Madrid-Trip oder Spanien und der Stier 2007

Was für eine Weltstadt! Unvermutet stand Ich, nach einer Körperdrehung am U-BahnAusgang an der Grand Via 10 Meter vom Hoteleingang entfernt. Da die gebuchten Hotels mitten in der Stadt lagen, war die Anfahrt mit U-Bahn vom Flughafen sehr einfach (die 3Tageskarte für die Bahn kostet in etwa denselben Betrag, den man in München für eine einfache Fahrt zum Flughafen bezahlen darf). Das U-Bahnnetz in Madrid ist bestens ausgebaut, zu den vielen Querverbindungen gibt es noch eine Ring-U-Bahn sowie eine RingBuslinie. Dass irgendein Grossereignis stattfinden musste, war mir klar, nachdem die Hotelpreise im Internet um ca. 50% innerhalb der letzten Wochen angestiegen sind; nachdem für den Ankunftstag fast gar kein Hotel in ganz Madrid mehr zu buchen war! Beim Schlange-Stehen in der Hotellobby war es schnell herausgefunden: Die vielen Fans im rot-weissem Trikot waren aus Sevilla, um im berühmten Bernabeu-Stadion das Pokalfinale (Copa del Rey) zwischen Sevilla und Getafe zu sehen. Meine Erwähnung Bernd Schusters, des deutschen Trainers des gegnerischen Mittelklassevereines aus Getafe wurde freundlich und höflich zur Kenntnis genommen. Einen Gutteil der prachtvollen Gebäude in der Innenstadt nehmen spanische Banken und Hotels in Anspruch. So beeindruckend zentral und mit prachtvollen beigen und weissen Fassaden die Hotels, so lausig war das Innenleben in den Zimmern. Fenster zu den ungepflegten Innenhöfen, sehr überraschend, was sich hinter den Fassaden im Stadtzentrum so verbirgt. Auf die Frühstücksräume jedoch legen die Spanier wieder mehr wert. Die liegen schön im ersten Stock mit Blick über die belebten Strassen auf die Prachtbauten gegenüber. Repräsentiert wohl den spanischen Lebensstil, die Wohnungen dürftig, aber die Räume, wo man zum Feiern und Kommunizieren zusammenkommt, stilbewusst. Allgemein haben mir es die hohen, repräsentativen Fassaden im grossen Stadtkern angetan. An dem beigen und roten Stein mit den schwarz verzierten Mini-Balkonen auf der Strassenseite, kann ich mich nicht sattsehen! Erinnert mich mit den bis zu 10-stöckigenbreitflächigen Gebäuden etwas an das Stadtbild aus Blade Runner, nur dass hier das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht, angenehm sonnig zwischen 30 und 35 Grad. Und diese beeindruckend Plätze. Die Plaza de Cibeles , wo die Anhänger von Real Madrid Ihre Siege feiern, mit dem Postamt, dass man eher für einen Justizpalast halten möchte. Nicht zu reden vom Königspalast, wie viele der Architektur-Meisterwerke im neoklassizistischen Stile. Durch die deutlichen Höhenunterschiede ergeben sich schöne Blickfluchten entlang der teilweise sechsspurigen Strassen im Stadtkern. Da Madrid auf einem Hochplateau liegt, ergeben sich von manchen Plätzen und Brücken aus zudem noch interessante Perspektiven auf das Umland. Nur die Plaza Major enttäuscht, reinste Touristenfalle. Wohingegen man ansonsten nicht auf Anhieb bemerkt, dass momentan, im Sommer, der Grossteil der Menschen, die durch das Stadtzentrum eilen, Touristen sind. Überhaupt machen die Menschen hier einen (erwartet) eleganten, aber auch ausnehmend sympathischen Eindruck. Kaum arrogante Hauptstadt-Attitüde zu erkennen (wie ich es von Paris in Erinnerung habe), ausser beim Hotelpersonal. Das braucht offenbar keine wiederkehrenden Gäste, ausgebucht ist hier ohnehin, auch bei den kräftigen Zimmerpreisen. Denn zu den internationalen Touristen zieht es scheinbar im Sommer auch reichlich Spanier zum Besuch in ihre Hauptstadt. Um in der hektischen Innenstadt auch etwas Ruhe zu schöpfen,

bietet sich unter anderem der Retiropark an. Dort stehen am Wochenende die Teletubbies, Mickeymaus und Hulk bereit, um die Flaneure zu begrüssen und für Fotos zur Verfügung zu stehen. Neben dem sympathischen Eindruck machen die Menschen hier im Stadtzentrum auch einen recht zufriedenen, wenn nicht sogar glücklichen Eindruck. Selbst eine elegant gekleidete und zuversichtlich gestimmte junge Frau im Rollstuhl fiel mir auf. Der Rollstuhl mag von temporär notwendiges Hilfsmittel gewesen sein, doch habe ich in Deutschland im Rollstuhl noch niemanden in guter Stimung gesehen. Aufgrund der Spanischen Geschichte laufen einem hier jede Menge Lateinamerikaner über den Weg. Ausserdem viele Schwarze. Habe nirgendwo bisher Schwarze mit einer so zuversichtlichen Körpersprache gesehen, das sollte ja wohl für eine integrierte Stadtbevölkerung sprechen (ein aktueller Blick in internet-blogs scheint diesen Eindruck zu bestätigen, wenngleich hier durch starke Immigration nach Spanien in den letzten Jahren ein Mentalitätswandel befürchtet wird). Dass sich im Zentrum hauptsächlich entspannte Touristen aufhalten, wurde mir erst richtig bewusst, als ich durch das Viertel „Nuevos Ministerios“ spazierte. Denn hier traf ich erstmalig während des Aufenthaltes gehäuft auf Spanier, in deren Gesichter und Mienen deutlich die Sorgen des globalisierten Arbeitsmarktes ihre Zeichen hinterlassen haben. Nach den ausgiebigen Spaziergängen durch die Stadt kurz mal im Hotelzimmer die Beine hochgelegt und ferngesehen: Grosse Liveberichterstattung aus der Stierkampfarena in Malaga! Gut, nachdem selbst Feuilletonisten in grossen deutschen Blättern vom spanischen Stierkampf (Corrida de Torros) schwärmten und diesen seit Jahrzehnten entgegen allen europäischen Tierschutzgesetzen verteidigen, sollte ich mir diese Gelegenheit, an speziell spanischer Kultur teilzuhaben, nicht entgehen lassen! Zumindest die beiden Matadores, die heute auftreten, sehen für mich wie kleine Könige aus in Ihren goldverzierten (hautengen) Kleidern. Vom Gesicht her sehr gutaussehend, müssten eigentlich in einer Liga mit Tom Cruise mitmischen können, alleine vom Aussehen her. Die Übertragung ging mehr als zwei Stunden lang, gut eine Handvoll Stiere kommt dabei zu Tode. Der Ablauf ist immer derselbe: Der Stier wird noch in seiner Kabine mit ein paar Lanzen angestachelt, kommt dann enorm wuchtig und schnell in die Arena geschossen. Die Picadorres und Banderilleros ermüden den Stier mit den Tüchern und stechen ihn mehrmals in die Nackenpartie, was entscheidend für den Fortgang ist. Denn fortan muss er den Kopf gesenkt halten. Nur so kann ihn der Matador später durch den Stoss in den Nacken töten. In der letzten Phase übernimmt ausschliesslich der Matodor, der den Stier mit seinem purpurroten Tuch weiter ermüdet und ihm immer näher kommt. Dabei kommt es regelmässig zu Berührungen mit dem Stier, wenn er praktisch mit dem Tuch direkt um den Matador herum geführt wird. Jetzt kommt auch die hautenge Kleidung zu Ihrem Recht, lässt es sich doch die Fernsehregie nicht nehmen, in dieser Phase, im „Tanz“ (Paso Doble) mit dem Stier mehrmals Grossaufnahmen vom Po des Matadors zu präsentieren. Das Fatale für den Stier ist, dass er offenbar entweder nicht differenzieren kann zwischen dem Tuch, das ihm vorgehalten wird und dem Menschen dahinter. Oder er sieht in den schmalen Hüften des Matadors keine Angriffsfläche für seine breiten Hörne. Jedenfalls geht der Stier immer dem Tuch nach und nie direkt auf den Menschen los. Und während ich noch den Stier bedaure und mich der fünfmalig gleiche Ablauf zu langweilen beginnt, rammt doch tatsächlich zu aller Überraschung noch ein Stier ein Horn in den Oberschenkel des Stierkämpfers. Der Matador kommt erschreckt und humpelnd wieder auf die Beine, während der Stier von den Helfern abgelenkt wird. Die ständige Lebensgefahr, in der sich der Matador während des ganzen Abends befindet, wird jetzt schlagartig wieder bewusst. Der Stierkämpfer gibt jedoch nicht etwa auf, es wird lediglich sein Bein verbunden. Immer noch hat der Stier weit mehr Blut gelassen als der Matador. Jetzt sind die Ausgangsvoraussetzungen aber etwas ausgeglichener,

da der Matador sich nur noch humpelnd bewegen kann. Seinen Mut hat er keineswegs verloren, den einstudierten stolzen Gesten folgt jetzt wirkliche Tatkraft. Trotz sicherlich starker Schmerzen rammt der Matador wenige Augenblicke später - wie rituell vorgeschrieben - seinen Degen mit Wucht durch den Nacken des Stieres in sein Herz. Der Stier sinkt nach einigen Sekunden tot nieder, die Zuschauer in der königlichen Loge zollen mit stehenden Ovationen Respekt. Durch der spanischen Lebensart entsprechende Öffnungszeiten (bis 21h) bot sich zum Glück neben dem Beobachten der spanischen „Kunstform“ Stierkampf auch die Gelegenheit, ausgiebigen Blick auf die Kunstwerke in den Hallen des Nationalmuseums Reigna Sofia zu nehmen (die Öffnungszeiten des Prado waren mit Torschluss um 14h weniger besucherfreundlich). Obwohl ich mich eigentlich an meinen früheren Dali-Kunstdrucken längst sattgesehen hatte, war es doch wieder faszinierend, vor weniger bekannten Dali-Originalen zu stehen und das großformatige Guernica-Original aus der Nähe studieren zu können.