden sich an die Erde binden, wenn sie so ihre Entwicklung und die der Welt anstreben. Sie lösen sich im Gegenteil von ihr, indem sie dort reifen. (101) Einerseits [wir werden auf diesen Punkt zurückkommen] ist das, was sie in der Materie und in den Fortschritten des Lebens erstreben, unmittelbar weder die Materie noch das Leben sondern einzig das göttliche Licht, das in den transparenten Schichten des Wirklichen spielt und das man nur erreichen kann, indem man sich entschlossen den tiefen Wassern des kosmischen Werdens vereint. Andererseits hat [gerade kraft der den Dingen von der sie dominierenden Einheit aufgeprägten geheimen Bewegung] die Geste, die sie tun, um die Welt zu ergreifen, das unmittelbare Ergebnis, sie Schritt um Schritt aus ihr hinaustreten zu lassen. B. DIE LÖSUNG VON DER WELT – DIE MINDERUNG 2. Der Tod durch das Tun Tatsächlich ist die lebendige Logik des Tuns derart, daß wir uns nur erringen und wachsen können, indem wir nach und nach uns selbst sterben. Würdig, nützlich handeln, so haben wir gesagt, heißt sich vereinigen. Sich vereinigen aber heißt, sich in einen Größeren als man selbst verwandeln. Handeln heißt also letzten Endes, aus dem Materiellen, dem Unmittelbaren, dem Egoistischen heraustreten, um in die universelle Wirklichkeit voranzuschreiten, die im Entstehen begriffen ist. – Diese etwas komplizierte Redensart ist nur der Ausdruck für die alltäglichste und allgemeinste Erfahrung unserer Existenz: die Mühsal der Anstrengung. Nichts ist so kreuzigend wie die Anstrengung und die geistige Anstrengung. Fragt die Meister der Asketik, welches die erst Abtötung, die sicherste und die höchste sei. Sie werden euch alle in gleicher Weise antworten, (102) es sei die Arbeit der inneren Entwicklung, durch die wir uns aus uns selbst losreißen, uns selbst übersteigen, uns selbst verlassen. Der Weg jeder getreu geführten individuellen Existenz ist bestreut mit den verlassenen Hüllen unserer einander ablösenden Metamorphosen – und das ganze Universum läßt hinter sich eine lange Reihe von Zuständen, in denen es sich vielleicht gerne gefallen hätte, aus denen aber die unbarmherzige Notwendigkeit, zu wachsen, es fortwährend herausgerissen hat. Dieser Aufstieg im ständigen Sich-Entäußern ist bereits der Weg des Kreuzes.

44 Unter dem Stachel, der ihn so drängt, unaufhörlich sich zu verlassen, um ans Ziel seiner selbst, das heißt ans Ziel der Welt zu gelangen, interessiert sich der Mensch, der getreu dem natürlich aufsteigenden Hang24 des Universums folgt, immer weniger für seinen individuellen Erfolg [insofern er individuell ist]. Vielmehr ergreift ihn, nachdem er gewünscht hatte, sich für sich selbst zu vervollkommnen, Schritt um Schritt die Liebe zu den Wirklichkeiten, die höher, umfassender, dauerhafter, dem Absoluten näher sind als seine personale Wirklichkeit. Ein irdisches Ideal, dem eine zu verteidigende Sache nahe kommt, eine zu betrachtende und zu erobernde nationale – menschliche oder kosmische – Schönheit: solcher Art sind die lichten Gegenstände, hinter denen die Gottheit sich ihm offenbart und immer berührbarer wird. Kraft der Struktur der Welt [das heißt der universellen Konvergenz auf Christus hin] denkt der religiös handelnde Mensch schließlich fast nicht mehr ans sich. Er erfährt sich bald nur mehr als eine Art bewußtes Atom das einer großen Aufgabe geweiht ist; und um dieser Aufgabe gewachsen zu sein, spürt er die Notwendigkeit, immer sublimere Energien zu Hilfe zu nehmen. Nachdem (103) er vielleicht vor allem für das Körperliche empfänglich gewesen ist und sich vor allem um das greifbare Wachsen bemüht hatte, das die materiellen Mittel der Welt verschaffen, tendiert er auf Grund einer unausweichlichen Trift dahin, sich nur mehr für die Fortschritte der Seele zu interessieren. Er neigt dazu, seine Mühen und sein Vertrauen den geistigen Kräften zuzuwenden [wie dem Gebet, das mit Gott verbindet – der Reinheit, die die Fibern der Seele zusammenhält – der Liebe, die die menschlichen Monaden organisch zusammenbindet…]. Und zur gleichen Zeit verwandelt sich das Bedürfnis, zu wirken und sich zu bestätigen, in ihm unmerklich in den Durst, zu erleiden und sich hinzugeben. 2. Der Tod durch das Erleiden So will es die Unio Creatrix. Kaum hat am Grunde unserer Natur das Element Christi [das jeder von uns ist] begonnen, seiner selbst bewußt zu werden, entzündet sich auch gleichzeitig in ihm das Feuer, sich dem Prinzip zu verbinden, das es beherrscht. Und deshalb suchen wir, wenn wir getreu gewirkt und viel getan haben, um uns zu entwickeln, mit Unruhe um uns her eine allmächtige Hand, die wir anbeten könnten, «si forte attractent Eum». Es ist gewiß für den Christen unendlich süß, für Christus zu wachsen [um so süßer, als Christus selbst ganz in der Tiefe unseres Seins verlangt, zu erwachen und in unserem Leib und unserer Seele zu wachsen: das Feuer und die Lust des Seins ist bereits eine Passivität!]. Doch dieses Wachsen hat schließlich nur in dem Maße Sinn und Bedeutung, wie es ermöglicht, dem göttlichen Kontakt einen stärkeren Ansatzpunkt zu bieten. Dieser Kontakt muß jetzt gefunden werden. Wo werden (104) wir ihm begegnen? – Zweifellos ist er geheimnisvoll, selten, sparsam gegeben, fern?... Gewiß müssen wir, um uns ihm anzubieten, einen sehr hohen oder sehr tiefen Bereich erreichen?... – Oh, wieviel einfacher und schöner ist doch die Wirklichkeit, als wir dachten! «In eo vivimus, movemur et sumus.» Auf den Gläubigen, der zu handeln und zu glauben versteht, wirkt Christus ein, übt er mit der ganzen Oberfläche und Dichte der Welt seinen lebendigen Druck aus. Er umhüllt uns und knetet uns in jedem Augenblick durch alle Passivitäten und Begrenzungen unserer Existenz. Hier sind zwei Phasen in der Verwirklichung des Willens Gottes um uns herum, das heißt in der Beseelung der Zweitursachen durch den Einstrom des universellen Christus recht zu beachten und sorgfältig zu unterscheiden. An sich und unmittelbar sind die Auflagen der Welt – vor allem jene, die uns behindern, uns mindern, uns töten – nicht göttlich, noch irgendwie von Gott gewollt. Sie stellen den Teil des Unvollendetseins und der Unordnung dar, der eine noch nicht vollkommen einsgewordene Schöpfung verdirbt. Und in dieser Hinsicht mißfallen sie Gott; und Gott kämpft in einer ersten
24 (Anm 17)

Infolge der Anziehung durch Omega.

45 Phase mit uns [und in uns] gegen sie. Eines Tages wird er über sie triumphieren. Weil aber die Dauer unserer individuellen Existenzen in keinem Verhältnis zu der langsamen Evolution des totalen Christus steht, können wir unmöglich im Laufe unserer irdischen Tage den endgültigen Sieg schauen. In jedem Augenblick wird unser Bemühen etwas zurückgeworfen, unterminiert – und früher oder später werden wir alle das Absinken und den Tod erfahren. Christus jedoch kann nicht besiegt werden. Wie aber wird die Allmacht, die er auf Grund seiner kosmischen Funktion besitzt, um nämlich alle gehorsamen Elemente (105) seines im Wachsen begriffenen Leibes zu retten und zu beseligen, das Verlorene zurückgewinnen? – Durch eine bewundernswerte Transformation. Das inkarnierte Wort beherrscht [wie ein geschickter Bildhauer die Fehler seines Marmors] die Begrenzungen und Minderungen, die verschwinden zu lassen der allgemeine Gang des Kosmos ihm nicht erlaubt, indem es sie [ohne sie zu ändern!] in eine höhere Vergeistigung unserer Wesen integriert. Deshalb wird, nachdem wir bis zuletzt gekämpft haben, um uns zu entwickeln und zum Erfolg zu kommen, und wir uns von den Kräften dieser Welt aufgehalten, geschlagen sehen, die Macht, an der wir uns schmerzhaft stoßen, sofern wir glauben, dann plötzlich aufhören, eine blinde oder böse Energie zu sein. Die feindliche Materie verschwindet. Und an ihrer Stelle finden wir den göttlichen Herrn der Welt, der «unter den Gestalten und Erscheinungsformen» der Ereignisse, gleich welcher Art, uns modelliert, uns von unserm Egoismus leert und in uns eindringt. «Oportet illum crescere, nos autem minui25.» Das ist das großartigste Vorrecht des Christus-Universalis: das Vermögen, in uns nicht nur durch den natürlichen Elan des Lebens, sondern auch durch die ärgerniserregende Unordnung der Niederlage und des Todes zu wirken. Diese wunderbare Transformation, ich wiederhole das, tritt nicht auf den ersten Schlag, noch ohne uns ein. Wir haben erst das Recht, uns mit dem Übel abzufinden, wenn wir ihm zunächst bis an die Grenze unserer Kräfte Widerstand geleistet haben. Man muß sich also sehr abmühen, um dahin zu gelangen, den Willen Gottes zu erleiden. Gott ist nicht irgendwo in den Interferenzen und den Passivitäten des Lebens – sondern einzig an dem Punkt des Gleichgewichts zwischen unserem (106) grimmigen Bemühen, zu wachsen, und dem Widerstand des Außen, sich von uns beherrschen zu lassen. In dieser Zone des Gleichgewichts aber wird Er nur in dem Maße, wie wir glauben, daß er wird: «Diligentibus, omnia convertuntur in bonum26.» Ist jedoch diese doppelte Voraussetzung gegeben [nämlich unser loyales Bemühen und unser Vertrauen], so wird der dunkelste und abscheulichste Teil der Welt der lichteste und göttlichste von allen. In den zahllosen Lasten und Enttäuschungen der Welt enthüllt sich die plasmatische Kraft Christi, die uns knetet und an unsere Stelle tritt. Manchmal bedient sich Christus unseres Elendes und unseres Unglücks, um uns auf höhere Wege zu lenken oder um uns erfahrbar zu verbessern: wieviel Heilige sind doch heilige geworden, nachdem sie in einem irdischen Bereich besiegt waren? – Häufig aber auch scheinen unser Abnehmen und unsere Versager durch keinen merklichen, selbst spirituellen Vorteil ausgeglichen zu werden. Zweifeln wir dann weniger denn je an Gott! Die Welt kann zu Gott in Christo Jesu nur durch einen totalen Neuguß gelangen, in dem sie ohne erfahrbaren Ausgleich [irdischer Ordnung] ganz unterzugehen scheinen muß. Wenn ein derartiger rascher oder langsamer Tod in uns eindringt, wollen wir unsere Herzen weit den Hoffnungen der Vereinigung öffnen: niemals wird, wenn wir es wollen, die beseelende Kraft der Welt uns so sehr beherrscht haben.
(Anm 18) Es gehört sich, daß er wachse, wir aber abnehmen. Im Anschluß an das Wort des Täufers: «Er muß wachsen, und ich muß abnehmen.» [Joh 3,30]. [Anmerkung der Herausgeber]. 26 (Anm 19) Den Liebenden kehrt sich alles in Gutes [Anmerkung der Herausgeber]. 25

46 C. DAS MYSTISCHE MILIEU – DIE KOMMUNION Tun, Leiden: diese beiden Hälften unseres Lebens (107) – diese beiden Atemphasen unserer Natur haben sich in den Strahlen der Unio Creatrix verklärt und erklärt. Was wir auch tun, wir wirken Christus. Was wir auch erleiden, Christus wirkt in uns. – Zu allen Zeiten hat die christliche Frömmigkeit sich aus diesen Worten universeller und konstanter Vereinigung genährt. Hat sie aber immer verstanden oder gewagt, ihr den machtvollen Realismus zu geben, auf den wir seit dem Apostel Paulus ein Recht haben? Wer immer die Worte der Offenbarung in Übereinstimmung mit dem Streben aller wahren Religion beim Wort nehmen will, für den beginnt das Universum nach und nach in seiner ganzen Masse zu leuchten. Und ebenso wie die Wissenschaft uns an den unteren Grenzen der Materie ein ätherisches Fluidum zeigt, in das alles eingetaucht ist und aus dem alles emergiert; – so enthüllt sich uns an den oberen Grenzen des Geistes ein mystisches Milieu, das alles umfließt und in dem alles konvergiert. In diesem reichen und lebendigen Milieu versöhnen sich die [scheinbar einander entgegengesetztesten] Attribute der Bindung und der Lösung, der Aktion und der Kontemplation, des Einen und des vielen, des Geistes und der Materie, mühelos miteinander entsprechend den Perspektiven der Unio Creatrix. Alles wird eins, indem es es selbst wird. Ich binde mich an die Welt und an mich selbst, wenn ich arbeite, um das Universum voranzubringen, damit Jesus so ein Leib bereitet werde, der seiner weniger unwürdig ist; – doch zur selben Zeit löse ich mich von mir, weil außerhalb von Christus und seinem Licht diese Welt selbst mir dunkel erscheint und mich nicht mehr anzieht. Von Zone zu Zone flieht das Licht vor mir; und um ihm zu folgen, muß ich die Bereiche gewinnen, (108) in denen das Tun in seinem ehrgeizigen Streben am größten, in seinen Anschauungen am wenigsten egoistisch, in seinen Träumen von Vereinigung am keuschesten ist. Im Laufe dieses aufsteigenden Marsches werden die Gegenstände mir immer deutlicher erscheinen. Durch sie nämlich wird Christus mir greifbar – durch sie erreicht er mich und berührt er mich. Ich kann also nicht auf sie verzichten; und logischerweise werde ich der erste unter den Realisten sein, da ich Gott nur zu halten vermag, indem ich die Welt vollende. – Doch wenn ich nicht ermüde, den Kreaturen nachzujagen und sie zu vervollkommnen, so nur in der Hoffnung, dort das göttliche Feuer zu erfassen, das in ihnen wie in einem reinen Kristall spielt. Werden nicht im himmlischen Jerusalem die Elemente der neuen Erde so transparent und so strahlungsbrechend sein, daß in der Erscheinung nichts mehr fortbestehen wird als die in uns materialisierten Strahlen der Herrlichkeit Gottes27? Die mystischen Autoren streiten darüber, ob die Aktion der Kontemplation als eine Vorbereitung vorausgehen, oder aber aus ihr als ein göttlicher Überfluß hervorquellen sollte. Ich bekenne, daß ich diese Probleme nicht begreife. Ob ich wirke oder bete, ob ich meine Seele mühsam durch die Arbeit öffne oder ob Gott sie durch die Passivitäten des Außen und des Innen überflutet, ich habe in gleicher Weise das Bewußtsein, mich zu vereinen. In diesem Bewußtsein aber liegt «formal» das mystische Tun. Ob ich nun durch die handgreiflichen Bestrebungen meines Seins aktiv in Richtung der Entwicklung gedrängt oder schmerzlich von den materiellen Bindungen überwältigt oder von den Gnaden des Gebetes heimgesucht (109) werde, ich bewege mich um nichts mehr und nichts weniger im mystischen Milieu. Zuerst bin ich in Christo Jesu; danach erst wirke ich oder leide ich oder betrachte ich.
(Anm 20) «Et civitas non eget sole neque luna… nam claritas De i illuminavit eam, et lucerna eius est Agnus» [Offb. 21]. 27

47 Wenn wir dem mystischen Milieu einen genaueren Namen geben müßten, würden wir sagen, es sei ein Fleisch – denn vom Fleisch hat es alle Eigenschaften der greifbaren Macht und der unendlichen Umarmung. Vom Christus-Universalis belebt, ist die Welt so aktiv und so warm, daß kein Eindruck, der mir von ihr kommt, verfehlt, mich etwas mehr über Gott zu «informieren». Wie ein machtvoller Organismus verwandelt die Welt mich in den, der sie beseelt. «Das eucharistische Brot ist stärker als unser Fleisch,» sagt der heilige Gregor von Nyssa; «deshalb assimiliert es uns, anstatt daß wir es assimilieren, wenn wir es nehmen». Zur selben Zeit aber erscheint uns diese transformierte Welt, dieses so nahe und so berührbare universelle Fleisch, nur in einer erhabenen Ferne greifbar. Wenn die Leidenschaft stark und edel ist, begegnen sich der Mann und die Frau, die sich vereinen, erst im Zielpunkt ihres geistigen Wachsens. Dieses Gesetz der menschlichen Vereinigung ist das Gesetz unserer kosmischen Vereinigung. Christus hält uns durch die materiellsten Fasern der Natur. Wir werden ihn jedoch erst an dem Tag vollkommen besitzen, da unser persönliches Sein und mit ihm die Welt Schritt um Schritt bis an die Grenzen seiner Einswerdung gelangt ist. Es wäre absurd, diese langen Verzögerungen, diese langen Wege zu bedauern. Sie sind nicht von vornherein eine nutzlose Prüfung oder eine Strafe. Sie bringen ja gerade das Gesetz der Evolution des Geistes zur Aussage. Christus entsteht über dem einsgewordenen (110) Vielen. Deshalb gibt es in seinem universellen und lichten Fleisch eine Unendlichkeit von Zonen, Kreisen, Wohnungen. Das mystische Milieu entzieht sich all dem, was den Hang des Vielen durch weniger Tun und aus Egoismus wieder hinabsteigt. Es leuchtet dagegen [als bereits göttlich] überall dort auf, wo etwas sich bemüht, aufzusteigen und sich zu vereinen. Die Moralisten haben häufig Schwierigkeiten, gewisse menschliche Werke [besonders in der Kunst] zu legitimieren, die von den absoluten und statischen Geboten der Moraltheologie verworfen werden, auf die aber das menschliche Leben offensichtlich nicht zu verzichten vermöchte. Sie haben eben nicht begriffen [vergleiche Seite 80f], daß das Gute und das Böse nicht zwei Abteilungen, sondern zwei Richtungen im menschlichen Tun sind. – Für einen geistigeren Menschen wie Sie wäre es ganz allgemein schuldhaft, wieder zu gewissen Schauspielen, zu gewissen Genußformen und zu gewissen Zweifeln hinabzusteigen [wenn es Ihnen auch in gewissen Fällen nottun kann, die Wurzeln Ihrer Seele dort wieder einzutauchen]. Für viele andere aber stehen diese Wirklichkeiten, die jetzt hinter Ihnen liegen, im Gegenteil auf dem Wege des Lichtes. Diese müssen deshalb durch diese niederen Elemente hindurchgehen, bevor sie weiter emporsteigen. – Jede Wirklichkeit verbirgt für irgendjemand oder für irgend etwas eine Dynamik, eine Anziehung Christi; und nichts [die Individuen sowenig wie die Gesamtheit] gelangt zum Geiste, es sei denn über eine bestimmte Bahn durch die Materie hindurch. Auf diesem Wege können keine Etappen übersprungen werden. Sie müssen eine nach der anderen zurückgelegt werden; und es dürfte recht schwierig sein zu sagen, bis zu welcher Tiefe unterhalb von uns die Wurzeln des (111) Geistes noch hinabsteigen. Sie also, die Sie sich einbilden, nur mehr vom Lichte leben zu können, Sie nähren sich, ohne daß Sie es ahnen, von dem gröberen Saft, den andere demütig in den Tiefen der Materie läutern. Das Fleisch Christi nährt sich vom ganzen Universum. Das mystische Milieu sammelt alles, was Energie ist. Nur das ist in der Welt unvermögend und verdammt, was der Einswerdung des Geistes den Rücken kehrt28.

(Anm 21) Man kann nicht genug diese Tatsache betonen, daß die Heiligung der Seelen, so persönlich sie auch sein mag, wesentlich kollektiv bleibt. Wir vergeistigen uns, getragen von der Vergeistigung aller. Wir vereinen uns mit Christus, indem wir mit allen kommunizieren. Wir werden gerettet durch eine Erwählung, die das Ganze gewählt hat. Und die beseligende Schau wird weniger eine individuelle Schau 28

48 Das Universum erweist sich in den Augen des Gläubigen als ein Fleisch. Wir werden durch diese Feststellung zu den Betrachtungen zurückgeführt, mit denen wir weiter oben [Seite 98] unsere Überlegungen über den Christus-Universalis, den universellen Christus, beendeten. Die mystische Schau tut nichts anderes, denn die universelle und sakramentale Konsekration der Welt aufzudecken – und das mystische Tun nichts anderes, denn sie zu fördern. – Die Welt konsekrieren durch einen ganzen Glauben, der sie in dem unendlichen Netz der Zweitursachen den organischen Einfluß Christi schauen läßt; mit der Welt kommunizieren durch eine uneingeschränkte Treue, in ihre alle Gelegenheiten des Wachsens ergreifen und in ihr alle Einladungen zum Sterben zu erleiden. – Das macht letzten Endes für den Christen das innere Leben aus. Wer diese unermeßliche Einfachheit der Dinge begriffen hat, wer diesen einzigartigen Ton im universellen Lärm gehört hat, der besitzt die Welt. Innig in die Dinge durch den Feuereifer hineingegeben, den er daran setzt, sie zu vollenden und sie zu begreifen, erfährt er doch nicht ihr Getriebe. Er berührt sie, doch erreicht er durch sie hindurch Gott. Und in der Fülle, die auf ihn überströmt aus dieser Prä-Adhäsion, diesem Voraus-Anhängen an Gott in Allem, vermag er nicht (112) zu sagen, welche von beiden Gnaden die kostbarste ist: Christus gefunden zu haben, um die Materie zu beseelen – oder die Materie, um Christus universell greifbar zu machen29. IV. GESCHICHTE: DIE EVOLUTION DER WELT Bisher haben wir uns vor allem damit befaßt, die innere Struktur der Welt zu entdecken, ohne danach zu streben, uns in einer Gesamtschau die großen Linien ihrer Geschichte vorzustellen. Versuchen wir in der Weise einer Zusammenfassung und Anwendung der Theorien über die Unio Creatrix die Züge festzulegen, die in ihrem Lichte die innere Evolution des Kosmos gewinnt, in den wir eingetaucht sind. A. DIE VERGANGENHEIT Soweit auch unsere Blicke in die Vergangenheit reichen, wir sehen die Wogen des Vielen anbranden, als kämen sie von einem negativen Pol des Seins. Die Fransen unseres Universums, so haben wir gesagt, verlieren sich in der materiellen und unbewußten Pluralität. In der Erfahrung gibt es ebensowenig Grenzen zu diesem Ozean, wie es sie zu dem uns umgebenden materiellen Raum gibt. – Man hört häufig von einem ersten Augenblick der Welt reden: eine falsche Aussageweise und eine eitles Suchen! Der Schöpferakt reiht sich nicht in die Kette der Antezedenzien ein. Er steht über dem in seiner ganzen Ausdehnung und seiner (113) ganzen Dauer erfaßten Universum. Damit ist es für das Element der Welt unmöglich, aus der Welt herauszutreten oder auch nur an eine untere Grenze der Welt zu gelangen. Es ist ihm unmöglich, sich [in gesunder Weise] ein physisches Ende der Welt vorzustellen oder auch nur [in vernünftiger Weise] die isolierte Schöpfung eines Elementes der Welt abseits oder außerhalb der Welt sich zu denken30. Soweit das Auge reicht, strahlt um uns herum das Gewebe der
sein denn ein spezifischer Akt des mystischen Leibes indem das Göttliche sich jedem von uns durch die Augen Christi enthüllt. 29 (Anm 22) Der einzige Unterschied, jedoch der wesentliche Unterschied, der diese Überlegungen über die gewöhnliche, geläufige Theorie von der Gegenwart Gottes trennt, ist der, daß von dem hier anerkannten Standpunkt aus die Gegenwart Gottes die Elemente der Welt nur durch den [und im] Leib Christi erreicht. 30 (Anm 23) Teilhard bezweifelte immer, ob die Erfahrungswissenschaft auch nur annähernd den Anfang der Welt zu beweisen und zu datieren vermöge. Hat unsere Vernunft, wenn sie den Lauf der Geschichte bewaffnet mit dem aristotelischen Begriff der Causa efficiens, hinaufsteigt, «einen Zugriff zu einem ‹natürlichen Anfang›, zu einem natürlichen ‹Nullpunkt›, zu einem Punkt des Hinschwindens nach rückwärts [außerhalb von Zeit und Raum], der den ‹Anfang› eines in Expansion begriffenen Universums

49 zeitlichen und räumlichen Reihen aus – ein endloses Gewebe, ein unzerreißbares Gewebe, ein Gewebe, so gut aus einem Stück gewebt, daß es in ihm keinen Knoten gibt, der nicht vom Ganzen insgesamt abhinge. – Gott hat nicht isoliert die Sonne, die Erde, die Pflanzen, die Menschen gewollt [und er hätte sie nicht als Einzelstücke herstellen können]. Er hat seinen Christus gewollt; – und um seinen Christus zu haben, hat er die geistige Welt schaffen müssen, die Menschen insbesondere, auf denen Christus keimen sollte; – und um den Menschen zu haben, hat er die gewaltige Bewegung des organischen Lebens in Gang setzen müssen [die folglich kein Luxus ist, sondern ein wesentliches Organ der Welt]; – und schließlich brauchte es, damit diese entstand, die ganze kosmische Gärung. Am Anfang der sinnlichen Welt gab es das Viele; und dieses Viele stieg bereits als ein unauflöslicher Block in der Anziehung des universellen Christus, der sich in ihm zeugen würde, zum Geiste auf. Dieser Aufstieg aber war langsam und schmerzlich; denn schon damals war das viele durch etwas in ihm selbst schlecht. Woher hat das Universum seinen Urmakel? Weshalb sind wir gezwungen, in gewisser Weise Übel und Materie, (114) Übel und Determinismen, Übel und Pluralität gleichzusetzen? – Sollte es nicht einfach daran liegen, daß die niederen Zonen des Universums und der Vereinigung relativ zu unseren Seelen ein überholtes – und folglich verbotenes – Gebiet sind, in das zurückzufallen verderben heißt? Sollte es nicht so sein, wie die Bibel ausdrücklich anzudeuten scheint, daß das ursprüngliche Viele aus der Auflösung eines bereits geeinten Seins [erster Adam] entstanden ist, so daß in der gegenwärtigen Periode die Welt nicht auf Christus hin aufstiege, sondern zu Christus [dem zweiten Adam] wieder aufstiege31? Welche Hypothese man auch annimmt: daß das Übel32 die Welt infolge eines schuldhaften Aktes pluralisiert habe – oder aber daß die Welt, weil sie plural [unvollkommen, evolutiv] ist, das Übel hervorgebracht habe vom ersten Augenblick an wie ein Gegenstand seinen Schatten33 – auf jeden Fall kommt der Unio Creatrix, der schöpferischen Vereinigung, dieses besondere Charakteristikum zu, eine Unio Redemptrix, eine erlösende Vereinigung, zu sein. Es scheint, Gott habe nicht schaffen können, ohne den Kampf wider das Übel und das Viele zur selben Zeit aufzunehmen. Wir haben bereits weiter oben [Seite 91] von den historischen Wechselfällen der Inkarnation und des Loskaufs gesprochen. Überspringen wir also diese wenig klare Zeit der Evolution der Welt – und über den Bug des Schiffes geneigt wollen wir versuchen, wie in einem Traum die Dunkelheit der Nacht zu durchdringen die sich nach und nach im Durchgang der Welt erhellt. «Custos, quid de nocte?» (115)

bildet?... Ich bezweifle das stark». Der heilige Thomas bezweifelte das unter einem anderen Gesichtspunkt auch, da er zwar der Vernunft die Möglichkeit zuerkannte, die Tatsächlichkeit der Schöpfung zu beweisen, aber zugleich ihre Unfähigkeit betonte, zu beweisen, daß die Welt nicht ab aeterno geschaffen sei. [Anmerkung der Herausgeber]. 31 (Anm 24) In diesem Fall würde vor die derzeitige Phase der Evolution [des Geistes aus der Materie] eine Phase der Involution [des Geistes in die Materie] anzusetzen sein, eine offensichtlich nicht experimentelle Phase, da sie sich in einer anderen Richtung des Wirklichen entwickelt hätte. 32 (Anm 25) Es gibt nur ein einziges Übel: die Enteinigung. Wir nennen es «sittlich», wenn es die freien Bereiche der Seele berührt. Doch es bleibt [wie übrigens auch das Gute, das «vereint»] selbst dann von physischer Essenz. 33 (Anm 26) Das Übel, sagen die Scholastiker, ist ein Mangel an Sein – für den Menschen eine Verweigerung der durch seine geistige Natur verlangten Vollkommenheit. [Anmerkung der Herausgeber].

50 B. DIE ZUKUNFT O ja! Es ist sehr dunkel vor uns! Und die Sterne sind nicht mehr da, wenn es darum geht, den Standort im Universum zu bestimmen. – Etwas jedoch scheint gewiß. Das Geräusch der Wogen, das wir vernehmen, ist nicht nur das ungeordnete Schlagen der Fluten gegen die Flanken unseres Schiffes. Hinzu kommt noch das besondere Rauschen des Wassers unter dem Kiel. Das Land, dem wir entgegensegeln, ist vielleicht unbekannt. Das ist unwichtig. Auf jeden Fall sind wir nicht ein nach dem Zufall treibendes Objekt. Es gibt einen Sinn der Dinge. Wir kommen voran. Wir schreiten voran. Die Weisen lächeln oder werden böse, wenn man von Fortschritt spricht. Sie zählen selbstgefällig die Ärgernisse der Stunde auf, oder aber sie argumentieren mit der Erbsünde, um zu beweisen, daß aus der Erde nichts Gutes herauskommen kann. – Lassen wir diese Pessimisten beiseite, die anscheinend weder die Geschichte noch die Vernunft noch ihr Herz jemals befragt haben. Ahnen diese Leute auch nur, daß ihr Skeptizismus logisch die Welt unbegreiflich machen und in uns das Tun töten würde? – Sagt, das Bewußtsein sei nicht besser als das Unbewußtsein. Sagt weiter, der Mensch brauche, um zu handeln, nicht zu wissen, daß sein Bemühen nützlich ist. Und dann habt ihr die Existenz und die Notwendigkeit des Fortschritts geleugnet. Mit demselben Schlage aber habt ihr durch eure Theorien unseren wirklichen Lebenssinn zerstört. Wir, die wir keinen anderen Leitfaden im Irrgarten der organischen Evolutionen kennen als die schrittweise Konzentration der psychischen Fähigkeiten; – (116) wir, die wir das Mehrsein nicht direkt in die Bequemlichkeit oder in die Tugend setzen, sondern in die wachsende Beherrschung der Welt durch das Denken [das heißt in eine ebenso für das Übel wie für das Gute wachsende Kraft]; – wir, die wir nicht glauben, es lohne die Mühe zu arbeiten, wenn nichts von dem Werk unserer Hände für immer bleiben soll – wir glauben an den Fortschritt und wir erkennen ihn um uns herum in der Ausweitung der wissenschaftlichen Entdeckungen, im Ansatz der kollektiven Organismen, im Erwachen der humanitären Gefühle und der Sympathien für das Universelle. – «Quantitative Fortschritte: additive Erkenntnisse, nichts anderes!» so sagt man. «Wirkliche qualitative und organische Fortschritte», werden wir antworten. Weil die Evolution an den Punkt gelangt zu sein scheint, wo ihre Fortschritte sich nicht mehr in dem [zur Reife gelangten] individuellen menschlichen Leib vollziehen, sondern in der menschlichen Seele und mehr noch vielleicht in der Kollektivität der menschlichen Seelen, glaubt ihr, sie sei zum Stillstand gekommen. Damit ist es nichts. Jede Vermehrung des Bewußtseins transformiert unausweichlich die Monaden und die Welt in ihrem physischen Sein. Damit stellen die wunderbare Ausweitung unserer Sinneswahrnehmung auf den Kosmos, die unaufhörliche Vermehrung der «Einheit schaffenden» Beziehungen in jeder Ordnung der Dinge unausweichlich einen seinsmäßigen Zuwachs des Universums dar. Die in unseren Tagen im menschlichen Geist und der menschlichen Kollektivität intensiv weitergehende Einswerdung ist die authentische Weiterführung des biologischen Prozesses, der das menschliche Gehirn hervorgebracht hat. So will es die Unio Creatrix. (117) Worauf also muß sich heute unser Bemühen richten, um so wirksam wie möglich zu sein? In welcher Richtung nachzugeben schickt sich das Wirkliche unter unserem Drängen an? Ohne jeden Zweifel auf Seiten der einmütigen Suche nach der Wahrheit. Es wäre verfrüht wollte man unvermittelt die kraftvollen, wenn auch allzu brutalen Ausdrucksformen der Kriegskraft unterdrücken. Wir haben noch immer stärkere Kanonen und noch größere Dreadnoughts nötig, um unseren Angriff auf die Welt zu materialisieren. – Es ist aber vorauszusehen und zu erhoffen, daß diese Instrumente der Herrschaft und der Eroberung

51 nach und nach Angriffsmitteln Platz machen, die ebenso mächtig sind, jedoch auf einen umfassenderen und geistigeren Bereich einwirken. In unserem Jahrhundert sind die Menschen noch von der Sorge in Anspruch genommen, die Ernährung ihres Leibes zu organisieren und auf der Oberfläche des Erdballs ihre wachsende Vielheit vorteilhaft zu verteilen. Sie sind ferner noch abgelenkt durch das Vergnügen, die Gegenstände aufzuzeichnen und in Dienst zu nehmen, die die Natur ihnen am unmittelbarsten anbietet. – Diese Epoche wir nicht ewig dauern. Früher oder später wird die Gesellschaft sich organisieren. Die leicht zu ergreifenden Seltsamkeiten der Erde werden erschöpft sein. Da die Menschen dann deutlicher in sich das wesentliche Bedürfnis verspüren, zu wissen, um mehr zu sein, und da sie vor sich umfassendere, dringlichere und besser gestellte Probleme entdecken, werden sie sich endlich mit demselben Feuereifer zur Forschung gruppieren, wie sie es heute tun, um Gold anzuhäufen oder sich gegenseitig zu töten. Die intellektuelle Forschung wird nicht mehr eine dilettantische Zerstreuung, eine amateurhafte Freude sein. (118) Sie wird die Würde einer ursprünglichen und kollektiven Funktion gewonnen haben. Für die ihrer Isolierung im Kosmos bewußt gewordenen und von kollektiven Gefahren bedrohte Menschheit heißt es entweder finden oder sterben. So wird in der Welt die Ära der Wissenschaft beginnen; und diese wird wahrscheinlich immer mehr von Mystik durchtränkt sein [nicht, um gelenkt zu werden, sondern um sich mit ihr zu beseelen]. Da sie von der Logik des Bemühens und von der geheimen Dynamik der Materie zu immer universelleren Hoffnungen vorangetrieben wird – da sie mit unbarmherziger Klarheit die Absurdität wahrnimmt, die darin läge, einem menschlichen Werk ohne Morgen nachzustreben –, wird die Menschheit in ihrem aufsteigenden Teil immer mehr in der Jagd nach Gott und seiner Erwartung aufgehen; und niemals wird Christus in der Schöpfung eine großartigere Kraft finden, ihn zu hassen oder ihn zu lieben. Wirklich, durch die Vermehrung ihrer Zahl und die Vervielfachung ihrer Bindungen gegeneinandergepreßt, durch das Erwachen einer gemeinsamen Kraft und das Gefühl einer gemeinsamen Angst aneinandergedrängt, – werden die Menschen der Zukunft in gewisser Weise nur mehr ein einziges Bewußtsein bilden; und weil sie, ist ihre Initiation einmal beendet, die Macht ihres vereinten Geistes und die Unermeßlichkeit des Universums und die Enge ihres Gefängnisses ermessen haben werden, wird dieses Bewußtsein wirklich erwachsen, volljährig sein. Kann man sich nicht vorstellen, daß in diesem Augenblick zum ersten Mal in einer endgültigen Entscheidung ein wirklich und total menschlicher Akt gesetzt würde, – das Ja oder das Nein vor dem Angesicht Gottes, das individuell von Wesen ausgesprochen wird, in denen (119) in jedem das Gefühl der menschlichen Freiheit und Verantwortung voll entfaltet sein wird? Man hat einige Mühe, sich vorzustellen, wie das Ende der Welt aussehen könnte. Eine Sternenkatastrophe wäre zu unserem individuellen Sterben ziemlich symmetrisch. Doch sie würde eher zum Ende der Erde als zum Ende des Kosmos führen, – aber der Kosmos muß verschwinden. Je mehr ich über dieses Geheimnis nachdenke, desto mehr sehe ich es in meinen Träumen die Gestalt einer ‹Umkehrung› des Bewußtseins – eines Durchbrechens des inneren Lebens –, einer Ekstase annehmen… Wir brauchen uns nicht den Kopf darüber zu zerbrechen wie die gewaltige materielle Größe des Universums jemals vergehen könnte. Es genügt, daß der Geist sich umkehrt, daß er den Bereich wechselt, damit sich sofort das Gesicht der Welt ändert. Wenn das Ende der Zeit naht, wird auf die Grenzen des Wirklichen unter der Anstrengung der Seelen, die sich in ihrem Verlangen, der Erde zu entrinnen, verzweifelt anspannen, ein erschreckender geistiger Druck ausgeübt werden. Dieser Druck wird einmütig sein. Doch die Schrift lehrt uns, daß gleichzeitig ein tiefes Schisma durch die Erde hindurchgehen wird, – die einen wollen aus eigener Kraft heraustreten, um die Welt noch mehr zu beherrschen – die

52 anderen warten auf Christi Worte hin leidenschaftlich darauf, daß die Welt sterbe, um mit ihr in Gott aufgenommen zu werden. Dann wird ohne Zweifel auf eine bis zum Paroxysmus ihrer Fähigkeiten zur Vereinigung gebrachte Schöpfung die Parusie einwirken. Das seit dem Ursprung der Zeiten verfolgte einzige Werk der Assimilation und Synthese wird endlich offenbar: der universale Christus (120) wird wie ein Blitz in den Wolken der langsam geheiligten Welt aufleuchten. – Die Posaunen der Engel sind nur ein schwaches Symbol. Bewegt von der mächtigsten organischen Anziehung, die man sich vorstellen kann [der Kraft, die das Universum zusammenhält!], werden die Monaden sich an den Ort stürzen, für den die totale Reifung der Dinge und die unerbittliche Irreversibilität der ganzen Weltgeschichte sie unwiderruflich bestimmen werden – die einen, vergeistigte Materie, in die grenzenlose Vollendung einer ewigen Gemeinschaft; – die anderen, materialisierter Geist, in das bewußte Grauen eines endlosen Verfalls. In diesem Augenblick, lehrt uns der heilige Paulus [1 Kor 15,23], wenn Christus alle geschaffenen Kräfte ihrer selbst entleert haben wird [indem er verwirft, was Faktor der Auflösung ist, und alles über-beseelt, was Kraft der Einheit ist], wird er die universelle Einswerdung vollenden, indem er sich in Seinem vollständigen und erwachsenen Leib mit einer Fähigkeit zur endlich vollständigen Vereinigung den Umarmungen der Gottheit hingibt. So wird der organische Komplex errichtet sein: Gott und die Welt, das Pleroma – geheimnisvolle Wirklichkeit, von der wir nicht sagen können, daß sie schöner sei als Gott allein, da Gott nicht auf die Welt angewiesen ist, von der wir aber auch nicht glauben können, daß sie absolut nebensächlich sei, ohne die Schöpfung unverständlich, das Leiden Christi absurd und unsere Anstrengung bedeutungslos zu machen. Et tunc erit finis. Wie eine gewaltige Flut wird das Sein das Brausen der Seienden übertönen. In einem zur Ruhe gekommenen Ozean, von dem aber jeder einzelne Tropfen das Bewußtsein haben wird, er selbst zu bleiben, wird das (121) außerordentliche Abenteuer der Welt beendet sein. Der Traum jeder Mystik wird seine volle und berechtigte Erfüllung gefunden haben. Erit in omnibus omnia Deus.
Ineditum, Tientsin, 25. März 1924. (122)

V DAS MENSCHLICHE PHÄNOMEN34
Eine nach der anderen fallen die verschiedenen Unterteilungen der Welt unter dem einsmachenden Einfluß der Wissenschaft. Von den Sternennebeln bis zu den Atomen, von der Elektrizität bis zur organisierten Materie hat man heute die wichtigsten natürlichen Gruppierungen von Einheiten und Energien auf ein gemeinsames perspektivisches Zentrum zurückgeführt. Fast als einziger entzieht sich noch der Mensch dieser historischen und energetischen Systematisierung der Welt. Wohl gibt es eine vergleichende Anatomie und eine Anthropologie, um unseren Körper in seinen Beziehungen zu den Tieren zu untersuchen; doch diese Erforschungen richten sich auf das, was es an Niederem, Älterem und folglich an weniger
(Anm 1) Diese Schrift ist von dem anderen Aufsatz mit dem gleichen Titel aus dem Jahre 1930 zu unterscheiden, der in Die Schau in die Vergangenheit veröffentlicht wurde. Ein letztes Mal hat der Autor diesen Titel 1938 für das große Werk benutzt, das als Band I der Originalausgabe erschien [Éditions du Seuil]. [Anmerkung der Herausgeber.] Der deutsche Titel Der Mensch im Kosmos [Verlag C. H. Beck, München] stammt nicht von Teilhard. [Anmerkung des Übersetzers]. 34

53 Charakteristischem in uns gibt. Es gibt auch eine Psychologie, eine Linguistik, eine Soziologie, eine Volkswirtschaftslehre, eine Humangeographie usw., damit man sich mit den von der Welt des reflektierten Tuns gestellten Problemen befasse; doch diese Disziplinen, so sehr auch ihr Vokabular und ihre Methoden ein Abklatsch der Labormethoden und -sprache sein mögen, bilden noch eine geschlossene Gruppe und stehen sozusagen außerhalb der Natur. Sie behandeln den Menschen als eine Art kleinen Kosmos für sich, der vom Rest des Universums isoliert ist. Es gibt eine Menge von Wissenschaften, die sich mit dem Menschen befassen. Doch der Mensch ist mit dem, was ihn wesentlich zum Menschen macht, noch nicht in das Feld der Wissenschaft eingetreten. Und doch genügt es nicht, einen Augenblick lang an das wunderbare Ereignis zu denken, welches die (123) Explosion des Denkens an der Oberfläche der Erde darstellt, um gewiß zu werden, daß diese große Sache nicht nur in das allgemeine System der Natur gehört, sondern auch unter dem doppelten Gesichtspunkt der Nutzung und des Begreifens der Grundkräfte des Universums in ihr einen Platz von größter Bedeutung einnehmen muß? In den folgenden Überlegungen wollen wir einen Gesichtspunkt entwickeln, unter dem sich die Wissenschaften vom Menschen derart mit der Naturwissenschaft verknüpfen, daß sie sie weiterführen. Im Kosmos stellt die Menschheit ein «natürliches Phänomen» dar – ein Phänomen sui generis – ein entscheidendes Phänomen; und als solches verdient es [und wäre es um den Preis einer gewissen allgemeine Umstellung unserer Perspektiven], einen höchsten Zweig der Wissenschaft zu begründen: darauf möchten wir hier aufmerksam machen, und zwar in dem Bewußtsein, den Boden des strikt Erfahrbaren nicht zu verlassen. 1. WISSENSCHAFTLICHE WIRKLICHKEIT DES MENSCHLICHEN PHÄNOMENS Das Hindernis, den Menschen ohne Schwierigkeiten mit den Zügen eines natürlichen Phänomens [so wie das Licht oder die Elemente] wahrzunehmen, liegt, wie es scheint, weniger an der ganz besonderen Natur der Energien, die sich auf seiner Stufe bekunden als am Gesichtswinkel, unter dem diese uns erscheinen. Wir haben uns die Auffassung zur Gewohnheit gemacht, ein Phänomen sei um so physischer [objektiver, wirklicher], je mehr es seinen Sitz in einem Element (124) universellerer Ausdehnung hat oder je mehr es durch und durch einem Effekt der großen Zahlen entspricht. Die Wissenschaft schlechthin ist in unseren Augen die Wissenschaft des Äthers und der Atome – das heißt die Wissenschaft eines Universums, in dem die Zentren [insofern sie existieren] nur als Träger statistischer Gesetze in Erscheinung treten: als Massen und von außen her. Sogar die Biologie wird bisher nur in dem Maße als wahre Wissenschaft betrachtet, wie sie in der organisierten Welt allgemeine Spannungen und kollektive Determinismen zu entdecken glaubt, die Spiegelbilder zu denen der Materie sind. Man darf sagen, unsere derzeitige Physik der Materie und des Lebens [falls man überhaupt noch von einer Physik des Lebens sprechen darf] ist restlos in einem dem Individuellen entgegengesetzten Sinne ausgerichtet – das heißt entgegengesetzt zum Spontanen und Bewußten. Genau in umgekehrter Richtung entwickeln sich notwendig die Wissenschaften von der Menschheit. Sobald man die menschliche Welt, unsere Welt, angeht, steht das Atom [das heißt in diesem Falle die Person] aus Gründen des Größenmaßstabs und des Egoismus‘ im Zentrum des Interesses und der Untersuchung. Die Gesamtwirklichkeiten werden nicht mehr bemerkt oder treten in den Hintergrund. Im Bereich der menschlichen Fragen fixieren das Individuelle – und folglich die Gesichtspunkte der Freiheit und der inneren Erfahrung – durch eine vollständige

54 Umkehr der Perspektiven der Physik zunächst die Aufmerksamkeit und lenken im weiteren die Untersuchungen. Die Wissenschaften vom Menschen und die Wissenschaft von der Natur gehen das Wirkliche derzeit in zwei entgegengesetzten Richtungen an. Das gibt ihren jeweiligen Gegenständen den paradoxen Anschein, (125) zwei verschiedenen Universen anzugehören. Gerade das muß man genügend berichtigen, will man erreichen, als Naturforscher und Physiker das menschliche Phänomen zu sehen. – Man versuche doch, die Menschheit nicht mehr mit den Augen des Menschen in isolierten Einheiten und von innen her, sondern als ferner Beobachter in Gruppen und von außen her zu betrachten: und sogleich gewinnt sie eine, wenn auch nicht gleiche, so doch zumindest verwandte Physiognomie wie alle anderen Größen, deren Gesamtheit den Kosmos ausmacht. Eine erste Stufe in dieser Erziehung des Blicks besteht darin, in der menschlichen Welt hinter dem Vorhang der sozialen Beziehungen, bei denen unsere Aufmerksamkeit gewöhnlich stehenbleibt, die sichtbare Weiterführung der wichtigsten Gesetze zu erkennen, die das Leben in seinen infra-humanen Bereichen beherrschen. Gesetz der Unregelmäßigkeit im Wachstum: die Fortschritte vollziehen sich für jede Besonderheit sprung- und wechselhaft, bald hier, bald dort, bald schnell und bald langsam. Gesetz der Geburt: jede Idee oder Industrie oder neue Gruppierung bildet sich durch Vergrößerung und Differenzierung eines beschränkten Kerns, wo im menschlichen Milieu diffus vorhandene Potentialitäten eines schönen Tages Gestalt gewinnen. Gesetz der Ablösungen: keine Einheit oder soziale Institution schreitet endlos auf dem Wege einer gegebenen Vervollkommnung voran, sie wird vielmehr bald verhältnismäßig unbeweglich und durch eine andere Gruppe ersetzt. Etc. Anpassung, Mutationen, Vererbung, Parallelismen, Korrelation, Orthogenese: die Biologie hat bei ihrer Untersuchung der allgemeinen Bewegungen der organisierten Materie keine einzige Regel und kein einziges Phänomen herausgearbeitet, (126) zu denen sich nicht im menschlichen Sozialkomplex ein Äquivalent erkennen ließe. Und dieser Komplex selbst, wird er in seiner Totalität begriffen, läßt immer mehr seltsame Analogien aufbrechen, die uns ihn als eine einzige organisierte Sache behandeln lassen. Vor unseren Augen streben die großen ethnischen Gruppen zueinander, und sie verschweißen miteinander. In dieser Masse entstehen Ströme von Materie und von Menschsein, die die Erde umkreisen. Metalle, Brennstoffe, Getreide, Geld, Bücher, Konzerte, Gelehrte, Kaufleute, Politiker: zahllose Elemente gären und werden unter dem Einfluß und innerhalb dieser aktiven Hülle des Erdballs in Bewegung gesetzt. Wie ein Saft oder ein Blut nähren sie eine Gesellschaft, deren geistigstes Leben jeden Tag von einem immer komplexeren allgemeinen Kreislauf abhängig wird. – Die schrittweise Herausbildung und das Funktionieren der Menschheit sind Wirklichkeiten, die man in Kontinuität mit der allgemeinen Entwicklung des übrigen Lebens sehen kann: dies ist ein erster Schritt in der Wahrnehmung des menschlichen Phänomens. Schreiten wir nunmehr auf eine weitere Stufe; und versuchen wir die Menschheit aus noch größerer Entfernung zu betrachten. Schließen wir die Augen für das, was in ihr deutlich vital oder individuell ist, um in ihr [etwa wie im Fall einer flüssigen oder gasförmigen Masse] noch mehr das sich bewegende Ganze der Elemente zu erkennen. Wir werden feststellen, daß sich über die so wunderbar spontane, empfängliche und nuancierte Welt der menschlichen Beziehungen, wie wir sie auf unserer Stufe wahrnehmen, aus dem Abstand, in den wir uns stellen, der unpersönliche und geometrische Schleier einer neuen Materie legt. Ausströmen und Rauschen einer aus sehr großer Höhe (127) wahrgenommenen Vielheit. Unveränderliche Ordnung der Geburten, der Todesfälle, der Unfälle, die die Statistik aufdeckt. Druck der Völker auf die unbewohnten Oberflächen. Druck des Geistes auf die unaufhörlich zurückgeschobenen Grenzen

55 des Unvermögens und der Unwissenheit. Affinität der Individuen und der Nationen. Leitfähigkeit oder Trägheit der Massen. Verhärtung oder Ankylose der Institutionen. Inneres Gleichgewicht, innere Spannungen oder Resonanzen der denkenden Masse. Alle diese Tatsachen legen uns nahe, daß die großen Zahlen mit ihrer mathematischen Aussagemöglichkeit und ihrer Tyrannei, aber auch mit ihren wunderbaren Hilfsmitteln an angehäuften Energien und an fruchtbarem Tasten auf einer bestimmten Ebene die allgemeinen Bewegungen der menschlichen Gesellschaft regieren – und aus ihr folglich ein Objekt machen, das nicht nur der Hoheit der Biologie, sondern auch der Physik untersteht. In dieser Konjunktion gibt es nichts, was uns überraschen müßte. Immer mehr tendieren die verschiedenen Disziplinen des Universums, von der Physik bis zur Zoologie, dahin, sich untereinander als die verschiedenen Kapitel ein und derselben großen Geschichte zu verbinden. Sie erforschen den Mechanismus, die Phasen und die Weiterführung ein und desselben unermeßlichen Prozesses: die Entwicklung des Universums. Von einem Ende des Erfahrungsbereiches bis zum anderen entdecken wir, daß nur ein einziges umfassendes Phänomen im Gange ist. Der Mensch vermag nicht außerhalb dieses Phänomens zu stehen. Er ist folglich selbst als ein Phänomen studierbar. Damit die Wände, die in unangemessener Weise die Humanwissenschaften von der Naturwissenschaft trennen, vor unseren Augen einfallen, gibt es schließlich weder ein (128) einfacheres noch ein radikaleres Mittel, als sich der Einheit der kosmischen Evolution bewußt zu werden. 2. SPEZIFISCHE NATUR DES MENSCHLICHEN PHÄNOMENS Recht häufig schon sind die mechanischen oder biologischen Analogien, die wir eben aufzählten, in der menschlichen Welt herausgestellt worden. Doch müssen wir bekennen, die für diese Ähnlichkeiten gegebene Interpretation war bisher derart unglücklich, daß sie die anthropozentrischen Vorurteile, die den Menschen von jedem anderen Objekt der Wissenschaft gesondert halten wollen, eher bestärkten als überwanden. Wird nicht immer noch die Gesellschaft ohne jede Einschränkung irgendeiner großen Maschine oder irgendeinem gewaltigen Tier verglichen? Diese ärgerlichen Verirrungen sind darin begründet, daß eine wesentliche Berichtigung unserer Anschauungen vergessen wird, die jedesmal vorgenommen werden muß, wenn wir irgendeine Linie der Wirklichkeit durch einen neuen Kreis des Universums hindurch weiterverfolgen wollen. Von Kreis zu Kreis metamorphosiert sich die Welt. Sie erfährt eine innere Bereicherung und einen inneren Neuguß. Und folglich stellt sie sich jedesmal in einem neuen Zustand dar, in dem die Gesamtheit ihrer früheren Eigenschaften teilweise fortbesteht und teilweise erneuert wird. Das vergessen jene Leute zu sehr, die für [oder wider] die Evolution sprechen, ohne auch nur, wie es scheint, den Begriff der Transformation begriffen zu haben. Damit stellen sich, je nachdem ob es sich um Umgruppierungen von Atomen oder von Zellen oder von Tieren (129) oder von menschlichen Individuen handelt, die Gesetze der Affinität und die Natur der Bindungen zwischen Elementen in einem als gleich und als anders dar. Man darf sie weder trennen noch sie verwechseln. Es ist zum Beispiel absurd, sich die Erde als eine Maschine, ein Tier oder eine Person vorzustellen. Doch wäre es nicht weniger falsch zu leugnen, daß die konvergenten Fortschritte aller unserer Erkenntnisse uns immer mehr dahin führen, die denkende Hülle [ebenso wie die einfach lebende Hülle] der Erde nicht mehr nur als ein Aggregat oder eine moralische Einheit, sondern vielmehr als ein organisches Ganzes sui generis zu betrachten, wobei dieses übrigens nur mit sich selbst in exakter Weise verglichen werden kann.

56 Und das genügt, daß wir nicht mehr umhin können, den Menschen und sein Auftreten unter die Phänomene der Natur einzureihen. Um die dem so definierten menschlichen Ganzen eigenen Seins- und Wirkweisen auszusagen, sind wir, das ist klar, verpflichtet, unsere Denkwesen zu verallgemeinern und uns zu neuen Vorstellungen und Begriffen durchzuringen. Ist aber diese Ausweitung der intellektuellen Kategorien nicht das schönste Bemühen des Geistes und der legitimste seiner Erfolge? Was zunächst beim Denken Anstoß erregt, wird schnell vertrauter Gast und Prinzip fruchtbaren Forschens. Man erinnere sich an das Auftreten der irrationalen oder inkommensurablen Größen in der Geometrie… Das menschliche Phänomen wahrnehmen heißt so nicht einfach, die kosmische Natur [den kosmischen Stoff] der sozialen Gegebenheiten anzuerkennen, das heißt ihren Zusammenhang mit der allgemeinen historischen Entwicklung der Welt. Es heißt zugleich, die Transposition abwägen und durchführen, der (130) die zunächst für die Welt der rohen Materie, dann für die der vitalisierten Materie aufgestellten organisch-physischen Gesetze und Begriffe unterworfen werden müssen, wenn wir zu der durch das spezifisch menschliche Vermögen der Reflexion erneuerten Welt, das heißt zur hominisierten Welt gelangen. 3. GRUNDLEGENDE BEDEUTUNG DES MENSCHLICHEN PHÄNOMENS Kaum ist der Mensch [mit aller notwendigen Vorsicht, aber als wirkliches Element] in das Gebäude der Welt re-integriert, da tendiert er schon dahin, für die Wissenschaft eine unermeßliche Bedeutung zu gewinnen. Sobald er nicht mehr als eine Art von Epi- oder ParaPhänomen angesehen wird, muß er qualitativ und quantitativ ein Phänomen erster Ordnung im Universum werden. Das ist die dritte Beobachtung, die wir hier vortragen wollen. Qualitativ zunächst bekundet der Mensch in einem privilegierten und folglich leicht untersuchbaren Grade eine gewisse besondere Energie der Welt – das in unserer Erfahrung äußerste Glied dessen, was man den psychischen Strom im Universum nennen könnte. Ebenso wie das Radium zum Beispiel, dank seiner außergewöhnlich intensiven Aktivität, der Physik eine universelle Eigenschaft der Materie offenbart hat – so erweist sich infolge der Präponderanz, welche im menschlichen Bereich die Phänomene der inneren Spontaneität gewinnen, das Bewußtsein bis in seine höhere Form, nämlich die Freiheit, als ein Faktor von kosmischer Bedeutung. Ungreifbar in der Welt der Atome, eine manchmal zu vernachlässigende Größe (131) in der Welt der organisierten Wesen, wird das Psychische in der menschlichen Welt entschieden zum Haupt-Phänomen. Und folglich zwingt es sich der Wissenschaft wissenschaftlich auf. Dieser Punkt erscheint uns unanfechtbar; und er bliebe unseres Erachtens sogar gültig, wenn die folgenden Überlegungen beiseite geschoben würden. Auf Grund eben der Tatsache, daß es die eindeutige Emergenz einer neuen Eigenschaft darstellt, kommt dem menschlichen Phänomen ein unbegrenzter quantitativer Wert zu. Doch es liegt noch mehr vor. Die Menschheit [das ist einer ihrer eigenartigsten physischen Aspekte] evolviert derart, daß sie eine natürliche Einheit von derselben Ausdehnung wie die Erde bildet. Die Sorge um die menschlichen Angelegenheiten hindert uns, die Bedeutung dieses gewaltigen Ereignisses abzuschätzen. Und doch vollzieht es sich vor unseren Augen. Tat um Tag «verkittet sich» die menschliche Masse; sie baut sich auf; sie webt um den Erdball ein Netz aus materieller Organisation, Verkehr und Denken. Da wir in diesen Prozeß eingetaucht sind, da wir ihn aus Gewohnheit als nicht physisch betrachten, achten wir nicht auf ihn. Betrachten wir ihn aber endlich einmal so, wie wir einen Kristall oder eine Pflanze betrachten würden. Augenblicklich bemerken wir, daß die Erde dabei ist, zu ihrer Lithosphäre, zu ihrer Atmosphäre, zu ihrer

57 Biosphäre etc. durch uns eine weitere Hülle zu ihren anderen Schichten hinzuzufügen – die letzte und die bemerkenswerteste von allen: die denken Zone, die «Noosphäre». In dem umfassenden und anschaulichen Ergebnis seiner Evolution betrachtet, ist das menschliche Phänomen «tellurischer» Größenordnung. Seine räumlichen Dimensionen sind die des Planeten. Und seine zeitlichen Dimensionen (132) auch. Ist der Mensch nicht natürlich mit der allgemeinen Geschichte der Erde solidarisch und legitim aus ihr hervorgegangen? – Das menschliche Phänomen, so sagten wir eben, läßt die Wissenschaft fast wie die Radioaktivität in das Geheimnis der elementaren Grundkräfte der Welt eindringen. Und nunmehr nimmt es die Weite [an Ausdehnung] und die Tiefe [an Dauer] der geologischen Ereignisse an. Die Menschheit – um den bereits oben verwendeten Ausdruck, den wir jetzt besser begreifen wieder aufzunehmen – ist wahrhaft die «hominisierte» Erde [man könnte sogar sagen, die «hominisierte» Natur]. Doch [und damit wollen wir schließen] diese Hominisation der Welt weist in ihrem Gefolge ein recht seltsames Charakteristikum auf, das uns veranlaßt, im Menschen etwas wissenschaftlich noch Interessanteres zu entdecken als die Bekundung einer kosmischen Eigenschaft oder das Produkt einer astralen Evolution: sie ist irreversibel. Soweit wir es zurückverfolgen können, scheint sich das Phänomen des Bewußtseins auf der Erde ständig verallgemeinert und akzentuiert zu haben. Trotz der sich häufenden Unwahrscheinlichkeiten, die seine Fortschritte voraussetzen, ist das Psychische in unserer Welt unaufhörlich gewachsen; und gerade eben sein derzeitiger Paroxysmus findet in der Menschheit seinen Ausdruck. Was bedeutet diese Irreversibilität? Vielleicht dies, daß das menschliche Phänomen, was die Weite der von ihm aufgedeckten physischen Perspektiven angeht, nur dieser unausweichlichen Trift des PhysikoChemischen in Richtung des «Wahrscheinlicheren» angenähert werden kann, die man Entropie nennt. Bisher hat die Wissenschaft sich zur Gewohnheit gemacht, die physische Welt lediglich mit den von den (133) Gesetzen des Zufalls und der großen Zahlen in Richtung einer wachsenden Abschwächung der austauschbaren Energien und in Richtung einer unorganisierten Zerstreuung mitgerissenen Elementen aufzubauen. Sobald man bereit ist, in ihr ein physisches Phänomen zu sehen, verpflichtet uns die Menschheit endgültig, gegenüber oder quer zu diesem ersten universellen Strom eine andere grundlegende Irreversibilität anzunehmen: jene, die die Dinge in der Gegenrichtung zum Wahrscheinlichen zu stets unwahrscheinlicheren und weiter organisierten Konstruktionen führt. Neben oder durch den wägbaren Strom der Entropie hindurch würde es, vom Materiellen verdeckt, im Organisierten aufblühend, jedoch vor allem im Menschlichen sichtbar, den unwägbaren Strom des Geistes geben. Ohne hier die Frage anzugehen, wie weit diese beiden Ströme nicht in einer dritten allgemeineren Bewegung aufeinander rückführbar seien35, bleibt doch gültig, daß es, wenn sie in der Menschheit wirklich interferieren, die Majestät und die unvergleichliche Erhabenheit des menschlichen Phänomens ausmachen würde, uns zumindest einen der beiden primären Formen des die Welt mitreißenden Elans zu offenbaren und von innen her erfahren zu lassen. Das Universum würde mit einer seiner grundlegenden Bewegungen in unserem Bewußtsein emergieren und in der Tiefe unseres Wollens ringen. Aus dieser als wissenschaftliches Faktum anerkannten Situation würden sich zwei wichtige Schlußfolgerungen ergeben, die eine mehr spekulativ und die andere vor allem praktisch.

(Anm 2) Und wenn zum Beispiel die Welt der Entropie nicht, wie die Physiker sich vorstellen, die grundlegende Welt wäre, sondern der materielle Aspekt, den durch den Effekt der großen Zahlen Myriaden von elementaren Spontaneitäten annehmen würden [und in diesem Fall stünde das Universum nicht auf der Basis von Mechanismen, sondern auf der Basis von «Freiheiten»]. 35

58 Spekulativ wären wir im Besitze eines Schlüssels, der [unter Berücksichtigung aller notwendigen Analogien] uns erlauben würde, von innen her das Universum zu erforschen, das die Physik bisher von außen her (134) zu erfassen versuchte. Wenn wirklich, wie wir festgestellt haben, die Gesetze der rohen Materie und die Schritte der lebenden Materie nach außen aufeinander folgen können, indem sie bis zu uns hinaufsteigen und sich in uns selbst «hominisiert» wiederfinden, so heißt das, daß wir umgekehrt versuchen können, die einen und die anderen zu begreifen, indem wir durch das Innen in ihre Richtung hinabsteigen, um uns dort materialisiert wiederzuerkennen. Im Bereich des Lebens zum Beispiel hat Édouard Le Roy kürzlich gezeigt36, wie vorteilhaft man den Begriff der Erfindung benützen könnte, um einiges Licht in den Mechanismus der organischen Evolution zu bringen. Praktisch würden wir uns als verantwortliche Sachwalter eines Teiles zu bewahrender und auszuweitender universeller Energie vorfinden – nicht irgendeiner Energie, sondern einer in uns zu einem bestimmten höchsten Grad der Erarbeitung gebrachten Energie. So kalt und objektiv man die Dinge auch ansieht, man müßte sagen, die Menschheit stellt eine kosmische Vorhut dar. Dies würde zunächst für uns eine neue und edle Verpflichtung mit sich bringen, aus allen von der Erde gelieferten Kräften Nutzen zu ziehen, um die Fortschritte des Unwahrscheinlichen zu fördern. Doch das Einfangen der materiellen Energien wäre erst ein sekundäres Bemühen. Damit der Strom des Geistes, den die Menschheit heute repräsentiert, sich halte und voranschreite, ist hauptsächlich darüber zu wachen, daß die menschliche Masse ihre innere Spannung bewahrt, das heißt, daß in ihr weder die Achtung vor dem Leben noch die Lust und die Inbrunst des Lebens verzettelt wird oder absinkt. Läßt dieser Eifer nach, wird sogleich das, was wir die Noosphäre genannt haben, welken und dahinschwinden. Wir erahnen hier (135) eine neue Energetik [Erhaltung, Kanalisation, Vermehrung des menschlichen Strebens und der menschlichen Leidenschaften], in der die Physik, die Biologie und die Moral sich zusammenschlössen – ein recht seltsames, aber unvermeidliches Zusammentreffen, sobald man die Wirklichkeit des menschlichen Phänomens begriffen hat. Selbstverständlich sind diese Gedanken, durch die wir das Kommen des Augenblicks beschleunigen möchten, da die Wissenschaft entschlossen die Menschheit in die Erde und in die Welt integrieren wird, vorläufig und rudimentär. Dennoch kommt man kaum um die beiden folgenden Prognosen herum: 1. Um tatsächlich die wissenschaftliche Kosmogonie zu sein, die sie werden will, kann die Physik sich immer weniger auf das Studium der den Gesetzen der großen Zahlen und der Entropie unterworfenen Phänomene von außen her beschränken. Vielmehr muß sie komplexe Symbole oder Funktionen zu Hilfe nehmen, in denen sich die zweite Seite oder der zweite Strom der Dinge ausdrückt: nämlich die von innen her gesehene individuelle Spontaneität und progressive Organisation der Elemente. Wenn dies sich auch den Messungen und den Berechnungen entzieht, ist es doch um nichts weniger physisch als jenes. 2. Nachdem sie lange als ein wissenschaftlich nebensächliches oder abwegiges Element des Universums gegolten hat, wird die Menschheit sich schließlich als ein grundlegendes Phänomen erweisen – als das Phänomen schlechthin in der Natur: jenes, in dem in einer einzigartigen Komplexität materieller und moralischer Faktoren einer der Hauptakte der universellen Evolution durch uns nicht nur erfahren, sondern gelebt wird.
Paris, September 1928. (136)

36

(Anm 3)

L’exigence idéaliste et le fait de l’Évolution, Paris, Boivin, 1927-1928.

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VI DAS CHRISTENTUM IN DER WELT
1. RELIGION UND MENSCHHEIT Im Laufe des letzten Jahrhunderts hat sich die Idee verbreitet, die Religionen seien Ausdruck eines primitiven und überholten Zustandes der Menschheit. «Die Menschen haben sich früher die Gottheit ausgedacht, um natürliche Phänomene zu erklären, deren Ursache sie nicht kannten. Die Wissenschaft hat, als sie die experimentelle Erklärung eben dieser Phänomene entdeckte, Gott und die Religionen überflüssig gemacht». Das ist das neue Credo vieler unserer Zeitgenossen. Es ist außerordentlich wichtig, zu reagieren gegen diese engstirnige Weise, die Entstehung und die Geschichte der Gottesidee in der Welt zu begreifen. Ohne jeden Zweifel waren die frühen Formen religiösen Empfindens zu einem großen Teil verworren. Die Religion hat lange Zeit ohne jede Unterscheidung der Ebenen eine komplexe psychologische Masse durchtränkt, aus der sich nach und nach samt ihren besonderen Methoden und Ergebnissen, die Erfahrungswissenschaft, die Geschichte, das bürgerliche Leben etc…. herausgelöst haben. Weit gefehlt jedoch, daß das Bedürfnis nach dem Absoluten [auf dem alle Religionen beruhen] im Laufe dieser Differenzierung zerstreut worden wäre. Es genügt, wie wir meinen, die gegenwärtige Welt und insbesondere die Krise, durch die sie hindurch geht, mit einem unparteiischen [man könnte sagen, mit einem positivistischen] Geist zu betrachten, um vom Gegenteil überzeugt zu werden. Wie eine Knospe, deren Schuppen abgefallen sind, tritt der religiöse Kern, in dem der beste Teil des (137) menschlichen Saftes sich konzentriert, in eben diesem Augenblick vor unseren Augen deutlicher und kraftvoller denn je hervor. Um den Ursprung, die Entwicklungen und die Aktualität der religiösen Frage zu begreifen, muß man zumindest vorläufig alle sekundären Fragen der Riten und der Interpretation beiseitelassen und sich dem biologischen Umsturz stellen, der in der irdischen Welt durch das Auftreten des Menschen, das heißt des Denkens, verursacht wurde. – Vor dem Menschen wurde die ganze Vitalenergie praktisch in jedem Augenblick durch die Arbeit der Ernährung, der Zeugung, der morphologischen Evolution aufgesogen: die Tiere waren, überlasteten Arbeitern vergleichbar, unaufhörlich in ihr unmittelbares Bemühen eingetaucht. Sie hatten weder die Zeit noch die innere Kraft, den Kopf zu heben, zu reflektieren. Im Menschen dagegen ist [so als ob eine Sonde auf irgendeine tiefe Schicht gestoßen wäre] plötzlich ein Kraftüberschuß zu Tage getreten. Aufgrund seiner psychologischen Organisation geht der Mensch in jedem Augenblick – im Raum, den er miß, und in der Zeit, die er voraussieht – über die von seinen körperlichen Bedürfnissen geforderte Arbeit hinaus. Durch ihn hindurch will ein Ozean von freier Energie [eine ebenso wirkliche und «kosmische» Energie wie die anderen, mit denen die Physik sich befaßt] die Erde überdecken. Das Leben emergiert mit seiner oberen Seite in das Indeterminierte und ist vom Leerlauf bedroht. Es ist ganz offensichtlich notwendig, daß demgegenüber ein geeignetes Bindungs- und Kontrollsystem konzipiert wird. Die allzu häufig als ein rein künstlicher [intraoder paraphysischer] Organismus betrachtete Moral ist nichts anderes denn der mehr oder weniger skizzierte Ausdruck dieser Energetik des (138) Denkens. Nun, die so häufig verächtlich in die Metaphysik verwiesene Religion hat gerade eben die Funktion, ihrerseits die Moral zu begründen, indem sie der unruhigen und undisziplinierten Vielheit der reflektierten Atome ein dominierendes Ordnungsprinzip und eine Bewegungsachse liefert: Etwas Höchstes zu schaffen, zu fürchten oder zu lieben.

60 Die Religion hat sich somit nicht vorwiegend als eine faule Reaktion herausgebildet, um als Schutzschild gegen unlösbare oder aufdringliche Schwierigkeiten zu dienen, denen der Geist bei seinem Erwachen begegnet. Sie ist in ihrem eigentlichen Grund der biologisch [man könnte beinahe sagen, mechanisch] notwendige Ausgleich zur Freisetzung der irdischen geistigen Energie: Aufgrund seines Auftretens in der Natur bringt das Menschenwesen die Bekundung eines ihm voran seienden, es ins Gleichgewicht bringenden, göttlichen Poles mit derselben Notwendigkeit mit sich, mit der sich in der von der Physik erforschten Partikelwelt die positiven und negativen Elemente der Materie verketten. Wenn es sich so verhält, läßt sich das religiöse Phänomen nicht als die Bekundung eines vorübergehenden Zustandes ansehen, dem bestimmt wäre, mit dem Wachstum der Menschheit schwächer zu werden und zu verschwinden. Die Freisetzung von Energie, die im irdischen System durch das Sich-Durchsetzen des menschlichen zoologischen Typs erzielt wird, nimmt unaufhörlich mit den Zeitaltern zu und definiert und mißt so das, was sich hinter dem Wort «Fortschritt» an Wirklichem verbirgt. Aufgrund seiner sozialen Organisation, die die gemeinsame Arbeit verteilt und aufteilt, vermehrt der Mensch beständig den Anteil an Unabhängigkeit und Freizeit, die jedem Bürger zugänglich (139) sind. Durch die Maschine hat er diesen Überfluß plötzlich anwachsen lassen. Die ganze menschliche Ökonomie vermag [wenn sie ihre «planetare» Rolle recht begreift] kein anderes Ziel zu haben, als den Überschuß an Psychischem über die Materie hinaus auf Erden beständig größer werden zu lassen. – Was heißt das anderes, als daß die Religion, Beseelerin und geborener Moderator dieses geistigen Überströmens, in demselben Schritt und Tritt und im selben Maße wachsen und sich präzisieren muß? Es bilde sich eine Kluft zwischen der Freisetzung der bewußten Energie und der Intensivierung des religiösen Sinnes heraus: und die Unordnung beginnt und zwar um so gefährlicher, als die Menschheit erwachsener geworden ist. Vollzieht sich nicht gerade eben dieses heute vor unseren Augen? … 2. AUF DER SUCH NACH EINEM ZIEL FÜR DAS LEBEN Arbeitslosigkeit. Dieses Wort, das in seinem oberflächlichsten und greifbarsten Aspekt die Krise definiert, durch die im Augenblick die Welt hindurchgeht, sagt zur selben Zeit die tiefe Ursache des Übels aus, das uns beunruhigt. Unbeschäftigt: die Menschheit hat von dem ersten Augenblick an begonnen, unbeschäftigt zu sein [oder zumindest sein zu können], da ihr neugeborener Geist sich von der Wahrnehmung und dem unmittelbaren Tun löste, um im Bereich der fernen oder möglichen Dinge umherzuschweifen. Daß sie unbeschäftigt war [tatsächlich und vor allem theoretisch], hat sie eigentlich nicht gefühlt, solange ein überwiegender Teil ihrer selbst einer Arbeit unterworfen blieb, die den größten Teil ihres Leistungsvermögens beanspruchte. (140) Daß sie unbeschäftigt ist, entdeckt sie an zahlreichen Symptomen, wie auch, daß sie nun immer unbeschäftigter zu werden droht; denn nachdem das Gleichgewicht zwischen den materiellen Bedürfnissen und dem Produktionsvermögen endgültig zerbrochen ist, brauchte sie theoretisch nur mehr die befreiende Maschine laufen zu lassen und die Arme zu verschränken. – Die gegenwärtige Krise ist weit mehr als ein Engpaß, auf den zufällig ein besonderer Typus der Zivilisation gestoßen wäre. Unter kontingenten und lokalen Erscheinungsformen bringt sie das unausweichliche Ergebnis des Gleichgewichtsverlustes zum Ausdruck, der durch das Auftreten des Denkens in das tierische Leben hineingetragen wurde. Die Menschen wissen heute nicht, wozu sie die Kraft ihrer Arme verwenden sollen. Sie wissen vor allem nicht, auf welches universelle und endgültige Ziel hin sie den Elan ihrer Seelen lenken sollen. Man hat bereits gesagt, allerdings ohne die Worte in ihrer Bedeutung tief genug zu erfassen: Die gegenwärtige Krise ist eine geistige Krise. Die materielle Energie zirkuliert nicht mehr genug, weil sie keine

61 genügend starken Geist findet, der ihre Masse organisierte und mitrisse; und der Geist ist nicht stark genug, weil er beständig in ungeordneter Geschäftigkeit verpufft. Transponieren wir diese Termini unter Benutzung der im vorhergehenden Abschnitt gemachten Beobachtungen: Die gegenwärtige Menschheit zögert und leidet auf dem Gipfel ihrer Macht, weil sie ihren geistigen Pol nicht bestimmt hat. Ihr fehlt eine Religion. Wir wollen diesen Mangel in den Einzelheiten analysieren, um die Züge des Messias zu entdecken, den wir erwarten. Die «religiöse Funktion», so sagten wir weiter oben, wächst in derselben Richtung und mit derselben (141) Geschwindigkeit wie «die Hominisation». Sie gewinnt jedoch zur gleichen Zeit eine jeder neuen Phase der Menschehit besondere, besser determinierte Gestalt. Welchen Bedingungen muß die besondere Religion, die uns retten kann, genügen, um ihrer biologischen Rolle als Beseelerin gerecht zu werden? Diese Bedingungen sind sehr einfach aus der Betrachtung eines psychologischen Phänomens abzuleiten, das zweifellos weit mehr als die außerordentlichen materiellen Transformationen, die wir derzeit erleben, den zukünftigen Historikern dazu dienen wird, unsere Epoche zu charakterisieren. Im Zeitraum eines Jahrhunderts haben wir unter dem gemeinsamen Einfluß der Historik, der Physik, der Philosophie und der Soziologie entdeckt, daß das ganze Universum in eine Gesamtbewegung [oder Evolution] hineingerissen ist, innerhalb deren die besondere Evolution des Bewußtseins ihren bestimmten Platz hat. Die Zeit erscheint uns heute nicht mehr als der unveränderlich Rahmen divergenter oder kreisförmiger Vermannigfaltigungen, sondern als die Achse einer Art von Kosmogenese. Die Dinge wiederholen sich nicht, sondern die Welt schreitet voran. Unter dem Einfluß dieser evolutiven Anschauungen, die weit mehr, als man allgemein annimmt, die Tiefenbereiche unserer Psychologie erobert haben, haben ganz besondere religiöse Erfordernisse von der Menschheit Besitz ergriffen. Sowohl aufgrund intellektueller Aufnahme der in Bewegung befindlichen Natur als auch aufgrund entsprechender Lust am Tun vermögen wir keinerlei Kontrolle unseres Tuns mehr zuzulassen, es sei denn im Hinblick auf die Vollendung einer Welt, und zwar einer Welt, die uns in ihre Erfüllung integriert. Die von der Erde freigesetzte, denkende freie (142) Energie kann nicht mehr durch das Ideal irgendeiner zu erleidenden und zu bewahrenden etablierten Ordnung gemeistert werden. Moral und Religion [wie auch die ganze Sozialordnung] sind für uns keine Statik mehr; um uns zu verlocken und uns zu retten braucht es eine Dynamik. «Wir wollen keine Religion der Ordentlichkeit; vielmehr träumen wir von einer Religion der Eroberung». So haben wir, ohne es zu ahnen, durch unsere moderne Ungläubigkeit hindurch und über sie hinaus einen großen Schritt in Richtung auf die Gläubigkeit getan. Es ist ein Gemeinplatz geworden, die westliche Zivilisation – dieses Zentrum der neuen Humanität – als materialistisch zu definieren. Nichts ist ungerechter. Der Okzident hat viele Idole umgestoßen. Doch durch seine Entdeckung der Dimensionen und des Vormarsches des Universums hat er eine mächtige Mystik in Bewegung gesetzt. Denn darin haben wir es im eigentlichen Sinne mit einer Mystik zu tun, daß wir, durch die Physik und die Geschichte zum Bewußtsein einer greifbaren Unermeßlichkeit erwacht, außerhalb unserer mühevollen Identifikation mit deren Vollendungen weder Werte noch Freuden mehr kennen. Jetzt ist die ganze Frage die, die Wahrheit und den Namen der Gegenwart zu bestimmen, welche wir hinter dem entflammten Universum zu spüren glauben. – Wenn unser Eindruck nur ein Traum ist [das heißt wenn es am Ende unseres Bemühens nichts Endgültiges gibt], dann ist es ein für alle Mal um die schöne menschliche Flamme geschehen. Die «freie Energie» der Erde vermöchte keinerlei sinnvolle Verwendung für ihre Gluten zu finden. Die Menschheit würde gerade lange genug gelebt haben, um sich zu vergewissern, daß ihr in der

62 Welt der einzige Gegenstand fehlte, für den zu leben (143) es sich gelohnt hätte. Eine wie es scheint, eliminierbare Hypothese, denn sie würde das Universum absurd machen. – Wenn es aber im Gegenteil am anderen Ende der kosmischen Dauer wirklich irgendein Etwas oder irgendeinen Jemand gibt, woraufhin wir fortschreiten, dann muß es gelingen, seine Natur besser zu erkennen, um besser anzubeten. 3. DIE BEWÄHRUNG DER RELIGIONEN Es macht die biologische Funktion der Religion aus, der freien psychischen Energie der Welt eine Gestalt zu geben. Und die einzige Gestalt, die die Entwicklung der Menschheit anzunehmen vermöchte, ist die einer Aufbau- und Eroberungsbewegung, die in irgendeiner höchsten Einswerdung des Universums zum Ziel kommt. Wenn wir dieses doppelte Kriterium auf die zahlreichen Spielarten von Religionen oder auch von laikalen Sittenlehren anwenden, die im Laufe der Geschichte ohne Unterbrechung einander gefolgt sind, kommt es zu einem Massensterben. Theoretisch bleibt fast nichts stehen – wie auch tatsächlich fast nichts sich selbst überlebt. Als erstes sind die verschiedenen formellen oder impliziten Agnostizismen in ihrer Gesamtheit zu eliminieren, die versucht haben, die Moral in einem rein sozialen Empirismus oder auch in einer rein individuellen Ästhetik zu begründen – wobei jeder Glaube an irgendeine kommende Vollendung der Welt positiv ausgeschlossen wäre. Diese verschiedenen Systeme haben außer ihren besonderen Unzulänglichkeiten den gemeinsamen Fehler, daß sie den Kreislauf (144) des Saftes unterdrücken, den sie kanalisieren und aufsteigen lassen müßten. Weder der Konfuzianismus, der ein glattes Funktionieren der Gesellschaft an Ort und Stelle gewährleistete – noch die Weisheit eines Marc Aurel, der die Blumenbeete der Menschheit verschönte – noch der heute so gepriesene Kult des in sich geschlossenen Genießens und der in sich geschlossenen inneren Vollkommenheit entsprechen mehr in irgendeiner Weise unserem Ideal des Aufbauens und Eroberns. Zum Angriff auf einen Himmel muß man uns auffordern. Andernfalls strecken wir die Waffen. Von der islamischen Gruppe bleibt bei dieser Prüfung ebenfalls nichts übrig; alles löst sich auf – und zwar vielleicht noch vollständiger. Der Islam hat in sich die Idee der Existenz und der Größe Gottes gerettet [ein Keim, aus dem alles, das ist richtig, eines Tages neu entstehen kann]. Doch zugleich hat er das Kunststück vollbracht, diesen Gott ebenso unwirksam und wie irgendein Nichts steril für all das zu machen, was die Erkenntnis und die Verbesserung der Welt angeht. Nachdem er viel zerstört und örtlich eine kurzlebige Schönheit geschaffen hat, stellt sich der Islam heute als ein Prinzip der Fixierung und der Stagnation dar. Es wäre durchaus denkbar, daß diese tatsächliche Ohnmacht eine Besserung erführe, und eine solche, die im Grunde einer Konvergenz zum Christentum gleichkommt [siehe weiter unten], scheint bereits bei einer Gruppe gebildeter und moderner Köpfe im Gange zu sein. Bis zu dieser Renaissance aber ist der Allah des Koran ein Gott für Beduinen. Er könnte die Tatkraft keines wahrhaft Zivilisierten auf sich lenken. Und nunmehr haben wir die überwältigende Masse der hinduistischen und orientalischen Mystiken vor uns. Der Osten, erstes Heiligtum und, so versichert (145) man uns, immer noch lebendige Wohnung des Geistes. Der Orient, in dem noch immer so viele Westliche wandeln möchten, um dort für ihren Glauben an das Leben eine Heimstatt zu finden… Sehen wir uns diese machtvollen Konstruktionen näher an; und ohne uns in das Innere des Tempels zu wagen, um einzuatmen, welche Art von Weihrauch dort noch brennt, wollen wir nach der Widerstandskraft seiner Mauern fragen, und zwar nicht als Archäologen oder als Dichter, sondern als Architekten der Zukunft. Schon beim ersten tiefergehenden Kontakt mit Asien ist

63 jedes Zögern unmöglich. Diese eindrucksvollen Säulen sind ganz und gar unfähig, den derzeitigen Elan unserer Welt zu tragen. – Es macht die unvergleichliche Größe der Religionen des Ostens aus, daß sie wie keine andere von Leidenschaft nach der Einheit vibriert haben. Diese wesentliche Eigenart aller Mystik hat sie sogar derart durchdrungen, daß wir manchmal beim bloßen Aussprechen der Namen ihrer Gottheiten verzaubert sind. Doch die Hinduweisen glaubten, um diese Einheit zu erreichen, müßten die Menschen die Erde, ihre Leidenschaften, ihre Ängste, ihre Mühe verleugnen. Das Viele, inmitten dessen wir ringen, haben sie zum Ergebnis eines bösen Traumes erklärt. «Zerstreut diese Maya, erstickt jedes Geräusch», haben sie gelehrt, «und ihr werdet in der wesentlichen Leere erwachen, in der es weder Ton, noch Gestalt, noch Liebe gibt». – Theoretisch eine Doktrin der Passivität, der Entspannung, des SichZurückziehens von den Dingen. Praktisch eine tote oder antriebslose Doktrin. Genau das Gegenteil von dem, was die im Abendland geborene wahre menschliche Mystik erwartet, um sich entfalten zu können – jene Mystik, für die die anbetenswürdige Einheit sich nicht als eine Unterdrückung oder Abschwächung (146) des Wirklichen, sondern als ein Bemühen um universelle Konvergenz am Zielpunkt enthüllt. Gott nicht in der Negation, sondern in der Weiterführung der Welt!... Lassen wir uns niemals von dem gewaltigen östlichen Sophismus hinreißen. Setzen wir vielmehr gerade unseren Weg fort, um zu sehen, ob uns nicht irgendeine andere Gottheit als das Nirwana auf der Straße des Westens erwartet. 4. DIE MÖGLICHKEIT DES CHRISTENTUMS Tatsächlich steht heute allein noch das Christentum aufrecht, allein es ist in der Lage, sich mit der im Abendland seit der Renaissance entstandenen intellektuellen und sittlichen Welt zu messen. Es scheint, kein von der modernen Kultur und den modernen Evidenzen tief berührter Mensch könne ernsthaft Konfuzianist, Buddhist oder Muselmane sein [es sei denn, er führe ein inneres Doppelleben oder verändere für seinen Gebrauch grundlegend die Begriffe seiner Religion]. Ein solcher Mensch kann im Gegenteil sich noch durchaus Christ nennen und glauben. Woher dieser Unterschied? Er kommt, so glauben wir, aus der Tatsache daß das Christentum als einzige unter allen existierenden Glaubensformen, trotz eines gewissen Anscheins, der von seinen Freunden wie von seinen Feinden offenbar voller Freude betont wird, eine Religion universellen Fortschritts ist. Das Christentum predigt zwar wie der Buddhismus die Loslösung; es fordert auf zur Askese; es hat zumindest in seinen Anfängen die Wüste bevölkert [wie es sie jetzt kultiviert…]; es hat Heilige (147) hervorgebracht und Texte geschrieben, die an das Leben und die Lehren der Fakire denken lassen. In diesen verschiedenen Merkmalen ahmt es die östlichen Religionen nach, von denen es möglicherweise noch gewisse Einflüsse oder gewisse periodisch wiederauflebende Keime mitschleppt. Tiefer jedoch als die Bewunderung für die Styliten oder der Antiintellektualismus der «Nachfolge Christi» ist in ihm der Glaube an die Auferstehung der Erde und die Erwartung einer Erfüllung des Universums «in Jesus Christus». Und die lebendige Logik dieser Hoffnung geht sehr weit – viel weiter sogar, als die offiziellen Lenker der Kirchen begreifen oder wünschen. Wenn nichts Christus entgehen darf, «weder von der Breite noch der Länge noch der Höhe» der Welt, dann geht es für den Christen nicht mehr wie für den Buddhisten darum, den Dingen zu entrinnen, indem man sie vermeidet; vielmehr muß er sie übersteigen, indem er sie bis ans Ende ausforscht, ausmißt, erobert. Für sich selbst, um sie zu genießen? Keineswegs. Um aus ihnen die ganze Essenz der Schönheit und der Geistigkeit, die sie enthalten, herauszuziehen und Gott darzubringen? Genau das. – Wohl noch Entsagung, jedoch Entsagung «des Hindurchgangs» und der Schöpfung, in der die Mühsal einfach das Zeichen des Bemühens

64 ist – keineswegs die Entsagung des Bruches, des geringsten Kontakts, in der dem Leiden in perverser Weise ein absoluter Wert zugemessen wird. Für den authentischen Christen wird die Lösung des mystischen Problems genau an den Antipoden der «östlichen Lösung» gesucht: die göttliche Einheit wird nicht durch Negation, sondern durch Sublimation der Welt erhalten; sie erstrahlt auf dem Gipfel einer Läuterung, die eine universelle Konvergenz ist. Dies aber, so haben wir gesehen, ist genau (148) das wesentliche Postulat des modernen Geistes, das heißt die in der westlichen Konzeption von den Entwicklungen des Lebens implizierte Religion. Somit ist nichts Erstaunliches daran, daß der Christ, der genügend in seinem Glauben unterrichtet ist, um jenseits eines manchmal recht dicken Buchstaben in seinen Geist eingedrungen zu sein, sich keineswegs in den großen Wassern des modernen Denkens desorientiert fühlt, sondern sich vielmehr in aller Freiheit des Kopfes und des Herzens bewegt – wie auf einem Heimatboden. Das Kreuz ist kein Schatten des Todes – sondern ein Zeichen des Fortschritts. Das Christentum gießt nicht das Opium einer defaitistischen Passivität ein, sondern den hellsichtigen Rausch einer durch ein Vordringen auf der ganzen Front des Universums zu entdeckenden großartigen Wirklichkeit. Trotz gewisser unvermeidlicher Ungeschicklichkeiten hat es uns bisher nicht unmenschlich, sondern übermenschlich gemacht und versucht es noch immer. Deshalb bleibt es als Glaube für eine Generation annehmbar, die von der Religion nicht mehr nur verlangt, uns brav zu bewahren und unsere Wunden zu verbinden – sondern uns zu kritischen, begeisterten Suchenden und Erobernden zu machen. Daß aber das Christentum annehmbar und möglich sei, das ist noch nichts. Ist es überdies allein möglich, wie es behauptet?... In einer «konvergenten» Perspektive der Welt – die christliche ist ein Beispiel dafür – ist das vom menschlichen Tun errichtete Gebäude vom Einsturz bedroht, da der auf das Gewölbe zu setzende Schlußstein fehlt. Das räumen wir ein. Wer hindert uns aber in diesem Falle, viele andere Erlöser nach dem Modell Christi uns vorzustellen oder zu erwarten? Wer verpflichtet uns, die christliche Bewegung zu bejahen, als wäre sie allein wahr?... (149) Das ganze religiöse Problem der Zukunft verdichtet sich in dieser letzten Frage. 5. DIE RELIGION VON MORGEN Voll anerkennen, das Christentum sei nicht nur befriedigend, sondern wahr, heißt nicht nur zu dem Urteil kommen, daß es unser freies Tun in einem biologisch günstigen Sinn ausrichtet, sondern auch, daß sein Anspruch gerechtfertigt ist, uns auf eine nicht symbolische, sondern transexperimentale Weise mit dem Zentrum der Welt selbst in eine [antizipierte oder im Ansatz gegebene] Beziehung zu bringen. Um dieses Privileg aufzuweisen, haben die klassischen Apologeten sich hauptsächlich auf die Wunder gestützt, deren Auftreten, wollte man der klassischen Apologetik glauben, das der «wahren» Religion eigenen «Reagenz» wäre. Ohne die Möglichkeit oder sogar die Wahrscheinlichkeit, daß die Determinismen in der Nachbarschaft der wahren Religion aufgrund einer Überbeseelung der Natur unter dem Einfluß einer göttlichen Strahlung unerwartet nachgeben, zu leugnen, – ganz im Gegenteil – müssen wir doch anerkennen, daß die Betrachtung des Wunders unseren Geist wirksam nicht mehr beeinflußt. Sie festzustellen wirft derartige historische oder physische Schwierigkeiten auf, daß derzeit wahrscheinlich die Christen zahlreich sind, die nicht wegen, sondern trotz der in der Schrift erzählten Wunder gläubig bleiben. Wirkkräftiger für unsere Einsicht ist die Betrachtung der außerordentlichen Harmonie, die sich im Laufe der Zeit zwischen dem christlichen Gott und den heikelsten (150) Bewegungen unseres

65 menschlichen Ideals zu halten vermag. In der Naturwissenschaft gilt es als ein anerkannter Beweis für die «Realität» eines Objektes, mag es auch nicht direkt greifbar sein [eine atomare Masse zum Beispiel], wenn es durch eine Reihe verschiedener Methoden als sich selbst immer gleich aufgezeigt werden kann. Diese volle Übereinstimmung von etwas Identischem mit einer Gruppe variierender Erfahrungen umschreibt ebenso sicher einen «natürlichen Kern» wie der Tastsinn oder der Gesichtsinn. – So geschieht es, wie es scheint, auch bei Christus. Millionen von Existenzen [und zwar der besten] haben seit zweitausend Jahren ihr Leben damit verbracht und tun es heute noch, an diesem geheimnisvollen Gegenstand die subtilsten und durchdringendsten Verifikationen der psychologischen Erfahrung zu versuchen. Von diesem Christus haben eine Vielzahl von Köpfen und Herzen verlangt, daß er sie in ihren anspruchsvollsten und geläutertsten Bestrebungen befriedige. Und niemals hat er versagt. Im Gegenteil, immer ist er aus dieser Prüfung [einer Prüfung, der wahrscheinlich keine andere Wirklichkeit in der Welt jemals in diesem Maße unterworfen worden ist] noch fähiger hervorgegangen, um sich herum ein noch wunderbareres synthetisches Bemühen aller unserer Fähigkeiten auszulösen: Wahrhaft ein außerordentliches Objekt, das wie ein erfahrbares Element ergriffen, wie ein Ideal verfolgt, wie eine Person geliebt, wie eine Welt angebetet werden kann. Für diese unbegrenzte Fähigkeit des Zusammenstimmens mit jeglicher physischer und psychologischer Ordnung unseres Universums gibt es nur eine Erklärung: Der sich Schritt um Schritt dem christlichen Denken enthüllende Christus ist weder eine Vorstellung noch ein Symbol [andernfalls würde er (151) sich erschöpfen oder irgendwo versagen]; vielmehr ist er, oder zumindest führt er die Wirklichkeit dessen ein, was wir aufgrund er ganzen Struktur des menschlichen Tuns erwarten.37 Zu derselben Schlußfolgerung kann man auf einem anderen Wege gelangen, der den Vorteil hat, daß er uns über jene allgemeinen Analogien des Universums führt, deren Zusammenklang für uns häufig viel überzeugungskräftiger ist als die lokale Strenge irgendeines Syllogismus. – Das religiöse Faktum, so haben wir weiter oben gesagt, ist ein biologisches Phänomen, das direkt an die wachsende Befreiung der irdischen psychischen Energie gebunden ist. Seine Krümmung ist also weder individuell, noch national, noch rassisch, sondern human. Die Religion hat wie die Wissenschaft oder die Zivilisation, wenn man so sagen darf, eine der Geschichte der Menschheit koextensive «Ontogenese». Die wahre Religion [wir wollen unter diesem Wort die religiöse Form verstehen, in die eines Tages das allgemeine Tasten des reflektierten irdischen Tuns einmünden wird] hat also, wie jede andere Wirklichkeit «planetarer» Größenordnung, an der Natur eines «Phylums» teil. Ihre Anfänge müssen sich im Zurückgehen bis zum Ursprung der Zeiten verfolgen lassen. – Das will besagen, daß zu irgendeinem Zeitpunkt der menschlichen Dauer [vor allem nachdem einmal die embryonale Periode vorbei ist] eine privilegierte Strömung religiösen Denkens die lebendige Faser darstellen mußte und noch muß, die [in einem mehr oder weniger klaren Zustand] den Glauben trägt, in dem endgültig die Zukunft aufblühen wird. Die religiösen Strömungen sind also nicht zu jedem Zeitpunkt äquivalent – gleich wie in der tierischen Vergangenheit nicht alle Phyla dazu bestimmt waren, in die Menschheit (152) zu emergieren; vielmehr stellt die eine von ihnen [oder zumindest eine Gruppe von ihnen] auf jeder Seite des Buches der Erde den Bereich dar, in den man sich stellen muß, um die Fortschritte der Vergöttlichung der Welt am wirksamsten voranzutreiben und zu erfahren. Wir sind ebensowenig frei, diese Bedingung zu ändern, wie wir willkürlich die Achsen eines Kristalls oder eines lebenden Körpers ändern könnten. – Wenden wir das auf unsere gegenwärtige Welt an. Eine einzige religiöse Strömung, so sagten wir weiter oben, ist derzeit in Sicht, die fähig wäre, den Ansprüchen und dem Streben des modernen Denkens zu antworten; eine einzige Religion
(Anm 2) Vgl. den Brief an die Hebräer, 11,1: «Der Glaube ist die Gewähr für die Güter, die wir erhoffen.» [Anmerkung der Herausgeber]. 37

66 ist heute zugleich möglich und phyletisch: das Christentum. Kein Zögern ist möglich. Hier läuft die gesuchte Faser vorbei, weil es doch eine geben muß. Wenn das Christentum derzeit allein faktisch möglich ist, dann ist es auch allein mit Recht existent. Das Göttliche, auf das die Menschheit nicht verzichten kann, ohne in Staub zurückzufallen, ist für uns nur zu finden, indem wir uns eng der Bewegung anschließen, aus der sich in progressiver Weise Christus herausschält. Wie können wir damit die nächsten Entwicklungen des irdischen Glaubens vorausahnen? – Gewiß in der Form einer langsamen Konzentration des menschlichen Anbetungsvermögens um ein Christentum, das Schritt um Schritt zu einer «Religion für die Forschung und für die Tatkraft» geworden ist. Als erstes großes Ereignis [ein zweifellos bereits im Gange befindliches Ereignis] wird das Schisma zwischen den an die Zukunft der Welt Glaubenden und den nicht an sie Glaubenden eintreten: letztere sind selbstverständlich für jedes Credo [das keine Funktion und kein Objekt mehr hat] und für jede Eroberung [die weder (153) Sinn noch Wert mehr hat] verloren; jene werden biologisch mitgerissen, sich einem einzigen religiösen Organismus anzuschließen, in dem der Glaube an die Welt sich mit den beiden Merkmalen der unendlichen Kohärenz zu den Fakten und der Koextension zur Dauer darstellt, die die wirklichen Dinge kennzeichnen. Die Welt muß sich in ihrer Masse bekehren, oder aber sie wir mit physiologischer Notwendigkeit zugrunde gehen. Und wenn sie sich bekehrt, so durch Konvergenz um eine Religion der Tat, die sich Schritt um Schritt mit dem getreu bis ans Ende seiner selbst weitergeführten Christentum identisch und ihm unterworfen erweisen wird. Von hier ergibt sich letzten Endes der Schluß, daß das Christentum in der Welt nicht nur, wie es manchmal scheint, die religiöse Seite einer vorübergehenden, im Westen erblühten Zivilisation darstellt. Es ist vielmehr wie das Westliche Denken selbst [dessen Mystik es aussagt und dessen Hoffnungen es rechtfertigt] ein Phänomen universeller Weite, das innerhalb der menschlichen Schicht das Auftreten einer neuen vitalen Ordnung kennzeichnet.
Peking, Mai 1933. (154)

VII DER MODERNE UNGLAUBE – TIEFERE URSACHE UND HEILMITTEL38
Im Zuge ihrer Untersuchung über die wirklichen Gründe des Unglaubens erwies mir die Zeitschrift La Vie Intellectuelle die Ehre, mich zu befragen. Ich möchte um so bereitwilliger antworten, als ich, seit zwanzig Jahren in Beziehung und Sympathie zu ungläubigen Kreisen lebend, nur in meinen Erinnerungen zu lesen brauche, um zu versuchen, das gestellte Problem zu lösen. Ich werde weder einen Namen noch ein Buch zitieren. Doch glaube ich, daß man sich auf die Objektivität meines Zeugnisses verlassen darf. Dieses Zeugnis wird kurz sein. Meines Erachtens ist die erste Quelle des modernen Unglaubens [der so allgemein geworden ist, daß in zahlreichen Bereichen intellektueller Arbeit die Gläubigen eine Ausnahme geworden sind!] in dem illegitimen Schisma zu suchen, das seit der Renaissance das Christentum Schritt
(Anm 1) Da dieses Gutachten von einem Mitglied der apostolischen Delegation in China erbeten worden war, das den Text einer römischen Persönlichkeit übermitteln wollte, stand auf dem Original: «Einem Kirchenfürsten zur Verwendung». 38

67 um Schritt von dem getrennt hat, was man die natürliche menschliche religiöse Strömung nennen könnte. Die gegenwärtige Welt ist, soweit ich sie begreife, nicht radikal ungläubig oder areligiös. Vielmehr ist ihr natürliches Anbetungsvermögen gegenwärtig auf einen Gegenstand, das Universum, abgelenkt, der ihr im Gegensatz zu dem christlichen Gott zu stehen scheint. Daher das Übel – aber auch das entsprechende Heilmittel. Das ist zu erläutern. 1. DAS ÜBEL Seit der Renaissance hat sich erst dunkel, seit knapp 150 Jahren aber überdeutlich eine große Veränderung (155) [man könnte sagen, eine Revolution] in den tiefsten Bereichen des menschlichen Geistes vollzogen. Über alle Wege der Erfahrung und des Denkens sind wir uns der unitaren Größe des Kosmos und der organischen Bedeutung der Zeit bewußt geworden. In eineinhalb Jahrhunderten sind die Geburts- und Entwicklungsgesetze, die wir bei bestimmten Wesen und in bestimmten begrenzten Bereichen kannten, auf die Dimensionen des Universums selbst verallgemeinert worden. Es gibt nunmehr in unseren Augen eine Vergangenheit und eine Zukunft, das heißt ein Wachsen, der Welt. Um uns herum und in uns erweist sich das Universum nicht mehr nur als eine große statische Verbindung von gegebenen Objekten, sondern als ein spezifisches mit einem Vermögen organisierter Entwicklung begabtes Ganzes. Unter einem wissenschaftlichen und philosophischen Gesichtspunkt hat dieser Perspektivenwechsel Konsequenzen von evidenter Bedeutung. Hat man genügend beachtet, daß er sich bis in die religiösen Tiefen der Seele auswirken mußte und tatsächlich auswirkt? Da durch die Dauer hindurch die Welt eine Art natürliche Einheit annimmt, erwirbt sie nicht nur eine weitere Dimension in der Sicht der intellektuellen Forschung. Vielmehr definiert sie sich auch gegenüber dem menschlichen Individuum als ein Gegenstand von höherem Wert und größerer Würde, dem zu unterwerfen und sich zu weihen angezeigt ist. Sie bringt in uns mit den unleugbaren Reizen einer nahen und greifbaren Unermeßlichkeit die allzeit zum Schwingen bereiten Saiten der Anbetung zum Klingen. Man mache sich doch nur die Mühe, die Tatsachen zu beobachten, ohne sich von der polymorphen Erscheinungsform und dem häufig puerilen Ausdruck (156) des neuen Glaubens ablenken zu lassen. Die Menschheit hat in wenigen Generationen buchstäblich spontan zu einer Art Religion der Welt konvertiert, die in ihren Dogmen verworren, aber in ihrer sittlichen Ausrichtung durchaus da ist, nämlich: die anerkannte Prädominanz des Ganzen über das Individuum; ein leidenschaftlicher Glaube an den Wert und die Möglichkeiten des menschlichen Bemühens; ein sehr lebendiges Erkennen des heiligen Charakters der Forschung auf allen Linien. Infolge der wissenschaftlichen Entdeckung der natürlichen Einheit und der Gewaltigkeit der Welt kann der moderne Mensch Gott nur in der Weiterführung [darf man sagen: unter den Gestalten?] eines universellen Fortschritts oder Reifens erkennen. Wie aber stellt sich in seinen Augen der christliche Gott dar? Bei jenen, die das Christentum nicht sehr gut kennen, erweckt es ganz gewiß den Eindruck, die psychologische «Revolution», die wir eben analysiert haben, sei spurlos an ihm vorbeigegangen und stelle sich ihr sogar entgegen. Es entschließt sich nicht eindeutig, die [außerhalb von ihm universell anerkannten] Perspektiven der kosmischen Entwicklung, in ihrer Allgemeinheit und in ihrem Geist, anzunehmen. Es scheint sich darin zu gefallen, die menschlichen Hoffnungen herabzusetzen und auf die Schwächen unserer Gesellschaft hinzuweisen. Es verachtet oder fürchtet den Fortschritt und die Entdeckung. Es bringt letzten Endes dem höchsten und am stärksten empfundenen Streben des Menschen von heute keinerlei Konsekration oder Ausweitung. Das ist der Anschein – ein täuschender Anschein, wir wissen es, wir, die wir drinnen

68 stehen; aber ein schrecklich enttäuschender Anschein für jene, die uns von draußen beobachten.
(157)

Auf der Suche nach einem Namen für den von ihnen erahnten unbekannten Gott beobachten uns die Heiden. Und dann wenden sie sich von einem Evangelium ab, das weder ihrer Sicht der Welt, noch ihren Fragen, noch ihren Erwartungen zu entsprechen scheint. Der Widerstand, auf den die Kirche in ihrem Aufbau derzeit stößt, wurzelt nicht, wie man manchmal sagt, darin, daß ihre Dogmen zu hoch und ihre Sittenlehre zu schwierig sind. Er ist auf die Tatsache zurückzuführen, daß die Menschen, weil sie in uns nicht mehr ihr religiöses und sittliches Ideal erkennen, sich in der Erwartung von etwas Besserem entfernen. 2. DAS HEILMITTEL Wenn die vorausgehende Analyse richtig ist – das heißt wenn der moderne Unglaube wirklich auf eine Art Verdunkelung des «Offenbarungsgottes» durch den «Weltgott» zurückzuführen ist – wird das direkte Mittel, um das Übel, an dem wir leiden, zu korrigieren unmittelbar sichtbar. Es geht für uns darum aufzuzeigen, daß das Universum, so wie es sich unserem derzeitigen Forschen bekundet, weit davon entfernt, den christlichen Gott zu verfinstern, nur darauf wartet, von ihm verklärt und gekrönt zu werden. Wollen wir, daß die Menschen von demselben Strom getragen zu Gott zurückkehren, der sie von ihm zu entfernen schien? Öffnen wir also selbst unseren Geist und unser Herz weit den neuen Anschauungen und dem neuen Streben – um von ihnen Besitz zu nehmen und um sie zu verchristlichen. Zunächst um von ihnen Besitz zu nehmen. Erforschen wir hier unser Gewissen. Sind wir nicht, die Christen, (158) dem Geist der Menschheit, die wir retten müßten, wahrhaft allzufremd geblieben? Hat sich nicht, trotz der Warnungen der Kirche, ein praktischer Bajanismus in die Weise eingeschlichen, wie wir die Auswirkungen des Sündenfalles auf die Welt beurteilen? – Haben wir nicht [ich zitiere] «in unserer Religion die Begriffe der Sünde und des individuellen Heils hypertroph werden» lassen? – Strahlen wir nicht allzu häufig anstatt des Lichtes den Schatten des Kreuzes aus…? Alles ist gewiß nicht schlecht in dem Wehen eines erobernden Optimismus, der die menschliche Masse emporträgt. Weshalb uns gegen ihn verteidigen? Ist das Evangelium nicht ein Sauerteig, der seinen Ort hat im Herzen selbst der Welt? «Non veni solvere, sed adimplere». Erfüllen heißt verchristlichen. Um diese Transformation zu bewirken, genügte, das spüren wir, eine rein intellektuelle oder negative Kritik nicht, die die falschen Materialismen und die falschen Pantheismen ausscheiden würde. Unsere Sendung ist, die religiöse Seele der gegenwärtigen Welt in ihrer natürlichen Fülle anzuziehen [induere] und sie auf der christlichen Ebene in der Fülle und ehrlich zu leben. Die religiösen Bestrebungen des modernen Humanitarismus sind jämmerlich verschwommen und jeglicher Krone beraubt. An uns ist es, verbo et exemplo zu zeigen, daß die konkrete Wirklichkeit Christi als einzige die Aussicht eröffnet, sie zu festigen, zu zentrieren und zu retten. Wenn die Christen kraft eben ihres Christentums und aufgrund des aufbauenden Tuns ihrer Liebe, des wirkenden Reichtums ihres Verzichts, der vertrauenden Kühnheit ihrer übernatürlichen Anschauungen sich als die ersten unter den Menschen erweisen, die die (159) irdischen Werte vergeistigen und in Richtung der Zukunft marschieren – dann wird der beste, das heißt der gefährlichste Teil des menschlichen Unglaubens bis in seine Seele hinein entwaffnet sein. Eine einzige These kann alles wesentliche unserer Antwort auf die von La Vie Intellectuelle vorgelegte Frage zusammenfassen:

69 Die Welt ist dabei, sich spontan zu einer Art natürlicher Religion des Universums zu bekehren, die sie zu Unrecht von dem Gott des Evangeliums abwendet: hierin besteht ihr «Unglaube». Bekehren wir auf einer höheren Stufe eben diese Bekehrung, indem wir durch unser ganzes Leben zeigen, daß allein Christus, in quo omnia constant, fähig ist, den jüngst erahnten Lauf des Universums zu beseelen und zu lenken: und aus der Weiterführung eben dessen, was heute den Unglauben ausmacht, wird morgen vielleicht der Glaube hervorgehen.
Antwort auf eine Umfrage. Entnommen aus La Vie Intellectuelle, 25. Okt. 1933. (160)

VIII EINIGE BEMERKUNGEN ÜBER DIE BEKEHRUNG DER WELT
1. WIE SICH HEUTE DAS PROBLEM DER BEKEHRUNG DER WELT STELLT. DIE ENTSTEHENDE WELT Das Christentum sieht sich derzeit mit einem absolut neuen Fall konfrontiert. In seinen Anfängen ging es zuerst darum, eine endende Welt zu erobern und zu verwandeln. Später hatte es die relativ leichte Aufgabe, die Welt der aus ihm geborenen europäischen Zivilisation zu organisieren. Heute [und letzten Endes seit der Renaissance] macht sich ein neuer menschlicher Sproß bemerkbar, der innerhalb der Kirche, aber nicht unter ihrem Zeichen gewachsen ist. Nach der griechisch-römischen und der mittelalterlichen Welt steigt eine dritte Welt, die moderne Welt, empor, die sich außerhalb des Christentums und mit einem stärkeren menschlichen Potential als dem christlichen entwickelt: kommt denn nicht aus dem «modernen Geist» alles, was es in jüngerer Zeit an Schwung und Initiativen auf der Erde gibt? Hier ist nicht mehr die Rede von Häresien oder von Schismen oder auch nur von Paganismus. Die Heiden im traditionellen Sinne des Wortes waren oder sind «Rückstände». Vor uns haben wir jetzt eine entstehende menschliche Strömung. Eine neue Situation, die eine neue Angriffs- und Bekehrungsmethode verlangt. (161) 2. ANSCHEINEND ANTICHRISTLICHER CHARAKTER DER
ENTSTEHENDEN WELT: DER KONFLIKT DER BEIDEN RELIGIONEN

Um das Problem durch und durch zu begreifen und seine Lösung zu bestimmen, muß man den Geist der entstehenden Welt noch weiter analysieren [und zwar, das versteht sich von selbst, in seinem lebendigen und progressiven Teil, der allein mit der Kirche konkurrieren könnte]. Theoretisch hätte diese Welt sich gläubig bilden und wachsen können. Was ist der Grund ihrer Emanzipation? Weshalb will das Kind seine Mutter schlagen und sich von ihr trennen? Den Grund für diesen Antagonismus zwischen Christentum und Moderne sehe ich in den beiden wesentlichen Entdeckungen, aus denen der moderne Geist hervorgegangen ist und von denen er durchtränkt bleibt: a] Zunächst die Entdeckung der zusammenhängenden Unermeßlichkeit des Raumes, die in unsere gewohnte Sicht der Dinge eine universalistische Note einführt.

70 b] Dann die Entdeckung der zusammenhängenden [und progressiven] Unermeßlichkeit der Dauer, die ihrerseits in unsere gewohnten Perspektiven die Note eines möglichen unbegrenzten Fortschrittes [Futurismus] einführt. Universalismus und Futurismus, die sich in der Wahrnehmung eines in globalem Wachstum begriffenen Universums [Evolution] verbinden. An sich bilden diese beiden Merkmale durch ihr Auftreten ein großes psychologisches Ereignis, da sie dem Erwerb zweier neuer Dimensionen durch unsere Erfahrung gleichkommen. (162) Doch das ist nicht alles. Ihrer Natur nach haben sie die Merkmale einer Religion, denn das «Religiöse» tritt [per definitionem] in Erscheinung, sobald die Welt in ihrer Totalität und in ihrer künftigen Erfüllung [«Glaube»] ins Auge gefaßt wird. Diese entstehende Religion aber [das ist der entscheidende Punkt] scheint auf den ersten Blick nicht mit dem Christentum zu harmonisieren. Nicht weil dieses in seinem Wesen nicht auch «universalistisch und futuristisch» wäre. Sondern weil diese beiden Termini auf der einen und der anderen Seite in anscheinend verschiedenem Sinn verstanden werden. Aufgrund ihrer Entstehung zeigen der Universalismus und der Futurismus der modernen Welt eine pantheistische, immanente, organizistische, evolutive Tendenz…, während der Universalismus und der Futurismus des Christentums vor allem in Begriffen der Personalität, der Transzendenz, der juridischen Beziehungen und des Fixismus ausgesagt werden. Von hierher erklärt sich der derzeitige Konflikt im wesentlichen. Um uns herum findet der wahre Kampf nicht zwischen Gläubigen und Ungläubigen statt – sondern zwischen zwei Arten von Gläubigen. Zwei Ideale, zwei Konzeptionen von Gott stehen einander gegenüber. Die besten [und folglich die gefährlichsten] unter den Gegnern des Christentums entfernen sich vom Christentum, nicht weil dieses zu schwierig ist – sondern weil es ihnen nicht schön genug erscheint. Wenn sie Christus nicht anerkennen, so weil sie in ihm nicht die Züge dessen erkennen, den sie anbeten und erwarten. Eine Religion der Erde ist dabei, sich wider die Religion des Himmels zu formieren. Das ist die Grundsituation – in ihrem Ernst, aber auch in ihren Hoffnungen. (163) 3. ALLGEMEINE METHODE, UM DEN KONFLIKT ZU LÖSEN: NICHT DIE VERURTEILUNG, SONDERN DIE TAUFE Was müssen wir angesichts dieses Konfliktes zwischen dem christlichen Glauben und dem modernen Glauben tun, um die Welt zu retten? a] Eine erste Lösung würde darin bestehen, die neue Religion als eine teuflische Wucherung zu verwerfen, zu verurteilen und [wenn möglich] zu unterdrücken. Diese Methode ist tatsächlich versucht worden, jedoch mit Ergebnissen, die nur ausgesprochen schlecht sein konnten. Es ist nicht nur ein unmöglicher Versuch, die moderne Bewegung aufzuhalten [denn diese Bewegung ist an die eigentliche Entwicklung des menschlichen Bewußtseins gebunden] – vielmehr wäre diese Geste in sich selbst etwas Ungerechtes und Antichristliches: so verurteilenswert auch zahlreiche Formen sein mögen, die «der Glaube an die Welt» angenommen hat, sie gehen doch alle aus einem unleugbaren Bemühen um Treue zum Leben [das heißt zum schöpferischen Tun Gottes] hervor, das zu respektieren ist. Tatsächlich ist die Bewegung, da sie nicht weniger denn eine sich in der anima naturaliter religiosa des ganzen Menschengeschlechtes vollziehende Transformation ist, bereits, was unvermeidlich war, in das Christentum selbst eingedrungen. Die Christen können infolge einer der menschlichen Masse, zu der sie gehören, inhärenten Wandlung bereits nicht mehr genauso anbeten, wie sie es ehedem taten [vor dem Auftreten des Raumes und der Zeit]. Von hierher ergibt sich das geheime Unbefriedigtsein so vieler Gläubiger in einem Christentum, das von ihnen verlangt, Ansichten und Hoffnungen (164) zu verdächtigen,

71 die nicht zu teilen ihnen nicht mehr möglich ist. Daher erklärt sich auch ihre Beunruhigung in einem Glauben, der sich bedroht wähnt durch alle Erneuerungen und die Ausweitungen der Perspektiven, die der Mensch vom Universum gewinnt. Viele Christen beginnen zu spüren, daß das Bild, das man ihnen von Gott zeigt, nicht mehr des Universums würdig ist, das wir kennen. b] Damit zeigt sich uns eine andere Lösung, die befriedigender und wirksamer ist als «die Verurteilung». Und zwar folgende: entdecken und zeigen, daß die moderne «Religion der Erde» in ihrem Wesen nichts anderes denn ein Elan zum Himmel ist, der sich selbst nicht kennt – dergestalt, daß die Energien, die der Kirche so bedrohlich erscheinen, im Gegenteil ein neuer Zustrom sind, der den alten christlichen Fundus neu beleben kann. Nicht verurteilen – sondern taufen und assimilieren. Es ist klar, daß die entstehende Welt [die einzige, die zählt] virtuell mit einem Schlage bekehrt wäre, würde man erkennen, daß die neue Gottheit, die sie anbetet, gerade eben der gründlicher begriffene christliche Gott ist. Ist diese Konjunktion der beiden göttlichen Gestirne möglich? Ich glaube ja – und ich stelle mir vor, sie könnte sich über folgende Stufen vollziehen. 4. EINE SYNTHESE DES NEUEN UND DES ALTEN: DER CHRISTUSUNIVERSALIS [DER UNIVERSELLE CHRISTUS] Wenn wir die moderne religiöse Strömung in ihren Tiefen erreichen und umkehren wollen, erscheinen mir drei untereinander zusammenhängende Schritte notwendig: (165) a] Ein erster Schritt bestünde darin, [auf der Linie der «philosophia perennis»: Primat des Seins, Akt und Potenz] eine korrekte Physik und eine korrekte Metaphysik der Evolution zu entwickeln. Ich bin davon überzeugt, daß die loyale Interpretation der neuen Erkenntnisse der Wissenschaft und des Denkens in legitimer Weise nicht zu einem materialistischen Evolutionismus, sondern zu einem spiritualistischen Evolutionismus führt. Die Welt, die wir kennen, entwickelt sich nicht nach dem Zufall. Vielmehr wird sie strukturell beherrscht von einem Personalen Zentrum universeller Konvergenz. b] Der zweite, diesmal dogmatische, Schritt bestünde dann darin, eine den derzeit erkannten Dimensionen des Universums angemessene Christologie auszuarbeiten – das heißt anzuerkennen, daß Christus über seine streng menschlichen und göttlichen Attribute hinaus [denen bisher die Aufmerksamkeit der Theologen vor allem galt] kraft der Mechanik der Inkarnation «universelle» oder «kosmische» Attribute besitzt, die ihn zu eben jenem personalen Zentrum machen, das von der Physik und der Metaphysik der Evolution erahnt und gefordert wurde. Diese Perspektiven stehen in packenden Einklang mit den grundlegenden Texten des heiligen Johannes und des heiligen Paulus und mit der Theologie der griechischen Väter. c] Ein dritter, mystischer und moralischer, Schritt würde sich dann automatisch vollziehen; er bestünde darin, eine evangelische Lehre über die menschliche Eroberung zu entwickeln. Es ist nämlich unmöglich, daß Christus sich ausdrücklicher als der Gipfel der universellen Evolution bekundet, ohne daß die Christen deutlicher den übernatürlichen Wert der menschlichen (166) Tatkraft in Jesus Christus entdecken. Es hat einige Zeit scheinen können, der direkteste Weg zum Himmel sei jener, der auf schnellstem Wege die Erde hinter sich ließe. Hier nun läßt uns der Christus-Universalis begreifen, daß der Himmel nur durch die Vervollständigung der Erde und der Welt erreichbar ist [die viel größer und unvollendeter geworden sind, als wir glaubten]; – und gleichzeitig gewinnen die grundlegendsten christlichen Haltungen, ohne vom Wege abzukommen, an Reichtum und «Dynamik».

72 Das Kreuz ist nicht mehr nur das Symbol der Sühne, sondern auch das Zeichen des Wachsens durch die Mühsal hindurch. Die Loslösung besteht nicht mehr unbedingt darin, zu verachten und zu verwerfen, sondern hindurchzugehen und zu sublimieren39. Die Ergebenheit ist nur mehr die letzte Form des Kampfes wider das Übel – die Transformation der unvermeidlichen Niederlagen in Gott. Die Liebe [die Caritas] verlangt von uns nicht mehr nur, die Wunden zu verbinden: sie fordert uns auf, bereits hier unten eine bessere Welt aufzubauen und uns als erste in jeden Angriff zu stürzen, der einem Wachstum der Menschheit gilt. «Plus et ego…» Und das persönliche Heil ist nicht deshalb interessant, weil es uns beseligen soll, sondern weil es uns in uns selbst die Welt retten läßt. So würde sich in dem dreifachen Bereich des philosophischen Denkens, des Dogmas und der Moral ein durch das Offenbarwerden des Christus-Universalis verjüngtes Christentum entwickeln. Es ist aber klar: 1. daß eine solche Religion ganz genau auf der Linie dessen liegt, was die moderne Welt als ihren Gott erwartet und als ihre spezifische Anbetungsform ansieht: (167) ein Gott, der die immer in Gang befindliche [«adhuc parturit»] Arbeit der menschlichen, selbst irdischen, Vollendung rechtfertigt, krönt und als höchste Ehrerweisung empfängt. 2. Und daß trotzdem diese selbe Religion in keiner Weise einen Kompromiß zwischen dem Christentum und der modernen Welt darstellt. Indem Christus sich universalisiert, verliert er sich nicht [wie es in den verurteilten Formen des Modernismus geschah] inmitten des Universums: vielmehr beherrscht und assimiliert er es, indem er ihm die drei wesentlichen Merkmale seiner traditionellen Wahrheit aufprägt: personale Natur des Göttlichen; Offenbarwerdung dieser höchsten Personalität im Christus der Geschichte; überirdische [supraterrestre] Natur der in Gott vollendeten Welt. Der «universalisierte» Christus fängt die unleugbar in den modernen Pantheismen verborgenen Energien ein, indem er sie korrigiert und ergänzt. Er wächst, indem er das bleibt, was er war – oder, besser gesagt, damit er das bleibt, was er war. Und wirklich, je mehr man es bedenkt, um so deutlicher sieht man Christus «universalisieren», ist die einzige Möglichkeit, die wir noch haben, ihm seine wesentlichen Attribute [Alpha und Omega] in einer wunderbar ausgeweiteten Schöpfung zu bewahren. Um seinen Platz an der Spitze der Menschheit zu halten, muß das Christentum sich in einer Art von «Pan-Christismus» auslegen, der faktisch nur die [bis zu Ende gedachte] Vorstellung des mystischen Leibes und die Ausweitung der dem Christus-König bereits [vor allem sozial] zuerkannten Attribute auf das Universum beinhaltet. (168) 5. EINE MÖGLICHE NEUE ÄRA FÜR DAS CHRISTENTUM: INNERE BEFREIUNG UND EXPANSION Durch die Ausbreitung der Herrlichkeiten des Christus-Universalis gewinnt das Christentum, ohne deswegen aufzuhören, für die Erde das reinigende Wasser und das lindernde Öl zu sein, eine neue Kraft. Auf Grund der Tatsache, daß es den Bestrebungen der Erde ein zugleich unermeßliches, konkretes und gewisses Ziel anbietet, rettet es die Erde vor der Unordnung, den
39

(Anm 2)

Mit anderen Worten, die Entbehrung hört auf, ein Synonym für Vollkommenheit zu sein.

73 Ungewißheiten, dem Ekel, eben den schrecklichsten Gefahren von morgen. Es wird zur Flamme der menschlichen Tatkraft. Mit anderen Worten, es erweist sich als die den modernen Bedürfnissen angemessenste Glaubensform: eine Religion für den Fortschritt – sogar die Religion des Fortschritts der Erde – möchte ich sagen; gerade eben die Religion der Evolution. Ich bin überzeugt, eine Epiphanie dieser Art wäre für das Christentum das Signal zu einer umfassenden Bewegung innerer Befreiung und Expansion. a] Innere Befreiung. Wir sagten es bereits oben. Zahlreiche Christen fühlen sich in einem Glauben erstickt und gedemütigt, der sich häufig die Aufgabe zu stellen scheint, ihren Enthusiasmus für die irdische Erneuerung in Zweifel zu ziehen und abzukühlen. Welche Entfaltung in der Kirche, wenn sie sich im Namen dieses selben Glaubens [der zu einem Sporn geworden ist, anstatt nur eine Bremse zu sein] zur totalen Eroberung der Welt um der universellen Herrschaft Christi willen aufgerufen fühlte! b] Und auch welche Offenbarung der christlichen (169) Kraft außerhalb der Kirche! Offensichtlich macht das Christentum nicht mehr mit der wünschenswerten Geschwindigkeit Fortschritte. Obwohl das Bemühen um die Ausbreitung des Glaubens niemals so machtvoll organisiert gewesen ist, darf man sich fragen, ob insgesamt die Welt in ihrer Elite und ihren lebendigen Kräften sich derzeit Christus annähert oder sich nicht eher von ihm entfernt. Meines Erachtens hat diese Situation eine klar umrissene Ursache: «Das Christentum ist in der Gestalt, wie wir es predigen, nicht mehr ansteckend genug». Man versteht uns nicht mehr. Wie oft ist mir nicht von Ungläubigen in aller Ehrlichkeit gesagt worden: «Wenn ich mich zum Christen machte, hätte ich den Eindruck, mich herabsetzen». Oder auch: «Wir brauchen so sehr eine andere Offenbarung!» Christus der sich nicht nur als das Heil der «übernatürlichen» Seele anbietet, sondern als das Heil des ganzen physischen Gefüges, das die Seelen konditioniert; – Christus, der sich nicht wie in den Wolken verloren, sondern quellend von den Energien der Welt darstellt, in die er eingetaucht ist [«Christus amictus mundo»]. Christus nicht mehr der Verdammer, sondern der Retter der modernen Welt und ihrer Zukunftshoffnungen: ein solcher Christus zöge unmittelbar den ganzen lebendigen Teil der Menschheit an sich. Seine Liebe würde sich in der einzigen Weise ausbreiten, die der wahren Religion angemessen ist: wie Feuer. Um die Welt zu bekehren, müssen wir Christen unsere Missionare vervielfachen. Vor allem aber müssen wir mit unserer ganzen Humanitas unsere Religion neu denken. (170) 6. EINEN ENTSCHEIDENDEN SCHRITT TUN: DER CHRISTLICHE OPTIMISMUS Ich sagte eben: «mit unserer ganzen Humanitas». Es geschah mit der Absicht, um auf das hinzuweisen, was mir derzeit wesentlich erscheint, um die um uns herum entstehenden zögernden Kräfte dem Christentum zuzuwenden: daß doch das Christentum endlich rückhaltlos die neuen [räumlichen, zeitlichen, psychologischen] Dimensionen der Welt um uns herum annehme! Ich verkenne, wohlgemerkt, keineswegs die Gesten, die in jüngster Zeit von der Kirche vervielfacht wurden, um sich mit der modernen Welt zu versöhnen. Doch Versöhnung heißt nicht Annahme. Hinter vereinzelten Konzessionen des Christentums fürchtet man [ich spreche hier vor allem von Heiden] immer dieselbe Opposition oder zumindest dasselbe grundlegende Mißtrauen zu spüren: als wolle die Kirche sich nicht engagieren, sich nicht hingeben: als verberge sich tiefer als die Ermutigungen im Detail derselbe Hintergedanke: «Im Grund gibt es nichts und wird es niemals etwas Neues unter der Sonne geben. Nichts vermag das Antlitz der Erde zu ändern. Ist nicht übrigens die Erde durch den Sündenfall belastet, schief geworden?»

74 Immer die Rede von «mundus senescens»40, von «mundus frigescens»41, niemals von «mundus nascens»42… Insgesamt scheint die Kirche, während sie verbal gewisse Ergebnisse und gewisse Perspektiven des Fortschritts annimmt, «nicht daran zu glauben». Sie segnet manchmal. Doch ihr Herz ist nicht dabei. Die Folgen dieses humanen Skeptizismus [oder sogar Pessimismus] sind aber geeignet, die Bewegung der Bekehrung der Welt gänzlich zu lähmen. (171) Einerseits sehen uns die Ungläubigen von außen weiterhin als unehrlich an. Sie meiden uns oder hassen uns, weil wir weder mit ihnen leiden, noch arbeiten, noch hoffen. Andererseits fühlen die innerhalb stehenden Gläubigen sich weiterhin beengt, da sie zwischen ihrem Glauben und ihren natürlichen Einsichten oder Bestrebungen gefangen sind. Und damit sind sie in ihrem Bemühen geschwächt, die sie umgebenden menschlichen Kräfte zu assimilieren. Man bekehrt nur, was man liebt: Wenn der Christ nicht volle Sympathie für die entstehende Welt hat – wenn er nicht in sich selbst das Streben und die Ängste der modernen Welt verspürt – wenn er in seinem Sein den menschlichen Sinn nicht wachsen läßt – wird er niemals die befreiende Synthese zwischen der Erde und dem Himmel verwirklichen, aus der die Parusie des Christus-Universalis hervorgehen kann. Vielmehr wird er weiterhin erschrecken und fast unterschiedslos jede Neuheit verurteilen, ohne inmitten des Schmutzes und der Übel die geheiligten Anstrengungen einer Geburt zu erkennen. Immergieren, um zu emergieren und emporzuheben. Teilhaben, um zu sublimieren. Genau das ist das Gesetz der Inkarnation. Eines Tages, vor bereits tausend Jahren, sagten sich die Päpste von der römischen Welt los. Sie entschlossen sich, «zu den Barbaren zu gehen». Wird nicht heute eine ähnliche und tiefere Handlungsweise erwartet? Ich glaube, die Welt wird sich nicht zu den himmlischen Hoffnungen des Christentums bekehren, wenn sich nicht zuvor das Christentum zu den Hoffnungen der Erde bekehrt [um sie zu vergöttlichen].
Peking, 9. Oktober 1936. (172)

IX DIE MENSCHHEIT RETTEN – ÜBERLEGUNGEN ZUR GEGENWÄRTIGEN KRISE
Weit entfernt davon, sich zu beruhigen, dehnt sich die durch den großen Krieg eingeleitet Krise weiter aus und gewinnt an Tiefe, so daß wir beginnen, uns ihrer wahren Natur bewußt zu werden. War sie in ihren Anfängen ein einfacher Konflikt materieller Interessen, so gewinnt sie nunmehr ihren Ausdruck durch Grundbewegungen in der menschlichen Masse. Heute stoßen drei oder, genauer, vier Strömungen aufeinander und werfen uns hin und her. In der Mitte der bereits alte Demokratismus, der vor weniger als fünfzig Jahren endgültig die Welt erobert zu haben schien. Links und rechts in vollem Wachstum der junge Kommunismus und der junge

Alternde Welt [Anmerkung der Herausgeber]. (Anm 4) Erkaltende Welt [Anmerkung der Herausgeber]. 42 (Anm 5) Entstehende Welt [Anmerkung der Herausgeber].
40 41 (Anm 3)

75 Faschismus. Und darüber schließlich [zumindest nach dessen Ansicht], aber doch recht erstaunt über die Wirbel, die der Kampf bis in seine Seele aufsteigen läßt, das Christentum43. Seit zwanzig Jahren versuchten wir, die Hoffnung zu wahren, unsere Wirren seien lediglich die letzten Ausläufer eines Orkans, der vorübergezogen war. Bald würde sich alles beruhigen, und das Leben würde schließlich wieder so weitergehen wie zuvor – dachten wir. Wir müssen uns jetzt der Evidenz stellen, daß die Menschheit in die wahrscheinlich größte Transformationsperiode eingetreten ist, die sie jemals seit ihrer Geburt erlebt hat. Der Sitz des Übels, an dem wir leiden, ist in den Grundlagen des irdischen Denkens selbst lokalisiert. Irgend etwas vollzieht sich in der allgemeinen Struktur des Geistes. Eine andere Art von Leben beginnt.
(173)

Angesichts oder genauer unter dem Stoß derartiger Erschütterungen kann niemand gleichgültig bleiben. Das Interesse an dem sich vollziehenden unermeßlichen Phänomen und die Sorge darum dringen bis in die Stille der Laboratorien. Und da versuchen wir [die Geologen, Paläontologen, Prähistoriker], die wir vom Fach her gewohnt sind, mit dem Blick große Zeiträume zu übergreifen und die großen Gesamtbewegungen zu unterscheiden, da versuchen wir instinktiv zu beurteilen, was um uns herum im Leben vorgeht, und zu erahnen, wohin uns diese Ereignisse tragen. Was ereignet sich biologisch in der menschlichen Schicht? Wohin führt uns all das? Und wie soll man innerhalb der uns mitreißenden Strömung klar sehen und handeln? – Ich möchte weniger auf diese Fragen antworten [wer vermöchte das?], als sie stellen und ein Beispiel dafür geben, wie man versuchen kann, sie zu lösen. Die folgenden Seiten enthalten, das erkenne ich an, ein Glaubensbekenntnis. Doch wollen sie vor allem der Ausdruck einer objektiven Sicht der im Gange befindlichen Ereignisse sein. Ich habe sie ohne die geringste Absicht geschrieben, meine Ansichten anderen aufzudrängen. Vielmehr will ich, wie es jeder in der Wissenschaft hält, zu der gemeinsamen Forschung einen individuellen Beitrag leisten. Man möge diese Schrift in diesem Geiste lesen. 1. WAS ZU GLAUBEN IST: DIE MENSCHLICHE ZUKUNFT Als Grundlage aller in unserem Inneren durch die gegenwärtigen Ereignisse geweckten Reaktionen muß notwendig ein kraftvoller Glaube an die Zukunft der (174) Menschheit gesetzt werden; und wenn dieser Glaube bereits existiert, muß er gefestigt werden. Dieses Anliegen ist um so vordringlicher, als unter der Wirkung der uns emportragenden Woge zurzeit von überall her der dauernd latente Schlamm der Pessimismen, der Überdrüssigkeit aufsteigt. Bei den einen eine nur allzu natürliche Erregung angesichts der Unordnung, die ihre Vorstellung von einer bürgerlich gesitteten Gesellschaft verwirren. Bei den anderen eine heimliche Rache an Fortschritten, die zu beweisen drohten, daß die Zukunft größer sein könnte als die Vergangenheit. Bei wieder anderen ein seltsames Tugendideal, für das der «starke» Mann jener ist, der um sich herum die meisten Illusionen, mit anderen Worten, die meisten Hoffnungen zu zerschlagen vermag. Bei gewissen Leuten vielleicht auch ein Bedürfnis, sich leichter Hand eine Originalität zu schneidern, indem sie alles verleugnen, was andere mühsam aufgebaut hatten. Was muß man nicht derzeit alles hören und lesen über die Altersschwäche der Zivilisationen oder gar über das nahe Ende der Welt!…
(Anm 1) Hier wird offensichtlich die Situation zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Aufsatzes beschrieben: November 1936 [Anmerkung der Herausgeber]. 43

76 Dieser Defaitismus [aus Charakter, Tugend, oder um sich zur Schau zu stellen] scheint mir die grundlegende Versuchung der gegenwärtigen Stunde zu sein. Man wird bereitwillig einräumen, daß er ungesund und wirkungslos ist. Läßt sich beweisen, daß er falsch ist? Das heißt, können wir in unserer Umgebung rationale und objektive, keineswegs etwa instinktive oder sentimentale Gründe erkennen, um zu glauben, daß wir heute mehr denn je hoffen müssen? – Ich meine ja. Und ich möchte versuchen, das als erstes begreiflich zu machen. Ein erster Beweggrund, der uns zu der Diagnose führen muß, daß die gegenwärtige Krise kein tödliches Leiden (175) ist, scheint mir die neue Form der Struktur zu sein, die die Menschheit während des kurzen Zeitraums des letzten Jahrhunderts angenommen hat. Vor nur drei oder vier Generationen zerfiel die Welt noch in isolierte ethnische Blöcke, deren Potentiale so vollständig verschieden waren, daß eine gegenseitige Vernichtung der einen durch die anderen in jedem Augenblick als eine furchtbare Möglichkeit erscheinen konnte. Heute spannt sich über die als Rückstand bleibenden Verschiedenheiten der alten Kulturen das Netz einer gemeinsamen Psychologie. Im Zeitraum einiger Jahre hat sich die sogenannte moderne Zivilisation plötzlich wie ein Schleier über die ganze Oberfläche der bewohnten Erde ausgebreitet. In allen Ländern der Welt wissen die Menschen heute wesentlich dieselben Dinge und denken sie wesentlich in dieselben Richtungen. Haben wir nicht in diesem Gleichwerden der Menschen auf einer höheren Ebene eine endgültige Gewähr der Stabilität? Ich möchte es gerne glauben. Früher waren die Schätze der Menschheit in einer Bibliothek oder in einem Reich lokalisiert. Eine Feuersbrunst oder eine Niederlage genügten, um sie zu vernichten. Heute hingegen sind sie über die ganze Weite der Erde verbreitet. Welcher Kataklysmus außer der Zerstörung unseres Planeten selbst könnte sie bedrohen? Kurz, da die Zivilisation Allgemeingut der Totalität der Bevölkerung wurde, scheint sie mir einen kritischen Punkt überschritten zu haben, aus dem sie unverwundbar für jene Angriff emergiert, denen Ägypten, Rom und Athen zum Opfer fallen konnten: wie ein großes Dampfschiff, das sicher Meere durchfährt, in denen die Galeeren versanken… Was bloß national ist, kann verschwinden; was human ist vermag nicht zu erlöschen. (176) Doch dies ist erst die – negative – Hälfte dessen, was erwiesen werden müßte. Im Grunde bestreiten die Pessimisten oder die sogenannten Realisten der gegenwärtigen Stunde weniger den Wert oder gar die Stabilität der gewonnenen Ergebnisse als die Möglichkeit eines neuen Voranschreitens. Wir müssen also noch einen weiteren Schritt tun, um von ihnen loszukommen. Wir laufen nicht mehr Gefahr, den gewonnenen Boden wieder zu verlieren. Gut. Doch eröffnet sich nach vorn die Möglichkeit eines höheren Aufstiegs, eines größeren Sieges? Könnten wir nicht einen faktischen Grund finden, der uns trotz allem gegenteiligen Anschein gewährleistet, daß nicht nur die Vergangenheit endgültig für uns erworben ist, sondern auch die Zukunft uns gehört? Ich glaube ehrlich, daß ein derartiger Grund zur Hoffnung existiert. Und ich meine, ihn in einer Perspektive zu finden, die [wenn sie auch von ihren Autoren selbst noch unzureichend ausgeführt ist] meines Erachtens die größte Entdeckung der modernen Wissenschaft ist: nämlich die Existenz einer kosmischen Entwicklung des Geistes. Im Laufe des letzten Jahrhunderts, so sagte ich eben, hat der Mensch gespürt, daß er die Erde einkreiste. Dieser neue Eindruck ist nur geringfügig neben dem gleichzeitig in ihm erwachten Bewußtsein, daß er die Dauer selbst ausfüllt. Zunächst hat sich uns unter dem wachsenden Einfluß der Geschichtsschreibung die Vergangenheit offenbart: nicht die paar Jahrtausende, die den Horizont eines Pascal, eines Bossuet oder eines Newton bildeten – sondern der bodenlose Abgrund, in den nunmehr für

77 unsere Augen die Reihen der Physik, der Astronomie und der Biologie rückwärts, soweit das Auge reicht, (177) hinabtauchen. Kurze Zeit hat der Mensch sich vorstellen könnten, er treibe auf der Oberfläche dieses unergründlichen Ozeans als unabhängige und neue Kreatur. Und dann begann er dank einer besseren Akkomodation seines Blickes zu erkennen, daß diese Tiefen in Wirklichkeit ganz von ihm erfüllt waren. Für denjenigen, der heute das Diagramm der von der Wissenschaft registrierten Tatsachen zu lesen versteht, ist die Menschheit kein akzidentielles Phänomen mehr, das zufällig auf einem der kleinsten Gestirne des Himmels aufgetreten ist. Sie stellt vielmehr im Bereich unserer Erfahrung die höchste Manifestation des Grundstromes dar, der nach und nach das Denken im Schoße der Materie emergieren läßt. Wir sind nicht mehr und nicht weniger als der zum Selbstbewußtsein emergierte Teil des Weltstoffes. In völligem Unterschied zur alten Anthropozentrik, die den Menschen zum geometrischen und statischen Zentrum des Universums machte, hat diese Ansicht, daß das «menschliche Phänomen» nichts anderes als eine höchst charakteristische Form des kosmischen Phänomens ist, eine unberechenbare moralische Tragweite; sie transformiert den Wert und gewährleistet die Perennität des Werkes, das wir wirken – oder genauer des Werkes, das sich durch uns selbst hindurch wirkt. Und das ist gerade der Punkt, dessen Erwägung mir wesentlich erscheint, wenn wir unserem Geist angesichts der gegenwärtigen Krise Mut einflößen wollen. Solange die Menschheit als eine glückliche Anomalie, als ein kurzes Epiphänomen innerhalb des großräumigen Vorgehens der Natur betrachtet werden konnte, war keine in der Erfahrung gründende Überlegung fähig, uns darüber zu beruhigen, was ich in vielleicht (178) gewagter Weise die Dispositionen des Universums im Hinblick auf uns nennen möchte. Ein Zufall hatte uns geschaffen: ein anderer Zufall würde uns wegraffen. Solange wir zudem zur Beurteilung der Form der menschlichen Bahn nur über die sechstausend Jahre geschriebener Geschichte verfügten, stand es uns frei, endlos darüber zu streiten, ob die Zivilisation aufsteigt oder absinkt oder aber sich auf einer unveränderlichen Ebene ausbreitet – oder auch irgendeine trostlose Sinuskurve von der Art beschreibt, wie sie Spengler so geschickt aufgezeichnet hat. Alle diese Unruhen und die Unbestimmtheiten verschwinden, wenn man sich so weit emporhebt, bis man die wahre Natur und die wirklichen Dimensionen des menschlichen Faktums wahrnimmt. Einerseits kann es über den Sinn des «Bewußtseins-Phänomens» [von dem unsere Zivilisation lediglich der vorläufig letzte Ausdruck im gegenwärtigen Augenblick ist], wenn es hier bis zu einer Tiefe der Vergangenheit erfaßt wird, die über die Grenzen der menschlichen Geschichte und der Vorgeschichte hinausgeht und die Geschichte der Erde selbst überdeckt, keinen Zweifel geben: es wandelt sich positiv, es wächst – mit örtlich begrenztem Zaudern oder Irregehen, gewiß – bald hier, bald dort – wie ein Fluß, der seinen Laut sucht – jedoch ohne Stillstand und vor allem ohne Zurückfallen des Ganzen. Wenn andererseits dieser Aufstieg tatsächlich, wie es scheint, die Wirkung einer «kosmischen Flut» ist, welche lokale Zufälligkeit oder welches örtlich begrenzte Wehr vermöchten dann wohl den Strom aufzuhalten? Und hier wird der kindische Aspekt jener Einflüsterungen oder Einwände sichtbar, durch die uns die Propheten des menschlichen Bankerotts verwirren möchten. Man erinnert uns an die (179) Katastrophen der Vergangenheit; man zählt uns die physischen und moralischen Zeichen der Dekadenz auf – all das, so muß man antworten, ist intellektuelle Kurzsichtigkeit. Stellen wir diese so erschreckenden Ereignisse an ihren Ort im Gesamtphänomen. Ihre Unregelmäßigkeiten werden unbedeutend innerhalb der unerschütterlichen Majestät und Sicherheit der Gesamtbewegung. Alle Hindernisse, denen das Leben seit Millionen von Jahren begegnet ist, hat es bisher umgangen oder umgestoßen. Und Sie möchten, daß dieser unwiderstehliche Strom, dessen Sitz das Universum ist, gerade wie wir im Jahr 1936 stehen, zum Stau komme und nach hinten zurückzufließen beginne?... Unmöglich. Die Metamorphose

78 vollzieht sich so langsam, daß wir, die Tatsachen über einen kurzen Zeitraum beobachtend, vielleicht Gefahr laufen könnten, sie nicht wahrzunehmen. Doch die ganze moderne Physik steht als Zeuge dafür, daß die mächtigsten heute in der Welt erkannten Triften zunächst für Vorbilder der Unbeweglichkeit gehalten wurden. Was heute an derart Kritischem im Abendland geschieht, kann nur eine Wirkung des Fortschritts sein. Trotz aller gegenteiligen Evidenzen können und müssen wir glauben: wir schreiten voran. Nachdem wir dieses erste Ergebnis erzielt haben, müssen wir, um unseren menschlichen Glauben fest zu begründen, unsere Untersuchung noch weiter vorantreiben und uns unmittelbar folgende Frage stellen: wenn wir voranschreiten, in welche Richtung gehen wir dann? Diese Frage hätte offensichtlich keinen Sinn, würde es darum gehen, zum voraus den besonderen menschlichen Zustand zu definieren, auf den wir zugehen. Die Formen der Zukunft sind ihrer Natur nach unvorhersehbar. (180) Sie gewinnt dagegen eine klar umschriebene Bedeutung und sie hat eine mögliche Lösung, wenn wir nur das Problem stellen, in welche Richtung, entlang welcher Achsen sich die menschliche Metamorphose vollzieht. Mit anderen Worten, welchen Bedingungen muß die Zukunft genügen um mit der Vergangenheit und der Zukunft kohärent zu sein? Ich sehe deren drei. Die erste Bedingung ist, daß sich vor uns ein freier Horizont öffnet, den wir als unbegrenzt ansehen können. Hier ist nicht der Ort, die strukturellen Voraussetzungen des menschlichen Tuns gründlich zu behandeln oder kritisch dieses niemals genügend hervorgehobene Faktum herauszustellen, daß unser Wille sich nur auf ein Ziel hin in Bewegung zu setzen vermag, an dem er einen Duft der Unzerstörbarkeit wahrnimmt. Um von denen begriffen zu werden, die den Sinn für das Leben und die Freude am Leben haben, mag es genügen zu sagen, daß kein Fortschritt uns interessieren würde, wenn wir nicht in dem Bewußtsein auf ihn zuschnellen könnten, daß nichts den Marsch nach vorn jemals aufhalten wird. Die Wirklichkeit, zu der der Mensch sich erhebt, muß durch etwas ihr eigenes unzerstörbar und unerschöpflich sein. Soll es sich nicht selbst automatisch entmutigen und zerstören, muß das kosmische Phänomen der Spiritualisation irreversibel sein. Damit haben wir ein erstes Attribut, das wir der künftigen Welt vor uns zuerkennen müssen. Die Zukunft, die weit genug ist, daß sie irgendeiner möglichen Entwicklung keinerlei Schranken entgegenstellt, muß, um uns zufrieden zu stellen, sich ferner als umfassend genug zeigen, daß keines der gegenwärtig im Universum eingeschlossenen positiven Elemente ausgeschlossen würde. Totalität neben Irreversibilität (181) und Unzerstörbarkeit: das ist das zweite Charakteristikum, ohne welches die Zukunft die menschliche Hoffnung nicht zu fassen vermöchte. – Auch hier wieder brauche ich, um verstanden zu werden, nur die Einsichten zu Hilfe zu nehmen, die jeder in der Tiefe seiner selbst finden kann. Die einzige anziehende Gestalt, die wir [aus einem leicht in präzise Gründe auflösbaren Instinkt heraus] den Verlängerungen der Welt zu geben vermögen, ist die Gestalt einer Konzentration, die nichts Gutes oder Schönes ausläßt: Individuen, Gedanken, Kräfte… Diese Forderung nach dem Universellen ist in das Innerste unserer individuellen Seelen eingeprägt. Wir können sie aber auch am allgemeinen Gang des menschlichen Bewußtseins erkennen und bewahrheiten, ja sogar bis in die anscheinend blindeste Entwicklung der kollektiven und materiellen Organisationen um uns herum. Soweit wir in der Geschichte der Philosophien und Religionen zurückzugehen vermögen, ist die Idee eines in Bildung begriffenen Ganzen immer der Pol gewesen, der die größten Geister und die schönsten Seelen in sein Kraftfeld zog. Und soweit wir in den uns beherrschenden Determinismen klar sehen können, ist die Errichtung eines unteilbaren sozialen,

79 wirtschaftlichen, ätherischen Netzes über der menschlichen Vielheit eines der außerordentlichsten Phänomene, die sich jemals den Spekulationen der Physik und der Biologie anboten. Geist und Materie sind sich einmal darin einig, uns unwiderstehlich in Richtung einer höheren Einswerdung voranzustoßen. Doch in dieser unbegrenzten Konvergenz, in die sich für uns die Zukunft der Menschheit einschreibt, muß eine wesentliche Eigenschaft hervorgehoben und gewahrt werden, damit für unser Denken die Zukunftsvorstellung (182) erfüllt sei. Der irreversible Prozeß, der uns in eine große organische Einheit sammelt, darf unsere Personalität nicht gefährden, vielmehr muß er sie steigern. Das ist die dritte und letzte der Bedingungen, denen die uns mitreißende Bewegung genügen muß, damit wir uns ihr hingeben. – Die Wirklichkeit dieses Erfordernisses scheint mir keinem Zweifel zu unterliegen – ob wir uns auf unseren Selbsterhaltungstrieb berufen – oder ob wir in kritischer Weise die kosmische Bedeutung und den kosmischen Wert des «Personalen» analysieren. Man spricht häufig von der Person, als stelle sie eine [quantitativ] verkleinerte und [qualitativ] abgeschwächte Form der totalen Wirklichkeit dar. Genau das Gegenteil müßte man darunter verstehen. Das «Personale» ist der höchste Zustand, in dem wir den Stoff des Universums zu erfassen vermögen. In seiner geheimnisvollen Atomizität kondensiert sich, Korn um Korn, etwas Einzigartiges und Unübertragbares. Nur eine Formel vermag auszusagen, daß die Welt voranschreitet, ohne zurückzufallen und ohne etwas ihr Eigens zu verlieren, nämlich der Satz, daß die Qualität und die Quantität des «Personalen» beständig in ihr wachsen müssen: das Universum würde sich theoretisch nicht in Richtung auf eine geistige Totalität ausbreiten, wenn es sich nicht zu einem immer mehr selbstzentrierten Zustand seiner selbst und jedes seiner Elemente erhöbe. Dies aber ist praktisch möglich. Auf den ersten Blick scheint, das weiß ich, eine wachsende Personalisation des Universums im Gegensatz zu der gerade eben eingeräumten Vorstellung seiner Totalisation zu stehen. Scheinen nicht die Theorie und leider auch die soziale Wirklichkeit zu beweisen, daß die Individuen zugrunde gehen und von dem Fortschritt der Kollektive erstickt werden? (183) … Ganz im Gegenteil, würde ich auch hier noch sagen. Befragen Sie die Struktur der Lebewesen, in denen die Komplizierung der Zellen mit der Konzentration des ganzen Organismus Hand in Hand geht. Ergründen Sie die Psychologie von Weggefährten, die sich im gewollten Dienst an einer großen Sache gefunden haben. Beobachten Sie die gegenseitige Vollendung zweier Wesen, die sich lieben. Analysieren Sie philosophisch die keineswegs auflösende, sondern notwendig vollendende Wirkung eines Zentrums auf die Elemente, die es sammelt. Und Sie werden zu der unseren ersten Evidenzen gerade entgegengesetzten Schlußfolgerung kommen. Die wirkliche Vereinigung verschmilzt nicht die Wesen, die sie einander annähert. Sie differenziert sie im Gegenteil noch weiter; das heißt, sie ultrapersonalisiert sie, wenn es sich um reflektierte Partikel handelt. Das Ganze ist nicht der Antipode, sondern gerade der Pol der Person. Totalisation und Personalisation sind die beiden Ausdrucksweisen einer einzigen Bewegung44. Und damit sind wir an das Ziel unserer Untersuchung gelangt. Futurismus [wobei wir unter diesem Wort die Existenz eines unbegrenzten Bereiches von Vervollkommnungen und Entdeckungen verstehen], Universalismus und Personalismus sind die drei Charakteristika des Fortschritts, der uns mitreißt. Und folglich sind das die drei unerschütterlichen Achsen, auf die sich unser Glaube an das menschliche Bemühen gefahrlos stützen kann und muß. Futurismus, Universalismus, Personalismus: die drei Säulen der Zukunft. (184)

(Anm 2) Ich skizziere hier offensichtlich nur eine Theorie, die weiterer Ausführungen bedürfte, um vollständig klar zu sein. 44

80 2. WAS ZU SEHEN IST: DIE MENSCHLICHE KONVERGENZ Nachdem die herausgearbeiteten Perspektiven gefestigt sind, können wir uns nunmehr in aller Sicherheit wieder der Betrachtung der Wirren zuwenden, die gegenwärtig die Welt bewegen. Wir halten nämlich jetzt die notwendigen Elemente in Händen, um zunächst die wahre Natur unserer Lage zu beurteilen und dann die in dem Sturm zu treffenden Maßnahmen zu bedenken. Das zu sehen, ist nunmehr unsere Aufgabe. Und, vor allem, was geschieht heute eigentlich genau in den Tiefen der menschlichen Masse? Wir schreiten voran, das ist klar. Doch weshalb all diese Unordnung um uns herum? Drei Haupteinflüsse, so sagten wir zu Beginn dieser Seiten, stoßen derzeit außerhalb des Christentums aufeinander und ringen jeder um den Besitz der Erde: Demokratie, Kommunismus, Faschismus. Woher kommt die Macht dieser drei Strömungen? Und weshalb ist der Kampf unter ihnen so unbarmherzig? Die Lösung dieses neuen Problems wird, wie mir scheint, durch eine vorausgeschickte Beobachtung erleichtert, die alle Welt nachvollziehen kann, deren Sinn aber erst durch das erste Kapitel dieser Untersuchung greifbar wird: in jeder der drei vorliegenden Massen sind deutlich, jedoch als unvollständige Entwürfe die drei selben Bestrebungen zu erkennen, die sich uns als die Charakteristika des Glaubens an die Zukunft gezeigt haben. Leidenschaft für die Zukunft, Leidenschaft für das Universelle, Leidenschaft für das Personale – alle drei schlecht oder unzulänglich begriffen –: die dreifache Triebkraft, die um uns herum (185) die menschlichen Energien spannt und einander entgegensetzt. Überprüfen wir die Tatsache, bevor wir Schlußfolgerungen daraus ziehen. Im Falle der Demokratie ist die Sache unbestritten. Als erstgeborene Tochter der «revolutionären» Fortschritts-Idee ist die Demokratie in der begeisterten Hoffnung auf unbegrenzte irdische Vervollkommnungen aufgewachsen. Da sie näher als alles andere der brennenden Quelle ist, aus der das moderne menschliche Bewußtsein hervorgegangen ist, bleibt sie von diesem ursprünglichen Feuer durchtränkt. Aus demselben Grunde schleppt sie aber auch Unangepaßtheiten und einen Simplismus mit sich, die häufig die ersten Bekundungen der Wahrheit charakterisieren. Zwei logisch miteinander verbundene perspektivische Irrtümer schwächen und verderben das demokratische Weltbild: der eine betrifft seinen Personalismus und der andere folgerichtig dazu seinen Universalismus. Außer dem Christentum hat keine geistige Bewegung jemals so sehr den Wert der menschlichen Person begriffen und gepriesen. Leider haben die Apostel von 1789, mitgerissen vom Eifer für die Freiheit, nicht gesehen, daß das soziale Element seine volle Eigenständigkeit und seinen vollen Wert nur in einem Ganzen gewinnt, in dem es sich differenziert. Anstatt frei zu werden, ist es emanzipiert. Jede Zelle hat sich deshalb berechtigt geglaubt, sich als Zentrum für sich selbst aufzurichten. Von daher erklärt sich die durch die Tatsachen verurteilte Zersplitterung der falschen intellektuellen und sozialen Liberalismen. Und von daher auch der zerstörerische und unmögliche Egalitarismus, der jeden ernsthaften Aufbau einer neuen Erde bedroht. Die Demokratie scheint, da sie dem Volk die (186) Lenkung des Fortschritts in die Hände gibt, der Idee der Totalität Genüge zu tun. Sie stellt nur eine Fälschung davon dar. Der wahre Universalismus will durchaus alle Initiativen, alle Werte, alle dunkelsten Möglichkeiten ohne Ausnahme in seine Synthesen heimholen. Doch er ist wesentlich organisch und hierarchisiert. Weil die Demokratie Individualismus und Personalismus, Menge und Totalität verwechselte – durch Zersplitterung und Nivellierung der menschlichen Masse –, drohte sie, die mit ihr geborenen Hoffnungen auf

81 eine menschliche Zukunft zu gefährden. Deshalb mußte sie erleben, wie sich nach links der Kommunismus von ihr trennte und nach rechts alle Faschismen sich gegen sie erhoben. Im Kommunismus wurde der Glaube an einen universellen menschlichen Organismus in den Anfängen großartig gesteigert. Das kann man gar nicht oft genug sagen. Für eine Elitegruppe ist die Versuchung des russischen Neo-Marxismus weit weniger sein humanitäres Evangelium denn seine Vision einer totalitären, stark an die kosmischen Kräfte der Materie gebundenen Zivilisation. Der wahre Name des Kommunismus wäre der «Terrenismus». Von dieser Begeisterung für die Quellen und die Zukunft der Erde geht eine wirkliche Verführungskraft aus. So beweisen auch alle Tatsachen seit zwanzig Jahren die insgeheim im Evangelium Lenins verborgene geistige Kraft. Keine moderne Bewegung hat es verstanden [es sei denn in vorübergehenden Böen], eine derartige Atmosphäre der Neuheit und Universalität zu schaffen. – Leider ist auch auf dieser Seite wieder das menschliche Ideal in schwerwiegender Weise lückenhaft oder entstellt. Einerseits gelangt der Kommunismus durch seine allzu lebhafte Reaktion auf den anarchischen Liberalismus (187) der Demokratie dahin, die Person virtuell zu unterdrücken und aus dem Menschen eine Termite zu machen. Andererseits hat er sich in seiner unausgewogenen Bewunderung für die greifbaren Kräfte des Universums systematisch den Hoffnungen für die Möglichkeiten einer geistigen Metamorphose des Universums verschlossen. Das menschliche Phänomen [das wesentlich, wie wir gesehen haben, durch die Entwicklung des Denkens definiert ist] wird dadurch auf die mechanischen Entwicklungen einer seelenlosen Kollektivität reduziert. Die Materie hat den Geist verschleiert. Ein Pseudodeterminismus hat die Liebe getötet. Fehlen des Personalismus, das eine Begrenzung oder sogar eine Verderbnis der Zukunft nach sich zieht und infolge dessen die Möglichkeit und den Begriff selbst des Universalismus unterminiert – dies sind in weit größerem Maße als alle wirtschaftlichen Umwälzungen die Gefahren des Bolschewismus. Wenden wir nunmehr unsere Aufmerksamkeit dem Faschismus zu. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß die faschistische Bewegung weitgehend als Reaktion auf die sogenannten «Revolutions-»Ideen entstanden ist. Und dieser Ursprung erklärt die kompromittierende Unterstützung, die er unaufhörlich bei den zahlreichen Elementen gefunden hat, die [aus verschiedenen Gründen eines intellektuellen und sozialen Konservatismus] daran interessiert sind, nicht an eine menschliche Zukunft zu glauben. Doch für die Starrheit begeistert man sich nicht; und dem Faschismus fehlt es gewiß nicht an Feuer. An welchem Herd entzündet er sich? Ganz klar an dem gleichen dreifachen Glauben, der die Strömungen bewegt, denen er sich mit größter Erbitterung entgegenstellt. Der Faschismus ist offen für die Zukunft. Es ist sein Ehrgeiz, große Gesamtheiten (188) unter seiner Herrschaft zu umfassen. Und in der festen Organisation, von der er träumt, wird sorgfältiger als sonst irgendwo der Erhaltung und der Verwendung der Elite [das heißt des Personalen und des Geistes] ein Platz eingeräumt. In den Bereich, den er erfassen will, genügen seine Konstruktionen also mehr als irgendwelche anderen den Bedingungen, die wir als grundlegend für den Zukunftsstaat erkannt haben. Das einzige, aber große Unglück ist, daß dieser Bereich, den er in Betracht zieht, lächerlich beschränkt ist. Der Faschismus scheint bisher die kritische menschliche Transformation und die unwiderstehlichen materiellen Bindungen übersehen zu wollen, die bereits jetzt schon die Zivilisation in das Stadium des Internationalismus haben eintreten lassen. Er versteift sich darauf, die in ihm lebendige moderne Welt in «neolithischen» Dimensionen zu denken und zu verwirklichen. Und als Ergebnis diese Mißverhältnisses bietet er uns von der von uns erträumten Zukunft nur ein verkürztes Bild, dem gerade diese wesentliche Qualität fehlt, die die Totalität vom Partiellen, das Endliche vom Unbegrenzten unterscheidet. Der Faschismus stellt möglicherweise ein recht gelungenes Modell der Welt von morgen dar. Er ist vielleicht sogar eine notwendige Phase, in

82 deren Verlauf die Menschen, wie bei einer Übung auf einem beschränkten Gelände, ihr menschliches Handwerk lernen müssen. Doch er wird das, was wir erwarten nur sein, indem er sich im gegebenen Augenblick von dem engen Nationalismus lossagt, der ihn zwingt, aus seinen Konstruktionen gerade alle die Elemente auszuschließen, die den Maßen der Erde entsprechen würden – und der ihn mit der Idee in die Zukunft rudern läßt, für immer verschwundene Zivilisationsformen wiederzufinden. (189) Und nun wollen wir innehalten und zusehen. Unsere Analyse ist zu Ende. Vor uns sind dank den drei den Sinn des menschlichen Drängens definierenden Schlüssel-Charakteristika [Futurismus, Universalismus, Personalismus] die großen heutigen Sozialmotoren gewissermaßen bloßgelegt worden, und ihre Triebkräfte liegen gewissermaßen nackt vor uns. Und jetzt komme ich zu der Frage zurück: Was widerfährt derzeit der menschlichen Masse? Weshalb diese Gewalttätigkeit und weshalb diese Erschütterungen? – Und mir scheint, ich beginne zu begreifen. Angesichts der heutigen Zwiste könnten wir befürchten [und der Chor der Pessimisten drohte es uns an], die Zivilisation zerfalle vor unseren Augen und löse sich auf. Nunmehr können wir nicht mehr nur a priori [kraft dieses allgemeinen Prinzips, daß das menschliche Phänomen etwas Unfehlbares in sich trägt], sondern auch a posteriori [aus der Beobachtung der sich abspielenden Ereignisse] volles Vertrauen in die Zukunft haben. Erstens sind die Kräfte, die um uns herum aufeinanderstoßen, keine zerstörerischen Kräfte: jede von ihnen enthält positive Komponenten. Zweitens und zwar gerade eben aufgrund dieser Komponenten entfernen sie sich nicht voneinander, sondern konvergieren verborgen in Richtung auf eine gemeinsame Zukunftsvorstellung. Drittens – und dies erklärt ihre unnachgiebige Natur –: in jeder von ihnen verteidigt sich die Welt selbst und will ans Licht kommen. Fragmente, die einander suchen, und nicht Fragmente, die auseinanderfallen. Eine Welt, die arbeitet, um sich zusammenzuschließen und nicht eine Welt, die zerfällt. Eine Geburtskrise und nicht Todessymptome. Wesentliche Affinitäten und nicht endgültiger Haß… Das geschieht vor unseren Augen; und man muß nur (190) dies in den Strömungen und in dem Sturm erkannt haben, um das Manöver zu erkennen, das uns retten soll. 3. WAS ZU TUN IST: DIE MENSCHLICHE FRONT Wenn die vorhergehenden Überlegungen einigermaßen begründet sind, das heißt, wenn wirklich die heutigen Wirren Ausdruck eines Bemühens der modernen Menschheit sind, ihre Seele zu finden – dann ist unsere Pflicht klar: Es geht für uns darum, mit allen unseren Kräften bei der Geburt der neuen Welt zu helfen, die ans Tageslicht zu kommen strebt. Wir haben die wesentlichen Grundzüge dieser neuen Erde erkannt. Ein Glaube an eine unbegrenzte Zukunft, in der alle positiven Werte der Zivilisation sich in einer die individuellen Werte steigernden Totalität vereinten. Eine höhere Leidenschaft, in der sowohl der demokratische Sinn für die Rechte der Person als auch die kommunistische Schau der Materiekräfte und das faschistische Ideal der organisierten Eliten in einer neuen Synthese zugleich Aufnahme fänden und vollendet würden. Das ist der «vierte Geist», der heranreift und den wir alle erwarten. Entwickeln wir sein Bewußtsein in uns selbst und verkünden wir ihn. Im Grunde und trotz der [relativen] Begeisterung, die große menschliche Fraktionen in den politischen und sozialen Tagesströmungen mitreißt, bleibt die Masse der Menschheit unbefriedigt. Ich kenne meinerseits weder auf der Rechten noch auf der Linken einen wahrhaft progressiven Geist, der nicht seine teilweise Enttäuschung angesichts aller existierenden Bewegungen zugibt. Man schließt sich der einen oder der anderen Partei an, weil man eben eine

83 Entscheidung treffen (191) muß, wenn man handeln will. Aber jeder fühlt sich an dem Platz, an dem er steht, im Grunde behindert, verstümmelt, in innerer Auflehnung. Alle möchten etwas Größeres, Umfassenderes und Schöneres. Würde diese unermeßliche diffuse Unruhe sich nicht mit einem Schlage kristallisieren, wenn es nur gelänge, das Programm, das Ideal zu formulieren, von dem wir alle träumen? Früher sind unsere Väter im Namen der Gerechtigkeit und der Menschenrecht zu dem großen Abenteuer ausgezogen. Sie hatten noch nicht begriffen, sie konnten noch nicht wissen, daß die Harmonie, deren Vorahnung sie berauschte, zu ihrer Verwirklichung eine Zukunftsdimension verlangte, deren Idee noch nicht geboren war. Noch allzu sehr als Hirten sahen sie die Welt als eine Idylle – nicht genug als eine Entdeckung und eine Eroberung. Weshalb sollten wir nicht heute, da uns der ganze Raum und die ganze Zeit zur Verfügung steht, um die einzige mögliche Freiheit, die einzige mögliche Gleichheit, die einzige mögliche Brüderlichkeit zu entwickeln [nämlich jene, die aus der Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Werk entstehen], weshalb sollten wir uns nicht alle zusammen im Namen der Zukunft, des Universellen und der Person [die nicht so abstrakt sind, wie man glauben möchte] für die Rechte der Welt erheben? Wir haben alle, ohne es laut zu sagen, genug sowohl vom nationalistischen Sektierertum, das die menschlichen Sympathien mit Scheidewänden unterteilt, als auch von den Ansprüchen einer Menge, die zutiefst unverträglich und ohnmächtig bleibt, solange sie nicht aufhört, Menge zu sein, indem sie sich personalisiert. Wir sind gefangen in einer nicht mehr zu atmenden Atmosphäre. Luft! Weder faschistische Fronten noch eine Volksfront – sondern eine menschliche Front. (192) Ich sage es noch einmal. Zur Bildung dieser Front sowohl der Solidarität als auch der Bewegung finden sich überall in unserer Umgebung Elemente – zerstreut in scheinbar feindlichen Massen, die sich bekämpfen. Sie erwarten nur einen Anstoß, um sich auszurichten und sich zu vereinen. Wenn auf diesen Staub nur der richtige Lichtstrahl fällt, der Anruf, der seiner inneren Struktur entspricht, und durch alle Denominationen und Schranken hindurch, die aus Konvention noch fortbestehen, werden die lebenden Atome der Erde sich suchen, sich finden und sich organisieren. Im Grunde gib es nur zwei Gruppen von Menschen in der Menschheit: jene, die ihre Seele für eine größere Zukunft als sie selbst wagen, und jene, die aus Trägheit, Egoismus oder Mutlosigkeit nicht weiter voranschreiten wollen. Jene, die an die Zukunft glauben, und jene, die nicht daran glauben. Jede politische Partei ist heute untergründig durch eine Mischung dieser einander widerstreitenden Essenzen vergiftet. Durch die Bildung einer menschlichen Front würde jeder Zweideutigkeit ein Ende gesetzt. Diese anhand einer Grundkonzeption des Seins verwirklichte Neugruppierung der Kräfte würde die lebendigen Energien der Zivilisation sichtbar werden lassen. Und so könnten vielleicht zum ersten Male «Gute» und «Schlechte» einander erkennen und einschätzen. Zwischen den so aufgrund des Glaubens oder des Nichtglaubens an eine geistige Zukunft des Universums gebildeten beiden Lagern käme es dann vielleicht zu einem Krieg – dem einzigen wesentlichen Krieg, zu dem alle andern Kriege hintendierten; das endgültige, offene Ringen zwischen der Trägheit und dem Fortschritt; der Konflikt zwischen dem, was aufsteigt, und dem, was absinkt. Zumindest wäre weder die Schönheit noch der (193) Ausgang eines derartigen Kampfes zweifelhaft; und zumindest brauchten auch die Kämpfenden [endlich!] nicht zu fürchten, auf Brüder zu schießen. Gegen die Schaffung der menschlichen Partei oder genauer der menschlichen Superpartei, von der ich hier spreche, wird man einwenden, daß ihre Verwirklichung weit mehr denn ein bestimmtes allgemeines Streben die Existenz eines gemeinsamen Gegners verlangen würde.

84 Man verständigt sich niemals, so wird man sagen, wenn es darum geht etwas aufzubauen. Nur die Furcht hat sich bisher als fähig erwiesen, Einmütigkeit zu schaffen. Von hierher ergibt sich, daß die irdische Universalität eines menschlichen Bemühens nicht von einer Hoffnung erwartet werden darf. Um sie zu schaffen, müßte ein universeller irdischer Feind auftreten. Ich meinerseits glaube nicht an die höchste Wirksamkeit des Selbsterhaltungstriebs und der Angst. Nicht der Schrecken vor dem Untergang, sondern der Ehrgeiz des Lebens hat den Menschen sich auf die Erforschung der Natur, die Eroberung des Äthers, der Luftwege stürzen lassen. Doch ich gebe zu, daß eine abstrakte Formel nicht ausreicht, um uns in Gang zu bringen und zu verkitten. Den Magneten, der in uns die Energien magnetisieren und reinigen muß, deren wachsender Überschuß sich derzeit in unnützen Zusammenstößen und perversen Raffinements zerstreut, würde ich also letzten Endes in der schrittweisen Offenbarwerdung irgendeines wesentlichen Objektes sehen, dessen totaler Reichtum, wertvoller als alles Gold und anziehender als alle Schönheit, für den reif gewordenen Menschen der Gral und das Eldorado wäre, von dem die alten Eroberer träumten: etwas Greifbares, für dessen Besitz sein Leben hinzugeben unendlich gut wäre. (194) Deshalb müßte es, wenn sich eine menschliche Front zu bilden begänne, neben den mit der Organisation der Rohstoffe und der Verbindungen der Erde beschäftigten Ingenieuren andere «Techniker» geben, die einzig den Auftrag hätten, die konkreten, immer höheren Ziele zu definieren und zu verkünden, auf die das Bemühen des menschlichen Wirkens sich konzentrieren muß. Wir haben uns bisher mit Recht für die Enthüllung der im unendlich Großen und im unendlich Kleinen der Materie verborgenen Geheimnisse leidenschaftlich begeistert. Doch eine für die Zukunft weit wichtigere Untersuchung wäre das Studium der Strömungen und der Anziehungskräfte psychischer Natur: eine Energetik des Geistes. Vielleicht werden wir, von der Notwendigkeit gedrängt, die Einheit der Welt aufzubauen, schließlich wahrnehmen, daß das große, von der Wissenschaft dunkel verfolgte Werk nichts anderes als die Entdeckung Gottes ist. 4. DER ORT DES CHRISTENTUMS Selbst wenn ich kein Christ wäre, der hier für Christen schreibt, müßte ich dem Christentum in dieser Analyse der menschlichen Strömungen einen Platz einräumen – nicht nur weil das Christentum immer noch, sei es direkt oder durch Einflüsse, einen großen Teil der modernen Zivilisation kontrolliert, sondern vor allem weil in dem gegenwärtigen Ringen seine Existenz sehr weitgehend auf dem Spiele steht. Ich sagte es zu Beginn. Inmitten des Konfliktes, in dem derzeit die Kräfte des Faschismus, des Kommunismus und der Demokratie miteinander ringen, fühlen sich die Christen seltsam erregt. Das hat seinen Grund nur (195) zu einem geringen Teil in der Tatsache, daß die neuen Institutionen unter Umständen im sittlichen und sozialen Bereich Positionen beziehen, die das Evangelium verletzen. Wir begreifen das nunmehr besser dank den vorhergehenden Beobachtungen; hinter der im Gange befindlichen scheinbar politischen Schlacht stehen heute in Wirklichkeit die allgemeinen Konzeptionen vom Leben und von der Welt einander entgegen. Es werden die Grundzüge eines «menschlichen Glaubens» sichtbar, die sich in einer neuen Religion organisieren wollen. Folglich wandeln sogar die Fundamente der menschlichen anima religiosa, auf denen die Kirche seit zweitausend Jahren gebaut hatte, ihre Dimensionen und ihre Natur. Ist es da noch so erstaunlich, wenn das Gebäude von dieser tiefen Bewegung geschüttelt wird? Wie muß das Christentum auf die im Gange befindliche Transformation reagieren, nicht nur um zu überleben, sondern um zu wachsen, indem es uns rettet? – Abschließend möchte ich den Versuch machen, das aufzuzeigen.

85 Das Problem der gegenwärtigen Beziehungen zwischen Christentum und Humanismus bleibt solange dunkel, als es nicht gelingt, die beiden einander widerstreitenden Kräfte auf ihre gemeinsamen Faktoren zu reduzieren. Es findet dagegen, so scheint mir, mit Leichtigkeit seine Lösung, sobald man beobachtet, daß die Leitlinien der Religion Christi genau dieselben sind wie jene, in denen, wie wir gesehen haben, die Essenz des menschlichen Bemühens ihren Ausdruck findet: Himmel, Katholizität, Gemeinschaft der Seelen, das heißt Futurismus, Universalismus, Personalismus. Wenn die Achsen des Glaubens für den Getreuen Christi und den Getreuen der Erde derart gleich (196) sind, muß eine Gegenüberstellung Punkt und Punkt möglich sein. Ich habe versucht, dieser Methode zu folgen, und ich bin zu folgendem Ergebnis gelangt: In zwei der drei erwogenen Punkte [den einzigen, bei denen eine Übereinstimmung schwierig zu erreichen schien], ich meine den Futurismus und den Personalismus, steht das Christentum nicht nur nicht in Gegensatz zum Humanismus, vielmehr liefert es ihm gerade die Ergänzung, ohne die der irdische Glaube sich nicht bis ans Ende zu entwickeln vermöchte. Ein Einklang zwischen den beiden Kräften ist also möglich. Sehen wir zu. Zunächst der Futurismus. Wir haben oben das Charakteristikum der «Unbegrenztheit», mit dem das menschliche Tun seine Zukunft auszeichnen muß, als Faktum anerkannt, ohne nach den Bedingungen ihrer physischen Möglichkeit zu fragen. Doch sobald man versucht, diese Qualität im Rahmen des erfahrbaren Universums objektiv zu setzen, erkennt man, daß sie dahin strebt, die gegenwärtigen Grenzen der Natur zu sprengen. Was sind denn angesichts unserer grenzenlosen Forderungen die paar hundert Millionen Jahre, die die großzügigsten Astronomen der Erde zusprechen? Und in welchem Zustand würde sich nach einer derartigen Gefängnisdauer eine Menschheit befinden, die bereits beginnt, sich auf unserem kleinen Planeten eingeengt zu fühlen? – Es kann, wenn man es bedenkt eine wirkliche Zukunft nur in der Hypothese [und der Hoffnung] einer kritischen Schwelle geben, über die die Welt durch den Effekt ihrer psychischen Entwicklung in einen anderen Zustand gelangen wird als den, den wir an ihr kennen. Ist das aber nicht gerade die vom christlichen Glauben gelehrt Wahrheit? Die vom Evangelium antizipierten «neuen Himmel (197) und die neue Erde» eröffnen nicht nur [will man sie mit unseren modernen Weltvorstellungen «homogenisieren»] der Physik der Materie unerwartete Horizonte – vielmehr liefern sie allein den Raum, in dem sich eine der wesentlichsten Qualitäten unseres psychologischen Seins zu entfalten vermag: die Irreversibilität in den Fortschritten und im Verlangen. Dann der Personalismus. Es ist wohl die schlimmste Gefahr, der die Menschheit an ihrem heutigen Wendepunkt ausgesetzt ist, daß sie schließlich das Wesentliche vergißt, das heißt die geistige Konzentration angesichts der kosmischen Unermeßlichkeiten, die die Wissenschaft ihr aufgedeckt, und angesichts der kollektiven Macht, die ihr die soziale Organisation offenbart hat. Eine diffuse Energie, oder aber eine Supergesellschaft ohne Herz und Gesicht: versucht nicht die irdische Neo-Religion sich unter diesen Gestalten verschwommen die Gottheit vorzustellen? In dieser gefährlichen Phase, die die Existenz der «Seelen» bedroht, wird und kann, so glaube ich, das Christentum eingreifen, um die menschlichen Bestrebungen auf die einzige mit den Strukturgesetzen des Seins und des Lebens übereinstimmende Bahn zu bringen. Gestern noch konnte man glauben, nichts sei so überholt, so anthropomorph wie der christliche personale Gott. Und heute erweist sich das christliche Evangelium aufgrund dieses anscheinend veralteten und doch wesentlichen Aspektes seines Credo als die modernste Religion. Angesichts einer Menschheit, die Gefahr läuft, den Teil des in ihr durch die Fortschritte des Lebens bereits erwachten Bewußtseins in der «zweiten Materie» der philosophischen Determinismen und der sozialen Mechanismen versickern zu lassen, hält das Christentum den Primat des reflektierten, das heißt personalisierten (198) Denkens aufrecht. Und es tut das in der allerwirksamsten Weise:

86 nicht nur indem es spekulativ durch seine Lehre die Möglichkeit eines zentrierten, wenn auch universellen Bewußtseins verteidigt – sondern noch weit mehr dadurch, daß es durch seine Mystik den Sinn für dieses Zentrum totaler Konvergenz und in gewisser Weise die unmittelbare Intuition davon vermittelt und entwickelt. Als Mindestes muß heute ein Ungläubiger, wenn er die biologische Situation der Welt begreift, anerkennen, daß die Gestalt Christi [so wie sie nicht nur in einem Buch geträumt, sondern im christlichen Bewußtsein konkret verwirklicht wird] die vollkommenste bisher verwirklichte Annäherung eines endgültigen und totalen Ziels ist, auf das das universelle menschliche Bemühen hinstreben kann, ohne zu ermüden und entstellt zu werden. So ist das Christentum, entgegen einer gängigen Vorstellung, weniger aufgrund seiner Moral denn aufgrund seines Dogmas menschlich, und es kann berufen sein, morgen noch einmal die Welt zu retten. – Woher kommt dann aber diese Art von Mißkredit, in die es eben wegen dieses Dogmas in Augen der Eiferer für eine größere Menschheit gefallen zu sein scheint? Weshalb dieser Verdacht? Und weshalb der Haß? Der Grund des Konfliktes zwischen Glaube und Fortschritt, dessen Entwicklungen dem Christentum mehr Schaden zugefügt haben als die schlimmsten Verfolgungen, scheint mir in einem Justierfehler zu liegen, der die drei [die futuristische, die universalistische und die personalistische] Komponenten des christlichen Geistes betrifft. Das Christentum ist universalistisch. Doch, hat es sich nicht in einer mittelalterlichen Kosmologie verspätet, anstatt entschlossen den zeitlichen und räumlichen Unermeßlichkeiten ins Auge zu sehen, (199) auf die es, wie die Tatsachen von ihm verlangen, seine Perspektiven der Inkarnation ausweiten muß? – Das Christentum ist in höchstem Maße futuristisch. Doch, hat nicht gerade die Transzendenz der von ihm gewahrten Perspektiven es dahin geführt, sich als extraterrestrisch [und folglich als passiv und einschläfernd] ansehen zu lassen, während es doch aufgrund eben der Logik seines Dogmas supra-terrestrisch [und folglich ein Höchstmaß menschlichen Bemühens erzeugend] sein müßte? Das Christentum ist schließlich spezifisch personalistisch. Doch, hat nicht auch hier wieder der den Werten der Seele eingeräumte Vorgang es dahin neigen lassen, sich uns vor allem als ein Juridizismus und eine Moral darzustellen, anstatt uns die organischen und kosmischen Herrlichkeiten offenbar zu machen, die sein Universeller Christus in sich einschließt? Auf der neuen menschlichen Seele, die, so glauben wir, inmitten der heutigen krampfartigen Wehen geboren wird, kann und muß das Christentum aufruhen, um sie zu prägen und zu sublimieren. Doch es wird dieses Heil nur unter der Bedingung wirken, daß es sich entsprechend seiner eigenen Formulierung neu inkarniert, das heißt sich offen und entschlossen einreiht in das, was wir die menschliche Front genannt haben. Diese Geste wird es nicht vor den Angriffen derer bewahren, die ihm vorwerfen, es führe uns zu weit oder zu hoch. Zumindest aber wird die tödliche Verachtung aufhören, aufgrund deren wir so häufig von denen angegriffen werden, die im Grunde unsere Freunde und unsere Verbündeten sein müßten. Ein Christ kann mit Freude Verfolgung leiden, damit die Welt größer werde. Er kann nicht zugeben, daß (200) man ihn tötet unter dem Vorwand, er versperre der Menschheit den Weg.
Peking, 11. November 1936. In gekürzter Fassung veröffentlicht in den Études, 20. Oktober 1937, unter dem Titel «La Crise Présente» um im Heft 3 der Cahiers Pierre Teilhard de Chardin: Teilhard de Chardin et la Politique africaine, 1962. Èd. Du Seuil. (201)

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X SUPER-MENSCHHEIT, SUPER-CHRISTUS, SUPERCARITAS45. NEUE DIMENSIONEN FÜR DIE ZUKUNFT
Aufgrund zahlreicher Anzeichen [Unzufriedenheiten und Bestrebungen aller Art] wird es evident, daß sich derzeit eine tiefe und allgemeine Transformation im menschlichen Bewußtsein vollzieht. Intellektuell, sittlich und mystisch sind wir alle nicht mehr mit dem zufrieden, was unsere Väter zufrieden stellte. Wir erwarten Besseres. Doch wenn auch die Tatsache dieser inneren Wandlung unbestreitbar ist, so ist es doch etwas ganz anderes, ihre Natur und ihre Ursachen zu präzisieren. Jahr um Jahr habe ich in einer Folge von Aufsätzen versucht, die verborgene Quelle unserer Unruhen und die dem Zugriff sich entziehende Substanz unserer Erwartungen zu umschreiben und gegeneinander abzugrenzen. Die folgenden Seiten enthalten nichts was ich nicht ebenso schon an anderer Stelle gesagt habe. Doch stellen sie es unter einem neuen Gesichtspunkt dar. In jüngster Zeit [in «Der neue Geist»46] habe ich aufzuzeigen versucht, daß wir im Vergleich zu den früheren Generationen so anders und anspruchsvoller geworden sind aufgrund des Erwachens unseres Bewußtseins zu einem neuen Rahmen kosmischer Dimensionen: der Kegel der Zeit. In diesem besonderen Milieu, das nach rückwärts unendlich divergiert, aber nach vorn positiv konvergiert, wird ein unerwarteter Zusammenhang zugunsten des Geistes, so habe ich gesagt, sichtbar zwischen Determinismen und Freiheit, zwischen Totalisation und Personalisation, zwischen immanenter (202) Evolution und Schöpfung. Genau das braucht es, um in uns das scheinbar widerstrebende Drängen zu harmonisieren, das derzeit unsere angeborenen Kräfte der Anbetung zwischen dem Menschen, dem Universum und Christus hin und her reißt. Mir scheint heute, dieselbe Lösung ließe sich in weniger synthetischer Weise, aber mit konkreterer Dringlichkeit vorteilhaft darlegen; ausgehend nicht mehr von einem Umschlagen der Krümmung, sondern von einem Wechsel der Größenordnung in der Totalität unserer Erfahrung. Werden nicht derzeit alle Fasern unseres Herzens und unseres Hirns letzten Endes von einem plötzlichen Übergang vom Mittleren zum Unermeßlichen schmerzlich und leidenschaftlich in Schwingung versetzt? Genauer, gerät nicht das ganze System unserer überlieferten Gewohnheiten verworren aus den Fugen aufgrund der unwiderstehlichen Emergenz von drei eng miteinander koordinierten «Super-Wirklichkeiten» in unserem eigenen Herzen: Eine Super-Menschheit nach dem Maße der Erde; Ein Super-Christus nach dem Maße dieser Super-Menschheit; Eine Super-Caritas, eine Super-Liebe, nach dem Maße sowohl des Super-Christus als auch der Super-Menschheit?... Ich kann nicht anders: soweit ich betroffen bin, lese ich dieses in mir selbst und in meiner Umgebung. Und das möchte ich, ohne irgendeinen eine traditionelle Position herabsetzenden Hintergedanken hier sichtbar machen – nicht als ein spekulatives Hirngespinst, sondern als ein in die Augen springendes psychologisches Faktum. (203)
(Anm 1) In diesen drei Ausdrücken wir die Vorsilbe «super» nicht verwendet, um einen Unterschied der «Natur», sondern um einen fortgeschritteneren Grad der Verwirklichung oder der Wahrnehmung anzugeben. Anmerkung des Autors. 46 (Anm 2) Die Zukunft des Menschen, S. 113 [Anm. der Herausgeber]. 45

88 I. SUPER-MENSCHHEIT Unter «Super-Menschheit» verstehe ich den höheren biologischen Zustand, den zu erreichen die Menschheit bestimmt scheint, wenn sie, die Bewegung, aus der sie historisch hervorgegangen ist, bis ans Ende vorantreibend, dahin gelangt, sich vollständig mit Leib und Seele in sich zu totalisieren. So definiert, ist die Super-Menschheit nicht, wie man häufig zu glauben vorgibt, ein ideologisches oder sentimentales Ding, ein Traum oder eine Utopie. Sie stellt vielmehr, ohne daß die meisten Leute das auch nur ahnen, bereits eine Wirklichkeit oder zumindest etwas «unmittelbar Bevorstehendes» wissenschaftlicher Ordnung dar – wogegen eine Auflehnung folglich ebenso vergeblich wäre wie gegen die Trift des Sonnensystems oder gegen das Erkalten der Erde. Wir wollen also in diesem ersten Kapitel uns kurz ansehen: 1. Inwiefern kraft unseres gesichertsten Wissens das schließliche Auftreten einer SuperMenschheit biologisch unvermeidlich erscheint. 2. In welchen allgemeinen Wesenszügen diese Super-Menschheit sich abzeichnet. 3. Und, schließlich, in welche neue geistige Haltung ihre vorweggenommene Perspektive uns versetzt. 1. WIRKLICHKEIT Die einander überlagernden und konvergenten Indizien, deren große Zahl nach meiner Überzeugung uns verpflichtet, das zukünftige Aufkommen einer Super-(204) Menschheit als gewiß anzusehen, lassen sich, entsprechend ihrer logischen Ordnung aufgeteilt, wie folgt darlegen. Vor allem die in der Vergangenheit eindeutig festgestellte historische Wirklichkeit eines schrittweisen Aufstiegs der Menschheit. Wir sind noch weit davon entfernt, alle Einzelheiten dieser sich mindestens über ein- oder zweihunderttausend Jahre erstreckenden Evolution zu kennen. Wir wissen immerhin genug davon, um unzweideutig die Kurve des Phänomens festzulegen. Von den fernsten Prähomininen [Pithecanthropus, Sinanthropus] bis hin zum Homo Sapiens über die komplexe Gruppe der Neanderthaloiden läßt sich definitiv eine Bewegung festhalten, die die menschliche Gruppe von schwach zu hoch zerebralisierten und sozialisierten Zuständen vorantreibt47. Dort [bei den Prähomininen] flache Gehirne und ethnisch lockere oder zerstreute Gruppen. Hier [beim modernen Menschen] überhöhte Gehirne und [vor allem seit dem Neolithikum] ein immer stärker beschleunigter Vormarsch in Richtung des Kollektiven. Meines Erachtens ist es für einen ehrlichen Kopf unmöglich, die durch die Vorgeschichte bereits erzielten Ergebnisse zur Kenntnis zu nehmen, ohne sich verpflichtet zu fühlen, die objektive Wirklichkeit einer Anthropogenese in der Vergangenheit anzuerkennen – und folglich [dieser Punkt ist entscheidend] ohne sich mit derselben Dringlichkeit gezwungen zu sehen, eine Weiterführung eben dieser Anthropogenese in die Zukunft zuzugestehen. Bisher hat sich die Menschheit, und zwar seitdem wir sie kennen, beständig in Richtung sich steigernder Zustände psychischer Organisation bewegt. Räumt man dies ein, so gibt es keinen
(Anm 3) Was in zwei verschiedenen Größenordnungen im Grunde dasselbe ist: da im Falle des Menschen die Individuen durch die Sozialisation nur ihr reflektiertes Tun und folglich ihre Gehirne gruppieren und organisieren. Diese grundlegende biologische Identität zwischen individueller Zerebralisation und Sozialisation [oder kollektiver Zerebralisation], die von Julian Huxley und vielen anderen deutlich gesehen wurde, ist ein grundlegender wissenschaftlicher Begriff, von dem der Leser durchdrungen sein muß, will er etwas von dem, was in diesem Aufsatz folgt, begreifen. 47

89 Grund, es wäre sogar absurd, (205) anzunehmen, sie bewege sich nicht noch immer in derselben Richtung. Hinter uns gewiß eine «Unter-Menschheit», vor uns folglich und ebenso gewiß eine Super-Menschheit – die einzige Wirklichkeit, das sei am Rande bemerkt, die fähig ist, die Millionen von Jahren auszufüllen und zu rechtfertigen, die dem Denken vielleicht noch bleiben, um sich auf der Erde zu entwickeln. Dieser – allein auf die Humanpaläontologie gegründete – Beweis, daß die Erde gegenwärtig in Richtung höherer psychischer Zustände triftet, ist so, wie er vorliegt, ich sage das noch einmal, ebenso überzeugend wie die meisten Beweise, die unsere ganz allgemein anerkannten wissenschaftlichen Überzeugungen tragen. Er hat jedoch den Nachteil, daß er sich auf eine relativ kurze Zeit und eine beschränkte Gruppe von Fakten stützt. Hunderttausend Jahre sind noch nicht viel, könnte man einwenden, um mit Gewißheit die Bahn der Anthropogenese zu bestimmen. Wer weiß, ob die Kurve nicht, beobachtet man sie über einen längeren Zeitraum, eine andere Gestalt annähme – zum Beispiel eine absteigende oder eines Sinusform? Und stellt denn der Mensch aufgrund seiner geistigen Eigenschaften nicht einen einzigartigen und folglich in seinem Verhalten unvorhersehbaren Ausnahmefall in der Natur dar?... Zwei Hilfsreihen von Beobachtungen erweisen, was ich einmal das biologische Gesetz der Kephalisation und zum anderen das kosmische Gesetz der Komplexität nenne, und erlauben so meines Erachtens, diese letzten Einwände zu widerlegen. Zunächst das Gesetz der Kephalisation. Bei welcher Tiergruppe man auch immer [Wirbeltiere oder Gliederfüßer] die Evolution studiert, es ist ein bemerkenswertes (206) Faktum, daß das Nervensystem mit der Zeit in allen Fällen an Umfang und an Anordnung zunimmt und sich gleichzeitig in der vorderen, kephalischen Region des Körpers, im Kopfbereich, konzentriert. In den Einzelheiten der Glieder und des Skelettes mögen die verschiedenen organischen Typen sich durchaus unterscheiden, indem jeder seiner eigenen Linie in die mannigfaltigsten oder entgegengesetztesten Richtungen folgt. Wird es jedoch in der Entwicklung der zerebralen Ganglien betrachtet, triftet alles Leben, das ganze Leben [mehr oder weniger schnell, aber wesentlich] wie eine aufsteigende Flut in die Richtung der größeren Gehirne. Dann das Gesetz der Komplexität. Nachdem sich die Physiko-Chemie lange Zeit hindurch von den Phänomenen des atomaren Zerfalls hatte fesseln lassen, deren Wirkung es ist, die Materie auf immer weiter vorangetriebene Zustände der Pluralisation und der Einfachheit zurückzuführen, wendet diese Wissenschaft ihre Aufmerksamkeit endlich der entgegengesetzten Bewegung zu, die in den gemäßigten Zonen des Universums wie der Erde dahin tendiert, die Moleküle zu immer großartiger komplizierten Super-Molekülen zu gruppieren. Doch entlang dieser Linie der natürlichen Synthesen eröffnet sich eine unerwartete Perspektive, in der die Wissenschaft der Materie und die des Lebens sich verbinden. Auf Stufen extremer physiko-chemischer Komplexität, die die Größenordnung von Millionen Atomen erreicht, «beseelen sich» die Korpuskeln. Auf der Ebene der «Viren» verwischt sich die Grenze zwischen dem Lebendigen und dem Nicht-lebendigen. Und wenn man nun einräumt, daß jenseits dieser Grenze der bedeutsame Teil der kosmischen «Komplexifikation» sich im Aufbau der Nervensysteme (207) konzentriert, so geht die Bewegung nicht nur noch weiter – vielmehr deckt sie sich in ihrer Weiterführung genau mit dem unabhängig davon erkannten Prozeß der Kephalisation. Und deswegen wird, wie ich ankündigte, alles klar, und alles gewinnt in der Evolution, die uns mitreißt, Konsistenz. Da die Anthropogenese unbestreitbar [aufgrund ihrer beiden Aspekte der Zerebralisation und Sozialisation] ein äußerstes Produkt des Gesetzes der Kephalisation darstellt – und da das Gesetz der Kephalisation selbst nur die höhere Form ist, die das Gesetz der Komplexität bei den Lebewesen annimmt, verschwindet durchaus alle Zweideutigkeit in der

90 Interpretation des menschlichen Phänomens. Solange der gemeinsame Aufstieg der Gehirne und des Bewußtseins nur in dem engen Feld der menschlichen Geschichte beobachtet wurde, mochte noch, so sagte ich, ein Zweifel an der Stabilität des Prozesses – oder sogar an seiner Wirklichkeit fortbestehen. Jetzt aber, da dieser Marsch sich als eine natürliche Weiterführung und ein natürlicher Paroxysmus an eine Bewegung anschließt, die die Totalität der biologischen und atomaren Geschichte der Erde übergreift, wird die Gewißheit unserer ersten Intuition endgültig gerechtfertigt und gefestigt. Nicht getäuscht von dem Anschein eines günstigen örtlichen Zufalls, sondern gestützt und getragen von dem allgemeinen Drängen eines sich auf dem Wege der Emergenz befindlichen Universums, können wir – müssen wir – nach vorn hin das Auftreten einer Super-Menschheit ins Auge fassen. (208) 2. GESTALT Es widerfährt uns in jedem Augenblick, daß wir von der Existenz einer Sache überzeugt sind [Gott, die unsterbliche Seele – oder, einfacher, die andere Seite des Mondes, das Innere der Erde…], ohne daß wir deswegen schon in der Lage wären zu sagen, wie diese Sache aussieht. So gefestigt also auch der Nachweis der kommenden Existenz super-humaner Zustände sein mag, wir könnten trotzdem sehr wohl unfähig sein, deren Erscheinungsformen zu bestimmen. Tatsächlich ist in casu die Lage für unsere Intelligenz nicht so verzweifelt, wie man zunächst glauben möchte. Ohne uns nämlich in dieser Richtung zu konkreten Vorstellungen hinreißen zu lassen [die amüsant, sogar instruktiv sein mögen, aber letzten Endes notwendig falsch und lächerlich sind], können wir doch durchaus dahin gelangen, mit ernstzunehmender Wahrscheinlichkeit die Bedingungen zu bestimmen, denen die Super-Menschheit genügen muß, um zu sein: ihre allgemeinste Gestalt nach dem Faktum ihrer Existenz. Und dazu brauchen wir nur mit der notwendigen Vorsicht die zuvor aufgewiesene Kurve der Anthropogenese zu verlängern [zu extrapolieren]. Seit etwa zweihunderttausend Jahren oder mehr, so sagten wir, ist die Menschheit in ihrer Gesamtheit unaufhörlich in Richtung einer höheren Zerebralisation und einer engeren Sozialisation vorangeschritten. Wenn, worauf alles hinweist, die Bewegung noch weitergeht, in welcher Form geht sie dann weiter und in Richtung welcher Formen des Menschen gehen wir? Was die [individuelle] Zerebralisation angeht, so erlaubt nichts die gesicherte Aussage, wohl aber verweisen (209) viele Anzeichen auf die Annahme, daß das menschliche Bewußtsein, seitdem es zum «Sapiens»-Niveau gelangt ist, praktisch die absolute Grenze erreicht hat, die von den materiellen Korpuskulargesetzen der Komplexität einer isolierten organischen Einheit gesetzt sind. Tatsächlich ist im Laufe der letzten zwanzigtausend Jahre keine merkliche Änderung in diesem Sinne eingetreten; und nur eine leichte Rückbildung des fazialen Prognathismus [die sich in einem zunehmenden Verschwinden der «Weisheitszähne» verrät] erlaubte die Annahme, daß der menschliche Schädel sich auch weiterhin noch bei uns in sich selbst zusammenziehe und aufwölbe. Um festen Boden unter den Füßen zu behalten und auf die Gefahr hin, unterhalb der Wirklichkeit zu bleiben, räumen wir also ein, daß entlang dieser ersten Linie [der individuellen Zerebralisation] die Anthropogenese an das Ende ihres Laufes gelangt ist – und somit wenden wir unsere Aufmerksamkeit den noch der kollektiven Zerebralisation oder Sozialisation offenen Räumen zu. Unter diesem zweiten Aspekt erweist sich der Horizont als unermeßlich – unbegrenzt. Üben wir uns darin ein, im Denken zunächst von Stadt zu Stadt, dann von Land zu Land, dann von Kontinent zu Kontinent die gewaltige Vielheit der «denkenden Elemente» zu überschauen, die derzeit über die Oberfläche der Erde zerstreut sind. Versuchen wir uns im Geiste vorzustellen,

91 was diese zwei Milliarden Menschenwesen, die immer noch mehr werden, an noch zerstreuten geistigen Reichtümern und Spontaneitäten darstellen. Diese riesige Pluralität beeindruckt uns gewöhnlich nicht; oder, genauer, wir hüten uns, sie anzusehen, weil sie uns als ein blindes und entfesseltes Wuchern erschrecken (210) und ersticken würde. Doch da wir aus der Vergangenheit des Menschen und des Lebens gelernt haben, wollen wir einfach in uns die von den natürlichen Gesetzen der Kephalisation und der Komplexität nahegelegte Umkehr der Ansichten vollziehen. Entschließen wir uns, die Ideen der Zerebralisation und der Sozialisation miteinander zu verbinden. Und sogleich wandelt sich das Ansehen der Erde und wird für unsere Augen begreiflich. Einerseits gewinnt, was bisher nur verwirrende menschliche Gärung war, die Gestalt eines Potentials – eines um so gewaltigeren Potentials, als der weltweite Mangel an Organisation noch unermeßlicher ist. Wenn die zahllosen derzeit über die Oberfläche des Erdballs verteilten reflektierten Elemente wirklich in ihrer Mannigfaltigkeit ebensoviele für eine mögliche Konstruktion vorbereitete Materialien darstellen, welch ein Gebäude kündigt sich dann nicht für die Zukunft an48? Andererseits rechtfertigen sich eine Fülle von Lasten, die wir bisher verständnislos passiv ertrugen, vor der Vernunft und gewinnen einen Sinn. Die Kräfte äußerer Kompression zunächst, die auf der geschlossenen Oberfläche unseres Planeten eine rasch wachsende Zahl von Elementen immer enger in sich selbst zusammendrängen, deren individueller Aktionsradius unaufhörlich größer wird; und gleichzeitig machen die Kräfte der inneren Eroberung, die die Schranken unseres Innenlebens durchdringen, uns, ob wir es wollen oder nicht, jeden Tag durch gemeinsame Gedanken und Leidenschaften solidarischer; alle diese Kräfte des Innen und des Außen hören auf, eine Sklaverei zu sein. Führt hinter diesen zahlreichen Einflüssen, die uns verkitten und uns zusammenschmieden, (211) nicht in Wirklichkeit die Anthropogenese ihre Arbeit der Hominisation weiter? Je mehr man in diesem Licht die menschliche Masse unter ihrem doppelten Aspekt der unförmigen Unvollendetheit und der unausweichlichen Annäherung beobachtet, um so weniger kann man sich der Evidenz entziehen, daß wir derzeit einer tiefgreifenden organischen Transformation kollektiven Typs unterworfen sind. Wie groß auch die vom menschlichen Nervensystem noch erwarteten Vervollkommnungen sein mögen, diese besondere Modifikation stellt bereits offensichtlich nur mehr ein sekundäres und untergeordnetes Ereignis im Totalphänomen dar. Nicht in Richtung anatomisch super-zerebralisierter Individuen, sondern in Richtung super-sozialisierter Gruppierungen muß man sich orientieren, will man das Gesicht der Super-Menschheit wissenschaftlich erahnen. Das gilt allerdings nur mit einer wichtigen Einschränkung oder einem wichtigen Vorbehalt, was ich nachdrücklich betonen muß, bevor ich weitergehen kann. Die Idee, die Menschheit, in ihrer Gesamtheit genommen, sei es mit einem «Gehirn aus Gehirnen», sei es mit einem Ameisenstaat zu vergleichen, ist nicht neu. Doch diese verführerischen Analogien dürfen, sollen sie uns nicht zu groben Irrtümern führen, nur unter der Bedingung weitergeführt werden, daß man die absolut einmalige Eigenheit respektiert, welche die menschliche Partikel besitzt, daß sie nämlich einen reflektierten und auf sich selbst zentrierten Kern bildet.

(Anm 4) In seiner kollektiven [oder sozialen] Zerebralisation betrachtet, steht der Mensch, so bemerkt Julian Huxley, noch annähernd im Stadium der Amphibien. 48

92 Unterhalb des Menschen auf der evolutiven Stufenleiter der Komplexität verhalten sich die belebten Einheiten hauptsächlich entweder als Glieder oder aber als Rädchen in den Phyla und sozialen Ganzheiten, (212) zu denen sie gehören. Sie sind eher Weitergebende als Seiende. Vom Menschen an dagegen ändern sich die Bedingungen. Kraft eben des Phänomens der «Reflexion» schließt sich die lebende Partikel endgültig in sich selbst. Sie beginnt als ein Zentrum von unmitteilbarem und folglich nicht-weitergebbarem Wert zu agieren und zu reagieren. Sie lebt für sich ebensosehr und gleichzeitig wie für die anderen. Sie ist personalisiert. Das bedeutet nicht, wie gewisse wissenschaftlich und moralisch zerstörerische Theorien vertreten, daß das individuelle Menschenwesen vom Zugang zum Denken an und eben durch dieses Faktum jedem Zusammenhang und jeder weiteren Entwicklung auf der phyletischen oder kollektiven Ebene entrinne, als ob das Universum in ihm kulminierte. Doch ergibt sich daraus durchaus eine wichtige Konsequenz, nämlich diese: kraft seiner besonderen korpuskularen Natur ist der Mensch strukturell unfähig geworden, als Element stabil in irgendeine «Komplexität» höherer Ordnung einzugehen, deren besonderer Effekt nicht wäre, in ihm den Zustand und den Grad der Personalität zu erhalten oder sogar zu vermehren. Kollektivisation, Super-Sozialisation können im Fall des Menschen also nur SuperPersonalisation bedeuten, das heißt letzten Endes [da allein die Kräfte der Liebe die Eigenschaft haben zu personalisieren, indem sie vereinen] Sympathie und Einmütigkeit. Weit mehr in Richtung und in Gestalt eines einzigen «Herzens» denn in Gestalt eines einzigen Gehirns müssen wir uns die Super-Menschheit vorzustellen versuchen. (213) 3. VOR-EINFLUSS Nicht nur das Aufkommen einer Super-Menschheit wird durch alles gewährleistet, was wir über den Weg des Universums durch die Vergangenheit wissen; nicht nur ihre Fortschritte sind derzeit für den, der zu sehen weiß, in einem Netz politischer, wirtschaftlicher und psychologischer Zusammenhänge ablesbar, die uns jeden Tag ein wenig mehr unfähig machen, allein zu leben, zu denken, zu suchen; – vielmehr wird darüber hinaus noch, wenn ich mich nicht täusche, ihr Näherkommen unmittelbar in einer charakteristischen Transformation der unvermitteltsten und tiefsten Gegebenheiten unseres Bewußtseins spürbar. Unter dem Einfluß der aufsteigenden menschlichen Kollektivisation beginnen wir kritischer die Bedingungen zu beurteilen, die für das natürliche Spiel unserer Freiheit und unseres Tuns erforderlich sind – und infolgedessen erkennen wir deutlicher die Bedingungen der Wirklichkeit, denen, um lebbar zu sein, das uns enthaltende Universum genügen muß. Das muß ich noch aufzeigen. a] Die neuen Erfordernisse des Tuns Solange das menschliche Individuum nur das Bewußtsein hat, auf eigene Rechnung zu leben und zu arbeiten, zögert es, sich allzu «genau» im Hinblick auf den Wert und auf das Geschick der Früchte seines Wirkens zu zeigen. Gewiß strebt es mehr oder weniger dunkel dahin, an die Grenzen seiner selbst zu gelangen und hinter sich eine Spur seines Durchgangs im Leben zurückzulassen. Es kennt aber auch allzu genau die Hinfälligkeit und die Zufälle der Existenz, um kühn (214) sich zu schmeicheln, es – das in der Vielheit verlorene Element – könnte Erfolg haben und bleiben. In dem Maße jedoch, wie das Individuum in dem heller werdenden Licht der Fakten zu begreifen beginnt, daß das wahrhafte Ende seiner selbst, sehr weit nach vorn und oben, in dem Zielpunkt

93 einer super-humanen Organisation liegt, fühlt es in legitimer Weise seinen Ehrgeiz und seine Forderungen wachsen. – Auf der individuellen Stufe können Scheitern und Tod nur als statistisch unvermeidbare Zufälle erscheinen. Auf der Stufe des Ganzen erweisen sie sich als unzulässiges Ärgernis. Der totale Endpunkt gehört nicht in dieselbe Ordnung wie die elementaren Endpunkte. Oder, genauer, es macht seine Natur aus, daß er kein festgelegter und in sich selbst geschlossener «Endpunkt» sein kann. So erklärt sich meines Erachtens das schrittweise und unwiderstehliche Erwachen des Sinnes für die Unfehlbarkeit und Irreversibilität [oder, genauer, der Forderung nach ihnen] im Herzen des menschlichen Tuns. Immer ausdrücklicher gibt der Mensch seine Zustimmung zum Dienst am Leben nur unter der Bedingung, daß seine Bemühungen, seine Entdeckungen und seine Fortschritte einen Vormarsch bedeuten, der weder fehlschlagen noch rückläufig zu werden vermag. Ich übersehe nicht die dialektischen und psychologischen Einwände, mit denen eine gewisse agnostische oder «realistische» Philosophie die Solidität dieser Intuition zu untergraben versucht. Ich meine aber, diese zersetzenden Analysen halten angesichts des biologisch notwendigen Charakters des Phänomens nicht stand. Ebensowenig wie eine solche Einrede zu verhindern vermöchte, daß die Erde sich dreht, das Leben aufsteigt, die Intelligenz zu begreifen versucht und (215) und die Menschheit sich in sich selbst zusammenschweißt – ebensowenig kann sie sich durchsetzen angesichts der Wirklichkeit einer Trift, die vor unseren Augen die ganze Masse der denkenden Erde mitreißt und umwandelt. Es kommt nicht auf Idee an, die sich die früheren Generationen in dieser Hinsicht machen mochten – jene, für die die Dimension Dauer ebensowenig existierte wie der Begriff der Evolution. Was jedoch die Menschen unserer Zeit angeht, so behaupte ich, daß sie, von den ersten Strahlen der Super-Menschheit an unserem Horizont sensibilisiert, ebenso gewiß in einer geschlossenen und reversiblen Anthropogenese ersticken würden, wie wenn der Sauerstoff von der Oberfläche der Erde verschwinden sollte. Ein vielleicht unerklärliches Erfordernis, weil die ursprünglichste aller Gegebenheiten unseres Bewußtseins – aber ein in jedem Falle als ein wesentliches Charakteristikum des uns tragenden und mitreißenden evolutiven Stromes anzunehmendes Erfordernis. b] Ein neues Universum Als wir vorhin unsere Untersuchung über die Gestalt der menschlichen Zukunft abschlossen, bemerkten wir, daß man sich die Super-Menschheit in allen Hypothesen nur als super-personal vorstellen dar. So will es die reflektierte Natur der menschlichen Partikeln, die im Laufe einer Transformation mit dem Effekt, das Universum in sich zu super-zentrieren, offensichtlich nicht an «Zentreität» verlieren dürfen. Nunmehr entdecken wir, über einen weiteren Schritt, daß dieselbe Super-Menschheit sich nur weiterhin bilden kann, sofern die Elemente, die sich in ihr frei zusammenschließen, in sich die Evidenz auftauchen sehen, daß die Operation, in die sie hineingenommen (216) sind, irreversibel ist. So will es die totale Natur des zu erreichenden Zieles, dem man sich unterzuordnen hat. Verbinden wir abschließend diese beiden MöglichkeitsBedingungen, die der kosmische Stoff den Entwicklungen der Anthropogenese auferlegt. Mit anderen Worten, fragen wir uns, wohin letzten Endes ein System aus personalen und folglich unmitteilbaren Elementen führen kann, das einer Personalisations- [das heißt Zentrations-] Bewegung unterworfen ist, die irreversibel immer in derselben Richtung über sie selbst hinaus weitergeführt wird. Man muß nur einen Augenblick lang nachdenken, um zu bemerken, daß ein solcher synthetischer Prozeß nicht bis zum Äußersten vorangetrieben werden kann, ohne am Zielpunkt der universellen Trift und in Übereinstimmung mit dem Gesetz der Komplexität ein super-

94 personales und super-personalisierendes Zentrum in Erscheinung treten zu lassen, in dem alle reflektierten Atome der Welt schließlich gesammelt, super-zentriert und konsolidiert werden. So unwahrscheinlich dieser Satz auch erscheinen mag, das Universum kann nicht in voller Kohärenz mit den äußeren und inneren Erfordernissen der Anthropogenese gedacht werden, ohne die Gestalt eines psychisch konvergenten Milieus anzunehmen. Es vollendet sich notwendig nach vorn in einem Super-Bewußtseins-Pol, in dem alle personalisierten Bewußtseinskörner überleben und «super-leben». Es kulminiert in einem Punkt Omega. Zu dieser Mutmaßung zwingt uns die Erfahrung, wenn wir die Linien des menschlichen Phänomens bis an seine natürliche Grenze weiterführen. Wechseln wir nunmehr von einem Ende bis zum anderen die Perspektive. Das heißt nachdem wir versucht haben, von unten nach oben entlang den Erfahrungswegen (217) der Wissenschaft voranzukommen, wollen wir nunmehr die Dinge von oben nach unten betrachten, ausgehend von den Gipfeln, auf die uns das Christentum und die Religion stellen. II. SUPER-CHRISTUS Mit «Super-Christus» meine ich absolut keinen anderen Christus, keinen von dem ersten verschiedenen zweiten und größeren Christus als ihn; vielmehr verstehe ich darunter denselben Christus, den uns seit je bekannten Christus, der sich uns enthüllt in erneuerter und erweiterter Gestalt und Dimension, mit größerer und neuer Dringlichkeit und Kontaktfläche. Das Auftreten eines so vergrößerten Christus im christlichen Bewußtsein ist, wie leicht einzusehen ist, das unmittelbare Ergebnis des Auftretens der Super-Menschheit im menschlichen Bewußtsein. «Apparuit humanitas». Seiner Natur und Funktion nach faßt Christus in sich die Menschheit zusammen, er vollendet ihre Totalität und ihre Fülle. In diesem Punkt sind alle Gläubigen einmütig. Wenn sich folglich unserer Vernunft die Evidenz aufzwingt [wie wir gesehen haben], daß etwas Größeres als der gegenwärtige Mensch derzeit auf der Erde geboren werden will, so müssen wir also, um weiterhin den Menschensohn wie früher anbeten zu können, die Augen auf ihn gerichtet, sagen können: «Apparuit Super-Humanitas». Christus deckt sich [womit nicht das letzte ausgesagt ist] mit dem, was ich oben den Punkt Omega genannt habe. (218) Christus besitzt folglich alle super-humanen Attribute des Punktes Omega. Zwei Aussagen, in denen sich meines Ermessens die leidenschaftlichen Erwartungen und die [bereits im Gange befindlichen] Fortschritte unsere Christologie zusammenfassen lassen. 1. DER CHRISTUS-OMEGA Man mag es drehen und wenden, wie man will, das Universum kann nicht zwei Köpfe haben – es kann nicht «bikephal» sein. Wie übernatürlich folglich auch letzten Endes das synthetisierende Wirken sein mag, welches das Dogma für das inkarnierte Wort in Anspruch nimmt, dieses vermöchte nicht in Divergenz zur natürlichen Konvergenz der Welt zu wirken, wie wir sie oben definiert haben. Ein durch die Theologie fixiertes universelles christisches Zentrum und ein durch die Anthropogenese postuliertes universelles kosmisches Zentrum: die beiden Brennpunkte kommen letzten Endes in dem historischen Milieu, in das wir gestellt sind, notwendig zur Koinzidenz [oder zumindest zur Deckung miteinander]. Christus wäre nicht der einzige Beweger, das einzige Tor des Universums, wenn das Universum sich in irgendeiner

95 Weise, und wäre es auf einer niedrigeren Stufe, außerhalb von ihm gruppieren könnte. Mehr noch, Christus wäre offensichtlich in die physische Unfähigkeit versetzt gewesen, das Universum in übernatürlicher Weise auf sich selbst zu zentrieren, wenn dieses der Inkarnation nicht einen privilegierten Punkt angeboten hätte, in dem alle kosmischen Fasern aufgrund ihrer natürlichen Struktur sich zu vereinen streben. Tatsächlich (219) wenden sich also unsere Augen Christus zu, wenn wir, in irgendeinem Grad der Annäherung, nach vorn in Richtung eines höheren Poles der Humanisation und der Personalisation ausschauen. Christus nimmt hic et nunc für uns der Position und der Funktion nach den Ort des Punktes Omega ein. Welche theoretischen und praktischen Konsequenzen hat diese Gleichsetzung für unseren Verstand und unser Herz? 2. DER CHRISTUS-EVOLUTOR Trotz der wiederholten Aussagen des heiligen Paulus und der griechischen Väter ist das universelle Vermögen Christi über die Schöpfung bisher von den Theologen vor allem unter einem äußerlichen und juridischen Aspekt gesehen worden. «Jesus ist der König der Welt, weil der Vater ihn dazu erklärt hat. Er ist der Herr von allem, weil alles ihm gegeben wurde». Die Lehrer in Israel gingen nicht sehr viel weiter in ihren Erklärungen des Dogmas. Sie wollten nichts riskieren. Ausgenommen die geheimnisvolle «heiligmachende Gnade», ließ man die organische Seite und folglich die physischen Voraussetzungen oder Bedingungen der Inkarnation im Dunkeln – und zwar um so bereitwilliger, als die jüngsten und erschreckenden Ausweitungen des Universums [an Volumen, an Dauer und an Zahl] um uns herum eine physische Kontrolle der kosmischen Totalität durch die Person Christus endgültig unvorstellbar zu machen schienen. Alle diese Unwahrscheinlichkeiten verschwinden, und die kühnsten Aussagen des heiligen Paulus gewinnen ohne Schwierigkeiten einen wörtlichen Sinn, sobald die Welt sich ihrer bewußten Seite nach als an einem (220) Konvergenzpunkt Omega aufgehängt erweist und Christus kraft seiner Inkarnation gerade eben mit den Funktionen Omegas ausgestattet erscheint. Wenn nämlich Christus am Himmel unseres Universums die Position Omegas inne hat [was möglich ist, da Omega seiner Struktur nach super-personaler Natur ist] werden eine ganze Reihe von bemerkenswerten Eigenschaften Teil der Ausstattung seiner wiederauferstandenen Menschheit. Physisch und buchstäblich ist er zunächst der, der erfüllt: kein Element in keinem Augenblick der Welt hat sich je bewegt, bewegt sich und wird sich jemals bewegen außerhalb seines lenkenden Einstromes [influx]. Der Raum und die Dauer sind voll von ihm. Physisch und buchstäblich ist er weiter der, der vollendet: die Fülle der Welt wird erst in der endgültigen Synthese zu Ende gebracht, in der ein höchstes Bewußtsein über der höchst organisierten totalen Komplexität erscheinen wird – und da er, Christus, das organische Prinzip dieser Harmonisation ist, wird das ganze Universum ipso facto von seinem Charakter geprägt, durch seine Entscheidung gezeichnet, durch seine Gestalt beseelt. Physisch und buchstäblich gibt er schließlich, da in ihm alle Linien der Welt konvergieren und sich miteinander verknüpfen, dem ganzen Gebäude aus Materie und Geist seine Konsistenz. Und folglich vollendet sich und kulminiert in ihm, «dem Haupt der Schöpfung», in universellen

96 Dimensionen und übernatürlichen Tiefen und doch in Harmonie mit der ganzen Vergangenheit der grundlegende kosmische Prozeß der Kephalisation. Wirklich, ist es übertrieben, vom Super-Christus zu sprechen, um dieses «Übermaß» an Größe zu kennzeichnen, (221) das in unserem Bewußtsein die Person Jesu korrelativ zu dem Erwachen unseres Denkens zu den Super-Dimensionen der Welt und der Menschheit gewonnen hat? Kein anderer Christus, ich sage das noch einmal. Vielmehr derselbe Christus. Immer noch und für immer; und um so mehr derselbe, als wir gerade um der Wahrung seiner wesentlichen Eigenschaft willen, der Welt koextensiv zu sein, dahin gelangen, ihn dieses wunderbare Größerwerden erfahren zu lassen. Christus-Omega. Also Christus Beseeler und Sammler aller biologischen und geistigen Energien, die das Universum erarbeitet hat. Also schließlich Christus-Evolutor. Das ist die ausschließlich und ins Allgemeine erhobene Gestalt, unter der der Christus-Erlöser und Heiland sich von nun an unserer Anbetung anbietet. III. SUPER-CARITAS Sagen, Christus ist Zielpunkt und Beweger der Evolution – sagen, daß er sich als «Evolutor» offenbart – heißt indirekt anerkennen, daß er im ganzen Prozeß der Evolution und durch ihn hindurch erreichbar wird. Welche Konsequenzen ergeben sich aus dieser außerordentlichen Lage für unser inneres Leben? Es gibt deren drei, die sich wie folgt aussagen lassen: «Unter dem Einfluß des Super-Christus universalisiert sich unsere Liebe; sie dynamisiert sich; sie synthetisiert sich». Untersuchen wir die Glieder dieser dreifachen Transformation nacheinander. (222) 1. Unsere Liebe universalisiert sich. Seiner Definition nach und seit je schon ist der Christ der, der Gott liebt und seinen Nächsten wie sich selbst. Doch ist diese Liebe nicht bisher notwendig in ihrer Ausfaltung partikularistisch und äußerlich geblieben? Ist Christus nicht für viele Gläubige die geheimnisvolle Persönlichkeit, die nunmehr, nachdem sie vor zweitausend Jahren durch die Geschichte hindurchgegangen ist, in einem von der Erde abgeschnittenen Himmel thront; und der Nächste ist immer ein Staub von menschlichen Individualitäten, die regellos und ohne erkennbare Gründe vermehrt werden und sich untereinander aufgrund einer willkürlichen Wirkung von Gesetzen und Konventionen verbinden. – In dieser Perspektive gibt es wenig oder sogar keinen Platz für die Unermeßlichkeiten der sideralen oder lebenden Materie, für die Vielheit der Elemente und der natürlichen Ereignisse der Welt, für den eindrucksvollen Ablauf der kosmischen Prozesse… Nun, gerade eben dieser Pluralismus, der für unsere Herzen so verwirrend ist, verfliegt vor den Strahlen des Super-Christus, um einer strahlenden und warmen Einheit Platz zu machen. Und wirklich, da sich im Universum alles letzten Endes auf Christus-Omega hinbewegt; da letzten Endes die ganze Kosmogenese durch die Anthropogenese hindurch in einer Christogenese ihren Ausdruck findet, lädt sich das Wirkliche in der Unversehrtheit seiner greifbaren Schichten mit einer göttlichen Gegenwart. Wie die Mystiker ahnten und erahnten, wird alles physisch und buchstäblich in Gott liebbar; und umgekehrt wird Gott in allem, was uns umgibt, greifbar und liebbar. In der Breite und Tiefe ihres kosmischen Stoffes, in der bestürzenden Zahl der (223) Elemente und Ereignisse, aus denen sie sich zusammensetzt, und auch in der Fülle allgemeiner Strömungen, die sie wie ein einziger großer Fluß beherrschen und

97 mitreißen, erscheint die von Gott erfüllte Welt unseren wachgeriebenen Augen nur mehr als ein Milieu oder ein Gegenstand universeller Kommunion. 2. Unsere Liebe dynamisiert sich. Gott und den Nächsten lieben, mochte bisher als eine einfache Haltung der Kontemplation und des Erbarmens erscheinen. Hieß Gott lieben nicht, über die menschlichen Zerstreuungen und Leidenschaften emergieren, um im Lichte und in der unwandelbaren Wärme der göttlichen Sonne sich auszuruhen? Hieß seinen Nächsten lieben nicht vor allem, die Wunden der Brüder verbinden und ihre Mühsale mildern? – Loslösung und Mitleid; Flucht aus der Welt und Linderung des Übels: Konnten diese beiden Leitmotive in den Augen der Heiden nicht zu Recht als die christlichen Merkmale der Caritas gelten? Nun wohl, auch hier wiederum ändert sich alles, weitet sich alles, beseelt sich alles in unseren Perspektiven nach dem Maße des universalisierten Christus. Wenn nämlich, ich sage das noch einmal, der ganze Gang der Welt einer Christogenese gehorcht [das heißt, was auf dasselbe hinausläuft, wenn Christus nur am Zielpunkt und auf dem Gipfel der kosmischen Evolution in der Fülle erreichbar ist], dann können wir mit aller Evidenz uns ihm nur nähern und ihn ergreifen in dem Bemühen, alles zu vollenden und alles in ihm zu synthetisieren. Und deswegen findet der allgemeine Aufstieg des Lebens bis zum Bewußtsein, findet die ganze menschliche Tatkraft organisch und mit vollem Recht Eingang in die zentralen Sorgen und (224) Bestrebungen der Caritas, der Liebe. Um den Super-Christus zu lieben, müssen wir um jeden Preis in uns selbst und in jedem unserer Ko-Elemente [hauptsächlich in den anderen «Denkkörnern» – unseren Brüdern] das Universum und die Menschheit voranbringen. An der totalen kosmischen Evolution mitwirken, ist die einzige Tat, in der sich in adäquater Weise unsere Hingabe an einen Christus Evolutor und Universalis auszudrücken vermag. 3. Und aufgrund eben dieses Faktums synthetisiert sich die Caritas. Dieser Terminus mag auf den ersten Blick dunkel erscheinen. Wir wollen ihn erläutern. In den Einzelheiten und auf der Stufe des «gewöhnlichen» Lebens entgeht ein großer Teil unseres Tuns der Liebe. Lieben heißt [unter «Personen»] sich von Zentrum zu Zentrum anziehen und annähern. Doch diese «zentrische» Befindlichkeit wird in unserer Existenz nur selten wirklich. Sei es, weil wir es mit [materiellen, infra-lebendigen oder intellektuellen] Gegenständen a-zentrischer und unpersönlicher Natur zu tun haben, sei es, weil wir in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen unseresgleichen nur «tangentiell» aus Interesse, funktionell oder geschäftlich angehen – meistens arbeiten, forschen, genießen, leiden wir, ohne zu lieben – ohne auch nur zu ahnen, daß wir lieben könnten –, was uns beschäftigt. Unser inneres Leben bleibt gespalten, pluralisiert. Was geschieht dagegen, wenn sich über [oder genauer im Herzen] dieser Pluralität die zentrale Wirklichkeit des Christus-Evolutor erhebt? – Kraft seiner Position im Omega der Welt stellt Christus, wie wir gesehen haben, das Zentrum dar, auf das hin und in dem alles konvergiert. Mit anderen Worten, er erweist sich als eine (225) Person, mit der alle Wirklichkeit [vorausgesetzt, sie wird in dem angemessenen positiven Sinne begriffen] eine Annäherung und einen Kontakt in einer einzigen möglichen Richtung zu verwirklichen sucht: auf der Linie der Zentren. Was heißt das anderes, als daß jeder Vollzug, sobald er auf Ihn hin ausgerichtet ist, ohne eine Zerstörung seiner selbst den psychischen Charakter einer Zentrum-zu-Zentrum-Beziehung annimmt, das heißt eines Aktes der Liebe? Trinken, Essen, Arbeiten, Forschen; Wahrheit schaffen oder Schönheit oder Glück: all dies konnte uns bisher als heterogenes, disparates und nicht aufeinander zurückführbares Tun

98 erscheinen – Lieben war nur ein Zweig unter anderen in diesem divergierenden psychischen Aufsprudeln. Nunmehr sammelt sich das auf den Super-Christus gerichtet Bündel. Gleich den zahllosen Farbtönen, die sich in der Natur verbinden, um ein einziges weißes Licht zu ergeben, verschmelzen die unendlichen Modalitäten des Tuns, ohne sich ineinander zu vermischen, unter dem mächtigen Einfluß des Christus-Universalis in einem einzigen Farbton; und in dieser Bewegung übernimmt die Liebe die Führung: die Liebe, nicht nur gemeinsamer Faktor, kraft dessen die Vielheit des menschlichen Tuns dahin gelangt, sich zu verknüpfen, sondern die Liebe als höhere, universelle und synthetische Form der geistigen Energie, in der alle anderen Energien der Seele sich transformieren und sublimieren, sofern sie nur in das «Feld Omegas» geraten. Der Christ strebte zunächst nur dahin, immer und was er auch tue, zur selben Zeit lieben zu können, wie er handelte. Nunmehr nimmt er wahr, daß er im Handeln lieben kann, das heißt sich gerade durch sein Tun mit (226) dem göttlichen Zentrum verbinden kann, welches auch immer die Gestalt dieses Tuns sein mag. In ihm «amorisiert sich», wenn ich so sagen darf, jegliches Tun. Und wie könnte es anders sein, wenn das Universum sein Gleichgewicht behalten soll? Für die Super-Menschheit ein Super-Christus. Für den Super-Christus eine Super-Caritas, eine Super-Liebe. ZUSAMMENFASSUNG: KOHÄRENZ, AKTIVANZ49, WAHRHEIT Weiter oben, als ich auf das Aufsteigen der Super-Menschheit über unserem Horizont hinwies, merkte ich an, daß die neue Morgenröte sich in unserem Bewußtsein durch einen Sinn für die Irreversibilität des Geistes und durch die ausdrücklichere Forderung nach ihr verriete. Die vorliegende Studie wäre unvollständig, wiese ich jetzt nicht darauf hin, daß aufgrund eines ähnlichen und noch ausgeprägteren Phänomens der aufsteigende Super-Christus auf unsere Herzen auch seinerseits in einer feststellbaren Weise vor-einwirkt – gerade eben indem er unsere Herzen zu dem Akt der Super-Caritas weckt. Als ich vorhin die Natur und die Attribute dieser höchsten Tugend beschrieb, mochte der Leser glauben, ich entwickle einfach im Abstrakten für eine ferne Zukunft [indem ich sie übrigens bis an ihre äußerste Grenze vorantrieb] die logischen Konsequenzen des Glaubens an einen Christus-Universalis für unser inneres Leben. Tatsächlich wollte ich wirklich (227) im Konkreten und in der Gegenwart sprechen. In eben diesem Augenblick gibt es Menschen [und sie sind zahlreich], bei denen die gelebte Konjunktion der beiden Ideen der Inkarnation und der Evolution es zustande bringt, die Synthese des Personalen und des Universalen zu verwirklichen. Zum erstenmal in der Geschichte, da Menschen fähig geworden sind, die Evolution nicht nur zu erkennen und ihr zu dienen, sondern sie zu lieben, beginnen sie das Vermögen zu entwickeln, gewohnheitsmäßig und mühelos ausdrücklich zu Gott zu sagen, daß sie ihn lieben, und zwar nicht nur mit ihrem ganzen Herzen, mit ihrer ganzen Seele, sondern «mit dem ganzen Universum». Ich möchte abschließend darauf hinweisen, wie bedeutend dieses in sich selbst begriffene psychologische Ereignis einfach als Erfahrungstatsache ist.

(Anm 5) Unter «Aktivanz» verstehe ich hier die Fähigkeit einer intellektuellen oder mystischen Perspektive, in uns die geistigen Energien zu entwickeln und noch stärker anzufeuern. 49

99 Ganz allgemein, so haben wir gesehen, kann man sagen, daß das Universum, in seinem aufsteigenden Teil betrachtet, in die Richtung triftet und sich gruppiert, wo die organisierte Komplexität am höchsten ist. Dem ist hinzuzufügen, daß es sich in eben dieser Bewegung in Richtung von Bereichen und Zuständen immer größerer Aktivität bewegt. Dies sind die beiden Grundgesetze der «Psycho-Dynamik». Nunmehr wird uns die Super-Caritas ihrer Natur nach sichtbar: unter dem Gesichtspunkt «Komplexität» als eine vollständige Totalisation – und unter dem dynamischen Gesichtspunkt als eine maximale Intensivierung aller möglichen Formen bewußten Tuns – denn in ihr wird alles Liebe, und die Liebe ist die intensivste Form, welche die geistige Energie annehmen kann. Stellen wir diese beiden Thesengruppen nebeneinander. (228) Zwei Schlußfolgerungen ergeben sich von selbst. Die erste besagt, daß mit dem Erwachen der Super-Liebe auf der Erde die ersten Bekundungen einer Transformation spürbar werden, die bestimmt ist, sich fortschreitend auf die ganze Noosphäre auszuweiten, und zwar derart, daß sie diese in ihr endgültiges Gleichgewicht bringt. Und die zweite besagt, daß die beiden miteinander verbundenen Prinzipien der Kohärenz und der Aktivanz, unter deren Einfluß allein die Super-Liebe möglich ist – ich meine: die SuperMenschheit und der Super-Christus – keine Hirngespinste, kein Traum sind, sondern [beurteilt man sie nach ihrer Frucht] ein unfehlbares Kennzeichen der Objektivität und Wahrheit in sich tragen.
Peking, August 1943. (229)

XI AKTION UND AKTIVATION
1. DAS PRINZIP DES MAXIMUMS – ALLGEMEINE FORM Nach und nach tendiert im menschlichen Denken das Problem der Erkenntnis dahin, sich dem Problem des Tuns zu koordinieren, wenn nicht sogar zu subordinieren. Für die alte Philosophie heiß «Sein» vor allem «Erkennen». Für die moderne Philosophie wird «Sein» synonym mit «Wachsen» und «Werden». Zugleich mit der Physik dynamisiert sich vor unseren Augen die Metaphysik. Ziel dieser Zeilen ist nicht, dieses Phänomen in seinen Ursachen und seinem Prozeß zu analysieren oder in seinem möglichen Zielpunkt zu erkennen. Viel einfacher und praktischer geht es mir hier darum, zu erforschen und sichtbar zu machen, bis wohin, werden sie mit voller Strenge weitergeführt, die Prinzipien einer Philosophie des Tuns, der Aktion, führen. In den Perspektiven eine Metaphysik der Schau wurde implizite das Postulat eingeräumt, daß das Wirkliche die Eigenschaft habe, voll und unendlich für unsere Vernunft einsehbar zu sein. Sollte unter dem Gesichtspunkt des Tuns nicht in gleicher Weise die grundlegende Voraussetzung und das Geheimnis unseres intellektuellen Vorgehens darin bestehen, daß diese selbe Wirkliche für unseren Willen im Höchstmaß und bis ans Ende tu-bar [agissbale] und aktivierend sein muß? Mit anderen Worten, bestünde nicht ein Widerspruch, ein ontologisches Ungleichgewicht, wenn unsere Fähigkeit zu wünschen und zu handeln sich, und wäre es nur an einem Punkt, den Möglichkeiten überlegen (230) erwiese, die ihr das kosmische Milieu anbietet? Je mehr man in dieser Richtung weiterdenkt, um so mehr gelangt man zu der Überzeugung, daß

100 tatsächlich die wesentliche und erste Wirklichkeitsbedingung, die dem universellen Gegenstand durch unser menschliches Subjekt auferlegt wird, für ihn darin besteht, ein Maximum nicht nur an Wahrheit, sondern an Anziehungskraft darzustellen: kein absolutes Maximum «an sich», wie im Leibnizschen Optimismus [hat er einen Sinn?], sondern ein relatives Maximum in bezug auf unser Fassungsvermögen und unser Bestreben zu begreifen und zu bauen. «Mit organischer und metaphysischer Notwendigkeit kann die Welt weder in ihrer Kohärenz noch in ihrer Bedeutung den letzten Erfordernissen unserer Vernunft und unseres Herzens unterlegen sein». Oder in positiver Form: «Was unsere Vernunft und unser Herz wesentlich und bestimmt verlangen, um zufrieden zu sein, das besitzt die Welt». Oder auch: «Das Einsichtigste und das Aktivierendste ist notwendig das Wirklichste und das Wahrste». Lassen wir bei diesem Prinzip des Maximums das erste Glied beiseite [das die Einsichtigkeit betrifft – es ist bekannt oder nicht so fruchtbar], und wenden wir uns hier dem zweiten Glied zu, das das Tun, das die Aktion betrifft. 2. DAS PRINZIP DER MAXIMALEN AKTIVANZ – PRIMÄRE KONSEQUENZEN Auf den Bereich des Tuns begrenzt, bedeutet das Prinzip des Maximums, wie wir gesehen haben, daß das Universum, um innerlich mit der Gegenwart unseres (231) reflektierten Willens in ihm kohärent zu sein, uns nicht nur ein Feld bestimmten Tuns von irgendeinem Wert eröffnen muß. Dieses Feld muß darüber hinaus dergestalt sein, daß das Wirkliche sich als fähig erweist, unserem Verlangen nach Mehrsein immer zu entsprechen, ohne jemals zu versagen oder sich zu erschöpfen. In bezug auf unsere Lust am Tun muß die Welt ihrer Struktur nach ein maximales Anfeuerungsvermögen [eine maximale Aktivanz] aufweisen. Um einfach tu-bar zu sein, muß es in höchstem Maße aktivierend sein. Haben wir dies bestimmt und anerkannt, so halten wir ein wirkliches Instrument in Händen, um, wenn wir sollen, das uns umgebende Universum seinen höchsten Gipfeln nach durch Triangulation zu vermessen. Nehmen wir einmal an, es gelänge uns, durch Reflexion über uns selbst eine gewisse Zahl von wesentlichen Eigenschaften zu bestimmen, mangels deren die Welt eindeutig für uns einen wesentlichen Teil [oder mehr noch einen vitalen Teil ihrer Aktivanz verlöre. Dann dürften wir kraft eben unseres Postulates mit Recht sagen, daß diese Eigenschaften wirklich und objektiv zur Welt gehören. Innerhalb dieser Grenzen und auf diese Höhen wird das Gesetz unseres Strebens zum Gesetz der Dinge. Doch – und das macht die ganze Frage aus – existieren derartige Eigenschaften? Ja, davon bin ich überzeugt, sie existieren – sogar zahlreicher, als wir zunächst denken mochten. Und gerade an dieser Stelle erweist sich meines Erachtens in diesem Reichtum definierter Erfordernisse die Philosophie des Tuns, unter dem Gesichtspunkt der Analyse des Wirklichen, der Philosophie des reinen Einsichtigen überlegen. Machen wir einmal den Versuch. Sehen wir uns beim (232) Tun zu. Versuchen wir im Herzen unseres inneren Vollzugs das Grundmilieu zu isolieren, in dem unsere Motive und Einzelbeweggründe entstehen und durch das sie getragen werden. Und wir sehen sehr bald drei dem Universum auferlegte allgemeine Bedingungen auftauchen [deren jede einer Art von Maximum entspricht], und daß, wenn diese – ja wenn nur eine einzige von ihnen fehlte, die Arme, die «Flügel» unseres Tuns sogleich beschnitten würden. 1. An erster Stelle muß die Welt, soll sie nicht unser Bemühen enttäuschen und entmutigen, offen sein und bleiben. Und darunter verstehe ich, daß die Natur, um uns zufriedenzustellen, sich uns

101 beständig als Reservoir von Entdeckungen darstellen muß, bei dem wir jederzeit erwarten dürfen, daß wir aus ihm ganz Neues hervorsprudeln sehen. Immer lebendige Quelle; und zugleich immer plastisches Wachs, unendlich fähig, neue Nachbesserungen zu erfahren oder in unseren Händen umgeschmolzen zu werden. 2. An zweiter Stelle muß die Welt in ihrem Gang irreversibel sein. Auf einer ersten Ebene will das einfach besagen, daß jeder neue von uns getane Schritt, um wahrhaft interessant zu sein, notwendig einen dauernden Gewinn mit sich bringt – daß er eine weitere Stufe in unserem Aufstieg nach vorn kennzeichnet. Doch das ist nicht alles. Auf einer zweiten Ebene verbirgt sich unter diesem ersten Erfordernis unseres Willens eine radikalere Forderung. Daß der allgemeine Gradient unserer Evolution positiv sei, daß insgesamt unsere Eroberungen Gewinne seien, bedeutet schon viel. Doch wäre das wiederum nichts, wenn wir zu befürchten hätten, wir müßten von dem Gipfel, auf den diese Evolution uns führt, eines Tages wieder hinabsteigen. Buchstäblicher, als der ehrliche Thukydides (233) es für seine Geschichte anzustreben vermochte, ist der Mensch also in seinem inneren Mechanismus so aufgebaut, daß er sich nur unter der Anziehungskraft eines ktema eis aei, das heißt eines «Werkes für immer», in Bewegung zu setzen vermag. Dies ist das Faktum, das in seinen Wurzeln ebenso alt und banal ist wie das menschliche Bewußtsein, das jedoch erst durch die moderne Psycho-Philosophie des Tuns in seiner unermeßlichen Tragweite genau ermessen werden konnte. 3. Und an dritter Stelle muß die Welt, betrachtet in der im Verborgenen im Herzen ihrer Genese reifenden Frucht, etwas Einzigartiges und Unentbehrliches für die Fülle des Wirklichen enthalten oder vorbereiten. In einer von den Erfordernissen der Metaphysik zu präzisierenden Gestalt muß – ansonsten würde sie in unseren Augen alle Anziehungskraft verlieren – die kosmische Evolution durch uns hindurch ein Werk von absolutem Wert wirken. Offene Welt – irreversible Welt – absolut werthafte Welt: der einzige Welttyp, in dem unsere Freude am Tun vollständig zu sein vermag… Wenn zufällig irgend jemand an dieser Stelle einwendete, er seinerseits verspüre nicht das Bedürfnis, um handeln zu können, sich von derartigen Räumen getragen zu fühlen, so würde ich ihm sagen, daß er sich vielleicht selbst noch nicht zu entziffern vermag – oder aber, daß er vielleicht noch nicht voll zur Seele seiner Zeit erwacht ist. Denn trotz unserer immobilistischen Illusionen wandelt sich das menschliche Bewußtsein, es wird im Laufe der Jahrhunderte reicher. In der Art ebenso wie beim Individuum treten bestimmte Evidenzen, bestimmte Bestrebungen erst mit dem Alter auf. Vielleicht ist es noch eine kleine Minderheit, die beginnt, die drei Erfordernisse, die ich aufzählte, die (234) drei Vorbedingungen zu formulieren, die unsere Freiheit dem Universum setzt, bevor es zustimmt, sich seine Evolution zu eigen zu machen. Doch diese Minderheit, das kann man bereits von ihr sagen, bricht derzeit die Bresche, durch die die Welt morgen gehen wird. Und an sie wende ich mich. 3. DAS PRINZIP DER MAXIMALEN AKTIVANZ – SEKUNDÄRE KONSEQUENZEN Lassen wir hier also jegliche weitere Diskussion bleiben, sei es über die allgemeine Gültigkeit des Prinzips der maximalen Aktivanz, sei es über die Legitimität er drei primären Konsequenzen, die wir daraus gezogen haben. Wir wollen vielmehr einen weiteren Schritt tun und zu sehen versuchen, ob nicht zufällig irgendwelche grundlegenden Änderungen in unserer gewohnten Weise zu denken notwendig werden, sobald wir uns endlich entscheiden, unseren Ort logisch und bis in die letzte Konsequenz in einem offenen, irreversiblen und mit Absolutem geladenen Universum einzunehmen.

102 1. Die Welt ist offen und muß es bleiben. Wenn es also vorkommt, daß sie sich in bestimmten Elementen, in bestimmten niedrigen Bereichen durch unser Forschen erschöpft und sich gewissermaßen erfüllt, so können wir gewiß sein, daß sie andererseits in ihren Höhepunkten und in ihrer Gesamtheit eine unerschöpfliche Quelle der Erneuerung und des Wachsens bleibt. Das besagt, daß jede Moral, jede Philosophie, jede Theologie [und wäre sie «offenbart»] a priori suspekt und sogar verurteilt ist von dem Augenblick an und in dem Maße, wie sie behauptet, um unsere (235) Kräfte der Verjüngung und Entdeckungen einen geschlossenen Kreis zu ziehen. Je gelungener eine Synthese ist, je wahrer eine Idee ist, um so weiter und unerwarteter sind die neuen Horizonte, die sie der Forschung aufdecken. Läßt nicht das Gift der geschlossenen Orthodoxien alle philosophischen Systeme nacheinander sterben und bedroht es nicht am ernstesten die Existenz der Religion? 2. Die Welt ist irreversibel, das heißt in ihrer evolutiven Essenz unvergänglich. Lebenslänglich gefangen auf einem Planeten, dessen Tage gezählt sind, versuchen wir träge die auf uns lastende Bedrohung einzuschläfern, ihre Fälligkeit auf ein fernes und vor allem unbestimmtes Datum zu verschieben. Doch eine im Falle unserer individuellen Existenz mehr oder weniger gültige Taktik ist nur eine kindische Geste, wenn es sich um das Universum handelt. Nein, soll es uns nicht radikal enttäuschen, kann das bewußte Universum nicht absolut sterben. Totaler Tod und reflektiertes Tun sind kosmisch unvereinbar. Darum kommt man nicht herum. Was heißt das, wenn nicht, daß unser Tun, um dem magischen Kreis der Entropie, diesem wissenschaftlichen Karma [das uns unausweichlich zusammen mit der Masse der Milchstraßen und der Menge der Sterne nach rückwärts ins Unbewußte zurückführen zu müssen scheint], zu entrinnen, mit aller Gewalt eine Tangente, um auszubrechen, und einen transzendenten fixen Punkt finden muß, um außerhalb des Phänomens sich an ihn zu klammern? Wie zu erwarten war, wird das Problem eines ersten Bewegers und eines letzten Sammlers nach vorn hin nicht geringer: es wächst im Gegenteil an Bedeutung und Dringlichkeit mit den gewaltigen Ausweitungen, die die Wissenschaft unseren Vorstellungen vom Universum (236) aufgezwungen hat. Nicht mehr nur im Denken der Philosophen oder in der Kontemplation der Mystiker – vielmehr im allgemeinen menschlichen Bewußtsein will sich das Empfinden für eine durch das Filigran der Evolution durchscheinende göttliche Gegenwart als ein letzter und habitueller Träger des Tuns darstellen. 3. Schließlich bringt die Welt in ihrer Genese etwas Absolutes zur Reife. Hier stoßen wir uns wieder einmal und noch heftiger an der Antinomie, gegen die die menschliche Vernunft seit jeher anrennt, sobald sie versucht, Einheit und Vielheit innerhalb des Universums miteinander zu verhaken. Da Gott nur begriffen werden kann, als monopolisiere er in sich die Totalität des Seins – wäre die Welt entweder nur ein Schein – oder aber sie wäre selbst ein Teil, ein Aspekt oder eine Phase Gottes. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, hat die christliche Metaphysik ihren Begriff des «teilhabenden Seins» entwickelt – eine niedere oder sekundäre Form des Seins [«Untersein» könnte man sagen], das ungeschuldet durch einen besonderen Akt der transzendenten Kausalität, die «creatio ex nihilo», aus dem «Nichts» gezogen wurde. Ich werde mich sehr wohl hüten, mich gegen diese Idee eines ontologischen Unterschieds zwischen dem göttlichen Zentrum und den elementaren Zentren zu erheben, welche die Welt bilden; sie ist, wir werden das weiter unten noch sehen, wesentlich, um die mystischen Erfordernisse eines in höchster Weise «kommunizierenden» Universums zu respektieren. Unter dem Gesichtspunkt des Tuns jedoch möchte ich anmerken, daß die christliche Lösung50, wenn man sie nicht über sie selbst hinaus vorantreibt, gewiß nicht genügt um die Aktivanzbedingungen zu erfüllen, die heute
(Anm 1) Dies gilt von einer Theologie, die allzu früh ihre Grenzen fixiert hatte, da sie nicht begriff, daß sie wie alles menschliche Erkennen unvorhersehbare Entwicklungen einräumen mußte. [Anmerkung der Herausgeber]. 50

103 dem Universum durch die (237) durch die Fortschritte des modernen Denkens gesetzt werden. Eine restlos willkürliche Schöpfung, eine Geste des reinen Wohlwollens, die für das absolute Sein kein anderes Ziel hätte, als seine Fülle an einen Kreis von Teilhabenden mitzuteilen, deren es, streng genommen, in keiner Weise bedarf, mochte die Menschen zufrieden stellen, die noch nicht zu der raum-zeitlichen Riesenhaftigkeit, zu den energetischen Unermeßlichkeiten und zu den unauslotbaren organischen Zusammenhängen der phänomenalen Welt erwacht waren. Wir aber, die wir uns [und zwar mit aller Schärfe] der Majestät, der Unbarmherzigkeit und der wahrhaft «göttlichen» Macht der kosmischen Evolution bewußt geworden sind, wir fühlten uns in unserer Seinsehre und in unserem Respekt Gott gegenüber verletzt, wenn dieses ganze große System mit seiner ungeheuren Last an Mühsal und Qualen nur eine Art von Spiel wäre, dessen einziges Ziel sein sollte, uns zu beseligen. Daß wir aus uns selbst und in uns selbst anfänglich nichts seien, nichts bis in die tiefsten Tiefen unserer selbst, das nehmen wir an; weit mehr noch, unsere Liebe braucht, um vollständig zu sein [siehe unten], das ausgesprochen. Daß wir aber nicht in einer gewissen Weise das Bewußtsein haben können sollten, «Gott zu dienen», damit Gott irgendetwas sich selbst hinzufügt, das würde ganz gewiß in der Tiefe unserer Freiheit die inneren Triebkräfte des Tuns zerbrechen. Glücklich sein? Doch was sollen wir mit dem egoistischen Glück, die Freude des höchsten Seins zu teilen, wenn wir von dem unendlich höheren Glück träumen können, es zu ergänzen! …51 Und schlägt nicht, das sei als erstes angemerkt, die Schöpfung «ex nihilo», so ungeschuldet und frei man sie auch denkt, sich unausweichlich [was auch immer die Theoretiker des (238) teilhabenden Seins darüber gesagt haben] in einem absoluten Zuwachs an Einswerdung und folglich an Einheit im pleromisierten Wirklichen nieder? Ich habe weder die Autorität noch die Kompetenz, um den genauen Punkt zu bestimmen, wo die «Transposition der Begriffe» zu vollziehen wäre, die notwendig ist, um die Bestrebungen zu rechtfertigen, die neu im Herzen des der wahrhaften Dimensionen und folglich des wahren Wertes seines Universums bewußt gewordenen Menschen aufgetaucht sind. Alles, was ich von dieser Transformation zu sagen vermag, ist, daß sie, um den Wert der Welt zu retten, ohne an Gott zu rühren, tief sein und den Kern unserer Ontologie selbst erreichen muß. Philosophisch leben wir noch immer aus einem alten Corpus des Denkens, das durch die Vorstellungen der Immobilität und der Substanz beherrscht wird. Doch, sind nicht diese beiden Leitvorstellungen, die dunkel von sinnlichen Evidenzen begründet und geprägt wurden, die man für «perenn» und unangreifbar halten konnte, durch eine Physik erschüttert worden, die dabei ist, sieghaft für die Vernunft jeglichen wirklichen Unterschied zwischen Ausdehnung und Bewegung, zwischen Korpuskeln und Wellen, zwischen Materie und Licht, zwischen Raum und Zeit zu unterdrücken? … Sind wir nicht unter dem Druck und im Ansteckungsbereich dieser revolutionären Neugüsse [deren Ergebnis in jedem Falle ist, ein notwendiges Band zwischen Paaren von Wirklichkeiten sichtbar zu machen, die uns bisher voneinander so unabhängig wie möglich erschienen] unausweichlich auf dem Wege zu einer ganz neuen Konzeption des Seins, in der sich die bisher widersprüchlichen Attribute von «ens ab alio» und «ens a se», von Welt und Gott in einer allgemeinen synthetischen Funktion [cf. (239) die algebraischen Funktionen, die ein imaginäres

(Anm 2) Das Problem des teilhabenden Seins ist zu allen Zeiten die «crux philosophorum» gewesen. P. Teilhard schrieb, indem er in der Einsicht der johanneischen und paulinischen Texte so weit wie möglich ging, im Jahre 1926: «Kraft des Wechselzusammenhanges Materie – Seele – Christus… arbeiten wir durch jedes unserer Werke atomar, aber wirklich daran, das Pleroma zu bauen, d.h. Christus ein wenig Vollendung zu bringen» [Das göttliche Milieu]. [Anmerkung der Herausgeber]. 51

104 Glied enthalten] miteinander verbinden: Gott ist der Welt vollständig heterogen, und doch kann er nicht auf sie verzichten52? 4. AKTION UND VEREINIGUNG Begreifen und Wollen, Verstand und Tun: diese beiden Hauptfähigkeiten des Geistes verbinden sich in der Tiefe [oder genauer in der Höhe] zu einem einzigen radikalen Bedürfnis, zu dem sie gewissermaßen Ableitungen, Aspekte oder Modi darstellen: das Bedürfnis, eins-zu-machen. Ob man die Arbeit der Vernunft in ihren Bemühungen um Synthese oder die Arbeit des Willens in seinen Konstruktionen [oder seinen Verzichten] ins Auge faßt, die Grundtendenz ist dieselbe: Ordnung und Organisation in das Viele bringen – um uns herum und in uns die Pluralität unterdrücken. Hat man diesen Punkt begriffen, wird evident, daß sich das Prinzip des Maximums in noch allgemeinerer Form als der ihm zunächst gegebenen aussprechen läßt. Damit die Kohärenz zwischen unserem Bewußtsein und dem Universum vollständig sei [mit anderen Worten, damit das Wirkliche, wie wir es verlangen, ein Maximum an Einsichtigkeit und Aktivanz besitze], muß es sich uns im letzten als in höchster Weise kommunizierend erweisen. Was heißt das, wenn nicht dies, daß unter allen Vorstellungen, die wir uns von der Welt zu machen versuchen, allein jene wirklich ist, die am vollständigsten unseren Durst nach Einheit stillt? Ist es unter dieser Voraussetzung wie im Falle der Aktivanz möglich, einen besonderen Typ von Welt zu definieren, in der aus Gründen der Struktur das «Einheitspotential» (240) größer wäre als in jeder anderen Welt, die wir entwerfen und uns vorstellen könnten? – Ja, sofern wir zuvor die notwendige Unterscheidung und Entscheidung zwischen zwei häufig miteinander verwechselten [und doch einander entgegengesetzten!] Wegen treffen die von der menschlichen Mystik in ihrem jahrhundertelangen Bemühen darum, daß alles Eins sei, immer wieder versucht wurden: der Weg der Vereinfachung und der Weg der Synthese. a] Folgt man den Tendenzen des Weges der Vereinfachung [«Straße des Ostens»], zeigt sich, «enthüllt sich» das Eine durch einfache Unterdrückung des Vielen, das das Eine vor uns verbirgt. Wenn die Welt nur reine Illusion oder aber eine vorübergehende Modalität des absoluten Sein ist, so ist es notwendig und genügt es, daß sie zerstreut oder aufgezehrt wird, damit Gott sichtbar werde: Gott, der alles mögliche Bewußtsein letzten Endes in sich hinein zieht. In dieser Sicht verschwinden die Elemente der Welt, indem sie sich Gott verbinden. Der Prozeß entpersonalisiert und verzehrt sie. Tatsächlich keine Vereinigung: sondern nur [besten Falls] Verschmelzung. Das vollständig jeglicher Struktur entbehrende Eine setzt weder irgendeine Einswerdung voraus, noch bringt es sie mich sich. b] Folgt man den Vertretern des Weges der Synthese [«neue Straße des Westens»], wird im Gegenteil das Eine nur durch Organisation des Vielen gebildet und angetroffen, dessen Elemente, ein jedes bis an die Grenze seiner selbst vorangetrieben, die doppelte wesentliche Eigenschaft besitzen: 1. mit allen anderen sie umgebenden Elementen auf Gott hin zu konvergieren; und 2. sich in sich selbst, im Unmitteilbaren, in dem Maße zu vertiefen, wie sie sich tiefer dem göttlichen Zentrum aller Konvergenz verbinden. In dieser Sicht (241) vollenden sich die Elemente, indem sie sich in Gott verlieren. Die Vereinigung differenziert ihre Glieder – sie superpersonalisiert sie. Letzten Endes keine Einheit ohne Einswerdung.
(Anm 3) Ich denke hier an eine synthetische Neu-Definition des Seins, in der es, in seiner allgemeinsten Form genommen, zugleich und gleichzeitig ein absolutes Element und ein teilhabendes Element umgriffe. Sollte nicht das, was die Antinomie Gott – Welt unlösbar macht, darauf zurückzuführen sein, daß wir am Anfang ein natürliches Paar zerreißen und uns deshalb darauf versteifen, die beiden Termini nacheinander zu betrachten? 52

105 Einheit der Singularität und Einheit der Komplexität. Von diesen beiden einander entgegengesetzten Konzeptionen [die jede eine Askese und eine Mystik bestimmen] nimmt die erstere ihrer Definition nach der Welt und ihren Entfaltungen jegliche Bedeutung. Ihre Aktivanz ist null. Wir können sie also ohne Zögern ausscheiden. Die zweite dagegen stachelt unsere Lust zu wirken im Höchstmaße an und mehrt sie. Sie ist also die gute und wahre. Der einzige Typ des Universums, in dem sich unser mystisches Bedürfnis nach Einheit in legitimer Weise zu entfalten vermag, ist gewiß jener, in dem die uns umgreifende Evolution die allgemeine Gestalt einer vergöttlichenden Konvergenz annimmt. Welchen besonderen Bedingungen aber müssen unter dieser Voraussetzung weiterhin noch Gott und die Welt genügen, damit diese Konvergenz [das heißt diese «Kommunion»] ein Maximum an Innerlichkeit und Intensität erreiche – welchen subjektiven Bedingungen des Erfordernisses und folglich welchen objektiven Bedingungen der Wirklichkeit? Sie lassen sich auf drei zurückführen. Die erste Bedingung ist, daß die Welt wirklich um so mehr sich ihrer selbst bewußt bleibt und wird, als sie vollständiger in Gott eins wird. Deswegen und trotz ihrer verführerischen Erscheinungsweisen sind die «konstruktiven» Monismen von der Art Spinozas für den Geist nur ein künstlicher Köder. Einerseits sind sie letzten Endes dem Philosophen uneinsichtig, da sie [hierin den negativen Monismen des östlichen Typs ähnlich] voraussetzen, daß die Vereinigung aufsaugt (242) und verschmilzt, während sie ihrer Natur nach differenziert. Und andererseits enttäuschen sie die Mystik, da jegliche Liebe innerhalb einer streng monozentrierten göttlichen Substanz unmöglich wird. Die zweite Bedingung ist, daß die Elemente der Welt derart beschaffen sind, daß sie um so vollständiger von Gott abhängen, als sie durch die Einswerdung in ihm mehr Bewußtsein und Konsistenz gewinnen. Und die dritte Bedingung ist, daß eben diese Elemente, je mehr sie sich als von Gott abhängig erfahren, um so mehr zugleich das Bewußtsein haben, daß Gott unter gewissen Aspekten nicht auf sie verzichten konnte [oder zumindest nicht mehr kann]53. Hier tritt wiederum, wie wir bereits ankündigten, und zwar dieses Mal durch die Mystik formuliert, dasselbe verwirrende Erfordernis zutage, das uns schon das Tun zu verstehen gegeben hatte. In einer Formulierung, die noch zu finden wäre, muß das teilhabende Sein, damit es funktionieren kann, auf seine Weise etwas Absolutes und Notwendiges in seiner Entstehung besitzen54. Oben sagte ich, daß die Lösung der Antinomie vielleicht verlangt, daß wir unter dem Einfluß der neuen, in unseren Tagen durch die Wissenschaft eingeführten «Epistemologie» sogar die Grundlagen unserer Ontologie revidieren. In präziserer Weise möchte ich hier darauf aufmerksam machen, daß das, was uns derzeit fehlt, um den neuen Problemen, die das Universum uns stellt, entgegenzutreten, eine allgemeine Theorie der genetischen Beziehungen

(Anm 4) Man möge hier die ausdrücklichen Einschränkungen berücksichtigen, die Teilhard dieser dritten Bedingung beifügt: «… unter gewissen Aspekten… oder zumindest nicht mehr kann». Werden diese Einschränkungen gesehen, so will es scheinen, als sei die hier in Frageform vorgetragene Theorie nicht unvereinbar mit der traditionellen Lehre von der göttlichen Freiheit im Schöpferakt. [Anmerkung der Herausgeber]. 54 (Anm 5) Gewinnt das teilhabende Sein nicht, insofern es der Bildung des mystischen Leibes Christi, das heißt der effektiven Teilhabe an seiner Gottheit geweiht ist, genau dies, nämlich «etwas Absolutes und Notwendiges in seiner Entstehung»? [Anmerkung der Herausgeber]. 53

106 ist, die zwischen Sein, Einheit und Einswerdung bestehen. – Es fehlt uns eine Metaphysik auf der Grundlage der schöpferischen Funktion und der Maximalerfordernisse der Vereinigung55.
Ineditum, Peking, 9. August 1945. (243)

XII KATHOLIZISMUS UND WISSENSCHAFT
Es ist immer gefährlich und anmaßend, im Namen einer Gruppe zu sprechen, selbst wenn diese Gruppe in ihrer Gesamtheit so homogen und vital in sich gebunden ist wie die katholische Welt. Ich will nicht versuchen, eine allgemeine Diagnose über die Einstellung der Kirche der Wissenschaft gegenüber zu geben, sondern möchte mich in der Antwort auf die Umfrage des Esprit lieber damit zufrieden geben, auf das kürzliche Auftreten einer besonders lebendigen und symptomatischen Bewegung innerhalb des Katholizismus hinzuweisen, von der man [wenn Gott ihr Leben schenkt…] annehmen darf, daß sie eine radikale und konstruktive Lösung zu dem Konflikt liefert, der ununterbrochen seit der Renaissance die Naturwissenschaft und den Glauben einander entgegensetzte. Untersuchen wir zunächst die Natur dieses Konfliktes in ihrem Kerngehalt. Im Laufe einer ersten Phase, der bei weitem längsten, zeigte sich der Antagonismus zwischen Erfahrung und Offenbarung kaum anders denn in den örtlich begrenzten Schwierigkeiten, denen die Exegese begegnete, um gewisse biblische Aussagen mit den Ergebnissen der Beobachtung zu versöhnen: so die Unbeweglichkeit der Erde; so die sieben Tage der Schöpfung. Doch Schritt um Schritt ist schließlich mit den Fortschritten der Physik und der Naturwissenschaften ein viel allgemeineres und viel tieferes Schisma offenkundig geworden. Durch die Sachlage gezwungen [wenn man sein Geburtsdatum berücksichtigt] vermochte das christliche Dogma in seinen Ursprüngen nichts besseres zu leisten, als sich entsprechend den (244) Dimensionen und dem Verlangen eines Universums zu formulieren, das in vieler Beziehung der alexandrinische Kosmos blieb: ein harmonisch in sich selbst kreisendes Universum, in der Ausdehnung und der Dauer begrenzt und zerteilbar, zusammengesetzt aus mehr oder weniger willkürlich im Raum und in der Zeit verschiebbaren Gegenständen. Nun aber begann sich diese Perspektive unter dem Bemühen des menschlichen Denkens zu wandeln. Der Raum wurde unbegrenzt. Die Zeit verwandelte sich in organische Dauer. Und innerhalb dieses vitalisierten Bereichs entwickelten die Elemente der Welt untereinander derart nahe Verbindungen, daß jedes von ihnen in seinem Auftreten nur mehr vorstellbar war in Funktion der globalen Geschichte des ganzen Systems. Ein in Genese befindliches Universum nahm in der Sicht der Menschen unwiderstehlich den Ort des statischen Universums der Theologen ein. Und aus dieser neuen Intuition ergab sich auch ihrerseits unvermeidlich eine besondere Mystik: der mehr oder weniger anbetende Glaube an die irdische und kosmische Zukunft der Evolution. Aus den exegetischen Detailschwierigkeiten emergierte so schließlich eine grundlegende religiöse Antinomie, eben jene, die im Streit um Galilei dunkel bereits gegeben war. Hatte sich das Universum einmal in Bewegung gesetzt,

(Anm 6) Sollte die allgemeinste Formel, unter der wir das Wirkliche zu begreifen, vorauszusehen und voranzutreiben vermögen, nicht ganz einfach darin bestehen, daß man das Wirkliche als ein System setzt und definiert, das der einzigen Bedingung unterworfen ist, auf dem Wege der Einswerdung eine maximale Einheit zu verwirklichen? In einem derartigen System kann man, so scheint es, die Existenz des kosmischen peripheren Vielen in gleicher Weise ableiten wie die fontale und fokale trinitare Einheit Gottes. 55

107 strebte eine Art von der Welt ganz immanenter Gottheit immer mehr dahin, im menschlichen Bewußtsein an die Stelle des transzendenten christlichen Gottes zu treten… Das war die tödliche Gefahr, von der der katholische Glaube sich in unserer Zeit jeden Tag etwas stärker bedroht sah. Nun, an diesem kritischen Punkt, wo ein Konflikt endlich zur Reife kommt, beginnt sich die Reaktion der (245) Gläubigen abzuzeichnen. Bisher hatten die Katholiken dem wissenschaftlichen Neo-Evangelium gegenüber eine Haltung einfacher Verteidigung bewahrt. Zeigen, daß ihre Position trotz jeder neuen Entdeckung haltbar blieb; [im schlimmsten Falle] einräumen, daß die Evolution eine plausible, aber immer noch gebrechliche Hypothese sei: im großen und ganzen beschränkte sich ihre Strategie darauf. Weshalb aber diese Zaghaftigkeit? Aus Notwendigkeit, so sagte ich weiter oben, hat sich das christliche Dogma, als es entstand, an einen Kosmos von fixistischem Typ angepaßt. Wie hätte es etwas anderes tun können, da sich doch die menschliche Vernunft zu diesem Zeitpunkt keine andere Gestalt für die Welt vorzustellen vermochte? Was aber würde geschehen, wenn man auf einem bereits von den alten griechischen Vätern skizzierten Wege versuchte, die Offenbarungsaussagen in ein Universum von mobilistischen Typ zu transponieren?... Das hat sich in unseren Tagen eine gewisse Zahl [eine unaufhörlich wachsende Zahl] katholischer Denker vorgenommen. Und das Ergebnis des Versuches hat nicht lange auf sich warten lassen. In diesem Experiment erweist sich die traditionelle Christologie nicht nur als fähig, eine evolutive Struktur der Welt zuzulassen; vielmehr entwickelt sie sich entgegen aller Voraussicht gerade in diesem neuen organischen und einheitlichen Milieu, eben begünstigt durch die besondere Krümmung des an die Zeit gebundenen Raumes, viel freier und umfassender. Dort gewinnt sie ihre wahre Gestalt. Die großen kosmischen Attribute Christi, jene, die ihm [ganz besonders bei Paulus und Johannes] einen universellen und endgültigen Primat über die Schöpfung verleihen – diese Attribute hatten sich wohl oder übel einer moralischen und juridischen (246) Erklärung anpassen müssen. Doch nur im Rahmen einer Evolution gewinnen sie ihr volles Relief. Allerdings unter der Voraussetzung [eine Bedingung, zu der auch die Naturwissenschaft selbst in dem Maße neigt wie sie sich entschließt, dem Menschen seinen Platz in der Natur einzuräumen], vorausgesetzt, sagte ich, daß diese Evolution von zugleich geistigem und konvergentem Typus sei. Unter diesem Vorbehalt ist nichts leichter noch verlockender, als in der offenbarten Christogenese eine letzte Erklärung und eine endgültige Krönung für die Kosmogenese der Gelehrten zu suchen. Christentum und Evolution nicht zwei unversöhnliche Sehweisen, sondern zwei Perspektiven, die geschaffen sind, sich ineinander zu fügen und einander zu ergänzen. War dieses Bündnis im Grunde nicht schon seit langem in den instinktiven Erfindungen der gesprochenen Sprache niedergelegt? «Schöpfung», «Menschwerdung», «Erlösung», beschwören eben diese Worte nicht durch ihre grammatische Form weit eher die Idee eines Prozesses denn die einer lokalen oder augenblickshaften Geste? Und so wird durch einfache Einverleibung und Assimilation der modernen evolutiven Anschauungen durch das christliche Denken meines Erachtens die Barriere beseitigt, die seit vier Jahrhunderten sich immer höher zwischen Vernunft und Glaube geschoben hatte. Ist das fixistische Hindernis einmal beiseite geschafft, hindert von nun an Katholiken und Nichtkatholiken nichts mehr, Hand in Hand auf den großen Wegen der Entdeckung gemeinsam voranzuschreiten. Auf der einen wie der anderen Seite ist eine offenherzige Zusammenarbeit heute möglich geworden. Heißt das jedoch, daß zwischen den Gegnern von gestern jeder Grund zur Divergenz für alle Zeit beseitigt (247) sei? Nein. Denn in ihnen sind hinter der gemeinsamen und identischen Geste der Forschung noch zwei einander entgegengesetzte Mystiken, zwei verschiedene «Geister»

108 erkennbar, die einander auch weiterhin noch notwendig, und noch lange Zeit hindurch, entgegenstehen werden: der «faustische Geist» einerseits, der das Geheimnis unseres Schicksals in ein gewisses der Menschheit inhärentes Vermögen legt, sich selbst durch ihre eigenen Kräfte zu vollenden; und der «christliche Geist» andererseits, der in seinem Aufbaubemühen auf die Vereinigung mit einem Gott hingespannt ist, der uns trägt und uns mit allen Kräften der in Evolution befindlichen Welt anzieht. Zwischen diesen beiden geistigen Haltungen wird offensichtlich der alte Antagonismus Wissenschaft-Religion in einer wesentlichen und subtilen Gestalt wieder auferstehen. Doch seiner Natur nach hat dieser neue Konflikt nichts Steriles oder Demütigendes mehr an sich. Der alte Gegensatz zwischen Mobilisten und Immobilisten ist vorbei. Von nun an kommen Katholiken und Nichtkatholiken in ihrem grundlegenden Glauben an einen Fortschritt der Erde zur Deckung. Die entscheidende Frage zwischen ihnen ist, wer von beiden den höchsten Gipfel erkennen und erreichen wird. In diesem edlen Wettstreit scheint die Gunst der Männer der reinen Wissenschaft noch in ihrer Gesamtheit dem faustischen Geist zuzuneigen. Doch der Christ zweifelt bereits nicht mehr in der Tiefe seiner selbst daran, daß er schließlich das letzte Wort haben wird. Denn letzten Endes ist allein seine «christliche» Schau der Welt in der Lage, der menschlichen Tatkraft zwei Elemente zu liefern, ohne die unser Tun seinen Weg nach vorn nicht bis ans Ende zu gehen vermöchte: (248) 1. Valorisation. 2. Amorisation. Zunächst eine göttliche Gewähr, daß allem Tod zum Trotz die Frucht unserer Mühsal irreversibel und unverlierbar ist. Und dann die Anziehungskraft eines Zielpunktes, der, da super-personaler Natur, fähig ist, die Kräfte der Liebe, neben der die anderen Formen geistiger Energie verblassen und nichts sind, in unseren Seelen bis ins letzte zu entfesseln. Die Evolution ist die Tochter der Wissenschaft. Doch im letzten wird es vielleicht gerade der Glaube an Christus sein, der morgen in uns die Lust an der Evolution retten wird.
Entnommen der Zeitschrift Esprit, Kapitel «Face aux Valeurs modernes», Paris, August 1946. Die Redaktion von Esprit hat den Beitrag von Teilhard de Chardin folgenderweise eingeführt: « Der Konflikt zwischen der Wissenschaft und dem Glauben bedrängt unsere Zeitgenossen weniger als der Konflikt zwischen der Kirche und der Revolution. Er ist deswegen nicht weniger wichtig, und wir freuen uns zu sehen, wie er von einem großen Gelehrten behandelt wird, dem das Verdienst zukommt, dem zeitgenössischen Christentum den kosmologischen Sinn zurückzugeben […] P. Teilhard de Chardin schreibt uns folgendes : …» (249)

XIII
ÜBER DIE GRADE WISSENSCHAFTLICHER GEWISSHEIT DER EVOLUTIONSIDEE Nachdem sich seit einem Jahrhundert durch den Spalt der Naturwissenschaften die Evolutionsidee in das menschliche Bewußtsein infiltriert hat, bis sie den Erfahrungsbereich der Erkenntnis in seiner ganzen Weite durchtränkte, ist es interessant, die Frage zu stellen, bis in welche Tiefe sie wirklich in unseren Geist eingedrungen ist, das heißt in welchem Maße die von

109 ihr eröffneten Perspektiven jetzt bereits als endgültig in die Wissenschaft eingegliedert angesehen werden können. Unter diesem Gesichtspunkt scheint es mir angemessen, drei Sinne [oder Grade] im Evolutionsbegriff zu unterscheiden, die sich nach ihrer Allgemeinheit und mit abnehmender Gewißheit geordnet, wie folgt darstellen lassen. 1. In einem ersten, ganz allgemeinen Sinn enthält die wissenschaftliche Idee der Evolution einfach die Aussage des Faktums, daß jedes Objekt, jedes Ereignis in der Welt ein Antezedenz hat, das sein Auftreten unter den anderen Phänomenen bedingt. Historisch tritt alles, so behauptet sie, nur auf dem Wege der Geburt auf: derart, daß jedes Element im Universum durch etwas in ihm selbst Glied einer unteilbaren Kette ist, die sich von ihm aus nach hinten und nach vorn verlängert, soweit der Blick reicht. Dies verbietet selbstverständlich nicht, daß zwischen zwei aufeinanderfolgenden Gliedern eine Mutation, ein Sprung, ein kritischer Punkt der Emergenz ihren Ort haben können. Doch es bedeutet, daß jedes von uns wahrgenommene Ding notwendig etwas ihm Vorausgehendes in der Zeit hat, wie auch etwas neben ihm im Raum – so daß die Totalität der als Ganzes gesehenen Dinge eine Art Netz bildet, aus dem unsere Erfahrung auf keine Weise herauszutreten vermag und innerhalb dessen die Objekte [Knoten des Netzes] nicht willkürlich verschoben werden können. Bei diesem Grad an Allgemeinheit, wo Evolution einfach Organizität des Stoffes des Universums bedeutet [zeitliche Organizität in Verbindung mit räumlicher Organizität], bei diesem Grad, das betone ich noch einmal, wäre es nicht genug, von Gewißheit zu sprechen. Hier muß man «Evidenz» sagen. Daß sie sich der Evolution bewußt geworden ist, ist für unsere Zeit etwas ganz anderes und weit mehr als nur die Entdeckung eines weiteren Faktums, so umfassend und wichtig dieses Faktum auch sein mag. Wir sind [wie es dem Kind widerfährt, wenn es den Sinn für die räumliche Tiefe erwirbt] zur Wahrnehmung einer neuen Dimension erwacht. Die Evolutionsidee: keine einfache Hypothese, wie oft noch gesagt wird; sondern Bedingung jeder Erfahrung – oder auch, wenn man das vorzieht, die universelle Krümmung, der von nun an, um wissenschaftlich gültig oder auch nur denkbar zu sein, sich alle unsere gegenwärtigen und zukünftigen Konstruktionen des Universums beugen müssen. 2. Tun wir nunmehr einen weiteren Schritt. Innerhalb eines organischen Zeit-Raum-Systems, ähnlich dem, worin unsere wissenschaftliche Erkenntnis eingeschlossen ist, wie ich sagte, kann man a priori zwei allgemeinen Typen der Verteilung begegnen: entweder ungeordneten gärenden Bewegungen oder aber [statistisch oder finalistisch, das ist unwesentlich] gerichteten Strömungen. Hier verlassen wir den Bereich der ursprünglichen (251) Dimensionen, um in den Bereich der beobachteten Fakten einzutreten. Was antworten die Fakten? Bei dem derzeitigen Stand der Wissenschaft scheint es unbestreitbar, daß, zumindest durch statistischen Effekt sich im kosmischen Stoff Strömungen, zwei Strömungen, in der Erfahrung abzeichnen: die eine, offensichtlich universelle, führt die Materie schrittweise auf dem Weg der Desintegration in Richtung einer elementaren physikalischen Strahlungsenergie; die andere, anscheinend lokale, deckt sich mit einer Art von energetischem Strudel, in dem die Materie, da sie sich in ungeheuer komplizierten Gebäuden anordnet, die Gestalt von organisierten Korpuskeln annimmt, in denen eine gewisse psychische Innerlichkeit auftritt und in Funktion der Komplikation wächst. Eine gleichzeitige Trift in Richtung der Komplexität und des Bewußtseins: das ganze Phänomen des Lebens. Über die relative Bedeutung und den relativen Wert dieser beiden Strömungen der Desaggregation und der Aggregation im Universum, über ihre mehr oder weniger notwendige

110 Komplementarität im kosmischen System, über die endgültigen Bedingungen ihres Gleichgewichts mögen wir noch im unklaren sein. Die Existenz aber dieser beiden Strömungen stellt sich uns als etwas endgültig Gesichertes dar. 3. Versuchen wir nunmehr, noch einen Schritt weiterzugehen, indem wir dieses Mal insbesondere die Strömungen des Lebens ins Auge fassen. In ihrer Gesamtheit ist diese Strömung seit einigen sechshundert Millionen Jahren, über die wir sie verfolgen können [das ist gewiß], global in Richtung von Komplexität und Bewußtsein aufgestiegen. Doch steigt sie noch weiterhin auf? Und wenn sie immer noch aufsteigt, ist ihre Verhalten (252) dann divergent oder konvergent? Und wenn ihr Verhalten konvergent ist, wohin weist dann die Achse ihres Laufes? Hier, und nur hier, betreten wir den noch ungefestigten Bereich der Hypothese, das heißt des in Aktion befindlichen wissenschaftlichen Denkens. Von diesem Punkt an ist das, was ich sagen werde, also heute noch nicht gewiß. Indem ich jedoch auf die Zukunft vorgreife, frage ich mich, ob unsere Gewißheiten von morgen, soweit die genaue Gestalt und die Zukunft der biologischen Evolution [oder sogar der Evolution schlechthin] in Frage stehen, nicht wesentlich von der Idee abhängen, die wir von der Natur des sozialen menschlichen Phänomens gewinnen und die mit Hilfe einer wissenschaftlich aktiv vorangetriebenen Reflexion uns als endgültig aufgewiesen werden könnte. Um uns herum zeigt die Menschheit das außerordentliche Schauspiel einer ubiquisten zoologischen Gruppe, deren Zweige, anstatt sich zu trennen [wie es bisher immer bei den tierischen Arten geschah], sich einknospen und in sich selbst einrollen unter gleichzeitiger Entwicklung eines mechanischen Apparates und eines Psychismus von planetaren Dimensionen – und zwar offensichtlich unter der Wirkung eines reflektierten Bewußtseinstyps, der eine innere wechselseitige Verbindung aller Elemente innerhalb der Gruppe bewirkt. Dieses gewaltige Faktum erscheint uns noch banal, weil wir die Gewohnheit angenommen haben, es als «natürlich» anzusehen oder es mit juridischen Formulierungen zu verdecken. Wird es dagegen wieder in die organische Strömung des Lebens hineingestellt, verlangt es eine Erklärung und legt sie auch unmittelbar nahe. Erleben wir nicht in Übereinstimmung mit dem «KomplexitätBewußtsein»-Gesetz, (253) entlang der ganzen menschlichen Geschichte das Schauspiel einer Ultra-Synthese, die darauf abzielt, in einem Super-Organismus von absolut neuem Typus nicht mehr Atome, Moleküle, Zellen – sondern Individuen und sogar ganze Phyla zu gruppieren? Mit anderen Worten, sollte die um uns herum auf dem Wege der Kollektivisation befindliche Menschheit nicht, unter wissenschaftlichem Gesichtspunkt, das Auftreten von einem SuperKomplex im Universum darstellen?... Eine derartige Perspektive mag phantastisch erscheinen. Doch es bleibt dabei, daß sie, weil durchaus logisch, im Begriffe steht, sich einer wachsenden Zahl klar denkender Geister aufzuzwingen – mit der Konsequenz, eine mögliche Antwort auf eben die Fragen aufscheinen zu lassen, die im Hinblick auf die genaue Natur der Evolution in der Schwebe blieben. Unter diesem Gesichtspunkt gilt nämlich folgendes: a] Es erweist sich zunächst, daß der vitalisierte Teil der Welt, zu dem wir gehören, heute noch nicht aufgehört hat, sich in Richtung höherer Komplexe zu erheben. b] Es wird weiter sichtbar, daß das anscheinend divergierende System der von dem Leben im Laufe seines Aufstiegs gezeichneten Strahlen vom Menschen an in einen Bereich eingetreten ist, wo es konvergent wird. c] Es erscheint schließlich unvermeidlich, daß wir, um eine Vorstellung von dem Zielpunkt dieser Konvergenz zu gewinnen, irgendwo nach vorn die Emergenz eines Gipfels ins Auge fassen,

111 der einer Art von allgemeiner Reflexion der reflektierten Elemente der Erde in sich selbst entsprechen würde – wobei die Bildung dieses Gipfels übrigens mit einer maximalen Forderung nach Irreversibilität zusammenfiele, die von Zeitalter (254) zu Zeitalter in der Tiefe des menschlichen Herzens wächst. Dies würde letzten Endes bedeuten, daß es der Komplexität [oder zumindest dem Bewußtsein, das mit der Komplexität einhergeht] trotz ihrer Merkmale der Gebrechlichkeit und der Unwahrscheinlichkeit bestimmt ist, im Universum schließlich über die Einfachheit zu triumphieren. Hier, ich sage das noch einmal, verlassen wir den Boden des Gesicherten, doch mit der Genugtuung, endlich vor der entscheidenden Frage im Problem der Evolution zu stehen.
Atti del Congreso internazionale di Filosofia promosso dall’Istituto di studi filosofici, Roma, 15.–20. November 1646.
(255)

XIV ÖKUMENISMUS
Ein gewisser Ökumenismus will derzeit Gestalt gewinnen; er ist unausweichlich gebunden an die psychische Reifung der Erde; und folglich wird er gelingen. Doch bin ich noch ungewiß über die Existenz- und Verwirklichungsbedingungen dieses Ökumenismus – oder genauer, mir scheint, ich sehe immer klarer, daß die großen derzeitigen mystischen Strömungen in ihrer gegenwärtigen Formulierung [ich sage nicht in ihrem Grundstreben, das identisch ist] nicht unmittelbar versöhnbar sind.
56Insbesondere

die östliche Strömung [mit ihrem Gott-Substrat, in dem die Elemente und die Merkmale der Welt sich auflösen wie innerhalb einer Kugel mit unbegrenztem Radius] scheint mir in die entgegengesetzte Richtung zu triften wie die christlich-westliche Strömung [innerhalb deren ein Gott der Spannung und der Liebe sich zur Vollendung aller Personalisation und aller Determination als Zentrum der universellen Konzentration abzeichnet]. In gleicher Weise scheint mir ein anderer grundlegender psychologischer Dualismus zu existieren zwischen Christen [oder zwischen Vertretern der verschiedenen anderen Gruppen] je nachdem, ob sie als Ursprung ihres religiösen Glaubens einen gewissen Glauben an den Menschen annehmen oder zurückweisen. Und in gleicher Weise treten noch zwei weitere, nicht aufeinander zurückführbare Haltungen in der Vorstellung von der Annäherung der Religionen zutage, solange nicht entschieden ist, ob die Konvergenz zwischen gleichwertigen Linien zustande kommen (256) soll [Synkretismus] oder auf einer privilegierten zentralen Achse – um einen Christus herum, der [an kosmischer Würde] mit jeglichem Propheten und jeglichem Buddha inkommensurabel ist [die einzige mögliche christliche und biologische Konzeption…]. Unter diesen Bedingungen frage ich mich, ob die beiden einzigen wirksamen Wege des Ökumenismus derzeit nicht folgende wären: [Ökumenismus des Gipfels] 1. Zwischen Christen in einer wahrhaft «kosmischen» Größenordnung ein ultra-orthodoxes und ultrahumanes Christentum herauszuarbeiten. [Ökumenismus der Basis] 2. Zwischen den Menschen im allgemeinen die Grundlagen eines gemeinsamen menschlichen «Glaubens» an die Zukunft der Menschheit zu präzisieren und entwickeln.
56

Die drei Grundscheidungen.

112 Diese beiden Bemühungen zusammengenommen würden uns automatisch zum erwarteten Ökumenismus führen; denn der bis an das Ende seiner selbst vorangetriebene Glaube an die Menschheit scheint nicht außerhalb eines vollentfalteten Christus befriedigt werden zu können. Jede andere Methode, so fürchte ich, würde nur zu einem Konfusionismus oder zu Synkretismen ohne Kraft und ohne Originalität führen. Uns fehlt, damit wir uns zusammenschließen, letzten Endes gerade die klare Wahrnehmung eines deutlich definierten [und wirklichen] «Typs» von Gott und eines gleichfalls klar definierten «Typs» der Menschheit. – Wenn jede Gruppe an ihrem Gottestyp und ihrem Menschheitstyp festhält [und diese Typen heterogen sind], ist keinerlei ernsthafte Eintracht möglich: Sie käme nur durch Doppeldeutigkeiten oder rein gefühlsmäßig zustande. Unter diesen Bedingungen scheint mir eine Annäherung (257) oder eine Allianz zwischen nicht geläuterten ökumenischen Bewegungen [außerhalb einer allgemeinen Sympathie] noch verfrüht. N.B. Die Entscheidungen sind nicht unabhängig voneinander. Sich zum Beispiel für den Glauben an den Menschen entscheiden, zieht die Entscheidung für den Gott der Spannung nach sich [und umgekehrt] und noch wahrscheinlicher die Entscheidung für ein [um einen christlichen Kern] kephalisiertes Universum.
Paris, 15. Dezember 1946. (258)

XV ÜBER DEN RELIGIÖSEN WERT DER FORSCHUNG
Kürzlich hat unser Pater General in einem Brief die Forschung [die wissenschaftliche Forschung und, allgemeiner, die Forschung in allen Bereichen des Denkens] an der Spitze der Fortschrittsund Angriffslinien erwähnt, die er den Mitgliedern der Gesellschaft vorschlug. Ich möchte Ihnen zu diesem Thema hier einige Bemerkungen darlegen und unterbreiten, die – von einem etwas besonderen, aber, wie ich glaube, in sich festen Standpunkt aus – die Anweisung rechtfertigen, die uns von Rom gegeben wurde. 1. Als erstes ist die entscheidende Bedeutung zu beachten, die im Laufe von einundeinhalb Jahrhunderten die Forschung innerhalb der menschlichen Beschäftigungen und Sorgen gewonnen hat. Historische Forschungen einerseits, die darauf abzielen, die Phasen, die Bahn der vergangenen Welt zu rekonstruieren; und andererseits experimentelle Forschungen, die sich in das Bemühen vertiefen, die gegenwärtige Struktur des Universums zu analysieren, und die sich ganz der Hoffnung hingeben, die Hand an die Hebel der Bewegung zu legen, die uns mitreißt: welches Feuer, welcher Eifer entfaltet sich um uns herum in diesen beiden Richtungen! – Vor noch gar nicht so langer Zeit waren die Forscher noch Neugierige und Phantasten – insgesamt wenig zahlreich, und allgemein galten sie als außergewöhnliche Individuen, als «Originale». Heute forschen die Menschen zu Millionen und in allen Bereichen und als «organisierte Millionen». Im Hinblick auf die Zahl der eingesetzten Menschen, auf die benötigte Geldsumme, auf die Menge verbrauchter Energie (259) tendiert die Forschung immer mehr dahin, zu dem großen Anliegen der Welt zu werden. Früher ein Luxus oder eine Zerstreuung, ist sie heute bereits auf die Stufe und zu dem Adel der vitalen menschlichen Funktion gelangt – gewiß ebenso vital wie die Ernährung und die Fortpflanzung! Unsere Zeit wird häufig durch den sozialen Aufstieg der Massen gekennzeichnet. Ebensogut könnte man sie auch [und im tiefsten hängen die beiden Ereignisse zusammen…] durch den Aufstieg der Forschung charakterisieren.

113 2. Der moderne Aufstieg der Forschung… In sich ist das Faktum unbestreitbar. Wie aber ist es zu interpretieren? Meines Erachtens gib es für das Phänomen nur eine mögliche Erklärung; und diese [zugleich in ihrem Prinzip äußerst einfache und in ihren Konsequenzen äußerst revolutionäre] Erklärung lautet wie folgt: wir müssen uns entschließen, unter dem Druck der Fakten anzuerkennen, daß der Mensch in der Natur noch nicht vollendet, noch nicht vollständig geschaffen ist – sondern sich in uns und um uns herum noch in voller Evolution befindet. Einerseits tendiert die in ihrer kollektiven Totalität gesehene menschliche Gruppe immer deutlicher dahin, sich organisch in einem super-reflektierten Gesamt zu gruppieren, das, richtig beobachtet, durchaus nichts anderes zu sein scheint denn die unmittelbare Weiterführung des Prozesses, gemäß dem sich das Bewußtsein seit den ersten Ursprüngen des Lebens mittels immer komplizierterer Organismen unaufhörlich vertieft hat. Das wäre die tiefe Bedeutung des großen sozialen Phänomens, durch das wir uns hindurchschlagen. – Andererseits erweist sich der menschliche Geist dank eben dem Wirken dieser kollektiven Super-Reflexion derzeit und (260) vor unseren Augen als fähig, die materiellen Triebkräfte zu entdecken und zu handhaben, die ihm wahrscheinlich erlauben werden [durch direkte Einwirkung auf die Gesetze der Fortpflanzung, der Vererbung und der Morphogenese], willentlich – in gewissen noch nicht voraussehbaren Grenzen – die Umformung seines eigenen Organismus [einschließlich des Gehirns…] hervorzurufen und zu beeinflussen. So weit sind wir derzeit. Nun wohl, wird nicht von diesem Standpunkt aus [der durchaus wahrscheinlich ist, ich meine das ernst], nämlich vom Standpunkt einer vom Menschen an reflexiv aus sich neu aufbrechenden Evolution her alles klar, und gewinnt er nicht sein eigentliches Relief in dem Phänomen, das ich «den Aufstieg der Forschung» nannte? Das Fieber oder die Leidenschaft, zu wissen und zu meistern, wie wir es erleben [oder woran wir sogar teilnehmen], mochten vielleicht in ihren Anfängen mit einer einfachen Neugierkrise, mit dem einfachen Bedürfnis verwechselt werden, den uns zur Verfügung stehenden Teil des Universums zu erforschen. Und tatsächlich, wenn [wie wir zu ahnen beginnen] der Aufstieg des Lebens auf Erden wirklich nicht beendet ist, dann ist die Krise viel wichtiger und viel bedeutsamer. Denn dann emergiert in der Expansion und der Intensivierung unseres modernen Bemühens um Entdeckung und Erfindung nichts Geringeres als eine neue biologische Macht in der Welt: die der Evolution in ihrer hominisierten Phase. Wenn die Forschung immer mehr das menschliche Tun erobert, so ist das weder eine Laune noch eine Mode noch ein Zufall: vielmehr geht es ganz einfach darum, daß der erwachsen gewordene Mensch unwiderstehlich dahin geführt wird, (261) die Evolution des Lebens auf der Erde in seine Verantwortung zu nehmen, und daß die Forschung [auf der reflektierten Stufe] genau der Ausdruck dieses evolutiven Bemühens nicht nur um Fortbestand, sondern um Mehrsein ist, nicht nur um zu überleben, sondern um irreversibel zu super-leben. 3. Und dann zeigt sich, wenn ich mich nicht täusche, in aller Helligkeit die Antwort auf die Frage, die wir uns zu Beginn stellten. «Weshalb ist es für uns Jesuiten so wichtig, an der menschlichen Forschung teilzunehmen, bis wir sie mit unserem Glauben und unserer Liebe zu Christus durchdringen und durchtränken?» Weshalb? Ganz einfach [wenn das, was ich sagte, einen Sinn hat], weil die Forschung die Form ist, in der das Schöpfervermögen Gottes sich in der Natur um uns herum verbirgt und am intensivsten wirkt. Durch unser Forschen emergiert neues Sein, ein Zuwachs an Bewußtsein in der Welt. Würde diese neue Kreatur nicht unvollendet, «nichtlebbar» bleiben, wenn sie nicht [wenn möglich von ihrer Entstehung an] so ausdrücklich wie möglich unter die einander komplementären Formen der Inkarnation und der Erlösung fiele? In

114 ihrem Wesen, «ontologisch», ist alle Frucht der Forschung ihrer Natur nach christifizierbar [«christifiabilis» und «chrisificandus»], damit die Welt sei, bis ans Ende. Deshalb ist unser Platz als Priester eben dort an dem Punkt der Emergenz aller Wahrheit und allen neuen Vermögens: damit Christus alles Anwachsen des in Bewegung befindlichen Universums durch den Menschen hindurch informiere. Diesen Gesichtspunkt könnte man den «theologischen» Aspekt der Frage nennen. Übertragen wir, wenn Sie wollen, dieselbe Wahrheit in die Sprache der Psychologie und des inneren Lebens.
(262)

Unter dem Einfluß der fast magischen Kräfte, die die Wissenschaft ihm verleiht, um den Gang der Evolution zu leiten, fühlt sich der moderne Mensch der Zukunft, dem Fortschritt der Welt unvermeidlich durch eine Art von Religion verbunden, die häufig [zu Unrecht, glaube ich] als Neuheidentum beschimpft wird. Ein mit dem evangelischen Glauben an einen personalen Schöpfergott interferierender Glaube an eine evolutive Weiterführung der Welt; – eine neohumanistische Mystik eines Voran, die sich an der christlichen Mystik des Empor stößt: in diesem offensichtlichen Konflikt zwischen dem alten Glauben an einen transzendenten Gott und einen jungen «Glauben» an ein immanentes Universum hat [wenn ich mich nicht täusche] die moderne religiöse Krise in ihrem wesentlichsten Gehalt, in ihrer doppelten wissenschaftlichen und sozialen Gestalt genau ihren Ort. Glaube an Gott und Glaube an den Menschen oder an die Welt. Alles Vorankommen des Reiches Gottes, davon bin ich überzeugt, hängt derzeit an dem Problem, wie diese beiden Strömungen [nicht oberflächlich, sondern organisch] miteinander versöhnt werden können. «Das Problem der beiden Glaubensformen». Nach welcher Methode soll man es angehen? Und wem die Aufgabe, die «Mission» anvertrauen, es zu lösen? In einer ersten Phase ist das selbstverständlich die Arbeit des modernen Apologeten [ich mag dieses Wort nicht, es ist allzu selbstgefällig und wahrheitspossessiv – doch ich finde kein anderes] –, die Arbeit des modernen Apologeten muß also ein Bemühen um intellektuelle Reflexion sein, die erweist, daß die beiden einander gegenüberstehenden Glaubensformen [Glaube an Gott und Glaube an den Menschen], weit davon entfernt, zueinander in Gegensatz zu stehen, im Gegenteil (263) die beiden wesentlichen Komponenten einer vollständigen menschlichchristlichen Mystik darstellen. Kein wahrhaft lebendiger christlicher Glaube, der nicht in seiner Aufstiegsbewegung die Totalität der geistigen menschlichen Dynamik [die Totalität der «anima naturaliter christiana»] erreicht und emporträgt. Und ebensowenig ein psychologisch möglicher Glaube an den Menschen, wenn nicht die evolutive Zukunft der Welt im Transzendenten ein Zentrum irreversibler Personalisation erreicht. Kurz, es ist unmöglich emporzusteigen, ohne sich voranzubewegen – noch voranzuschreiten, ohne in Richtung des Empor zu triften. In diesem Punkt ist das christliche Denken im Laufe einer Generation durch Vertiefung der Begriffe der Teilhabe und der Inkarnation unter dem Druck des profanen Denkens derzeit fast dahin gelangt, sich einig zu werden; und zwar zur größten Erleichterung sowohl der Gläubigen als auch der Ungläubigen und ganz gewiß zur größeren Herrlichkeit Gottes. Die Bedeutung dieses ersten Erfolges ist kaum zu überschätzen. Doch bemerken wir dazu immerhin ganz klar dies: so glänzend diese dialektische Beweisführung von der Vereinbarkeit der «beiden Glaubensformen» auch sein mag, sie verfällt dem Schicksal, solange unfruchtbar zu bleiben, wie sie sich nicht der Welt als konkret gelebt darstellt. Daß theoretisch in abstracto das Empor und das Voran des Universums zusammenfallen, ist gut und ist sogar viel. Damit aber die vorgetragene Lösung wahrhaft überzeugend und ansteckend sei, muß sie sich noch kundgeben – muß sie noch ihre Probe in actu und in Wirklichkeit, das heißt in vivo, bestehen. Damit also, anders gesagt, zwischen dem

115 Glauben an den Menschen die Resultante (264) zustande komme, unter deren Anstoß, davon bin ich überzeugt, das Christentum sich anschickt, morgen neu aufzubrechen [gerade wegen und mit der Evolution!] braucht es keine Abhandlungen und Bücher, sondern menschliche Beispiele: Menschen, so will ich sagen, die, leidenschaftlich und gleichzeitig von beiden Arten des Glaubens beseelt, in sich selbst in ein und demselben Herzen die Verbindung der beiden mystischen Kräfte bewirken, so daß sie in ihrer Umgebung die verwirklichte Synthese vergegenwärtigen; Menschen, die um so überzeugter sind von dem heiligen Wert des menschlichen Bemühens, als sie sich in erster Linie der Sache Gottes annehmen. – Vor Blériot und den Gebrüdern Wright hatte man durchaus schon Berechnungen über den Widerstand der Luft angestellt. Die Luftfahrt hat dennoch erst wirklich zu existieren und die Erde zu erobern begonnen, als Menschen tatsächlich zu fliegen anfingen… Und das führt uns unmittelbar zur Bedeutung der Forschungsarbeit in der Gesellschaft zurück. Historisch hat die Gesellschaft aufgrund der Umstände ihrer Entstehung und aufgrund ihrer Familientradition immer die Rolle eines Verteidigers und Trägers des christlichen Humanismus gespielt. Früher fand diese instinktive Einstellung kaum anderswo eine Ausdrucksmöglichkeit als in einer recht oberflächlichen Verbindung zwischen Literatur [oder Mathematik] und Religion. Heute aber, angesichts des modernen Neohumanismus [der nicht mehr auf den Kult und die Nachahmung der großen Alten, sondern auf die Genese eines Super-Menschen ausgerichtet ist], gewinnt die Funktion, mit der wir traditionell in der Kirche betraut sind, an Gewicht und Verantwortung. Jedes Jahr stellen sich in unseren Noviziaten junge Männer (265) zur Verfügung, in denen [weil sie ihrer Zeit angehören] der Funke des menschlichen Glaubens an die Zukunft der Menschheit leuchtet und brennt. Worauf warten wir noch, um ihnen die Pflicht einzuschärfen und ihnen jede mögliche Gelegenheit zu geben, dieses Feuer an eben dem Feuer zu nähren und anzufachen, das sie bei uns suchen, nämlich dem Feuer der Liebe zu einem inkarnierten Gott? Worauf warten wir, um sie [mit aller notwendigen Vorsicht, das ist selbstverständlich] an die Brennpunkte der menschlichen Forschung zu stellen: nicht in jene neutralen oder überholten Bereiche, wo der Fortschritt langsamer wird [ich denke hier an die meisten Wissenschaften der Vergangenheit], sondern in jene aktiven und kritischen Bereiche, wo man derzeit darum kämpft, die großen Zitadellen der Materie und des Lebens einzunehmen. Vollständige Gläubige auf beiden Ebenen zu sein, ist nicht das, so gefährlich es auch sein mag, unsere erste Mission? Wirklich, wenn jemand, wie ich sagte, in actu et in vivo die wesentliche Synthese der beiden Glaubensformen vollziehen kann, die sich gegenwärtig in der Welt gegenüberstehen, so sind es aufgrund ihrer Tradition und ihrer Bildung die Söhne des heiligen Ignatius: – allerdings unter der Bedingung [unter der wesentlichen Bedingung], daß sie ein für allemal eindeutig diese grundlegende Wahrheit erkannt haben, in der [wenn ich mich nicht täusche] das Wesen und die Erfordernisse selbst des «modernen Geistes» zum Ausdruck kommen: daß nämlich das Reich Christi, dem wir uns geweiht haben, im Kampf oder im Frieden nur auf einer Erde aufgerichtet werden kann, die über alle Wege der Technik und des Denkens bis zur äußersten Möglichkeit ihrer Humanisation vorangebracht wurde. (266)

116 Alles, was ich gesagt habe, würde ich gerne in diesem einzigen Satz zusammenfassen, den Sie selbst in dem korrigieren werden, was seine Einfachheit allzu hart ausdrückt: «Wir Priester, Jesuiten, müssen uns nicht nur für die Forschung interessieren, uns ihr zur Verfügung stellen, vielmehr müssen wir an die Forschung glauben, weil die [«mit Glauben» betriebene] Forschung eben der Boden ist, bei dem Aussicht besteht, daß auf ihm die einzige menschlich-christliche Mystik erarbeitet wird, die morgen eine menschliche Einmütigkeit zu wirken vermöchte».
Bericht, den P. Teilhard de Chardin am 20. August 1947 zu Versailles auf einer Studienwoche vorlegte, die von den Patres der Gesellschaft Jesu veranstaltet wurde. (267)

XVI NOTIZ ÜBER DIE BIOLOGISCHE STRUKTUR DER MENSCHHEIT
Praktisch alle jene [Ethnografen, Politiker, Wirtschaftler, Ethiker], deren Beruf es ist, die Gesellschaft zu studieren und aufzubauen, arbeiten, als ob der soziale Mensch in ihren Händen ein jungfräuliches Wachs wäre, das sie nach Wunsch kneten könnten; während doch die lebendige Substanz, die sie handhaben, ganz im Gegenteil biologisch und historisch durch gewisse eindeutig definierte Wachstumslinien gekennzeichnet ist – Wachstumslinien, die geschmeidig genug sind, um sich von den Architekten der neuen Erde benutzen zu lassen, die aber auch stark genug sind, um jeden Anordnungsversuch, der sie nicht respektierte, zu sprengen. Ich will versuchen, hier in sehr knapper Form die Liste und die Merkmale dieser strukturellen Grundeigenschaften anzugeben, die alle Welt kennen sollte. Sie lassen sich auf drei zurückführen. 1. DIE BIFOKALE NATUR EINES JEDEN NATÜRLICHEN KOSMISCHEN ELEMENTS In allgemeiner Weise kann man sagen, jedes besondere kosmische Element verhalte sich für unsere Erfahrung symbolisch wie eine über zwei Brennpunkten ungleicher und variabler Intensität konstruierte Ellipse: der eine, F1, der materiellen Anordnung, der andere, F2, der Psyche; F2 [Bewußtsein] tritt auf und wächst zunächst in Funktion von F1 [Komplexität], doch bekundet es bald eine kontinuierliche Tendenz, konstruktiv (268) auf F1 einzuwirken, um es zu über-komplizieren und sich selbst immer mehr zu individualisieren. – Im Vorleben [Bereich der winzigen Komplexitäten: Atome und Moleküle] ist F2 nicht wahrnehmbar, das heißt praktisch Null. Im vormenschlichen Leben [Bereich der mittleren Komplexitäten] tritt F2 auf, doch beeinflußt es erst nur geringfügig das Wachstum von F1, das weithin automatisch bleibt. Vom Menschen an [Bereich der unermeßlichen Komplexitäten] übernimmt der reflektierte Brennpunkt F2 zu einem weiten Teil die Aufgabe, F1 weiter zu entwickeln [durch das Wirken der Erfindung], vielleicht in der Erwartung, sich von ihm durch vollständige Autonomisierung57 zu lösen. Kraft dieses ersten Merkmales des kosmischen Stoffes sind wir jetzt bereits gewarnt, daß es durchaus unnütz wäre zu versuchen, irgend etwas um uns herum im Universum zu vergeistigen, ohne es zunächst oder zur gleichen Zeit zu technifizieren und umgekehrt.
57

(Anm 1)

Und durch Umschlagen auf das hin, was ich an anderer Stelle «den Punkt Omega» genannt habe.

117 Versuchen wir, das Phänomen des näheren zu verfolgen. 2. ORGANISCHER WERT DES SOZIALEN PHÄNOMENS Weil wir mitten in die menschliche Masse eingetaucht leben, neigen wir instinktiv dazu, in dem Prozeß der sozialen Organisation nur ein oberflächliches und zufälliges Sich-Sammeln zu sehen. Je mehr man aber die progressive Natur und die psychogenen [das heißt bewußtseinserzeugenden] Eigenschaften dieses Prozesses untersucht, um so mehr gelangt man zur Überzeugung, daß die in ihrer Gesamtheit betrachtete Menschheit [die «Noosphäre»] um unsere individuellen Zentren herum eine umfassende natürliche [und (269) folglich eine bifokale Struktur aufweisende] Einheit bildet oder, genauer, dabei ist, sie zu bilden, die als solche dem oben analysierten allgemeinen Gesetz von Komplexität und Bewußtsein gehorcht. Mit diesem Vorteil, daß das äußerst vergrößerte Phänomen [da es sich auf der Stufe unserer Größenordnung abspielt] hier in seinem Mechanismus ganz besonders lesbar wird, der die folgende Kette von Ereignissen erkennen läßt: a] Zu Beginn eine wachsende planetare Kompression, den die rasch [durch Vermehrung] auf einer geschlossenen Oberfläche sich entfaltende menschliche Masse erfährt. b] Als Reaktion darauf eine gleichfalls wachsende Organisation eben dieser menschlichen Masse, die sich gezwungen sieht, sich in sich selbst anzuordnen, um den planetaren Druck herabzusetzen [Bildung von F1]. c] In Korrelation dazu eine kollektive Intensivierung des Bewußtseins, die durch Anordnung der menschlichen Partikeln ausgelöst wird [Aufstieg von F2]. Der ganze Prozeß erlaubt, für die menschliche Geschichte gewisse Elemente des genauen weiteren Verlaufs unzweideutig vorauszusehen. Denn nichts, so können wir kraft des oben gesagten feststellen, vermöchte die Menschheit in der Zukunft daran zu hindern: a] sich Schritt um Schritt in sich selbst zu totalisieren; b] sich «von unten her» zu automatisieren, so daß eine wachsende Menge brauchbarer Energie freigesetzt wird; c] sich «in der Spitze» zu vergeistigen dank der immer weiter vorangetriebenen Transformation der durch die technischen Fortschritte befreiten Energie. (270) 3. DIE EINROLLUNGSSTRUKTUR DER MENSCHHEIT Was ich eben über die Physiologie der Noosphäre sagte, gewinnt erst seinen vollen Wert, wenn es ergänzt wird durch einen Blick auf ihre Phylogenie. Unter diesem Gesichtspunkt, also unter dem Gesichtspunkt der Systematik, stellt sich uns die Menschheit als ein Bündel potentieller Arten dar, die fortlaufend [durch planetare Kompression] gezwungen werden und [aufgrund psychischer wechselseitiger Durchdringung – Kompenetration] fähig sind, sich ineinander einzurollen. Zoologisch gesehen, könnte man sagen, läßt sich die menschliche Gruppe als das Produkt einer beständigen Verzweigung [Speziation] definieren, die beständig durch Konvergenz in einem räumlich und psychisch gekrümmten Milieu überstiegen und synthetisiert wird. Das aber erlaubt, zwei wichtige Regeln zu setzen: a] Die erste, wir kennen sie bereits, lautet: die Hominisation ist wesentlich ein Prozeß kollektiver Einswerdung.

118 b] Die zweite, neuere aber lautet, daß bei dieser Operation das Faktum in Rechnung gestellt werden muß, wonach die Menschen nicht nur individuell, sondern auch ethnisch komplementäre, qualitativ verschiedene Elemente darstellen. Infolge ihrer natürlich verzweigten Struktur wird die Menschheit, wenn man so sagen darf, von einer großen Zahl reflektierter «Isotopen» gebildet – jedes mit seinen besonderen Kräften begabt. Und wollte man, um die Entwicklung der menschlichen Schuppen in angemessenen Verhältnissen zu überwachen und zu gewährleisten, diese ihre Mannigfaltigkeit nicht in Rechnung stellen, so wäre das ebenso (271) schlimm, wie wenn man versuchen wollte, der doppelten äußeren und inneren Kraft entgegenzuwirken, die sie zwingt, sich in sich selbst einzuknospen. Ich sage es noch einmal. Die verschiedenen strukturellen Eigenschaften, die ich aufgezeigt habe, genügen nicht, um die Lösung des derzeit dem Menschen infolge seiner Evolution gestellten Problems zu bestimmen. Doch legen sie ihre allgemeinen Voraussetzungen fest. Und zwar so sehr, daß jeder Plan, der zu einer einzigen von ihnen in Widerspruch geriete oder sie vernachlässigte, ohne Zögern – wie eine Abhandlung über die Quadratur des Kreises – in den Papierkorb geworfen werden kann.
Galluis, 3. August 1948. (272)

XVII WAS IST DAS LEBEN?
Was ist das Leben? Ich glaube, zu dieser Frage, so beginnen wir zu sehen, zeichnet sich aufgrund des konvergierenden Bemühens der Physik, der Chemie, der Biologie und der planetaren Geschichte eine Antwort ab, die ich in folgenden drei Sätzen zusammenfassen möchte: I. Ganz allgemein könnte man sagen, das Leben [so wie es durch seine wichtigsten Attribute der Assimilation, der Fortpflanzung, der Vererbung und des Bewußtseins definiert ist] erweist sich von nun an der Wissenschaft nicht mehr als eine physiko-chemische Anomalie, sondern als die extreme Form, die unter gewissen Bedingungen [günstige Temperatur, genügende Dauer der Transformation etc.] eine universelle, wenn auch im allgemeinen verborgene Eigenschaft des kosmischen Stoffes annimmt. Das läuft darauf hinaus, daß man mit Recht das Leben als seit immer und überall schon im Universum unter Druck stehend ansehen kann – es entsteht, sobald es kann, wo immer es kann – und dort, wo es aufgetreten ist, intensiviert es sich, so sehr es kann, in den Unermeßlichkeiten der Zeit und des Raumes. II. Genauer gesagt will das Leben uns wissenschaftlich immer mehr als ein spezifischer Effekt der korpuskularen Komplikation erscheinen, der an den Aufbau von sehr großen und sehr komplexen Partikeln gebunden ist. Trotz zahlreicher kritischer Schwellen führt nämlich die Kurve von den großen Molekülen ohne jeden Bruch zu den vielzelligen Wesen: diese Kurve ist nun (273) gerade eben jene, entlang der [außerhalb des Spielraums des Zufalls und der großen Zahlen] die «vitalen» Effekt der Indetermination, der Selbstanordnung und des Bewußtseins emergieren. III. Besteht nun, unter dieser Voraussetzung, zwischen dieser geheimnisvollen Trift der Welt in Richtung immer komplexerer und verinnerlichterer Zustände und der anderen [weit besser studierten und besser bekannten] Trift, die dieselbe Welt in Richtung immer einfacherer und immer mehr äußerlicher Zustände mitreißt – besteht nun zwischen diesen beiden Triften, so frage ich, eine Beziehung? Sollten die beiden Bewegungen [Leben und Entropie], die doch quantitativ [möchte man sagen] von so ungleicher Bedeutung sind, nicht in Wirklichkeit dieselbe

119 Amplitude aufweisen, derselben Größenordnung angehören und in gewisser Weise einander komplementär sein? Und in welcher Gestalt stellt sich in diesem Falle das endgültige Gleichgewicht des Phänomens in der Zukunft dar? In dieser letzten Frage will sich vielleicht für die Wissenschaft von morgen das wesentliche Rätsel des Universums zusammenfassen und formulieren lassen.
Les Nouvelles Littéraires, 2. März 1950. Antwort auf eine Umfrage von André George. (274)

XVIII KANN DIE BIS ZU ENDE VORANGETRIEBENE BIOLOGIE UNS DAHIN BRINGEN, IN DAS TRANSZENDENTE ZU EMERGIEREN?
Auf die Frage, ob die Biologie, wird sie in eine bestimmte Richtung bis zu Ende vorangetrieben, uns dahin führen kann, in das Transzendente zu emergieren, muß man, so glaube ich, mit ja antworten. Und zwar aus folgendem Grunde. Obwohl wir es allzu häufig vergessen: was wir «die Evolution» nennen, entwickelt sich nur kraft einer gewissen inneren Präferenz für das Überleben [oder, wenn man es vorzieht, für ein «Sichüberleben»], die im Menschen im Gestalt der Lebenslust ganz entschieden psychischen Charakter gewinnt. Letzten Endes stützt und trägt die Lebenslust und nichts anderes den ganzen Komplex aller biophysischen Energien, deren Wirken in der Erfahrung die Anthropogenese bedingt. Was würde nun unter dieser Voraussetzung geschehen, wenn wir eines schönen Tages wahrnehmen sollten, das Universum sei so hermetisch in sich geschlossen, daß wir auf keine Weise aus ihm heraustreten könnten – sei es, weil wir gezwungen sind, uns unendlich in ihm im Kreise zu drehen, sei es [was auf dasselbe hinausläuft], weil wir in ihm einen totalen Tod geweiht sind? – Unmittelbar und mit demselben Schlage würden wir – gerade so wie Bergleute, die entdecken, daß der Stollen vor ihnen verschüttet ist –, so scheint mir, «den Mut» verlieren, zu handeln, und der menschliche Elan würd radikal durch Entmutigung und Ekel für immer in der Tiefe seiner selbst zum Stillstand kommen und «zusammenfallen». (275) Was heißt das, wenn nicht dies, daß die evolutive Bewegung, einmal reflektiert geworden, nicht weitergehen kann, es sei denn, sie erweise sich als irreversibel – das heißt transzendent: denn die vollständige Irreversibilität einer physischen Größe ist in dem Maße, wie sie das Hinaustreten aus den Bedingungen der «Zerfallbarkeit» impliziert, die der Zeit und dem Raum eigentümlich sind, nur der biologische Ausdruck für die Transzendenz. Ist sie auf etwas hin offen, das dem totalen Tod entrinnt, so ist die Evolution die Hand Gottes, die uns zu ihm zurückholt.
Studie, die wahrscheinlich im Mai 1951 geschrieben wurde [anläßlich der «Semaine des Intellectuels catholiques»].
(276)

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XIX FORSCHUNG, ARBEIT UND ANBETUNG58
«Betreiben Sie in aller Ruhe ihre Wissenschaft ohne sich um die Philosophie oder die Theologie zu kümmern…». Diesen Rat [und diese Warnung] haben mir die Oberen mein Leben hindurch immer wieder gegeben. Das ist auch noch, so glaube ich, die Anweisung, die den zahlreichen ufnd hervorragenden jungen Leuten gegeben wird, die man heute, wie es recht ist, auf das Feld der orschung schickt. Doch das ist auch die Haltung, bei der ich mit allem Respekt – und doch mit der Gewißheit, die mir fünfzig Jahre eines im Kern des Problems verbrachten Lebens geben – den, den es angeht, darauf aufmerksam machen möchte, daß sie psychologisch nicht lebbar ist und im übrigen in direktem Gegensatz zur größeren Herrlichkeit Gottes steht. 1. WISSENSCHAFTLICHER GEIST UND GLAUBE AN DAS VORAN Um das folgende zu begreifen, ist es notwendig, an die organische und notwendige Beziehung zu erinnern, gemäß der in allen Bereichen das menschliche Wirken von einer genügend starken Anziehung abhängt, die von dem Zielpunkt dieses Wirkens ausgeübt wird. Um einen Gipfel zu erreichen [und um so mehr, je steiler dieser Gipfel ist], muß der Kletterer den leidenschaftlichen Willen haben, diesen Gipfel zu erreichen. Dieses Gesetz gilt universell. Es muß also auf die Wissenschaft (277) angewendet werden können: diese berühmte Wissenschaft, deren Eroberungen alle Welt lobt und nutzt – aber ohne sich jemals die Frage zu stellen, aus welcher tiefen psychologischen Quelle sich ein so unwiderstehlicher und so allgemeiner menschlicher Elan nährt. Seit einem Jahrhundert ist auf der Erde die wissenschaftliche Forschung zugleich quantitativ [durch die Zahl der eingesetzten Individuen] und qualitativ [aufgrund der Bedeutung der erzielten Ergebnisse] eine der wichtigsten Formen – wenn nicht die Hauptform – des reflektierten irdischen Tuns geworden. Dann aber muß es einen äußerst kraftvollen Motor geben [wo ist der hinreichend starke Motor?...], um eine derartige Bewegung um uns herum zu tragen und zu beschleunigen. Versuchen wir, auf die Frage zu antworten. Ganz zu Anfang [und in Weiterführung dessen, was bereits bei den höheren Tieren zu beobachten ist] wird der Mensch offensichtlich durch die spekulative Anziehung der Neugier in Verbindung mit dem wirtschaftlichen Anreiz eines leichteren Lebens zu einem «Gelehrten». Aus Vergnügen und Bedürfnis zugleich entdecken und erfinden – um in seiner Umgebung die Existenz zu verbessern. Man kann mit Recht dieses doppelte Bedürfnis nach Vergnügen und Komfort als das anfängliche Stimulans der Forschung betrachten. Wie aber könnte man gleichzeitig übersehen, daß in Verbindung mit den letzten Entwicklungen des Erkennens ein neuer, sehr viel mächtigerer psychischer Anreiz bei dem Forscher von heute

(Anm 1) Dies sind die letzten Seiten, die P. Teilhard vor seinem Tod nach Paris geschickt hat. Sie sind kurze Zeit vor seinem letzten Werk: Das Christische geschrieben worden, das später erscheinen wird. [Anmerkung der Herausgeber]. 58

121 in Erscheinung treten will: nicht mehr nur die Lust am Wohlsein – sondern die heilige und leidenschaftliche Hoffnung, zu einem Mehrsein zu gelangen. (278) Bis in die jüngste Zeit hatte sich der Mensch anscheinend mit der Idee zufrieden gegeben, alles, was er in dieser Welt zu leisten vermöchte, wäre, so, wie er ist, unter den bestmöglichen Bedingungen fortzuexistieren. Jetzt aber, unter dem gemeinsamen Effekt zweier neuer geistiger Faktoren – nämlich: a] zunächst der Entdeckung, daß das Leben das Ergebnis und der Ausdruck einer Evolution war; b] und der gleichzeitigen Entdeckung, daß es dem Menschen durch die wissenschaftliche Inbesitznahme der Triebkräfte dieser Evolution möglich war, ihn, den Menschen, ultraevolvieren zu lassen: Jetzt aber, so sage ich, findet eine neue Perspektive, eine neues Streben Eingang in unsere Herzen: nicht nur überleben oder wohlleben, sondern super-leben, indem wir uns den Zugang zu einem höheren Bereich des Bewußtseins und des Tuns erzwingen. Ganz in der Tiefe seiner selbst arbeitet bereits jetzt schon jeder dieses Namens würdige Forscher nur mehr [und er kann nur noch so arbeiten] getragen von der Idee, die ihn umgebende Welt weiter voranzutreiben, und zwar bis ans Ende. Mit anderen Worten, jeder Forscher ist, zumindest virtuell, heute aufgrund eines funktionalen Erfordernisses ein «an das Voran Glaubender», ein dem «Ultra-Humanen» Geweihter geworden. Das ist meines Erachtens die gegenwärtige Situation – eine Situation, die die folgenden praktischen Konsequenzen nach sich zieht. (279) 2. DER KONFLIKT RELIGION-WISSENSCHAFT UND SEINE LÖSUNG In den Augen der religiösen Autorität erscheint die Wissenschaft gefährlich, weil sie im Geist derer, die sich ihr widmen, die «Einwände» zu vervielfachen und die Tendenz zum Zweifel zu entwickeln droht. Kraft dessen, was ich eben sagte, stellt sich das Problem in anderer Weise und in einer tieferen Schicht. Was nämlich wirklich die Oberen veranlassen müßte, es sich doppelt zu überlegen, bevor sie einen Jungen in ein Laboratorium schicken [oder in die Fabrik, was im Grunde auf dasselbe hinausläuft], ist nicht so sehr die Furcht zu erleben, daß dieser einen «kritischen Geist» entwickelt, als die Gewißheit, ihn dem Feuer eines neuen Glaubens auszusetzen [dem Glauben an den Menschen], an den er wahrscheinlich nicht gewöhnt ist. Urere aut uri59 Je frommer der Gewählte ist, um so mehr ist zu wetten, daß er entsprechend den erhaltenen Unterweisungen das Vorgehen und die Eroberungen der Wissenschaft, religiös gesprochen, als einen einfachen Zuwachs oder als nebensächlich für das Reich Gottes betrachtet. Und je mehr er andererseits aus dem Holze eines Wissenschaftlers ist, um so mehr Aussicht besteht, daß er unmittelbar durch eine neue Sicht verführt wird, die dem natürlichen Gegenstand seiner tiefsten Neigungen einen absoluten Wert verleiht.

59

(Anm 2)

Brennen oder verbrannt werden. [Anmerkung der Herausgeber].

122 In unseren Tagen kann sich aus der Notwendigkeit der Dinge heraus kein Christ mehr ernsthaft der Forschung widmen [oder sich infolgedessen mit gleicher Kraft mit seinen nichtchristlichen Kameraden in eine (280) Reihe stellen], ohne an der grundlegenden Schau teilzuhaben, die diese Forschung beseelt; das heißt ohne zuvor den Widerspruch zu regeln, der noch in der Tiefe seiner selbst in neun von zehn Fällen zwischen den Werten des traditionellen evangelischen Empor und den Werten des neuen menschlichen Voran besteht. Einem Ordensmann sagen er solle die Wissenschaften betreiben, ohne ihm gleichzeitig zu erlauben, eben damit seine ganze religiöse Schau neu zu denken, heißt somit nämlich, wie ich zu Beginn sagte, ihm eine unmögliche Anweisung geben – und ihn von vornherein zu mittelmäßigen Ergebnissen, bei einem gespaltenen Innenleben verurteilen. Eine um so «absurdere» Situation, als es, um aus dieser Sackgasse herauszukommen, nicht um die Frage geht [ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, das immer wieder hinauszurufen], den christlichen Geist [und den Geist des heiligen Ignatius] abzuschwächen, sondern darum, ihn bis zum höchsten Ausdruck seiner selbst zu verstärken. Hier ist nicht der Ort, noch einmal meine vertraute These zu entwickeln, daß in dem Universum konvergenten Typs, das uns die Wissenschaft enthüllt [und nur in einem solchen Universum] Christus endlich die Fülle seines Schöpfertuns findet dank der endlich wahrgenommenen Existenz eines natürlichen und höchsten Zentrums der Kosmogenese, in dem er seinen Ort findet. Dagegen scheint es mir, ich müsse mehr denn je betonen, in welchem Maße, allein aufgrund des Faktums dieser Versetzung des auferstandenen Christus an einen höheren Pol der kosmischen Evolution, der christliche Gelehrte in seinem Elan zur Forschung im Vergleich zu dem nichtchristlichen Gelehrten nicht nur «gleich-beseelt», (281) sondern «super-beseelt» wird. Denn dann gewinnt in seinen Augen das Ultra-Humane in der Zukunft nicht nur in Gestalt eines verschwommenen Kollektivs, sondern unter den höchst anziehenden und klaren Zügen eines Jemand sein Profil. Im Geist und im Herzen des «Arbeiter der Erde» gewordenen Christen stellt sich dann nicht die gefürchtete Interferenz, sondern die großartige Resonanz zwischen der Anbetung des Empor und dem Glauben an das Voran ein. Und damit hat er selbst auf dem Boden der Hingabe an die Welt das Recht und den Stolz, dem humanistischen oder marxistischen Kameraden zu sagen: «Plus et Ego»… 3. EIN INS AUGE ZU FASSENDER PRAKTISCHER PLAN: EINE SPEZIALISIERTE RELIGIÖSE AUSBILDUNG FÜR DIEJENIGEN, DIE IM LABORATORIUM UND IN DER FABRIK ARBEITEN Wie soll man [in Anerkennung, daß sie faktisch ein und derselbe sind] den Gott des Empor und den Gott des Voran miteinander versöhnen? Seit fünfzig Jahren haben auf gut Glück als «Guerillas» hinausgeschickte Forscher-Priester und Arbeiter-Priester60 wie ich das Problem gespürt und mehr oder weniger wie ich zu lösen versucht: «jeder für sich».
(Anm 3) Beim Arbeitspriester verdeckt die «soziale» Forderung nach größerem Wohlsein das Streben, den neohumanistischen Glauben an das Mehrsein. Doch ist meines Erachtens dieser Glaube immer da, und er bildet den wesentlichen, den lebendigsten Teil des «Arbeitergeistes» [vgl. die wiederholten Zeugnisse von Paul Vaillant-Couturier, Dr. Rivet etc.]. 60

123 Sollte nicht der Augenblick gekommen sein die Ergebnisse dieser Erfahrung zu sammeln, zu kodifizieren und systematisch den neuen Rekruten zu vermitteln? – Das heißt, müßte man nicht die Jungen, bevor man sie in die Laboratorien [oder in die Fabrik] schickt, von nun an nicht nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Fähigkeiten und ihrer intellektuellen Neigungen aussuchen sondern darüber hinaus auch noch vielleicht: 1. sie prüfen und 2. sie in bezug auf ihre geistig-geistliche Fähigkeit erziehen, «das Christische» in einem «UltraHumanen und durch es» hindurch zu erkennen und zu verfolgen? Die Maßnahme ist offensichtlich unumgänglich. Und so sehen wir uns ganz natürlich vor die Aufgabe gestellt, in dieser oder jener Form die Schaffung von «spezialisierten Seminaren» ins Auge zu fassen, in denen [sei es in kurzen Trainingsperioden oder über längere Zeiträume] die künftigen jungen Forscher oder Arbeiter von gut ausgewählten älteren in eine Theologie eingeführt würden, die sich mehr darum bemüht, als sie es jetzt tut, die Bande darzulegen, die das Reich Gottes und das menschliche Bemühen genetisch miteinander verknüpfen. Eine geistige Grundausbildung also. Aber wohlgemerkt auch eine geistliche Praxis der Exerzitien, die [ebenso wie das Dogma] im Sinne einer besseren Bewertung der zugleich christlichen und christifizierenden Kräfte des menschlichen Tuns und der menschlichen Werke neu gedacht werden müssen. «Die Grundlegung», «das Reich», «die beiden Banner»61: weil diese wesentlichen Meditationen in einer Zeit gedacht wurden, in der man den Menschen noch betrachtete, als sei er fix und fertig in ein statisches Universum hineingestellt worden, stellen sie [in ihrer gegenwärtigen Form] nicht die Anziehung in Rechnung, die von nun an das Voran in legitimer Weise auf uns ausübt. Sie geben den Fortschritten der Hominisation nicht ihren ganzen heiligenden und kommunizierenden (283) Wert. Und folglich bringen sie weder dem modernen Forscher noch dem modernen Arbeiter, was der eine wie der andere von ihrem Glauben vor allem erwarten: nämlich [wie es ein Jocist62 sagte] das Recht, sich zu sagen, daß sie im Arbeiten den totalen Christus unmittelbar berühren und vollenden. Ebenso wie die dogmatische Christologie muß nämlich wirklich auch der Begriff der christlichen Vollkommenheit neu aufgegriffen und [in ihrem Sinne] neu vertieft werden, sobald man ihn in ein neues Universum transponiert [nämlich eben das der Laboratorien und der Fabrik], in dem die «Kreatur» nicht mehr nur ein «zu benutzendes Instrument», sondern ein von der in Genese befindlichen Menschheit «zu integrierendes Ko-Element» ist – und wo der alte Gegensatz ErdeHimmel in der neuen Formel: «Zum Himmel durch die Vollendung der Erde», verschwindet [oder korrigiert wird]. Eine neue Theologie und ein anderer Zugang zur Vollkommenheit also, die nach und nach in den Studien- und Exerzitienhäusern erarbeitet werden, um den neuen Bedürfnissen und dem neuen Streben der «Arbeiter» zu genügen, die uns umgeben.

61 62

Meditationen aus den Exerzitien des heiligen Ignatius. [Anmerkung der Herausgeber]. (Anm 5) Von JOC, jeunesse ouvrière catholique, katholische Arbeiterjugend [Anmerkung des Übersetzers].
(Anm 4)

124 Doch vielleicht noch mehr [in dem Maße, wie Forscher und Arbeiter heute nur die Avantgarde der aufsteigenden Gesellschaft sind] eine neue und höhere Form der Anbetung, die Schritt um Schritt vom christlichen Denken und Gebet zum Gebrauch durch jedweden Gläubigen von morgen entdeckt wird.
New York, März 1955. (284)

ANHANG
Es erscheint uns angezeigt, hier den Brief zu veröffentlichen, den P. Teilhard am 2. November 1947 an Emmanuel Mounier anläßlich der Gespräche richtete, die unter dessen Vorsitz in Châtenay stattfanden. [Anmerkung der Herausgeber].

Lieber Freund, Da es mir ganz entschieden nicht möglich ist, an Ihrer Tagung teilzunehmen, möchte ich Ihnen zumindest diese wenigen Zeilen schicken, um Ihnen zu sagen, wie sehr ich mit dem Herzen bei Ihnen und Ihnen allen sein werde. Ich habe überdies auch nicht die Zeit gefunden, Ihnen einen Bericht zu schreiben. Mir liegt jedoch daran, Sie auf folgenden fast self-evidenten Punkt hinzuweisen – den ich gerne Ihrer Gruppe vorgetragen und mit ihr diskutiert hätte. Wenn man von einer «Theologie der modernen Naturwissenschaft» spricht, so bedeutet dies selbstverständlich nicht, daß die Wissenschaft für sich allein ein Antlitz Gottes oder eine Religion bestimmen könnte. Doch bedeutet es, wenn ich mich nicht täusche, dieses, daß, unter der Voraussetzung einer gewissen Entwicklung der Wissenschaft, gewisse Gottesvorstellungen und gewisse Formen der Anbetung ausgeschlossen werden, weil sie mit den Erfahrungsdimensionen des Universums nicht homogen sind. Dieser Begriff der Homogenität ist gewiß im intellektuellen, sittlichen und mystischen Leben entscheidend. Wenn sich die verschiedenen Stockwerke unseres Innenlebens nicht streng gegeneinander abgrenzen lassen – so müssen sie umgekehrt der Größenordnung, der Natur und der Tonalität nach zu einem Einklang kommen. Anderenfalls wäre es unmöglich, in uns eine wahre geistige (285) Einheit zu schaffen – was vielleicht die legitimste, die gebieterischste und die endgültigste Forderung des Menschen von heute und des Menschen von morgen ist. Unter dieser Voraussetzung darf man, so glaube ich, sagen, daß die von der Wissenschaft in unsere Wahrnehmung und Konzeption vom Weltstoff eingebrachten großen Änderungen die folgenden sind: 1. Totale Organizität des Universums in der Zeit und im Raum. In der Welt, wie sie uns heute erscheint, ist jedes Element, jedes Ereignis [wenn auch in seiner individualisierten Bahn auf ein kurzes historisches Segment begrenzt] in Wirklichkeit [in seiner Vorbereitung, in seinem Rahmen und in seiner Vollendung] der Totalität einer Raum-Zeit koextensiv, aus der unsere Erfahrung unmöglich nach hinten oder nach vorn emergieren kann [es sei denn, in der letztgenannten Richtung, durch Tod und Ekstase]. 2. Atomizität des Universums. Darunter verstehe ich die Eigenschaften der Welt [die bereits von den Griechen erahnt, aber erst – und mit welch wunderbarem Realismus – seit fünfzig Jahren bewiesen wurden!], daß sie elementar aus einer unglaublichen, bestürzenden Vielheit elementarer Körner zusammengesetzt ist, die nach unten hin – im Winzigen – immer zahlreicher und kleiner sind und von daher erklärt sich die gewaltige, unvermeidliche Rolle des Zufalls und des Tastens an der Basis der Dinge.

125 3. Und folglich eine ursprüngliche Funktion der Anordnung [oder Einswerdung], insofern das Bewußtsein in evidentem Erfahrungszusammenhang mit einer schrittweisen Komplikation der Anordnung innerhalb der korpuskularen (286) Systeme immer höherer Größenordnung auftritt. Innerhalb eines durch diese drei Hauptachsen definierten wirklichen Rahmens muß von nun an eine annehmbar Theologie dargelegt werden. Die Metaphysik hat eine Idee des abstrakten, physisch undeterminierten Seins mißbraucht. Die Wissenschaft ihrerseits definiert uns mittels gewisser genauer «Parameter» die Natur und die Erfordernisse, das heißt den physischen Stoff des «teilhabenden» Seins. Diese Parameter muß von nun an jede Konzeption der Schöpfung, der Inkarnation und der Erlösung und des Heiles respektieren – ebenso wie, wohlgemerkt, auch jeder «Beweis» der Existenz Gottes. Machen Sie mit diesen Überlegungen, was Sie wollen, aber drucken Sie sie nicht ab…63 Noch einmal viel Glück Und ganz der Ihre Teilhard (287)

(Anm 1) Der Ordensgehorsam verbot dem Pater, seine Schriften, ausgenommen einige wissenschaftliche Artikel, zu veröffentlichen. [Anmerkung der Herausgeber]. 63

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