04 April 2013

Swissfilm Association

Die Zukunft der Filmproduktion gehört weder Amateuren noch Billiganbietern
An der Generalversammlung der Swissfilm Association war ein interessanter Mann zu Gast: Gerd Leonhard. Vom Wall Street Journal als «einer der führenden Medienfuturisten der Welt» bezeichnet, gilt Leonhard als Experte für die Zukunft der Medien und deren Inhalte, für Technologie, Marketing, Werbung, Markenaufbau, Kommunikation und Kultur. Hier exklusiv für «persönlich»-Leser ein Auszug seines spannenden Vortrags.
Text: Swissfilm Association Bild: Gerd Leonhard

Gerd Leonhard: einer «der führenden Medienfuturisten der Welt».

Die Auftraggeber als «Sender»

Es ist so, dass immer mehr Inhalte zu Film werden, und darum wird es noch mehr Videos brauchen. Das sieht man bereits heute: Von den top tausend Firmen weltweit haben über neunhundert bereits eigene Videokanäle, wo sie sich selbst bewerben. Also jede grosse Marke – von der Airline zur Autofirma, vom Pharmakonzern zu NPO und Regierungen – wird quasi zum Sender. Diese Tatsache ist natürlich ein guter Trend für Filmproduzenten. Natürlich wird insgesamt der Preis für Filmproduktionen heruntergehen. Anfangs zumindest, weil wesentlich mehr Leute wesentlich mehr Technologien zum Filmemachen haben, auch wenn es

nicht so professionell wie in der Vergangenheit ist.
Wird es professionelle Filmproduzenten brauchen?

– auch weil sie es wirklich versuchen –, aber im Endeffekt wird der Qualitätsanspruch auch da wieder gewinnen. Das ist wichtig, denn traditionelles Filmemachen hat sich

Ganz sicher! Das wird dazu führen, dass in Zukunft viel mehr Aufträge vorhanden sein werden und nur der «untere Teil» von Amateuren umgesetzt wird. Der «mittlere und obere Teil» wird dementsprechend wachsen. Der Qualitätsanspruch wird über die Zeit hinweg umso mehr steigen, desto mehr Input von Amateuren oder von Semiprofis kommen wird. Das ist kein Widerspruch, im Gegenteil. Es sieht zwar im Moment so aus, als ob die Amateure alles abdecken könnten

«Man muss alle Dinge verstehen, die jetzt drum herum vor sich gehen.»

sicherlich für immer verändert, und in zehn Jahren werden alle Technologien von visuellen Medien verbunden sein. Man muss auch viel breiter denken, denn die sozialen Netzwerke entwickeln sich zu Hauptsendern.

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Medienpar tnerschaft Swissfilm Association werbung

Und wenn man mit diesen Sendern arbeiten will, muss man schauen, dass man in dieses Format ­ hineinpasst. Die wichtigste Anforderung heute: Man muss alle Dinge verstehen, die jetzt drum herum vor sich gehen.
Wichtigste Trends

· Neue Technologien werden zu Standards, zum Beispiel Augmented Reality. · Film wird komplett mobil, man schaut sich Filme auf iPhone und Tablets an. · Social Media: Alles, was mit Film zu tun hat, ist auch sozial vernetzt. Ein Supertrend für Produzenten, wenn sie den Weg dorthin finden und Teil davon werden können. ­ · Die Vermischung traditioneller Kompetenzbereiche. Der Produzent muss jetzt auch Social-Media-Technologie, Marketing, Content usw. anbieten können. · Technologische Entwicklungen, zum Beispiel Super High Definition. 3-D vielleicht – obwohl das wohl zu keinem Megatrend werden wird, der mehr Business bringt.
Anforderung und Skills für Profis

bringt, um den Auftrag zu bereichern. Wichtig ist ebenso, dass die Filmproduzenten jetzt auch ganz andere Nischen füllen, zum Beispiel als Berater für Marketing, Brand, Content und Technologie. Die Entwicklung wird so wie beim Journalismus sein, wo Amateure, die mal einen Artikel schreiben, zwar willkommen sind, aber schlussendlich dazu beigetragen haben, dass der Qualitätsanspruch der Leser höher wurde, weil man den Unterschied ganz deutlich sehen konnte. Nur das Preisniveau wird vielleicht am Anfang tiefer liegen, das wird sich in drei bis fünf Jahren wieder wesentlich besser klären, weil dann auch die Unterschiede genau erkannt sind.
Bis wann?

Swissfilm Association Die Branche veränder t sich rasant. Neben den aktuellen Themen beschäftigt sich der Verband mit den unterschiedlichen Aspekten des Themas «Zukunft» und unterstützt mit verschiedenen Projekten seine Mitglieder und deren Kunden bei der Umsetzung der aktuellen Anforderungen. Wir werden an dieser Stelle wieder darüber berichten.

Es geht nicht darum, die Billigsten und die Schnellsten zu sein. Man muss sich mehr separieren von denen, die das einfach mal so machen. Man muss zeigen können, wo der Qualitätsunterschied ist. Daneben muss man sagen können, welchen Mehrwert der Auftraggeber mit der professionellen Umsetzung bekommt und welche weiteren Leistungen man noch

Die Schweiz ist mit Verhaltensänderungen immer ein bisschen zögerlicher als die anderen: Während in Amerika schon ein Viertel der Bevölkerung Tablets benutzt, um Zeitung zu lesen, haben wir Schweizer zwar alle ein Tablet, aber wir lesen immer noch die Printversion. Deswegen haben wir auch noch Zeit, um uns vorzubereiten. Aber diese Konkurrenzfähigkeit muss heute angegangen werden, um in dieser vernetzten Welt wirklich besser zu werden, und nicht billiger oder schneller. 

Gerd Leonhard Gerd Leonhard ist ein weltweit vielbeachteter Redner, und bekannt für seine provokativ-direkten und gleichzeitig inspirierenden Keynotes. Während der vergangenen 10 Jahre hat Leonhard vor mehr als 200 000 Führungskräften und Fachleuten an 1 300+ Veranstaltungen in 43 Ländern referiert. Für 2012 ist die Veröffentlichung seines neuen Buchs «From Ego to Eco – why business as usual will kill us, and what to do about it» geplant. Leonhards Domizil ist in Basel.

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