Die Eleaten und die Orphiker.

Gegen die philosophiege schichtliche Auffassung, wie sie Zeller in seinem klassischen Werke „Die Philosophie der Griechen" vertreten hat, macht sich immer nachdrücklicher eine Strömung geltend, welche den rationalistischen und deshalb einseitigen und unhistorischen Standpunkt Zellers bekämpft und in der Forschung auf die Quellen zurückgreift, aus welchen die vorsokratischen Denker geschöpft haben. Dem Beginn der griechischen Philosophie ist eine Zeit der kosmogonischen und theogonischen Spekulation vorausgegangen und die in den Darstellungen dieser theogonischen und kosmogonischen Dichter niedergelegten Ideen sind als Ausgangspunkt für die Doktrinen der ersten griechischen Denker und ihrer Nachfolger anzusehen. Während Zeller eine Beeinflussung der Philosophie durch die genannten Richtungen der Theologie nur in zwei Punkten, im pantheistisch gefärbten Monotheismusund in der Seelen¬ wanderungslehre gelten lässt, haben neuere Darsteller des Gegenstandes, wie Überweg-Heinze-Praechter, Th. Gomperz, v. Arnim und zuletzt A. Gercke die Grenzen dieses Einflusses viel weiter gezogen, nachdem, von früheren derartigen Versuchen abgesehen, schon K. Joel 1) mit Recht den Ursprung der Naturphilosophie der Vorsokratiker in den Mysterien¬ lehren nicht bloß gesucht, sondern auch gefunden hatte. Auch Wolfg. Schultz 2 ) trifft trotz mancher "Verkehrtheiten in vielen Punkten das Richtige. Für uns aber sind die Lehren der griechischen Mystiker am deut¬ lichsten in der spekulativen Richtung der Orphiker fassbar und die Orphiker waren es ja auch in der Tat, die fast auf alle bedeutenden Vertreter der vorsokratischen Philosophie einen weitgehenden Einfluß ausgeübt haben. Was die Dichter der orphischen Kosmogonien durch mythologische Begriffe und durch Namen von Göttern und göttlichen Wesen, wie Chronos (Kronos), Chthonie, Ge, Okeanos, Zeus (Zas), Eros, Chaos, Aither, Metis, Nyx, Phanes, Uranos u. dgl. zum Ausdruck brachten, kehrt in der philosophischen Naturbetrachtung aller Vorsokratiker als dieselbe Sache in anderer Form wieder. Schon die alte Orphik lehrte einen ziemlich derben Pantheismus (vgl. das altbezeugte Frg. Nr. 6 bei Diels, Fragmente der Vorsokra¬ tiker IL 2) und pantheistisch ist auch der Gottesbegriff der jonischen Physiologen, Heraklits und der Eleaten.
!) Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik, Basel 1903. 2 ) Altjonische Mystik (Stud. z. antik. Kultur, Heft II u. III), Wien u. Lpz. 1907. 1*

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Mit dem subjektiv-lyrischen Zug und der starken Betonung des Selbstgefühls und der Persönlichkeit ging bei den Orphikern Hand in Hand die höhere Bewertung der Seele und überhaupt des geistigen Prinzips gegenüber dem Körper. Alles ist nach ihrer Anschauung belebt und beseelt, die Seele überdauert den Körper, sie lebt selbständig nach dem Tode im Elysium oder im Tartarus fort, oder sie wandert durch verschiedene Tier- und Menschenleiber. Die Seelen Wanderungslehre, die wir nur in der pythagoreischen Form kennen, geht nicht auf Pythagoras als Urheber zurück, sondern ihre Wurzeln liegen in der orphischen Mystik, was auch der Pythagoreer Philolaos bezeugt, wenn er sich auf alte Theologen und Seher beruit. 1) Auch die Vorstellungen der Joiiier und Eleaten von der Seele finden ihren Ursprung und ihre Erklärung nur in den entsprechenden Anschauungen der Orphiker. Die Doktrin von der Seelenwanderung kehrt in irgend einer Form bei vielen Denkern der vorsokratischen Periode wieder (Kreislauf der Elemente, periodischer Wechsel von Welt¬ bildung und Weltzerstörung, Wanderung der Seele durch Menschenund Tierleiber). Aus dem pantheistischen Gottesbegriffe und aus der Allbeseeltheit der Natur ergab sich für die Orphiker die Identifizierung der Gottheit mit der Natur und mit der Welt. Die Stofl'lehre Heraklits und die Einheitslehre der Eleaten ist nichts anderes als die philosophische Kon¬ zeption jener orphischen Lehre. Unter solchen Umständen ist man berechtigt, zum Zwecke einer richtigen Auffassung und Erklärung der alten Naturphilosophie jenen zahlreichen Einflüssen nachzugehen, welche von der Orphik ausgegangen sind und auf die Systeme der Vorsokratiker eingewirkt haben. Nun ist aber die älteste Naturphilosophie,von der Orphik nicht in dem Sinne beeinflusst worden, daß beide Eichtungen sich vom Anfange an als fremd oder gar feindlich gegenübergestanden wären, sondern üi gewissem Sinne sind die ältesten Naturphilosophen selbst Orphiker, „jedenfalls viel zu sehr eines Geistes mit den Orphikern, um ihrer Einflüsse zu bedürfen, die gewiß oft vorhanden, aber gegenseitig sind und öfter noch vielmehr sich als natürliche Übereinstimmungen gleichgerichteter Geister erklären. Es ist eine grundlegend wichtige Tatsache: Orphik und Natur¬ philosophie blühen gleichzeitig auf, im 6. Jahrhundert, sind Kinder eines Zeitgeistes! Weil sie orphischen Geistes sind, schreiben Xeuophaues, Parmenides, Empedokles ihre Philosophie als Dichtung. Ein theolo¬ gischer Ehapsode begründet die eine der drei alten Schulen der Natur¬ philosophie, die eleatische. Die zweite, der Pythagoreismus, ist in seiner
*) Frg. 14, Diels I. S. 245; vgl. Zeller, die Phil, der Gr. a. a. 0. 74.
I.

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B 56. 455. Joe],

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— 5 Einheit mit der Orphik, in seinem ganzen Bestände ein einziger Protest gegen die Scheidung der fts-olöyoi und cpuaiy.01'." 1) Der Urstoff des Thaies, das Wasser oder das Feuchte, ist nichts anderes als eine physikalische Ausdeutung des orphischen Okeanos. Das Ärcetpov Anaximanders ist selbst das grosse Mysterium, das unend¬ liche Chaos, von dem wiederholt auch in den altorphischen Fragmenten die Rede ist. 2) Ebenso geht der Satz Anaximanders: äpyj^v ... xföv övxwv ib dmipov ... • e£ cbv 8k V) yevsat? eaxc xofj oöat, %cd trjv cp&opäv ef$ xaOxa ytveaS'at xaxa xi y_peü>v SiSovai yap aüxa Stvoyjv xal xi'atv &Xk"qkois vqc, dtZv/iac, %axä xijv xoö xpovoo xa^tv 3) auf orphische Anschauungen zurück. 4 j Das Welt¬ prinzip des Anaximenes, die Lüt't (ärjp xaä Tweöp-a), scheint nach denn was Aristoteles von den Orphikern berichtet (Frg. 11 Diels), ebenfalls auf eine orphische Lehre Bezug zu nehmen. Nirgends aber finden sich so viel orphische Ideen, wie im pythagoreischen System. Auch Heraklit steht zur Orphik in engster Beziehung. 5; Den Einfluß der Orphiker auf Empedokles hat 0. Kern (Arch. f. Gesch. d. Phil. I. 1888, 498—5u8) besprochen. Für die Eleaten ist das bisher nur mit einigen verstreuten Hinweisen geschehen, welche J. Freudenthal (Über die Theologie des Xenophanes, Breslau 1886) für Xenophanes, H. Diels (Des Parmenides Lehrgedicht, Berlin 1897), 0. Kern (Zu Parmenides, Arch. f. G. d. Ph. III. 173—176) und Wolfg. Schultz (a. a. 0. S. 259 ff. u. 328 ff.) für Parmenides und K. Joel für die Eleaten überhaupt ge¬ geben haben. Bei der Untersuchung des orphischen Einflusses auf die Eleaten handelt es sich um eine genaue Unterscheidung dessen, was vor allem Xenophanes und Parmenides aus der Lehre Anaximanders und was sie aus pythagoreischen Doktrinen herübergenommen haben. In vielen Fällen ist es natürlich schwer, ja unmöglich, zu sagen, was die Eleaten direkt und was sie auf dem Wege über Anaximander und die Pythagoreer aus der Orphik entlehnt haben. Obwohl die orphischen Fragmente, wie sie z. B. in der Sammlung von E. Abel vorliegen, vielfach mit neupythagoreischen und neuplatonischen Lehren vermischt und durchsetzt sind und deshalb der Gedanken¬ gehalt der altorphischen Lehre sehr stark von späteren Ideen und Spekulationen überwuchert ist, so ist es bei einiger Vorsicht und Be¬ hutsamkeit in der Benützung und Auswahl der Zeugnisse immerhin ganz gut möglich, das alte Gedanken- und Lehrgut aus all den später hinzugekommenen Reflexionen herauszufinden. Und in der Beurteilung
Jogi, a. a. 0. 85. 2) Diels 66 A 12; B 9; 12 (S. 476, 21. 22. 24. 31. 36 Anm.); 13. 3) Nr. 9 Diels. *) vgl. Abel, Orphica, Frg. 36, Diels, Frg. 13; Diels, Bin orphischer Denieterhymnus, S. 1; Joel, a. a. 0. 45 f; 85; 92. 5) W. Nestle, Heraklit und die Orphiker, Piniol. 64; S. 367 ff.
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speziell der orphischen Fragmente hat man bisher wenigstens mehr durch eine unberechtigte Hyperkritik als durch allzu vertrauensselige Kritiklosigkeit gefehlt, wie die Gestalt des orphischen Phanes be¬ weist. 1) Außerdem hat H. Diels in seinem II. Band der „Vorsokratiker" eine vorsichtige und doch nicht zu engherzige Auswahl „altbezeugter" Fragmente gegeben, die nur das enthalten, was den Anspruch hat, wenigstens inhaltlich bis in das 6. Jahrhundert zurückzureichen. Aber auch das, was bei Abel steht, ergibt bei geschickter Benützung und bei geeigneter Abstraktion von neupythagoreischen und neuplatonischen Termini und Ideen eine gesicherte Grundlage für das, was als altorphisch gelten kann. Denn nur mit altbezeugtem Material kann in zuverlässiger und unanfechtbarer Weise ein Vergleich zwischen orphi¬ schen und eleatischen Lehren gezogen und das genau festgestellt werden, was an orphischen Einwirkungen bei den Eleaten zu finden ist. Xenophanes. In früher Jugend schon hatte dieser Kolophonier die Not des Lebens bitter empfunden. Die Macht der Perser hatte die emporblühen¬ den Handelsstädte von Kleinasien unter ihr allgewaltiges Joch gebeugt. Da mag er wohl jene trübe und düstere Lebensauffassung, die von einer gewissen Verbissenheit nicht frei ist, bekommen haben und es mögen da Gedanken durch seine Seele gezogen sein, wie es jene waren, die der orphischen Mysterienreligion den Weg zur Ausbreitung geöffnet und geebnet haben. Ein düsterer, schwermütiger und verbitterter Zug war von nun an dem Xenophanes eigen und so nimmt es nicht Wunder, wenn er, von Haus aus zu jonischem Witz und Spott neigend, mit scharfer Kritik sich von der Überlieferung seines Volkes abwendet und den Äußerungen des nationalen Lebens feindlich gegenübertritt (Frg. 2 u. 3). Auch die Orphiker haben zur Erschütterung des nationalen Denkens und Empfindens beizutragen versucht und einem verderblichen Internationalismus das Wort geredet. 2) Schon in seiner Heimat hatte X. von seinem Lehrer Ä.naximander, dessen Kosmologie eine entschiedene Hinwendung zur Orphik zeigt, 3) tiefgehende Anregungen empfangen. Außerdem ist X. „seinem innersten Wesen nach nicht nüchterner Naturforscher", sondern „vielmehr ein vom Pathos des Propheten erfüllter spekulativer Theologe". 4 ) Im unter¬ italischen Elea hatte der Flüchtling aus Kolophon eine neue Heimat gefunden. Kurz vorher hatten sich in Unteritalien die Orphiker nieder¬ gelassen und einige Jahre nach der Ankunft des X. in Elea gründete
') vgl. Gomperz, Griech. Denker I? 69; JoSl, a. a. 0. 85. vgl. Gomperz, a. a. 0. 110. 3 ) vgl. oben S. 5. 4) H. v. Arnim, Die europ. Phil. tl. Altert. S. 123, in: Kult. d. Gegenw. I. 5.
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Pythagoras in Kroton nach orphischem Muster seinen Bund. So also hatte X. Gelegenheit genug, mit den orphisch-pythagoreischen Kreisen bekannt und vertraut zu werden. Der Orphik ist, wie aller Mystik, ein gewisser mantischer Zug eigen. Die \ux.via, die heilige Raserei, kennzeichnet den wahren Bakchen, der im Zustande göttlicher Begeisterung mit Wein und Honig den Dionysos feiert. Ganz bakchantisch klingt auch der Anfang der Elegien des X. (Frg. I). 1 ) Auch die Gestalt des Mystikers Epimenides, der gleichfalls orphische Gedichte verfasst haben soll, scheint X. inter¬ essiert zu haben (Frg. 20). In der Kosmologie hat sich X. im allgemeinen an seinen Lehrer Anaximander angeschlossen. Wenn er aber Erde und Wasser als die weltbildenden Elemente ansieht (Frg. 27, 29, 30), so sind ihm darin die Dichter der orphischen Kosmogonien vorangegangen.2 ) Speziell ent¬ hält Frg. 28 eine Anschauung, welche sich auch in der Orphik findet (Frg. 123, 31 f Abel): .... Ttu\icnri Se ßaatg yß-ovbc, evSo-fh p7^tu Tapxapa x' eopcbevxa %od sa/axoc Tret'paxa yaLVjs. In der Annahme eines periodischen Wechsels von Erde und Wasser, von Land und Meer, von Entstehen und Vergehen aller Dinge und auch des Menschengeschlechtes folgt X. ähnlich wie Heraklit mit seiner Theorie von der kyklischen Wiederkehr aller Dinge der orphisch-pytha¬ goreischen Kyklenlehre. Eine glatte und reinliche Scheidung zwischen orphischem und pythagoreischem Lehrgut ist hier allerdings unmöglich. Eine besondere Form dieser Kyklenlehre ist die Doktrin von der Seelen¬ wanderung, die mit Bestimmtheit den Orphikern zuzuschreiben ist. Daß X. diese Lehre kannte, beweist Frg. 7. Mit welchem Rechte X. bei dem Sillendichter Timon von Phlius in seiner Parodie der Hadesfahrt als Hadesführer erscheint, 3) können wir heute nicht mehr sagen, aber das Motiv kann sehr wohl aus einer der zahlreichen orphischen efe "AiSou xaxaßaaeij stammen. X. hat ferner die Vorstellung von der Seele als Hauch (%cd ^ (jwX'J] 7tveöp,a) 4 ), falls sie wirklich ihm eigen ist und nicht vielmehr Anaximenes zukommt, von den Orphikern übernommen, wie eine Aristotelesstelle beweist. 6) Auch in der Verurteilung der unwürdigen Auffassung des höchsten Wesens, welches als unendliches Prinzip in keine endlichen Formen gezwungen werden kann, berührt sich der Theologe X. mit den Orphikern. Daher auch seine Polemik gegen Homer und Hesiod. Wie den Orphikern
i) vgl. JoBl, a. a. 0. 86f.
2) Diels, Frg. Nr. 2, 8, 16. S. 473ff.

3) Frg. 35 A. S. 42 (Diels). *) Diog. Laert. IX. 19, bei Diels S. 34. ») als orphisches Fragment Nr. 11 (Diels) ~= 241 Abel.

die griechische Göttersage nicht genügt, „teils weil sie ihren sittlichen Anforderungen widerspricht, teils darum, weil die Antworten, die sie auf die Frage nach dem Ursprung der Dinge erteilt, allzu vag oder allzu roh sind" 1), so wendet sich auch X. von der Eeligion des Epos ab. 2 ) Die Kämpfe der Titanen, Giganten und Kentauren tadelt er als Erfindungen der Vorzeit. 3) Auch die Orphiker wendeten sich in ihren Dichtungen gegen die Titanen als Vertreter des bösen Prinzips. 4) Das sind gewiß auffallende Übereinstimmungen zwischen X. und der Orphik. Aber noch mehr. Nicht nur in der Polemik, sondern auch in den posi¬ tiven Bestimmungen des Gottesbegriffes hat sich der Eleate an die orphische Theologie angeschlossen, wie schon J. Freudenthal 6) bemerkt hat. Schon zur Zeit des X. erkannten die Orphiker in Zeus die Ein¬ heit aller Göttervielheit: ein pantheistischer Zug war schon damals für die orphische Eeligion charakteristisch. Auch die heute erhaltenen Frag¬ mente der orphischen Verse atmen diesen pantheistischen Geist, beson¬ ders Frg. 33, 46, 123 (Abel). Das Alter dieser Auffassung beweist auch eine Platonstelle, wo es heißt: 6) '0 uiv 8y; fteos, &ou£p xai b izalaibc, Xöfoq, äpy_fy tc * a ' xeAeuxtjv xcd \i£ax xöv övxcov ^ttkvtwv eym Eü9-sia Ttspatvsr xaxa cp6atv TtspmopeuopiEVog- x6> §' asc i^uvsTuexai Aixtj xöv auoXeticojjievwvxoO ■9-efou Nojiou xtfjiiopog. Schon die Termini Acx7j und N6|i,og weisen auf die Orphik hin. Aber das Scholion zu dieser Stelle erklärt dieses ,alte -Wort' direkt als eine orphische Überlieferung (mzAaiöv 5s Aoyov Aeyec xöv 'Op<ptxov), die sich auf die Verse:
Zeü£ or-pyji, Zsog \xiaaa, Aibq 5'ex iztxvza XExuxxai Zeug tcl)9'|j,7]V yodrjZ xe xxl oöpavoö aaiepÖEVioc,

des Fragmentes 123 (Abel) bezieht. Genau dieselben Züge trägt der pantheistische Gottesbegriff des X. au sich. So haben die Verse des Frg. 23: Erg {('sog, sv xe {teofoi xa2 dv&poyizoiai piyiaxog, oöxs Sefxag d'vrjxoiaiv 6(xot'tog oöxs voTjjjia ihre Parallele in den Versen 8 und 23 des orphischen Frg. 123 (Abel): "Ev xpaxog, sft; Sacu-wv ysvsxo, [iiyag' <£px°S aTCävxcov; und Ö6"s [iiv &$avdxr)V xecpaAyjV syst. ^Ss vorj|j,a. Rudimente eines dualistischen Theismus, wie er in den Worten des Frg. 24: oüSXog 6pcc, ob'koc, 8s vost, o5Xog Se" x' dxoösc ausgedrückt ist, zeigen auch orphische Verse des Frg. 123, z. B. Vers 13, 18, 19, 20, 21, 24, 26, 29. Die Orphiker, wie auch X. stellen sich
Gomperz, a. a. 0. S. 69. 2) vgl. Frg. 11; 14—16. s) Frg. 1. V. 21 ff. *) Abel, Frg. 102; 35, 39, 100, 103f; 278; s. auch Index I. s. 5) a. a. 0. s. ob. S. 5. e) Legg. IV. 715 D. = Frg. 33 (Abel).
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Ttyag, K£vxai>pog.

die Gottheit weder als rein geistiges, noch als rein stoffliches Wesen vor, sondern ihr Pantheismus hält durchwegs eine „zwischen Geist und Stoff schillernde Auffassung des höchsten Wesens" l ) fest, wie Frg. 25 zeigt. Nach doxographischer Überlieferung soll X. in Konsequenz seines nantjheistischen Systems Gott mit der Einheit der Welt, mit dem Welt¬ ganzen identifiziert haben. Diese Identifizierung aber teilt er mit den Orphikern, die gleichfalls Gottheit und Welt als eins erklärten. 8) Das bestätigt Piaton, wenn er Soph. p 242 CD sagt: Tö Se rcap' V^wv 'EXeaxcxöv I&vos, ätcö Ssvocpavoug xe v.a.1 |xi Ttpiaftev äp^ajisvov, (öc, kvbc, 8vxo? xöv rcdvxwv xaXou^vwv, oöxw Sce^pxexai ioIc, ^öfroig. 8 ) Unter den Vorgängern 4es X. in dieser Lehre sind die Orphiker zu verstehen.*) Denn nur (Qrpheus lehrte früher ein Einziges: 6 SeoXoyos §v eyevexö cprjaw. 8) Neben ■d.em höchsten Allwesen nahm X. auch einzelne Götter au, welche sich in gesetzmäßiger Ordnung jenem Wesen, das alle anderen in sich faßt, unterordnen. Ebenso haben die Orphiker trotz der Annahme eines einj^eitlj^en obersten Wesens doch die Vielheit göttlicher Einzelwesen jlicht gestritten. „. . . die Natur selbst entseelen oder entgöttern zu ^wollen, dies liegt seiner (des X.) Denkart so fern als jener seiner Vor¬ läufer und Zeitgenossen, der Orphiker, die gleichfalls die Einheit¬ lichkeit des Weltregimentes kräftig betont, aber darum doch keineswegs die Vielheit göttlicher Wesen geleugnet haben." 8) .Nicht erst Parmenides, sondern schon X. hat die Gottheit mit dem .einen feienden identifiziert. Diese Nachricht der ps.-aristotelischen Schrift: De Melisso, Xenophane, Gorgia (Diels 33 A 28, S. 36ff)') klingt $war aganz parmenideisch, aber wenn es dort (p. 977b, 8) heißt, dieses 4ine mit der Gottheit identische Seiende ist ewig, kugelförmig (acpatpoetSf)) und weder begrenzt noch unbegrenzt, das Unbegrenzte aber das NichtSeiende (<sfoeipov (jl&v [y&p] xö p) efvai) und dieses Nichtseiende habe ^e^ex Mitte, noch Anfang, noch Ende (xoöxo yocp oöxe (isoov oöxe <äpx*]v .,x<^ .xiXp? . . . ix ecv )> so folgt daraus, daß die Gottheit des X. Anfang, $Ui$e und Ende hat. Gerade diese letztere Bestimmung aber findet ^s;ch, awie „.schon erwähnt, als eine Eigenschaft des Zeus bereits in alt.^rphisc^ Segmenten. 8) Aber auch die anderen Bestimmungen gehen
i) Gomperz, a. a. 0. I. 130.
2) Lobeok, Aglaoph.I. 611ff; Karsten, Phil. Graec. vet. op. rel. I. 93; JoSl, a. a. 0.83. 3) Diels, Fig. d. V., IIA 29, S. 40. *) Lobeek, a. a. 0. I. 613; Freudenthal, a. a. 0. 27, 47, A. 36. 0. Kern, Emp. u. d. Orphiker, Arch. f. Gesch. d. Phil. I. 504 ff. Überweg-Heinze-Praechter, Grund¬ riß I.W s. 54; dagegen Zeller L« 523 f. *) Proel. in Parm. IV. p. 197; vgl. Karsten, a. a. 0. S. 93. o) Gomperz, a. a. 0. 131. i) s. auch Diels 11. 31 A, S. 40, Zeile 29f. «) Diels, Frg. 6 == Abel 33. vgl. auch G. Hermann, Orphica p. 451, V. 35. dp/Tjv aöxö? £y<tav %a ^ JA^aaxov ffik xeXeuxTrjv.

— 10 — als Eigenschaften, die der Urstoff des Anaximander, das dfoeipov, besitzt, auf das orphische Xdoq äneipov zurück. 1) Wie immer man auch über den Wert dieser ps.-aristotelischen Schrift urteilen mag-, soviel beweist diese Stelle ganz sicher, daß der Gottesbegriff des X. und, wie weiter unten gezeigt werden soll, auch das Seiende des Parmenides 2) seinen letzten Ursprung in der Orphik hat, so nahe es auch liegen würde, an die Pythagoreer zu denken. Die Eleaten sind die Begründer der Einheitslehre. Das Eine ist zugleich das All (8v xal Tcäv)i Dem mystischen Gefühl schwinden alle Unterschiede, alle Einzelheiten und der bunte Wechsel der verschiedenen Erscheinungen wird auf ein einziges Prinzip zurückgeführt, das alle Verschiedenheiten und alle Gegensätze in sich schließt. Heraklit lehrt ebenfalls diese Identität, wenn er alle Gegensätze sich wieder durch die TOxXfvxpoTOs äppovlx vereinigen läßt. Er sowohl wie die Eleaten schöpfen hiefür aus der Mystik. Denn „das mystische Gefühl ist's, das auf das Alleine führt". 3) Die orphische Mystik hatte die Identität der verschiedenen Götter behauptet 4 ) und damit den Anfang zur späteren Theokrasie großen Stils gemacht, wie die orphischen Hymnen beweisen. Es liegt in der Natur aller Mystik, die Welt und alle ihre Dinge zu verachten nnd sich von ihr abzuwenden. Ein solcher weltfremder Zug charakterisiert auch die Orphik. Damit im Zusammenhang steht die Entwertung der sinnlichen Welt und die Abkehr vqn ihr. Alle sinn¬ liche Wahrnehmung ist trügerisch, effcel und nichtig'is't die ganz'e sicht¬ bare Welt. Dem schwachen, unwissenden, vergänglichen Menschenge¬ schlecht 5 ) ist die Erkenntnis der Wahrheit nicht beschieden. Mit pessi¬ mistischer Eesignation verzweifelt X. an der Möglichkeit, die Dinge und ihr Wesen zu erkennen und die Wahrheit zu finden. „Denn nur Wahn ist allen beschieden" (Soxos 5' etu tzöLgi xexuxxat Prg. 34). Es gibt keine sichere Erkenntnis; was der Mensch erreichen kann, ist im besten Fall nur Wahrscheinlichkeit (Frg. 35). Nur die Götter wissen das Verborgene, aber die Sterblichen müssen es erst suchen (Frg. 18). Eine Verflüchti¬ gung der Erkenntnis und eine entschiedene Hinneigung zur Skepsis sind die nächsten Folgerungen aus dieser Anschauung. Ansätze dazu sind schon bei X. vorhanden, noch stärker entwickelt aber sind sie bei Parmenides. Auf ein Zeugnis soll schließlich noch hingewiesen werden, weil es wie kein anderes geeignet ist, die starke Beeinflussung des ersten Eleaten durch die Orphik darzutun. Das Scholion zu Aristophanes Rittern, V. 408,
') vgl. Diela, Frg. d. V. 477. 16. s. oben S. 5. 2) s. Joel, a. a. 0. S. 63, S. 82. 3) ebd. S. 62. *) Prg. 7 (Abel): FIc, Zsu?, efg'Al'57js, efg "HXtog, de, Atovuaoj; vgl. auch Frg. 43 u. 169. 5) vgl. Frg. 76 (Abel).

11 — berichtet: Bdxyov 8k oö xöv Ai6vuaov exaXouv u.6vov, dXXa xtxl rcavxas xob; xeXoövxa; xa äpy-ta ^ax/ou? £x.äXoov, oü jx^v $XX& xal xoo? xXaoou;, oös o? (jLüaxca cpepooaiv, [Jii|AVr]xaa 5£ Esvocpävrj? Iv ScXXocg oüxwjeaxäatv S' eXcsxrjs [ßa^xot] tcuxlvöv nepl oö^a. 1) Die Beziehung auf die orphischen Dionysos - Mysterien wird durch die Wörter ßaxx 0 ' un(l *^ ot gesichert. 2) Diese Stelle ist zugleich ein altes und wichtiges Zeugnis für die Verbreitung und Bedeutung der Orphiker im ganzen jonischen Kulturgebiet. Parmenides. Bei P. tritt der Einfluß der Orphiker noch viel stärker und deut¬ licher hervor, als bei seinem Lehrer und Vorgänger Xenophanes. Das zeigen äußerlich schon die zahlreichen orphischen Fragmente, die aus dem Kommentar des Proklos zu Piatons Dialog ,Parmenides' stammen. 3) Für einzelne Gedanken haben bereits 0. Kern (,Zu Parmenides' im Arch. f. Gesch. d. Phil. III. 1890, SS 173—176), H. Diels (Parmenides' Lehrgedicht, 1897, SS. 11 ff; 16; 110) und W. Schultz (a. a. 0. S. 259 ff, 328 ff) die Beziehungen dieses Eleaten zur Orphik und seine Abhängig¬ keit von orphischen Einflüssen nachgewiesen. P. hat wohl schon in seiner unteritalischen Heimat Elea die Orphik kennen gelernt. Sonst hat neben Xenophanes besonders die pythagore¬ ische Richtung auf ihn Einfluß genommen. Seine Persönlichkeit erinnert in vielen Punkten an Pythagoras, weshalb er sowie Zenon als ävSpsj Tlofrayopaoi bezeichnet werden. 4 ) Wenn von einem ßfog üap^evtSecos be¬ richtet wird, 5) so liegt hierin wohl nicht nur eine Analogie zum ßto? nu^ayöpeiog und zum ßto? 'Opcpixo;, sondern P. scheint wirklich einen engeren Kreis um sich gesammelt zu haben, deren Mitglieder durch ähnliche Vorschriften und Lebensregeln zu einer Gemeinschaft verbunden waren wie die Pythagoreer und Orphiker. 6) Aus der orphischen Mystik hatte schon Xenophanes die Verflüchti¬ gung der Erkenntnis übernommen. P. ging in dieser Hinsicht noch weiter und betrachtete die Leiblichkeit als Hindernis für die reine Er¬ kenntnis. Im Frg. 16 vertritt er einen ähnlichen Dualismus und eine ähnliche Wertschätzung des Geistes wie die Orphiker, welche von den zwei Prinzipien, Leib und Seele, der letzteren den Vorzug einräumten. Nach orphischer Anschauung ist alles hier auf Erden nur ein trübes
J ) Frg. 17. IXaxrj Venetus; IXaxföv ixuy.. TcepE Stbjxaxa [idxyoi Lobeck, Agl. I. p. 308 A.; eXaxyjg fidxyot. Wacbsmuth, Sillogr. 2 p. 188. 2) vgl. Frg. 119, 151 (Abel); SS. 470, 1; 471. 26; Abel, Index L; vgl. aucb E. Maass, Orpbeus 207 ff, A. 1. 3) Frg. 33, 46, 50, 52f; 65, 72, 76, 93, 123f, 191, 223ff; 233. «) Strabo VI. 1. p. 252, bei Diels A. 12. S. 107. 5) Keb. Tab. 2. 6) vgl. Diels, P.' Lehrged. S. 152.

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Schattenbild des ewig Seienden; das einzig Wahre liegt Über die Ent¬ liehe Erkenntnis hinaus, alles Irdische ist nichtig. Nur eine dittiftii Erinnerung findet die Seele hier, Erinnerungszeicllen an dä§; wa§ §18 einst im Jenseits geschaut hatte. Alle sinnliche Erkenntnis ist daher trügerisch, nur die Vernunfterkenntnis führt zur Wahrheit. My§iis,chreligiöse Überzeugungen also waren es, welche P. zur Abnahme einer zweifachen Erkenntnis brachten, einer Wahrheit (Lehre vom Sein) und einer Meinung (Lehre vom Schein). Von seinem Vorgänger übernahm P. die Lehre vom ewig Seienden. X. hatte die orphische Doktrin von der Identität der verschiedenen Dinge gelehrt, indem er die Gottheit mit der Welt identifizierte. Bei P. nun fällt nach derselben Grundanschauung Denken mit Sein zusammen Frg. 5; 8, V. 14f; 30, 34. 37). Das wahrhaft Seiende ist ungewbrdeh und unvergänglich, „drum hat die Gerechtigkeit (Afxrj) Werden und Vergehen nicht aus ihren Banden freigegeben". 1) Das Seiende ist des¬ halb auch unveränderlich, „denn die starke Notwendigkeit (ttpa-repf).". . Avayxrj) hält es in den Banden der Schranke, die es rings umzirkt".*) Nur das Seiende existiert, „da es ja das Schicksal (Morpa) an däS Mzerstückelte und unbewegliche Wesen gebunden hat", 8) das Nichtseieride existiert nicht. Ist es nicht sonderbar, daß P. in seine Lehre vom Seienden mythologische Begriffe, wie M%rj, 'Avayxrj und Morpa hereinlslelit? Hier liegt ohne Zweifel eine Entlehnung aus der Anschauungsweise 'ter orphischen Theologie und Kosmogonie vor. Gerade die Orphike'r Ware* es, welche die unter verschiedenen Namen bekannten Gottheiten 'fle's Schicksals aufnahmen und in ihrem Sinne kosmogonisch weiterbildeten.*) Bei den alten Orphikern war der M.%y\ dieselbe Rolle zugedacht, Me hier bei P.'J Auch Avapcrj ist eine von der Orphik ausgebildete Göttin, deren Bedeutung besonders in der orphischen Kosmogonie hervortritt.'*) Die Morpa ist nach orphischer Auffassung die personifizierte Weltofdnung. Als ihre Mutter galt neben anderen orphischen Gottheiten, wie Gaia, Euonyme, Themis und Nyx hauptsächlich Ananke. Zu den ältesten Moiren wurde Aphrodite gezählt, die nach "der Vorstellung der theogönischen Dichter die Repräsentantin der allgemeinen wundervollen Ord¬ nung im Weltall ist. Bei P. spiegelt sich noch die von den Orphikern vertretene kosmische Auffassung der Aphrodite wieder. Von der Moira ist auch auf den aus orphischen Gegenden stammenden Goldplättchen von Thurioi und Petelia in Unteritalien die Rede. 7)
») Frg. 8, V.
13 f, Übersetzung nach Diels. 2) ebd. V. 29f.; vgl. auch Frg. 10. V. 6 (Avayxrj). 3) Frg. 8, V. 37 f ebd. *) vgl. 0. Gruppe, Griech. Mytholog. u. Religionsgesch. (Müllers Hdb. V.) 5) Diels S. 474, 22, 27; 478, 12; Abel Frg. 33, 125; 126. «) Diels S. 471, 17; 477, 11 u. Index; Abel, Hymn. 55; Frg. 109f. 7) Nr. 18 u. 19, bei Diels, S. 480 f.

S.

1015ff.

13 P. vergleicht das Seiende mit der Masse einer wohlgerundeten Kugel (eüxöxXou acpatpTj? ivaXiyxiov äyxq)). 1) Als eine Kugel denkt er sich auch die im Mittelpunkt des Kosmos befindliche Erde und kugel¬ förmig den Kosmos selbst. Gewöhnlich ist man geneigt, den Ursprung dieser Vorstellungen bei den Pythagoreern zu suchen. 2) Aber eine Nachricht bei Simplikios 8) besagt, daß P. den Vergleich des Seienden mit einer wohlgerundeten Kugel aus der orphischen Mystik entlehnt habe: ei §' ,£Öx6xXou acpatprj? evaXtyxiov öyxcp' xb ev öv cprjat, ^ %-a\)\ida'QC,' 8wb yap ty)V TtotTjCTtv %al [XU'ihxoö xwoc, Tzapduxzxoa TzXda^axoc,. xi o5v Siecpspe toöto efaelv 7) (5)s 'Opcpsü? efosv cd)eöv dpyticpeov'; Diese Angabe klingt zunächst allerdings ganz neuplatonisch. Bei näherer Untersuchung wird sich jedoch zeigen, daß Simplikios hier wie auch sonst öfter nur orphische Lehren referiert. Aber auch diese Referate enthalten noch viel altes Gedankengut. Nun haben schon die mythologischen Ausdrücke, mit welchen P. das Seiende beschreibt, in das Gebiet der Orphik gewiesen. Jene mythischen Figuren sind nicht bloß eine aus der Orphik ent¬ nommene dichterische Ausschmückung der Darstellung, sondern sie hängen mit dem Wesen und den Eigenschaften des Seienden aufs engste zusammen. Es läßt sich nämlich der Beweis erbringen, daß das parmenideische Seiende fast alle jene Qualitäten an sich trägt, welche die Dichter der orphischen Kosmogonien dem Urstoff, dem Chaos, zuge¬ schrieben haben. Freilich kennen wir diese Beschreibung nur aus neu¬ platonischen Berichten. Aber gerade die Übereinstimmung derselben mit dem eleatischen Seienden nach Wesen und Eigenschaften, ja sogar in manchen Ausdrücken spricht dafür, daß diese Berichte nicht bloß neuplatonische Spekulationen oder Lehren der jüngeren orphischen Richtung wiedergeben, sondern daß schon in der altorphischen Mystik ungefähr dieselben Vorstellungen und Anschauungen niedergelegt ge¬ wesen sein müssen, wie es die sind, welche uns die späten Referentenüberliefert haben. 4 ) Nach P. ist das Seiende ein Gemeinsames oder Zusammenhängendes (£uvöv Frg. 3), unteilbar (awexk, Frg. 8, V. 6, oö§£ Siacpsxov Frg. 8, V. 22) und allzusammen nur im Jetzt vorhanden (vöv ecrav 6[ioö \&v, Frg. 8, V. 5). Dieselben Eigenschaften zeigt das orphische Chaos: „Orpheus igitur est, qui dicit primo fuisse Chaos......; hoc sane ipsum Chaos......sed omnia simul mixta .... fuisse (Frg. 38 Abel); . . öXoo araipoo .... axpttws cpepo|iivoo (Frg. 37); AStaxptxcov TtavTwv ävTtov %axä axoToeaaav tyiyXrjv cpyjatv 6 ■9'eoA6yos berichtet Proklos (Frg. 52). Das Seiende ist ferner ungeboren (aysvrjTov eov Frg. 8, V. 3), ganz so wie das Chaos bei den Orphikern: Chaos......ingenitum,
!) Frg. 8, V.
2)

43

ff.

s. v. Arnim a. a. 0. S. 127. 3) Diels 18 A, Nr. 20. S. 108. *) vgl. ob. S. 5 f.

— 14 — ex quo omnia facta sunt (Frg. 38); xoüj rcpwxoug cpuatoXoy^uavcas tob?
uepS 'Qpcpea .... oPnve? tiAyjv xoO Txpwxou Tcävxa yevea9m Xeyouatv (Frg. 51).

Weil ungeboren, ist das Seiende auch unvergänglich (avwlz&pov Frg. 8, V. 3). Dem entspricht in der orphischen Kosmogonie die Eigenschaft der Ewigkeit: Chaos sempiternum,......per immensa tempora effectum (Frg. 38); Mtjtcote ööy V.' ... xpövou [Jtev oüSajjLö); lern ptexe/ov xö ev (Frg. 50); Xpovo? äyvjpaxos (Frg. 36). Das Seiende ist auch ganz (oöXov, Frg. 8, V. 4). Xenophanes hatte mit Anlehnung an orphischen Pantheismus vom höchsten Wesen gesagt (Frg. 24): 1)
oülog bpa,, ouXog Se voef, oüloq M x' äxoiüei.

Die spätere Terminologie gebraucht für oöXov in der Regel tcäv. So wird ebenfalls das orphische Chaos mit dem All (xö tcäv) identifiziert: ev x$ tocvxc (Frg. 53); xöv xoö tocvxös TtoajxVjv (Frg. 117, 118, wo sich auch öfter, der Ausdruck 6'Xo? = oploc, findet); v.a.1 yäp xtp rcavxl xö acpaipoxov auyyeveg (Frg. 54); eTcecSyj ö A o v xai xö ixav xax' aüxyjv (rijv e£ä8a) StajiSfieptaxa: (Frg. 146); rj (J^X^l ö™ x & v ävepiwv ex xoO Ttavxö; cpepo|j,evrj (Frg. 241); ferner ist von xö n&v im Sinne von dem aus dem Chaos entstandenen Weltall noch die Rede in den Fragmenten 119; 120ff; 127, 135, 195; 198f; 207; 210f;'294f. Bisweilen findet sich auch noch der alte Ausdruck in der Form von ö'Xog, z. B.: Frg. 119 f; 125; 241 (hier ganz im Sinne von ex xoö rawxös). 2) Das Seiende nennt P. eingeboren (jjioovoyeveg, Frg. 8, V. 4). Dieses Wort scheint in der orphischen Literatur sehr gebräuchlich gewesen zu sein: 8) [xouvoyeveta ■8-ecc heißt Persephone 4) und Proklos bemerkt: xae yäp 6 {reoAoyo? xrjv Köprjv fiouvoyevetavei'wfre upogayopeüecv. 5) Das Attribut unerschütter¬ lich' (axpejxeg Frg. 8, V. 4) findet wieder seine Analogie in den Termini aaxucpeXtxxov und noch genauer in ä'xpojjiov, wie der Leib des Allwesens Zeus genannt wird (Frg. 123, V. 24f). Das Seiende ist weiters äxeAeaxov (Frg. 8. 4), avapxov, «Ttaoaxov (V. 27). Diese Eigenschaften stimmen teilweise mit der Unvergänglichkeit überein, teilweise entsprechen sie dem Begriffe äretpov, aber nur im Sinne der zeitlichen Unbegrenztheit. Weil das Seiende unteilbai 6) ist, ist es auch nur eines (ev Frg. 8, V. 7). Vonf Chaos heißt es ähnlich: semper unum (Frg. 38). Nach der rhapso¬ dischen Theogonie aber war nicht das Chaos das Erste, sondern das Zeitprinzip, Kpovo^. Aus diesem Xpovo? oder auch Kpovo? genannt, geht dann das Chaos hervor. Es ist also Xpövoc, identisch mit dem Seienden, mit dem Einen (xö ev): AvaXoyei yäp aoxf/ (x^j .... odziq. o Kpovo;) |j,6vov, 65 xaE 'Opcpeüg xyjv rcpwxrjv icavxwv odxiav ^Kpbvov xaXer 6j.wj)vüjjlci)? a^eSöv X(j>
i) s. oben S. 8. vgl. auch Diels, Frg-. Nr. 11, S. 475, 35. 3) s. Diels, Parmenides Lehrgedicht, S. 74. 4) Hymn. 29. 2 (Abel). 5 ) in Tim. p. 139 (fehlt, bei Abel); vgl. Karsten a. a. 0. I. 2. 87f. 6) s. oben S. 13.
2)

V
15 —
Kpovcp" cd §e %'BOTiapäciOTOL cpfj(jiac tvjv ö-edxrjxa xaüxTjv xw
c

Äua^ xapa^xrjpt'^ouatv

Xeyouaat, Äna^ eraxecva- xö ydp «Trat x$ evt auyyeves. Noch deutlicher: .... yvp6vou |X£V ouSajj-wg ecra {xexs)(ov xö ev, XP° V0 S §£ ^rov aöxö (Frg. 50); ÖOTiep .... ribtö xoö evoj, . . . . oöxw oy] xa.1 6 xl'eoXoyoc; drcö xoö Xpövou . . . .; |j,tav .... elvac xyjv rcdvxcov dpx*]v xat .... auxijv ... ev Ttpogayopeuü)[xev (Frg. 52); ebenso [xexd xö ev (ebd.). üaxrjp jiev 6 T^pöxog duö xoO £vö? (Chronos) ixpoeXircbv AffHjp (Frg. 61). In ähnlicher Weise ist auch sonst

von dem Einen (xö lv) die Eede (Frg. 85; 121 f). Die Verbindung des Alls mit dem Einen: 7iö>s 8e [xoi ev xe xd Tcdvx'' laxat, xcd X W P'S exaaxov 1) war Gegenstand der orphischen Theogonie. Zeus heißt: 6 xö ev xpdioc, e'xwv (Frg. 121); Hieher gehören auch Frg. 123, V. 8 und 9; 127; 148. Das Seiende ist nach P. ganz von Seiendem erfüllt: mzv §' ejatcXeov eaxiv zövxoc, (Frg. 8, V. 24). Die gleichen Bestimmungen finden sich in der orphischen Dichtung auch für das Chaos, z. B. Frg. 36, 38, 39 u. a. Wie das Seiende unerschütterlich- ist, so ist es zugleich unbeweglich (dou'vrjxov, Frg. 8, V. 26). Auch in dieser Beziehung teilt es mit dem Chaos die gleiche Beschaffenheit, wie Frg. 38, 52 u. a. beweisen. Es ließen sich gewiß noch andere Eigenschaften des Seienden anführen, die P. vom Chaosbegriffe der Orphiker auf seinen Seinsbegriff übertragen hat und die auch in der erhaltenen orphischen Literatur noch belegt werden können. Aber eine Eigenschaft des orphischen Chaos hat P. dem Seienden nicht zugeschrieben, die der räumlichen Unbegrenztheit (d-rceipov). 2) Während nämlich Anaximander natürlich nach orphischer Lehre seinem drcetpov die Eigenschaften dftdvaxov, dvwXe&pov, dysvTjxov, dcpfrapxov, 3) dtSwv, dyrjpw 4 ) verleiht und es auch als räumlich unbegrenzt nimmt und während sich ebenso der Gottesbegriff des Xenophanes nicht mit räumlicher Begrenztheit verträgt, weist P. dem Seienden räumliche Schranken und Grenzen zu (jj,eydXwv ev itefpaai Sea|i,ö)v, Frg. 8, V. 26, und TOtp«? Tiu^iaxov, xexeXeajjievov eaxt udvxoikv, Frg. 8, V. 42f). Das spricht aber nicht gegen die Entlehnung der anderen Eigenschaften des Seienden vom orphischen Chaos, die ja durch soviele Instanzen erwiesen ist. Vielmehr ist die räumliche Begrenzung des Seienden auf pythagoreische Vorstellungen zurückzuführen und wenn überhaupt irgendwo in der Seinslehre des P., so läßt sich hier der Einfluß pythagoreischer Lehren erkennen, wonach wie überhaupt nach echt griechischer Anschauungsweise als vollkommen nur das galt, was Grenzen und Maße hat, als unvollkommen dagegen alles das, was als Maßlos-Unbestimmtes auftritt. 5) Daher findet sich auch tatsächlich in
') Frg.
2)

121

f (Abel).

vgl. Frg. 36, 37, 38, 48, 52, 53, 55, 85 (Abel); 66 B 13, S. 477, 16 (Diels). 3) Arist. Phys. III. 4. 2036 6 (Diels 2 A 15, S. 14 f). *) Hippol., Eef. haer. I. 6 (Doxogr. Gr. 559). 5) vgl. Windelband, Gesch. d. alt. Phil., Müllers Handb. V. 1. S. 40 A. 5.

16 — der pythagoreischen Gegensatz-Tafel die Gegenüberstellung von nepccc, und dfoeipov, wovon der erste Begriff nur dem Vollkommenen zukommt. Und Vollkommenheitist auch eine Eigenschaft des Seienden. 1) Übrigens ist Melissos in der Konzeption seines Seinsbegriffes wieder auf die eigentliche Natur des orphischen Xdoq dfateipov zurückgegangen und hat analog wie Anaximander dem Seienden wieder die räumliche Unend¬ lichkeit zugeschrieben. Schon Xenophanes hatte die Vorstellung von der Kugelgestalt der Gottheit aus der orphischen Lehre geschöpft. 2) Ebenso vergleicht auch P. das Seiende mit der Masse einer wohlgerundeten Kugel (eoxüxXou acpatprjs svaXi'-puov 8yx(p Prg. 8, V. 43). Wie schon erwähnt, 8 ) führt Simplikios diesen Vergleich auf die Orphik zurück. Seine Angabe hat nach dem vorher Gesagten nichts mehr Befremdliches und Unglaubwürdiges an sich. Aber noch mehr. Es gibt orphische Zeugnisse, welche diese Nachricht des Simplikios im stärksten Grade zu bestätigen geeignet sind. Das Chaos wird nach der orphischen Theogonie mit einem un¬ geheuren Ball verglichen: immani illo globo (Prg. 38); xtj) iravxl tö acpcaptxöv auyysvss (Frg. 54). Wie das Chaos der Sprößling des Chronos ist, so ist auch das Ei aus Chronos hervorgegangen. Daraus folgt wieder die von den Orphikern vertretene Gleichsetzung des Chaos mit dem Ei: 6 Xpovo? o)öv syevvvjasv (Frg. 36); KaE 'Opcpeo; §e xö Xaoc; <j>qj napeixaCßi ...... Xccog, Srcep 'Op'-psog (|>öv Xeyet yevvvjTOV ££ aizeipou xfjc; öXrjs TcpoßeßXYjfievov (Frg. 37); Chaos . . . tamquam in ovi immanis modum formamque collectum (Frg. 38). Das aus Chronos hervorgegangene mit dem Chaos identische Weltei hat in der orphischen Kosmogonie eine sehr wichtige Bolle gespielt: 6 Xpovo? cpiv eysvvvjaev (Frg. 36 u. 48); Kai yap 'Opcpe6s eTOixa S' exeu^e (xeyas Xpovoj aEfripc Sttp ö)£Öv Äpy6cp£ov. (Frg. 53). Von diesem Weltei ist auch sonst vielfach in orphischer Dichtung die Bede (Frg. 36—39; 53; 58; 61; 63). 4 ) Nach einem anderen Bericht entspricht dem All (xb to2v), das mit dem Chaos identisch ist, das Ei : öv Y&p fys.1 X6yov xö liizopov sv xop 4> V > toö^ov 'iyzw lv x<j) uavxl xöv oopavov (Frg. 53). Von der kugelförmigen Gestalt des Chaos aus kam man dann überhaupt zur Vergleichung der Begriffe Kugel und Ei. Die Beziehung zwischen acpatpa und <|>6v drücken z. B. folgende Worte des Frg. 53 aus: Tvjv 8e xa^tv, vjv §£Swxa[Ji£V xtp acpatpwjxaxc, ol 'Opcpcxot Xlyouat. napaixXriatav zhai xoXc, §oZc,. Nach orphischer Lehre ist ferner auch die Gestalt des xocfio?, der ja nichts anderes ist als das geordnete
i) vgl. Prg. 8, Nr. 33. vgl. oben S. 9. 3) oben S. 13. *) vgl. auch Diels 66 B. S. 476, bezeugte Stellen.
2)

32

ff; 477, 17; 32; 472, 10, lauter altorphisch

— 17 —
Chaos, eiförmig: 2x%a ^ x'fojiou

yoeiüic,- rjg 86^? exovxat ot xä 'Opcptxa [jioaTYjpca xeAoövxss (Frg. 53). Weil das Chaos jenes Prinzip darstellt, aus dem alles Seiende hervorgegangen ist, so wurde schließlich dieses Seiende (xö öv) mit dem Chaos und weiter mit dem Ei (xö 4)6v) schlechthin identifiziert. Das gab nun eines von den bei den Orphikern beliebten Wortspielen: xö Sv — xö cj>6v. Diese Gleich¬ setzung scheint schon der alten Orphik anzugehören, besonders wenn man bedenkt, daß schon Xenophanes das Seiende eöv nennt. Nicht erst P., sondern wohl schon die Orphiker vor ihm haben sich in Zu¬ sammenstellungen gefallen, wie: avxt 5e xoö övxos ä%X&q xö <5)öv x-koXoy^6[xevot (Frg. 48) l ) oder: xic, [irjxavY] xö jj,ev <])öv e^yetafrac xö 3v (Frg. 61). Proklos bemerkt: eft] av xaüxöv xö xs IlXaxwvos Bv xal xö 'Opcpt>töv (|)6v (Frg. 53). Und hierin liegt nun der Schlüssel zum Ver¬ ständnis der ganzen Seinslehre des P.: Das Seiende ist nichts anderes als das eiförmige oder kugelförmige Chaos der kosmogonischen Dichter, dessen Eigenschaften und Attribute P. fast durchwegs auf das Seiende übertragen hat. Was die orphischen Dichter mythisch-kosmologisch zum Ausdruck brachten, schreibt L\ ontologisch als Eigenschaften dem Seienden zu. Die Wurzeln für die Vorstellung vom Seienden liegen also gerade dort, von wo die theound kosmogonischen Dichter, vor allem die Orphiker, ausgegangen sind. Nach all dem ist es unleugbar, daß P. für die Konzeption seines Seinsbegrift'es aus dieser Quelle geschöpft hat und, wie die genaue Überein¬ stimmung der Vorstellungen beweist, speziell aus der Orphik. Jene der orphischen Mythologie entlehnten Figuren, welche P. in die Darstellung des Seienden mit hineinverflochten hat, bilden sonach keineswegs einen fremden Bestandteil inmitten der ontologischen Dar¬ legungen, sondern sowohl die kosmogonischen Göttergestalten wie auch die kosmogonischen Eigenschaften des Seienden selbst weisen auf eine Vorstellungsquelle hin, die nur in den Weltbildungslehren der Orphiker gesucht und gefunden werden kann. Diese Betrachtungsweise aber wirft auch auf den Charakter und Wert der Überreste aus der orphischen Literatur einiges Licht. Es ist durchaus nicht, und das ist ja nicht neu, alles, was dort von den Neuplatonikern berichtet wird, späten Ursprungs. Denn bei der konser¬ vativen Art nnd Weise der Weiterbildung und Überlieferung solcher Lehren ist viel altes Gedankengut in die spätere Zeit hinübergenommen worden und es macht keine besondere Schwierigkeit, dieses überlieferte Material von dem zu scheiden, was die Neuplatoniker aus ihren eigenen Spekulationen dazugetan haben. Schon die Terminologie gibt da ein sicheres Kriterium an die Hand. Aber auch das, was nicht neuplato¬ nisch ist, erscheint durchaus nicht immer im alten Gewände. Gerade
oc |xev . .

., ol

ob

i) bei Diels

S. 476,

31

f als altorphisch bezeugt.

— 18 — der Vergleich mit den sprachlichen Ausdrücken des P. hat gezeigt, wie da die alten Begriffe und Vorstellungen durch neue ersetzt sind. Die sprachliche Einkleidung hat sich öfters geändert, aber das Begriffliche, das Wesen der Vorstellung ist dasselbe geblieben. 1) Die orphischen Weltbildungslehren ließen aus der formlosen, dunklen, unendlichen Urmasse, Chaos genannt (vgl. Frg. 36—38, 48, 52f; 85 u. a.), zunächst ein Lichtwesen hervorsprossen (Frg. 38, 40f, 48, 53, 56—59, 61, 63ff, 71, 75, 89 u. a.), womit der Anfang zur Welt¬ bildung gegeben war. In dem Chaos und Lichtwesen liegt bereits der Gegensatz von Licht und Dunkel, von Warm und Kalt, wie ihn P. lehrte (Frg. 9f, 12, 14), ausgesprochen. Nach einer ägyptischen Weltbildungs¬ lehre, die sehr viele Parallelen mit der griechischen Kosmologie der Orphiker zeigt, barg das All in seinem Schöße die männlichen und weib¬ lichen Keime der zukünftigen Welt. 2) Akusilaos, der eine der orphischen Kosmogonien redigiert hat, nennt den Erebos das männliche, die Nyx das weibliche Prinzip. 3) Dieselben Prinzipien, Männlich und Weiblich, muß man auch für die orphischen Kosmogonien in Anspruch nehmen, wie die Fragmente lehren (Frg. 36, 38, 48, 62, 73, 94 u. a.). Soviel steht fest, daß P. die Gegensatz-Tafel der Pythagoreer, soweit sie damals überhaupt entwickelt war, nur für einige Begriffe benützt hat, daß er aber andere Gegensatzpaare, wie Warm und Kalt, Licht und Dunkel, Männlich und Weiblich, aus den orphischen Kosmogonien entlehnt hat, auf die übrigens eben auch die Pythagoreer zurückgehen. P. unterscheidet einerseits das ätherische Flammenfeuer (cpAoyö<; alMpiov uOp Frg. 8, Nr. 56), andererseits die lichtlose Finsternis, ein dichtes und schweres Gebilde (v6%x' aSafj-, mmvöv Si\iac, e^ßp^es xs Frg. 8, V. 59), Licht und Finsternis (cpao? xod vii^ Frg. 9). Dieselben Prinzipien finden sich auch in der orphischen Kosmogonie; dort heißen sie Nyx (Frg. 30, 52, 59, 86—89, 91, 96f, 99, 113f, 117f, 121f, 126) und Phanes (Frg. 38, 40f, 53, 56—59, 6], 63ff; 119, 167f; 171). Aföspiov hat seine Paral¬ lele in dem orphischen Aither, dem Sohne des Chronos (Frg. 36, 48, 52); es findet sich aber auch der Ausdruck cpö? (Frg. 37f), lux,(38, 58, 61); auch von axoxoq ist öfter die Rede (Frg. 52 an mehreren Stellen). Die männlichen und weiblichen Weltkeime vereinigt die in der Mitte des Weltalls thronende Göttin (Frg. 12, 18). Dieselben Begriffe kehren in denselben Ausdrücken auch in der orphischen Dichtung häufig wieder (Frg. 36, 38, 48, 62). P. nimmt an, daß die Gegensätze Feuer und Erde, Warm und Kalt, Licht und Dunkel, Männlich und Weiblich von einem göttlichen Wesen weiblicher Natur, Aatjxwv, gemischt werden (Frg. 12). Sie thront
i) vgl. ob. S. 5 f. 2) s. Gomperz, a. a. 0. I. 76. 3) Diels, S. 512, 25; 513, 11. (Äppeva, ■frVjXetav).

— 19 — in der Mitte des Weltalls und regiert alles. Unter dieser Daimon ist wohl nicht „die Mutter Nacht der Orphiker" zu verstehen, wie 0. Kern 1) will, sondern sowohl die kosmogonische Rolle, die ihr P. zuteilt, wie auch eine große Anzahl von Berichten aus dem Altertum deuten darauf hin, daß sie mit Aphrodite identisch ist. 2) Ihr orphischer Charakter steht außer Zweifel. Wenn Stobaios 3) diese Göttin von P. auch xußepvyjxi?, -/dflooöxos.*) Smwj und avayxrj genannt werden läßt, 5) so kann über die Herkunft dieser Aat^wv und ihren orphischen Charakter kein Zweifel mehr bestehen. Sie erinnert in Vielem an die bei Piaton (Rep. p. 616 ff) in der Mitte des Himmels thronende und durch die Welt ausgebreitete Ananke. Nach dem kosmologischen Gemälde, das Piaton an jener Stelle nach orphisch-pythagoreischen Quellen entwirft, hält die Auanke eine Spindel, welche die Weltachse vorstellt. Die Wirbelringe drehen sich um sie in ewigem Kreislauf. Ferner sind die drei Moiren genannt. Gewiß liegen bei Piaton dieselben Grundanschauungen vor wie bei Parm, wenn er von der Aaip-wv spricht. Diese Übereinstimmung erklärt sich nur so, daß beide aus derselben Quelle, der Orphik, geschöpft haben (vgl. W. Schultz, a. a. 0. S. 261). Für die parmenideischen Verse des Frg. 12 nimmt auch der Berichterstatter Simplikios eine poetische Vor¬ lage in Anspruch. 6) Avayxyj, Aoo], Morpa, die sonst bei P. genannt werden, sind in Wirklichkeit nur andere Erscheinungsformen oder Hypostasen der einen Aoa^wv. Auch wenn von ■8-£|jw.s xe Sfoo] xe (Frg. 1, V. 28) oder von M\uc, (Frg. 8, V. 32) die Rede ist, ist fast immer die¬ selbe weltbeherrschende Macht gemeint. Theodoret, der sich oft genauer an Aetios hält als Stobaios und Ps.-Plutarch, sagt: 7) 6 Se ILap^eviBrjq xt)v AvayxrjV vml Aai'|j,ova y.r/Avjy.s xcl Aixyjv xal npovocav. Plutarch 8) nennt diese göttliche Macht des P. geradezu Aphrodite,: II. jj,ev drcocpatVEt xöv "Epwxa xöv Acppo5txr;g epywv 7tpsaß6xaxov. In den orphischen Hymnen 9) heißt Aphrodite die Mutter der Ananke. 10 ) Ganz in der Weise der orphisch-theogonischen Dichter fährt dann P. weiter fort und sagt: 7tpcbxcaxov jjiev "Epcoxa ftewv pjxiaaxo [sc. Aa£|j,wv] tcccvxcov. 11 ) Eros ist, mag er nun mit dem orphischen Phanes identisch sein oder nicht, gleichfalls eine weltbildende Gottheit der Orphiker (Frg. 58,
') Zu Parmenides, a. a. 0. S. 175. vgl. Karten I. 2. 237 n. 0. Gilbert a. a. 0. S. 25, 27, 37f.
Ekl. I. 482 (= Plae. II. 7. 1), bei Diels Nr. 37, S. 111. nach Fülleborn, mit Bezug- auf Fr. 1, V. 14, Diels: xXrjpoO^ov. vgl. Zeller 15. 570. 2; 573. 1. Diels, S. 123, Zeile 12 f; 16. 6. 13 (fehlt hei Diels); vgl. Parmenides Nr. 32, S. 110 bei Diels. amator. 13. p. 756 E (Frg. 13 b. Diels). 55. 3. Avcrpajc;; vgl. auch ob. S. 12.

2)

8) 4) 5) o) 7) s) 9)

10; |X7jx£p

») Frg. 13.

20

67—69, 71, 119, 123, 139, 232, 272, 302—304). 1) Darauf weist aucli Piaton im Symposion hin (p. 177ff), wo sich ebenfalls dieser Vers des P. findet (p. 178 B). Eros geht nach P. aus der von der Aat'fxwv her¬ gestellten Verbindung und Mischung der beiden Prinzipien, dem Licht und Dunkel, dem Männlichen und Weiblichen, hervor. 0. Kern 2) erinnert an die Übereinstimmung dieser Lehre mit der orphischen Theogonie: „Statt Chronos, welcher Chaos und Aither mischt, die Gottheit, welche Dunkel und Licht verbindet. Hier wie dort entsteht aus der Verbindung der beiden Elemente der weltbildende Eros. Licht und Dunkel der A6£a entsprechen dem Seienden und Nichtseienden der 'AX^d-eia (Zeller, I.* 519); hier ist das Seiende begrenzt (Zeller 514), das Nichtseiende also unbegrenzt". Aus dem Worte \s,t]xiaaxo des oben zitierten Verses hört man „ohne unerlaubte Spitzfindigkeit" den Namen des Metis heraus. 3) Metis, der Verstand, war in der orphischen Kosmogonie als np&xog ysvexwp dem Eros als weltbildendes Prinzip zur Seite gestellt, ja Eros selbst wurde noXupqxic, und Mvjxts genannt. 4) Gerade das etymologisierende Wortspiel, das in jenem Verse zum Ausdruck kommt, ist eine charakteristische Seite der orphischen Dichtung. 5) P. hat sich zwar in einzelnen Punkten seiner Lehre an das pytha¬ goreische System angeschlossen, aber gerade in der Vorstellung von der weltregierenden Gottheit weicht er von den Anschauungen der Pythagoreer ab und schöpft direkt aus der Orphik. Das beweist der Umstand, daß im pythagoreischen System nicht die Daimon, sondern das Zentralfeuer die Rolle der weltbildenden Göttermutter übernimmt. Freilich war auch die pythagoreische Kosmologie von der orphischen Kosmogonie ausgegangen und daraus erklärt sich die unverkennbare Ähnlichkeit beider. P. aber steht in diesem Falle der Orphik näher als dem Pythagoreismus. „Wie auf den Boden der Phänomene, so stellt er sich hier auch auf jenen des durch orphischen Einfluß, modifizierten Volksglaubens und führt Gottheiten ein wie die im ,Mittelpunkte' des Weltalls thronende und ,Alles lenkende Göttin' und den ,erstgeschaffenen Eros' . . .". 6) . P. behandelte gleich den kosmogonischen Dichtern der Orphiker, „wie Erde und Sonne und Mond und der allumfassende Himmelsäther und die himmlische Milchstraße und der äußerste Olympos und der Sterne heiße Kraft zur Geburt strebten" (Frg. 11, Übers, v. Diels). Diese Kosmogonie, von der uns jedoch fast nichts mehr erhalten ist, scheint
2)

') vgl. auch Koscher, Lexikon d. gr. ü. röm. Mythologie unter ,Eros'. a. a. 0. 175. 3) 0. Kern, a. a. 0. 174. ♦) Ahel, Hym. 6. 20; Frg. 71; Lobeck, a. a. 0. 468 ff. 5) vgl. Diels, Arch. f. Gesch. d. Ph. I. 13. o) Gomperz, a. a. 0. V 148. vgl. auch Zeller F.S. 571. A. 2.

21

orphische und pythagoreische Vorstellungen in bunter Mischung mit Lehren von Xenophanes und Anaximander vereinigt zu haben. Von einigen Termini, die P. in der Kosmologie verwendet, läßt sich mit Sicherheit Anklang an die Orphiker feststellen. Dazu gehört vor allem a-cecpavyj für Gestirnring, Gestirn Sphäre, „der in der ebenso eigentümlichen Verwendung von orecpavo? in der orphischen Goldplatte von Corigliano (I. G. S. E. I. 641. 5: xüxXou S' i^enxav ßapußevfMoc; äpyacXioio (Wieder¬ geburt), ijAsipoü §' ineßav axscpdvou %oal xap7ra/lt[i,otai und in den orphi¬ schen Argonautica 761: aüxbta ol axecpavos %a,l iec/oc, spojxvöv AWjxew xaxecpatve v.a.1 akma. wiederkehrt". 1) Noch deutlicher aber sind die orphi¬ schen Verse des Frg. 121. 122: ev §e xe xec'psa rcavxa, xa x' oöpavöj eaxecpavwxai. 2) Die Lehren des P. über die Abstammung und Entstehung der Menschen (Frg. 12, 17, 18) stimmen so genau mit der Anthropologie des Empedokles, der hier erwiesenermaßen von der Orphik abhängig ist, 3) überein, daß es nicht verfehlt ist, auch diese Lehre des Eleaten aus orphischen Quellen abzuleiten. 4 ) So z. B. ist die Lehre von der Abstammung der Menschen aus der Sonne, die sich auch bei P. findet, aus den orphischen Mysterien genommen. Eine glaubwürdige Nachricht des Simplikios: %ccl mc, fyuyac, to|j,u£iv (sc. Aphrodite-Daimon) toxe jjisv e% xoö £|xcpavoöc; sie, xö detSsg, uoxs 8s uv&naliv cpYpiv 5) nötigt uns, dem P. die Lehre von der Seelenwanderung zuzuschreiben, die ja auch Xenophanes kennt. Ob man nun unter sjicpaves das Lichte oder den Äther und unter äeiMq die irdische Welt versteht, 6) oder ob man diese Ausdrücke mit Zellei 7) richtiger als Oberwelt und Unterwelt (Hades) faßt, in jedem Falle ist hier an eine Seelenwanderung gedacht, wie auch Zeller trotz seiner Behauptung: „daß unser Philosoph eine Seelenwanderung oder Präexistenz lehrte, ist unwahrscheinlich" 8 ) in der dazu angeführten Anmerkung 9) wieder zugibt, wenn er auf die S. 56ff. besprochenen orphischen Lehren hinweist. Mit Recht sagt daher E. Rohde. 10 ) „Offenbar ist jedenfalls, daß von der wechselnden, im Sicht¬ baren und im Unsichtbaren lebenden Psyche P. nicht als Physiologe redet, sondern wie ein Anhänger orphisch-pythagoreischer Theo¬ sophie." Ferner weisen auch die Termini i\i^avic, und detSeg, worin
>) Diels, Parmemdes' Lehrgedicht; S. 11. vgl. auch Frg. 35 (Abel). 3) vgl. 0. Kern, Empedokles u. die Orphiker, Arch. f. Gesch. d. Phil. 1. S. 501. *) vgl. Frg. 8. 240f; 294f (Abel). 5) phys. 39. 18f; hei Diels zu Frg. 13, S. 124f. 8) wie z. B. Karsten, a. a. 0. S. 272 ff. 7) a. a. 0. 584. A. 1. 8) ebd. 9) a. a. 0. 581. A. ]. »O) Psyche IP. 158.
2J

22

nach der Art der Orphiker etymologische Anspielungen auf Phanes und Hades zu suchen sind, in orphisches Gebiet. dvcmaXiv deutet wohl auf TCaXiyyevsata hin. In den Worten des seiner Echtheit nach angezweifelten Frag¬ mentes 20: athap ött' aöxrjv saxiv äxapraxög Sxpoosaaa, xoiXy], nrjkihSr^- V) o' TjYYJaaaifon aptdri] flcXcro? e? [jj-epöev 7ioXuxi[i,rjxoo AcppoSt'xYjs scheint P. tatsächlich vom Hades gesprochen zu haben. Dafür, daß der Inhalt dieser Verse aus orphiseher Quelle stammt, scheinen erstens die Worte des Hippolytos zu sprechen (funpd: .... toxi x& |i,uaxTJpta xa xrjg nepaecp6vr]s xaxco, 7iep! &v fiocrojptav ....), zweitens htjXwStjc; 1) und drittens findet sich in den orphischen Hymnen und Fragmenten Aphrodite ganz so wie hier mit Hadesgottheiten verbunden. Und gerade die Identifi¬ zierung der Lebens- und Liebesgöttin Aphrodite mit der Todesgöttin Persephone ist im orphischen Kult tief begründet. Mit dem unechten Frg. 23: fxay„dp(ov v/jaoi: 7) öbiponoXtc; xwv ev Boiwnqc Otj^wv xö TtaXatov kann man wegen des Mangels an Zusammenhang nichts anfangen, zumal wir nicht wissen, ob P. überhaupt von den Inseln der Seligen in irgend¬ einem vielleicht eschatologischen Sinne gesprochen hat. Nichts zeigt vielleicht besser die Abhängigkeit des P. von den orphischen Mysterien als das Prooimion zu seinem Lehrgedicht (Frg. 1). Es ist ganz im Stile der Mysterienpoesie geschrieben. Von der Welt der Täuschung und des Truges läßt sich der Dichter-Philosoph durch ein Rossegespann wegtragen in andere Sphären, wo ihm die Erkenntnis der Wahrheit zuteil wird. Die Göttin erleuchtet ihn und offenbart ihm wie durch eine Vision die Geheimnisse, die er erforschen will. Wie ein echter Mystiker erhält er im Zustande der Ekstase die Offenbarungen aus dem Munde der Göttin. „Der große Wurf der Seelenverzückung und -Entrückung gehört nicht dem eleatischen Rationalismus, sondern dem orphischen Mystizismus an." 2) Wird die Fahrt des P., wie es gewöhnlich geschieht, als eine Fahrt zum Licht (V. 10), als eine Himmelfahrt aufgefaßt, 3) so hat sie ihre beste Analogie in dem Bild, das uns Piaton im Phaidros (c. 25 ff) nach orphischen Quellen entwirft. Aber auch dann, wenn man die Vision des Dichters als eine Höllen¬ fahrt versteht, 4) ist man in das Gebiet orphiseher Poesie gewiesen, wie die vielen Dichtungen mit dem Titel elc, "Aidou xaxaßaaig nahelegen. 6)
vgl. Frg. 227 7tr)X6v. Diels, Parmenides' Lehrgedicht S. 16. vgl. W. Schultz a. a. 0. S. 266 ff. Diels, ebd. S. 16ff.; W. Schultz, a. a. 0. S. 330ff. wie 0. Gilbert, a. a. 0. S. 32. vgl. Abel Frg. 153—158; Norden, Komm, zu Verg. Aen. VI. SS. 5, 21. 156 ff; 231 ff. J) 2) 3) *) 5)

23

Zunächst ist die Daimon, die in den Versen 3 und 22 erwähnt wird, mit der in der Mitte des Weltalls thronenden Daimon identisch und ebenso aus der Orphik genommen wie diese. Die gleiche Bewandtnis hat es mit dem Motiv von dem Pferdegespann (iratoi V. 1 u. 4). Ein orphisches Fragment (65) berichtet, daß Phanes auf Possen mit goldenen Flügeln einherfährt: Xpoaaais Tixspoyeaac cpop£U|X£Vog Ivfra %ad evö-a! Hermias bemerkt dazu: Ou Ttpwxos Se 6 ÜXaxwv tjvcV/ov xal '(mzouc, TcccpeXaßev, äXXä xal Tcpö aöxoö ö! ivfreai xwv tcoitjxüjv, "0|i7)po£, 'Opcpeög, Üap[j.evt5rjs. Von einem Wagen der Götter ist in orphischer Dichtung öfter die Rede. 1) Die Töchter des Sonnengottes 2) sind wohl eine allerdings an die orphische Theologie sich anlehnende eigene Erfindung des P. Eine ähnliche Allegorie findet sich übrigens auch bei Empedokles ( cHXi6to]), 8j der diese Gestalt aus der Orphik übernommen hat. 4 ) Zu dem ganzen Bilde stimmen vortrefflich alle Züge, die orphische Dichtung dem Helios zuschreibt. (Hym. 8; Frg. 49; 152; 160; 169; 235). Zweimal erwähnt P. in dem Einleitungsgedicht die Göttin der Nacht, Nyx. Nun ist aber gerade diese Göttin von der orphischen Mythologie ausgebildet worden und wie sie die Orphiker selbst in der Theo- und Kosmogonie verwendet haben, zeigen die zahlreichen Fragmente (30, 52, 59, 60, 86—89, 91, 96f, 99, 109, 110; 113; 114; 117; 118; 121. 122; 126). Sowie Frg. 109. 110 von einer'Höhle der Nacht (avxpov Nuxxö?) spricht, so kennt P. ein Haus der Nacht (So^axa Noxxo? Frg. 1, V. 9), welches die Heliadenmädchen verlassen. Sicherlich hat P. diese Anregung von den Orphikern empfangen. 6) Auf eine uralte Anschauung geht der parmenideische Vers (Frg. 1, V 11): lv$a, u6Xac Nuxxoc; xs xod "Hp,axoc; slai xeXeoö'WV zurück. Sie findet sich sowohl an jüngeren Stellen der Odyssee (% 86v. 109ff; w llff), als auch bei Hesiod (Theog. 747ff) und in den orphi¬ schen Fragmenten (z. B. Frg. 123. 17). Anerkanntermaßen orphisch ist das Motiv vom Dreiweg, 6) das sich nach orphischen Quellen bei Piaton 7) und Vergil 8 ) findet. Dike wurde schon oben 9 ; als speziell orphische Gottheit erwiesen. Wenn sie auch hier erwähnt wird, so spricht das ebenfalls für den orphischen Charakter des Prooimions. Der Vers (Frg. 1, V. 14):
i) Hym. 8. 19; Pind. Ol. 6. 22 ff u. Emped. 174. 14 (Diels), beide nach orphi¬ scher Vorstellung. 2) 'Kliuoec, "/.oöpoa, „Heliadenmädckeu" Frg. 1, V. 9. 3) Diels 21. B 122. S. 209. 9. 4) 0. Kern, Emped. u. die Orphiker, a. a. 0. S. 505. 5) vgl. 0. Kern, Zu Parmenides a. a. 0. R. 174. 6) vgl. A. Dieterich, Nekyia 191f; 120, 1ÜJ f; 151. 7) Gorg. c. 79, p. 524 A; Eep. X. 13, p. 614 B ff. s) Aen. VI. 540ff; vgl. Norden z. d. St. a. a. 0. 9) S. 12 u. 19.

24

xöv 5e AExj] rcoAÖTtoivos £X £[ ^'^Sas ajxotßouj spricht von der gewaltigen Eächerin Dike, wie sie mit denselben Worten bei den Orphikern in dem Vers (Frg. 125):
Tip 8s At'xrj ■koXützoivoq scpefoexo tzöloiv aptx>yög

genannt wird. Die Übereinstimmung im Ausdruck wie in der Technik und Stellung der Worte in der ersten Hälfte dieser beiden Verse ist so auffallend, daß man versucht ist, an direkte Entlehnung aus einer Vorlage zu glauben. Die. Attribute der Ketten und Fesseln, welche die Stärke und Notwendigkeit symbolisieren sollen, 1) lassen Dike in derselben Funktion erscheinen wie die orphische Ananke, mit der sie ja innig verbunden ist. 2) Von der schlüsselhaltenden Dike ist öfter in orphischer Literatur die Eede. Als Jüngling, unsterblichen Lenkern gesellt, wird P. von der Göttin begrüßt (V. 24):
& xoöp'
äfravccTOCOT

owdopoq ■fpibypioiv.

Denselben Gedanken gibt Piaton, wo er orphische Lehren berücksichtigt (Phaidros c. 28. p. 248 B), mit dem Worte £uvotox86s wieder. Kurz vorher wird bei Piaton Adrasteia erwähnt. Wie eng da die Vorstellungen zusammenhängen und wie ähnlich die Gedanken und Motive sind, zeigen die orphischen Fragmente (109. 110; 111; 139: xöv "Epwxa ärcaSöv aöxfjg). Mit den Worten: „Kein böses Geschick (fiorpa xtxx-q) geleite dich, sondern nur Recht und Gerechtigkeit (■8-lu.cs xe Stx.vj xe)" begrüßt die Göttin den wahrheitssuchenden Jüngling. Echt orphisch ist die Verbindung von Themis 3 ) und Dike. Auch der Ausdruck (j.oopa hat hier noch nicht die spätere allgemeine und abgeblaßte Bedeutung, sondern die Zeitgenossen des P. werden dabei noch sehr wohl an die Person der Schicksalsgöttin selbst gedacht haben. Sogar die Gegenüberstellung von Wahrheit und Meinung, von äX-q&aa. und 56£a hat P. der orphischen Mystik entnommen. Piaton erklärt im Kratylos (p. 420 f), wo er uralte Worte nach orphischer Methode etymologisierend deutet, das Wort §6£a komme entweder von der Jagd (Si'w&s) der Seele nach dem Wissen oder von dem Schuß (ßoMj) des Bogens (xo£ov). Das Wort iAVjfteta erklärt er als äXrj ■9-et'a, den göttlichen Flug, die göttliche Fahrt der Seele zur allwissenden Gott¬ heit. Daß hier uralte mystische Gedanken vorliegen, beweist Heraklit, bei dem ebenfalls der Bogen eine wichtige symbolische Bedeutung be¬ sitzt. Bei Heraklit aber sind die Anregungen, die er aus der orphischen Mystik geschöpft hat, womöglich noch zahlreicher als bei P. Ferner ist Eros, der Sohn der Aphrodite-Daimon, das kosmogonische Prinzip der Orphiker, jener Schütze, welcher mit seinem Bogen die Pfeile ab¬ schießt. Eros ist wie sein Pfeil gefiedert. Man kann also mit Recht sagen: „Den Wandel der Meinung in Wahrheit, der Wahrheit in Mei0 vgl. Karsten, a. a. 0. 93; orph. Hym. 13.4 u. 85.4. 2) vgl. ob. S. 20. 3) Abel Frg. 95; 105; 129; 160; Hym. 43; 88.4; 79.1.

25 — nung . . . hat Parmenides in der Einleitung zu seinem Lehrgedichte in der nur für den Wissenden verständlichen Sprache orphischer Mystik niedergelegt." 1) Das sind nur einige der wichtigsten Beobachtungen, welche darauf schließen lassen, daß P. mit seinem Einleitungsgedicht an die orphische Poesie anknüpft. „Es wird", so schließt H. Diels 2) seine Ausführungen über das Prooimion, „klar geworden sein, daß die Konzeption der Himmelsreise samt den einzelnen Details nicht originell empfunden oder erfunden ist, sondern auf der ekstatischen Poesie der vorangehenden Reformationsepoche beruht. Wenn Skeptiker an unserer Verbindung mit den Orphikern Anstoß nehmen wollten, die für P. nicht hinläng¬ lich bezeugt sei, so darf daran erinnert werden, daß auch der mit dem Pythagoreismus eng verbundene Apollokult Unteiitaliens damals Wunder¬ männer wie Abaris den Hyperboreer und vor allem Aristeas aus Pro¬ konnesos in seine Sphäre gezogen hat." Man wird kaum fehlgehen, wenn man die Vorliebe, mit der P. Personifikationen verwendet, als eine Eigentümlichkeit hinstellt, die er mit den orphischen Dichtern gemein hat. Von P. gilt in dieser Beziehung dasselbe, was von Empedokles zu sagen ist. Wenn Empedokles von Wesen wie KaXXiara), Afoxp*], Eöaeßaa, Xfrova] u. dgl. spricht, so hat er die Orphiker nachgeahmt. 3) Daß die Orphiker in der Tat solche Per¬ sonifikationen meist in Gestalt von Göttinnen kernen, zeigen die Frag¬ mente. 4) P. ist ihnen gefolgt, wenn er von einer personifizierten ILeid-ü (Frg. 4), die übrigens auch in der Orphik als kosmische Macht vor¬ kommt (Frg. 272), von 'Alrftzia (Frg. 1 u. 4), A6£a (Frg. 1 u. 8) u. a. spricht, von N6^, Aaijjiwv, AvocyxY], Afoo], MoFpa u. dgl. abgesehen. K. Joe! führt auch den femininen oder sexuellen Zug, welcher in den Fragmenten des P. hervortritt, auf .die orphische Mystik zurück. 5) Die Göttin ist es, die den Dichter-Philosophen den Weg zum Lichte, zur Wahrheit und Weisheit führt. Die Heliadenmädchen lenken die Rosse, nachdem sie das Haus der Nyx verlassen haben. Immer ist es eine und dieselbe weibliche Gottheit, aber unter verschiedenen Namen, üike, Ananke, Moira oder Daimon, welche als personifiziertes Welt¬ regiment vor das geistige Auge des Dichters tritt. Daimon, die Mutter des einzigen männlichen Wesens, das P. nennt, des Metis-Eros, regiert, als Liebesgöttin in der Mitte der Welt thronend, das ganze All. Drei von den verhältnismäßig wenigen Bruchstücken weisen allein auf das Problem der Zeugung und Geburt hin (Frg. 12, 17, 18). Aphrodite wird noch eigens genannt (Frg. 20). „Es ist ein vitalistisch- mystischer
0 W. Schultz, a. a. 0. S. 268; vgl. auch ebd. S. 336. Parmenides' Lehrgedicht S. 21. 3) vgl. 0. Kern, Ernped. u. d. Orph. a. a. 0. bes. S. 505. 4) vgl. Abel, Index I. 5) a. a. 0. S. 64 f.
2)

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Zug, der das embryologische Interesse bei den Vorsokratikern auffallend stark in den wenigen Fragmenten hervortreten läßt; das Problem der Geburt wird ihnen symbolisch für das Problem der Weltentstehung." Jj Auf etymologische Wortspiele, wie sie für die orphische Poesie charakteristisch sind, wurde teilweise schon oben hingewiesen (äX-qü-eia. und Ski} %-eloc, ii.r)xlaaxo Frg. 13 und Metis, xö 5v =z xb (j)6v). Solche Figuren liegen gewiß auch in folgenden Fällen vor: Frg. 1. 18: yä.o)xa, dx«ves, Vers 35: äaxonov öjAfjia. Auch sonst finden sich bei P. viele Ausdrücke, die er aus der Terminologie der Orphiker entlehnt zu haben scheint. So erinnert Frg. 14 vtwncpals . . . cpö? an die Wendung Spyia vuxTOpafj in den orphischen Hymnen (54. 10). Die Weudungen ev ueipaai Seafiöv (Frg. 8, V. 26) und Tizlgtxxoc, sv b*ea[xoXoa (ebd. V. 31) zeigen Anklang an den orphischen Vers: aöxap emjv Seap.6v xpaxspöv reepi raeai xavöac-QC,. 2) Diels 8) vergleicht noXuTcetpwv (Frg. 1, V. 34) mit Orph. Argon. 33. Die parmenideischen Worte: xoajj,ov epiöv etowv (Frg. 8, V. 52) haben ihre Entsprechung in dem altbezeugten Frg. 34: Kocxccmxüaaxz h6g\lov äoiSf]?. Zu xafrapä? tbayioc, -jJeXCoio (Frg. 10, V. 2) bemerkt Diels: 4) „söayifo ,rein leuchtend, nicht qualmend' hat, wie sich denken läßt, in der orphischen Poesie intensive Verwendung gefunden." Aus orphischem Geiste sind auch die Worte: ßpoxoc eioöxec, ouSev (Frg. 6, V. 4) entsprungen, wie Fragment 76 beweist. 5) Bei Frg. 3, V. 2: erinnert Palingenesie. Andere sprachliche Erscheinungen, die P. mit den Orphikern gemein hat, sind schon im Laufe der Abhandlung erwähnt worden. Zenon. An direkten Zeugnissen, welche den Einfluß orphischer Lehren auf Zenon darzutun imstande wären, fehlt es uns. Aber die Teilnahme an den politischen Bestrebungen seines Lehrers Parmenides und der Ehrenname eines dvijp Jlud-a.yöpzioc,'') sprechen dafür, daß er von ähnlichen Anschauungen wie die Pythagoreer und Orphiker durchdrungen war. Z. schritt auf dem von seinem Vorgänger inaugurierten Wege der Ver¬ werfung jedes Sinnenzeugnisses weiter und kam so zur Bestreitung der Vielheit und zur Leugnung aller Bewegung. In der orphischen Mystik mit ihrer Verachtung des Körpers und alles Körperlichen und mit ihrer
i) Joel, a. a. 0.
2) 3) 64

otzköü-bv &p%u>iia.i- xo{k yap izdcXiv l$o\ica aölhs Diels 6) an den xöxXog yevsaews der orphischen

f.

*)
5)

6) i)

Frg. 122. Parmenides 1 Lehrgedicht S. 62. ehd. S. 103; vgl. ebd. auch S. 11. vgl. auch Diels, Parm. Lehrg. S. 68. a. a. 0. S. 66 f. Strabo VI. 1. 1. (Diels S. 107, Nr. 12).

27

Hochschätzung des von allem Leiblichen befreiten reinen Geistes liegen, so absurd es auch klingen mag, die Wurzeln der Skepsis, deren Anfänge uns schon bei Z. entgegentreten. Er lehrt -wieder wie Xenophanes den strengen Pantheismus der Orphiker, die in der Gottheit das Eine und das All sahen. 1) Ananke, die personifizierte Naturnotwendigkeit, war von Parmenides der orphischen Theologie entnommen worden. Der Bericht des Aetios: 2) MeXraaog %od Ztjvwv xö ev %od tcäv vmI \iövov dc'Scov xai diTCtpov xö ev xal xö |jlsv ev xyjv dvayxvjv, üXtjv 8e aöxfj? x& xeaaapa Qxo\.yeX<x, el'Sy) §e xö veftw? xal xyjv cptXEav erweckt den Anschein, als ob Zenon und Melissos das eine Seiende mit der Ananke der Orphiker identifiziert hätten. Nun aber lautet diese Darstellung so empedokleiscb, daß man mit Recht vermutet hat, 3) vor den Worten: xö ^ev e'v usw. sei der Name Empedokles ausgefallen. Daher lautet der Text bei Diels. 4 ) ['E[XTceSoxX7js acpaipoetSyj xal äfSiov %al fibuV/jxov xö §v] xal xö [xev £v xy)V avayxTjv xxX. Die Paralogismen Zenons von Achilleus und der Schildkröte (diese galt als Symbol für das Himmelsgewölbe) und von dem fliegenden Pfeil, welcher ruht, scheinen allerdings aus mystischen Traditionen zu stammen; ob sie aber gerade auf die orphische Mystik zurückgehen, ist denn doch etwas zweifelhaft. Am ehesten ist dies noch bei dem Pfeil der Fall, welcher ein Attribut des orphischen Eros ist. 5) Melissos. Bei diesem Eleaten verflüchtigt sich der Begriff des Seienden noch weiter. M. entfernt von dem Seienden alle jene Eigenschaften, welche es in irgend etwas von dem Xao? feetpov der Orphiker unterscheiden könnten. Es hat, weil es auch räumlich unendlich ist, alle Eigenschaften des Chaos an sich: soweit hatten die mystische Entwertung der sinn¬ lichen Welt und die asketische Verachtung der realen Außendinge ge¬ führt. „Die Verflüchtigung des materiellen Weltbildes ist soweit gediehen, daß es im Begriffe steht, ganz und gar unterzutauchen und einem seligen Geiste Platz zu machen. Hier stellt sich Melissos in die Reihe der Mystiker." 6) Dadurch daß der Eleatismus die orphische Mystik beim Worte nahm und die pantheistische Auffassung der Orphiker von Gott¬ heit und Welt auf die Spitze trieb, kam er zu Folgerungen, welche dem Subjektivismus und Nihilismus Tür und Tor öffneten. Die Attribute „leidlos", „schmerzlos", und „gesund", welche das Seiende bei Melissos erhält (Frg. 7), zeigen noch jenen subjektiv-gefühlsmäßigen Zug, der aller Mystik eigen ist.
0 vgl. Aetios I. 7. 27 — Doxogr. Gr. 303.
I. 7. 28 (== Dox. 303) = Stob. Ekl. I. 60. vgl. Zeller, a. a. 0. 588 f A. 2. *) Frg. 21A. 32, S. 159, vgl. Bd. II. 1. S. 681. 5) vgl. W. Schultz a. a. 0. S. 289 f; vgl. auch ebd, S. 268. 6) Gomperz, a. a. 0. S. 150.
3) 2)

28

I

Die pseudo-aristotelische Schrift: de Melisso Xenophane Gorgia gibt gerade in jenem Abschnitt, welcher über Melissos handelt, einen Fingerzeig, wo der Ursprung und das Vorbild des Seienden, wie es in der Konzeption des M. erscheint, zu suchen ist. Wenn es dort 1) heißt: aiixtxa §' 'Hai'oSo? c7tavui)V (J-ev Ttpwxov, cpvjai, Udoc, eyevexo, aöxap eTtetxa Taia, eöpöaxepvog, Ttavxuv e'Sog üayoclks afel *)§' "Epos' [Theog. 116ff.] und wenn auch an einer anderen Stelle 2) derselben Schrift auf das Chaos von Hesiod hingewiesen ist, so sagen diese Worte zwischen den Zeilen deut¬ lich genug, daß es die kosmogonische Dichtung ist, aus welcher die Vorstellungen der Eleaten und speziell des Melissos vom Seienden genommen sind. Die ersten griechischen Denker haben mit ihren naturphilosophischen Lehren an die Spekulationen der theo- und kosmogonischenDichter angeknüpft. Bei ihnen wird also der Einfluß jener Dichtungen am stärksten vorhanden sein. Freilich kann man das wegen der geringen Anzahl der kurzen Bruchstücke aus den Werken der drei Jonier mehr behaupten als beweisen. Aber da, wo wie z. B. bei Heraklit, genügend Fragmente zu Gebote stehen, welche einen Eückschluß auf den Einfluß orphischer Lehren erlauben, kann man eine weitgehende Beeinflussung durch die Orphiker feststellen. Dasselbe gilt von den Eleaten. Schon die zeitlichen Verhältnisse legen eine unvermeidliche Stellungnahme dieser Denker zu dem gerade damals blühenden System der Orphiker nahe. Nicht auf Nebensächlichkeiten und Einzelheiten allein beschränkt sich, wie ausgeführt worden ist, der orphische Einfluß, sondern trotz aller kritischen Vorsicht und skeptischen Verwertung des Materials hat die Untersuchung gezeigt, daß auch in den Grundanschauungen zahl¬ reiche und mannigfaltige Anregungen und Einwirkungen, Beziehungen und Einflüsse vorhanden sind, welche jene mächtigste aller mystischen Strömungen Griechenlands auf die Eleaten ausgeübt hat: die Orphik. Freistadt, im Mai 1911. Dr. Jos. Dörfler.

Nachtrag.

.

Infolge eines Irrtums in der Wahl der Lettern finden sich auf den ersten Seiten einige Wörter statt mit ß mit ss geschrieben. Seite 3 soll es heißen: läßt, faßbar; Seite 4: beeinflußt; Seite 5: große; Seite 7: verfaßt. Seite 9, Zeile 13 von oben ist {teoAoyos zu lesen; Seite 15, Zeile 10 von unten ecrri.
i) p.
975

a. 15, Diels S. 138.

2) Diels S. 140, p. 976 b 26.