You are on page 1of 32

zeitschrift des mittelschüler-kartell-verbandes

Preis: 2,-

couleur
>> politisch unabhängiges jugend- und mitgliedermagazin

02 | 13

Widerstand und Verfolgung
Korporierte im Kampf gegen das NS-Regime

P.b.b.

GZ 02Z031286S

Verlagspostamt 1070 Wien

DVR: 0014958

bezahlte Anzeige

couleur 02 | 13

3

editorial
RAA GR Mag. Gottfried Forsthuber v/o Michelangelo (BDB) Chefredakteur

Thema

Farben tragen – Farbe bekennen . . . . . . . . . . . . . . . 4 Der Kampf gegen das Naziregime Farben tragen – Farbe bekennen . . . . . . . . . . . . . . . 6 Die Buchpräsentation Rot, antisemitisch, anschlussfreudig . . . . . . . . . . . 8 75 Jahre danach: Keine objektive Aufarbeitung

Der Kampf für die Freiheit
Sich im Angesicht des Unausweichlichen einem menschenverachtenden Regime entgegenzustellen und für seine Überzeugung einzutreten, zeugt von Selbstlosigkeit und wahrer Größe. Es ist bewegend, ja richtiggehend berührend, was das 13-köpfige Autorenkollegium rund um Herbert Fritz v/o Dr.cer. Texto (TRW) und Dr. Peter Krause v/o Dr.cer. Aegir (VDW) im jetzt neu erschienen Buch „Farben tragen – Farbe bekennen: Korporierte in Widerstand und Verfolgung“ zusammengetragen haben. 550 Schicksale der katholisch korporierten Widerstandskämpfer werden darin aufgearbeitet. Sie zeigen, was es bedeutet unsere Prinzipien in einer extremen Situation zu leben, für sie einzustehen und für ein freies Österreich den eigenen Tod zu riskieren. Sie alle sollen Vorbild für unsere heutigen Herausforderungen und Prüfungen sein. Die Geschichte lehrt uns dank ihres Einsatzes auch, dass wir Couleurstudenten durch unsere christliche Überzeugung für Österreich da sind, wenn es hart auf hart kommt. Durch ihre Opferbereitschaft zeigen sie uns, was sie sich gedacht haben: „Wo immer ich stehe, egal in welchem Bereich des Lebens: Ich trage Verantwortung für unser Land und unsere Gesellschaft!“ Am linken Auge blind? Dieses Buch ist ein weiterer Meilenstein in der Geschichtsforschung des 20. Jahrhunderts; gerade in einem Bereich, den linksgerichtete Gruppen ausschließlich für sich reklamieren. Denn wer ein Sozi ist, kann doch niemals ein nationaler Sozi gewesen sein, oder? Dass diese Annahme völlig falsch ist, dokumentiert in der vorliegenden Ausgabe Kbr. Dr. Franz Schausberger eindrucksvoll am Beispiel der SPÖ-Gallionsfigur Karl Renner. Ich frage mich: Wann wird unsere Geschichte wirklich aufgearbeitet? Wann erfolgt beispielsweise die Umbenennung all der Straßen und Plätze, die seinen Namen tragen? Beim Dr. Karl Lueger Ring, ging es der RotGrünen Wiener Stadtregierung nicht schnell genug. Doch sobald es um einen der ihren geht, scheint der „Kampf gegen Rechts“ im Morast der Untätigkeit zu versinken. Interessante Interviews In dieser Ausgabe finden sich Interviews mit den Kartellbrüdern Vizekanzler Dr. Michael Spindelegger und „Mister Europa“ Mag. Othmar Karas. Den beengten Seitenvorgaben zu entsprechen, fiel mir dieses Mal besonders schwer, hatten doch beide Interessantes zu berichten. Dies möchte ich der geneigten Leserschaft nicht vorenthalten, Teil 2 beider Interviews folgt daher in Ausgabe 03/13. Angeregtes Lesen!

Verband Jahresthema Politik Ad Fundum

vor.gedacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Kolumne des Kartellvorsitzenden Der Papst und seine Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Was hat Franziskus I vor? „Ich bin in die Politik gegangen, um zu gestalten“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 Interview mit Vizekanzler Kbr. Spindelegger

„Kongress über die Zukunft Europas“ . . . . . . . . 17 Interview mit EP-Vize Kbr. Karas Die Macht der Intuition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 Wie kann das Gehirn die Intuition anzapfen? Schalom in der Leopoldstadt . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Jüdisches Leben in Wien Energiewende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 Was kommt nach 2020? Staatsgeheimnis Bankenrettung . . . . . . . . . . . . . . 24 Wer rettet wirklich die EU-Krisenländer? Spaniens Krise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Ein europäisches Gemeinschaftswerk Was ist gut für Österreich? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Start der Internetplattform mein-anliegen.at Sonne und Musik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 Funkelnde Sterne des sommerlichen Musikhimmels

Impressum
Herausgeber: Mittelschüler-Kartell-Verband der katholischen farbentragenden Studentenkorporationen Österreichs (MKV), Laudongasse 16/Stiege 3/1. Stock, 1080 Wien Telefon: +43/1/5237434, Fax: +43/1/5237434-9 E-Mail: kanzlei@mkv.at, Internet: www.mkv.at ZVR-Zahl: 646503058, ZVR-Zahl AHB: 750161558 Geschäftsführer: StS a.D. Mag. Helmut Kukacka (TGW) Vorstand: StS a.D. Mag. Helmut Kukacka (TGW), Michael Wilim (MDK), RA Dr. Alexander Kragora (VDW), Dr. Gregor Jansen (SOP) Chefredaktion: RAA GR Mag.Gottfried Forsthuber (BDB) Telefon: +43/699/13300140, E-Mail: couleur@mkv.at Redaktion Couleur-Intern: Phillip Lombardini (FBM) Couleur-intern@mkv.at Fotos: MKV, Europäische Kommission (EK), flickr.com, zur Verfügung gestellt Konzeption, Produktion und Anzeigenverwaltung: Druckservice Muttenthaler GmbH, Ybbser Straße 14, 3252 Petzenkirchen, Tel.: 07416/504-0*, ds@muttenthaler.com Namentlich gekennzeichnete Beiträge müssen nicht der Meinung des Herausgebers entsprechen. Auflage: 25.000 Exemplare Verkaufspreis: € 2,-, Jahresabo: € 4,80 (exkl. Porto) Verkaufsstellen: MKV-Kanzlei, Adresse s.o.; WStV-Kanzlei, Wien 8. Laudongasse 16; Kamper Annemarie, Bruck/Mur, Herzog-Ernst-Gasse 23; Denkmayr Thomas, Hartberg, Herrengasse 22; Wacker Norbert, Hall/Tirol, Oberer Stadtplatz 9; Wacker Martin, Innsbruck, Museumstraße 38; Sezemsky Josef, Innsbruck, Bruneckstraße 162 Blattlinie: Das „couleur“ ist die österreichweite Verbandszeitung des Mittelschüler-Kartell-Verbandes und als solche politisch unabhängig. Ziel ist die Information aller Mitglieder und Interessenten im Rahmen eines kritischen, auf den Grundsätzen des MKV bauenden Jugend- und Mitgliedermagazins.

4

couleur 02 | 13

thema

Farben tragen – Farbe
Korporierte im Widerstand
Mehrere Faktoren führten dazu, dass sich katholisch Korporierte im Widerstand gegen den Nationalsozialismus engagierten: weltanschauliche Gegensätze zwischen katholischer Kirche und Nationalsozialismus, die politische Entwicklung vor 1938, nämlich das unversöhnliche Gegeneinander von „Ständestaat“ und nationalsozialistischem Deutschen Reich und die lebenslange Freundschaft zwischen den Bundesbrüdern, die intensive Kontakte auch weit nach der Studentenzeit anhalten ließ. Dieser Widerstand ging über einzelne Aktionen, wie das Abhören ausländischer „Feindsender“ oder Resistenzverhalten gegen den Nationalsozialismus hinaus. Es ist aber darauf hinzuweisen, dass sogar schon diese kleinsten Abweichungen mit drakonischen Strafen geahndet wurden. Umso mehr sind daher jene Taten hervorzuheben, die aktiven Widerstand und damit das bewusste In-Kauf-Nehmen von Lebensgefahr bedeuteten. Diese Aktivitäten begannen teilweise kurz nach dem so genannten „Anschluss“ Österreichs, ein Beispiel dafür sind die Burschungen bei Norica im Wienerwald im Juni 1938. Im Lauf der Zeit wurden sie natürlich weitreichender, organisierter und zogen im gesellschaftlichen wie militärischen Bereich ihre Kreise. So wirkten katholisch Korporierte aktiv an der Widerstandsgruppe O5 um Major Szokoll mit. Aufbau von Widerstandsgruppen Selbstloser Einsatz Diese Angehörigen einer Verbindung des (Ö)CV, des MKV, des (Ö)KV und der KÖL bauten zusammen mit anderen Gleichgesinnten Widerstandsgruppen auf, um durch Aktionen auf die Beseitigung des Nationalsozialismus als solchen, wie auch auf ein wieder selbständiges Österreich hinzuarbeiten. Ein Teil wurde verhaftet und auch hingerichtet, ein anderer konnte unbehelligt bleiben. Sie gehörten zur Gruppe jener Christen, die ihren Entschluss, im Kampf gegen Hitler das Äußerste zu wagen, aus ihrer Überzeugung als Christen gewannen. Dieser Widerstand gründet natürlich auf dem katholischen Bekenntnis als Antriebsfeder widerständischen Handelns. Die Nationalsozialisten behandelten katholische Studentenverbindungen und ihre Mitglieder als „militante“ Vorfeldorganisationen der katholischen Kirche. Obwohl das NS-Regime anfangs nach außen hin um Rücksichtnahme bemüht war, wie auch das Reichskonkordat zeigt, erkannten viele Katholiken sehr rasch den wahren Einigen ist es gelungen in letzter Minute zu flüchten, nach Indien, Spanien, Frankreich, nach England oder in die USA, wo sie schließlich interniert wurden. Das waren trotz allem noch die glücklicheren. Ohne Namen zu nennen, sollen hier nur einige wenige Beispiele angeführt werden, um bewusst zu machen, was in der Zeit 1938-1945 alles geschehen konnte: Einer wird nach dem berühmten Rosenkranzfest in der Stephanskirche im Oktober 1938 von rabiaten HJ-Jugendlichen aus dem Fenster geworfen und muss vier Monate ins Spital. Als nach langem Warten endlich die Rettung kommt, leistet ein Arzt Erste Hilfe, der von Graz nach Wien strafversetzt wurde und ebenfalls korporiert ist. Einer wurde zum Tode verurteilt, weil er die Sendungen der englischen BBC, also einen Feindsender, gehört hatte. Eine verbirgt während der ganzen NS-Zeit einen nach den Rassegesetzen belasteten Bun-desbruder. Man muss sich einmal Charakter des Nationalsozialismus. Viele bezahlten ihren Widerstand gegen das unmenschliche nationalsozialistische Regime mit dem Leben.

bezahlte Anzeige

couleur 02 | 13

5

thema

bekennen
plastisch vorstellen, was das bedeutet, jahrelang ein U-Boot zu sein bzw. es zu beherbergen. Einer wird bei der Flucht in die Schweiz erwischt, kommt ins KZ und kommt dort um. Mehrere wechseln die Front. Einer kommt in Griechenland in Kontakt mit Partisanen, geht zu den Engländern und besorgt für diese dann deutschsprachige Sendungen. Ein anderer, ein Tierarzt, geht zu den albanischen Partisanen und bleibt dort bis Ende 1945, und wieder andere schließen sich in Frankreich der Resistance an. Einer wird erwischt und deswegen erschossen. Einer versorgt eine entlassene jüdische Professorin jahrelang mit Lebensmitteln, weil sie nicht mehr aus dem Haus gehen kann. Ein Priester stellt ohne Rücksicht auf die Aktenlage Matrikelauszüge her, um Juden einen Ariernachweis zu verschaffen. Ein anderer liest in einer Kriegergedächtniskapelle eine Messe und kommt 10 Tage in Haft, weil der die Gemeinde als deren Eigentümerin angeblich nicht gefragt hat. Einer ist Arzt im Waldviertel und bemüht sich nach Kräften um jüdische Gefangene auf ihrem Weg in ein ungewisses Schicksal und wird dafür später in Yad Vashem in Israel geehrt. Einer soll in Jugoslawien zwei Frauen erschießen. Er aber stellt ihnen eine Unbedenklichkeitserklärung aus. Einer versteckt in Wien in seinem Pfarrhof Juden. Dass Kardinal Innitzer überraschend zum Requiem für diesen Vorstadtkaplan kommt, lässt vermuten, dass auch er davon wusste. Einer zeigt Courage und schreibt nach der sog. Reichskristallnacht dem Reichstatthalter und dem Gauleiter der Steiermark einen in dieser Art einmaligen wütenden Brief – er kommt mit einem Gauverweis davon. Drei Kartellbrüder, noch dazu in Wehrmachtsuniform, schneiden in der Nacht in Graz am Opernring die Hitler-Eiche um und werden nicht erwischt. Einer organisiert die kampflose Übergabe von Innsbruck an die anrückenden Amerikaner. In den ersten Apriltagen 1945 gibt es in Wiener Neustadt schwere Straßenkämpfe. Die Leichen gefallener Wehrmachtssoldaten liegen auf der Straße. Ein Priester zieht sie auf den Gehsteig, damit sie nicht von den Panzern zerquetscht werden. Ein Russe geht in die Kirche und erschießt ihn. In dem Buch ist auch einer zu finden, der weder Opfer noch Widerstandskämpfer war, aber dessen psychische Belastung trotzdem enorm gewesen sein muss: Der Gefangenenhausseelsorger in Wien, der 450 Menschen auf ihrem letzten Weg zum Fallbeil begleiten musste. Sie alle, so unterschiedlich ihr Leben und Leiden war, sie waren Angehörige einer katholischen Korporation, und sie dürfen von uns nicht vergessen werden.
PROK. I.R. HERBERT FRITZ (TRW) GSCHF. UNIV.-DOZ. MAG. DR. GERHARD HARTMANN (BAJ) LT-DIR. I.R. WHR DR.IUR. PETER KRAUSE (VDW) MAG. STEPHAN ROTH (LIW)

bezahlte Anzeige

6

couleur 02 | 13

thema

Farben tragen – Farbe
Auf dem historischen Boden des ehemaligen niederösterreichischen Landtagssitzungssaales in Wien fand am 3. April, fast auf den Tag genau 75 Jahre nach dem ersten „Prominententransport“ in das KZ Dachau, eine bemerkenswerte Veranstaltung statt.
Dass in der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 die Buden aller katholischen Korporationen (nicht nur des MKV) von illegalen Nationalsozialisten gestürmt und verwüstet wurden und jede weitere Verbindungstätigkeit unterbunden wurde, ist bekannt. Aber wie war das genau? Im Gedenkjahr 1988, vor 25 Jahren, hat der Österreichische Verein für Studentengeschichte erstmals versucht alle bis dahin bekannt gewordenen Informationen und weitere Ergebnisse seiner Recherchen in dem Buch „Farbe tragen – Farbe bekennen 1938-1945 / Katholische Korporierte in Widerstand und Verfolgung“ zusammenzutragen. Es war die erste zusammenfassende Darstellung zum Schicksal der katholischen Korporationen und ihrer Mitglieder in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus überhaupt. Die Quellenlage war schlecht, viele Verbindungen hatten sich damals mit dem Thema noch kaum beschäftigt. Trotzdem war es ein beachtlicher Überblick, der seither oft zitiert wurde. Den Verfassern war aber klar, dass das Werk unvollständig sein musste, und daher hofften sie auf Grund des Buches auf Anregungen und Hinweise, um dann ein Ergänzungsheft herauszubringen. Die Hoffnung hat sich erfüllt, aber das Ergänzungsheft ist nie erschienen. Warum? Weil die neuen Hinweise eine ganze Menge weiterer Recherchen notwendig machten und weil nach der Wende dann auch in deutschen Archiven neue Unterlagen zugänglich wurden. Und da das Vorhaben nicht so rasch umzusetzen war wie geplant, ist es langsam sehr weit in den Hintergrund gerückt. Vor drei Jahren aber fiel doch der Startschuss zu den Arbeiten für eine komplett überarbeitete, ergänzte und erweiterte Neuauflage. Zeitzeugen berichten Das Ergebnis dieser Bemühungen wurde nun am 3. April im ehemaligen niederösterreichischen Landtagssitzungssaal in Wien präsentiert, und es kann sich sehen lassen: Die erste Auflage war eine Gemeinschaftsarbeit von vier Autoren mit 400 Seiten. Nun wurde daraus ein Sammelband mit 13 Autoren und 700 Seiten. Das Buch besteht aus zwei Teilen. Der eine beginnt mit einer Darstellung wie sich die Sicht auf den Anschluss in Österreich im Laufe der Zeit verschoben hat, dann welche Flut an Normen und Vorschriften sich zur „Angliederung“ über Österreich ergossen hat, um den Schein der Rechtsstaatlichkeit zu wahren, und welche Vielfalt an Widerstandsformen und -Gruppen sich entwickelt hat. Ganz wesentlich geht es aber auch um die Auseinandersetzung der katholischen Korporationen und ihrer Verbände mit dem Nationalsozialismus schon lange vor 1938 und ihren Untergang im März 1938. In mehreren Beiträgen wird auf das Eindringen, die Abwehr und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in den einzelnen Verbindungen und Verbänden eingegangen und das abrupte und gewaltsame Ende jeder Verbindungstätigkeit in der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938, an Hand zahlreicher Zeitzeugenberichte, dargestellt. Gedenken an den Widerstand Eine bemerkenswerte Episode, die bis jetzt

couleur 02 | 13

7

thema

bekennen
völlig unbekannt war, ist, dass dann im Mai 1939, mehr als ein Jahr nach dem Anschluss, eine Fragebogenaktion unter ehemaligen Angehörigen unserer Korporationen stattgefunden hat, mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Der zweite Teil des Buches ist jenen Kartellbrüdern gewidmet, die gegen den Nationalsozialismus Widerstand geleistet oder gekämpft haben, die dafür inhaftiert waren, gelitten haben oder mit ihrem Leben bezahlen mussten, hingerichtet oder ermordet wurden. Insgesamt 550 sind es, deren Biographien hier kurz dargestellt werden. Ein kleiner Teil von ihnen war prominent oder wurde es später noch, aber die vielen vielen anderen sind kaum bekannt, auch wenn sie nicht minder gelitten haben, ihre Sorgen, ihr Schmerz, ihre Not, ihre Angst nicht weniger groß war. Angehörige unserer katholischen Korporationen waren von allem Anfang an unter den Opfern des Nationalsozialismus. Schon vor dem Anschluss gab es Opfer unter ihnen, einer fiel 1934 in einer Schießerei mit Nationalsozialisten, einer fiel einem Anschlag zum Opfer und einer wurde brutal ermordet. Aber auch der allererste Österreicher überhaupt, der nach dem deutschen Einmarsch schon am 14. März 1938 im „Gewahrsam“ der Gestapo zu Tode kam, war ein Kartellbruder, und diese traurige Linie setzt sich fort bis zum allerletzten Hinrichtungstermin im März 1945. Andenken und Dokumentation Praktisch von jeder kath. Verbindung, die vor 1938 bestand, finden sich Mitglieder in diesem Buch. Ihnen ist dieses Buch im Besonderen gewidmet, ihr Andenken soll mit diesem Buch geehrt und gleichzeitig dokumentiert werden, dass die Angehörigen der katholischen Studentenverbindungen in ihrer ganz überwiegenden Zahl damals nichts und auch heute schon garnichts mit braunem Gedankengut am Hut hatten und haben und das auch hundertfach bewiesen haben. Die Präsentation fand gemeinsam mit dem MKV, dem ÖCV, der KÖL und dem ÖKV statt. Sie wurde mit einer kurzen Begrüßung durch den Vorsitzenden der ÖCVVerbandsführung, Mag. Schmid (NdW), eröffnet. Die einleitenden Worte sprach Vizekanzler und Außenminister Kbr. Dr. Spindelegger (TUM, Nc), in der er auf die unveränderte Gültigkeit der Prinzipien verwies, auch wenn sich heute daraus andere Forderungen ergeben. Von Alt bis Jung Daran schloß sich eine ausführliche Vorstellung des Buches an, der ein Podiumsgespräch von Vertretern verschiedener Generationen und wissenschaftlicher Herkunft folgte: Univ.-Prof. em. Dr. Leser (Mx)- der erste Ordinarius für Politikwissenschaft in Österreich, Doz. Dr. Wohnout (Nc, Mx) – Geschäftsführer des Karl v. Vogelsang-Institutes, Dr. Crammer (ARK) – 91 Jahre und Zeitzeuge, er entwendete als junger Aktiver 1938 aus dem HJ-Heim die gestohlenen Fläuse der ARK, Mag. Roth (LIW) – NÖ Landesarchiv und Dokumentationsarchiv des österr. Widerstandes, und Univ.-Ass. Mag Metzler (NBL, F-B) – als jüngster Teilnehmer zog er die Lehren aus der Vergangenheit für die heutige Jugend. Das Schlusswort sprach KVors Mag. Kukacka (TGW), der von den damaligen Verfolgungen die Brücke schlug zu der heute in vielen Staaten zu beobachtenden Verfolgung von Christen, die um nichts weniger verbrecherisch ist.

Buchtipp:
Farbe Tragen – Farbe bekennen 1938-1945 Katholisch Korporierte in Widerstand und Verfolgung 28,- € zzgl. Porto. Erhältlich bei: MKV-Kartellkanzlei, kanzlei@mkv.at, (01) 523 74 34 Österr. Verein für Studentengeschichte, aegir@utanet.at, studentengeschichte.at (Bei Bestellungen per Mail im Betreff „Farben tragen“ angeben)

FOTOS: MKV/PHILLIPP HARTBERGER (BDB)

8

couleur 02 | 13

thema

Rot, antisemitisch, anschlussfreudig
Eine objektive Aufarbeitung des Nationalsozialismus findet 75 Jahre nach dem „Anschluss“ nicht statt. Die Rolle des SPÖ-Staatskanzlers und Bundespräsidenten Karl Renner ist noch immer nicht aufgearbeitet.
75 Jahre nach dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs an das Hitler-Deutschland muss man heute feststellen, dass sowohl bei Christlichsozialen als auch bei Sozialdemokraten die „Alarmfunktionen“ gegenüber dem Nationalsozialismus versagt haben. Objektive Aufarbeitung ist gefragt, nicht gegenseitiges Aufrechnen und parteipolitische Vorwürfe. Die Anschlusseuphorie war in der Sozialdemokratischen Partei wesentlich intensiver ausgeprägt als bei den Christlichsozialen, denen ihr stärkeres Bekenntnis zu Österreich von der Linken immer wieder als Restaurationsversuch des HabsburgerReiches vorgeworfen wurde. Der Antisemitismus war in der Ersten Republik – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung – auf der ganzen Skala der Parteipolitik verbreitet. Die populistischantisemitische Tradition Karl Luegers setzten in Wien vor allem Leopold Kunschak und Dr. Anton Jerzabek fort. Weder von Ignaz Seipel noch von den anderen christlichsozialen Bundeskanzlern – allen voran Rudolf Ramek, der 1925 gegen heftige Widerstände die Abhaltung des zionistischen Weltkongresses in Wien ermöglichte – sind antisemitische Äußerungen bekannt. Die Haltung der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung gegenüber dem Judentum war ambivalent und von Vorurteilen durchdrungen. Auf sozialdemokratischen Plakaten oder in Karikaturen des Parteiorgans wiesen die Kapitalisten nicht selten eine Physiognomie auf, wie sie von Antisemiten für die Juden verwendet wurden. Man beschränkte sich nicht darauf, gegen die „jüdischen Kapitalisten“ herzuziehen, sondern griff auch das orthodoxe Judentum und die unterprivilegierten Juden aus Osteuropa an. Anschluss-Euphorie 1938 Die zentrale Rolle der Juden in Wien im Bankenwesen, in der Industrie, im Handel, bei den Großkaufhäusern, in der Presse und in den freien Berufen ließen sie nur schwer als Verbündete einer proletarischen Bewegung erscheinen. Die über viele Jahre vehement vertretene Forderung nach dem Anschluss an das Deutsche Reich und der in allen politischen Lagern mehr oder weniger gepflegte diffuspopuläre, gemäßigte, traditionelle, kulturkritische und ökonomische Antisemitismus konnten der Anschluss-Euphorie des Jahres 1938 und dem ideologisch-rassistischen, band Renner die Begriffe „jüdisch“ oder „Juden“ mit negativen Konnotationen. Es ging ihm nicht um die Schleichhändler in Wien generell, es waren immer die „jüdischen Schleichhändler“, die er anklagte. Es ging ihm nicht um das Großkapital und die Banken, es ging ihm um das „jüdische Großkapital“, um die „jüdischen Banken“. „Die Judenfrage lösen“ Nach den Nationalratswahlen 1920, die eine Mehrheit für die bürgerlichen Parteien brachten, rief Renner die neue bürgerliche Regierung zum Handeln auf: „Sie werden jetzt Gelegenheit haben, die Judenfrage zu klären.“ Die christlichsoziale Partei habe, als sie in Wien an der Macht war, nichts dagegen getan, dass die Juden immer reicher wurden. „Während sie (die Juden) in unserer Jugend, Herr Kollege Kunschak, noch bescheiden in der Leopoldstadt wohnten, haben sie jetzt Mariahilf und alle Bezirke überschwemmt, sie sind gediehen unter Ihrem glorreichen antisemitischen Regime“. Ob zynisch oder ernst gemeint, Renner erwartete von der bürgerlichen Regierung: „Leben Sie sich aus auf diesem Gebiete! Wir sind begierig, was Sie tun werden ... Wir haben auch gar nichts dagegen, dass Sie den Herrn Kollegen Kunschak als Minister ohne Portefeuille für die Judenfrage einsetzen“. Renner wünscht sich Kunschak auf der Regierungsbank für „ein Amt, das endlich das uralte Programm des Judenpogroms erfüllt, einen Spezialminister für Judenfragen.“ Gegen „Christ und Jud“ Renner kritisierte heftig die Verbindung Seipels zum jüdischen, wirtschaftsliberalen Redakteur der „Neuen Freien Presse“, Moritz Benedikt. Der jüdische Finanzberater Seipels, Gottfried Kunwald, war 1921 Ziel heftiger Attacken Renners. Dem christlichsozialen Finanzminister Gürtler warf er die Berufung des jüdischen Volkswirtschaftlers Wilhelm Rosenberg zum Experten vor. Damit habe sich – laut Renner – als


Wenn so viele Österreicher am 12. März 1938 den Anschluss an das Hitler-Deutschland bejubelten und mit großer Mehrheit dafür stimmten, hatte SPÖVertreter Karl Renner einen nicht unwesentlichen Anteil daran.


radikalen, politischen und vernichtenden Antisemitismus der Nationalsozialisten nichts entgegensetzen. Wenn schon prominente Exponenten der großen politischen Lager Anschluss und Antisemitismus vertraten, wie konnte dann von den kleinen Parteigängern draußen beim Stammtisch erwartet werden, dass sie sich den radikalen Ausformungen des Nationalsozialismus erfolgreich entgegensetzten. Studiert man die Protokolle des österreichischen Parlaments, so erkennt man, dass neben dem prominenten Vertreter der Christlichsozialen Arbeiterbewegung, Leopold Kunschak vor allem der Sozialdemokrat Karl Renner zu den prononcierten Antisemiten zählte. Wann immer er konnte, ver-

couleur 02 | 13

9

thema

richtig erwiesen, dass die Sozialdemokratie 1920 aus der Regierung gegangen war, denn Seipel sei es gelungen, „die Unterordnung des ganzen Kleinbürgertums unter die Führung des jüdischen Großkapitals zur Tatsache zu machen ... indem Sie endlich auf den Thron unserer Finanzen das edle Paar gesetzt haben: Christ und Jud, Doktor Gürtler und Dr. Rosenberg.“ Auch die von Seipel erreichte Genfer Sanierung sei nichts anderes als eine Unterwerfung unter das jüdische Großkapital. Renner bezeichnete Seipel als „Judenliberalen in der Soutane“ und als Vorkämpfer des jüdischen internationalen Großkapitals: „Ich sage Ihnen, wenn der arme Dr. Lueger jedes Mal, wenn Sie gegen seinen Geist sündigten, sich nur einmal im Grabe umgewendet hat, so müsste er in diesen zwei Jahren schon zu einem Perpetuum mobile, zu einem Windrade geworden sein.“ Für die Bankenskandale 1926 fand Karl Renner wieder eine einfache – antisemitische – Erklärung: Alles wurde vernichtet, „um den Seipel'schen Gedanken der Verbindung des christlichen Bürgertums und den jüdischen Banken zu vollenden“. Kein Wort zu Karl Renner Gerade um den 12. März herum wäre die Haltung Karl Renners zum „Anschluss“ zu thematisieren gewesen. Der guten Rede von Bundespräsident Fischer beim Gedenkakt zum 75. Jahrestag hätte ein erstmals klares Wort zu seinem Vorgänger Karl Renner sehr gut getan. Immerhin hatte der sozialdemokratische Historiker Oliver Rathkolb schon vor einem Jahr die Meinung vertreten, dass Renner 1945 nicht Staatsoberhaupt hätte werden können, wären alle seine NS-freundlichen Äußerungen nach 1938 bekannt gewesen.

Man hörte kein Wort davon, dass Karl Renner gleich nach dem Einmarsch dem neuen NSDAP-Bürgermeister von Wien das Angebot gemacht hatte, in einer Plakataktion und in Zeitungen für ein „Ja“ bei der Anschluss-Volksabstimmung öffentlich Propaganda zu machen. Gestattet wurde ihm jedoch nur ein „Interview“ im Neuen Wiener Tagblatt. „Wahrhafte Genugtuung“ über den Anschluss Renner outete sich darin als begeisterter Befürworter des Anschlusses an das HitlerDeutschland. Er habe seit dem 12. November 1918 um den Anschluss gerungen. Dass nunmehr der Anschluss vollzogen war, betrachtete Renner als „wahrhafte Genugtuung“. Er müsste seine ganze Vergangenheit verleugnen, wenn er „die große geschichtliche Tat des Wiederzusammenschlusses der deutschen Nation nicht freudigen Herzens begrüßte ... Als Sozialdemokrat und somit als Verfechter des Selbstbestimmungsrechtes der Nationen, als erster Kanzler der Republik Deutschösterreich und als gewesener Präsident ihrer Friedensdelegation zu St.-Germain werde ich mit Ja stimmen.“ Renner wusste sehr wohl, dass die Volksabstimmung nicht mehr frei und geheim war und was Hitler seit 1933 in Deutschland

angerichtet hatte, dass der rassische Antisemitismus zur Staatsideologie erhoben war und dass seine prominenten Genossen Robert Danneberg, Felix Kanitz und Paul Schlesinger bereits verhaftet und ins KZ gebracht worden waren, wo sie später umkamen. Renner bekräftigte kurz darauf einer englischen Zeitung gegenüber, dass die Erklärungen nicht dem Schutz der Familie oder von Parteigenossen dienten, sondern aus seiner Überzeugung stammten. Er habe sich „spontan und in voller Freiheit“ geäußert, „in dem Bewusstsein, dass mein Wort viele ehemalige Parteimitglieder bestimmen wird.“ In einer im Dezember 1938 geschriebenen Abhandlung, die lange Zeit peinlichst verschwiegen wurde, prangerte er nicht nur die Christlichsozialen Wilhelm Miklas, Otto Ender und Leopold Kunschak als herausragende Gegner des Anschlusses an und bezichtigte sie „landesverräterischer Umtriebe“ (wodurch er sie angesichts der NS-Gewaltherrschaft in Lebensgefahr brachte) sondern stellte sogar das demokratisch-parlamentarische System selbst in Frage. Wenn so viele Österreicher am 12. März 1938 den Anschluss an das Hitler-Deutschland bejubelten und schließlich auch mit großer Mehrheit dafür votierten, hatte SPÖ-Vertreter Karl Renner einen nicht unwesentlichen Anteil daran.

der autor
Kbr. Dr. Franz Schausberger (AGS) ist Universitätsdozent für Neuere Österreichische Geschichte an der Universität Salzburg mit dem Schwerpunkt 20. Jahrhundert und Autor mehrerer Bücher über die Erste Republik und den Nationalsozialismus in Österreich. Von 1996 bis 2004 war er Landeshauptmann von Salzburg.

bezahlte Anzeige

bezahlte Anzeige

couleur 02 | 13

11

verband

vor.gedacht
Farben tragen – Farbe bekennen: Ein Vermächtnis und ein Auftrag für die Zukunft
Am 3. April 2013 haben die katholischen korporierten Verbände eine sehr beeindruckende Veranstaltung zum Thema „75 Jahre Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland – Katholische Korporierte in Widerstand und Verfolgung“ durchgeführt. Die Teilnahme des Generalsekretärs der IKG Dr. Raimund Fastenbauer war ein positives Zeichen der Anerkennung, dass auch wir Opfer der Verfolgung durch das NS-Regime wurden und unter unseren Mitgliedern viele exponierte Vertreter des Widerstandes waren. Heute ist unser gemeinsames Anliegen das Eintreten für die Grund- und Freiheitsrechte, ist es der Widerstand gegen politischen Extremismus und Antisemitismus. Ich kann für die katholischen Korporationen sagen: Wir lehnen nach den geschichtlichen Erfahrungen der letzten zwei Jahrhunderte jede autoritäre, antidemokratische Haltung oder Staatsform ab, weil sie mit unserem Menschen- und Gesellschaftsbild nicht vereinbar ist und aus dem Gesamtzusammenhang unserer Prinzipien nicht toleriert werden kann! Ich kann für uns sagen: Wir haben aus unserer Geschichte gelernt. Diese Veranstaltung hat einen exemplarischen Beitrag zu einem wichtigen gesellschaftspolitischen Anliegen geleistet: Nämlich deutlich zu machen - dass neben der völlig unbestrittenen Tatsache, dass viele Kommunisten, Sozialdemokraten und jüdische Mitbürger Opfer des Nationalsozialismus waren – auch katholisch Korporierte zu den ersten Opfern des Nationalsozialismus gehörten. Die meisten von ihnen haben seit 1934 die Anschlussidee bekämpft und Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Österreich geleistet. Wir haben aber auch – mit Bitterkeit und Trauer – zur Kenntnis nehmen müssen, dass manche – wenn auch vergleichsweise wenige – in diesen Jahren zu Überläufern oder gar Tätern geworden sind. Auch dies muss ausgesprochen und als Teil unserer Geschichte akzeptiert werden! Mein Dank gilt deshalb in ganz besonderer Weise dem Österreichischen Verein für Studentengeschichte, der unter seinem engagierten und kompetenten Obmann, Hofrat Dr. Peter Krause v/o Dr. Aegir und unter Mitarbeit von Kbr. Herbert Fritz v/o Dr. Textor diese umfassende, neubearbei550 katholischen Farbstudenten enthalten, die Opfer ihres Widerstandes gegen die NS-Diktatur geworden sind und Verfolgung erlitten haben. 67 davon wurden getötet. Sie sind in den Konzentrationslagern ermordet worden, an den Folgen der Strafhaft gestorben oder durch die Todesurteile der NS-Justiz umgebracht worden. 17 davon waren Geistliche. In fast jeder Verbindung gab es betroffene Opfer von Verfolgung. Für eine so relativ kleine Anzahl katholischer Farbstudenten – eine beachtlich hohe Anzahl von Opfern. Sie zeigt den Widerstandswillen und den Opfermut, der viele Exponenten des katholischen Farbstudententums damals beseelt hat. Mit diesem Buch wird damit auch der vom linksgrünen Zeitgeist verbreiteten Unterstellung entgegengetreten, dass auch unsere Korporationen für gesellschaftlichreaktionäre oder rechtsextreme Einstellungen anfällig seien. Auch das ist eine wichtige Aufgabe dieses Buches. Es gibt auch heute eine neue Form von Christenverfolgung, eine zunehmende Diskriminierung und Benachteiligung, der Christen nicht nur in Afrika, in Asien und besonders in islamischen Ländern der sie ausgesetzt sind, sondern die zunehmend auch in europäischen Ländern erkennbar wird. Immer öfter werden Christen diskriminiert und benachteiligt, wenn sie sich offen zu ihrem Glauben bekennen. Die christlichen Symbole werden aus dem öffentlichen Raum verdrängt, in manchen Medien sanktionslos verhöhnt. In der Gesetzgebung werden christliche Familien- und Wertvorstellungen relativiert und das Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod nicht mehr ausreichend geschützt. Auch diesen Entwicklungen müssen wir uns entgegenstellen! Das Eintreten für unsere Prinzipien bleibt auch in Zukunft ein wichtiger Auftrag für uns!
STS A.D. MAG. HELMUT KUKACKA V/O ORPHEUS (TGW) KARTELLVORSITZENDER


Heute ist unser gemeinsames Anliegen das Eintreten für die Grund- und Freiheitsrechte, ist es der Widerstand gegen politischen Extremismus und Antisemitismus.


tete, erweiterte und mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen ergänzte Neuausgabe des Buches „Farbe tragen - Farbe bekennen“ herausgebracht hat. Damit wurde jenen Kartellbrüdern, die für ihren Glauben, ebenso wie für unser Österreich, gekämpft und gelitten haben, ein würdiges Denkmal gesetzt. In diesem Buch sind immerhin die Biographien von

12

couleur 02 | 13

jahresthema

Der Papst und seine Kirche
Ein Papstrücktritt ist alles andere als alltäglich. Doch was hat der neue Papst Franziskus vor?

Dass mit der Wahl Jorge Mario Borgoglio zum Papst ein neues Kapitel in der Kirchengeschichte aufgeschlagen wurde, ist eine verbreitete Einschätzung. Ein Papstrücktritt wie der von Cbr. Benedikt XVI. ist alles andere als alltäglich. Trat doch mit Gregor XII. im Jahre 1415 das letzte Mahl ein amtierender Papst zurück. Dabei ist ein Papstrücktritt nach Kirchenrecht durchaus legitim und kam auch bis zu Papst Gregor XII. wenn auch selten vor. Cbr. Benedikt XVI. hat von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht und diesen Teil des Kirchenrechts zur Anwendung gebracht. Jorge Mario Bergoglio ist nun zwar der erste Papst aus Südamerika, beileibe aber nicht der erste Papst aus einem außereuropäischen Land. So stammten die beiden

ins Heiligenverzeichnis aufgenommenen Päpste Victor I. und Gelasius I. aus Afrika und waren ziemlich sicher berberischer Herkunft. Auch bei Papst Miltiades weist einiges auf eine solche Herkunft hin. Und dass die Kirche von Vorderasien nicht zu trennen ist, sollte keiner weiteren Betonung bedürfen. Stammte doch der als erster Papst verehrte Petrus von dort, wo auch mehrfach Synoden und Konzilien der frühen Kirche stattfanden. Die Bedeutung Lateinamerikas Mit der Wahl des bisherigen Erzbischofs von Buenos Aires zum Nachfolger Petri wird auf die wachsende Bedeutung Lateinamerikas hingewiesen. Stieg doch von 1900 bis 2010 die Zahl der dortigen sowie in der Karibik lebenden Katholiken von 59 auf 483 Millionen. Zwei der am meisten Katholiken repräsentierenden Bischofskonferenzen liegen in diesem Teil der Welt: Brasilien und Mexiko. Hinzukommen be-

züglich der Katholikenzahl im Spitzenbereich die Bischofskonferenzen der USA und der Philippinen. Gegen Engstirnigkeit spricht auch der Lebenslauf von Papst Franziskus. Absolvierte er doch zuerst die Ausbildung zum Chemieingenieur bevor er in den Jesuitenorden eintritt. Von Haus spricht der Nachkomme italienischer Auswanderer Italienisch und Spanisch und besitzt mit der Argentinischen die Italienische Staatsbürgerschaft. Italien hat sich anders als deutschsprachige (Teil-)Staaten stets um ausgewanderte Landsleute und deren Nachkommen gekümmert, Beziehungen und italienische Kultur gepflegt. Deutsch kann der Papst auch, gerade von einem Doktoratsaufenthalt in der Bundesrepublik her. Dazu sollte nicht vergessen werden, dass Teile der Bevölkerung Argentiniens deutschsprachig sind, auch in der Erzdiözese Buenos Aires, deren Erzbi-

couleur 02 | 13

13

jahresthema

schof Bergoglio 1998 wurde. Als Vorsitzender der nationalen Bischofskonferenz profilierte er sich als scharfer Kritiker der Regierungen Kirchner. Sogar genannt der „eigentliche Oppositionsführer“ trat der neue Papst besonders heftig gegen die sogenannte Homo-Ehe auf. Zugleich ist er ein deutlicher Abtreibungsgegner. Sein Eintreten für die Armen und Kritik an dem, was man in Österreich „Seitenblicke-Gesellschaft“ nennt, brachten ihn den Titel „Kardinal der Armen“ ein. Sein Verhältnis zur argentinischen Präsidentin galt als regelrecht feindselig. Spannung mit deutschem Bischof Allerdings dürfte es auch Spannungen mit einigen bischöflichen Mitbrüdern geben. Der Umstand, dass er bisher in einem einfachen Apartment wohnte, öffentliche Verkehrsmittel benutzte und selber im Supermarkt einkaufen ging, unterscheidet ihn augenfällig von den Mitgliedern der deutschen Bischofskonferenz mit bischöflichen Palais, Limousinen samt Chauffeur etc. Während sich in Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen der jetzige Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch heftige Vorwürfe auch von der deutschen Justizministerin gefallen lassen musste, stellte M. Bergoglio, jetzt Papst Franziskus klar: „Wenn ein Priester pädophil ist, war er es, bevor er Priester wurde. Wenn dies geschieht, darf man nicht zur Seite schauen. In meiner Diözese ist dies nie aufgetreten, aber einmal rief mich ein anderer Bischof an, und fragte, was er machen sollte. Ich sagte zu ihm, er sollte ihm die kanonischen Lizenzen entziehen, ihn nicht mehr das Priestertum ausüben lassen und den entsprechenden Prozess vor dem kirchlichen Tribunal einleiten“. Über Erzbischof Zollitsch hieß es demgegenüber z.B. in der Süddeutschen Zeitung: „Der Freiburger Erzbischofs Robert Zollitsch hat persönliche Fehler im Missbrauchsskandal der Kirche eingeräumt. ... Als damaliger Personalreferent hätte er den Hinweisen schon 1992 mit größerem Nachdruck nachgehen sollen. Er hätte auch intensiver nach weiteren Opfern und das Gespräch mit Zeugen suchen sollen“. Auch sonst erwies sich das Gebiet der deutschen Bischofskonferenz als besondere Problemzone in der Weltkirche. Dies ging bis zur Praxis kirchlicher Banken, und mit ihnen verbundener Fonds, in den Bereichen Rüstung, Tabak, Alkohol, Verhütungsmittel zu investieren.

Reform der römischen Kurie Mancher hätte sich ein wesentlich schärferes Durchgreifen Benedikts XVI. erhofft. Um so mehr wird vom neuen Papst eine Verbesserung der Arbeitsvorgänge an der römischen Kurie erwartet. Die römische Kurie in ihrer Zeit auf Vordermann gebracht, haben so große Päpste wie Sixtus V. der hl. Pius X. Gerade Bischöfe und Kardinäle aus den USA traten in neuester Zeit vehement für tiefgreifende Reformen im Sinne von „Aufräumen“ ein. Dass Franziskus, der erste Papst aus dem Jesuitenorden Qualifikationen mitbringt, macht die Würdigung in einer deutschen Tageszeitung deutlich: „Er weiß, wie man Personal führt, einen Haushalt aufstellt und Strukturen entwirft. Damit hat er mehr Macherqualitäten als die meisten Kardinäle“. Ein Vorteil dürfte auch sein, dass Franziskus anders als sein Vorgänger nichtdeutscher Herkunft ist. Gewisse Kirchenmitarbeiter und Medien können nun im Falle päpstlichen Vorgehens zu sexuellen Missbrauchsfällen und dubiosen Finanzpraktiken nicht mehr so leicht öffentliche Erregung ausrufen über den angeblichen Nazi im Vatikan. Es lässt sich nun schwerer behaupten, man werde vom Papst nur wegen dessen sogenannten Hintergrund in der Hitlerjugend behelligt, während man selber oder eigene Freunde doch nur Spaß hätte haben oder „kreativ“ hätte sein wollen. Kleinlaut musste jemand wie Zollitsch einräumen, dass in der Missbrauchsthematik noch einiges aufzuarbeiten ist. Entwicklungen in der Zölibatsfrage Welche Entwicklung sich in der Zölibatsfrage ergibt, bleibt demgegenüber abzuwarten. Immerhin gibt es gerade in den unierten Teilkirchen wie der Ukrainischkatholischen Kirche seit jeher verheiratete Priester, die in voller Einheit mit Rom ihren Dienst ausüben. Hinzukommen aus anderen Konfessionen übergetretene Geistliche, die ihre Ehefrauen „mitgebracht“ haben, zuletzt gerade aus dem Anglika-

nismus. Bereits Cbr. Benedikt XVI. äußerte Verständnis gegenüber Priestern mit Heiratstendenz. Dass der neue Papst Konflikte nicht scheut, machte er nicht nur der argentinischen Regierung und in Missbrauchsfällen kompromittierten Geistlichen gegenüber deutlich. Der britische Premierminister David Cameron hat den Papst bereits persönlich angegriffen, was wiederum als Beweis für die charakterliche Integrität von Franziskus gesehen wird. Hatte er doch als Kardinal u.a. klar gegen die britische Besetzung der Malvinas/Falklandinseln Stellung bezogen. Inzwischen vertritt auch die noch junge Gemeinschaft der Staaten Lateinamerikas und der Karibik/CELAC einstimmig eine britenkritische Position. Akzente in der Ökumene Frische Akzente setzte Franziskus auch im Bereich der Ökumene. So nahm mit Bartholomäus I. zum ersten Mal seit der Kirchenspaltung von 1054 der orthodoxe Patriarch von Konstantinopel an der Papsteinführung teil. Auch die ArmenischApostolische Kirche war höchstkarätig vertreten. Freundliche Stimmen zur Wahl von Papst Franziskus gab es aus dem Bereich der Freikirchen, die in großen Teilen der Welt über beachtliche Stärke verfügen und zum zweitstärksten Hauptzweig des Christentums neben der katholischen Kirche herangewachsen sind. Steht der hl. Franz von Assisi doch für Gewaltlosigkeit und Dialog mit Andersdenkenden einschließlich Nichtchristen. Sowohl der Präsident von Israel wie der von Palästina haben umgehend Franziskus ins Heilige Land eingeladen. Freundlich die Reaktionen auch aus Ostasien. Der Präsident der Republik Taiwan nutzte seine Teilnahme als Staatsgast bei der Amtseinführung des Papstes zu Begegnungen mit wichtigen Vertretern der Weltgemeinschaft. Offensichtlich läuft es gut mit Papst Franziskus als Brückenbauer zwischen Menschen unterschiedlichen kulturellen bzw. religiösen Hintergrunds.

der autor
MMMMag. Dr. Matthias Martin (NKW, COT, TUT) ist Priester im Bistum St. Pölten, Verbindungsseelsorger der TUT und Autor dreier Bücher („Für Gott und gegen den Führer?“; „Der kath. Weg ins Reich“ und „Staat, Recht und Kirche“) sowie Autor zahlreicher Artikel in verschiedenen Medien.

14

couleur 02 | 13

politik usw.

„Ich bin in die Politik gegan
Vizekanzler Kbr. Dr. Michael Spindelegger (TUM, Nc), will eine Reform des Mietrechts, spricht sich für mehr Datenschutz aus und sagt nein zu neuen Steuern.
INTERVIEW: MAG. GOTTFRIED FORSTHUBER (BDB) FOTO: MKV/PHILLIPP HARTBERGER (BDB)

Du hast mit deinen Ministern eine Reform des Mietrechts gefordert. Hoffnungsschimmer, für diejenigen, die Veränderungen in diesem überregulierten Bereich fordern? Perspektive für die, die unter hohen Mieten leiden? Sicherlich beides. Wir haben ein umfassendes Paket auf den Tisch gelegt, weil wir wollen, dass sich jeder, der in unserem Land arbeitet und lebt auch eine eigene Wohnung oder ein Haus leisten kann. Die Reform des Mietrechts ist ein Teil dieses Pakets. Dabei geht es uns in erster Linie darum, dass faire Bedingungen herrschen – deshalb haben wir gesagt, dass bei Richtwertwohnungen die Ermittlung des Mietpreises mit allen Zu- und Abschlägen im Mietvertrag aufgeschlüsselt werden soll. Das bringt Transparenz und steigert die Markteffizienz. Gleichzeitig ist es notwendig, dass wir endlich unser Mietrecht vereinfachen. Indem wir beispielsweise alte Friedenszinse auslaufen lassen, fördern wir Investitionen und erhöhen die Neubauleistung, was wiederum zu mehr Angebot führt. Eine zentrale Maßnahme in unserem Paket ist auch die Zweckwidmung der Wohnbauförderung im nächsten Finanzausgleich. Damit lassen sich die Förderungszusagen wieder deutlich anheben und wir können 10.000 neue Wohnungen pro Jahr schaffen. Das entlastet den Wohnungsmarkt insgesamt und bringt neuen Wohnraum für junge Menschen und Familien. Das Thema Datenschutz wird gerade für junge Menschen von Jahr zu Jahr wichtiger. Die umstrittene neue EU-Datenschutzrichtlinie könnte Nachteile für die Österreicher bringen. Wie willst du dem vorbeugen? Datenschutz ist in der Tat ein ganz wichtiges Thema – jeder hat natürlich das Recht auf den Schutz seiner personenbezogenen

Daten. In Zeiten des Internets und moderner Kommunikation ist es aber auch wichtig, dass im Umgang mit diesen neuen Medien eine Sensibilisierung stattfindet. Datenschutz fängt schließlich bei jedem selbst an. Gerade junge Menschen gehen heute bei Facebook und Co. oft zu sorglos mit ihren Daten um. Natürlich braucht es auch einen rechtlichen Rahmen. Um den europäischen Datenschutz an die Anforderungen der heutigen Zeit anzupassen wird derzeit auf EU-Ebene ein neues Datenschutzrecht verhandelt. Die Herausforderung wird darin bestehen, einen Ausgleich zwischen unterschiedlichen Interessen herzustellen und praktikable Lösungen mit Augenmaß zu finden. 44,1 % hat jeder Österreicher 2012 Steuern gezahlt. Der EU27-Schnitt liegt bei rund 40 %. Wann kommt die Entlastung des vielzitierten Mittelstandes? Ja, ganz klar, Österreich ist ein Hochsteuerland. Ich habe deshalb auch in den Verhandlungen zum Reformpaket verhindert, dass wir in einer neuen Steuerflut versinken, wie das die SPÖ gefordert hat. Mit mir wird es auch sicher keine Wiedereinführung von Eigentumssteuern oder einer Erbschaftssteuer geben. Was die SPÖ hier unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit propagiert, sind in Wahrheit Angriffe auf den Mittelstand, die Häuslbauer und junge Familien, die ein Eigenheim wollen. Das wird es mit mir mit Sicherheit nicht geben. Im Gegenteil: Der nächste Schritt wird sein, dass wir den Mittelstand steuerlich entlasten. Heuer geht sich das aber budgetär nicht aus und eine Steuerreform auf Pump hat keine Zukunft. Wir haben gerade unseren Haushalt saniert und bauen konsequent Schulden ab. 2016 erreichen wir das Nulldefizit. Das ist ein ganz wesentlicher Schritt auch in Hinblick auf die Jüngeren, denen wir keinen Schuldenrucksack hinterlassen

wollen. Sobald das nötige Geld vorhanden ist, wird es auch die versprochene Steuerentlastung für den Mittelstand geben. Das Pensionssystem ist in einer gefährlichen Schieflage. Bleibt das System so wie es ist, werden alle, die heute unter 40 sind, in der Pension nur mehr eine soziale Mindestsicherung von ein paar 100 Euro bekommen. Die erhöhten Zuschüsse aus dem laufenden Budget, schränken die politischen Gestaltungsmöglichkeiten stark ein. Wäre für dich die Reform eine Vorbedingung für eine Koalition? Wir haben mit dem Reformpaket 2012 wichtige Reformen im Pensionssystem umgesetzt. Bis 2020 wird das faktische Pensionsantrittsalter in Österreich von derzeit ca. 58,5 Jahren um insgesamt vier Jahre angehoben. Damit und mit den bereits gesetzten Maßnahmen wie mit dem Pensionskonto, den Änderungen bei der Langzeitversichertenregelung und der Abschaffung der Invaliditätspension für unter 50Jährige, sorgen wir dafür, dass auch die heute Jungen einmal eine ordentliche Pension bekommen werden. Wir sind hier also eindeutig auf dem richtigen Weg und den werden wir konsequent weitergehen. Durch die GmbH-Reform* soll die Neugründung von Unternehmen gefördert werden. Jungunternehmer brauchen aber auch Startkapital. Kapital das sie immer seltener von Banken** bekommen. Würdest du „Crowdfunding“*** rechtlich besser regeln wollen? KMU haben – anders als die „Großen“ – nicht den Finanzmarkt als Geldquelle. Wir haben im vergangenen Jahr zwei Jungunternehmerfonds umgesetzt, die die innovativen Tempomacher der österreichischen Wirtschaft kräftig unterstützen. In meiner Wirtschaftsrede habe ich zudem zehn Im-

couleur 02 | 13

15

politik usw.

gen, um zu gestalten.“

pulse für die Wirtschaft vorgestellt, wobei die Förderung von Neugründungen und Jungunternehmern klar im Zentrum steht. Einer dieser Impulse ist zum Beispiel, dass wir Investitionen in Startups steuerlich absetzbar machen. Das schafft vor allem für Jungunternehmer Anreize, privates Kapital in innovative Betriebe zu lenken. Als Wirtschaftspartei wissen wir um die Schwierigkeiten, mit denen sich Jungunternehmer in der Anfangsphase oft konfrontiert sehen. Deshalb setzen wir alles daran in diesem Bereich Verbesserungen zu erzielen. Konkret zum Crowdfunding ist zu sagen, dass dieses System sympathisch klingt, aber man darf nicht übersehen, dass für die Banken strengere Regeln gelten. Das Wirtschaftsministerium prüft gerade die Grundlagen für das Crowdfunding, vor allem ist zu klären, was passiert, wenn hier etwas schief geht. Mit Ex-LH Gerhard Dörfler zieht ein Politiker in den Bundesrat ein, der eigentlich für seine Abschaffung eintrat. Du warst

selbst Bundesratsabgeordneter, wie kann eine Reform der Länderkammer aussehen? Bundesratspräsident Edgar Mayer arbeitet derzeit intensiv an einem Reformvorschlag für den Bundesrat. Die diesbezüglichen Gespräche laufen bereits. Wie die Reform im Detail aussehen wird, muss sich erst zeigen. Du definierst dich bewusst als ChristlichSozialen. Was sind die Eckpfeiler deines Handelns? Was treibt dich an? Meine Überzeugung, etwas in unserem Land und auf der Welt bewegen zu können. Ich bin in die Politik gegangen, um zu gestalten. Meine christlich-sozialen Werte dienen mir dabei als Kompass. Ich bin überzeugt, dass es gerade in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit unglaublich wichtig ist, ein starkes Wertefundament zu haben, das einem den Weg weist. Ich habe mich daher auch in der Öffentlichkeit immer zu meinen Wurzeln im katholischen Couleurstudentum bekannt, denn die Menschen sollen

wissen, wie ich bin und mit wem sie es zu tun haben. Ganz konkret setze ich mich als Außenminister weltweit für die Religionsfreiheit ein – noch immer werden Christen in vielen Ländern dieser Erde verfolgt. Dagegen trete ich auf. Aber auch bei uns in Österreich ist es wichtig, dass wir uns auf unsere christlich-sozialen Werte zurückbesinnen. Wir brauchen eine christliche Politik, in der wir Verantwortung für uns selbst, für andere, aber vor allem für nachfolgende Generationen übernehmen. Denn klar ist, was auch immer wir tun: Im Mittelpunkt steht immer der Mensch. Interesse an Veränderung bekommen? Der zweite Teil des Interviews folgt in Ausgabe 03/13!

zur person
Kbr. Dr. Michael Spindelegger (* 21. Dezember 1959 in Mödling, Nc, TUM), war Abgeordneter zum Bundesrat, Nationalrat und europäischen Parlament, ist seit Dezember 2008 Außenminister und seit April 2011 Vizekanzler und Bundesparteiobmann der ÖVP.

* Herabsetzung des Stammkapitals von 35.000 auf 10.000 Euro, geringere Gründungskosten,… ** Meist ist Basel III und die darin festgeschriebenen Eigenkapitalvorschriften das Argument. Stimmt, aber nicht ganz. Je mehr Kredite vergeben werden, desto geringer ist das Spielkapital für Geschäftspraktiken, die mittlerweile als „Casino-Kapitalismus“ bezeichnet werden. *** dt „Schwarmfinanzierung“. Finanzierung von Projekten/Unternehmen durch viele kleine Kreditgeber.

bezahlte Anzeige

couleur 02 | 13

17

politik usw.

„Kongress über die Zukunft Europas“
Couleur traf den Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments Kbr. Mag. Othmar Karas (OLS) und sprach mit ihm über EU-Außenpolitik und die nächsten Entwicklungsschritte der Union.
INTERVIEW: MAG. GOTTFRIED FORSTHUBER (BDB) FOTO: MKV/PHILLIPP HARTBERGER (BDB)

Das Thema Datenschutz wird gerade für junge Menschen von Jahr zu Jahr wichtiger. Die umstrittene neue EUDatenschutzrichtlinie könnte Nachteile für die Österreicher bringen. Wie willst du dem vorbeugen? Fakt ist: Alles was grenzüberschreitend stattfindet, muss europaweit einheitlich geregelt werden. Es müssen zumindest einheitliche Standards geschaffen werden, die europaweit kontrolliert und sanktioniert werden können, damit nicht durch unterschiedliche nationale Regelungen und durch eine unterschiedliche Kultur oder durch unterschiedliche Standards von Justizwesen und -verwaltung es zu einem Mangel an Schutz für die Betroffenen kommen kann. Datenschutz ist ein klassisches Beispiel dafür, dass wir verstärkt grenzüberschreitend denken und europaeinheitlich regeln müssen. Wie wichtig ist eine gemeinsame EUAußenpolitik? Sehr, weil auf einem – marzialisch formuliert – internationalen Schlachtfeld macht es wenig Sinn, wenn jeder Mitgliedsstaat etwa gegenüber Syrien oder den Iran, seine eigene Strategie entwickelt.

Diese gemeinsame Vorgehensweise hat in der Vergangenheit ja leider nicht wirklich funktioniert. Stichwort 2. Irakkrieg. Das ist in der Tat ein Problem. Wir sind in Sachen gemeinsamer Außen- und Verteidigungspolitik noch immer ein politisch zersplitterter Kontinent. Wir haben 47 europäische Staaten im Europarat. Wir sind derzeit mit Kroatien 28 Staaten der Europäischen Union. Die künftigen sind aber kontinentale und nicht nationale Herausforderungen. Daher geht es im Innenverhältnis auch darum, dass die EU endlich zum Sprecher des Kontinentes in der Welt werden kann. Genau das war unsere Schwäche in der Frage des Irak, weil das Vereinigte Königreich anders im UNO Sicherheitsrat abgestimmt hat, als Frankreich. Es gibt aber auch Positivbeispiele, wie etwa im Nahen Osten, wo die EU Seite an Seite mit der UNO, Amerika und Russland Einfluss auf globale Friedenseinsätze nimmt. Wie sind Deiner Meinung nach die nächsten Entwicklungsschritte der EU? Wegen der Erfahrungen mit der Finanzund Wirtschaftskrise haben die Stabilisierung der gemeinsamen Währung und

die Wettbewerbsfähigkeit der EU absolute Priorität. Die nächsten Schritte sind: Bankenunion, Fiskalunion, Wirtschaftsund Sozialunion, Politische Union. Aufgrund der Globalisierung wird eine gemeinsame Außenpolitik sowie Verteidigungs- und Sicherheitsunion parallel danach der nächste Schritt sein. Das ist aber ein Prozess der mindestens zehn Jahre dauert. Ich schlage vor, dass Österreich diesen Prozess einleitet. Wir gedenken im Jahr 2014 200 Jahre Wiener Kongress, 100 Jahre Beginn des 1. Weltkrieges, 20 Jahre JA zur EU-Volksabstimmung. Wir sollten diese Ereignisse zum Anlass nehmen, einen modernen Wiener Kongress über die Zukunft Europas zu organisieren und hier den Anstoß für eine europaweite offene und die Bürger beteiligende Debatte über die Zukunft Europas und die Rolle Europas in der Welt geben. Was entgegnest Du Kritikern, die um die Souveränität der Mitgliedstaaten fürchten? Wir werden in jenen Bereichen, die ein Staat alleine in der heutigen Zeit nicht mehr lösen kann, stärkere politische Zusammenarbeit brauchen. Es ist eine Frage der Vernunft und der Verantwortung, dass wir die Zusammenarbeit intensivieren und wir nicht der Renationalisierung, den Nationalismen nachgeben, sondern Schritt für Schritt Europa zu einem gemeinsam gestalteten Kontinent machen. Interesse an Europapolitik bekommen? Der zweite Teil des Interviews folgt in Ausgabe 03/13!

zur person
Kbr. Mag. Othmar Karas (OLS et mult) ist Vizepräsident des Europäischen Parlaments (EP), ÖVP-Delegationsleiter im EP, Präsident des Hilfswerk, Präsident und Sprecher des Bürgerforums Europa 2020.

18

couleur 02 | 13

ad fundum

Die Macht der Intuition
Wie kann das Gehirn die Intuition anzapfen? Wie kommt man zu einer intuitiv richtigen Entscheidung? Ein Beitrag über die Weisheit der Gefühle.
Bei den „gesunden“ Menschen ist die Psychologie des Handelns durch NichtHandeln die längste Zeit unterschätzt worden. Zu verlockend ist die Hoffnung darauf, dass sich die Probleme irgendwann einmal „von selbst erledigen“, obwohl sie uns diesen Gefallen nur höchst selten erweisen. Wie eine Epidemie greift die panische Angst vor Entscheidungen um sich. Viele scheinbar völlig normale Menschen leiden an chronischer Entscheidungsunfähigkeit. Inzwischen könnte man sogar sagen, dass sie gerade wegen ihrer Unentschlossenheit so „normal“ wirken. Die Verluste, die durch leichte bis schwere Formen von Fahrlässigkeit und Unschlüssigkeit entstehen, gehen ins Unermessliche. Wer die zur Lösung anstehenden Probleme zu lange hinausschiebt, riskiert damit unweigerlich, dass für die Sanierung ab einem bestimmten Zeitpunkt ein Mehrfaches von dem aufgewendet werden muss, was rechtzeitiges Handeln gekostet hätte. Die Weisheit der Gefühle Die Scheu, sich festzulegen hat gute Gründe. Da ist einmal die Angst, man könnte eine Entscheidung, bei der sich herausstellen sollte, dass sie nicht die Richtige war, im Nachhinein bereuen. Aber gerade bei Entscheidungen, die ins Ungewisse hinein getroffen werden müssen, gilt der Satz: „Wenn man schon den Überblick verloren hat, dann muss man wenigstens den Mut haben, Entscheidungen zu treffen“. Das ist weit weniger sarkastisch als es klingen mag. Denn überall dort, wo der Mensch am Ende seiner verstandesmäßigen Weisheit angelangt ist, muss die „Weisheit der Gefühle“ einsetzen. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit „Hirnkastl ausschalten“. Im Gegenteil: der Kopf bleibt am Kommandostand und überlegt „warum rast das Herz?“, „Warum hat der Magen ein mulmiges Gefühl?“ (wo doch beide ganz offensichtlich auf eine unbewusste Regung des Gehirns reagiert haben). Und hier sollte das einsetzen, was in den letzten Jahrzehnten so sträflich vernachlässigt worden ist, nämlich die Beschäftigung mit der Frage: Wie kann das Gehirn die Intuition anzapfen bzw. wie kommt man zu einer intuitiv richtigen Entscheidung? Vor allem dort, wo die Mittel des reinen Verstandes nicht ausreichen, brauchen wir einen Zugang zu dem, was wir „wissen“ ohne das es uns „bewusst“ ist. Verlust der emotionalen Bewegung Dabei hat die Forschung den präfrontalen Cortex noch bis vor kurzem für vollkommen entbehrlich gehalten. Patienten, bei denen der frontale Hirnlappen beschädigt oder gar entfernt worden war, wurden als „vollkommen gesund“ entlassen, da sie sämtliche Intelligenztests einwandfrei bestanden hatten. „Grundfähigkeiten unauffällig“ – so hieß es in den Entlassungsberichten. Doch schon bald sollte sich herausstellen, dass die angeblich „Unauffälligen“ sehr wohl eine lebenswichtige „Grundfähigkeit“ verloren hatten. Sie waren nicht mehr in der Lage, die einfachsten Entscheidungen zu treffen, was nicht nur im Berufsleben katastrophale Auswirkungen hatte, sondern schon bei den kleinsten Dingen des Alltags begann, wie beispielsweise mit der Frage, was man anziehen, was man einkaufen und welche Verkehrsmittel man nehmen sollte. In diesen Fällen war ganz offensichtlich ein wichtiges Mittel der Lebensbewältigung verloren gegangen, nämlich die emotionale Bewertung, die der Mensch zu allem, was er erlebt hat, mit abspeichert. Euphorie des Schöpferischen Für den Neuropsychologen Antonio Damasio ist der Cortex der Arbeitsspeicher des Gehirns, der aus vielen sich anbietenden Mustern und Querverbindungen die plausibelste Lösung heraussucht. Nach dem „Wenn-dann“-Schema geht er immer und immer wieder alle Möglichkeiten durch und simuliert die unterschiedlichsten Szenarien. Dabei reagiert „das Gehirn auf Informationen nicht nur intellektuell sondern auch emotional“ (Damasio). Was schließlich dazu führt, dass eine gelungene Problemlösung mit einem „somatischen Marker“ versehen wird, d.h. mit einer angenehmen körperlichen Resonanz, die dem Geist signalisiert, dass eine Entscheidung nicht nur „richtig“ war, sondern sich sogar „richtig anfühlt“. Eine Art Belohnungssystem sorgt also dafür, dass der erfolgreiche Problemlöser in einen Zustand


Wenn man schon den Überblick verloren hat, muss man wenigstens den Mut haben, Entscheidungen zu treffen.


Gehirn ist keine Suchmaschine Das menschliche Gehirn funktioniert eben anders als die Suchmaschine eines Computers. Auf eine viel assoziativere und somit auch kreativere Art erarbeitet es seine entscheidungsreifen Grundlagen. Ob Wahrnehmungen und Erfahrungen nach ihrer Zwischenlagerung im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert oder gleich wieder gelöscht werden, hängt von der Stärke der emotionalen Begleitumstände ab. Bemerkenswerterweise liegt das Langzeitgedächtnis für die unterschiedlichen Sinneseindrücke dort, wo die Sinne zuvor auch verarbeitet wurden – im präfrontalen Cortex. Wenn sich der Mensch erinnert, dann schaut, horcht, riecht oder tastet er gewissermaßen in sich hinein. Inzwischen ist man zu der Erkenntnis gelangt, dass dieser Teil des Gehirns als eine Art Bewusstseinspförtner die Oberaufsicht über die mentalen Prozesse innehat. Das heißt: wenn Emotionen nicht einfließen können, damit eine Entscheidung gefasst werden kann, dann kommt auch keine zustande.

couleur 02 | 13

19

ad fundum

wohliger Gefühle versetzt wird – pathetisch könnte man es auch „die Euphorie des Schöpferischen“ nennen. Auswegloses Problem? Erfahrene und entscheidungskompetente Menschen sind sehr wohl in der Lage, in ihrem Geist die Folgeszenarien ihrer Entscheidungen vorausschauend Revue passieren zu lassen. Dieser Prozess speist sich aus einer Vielzahl unbewusster Vorgänge, die zusammen das ergeben, was wir gemeinhin als „Intuition“ bezeichnen. Je komplizierter und scheinbar auswegloser ein Problem erscheint, umso intensiver muss man mit allen mentalen Möglichkeiten nach einem Hebelpunkt suchen, der den Stein ins Rollen bringt. In seinem Buch „Intuition erlernen“ vergleicht Robin Hogarth die dem Menschen vorbehaltene Fähigkeit, Intuition und Verstand zur Synthese zu bringen, mit dem Autofahren. Der Fahrer entscheidet, wohin die Reise geht. Aber der Prozess des Wagenlenkens läuft größtenteils automatisch

ab. Ganz ähnlich ist es mit den geistigen Entscheidungsprozessen. Erst wenn es nicht mehr anders weiter geht, wird der Verstand mit einem Problem konfrontiert. Und der wiederum muss seiner Intuition vertrauen können, die ihrerseits das Ergebnis von bewussten wie auch unbewussten Lernprozessen ist. Wenn dieses Joint Venture nicht reibungslos verläuft, leidet auch die Qualität der Entscheidungsfindung. Diese Gefahr lauert überall dort, wo falsch erlernte Zusammenhänge die Realität verzerren anstatt sie zu erklären – sei es durch Vorurteile, sei es auch durch übertriebenes Wunschdenken und die mangelnde Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen.

Inneres Radar Die funktionierende Intuition vermag, als eine Art inneres Radar aus dem Strom des bereits Wahrgenommenen die richtigen Muster herauszufischen, um die notwendigen Handlungsschritte in die richtige Richtung zu lenken. Dabei muss die Mischung aus Gefühltem und Erlerntem nicht einmal ins Bewusstsein treten. In den Augenblicken höchster Konzentration und immer dort, wo sich Geist wie ein Brennglas auf eine große Herausforderung fokussiert, ist es oft nicht mehr als eine innere Eingebung, die an die Oberfläche des Bewusstseins dringt. Und gleichzeitig das beglückende Erlebnis, Licht am Ende des Tunnels zu sehen: „Genau. Das ist es!“, oder zumindest „Ja, so könnte es gehen.“

der autor
Cbr. Dr. jur. Peter Hofbauer (Merc), leitet seit 1998 das Wiener Metropol und ist Buch- und Theaterautor. Er war unter anderem Leiter der ORF Jugendredaktion, ORF Ressortleiter Kabarett/Kleinkunst, von 1990 bis 1995 ORF Unterhaltungschef und Herausgeber der ÖCV Verbandszeitschrift „ACADEMIA“.

bezahlte Anzeige

20

couleur 02 | 13

ad fundum

Schalom in der Leopoldstadt
Ein Land lernt man am besten durch die einheimische Küche kennen. Der zweite Wiener Gemeindebezirk Leopoldstadt bietet der halben Welt eine Heimat. Vor allem der jüdischen.
schlaggebend für die Attraktivität des Bezirks für religiöse Juden ist. Religion und Leopoldstadt Die Leopoldstadt, speziell das Gebiet um den Karmeliterplatz, beherbergt alle Einrichtungen, die es orthodoxen Juden ermöglicht, ein ausfüllendes religiöses Leben zu leben. Neben Willis levantinischem Imbiss gibt es durchaus koschere Restaurants, mehrere jüdische Lebensmittelgeschäfte, ein jüdisches psychosoziales Zentrum, ein Krankenhaus, ein Seniorenheim sowie Schulen. Das Wichtigste für Gläubige ist jedoch ein Ort für das Gebet. Hier schließt sich der Kreis zwischen Religion und Leopoldstadt. Mehrere Synagogen im Grätzl bieten die Möglichkeit, nicht gegen die Gebote des Sabbats, wie etwa die Benützung von Verkehrsmitteln, zu verstoßen. Für jüdische Mitbürger bemüht man in Gedanken oft das Bild der Charedim, die mit Schläfenlocken, schwarzem Kaftan und Kipa das Bild der Leopoldstadt prägen. Man könnte meinen, dass die religiöse Gemeinde in stetem Wachstum begriffen ist. „Es gibt kaum Zuwanderung im eigentlichen Sinne und das ist für uns ein Thema, weil wir eine solche Zuwanderung benötigen würden“, gibt sich Mag. Raimund Fastenbauer, Generalsekretär für jüdische Angelegenheiten der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), nachdenklich. Einen großen Zuwachs erfuhr die Gemeinde in den 70er-Jahren. Damals galt Wien vor allem für bucharische Juden aus Zentralasien als Auswanderungsroute nach Israel. Manche fanden den Weg in die USA, andere hingegen haben ihren Lebensmittelpunkt von Israel wieder nach Wien verlegt. Steigende Mitgliederzahl Momentan stagniert die Zahl der Mitglieder in der Gemeinde, wenn nicht gar die Abwanderung die Zuwanderung der jungen Generation übertrifft. Als einen Grund Ein Arbeitgeber für jüdische Akademiker ist eine der jüdischen Privatschulen im Bezirk. Die vom ehemaligen US-Botschafter Ronald Lauder gegründete Schule, die zu einem Campus avancierte und Volksfür die Abnahme der Gemeindemitglieder nennt Fastenbauer einen trivialen, die Liebe. „Man heiratet nicht einen Burschen oder ein Mädchen, das man seit dem Kindergarten kennt, man heiratet jemanden, den man erst kennenlernt.“ Demnach begeben sich viele junge Mitglieder der Gemeinde, die eine Anzahl von 8.000 Personen umfasst, auf Brautschau in andere jüdische Zentren außerhalb Österreichs. Die Jungen nützen auch die Ausbildungschancen an ausländischen Universitäten. In der Ausbildung sieht Fastenbauer einen weiteren Grund, der für Verbleib oder Abwanderung entscheidend ist: „Wir haben in Wien eine FH mit vielen jüdischen Studenten, die bis zum Bachelor studieren. Um ständig in Österreich zu bleiben, ist allerdings der Master Voraussetzung, den wenige Studenten anstreben.“ Dieser Umstand und finanzielle Mindestanforderung sind Steine im Weg zur Niederlassung in Österreich. Eine gewisse organisierte und limitierte Zuwanderung wäre für Fastenbauer wünschenswert, um die überschaubare jüdische Gemeinde zu vergrößern. Die Mitglieder sind im Übrigen in unterschiedlichsten Bereichen tätig, vom Schuhmacher bis zum Akademiker. Fas-tenbauer unterstreicht dabei, dass das scheinbar noch immer vorhandene Bild des Juden mit der dicken Brieftasche jeglicher Grundlage entbehrt. Es gibt sehr wohl sozial schlechter gestellte Mitglieder, die sich mit kleinen Geschäften über Wasser halten. Auf die Frage, ob die IKG Wien wieder die Mitgliederzahl vor ‘38 erreichen könne, entgegnet Fastenbauer „dass wir schon sehr zufrieden sind, wenn sich die Zahl der eingeschriebenen Mitlieder verdoppeln würde.“ „Wir wachsen“

„Ich wurde als Jude geboren und werde als Jude sterben“, lässt mich Willi nach meiner Frage, als was er sich fühle, wissen. Willi ist das Paradebeispiel für die, die allzu gerne in Wien hängenbleiben. Geboren in Georgien, aufgewachsen in Israel, mit zehn Jahren nach Österreich und hier nun erfolgreicher Imbissgastronom. Kindheitserinnerungen an einen leeren Magen in Israel waren einer der Gründe, die „Falaferia“ in der Taborstraße zu errichten. Das kleine Lokal verführt mit fremden als auch vertrauten Zutaten für das individuelle Falafel. Zwei Mädchen am Tresen unterhalten sich. Auf Hebräisch. Auch Willi spricht Hebräisch sowie Georgisch und Deutsch. Fließend selbstverständlich und wirkt mit seinem Schmäh sehr wienerisch. „Ich habe mich immer gut anpassen können und wurde nie in eine Opferrolle als Ausländer oder Angehöriger einer anderen Religion gedrängt.“ Der Unternehmer gibt zu, nicht besonders religiös zu sein, obwohl koscher kochen kein Problem für ihn wäre, da tierische Produkte auf dem Falafelbuffet nicht zu finden sind. Die strenge Einhaltung des Sabbats „würde allein schon den Betrieb des Tagesgeschäfts nicht zulassen.“ Unter anderem ist es dieser Ruhetag, der aus-

couleur 02 | 13

21

ad fundum

schule sowie Mittelschule und Oberstufenrealgymnasium unter einem Dach vereint, befindet sich, schwer bewacht, neben dem Augarten. Auf dem Campus tollen Kinder herum, man ruft sich auf Wienerisch zu. Direktorin Gabriele Huhndorf kennt keine stagnierenden Zahlen ihrer „Mitglieder“. Im Jahr 2000 wurde ausgebaut und „wir wachsen, blühen und platzen jetzt schon wieder aus allen Nähten“, gibt sich die studierte Theologin sichtlich stolz. Mit Stolz kann sie auch auf die Leistungen ihrer Schüler verweisen, die letztes und dieses Jahr erfolgreich in Sprachwettbewerben angetreten waren. Denn neben dem religiösen Schwerpunkt konzentriert sich die Schule auf Mehrsprachigkeit: „Da sitzen die Talente der Schülerinnen und Schüler, da gibt es ein sehr großes Potenzial.“ Die Maturanten in der letzten Klasse sprechen Deutsch, Englisch, Hebräisch und Französisch. Neni im Zweiten Neben diesen Erfolgen weiß die Pädagogin auch von der jüdischen Community

in Wien zu erzählen. Nicht zuletzt die Unterstützer des Campus sind es, die die Schüler zu solchen Leistungen anspornen. „Der Schulerhalter ist großzügig, was Stipendien und Freiplätze betrifft. Es geht darum, jüdischen Kindern in einem jüdischen Umfeld eine entsprechende Ausbildung zu ermöglichen.“ Damit wird auch weniger begüterten Kindern die Chance eingeräumt, an diesem Schulmodell teilzunehmen, da, laut Huhndorf „die soziale Schere beim Background der Eltern sehr groß ist.“ Nuriel Molcho, Betreiber des Restaurants „Neni im Zweiten“ befindet sich am aufstrebenden Ast. Die Familie Molcho hinterlässt seit Jahren Spuren in der Wiener Gastroszene. Begonnen hat alles an einem Abend im Kreise der Familie und dem darauffolgenden Sprung vom Catering der Mutter ins Restaurantgeschäft. Mittlerweile werden zwei Restaurants und der Tel Aviv Beach am Donaukanal geführt. „Im ersten Jahr haben Leute gegenüber einen Gazastreifen aufgebaut – ein Witz“, schmunzelt der 28-jährige Betriebswirt.

Israelisches Lebensgefühl Denn das Ziel, das spürt man beim Betreten des Lokals, ist es, dem Gast ein weltoffenes Gefühl zu vermitteln: „Vorrangig ist es für uns, den Gästen das israelische Lebensgefühl näherzubringen.“ Die Österreicher, so wie Molcho selbst, werden mit Kreationen aus orientalischen und einheimischen Produkten verwöhnt. Das gelingt den Molchos soweit, dass sie bereits israelische Tappas in den Handel bringen. Unterstützung für Projekte finden sie in der Austrian Israeli Chamber of Commerce. Diese ist eines der Bindeglieder in der israelischen Gemeinde ohne religiösen Hintergrund. „Wir wollen die Kunden als Teil einer erweiterten Familie sehen, eine liberale und tolerante Einstellung zeigen.“ Molcho wird sich bei der Verbreitung dieser Einstellung allerdings nicht auf Wien beschränken. Ein Ableger der Familie wurde vor kurzem in Zürich gegründet. Berlin folgt. Das jüdische Leben gedeiht offenbar nicht nur in der Leopoldstadt.
MARTIN MEIXNER (BDB)

bezahlte Anzeige

bezahlte Anzeige

22

couleur 02 | 13

ad fundum

Energiewende: Was
Greenpeace verlangt ein Ziel von 45 Prozent Erneuerbarer Energien bis 2030 und setzt sich damit für eine Vorreiterrolle der Europäischen Union für die Energiezukunft weltweit ein.

Die bis 2020 gültigen Klima- und Energieziele der Europäischen Union – 20 Prozent weniger Treibhausgasemissionen, 20 Prozent Erneuerbare Energien und 20 Prozent mehr Energieeffizienz – werden wahrscheinlich sogar übertroffen werden. Aber was kommt nach 2020? Greenpeace verlangt ein Ziel von 45 Prozent Erneuerbarer Energien bis 2030 und setzt sich damit für eine Vorreiterrolle der Europäischen Union für die Energiezukunft weltweit ein. Bestandsaufnahme Lag im Jahr 1999 in der EU der Anteil Erneuerbarer Energien an der Gesamtenergieversorgung noch bei 5,4 Prozent, so betrug er 2008 bereits 10,5 und 2010 sogar 12,4 Prozent. Im gleichen Zeitraum sanken die Treibhausgasemissionen um zehn Prozent. Die Politik zeigt also Wirkung, die Energiewende kommt allmählich in Schwung, und die europäischen 20/20/20Ziele werden vermutlich sogar übertroffen werden. Die gemeinsamen Beschlüsse lösten eine Dynamik in den Mitgliedsstaaten aus, die etwa zu mehr Investitionen in den Ausbau Erneuerbarer Energien oder zur Entwicklung sparsamerer Autos führte. Andererseits sehen wir aber auch, dass wir mit

dem derzeitigen Tempo nicht auf dem Weg sind, der zur Einhaltung des in Kopenhagen beschlossenen Zwei-GradZieles führt – laut einer Einschätzung der Europäischen Kommission wird mit der Fortsetzung der heutigen Politik eine Verringerung der CO2-Emissionen von höchstens 40 Prozent bis 2050 erreicht werden. Das bedeutet, dass das Tempo, mit dem die Mitgliedsstaaten der EU ihren CO2Ausstoß verringern, deutlich beschleunigt werden muss. Anforderungen für die Energiepolitik nach 2020 Damit die bisherigen Entwicklungen beibehalten und intensiviert werden können, braucht es ambitionierte mittelfristige Zielsetzungen. Die Gefahr, dass es zu einem Stillstand der Klimaschutz-Aktivitäten kommt, wäre – bei Absenz einer solchen Zielsetzung – zu groß und darf nicht riskiert werden. Für den Zeitraum nach 2020 gibt es aber noch kein gemeinsames Ziel, wenn man vom Zwei-Grad-Ziel absieht. Zwar gibt es noch die „Roadmap 2050“, jenen Fahrplan, mit dem die Europäische Kommission eine 80-prozentige Reduktion der Treibhausgasemissionen und einen Übergang zur „low carbon economy“ vorschlägt. Diese Roadmap ist aber nicht ver-

bindlich, sondern gibt nur die weitere Richtung vor. Die entscheidenden Fragen sind jetzt also, wie die europäische Klima- und Energiepolitik unmittelbar nach 2020 aussehen soll, welche Ziele diese Politik verfolgt und welche Maßnahmen zur Zielerreichung beschlossen werden müssen. Greenpeace fordert ein neues Klima- und Energiepaket mit folgenden drei Eckpfeilern für die Politik bis 2030: I. 45 Prozent Erneuerbare Energien bis 2030 Europaweit muss das Tempo des Ausbaus von Erneuerbarer Energie gesteigert werden, damit der aus Klimasicht notwendige, ambitionierte Kurs erreicht wird. Einzelne Staaten, wie Deutschland oder Spanien, haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass eine konsistente Klima- und Energiepolitik zu einem raschen Ausbau führen kann. Eine klare EU-Zielvorgabe für 2030, heruntergebrochen auf Ziele für die einzelnen Mitgliedsstaaten, würde EUweit eine Steigerung der Ausbaudynamik auslösen. II. Regulierungsrahmen Um die Umsetzung der EU-Ziele auf nationaler Ebene zu gewährleisten braucht es

couleur 02 | 13

23

ad fundum

kommt nach 2020?
einen verbindlichen politischen Rahmen inklusive Sanktionsmöglichkeiten sowie die Umgestaltung des europäischen Strommarktes. Denn die Zeiten, in denen das europäische Stromnetz problemlos den eingespeisten Strom aus Wind oder Sonne aufgenommen hat, sind vorbei, und mit einer weiteren Zunahme der Stromeinspeisung aus fluktuierenden Quellen braucht es eine Antwort auf die Frage, wie dies technisch bewältigt werden kann. Ebenfalls muss das europäische Emissionshandelssystem reformiert werden: Durch eine Über-Allokation sind die Emissionszertifikate so billig, dass das System de facto wirkungslos geworden ist. Zertifikate müssen vom Markt genommen und die verbleibenden Zertifikate versteigert werden, damit es zu einem Anreiz zur Verringerung der Emissionen kommt. III. Nachhaltigkeitskriterien Es braucht Nachhaltigkeitskriterien, mit denen eventuelle negative Auswirkungen eines höheren Einsatzes von Bio-Energie verhindert werden können. Denn die Abkehr von fossiler Energie bedeutet einen erhöhten Bedarf an Bio-Energie für Verkehr oder Raumheizung. Bisher wurde die Nutzung von Energie aus biogenen Rohstoffen für Heizung und Verkehr als klimaneutral angesehen, aber mittlerweile ist klar, dass etwa die Erzeugung von Biotreibstoff negative Auswirkungen auf das Klima haben kann. So hat die Zerstörung von Wäldern in Indonesien für die Errichtung von Palmölplantagen die Freisetzung enormer Mengen von CO2 zur Folge. Schlupfloch „low carbon technologies“? Unter dem Begriff „low carbon technologies“ wird immer wieder versucht, Atomenergie als Klimaschutzmaßnahmen ins Spiel zu bringen. Vorangetrieben werden diese Vorschläge von der Atomindustrie und von Staaten, die stark von Atomenergie abhängig sind. Um die Atomenergie in Europa endgültig zu stoppen, bedarf es einer starken Gegenkraft gegen diesen Vorstoß. Die Beschlüsse der Anti-Atom-Gipfel zwischen der Bundesregierung, der Energiewirtschaft sowie Greenpeace und GLOBAL2000 werden dafür sorgen, dass Österreich 2015 das erste EU-Land sein wird, das frei von Atomstrom ist. Österreich trägt die Verantwortung, diese Position auf europäischer Ebene zu verankern. Allem voran muss dafür gesorgt werden, dass Deutschland nicht nur seine Atomkraftwerke schließt, sondern gleichzeitig auch keinen Strom aus – noch gefährlicheren – Atomkraftwerken importiert. Verschiedene Staaten haben in den letzten Jahren gezeigt, dass alleine ausbauseitig eine Steigerung des Anteils Erneuerbarer Energien am Gesamtenergieverbrauch von rund anderthalb Prozentpunkten jährlich realisierbar ist. Deutschland etwa hat sich auf diesen Pfad begeben – und das nicht zum Nachteil der Wirtschaft. Wenn sich andere Staaten an solchen „Frontrunnern“ orientieren, kann das gesamteuropäische Ausbautempo stark beschleunigt werden. Bedeutung für die Wirtschaft Durch den Ausbau von Erneuerbaren Energien sinken langfristig die Energiepreise. Entsprechend dem Energie-[R]evolutionSzenario von Greenpeace steigen – bedingt durch die Anfangsinvestitionen beim Umbau der Energieerzeugung – die Gesamtkosten im Vergleich zu einem Business-asusual-Szenario zu Beginn leicht an, fallen jedoch, mit fortschreitendem Umbau der Erzeugungskapazität von Fossil- und Nuklearenergie auf Erneuerbare Energie, ab 2030 rasch und betragen 2050 noch zwei Drittel der Kosten des Business-as-usualSzenarios. Durch diesen Umbau entstehen laut Greenpeace Berechnungen etwa eine halbe Million neuer Arbeitsplätze in OECD-Europa. Die zukünftige Bundesregierung muss die deutlichen Signale aufnehmen und den eingeschlagenen Pfad beim Ausbau Erneuerbarer Energien verstärkt weiterführen. Zudem braucht es ambitionierte Ziele auf europäischer Ebene, um bis 2050 nur noch Restbestände fossiler Energie zu nutzen. Österreich muss die Forderung nach einer Anhebung des Anteils von Erneuerbarer Energie auf 45 Prozent unterstützen. Die internationale Rolle von Österreich besteht weiter darin, zu verhindern, dass unter dem Motto „low carbon technologies“ die Hintertür für Atomenergie aufgemacht wird.


Um die Atomenergie in Europa endgültig zu stoppen, bedarf es einer starken Gegenkraft gegen diesen Vorstoß.


Realistische Ziele? Das Ausbauziel für Erneuerbare Energien von 45 Prozent bis 2030 wird nur dann erreichbar sein, wenn gleichzeitig der Energieverbrauch in den Mitgliedsstaaten verringert wird. Im Straßenverkehr und bei der Raumwärme sind die Energiespar-Möglichkeiten am Größten – also in den Bereichen, in denen Erdöl und Erdgas eine große Rolle spielen. Wahrscheinlich steigt in absoluten Zahlen der Strombedarf, unter anderem im Verkehrsbereich – und damit steigt auch der Ausbaubedarf für Ökostrom.

die autorin
Julia Kerschbaumsteiner ist seit September 2012 Energie- und Atomkampaignerin bei Greenpeace. Greenpeace ist eine internationale, unabhängige Organisation, die kreativ und gewaltfrei auf weltweite Umweltprobleme hinweist und versucht, Lösungen durchzusetzen.

24

couleur 02 | 13

ad fundum

Staatsgeheimnis
Retten Deutschland, Österreich und weitere Geberländer wirklich Spanien, Irland und die anderen Krisenländer? Eine Recherchereise durch Europa offenbart: Die vielen Milliarden an Steuergeldern schützen vor allem wohlhabende Anleger vor Verlusten. Die Regierungen und Zentralbanker wollen das am liebsten verschleiern.
Eine Kirche, gut zwei Dutzend Häuser und eine Tankstelle; das irische Dorf Ballyhea hat wenig zu bieten. Doch hier, in den grünen Hügeln bei Cork rund 240 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Dublin, schlägt das Herz des irischen Widerstands. Jeden Sonntag gegen zwölf, gleich nach der Messe, versammeln sich je nach Wetterlage 30 bis 300 Menschen auf der Durchgangsstraße. Großeltern, Eltern und Kinder, Bauern, Handwerker und Angestellte: Für eine halbe Stunde halten die Demonstranten den Verkehr auf – und wollen so die Mächtigen der Euro-Zone zur Umkehr bewegen. Dafür marschieren sie Woche für Woche 500 Meter die Straße hinunter und wieder zurück. Zwei Jahre geht das schon. 103 Mal hat die Sonntagsdemo stattgefunden. Und noch immer steht „Ballyhea says No to bondholder bail-out!“ auf dem Schild, das die Aktivisten vorneweg tragen. „Nein zum Freikauf der Anleihebesitzer“ heißt das – eine Parole, die in deutschen Ohren skurril klingt. Aber in Irland gibt es kein wichtigeres Thema. Monat für Monat zahlen die sechs verstaatlichten Banken des Landes dreistellige Millionenbeträge, um fällige Anleihen zu bedienen und deren zumeist ausländische Besitzer auszuzahlen, das meiste davon auf Kosten der Steuerzahler. „Irland blutet aus“, sagt der parteilose irische Parlamentarier Stephen Donnelly, der auch zuweilen in Ballyhea mitläuft, „das muss aufhören.“ 70 Milliarden Euro zusätzlicher Schulden Mehr als 70 Milliarden Euro zusätzlicher Schulden hat der irische Staat seit 2008 schon machen müssen, um die im Boom aufgeblähten Banken zahlungsfähig zu halten – eine Summe, die angepasst an die volkswirtschaftliche Größe in Deutschland mehr als eine Billion ausmachen würde. Gleichzeitig kürzte die Regierung radikal die Ausgaben, vor allem zulasten der Schwächeren, und die jungen Leute verlieren die Hoffnung. Jede Woche verlassen mehr als 1000 Menschen das Land Richtung Übersee, die größte Auswanderungswelle seit der Hungersnot im 19. Jahrhundert. In wenigen Sätzen beschreibt die kämpferische alte Dame so das dunkelste Kapitel der Euro-Krise: Den bedingungslosen Freikauf der Gläubiger von überschuldeten Banken zulasten der Steuerzahler. Schon in mindestens 52 Fällen haben Europas Regierungen von Insolvenz bedrohte Banken mit Staatsgeld gestützt und deren Kreditgeber so vor Verlusten bewahrt. Aber nicht alle Staaten konnten sich das auch leisten. Darum mussten sich Irland, Spanien, Griechenland und Portugal gut 150 Milliarden Euro beim Rettungsfonds der Euro-Zone und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) leihen, um insolvente Banken zahlungsfähig zu halten. Wohin fließt das Geld Doch wohin fließt dieses Geld? Wer sind die Gläubiger, die ausbezahlt werden, und warum müssen sie nirgendwo selbst die Verluste aus ihren Fehlinvestitionen tragen, so wie es sonst bei jedem anderen Pleiteunternehmen üblich ist? Wer mit diesen Fragen durch Europa reist, der macht erstaunliche Erfahrungen. Beteiligte Banker in London sagen vereinbarte Termine unter falschen Vorwänden kurzfristig ab. Aufsichtsbehörden von Dublin bis Athen erklären sich für nicht zuständig. Selbst Fachleute ohne direkte Verantwortung sprechen aus Angst, ihren Job zu verlieren, nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Und gleich, ob bei den Finanzministern in Irland, Spanien oder Deutschland, ob bei der EU-Kommission in Brüssel oder der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt: Als handele es sich um ein Staatsgeheimnis, verweigern alle Verantwortlichen die konkrete Auskunft. Die Identität der „bondholder“ sei „nicht zu ermitteln“, behauptet Irlands Finanz-


Wohin fließt das Geld? Wer sind die Gläubiger, die ausbezahlt werden, und warum müssen sie nirgendwo selbst die Verluste aus ihren Fehlinvestitionen tragen?


„Die Menschen leiden, es ist schrecklich“, klagt die Rentnerin Frances O’Brien, Aktivistin der ersten Stunde aus Ballyhea. „Und das nur, weil wir Europas Bankensystem retten mussten, ihr müsst uns jetzt helfen“, fordert sie. Doch haben nicht die Deutschen und andere Euro-Staaten Irland vor der Pleite gerettet? O’Brien stutzt. „Nein, wir zahlen für eure Banken“, schleudert sie dem Besucher entgegen. „Wir haben euch gerettet, sag das den Deutschen!“

couleur 02 | 13

25

ad fundum

Bankenrettung
minister Michael Noonan. Dies sei „keine wichtige Information“, meint sein spanischer Amtskollege Luis de Guindos. Dabei handele es sich um „Geschäftsgeheimnisse“, konstatiert EZB-Direktor Jörg Asmussen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hält schon die Frage für abwegig und erklärt dem Fragesteller, die Banken seien nun mal „sehr miteinander verflochten“. Und „wenn eine Bank nicht mehr zahlungsfähig“ sei, dann löse das „Zweifel aus, ob die nächste Bank noch zahlungsfähig ist“. Darum müsse verhindert werden, dass „durch den Zusammenbruch eines Instituts der gesamte Bereich“ zusammenbreche. Das klingt einfach. Zu einfach. Denn es verbirgt, welche Interessen diese Politik bedient. Und die Folgen sind verhängnisvoll. Kein Land hat das härter getroffen als Irland. Bauen auf Pump Dublin, im November 2010. Unter höchster Anspannung verhandeln der damalige Regierungschef Brian Cowen und sein Finanzminister Brian Lenihan mit der als „Troika“ bezeichneten Delegation von EU-Kommission, EZB und Internationalem Währungsfonds (IWF) über einen Notkredit. Weil Anleger eine Staatspleite fürchten, muss die Staatskasse für neue Schuldtitel unbezahlbare acht Prozent Zins bieten, der Regierung droht die Zahlungsunfähigkeit. Dabei zählte Irland noch bis 2007 zu den Ländern mit dem niedrigsten Schuldenstand in der Euro-Zone. Doch die Währungsunion hatte einen gefährlichen Segen beschert. Mit dem Zugang zum EuroMarkt fielen die Kreditzinsen unter die Inflationsrate und boten die Möglichkeit, auf Pump zu bauen und zu investieren. Allein die deutschen Banken schleusten in den drei Jahren nach 2005 mehr als 100 Milliarden Euro nach Irland, so viel wie zwei Drittel einer Jahreswirtschaftsleistung des kleinen Landes. Mit dem geliehenen Geld befeuerten die sechs irischen Banken einen Immobilienboom, der selbst jenen in den USA noch übertraf. Nach dem Crash im September 2008 kam der Geldstrom jedoch abrupt zum Erliegen, während die Immobilienpreise fielen und immer mehr Kredite faul wurden. Plötzlich konnte die Anglo Irish Bank, die besonders aggressiv expandiert war, ihre auslaufenden Anleihen nicht mehr bedienen, Cowens Regierung geriet in Panik. Ohne zu ahnen, um wie viel Geld es geht, erteilte sie für zwei Jahre eine Garantie für alle Schulden irischer Banken.

26

couleur 02 | 13

ad fundum

Rückzahlung unmöglich Im Herbst 2010 nun droht diese Zahlungspflicht für die mittlerweile verstaatlichten Banken, die irische Staatskasse zu sprengen. Allein die Manager der Anglo Irish hinterlassen einen Schuldenberg von 47 Milliarden Euro, mehr als die irischen Steuereinnahmen eines ganzen Jahres. Warum, so fragen jetzt Kritiker wie der Ökonom Constantin Gurdgiev vom renommierten Trinity College, warum sollen die Steuerzahler diese Bankschulden bezahlen, obwohl doch die Gläubiger einfach schlecht investiert haben? Die Opposition fordert, zumindest die Namen dieser „bondholder“ offenzulegen. Doch Finanzminister Lenihan sagt nur, die Papiere würden anonym gehandelt, die Besitzer seien nicht bekannt. Aber das stimmt so nicht. Den Beweis liefert Paul Staines, ein irischer Blogger in London, der früher selbst Anleihen handelte. Mitte Oktober 2010 veröffentlicht er mit der Hilfe eines früheren Kollegen 80 Namen von Finanzinstituten, die Anleihen

von Anglo Irish im Milliardenwert halten. Die Liste liest sich wie ein Who’s who der westlichen Finanzwelt. Sie reicht vom deutschen Allianz-Konzern über Goldman Sachs bis zur französischen Societé Generale – allesamt Verwalter des Vermögens betuchter Anleger, die zu großen Teilen in Deutschland und Frankreich zu Hause sind und Verluste gut hätten tragen können. Auch Deutschland habe einen Immobilienboom gehabt, kommentiert Finanzexperte Gurdgiev bissig. Nur hätten die Deutschen „es vorgezogen, ihren Boom ins Ausland zu verlegen“. Flucht nach vorne Unter dem Druck des Protests sucht Finanzminister Lenihan die Flucht nach vorn. In der letzten Novemberwoche 2010, so berichtet später die „Irish Times“, sagt er den Vertretern der Troika, sein Land könne die Staatsgarantie für die Bankschulden nicht mehr verlängern. Die Inhaber der noch ausstehenden Bankanleihen müssten auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichten. Würde man sie zwingen, ihre Papiere auf

den Marktwert abzuschreiben, könnte das die Schuldenlast um 30 Milliarden Euro mindern. Der Vertreter des IWF stimmt Lenihan zu. Doch ein deutscher EZBBeamter legt im Auftrag des damaligen EZB-Chefs Jean-Claude Trichet sein Veto ein. Trichet fürchtet eine Schockwelle für Europas Banken, und er hat alle Macht, seine Position durchzusetzen. Ohne Zugang zu den Krediten der EZB würde Irlands Zahlungssystem zusammenbrechen. Die Frage, ob die Gläubiger haften sollen, bleibt zunächst offen. Dann interveniert plötzlich Amerikas Finanzminister Timothy Geithner. Weil US-Banken viele Ausfallversicherungen auf irische Schuldtitel verkauft haben, agiert er wie Trichet als Lobbyist der Finanzindustrie und fordert bei einer Telefonkonferenz, alle Bankanleihen müssten bedient werden. Von der US-Regierung unter Druck gesetzt, will nun auch der IWF die „bondholder“ nicht mehr beteiligen, und Lenihan gibt auf. Am 27. November 2010 billigt Irlands Regierung das Abkommen mit den EuroRettern.

bezahlte Anzeige

couleur 02 | 13

27

ad fundum

Erpressung durch die EZB? Das gewährt Irland 67,5 Milliarden Euro Kredit. Aber die „Erpressung“ durch die EZB, wie der Abgeordnete Donnelly den Vorgang nennt, bürdet dem irischen Staat Schulden von mehr als 100 Milliarden Euro auf, die zuvor private Banken bei privaten Investoren gemacht hatten.

Als die Iren drei Monate später die Oppositionsparteien an die Macht wählen, ändert das nichts. Zwar werben sie offensiv mit der Parole „burn the bondholders“. Aber Lenihans Nachfolger Michael Noonan kann das Versprechen nicht einlösen. Die EZB sei dagegen, er sei machtlos, gesteht er. So mündet die vermeintliche Rettung Irlands in ein Schutzprogramm für

Banken und Kapitalanleger, für deren Fehlinvestitionen auf der Grünen Insel allein die irischen Steuerbürger bezahlen sollen. Die „Übertragung aller Bankschulden auf den Staat“ sei ein „schrecklicher Fehler“ gewesen, urteilt heute Irlands stellvertretender Finanzminister Brian Hayes, ein Fehler, aus dem andere Staaten lernen sollten. Doch Irland war nur der Anfang.

Spaniens Krise: Ein europäisches Gemeinschaftswerk
Obwohl Spaniens Staatskasse weit weniger verschuldet ist als etwa die deutsche, kann sie neue Kredite nur noch zu ruinösen acht Prozent Zins aufnehmen.
Ciudad Real, Spanien. Die Landebahn erstreckt sich über fast fünf Kilometer, hier kann sogar der Super-Airbus A380 landen. Davor blinkt ein nagelneuer Terminal aus Glas und Stahl. Auch der Bahnhof für die Expresszüge steht. Doch kein Flugzeug landet, kein Zug hält. Nur Sicherheitsleute bewachen die Stille. Wie ein Monument des Scheiterns zeugt der tote Großflughafen vor den Toren der Kleinstadt 240 Kilometer südlich von Madrid von der Katastrophe, die Spanien in den Niedergang treibt. Ein lokaler Baulöwe hatte das Projekt zusammen mit den Regenten der Provinz Castilla-la-Mancha angeschoben. Die gleichen Politiker saßen auch im Aufsichtsrat der örtlichen Sparkasse „Caja CCM“. So besorgten sie die nötigen Kredite von rund einer halben Milliarde Euro. Schon nach einem Betriebsjahr musste die Betreiberfirma 2010 mangels Nachfrage jedoch Bankrott anmelden. Bald darauf ging auch die CCMBank unter. Übrig blieben nur die Schulden. Der iberische Baurausch Aber auch der iberische Baurausch war ein europäisches Gemeinschaftsprojekt. Denn das Geld dafür kam fast vollständig aus dem Ausland. Allein die deutschen Banken legten in den drei Jahren bis 2008 mehr als 140 Milliarden Euro in Spanien an. Wie das zuging, weiß der Pensionär Tierno Galvan noch gut. Bis 2007 war er Anlagemanager bei der Großsparkasse Caja Madrid und fuhr gelegentlich mit zur Akquise nach Deutschland. „Da kamen die Angebote von allen Seiten. Die Kollegen von der Kreditabteilung wussten doch gar nicht, wo sie das Geld unterbringen sollten, da haben sie eben alles an Projekten angenommen, was irgendwie ging.“ Und dann eben auch schiefging. „Das war wie ein großes Kartenhaus“, sagt Tierno, „jeder konnte wissen, dass es einstürzen musste.“ Anlage. Besonders dreist treiben es die Manager der größten Neugründung „Bankia“, die aus der Caja Madrid und sechs weiteren Kassen Spaniens viertgrößte Bank machten. Unter Führung des früheren IWFChefs Rodrigo Rato drehen sie ahnungslosen Anlegern Aktien für mehr als drei Milliarden Euro an, obwohl sie mehr faule Kredite in den Büchern haben als jede andere Bank. Die Stunde der Wahrheit Die Stunde der Wahrheit kommt im Mai 2012. Als durchsickert, dass Bankia vor der Insolvenz steht, verliert Rato seinen Posten, und der neu gewählte konservative Premier Mariano Rajoy kündigt die Verstaatlichung der gerade erst privatisierten Bank an. Weitere zehn Milliarden Euro Steuergeld sollen fließen. Es kommt schlimmer. Am 25. Mai erklärt der neu ernannte Chef von Bankia, deren Bilanz sei gefälscht worden, und legt neue Zahlen vor. Danach fehlen seinem Konzern volle 19 Milliarden Euro, um weiter operieren zu können. Die beiden schiefen Türme der Bankia-Zentrale in Madrid werden zum Symbol der spanischen Krise. Parallel dazu melden auch die anderen Großsparkassen enorme Verluste, und Rajoys Regierung verliert im wahren Sinn des Wortes ihren Kredit. Obwohl Spaniens Staatskasse weit weniger verschuldet ist als etwa die deutsche, kann sie neue Kredite nur noch zu ruinösen acht Prozent Zins aufnehmen. Trotzdem halten Rajoy und sein Finanzminister Julio de Guindos am alten


Merkwürdig: Keiner fragt, bei wem die iberischen Banker ihre vielen Schulden eigentlich haben.“


Investition und Haftung fallen jedoch auch in Spanien auseinander. Als die Blase 2009 platzt, sucht die damals von den Sozialisten geführte Regierung das Heil darin, den Finanzsektor völlig umzubauen. 45 Banken und Kassen fusionieren zu 13 Geldhäusern. Schon dafür fließen 20 Milliarden SteuerEuro als Startkapital. Zu keinem Zeitpunkt erwägen die Verantwortlichen, auch die ausländischen Investoren über einen Schuldenschnitt an den Kosten ihrer Fehlinvestments zu beteiligen. Stattdessen verkaufen sie Aktien der neu fusionierten Banken an spanische Sparer – als vermeintlich sichere

28

couleur 02 | 13

ad fundum

Konzept fest. Keine Bank soll abgewickelt werden, kein Gläubiger sein Geld verlieren. Wo den Banken das Kapital ausgeht, sollen die Steuerbürger es ersetzen. Dafür beantragen sie beim Rettungsfonds (ESM) der Euro-Staaten einen Notkredit von 100 Milliarden Euro, der auch prompt gewährt wird. „Spanish bailout saves German pain“ Kritiker im deutschen Bundestag empören sich zwar, dass ihre Wähler nun auch für Spaniens Bankschulden in Haftung gehen müssen. Doch merkwürdig: Keiner fragt, bei wem die iberischen Banker ihre vielen Schulden eigentlich haben. Nur das Fachblatt „International Financial Review“ schreibt Klartext und betitelt einen Bericht über die Außenstände deutscher Banken bei spanischen Geldhäusern von 40 Milliarden Euro so: „Spanish bailout saves German pain“ (Spaniens Rettung erspart den Deutschen Schmerz). Allein die Aktivisten des Massenprotests auf den Straßen stemmen sich gegen die Milliardenzahlungen. Einer ihrer Vordenker ist Juan Moreno, ein junger Anwalt, der in seinem kleinen Büro in Sevilla akribisch die Informationen über die Verfehlungen der spanischen Finanzelite zusammenträgt. Er reicht Klage ein, um den Geldfluss an Bankia zu stoppen, und fordert die Offenlegung der Daten über deren Zahlungsverpflichtungen. Freikauf der Fehlinvestoren zulasten der Steuerbürger Aber die Regierung Rajoy verbietet selbst dem Gericht die Einsicht in die Bücher des staatseigenen Geldkonzerns und dokumentiert einmal mehr: Die Geheimhaltung ist die wichtigste Waffe der Bankenretter. Denn sie verhindert, dass „die einzig vernünftige Alternative“ (Moreno) überhaupt geprüft wird: die Beteiligung der Gläubiger an den Kosten der Bankensanierung durch die Umwandlung von Forderungen in Gesellschaftsanteile. „Bail-in“ statt „bail-out“ nennen Fachleute dieses Verfahren, bei dem

das Eigentum an der Bank an die Gläubiger übergeht, die im Gegenzug auf ihre Forderungen verzichten. Wie das im Fall Bankia machbar wäre, rechnet das britische Beratungsunternehmen „Credit-Sight“ anhand der Bilanzdaten im Juli 2012 vor. Demnach hatte der Sparkassenriese zu diesem Zeitpunkt 25 Milliarden Euro Schulden bei Gläubigern, die „ungesichert“, also ohne Pfandrechte auf Anlagen der Bank waren. Rechtlich hätte die Bank also ohne Steuergeld weiter operieren können, wenn sie gegen Schuldenstreichung in Regie der Gläubiger übergegangen wäre. Ein Gespenst geht um Doch wer diese sind, möchte Minister de Guindos, vor dem Chef der spanischen Tochter von Lehman Brothers, nicht einmal ermitteln. Würde man sie haften lassen, dann müssten alle Banken mehr Zins für ihre Refinanzierung zahlen, „und so würden die Kosten für die Kredite an die reale Wirtschaft steigen“, rechtfertigt er die Aufhebung der Marktregeln für den Finanzsektor – nach Meinung von Anwalt Moreno ein bloßes Vertuschungsmanöver. In Wahrheit solle nur verhindert werden, „dass die Gläubiger aufdecken, was die Politiker mit den Krediten gemacht haben.“ So exekutiert auch Spanien den Freikauf aller Fehlinvestoren zulasten seiner Steuerbürger. Mindestens 60 Milliarden Euro Staatsgeld sind dafür bereits geflossen. Aber das Volumen fauler Kredite steigt, und Analysten erwarten, dass am Ende auch der ESM-Kreditrahmen von 100 Milliarden nicht reichen wird. Der Abfluss der Milliarden ins Ausland für die Bedienung der Gläubiger zieht die spanische Wirtschaft jedoch immer tiefer in den Verfall – mit ausdrücklicher Billigung der anderen Euro-Staaten. Nicht einer der Verantwortlichen will die Haftung der Investoren durchsetzen. Zuvor sind schließlich auch in Portugal und Griechenland die Gläubiger der dortigen Banken vorbehaltlos gerettet worden. Fi-

nanzminister Schäuble leugnet sogar, dass Investoren überhaupt Mitverantwortung tragen. Das Geld sei den Spaniern ja „nicht mit Waffengewalt aufgezwungen worden“, sagt er. Einzig der deutsche EZB-Direktor Jörg Asmussen gibt sich zumindest nachdenklich. Natürlich, so räumt er ein, stelle sich bei der Bankenkrise „die Verteilungsfrage“, ob also nicht vor allem vermögende Anleger begünstigt werden. Da hätten „Notenbanken und Aufsichtsbehörden einen blinden Fleck“. Aber, so Asmussen, „diese Fragestellung taucht in unserem Mandat nicht auf“. Irland zahlt pro Jahr 3,2 Milliarden Dublin, im Februar, 2013. Die Ironie der Geschichte will es, dass die von der EZB erzwungene Bankenrettung die Zentralbank selbst zum größten Gläubiger Irlands machte. Um die Anglo Irish Bank zahlungsfähig zu halten, hatte die alte Regierung 2010 dem Pleitehaus staatliche Schuldscheine in Höhe von 30 Milliarden Euro ausgestellt. Diese reichte die Anglo Irish sodann als Sicherheit beim EZB-System ein, um dafür Notenbankkredite zu erhalten. Mit dem Geld daraus zahlte sie schließlich ihre Gläubiger aus. Bis 2020 sollte Irland daher nach dem Willen der EZB jährlich 3,2 Milliarden Euro zurückzahlen, so viel wie alle Sparmaßnahmen im laufenden Haushalt ausmachen. Diese Last wollen die Iren jedoch nicht tragen. Weil die Zentralbanker einen Schuldenerlass ablehnen, verfügt die Regierung am 7. Februar einseitig einen Umtausch der Schuldscheine in lang laufende Staatsanleihen, die erst 25 Jahre später zu tilgen sind. Das wäre rechtlich anfechtbar, doch die EZB-Direktoren erkennen ihre Mitverantwortung und nehmen den Beschluss nur „zur Kenntnis“. Das entlastet Irlands Staatskasse vorerst. Trotzdem protestieren mehr als 100 000 Iren auf den Straßen gegen die Übertragung einer Schuld, die sie nicht als die ihre ansehen, auf die nächste Generation. Die Bewohner von Ballyhea wollen ihre Aktionen fortsetzen – demnächst in Brüssel. TIPP: Die gleichnamige ARTE-Doku von Regisseur Arpad Bondy und Harald Schumann ist auf facebook.com/ MKVcouleur zu finden. In der kommenden Ausgabe befassen wir uns mit dem Phänomen Zypern. Ist in der (versuchten) Beteiligung privater Gläubiger eine Trendwende zu erkennen?

der autor
DI Harald Schumann ist Autor und investigativer Journalist. Von 1984 bis 1986 war er Redakteur bei der Berliner Tageszeitung; von 1986 bis 2004 schrieb er unter anderem für den Spiegel jeweils jahrelang als Ressortleiter Politik bei Spiegel Online, als Wissenschaftsredakteur und als Hauptstadtkorrespondent. Er ist heute Redakteur beim Berliner Tagesspiegel.

couleur 02 | 13

29

ad fundum

Was ist gut für Österreich?
Kbr. Jörg Zehetner, Rechtsanwalt und Honorarprofessor, will den Österreichern die Möglichkeit geben unser Land zu verändern.
INTERVIEW: MAG. GOTTFRIED FORSTHUBER (BDB) FOTO: MKV/PHILLIPP HARTBERGER (BDB)

machen, wir wollen etwas landesweit bewegen und den Menschen eine Möglichkeit geben sich direkt einzubringen. Hast Du Deinen Beitrag schon verfasst? Mein Beitrag hat mit dem Pensionssystem und der Freude am Arbeiten zu tun. Ich finde es eigenartig, dass man immer wieder vermittelt bekommt, dass das ultimative Ziel in Österreich die Frühpension sei. Damit redet man den Leuten ein, dass Arbeiten ein Lebensleid wäre, von dem man sich so früh wie möglich befreien muss. Damit drängt man die Leute frühzeitig aus dem Arbeitsleben hinaus, was nicht nur ein finanzielles Problem für unser Pensionssystem ist, sondern ihnen auch ihre sozialen Kontakte, ihnen die Möglichkeit geistig agil zu bleiben nimmt und dabei enormes Fachwissen verschwendet. Das kann es doch nicht sein! Ich möchte bessere rechtliche und gesellschaftliche Bedingungen, damit die Menschen möglichst lange Freude und Erfüllung im Arbeitsleben haben. Was möchtest Du persönlich mit „meinanliegen.at“ erreichen? Ich würde mich besonders freuen, wenn es uns gelänge, alle Kartellbrüder und -schwestern aufzuwecken und sie dazu zu bringen ihre Anliegen mit uns zu teilen, sie andere dazu zu motivieren, vor allem aber wählen zu gehen. Das wäre ein starkes demokratisches Signal und ein wichtiger Impuls für Österreich und unsere Gesellschaft.

Du hast gemeinsam mit anderen die Internetplattform „mein-anliegen.at“ ins Leben gerufen. Worum geht’s dabei genau? Mit „mein-anliegen.at“ wollen wir den Menschen ein Werkzeug in die Hand geben, mit dem sie sich mit ihren Anliegen und Ideen für Österreich direkt an die Politik wenden können. 1000 Zeichen kann ein Beitrag lang sein, den man gemeinsam mit einem Foto hochladen kann. Und was passiert dann damit? Alle Beiträge werden gesammelt und im September im Rahmen einer Veranstaltung Vizekanzler Kbr. Michael Spindelegger als Buch übergeben. Unser Angebot richtet sich an alle Österreicherinnen und Österreicher, wir wollen keine reine Akademikerveranstaltung sein. Was ist der konkrete Nutzen der Bürger? Der konkrete Nutzen, abgesehen davon, dass sich ein maßgeblicher Politiker mit den Anliegen persönlich befasst, ist, dass du aus der Situation des bloßen Kritisierens herauskommst, dich hinsetzt und über Folgendes nachdenkst: „Was ist gut für

Österreich? Was müsste man verbessern, damit das Land einen Schritt vorwärts machen kann?“ Ich glaube, das ist ein ganz wesentlicher Aspekt. Dass man nicht nur kritisiert, sondern versucht, einen positiven Beitrag zu leisten. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen dieses Angebot nutzen und ihre Anliegen so konkret wie möglich formulieren, damit die Politik einen klaren Auftrag hat. Und wie informiert Ihr die Leute, dass es Euch gibt? Über ein Interview im Couleur zum Beispiel, mit dem wir das Bildungsbürgertum erreichen können. Letztendlich auch über einen Internetauftritt und Mundpropaganda, Empfehlungen, Facebook und andere Kanäle. Wer steht hinter dem Projekt? Der Verein „Anliegen für Österreich“, die Idee dazu hatte Kbr. Christian Gehrer. Er hat sich insbesondere auch aus dem couleurstudentischen Bereich Unterstützer/-innen gesucht, die beruflich voll im Leben stehen, die sich engagieren wollen und gesagt haben: Wir wollen einen weiteren Schritt

zur person
RA Hon.-Prof. DDr. Jörg Zehetner (ORA, AW, A-S) ist Gründungspartner der Karasek Wietrzyk Rechtsanwälte GmbH (KWR), lehrt Unternehmensrecht u.a. an den Universitäten Wien, Salzburg und Krems. Vorsitzender des Obersten CV-Gerichts (OCVG), Vorsitzender des Zirkels der Rechtsanwälte/Notare sowie Vorstandsmitglied des CV-Wirtschaftsclubs.

30

couleur 02 | 13

ad fundum

Sonne und Musik
Spätestens im Juni beginnt sie: die Festivalzeit. Wir stellen euch schon jetzt drei funkelnde Sterne des sommerlichen Musikhimmels vor.
Tomorrow Festival.
Musikalisches Zeichen für den ökologischen Wandel
2012 kamen tausende Besucher und machten das GLOBAL 2000 Tomorrow-Festival zum ersten Öko-Woodstock. Mit über 80 internationalen und nationalen Topstars legen die Veranstalter heuer noch ein Schäufchen nach: Neben den Headlinern Kaiser Chiefs und Fanta 4, geben sich internationale Stars wie Frittenbude und Fiva & Das Phantom Orchester am letzten Mai-Wochenende die Ehre. Aber auch österreichische Größen wie Clara Luzia, Attwenger, Sigi Maron, Petsch Moser und Francis International Airport locken nach Zwentendorf. Der Begriff „Change“ steht durchgehend im Mittelpunkt, beginnend bei der Location-Auswahl bis hin zu den geplanten Aktionen vor Ort. Heute betreibt die EVN auf dem Gelände des nie in Betrieb genommenen AKW Zwentendorf ein Sonnenkraftwerk. Das TomorrowFestival wird als erstes österreichisches Festival mit dem Umweltzeichen des Lebensministeriums zertifiziert. Infos: AKW Zwentendorf 30.05 bis 02.06.2013 tomorrow-festival.at

Sziget-Festival
Deichkind, Die Ärzte und Seeed rocken Budapest
Die Donauinsel Óbudai bildet in der ungarischen Haupstadt Budapest eine traumhafte Kulisse für das Sziget Festival. Vom 5. bis 12. August 2013 trifft sich dort Ost und West nicht nur zum musikalischen Happening, sondern auch um den europäischen Gedanken zu leben. Gefordert wird der interkulturelle Austausch durch Bands wie der UK-Rockband Blur, der Elektro-HipHop Combo Deichkind, Die Ärzte, Seed, oder den ausgezeichneten LivePerformern von Empire of the Sun. Die Linzer Band Parov Stelar kommen als Begründer des Elektro Swing ebenfalls zum Sziget. Mit dabei sind auch die britische Band Skunk Anansie mit der charismatischen Frontfrau Deborah Anne Dyer, der König des Grime Dizzee Rascal, die bezaubernden Indie-Rocker von The Editors, der französiche Rapper Wax Tailor, seine Landsfrau Zaz mit ihrem entzückenden Chanson und die niederländisch/südafrikanische Truppe von SKIP&DIE. Neu ist 2013 auch die Möglichkeit in der Donau baden zu gehen. Full Moon Parties werden am Badestrand ebenfalls gefeiert. Auch eine komplett neue Veranstaltung bereichert das abwechslungsreiche Programm. Im Cirque du Sziget findet man atemberaubende Produktionen: Beeindruckende Shows junger ungarischer Akrobaten, die exklusiv für dieses Event zusammengestellt wurden. Infos: Budapest, Ungarn 5. bis 12. August 2013 szigetfestival.com

Soundwave Festival
Urlaub am Meer und Festivalfeeling in Kroatien.
Auf halbem Weg zwischen der mittelalterlichen Stadt Zadar und Split – der „Hauptstadt Dalmatiens“ – ist er gelegen: Der Ort Tsino. Die Bucht an der dalmatischen Küste, gleich in der Nähe eines Naturschutzparkes, bietet den perfekten Ort für Urlaubsstimmung und einem kleinen aber feinen Festival vor der Haustüre. Die Sonne scheint, die Musik sie spielt, das Meer lädt zum Baden ein und die Getränke sind kalt. Herz was willst du mehr? Die musikalische Stoßrichtung des Soundwave, lässt sich am ehesten mit „electronic, downtempo chill, junge Jazzcombos aus New Orleans, experimentierfreudige Bands mit großer Zukunft und Partystimmung“ umschreiben – dem Veranstaltungsort eben angepasst. Abseits des Bade- und Musikangebotes, kann man auch noch Land und Leute erleben, sich sportlich engagieren und den nahe gelegenen Naturschutzpark entdecken. Am gleichen Gelände, findet übrigens vor und nach dem Soundwave, das Garden bzw. das Elephant Festival statt. Infos: Tsino, Kroatien, 18.07. bis 22.07.2013, soundwavecroatia.com

bezahlte Anzeige