D

i
o
g
e
n
e
s

M
a
g
a
z
i
n
2
D
Diogenes
Magazin
Nr.2
Herbst 2009
Hand aufs Herz
Anthony McCarten
gibt Auskunft
Große Zeichner
Patrick Süskind über Sempé
Zu Besuch bei Tatjana Hauptmann
Ein Interview mit Maurice Sendak
Inspiration: Wie kommen
Autoren zu ihren Ideen?
9 7 8 3 2 5 7 8 5 0 0 2 4
www.diogenes.ch
Euro 2.– /sFr 3.50
R
u
f
u
s

B
e
c
k


P
a
u
l
o

C
o
e
l
h
o


J
e
s
s
i
c
a

D
u
r
l
a
c
h
e
r


J
o
e
y

G
o
e
b
e
l


T
a
t
j
a
n
a

H
a
u
p
t
m
a
n
n


A
n
t
h
o
n
y

M
c
C
a
r
t
e
n


I
a
n

M
c
E
w
a
n


C
h
r
i
s
t
i
a
n

S
c
h
ü
n
e
m
a
n
n


J
e
a
n
-
J
a
c
q
u
e
s

S
e
m
p
é


M
a
u
r
i
c
e

S
e
n
d
a
k


P
a
t
r
i
c
k

S
ü
s
k
i
n
d


B
a
r
b
a
r
a

V
i
n
e


L
a
u
r
a

d
e

W
e
c
k


B
e
n
e
d
i
c
t

W
e
l
l
s


L
e
o
n

d
e

W
i
n
t
e
r
D
KuIIu¡eIIe
Begegnungen
DVMUȐP
Re¡sen S¡e m¡I uns zu
SchuupIãIzen beI¡ebIe¡
K¡¡m¡nuI¡omune.
„&NNBOVFM(BMBOUF
lj̤͈. ˫˂Њ̓
˺Ť̌ɑ̤ ŤͬǸ ƴljʪ ̤˺ͬ̌ljʪ Ϩˊʪ
ʁˊʝʝɑ̤̤Ť̌ ʝŤɑȤ̌lj͈
£¡Ieben S¡e Iu¡¡s uuI den
Spu¡en de¡ be¡ühmIesIen
Romunȍgu¡ von Geo¡ges
S¡menon: Komm¡ssu¡
Mu¡g¡eI. Besuchen S¡e
dus IoI¡ze¡museum und
gen¡essen S¡e d¡e Iyp¡sche
I¡unzös¡sche Iundküche. IekIo¡¡n Annu von
IIunIu w¡¡d S¡e wãh¡end de¡ gesumIen Re¡se
begIe¡Ien.
ɁɑȤɁʋɑȤɁ͈̤
h
Spunnende AnekdoIen un
uusgewãhIIen IIãIzen ¡n Iu¡¡s
h
Besuch des IoI¡ze¡museums
h
IokuIe Gou¡meI·ResIuu¡unIs
˫ͪ. · ˫ȟ. ʝŭ̌Ѐ ͪЊ˫Њ
ljɑʪ ɁlǰЀ̤ƟɁʋŤȤ Ɂ˖Ɂlǰ -
ʁ̌ɑʝɑ̌ljɑ̤lj Ťʪ ƴljʪ Ɠˊ̤˺ˊ̤̌ͬ
1¡eȊen S¡e IeI¡os Mu¡ku¡¡s,
den g¡¡ech¡schen K¡¡m¡·
uuIo¡en und 1heuIe¡·
w¡e I¡Imemuche¡ ¡n IsIun·
buI. £¡Iuh¡en S¡e uIIes
übe¡ d¡e H¡nIe¡g¡ünde
se¡ne¡ Gesch¡chIen, d¡e
Ihnen un den C¡¡g¡nuIschuupIãIzen noch
¡euIe¡ e¡sche¡nen.
ɁɑȤɁʋɑȤɁ͈̤
h
Iesung m¡I IeI¡os Mu¡ku¡¡s
h
Bes¡chI¡gung de¡ Hug¡u Soȍu
h
AuIenIhuII ¡m Ç¡¡uȩun IuIuce
Kemp¡nsk¡ IsIunbuI
ЊǛ. · ˫˫. Ť˺̌ɑʋ ͪЊ˫Њ
ʁ̌ɑʝɑʪljʋʋ ʁ˖̤͈ʋɑƟɁ - ƴŤ̤ ˺Nǰɑ Ȥˊ̌ƴ
Ϩˊʪ Ɠ̌ͬʪˊ, ƟɁljǸ ƴlj ˺ˊʋɑƟlj
Mu¡I¡n VuIke¡ IãdI pe¡·
sönI¡ch zum Gou¡meI·£ssen
und gewãh¡I Ihnen e¡nen
e¡nmuI¡gen BI¡ck h¡nIe¡
se¡ne KuI¡ssen. Ðus
Ruhmenp¡og¡umm b¡eIeI
unve¡gIe¡chI¡che Iund·
schuȈen, unIe¡huIIsume Ausșüge uuI IokuIe
Mã¡kIe, Ve¡n· und KãsedegusIuI¡onen.
ɁɑȤɁʋɑȤɁ͈̤
h
M¡͊ugessen und Iesung m¡I
Mu¡I¡n VuIke¡
h
HöhIenmuIe¡e¡en von Iuscuux
h 1¡eIIen m¡I ]uI¡u VuIson,

GusI¡ok¡¡I¡ke¡¡n
˫̓. · ˫˂. ɼ ͬʪɑ ͪЊ˫Њ
ʝljɁ̌ ɑʪǸˊ̌ʝŤ͈ɑˊʪljʪ ͬʪ͈lǰ Ɵͬʋ͈ɑʝˊÇʁͬˊʪɑ.ƟɁ, ͈: Њȟȟ ̼̼ͪ ȟ˂ ˂˂ ˊƴlǰ ϩϩϩ.Ɵͬʋ͈ɑʝˊ.ƟɁ[ʁ̌ɑʝɑ
1 Diogenes Magazin
D
M
itte der Sechziger, als ich in der
Oberprima war und für meine
Englisch-Abschlussprüfung paukte,
gehörte Ian Watts The Rise of the
Novel zu den Büchern, die jeder gele-
sen haben musste. Aus diesem klugen
und klaren Buch erfahren wir, dass in
den Anfangstagen des Romans dessen
Leserschaft fast ausschließlich weib-
lich war. Eine neu aufkommende
Schicht von Frauen, die genug Muße
dafür hatten, machte nicht nur die
Entwicklung dieser neuen Literatur-
form erst möglich, sondern prägte
auch entscheidend deren Inhalt. Die
prachtvolle erste Blüte des Romans
im 18. Jahrhundert war Richardsons
Clarissa. Wohl nie zuvor war das Ent-
stehen von Gefühlen in einer solchen
Detailliertheit dargestellt worden.
Nach David Lodge, und der muss es
wissen, ist es die erste ausführliche
Schilderung eines individuellen Be-
wusstseins überhaupt.
An Ian Watt musste ich vor kurzem
wieder denken, als ich mit meinem
Sohn Greg durch den Park nicht weit
von meinem Haus zog, um ein paar
Bücher zu verschenken. Vintage
Books hatten mir einen kompletten
Satz ihrer neuen Serie ›Future Clas-
sics‹ geschickt. Jedes ein-
zelne davon hatte ich be-
reits in einer anderen
Ausgabe im Regal, und
Regalplatz wird allmäh-
lich knapp. Wir steckten noch ein
paar alte amerikanische Paperbacks
meiner eigenen Romane hinzu und
alles, was sonst noch übrig war. Wir
machten die Runde bei den Leuten,
die zur Mittagspause auf dem Rasen
picknickten. In noch nicht einmal
fünf Minuten hatten wir dreißig Ro-
mane verschenkt.
All die jungen Frauen, die wir an-
sprachen (in der Londoner Innenstadt
ist anscheinend jeder jung), nahmen
gern und dankbar ein Buch. Manche
wühlten in der Kiste und murmelten:
»Kenne ich, kenne ich, kenne ich…«,
bis sie eines fanden. Andere fragten, ob
sie zwei haben könnten, sogar drei.
Bei den Männern war das anders.
Sie runzelten misstrauisch oder auch
angewidert die Stirn. Nicht einmal
mit der Versicherung, dass es nichts
koste, ließen sie sich überreden.
»Nein, lieber nicht. Das ist nichts für
mich. Danke, Kumpel, aber nein.«
Nur eine einzige sensible Männer-
seele konnten wir verführen.
Seit dem 18. Jahrhundert hat sich
nichts geändert. Kognitive Psycholo-
gen, die von angeborenen Verhaltens-
weisen ausgehen, versichern uns,
dass Frauen über ein feineres Senso-
rium der emotionellen Wahrneh-
mung ver fügen als Männer. Der
Roman – nach dieser Definition die
weiblichste aller Literaturformen –
liefert genau das, was sie mit ihrer
biologischen Ausstattung wollen.
Aus anderen Zimmern im geschäfti-
gen Haus der Sozialwissenschaften
hören wir diejenigen, die uns mit der
gleichen Überzeugung versichern,
dass alles eine Frage gesellschaftlicher
Prägung sei. Aber vielleicht sind ja
die Ursachen weniger interessant als
das Faktum selbst. Lesezirkel, Auto-
renlesungen, Untersuchungen des
Buchhandels sagen alle dasselbe:
Wenn Frauen nicht mehr lesen, dann
ist der Roman tot.

Aus dem Englischen von Manfred Allié.
Von Ian McEwan ist zuletzt bei Diogenes
das Opernlibretto »For you« erschienen.
Amuse-Bouche
Ian McEwan
Hallo, hätten Sie gerne
ein Buch geschenkt?
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

E
d
w
a
r
d

G
o
r
e
y
/
F
o
t
o
:

©

B
a
s
s
o

C
a
n
n
a
r
s
a
/
O
p
a
l
e
/
T
i
t
e
l
s
e
i
t
e
,

F
o
t
o
:

©

B
o
h
d
a
n

C
a
p
Wenn Frauen nicht
mehr lesen, dann ist
der Roman tot.
»Aber es scheint fast, als sei es ein allgemeines Bedürfnis, die Fähigkeit des Romanschreibers herabzusetzen und seine
Arbeit zu unterschätzen und die Werke verächtlich zu behandeln, die sich nur durch Genie, Witz und Geschmack
empfehlen. ›Ich bin kein Romanleser; ich schaue bloß selten mal in einen Roman; glauben Sie doch nicht, dass ich oft
Romane lese; für einen Roman ist das wirklich recht gut.‹ So spricht die allgemeine Heuchelei. ›Und was lesen Sie da,
Miss …?‹ – ›Ach! Bloß einen Roman!‹, antwortet die junge Dame und legt dabei ihr Buch mit affektierter Gleichgültig-
keit oder flüchtiger Scham beiseite. Es ist bloß (…) irgendein Werk, in dem sich die größten Geisteskräfte offenbaren, in
dem die gründlichste Schilderung ihrer Spielarten, die heitersten Ergüsse von Witz und Humor der Welt in erlesener
Sprache übergeben werden.« Jane Austen, Die Abtei von Northanger
2 Diogenes Magazin
D
Anstelle eines langweiligen Editorials
hier das Rüstzeug fundierter Kurz-
kritik für einige Kultursparten:
Literatur
»Die Deckel dieses Buches sind viel
zu weit auseinander.«
Ambrose Bierce
Film
»Sie zog wieder alle Register ihrer
Darstellungskunst, von A bis B.«
Dorothy Parker über Katharine
Hepburn
Fernsehen
»Am zuverlässigsten unterscheiden
sich die TV-Programme noch immer
durch den Wetterbericht.«
Woody Allen
Theater
»Die Vorstellung begann um acht
Uhr. Als ich nach zwei Stunden auf
die Uhr sah, war es halb neun.«
Alfred Kerr
Zugabe
Absagebrief für unverlangt einge-
schickte Manuskripte:
»Wir reichen Ihnen beiliegend das
Manuskript zurück und empfehlen
Ihnen, eine Büroschublade damit
auszulegen.«
Raymond Chandler
Patrick Süskind über Sempé 26
Sempé hat Süskinds Die Geschichte
von Herrn Sommer illustriert, aber
nicht nur deshalb ist Patrick Süskind
ein langjähriger Bewunderer des
französischen Zeichners.
Editorial
Vier Liebeserklärungen 24
Ein Dramolett von Laura de Weck
Letztes Schuljahr 52
Eine Erzählung von Joey Goebel
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n

u
n
t
e
n
:

©

E
d
w
a
r
d

G
o
r
e
y
,

I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n

o
b
e
n
:

©

S
e
m
p
é
Amuse-Bouche 1
Schaufenster 12
Reaktionen auf das erste
Diogenes Magazin 78
Impressum 78
Vorschaufenster 78
Ersatz für das leidige
Zum Lesen
3 Diogenes Magazin
D
Denken mit Fernando Pessoa 31
Top 10 68
Singles von Benedict Wells
Das erste Mal 69
Ruth Rendell alias Barbara Vine
Literarisches Kochen 73
Mit Maigret
Owl’s Eye 77
Wie sortiert man seine Bücher?
Wer schreibt hier? Gewinnspiel 79
Mag ich – Mag ich nicht 80
Lukas Hartmann
Anthony McCarten 14
Rufus Beck 21
Anthony McCarten gehört neben
Ian McEwan und John Irving zu den
angelsächsischen Lieblingsautoren
des bekannten Vorlesers und passio-
nierten Lesers. Rufus Beck erklärt,
warum.
Maurice Sendak 42
Jessica Durlacher
und Leon de Winter 74
Sie leben zusammen und schreiben
jeder für sich. Wie funktioniert das?
Maurice Sendak 42
Ein ungewöhnlich offenes Gespräch
mit dem Vater der weltbekannten
und heißgeliebten Wilden Kerle.
Anthony McCarten 14
Der Shooting-Star der angelsäch-
sischen Literatur in einem langen
Gespräch über das Schreiben, Filmen,
Neuseeland, Großstädte, Glück…
Joey Goebel 57
Typisch(e) Amerikaner
Eine kleines ABC bekannter US-
Charaktere: vom College-Girl über
den Gangsta bis zum Redneck.
Inspiration 32
Patricia Highsmith, John Irving,
Paulo Coelho und andere Autoren
verraten, wie sie ihre Ideen finden.
Tatjana Hauptmann 4
Ein Besuch im Atelier der berühmten
Kinderbuch-Illustratorin.
Portfolio 8
Das große Balladenbuch
Inhalt
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n

o
b
e
n
:

©

E
d
w
a
r
d

G
o
r
e
y
,

F
o
t
o

l
i
n
k
s
:

©

T
i
m
e

&

L
i
f
e

P
i
c
t
u
r
e
s
/
G
e
t
t
y

I
m
a
g
e
s
,

I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n

M
i
t
t
e
:

©

P
a
u
l

F
l
o
r
a
,

F
o
t
o

r
e
c
h
t
s
:

©

B
a
s
t
i
a
n

S
c
h
w
e
i
t
z
e
r
/
D
i
o
g
e
n
e
s

V
e
r
l
a
g
Diogenes Magazin Nr 2
Interviews
Titel-Geschichte Ausserdem
Rubriken
4 Diogenes Magazin
D
Das großeBalladenbuch
Die schönsten deutschen Balladen, ausgewählt von Christian Strich
Mit vielen Bildern von Tatjana Hauptmann
Diogenes
5 Diogenes Magazin
D
M
eine Lieblingsballade?« Tatjana
Hauptmann überlegt. »Viel-
leicht Erich Kästner, Der Maskenball
im Hochgebirge…« Eben hat sie die
Illustrationen für Das große Balla-
denbuch beendet, zarte Bleistiftzeich-
nungen und große Farbtafeln zu den
schönsten deutschen Balladen, von
Goethe und Schiller über Heine und
Fontane bis zu Morgenstern oder
eben Kästner. »Nein, ich hab’s, Der
Bau der Marienkirche zu Lübeck!«
Theodor Storms Ballade erzählt, wie
der Teufel die Marienkirche bauen
hilft, weil er glaubt, es handle sich um
ein Weinhaus. Als er seinen Irrtum
bemerkt, will er blindwütig den halb-
fertigen Bau zerstören. »Da sagen die
Handwerker: Ach komm schon, Teu-
fel, wir können doch miteinander
reden. Sie versprechen ihm, nebenan
ein Weinhaus zu errichten. Darum
steht bis heute neben jeder Kirche eine
Kneipe – das ist doch der Hammer,
diese Geschichte!« Tatjana Haupt-
mann lacht, schüttelt die Locken.
Auf ihrem Zeichentisch mit Blick
über den Zürichsee liegen die Origi-
nalzeichnungen, da tummeln sich Kö-
nigskinder, Zauberlehrlinge, Moor-
knaben und Feuerreiter. Dass Tatjana
Hauptmanns Lieblingsballade hu-
morvoll-diesseitig ist, verwundert
nicht: In den augenzwinkernden De-
tails und verschmitzten Arrangements
ihrer Bilder scheint der Zeichenstrich
selbst zu lächeln. Zu den traurig-
schaurigen Balladen der deutschen
Romantik aber hat sie hinreißend me-
lancholische Bilder geschaffen. Viele
der Gedichte kannte sie aus der
Schule, »die mussten wir auswendig
pauken, Die Bürgschaft und solche
Sachen«. Die Arbeit am Buch hat ihr
erlaubt, die Balladen mit neuen Augen
zu sehen – und per Zeichenstift in die
Landschaft ihrer Kindheit zurückzu-
kehren. »Die Lorelei zum Beispiel
war bei uns um die Ecke, das kannte
ich ja alles.« Wie man ihrer lebhaften
Erzählweise anhört, ist Tatjana
Hauptmann in der hessischen Rhein-
Ebene aufgewachsen. Die Mutter
tanzte bis zu Tatjanas Geburt im
Wiesbadener Ballett, der Vater, ein
russischer Emigrant, war Baron und
Kommunist, sowohl in seiner adligen
Verwandtschaft als auch unter seinen
Genossen ein Außenseiter. Mitschü-
ler schmähten Tatjana und ihre
Schwester Nina als »Polackenkinder«
– in der Adenauer’schen Bundesrepu-
blik der Nachkriegszeit fiel die Fami-
lie aus dem Rahmen.
Außergewöhnlich war auch die
frühe Begabung von Tatjana: Mit
zwölf schuf sie, in einer Collagetech-
nik, ihr erstes Bilderbuch: Pony
komm, wir kaufen was. Der Leiter
des Offenbacher Klingspor-Muse-
ums, auf Buch- und Schriftkunst spe-
Ein Besuch bei Tatjana Hauptmann
Ich will einfach nur
Bücher machen
F
o
t
o

l
i
n
k
s
:

©

G
u
i
d
o

H
ä
f
l
i
g
e
r
,

Z
ü
r
i
c
h
/
F
o
t
o
s

r
e
c
h
t
s
:

B
a
s
t
i
a
n

S
c
h
w
e
i
t
z
e
r
/
D
i
o
g
e
n
e
s

V
e
r
l
a
g
Atelierbesuch
6 Diogenes Magazin
D
sich erweichen und sagte, wir sollten
an einem Tischchen auf ihn warten.
Es dauerte über zwei Stunden, ich
wäre aufgestanden und gegangen, hät-
ten mich mein Mann und meine
Freundin nicht zurückgehalten. End-
lich setzte sich Daniel Keel zu uns
und öffnete die Mappe. ›Pass auf,
gleich fällt ihm der Zigarillo aus dem
Mund!‹, flüsterte meine Freundin.
Keel guckte auf einmal, als ob die
Sonne aufgeht …« Ein Jahr später er-
schien Ein Tag im Leben der Doro-
thea Wutz bei Diogenes, und wie sehr
freute sich Tatjana Hauptmann – »ich
bin fast umgefallen vor Glück!« –, als
ein Brief von Tomi Ungerer bei ihr
eintraf. Sie kann ihn bis heute wört-
lich zitieren: »Liebe Tatjana Haupt-
mann, bei Daniel Keel habe ich Ihre
Schweine getroffen. Ich bin immer
froh, junges frisches Talent zu sehen.
Viel Erfolg für die Zukunft! Ihr Tomi
Ungerer.« Noch ein Jahr später folgte
Hurra, Eberhard Wutz ist wieder da!,
danach war es für Tatjana Hauptmann
mit den Schweinereien erst einmal
vorbei. Nach verschiedenen Bilderbü-
chern zu eigenen und fremden Texten
entstand 1987 Das große Märchen-
buch: Tatjana Hauptmann illustrierte
die hundert schönsten Märchen aus
Europa, von den Gebrüdern Grimm
über Perrault bis Andersen, ausge-
wählt von Daniel Keel, ein großer
Kritiker- und Verkaufserfolg und
mittlerweile ein moderner Klassiker
für Kinder und ihre Eltern. Zur Reihe
der Diogenes Hausbücher für die
ganze Familie steuerte Tatjana Haupt-
mann mit dem Großen Sagenbuch,
einem Ringelnatz-Buch und den
Schönsten Geschichten aus Tausend-
undeiner Nacht (nacherzählt von Urs
Widmer) drei weitere Prachtbände bei
– und nun das Balladenbuch. Als Dio-
genes Verleger Daniel Keel mit der
Idee zum Balladenbuch auf sie
zukam, war Tatjana Hauptmann
gleich Feuer und Flamme. Zu literari-
schen Texten hat sie ohnehin eine be-
sondere Beziehung: »Literatur ist
meine Leidenschaft.« Auf dem Fens -
tersims im Treppenaufgang stapeln
sich Neuerscheinungen und Klassi-
zialisiert, wurde auf die junge Künst-
lerin aufmerksam, er lud sie gleich zu
einer Ausstellung ein, das Buch und
Tatjana hatten sogar einen Auftritt im
Fernsehen. »Danach gab ich keine
Ruhe, bis ich mich in Offenbach bei
der Werkkunstschule bewerben
durfte. Ich war vierzehn und immer
noch zwei Jahre zu jung für die Auf-
nahmeprüfung.« Tatjanas Talent ent-
ging den Prüfern nicht, sie erhielt die
Sondererlaubnis, vorerst Abendkurse
zu besuchen. Später folgte eine Gra-
phikausbildung in Wiesbaden an der
Kunstgewerbeschule, die sie mit
neunzehn abbrach, als ihr Sohn David
zur Welt kam. Um ein Zubrot für die
junge Familie zu verdienen, zeichnete
sie unter anderem Mainzelmännchen
für das ZDF. Ihr eigener Stil, das
waren damals realis tische Zeichnun-
gen, die sie in Galerien ausstellte, bis
es ihr davor grauste. Eine Freundin
von der Kunstgewerbeschule, die sich
an die frühen Kinderbücher der vier-
zehnjährigen Tatjana erinnerte, riet
ihr, ein Kinderbuch zu machen, und
eines sonnigen Tages lag Tatjana
Hauptmann auf einer Wiese, als
plötzlich eine rundliche Schweine-
dame bei ihr vorstellig wurde: »Auf
einmal sah ich sie vor mir, ganz deut-
lich, und ich wusste, sie heißt Doro-
thea Wutz.«
Mit einer Mappe unter dem Arm
ging Tatjana Hauptmann einige Mo-
nate später, von ihrem Mann und
einer Freundin begleitet, zur Frank-
furter Buchmesse: zum Stand des
Diogenes Verlags. »Bei meiner Aus-
stellung im Klingspor-Museum wur-
den im Raum nebenan die Originale
von Kein Kuss für Mutter von Tomi
Ungerer gezeigt. Als ich die sah,
wusste ich: Ich will auch zu Dioge-
nes.« Im Messe-Trubel war es nicht
leicht, Diogenes Verleger Daniel Keel
zu fassen zu kriegen. »Es war an
einem Freitag, ich erinnere mich
genau, und er war nur für diesen Tag
zur Buchmesse gekommen. Als wir
ihn ansprachen, stand er in einer Men-
schenmenge und reagierte eher un-
wirsch. Erst wollte er sich die Zeich-
nungen nicht ansehen, dann ließ er
Neben dem Zeichentisch stehen Hunderte
von Tatjana Hauptmanns »heißgeliebten«
Faber-Castell-Stiften bereit, frisch gespitzt
und nach Härten sortiert.
F
o
t
o
s
:

©

B
a
s
t
i
a
n

S
c
h
w
e
i
t
z
e
r
/
D
i
o
g
e
n
e
s

V
e
r
l
a
g
ker, die sie lesen möchte, und über die
gelesenen Titel führt sie Buch. Seit
Jahren hält Tatjana Hauptmann in
grünen Schulheften ihre Lektüren
fest: Autor, Titel, wann sie das Buch
angefangen hat, wann sie fertig war.
Sie schwärmt von Julien Green, Erin-
nerungen an glückliche Tage, das sie
soeben verschlungen hat. Und davor?
Tatjana Hauptmann blättert zurück:
viel Kafka zur Zeit, Ingo Schulzes
jüngstes Buch, ein tschechischer
Roman, die Herr-Lehmann-Trilogie
von Sven Regener, »den finde ich
klasse«. Neben Kommentaren und
Kurzbewertungen mit einem bis fünf
Sternchen notiert sie in ihrem ›Lese-
Tagebuch‹ Zitate, die ihr gefallen,
auch legt sie Rezensionen bei. »Das ist
das Tolle beim Lesen, man sitzt ir-
gendwo, kann sich in eine fremde
Welt vertiefen, schon ist man dort.
Man braucht gar nicht zu reisen!«,
sagt die Künstlerin, ein bekennender
Reisemuffel. In die Vergangenheit
reist sie allerdings gern, für die Vorar-
beiten zu ihren Bildern: »Von der Ma-
rienkirche in Lübeck habe ich mir
Fotos besorgt, die steht ja heute noch.
Aber dann musste ich herausfinden:
Wie sah eine Baustelle damals aus, wie
waren die Gerüste, die Werkzeuge?«
Was für ein Gesicht hatte König
Franz i., der in Schillers Ballade Der
Handschuh vorkommt? Welche Ge-
stalt ein Seitenraddampfer zu John
Maynards Zeiten? Für ihre aufwendi-
gen Recherchen greift Tatjana Haupt-
mann auch auf das eigene Archiv zu-
rück, in dem sie allerlei Bildmaterial
aus Zeitschriften und Büchern sam-
melt. »Man weiß nie, was man mal
brauchen kann. Kleidung und All-
tagsgegenstände müssen in meinen
Zeichnungen schon stimmen – aber
dann muss man sich von den Details
lösen, denn letztlich zählt die Atmo-
sphäre, der Gesamteindruck.« Für die
eigentliche Zeichenarbeit braucht
Tatjana Hauptmann zweierlei: Ruhe
und Licht, »am liebsten Nordlicht«.
Beides findet die Frühaufsteherin in
den ersten Morgenstunden: »Da ist
das Licht am allerschönsten, gleich-
zeitig hat man das Gefühl, die Welt
gehöre einem, man sei allein auf der
Welt.« Mittags macht sie gern eine
längere Pause, setzt sich zwischen die
Rosen, Hortensien und Rhododen-
dren ihres blühenden, wuchernden
Gartens. Ihr Haus auf einer Anhöhe
nahe bei Zürich verrät in jedem Raum
die Liebe zu schönen Gegenständen
und skurrilen Objekten, zu Orna-
menten und leuchtenden Farben.
Manchmal regt die mit Herzblut
selbst erschaffene Umgebung die
Phantasie der Künstlerin an: »Die Il-
lustration zu Goethes Heidenröslein
im Balladenbuch, zu der hat mich
ein Kerzenhalter in Rosenform inspi-
riert, der seit Jahren bei mir herum-
steht.« Normalerweise zeichnet Tat-
jana Haupt mann bis etwa sechs Uhr
abends, ein langer Arbeitstag. »Das
Zeichnen ist nun einmal meine Lieb-
lingsbeschäftigung. Ich will einfach
nur Bücher machen«, sagt Tatjana
Hauptmann mit einem Lachen. Und
sitzt sie an einem Buchprojekt, erzählt
sie zum Abschied, dann arbeitet es in
ihr weiter, selbst wenn sie ihre Ein-
käufe erledigt: »Ich gehe dann über
die Straße und erkenne keinen Men-
schen. Ich lebe in einer anderen Welt –
meine Nachbarn kennen das schon
und sind nicht beleidigt, wenn ich ein-
mal nicht zurückgrüße.«

mdw
7 Diogenes Magazin
D
Lineale und andere Utensilien
sind in Tatjana Hauptmanns
Arbeitszimmer fein säuberlich
an der Wand aufgehängt,
Tusche und Farben finden sich
im Wandschrank.
Die Halbmaske auf dem mittle-
ren Bild ist antik, Tatjana
Hauptmann hat sie beim Trödler
entdeckt.
F
o
t
o
s
:

©

B
a
s
t
i
a
n

S
c
h
w
e
i
t
z
e
r
/
D
i
o
g
e
n
e
s

V
e
r
l
a
g
8 Diogenes Magazin
D
Das große
Balladenbuch
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

T
a
t
j
a
n
a

H
a
u
p
t
m
a
n
n
Portfolio
Die Lorelei
Heinrich Heine
I
ch weiß nicht, was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl, und es dunkelt,
Und ruhig fließet der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr goldenes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.
Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei,
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.
Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh’.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lorelei getan.
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
e
n
:

©

T
a
t
j
a
n
a

H
a
u
p
t
m
a
n
n
H
err von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit Und die Birnen leuchten weit und breit …
E
s war einst ein König in Thule
G
ar treu bis an das G
rab,
D
em
sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab…
10 Diogenes Magazin
D
Der Reiter und der Bodensee
Gustav Schwab
D
a bricht der Abend, der frühe, herein:
Von Lichtern blinket ein ferner Schein.
Es hebt aus dem Nebel sich Baum an Baum,
Und Hügel schließen den weiten Raum.
Er spürt auf dem Boden Stein und Dorn,
Dem Rosse gibt er den scharfen Sporn.
Und Hunde bellen empor am Pferd,
Und es winkt im Dorf ihm der warme Herd.
»Willkommen am Fenster, Mägdelein,
An den See, an den See, wie weit mag’s sein?«
Die Maid, sie staunet den Reiter an:
»Der See liegt hinter dir und der Kahn.
Und deckt’ ihn die Rinde von Eis nicht zu,
Ich spräch’, aus dem Nachen stiegest du.«
Der Fremde schaudert, er atmet schwer:
»Dort hinten die Ebne, die ritt ich her!«
Da recket die Magd die Arm in die Höh’:
»Herr Gott! so rittest du über den See!«
(Auszug)
E
s waren zwei Königskinder,
die hatten einander so lieb;
sie konnten zusammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief …
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
e
n
:

©

T
a
t
j
a
n
a

H
a
u
p
t
m
a
n
n
11 Diogenes Magazin
D
160 Seiten, 22 x 27 cm, Leinen,
Vierfarbendruck, ISBN 978-3-257-01014-5
Die schönsten deutschen Balladen
von Schiller, Heine und Goethe
bis Brecht und Kästner, in einem
Prachtband, ausgewählt von
Christian Strich, märchenhaft il-
lustriert von Tatjana Hauptmann.
Das große Balladenbuch
Der Bau der Marienkirche zu Lübeck
Theodor Storm
I
m alten heiligen Lübeck
Ward eine Kirche gebaut
Zu Ehren der Jungfrau Maria,
Der hohen Himmelsbraut.
Doch als man den Bau begonnen,
Da hatt’ es der Teufel gesehn;
Der glaubte, an selbiger Stelle
Ein Weinhaus würde erstehn.
Draus hat er manch arme Seele
Sich abzuholen gedacht
Und drum das Werk gefördert
Ohn’ Rasten Tag und Nacht.
Die Maurer und der Teufel,
Die haben zusammen gebaut;
Doch hat ihn bei der Arbeit
Kein menschlich Aug geschaut.
Drum, wie sich die Kellen rührten,
Es mochte keiner verstehn,
Dass in so kurzen Tagen
So großes Werk geschehn.
Und als sich die Fenster wölben,
Der Teufel grinset und lacht,
Dass man in einer Schenke
So Tausende Scheiben macht.
(Auszug)
W
er reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind; Er hat den Knaben wohl in dem Arm, Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm…
Auszüge aus
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
e
n
:

©

T
a
t
j
a
n
a

H
a
u
p
t
m
a
n
n
Seit März 2009 wird jeden Montag-
abend die Sporthalle der Kantons-
schule Hottingen in Zürich zum
Schauplatz ungeahnter Sportlichkeit,
zum Laufsteg für allerlei Sportartikel-
Als Fabio Volo den Diogenes Verlag
zum ersten Mal besuchte, fühlte er sich
gleich zu Hause. Beim Abendessen mit
dem Verlag und den Diogenes Vertre-
terinnen und Vertretern im Zürcher
Restaurant Wolfbach stellte sich näm-
lich heraus, dass Eigentümer Maurizio
Davini wie der Autor aus Brescia
stammen. Natürlich half Fabio Volo
seinem neuen Freund sofort in der
Küche bei der Zubereitung des Des-
serts.
hersteller und zur Arena des Froh-
sinns: Diogenes Verlagsleute stürzen
sich in ihr anderthalbstündiges Fuß-
ballspiel. Hier wird gerannt, ge-
schwitzt, geflucht, gerempelt und vor
allem – geschossen! Hier werden Ag-
gressionen abgebaut, Muskeln aufge-
baut und sich, ab und zu, im An-
schluss ein Bier gegönnt.
So etwas spricht sich herum. Eines
Tages war es so weit: 10 Minuten vor
Abpfiff flog die Tür zur Turnhalle
auf, unser Autor Benedict Wells kam
im schwarzen Profi-Outfit herein (ge-
rade zurück von einer Lesung am Li-
teraturfestival Leukerbad) und ließ
das bisher ausgeglichene Spiel neue
Züge annehmen und den gegnerischen
Torwart alt aussehen. Sind wir froh,
dass Benedict Wells uns nicht jede
Woche fertigmacht. Das Trikot des
FC Diogenes schmückt übrigens eine
Zeichnung von Friedrich Dürrenmatt.
In diesem Zusammenhang ist George
Orwells Essay Bücher kontra Rauchen
aus dem Jahre 1946 zu erwähnen, der
gerade bei Penguin neu aufgelegt wur-
de. Orwell argumentiert darin gegen
die These, dass Bücher zu teuer seien,
und stellt fest: »Bei den heutigen Prei-
sen gebe ich weit mehr für Tabak aus
als für Bücher.« Aber resigniert
schließt Orwell seinen Essay mit den
Sätzen: »Wenn unser Bücherverbrauch
so niedrig bleibt wie bisher, so lasst
uns doch zumindest zugeben, dass dies
daran liegt, dass Lesen ein weniger in-
teressanter Zeitvertreib ist, als zum
Windhundrennen, ins Kino oder in die
Kneipe zu gehen, und nicht daran, dass
Bücher, ob gekauft oder geliehen, zu
teuer sind.«
Am 14. Oktober erscheint der neue
Roman von Dan Brown. Seit dem Er-
folg von Sakrileg wird die Kirche
Saint-Sulpice in Paris, die den Schlüs-
sel zum Heiligen Gral bergen soll, von
(vor allem amerikanischen) Touristen
gestürmt, die die Rosenlinie aus dem
Buch suchen (und dabei das berühmte
Fresko von Delacroix ignorieren).
Ganz in der Nähe von Saint-Sulpice
befindet sich die englischsprachige
Buchhandlung Village Voice Book-
shop. Buchhändler Michael Neil hat
uns stolz erzählt, dass er 2005
(als bei Penguin eine Neuausgabe
von George Orwells Essay Why I
write erschien) in einem Jahr 452
Exemplare von Dan Brown Sa- F
o
t
o

T
-
S
h
i
r
t
:

©

A
r
c
h
i
v

D
i
o
g
e
n
e
s

V
e
r
l
a
g
,

I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n

K
a
t
e
r
:

©

E
d
w
a
r
d

G
o
r
e
y
,

F
o
t
o

o
b
e
n

l
i
n
k
s
:

©

M
a
r
g
a
u
x

d
e

W
e
c
k
/
D
i
o
g
e
n
e
s

V
e
r
l
a
g
D
io
g
e
n
e
s
B
ü
c
h
e
r
t
ö
t
e
n
n
ic
h
t
12 Diogenes Magazin
D
Small World
Orwell vs. Dan Brown
Rauchen
FC Diogenes
Exakt seit dem 17. November 2005 ist
der Diogenes Verlag rauchfrei, nur
Gäste und Autoren dürfen sich wei-
terhin eine Zigarette anzünden. Nicht
selbstverständlich bei zwei Verlegern,
die jahrzehntelang viel geraucht haben
(Daniel Keel Gauloises filterlos, Ru-
dolf C. Bettschart keine Zigaretten,
sondern Zigarillos, denn, so Bett-
schart: »Papier ist zum Bedrucken da,
nicht zum Rauchen«). Keel raucht
nur noch sehr selten, Bettschart auch
weniger als früher. Seitdem Gesund-
heitswarnungen die Zigarillopackun-
gen verschandeln, lässt sich Bettschart
von Hans Höfliger (der sonst im
Verlag die Covergestaltung ver-
antwortet) Schildchen zum Über-
kleben machen. Bettschart: »Wenn
ich die Packung zeige, lacht jeder. Es
ist wohl die erfolgreichste Diogenes
Werbung.«
Der Erstling ist für jeden Autor spe-
ziell. Doch auch Nummer Zwei
weckt Vaterfreuden. Diese Geburts-
anzeige von Benedict Wells erreichte
den Verlag per E-Mail, kurz nachdem
der Roman Spinner erschienen war:
»Mein zweites Baby… kam heute
bei mir an, es wiegt mehrere hundert
Gramm und ist wohlauf. Nach
einer sechsjährigen schriftstelleri-
schen Schwang erschaft war heute
endlich der glückliche Tag gekom-
men, wo ich die Kleine im Arm hal-
ten kann. Es ist schon wieder ein
Mädchen geworden, nach meiner
blonden einjährigen Tochter nun eine
schwarzhaarige. Das angehängte Bild
zeigt Vater und Kind wohlauf. Ich
danke euch allen, die ihr mir bei der
Geburt geholfen habt!«
»In der Politik sind die
Nullen gefährlich, die
vorne stehen. In der
Wirtschaft die Nullen,
die hinten stehen.«
Ronald Searle
Das Magazin für den überforderten Intellektuellen · Nr. 33
Geld kostet zu viel
Über Banker, Manager, Geld, die Börse
Friedrich Dürrenmatt,
Doris Dörrie, Urs Widmer, Martin Suter,
Anthony McCarten u.a.
F. Scott Fitzgerald
Wie man Unsummen
verprassen kann & Wie man mit nichts
über die Runden kommt
André Comte-Sponville
Kann Kapitalismus moralisch sein?
Mit Zeichnungen von
Tomi Ungerer, Sempé, Bosc,
Chaval, Paul Flora, F.K. Waechter u.a.
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
e
n
:

©

C
h
a
v
a
l
,

F
o
t
o

o
b
e
n
:

©

R
u
t
h

G
e
i
g
e
r
/
D
i
o
g
e
n
e
s

V
e
r
l
a
g
,

F
o
t
o

M
i
t
t
e
:

©

J
u
l
i
a

W
e
i
n
b
e
r
g
e
r
400 Seiten für nur 8 Euro,
macht gerade einmal 2 Cent
pro Seite, eine sichere Anlage!
Dieses Papier verliert
garantiert nicht an Wert!
»Wer Bücher schenkt,
schenkt Wertpapiere.«
Erich Kästner
Über zehn Jahre ist es wohl her, dass
Sempé zum letzen Mal in Deutsch-
land signiert hat. Hier ein Foto von
der Vernissage von Tag für Tag, die in
der Bayerischen Staatsbibliothek
stattfand, auf dem Jean-Jacques Sempé
mit seiner Frau Sophie und der Dio-
genes Lektorin Anna von Planta
(links) zu sehen ist.
Nach der Lektüre der Glosse von Ian
McEwan auf Seite 1 in diesem Heft
wissen wir: Männer lesen keine Ro-
mane. Und nun müssen wir im Maga-
zin Joy erfahren, dass es doch einen
männlichen Roman-Leser gibt. Leider
ist dieser atttraktive Mann (Florian,
24) jetzt vergeben. Und so hat es Ca-
rolin (23, Sportstudentin) geschafft:
Sie besorgte sich einfach das gleiche
Buch, das Florian in der Münchner
U-Bahn las (siehe unten), und sprach
ihn an.
Sempé in München
Bücherliebe
krileg im Taschen-
buch verkauft
hatte, sein Top-
seller aber mit
473 Exemplaren
George Orwells
Essay war. Für
das diesjährige
Duell Orwell
versus Dan
Brown drük-
ken wir die
Daumen.
(www.village-
voicebook-
shop.com)
Geburtsanzeige
Anthony
McCarten
Hand
aufs Herz
Roman · Diogenes
Anthony
McCarten
Englischer
Harem
Roman · Diogenes
Anthony
McCarten
Superhero
Roman · Diogenes
Anthony McCarten im Gespräch
Hand aufs Herz
Als Neuseeländer, der bei London lebt, pendelt Anthony McCarten zwischen der Alten und
Neuen Welt, als Romancier und Filmemacher zwischen zwei Genres, in denen er vor allem
eines möchte: packende Geschichten erzählen. Aber Multitalent Anthony McCarten glänzt auch
darin, amüsante und tiefsinnige Antworten in Interviews zu geben, wie er hier beweist.
F
o
t
o

l
i
n
k
s
:

©

B
o
h
d
a
n

C
a
p
,

F
o
t
o

o
b
e
n
:

©

C
o
n
c
o
r
d
e

H
o
m
e

E
n
t
e
r
t
a
i
n
m
e
n
t
,

M
ü
n
c
h
e
n
15 Diogenes Magazin
D
Diogenes Magazin: Was hat Sie auf
die Idee zu dem Roman Hand aufs
Herz gebracht?
Anthony McCarten: In den achtziger
Jahren gab es genau so einen Wettbe-
werb, wie ich ihn beschreibe. Als
Schriftsteller ist man ständig auf der
Suche nach dramatischen Situationen,
die ein universelles Thema auf den
Punkt bringen, nach einem Mikro-
kosmos, in dem sich die Geheimnisse
des Makrokosmos widerspiegeln.
Nehmen Sie zum Beispiel Ingmar
Bergmans Film Das siebente Siegel,
wo der Ritter mit dem Tod eine Partie
Schach spielt, oder Hemingways Der
alte Mann und das Meer, wo der alte
Fischer so erbittert mit dem riesigen
Fisch kämpft und am Ende doch
nichts als ein Skelett an Land zieht –
Ereignisse, die das Geheimnis und die
Sinnlosigkeit, aber auch die Großar-
tigkeit und Schönheit des alltäglichen
Überlebenskampfs und der Suche
nach Sinn verkörpern. Nun, in einem
bescheidenen Sinne schien mir dieser
verrückte Wettbewerb um ein Auto
eine geeignete Metapher für das mo-
derne städtische Leben mit seinem all-
gegenwärtigen Konkurrenzkampf, in
dem der eigene Nachbar zum Kon-
kurrenten wird, ein Ergebnis von
Überbevölkerung und ständig knap-
per werdenden Ressourcen. Ich fragte
mich, was wohl geschieht, wenn es
nur einen Preis gibt und vierzig Men-
schen bereit sind, dafür zu kämpfen,
ja sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen,
um dieser eine zu sein, der letzte
Überlebende, der strahlende Gewin-
ner. Was ist, wenn das Leben nur
einen von vierzig gewinnen lässt? Was
wird aus den anderen neununddrei-
ßig? Was passiert mit dem Sieger?
Was bedeutet es, wenn man gewinnt?
Was bekommt man durch den Sieg,
und was wird einem genommen? Ver-
liert man nicht sofort die Verbindung
zu den anderen neununddreißig?
Alles Fragen, die sich ganz natürlich
aus dieser einen kleinen Situation er-
gaben.
Und Hände haben auch etwas Sym-
bolisches. Hände, die sich flach an ein
Auto drücken. Hände die berühren,
und doch nicht zugreifen, nicht in Be-
sitz nehmen können, all das.
Haben Sie je selbst an einem solchen
Wettbewerb teilgenommen?
Nein. Aber, wie schon gesagt, wir
sind Tag für Tag Konkurrenten in Si-
tuationen, die nach dem gleichen Mus -
ter wie dieser Wettbewerb ablaufen.
Wenn ich mich bemühe, einen Ver-
leger für einen Roman oder Geldge-
ber für einen Film zu finden, wenn ich
versuche, ein Stück auf die Bühne zu
bringen oder in zu kurzer Zeit einen
Film zu drehen, dann stehen meine
Erfolgschancen weit schlechter als
vierzig zu eins.
Wir werden erzogen,
immer mehr zu wollen.
Ich nenne das die
»Hätte-ich-doch-nur«-
Schule des Glücks.
Titelgeschichte
Welchen Ratschlag würden Sie je-
mandem geben, der an einem sol-
chen Wettbewerb teilnimmt?
Denk immer daran: Es kann nur einer
gewinnen, aber warum solltest du
nicht dieser eine sein? Und vergiss
nicht, bequemes Schuhwerk anzuzie-
hen.
Woher haben Sie Ihr Wissen über
Schlafentzug?
Ich habe einen Experten für Schlaf-
entzug an einer englischen Universität
konsultiert. Er hat mir klargemacht,
wie wichtig der Schlaf für uns ist. Er
hat mir die Fakten dargelegt, und das
hat mir sehr geholfen. Wenn man zum
Beispiel nachts eine Stunde zu wenig
schläft, dann steigt die Chance, dass
man am nächsten Morgen auf dem
Weg zur Arbeit einen Autounfall hat,
um dreißig Prozent. Aber wir schla-
fen alle eine Stunde zu wenig, dachte
ich! Und trotzdem bilden wir uns ein,
wir seien immer noch zu Höchstleis -
tungen fähig – was für ein fataler Irr-
tum. Und nach drei Tagen fängt der
Verstand an, uns ein Schnippchen zu
schlagen. Halluzinationen, Wahnvor-
stellungen. Die Welt gerät ganz
schnell aus den Fugen.
Die Figuren in Hand aufs Herz
haben große Mühe, finanziell über
die Runden zu kommen. Als Sie den
Roman schrieben, hatte die Rezes-
sion noch nicht begonnen. Hatten
Sie irgendwelche Vorahnungen?
Ich lese Zeitung, aber wer hat diese
Rezession vorhergesehen? Mein In-
teresse galt dem Leben in einem dicht
besiedelten Ballungszentrum, wo der
Kampf ums Überleben besonders gut
sichtbar ist, weil er sich unmittelbar
vor unseren Augen abspielt: die drän-
gelnden Massen, die Notwendigkeit,
die Stimme zu erheben, um sich
Gehör zu verschaffen, die Unsicht-
barkeit des modernen Individuums,
das darum kämpft, seine speziellen
Wünsche und Bedürfnisse zu befrie-
digen. Dieser Kampf ist allgegenwär-
tig, ganz gleich, ob es eine Rezession
gibt oder nicht, aber momentan ist er
deutlicher sichtbar.
Tom ist ein gescheiterter Geschäfts-
mann, der denkt: »Gott, in meinem
Alter sollte ich Geschäftsführer sein,
die Auffahrt zu meinem Haus sollte
ein hundert Meter langer Kiesweg
sein.« Sind die Karriereerwartungen
von Menschen in westlichen Gesell-
schaften zu hoch, bekommen sie
deshalb Depressionen?
Wenn man viel von sich erwartet,
setzt man sich automatisch unter
Druck, und das kann sich negativ aus-
wirken, wenn diese Erwartungen
nicht erfüllt werden. Wir im Westen
werden erzogen, immer mehr zu wol-
len – ich nenne das die »Hätte-ich-
doch-nur«-Schule des Glücks. Hätte
ich doch nur ein Auto, einen liebevol-
leren Partner, bessere Freunde, mehr
Geld, einen interessanteren Job, ein
Publikum, das mir applaudiert, dann
könnte ich endlich glücklich sein.
Aber kaum haben wir eins oder zwei
dieser Ziele erreicht, fühlen wir
uns schon wieder unglücklich und
kons truieren uns ein neues »Hätte-
ich-doch-nur« oder »Wäre-ich-doch-
nur«. In dem Roman erwähne ich die
Ergebnisse einer Umfrage, wonach
Menschen, die nach Beliebtheit und
materiellem Wohlstand streben, sich
selbst eine geringere Lebensqualität
bescheinigen als Menschen, für die es
wichtiger ist, sich selbst zu akzeptie-
ren und sich persönlich weiterzuent-
wickeln. Mit anderen Worten: Man
darf nur nicht glauben, dass neuer Be-
sitz einen alten Schmerz heilen kann.
Aber es ist schwer, sich damit abzu-
finden, wie wir sind, und nicht das
Gefühl zu haben, wir sollten noch
besser sein. Wir streben von Natur
aus nach mehr. Tom hat immer das
Gefühl, dass er »zu spät dran« ist, dass f
o
t
o
s
:

©

C
o
n
c
o
r
d
e

H
o
m
e

E
n
t
e
r
t
a
i
n
m
e
n
t
,

M
ü
n
c
h
e
n
16 Diogenes Magazin
D
Ein Auto ist ein
gutes Sinnbild für das
Flüchtige, dem wir
alle nachjagen, etwas
Blitzendes, Wertvolles,
ein Vehikel für
unsere Träume.
er sein Lebensziel verfehlt. Ich glaube,
diese Angst ist weitverbreitet.
Darwins Formel vom Survival of the
Fittest ist oft in dem Sinne missver-
standen worden, dass der Stärkere
überlebt. Haben Sie bei Hand aufs
Herz an Darwin gedacht?
O ja. Dieser Wettbewerb ist Darwin
pur, eine Versuchsanordnung, die
erproben soll, welche Kombination
von menschlichen Eigenschaften das
höchste Maß an Ausdauer gewährleis-
tet, welche Eigenschaften dafür sor-
gen, dass man länger auf den Beinen
bleibt als andere. Und diese lebens -
erhaltenden Eigenschaften können
ebenso gut seelische oder emotionale
sein wie physische; ›Fitness‹ im Dar-
win’schen Sinne kann also ohne
weiteres bedeuten, dass der eiserne
Wille eines alten Mannes der körperli-
chen Leistungsfähigkeit eines jungen
Sportlers überlegen ist. Denken Sie
nur daran, dass die Küchenschabe
überlebt hat, nicht der Dinosaurier.
Ein witziges Detail in Ihrem Roman
ist die Art, wie Tom sich selbst zen-
siert. Es kommt immer häufiger
vor, dass er nicht sagt, was er denkt.
Diese Passagen sind im Roman
durchgestrichen. Was würde passie-
ren, wenn jeder tatsächlich sagt, was
er denkt?
Ich wünschte, Sie hätten mir diese
Frage nicht gestellt. Ich freue mich,
dass Sie mir diese Frage gestellt haben.
Und die Antwort ist ganz einfach.
Verdammt, ich habe nicht die leiseste
Ahnung, was ich jetzt sagen soll. Ehr-
lich gesagt (Lügner!) ist es so, dass …
dass …. könnten wir bitte zur nächs -
ten Frage übergehen? Ich hätte vor
dem Antworten doch erst mal aufs
Klo gehen sollen. Die ehrliche Ant-
wort? Es wäre das Chaos. Das abso-
lute Chaos.
Warum haben Sie einen Wettbe-
werb um ein Auto gewählt? Weil
sich Menschen heute über ihre
Autos definieren?
Wie ich schon sagte, hat der Auto-
wettbewerb mich gewählt, und ich
habe einfach »Aha« gesagt und die
Idee zwanzig Jahre lang auf Eis gelegt.
Mir war immer klar, dass ein Auto ein
gutes Sinnbild für das Flüchtige ist,
dem wir alle nachjagen, etwas Blitzen-
des, Schimmerndes, Wertvolles, ein
Vehikel für unsere Träume.
Haben Sie ein Auto?
Bis gestern hatte ich eins. Ich bin von
München zurück nach Bristol geflo-
gen, und dort habe ich dann mit ange-
sehen, wie der Parkwächter mit mei-
nem Auto gegen einen Lastwagen
fuhr. Man könnte sagen, ich habe alle
Bestandteile, aus denen man ein Auto
bauen könnte.
Die Dreharbeiten für Hand aufs
Herz haben nur fünfzehn Tage ge-
dauert. Das muss noch anstrengen-
der gewesen sein als der Wettbe-
werb, den Sie in Ihrem Roman be-
schreiben…
Genau genommen waren es zwanzig
Tage, aber es war tatsächlich eine Be-
lastungsprobe. Die Schauspieler, die
um das Auto herumstanden, mussten
nicht so tun, als seien sie müde, wü-
tend, überdrüssig. Die Wut auf den
Regisseur steht ihnen ins Gesicht ge-
schrieben. Sehen Sie sich den Film an
– ihre Gesichter sprechen Bände: »Ich
hasse Anthony McCarten.«
Wie sind Sie zum Film gekommen?
Ich wollte das schon immer auspro-
bieren, und deshalb habe ich ein paar
Kurzfilme selbst finanziert, bis ich das
Geld für meinen ersten Spielfilm zu-
sammenhatte.
Doris Dörrie, die Drehbücher
schreibt und Filme dreht, hat ein-
mal gesagt: »Ich schreibe lieber;
beim Filmen kostet jede Minute
Geld, und wenn ich schreibe, muss
ich nicht bei jedem Satz an Geld
denken.« Was machen Sie lieber,
schreiben oder Filme drehen?
Filmarbeiten sind buchstäblich das
Abenteuerlichste, was ich bisher er-
lebt habe, und das ist ein gewisser
Ausgleich für die Einsamkeit des
Schreibens. Ich finde beides gleich
aufregend, wenn auch auf sehr unter-
schiedliche Weise. Und anders als
Doris sitze ich gern während einer
kostspieligen Verzögerung der Dreh-
arbeiten in meinem Regiestuhl und
genieße den unverwechselbaren Ge- F
o
t
o
s
:

©

C
o
n
c
o
r
d
e

H
o
m
e

E
n
t
e
r
t
a
i
n
m
e
n
t
,

M
ü
n
c
h
e
n
17 Diogenes Magazin
D
Denken Sie nur daran,
dass die Küchenschabe
überlebt hat, nicht der
Dinosaurier.
18 Diogenes Magazin
D
UM NICHTS VORWEGZUNEHMEN, ABER…
DIE LITERATURKOLUMNE VON ROMAN LIBBERTZ IM BLANK MAGAZIN.
BISHER MIT BENEDICT WELLS, SARAH KUTTNER, ADAM DAVIES, ARIANE SOMMER & ESMA ANNEMON DIL.
www.blank-magazin.de
FACE YOUR MAGAZINE @>L>EEL<A:?M% =BLDNKL% =BLDH
f 4 ,00 März 2009
Mode: Kilian Kerner, Modewoche Berlin, Blind and Beautiful
Literatur: Julia Zange, Adam Davies, Stefan Kalbers, Roman Libbertz
Politik: Die Grünen 2.0, Jan Off über Athener Verhältnisse
FACE YOUR MAGAZINE @>L>EEL<A:?M% =BLDNKL% =BLDH
MUSIK: Alev Lenz, The Dø, Maximilian Hecker, Kilians
MODE: Miriam Schaaf, Devaki
LITERATUR: Sarah Kuttner, Dimitri Glukhovsky, Ariane Sommer
HEFT ZWEI: Wo ist der neue Feminismus?
f 4 ,00
ZEITEN
W E N D E W E N D E
:EE>LœG=>KM LB<A3 F>GL<A>G% LRLM>F>% F:<AM
:ikbe +))2
N
BOCK AUF BOXEN:
SEK
JAN OFF ÜBER ÜBE
ALT
POLIZEIGEWA
@>L>EEL<A:?M% =BLDNKL% =BLDH
f 4 ,00
FZb+))2
MUSIK: DJ Vadim, Dirty Projectors, Naked Lunch
KOLUMNE: „Verschlimmbessern“ von Nilz Bokelberg
LITERATUR: Boris Guschlbauer, Benedict Wells
JETZT WIRD ES STILL!
WINNENDEN, OPEL & CO.
„SEX IST NIEMALS NUR SEX“
SOPHIE ANDRESKY
4
198017
904001
f 4 ,00
0
8
GESELLSCHAFT,
DISKURS,
DISKO.
B ; I; D I? ; @ ; J P J {8; H .& & ? DJ; HL? ; MI C? J F; HI zDB ? 9>A; ? J; D
7KI AKBJ KH KD: =; I; B B I 9>7< J Å KD: Ju=B ? 9> ; ? D D; K; I
:7I ? DJ; HL? ; MFEHJ7B
MMM$ =7B EH; $ :;
:? ; 7DJ MEHJ; D < ? D:; D I? ; >? ; H
( .$ &++ < H 7=; D
Memoiren
einer preußischen
Königstochter
Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth
Ellwanger
Der Ellwanger Verlag präsentiert:
Der Bayreuther Festspielkalender 2010 29,90 € Pierre Boulez in Bayreuth
18,00 €
Memoiren einer
preußischen Königs-
tochter 22,90 €
Der Hügel kocht 19,90 €
Neuübersetzung der
Memoiren Markgräfin
Wilhelmines Kochen Sie mit berühm-
ten Persönlichkeiten
rund um die Festspiele
Mit großformatigen
Bildern der aktuellen
Inszenierungen 2009
Der weltweit gefeierte
Komponist und Dirigent
in Bayreuth
VERLAG ELLWANGER • MAXIMILIANSTRASSE 58/60 • 95444 BAYREUTH • TELEFON 0921/500-206 • TELEFAX 0921/500-110 • E.MEYER@ELLWANGER-ONLINE.DE
19 Diogenes Magazin
D
Welche Erfahrungen haben Sie in
Los Angeles und London gemacht?
Es war ein einziges Wettrennen. Las-
sen Sie mich ein Beispiel erzählen, das
mir dazu in den Sinn kommt: Ende
der neunziger Jahre − ich war gerade
in London angekommen − besuchte
ich eine Aufführung in einem ausver-
kauften Theater im West End. Ich
hatte einen Stehplatz ganz oben auf
der Galerie, zu der man über eine von
zwei Treppen gelangte. Schon in der
ersten Hälfte des Stücks taten mir die
Füße ziemlich weh, doch dann ent-
deckte ich ganz unten, nicht weit von
der Bühne, einen freien Platz. Ein per-
fekter Platz. Also beschloss ich, in der
Pause als Erster nach unten zu stür-
men und den Platz in Beschlag zu
nehmen; dagegen hat in London nie-
mand etwas einzuwenden. Da ich sel-
ber Theaterstücke schreibe, bildete
ich mir ein, ich hätte ein Gespür für
den Augenblick, wenn die erste
Hälfte zu Ende ging, und glaubte, das
ruch von verbrennendem Geld. Es ist
ein großartiges Erlebnis.
Wie haben Sie die Schauspieler aus-
gewählt, und wie arbeiten Sie mit
ihnen?
Ich habe die Schauspieler sehr sorgfäl-
tig ausgewählt, denn ich wollte, dass
ihre bloße Ausstrahlung die Ge-
schichte erzählt. Ich brauchte Gut-
mütigkeit für die eine Figur und kalte
Verbissenheit für die andere. Man
weiß genau, wann man diese Eigen-
schaften auf einem Gesicht entdeckt.
Die beiden Schauspieler, die ich ge-
funden habe, besitzen diese Eigen-
schaften von Natur aus, sie drücken
sie aus durch die Art, wie sie gehen,
reden, lächeln, durch ihr gesamtes
Wesen. Das macht die Besetzung
leicht. Mit der richtigen Besetzung
muss man nicht mehr viel tun, und als
Regisseur sollte man nicht zu viel tun.
Welche Regisseure bewundern Sie?
David Lean, Kubrick, Scorsese, Ser-
gio Leone, Elia Kazan, Clint East-
wood. Aber in den meisten Fällen
sind es ein oder zwei ihrer Filme, de-
rentwegen ich sie bewundere, denn
bei jedem Regisseur gibt es Höhen
und Tiefen, abhängig von dem Dreh-
buch, das er vor sich hat. Es gibt nur
sehr wenige herausragende Drehbü-
cher, herausragende Projekte. Es
kommt auf das Drehbuch und die
Schauspieler an. Das sind die Wurzeln
eines brillanten Films.
Was waren Ihre Ziele nach der
Schule?
Ich kam aus einer kleinen Stadt am
Ende der Welt. Was sollte diese Welt
mit mir anfangen? Was wurde durch
mein Dasein verändert? Die Antwort
war einfach: nichts. Ich fühlte mich
vollkommen überflüssig. Ich wusste
nicht, was ich werden wollte.
Sie sind in Neuseeland geboren und
aufgewachsen, dann aber nach Los
Angeles und London gegangen.
Träumen alle jungen Neuseeländer
davon, ihre Heimat zu verlassen?
Ja, wir reisen gern und viel. Dieser
Drang entspringt dem Gefühl, dass
direkt hinter dem Horizont eine rau-
schende Party im Gange ist, zu der
wir nicht eingeladen sind.
würde mir einen Vorteil verschaffen,
für den Fall, dass jemand anderes auf
die gleiche Idee kommen sollte. So-
bald die Lichter auf der Bühne verlo-
schen, rannte ich zur Tür hinaus und
stürmte die Treppe auf meiner Seite
hinunter. Doch dann hörte ich ein
Poltern. Ich werde es nie vergessen.
Es klang wie eine Viehherde, das
Trampeln einer Menschenmenge, die
von den Stehplätzen auf der anderen
Seite der Galerie die andere Treppe
hinunterstürmte, alle angetrieben von
der gleichen Idee, alle wollten sie den
einen freien Platz erobern. In diesem
Augenblick wurde mir klar: Ich bin in
London. Ich bin in der Großstadt.
Sie leben jetzt in England auf dem
Land. Ist das ein besserer Ort zum
Schreiben?
Ja, es gibt viel weniger Ablenkungen.
Keine großen Theateraufführungen.
Weniger gute Filme. Es ist ziemlich
langweilig, aber produktiv.
Die Widmung in Hand aufs Herz
lautet »Für Margaret Mary McCar-
ten, 1921–2007« – Ihre Mutter?
Ja. Eine wunderbare Frau. Ich habe
sie sehr geliebt. Wir waren acht Ge-
schwister. Ich bin der Zweitjüngste.
Als meine Mutter in die Wechseljahre
kam, herrschte großes Bedauern, wie
in einer kleinen Stadt, die die Schlie-
ßung einer Fabrik beklagt.
Wann haben Sie mit dem Schreiben
begonnen?
Als ich siebzehn war, glaubte ich, ich
könne meinen Lebensunterhalt als
Journalist verdienen.
Wie lang haben Sie an Hand aufs
Herz gearbeitet?
Ungefähr ein Jahr. Es hat länger ge-
dauert, bis das Buch endgültig Form
annahm, als bei den anderen. Die Tat-
sache, dass ich mich nicht von dem
Auto und den Leuten, die darumstan-
den, entfernen konnte, war ein ziemli-
ches Problem. Ich musste die Hand-
lung sehr sorgfältig anlegen, so dass
der Leser wirklich ein Gefühl dafür
bekam, dass es anfangs vierzig Perso-
nen waren, dann nur noch neunund-
dreißig, dann achtunddreißig, weil sie
nach und nach ausscheiden, und ich
musste dafür sorgen, dass mit der zu-
Glück heißt, dass man
drei Dinge hat, auf die
man sich freuen kann.
336 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06730-9
Ein Ausdauerwettbewerb, bei
dem ein glänzendes neues Auto
zu gewinnen ist. Doch für zwei
Wettbewerbsteilnehmer geht es
nicht ums Gewinnen, sondern
ums nackte Überleben…
Buchtipp
Anthony
McCarten
Hand
aufs Herz
Roman · Diogenes
20 Diogenes Magazin
D
F
o
t
o
:

©

R
o
g
e
r

E
b
e
r
h
a
r
d
nehmenden Erschöpfung die Span-
nung wuchs. Ja, es war sehr schwierig.
Haben Sie irgendwelche Tipps für
angehende Schriftsteller?
Es ist ein Gewerbe, in dem man auf
viel Ablehnung stößt. Selbst wenn je-
mand es schafft, dass seine Bücher ge-
lesen, wahrgenommen, diskutiert, ja
sogar bejubelt werden, hört die Ab-
lehnung nicht auf. Wenn man sich
dessen bewusst ist, öffnen einem die
gelegentlichen Erfolge für kurze Zeit
die Pforten zum Paradies.
Der Roman, den Sie gerade abge-
schlossen haben, hat das folgende
Motto: »Warum bist du unglück-
lich? Weil 99,9 Prozent von allem,
was du denkst und von allem, was
du tust, für dich selbst ist, und so je-
mand gibt es gar nicht« (Wei Wu
Wei). Was ist Glück für Sie?
Glück heißt, dass man drei Dinge hat,
auf die man sich freuen kann.
Geht es nicht in all Ihren Büchern
um die Suche nach dem Glück?
Meine Antwort ist eine Frage: Wor-
über sollte man sonst schreiben?
Könnten Sie ein paar Zitate aus
ihrem Roman kommentieren? Zum
Beispiel: »Was Sie nicht begriffen
haben: […] Nettigkeit […] schadet
nur in einer Welt, wo Aggression die
häufigste Kommunikationsform ist.«
Heutzutage sind viele, vor allem junge
Menschen insgeheim überzeugt, dass
Güte eine Tugend für Verlierer ist.
Man könnte sogar sagen, dass Güte in
unserer Zeit im Verdacht steht, sie sei
die Methode, mit der die Schwachen
die Starken beherrschen, weil sich die
Schwachen dadurch moralisch über
die anderen erheben und sie so gewis-
sermaßen schikanieren − mit anderen
Worten: Güte ist eine höhere Form
des Egoismus. In dem Roman hat
Tom dieses Gefühl und spricht es
auch aus. Aber Jess ist eine Verkörpe-
rung des christlichen Gebots, dass
man seinen Nächsten lieben soll wie
sich selbst. Tom, der Vertreter des In-
dividualismus, würde das vermutlich
als völligen Blödsinn abtun, weil die
Menschen sich in Wirklichkeit selbst
hassen. Tom fühlt sich Jess überlegen,
er will um jeden Preis gewinnen und
hat das Gefühl, dass dazu ein gewisses
Maß an Aggression unabdingbar ist.
Der Preis, den er für diese Einstellung
zahlen muss, ist seine Einsamkeit.
– »Passivität und Krebs, das gehört
zusammen. Nettsein ist genauso
selbst zerstörerisch wie Rauchen.«
Ja, der Schaden, den man durch zu viel
Güte anrichtet, ist ein innerer Scha-
den. Wie entsetzlich, wenn man nur
gut sein kann, sich verpflichtet fühlt,
immer nur gut zu sein. Das ist wider
die menschliche Natur. Freud hat all
diejenigen, die die zwei Seiten unseres
Wesens leugnen, zu den Qualen der
Psychose und letztlich zum körperli-
chen und seelischen Zusammenbruch
verurteilt. Unsere animalische Natur
fordert Ventile für animalisches Ver-
halten, damit wir gesund bleiben.
– »Manchmal denkt man, dass es
einfach das Beste am Leben ist,
wenn man ihm nachts im Schlaf
entflieht.«
Das trifft auf all die Menschen zu,
deren Leben nicht im Gleichgewicht
ist. Schlaf ist das Einzige, was ihnen
Erleichterung bringt. Vielleicht auch
Essen. Und andere sinnliche Genüsse.
– »Vielleicht war das der Grund,
warum Menschen überhaupt auf der
Jagd nach Liebe waren, nicht weil
man daraus Freude bezog, sondern
weil es eine Möglichkeit war, aus sich
selbst etwas Besseres zu machen.«
Ich habe einfach das Gefühl, dass
Liebe Ungewissheit braucht, um zu
gedeihen und Bestand zu haben. Und
die gesündeste Art von Ungewissheit,
die die schleichende, tödliche Selbst-
zufriedenheit aufhält, ist das Gefühl,
dass man durch die Nähe zu einer an-
deren Person ein besserer Mensch
wird. Dieses Gefühl, dass man etwas
Besseres wird, fügt der Liebe etwas
Entscheidendes hinzu − sie wird zu
einer Reise zur Vollkommenheit,
nicht zu einem bestimmten Ziel.

kam/Aus dem Englischen übersetzt von
Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
21 Diogenes Magazin
D
Diogenes Magazin: Hand aufs Herz
ist bereits der dritte Roman von
Anthony McCarten, den Sie als
Hörbuch einlesen. Sind Sie ein
McCarten-Fan?
Rufus Beck: Das kann man wohl so
sagen, ich habe fast alle seine Bücher
und ein Theaterstück auf Deutsch
und auf Englisch gelesen. Mein li-
terarisch-angelsächsisches Dreigestirn
heißt jetzt: John Irving, Ian McEwan
und Anthony McCarten.
Was hat Ihnen an seinen früheren
und an diesem Roman besonders
gefallen?
Alle Romane von Anthony McCarten
schreien förmlich nach einer Verfil-
mung, die tollen Dialoge, die liebevoll
gezeichneten Charaktere, die unge-
wöhnlichen Plots … Natürlich unter-
scheidet sich ein Roman immer von
einer Verfilmung, der Roman lässt
mich in das Innere einer Figur
schauen, ihren Gedankengängen fol-
gen. Das kann kein Film.
Einen typischen McCarten-Roman
gibt es für mich nicht, alle Bücher sind
in Sprachbehandlung, Handlung und
Dramaturgie sehr unterschiedlich.
Superhero ist wie ein Drehbuch
geschrieben, kurze, knappe Orts-
und Personenbeschreibungen, eben so
kurze, knappe Dialoge. Es ist zum
einen die Geschichte eines todkran-
ken Jugendlichen, der noch nie mit
einem Mädchen geschlafen hat und
der ahnt, dass die Zeit dafür auch nicht
mehr reichen wird. Aber es ist auch die
Geschichte eines Arztes, der dem Jun-
gen mit unorthodoxen Methoden zu
helfen versucht. Das Buch hat den
Groove von Hip Hop und Rap, eine
jugendliche Sprache: Die Story ist aus
der Sicht des Protagonisten geschrie-
ben. Donald Delpe (natürlich spielt
McCarten auf Donald Duck an) ist
ein hochbegabter Comiczeichner, der
heimlich ein Comic-Tagebuch führt;
der Roman hat also zwei Erzählebe-
nen. Der filmrealistische Blick des
jungen Erzählers wechselt mit den in-
Rufus Beck
über Anthony McCarten
F
o
t
o

l
i
n
k
s
:

©

C
h
r
i
s
t
i
a
n

K
a
u
f
m
a
n
n
/
v
a
n
i
t
.
d
e
,

F
o
t
o

r
e
c
h
t
s
:

©

R
o
g
e
r

E
b
e
r
h
a
r
d
Interview
22 Diogenes Magazin
D
timen, surrealen und pubertären Fan-
tasien im Stile eines Manga-Comics.
Die Story ist berührend, aber niemals
kitschig, sie ist komisch, voller Sym-
pathie für die handelnden Personen.
Slapstick-Szenen stehen hoch emotio-
nalen Momenten gegenüber.
Superhero ist eine Liebeserklärung
an das Leben, und wie in allen Roma-
nen von Anthony McCarten gibt es
auch hier ein traurig-schönes Happy
End. Ist das ein Widerspruch in sich?
Nein. Der jugendliche Held kann den
Krebs nicht besiegen, er stirbt, aber
sein Freund, der Arzt, hat eine plötz-
liche Eingebung, er steigt aus seinem
alten Leben aus und beginnt ein
neues: Und dann setzt er sich, eine
Laune des Augenblicks, auf das breite
Treppengeländer. Warum denn nicht?
Er tut es für Donald. Und auch wenn
ein paar Fremde missbilligende Blicke
werfen, hebt er den Fuß, der ihn noch
hält, und rutscht das Geländer hinun-
ter, nimmt den schnellen Weg nach
unten, gewinnt durch sein Gewicht
rasch an Fahrt, die Hände als Steuer
hinter sich, Beine gespreizt, das Haar
vom Fahrtwind nach hinten geblasen,
und die Krawatte flattert über der
Schulter. Er tut es für Donald, den
verrückten Jungen, der immer im
Clinch mit der Welt lag und der doch
nie aufgegeben hat, der immer ge-
kämpft hat, selbst wenn es überhaupt
nicht so aussah, und am allermeisten
am Ende, als es überhaupt nichts mehr
gab, was das Kämpfen noch wert war.
Schneller und schneller saust der
schwere Mann, bis es aussieht, als
werde nichts ihn je wieder aufhalten.
Unten machen die Leute ängstlich
Platz. Sie sehen ihn kommen und zie-
hen einander beiseite. Schließlich soll
keiner verletzt werden. Leute wollen
ein langes, glückliches Leben. Nie-
mand möchte zerschmettert werden
von einem Psychologen im freien Fall.
Der Film kommt zum Halt. Stopp.
Standbild. Abblende. Ende. Wer hätte
das gedacht.
Es kommt sehr selten vor, dass ich
beim Lesen eines Buches so berührt
bin, dass ich weinen muss. Ich bin,
glaube ich, weder ›nah am Wasser ge-
baut‹ noch eine Kitschnudel, aber
McCartens Geschichten und Figuren
berühren mich zutiefst, und dabei
kommen seine Geschichten so leicht,
locker, lässig, daher, mit viel Witz und
Charme. Seine Romane sind Page -
turner, doch hinter den Figuren gibt
es eine Tiefe zu entdecken, die ich in
dieser Form nur aus den Romanen
von John Irving und Ian McEwan
kenne.
In Anthony McCartens Romanen
sind die Dinge nie so, wie sie auf den
ersten Blick erscheinen. Bestes Bei-
spiel ist sein letzter Roman Englischer
Harem, den man als Liebesgeschichte,
Tragikomödie und gesellschaftskriti-
schen Roman bezeichnen kann.
Hauptfigur ist ein persischer Einwan-
derer in London, Sam Sahar, der nach
iranischem Recht mit zwei Frauen
verheiratet ist, bis er schließlich die
arbeitslose einundzwanzigjährige Su-
permarktkassiererin Tracy kennen-
lernt, die er ebenfalls heiraten will.
Bei McCarten liest sich das in sei-
nem prägnanten, urkomischen Stil so:
Tracy zu ihren Eltern: »Ich habe eine
gute und eine schlechte Nachricht. Die
gute: Ich heirate. Die schlechte: Er ist
Perser. Und übrigens: Er hat schon
zwei Frauen.«
Es ist eine Geschichte über den Zu-
sammenprall der Kulturen. Wer aber
in Sam nur den hinterwäldlerischen,
fundamentalistischen Muslim sieht,
wird bald eines Besseren belehrt. Na-
türlich ist seine Geschichte viel ver-
wickelter und absurder: Sam ist voller
Widersprüche, er hat ein zu großes
und gutes Herz, und das wird ihm
auch zum Verhängnis. Ja, nichts
ist, wie es scheint! Jeder bekommt
sein Fett ab, sogenannte aufgeklärte
Westler genauso wie strenggläubige
Orientalen.
Der Leser ertappt sich dabei, in Kli-
schees zu denken, und McCarten
spielt genüsslich mit Vorurteilen, um
sie sofort zu zerstören. Der Roman
beschreibt mit viel Humor und ohne
erhobenen Zeigefinger die Bewunde-
rung, Faszination, aber auch die
Angst vor fremden Kulturen.
Auch Anthony McCartens neuer
Roman Hand aufs Herz vollbringt
das Kunststück, Liebesgeschichte,
Gesellschaftskomödie, Slapstick, Sa-
tire und Melodram unter einen Hut
zu bringen. Um sein Autohaus in die
Schlagzeilen zu bringen, veranstaltet
ein Geschäftsmann einen Wettbe-
werb: Wer am längsten seine Hand
auf der Karosserie eines Landrovers
liegen lässt, gewinnt den Wagen. Die
Veranstaltung zieht sich sage und
schreibe fünf Tage hin, bis schließlich
der völlig erschöpfte Gewinner fest-
steht. Zu diesem irrsinnigen Spektakel
kommen Verzweifelte, Abenteurer,
verarmte Zocker, Neugierige und
publicity-hungrige Londoner. Ein
wunderbar schräges Ensemble von
liebenswerten Verlierern. Im Mittel-
punkt des Geschehens stehen zwei
völlig konträre Charaktere, Tom
Shrift, ein hochintelligenter Zyniker,
und Jess Podorowski, eine verwitwete
Politesse und Mutter eines behinder-
ten Kindes.
Welcher Figur hätten Sie den Sieg
am ehesten gegönnt? Welche Figur
ist Ihnen am sympathischsten,wel-
che am unsympathischsten? F
o
t
o
:

©

R
u
f
u
s

B
e
c
k
Anthony McCartens
Geschichten berühren
mich zutiefst, dabei
kommen sie so leicht,
locker, lässig daher, mit
viel Witz und Charme.
23 Diogenes Magazin
D
Bei McCarten gibt es keine unsympa-
thischen Figuren, was nicht heißt, dass
die Charaktere nie etwas Unmorali-
sches tun, aber beim Lesen entsteht
nie eine emotionale Distanz zu den
sogenannten Bösewichten. McCarten
verurteilt seine Figuren nicht, stellt sie
auch nicht in die Ecke, er beobachtet
sie, ist immer ganz nah am Menschen.
In Hand aufs Herz benimmt sich eine
der Hauptfiguren, Tom Shrift, man
kann es nicht anders ausdrücken, wie
ein richtiges Arschloch. Und doch
versteht man diesen merkwürdig
überheblichen Loser sehr gut, bewun-
dert vielleicht sogar ein bisschen seine
unbedingte Ehrlichkeit und Prinzi-
pientreue. Auf jeden Fall ist man neu-
gierig, was aus diesem Kauz werden
wird, und ist überhaupt überrascht,
dass dieser Misanthrop eine wunder-
bar rührende Rolle in dieser Liebesge-
schichte spielen wird.
Ihre Lieblingspassage in einem
Roman von Anthony McCarten?
In Superhero hat der Arzt Adrian eine
plötzliche Erkenntnis: Warum be-
wahren wir die Fassung, warum sind
wir konform, warum bleiben wir,
wer wir sind? Weil wir immer
das Schlimmste befürchten? Bauen
wir unser ganzes Leben immer nur
als Verteidigungsstellung gegen das
Schlimmste auf, das uns widerfahren
könnte?
In Hand aufs Herz ist es eine der
vielen zarten Liebesszenen, diesmal
zwischen dem Autohändler und sei-
ner Ehefrau, die in all den Jahren
die amourösen Abenteuer ihres Man-
nes stillschweigend geduldet hat: Er
spürte, dass sie beide eine Entschei-
dung bekräftigt hatten, ohne dass sie
ein einziges Wort darüber gesagt hat-
ten, ein alter Kontrakt, der erneuert
worden war, ohne Schlupflöcher, ohne
Kleingedrucktes, mit bedingungsloser
Garantie, ein Kontrakt, in dem stand:
Ich werde für dich da sein. Solange ich
lebe. Und dieser Bund war nicht auf
das Jugendamt übertragbar, auf einen
Stiefvater, einen Freund, einen Ge-
liebten. Nein, in dem Text stand klar
und deutlich »Ich werde«, und dieses
Versprechen musste gehalten werden,
dieses »Ich« durfte auf keinen ande-
ren übergehen, solange auch nur ein
Tröpfchen Blut in den Adern floss – da
musste man durchhalten, bis man mit
seiner Kraft am Ende war.
Sie haben Anthony McCarten wäh-
rend einer Lesereise in Deutschland
persönlich kennengelernt, wie ist
der Mensch hinter den Büchern?
Ich habe bisher noch mit jedem angel-
sächsischen Autor viel Spaß gehabt
und tolle gemeinsame Lesungen er-
lebt. Ich mag den britischen Humor,
die Höflichkeit, das Understatement,
den Tonfall, für mich ist das Musik!
Anthony ist zwar in Neuseeland ge-
boren, aber doch ein ziemlich typi-
scher Brite. Wir haben uns auf Anhieb
gut verstanden, er hat mir auch sein
Theaterstück Continental Breakfast
geschickt, in dem es für mich eine
wunderbare Rolle gibt.
Stimmt es, dass Sie einen Landrover
Discovery fahren, das Auto, das es
im Buch zu gewinnen gibt?
Lustigerweise habe ich genau an dem
Tag meinen neuen Landrover Disco-
very in Empfang genommen, als ich
die deutsche Übersetzung von Hand
aufs Herz zugeschickt bekam. (Da ich
mich sehr viel in den Bergen aufhalte,
bin ich auf ein Allradauto angewie-
sen.) Der ›Disco‹, wie dieser Landro-
ver liebevoll genannt wird, spielt im
Roman eine wesentliche Rolle, und
ich konnte natürlich sehr gut nach-
vollziehen, welchen Reiz dieses Ge-
fährt für die Figuren hatte (siehe
Foto).
Welche Diogenes Bücher würden
Sie gerne als Hörbuch lesen?
Ich würde gerne noch alle anderen
Romane von John Irving einlesen,
Owen Meany, Zirkuskind etc., bisher
habe ich fünf Hörbücher von Irving
produziert. Auf meinem Wunschzet-
tel sind außerdem die Romane von
Ian McEwan, Arnon Grünberg, Leon
de Winter, Patricia Highsmith, Amé-
lie Nothomb, die Texte von Edward
Gorey, und und und. Und natürlich
möchte ich alle Diogenes Autoren,
denen ich bisher meine Stimme gelie-
hen habe, auch weiterhin interpretie-
ren dürfen.

kam
John Irving
Bis ich
dich finde
Roman
Diogenes
Hörbuch
Gelesen von
Rufus Beck
»Ein gewaltiges
Buch und zutiefst
menschlich.«
Kurt Vonnegut
»John Irvings Opus
maximum, sein Ver-
such, die großen
Fragen des Lebens
zu klären.«
The New York
Times
20 CD
2 MP3-CD
20 CD/ 2 MP3-CD,
1464 Min.
978-3-257-80008-1
Anthony
McCarten
Superhero
Roman
Diogenes
Hörbuch
Gelesen von
Rufus Beck
»Anthony McCarten
erzählt seine mit-
reißende Geschichte
beinahe atemlos,
in knappen Sätzen,
mit wunderbarem
Gespür für origi-
nelle Figuren und
Situationen.«
TV Spielfilm
5 CD
5 CD, 343 Min.
978-3-257-80087-6
Diogenes
Hörbuch
Gelesen von
Rufus Beck
»Man muss diesen
Jungen mögen. Er ist
frech, er ist altklug,
er ist mutig und
manchmal auch
zärtlich – kurz:
ein prima Kerl.«
Norddeutscher
Rundfunk
1 CD © IMAV, Paris
Goscinny Sempé
Der kleine
und sein Luftballon
1 CD, 78 Min.
978-3-257-80262-7
ebenfalls erhältlich:
9 weitere CDs mit
den Geschichten
vom kleinen Nick
Anthony
McCarten
Hand
aufs Herz
Roman
Diogenes
Hörbuch
Gelesen von
Rufus Beck
»Anthony McCarten
hat die unglaubliche
Gabe, Geschichten so
aufzuschreiben, dass
es einem das Herz
zerreißt, während
man über seine Ein-
fälle, Sprüche und
seinen unbesiegbaren
Humor lacht.«
Hamburger
Abendblatt
5 CD
5 CD, 379 Min.
978-3-257-80278-8
Jakob
Arjouni
Happybirthday,
Türke!
Ein Kayankaya-Roman
Diogenes
Hörbuch
Gelesen von
Rufus Beck
»Der beste Kriminal-
roman, den
ein Autor deutscher
Zunge je geschrie-
ben hat.«
Kurier
»Jakob Arjouni ist
einer der interessan-
testen Autoren des
zeitgenössischen
Kriminalromans.«
Manuel Vásquez
Montalbán
4 CD
4 CD, 263 Min.
978-3-257-80061-6
ebenfalls erhältlich:
Ein Mann, ein Mord
4 CD, 297 Min.
978-3-257-80063-0
Diogenes
Hörbuch
Gelesen von
Rufus Beck
»Von allen Höllen
des Konformismus,
die in der Science-
fiction vorkommen,
ist keine mit soviel
Können beschrieben
wie in diesem
Roman.«
Kingsley Amis
5 CD
Ray
Bradbury
Fahrenheit
451
Roman
5 CD, 351 Min.
978-3-257-80180-4
ebenfalls erhältlich:
Mars-Chroniken
8 CD, 621 Min.
978-3-257-80181-1
Diogenes
Hörbuch
Gelesen von
Rufus Beck
»McCarten hat
ein Händchen für
tolle Geschichten,
kann ernste
Themen mit viel
Witz behandeln.«
Westdeutscher
Rundfunk
10 CD
Anthony
McCarten
Englischer
Harem
Roman
10 CD, 726 Min.
978-3-257-80187-3
Diogenes Hörbücher gelesen von
Rufus Beck
24 Diogenes Magazin
D
Anmerkung: Der Gedankenstrich (–) steht für »Pause«.
1. Szene
Nola/Anton, beide sind 8 Jahre alt. Pausenplatz.
Anton: Willst du mit mir gehen?
Nola: Ja.
Anton: Super. –
Nola: Und … jetzt?
Anton: Was jetzt?
Nola: Wohin gehen wir jetzt? –
Anton: Ach so, ich weiß nicht … Worauf hast du Lust?
Nola: Weiß ich doch nicht, du hast mich doch gefragt.
Anton: Ach so … Wir könnten … zum Kiosk.
Nola: Zum Kiosk?
Anton: Ja, zum Beispiel.
Nola: Hast du Taschengeld? –
Anton: Ja … also schon ein bisschen, aber wir können
auch … Ich meinte das mehr so allgemein, dass wir hierhin
gehen und dann dorthin gehen und, weißt du, jeden Tag,
so allgemein …
Nola: Allgemein?
Anton: Ja.
Nola: Ne, dann lieber zum Kiosk.
Anton: Okay. –
Nola: Los, gehen wir.
Anton: Ja … Aber … jetzt müssen wir uns schon …
Nola: Was?
Anton: Ich weiß nicht … Willst du mir die Hand geben?
Nola: Ich bin doch schon acht!
Anton: Ich weiß … Aber trotzdem, damit … wir zeigen,
dass wir … uns gern haben …
Nola: Was?
Anton: Ja, irgendetwas müssen wir doch jetzt anders ma-
chen als vorher. –
Nola: Ach so. – Du meinst, du willst mit mir zusammen
sein?
Anton: Ja …
Nola: Du bist so blöd. Das macht man doch nicht mehr
so. Da muss man sich küssen!
Nola ab.
Laura de Weck
Vier Liebes-
erklärungen
Ein Dramolett
Laura deWeck
Lieblings-
menschen
Ein Stück
Diogenes
25 Diogenes Magazin
D
2. Szene
Lea/Anton, 16 Jahre alt. Disco.
Anton küsst Lea.
Lea: Bist du bescheuert?
Anton: Was?
Lea: Fass mich nicht an!
Anton: Ach so … ich wollt nur …
Lea: Ich hab schon kapiert, was du willst!
Anton: Ich meinte doch nur …
Lea: Ist mir schon klar, was du meinst: Du willst mit mir
ins Bett!
Anton: Nein! Nein, wirklich nicht …
Lea: Ihr Jungs wollt doch immer das Gleiche.
Anton: Wirklich, wirklich nicht, ich wollt dir damit
sagen …
Lea: Dann sags doch! Dann sag doch was, anstatt gleich
so auf Knutschen und Sex und so. Sags doch!
Anton: Wir haben doch schon so viel gesagt … Deswegen
hab dich ja so gern …
Lea: Jaja, klar, jetzt plötzlich, jetzt plötzlich: »Hab dich
doch so gern« und so … jaja. Ich glaub euch Scheiß-Jungs
überhaupt nichts mehr. Ich geh erst mit einem Typen ins
Bett, wenn der mich liebt, kapierst du? Hast wohl noch
nie von gehört, was? Liebe. Fremdwort. Brauchst wohl
Nachhilfe.
Anton: Nein, wirklich, wirklich. Das meinte ich doch
damit! Was hätt ich denn machen … was hätt ich denn
sagen sollen!
Lea: Wie wärs mit: »Ich liebe dich.« Arschloch.
Lea ab.
3. Szene
Esther/Anton, 24 Jahre alt. Park.
Anton: Ich liebe dich. –
Esther: Wie meinst du das?
Anton: Wie? –
Esther: Fühlst du dich einsam?
Anton: Nein, ja, also … Keine Angst, ich bin Single.
Esther: Aha.
Anton: Aber einsam, ich weiß nicht … –
Esther: Brauchst du jemanden, der dir hilft?
Anton: Ich? Nein. Weiß nicht …
Esther: Aha. – Soll ich für dich kochen?
Anton: Nein … Also, nur, wenn du willst … –
Esther: Wollen deine Eltern, dass du bald heiratest?
Anton: Nein! Also … Keine Ahnung, vielleicht würden
sie sich freuen …
Esther: Aha.
Anton: Wie meinst du das jetzt …? –
Esther: Brauchst du Geld?
Anton: Geld?
Esther: Aha.
Anton: Wofür denn? Ach so, sollen wir zum Kiosk?
Esther: Zum Kiosk?
Anton: Vergiss es … –
Esther: Weißt du, Anton, ich hab schon früh angefangen
mit Männern. Alle haben mir gesagt: »Ich liebe dich», aber
keiner hat mich wirklich geliebt. Verstehst du? Ich lass
mich nicht mehr ausnutzen.
Anton: Aber, ich will doch …
Esther: Sorry, Anton, aber da musst du dir schon was an-
deres einfallen lassen.
Esther ab.
4. Szene
Leila/Anton, 32 Jahre alt. Im Café.
Leila: Du bist so still.
Anton: Ja … –
Leila: Bist du immer so still?
Anton: Nein … –
Leila: Was ist denn?
Anton: Nichts. Alles gut. –
Leila: Ich weiß so wenig über dich.
Anton: Ja. –
Leila: Erzähl doch … über dich. Erzähl doch was.
Anton: Was denn?
Leila: Ich weiß nicht. Aber über irgendetwas müssen wir
uns doch unterhalten oder irgendwas machen. Wir können
doch nicht einfach so still dasitzen.
Anton: Nein.
Leila: Ich quatsch dich immer voll, jetzt bist du dran. –
Anton: Ich weiß nicht … ich … ich würd dir gern sagen,
dass … oder dir einfach einen … aber es ist alles so schwie-
rig … Manchmal denk ich, ich bin der Einzige, der …
wenn man … jemanden … so, dass es weh, aber schön
weh … Nein. Blöd. Also, dass man dauernd …
Wallungen … Nein. Ich weiß, altmodisches Wort, aber mir
fällt nichts anderes … Mir fällt sowieso überhaupt gar
nichts ein, wie das … oder was man dafür oder dagegen
tun … Dabei müssten das doch andere, doch auch schon
gehabt haben …Die ganzen Bücher und Filme sind doch
voll mit … Und ich hab jetzt wirklich, mein ganzes Leben
lang … informiert, aber ich weiß nicht, und keiner kann
mir sagen, wie ich … Wenn du … du so da. Und ich so …
Leila: Ich liebe dich auch.
Anton: Wie?
Leila: So.
Leila küsst ihn.
Anton: Uuh … Was?
Leila: Ich-will-mit-dir-gehen, kapiert?

F
o
t
o

l
i
n
k
s
:

©

M
a
r
c

W
e
t
l
i
26 Diogenes Magazin
D
D
a erzählt neulich jemand von
einem chinesischen Roman mit
dem Titel Die umzingelte Festung,
wobei mit der Festung nicht nur das
Reich der Mitte, sondern vor allem die
Ehe gemeint sei, ein Vergleich, der auf
Montaigne zurückgehe, der von ihr
gesagt habe: »Wenn man draußen ist,
will man hinein, wenn man drinnen
ist, will man hinaus.« Dieser Roman
stamme von einem Autor namens
Soundso und sei das Bedeutendste,
was je über China … – aber da höre
ich schon längst nicht mehr zu, son-
dern gehe wie in Trance zum Bücher-
regal, unterste Reihe, wo die großen
Formate stehen, ziehe die Alben von
Sempé heraus, setze mich auf den
Boden und beginne zu suchen. Nach
einer halben Stunde, endlich, habe ich
gefunden, woran ich mich zu erinnern
glaubte, einen Band mit dem Titel
Halb gewonnen, Seite 41: eine groß-
formatige Tuschzeichnung, rechts
eine enorme mittelalterliche Festung,
Typ Carcassonne, links das weite
Land mit vereinzelten Olivenbäumen,
dazwischen, minutiös ausgeführt, das
Heer der Belagerer mit Lanzen, Schil-
den, Leitern, Katapulten, Rammbö-
cken und einem Federbusch am Hut
des berittenen Kommandeurs. Durch
ein Bogenfenster sieht man in den
Burgfried hinein, wo der mürrische
Burgherr nebst Gattin, Hofnarr und
Hauskatze beim opulenten Mittages-
sen sitzt. Ein Emissär, der offenbar
soeben vom Feind zurückgekehrt ist,
steht vor ihm stramm und übermittelt
die Botschaft: »Was sie wollen, ist
ganz einfach. Sie sähen es gern, wenn
sie hier drinnen wären und wir drau-
ßen.«
G
ewiss, das hat nur sehr partiell
etwas mit dem chinesischen
Roman zu tun, ist aber ein typisches
Beispiel dafür, wie unauslöschlich
manche Bilder aus Sempés Kosmos
demjenigen eingeprägt sind, der sie
einmal, und sei es vor Jahren oder
Jahrzehnten, angeschaut, gelesen, de-
Sempé
Eine Annäherung
von Patrick Süskind
Der Text von Patrick
Süskind ist das Vorwort zum
soeben erschienenen Sempé-
Katalog »Tag für Tag«.
Jean-Jacques Sempé
Tag fürTag
Sempé in deutschen Sammlungen
Mit einemVorwort von Patrick Süskind
Diogenes
27 Diogenes Magazin
D
chiffriert hat, wie jäh sie wieder im
Gedächtnis hervortreten und wie ob-
sessiv sie verlangen, abermals ange-
schaut zu werden, weil man sich von
ihnen die Steigerung dessen erwartet,
was man soeben erlebt, gesehen, ge-
hört hat. Bei jeder Gelegenheit kann
einem so etwas passieren: im Flug-
zeug, wenn einem das plastifizierte
Essen serviert wird; beim Herumlun-
gern auf einer öden Party; beim
Durchstreifen eines herbstlichen
Parks; beim Betrachten eines Kron-
leuchters oder einer Statue oder eines
Gemäldes im Museum oder eines
Sonntagsmalers am Strand oder der
Kinder auf dem Spielplatz. Plötzlich
durchzuckt einen dieser kleine Strom-
schlag: Das ist wie bei Sempé! Selbst
wenn man nur am geöffneten Fenster
steht und gedankenverloren hinaus-
schaut auf die Stadt, kann es gesche-
hen, mehr noch, die Situation kann
sich geradezu in eine Zeichnung von
Sempé verwandeln, man fühlt sich wie
jene gefiederte Schimäre, halb Mensch,
halb dicker Vogel, die er auf einer
Fensterbalustrade hocken lässt, mit
einem Blick, der sehnsuchtsvoll und
melancholisch in die Ferne geht und
dem man gleichwohl ansieht: Nie
wird dies sonderbare Wesen, obwohl
es Flügel hat, die Krallen lösen und
sich hinaus in die große Freiheit stür-
zen. Der Journalist Claus Heinrich
Meyer berichtet sogar – durchaus
glaubwürdig –, er habe sich beim Be-
such der Würzburger Residenz mit
ihrem gigantischen Treppenhaus und
den riesigen Gewölben und Portalen
nicht mehr als ein authentisches Indi-
viduum empfunden, sondern als eine
winzige Figur, die von Sempé in die
Wirklichkeit hineingezeichnet wor-
den ist.
A
ber Gott sei Dank ist die Welt
nicht nur wie von Sempé ge-
zeichnet, sondern umgekehrt zeichnet
Sempé die Welt, namentlich die fran-
zösische, auch wie sie an und für sich
ist, wie wir sie allerdings nicht sehen
würden, wenn er sie nicht so für uns
zeichnete, wie er sie eben zeichnet.
Ich will damit sagen: Es gibt gewiss
keine bessere kulturelle, soziologische
und ästhetische Landeskunde Frank-
reichs als das Œuvre von Sempé. Wer
wissen will, wie es in irgendeinem Pa-
riser Bistro zur Mittagszeit zuging
und noch immer zugeht, wer dort
verkehrt, was dort gegessen wird (Ka-
ninchen auf Jägerart) und worüber ge-
redet wird (Fußball, Fernsehen,
Firma), der braucht nur Sempés Mon-
sieur Lambert zur Hand zu nehmen,
und er wird sich am Ende des Bandes
selbst als Stammgast fühlen. Die Welt
der kleinen Angestellten samt ihren
Träumen, das Milieu der Intellektuel-
len samt ihren Neurosen, die Hektik
der Hauptstadt, die weite Leere der
Provinz, der sommerliche Wahnsinn
an der Côte d’Azur, das Dorffest ir-
gendwo im Süden mit Biertheke,
Bühne für die Rockband und Lichter-
girlanden zwischen den Platanen, der
alte Prunk der Schlösser, der Verfall I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

S
e
m
p
é
28 Diogenes Magazin
D
der Dörfer – all das ist bei Sempé
nicht nur zu sehen, sondern beinahe
zu erfahren, so sehr gelingt es ihm,
uns in seine Bilder hineinzuziehen.
W
äre er deshalb ein Abbildner der
Wirklichkeit, eine Art zeichnen-
der Fotograf? Überhaupt nicht. Mit
Realismus haben Sempés Bilder nichts
zu tun. Die meisten der von ihm ge-
zeichneten Pariser (oder auch New
Yorker) Straßenkreuzungen, Ge-
bäude, Plätze, Parks oder Cafés gibt
es in der Wirklichkeit nicht, obwohl
wir Stein und Bein schwören würden,
sie schon einmal gesehen zu haben,
und zwar genau so wie von ihm ge-
zeichnet. Das Gleiche gilt für seine
Menschen. Sie kommen uns durch-
aus vertraut, ja natürlich vor,
obwohl sie, sei’s im Detail
oder im Ganzen, oft etwas
grotesk Unproportionier-
tes haben. Sempés Kinder
sind klein wie Mäuse und
dennoch Kinder, wie wir sie
alle kennen (und eben keine
Karikaturen von Kindern). Sempés
Fahrräder besitzen oft keine Speichen,
und ihre Rahmen sind so dünn wie ein
Federstrich. Seine Musiker spielen auf
Geigen mit verkehrten Schalllöchern,
auf Saxophonen mit verdrehten
Mundstücken, auf Trompeten mit
vier statt drei Ventilklappen. An sei-
nen Klavieren, so sagte er einmal
selbst, stimme nicht viel mehr als die
Anordnung der schwarzen Tasten in
Zweier- und Dreiergruppen. Trotz-
dem sind die Klaviere, die er zeichnet
– in intimen Salons, flankiert von
roten Samtvorhängen, einem winzi-
gen Mädchen mit Pferdeschwanz und
einer Katze, oder auf offener Bühne
als Ungetüm von Konzertflügel, dem
sich der befrackte Pianist nähert wie
ein Torero dem Stier –, Klaviere
schlechthin, so wie seine Musiker, ob
im Streichquartett oder in der Big-
band, Musiker schlechthin sind. Und
wer nicht wüsste oder es vergessen
hätte, was Fahrradfahren eigentlich
bedeutet – nämlich nicht eine Art der
Fortbewegung mit Hilfe eines durch
Muskelkraft angetriebenen Fahrzeugs
unter Ausnutzung des Drehimpulser-
haltungssatzes, sondern eine hoch-
emotionale und psychologisch aus-
drucksstarke Tätigkeit des Menschen,
die sich zusammensetzt aus Mühsal
und Leichtigkeit, Bedrängnis und
Freiheit, Angst und triumphalem
Glücksgefühl –, der halte sich an Sem-
pés Simple question d’équilibre, eine
Hommage an das Fahrrad und dessen
Benutzer, die vielleicht seine elegantes-
ten und beschwingtesten Zeichnun-
gen enthält.
D
ie Illusion von Stimmigkeit in
Sempés Bildern entsteht durchs
Detail. Ihr großer Reiz aber entsteht
durch die raffinierte Mischung und
Kontrastierung jener Details – die mit
größter Hingabe, beinahe kindlicher
Besessenheit und oft in irrwitziger
Anzahl ausgetüftelt sind –, mit Par-
tien, wo die souveränste Andeutung
vorherrscht. Landschaften, Bäume,
Ge wässer, aber auch Gesichter,
Kleider, Schuhe werden oft nur mit
sparsamsten Linien oder Pinselstri-
chen ausgeführt. Nicht so die Kaffee-
kanne älterer Bauart aus blauem Por-
zellan mit aufgesetztem Filterteil, die
seitlich auf einem Louis-xvi-Bei stell -
tischchen steht, nebst drei Mokkatas-
sen, Zuckerdose und Silberlöffelchen.
Acht Striche – und fertig ist der No-
tenständer, perfekt als solcher zu er-
kennen, jedes weitere Detail, sollte
man glauben, ist überflüssig. Nicht so
bei Sempé. Er fügt (und zwar unfehl-
bar) noch eine Flügelschraube hinzu,
die realiter eine Höhenverstellung der
senkrechten Teleskopstange ermög-
licht (obwohl er eine Teleskopstange
gar nicht zeichnet), und jene winzige,
über der Mitte der oberen Querstange
des Pultes hinausragende stilisierte
Lyra, die in der Tat bei gewissen
Klappnotenständern seit über hundert
Jahren als Verzierung und, bei Bedarf,
zum Anklemmen eines Lämpchens
dient – zwei völlig unnötige Einzel-
heiten, die aber dem an und für sich
banalen Gegenstand zugleich Komik
und Würde verleihen und da-
durch das Auge des Betrachters
ganz ungemein erfreuen. Von
den drei Dutzend mit rühren-
dem Eifer gezeichneten Schrau-
benschlüsseln in der Werkstatt
eines Fahrradhändlers bis hin
zum typischen Fensterknauf der
Pariser Altstadtwohnungen, der
sogenannten Olive, die es an Prä-
zision der Darstellung mit einer
technischen Zeichnung aufnehmen
könnte (das beherrscht er nämlich
auch) – die Liste der Sempé’schen De-
tails ist unerschöpflich, und ich will
nur noch eines davon erwähnen, weil
es auf unzähligen Sempé-Zeichnun-
gen erscheint, weil es mein
Lieblingsdetail ist, und
weil es in seiner Be-
deutung weit über
das hinausgeht, was
wir gemeinhin von
einem Detail er-
warten. Ich meine
die Sempé’sche
Porreestange.
E
ine Porree-
stange bei
Sempé hat meis -
tens zwei oder drei,
selten vier und nur in
einem einzigen Fall
acht sehr vereinzelt
wachsende Würzel-
chen. In Wirklich-
keit besitzt eine
ordentliche Por-
ree stange mindes -
Plötzlich durchzuckt einen
dieser kleine Stromschlag:
Das ist wie bei Sempé!
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
e
n
:

©

S
e
m
p
é
29 Diogenes Magazin
D
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

S
e
m
p
é
sein, Zwiebeln, Karotten, Kartoffeln,
weiße Rüben und das Viertel einer
Knolle Sellerie, dazu vielleicht noch
ein Stück durchwachsenes Rind-
fleisch von der Rippe oder ein Sup-
penhuhn.« Und der Betrachter, der als
zweites Signal etwa das Handtäsch-
chen am Arm der Hausfrau und ihr
Hütchen über onduliertem Haar er-
kennt, sieht in Sekundenschnelle den
pot-au-feu vor sich, den sie, denn es
ist Samstag, ihrem Gatten in weißer
Porzellanterrine zum
Mittagessen ser-
vieren wird, im
Salon einer
kleinen Pa-
riser Drei-
zimmer-
altbauwohnung mit Zierkamin,
Blüm chentapete und einem zerrupf-
ten Kronleuchter, der von der Stuck-
decke hängt. Handelt es sich bei dem
komplementären Signal jedoch um ein
Kopftuch, das die Hausfrau trägt, so
entsteht in unserer Phantasie sogleich
das Bild ihrer Souterrainwohnung
oder ihres winzigen Häuschens im
Dorf und darin vornehmlich der
Küche mit den an der Wand aufge-
hängten Pfannen und Kasserollen,
dem Abtropfgestell neben dem Spül-
stein und, auf einem leicht schmudde-
ligen Gasherd stehend, dem großen
Aluminiumtopf, in dem das erwähnte
Gemüse, geschält und in Stücke ge-
schnitten, in zwei Litern Wasser bro-
delt, um anschließend, durch die ble-
cherne moulinette getrieben, den
potage zu ergeben, eine Suppe von
rötlichbrauner Färbung und breiiger
Konsistenz, die nun ihrerseits wieder
tens hundert Würzelchen, die pinsel-
haft dicht beieinanderstehen. Sempés
Porreestangen stecken in den Ein-
kaufstaschen oder Fahrradkörben von
französischen Hausfrauen, und zwar
fast immer kopfüber, das heißt mit
dem bewurzelten Ende nach oben.
Wer je Porree gekauft und in einer
Einkaufstasche oder einem Fahrrad-
korb nach Hause transportiert hat
(Sempé gehört gewiss nicht dazu, ich
schon), weiß, dass eine solche Art des
Verstauens widersinnig, unpraktisch,
ja beinahe unmöglich ist, da sich die
Blätter des Gemüses nach oben hin
spreizen und folglich dem verkehrten
Einführen in ein Behältnis widerset-
zen. Es wäre, als wollte man einen
Weihnachtsbaum von der Spitze her
in sein Transportnetz zwängen oder
einen aufgefächerten Blumenstrauß
kopfüber in eine Vase stopfen. Sempé
schert sich nicht darum. Seit einem
halben Jahrhundert zeichnet er Por-
reestangen mit zwei oder drei ver-
trockneten Würzelchen, die falsch
herum in der Einkaufstasche stecken.
Nun gibt es dafür freilich eine techni-
sche Erklärung, die auch dem Dreh-
buchschreiber und dem Regisseur ge-
läufig ist: Die Porreestange hat kraft
ihrer herausragenden Länge als einzi-
ges Gemüse die Fähigkeit, den Be-
trachter auf rein visuelle Weise dar-
über aufzuklären, dass die Hausfrau,
aus deren Tasche sie hervorlugt, so-
eben vom Markt kommt, wo sie fürs
Mittag- oder Abendessen eingekauft
hat. Und verkehrt herum steckt sie in
der Tasche, weil sie sonst als Porree-
stange nicht mehr zu erkennen wäre,
sondern, beispielsweise, mit einer
noch nicht aufgeblühten Gladiole ver-
wechselt werden könnte. Aber das ist
nicht das Wesentliche. Sempés Por-
reestange, selbst wenn sie aus der
semantischen Not des Zeichners ge-
boren sein sollte, hat viel weiterrei-
chende Bedeutung. Sie ist ein Signal.
Sie sagt: »In den unsichtbaren Tiefen
dieser Tasche, aus denen einzig ich
mit meinem leicht verdickten und
kümmerlich bewurzelten Ende rage,
befindet sich noch anderes kümmerli-
ches Gemüse, nämlich, um präzise zu
eine ganze Kette von Assoziationen
privater, aber auch soziologisch be-
deutsamer Art auslösen kann. So viel
vermag eine von Sempé gezeichnete
Porreestange. Dass sie darüber hinaus
komisch ist, erwähne ich zuletzt und
beinahe mit Verlegenheit, denn es fällt
nicht leicht, diese Komik zu erklären.
Wie kann ein Gemüse komisch sein?
Gewiss, wenn die deutsche Bundes-
kanzlerin auf den Stufen des Élysée-
palastes vom französischen Staatsprä-
sidenten mit rotem Teppich und
republikanischer Garde empfangen
würde, und aus ihrer Handtasche
lugte eine Porreestange hervor, so
wäre diese Szene zweifellos komisch,
aber nicht wegen der Porreestange an
sich, sondern deshalb, weil sich ein
Gegenstand – es könnte genauso gut
ein Kochlöffel oder eine Klempner-
zange sein – überraschenderweise an
einem Ort zeigt, wo er absolut nichts
verloren hat. Sempés Porree hingegen
befindet sich an einem Ort, wo er
durchaus hingehört, nämlich in der
Einkaufstasche einer französischen
Hausfrau. Und dennoch ist er ko-
misch…
S
empés Humor ist von sehr eigener
Art. Zwar kennt und meistert auch
er die große und grobe Fallhöhe des
Grotesken, aber er braucht sie nicht.
Er kommt mit subtilerem Gefälle aus.
Un léger décalage heißt eines von
Sempés Alben, und im Grunde
könnte dieser Titel als Motto über sei-
nem ganzen Œuvre stehen: un léger
décalage, eine kleine Abweichung,
eine leichte Verschiebung, ein gerin-
ges Verrückt-Sein. Das Wort cale
steckt in dem Begriff, der Keil, und
gemeint ist nicht der Keil, der spaltet,
sondern der Keil, der eine Sache, ein
Möbel etwa oder einen Bilderrahmen,
an seinem rechten Platz und in seiner
unverrückten Form und Ordnung
festhält und dessen Entfernung – dé-
calage – das Wohlgefügte aus dem Lot
geraten lässt. Dieses Verrückt-Sein,
oder sagen wir der Einfachheit halber,
dieser Ruck, entsteht im Werk von
Sempé auf die mannigfaltigste Weise.
Schon in seinen frühen Zeichnungen
Aber Gott sein Dank ist
die Welt nicht nur wie
von Sempé gezeichnet …
30 Diogenes Magazin
D
ist er vorhanden, und sei es nur in der
Disproportion der Figuren im Ver-
hältnis zu ihrer Umgebung, in der
Gegensätzlichkeit von idyllischem
Bild und ätzender Bildunterschrift
oder in der schon er-
wähnten fast mani-
schen Hingabe ans
scheinbar nebensäch-
liche Detail. Später
wird er überaus deut-
lich, bei den Schimä-
ren etwa, oder wenn
Gottvater höchstper-
sönlich in Begleitung seiner Engelein
am Vorstadthimmel erscheint. Oder
bei jenem Ehepaar, das in der Abend-
sonne spazieren geht, er groß, sie
klein, beide von nichtssagender
Durchschnittlichkeit, ein geradezu
banales Bild – jedoch: Der Schatten,
den er wirft, ist klein, der ihre groß.
Und schließlich gibt es Bilder – viel-
leicht die schönsten –, da ist der Ruck
so unscheinbar, dass man ihn zwar so-
fort spürt, aber kaum noch, oder erst
nach längerer Betrachtung, dingfest
machen kann: zwei Starkstrommasten
am fernen Horizont und ein winziges
Flugzeug am Himmel über einem
uralten Bahnwärterhäuschen, vor dem
der Bahnwärter geduldig wartet, ir-
gendwo im Nirgendwo der Provinz;
drei abgelegte Ringe neben den Tasten
des Klaviers, auf dem eine junge Frau
spielt; die ganz leicht nach links ver-
schobene Pobacke einer Radfahrerin;
die blau kolorierte Mütze eines Kin-
des in einer ansonsten nur mit schwar-
zer Tusche ausgeführten Zeichnung;
die zwei oder drei Würzelchen am
Ende einer Porreestange… Es können
geringste Verrückungen sein, die
Sempés Bilder gleichsam aus dem
verkeilten Rahmen der Normalität
oder der scheinbaren Harmlosigkeit
kippen lassen und ihnen dadurch
Komik, leisen Witz oder hinreißen-
den Charme verleihen.
Ü
brigens auch tiefe Melancholie
und eine Dimension des Schre-
ckens und der Bedrohlichkeit. Denn
es ist keineswegs so, dass Sempé allein
der Großmeister der Heiterkeit und
des schmunzelnden Aperçus wäre.
Gewiss, da gibt es Bilder, in denen
sich die reine Lebensfreude spiegelt,
herrliche Gemälde des Schwelgens in
Stille, Sinnenlust und
Pracht. Diesen ste-
hen andere ge-
genüber, die den
Hass
und die
abgrundtiefe
Boshaftigkeit
des Menschen
zum Thema
haben, insbe-
sondere, wenn
es um das Ver-
hältnis der Ge-
schlechter zuein-
ander geht. Da sehen wir
Biedermänner, die ihre Gattinnen auf
subtil-sadistische Weise quälen oder
gar, zumindest in Gedanken, zertre-
ten und mit dem herabgerissenen
Kronleuchter zerschmettern. Und
ebenso biedere Damen, die ihren Ehe-
mann wie einen Hund halten. Oder
jene bürgerliche Hausfrau, die gerade
mit ihrer Freundin in der Küche das
Geschirr abspült und dabei durchs
Fenster ihrem Mann nachblickt, der
weit unten auf der Straße mit seinem
Aktenköfferchen ins Büro geht …
»Wenn ich ein Gewehr zur Hand
hätte«, so sagt sie lapidar, »ich könnte
ihm glatt die Birne wegschießen.«
B
ei der Mehrzahl der Bilder, der
Bildgeschichten und der Bild-
romane von Sempé ist aber eher eine
hintergründige Angst zu spüren und
eine Trauer über die Verlassenheit des
Einzelnen und der Paare, über die
Brüchigkeit der Welt, in der wir
leben, und des Lebens selbst. »Zu
Tisch!«, ruft gutgelaunt Madame
zum Fenster hinaus in die sommerli-
che Gartenpracht, sie hält die damp-
fende Suppenterrine in der Hand, der
Tisch ist schon gedeckt, die Flasche
Wein entkorkt; der aber, den sie ruft,
Monsieur, sitzt abseits unter einer
Pergola, mit wirrem Haar und gram-
zerfurchter Stirn, den verzweifelten
Blick auf eine Schachpartie gehef-
tet, die er unweigerlich verlieren
wird, denn sein Gegner, der
ihm gegenübersitzt, im ra-
benschwarzen Gewand und
mit der Sense über der
Schulter, ist kein anderer
als der Tod.
S
o weit reicht die
Spanne: von der
kleinen Witzzeich-
nung bis zum meta-
physischen Tableau.
Und in dieser Spanne
sind umfangen ein
höchst persönlicher,
höchst origineller
Blick auf die Welt
und zugleich eine
Chronik von der
Nachkriegszeit bis
in die Gegenwart von schier Bal-
zac’scher Fülle. Darum genügt es
nicht, ein Album von Sempé rasch im
Stehen in der Buchhandlung wie ein
Daumenkino durchzublättern – ach
wie nett, schau wie lustig! –, nein,
man muss es mit nach Hause nehmen,
den günstigen Moment abwarten, wo
man für eine gute Weile ungestört ist,
sich in eine Ecke damit setzen, am bes -
ten auf den Boden, und es Seite für
Seite anschauen, darin lesen (auch
wenn es keinen Text hat) und es lang-
sam dechiffrieren. Was für ein Ge-
winn, was für ein Vergnügen!

I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

S
e
m
p
é
Serie
W. Somerset Maugham
Im nächsten Magazin:
31 Diogenes Magazin
D
Wir verwirklichen uns nie.
Wir sind zwei Abgründe – ein Brun-
nen, der in den Himmel schaut.
Ich habe es stets abgelehnt, verstanden
zu werden. Verstanden werden heißt
sich prostituieren. Ich ziehe es vor, als
derjenige, der ich nicht bin, ernst ge-
nommen und als Mensch mit Anstand
und Natürlichkeit verkannt zu werden.
…mein ganzes Leben ist eine noch
nicht unterschriebene Quittung.
Vielleicht ist es mein Schicksal, ewig
Buchhalter zu bleiben, und Dichtung
und Literatur sind nur ein Schmetter-
ling, der sich auf meinem Kopf nieder-
setzt und mich umso lächerlicher
erscheinen lässt, je größer seine Schön -
heit ist.
Die Vorstellung zu reisen erfüllt mich
mit Ekel. Ich habe bereits alles gese-
hen, was ich nie gesehen habe. Ich
habe bereits alles gesehen, was ich
noch nicht gesehen habe.
Letzten Endes reist man am besten,
indem man fühlt. Alles auf alle Weise
fühlt. Alles im Übermaß fühlt.
Denn alle Dinge sind, genau genom-
men, maßlos. Und die gesamte Wirk-
lichkeit ist etwas Maßloses, etwas
Gewaltsames. Eine überdeutliche Sin-
nestäuschung.
Ich bin nichts. Werde nie etwas sein.
Kann nichts sein wollen.
Dennoch trage ich in mir alle Träume
der Welt.
Manche haben im Leben einen großen
Traum und versäumen diesen Traum.
Andere haben im Leben nicht einen
Traum und versäumen auch ihn.
Meinungen haben heißt sich an sich
selbst zu verkaufen. Keine Meinung
haben heißt existieren. Alle Meinun-
gen haben heißt Dichter sein.
Lesen heißt durch fremde Hand träu-
men. Flüchtig lesen heißt uns von der
Hand befreien, die uns führt. Ober-
flächliche Bildung ist die beste Vor-
aussetzung für ein gutes Lesen und
Tiefgang.
Seine Persönlichkeit erweitern, ohne
ihr etwas Fremdes hinzuzufügen –
weder von anderen etwas erbitten
noch anderen befehlen, aber die ande-
ren sein, wenn man andere braucht.
Unsere Bedürfnisse auf ein Minimum
herabsetzen, damit wir in nichts von
anderen abhängen.
Man hat mir von Menschen erzählt,
von Menschheit,
Doch ich habe nie Menschen gesehen
und nie eine Menschheit.
Wohl aber einige verblüffend unter-
schiedliche Menschen,
Jeder vom anderen durch einen men-
schenleeren Raum getrennt.
Wünsche wenig, und du bekommst
alles.
Wünsche nichts, und du bist frei.
Glücklich, wer vom Leben nicht mehr
verlangt, als es ihm aus freien Stücken
gibt, und sich vom Instinkt der Katzen
leiten lässt, die Sonne suchen, wenn
Sonne scheint, und wenn sie nicht
scheint die Wärme, wo auch immer sie
zu finden ist. Glücklich, wer auf seine
Persönlichkeit zugunsten der Vorstel-
lungskraft verzichtet, sich am Betrach-
ten fremder Leben erfreut und, wenn
auch nicht alle Eindrücke, so doch das
äußere Schauspiel der Eindrücke an-
derer erlebt. Glücklich, zu guter Letzt,
wer auf alles verzichtet und wer, da er
auf alles verzichtet hat, um nichts be-
schnitten oder gebracht werden kann.
Der Bauer, der Romanleser, der reins -
te Asket – diese drei kennen das Glück
des Lebens, denn alle drei verzichten
auf ihre Persönlichkeit – der eine, weil
er instinkthaft lebt und somit unper-
sönlich, der andere, weil er in der Vor-
stellungswelt lebt und somit im Ver-
gessenen, der Dritte, weil er nicht lebt
und, da er nicht tot ist, schläft.
Ach, was für Gefängnisse, die Wün-
sche! Was für ein Tollhaus, der Sinn
des Lebens!
Es nötig haben, andere zu beherr-
schen, heißt andere nötig haben. Der
Vorgesetzte ist ein Abhängiger.
Wir alle, die wir träumen und denken,
sind Hilfsbuchhalter in einem Stoffge-
schäft oder in irgendeinem anderen Ge-
schäft in irgendeiner Unterstadt. Wir
führen Buch und erleiden Verluste;
wir zählen zusammen und gehen wei-
ter; wir ziehen Bilanz, und der un-
sichtbare Saldo spricht immer gegen
uns.
Denken mit
Fernando
Pessoa
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

T
u
l
l
i
o

P
e
r
i
c
o
l
i
Diogenes Taschenbuch
detebe 23740, 160 Seiten
Denken
mit
Fernando
Pessoa
Sätze, Reflexionen,
Verse und Prosastücke
über Leben undTraum,
Seele undHerz, Vernunft und
Absurdes, Ästhetisches und
Mystisches
Diogenes
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

P
a
u
l

F
l
o
r
a
32 Diogenes Magazin
D
Inspiration
E
ine lästige Frage, die Autoren
immer wieder gestellt wird, ist:
»Woher haben Sie Ihre Ideen?« Aga-
tha Christie antwortete einmal ›very
british‹: »Meine Ideen besorge ich mir
immer bei Harrod’s.«
Ähnlich einfach geht es in Paul Flo-
ras Zeichnung Inspiration zu: Der
Schriftsteller pflückt sich aus dem
Buchstabenbaum einfach seine Ideen.
Die Realität sieht ein wenig kompli-
zierter aus. »Den ersten Anstoß zu ei-
nem Roman«, so Ian McEwan, »kön-
nen so unterschiedliche Dinge liefern
wie eine bestimmte Stimme, ein imagi-
närer Ort, der mich umtreibt, ein visu-
elles Detail.«
Oder aber reale Begebenheiten, Vor-
kommnisse. Zwei klassische Beispiele
sind Goethes Die Leiden des jungen
Werther und Flauberts Madame Bo-
vary. Der echte Werther hieß Karl
Wilhelm Jerusalem und war ein Be-
kannter Goethes. Er erschoss sich
nicht wegen einer Lotte, sondern
wegen der verheirateten Elisabeth
Herd. Diesen Fall und Goethes eigene,
vergebliche Liebeswerbung um Maxi-
miliane von La Roche (die ihn auch zu
Lottes berühmten schwarzen Augen
inspirierte) verwob er zu seinem Best-
seller.
Flauberts Emma Bovary hieß in
Wirklichkeit Delphine Delamare, und
wie die Romanfigur hatte sie blutjung
geheiratet, den Arzt Eugène Delamare
im Provinznest Ry. Aus Langeweile
und Frust ging sie Liebschaften ein,
vernachlässigte den Haushalt und
machte Schulden. Von ihren Liebha-
bern fallengelassen und von Gläubi-
gern bedrängt, vergiftete sich Del-
phine alias Emma. Der Fall hatte 1848
in Frankreich landesweit für Aufsehen
gesorgt, und Flauberts Freunde Ma-
xime Du Camp und Louis Bouilhet
hatten dem Schriftsteller geraten, aus
diesem fait divers einen Roman zu
machen.
Das Prinzip ist sich gleich geblieben:
Knapp 150 Jahre später erfuhr der
niederländische Autor Arnon Grün-
berg von einem Botschaftsangestell-
ten die Anekdote, die ihn zu seinem
Roman Gnadenfrist inspirierte: Bei
der Geiselnahme auf einem Empfang
in der japanischen Botschaft in Lima
1996 waren seltsamerweise keine hol-
ländischen Diplomaten anwesend.
Möglicherweise waren sie von einem
Mitglied der Guerillagruppe Tupac
Amaru gewarnt worden, einer Frau,
die mit einem niederländischen Di-
plomaten eine Affäre hatte. Im Roman
heißen sie Malena und Jean Baptist
Warnke.
Auch Anthony McCartens Super-
hero beruht auf einer ›vermischten
Meldung‹, die 2001 in Sydney für kon-
troverse Schlagzeilen sorgte. Ein 15-
jähriger Junge, der unheilbar an Krebs
Wo finden Schriftsteller die Ideen für ihre Bücher? Was inspi-
riert sie? Ein einsamer Mann am Strand, eine Frisörmesse in
London oder ein Lied im Radio – all das kann der Keim zu
einem Roman sein, wie Patricia Highsmith, Georges Simenon,
Christian Schünemann oder John Irving verraten.
Thema
S
o viele gut frisierte Menschen in London! 50000 Frisöre
aus der ganzen Welt sind im Oktober in der Stadt, um
auf der weltweit größten Frisör-Messe, dem ›Salon Inter-
national‹, zu sehen, was die Branche Neues zu bieten hat:
Haarscheren aus Titan, dieses Wundermaterial, das man
niemals zu schärfen braucht. Haarbügeleisen mit spie-
gelglatten Keramikflächen, die ohne langes Vorheizen
einsatzfähig sind. Von all den Frisören haben 5000
eine Eintrittskarte für die Royal Albert Hall ergattert,
wo am Abend die Besten der Besten auf der Bühne zei-
gen, was man mit Haaren alles anstellen kann.
Ich bin kein Frisör. Ich kann keine Schere mit Daumen und Ringfinger
halten und anderen Menschen damit in die Haare fahren. Ich kapiere nicht, wie Farbe
entsteht, wenn man eine farblose Masse auf die Haare klatscht, mit all diesen Säuren und Basen, die
ins Haar eindringen und im Dunst von Ammoniak Prozesse in Gang bringen, die ich schon im Chemieunter-
richt nicht verstanden habe. Ich habe nie behauptet, Frisör zu sein. Meine Romanfigur Tomas Prinz ist Frisör.
Er soll in seinen dritten Kriminalfall schlittern. Und in London, wo sich in diesen Tagen so viele Frisöre tum-
meln, wo so viel geschnippelt, gefärbt, gefönt, toupiert und gebürstet wird, da könnte auch ein Fall für Tomas
Prinz drin sein. Ich fahre los.
Ulrich Graf, der Starfrisör aus München, schleust mich in den Backstage-Bereich. Mit seinem Top-Stylist,
seiner Farbstylistin und sechs Händen frisiert er im Neonlicht die Köpfe seiner auserwählten Models, bedrängt
von den Stylisten anderer Teams, die rechts und links wundersame Frisuren vollbringen. Pyramiden werden
gezimmert, Türme gedrechselt, Nester geflochten. Ich versuche, den Meistern über die Schulter zu schauen,
ohne im Weg zu stehen, und den richtigen Moment für meine Fragen abzupassen. Sorry, ich bin kein Frisör,
kein Model, kein Choreograph, nicht mal ein Kostümbildner. Ich bin Schriftsteller. Ich bin allein unter Frisören
und suche den Anfang für meine Geschichte. Das ist im Getümmel so unmöglich, wie jedes Haar einzeln zu
kämmen. Wäre es vielleicht doch besser, durch den Hyde Park zu spazieren, Oxford Street und Buckingham
Palace anzusehen, statt mich hier zwischen den Frisörtruppen im Geschrei und Geföne zu verheddern?
Plötzlich ist es still. Eine Panne. Das Haarteil ist zu dick, zu wulstig und an den Enden franst es struppig aus.
Und während Graf fieberhaft überlegt, wie er dieses Problem lösen könnte, ohne dass ihm das Konzept mit Fri-
sur, Model und Choreographie um die Ohren fliegt, sehe ich sie hereinkommen:
Die junge Frau hat unglaublich rote Haare, viele sind es, und unglaublich lang
sind sie auch noch. Ich nenne sie Rosemarie. Im Roman. Sie wird aus Ipswich
kommen und eine Studentin sein.
In der Realität wirft Ulrich Graf das Haarteil in den Müll und sein Konzept
über den Haufen. Er kreiert etwas Neues. Die Zeit läuft. Bald beginnt die
Show. Sie wird ein riesiger Erfolg. Standing Ovations für Ulrich Graf. Die
Frau mit den roten Haaren ist längst verschwunden.
Ein Jahr später legt Ulrich Graf mein fertiges Romanmanuskript zur
Seite. Er hat die Beschreibungen von Schnitttechniken und Haarfarben ge-
lesen und auf Fehler korrigiert. Jetzt seufzt er und sagt: »Diese Rosemarie
mit den tollen roten Haaren wäre mir in London wie gerufen gekommen.«
Aber so eine Studentin aus Ipswich, die gibt es doch nur im Roman.
C
h
ristian
Sch
ün
em
an
n
A
lle
in
u
n
t
e
r
F
r
is
ö
r
e
n
F
o
t
o

o
b
e
n
:

©

U
l
r
i
c
h

G
r
a
f
,

M
ü
n
c
h
e
n
ren?« McEwans Antwort: »Liebes-
wahn ist pure Fiktion, der Roman ba-
siert weder auf einem eigenen Erlebnis
noch auf einer besonderen Begeben-
heit im Leben von jemand anderem…
auch wenn es jenen Ballonunfall in
Süddeutschland tatsächlich gab. Wenn
Literatur die Welt auf irgendeine in-
teressante Weise abbilden soll, ist es
unvermeidlich, und vielleicht sogar
notwendig, dass Schriftsteller alle
Stoffe benutzen, die sie wollen. Viel-
leicht gibt es da eine Divergenz zwi-
schen der angloamerikanischen Tradi-
tion auf der einen Seite und der
kontinental-europäischen auf der an-
deren. In der angelsächsischen Welt
sind die Grenzen zwischen Fiktion,
Journalismus und Sozialreportage oft
verwischt. Vielleicht schätzt die euro-
päische Tradition reine Erfindung als
das Höchste ein.«
Am Schluss von Liebeswahn ist ein
Artikel aus der British Review of
Psychiatry abgedruckt, in dem die
Professoren Robert Wenn und Anto-
nio Camia über einen realen Fall von
Clérambault-Syndrom berichten. In
einer Besprechung des Romans kriti-
sierte die New York Times: »Wenn
man im Anhang auf die Fallgeschichte
stößt, auf der der Roman basiert, weiß
man, wo das Problem liegt. McEwan
hat sich einfach zu nah an die Fakten
gehalten und seiner Phantasie nicht
genug Freiraum gelassen.« Der Rezen-
sent war wunderschön in die Falle ge-
tappt, denn es gibt weder die British
Review of Psychiatry noch die beiden
Professoren (die beiden Nachnamen
bilden zusammen ein Anagramm zu
Ian McEwan). Der ganze Fallbericht
war nichts weiter als eine kleine litera-
rische Spielerei von Ian McEwan und
eine ausgefuchste Rache an allen, die
denken, von realen Begebenheiten in-
spirierte Romane taugten weniger.
Was macht man aber, wenn die Idee
einmal da ist? Dann fangen die Pro-
bleme erst an, denn »Genie ist ein Pro-
zent Inspiration und neunundneunzig
Prozent Transpiration«, so Thomas
Alva Edison. Georges Simenon rech-
nete einmal aus, dass er während der
Niederschrift eines Romans fünfein-
halb Kilo verlor, pro Kapitel rund
achthundert Gramm.
Inspiration ist eben nicht alles,
Schweiß auch nicht. William Faulkner
behauptete: »Die chemische Analyse
der sogenannten dichterischen Inspi-
ration ergibt 99% Whisky und 1%
Schweiß.« Wie Christian Schüne-
mann, Georges Simenon, Patricia
Highsmith, John Irving oder Paulo
Coelho in den folgenden Beiträgen
zeigen: Eine Regel gibt es nicht.

erkrankt war, wollte vor seinem Tod
unbedingt entjungfert werden. Freun-
den wurde es erlaubt, ihn aus dem
Krankenhaus zu holen und ins Rot-
lichtviertel von Sydney zu entführen.
»Er war sehr, sehr glücklich, und nur
traurig darüber, dass es so schnell
vorbei war«, sagte der Krankenhaus-
Psychologe gegenüber der Presse.
Anthony McCarten stieß am 23. De-
zember 2001 im Daily Telegraph auf
diese Geschichte, vier Jahre später war
der Roman fertig. (Den Artikel kann
man noch heute online auf www.tele-
graph.co.uk nachlesen: »Me di cal row
over ›sex therapy‹ for dying boy«).
Ian McEwan findet auch in Wissen-
schaft und Forschung Inspiration,
ebenso wie in realen Begebenheiten.
Das Thema seines Romans Liebes-
wahn beispielsweise ist das Cléram-
bault-Syndrom, an dem Stalker häufig
leiden. Und das berühmte Anfangska-
pitel ist von einem Vorfall in Süd-
deutschland inspiriert: Ein Vater und
sein erwachsener Sohn versuchten bei
starkem Wind einen Werbeballon an-
zubinden, wurden dabei in die Höhe
gerissen und stürzten zu Tode. Nach
einer Lesung wurde Ian McEwan ge-
fragt: »Warum muss sich Ihre Inspira-
tion von Zeitungsnachrichten näh-
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

P
a
u
l

F
l
o
r
a
I
ch war mit einem Boot, der Ostrogoth, in Delfzijl angekom-
men… Eines Morgens ging ich in das kleine Café, wo ich
immer hinging und das ich sehr mochte. Es war ziemlich dun-
kel, strahlte aber eine außergewöhnliche Sauberkeit aus…
Ich bestellte einen Genever mit einem Tropfen Zitronensirup
und trank ihn in aller Ruhe, dann trank ich noch einen, und
ich möchte nicht beschwören, dass ich nicht noch einen drit-
ten bestellte… Wodurch wurde das alles in Gang gesetzt?
Durch drei Gläschen in der ruhigen und harmonischen Atmo-
sphäre meines kleinen Cafés? Durch die Penner, die ich in
allen Häfen getroffen hatte? Ich bin unfähig, darauf zu antwor-
ten. Den Mechanismus kenne ich im Grunde nicht. Es ist nie
der feste Wille da, ein Buch zu schreiben. Es beginnt eher mit einer Art Unbehagen. Viel- leicht das Bedürfnis, meiner unmittelbaren Realität zu entfliehen? Ich bin mir dessen nicht sicher, aber es ist eine Erklärung. Sobald eine Figur geboren ist, nimmt sie Form an, und ich möchte schwören, dass sie dann aus sich selbst heraus weiterlebt.
Wie andere Romanciers auch, nehme ich an, erhalte ich bis heute immer noch eine große Zahl von Briefen. Sie kommen aus den verschiedensten Ländern, den verschiedensten Mi- lieus auch, Ärzte, Psychologen, Psychiater, Professoren, dann auch noch die große Masse Menschen, die keine intellektuellen Berufe haben. Die meisten dieser Briefe, von wem sie auch kommen, stellen mir nun dieselbe Frage: »Wie läuft der Mechanismus Ihres Schaffens ab?« Beim ersten Maigret »Maigret und Pietr der Lette«, der auch der erste Roman war, den ich unter meinem eigenen Namen erscheinen ließ, versuche ich immer noch herauszufin- den, was das auslösende Moment war. Es geschah in Delfzijl in dem kleinen Café mit den so schön polierten Tischen und beim Geruch des Genevers.
Aber die anderen Romane? Ich glaube, dass eine Winzigkeit ausreicht, ein bestimmtes Licht, eine bestimmte Art von Regen, der Geruch eines Fliederbusches oder eines Misthau- fens. So wird in mir ein Bild ausgelöst, das ich mir selbst nicht ausgesucht habe und das manchmal keinerlei Beziehung hat zu der Empfindung ganz am Anfang: Das Bild eines Quais in Lüttich, Antwerpen oder in Gabun. Ein wimmelndes Durcheinander von Gesich-
tern. Lange Zeit gehörten diese Bilder fast ausschließlich
zu meiner Kinder- und Jugendzeit. Wir waren eine sehr
große Familie. Mein Vater hatte zwölf Geschwister, meine
Mutter auch zwölf, und das ging von der Nonne bis zum
Clochard, vom Selbstmörder bis zum Großgrundbesitzer,
von der Pächterin eines Bistros für Seeleute bis zu Patien-
ten geschlossener Abteilungen in Nervenheilanstalten. Den
Rest schenke ich mir! Wenn ich die Romane noch einmal
lesen würde, die ich bis zum Alter von etwa vierzig Jahren
geschrieben habe, würde ich wahrscheinlich Ähnlichkeiten
zwischen meinen Gestalten und Gestalten aus der Wirklich-
keit wiederfinden. Keine genauen Porträts. Nichts Präzises.
Ohne es zu wissen, hatten sie mich in eine Stimmung ver-
setzt, und auch ich selbst hatte davon keine Ahnung.
Aus dem Französischen von Hans Jürgen Solbrig
Georges Simenon
Der auslösende
M
om
ent
F
o
t
o
:

©

E
p
o
c
a
/
S
e
r
g
i
o

d
e
l

G
r
a
n
d
e
A
n den Ort, wo Ripley ›geboren‹ wurde, erinnere
ich mich, weil er sich dort als Gestalt ohne
Geschichte in mein Gedächtnis einnistete. Es war
in Positano, im Spätsommer oder Frühherbst
1951, als ich zum ersten Mal dort war. Ich wohnte
mit einer Freundin in einem Hotel, und vor unse-
rem Zimmer oder unseren Zimmern war ein Bal-
kon mit Blick auf den Strand und das Meer. Es ist
eine idyllisch geschwungene Küste mit angetäu-
ten oder vor Anker liegenden kleinen Fischer-
booten. Aber der Strand ist steinig und unangenehm für
die Füße. Eines Morgens wachte ich gegen sechs Uhr auf
und ging auf die Terrasse. Es war kühl und ganz still. Die
hoch hinter dem Hotel aufragenden Klippen konnte ich
nicht sehen, nur rechts und links ein Stück. Keine Men-
schenseele weit und breit, nichts regte sich, nur eine
Möwe da und dort, da sah ich auf einmal einen jungen
Mann in Shorts und Sandalen daherkommen, der mit
einem Handtuch über der Schulter von rechts nach
links am Strand entlangging. Er blickte zu Boden – na-
türlich, wegen der Steine. Ich konnte nur sehen, dass
er glattes, eher dunkles Haar hatte. In seiner ganzen Haltung lag etwas Nachdenkliches, es schien
ihm nicht wohl zu sein in seiner Haut. Und warum war er allein? Er wirkte auf mich nicht wie der
sportliche Typ, der zu so früher Stunde allein loszieht, um ein kühles Bad zu nehmen. Hatte er sich
mit jemandem gestritten? Was ging in ihm vor? Ich habe ihn nie wieder gesehen.
Und als ich mir dann die erste Ripley-Geschichte ausdachte, als ich die ersten Seiten schrieb – da
weiß ich gar nicht mehr, ob mir da die Szene mit der einsamen Gestalt am Strand von Positano
überhaupt wieder in den Sinn gekommen ist oder nicht. Ich hatte das Bild nicht schriftlich festge-
halten und habe es dann auch nie in einer Positano-Szene benutzt (das Dorf erhielt einen anderen
Namen). Es war wie ein verblichenes und dennoch unauslöschliches Foto in meinem Gehirn, na-
hezu vergessen, bis ich Jahre später von Journalisten gefragt wurde: »Woher hatten Sie diese Idee
mit Ripley?« Und während ich mir den Kopf nach einer Antwort zerbrach, mich zu erinnern ver-
suchte, wo das nur gewesen war, hatte ich auf einmal wieder diesen einsamen jungen Mann am
Strand vor mir, und ich beschrieb sein Aussehen – wie es mir aus mindestens zweihundert Metern
Entfernung vorgekommen war. »Haben Sie diesen Mann je kennengelernt?« lautete natürlich die
nächste Frage. Nein, und ich weiß nicht einmal genau, ob ich ihn noch je, etwa in einer Gastwirt-
schaft oder einer Bar in Positano, wieder gesehen habe. Ich war auf dieser ersten Europareise zwar
noch ein paar Tage in Positano geblieben, aber mir wäre nicht im Traum eingefallen, Ausschau
nach diesem Amerikaner zu halten, den ich einmal frühmorgens am Strand gesehen hatte. Wozu
auch, was hätte ich davon gehabt? Ein näheres Hinsehen hätte womöglich alles kaputtgemacht.
Aus dem Amerikanischen von Anne Uhde
Patricia Highsmith
Ripleys
Geburt
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

P
a
u
l

F
l
o
r
a
John Irving
D
e
r
le
t
z
t
e
S
a
t
z
A
lles begann im Januar 2005. Ich war in Vermont und unterwegs nach Rut-
land zu meiner Handchirurgin. Ich dachte über diesen Roman nach. Ich
wusste erst, dass es um einen Koch in einem Flößercamp ging, ein rauhes Pflaster in den
1950ern, als man Baumstämme noch bei einer Trift auf Flüssen transportierte. Ich wusste auch
schon, dass der Koch früh seine Frau verloren hatte und seinen 12-jährigen Sohn allein aufzog. Auf dem
CD-Player in meinem Wagen lief ein alter Bob-Dylan-Song, »Tangled Up in Blue«. Ich hatte diesen Song
bestimmt schon hundert Mal gehört. Plötzlich hörte ich eine Strophe ganz anders: »I had a job in the
great north woods/ Working as a cook for a spell / But I never did like it all that much/And one day the
ax just fell.«
Als ich bei meiner Handchirurgin ankam, hatte ich den letzten Satz meines Romans. So funktioniert
das bei mir immer. Ich fange mit dem letzten Satz an. Kaum bin ich im Sprechzimmer meiner Ärztin,
suche ich nach einem Stift. Auf ihrem Schreibtisch lag nichts als ein Rezeptblock. Und als die Ärztin
hereinkam und mich ihren Block vollschreiben sah, dachte sie, ich würde mir selbst ein Rezept ausstel-
len, für ein Schmerzmittel oder so.
»Er hatte das Gefühl, dass sein Leben, das große Abenteuer, gerade erst begann – so musste sich sein
Vater gefühlt haben, während der Nöte und furchtbaren Ereignisse seiner letzten Nacht in Twisted
River.« Es ist erst der zweite Roman von mir, bei dem ich den letzten Satz auch für den Titel verwenden
konnte. Bei »Garp und wie er die Welt sah« war es eher Zufall, hier ist es Absicht. Ich lege es nicht darauf
an, aber wenn es gelingt, freut es mich natürlich.
– Der neue Roman von John Irving erscheint voraussichtlich im April 2010 bei Diogenes.
Aus dem Amerikanischen von Anna von Planta
Paulo Coelho
Vor dem
Com
puter
E
in Buch schreiben gehört zu den einsamsten Tä-
tigkeiten der Welt. Alle zwei Jahre setze ich mich
vor den Computer, schaue auf das unbekannte Meer
meiner Seele und sehe, dass es dort ein paar Inseln
gibt – Ideen, die soweit gereift sind, dass sie erforscht
werden können. Dann besteige ich mein Boot namens
Sprache und halte Kurs auf die nächstgelegene Insel.
Unterwegs gelange ich in Strömungen, Winde, Stürme,
aber ich rudere immer weiter, bis zur Erschöpfung, bis
ich merke, dass ich von meinem Kurs abgekommen bin
und die Insel, zu der ich unterwegs war, am Horizont
nicht mehr zu sehen ist.
In diesem Augenblick gehen mir grauenhafte Szenarien durch den Kopf, zum Beispiel die, dass ich den Rest meines Lebens damit zubringen könnte, über frü- here Erfolge zu sprechen, oder dass ich junge Schriftsteller erbittert kritisiere, nur weil ich selber nicht mehr den Mut aufbringe, eigene neue Bücher zu publizieren. War es nicht mein Traum, Schriftsteller zu werden? Also muss ich weiterhin Ab- sätze, Kapitel schaffen, bis an mein Lebensende schreiben, ohne mich vom Erfolg, von Niederlagen, von Versagensängsten lähmen zu lassen. Denn was hätte mein Leben sonst für einen Sinn?
Ziellos am Strand von Copacabana spazieren gehen? Vorträge halten, weil reden einfacher ist als schreiben? Mich kalkuliert-mysteriös aus der Welt zurück- ziehen, zur lebenden Legende werden und auf viele Freuden verzichten?
Nach diesen Schreckensvisionen fasse ich den Entschluss: besser jetzt anfangen (ich muss immer eine weiße
Feder finden, aber das steht auf einem anderen Blatt). Ich merke, jedes Mal wenn ich ein Buch schreibe, wieder-
holt sich derselbe Prozess: Morgens wache ich um neun auf, bereit, mich gleich nach dem Frühstückskaffee an
den Computer zu setzen (früher war es die Schreibmaschine); ich lese die Zeitungen, mache einen Spaziergang,
gehe in die nächste Bar, um mit den Leuten ein Schwätzchen zu halten, komme nach Hause zurück. Dann fällt
mir ein, dass ich ein paar Leute anrufen muss. Ich starre den Computer an. Nun ist es bereits Mittagszeit, ich esse
ein Sandwich und sage mir, eigentlich hätte ich seit elf schreiben sollen. Anschließend muss ich meine E-Mails
durchsehen.
Wenn ich damit fertig bin, mache ich mich daran, Ordner aufzuräumen. Das mache ich eine Stunde lang – in der
mein Computer zum ordentlichsten der Welt wird.
Dann ist fast schon Zeit fürs Abendessen. Nur um vor mir selber kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, sage
ich mir, ich könnte ja noch eine halbe Stunde schreiben. Ich beginne aus Pflichtgefühl – aber plötzlich überkommt
es mich, und ich höre nicht wieder auf. Die Hausangestellte ruft mich zum Abendessen, ich bitte sie, mich nicht
zu unterbrechen, eine Stunde später ruft sie mich wieder, ich habe zwar Hunger, aber eine Zeile, einen Satz, eine
Seite muss ich noch schreiben. Als ich mich an den Tisch setze, sind die Speisen kalt, ich schlinge sie hinunter
und eile zurück an den Computer – jetzt bin nicht ich es mehr, der alles kontrolliert, ich komme auf Dinge, an die
ich nie zuvor gedacht habe, die ich mir nie hätte träumen lassen. Ich trinke eine Tasse Kaffee und noch eine, und
erst um zwei Uhr morgens, als mir vor Müdigkeit die Augen zufallen, höre ich mit dem Schreiben auf.
Ich gehe zu Bett, mache mir noch eine Stunde lang Notizen zu den Dingen, die ich im nächsten Absatz verwer-
ten will, die sich aber nachträglich immer als vollkommen nutzlos erweisen – das Notieren dient nur dazu, mei-
nen Kopf zu leeren, bis der Schlaf kommt. Ich gebe mir selber das Versprechen, am nächsten Tag schon um elf an-
zufangen. Doch der nächste Tag verläuft wie der Tag zuvor: Spaziergang, Plausch in der Bar, Mittagessen,
schlechtes Gewissen, Wut. Ich zwinge mich zur ersten Seite, und so weiter und so fort. Anders geht es nicht.
Aus dem Brasilianischen von Maralde Meyer-Minnemann
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

P
a
u
l

F
l
o
r
a
,

F
o
t
o
:

G
u
g
g
e
n
h
e
i
m

S
t
i
l
l
s
/
©

D
i
o
g
e
n
e
s

V
e
r
l
a
g
Bill Moyers: Lange, bevor ich Sie per-
sönlich kennenlernte, hat mir mein
Freund Joseph Campbell einmal er-
zählt, dass die folgende Szene aus Wo
die wilden Kerle wohnen eine der
großartigsten Stellen der Literatur sei.
Er hat das Buch geholt und mir die
Stelle vorgelesen: »Und als er dort
ankam, wo die wilden Kerle wohnen,
brüllten sie ihr fürchterliches Brüllen
und fletschten ihre fürchterlichen
Zähne und rollten ihre fürchterlichen
Augen und zeigten ihre fürchterlichen
Krallen, bis Max sagte: ›Seid still!‹, und
sie zähmte mit seinem Zaubertrick: Er
starrte in alle ihre gelben Augen, ohne
ein einziges Mal zu zwinkern. Da be-
kamen sie Angst und nannten ihn den
wildesten Kerl von allen und machten
ihn zum König aller wilden Kerle.«
Und dann hat Joseph Campbell ge-
sagt: »Dies ist ein großartiger Augen-
blick, denn nur wenn der Mensch
seine eigenen Dämonen bezwingt,
kann er König seiner selbst, wenn
nicht der ganzen Welt werden.«
Maurice Sendak: Sehr ergreifend. Das
habe ich gar nicht gewusst.
Bill Moyers: Und Sie haben sich das
einfach so ausgedacht?
Maurice Sendak: Das habe ich mir
einfach so ausgedacht.
Bill Moyers: Wie lang ist das her?
Maurice Sendak: Sehr lang. Als ich
Wo die wilden Kerle wohnen schrieb,
war ich 32. Und wenn er recht hat, ist
es wirklich ein schöner und sehr be-
wegender Gedanke.
Bill Moyers: Glauben Sie, dass er
recht hat? Müssen wir alle, Kinder
wie Erwachsene, unsere ungezähmten
Leidenschaften in den Griff bekom-
men?
Maurice Sendak: O ja, wir sind Tiere.
Wir sind gewalttätig, wir sind krimi-
nell. Wir unterscheiden uns gar nicht
sonderlich von den Gorillas, den
Affen, diesen wunderbaren Tieren.
Dabei sollen wir zivilisiert sein. Man
erwartet von uns, dass wir täglich zur
Arbeit gehen, dass wir nett zu unseren
Freunden sind und unseren Eltern
Weihnachtskarten schicken. All das
sollen wir tun, und das macht uns
ganz schön zu schaffen, da es in hefti-
gem Widerspruch zu dem steht, was
wir von Natur aus wollen. Und wenn
ich mir überhaupt etwas anrechnen
darf, dann vielleicht die Tatsache, dass
ich Kinder so sein lasse, wie sie wirk-
lich sind: unhöflich, liebevoll … sie
wollen nichts Böses. Sie kennen ein-
fach nur den rechten Weg nicht. Doch
wie sich dann manchmal herausstellt,
ist der sogenannte ›rechte‹ Weg der
völlig falsche Weg. Was für ein unge-
heures Durcheinander.
Bill Moyers: Ist das Schreiben von
Büchern manchmal so wie ein Gueril-
lakrieg?
Maurice Sendak: Ja, gut gesagt. Man
kämpft wirklich die ganze Zeit gegen
42 Diogenes Magazin
D
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

M
a
u
r
i
c
e

S
e
n
d
a
k
,

F
o
t
o

r
e
c
h
t
s
:

©

T
i
m
e

&

L
i
f
e

P
i
c
t
u
r
e
s
/
G
e
t
t
y

I
m
a
g
e
s
,

F
o
t
o

F
i
l
m
p
l
a
k
a
t
:

©

2
0
0
9

W
a
r
n
e
r

B
r
o
s
.

E
n
t
.

A
l
l

R
i
g
h
t
s

R
e
s
e
r
v
e
d
Ich habe mir nie
vorgenommen, Kinder-
bücher zu schreiben.
Maurice Sendak im Gespräch mit Bill Moyers
Reif sein ist alles
»Maurice Sendak gilt heute zu Recht als einer der besten Kinderbuchautoren der Welt, wenn
nicht als der beste überhaupt«, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Für das Time Magazine
ist er sogar der »Picasso des Kinderbuches«. Für seine Fans ist er vor allem der Vater des wohl
beliebtesten Bilderbuchs der Welt, Wo die wilden Kerle wohnen, das Hollywood jetzt verfilmt
hat. Grund genug für ein langes Gespräch über sein Leben und sein Werk.
Interview
Diogenes
Maurice Sendak
44 Diogenes Magazin
D
sich selbst. Ich weiß nicht, ich habe
mir nie vorgenommen, Kinderbücher
zu schreiben. Ich fühle mich nicht be-
rufen, Kinder zu retten; ich habe
ihnen nicht mein Leben geweiht. Ich
bin auch kein Hans Christian Ander-
sen. Niemand baut mir in irgendei-
nem Park ein Denkmal, auf dem Kin-
der herumklettern. Kommt nicht in
Frage, okay?
Weshalb trotzdem? Letztens habe
ich ferngesehen, und seitdem habe ich
so eine Ahnung. Es war eine Sendung
über Christa Ludwig, eine großartige
Opernsängerin, die ich mal in Europa
gehört habe. Jetzt zieht sie sich von
der Bühne zurück. Am Ende dieses
Konzerts gab sie überraschenderweise
ein Interview. Sie sagte: »Es ist gut
jetzt.« Daraufhin wurde sie gefragt:
»Warum lieben Sie Schubert? Sie sin-
gen fast nur Schubert.« Der Modera-
tor schien Schubert nicht besonders
zu mögen. »Ich meine, er ist so sim-
pel, fast wie ein Wiener Walzer.« Und
sie lächelte und sagte: »Schubert ist
groß und sehr zartfühlend, doch hat
er sich eine Form gesucht, die verhal-
ten und bescheiden schien, damit er in
diese Form gleichsam hineinschlüpfen
und emotional explodieren konnte,
damit er seine Gefühle in dieser Mi-
niaturform auf jede nur mögliche
Weise ausdrücken konnte.« Und ich
war plötzlich schrecklich aufgeregt.
Schreibe ich vielleicht deshalb Kin-
derbücher, habe ich mich gefragt.
Schließlich habe ich mir auch eine
einfache Form gesucht, eine, die in
den vierziger und fünfziger Jahren
wirklich sehr einfach war. Ich meine,
Kinderbücher waren schlicht das un-
terste Ende der Fahnenstange. Wenn
die Erwachsenen eine Verlagsparty
feierten, wurden wir nicht mal einge-
laden.
Bill Moyers: Männer schrieben da-
mals sowieso keine Kinderbücher. Das
war eine Welt der Frauen, nicht wahr?
Maurice Sendak: Stimmt, es war eine
Frauenwelt. Und in dem Augenblick,
in dem man auf eine Party kam,
wurde man scheel angesehen. »Was
machen Sie denn so?« – »Ich schreibe
Bücher für Kinder.« – »Ach ja? Meine
Frau würde sich bestimmt gern mit
Ihnen unterhalten.« So war es immer.
Immer. Als dann der Erfolg kam, gab
man den Frauen den Laufpass. Denn
sobald Geld im Spiel war, kamen die
Männer und haben alles vermurkst.
Sie haben das Geschäft ruiniert. Ich
erinnere mich noch gut an die Zeit.
Und ich habe gedacht: »Das hast du
getan.« Mein Selbstvertrauen ist nie
besonders ausgeprägt gewesen. Also
habe ich mich versteckt, ganz wie die
Opernsängerin Christa Ludwig es ge-
sagt hat, habe mich in dieser beschei-
denen, Kinderbuch genannten Form
versteckt, um mich ganz ausdrücken
zu können.
Ich wollte kein Maler werden, wollte
keine ausgefallenen Zeichnungen an-
fertigen, keine Bilder für irgendwel-
che Galerien. Ich wollte mich verste-
cken, wo mich niemand fand, wo ich
mich gänzlich zum Ausdruck bringen
konnte. In meinen besten Büchern
führe ich einen Guerillakrieg.
Bill Moyers: Warum haben Sie Wo die
wilden Kerle wohnen geschrieben?
Maurice Sendak: Ich weiß nicht, dar-
auf habe ich keine Antwort. Lassen
Sie mich aber kurz erzählen, wie es zu
dem Buch kam. Ich hatte bereits eine
Reihe von Büchern veröffentlicht,
aber damals, in den Fünfzigern,
konnte man kein Buch mit eigenen
Bildern machen, wenn man nicht
schon eine Reihe Bücher geschrieben
hatte, die ein wenig Geld einbrachten
oder doch zumindest bewiesen, dass
man Talent besaß und sich an ein
Buch mit eigenen Bildern wagen
konnte.
Damals sprang nicht viel Geld
dabei heraus. Ich glaube kaum, dass
Madonna in den Fünfzigern auf die
Idee gekommen wäre, ein Kinderbuch
zu schreiben. Aber dann war es so
weit. Ich hatte zehn Jahre Lehrzeit
hinter mir und konnte das Risiko ein-
gehen. Meine Lektorin hieß Ursula
Nordstrom, ohne Frage die beste
Kinderbuch-Lektorin überhaupt, eine
hinreißende, leidenschaftliche Frau,
die Talent auf zehn Meilen entdecken
konnte. Ich habe nicht studiert, bin
auf keine Kunsthochschule gegangen.
Meine Zeichnungen waren so plump,
meine Schuhe glänzten wie die von
Mutt und Jeff in den Comics von Walt
Disney. Aber sie hat über all das hin-
weggesehen und mich geformt, mich
dazu gebracht, erwachsen zu werden.
Und dann war es irgendwann Zeit für
mein erstes Bilderbuch.
Als Titel hatte ich vorgeschlagen:
Wo die wilden Pferde wohnen. Ursula
Nordstrom hat ihn geliebt, diesen
Titel, fand ihn poetisch und vielsa-
gend. Also gab sie mir einen Vertrag
für Wo die wilden Pferde wohnen,
doch nach ein paar Monaten stellte
sich dann zu ihrem Kummer und
Ärger heraus, dass ich keine Pferde
zeichnen konnte, dabei musste das
ganze Buch voller Pferde sein, wenn
es einen Sinn ergeben sollte.
Ich erinnere mich an ihren ätzenden
Ton, als ich die unterschiedlichs ten
Sachen ausprobierte. »Maurice«, sagte
sie schließlich, »was kannst du eigent-
lich zeichnen?«
Und ich dachte, na ja, alles Mögli-
che; ich kann alles Mögliche zeichnen,
nur ohne Vertrag kann ich überhaupt
nichts zeichnen. Aber dann ist jemand
gestorben, und mein Bruder, meine
Schwester und ich, wir waren beim
Schiwe-Sitzen, einem jüdischen Trau-
erritual, und wir konnten nicht an-
ders, wir mussten dauernd lachen, wie
hysterisch. Ich weiß noch, dass unsere
Verwandten aus der alten Heimat ge-
kommen waren, die wenigen, die her-
überkommen konnten, ehe sich die
Pforten schlossen, alles Verwandte
mütterlicherseits. Was haben wir sie
verabscheut! Die Grausamkeit der
Kinder, Sie wissen ja, Kinder sind un-
erbittlich. Und diese Leute sprachen I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

M
a
u
r
i
c
e

S
e
n
d
a
k
Kinderbücher waren
schlicht das unterste Ende
der Fahnenstange.
45 Diogenes Magazin
D
kein Englisch, sie waren ungepflegt,
hatten scheußliche Zähne. Nasen
sprossen aus wirrem Haar, und aus
den Nasen sprossen Härchen. Sie
hoben uns hoch, umarmten uns, küss-
ten uns: »Ach, fressen könnte ich
dich.« Wir wussten, sie würden alles
essen, einfach alles. Das waren sie
also, die wilden Kerle. Und als ich an
die Diskussionen mit meinem Bruder
und meiner Schwester dachte, daran,
wie wir über diese Leute gelacht
haben, die wir später so lieben lernten,
da beschloss ich, sie zu zeichnen, die
wilden Kerle, meine Onkel, Vettern
und Tanten. Und da waren sie.
Bill Moyers: Diese wilden Kerle sind
also …
Maurice Sendak: Ja, meine Verwand-
ten, meine jüdischen Verwandten.
Bill Moyers: Das Erscheinen von Wo
die wilden Kerle wohnen war eine
Riesensensation. Bibliotheken woll-
ten es nicht ins Regal stellen, ein Bi-
bliothekar sagte sogar: »Das ist kein
Buch, das ein sensibles Kind im Däm-
merlicht finden sollte.«
Maurice Sendak: Ja, wie im Chor hieß
es: »Gebt das Buch keinen Kindern.«
Bill Moyers: Aber warum?
Maurice Sendak: Wahrscheinlich war
es einfach das erste amerikanische
Kinderbuch, in dem das Kind frech
zur Mutter ist und sie sogar bedroht.
Unmöglich, absolut unmöglich. Und
dann sperrt sie den Jungen obendrein
auch noch auf sein Zimmer und gibt
ihm nichts zu essen. Unmöglich. So
was tun Mamas nicht. Und Kinder
regen sich nicht über ihre Eltern
auf. Unerhört, so etwas. Aber das
Schlimms te ist: Er kommt nach
Hause, und sie hat ihm etwas zu essen
hingestellt. Er wird nicht bestraft.
Bill Moyers: Als Sie erzählten, wie
Max sich über seine Mutter ärgert,
haben Sie da geahnt, dass man sich so
darüber aufregen würde?
Maurice Sendak: Nein. Meine Mutter
war oft sauer auf mich. Das war für
mich überhaupt nichts Ungewöhnli-
ches. Ich meine, mir kommt es sogar
vor, als ob sie ständig sauer auf mich
gewesen wäre. Sie hat mich auf Jid-
disch einen ›wilden Kerl‹ genannt und
durch das ganze Haus gejagt. Also
habe ich mich auf der Straße versteckt
und gehofft, dass sie alles vergessen
hatte, wenn ich mich abends wieder in
die Wohnung schlich. Für mich war
das normal, so wie man sich duckt,
wenn der Vater nach einem ausholt.
Meine Mutter war hart, sehr hart.
Bill Moyers: Wurden Sie je ohne
Essen ins Bett geschickt?
Maurice Sendak: Ich bin oft ohne
Abendessen ins Bett gegangen, weil
ich gehasst habe, was meine Mutter
uns gekocht hat. Das war für mich
keine Strafe. Wenn sie mich bestrafen
wollte, hat sie mich zum Essen ge-
zwungen. Das stimmt, wirklich. Wir
hausten in einer ziemlich unordentli-
chen, wüsten Wohnung, drei Kinder,
ein hart arbeitender Vater, eine Mut-
ter, die emotionale und psychische
Probleme hatte, von denen wir aber
nichts wussten. Mamis sind angeblich
immer perfekt. Sie sollen für dich da
sein, dich lieben, dich küssen. Filme,
die wir sahen – etwa mit Claudette
Colbert, die ihre Kinder umarmt –,
zeigten uns, wie es sein sollte. Aber so
war es eben nicht, und dafür hatten
wir überhaupt kein Verständnis.
Bill Moyers: Wenn ich das richtig ver-
stehe, haben Sie keine Geschichte er-
funden, sondern beschrieben, was sie
selbst erlebt haben.
Maurice Sendak: Aber genau das ist
die Kunst. Ich meine, man erfindet
doch keine Geschichten, man lebt sein
Leben. Ich bin aber nicht Max. Mir
fehlt der Mut, den Max hat. Und ich
hatte auch nicht so eine Mutter wie
Max, eine Mutter, die geben, die lie-
ben kann. Sie kennen diese kleine
Szene, sie ist völlig trivial und findet
in jedem Haus statt, an jedem Diens-
tag oder Donnerstag: Er wird wütend,
sie wird wütend. Und so machen sie
weiter, bis er fünfunddreißig ist und
eine Therapie anfängt, weil er sich
fragt, warum er nicht heiraten kann.
Ich werde oft gefragt: »Was ist aus
Max geworden?« Eine etwas ver-
schämte Frage, auf die ich gern ant-
worte: »Na, er steckt sein Leben lang
in einer Therapie und muss eine
Zwangsjacke tragen, wenn er vor sei-
nem Therapeuten sitzt.«
Bill Moyers: Dies ist vermutlich eine
merkwürdige Frage, aber ich muss Sie
Ihnen trotzdem stellen: Sie wurden
doch 1928 geboren, nicht wahr?
Maurice Sendak: Ja.
Bill Moyers: Und ich habe gehört,
dass Ihnen die Entführung und Er-
mordung des kleinen Lindbergh
schrecklich zu schaffen gemacht hat …
Maurice Sendak: O ja! Sehen Sie, die-
ser Junge, das war ich, es ging allein
um mich … Das Kind wurde 1932
entführt, am 2. März 1932, also war
ich etwa dreieinhalb Jahre alt. Ich
kann mich noch genau erinnern. Ich
weiß, dass ich nicht lesen konnte, aber
das Radio war ständig an.
Ich erinnere mich an die tränener-
stickte Stimme von Frau Lindbergh,
als sie im Radio sprechen durfte. Sie
sagte, ihr Baby habe eine Erkältung,
und ob der Mann oder die Männer
oder die Frauen, die ihn entführt hat-
ten, ihm bitte die Brust mit Kampfer
einreiben könnten. Es sei nur eine
leichte Erkältung, aber sie wolle nicht,
dass sie schlimmer würde. Daran
kann ich mich lebhaft erinnern.
Bill Moyers: Wenn Sie sagen, Sie seien
das gewesen, dann meinen Sie, Sie hät-
ten diese Angst gekannt? Hatten Sie
Angst, entführt zu werden?
Maurice Sendak: O ja, und wie. Ich
war ein sehr krankes Kind und hatte
Angst vor dem Sterben. Meine Eltern
waren Immigranten. Sie waren nicht
zimperlich, nicht diskret. Sie haben
immer geglaubt, ich würde sterben.
Und meine Mutter hatte geweint und
geschrien, weil ich so ein krankes
Baby war. Ich habe das alles gehört. I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

M
a
u
r
i
c
e

S
e
n
d
a
k
Man erfindet doch
keine Geschichten,
man lebt sein Leben.
46 Diogenes Magazin
D
Ich wusste bereits sehr früh, dass ich
sterblich bin. Meine Großmutter hat
mir einen weißen Anzug genäht, dazu
trug ich weiße Strümpfe und weiße
Schuhe. So saß ich dann mit ihr auf
der Veranda vor dem Haus, damit der
Engel des Todes glaubte, ich sei schon
ein Engel, und deshalb an uns vorbei-
flog. Ich war ganz weiß angezogen,
und solange ich weiß angezogen war,
konnte mir nichts passieren.
Bill Moyers: Man hat Sie so angezo-
gen, um das Schicksal zu täuschen?
Maurice Sendak: Ja. Ich hatte gerade
eine schwere Krankheit überstanden,
und in den Nachrichten ging es fast
nur noch um das Lindbergh-Baby. Ir-
gendwie gab es da für mich einen selt-
samen Zusammenhang. Es hieß, ich
würde nicht lange leben, das hatte
man mir gesagt – das Baby der Lind-
berghs wurde entführt, aber es konnte
doch nicht sterben, weil es schließlich
ein reiches, nichtjüdisches Baby war.
Es hatte blaue Augen und blondes
Haar, sein Vater war Captain Marvel
und die Mutter die Prinzessin des
Universums. Außerdem wohnten sie
in einem Ort namens Hopewell in
New Jersey, wo es Schäferhunde gab,
Kindermädchen und Polizei. Wie
sollte da jemand unerkannt eine
Mauer hochklettern, in ein Zimmer
einsteigen und ein Baby stehlen kön-
nen? Wie schutzlos waren Babys
selbst unter den Reichen?
Jedenfalls konnte ich den Gedanken
nicht ertragen, dass das Baby tot war.
Mein Leben hing davon ab, dass die-
ses Baby wiedergefunden wurde,
denn wenn es starb, hatte ich keine
Chance. Ich war schließlich nur das
Kind armer Leute, verstehen Sie? Ich
meine, es klingt vielleicht nicht beson-
ders sinnvoll, aber so lautete für mich
nun mal die Gleichung. Als aber das
Baby tot aufgefunden wurde, ist et-
was sehr Wichtiges in mir gestorben…
ich weiß nicht, wie ich es nennen soll.
Bill Moyers: Sie sagen, etwas sei in
Ihnen gestorben. Ich bin kein Thera-
peut, nur ein Journalist, aber für ein
paar Pennies sage ich Ihnen, was ich
davon halte. Ich glaube, damals wur-
den all diese Bücher in Ihnen geboren, F
o
t
o
:

©

T
h
e

N
e
w

Y
o
r
k

T
i
m
e
s
/
R
e
d
u
x
l
/
l
a
i
f
47 Diogenes Magazin
D
die düsteren Phantasien, Träume,
diese Vorstellungen vom Bösen in der
Welt, mit dem sich die Kinder herum-
schlagen müssen.
Maurice Sendak: In vielen Kinderbü-
chern kommt der Tod vor, der tote
Vogel, die tote Katze, der tote dies, die
tote das. Ich weiß nicht, ich behaupte
nicht, die richtige Antwort zu ken-
nen. Ich gebe sie höchstens indirekt,
ich formuliere sie nicht aus, aber Kin-
der mögen umgeben sein von Men-
schen, die sie lieben und beschützen,
doch Kinder müssen wissen, dass es
schlimme Dinge gibt.
Bill Moyers: In Ihren Büchern kom-
men oft mutige Kinder vor. Was muss
ein Kind haben, um mutig sein zu
können?
Maurice Sendak: Unschuld. Eine
große Unschuld, so dass es wirklich
nicht weiß, wie böse die Welt sein
kann. Wie kann sie denn auch nur so
böse sein?
Bill Moyers: Fasziniert Sie der Tod?
Maurice Sendak: Ein wenig. Es ist
schon seltsam mit ihm. Der Tod ist
ein Abenteuer. Und wissen Sie, wer
das gesagt hat? Ausgerechnet Peter
Pan. Ich mag den Jungen nicht.
Bill Moyers: Warum nicht?
Maurice Sendak: Ach, es liegt eigent-
lich nicht an ihm, sondern an seinem
Autor J.M. Barrie. Dieses Sentimenta-
lisieren von Kindern, dieses Verniedli-
chen. Schaut man Peter Pan ins Herz,
ist er doch vom Tod wie besessen. Er
fürchtet sich vor dem Leben. Vergisst
man die dämliche Musik und diesen
blöden Unsinn – das Krokodil und
Hook und all das Zeugs –, ist es eine
wirklich höchst merkwürdige Ge-
schichte. Na ja, Barrie war auch ein
merkwürdiger Mann.
Bill Moyers: Können Sie etwas über
Ihren Freund Lloyd aus Ihrer Kinder-
zeit erzählen?
Maurice Sendak: Was? Wieso?
Bill Moyers: Weil ich glaube, dass die
Lindbergh-Geschichte dazu passt,
aber wenn ich mich irre und Sie nicht
wollen …
Maurice Sendak: Nein, Sie haben
recht, es gehört dazu. Mag sein, dass
ich noch im Kindergarten war, sechs
Jahre, vielleicht auch sieben, jedenfalls
habe ich mit meinem Freund Lloyd
gespielt. Diese hohen Wohnhäuser in
Brooklyn mit den langen Wegen da-
zwischen, auf denen wir Kinder her-
umtobten. Der sicherste Ort zum
Spielen. Wäsche hing zwischen den
Gebäuden. Lloyd und ich spielten
Ball. Der Ball war groß – ich glaube,
dass er groß wie ein Basketball war.
Wir haben ihn uns einfach nur zuge-
worfen, hoch und immer höher, um
ihn dann aufzufangen. Ich habe ihn
geworfen, sehr hoch, und er hat ver-
sucht, ihn zu fangen, was aber nicht
gelang, der Ball prallte auf und rollte
auf die Straße. Und Lloyd tat, was uns
strikt verboten war, er lief nämlich di-
rekt auf die Straße. Man konnte ihn
gar nicht kommen sehen. Dann weiß
ich noch – ich kann mich an kein Auto
erinnern, aber ich sehe Lloyd, wie er
lang ausgestreckt durch die Luft
fliegt. Vielleicht trügt die Erinnerung,
aber ich sehe seine Arme, den Kopf –
er fliegt. Dann weiß ich nur noch, dass
es passiert ist, dass er gestorben ist. Er
war auf der Stelle tot.
Bill Moyers: Eine wahre Geschichte.
Maurice Sendak: Ja, sie ist wahr.
Bill Moyers: Und so viele Kinder flie-
gen in Ihren Geschichten – Ida, die
Kinder auf den Amseln, Mickey…
Maurice Sendak: Ja, in I Want to Paint
My Bathroom Blue fliegt der Held
durch das ganze Buch. Und im Ran-
dall-Jarrell-Buch fliegt er auch. Sie
sind besser als mein Therapeut.
Bill Moyers: Und billiger!
Maurice Sendak: Richtig, und netter.
Bill Moyers: Fühlen Sie sich für
Lloyds Tod verantwortlich? (Sendak
nickt.) Fühlen Sie sich für die Kinder
in Auschwitz verantwortlich?
Maurice Sendak: Für die Kinder in
Auschwitz fühle ich mich nicht ver-
antwortlich – auch wenn mir meine
Eltern das einreden wollten.
Bill Moyers: Warum das?
Maurice Sendak: Wenn ich lange
draußen blieb und das Essen auf dem
Tisch stand, wenn man mich schon
dreimal gerufen hatte, ich aber immer
noch Stoopball oder sonstwas auf der
Straße spielte, dann sagte meine Mut-
ter, ich sollte jetzt lieber raufkommen,
denn: »Weißt du, dein Vetter Leo, der
ist in deinem Alter, aber er darf nicht
Ball spielen, der ist nämlich im Kon-
zentrationslager und vielleicht schon
tot. Du hast großes Glück, dass du
hier bist, und jetzt kommst du nicht
mal rauf, um zu essen. Leo hat nichts
zu essen.« So wurde mir ständig ein
schlechtes Gewissen eingeredet, weil
ich großes Glück gehabt habe – das
Glück, dass mein Vater hierhergezo-
gen ist –, ich meine, das war doch
wirklich einfach nur dummes Glück.
Bill Moyers: Dass Sie dem Holocaust
entkommen sind?
Maurice Sendak: Ja. Mein Vater ist
hergezogen, meine Mutter ist herge-
zogen. Sie waren arm, haben Arbeit
gesucht, haben Geld verdient, Leute
rübergebracht, blablabla. Aber als sie
herzogen, gab es noch keinerlei An-
zeichen von einem Holocaust, nur
den üblichen, normalen Antisemitis-
mus, den sie gewohnt waren. Also ja,
ich habe sie gehasst. Ich habe diese
toten Kinder gehasst, weil sie mir
ständig vorgehalten wurden. Das war
so grausam von meinen Eltern. Ich
habe mich ständig so gefühlt, als wäre
es unverschämt, wenn ich Spaß hatte,
während diese Kinder im Ofen gebra-
ten wurden.
Bill Moyers: Wie beschwichtigen Sie
Ihre Dämonen? Wie finden Sie Ihren
Frieden in einer Welt, die so voller
schauriger Dinge ist?
Maurice Sendak: Ich weiß nicht. Ich
lese. Als ich herkam, war ich zum Bei-
spiel schrecklich aufgeregt. Wird alles
gut gehen, habe ich mich gefragt, aber
ich hatte ein kleines Buch mit Gedich-
ten von Emily Dickinson dabei, das
bequem in jede Tasche passt. Und ich
Kinder mögen umgeben
sein von Menschen,
die sie lieben und
beschützen, doch Kinder
müssen wissen, dass es
schlimme Dinge gibt.
48 Diogenes Magazin
D
las drei, vier Gedichte. Sie ist so tap-
fer, diese aufregende, leidenschaftli-
che, kleine Frau. Danach habe ich
mich gleich besser gefühlt. Kunst ist
schon immer meine Rettung gewesen.
Herman Melville, Emily Dickinson
und Mozart sind meine Götter. Ich
glaube an sie mit aller Kraft. Wenn
Mozart in meinem Zimmer ertönt,
bin ich mit etwas verbunden, das ich
nicht erklären kann und auch nicht zu
erklären brauche. Ich weiß, wenn es
für mich einen Lebenszweck gibt,
dann den, Mozart zu hören. Oder ich
gehe im Wald spazieren und sehe ein
Tier, dann ist es der Zweck meines
Lebens, dieses Tier zu sehen. Ich kann
es mir ins Gedächtnis rufen, kann es
beobachten. Dazu bin ich hier. Und
das ist wichtiger als mein Ego, wichti-
ger als alles, was mich ausmacht. Ein
Beobachter.
Bill Moyers: Ihr Freund Tony
Kushner sagt, Ihr Gemüt würde von
Fatalismus und Glauben überschattet.
Maurice Sendak: Von Glauben? Na
ja, gut.
Bill Moyers: Stimmt das? Er kennt Sie.
Sendak: Richtig, er kennt mich fast zu
gut. Fatalismus: Ja. Die Kriege in
Europa durchlebt und so viele Men-
schen in der Familie verloren, als ich
noch ein Kind war – ich habe sie nicht
einmal alle gekannt. Glaube: totaler
Glaube an die Kunst.
Bill Moyers: An die Kunst?
Maurice Sendak: An die Kunst –
Melville ist ein Gott.
Bill Moyers: Und warum?
Maurice Sendak: Weil ich verehre,
was er schrieb. Er war ein Genie. Er
schrieb Moby Dick, Pierre, Maskera-
den und Billy Budd.
Bill Moyers: Billy Budd, dieses ewige
Kind.
Maurice Sendak: Macht den Leuten
eine höllische Angst und weckt ihren
Hass. Weil er so gut ist. Claggart
bringt ihn um. Claggart hat den Jun-
gen im Visier. So viel Güte und blon-
des Haar, solche blauen Augen will er
nicht tolerieren. Das macht Angst,
da will man zuschlagen, ausradieren.
Sind wir kein Land, wo Dinge gern
ausradiert werden? Wir mögen es,
wenn Menschen versagen, das lieben
wir einfach. Die New York Times ist
manchmal voll davon, auf jeder Seite
Geschichten von Menschen, die ver-
sagen. Und geht es nicht gerade um
Kinder, die vom Dach fallen oder in
Öfen gesteckt werden, geht es um
Skandale. Wer macht Fehler, welcher
Film bringt weniger Geld, wessen Bü-
cher sind Flops, welchen Künstler
trifft man nicht mehr auf den New
Yorker Partys. Übertreibe ich? Ich
habe damit nichts mehr zu tun. Sagen
wir einfach, es liegt am Alter. Ich bin
von allem enttäuscht, wie es alte Leute
traditionellerweise eben sind. Das
macht mir zu schaffen, und ich frage
mich: »Bin ich zu traditionell?
Kämpfe ich nicht genug dagegen an?«
Aber mir ist nicht nach Kämpfen.
Bill Moyers: Ist die Zeit für eine
gewisse Lebensreife gekommen? Ich
meine, schließlich werden Sie niemals
sterben. Das meine ich ernst. Die meis -
ten von uns leben nur so lang, wie sich
ihre Enkel an sie erinnern, aber Sie
werden niemals sterben.
Maurice Sendak: Da habe ich eine
Neuigkeit für Sie: Auch mich wird’s
mal nicht mehr geben!
Bill Moyers: Aber die Bücher bleiben.
Maurice Sendak: Die Bücher bleiben,
doch ich werde tot sein. Was ich jetzt
sage, ist nicht witzig gemeint und
klingt hoffentlich auch nicht dumm,
denn es ist einfach ein wunderbares
Vermächtnis. Ich habe meinen Erfolg
nie selbstverständlich gefunden, er hat
mich stets überrascht, und ich habe
mich immer darüber gefreut. Manche
meiner Bücher liebe ich aufrichtig, an-
dere hasse ich, wieder andere sind mir
völlig egal, aber wenn man mir sagt:
»Wie kannst du bloß deprimiert sein,
Maurice? Deine Bücher wird es immer
geben«, dann denke ich: »Ja und? Wen
kümmert’s? Was soll ich jetzt machen,
was soll ich für mich machen, bevor es
vorbei ist?« Außerdem möchte ich
wieder frei und unbekümmert sein,
so wie damals als Kind, als ich mit
meinem Bruder Flugzeuge gebastelt
und ein vollständiges Wachsmodell
der Weltausstellung von 1939 gemacht
habe. Wir hatten unseren Spaß. Damit
will ich sagen, dass ich eine Karriere
und meinen Erfolg gehabt habe –
wollte Gott, Herman Melville wäre es
so ergangen, er hätte den Erfolg viel
eher verdient gehabt. Herman Melville
ist im Leben nichts Gutes widerfah-
ren. Ich möchte bis an mein Ende ar-
beiten, für mich leben, reif sein ist
alles. Was aber diese Reife ist, das muss
jeder für sich selbst herausfinden.
Bill Moyers: Sie zitieren Shakespeare
– erinnern Sie sich an das vollständige
Zitat aus König Lear?
Maurice Sendak: »Dulden muss der
Mensch sein Scheiden aus der Welt,
wie seine Ankunft: Reif sein ist alles.«
Bill Moyers: Reif sein? Fühlen Sie
sich denn nicht reif genug?
Maurice Sendak: Ich werde jeden Tag
ein bisschen reifer. Damit will ich
sagen, dass das Leben für mich mit
zunehmendem Alter immer besser
wurde. Ich meine, jung sein war doch
wirklich eine ungeheure Zeitver-
schwendung. Ich war ein schrecklich
unglücklicher Mensch. Ich werde oft
gefragt: »Wie jung möchten Sie wie-
Kunst ist schon
immer meine
Rettung gewesen.
80 Seiten, 16,7 x 17 cm, Pappband
ISBN 978-3-257-00525-7
Die Abenteuer eines kleinen
wohlbehüteten Hundes, der
auszieht, das Leben zu erleben.
Denn: »Es muss im Leben mehr
als alles geben.«
Buchtipp
49 Diogenes Magazin
D
der sein?« Und ich antworte meist:
»Na ja, sagen wir 69?« In der Zeit, die
davor lag, war das Lernen so langsam,
das Vollenden, die Erfahrungen, das
Einschätzen dieser Erfahrungen …
Erst jetzt fühle ich mich – na ja, viel-
leicht nicht gerade glücklich, ich weiß
nicht, was das ist –, aber zufrieden.
Bill Moyers: Nehmen wir das als
Schlusswort – und wie geht es aus:
»Und er lebte zufrieden bis an sein
Ende« oder »Die Nacht senkte sich
herab«?
Maurice Sendak: Ich bin inzwischen
so reif, dass die Leute mich richtig
zum Anbeißen finden. Ach, ich weiß
nicht. Sagen wir nur: Wenn ich von
Reife rede, denke ich an einen Brief,
den John Keats an seinen nach Ame-
rika ausgewanderten Bruder schrieb.
Er schilderte, wie es für ihn war, ein
Stück Pfirsich zu essen. Es gibt kaum
eine zweite Textstelle, die so sexy ist:
Wie er langsam den Pfirsich in den
Mund steckt. Nichts überstürzen.
Lass dem Gaumen Zeit, die Frucht zu
schmecken, lass sie auf der Zunge lie-
gen, lass sie ein bisschen zergehen, lass
dir den Saft aus den Mundwinkeln
rinnen… Es ist, als beschriebe er eine
unglaubliche Sexorgie. Und dann,
dann beißt man zu. Aber reif muss er
sein, der Pfirsich, köstlich muss er
sein, keinen Augenblick seiner Köst-
lichkeit darf man verschwenden. So
war das Leben für ihn, den großen
Dichter. Alles zu genießen, alles was
geschieht. Ich möchte reif werden.

© Public Affairs Television.
All rights reserved.
F
o
t
o
:

©

J
.

S
c
o
t
t

A
p
p
l
e
w
h
i
t
e
/
A
P
/
K
e
y
s
t
o
n
e
Wo die wilden Kerle wohnen?
Auch im Weißen Haus in
Washington! Während der dies-
jährigen Osterfeier im Garten
des Weißen Hauses las Präsident
Barack Obama das Buch höchst-
persönlich Kindern vor (und auch
seinen Bodyguards).
Bitte ausgefüIIten Ccupcn senden an:
WELT am SONNTAG, Brieffach 76 60, 10867 BerIin.
WELT am SONNTAG BesteIIccupcn
Ja, ich Iese 9 Ausgaben der WELT am SONNTAG zum Preis vcn 6 für nur
17,40 C und spare 33 %. ZusâtzIich erhaIte ich eine ThaIia-Geschenkkarte im
Wert vcn 10,- C aIs Geschenk (Beste¦¦·Nr.: 53296).
lch bin damit einverstanden, dass die vcn mir cben angegebenen Daten für Beratung,
Werbung und zum Zweck der Marktfcrschung durch die AxeI Springer AG und mit ihr
verbundene Unternehmen gespeichert und genutzt werden.
lch bin damit einverstanden, dass AxeI Springer AG/UIIstein GmbH (VerIag) mir weitere
Medienangebcte per TeIefcn/E-MaiI/SMS unterbreitet. FreiwiIIige Angabe.
lch kann der Nutzung meiner Daten zu Werbezwecken jederzeit beim VerIag widersprechen.
Lieferhinweis:

Hausbrìefkasten

Außenbrìefkasten

8onstìges:
Bitte Iiefern Sie mir die WELT am SONNTAG:

schne¦¦stnog¦ìch

bìtte ab
(spätestens
30.ll.2009)

Datun Unterschrìft
Nane, Vornane Oeburtsdatun
8traße´Nr.
FLZ Ort
Te¦efon¯ E·Ma즯 (¯Für eventue¦¦e Fückfragen, freìw즦ìge Angabe.)
Wenn ìch dìe WELT an 8ONNTAO danach weìter¦esen nochte, brauche ìch nìchts weìter zu
tun. lch erha¦te sìe dann zun günstìgen Freìs von 3/,/0 C ìn Quarta¦. Dìeses Angebot gì¦t nur
ìn Deutsch¦and und nur, so¦ange der Vorrat reìcht.
Oewünschte Zah¦ungsweìse bìtte ankreuzen:

bargeIdIcs durch Abbuchung vcm Kcntc
Kontonunner Bank¦eìtzah¦
Oe¦dìnstìtut

gegen Fechnung (Bìtte ¦eìsten 8ìe keìne Vorauszah¦ung, wìr senden lhnen eìne Fechnung.)
JcurnaIismus par
Jetzt testen: 9 Ausgaben
33 % Ersparnis pIus ThaIia

8l0908·203·000l8Z
ExkIusiv mit wöchentIicher
KcIumne ,Mein Leben aIs Mensch"
vcn ErfcIgsautcr Jan WeiIer
Entdecken Sie das ScnntagsgefühI auf hchem Niveau
Genießen Sie die |ournalisIische KompeIenz von DeuIschlands größIer QualiIäIs-
SonnIagszeiIung miI Pegionalausgaben in Hamburg, Berlin, Nordrhein-WesIfalen
und Bayern. Die WELT am SCNNTAG bieIeI sIilvollen Genuss, akIuelle Analysen,
überraschende HinIergründe, exklusive InIerviewparIner und namhafIe AuIoren für
all die|enigen, die sich miI schnellen NachrichIen nichI zufrieden geben wollen.
exceIIence.
WELT am SONNTAG Iesen und nur 6 bezahIen.
Geschenkkarte!
WELT.DE
KhaIia Geschenkkarte im Wert vcn 10,- C
Freie Wahl für Sie - ob Fachbuch, DVD
oder Poman. Einfach im InIerneI oder in
allen Thalia-Buchhandlungen einlösen.
Einfach kcstenIcs anfcrdern!
TeIefcn: 0800/926 78 35
lnternet: www.wams.de/dicgenes
lhre WELT am SONNTAG-VcrteiIe:
«KcstenIcse Lieferungql@_i\dJfeekX^j$=i•_jk•ZbY\hl\d[`i\bk]i\`?Xlj%
«Günstiger Preisd`k**<ijgXie`j^\^\e•Y\i<`eq\cbXl]%
«Ohne Risikc Æa\[\iq\`keXZ_[\eK\jk$NfZ_\eb•e[YXi%
10,- C
Geschenk-
Karte vcn
ThaIia
für Sie!
52 Diogenes Magazin
D
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

T
o
m
i

U
n
g
e
r
e
r
53 Diogenes Magazin
D
September
N
a schön. Gehen wir noch einmal
die Wortarten durch«, sagte Mrs.
Jacobs mit lauter, strenger Stimme, die
ihr selbst noch nicht geheuer war. Ihre
normale, leise Stimme war im Klassen-
zimmer fehl am Platz und für ihren
Mann zu Hause reserviert.
»Können wir den Unterricht im
Freien machen?«, fragte ein Mädchen
mit einem Notendurchschnitt von
zwei Komma vier.
»Leider nicht. Wie müssen diese
Stunde hinter uns bringen. Aber ich
sage euch was. Wenn ihr heute die
Wortarten gut lernt, dann sehen wir
uns am Freitag zusammen einen Zei-
chentrickfilm an.«
Der Vorschlag, die Schüler mit Zei-
chentrickfilmen zu bestechen, stammte
von einer anderen Lehrerin. »Sie sind
ganz versessen darauf», hatte sie ge-
sagt. Und es stimmte, auf einmal
herrschte im Klassenzimmer ge-
spannte Stille.
»Wir fangen ganz einfach an. Wer
weiß ein Beispiel für ein Substantiv?«
Keine Reaktion. Statt Wörtern hörte
Mrs. Jacobs Husten und das Knistern
von Bonbonpapier. Im Klassenzimmer
war es nie ganz still, es war, als wohne
dort ein riesiger, sich windender Tau-
sendfüßler, der nicht zur Ruhe kam,
Selbstgespräche führte und gelegentlich
zu seinem eigenen Vergnügen furzte.
»Hallo, ihr da draußen im Schüler-
land! Wenn sich keiner meldet, muss
ich irgendwen aufrufen. Ihr wisst, dass
ich das nicht mag.«
Cynthia wusste noch genau, wie sie
sich früher als Schülerin hinter ihren
Tisch geduckt und gehofft hatte, dass
die Lehrerin sie nicht aufrief. Sie hatte
sich geschworen, falls sie jemals Lehre-
rin würde, ihre Schüler nie gegen deren
Willen zum Reden zu zwingen. Auch
würde sie keine Referate vergeben oder
die Schüler laut vorlesen lassen.
»Sagt einfach irgendein Wort! Die
Chancen stehen gut, dass es ein Sub-
stantiv ist.«
»Arsch!«
Die Antwort des Jungen führte zu
hysterischem Gelächter aus dreißig
Kehlen. Mrs. Jacobs schüttelte den
Kopf und unterdrückte ein Grinsen.
»Das stimmt. Wisst ihr noch? Ein
Substantiv bezeichnet eine Person,
einen Ort, ein Ding oder eine Idee. Er
hat ein Ding genannt. Gut gemacht,
Travis.«
Travis sah Mrs. Jacobs feindselig an,
was aber offenbar sein normaler Ge-
sichtsausdruck war. Wie auch einige
seiner Mitschüler hatte er einen glasi-
gen Blick. Sein Notendurchschnitt lag
bei vier Komma eins.
»So, jetzt möchte ich ein Beispiel für
ein Verb hören.«
»Fahrzeug?«, schlug ein Mädchen
vor, das immer tief ausgeschnittene
Blusen trug, damit die zahlreichen
Knutschflecke besser zur Geltung
kamen.
»Tja, frag dich mal selbst, kann man
etwas fahrzeugen?«
»Klar.«
»Nein, das kann man nicht.«
»Und ob man das kann, Mrs. Ja-
cobs!«
»Ein neuer Versuch, bitte. Wisst ihr
noch? Verben sind Tuwörter.«
»Hintern«, sagte ein junger Proll, der
verstohlen einen Popel aß. Die Jugend-
lichen kicherten hemmungslos.
Joey Goebel
Letztes Schuljahr
Die Kehrseite des American Dream zeigt sich in den USA auch in den Schulen – private Elite -
schulen auf der einen Seite, Metalldetektoren an den Eingängen der heruntergekommenen
öffentlichen Schulen auf der anderen. In seiner Erzählung beschreibt Joey Goebel das letzte
Schuljahr – für eine junge Lehrerin und ihre Schülerinnen und Schüler.
Im Klassenzimmer
war es nie ganz still, es
war, als wohne dort ein
riesiger, sich windender
Tausendfüßler, der nicht
zur Ruhe kam.
Erzählung
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

T
o
m
i

U
n
g
e
r
e
r
54 Diogenes Magazin
D
»Das könnte sogar funktionieren.
Wolltest du vielleicht ›hindern‹
sagen?«
»Nein. Ich wollte Arsch sagen.«
Die Schüler kicherten wieder.
»Tut mir leid. Möchte es noch je-
mand probieren?«
»P. Diddy?«, schlug ein Mädchen
vor, das beim Gähnen herausfordernd
die Brust vorstreckte.
»Sagt einfach, was euch gerade in den
Sinn kommt. Ich möchte ein Tuwort
hören. Etwas, das man macht.«
»Sterben.«
»Stimmt! Danke sehr, Thomas.«
Thomas war ein »Freak«, der sich eine
Feinstrumpfhose über die Arme ge-
streift hatte. »Kann man sterben tun?
Ja. Folglich ist sterben ein Verb. Genau
wie laufen, springen, kriechen und so
weiter. Nun suchen wir mal ein Adjek-
tiv. Hier ist ein Tipp für euch. Adjek-
tive beschreiben Substantive. Kann mir
jemand ein Adjektiv nennen?«
Sie hörte nur das Summen eines
Handys und wie eine Seite aus einem
Spiralblock gerissen wurde. Ein Junge
hinten im Klassenzimmer legte seinen
Kopf auf den Tisch.
»Kommt schon. Wir haben das
schon mal durchgekaut.«
»Gladiator?«, schlug Dan vor, der
nie sein Buch zum Unterricht mit-
brachte. Er hatte einen Schnitt von vier
Komma fünf.
»Danke, Dan, aber ein Gladiator ist
eine Person, und wie wir gelernt
haben, sind Personen – »
»Ich hab Gladiator auf dvd. Kann
ich die mal mitbringen?«, fragte ein an-
derer Schüler, und zwar der Junge, der
sich nicht wusch.
»Nein. Wir bleiben bei den Adjekti-
ven. Ich weiß, das schafft ihr.«
»Kann ich mal austreten?«, fragte
Christy, die zwar fünfmal unentschul-
digt gefehlt hatte, aber irgendwie einen
Schnitt von drei Komma zwei schaffte.
»Also gut. Aber das nächste Mal
wartest du bis zum Ende der Stunde.«
Das Mädchen nahm sich einen Holz-
klotz, der als eine Art ›Passierschein‹
für das Verlassen des Klassenraums
diente. Als Schülerin hatte es Cynthia
immer gemein gefunden, wenn Lehrer
die Kinder nicht auf die Toilette gehen
ließen.
»Also. Zurück zu den Adjektiven.«
»Moment mal. Ich muss auch aufs
Klo«, sagte Derek Pruitt, der junge
Mann, der den Kopf auf seinen Tisch
gelegt hatte. Er war groß, muskulös
und sah aus, als wäre er dreißig. Sein
wahres Alter verriet einzig die schüt-
tere Gesichts behaarung, die verzwei-
felt versuchte, einen Schnurr- und
einen Ziegenbart zu bilden – drei un-
terernährte, pelzige Würmchen, die
nicht zueinanderkamen. Sein Noten-
durchschnitt lag bei vier Komma neun.
»Warte, bis Christy zurückkommt.«
»Aber ich muss. Die haben Sie auch
gehen lassen.«
»Du darfst gehen, wenn Christy zu-
rückkommt. Und jetzt möchte ich …«
»Das versteh ich nicht. Ich muss jetzt
aufs Klo«, nuschelte Derek ermattet.
»Das ist ungerecht, und das wissen Sie
auch.«
»Wenn ich so drüber nachdenke,
könnt ich auch mal wieder pissen«,
sagte Travis.
»Halt’s Maul«, sagte Derek. »Ich bin
als Nächster dran.«
Verärgert tippte sich Travis mit dem
Stinkefinger an die Schläfe. Zu seinem
Glück sah Derek diese Geste nicht.
»Kriegen wir eine Pinkelpause?«,
fragte ein schwangeres Mädchen.
»Leute, hört mal zu. Ihr dürft alle
austreten, aber nicht gleichzeitig, in
Ordnung? Nur ein wenig Geduld, und
ich verspreche euch, dass ihr austreten
dürft. Aber während ihr wartet, bis ihr
an der Reihe seid, könnt ihr genauso
gut die Wortarten lernen.«
»Kann ich dann jetzt sofort einen
Schluck Wasser kriegen?«, fragte Derek.
Mrs. Jacobs seufzte. »Nein. Du
kannst auf dem Weg zur Toilette einen
Schluck Wasser trinken.«
»Aber Sie lassen mich ja nicht auf die
Toilette. Wie soll ich das denn ma-
chen? Das ist doch bescheuert.«
»So läuft das nicht«, sagte ein anderes
schwangeres Mädchen. »Können wir
den Unterricht nicht im Freien ma-
chen?«
»Nein! Ihr könnt den Unterricht
nicht im Freien haben!« Mrs. Jacobs
spürte, wie Schweißtröpfchen an ihren
Armen hinunterliefen. Aus Angst, man
könnte auf ihrer geblümten Bluse
Schweißflecken sehen, ließ sie die
Arme unten. »Ich will, dass mir jetzt
jemand sofort ein Adjektiv nennt. Es
ist ein Wort, das etwas beschreibt. Bei-
spielsweise ›enttäuscht‹. Sie war eine
enttäuschte Lehrerin.«
»Das interessiert doch keine Sau»,
sagte Derek. »Damit kann man rein gar
nichts anfangen.«
»Und ob man damit etwas anfangen
kann. Man kann damit korrekt spre-
chen, und korrektes Sprechen macht
die Welt ein wenig zivilisierter.«
»Na und? Es ist trotzdem blöd.«
»Vielleicht kommt es euch blöde vor,
aber ihr hättet es schon in der zweiten
Klasse lernen sollen. Vielleicht ist es
blöde, wenn ein Schüler der Oberstufe
nicht weiß, was ein Adjektiv ist.«
Derek hüstelte und sagte dabei
gleichzeitig »Schlampe«.
»Ach, Derek, das war so was von raf-
finiert. Geh raus auf den Flur.«
»Juhuu! Ich wollte ja raus aus Ihrem
blöden Kurs.«
Derek stolzierte aus dem Klassen-
zimmer, wobei er sich schamlos in den
Schritt fasste. Er knallte die Tür so
schwung voll zu, dass die zierliche Mrs.
Jacobs zusammenzuckte.
»Entschuldigt mich einen Moment«,
sagte sie, als sie ihm nachging.
»Derek, was ist denn los?«
»Gar nichts.«
»Aber du wirkst total wütend.«
»Ich wollte nur aufs Klo.«
»Das ist mir klar, und vielleicht hätte
ich auch nichts gegen eine gelegent -
liche Pinkelpause, wenn du sie nicht
immer zum Rauchen zweckentfrem-
den würdest.«
»Das stimmt doch gar nicht«, sagte er
und musterte seine High-Tech-
Basketballschuhe. Zu diesen Schuhen
trug er meist Hemden mit Kragen,
Schlabberjeans und goldene Halsket-
ten, eine Kombination, die sie an der
Schule häufig sah. Das Besondere an
Derek war, dass seine Jeans ständig
rutschten. Um das zu verhindern,
fasste er sich andauernd beiläufig in
den Schritt.
55 Diogenes Magazin
D
»Derek, jedes Mal, wenn du vom Klo
kommst, riechst du nach Zigarette. Ei-
nige Schüler haben sich schon be-
schwert.«
Er zuckte mit den Achseln. »Warum
hacken Sie eigentlich ständig auf mir
rum?«, fragte er.
»Ich hacke nicht auf dir herum. Ich
mag dich. Wenn du nicht gemein bist,
finde ich dich witzig. Andererseits
quatschst du permanent und behan-
delst mich respektlos, und damit muss
Schluss sein.«
»Ich weiß. Ich bin halt völlig von der
Rolle, weil ich anderthalb Kids zu
Hause hab, die ich irgendwie ernähren
muss. Das ist ganz schön schwierig.«
»Wie meinst du das, anderthalb
Kids?«
»Die eine, Brandy, ist von mir, das
weiß ich, aber mein Vetter und ich, wir
teilen uns den Jungen, Cody, weil wir
wissen, einer von uns beiden muss der
Vater sein, aber wir hatten nie Bock,
uns auf diesen Vaterschaftstest einzu-
lassen. Wenn ich ehrlich sein soll,
wollten wir gar nicht wissen, wer der
Vater ist. Deshalb zahl ich den einen
Monat Unterhalt und er den anderen.«
Mrs. Jacobs räusperte sich, weil sie
hoffte, sich so das Lachen verkneifen
zu können.
»Okay, ich werde daran denken, dass
du zu Hause unter beträchtlichem
Druck stehst, und wenn du reden
willst – ich bin für dich da.«
Derek nickte. »Keine Angst, im
April werde ich achtzehn, und dann
mache ich hier die Fliege.«
»Na schön. Dann bleib mal ein Weil-
chen hier auf dem Flur, okay?«
»Okay.« Er hockte sich im Schnei-
dersitz auf den Boden.
Mrs. Jacobs wusste, immer wenn sie
die Anwesenheitsliste durchging und
die Namen vorlas, würde jemand »Der
ist tot!« gröhlen, wenn ein Schüler
fehlte. Sie wusste, dass die Jungs den
Abfalleimer ausschließlich als Basket-
ballkorb benutzten. Und sie wusste
auch, dass ein aufsässiger Schüler,
wenn man ihn allein auf dem Schulflur
stellte, immer einen Rückzieher
machte. (Gleiches galt auch für Schüle-
rinnen.) Ohne Publikum verliert ein
Schüler den Drang, aufzubegehren.
Mrs. Jacobs fand es tröstlich, dass die
Jugendlichen nicht völlig unerreichbar
waren. Deshalb hatte sie Lehrerin wer-
den wollen: um Schüler zu erreichen.
Nicht um lediglich die Phase zu ver-
längern, bis sie im Gefängnis landeten.
Mrs. Jacobs kehrte zu der ausgelasse-
nen Klasse zurück.
»Ruhe!«, schrie sie, was aber nur we-
nige Schüler bewog, ihr Aufmerksam-
keit zu schenken. Ganz gleich, wie laut
sie sprach, man gehorchte ihr nicht.
Mit ihrem mädchenhaften guten Aus-
sehen, den geblümten Blusen und hüb-
schen Röcken, die ihr bis unter die
Knie reichten, war sie keine Achtung
gebietende Gestalt. Sie hatte langes,
lockiges Haare und roch immer gut.
Sie hatte helle Haut mit Sommerspros-
sen und war immer geschminkt und
wurde von anderen Lehrern oft für
eine Schülerin gehalten.
»Hallo!«
Die Schüler sorgten weiterhin für
einen enormen Geräuschpegel. Mrs.
Jacobs schlug mit der Faust auf ihren
Tisch, als zerquetsche sie ein unsicht-
bares Insekt. Das laute Krachen ver-
schaffte ihr Aufmerksamkeit.
»Ich weiß wirklich nicht, was ich mit
euch anfangen soll. Ich bemühe mich,
auf eurer Seite zu sein, doch das inter-
essiert euch überhaupt nicht. Ihr lasst
einfach nicht zu, dass ich euch gut be-
handle.«
Sie gab ihnen Lernhilfen, in denen
genau stand, was in den Tests dran
kam, und trotzdem fielen die meisten
durch. Sie bestrafte ihre Schüler selten,
wenn sie zu spät kamen, obwohl die
Schulleitung ganz versessen darauf war,
Unpünktlichkeit zu ahnden. Als sie die
griechischen Sagen durchnahmen, ge-
stand sie ihrem Kurs, sie könne die
griechischen Sagen auch nicht leiden.
»Und es tut mir leid«, fuhr sie fort,
wobei sie mit möglichst vielen Schü-
lern Blickkontakt aufnahm. »Ich tue
das höchst ungern, aber ihr lasst mir
keine andere Wahl. Ab jetzt schalte ich
auf stur – entweder ihr spurt, oder es
geht ab auf den Flur.«
Eine halbe Stunde später drängte sich
zwei Drittel von Mrs. Jacobs’ Klasse
auf dem Flur, nur noch neun Schüler
verloren sich zwischen den leeren Ti-
schen.
Oktober
I
ch entschuldige mich dafür, wie die
anderen Sie behandeln», sagte Tho-
mas, während er sein mit Erdnussbut-
ter und Marmelade bestrichenes Sand-
wich aus der Alufolie nahm. Wie
ge wöhnlich waren seine Mitschüler an
diesem Tag kratzbürstig und aufsässig
gewesen, besonders ein Mädchen, das
Mrs. Jacobs anschrie, weil sie ihm
nicht erlaubt hatte, ein Glas Wasser zu
holen und ihre Antibabypille zu neh-
men.
»Das ist furchtbar nett von dir, Tho-
mas. Ich wünschte, alle meine Schüler
wären wie du.«
Am selben Tag schickte sie Derek
zum stell vertre tenden Schulleiter,
nachdem er ohne erkennbaren Grund
einen Slangausdruck für Oralsex geru-
fen hatte. Obwohl auf dieses Vergehen I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

T
o
m
i

U
n
g
e
r
e
r
Deshalb hatte sie
Lehrerin werden wollen:
um Schüler zu erreichen.
Nicht um lediglich die
Phase zu verlängern,
bis sie im Gefängnis
landeten.
PRINZ WIRD 20!
20 Jahre Partys, Musik, Kultur und Gastro. Alles, was Großstädter lieben.
Der neue PRINZ – jetzt im Zeitschriftenhandel.
57 Diogenes Magazin
D
normalerweise Nachsitzen stand, er-
hielt Derek nur eine Verwarnung und
durfte in die Klasse zurück, nachdem er
versprochen hatte, sich zu benehmen.
Mrs. Jacobs kroch auf allen Vieren
über den verdreckten, grauen Teppich-
boden und machte hinter ihren Schü-
lern sauber. Im Jahr zuvor hatte sie als
Referendarin mitangehört, wie ein
Hausmeister sich beschwerte, Mrs.
Soundsos Klassenzimmer sei ein
Schweinestall, weil sie ihre Schüler
ganz offensichtlich nicht unter Kon-
trolle hatte. Mrs. Jacobs wollte nicht,
dass die Haus meister so etwas über sie
sagten. Sie fand, am einfachsten wäre
sie den Müll ihrer Schüler los, wenn sie
ihn in den Pausen selbst aufsammelte.
In der Mittagspause blieben nur Mrs.
Jacobs und Thomas zwischen den ste-
rilen, beigefarbenen Wänden des Klas-
senraums zurück. Laut Schulordnung
mussten sich mittags alle Schüler in der
Cafeteria aufhalten. Doch Thomas
hatte sich höflich erkun digt, ob er im
Klassenzimmer essen dürfe, und Mrs.
Jacobs zeigte Verständnis. Als Fünf-
undzwanzigjährige, deren Schulzeit
noch nicht lange zurücklag, wusste sie
noch genau, wie schrecklich eine Cafe-
teria für einen introvertierten Schüler
sein konnte. Und da Thomas gut in der
Schule war, kam sie seiner Bitte gerne
nach.
Mrs. Jacobs warf die Abfälle ihrer
Schüler in den Papierkorb. Etliche die-
ser Abfälle waren gefaltete Zettel, die
Schüler einander geschrieben hatten.
Mrs. Jacobs widerstand der Versu-
chung, die Zettel zu lesen. Zwar wun-
derte sie sich über die Leichtfertigkeit
ihrer Schüler, war aber diskret genug,
um ihre Zettel samt durchgekauten Pa-
pierkügelchen wegzuwerfen.
»Warum essen Sie nicht mit den an-
deren Lehrern?«, wollte Thomas von
Mrs. Jacobs wissen, die gerade an
ihrem mit Geflügelsalat belegten
Croissant knabberte.
»Ich habe es versucht, aber das ist
nicht mein Fall.«
»Sie mögen die nicht, stimmt’s?«
»Das hat nichts mit Sympathie oder
Antipathie zu tun. Ich weiß nur nie,
worüber ich mich mit ihnen unterhal-
Typisch(e) Amerikaner
von Joey Goebel
DAS COLLEGE-GIRL
Der Zweck des College besteht na-
türlich darin, die eigene Ausbil-
dung voranzutreiben, doch das
College-Girl (und übrigens auch
der College-Boy) hat diesen Ge-
danken erst nachträglich. Dies
kommt auch in seinem Outfit zum
Ausdruck. Zum Unterricht erscheint
es in Trainingshose und Flipflops –
bisweilen auch in Schlafanzug-
hose. Nur zu Saufpartys ist sein
Aufzug vorzeigbar. Es nutzt den
Umstand, der Kontrolle der Eltern
entzogen zu sein, voll aus und
gerät außer Rand und Band. Das
College-Girl nennt das »Experimen-
tierphase«, weil das auch im Fern-
sehen so heißt. Die Entfernung zwi-
schen College und Elternhaus
verhält sich direkt proportional zum
Ausmaß des »Experimentierens«.
Die Zahl der Zeitzonen zwischen
College-Girl und Eltern wiederum
ist identisch mit der Zahl seiner Se-
xualpartner pro Semester. Bedenkt
man allerdings die gegenwärtige
Wirtschaftslage und die Tatsache,
dass sein Abschluss höchstwahr-
scheinlich wertlos sein wird, ist dies
vielleicht der richtige Ansatz.
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

T
o
m
i

U
n
g
e
r
e
r
ten soll. Sie reden furchtbar gern über
die Nackte Kanone-Filme. Von denen
ich keinen gesehen habe.«
»Sie mögen alte Filme, nicht wahr?«
Thomas deutete mit dem Kopf zum
Schwarzen Brett, an das Mrs. Jacobs
Schwarzweißfotos von James Dean,
Clark Gable, Natalie Wood, Elizabeth
Taylor, Marilyn Monroe, Betty Grable
und Paul Newman gepinnt hatte.
»Ich mag alle Filme, aber die alten
besonders. Früher habe ich Fotos alter
Filmstars an meine Zimmerwand ge-
klebt. Ich finde, sie verleihen diesem
Raum ein wenig Atmosphäre.«
Als Mrs. Jacobs sich umdrehte, be-
merkte sie, dass irgendwer auf mehrere
Fotos entzündete Penisse gekritzelt
hatte.
Am Nachmittag, gleich nach dem
letzten Klingeln – Cynthia hatte gerade
Putzmittel auf eine Tischplatte ge-
sprüht, um eine Karikatur von sich zu
entfernen, auf der sie von hinten ge-
nommen wurde –, hörte sie aus dem
Flur metallisches Scheppern. Sie lief
zur Tür und sah, wie direkt vor dem
Klassenzimmer ein großer Mann bru-
tal einen kleinwüchsigen Schüler ver-
prügelte. Ein ganzer Schwarm Jugend-
licher hatte sich schon versammelt und
feuerte den Mann an, während der den
Jungen wiederholt gegen die Spinde
warf. Cynthia sah, dass der Mann
Derek war.
Sie war die einzige Lehrkraft weit
und breit, doch sie kannte ihre Gren-
zen. Mit knapp eins achtundfünfzig
und einem Gewicht von fünfzig Kilo
versuchte sie erst gar nicht, die Schlä-
gerei zu beenden.
»O Gott! Hört auf!«, schrie sie. Das
Flehen des Opfers, dessen Kopf auf
den Teppichboden geschlagen wurde,
übertönte ihren Befehl.
»Hör auf!«, rief der Junge. »Bitte!
Hilfe!«
Die Schreie des Jungen ließen erken-
nen, dass er den Stimmbruch noch vor
sich hatte. Es war der jämmerlichste
Laut, den Cynthia je gehört hatte. Sie
eilte zum Telefon im Klassenzimmer,
um im Sekretariat anzurufen, doch nie-
mand nahm ab.
Sie hörte, wie Derek den hilflosen
58 Diogenes Magazin
D
Jungen wüst beschimpfte, und ging zu-
rück zur Tür.
»Genug. Das reicht jetzt«, rief sie in
den tobenden Flur.
Inzwischen hatte Derek sein Opfer
gegen einen Spind gepresst. Er drückte
den Kopf des Jungen gegen die Lamel-
len. (Der Sinn dieser Öffnungen war
wohl, dass ein in den Spind gesperrter
guter Schüler genug Luft bekam und
nicht erstickte.) Dann rieb er das Ge-
sicht des Jungen an den Lamellen rauf
und runter, als raspele er einen großen
Käseblock mit einer Reibe.
Endlich schoben sich zwei Lehrer
durch die Menge und zerrten Derek
von seiner Beute weg. Als Derek weg-
geführt wurde, grinste er Cynthia an,
wobei man seine kaputten, angeschla-
genen Zähne sah. Sie wandte sich mit
klopfendem Herzen ab.
Später erfuhr Cynthia, dass das
Opfer ein Schüler aus einem Integrati-
onsprogramm für Sonderschüler war,
der den Fehler gemacht hatte, Derek
mit einem zusammengerollten Blatt
Papier zu schlagen.
November
C
ynthia unterrichtete in drei Ober-
stufenkursen Englisch. Jetzt hatte
sie gerade eine Vorbereitungsstunde.
Dass sie so wenig Kurse hatte, lag
an dem sogenannten Blockunterricht,
bei dem neuerdings eine Unterrichts-
stunde achtzig Minuten dauerte. Cyn-
thia fand, dass achtzig Minuten Unter-
richt am Stück dem berüchtigt kurzen
Konzen trations vermögen von Jugend-
lichen widersprach, so wie auch der
Unterrichtsbeginn um acht Uhr früh
übermäßige Wachheit erforderte.
Cynthias Vorbereitungsstunde war
der einzige Teil des Schultags, wo sie
sich ein wenig Entspannung erlaubte.
Sie zog ihre Lackschuhe aus, setzte
sich an den Tisch und benotete Arbei-
ten, während sie Cola light trank und
Radio hörte, meist den Sender mit Hits
aus den Achtzigern. Plötzlich hörte sie
das Rascheln eines sich nähernden
Trainingsanzugs. Mr. Durbin, der
Baseballcoach, schlenderte in ihr Zim-
mer, ein Lächeln unter dem Schnurr-
bart.
»Da sind Sie ja«, sagte er. »Ich hab
gehört, wie sich ein paar Lehrer über
Ihre Filmfotos unterhielten. Cool.«
»Danke.«
»Sie unterrichten Englisch, stimmt’s?«
»Stimmt.«
»Waren Sie hier nicht mal selbst
Schülerin?«
»Ja. Ich habe ’92 meinen Abschluss
gemacht.«
»Und ich ’90. Das waren noch Zei-
ten, was?«
»Na ja, immerhin waren es Zeiten.«
Mr. Durbin sah sie seltsam an, wes-
halb sie das Thema wechselte.
»Ich war dermaßen erleichtert, als Sie
und Mr. Owens damals diese Schläge-
rei beendet haben. Ich wusste mir nicht
zu helfen.«
»Welche Schlägerei war das?«
»Die vor ein paar Wochen, direkt
vor meinem Klassenzimmer.«
»Klar. Das war echt brutal. Ein
Glück, dass ich zufällig vorbeikam. Ich
schätze, Derek hätte den geistig be hin-
derten Jungen umgebracht, wenn ich
nicht aufgetaucht wäre.«
»Wie geht’s dem Jungen?«
»Gut, glaube ich.«
Mr. Durbin spielte beim Reden per-
mament mit seiner Schlüsselkette.
»Dieser Derek Pruitt ist ein Mon-
ster. Ich bin nur froh, dass er den Rest
des Schuljahrs auf einer Alternativen
Schule verbringt.«
»Ja. Allerdings mögen viele Kids Al-
ternative Schulen. Da bekommen sie
Raucherpausen. Manchmal unterneh-
men sie Exkursionen zu McDo-
nald’s.«
»Ist das Ihr Ernst?«, fragte Mrs. Ja-
cobs.
»Ja.«
»Das ist absurd.«
»Völlig. Und gefällt Ihnen das Un-
terrichten bisher?«
Was für einen schrecklichen Beruf
habe ich da gewählt, dachte sie. Am
liebsten würde ich kündigen und nie
wieder einen jungen Menschen sehen.
»Wenn ich mich erstmal daran ge-
wöhnt habe, auf strikte Disziplin zu
achten, macht es mir bestimmt mehr
Spaß«, sagte sie.
»Glauben Sie mir: Man muss zu sei-
nen Schülern gemein sein, wenn sie
einen respektieren sollen.«
»Ja, aber ich bin eigentlich kein ge-
meiner Mensch.«
Ȇben Sie! Zu Hause! Haben Sie
Kinder?«
»Nein.«
»Verheiratet?«
»Ja.«
»Aha. Dann üben Sie an Ihrem
Mann. Seien Sie gelegentlich gemein
zu ihm.«
Mrs. Jacobs lachte.
»Das meine ich ernst.«
»Das bringe ich nicht über mich. Ich
liebe meinen Mann heiß und innig.«
»Auch gut. Tja, egal, wenn die Kids
Typisch(e) Amerikaner
von Joey Goebel
DIE SOCCER MOM
Ob ihre Kinder wirklich Fußball
spielen, ist unerheblich. Die Soccer
Mom ist eine Mittelschichtmutter
und Chauffeurin ihrer Kinder, die,
so scheint es, ein erheblich beweg-
teres Leben haben als sie selbst. im
Gegensatz zu konservativen Politi-
kern, für die der Begriff »Familien-
werte« lediglich ein Wahlkalkül ist,
glaubt die Soccer Mom tatsächlich
daran. In Shorts und weißen Ten-
nisschuhen strebt sie nach Perfek-
tion. Ihre größte Fähigkeit ist es,
weniger perfekten Menschen ein
schlechtes Gewissen zu machen.
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

T
o
m
i

U
n
g
e
r
e
r
59 Diogenes Magazin
D
Ihnen Ärger machen, schicken Sie sie
zu mir.«
Neben seiner Arbeit als Trainer
führte Mr. Durbin die Aufsicht, wenn
Schüler nachsitzen mussten. Es war
all gemein bekannt, dass er dabei wenig
mehr tat als sich auf seinem Laptop
Porno-Websites anzusehen, ein lässli-
ches Vergehen verglichen mit den au-
ßer schulischen Aktivitäten anderer
jun ger Lehrkräfte überall im Schulbe-
zirk.
Dezember
U
mgeben von Schülern, die einan-
der beschimpften und ihre Sub-
woofer voll aufdrehten, nahm eine von
Mrs. Jacobs’ Schülerinnen ihr am letz-
ten Schultag in der Parkplatzausfahrt
die Vorfahrt. Während die Schülerin
demonstrativ ihre Zigarette aus dem
Fenster ihres Honda Accord hielt,
streckte Mrs. Jacobs den Mittelfinger
aus, ließ ihn aber unterhalb des Arma-
turenbretts, wo man ihn nicht sah.
Sieben Jahre zuvor war Cynthia Ja-
cobs, geborene Cynthia Crafton, die
jahrgangsbeste Schülerin gewesen.
Schon damals hatten andere Schüler
ihr die Vorfahrt genommen.
In Cynthias Abschlussjahr beschloss
der Schulleiter, mit der Tradition zu
brechen und die Abschlussreden von
den besten Sportlern der Schule halten
zu lassen. Cynthia war erleichtert, da
sie Angst davor gehabt hatte, in der
Öffentlichkeit zu reden.
Am Ende der Abschlussfeier ver-
zichtete Cynthia darauf, ihre Kopfbe-
deckung in die Luft zu werfen, was in
ihren Augen ein albernes, kindisches
Ritual war. Als Hunderte von Mützen
auf den Boden der Sporthalle fielen,
bedeckte sie mit beiden Armen schüt-
zend den Kopf.
Auf dem College wählte sie Pädago-
gik an weiterführenden Schulen als
Hauptfach, denn seit sie den Film Der
Club der toten Dichter gesehen hatte,
wollte sie High-School-Lehrerin wer-
den. Stand and Deliver und Dangerous
Minds bestärkten Cynthia in der
Überzeugung, der Lehrerberuf sei ihre
Zukunft.
Nicht nur die von Robin Williams,
Edward James Olmos und Michelle
Pfeiffer gespielten Film-Lehrer inspi-
rierten Cynthia zu diesem Vorhaben,
sondern auch das wirkliche Leben.
Im Laufe ihrer gesamten Schulzeit und
ihres Studiums hatte sie sich immer
den Lehrkräften näher gefühlt als
ihren Mitschülern und Kommilitonen.
Wenn Cynthia mit dem Lernen fertig
war, mied sie Gleichaltrige und unter-
hielt sich lieber mit dem Lehrer oder
Dozenten über aktuelle Ereignisse
oder Soap Operas.
Für sie waren ihre Lehrer wie Promi-
nente, Stars. Sie wirkten so exzentrisch
und mysteriös, und Cynthia fragte
sich, wie sie wohl außerhalb der Schule
sein mochten. Sie überlegte, was sie an
Wochenenden taten und welche Filme
sie am liebsten sahen. Wenn sie beiläu-
fig irgendein Detail aus ihrem Privatle-
ben preisgaben, beispielsweise ein Res -
taurant, in dem sie gern aßen, notierte
sich Cynthia das.
Als Cynthia Lehrerin geworden war,
merkte sie, dass es gar nicht so abwegig
war, Lehrer mit Prominenten zu ver-
gleichen. Ein Lehrer steht von Berufs
wegen auf einer Bühne, er muss etwas
aufführen, so wie ein Prominenter
auch. Tag für Tag musste sie vor einem
schwierigen Publikum einen Auftritt
hinlegen. Sie musste sich mitten auf die
Bühne stellen und einen Monolog nach
dem anderen halten, Monologe, die al-
lesamt bewirken sollten, die Schüler zu
unterhalten oder wenigstens ihre Auf-
merksamkeit zu sichern, was dem hö-
heren Zweck diente, sie zum Lernen
zu bewegen.
Am Ende des ersten Halbjahres lagen
die Statistiken vor: Von Mrs. Jacobs’
siebenundachtzig Schülern hatten fünf
einen Schnitt von unter zwei. Sechs-
unddreißig waren durchgefallen.
Januar
A
ls Cynthia am ersten Tag ihres
zweiten Schulhalbjahres auf-
wachte, war ihr übel. Die Vorstellung,
in die Schule zurückkehren zu müs-
sen, schob sich vom Kopf in den
Magen, und das anschlie ßende Erbre-
chen hatte zur Folge, dass sie ihren
Parkplatz verlor. Den Mardi-Gras-
Perlen nach zu urteilen, die vom
Rückspiegel des Wagens baumelten,
hatte ein Schüler ihr den Platz wegge-
schnappt.
Wegen des Blockunterrichts began-
nen die Schüler im neuen Halbjahr mit
anderen Kursen. Eigentlich hätte sich
Mrs. Jacobs auf eine ganz neue
Gruppe von Schülern freuen können,
aber weil im ersten Halbjahr so viele
durchgefallen waren, sah sie viele der-
selben vertrauten, unaufmerksamen
Gesichter wieder, mit ihren offenen
Mündern und glanzlosen Augen. Statt
nach altem Lehrerbrauch unmögliche
Schüler zum ›Problem eines anderen‹
zu machen, verurteilte Mrs. Jacobs die
Schüler dazu, ihren Kurs zu wieder-
holen.
Als sie am ersten Schultag ihr Klas-
senzimmer betrat, war sie nicht über-
rascht, ein benutztes Kondom auf
ihrem Schreibtisch zu finden.
»Das hat schon so einen Bart,
Leute«, sagte Mrs. Jacobs und schmiss
das Kondom in den Papierkorb. Dann
baute sie sich vor dem Kurs auf.
»Na schön. Guten Morgen. Einige
von euch kennen mich bereits. Ich
bin …«
Ihr fiel auf, dass in der vorletzten
Reihe ein junger Mann den Kopf auf
den Tisch gelegt hatte.
»Bitte die Köpfe heben.«
Der blondierte Kopf, in Mrs. Jacobs’
Kursen eine gängige Frisurvariante,
blieb unten.
»Der Kurs ist zehn Sekunden alt, und
schon kündigt einer die Mitarbeit auf.«
Sie ging zum Tisch des Jungen und be-
rührte ihn leicht an der Schulter.
»Verfluchte Scheiße, was wollen
Sie!«, brüllte er, als er den Kopf hoch-
riss. Mrs. Jacobs sprang sichtlich er-
schrocken zurück. Der müde Bursche
Am liebsten würde ich
kündigen und nie wieder
einen jungen Menschen
sehen, dachte sie.
60 Diogenes Magazin
D
war Derek Pruitt. Sie hatte die Namen
noch nicht aufgerufen und war er-
staunt, ihn hier zu sehen. Während der
Winterferien hatte sie seinen Namen
wegen mehrerer Drogenvergehen in
der Zeitung gelesen.
Mrs. Jacobs ging langsam rückwärts
in den vorderen Teil des Klassenzim-
mers.
»Ich möchte, dass du den Kopf oben
lässt, Derek. Und wir wollen uns einer
jugendfreien Ausdrucksweise befleißi-
gen.«
Aus der Mitte zwischen Dereks drei
Bartbestandteilen drang ein Knurren,
Derek musterte seine Lehrerin finster,
dann legte er den Kopf wieder auf den
Tisch. Als sie ihm sagte, sie würde ihn
melden, wenn er den Kopf nicht hob,
reagierte er nicht.
Gegen Ende des Unterrichts legten
noch vier Schüler ihren Kopf auf den
Tisch. Obwohl die Unhöflichkeit sie
wurmte, beneidete Mrs. Jacobs die
Schüler, deren Köpfe gleichgültig auf
den Tischen lagen. Einigen Schülern
gelang es sogar, trotz des andauernden
Lärms zu schlafen. Sie stellte sich vor,
wie angenehm es sein würde, wenn ihr
alles egal wäre, wie sie den Kopf auf
ihren überfüllten Schreibtisch legen,
die verschränkten Arme als Kissen, die
grellen Lampen des Klassenraums
ausgeblendet.
Doch Mrs. Jacobs konnte sich nicht
einfach entschuldigen und ein Nicker-
chen halten. Was die Schüler anging,
die ihre Köpfe gesenkt hielten – die
ließ man am besten schlafen, wie sie im
letzten Halbjahr gelernt hatte. Nach
der Stunde schickte sie alle fünf, ein-
schließlich Derek, mit einem schriftli-
chen Verweis zum Direktor. Der
bestrafte sie mit einer Stunde Nach sit-
zen, wo den Schülern Mr. Durbin zu-
fälligerweise gestattete, eine Runde zu
schlafen.
Vorname, Name
Anschrift
Telefon, E-Mail
Jetztt kkoostennlloos undd uunverbindlich testen!
Einfach senden an: Friedrich Berlin Verlag, PF 100150, 30917 Seelze, Fax: 0511 / 400 04 - 170
wwwwww.lliitteerraattuurreenn.dddee///99880000
61 Diogenes Magazin
D
Februar
M
it jeden Schultag und mit jedem
Konflikt mit Derek und Konsor-
ten wuchs Cynthias Bedürfnis, nicht
mehr zu unterrichten, sondern im Bett
zu bleiben. Als ihre morgendliche
Übelkeit den gesamten Januar anhielt,
wurde ihr klar, dass ihre Magenpro-
bleme weniger mit Schulangst als mit
Schwangerschaft zu tun hatten. Zu
kündigen kam nicht mehr in Frage, da
sie das Geld brauchte, um ihr Kind zu
verwöhnen.
Cynthia und ihr Mann waren begeis -
tert, aber in der Schule verriet sie es kei-
nem. Sie sagte es den Lehrern nicht, die
gerne tratschten, so dass es die Schüler
wahrscheinlich erfahren hätten. Indem
sie ihre Schwangerschaft geheim hielt,
beschützte sie ihr Kind. Sie schwor
sich, wie schlecht ihre Schüler auch sein
mochten, welche abscheulichen Ver-
brechen sie als Erwachsene begehen
mochten, dieses Kind würde gut gera-
ten, das konnte sie garantieren. Sie
würde ihr Kind vor dem Übel der Welt
bewahren, und zwar schon jetzt, wäh-
rend es noch in ihr heranwuchs.
Am Tag nachdem Mrs. Jacobs ihre
Schwangerschaft bemerkte, las sie in
ihren Kursen das Buch Die Nacht.
»Von dem Buch hab ich noch nie ge-
hört. Warum müssen wir das lesen?«,
fragte Travis, als Mrs. Jacobs den
Roman verteilte.
Weil es willkürlich von irgendwel-
chen Dienststellen ausgewählt wurde,
die ich nie kennenlernen werde, dachte
sie.
»Ihr lest dieses Buch, weil wir aus den
Fehlern der Geschichte lernen können,
sie nicht zu wiederholen«, sagte sie.
»Wer kann den Fehler benennen, von
dem ich hier rede?«
Sie hörte das Platzen einer Kaugum-
miblase und Gequassel ohne Bezug
zum Thema.
»Na los. Eine der schlimmsten Greu-
eltaten des zwanzigsten Jahrhunderts?
Ich gebe euch einen Hinweis: Es steht
hinten auf dem Buchumschlag.«
Mrs. Jacobs seufzte. »Anne?«, fragte
sie ein Mädchen in der ersten Reihe.
Ein Schulterzucken von Anne.
»Es ist der Holocaust«, sagte Mrs. Ja-
cobs. »Und ich als Lehrerin halte es für
meine Pflicht, euch Ereignisse wie den
Holocaust bewusst zu machen, damit
eure Generation nicht zulässt, dass
wieder etwas Ähnliches geschieht.«
Mrs. Jacobs betrachtete ihre Schüler
und stellte sie sich als Nazis vor.
»Und ich warne euch, es könnte wie-
der geschehen. Jede Generation ist ge-
walttätiger und skrupelloser als die
vorher gehende. Ich dachte früher, das
Gegenteil träfe zu. Ich dachte früher,
die unmenschlichsten Zivilisationen
hätten vor langer Zeit existiert. Neh-
men wir die vergangene Woche, als wir
uns das Video über die Antike, über
Griechenland und Rom, angesehen
haben, da fiel mir auf, dass viele von
euch es cool fanden, wie gewalttätig die
Menschen damals waren. Doch nichts
war gewalttätiger als das zwanzigste
Jahrhundert. Es gab einen Weltkrieg,
und der hatte sogar noch eine Fortset-
zung. Jetzt können wir uns auf den
Dritten und den Vierten Weltkrieg
freuen.«
Ein paar Schüler lachten. Immerhin
hatte Mrs. Jacobs die Aufmerksamkeit
der Klasse geweckt.
»Um also deine Frage zu beantwor-
ten, Travis, ich lese mit euch dieses
Buch, weil ich vor eurer Generation
Angst habe.«
Die Schüler lachten noch etwas
mehr.
»Let’s talk about sex, baby«, sang
plötzlich Derek. »Let’s talk about you
and me.« Der Kurs spendete frenetisch
Beifall, ermunterte Derek, weiter zu
singen.
»Let’s talk about sex, baby.«
»Bitte, Derek. Das reicht. Ich möchte
dich nicht wieder zum Direktor schi-
cken.«
»Let’s talk about – »
»Derek, du bekommst einen Ver-
weis.«
»Ich lese mit euch
dieses Buch, weil ich
vor eurer Generation
Angst habe.«
Typisch(e) Amerikaner
von Joey Goebel
DER GANGSTA
Der Gangsta ist das, was heraus-
kommt, wenn der Amerikaner
seine Neigung zum Machotum
auf die Spitze treibt: ein Mann,
der mit Freuden im Feuergefecht
stirbt, weil ihn irgendjemand in
der Disco versehentlich angerem-
pelt hat. Derart besessen ist der
Gangsta von dem, was er »Re-
spekt« nennt. Der Gangsta ist übli-
cherweise ein Schwarzer, der er-
kannt hat, dass Drogenhandel
(und/oder das Rappen über die
eigene Großartigkeit) seine ein-
träglichste Karriereoption ist. Der
Gangsta kann auch ein Weißer
sein, dessen Minderwertigkeits-
komplex allerdings doppelt so
groß ist, weil er weiß: Er wird nie-
mals schwarz sein. Aber egal, ob
schwarz oder weiß, der Aufzug ist
der gleiche: Schlabberkleidung,
Jeans, die so weit nach unten hän-
gen, dass man seine Boxershorts
sieht, eine ganze Sammlung von
Goldketten – und Tattoos, die er
vielleicht eines Tages bereut.
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

T
o
m
i

U
n
g
e
r
e
r
62 Diogenes Magazin
D
»Na und.« Er sprach, als steckte er
unter einer Dunst glocke. Seine Worte
quollen wie Marihuanarauch aus sei-
nem Mund.
Mrs. Jacobs setzte den Unterricht
fort, nur um bald wieder von Derek
unterbrochen zu werden.
»Nimm die Füße von meinem Tisch,
sonst schneid ich dir deine Scheißze-
hen ab!«, knurrte er den Jungen hinter
ihm an. Mrs. Jacobs füllte einen Ver-
weiszettel aus und gab ihn Derek.
»Geh damit zum Direktor.«
»Na logo«, erwiderte er. Dann griff
er sich in den Schritt und stolzierte aus
dem Klassenraum.
Für diesen Wutausbruch musste
Derek nachsitzen, was er ohne Wider-
spruch akzeptierte. Er fand nachsitzen
»irgendwie cool«. Von Strafen ließ er
sich nicht beeindrucken, und als Mrs.
Jacobs endlich seine Mutter erreichte,
sagte die, sie könne nicht zu einem El-
terngespräch kommen, man solle aber
die nötigen Maßnahmen ergreifen. Sie
habe es versucht, käme aber auch nicht
an Derek heran.
März
M
rs. Jacobs fand es absurd, dass
man von ihr erwartete, mit die-
sen Schülern Shakespeare durchzuneh-
men. Doch sie musste sich an den
Lehrplan halten. Julius Cäsar stand be-
reits auf dem Unterrichts pro gramm,
wie zum Hohn. Als es so weit war, ließ
sie das Stück von den Schülern mit ver-
teilten Rollen vortragen.
Mitten im 1. Akt klingelte plötzlich
ein Handy zur Melodie eines Rap-
songs, den die Schüler häufig auf dem
Parkplatz spielten.
»Was geht ab?«, sagte Derek kühl in
das Handy, als antworte er aus dem
tiefsten Schwarzenghetto, dabei war er
so weiß wie die meisten seiner Mit-
schüler.
»Leg auf, Derek«, sagte Mrs. Jacobs.
Derek hob den Zeigefinger in Rich-
tung seiner Lehrerin, als Aufforderung
an sie, einen Moment zu warten.
»Ey, Kleine«, fuhr er fort. »Was
machste so? … Du putzt das Haus?
Scheiße, gute Idee. Vielleicht hilft dir
das dabei, dass dein dicker Arsch ’n
bisschen kleiner wird … Yeah, mach
das.«
Dereks Mitschüler hörten auf zu
lesen und widmeten ihre ganze Auf-
merksamkeit Dereks Telefonat. Mrs.
Jacobs stand neben ihm und schaute in
seine düsteren Augen.
»Derek, hör auf zu telefonieren«,
sagte sie so streng wie möglich.
»Is mir egal, ey«, fuhr er fort. »Für
’ne Vierzehnjährige hast du echt fette
Titten.«
Die Mitschüler lachten, was Derek
irritierte. Er senkte das Handy und
widmete seine Aufmerksamkeit den
Mitschülern, die ihn alle beobachteten.
»Klappen halten, ihr Arschficker.«
»Derek, das ist die letzte Warnung.«
Derek erhob sich, ging lässig an Mrs.
Jacobs vorbei und aus dem Klassen-
zimmer, ohne das Telefonat zu unter -
brechen.
»Lest das Stück mit verteilten Rollen
weiter«, sagte Mrs. Jacobs, als ob die
Schüler ihr gehorchen würden. Sie ver-
ließ den Raum und schloss die Tür hin-
ter sich.
»Geht klar. Wir sehn uns heut
Abend, Kleine«, sagte Derek, ehe er
das Handy wieder in die Tasche seiner
hängenden Jeans steckte.
»Derek, bisher war ich nachsichtig
mit dir, aber das war zu viel.«
»Sie sollten mal was für die Nerven
nehmen. Ich hab mir bloß ’ne Tussi für
die Nacht organisiert.«
»Stimmt irgendwas nicht? Gibt es
etwas, worüber du reden musst?«
»Was nicht stimmt, sind Sie. Sie sind
ja echt ätzend.«
Er nahm die Hand nicht von seinem
Schritt.
Jetzt lesen!
Bestellen Sie jetzt ein Schnupper-Abo des Kulturmagazins Du
zum Sonderpreis von nur CHF 50.– / € 30.– .
(statt CHF 80.– / € 48.– am Kiosk oder im Buchhandel)
Oder abonnieren Sie Du für CHF 160.– / € 98.– im Jahr, und
Sie bekommen die 10 Ausgaben bequem nach Hause geliefert.
Jetzt bestellen:
Telefon: +41 (0)55 220 81 90
oder: abo@du-magazin.com
w
w
w
.
d
u
-
m
a
g
a
z
i
n
.
c
o
m
4
×
D
u

r
n
u
r
C
H
F
5
0
© Olaf Hajek für Du 799
C r u n n o v s i e pr r e d n o S m u z
n h c S n i e t z t e j e i S n e l l e t s e B
e lle t z ttz e JJe








. – . 0 3 € / – . 50 F H C
n i z a g a m r u t l u K s e d o b A - r e p p u n
! n e sse ees
































g s u A 0 1 e i d n e m m o k e b e i S
ü ffü u D e i S n e r e i n n o b a r e d O
m a – . 8 4 € / – . 0 8 F H C t t a t s (
m o c . n i z a g a m - u d @ o b a : r e d o
0 9 1 8 0 2 2 5 5 ) 0 ( 1 4 + : n o f e l e TTe
: n e l l e t s e b t z t e J
9 9 7 u D r ü k f e j a f H a l © O








ffe e i l e g e s u a H h c a n m e u q e b n e b ga
u , r h a J m i – . 8 9 € / – . 0 6 1 F H C r ü
) l e d n a h h c u B m i r e d o k s o i K m
0
n
e
























Sie stellte sich vor, wie
es wäre, mit gezücktem
Messer die Schüler als
Geiseln zu nehmen.
63 Diogenes Magazin
D
»Was soll ich nur machen? Ich kann
von dir verlangen, was ich will, du
stellst dich stur. Ich habe dich fünf Mal
um deine Hausarbeit gebeten, doch du
machst sie einfach nicht. Und du hast
in meinem Kurs einen Notendurch -
schnitt von vier Komma neun. Willst
du denn nicht versetzt werden?«
»Das ist mir mittlerweile so was von
egal. Mit vier Komma neun werd ich
nun mal nicht versetzt, was soll ich mir
da den Arsch aufreißen? Außerdem
geh ich eh an dem Tag ab, an dem ich
achtzehn werde.«
»Wann ist dein Geburtstag?«
»Neunter April.«
»Den streiche ich mir im Kalender
an. Doch bis dahin musst du dich än-
dern, denn wenn du die Schule verlas-
sen hast, wirst du merken, dass sich
dieses Benehmen irgendwann irgend-
wer nicht mehr bieten lässt.«
»Ich komm schon klar. Das hat ja
siebzehn Jahre lang funktioniert.«
Als an diesem Tag nach dem Unter-
richt zwei Schüler nacheinander Mrs.
Jacobs die Vorfahrt nahmen, ertappte
sie sich dabei, dass sie den Mittelfinger
ein ganzes Stück über das Armaturen-
brett hob.
April
M
rs. Jacobs bedauerte, dass Tho-
mas ihr mittags nicht mehr Ge-
sellschaft leistete. Anfang April wurde
er der Schule verwiesen, weil er ge-
droht hatte, eine Pistole mit in die
Schule zu bringen. Ein paar Jungs hat-
ten ihn das ganze Jahr ungestraft schi-
kaniert. Sein Spind befand sich direkt
neben einer Tür, und tagaus, tagein
machten sich einige gut gekleidete Jun-
gen (Freunde von Derek) einen Spaß
daraus, die Tür aufzustoßen und Tho-
mas damit zu treffen. Als ihn die Tür
eines Morgens wieder getroffen hatte,
fuhr Thomas herum und drohte, die
Jungs zu erschießen. Sie verpetzten
ihn. Am Nachmittag war sein Spind
leer geräumt, und der Direktor hatte
ihn aus der Schülerliste gestrichen.
Jetzt hatte Mrs. Jacobs niemanden
mehr, mit dem sie reden konnte, wenn
sie in der Mittagspause den Müll ihrer
Schüler aufsammelte. Mittlerweile be-
hielt sie die gefalteten Zettel, die sie auf
dem Fußboden fand. Sie steckte sie in
ihre Handtasche und nahm sie mit
nach Hause, wo sie und ihr Mann sich
köstlich amüsierten.
Als sie eines Tages über den grauen
Teppichboden robbte, fand sie unter
Dereks Tisch ein Springmesser.
Wenn ich ihn doch nur damit er-
wischt hätte, dachte sie. Vorsichtig, als
wäre es ein Beweisstück, nahm sie das
Messer und legte es hinten in ihre un-
terste Schreibtisch schublade. Während
der restlichen Mittagspause stellte sie
sich vor, wie es wäre, mit gezücktem
Messer die Schüler eines ihrer Kurse
als Geiseln zu nehmen.
Entweder ihr lernt die Wortarten
oder ihr sterbt, dachte sie. Sie würden
sofort reagieren, die Hände heben und
richtige Antworten von sich geben, bis
hinunter zu den Präpositionen. Dann
würde die Polizei anrufen und fragen,
welche Forderungen sie stelle, und sie
würde entschieden und beherzt sagen:
»Ich will, dass diese Schule vor Sport-
ver anstaltungen keine Jubelfeste mehr
organisiert und dass sie nicht jedesmal
dichtmacht, wenn die Basketballmann-
schaft an einem Wettkampf teilnimmt.
Ich will, dass ein Pflichtkurs angeboten
wird, in dem gesunder Menschenver-
stand und Umgangs formen unterrich-
tet werden. Ich will, dass Siebzehnjäh-
rige die Schule abbrechen dürfen. Und
ich will, dass jemand den beschissenen
Kopierer repariert.«
Es war noch eine Woche bis zum
neunten April, doch für Mrs. Jacobs
kam er nicht schnell genug. Bald
würde sich Derek aus dem geschützten
Raum ihres Klassenzimmers und in
die, wie manche Lehrer gern sagten,
»wirkliche Welt« katapultieren, wo
ihn, wie sie vorhersah, ein Gericht zu
einer so harten Strafe verurteilen
würde, dass man nie wieder etwas von
ihm hörte. Zu wissen, dass sie sich bald
mit einem hoffnungslosen Fall weniger
befassen musste, war für sie täglich ein
Trost.
Am zweiten April kam es zu einer
Störung, nachdem eine freche Schüle-
rin namens Shanequa von der Toilette
Typisch(e) Amerikaner
von Joey Goebel
KÜSTENINTELLEKTUELLE
Dass die Küstenintellektuellen an
einem Ort leben möchten, wo Intel-
ligenz als Vorteil und nicht als
»schwuchtelhaft« gilt, kann man
ihnen nicht zum Vorwurf machen.
Ihre Brillen und Turnschuhe von ur-
banem Chic transportieren aber
auch einen Anflug von Überlegen-
heit. Sie würden es niemals öffent-
lich zugeben, aber sie haben das
unausgesprochene Gefühl, außer-
halb von New York oder Los Ange-
les könne sich nichts wirklich Wich-
tiges ereignen. Die Ironie besteht
darin, dass keiner von ihnen ur-
sprünglich aus New York oder L.A.
kommt. Sie stammen allesamt aus
den kleinen, in ihren Augen stupi-
den und bedeutungslosen Städten
des mittleren Westens, und viel-
leicht würde das Kernland der USA
nicht an Braindrain leiden, wenn
sie nicht alle der gleichen Regel
ihre Stereotyps gefolgt wären: dass
Intellektuelle unbedingt den Ort
wechseln müssen.
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

T
o
m
i

U
n
g
e
r
e
r
64 Diogenes Magazin
D
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

T
o
m
i

U
n
g
e
r
e
r
zurückkam. Die Schüler schrieben ge-
rade einen Test über König Arthur, als
Shanequa plötzlich laut wurde.
»Jemand hat meine Sachen durch-
wühlt!«
»Shanequa, sei still und schreib dei-
nen Test. Wenn du damit fertig bist,
darfst du reden.«
»Aber Mrs. Jacobs, jemand hat meine
Sachen durchwühlt! Ich komme vom
Klo und bin bestohlen wurden!«
»Wenn du deinen Spickzettel meinst,
den habe ich an mich genommen«, er-
widerte Mrs. Jacobs.
»Ich hasse Sie. Sie hatten kein Recht,
meine Sachen zu durchwühlen.«
»Ich musste deine Sachen nicht mal
durchwühlen. Der Spickzettel lag oben
auf deinem Tisch.«
Shanequa sprang von ihrem Platz auf
und verließ den Raum.
»Sie dürfen nicht in meinen Sachen
rumkramen!«, schrie sie beim Gehen.
»Zurück an die Arbeit«, sagte Mrs.
Jacobs und benotete wieder Hausar-
beiten.
»Was soll das jetzt?«, nuschelte
Derek. »Gehen Sie nicht hinter ihr her
wie sonst immer hinter mir?«
»Ich darf den Raum während eines
Tests nicht verlassen.«
»Was soll das denn heißen? Dass wir
alle schummeln?«
»Nein. Nicht alle. Zurück an die Ar-
beit.«
»Aha. Sie meinen also, ich bin ein
Schummler?«
»Nein, Derek, das tu ich nicht. Wenn
du abschreiben würdest, wären deine
Noten besser. Normalerweise schreibst
du nicht mal was in die Leerstellen
eines Lückentexts.«
Die anderen Schüler lachten, und
Derek murmelte leise »Miststück« vor
sich hin. Mrs. Jacobs ignorierte diese
Bemerkung und hoffte, dass die Schü-
ler ihren Test fortsetzen würden, was
auch geschah. Während des Tests sah
Derek Mrs. Jacobs immer wieder fins -
ter an und strich sich über die schüttere
Gesichtsbehaarung.
Nach dem Test stellte sich Mrs. Ja-
cobs vor die Klasse. Bevor sie mit dem
Unterricht begann, sah sie, dass Derek
sich meldete.
»Ja, Derek.«
»Ich wollte nur sagen, dass ich mir
was überlegt habe. Ich bin hier schließ-
lich nicht der Einzige, der schlechte
Noten hat. Vielleicht ist daran ja die
Lehrerin schuld.«
Mehrere Schüler begleiteten die Be-
leidigung mit Uuuh-Rufen. Mrs. Ja-
cobs errötete.
»Näh. Echt mal«, fuhr Derek fort.
»Wie viele von euch haben Fünfen
oder Sechsen? Meldet euch.«
Die Hälfte der Schüler hob die Hand.
Mrs. Jacobs spürte, wie ihr ganzer
Körper unangenehm heiß wurde.
»Na schön. Wenn du glaubst, das sei
so leicht, dann komm du doch nach
vorn und unterrichte.«
»Astrein.« Derek stand auf, fasste
sich kurz in den Schritt und stolzierte
nach vorn. Mrs. Jacobs setzte sich an
seinen Tisch. Ihr wurde übel, als sie auf
der Sitzfläche des Stuhls Dereks Kör-
perwärme fühlte.
»Warum bringen Sie uns nicht die
Wortarten bei, Mr. Pruitt?«, fragte sie.
»Na klar. Wird Zeit, dass wir hier
mal ’n bisschen Englisch lernen. Der
Junge in der ersten Reihe, nenn mir
jetzt sofort ein beschreibendes Wort,
sonst gibt’s Stress!«
»Kiffen«, antwortete der Junge.
»Hört sich gut an.«
»Toll«, sagte Mrs. Jacobs. »Warum
bringst du uns jetzt nicht Konjunktio-
nen bei, o genialer Derek?«
»Kinderkram. Ihr da hinten, hört auf
zu quatschen, verdammt. Okay, jetzt
nennt mir einer von euch ein Beispiel
für das, was sie gerade gesagt hat, sonst
mach ich euch platt.«
»Bier«, antwortete ein Mädchen.
»Ja, super. Du hast’s drauf.«
»Sehen Sie. Er ist ein guter Lehrer,
Mrs. Jacobs«, sagte ein anderes Mäd-
chen. »So sollten Sie auch unterrich-
ten.«
»Du sagst es. Ich hab Erfolg«, sagte
Derek. »Was jetzt?«
»Oh! Oh! Ich muss dringend auf die
Toilette, Herr Lehrer!«, rief Mrs. Ja-
cobs. »Ich will unter dem Vorwand,
urinieren zu müssen, eine Zigarette
rauchen! Können wir den Unterricht
im Freien machen??«
Typisch(e) Amerikaner
von Joey Goebel
DER DICKE
AMERIKANER
Für Europäer personifiziert dieser
Mann Amerika vielleicht am bes -
ten: der übergewichtige Mann mit
all seinen Exzessen, der mehr zu
sich nimmt, als er sollte, und sich
auf diesem Weg zu einem Ekelpa-
ket entwickelt. Der stereotype fette
Amerikaner ist ein unzivilisierter
Gammler, der infolge seiner Igno-
ranz und Trägheit dick geworden
ist. Fairerweise muss jedoch gesagt
werden, dass er seine Pfunde wo-
möglich aufgrund bestimmter ge-
sundheitlicher Probleme behält, un-
abhängig davon, wie sehr er sich
bei McDonald´s gehen lässt. Und
im Unterschied zu den kompakte-
ren Städten in Europa legen die
weitläufigen amerikanischen Städte
im Alltag eher das Autofahren
nahe als die Bewegung. Dennoch
ist Fettleibigkeit ein zunehmend ver-
breitetes Problem unter amerikani-
schen Kindern. Andererseits wette
ich: Unser Präsident ist garantiert
dünner als Ihrer.
www.cicero.de 0800 282 20 04
Rufen Sie jetzt kostenfrei an:
Sie können Ihre Bestellung innerhalb von zwei Wochen ohne Angabe von Gründen in Text-
form (z.B. Brief, Fax oder E-Mail) widerrufen. Die Frist beginnt frühestens mit Erhalt dieser
Belehrung. Zur Wahrung der Frist genügt die rechtzeitige Absendung des Widerrufs.
Cicero ist eine Publikation der Ringier Publishing GmbH, Lennéstraße 1, D-10785 Berlin.
Ja, ich bin damit einverstanden, dass Cicero und der Ringier Verlag mich
künftig per Telefon oder E-Mail über aktuelle Angebote informieren.
Bestellnr.: 664524
B
i
t
t
e

h
i
e
r

a
b
t
r
e
n
n
e
n
!
Wie keine andere Zeitschrift in Deutschland, bietet Cicero, das Magazin für politische Kultur,
Monat für Monat Standpunkte namhafter Autoren zum aktuellen Geschehen in Politik, Wirtschaft
und Gesellschaft. Überzeugen Sie sich selbst und bestellen Sie ein Gratis-Exemplar!
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n

C
i
c
e
r
o
-
T
i
t
e
l

8
/
0
9
:

S
i
l
k
e

B
a
c
h
m
a
n
n
Wie politisch ist die Lust?
Jetzt Cicero gratis lesen.
Cicero-Leserservice
20080 Hamburg
Schicken Sie ein Fax:
0800 77 88 790
Schreiben Sie eine E-Mail:
leserservice @ cicero.de
Besuchen Sie uns online:
www.cicero.de/abo
Straße, Hausnummer
PLZ Ort
Telefon E-Mail
Name, Vorname
Datum Unterschrift
Ja, ich möchte Cicero gratis testen.
66 Diogenes Magazin
D
Vorname | Nachname
Straße | Hausnr
PLZ | Ort
Telefon
E-Mail
die tageszeitung | Verlagsgenossenschaft eG | Postfach 610229
10923 Berlin | oder F (030) 25 90 25 16 | www.taz.de/genossenschaft
Senden Sie diesen Coupon an:
Bitte senden Sie mir Informationen zur taz Genossenschaft.
Investieren Sie in die
Unabhängigkeit der Presse.
Eine Investition in die taz ist immer auch ein Engagement für die Unabhängigkeit der
Presse. Jedes Mitglied der taz Genossenschaft sichert unsere publizistische Zukunft, damit
am Ende die Wahrheit bleibt. Mit einer einmaligen Zahlung ab 500 Euro* können auch
Sie zu den über 8.500 taz GenossInnen gehören. (*auch in 20 Raten zahlbar)
diogenes
»Halt den Mund«, sagte Derek.
»Genau so hört ihr euch an«, sagte
Mrs. Jacobs. Sie stand auf und ging
nach vorn. »Danke, Derek. Setz dich
wieder auf deinen Platz.«
»Scheiße, nein. Sie haben gesagt, ich
bin der Lehrer. Jetzt schwing deinen
Arsch zurück auf den Stuhl.«
Seine Mitschüler fingen an zu lachen
und hörten nicht wieder auf. Derek
rührte sich nicht. Mrs. Jacobs fühlte
sich matt. Aus ihren Achseln strömte
der Schweiß.
»Ich meine es ernst«, rief sie. »Setz
dich!«
»Das reicht, Schlampe! Marsch zum
Direktor, aber fix!«
Der Kurs brach in ohrenbetäubendes
Gelächter aus. Mit pochendem Kopf
sah sie ihre fröhlichen, johlenden
Schüler an und lief aus dem Raum.
»Das dachte ich mir«, sagte Derek.
Cynthia lief in die Toilettenkabine und
verriegelte die Tür. Dann spülte sie
nach, was die Schülerin vor ihr ver-
säumt hatte. Hektisch zerrte sie ihr
Höschen runter und zog den Rock
hoch.
Als sie etwas später nach unten
schaute, sah sie, dass das Toilettenwas-
ser rot war. Sie blieb eine Weile sitzen.
Allmählich schlug ihr Herz langsamer,
und ihr Körper kühlte sich ab, wäh-
rend sie das Gekritzel an den Klowän-
den las. Alles war zotig und voller
Schreibfehler, sie fand kein einziges
auch nur halbwegs freundliches Wort.
Zwei Mädchen kamen in den Wasch-
raum und zündeten sich Zigaretten an.
»Neulich abends haben wir einen
durchgezogen, und er hat gesagt, wirfst
du gern mal ’n Trip ein, und ich sage,
eigentlich nicht, und er sagt, gibt nicht
so viel, was du magst, stimmt’s? Und
ich sag, ich mag deinen Schwanz, und
dann haben wir’s gemacht.«
»Cool. Weiß Chris davon?«
»Teufel, nein. Aber das war meine
Rache, weil er’s mit Melissa gemacht
hat.«
»Gut gegeben.«
Cynthia fing an zu weinen. Sie be-
mühte sich, leise zu sein, konnte das
Schluchzen aber nicht unterdrücken.
Sie hörte die Mädchen lachen, ehe sie
67 Diogenes Magazin
D
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

T
o
m
i

U
n
g
e
r
e
r
sich weiter über ihr Wochenende un-
terhielten.
Als die Mädchen weg waren, erhob
sich Cynthia. Sie hatte keine Tränen
mehr und wischte sich mit dem Ärmel
ihrer geblümten Bluse übers Gesicht.
Sie sah nach unten auf die Blutklum-
pen in der Kloschüssel und beschloss,
sie nicht wegzuspülen.
Als Mrs. Jacobs in ihr Klassenzim-
mer zurückkam, stand Derek immer
noch vorn, die Hand im Schritt. Der
Kurs war relativ ruhig.
Mrs. Jacobs ging zu Derek und
schaute ihm in die blutunter laufenen
Augen. Er lächelte und zeigte seine
missgestalteten Zähne.
»Was geht ab?«
»Verschwinde aus meinem Klassen-
zimmer.«
»Aber Sie ham gesagt, dass ich der
Lehrer bin.«
»Verschwinde aus meinem Klassen-
zimmer, du Abschaum.«
Die Schüler verstummten.
»Wundern Sie sich nicht, wenn Ihr
Haus heute Abend aus ’m fahrenden
Auto heraus beschossen wird«, sagte
Derek, ehe er aus der Tür stolzierte.
Die Schüler beobachteten Mrs. Ja-
cobs, als sie sich an ihren Tisch setzte
und den Kopf senkte. Sie musterten
Typisch(e) Amerikaner
von Joey Goebel
DER REDNECK
Der amerikanische Redneck, auch
bekannt als Country Boy, Good
Ol’Boy oder Bauerntölpel, gedeiht
in den unendlichen Weiten zwi-
schen Ost- und Westküste. Er ist ein
einfacher Mann und stolz darauf.
Das könnte man als einnehmende
Eigenschaft gelten lassen, wäre da
nicht jene Schlichtheit des Gemüts,
die es möglich machte, dass
George W. Bush nicht nur einmal,
sondern zweimal gewählt wurde.
Der Redneck glaubt wie der
Gangsta, wenngleich auch dessen
Erzrivale, an die Männlichkeit als
höchste Tugend. Alle Klischees vom
Redneck treffen zu: Er liebt Pick-up-
Trucks, Countrymusik und Schuss-
waffen. Er hasst Abtreibungen, Ho-
mosexuelle und Bücher. Nur we-
nige Rednecks sind tatsächlich von
Hass erfüllt Kleingeister. Viele sind
höflich und wohlmeinend. Manche
aber sind die unheimlichsten Ame-
rikaner überhaupt, und doch abso-
lut überzeugt von ihrer eigenen Tu-
gendhaftigkeit.
Buchtipp
ihren Schopf, die lockigen, braunen
Haare, um die sie ihre mageren Arme
geschlungen hatte. Da ihre Schüler so
ungewöhnlich still waren, schlief sie in
dieser Stellung beinahe ein.
Dann durchbrach ein Furzen die
Stille, woraufhin gelacht wurde, wor-
aufhin geredet wurde, woraufhin die
vertraute Kakophonie aus Beschimp-
fungen, Flüchen und schlechter Gram-
matik wieder begann.
Mai
D
erek wurde wegen der angedroh-
ten Schießerei – eine Drohung,
die nie umgesetzt wurde – der Schule
verwiesen. Cynthia hörte am Halbjah-
resende auf zu unterrichten. Einige
Schüler fingen in den letzten andert-
halb Monaten an, sie zu mögen. Sie
verteilte keine Hausaufgaben mehr
und saß fast nur noch vorn an ihrem
Tisch. Sie tadelte nur noch, wenn die
Schüler so laut redeten, dass sie ihre
Soap Operas nicht mehr hörte.
Am Halbjahresende hatten nur
zwanzig Schüler nicht bestan den. Die
anderen, die keinen Abschluss beka-
men, hatten an ihrem achtzehnten Ge-
burtstag die Schule verlassen. Wesent-
liche Fortschritte: keine.
Cynthia nahm ein Zweitstudium auf
und machte ein Examen in Sozialar-
beit. Ihre berufliche Zukunft lag in der
Arbeit mit Senioren. Sie mochte ältere
Menschen. Sie redeten so höflich und
hatten einen guten Filmgeschmack. Sie
waren Cynthia für ihre Anwesenheit
dankbar und glaubten, einen Engel um
sich zu haben.
Im Laufe der Jahre las Cynthia die
Namen ihrer ehemaligen Schüler in der
Zeitung, meist in Artikeln über Ge-
richts verhandlungen, manchmal aber
auch wegen ihrer Heldentaten im Aus-
land. Von Derek Pruitt hörte sie nie
wieder etwas, doch manchmal sah sie
vor ihrem inneren Auge seinen Urur-
enkel, wie er Frauen und Kinder in den
Hinterkopf schoss, während in einiger
Entfernung im Zuge des Zwölften
Weltkriegs Bomben fielen.

Aus dem Amerikanischen
von Hans M. Herzog
Die Texte der Serie »Typisch(e) Amerikaner«
erschienen erstmals in der Zeitschrift
»Kulturaustausch« Nr. 3/ 2009. Aus dem
Amerikanischen von Andreas Bredenfeld
Joey Goebel
Heartland
Roman · Diogenes
720 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06694-4
Gott, Vaterland und Freiheit?
Eher: Geld, Vetternwirtschaft und
Feigheit! Ein großes Familienepos
und Portrait des Vor-Obama-
Amerikas. Herrlich grausam.
68 Diogenes Magazin
D
Top 10
Benedict Wells
Top10 Singles
1. Neighbourhood 1, Arcade Fire
Ich habe diesen Song einmal gehört. Na ja.
Ich habe ihn fünf Mal gehört. Nicht
schlecht, hat was. Ich habe ihn zehn Mal
gehört. Wirklich, wirklich gut. Die nächs -
ten hundert Male wurde er weiterhin
immer besser. Nach zwei Jahren war ich
dann auf dem besten Konzert meines Le-
bens, als Arcade Fire in Köln spielten. Als
ich den Song dort live hörte, fühlte ich
mich so unglaublich glücklich, wie einen
nur gute Musik glücklich machen kann.
Vielleicht hatte ich sogar feuchte Augen,
aber das würde ich hier nie zugeben. Ich
liebe dieses Lied, verdammt!
2. Reptilia, The Strokes
Ich kam 2003 nach Berlin, lebte in einer
Bruchbude und schrieb wie verrückt, Geld
war Mangelware. Und trotzdem habe ich
mir aus einem Instinkt heraus das zweite
Album der mir damals unbekannten Band
The Strokes gekauft, was bedeutete, dass
es danach mehrere Tage lang nur Fertig-
nudeln zum Essen gab. Egal. Ich hörte den
Song und das Album tausend Mal beim
Schreiben, auf der Straße, beim Fertignu-
delessen, es veränderte alles.
3. The Rip, Portishead
Neben Teardrop von Massive Attack und
Atmosphere von Joy Division eines der
schönsten ruhigen Lieder, die ich kenne.
Es steigert sich ganz langsam, wird druck-
voller, am Ende bricht es richtig aus. Ich
hatte anfangs immer eine Gänsehaut beim
Hören. Als ich das letzte Kapitel von
Spinner schrieb, lief der Song in Endlos-
schleife.
4. My Favourite Girl, King Creosote
Ein sehr, sehr schönes Lied, wehmütig,
traurig, wunderbar melancholisch. Ich
glaube, wenn man verliebt ist oder Welt-
schmerz hat, gibt es nichts Besseres. Lei-
der kennt kein Schwein King Creosote,
dabei sind fast alle seine Sachen super.
5. Take Me Out, Franz Ferdinand
Genialer Song. Am besten ist er, wenn er
seine Richtung ändert. Er fängt erst nor-
mal und etwas verspielt an, ehe dann auf
einmal dieser stampfende Rhythmus ins
Spiel kommt. Franz Ferdinand sind auf
CD einfach super, sie sollten viel weniger
touren und viel mehr Alben aufnehmen,
am liebsten würde ich sie zwei Jahre lang
in ein Studio einsperren.
6. All Along The Watchtower,
Bob Dylan
Mit diesem Song kriegte er mich. Vorher
war Dylan für mich nur ein vager Begriff,
ich stellte mir einen hundertjährigen Pre-
diger vor, der irgendwelche Hippiemusik
machte. Natürlich ohne vorher jemals
etwas von ihm gehört zu haben. Durch
das coole und irgendwie angriffslustige
All Along The Watchtower betrat ich
Dylans kleines Zauberreich und habe seit-
dem nie wieder den Ausgang gefunden.
7. Billie Jean, Michael Jackson
Ich gehöre ja einer Generation an, die
Jackson nur noch als Weißen kannte,
der mit seinem Affen lebte, sein Baby
vom Balkon hielt und allerlei andere Sa-
chen machte, die hier nicht hingehören.
Egal. Die Musik überlebt. Allein der An-
fang dieses Songs. Wer da nicht mit den
Füßen wippt, ist tot. Als ich klein war,
war ich der größte Michael-Jackson-Fan
der Welt. Leider waren auch alle anderen
Jungen in meiner Klasse der größte Mi-
chael-Jackson-Fan der Welt. Um die Mäd-
chen zu beeindrucken, übten wir zehntau-
send Stunden am Tag die Tanzschritte
oder den Moonwalk, wir kauften uns
sogar Hüte. Heute glaube ich, dass ich zu
dem Song mal echt gut tanzen konnte, aber
das bilde ich mir wahrscheinlich nur ein.
8. Who Put The Weight Of The World
On My Shoulders, Oasis
Es ist ein Jammer, dass eines der besten
Lieder von Oasis auf keinem ihrer Alben
drauf ist, sondern nur auf dem Soundtrack
des recht miesen Fußballfilms Goal. Was
für eine Verschwendung. Ich habe diesen
Song immer beim Schreiben von Becks
letzter Sommer gehört, er ist eine Hymne.
Ich mag ihn fast noch lieber als Wonder-
wall oder Live Forever.
9. Hold On, Hot Chip
Nicht fantastisch, aber ein gewitzter Song.
Hab ihn reingenommen, um mal noch was
anderes in dieser Liste zu haben. An dieser
Stelle hätten aber auch Songs von The Clash,
Jamie T, Matisyahu oder den Chemical
Brothers stehen können. Bin kein Musik-
kritiker, also benutze ich mit Sicherheit die
falschen Begriffe, wenn ich dieses Lied als
funky, elektronisch und trickreich preise.
10. Riders on the Storm, The Doors
Ich habe diesen Song in verschiedensten
Stimmungen gehört, mit verschiedensten
Menschen, in verschiedensten Situationen.
Er hat wirklich immer gepasst. Am liebsten
mochte ich ihn, als ich in Amerika war und
bei Regen durch die Rocky Mountains
gefahren bin. Ich liebe das Pianospiel.

Top 10 Filme von Martin Walker
Im nächsten Magazin:
F
o
t
o
:

©

C
o
r
a
-
M
a
e

G
r
e
g
o
r
s
c
h
e
w
s
k
i
69 Diogenes Magazin
D
D
as Bild, das noch immer vor mei-
nem inneren Auge steht, zeigt
ein tanzendes, gestikulierendes Etwas
mit menschlichem Gesicht, Katzen-
ohren und einem Körper mit Bären-
pelz. Das Paradoxe ist, dass ich dieses
Bild damals – ich muss etwa sieben
gewesen sein – eigentlich nie wieder-
sehen wollte. Ich wusste ganz genau,
an welcher Stelle in Andrew Langs
Märchenbuch es vorkam, in welchem
Viertel des Buches und zwischen wel-
chen Seiten, und ich war fest ent-
schlossen, es nie mehr anzuschauen,
es ängstigte mich zu sehr. Anderer-
seits – so pervers ist der Mensch, und
mag er noch so jung und unschuldig
sein – war die Versuchung riesengroß,
nur mal eben verstohlen hinzugucken.
Die Seiten in dem gefährlichen Be-
reich rasch durchzublättern und einen
kurzen, angsterfüllten Blick darauf zu
werfen. Welches von Langs Märchen-
büchern es war, das rote, blaue, gelbe
oder lilafarbene, weiß ich nicht mehr.
Gelesen habe ich sie alle. Es waren die
ersten Bücher, die mir nicht von ande-
ren vorgelesen oder ans Herz gelegt
worden waren, und ihnen verdanke
ich eine beständige Liebe zu Märchen
und noch etwas anderes, etwas, das
für mich immer wieder faszinierend
und auch von praktischem Nutzen
ist. Andrew Lang war der Erste, von
dem ich lernte, meine Leser das
Fürchten zu lehren.
Weil ich eine skandinavische Mut-
ter hatte – so muss ich es sagen, denn
sie war halb Schwedin, halb Dänin,
mit einer isländischen Großmutter,
geboren in Stockholm, aufgewachsen
in Kopenhagen –, wurde ich früh an
Hans Christian Andersen herange-
führt, den ich von Anfang an nicht lei-
den konnte. Er war mir zu moralisch.
In seinen Märchen steckte meist eine
Botschaft und eine Drohung. Merk-
würdigerweise – aber vielleicht ist es
gar nicht so merkwürdig – war die
Geschichte, die ich am meisten hasste,
das Lieblingsmärchen meiner Mutter
(die eine streng lutherische Ader hatte),
nämlich Das Mädchen, das auf das Brot
Das erste Mal
Ruth Rendell alias Barbara Vine
über ihre ersten Leseerfahrungen
trat. Es handelt von der hochmütigen
Inger, die einen Laib Brot als Tritt-
stein benutzt, um ihre feinen Schuhe
in der Furt nicht nass zu machen. Das
Ende vom Lied war natürlich, dass sie
in das Reich der Moorfrau hinunter-
sank, eine Art Jauchegrube, in der es
von grusligem Krabbelgetier nur so
wimmelte. Und das war erst der Be-
ginn ihrer Leidensgeschichte.
Ich wollte eigentlich nie das lesen,
was meine Eltern wünschten. Zwei-
fellos ist das normal. Die Ausnahme
ist wohl Beatrix Potter, aber ihr ent-
wachsen wir früh und kehren erst
nach zwanzig oder dreißig Jahren zu
dieser ersten Liebe zurück. Liest ir-
gendjemand heute noch Die Wasser-
kinder? Charles Kingsley ist nicht
weniger belehrend als Andersen, aber
auf andere Art. Ihm geht es weniger
um moralische als um soziale Miss-
stände. Von Ingers Armut und ihrer
entbehrungsreichen Kindheit nimmt
Andersen überhaupt keine Notiz.
Kingsleys arme kleine Schornsteinfe-
gerjungen erregten immer meine Neugier
und mein Mitgefühl. Nie hätte ich ge-
dacht, dass ich einmal in einem Haus
wohnen würde, in dessen riesigem
Ich wollte eigentlich
nie das lesen, was meine
Eltern wünschten.
Zweifellos ist das normal.
Serie
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

S
e
m
p
é
Kamin man noch die Fußstützen
sieht, an denen die Jungen mit ihren
Besen hochkletterten. Die Wasserwe-
sen, die dem verwandelten Tom be-
gegneten, weckten in mir ein lebens-
langes Interesse für Naturgeschichte.
Zwei Jahre nach der Veröffentli-
chung von Tolkiens Der kleine Hob-
bit las ich das Buch zum ersten Mal.
Als ich es zwanzig Jahre später noch
einmal las, empfand ich das gleiche
Entzücken, das gleiche Glück, die
gleiche atemlose Lust. Damals, als ich
neun war, verspürte ich all diese Ge-
fühle zum ersten Mal – Gefühle, die
allen Freunden der Literatur vertraut
sind und die sich ungefähr auf der
zweiten Seite einstellen, wenn man
merkt: Das Buch ist nicht nur gut,
sondern unendlich reichhaltig, pa-
ckend, ein Buch, das man nur unter
Zwang aus der Hand legt, das unerbitt -
lich auf einen kraftvollen, dramatur-
gisch überzeugenden Schluss zutreibt.
Zur selben Zeit, als mich Der kleine
Hobbit fesselte, las ich auch The
Complete Book of British Butterflies,
ein dicker Wälzer, verfasst von
dem berühmten Naturwissenschaftler
F.W. Frohawk. Was für ein wunder-
barer Name. Er hört sich an, als sei
der Mann selbst ein Riesenschmetter-
ling oder ein großer Nachtfalter. Die-
ses Buch besitze ich immer noch, von
meinem Schreibtisch aus kann ich es
im Bücherregal sehen. Früher habe
auch ich Schmetterlinge gesammelt,
sie in einer Flasche mit ammoniakge-
tränkter Watte getötet und auf eine
Nadel gespießt. Die Missbilligung
einer Schulkameradin, die ich eigent-
lich nicht mochte, vor der ich aber of-
fenbar Respekt hatte, machte dem ein
Ende, und abgesehen von ein paar
Fliegen und vielleicht ein, zwei Stech-
mücken habe ich seither kein Lebe-
wesen umgebracht – außer zwischen
zwei Buchdeckeln, versteht sich.
Mein Vater ertappte mich bei der
Lektüre von Thackerays Buch der
Snobs und prophezeite mir sehr rich-
tig, ich würde es nicht verstehen. Ich
hatte es mir nur genommen, weil ich
nichts anderes hatte. Der Leser, die
Leserin muss lesen, und sei es in Er-
mangelung anderen Lesestoffs Das
Buch der Snobs oder das Telefonbuch.
Wenn in den Ferien die Schulbiblio-
thek geschlossen und die Stadtbüche-
rei zu weit weg war, um dort rasch ein
Buch zu holen, konnte ich nur auf die
Bücherschränke meiner Eltern zu-
rückgreifen. Sie waren beide Lehrer
und beide Leser, besaßen aber nur we-
nige eigene Bücher. Sie konnten sie
sich nicht leisten. Ein paar Lehrbü-
cher aus dem Studium hatten sie, ein
paar moderne Romane, die sie zu
Weihnachten bekommen hatten und
die Gesammelten Werke ihrer jeweili-
gen Lieblingsschriftsteller, bei mei-
nem Vater war es Hardy, bei meiner
Mutter Kipling.
Ich erinnere mich an einen scheuß-
lich verregneten Sonntagnachmittag,
an dem ich mich mit der Einführung
in die Paläontologie quälte und mit
einem Buch über Eruptivgestein.
Mein Vater hatte Geologie studiert.
Lohnender war Marie Stopers Das
Liebesleben in der Ehe, das einzige
Buch im Regal, das einen unbedruck-
ten Schutzumschlag hatte – ein Hin-
weis auf ein »Spezialgebiet«, wie Por-
nohändler zu sagen pflegten. Bei
Stopes fand sich allerdings kein Porno
und sehr wenig Information. Ich
staunte damals und staune noch heute
darüber, dass es in diesem Buch, ge-
schrieben von einer Meisterin der
Umschreibung und Beschönigung,
angeblich um Sex geht.
Wie trist waren die Abende, an
denen mein Vater mir Hardy vorlas.
Er las bestimmt sehr gut und in über-
zeugendem Wessex-Tonfall, denn er
stammte aus Devon, aber mich als
Heranwachsende langweilten diese
braven, einfachen Bauern unter ihren
grünen Bäumen unaussprechlich.
Heute wäre mir die neuerliche Lek-
türe von Herzen in Aufruhr zu müh-
selig, und Die Heimkehr finde ich fast
selbstmörderisch düster, aber damals
überlegte ich die ganze Zeit nur, wie
ich es anstellen könnte, der Lesung zu
entkommen, ohne die Gefühle meines
geliebten Vaters zu verletzen.
Nicht dass ich viktorianische Ro-
mane durchweg abgelehnt hätte –
ganz im Gegenteil! Damals begann
meine lebenslange Liebe zu Trollope.
Auf Dr. Thorpe, einen Roman, den
ich – eine hübsche Ironie – gerade für
Penguin Classics herausgegeben und
mit einer Einführung versehen habe,
stieß ich im Bücherschrank einer
Tante. Man riet mir von der Lektüre
ab. Das Buch sei unschicklich, hieß es
hinter vorgehaltener Hand. Heute ist
es unglaublich (damals eigentlich auch
schon), dass man mich vor einem
Roman warnte, in dem ein Mädchen
ein uneheliches Kind hat und das
Wort »Verführer« vorkommt. Aber
so war meine Familie eben. Ohne
ihren Widerstand hätte ich das Buch
nie aufgeschlagen. Wie viele von uns
halten einem Schriftsteller zeitlebens
die Treue, weil er uns einst so gut wie
verboten worden ist? Wie viele von
uns entwickeln einen nachhaltigen
Widerwillen gegen einen bestimmten
Autor, weil unsere Eltern uns, als wir
jung und empfänglich waren, daraus
vorgelesen haben?
Meine Abneigung gegenüber Hardy
hat sich später gelegt, inzwischen hege
ich eine zurückhaltende Bewunde-
rung für ihn. Die Begeisterung meiner
Mutter für Tennyson hat ihn mir ein
für allemal verleidet – was mag wohl
eine schwedische Dänin an Maud ge-
funden haben? –, und aus Kipling
mache ich mir bis heute nichts. Aber
durch die Enzyklopädie The Wonder-
land of Knowledge, die mir meine
Mutter in meiner Kindheit kaufte,
lernte ich die griechische Mythologie
kennen, und die Odyssee ist noch
heute eins meiner Lieblingsbücher.
Ein weiteres Lieblingsbuch, dem ich
treu geblieben bin, ist Der Weg allen
Fleisches von Samuel Butler. Das Ex-
emplar, das ich heute noch besitze, hat
mir seinerzeit eine Schulfreundin zum
70 Diogenes Magazin
D
Der Leser, die Leserin
muss lesen, und sei
es in Ermangelung
anderen Lesestoffs
das Telefonbuch.
71 Diogenes Magazin
D
F
o
t
o
:

©

G
e
o
f
f

W
i
l
k
i
n
s
o
n
/
R
e
x

F
e
a
t
u
r
e
s
/
D
u
k
a
s
Geburtstag geschenkt. Ich würde gern
sagen, dass ich von Butler gelernt
habe, Heuchelei zu meiden, tatsäch-
lich aber lernte ich nur, was der Begriff
bedeutet. Ich würde gern sagen, dass
sein Buch mich lehrte, mich von fau-
lem Zauber fernzuhalten, tatsächlich
zeigte es mir nur, ihn bei anderen zu
erkennen. Während meiner Butler-
Lektüre war ich nämlich gleichzeitig
in W. Somerset Maugham verliebt.
Das war eine absurde Schwärmerei,
ein Kult, wie ihn junge Leute ein paar
Jahre später mit Popstars treiben soll-
ten. Schuld daran war Der bunte
Schleier, der auf den so überaus ein-
flussreichen elterlichen Bücherregalen
stand. Ehe ich endgültig das Interesse
an Maugham verlor, war es mir stets
gelungen, genug Geld zusammenzu-
kratzen, um jedes seiner Bücher gleich
nach Erscheinen zu kaufen. Dadurch
kam ich zu einer schönen Sammlung
von Maugham-Erstausgaben und
einem von Maugham infizierten Stil –
französisiert, archaisch, peinlich –, in
dem ich meine ersten Kurzgeschichten
und einen sehr schlechten Roman
schrieb. Kein Wunder, dass sie alle-
samt abgelehnt wurden.

Aus dem Englischen
von Renate Orth-Guttmann
384 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06731-6
Ivor Tesham, Machtmensch, Drauf-
gänger und Politiker, macht seiner
Geliebten zum achtundzwanzigsten
Geburtstag ein riskantes Geschenk,
das seine Karriere und sein Leben
zu zerstören droht.
Buchtipp
Barbara Vine
Das Geburtstags-
geschenk
Roman · Diogenes
Literarisches Kochen
Kochen mit Martin Suter
Im nächsten Magazin:
73 Diogenes Magazin
D
»Ich habe mich schon oft gefragt,
wie Sie es machen.«
Das war Madame Pardons Stimme.
Sie sprach von dem Coq au vin,
das sie soeben genossen hatten.
»Es hat einen ganz besonderen Ge-
schmack«, fuhr sie fort, »ein Aroma,
das man kaum spürt, aber es verleiht
ihm das gewisse Etwas, und ich bin
bis heute nicht dahintergekommen,
was es sein könnte.«
»Ach, dabei ist es so einfach! Ich nehme
an, Sie gießen zuletzt immer noch einen
Schuss Cognac dazu, stimmt’s?«
»Cognac oder Armagnac. Was ich
gerade habe.«
»Sehen Sie! Und ich weiche vom traditionellen
Rezept ab und nehme elsässischen Schlehen -
schnaps. Das ist das ganze Geheimnis.«
Aus: Georges Simenon, Maigrets Geständnis
E
in Drittel der Karotten sowie
Lauch, Zwiebel und Petersilien-
stengel zusammen mit den Geflügel-
füßen bei mittlerer Hitze andämpfen.
Das halbe Lorbeerblatt und einen
Thymianzweig dazugeben und mit
300ml Wasser ablöschen. ½Stunde
auf etwa ein Drittel (100ml) einkö-
cheln lassen. Durchpassieren und be-
reithalten.
In einem Schmortopf Schweinefett
oder Butter erhitzen und die Geflü-
gelstücke darin bei großer Hitze an-
braten. Herausnehmen, den Rest der
Karotten, die Schalotten und den
Knoblauch hineingeben und über
gelinder Hitze 10 Minuten goldgelb
dünsten. Das Fleisch wieder in den
Topf geben, mit dem Mehl bestäuben,
Für 4 Personen
1 Hähnchen von etwa 2 kg,
zerlegt und in Stücke geschnitten 3 Karotten, geputzt, klein geschnitten 1 Lauchstengel, geputzt, in Streifen geschnitten
1 Zwiebel, fein gehackt
1 Stengel Petersilie
½ Lorbeerblatt, 2 Zweige Thymian Schweinefett oder Butter zum Anbraten
4 Schalotten, fein gehackt
2 Knoblauchzehen, gepresst
1 gestrichener Esslöffel Mehl
100ml Riesling
Salz, Pfeffer, Muskatnuss
1 Eigelb
100g Crème fraîche
½ Zitrone, Saft
10ml klarer Schlehenschnaps
(oder Cognac oder Armagnac)
Kochen mit Maigret
Coq au vin
die durchpassierte Bouillon und den
Riesling sowie ein Thymianzweiglein
dazugeben, mit Salz, Pfeffer und
etwas geriebener Muskatnuss würzen.
Zugedeckt 1Stunde köcheln lassen
(ein über 1½ Jahre altes Hähnchen
2 Stunden). Wenn die Fleischstücke
gar sind, aus dem Topf heben und auf
einer vorgewärmten Platte anrichten.
Den Topf vom Feuer nehmen. Das
Eigelb mit der Crème fraîche verrüh-
ren und hineingeben. Mit dem Zitro-
nensaft und dem Schlehenschnaps ab-
schmecken und die Sauce über das
Fleisch giessen.
Empfehlung: Dazu frische Teig waren
servieren. Zu Hähnchen in Weißwein
trinkt Maigret einen Riesling.
detebe 22958, 224 Seiten
ISBN 978-3-257-22958-5
Original französische Bistro-
rezepte und die traditionellen
Gerichte von Madame Maigret.
Köstlich und gut nachkochbar!
Buchtipp
Simenon
Maigrets
Geständnis
Sämtliche Maigret-Romane
Band 54
Diogenes
Simenon und
Maigret
bitten zuTisch
Die klassischen
französischen Bistrorezepte
der Madame Maigret
gesammelt von
Robert J. Courtine
Diogenes
74 Diogenes Magazin
D
Diogenes Magazin: Wie sieht das
Leben zweier verheirateter Schrift-
steller aus?
Jessica Durlacher: Leon bereitet das
Frühstück für unsere zwei Kinder
vor, vergisst dabei aber immer, ihnen
etwas zu trinken zu geben.
Leon de Winter: Das mache ich extra,
damit Jessica glaubt, sie vollendet
Dinge. Nach dem Morgenspaziergang
treffen wir uns zum zweiten Kaffee,
bevor jeder in sein Arbeitszimmer
verschwindet. Jessica arbeitet im un-
serem Gartenhaus, etwa zehn Meter
von unserem Haus entfernt. Dann
klingeln ständig die Hausapparate.
Jessica Durlacher: Wir telefonieren
acht- bis zehnmal am Tag miteinan-
der. Leon ruft öfter als ich an. Dann
liest er mir etwas aus einem seiner Ar-
tikel vor, oder es ist ihm eine schöne
Formulierung eingefallen. Das hört
nicht auf, bis ich sage: »Jetzt ist
Schluss!«
Leon de Winter: Mich kann niemand
und nichts stören. Ich murmle »Ja«
oder »Nein« oder »Okay«, während
ich einfach weiterschreibe.
Jessica Durlacher: Ich springe in sein
Zimmer und frage ihn etwas, und er
Jessica
Durlacher
und
Leon
deWinter
Interview
F
o
t
o
:

©

B
a
s
t
i
a
n

S
c
h
w
e
i
t
z
e
r
/
D
i
o
g
e
n
e
s

V
e
r
l
a
g
Wenn man an einem
Buch arbeitet, ist das eine
Herausforderung für die
ganze Familie.
75 Diogenes Magazin
D
Wir
schreiben
selten
zur selben
Zeit.
sagt ja, ja. Aber später kann er sich
nicht mehr daran erinnern. Mitten im
Chaos des Familienlebens zu sitzen
und alles um sich herum zu vergessen,
das würde ich auch gerne können.
Wir schreiben selten zur selben Zeit,
denn wenn man an einem Buch arbei-
tet, ist das eine Herausforderung für
die ganze Familie. Ich tauche dann
komplett ein in die Welt des Romans,
denke ständig darüber nach und rede
von nichts anderem. Wenn das zwei
Leute zur selben Zeit tun, noch dazu
Ehepartner und Eltern, geht das nicht
gut.
Was machen Sie, wenn Jessica auf
großer Lesereise ist?
Leon de Winter: Dann bin ich allein
hier. Es ist schrecklich. Der Mensch,
den ich am liebsten habe, ist nicht da.
Das Haus ist zu ruhig, mein einziger
Trost sind unsere zwei Kinder.
Jessica Durlacher: Sie gucken dann
zusammen fern und essen merkwür-
dige Sachen. Es ist im Grunde so, als
wären drei Kinder allein zu Hause.
Kommen Sie sich manchmal ge-
genseitig in die Quere mit den
Themen, über die sie schreiben?
Jessica Durlacher: Manchmal, wenn
wir etwas Besonderes entdecken oder
erleben, reklamiert es jeder für sich –
zum Spaß natürlich. Das Leben
meines Neffen ist zum Beispiel voller
Besonderheiten, die wir beide sehr
witzig finden. Er handelt mit Natur-
därmen, aus denen Würste gemacht
werden. Das ist offenbar ein einträgli- F
o
t
o
:

©

B
a
s
t
i
a
n

S
c
h
w
e
i
t
z
e
r
/
D
i
o
g
e
n
e
s

V
e
r
l
a
g
76 Diogenes Magazin
D
ches Geschäft, faszinierend und ab-
stoßend zugleich. Leon war begeistert
und wollte darüber schreiben. Auch
ich fand daran Gefallen, bis ich einge-
sehen habe, dass diese Figur einfach
besser in Leons Werk passt.
Leon de Winter: Es ist schon ko-
misch, früher hat man uns nie vergli-
chen, das beginnt erst bei ihrem drit-
ten Roman.
Jessica Durlacher: Als ich Emoticon
geschrieben habe, arbeitete auch Leon
an einem Buch, das in Israel spielt.
Wenn er zur selben Zeit damit heraus-
gekommen wäre, hätte man uns direkt
verglichen. Deshalb hat Leon die Ver-
öffentlichung seines Romans verscho-
ben. So haben wir das Problem gelöst.
Sie sind jeweils der erste Leser des
anderen, wird da kritisiert?
Jessica Durlacher: Natürlich kritisie-
ren wir uns!
Leon de Winter: Jessicas Kritik kann
sehr grob sein. Als sie die erste Fas-
sung von Malibu las, strich sie mit
einem roten Filzer ganze Absätze an
und schrieb »Bullshit« oder »blöd«
daneben. Ich schlafe dann noch ein-
mal darüber, und wenn es wirklich
gravierend ist, ändere ich etwas. Meis -
tens aber an einer anderen Stelle…
Jessica Durlacher: Du machst das-
selbe mit mir. Bei meinem Roman
Das Gewissen hat Leon ganze Kapitel
herausgenommen und umgestellt. Ich
war verzweifelt. Bis ich realisiert
habe, dass es mein Buch ist. Ich habe
alles wieder reingenommen und bin es
noch mal durchgegangen.
Leon de Winter: Ich mache eher An-
merkungen über den Aufbau des Bu-
ches und die Frage, wie man eine Ge-
schichte am besten erzählt. Ich
möchte Jessicas Umgang mit der
Sprache, ihren Stil nicht zerstören. Sie
schmeckt die Sprache ab, für mich ist
sie nur ein Mittel zum Zweck.

F
o
t
o
:

©

B
a
s
t
i
a
n

S
c
h
w
e
i
t
z
e
r
/
D
i
o
g
e
n
e
s

V
e
r
l
a
g
Jessica schmeckt die
Sprache ab, für mich
ist sie nur ein Mittel
zum Zweck.
detebe 23784, 128 Seiten
ISBN 978-3-257-23784-9
Eine raffinierte Intrigen-
geschichte – und ein luzider Blick
hinter die Fassaden von Literatur-
stars. Spannend wie ein Krimi.
Buchtipp
560 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06733-0
Über einen Vater, der seinen Sohn
verliert. Ein Roman über Zeiten,
in denen Weltpolitik das private
Glück immer mehr zerstört.
Buchtipp
Leon
de Winter
Das Recht auf
Rückkehr
Roman · Diogenes
Jessica
Durlacher
Schriftsteller!
Diogenes
77 Diogenes Magazin
D
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

T
o
m
i

U
n
g
e
r
e
r
Wie sortiert man seine Bücher am besten?
Bücherordnung
I
ch habe mir das Paradies immer als
eine Art Bibliothek vorgestellt«, sagte
bekanntlich Jorge Luis Borges. Doch
eine Bibliothek kann auch die Hölle
sein, wenn man nämlich ein Buch sucht
und es nicht findet. Mehrmals ist es
schon vorgekommen, dass ich ein Buch
neu kaufen musste, weil es zu Hause
einfach nicht mehr zu finden war –
wahrscheinlich verschwunden im Bü-
cher-Bermudadreieck der zweiten Re-
galreihe.
Wie sortiert man also Bücher in der
eigenen Bibliothek? Theoretisch so,
dass man sie auch wieder findet. Die
Praxis sieht natürlich ganz anders aus.
»Wer Bücher besitzt und Bücher liebt,
mag seine Bibliothek groß oder klein
sein, wird die Erfahrung gemacht
haben, dass es keine befriedigende und
allgemeingültige Lösung gibt, wie man
sie ordnen soll, und dass es ohne Kom-
promisse dabei nicht abgeht«, meint
etwa Hans Erich Nossack in seiner
Plauderei Das Alltagsdasein von Bü-
chern.
Gehen wir also systematisch vor. In sei-
nem Aufsatz Kurze Notizen über die
Kunst und die Art, seine Bücher zu ord-
nen, nennt Georges Perec zwölf Mög-
lichkeiten: alphabetisch, nach Konti-
nent oder Ländern, nach Farben, nach
Kaufdatum, nach Erscheinungsdatum,
nach Format, nach Gattung, nach Lite-
raturepoche, nach Sprachen, nach Lese-
vorrang, nach Einband, nach Reihen.
Wer es wissenschaftlich korrekt ma-
chen möchte, der kann auf die ›Dewey
Dezimalklassifikation‹ zurückgreifen,
die in den USA von über 80 Prozent der
öffentlichen Bibliotheken genutzt wird.
Am besten lernt man dieses System ken-
nen, indem man 60 Nächte im Library
Hotel in New York bucht und jeden
Tag das Zimmer wechselt. Denn zehn
Etagen sind den zehn Überkategorien
des ›Dewey Dezimalsystems‹ zugeord-
net, und die 60 Zimmer diversen Unter-
kategorien (und diese sind jeweils mit
vielen Büchern der jeweiligen Kategorie
bestückt). So ist die achte Etage das lite-
rarische Stockwerk mit Zimmern wie
800.006 (Krimis), 800.005 (Märchen),
800.001 (Erotika) oder 800.002 (Klassik).
Philosophie-Fans ziehen lieber in die
elfte Etage mit den Zimmern 1100.006
(Liebe), 1100.002 (Ethik) oder 1100.001
(Logik).
Ein Nachteil: Nicht nur die Rech-
nung wird bei diesem Luxus-Hotel saf-
tig, auch die Nutzung des Dewey’schen
Systems ist kostenpflichtig. So wurde
dem Library Hotel gleich nach der Er-
öffnung der Prozess gemacht. Zum
Glück für alle lesehungrigen Gäste kam
es zu einer außergerichtlichen Einigung.
Die dem Dewey-System entgegenge-
setzte Methode ist die Sortierung nach
Farben. Der französische Schriftsteller
Valérie Larbaud sorgte Anfang des letz-
ten Jahrhunderts für Aufsehen, weil er
die 15000 Bücher seiner Bibliothek in
verschiedenen Farben binden ließ, je
nach Sprache. Englisch blau, spanisch
rot – ein Regenbogen im eigenen Haus,
lange bevor es die edition suhrkamp
gab. Larbauds Bibliothek ist heute in
der öffentlichen Bibliothek seiner Ge-
burtsststadt Vichy zu bestaunen. Die
wohl einzige nach Farben sortierte
Buchhandlung gab es übrigens in San
Franciso – und nur für einige Wochen.
Der Künstler Chris Cobb ordnete die
Buchhandlung ›Adobe Bookshop‹ in
Owl’s Eye
Wie sortiert man seine Bücher am besten?/ Teil 2
Im nächsten Magazin:
der 16th Street Ende 2004 nach Farben.
Dabei wurden 20000 Bücher umplat-
ziert, was Chris Cobb und seinen 16
Mitstreitern innerhalb von zehn Stun-
den und mit Hilfe von vielen Pizzas und
30 Liter Wasser gelang. Über Umsatz-
steigerungen in dieser Zeit ist nichts be-
kannt.
Es gibt laut Georges Perec drei Katego-
rien von Büchern: »Bücher, die einfach
zu ordnen sind«, »Bücher, die nicht allzu
schwer zu ordnen sind« und »Bücher,
die eher unmöglich zu ordnen sind«.
Aber vielleicht ist die perfekte Ordnung
auch gar nicht wünschenswert. Um-
berto Eco beispielsweise hat in der
Nachschrift zu Der Name der Rose be-
hauptet: »Die ideale Bibliothek sollte
ein wenig sein wie der Stand eines bou-
quiniste, eines Straßenbuchhändlers: ein
Ort für unverhoffte Entdeckungen.«
In seiner berühmten Bibliothek der
Kulturgeschichte schuf Aby Warburg
ein eigenes Klassifikationssystem, das
so angelegt war, dass es den Benutzer zu
Büchern und Ideen hinleiten sollte, mit
denen er noch nicht vertraut war. Aby
Warburg nannte es das »Gesetz der
guten Nachbarschaft«. Ein Buch, das
man fand, war vielleicht nicht das, das
man eigentlich brauchte. Das Nachbar-
buch enthielt aber vielleicht genau das
Gesuchte. Man könnte diese Ordnung
auch die Serendipity-Methode nennen,
nach dem englischen Wort für das zu-
fällige Finden von etwas ursprünglich
nicht Gesuchtem.
Sollte nicht jeder für seine Bibliothek
ein eigenes System erfinden? Darüber
beim nächsten Mal mehr. Wobei – zum
Schluss noch eine viktorianische Ord-
nungsmethode, die heute nur noch sel-
ten Anwendung findet: »Die Hausfrau
wird bedacht sein, dass die Werke männ-
licher und weiblicher Autoren räumlich
getrennt auf verschiedenen Regalen plat-
ziert werden. Deren Nähe, außer bei
verheirateten Schriftstellern, sollte nicht
toleriert werden.«

Jan Sidney
78 Diogenes Magazin
D
Vorschaufenster
Reaktionen auf das erste Diogenes Magazin
Kino
TV
»Das Diogenes Magazin macht Spaß.
Hochkarätiger geht es nicht. Wie
eine gute Literaturzeitschrift« (Buch-
markt). / »Die Welt strebt vom Papier
ins Internet. Andere sind dabei, auf
Teufel komm raus zu sparen. Und
Diogenes bringt ein neues Kunden-
Magazin heraus: hochwertig und
auf Papier« (www.maigret.de). / »Ein
Hoch genuss! Ich werde das Magazin
gleich abonnieren, damit ich die
nächsten Ausgaben nicht etwa ver-
passe« (Margit Warning). / »Ihr Ma-
gazin hebt sich wohltuend von der
Konkurrenz ab und hat für mich auf
Anhieb die Spitzenposition erreicht.
Weiter so!« (Volker Klimpel). /
»An einer Trümmererkältung schwer
leidend, hat mich das neue Magazin
vorzeitig diogenesen lassen. Wie
alles von Diogenes – nichts für die
Tonne!« (Jens-Uwe Schumann). /
»Glück wunsch zur Premiere – fast
bei jedem Beitrag festgelesen« (Mat-
thias Matussek). / »Mit seinem neuen
Magazin will der Diogenes Verlag
selbstverständlich seine Bücher und
Autoren promoten, vor allem aber ist
es ein schön und gut gemachtes Lite-
ratur-Magazin« (www.eselsohren.at) . /
»Das Diogenes Magazin ist wie eine
Schatzkiste, in der ich immer wieder
etwas Neues finde – wie ein Hors-
d’œuvre, das befriedigt für den Mo-
ment und Lust macht auf mehr!«
(Wilfried Barzantny). / »Ich kann nur
gratulieren. Besser als manche Litera-
turzeitschrift« (Helmuth P. Schäfer).
Donna Leon, Wie durch ein dunkles
Glas. Regie: Sigi Rothemund, mit
Uwe Kockisch als Commissario
Brunetti, Erstausstrahlung am
22.10.2009 im Ersten
Martin Suter, TV-Doku. Erstaus-
strahlung am 26.12.2009 auf Arte
Ingrid Noll, Ladylike. Mit Monica
Bleibtreu, Günther Maria Halmer, Gi -
sela Schneeberger, Ende 2009 im ZDF
Jack London, Der Seewolf. Im De-
zember 2009 als Zweiteiler im ZDF
mit Sebastian Koch in der Hauptrolle
Das unabhängige Hörbuch-Magazin
2 Ausgaben
gratis für Sie!
Jede
Ausgabe
mit Hörbuch-CD
& exklusiven
Downloads!
Ihre Vorteile
• Lesen Sie Interviews, Reportagen
und Hintergrund berichte
• rund 90 unabhängige
Hörbuch-Rezensionen
• Tests von Kopfhörern & Abspielgeräten
• wertvolle Extras wie Gewinnspiel
& Gratis-Downloads
• dazu News, Termine & tolle Surf-Tipps
Bestell-Hotline:
(01805) 555 301
*
*14 Cent/Min. aus dem dt. Festnetz, Mobilfunk gegebenenfalls abweichend
oder im Internet unter:
www.hoerbuecher-
magazin.de
Freuen Sie sich auf hörBücher
und bestellen Sie zwei Ausgaben
vollkommen gratis & frei Haus!
Impressum
Ehren-Herausgeber: Daniel Keel und
Rudolf C. Bettschart /Geschäftsleitung: Stefan Fritsch,
Ruth Geiger, Daniel Kampa, Winfried Stephan
Chefredaktion: Daniel Kampa (kam@diogenes.ch)
Mitarbeiter dieser Ausgabe: Margaux de Weck (mdw),
Cornelia Künne, Nicole Griessman, Martha
Schoknecht, Ruth Geiger, Nicole Ritter,
Anna von Planta
Grafik-Design: Catherine Bourquin
Fotograf: Bastian Schweitzer
Scans und Bildbearbeitung: Catherine Bourquin,
Tina Nart
Webausgabe: Susanne Bühler (sb@diogenes.ch)
Korrektorat: Franca Meier, Dominik Süess
Bildredaktion: Regina Treier
Freie Mitarbeiter: Jan Sidney (sid), Marie Brach (mb)
Buchhandels-Vertrieb: Renata Teicke (tei@diogenes.ch)
Anzeigenleitung: Simone Wolf (wo@diogenes.ch)
Zurzeit gilt Anzeigenliste Nr. 1 von 2008
Abo-Service: Christine Kownatzki
(diogenesmagazin@diogenes.ch)
Für ein Abonnement benutzen Sie bitte die beigeheftete
Abokarte. Abonnementspreise: € 10.– für drei Ausga-
ben in Deutschland und Österreich, sFr 18.– in der
Schweiz, andere Länder auf Anfrage.
Herzlichen Dank an Anna von Planta,
Monica Antunes, David B. Hauptmann,
Kerstin Beaujean, Rufus Beck, Benedict Wells,
Lukas Hartmann.
Beim Gewinnspiel sind Mitarbeiter/-innen des
Diogenes Verlags von der Teilnahme ausgeschlossen.
Die Gewinner werden schriftlich benachrichtigt.
Die Preise sind nicht in bar auszahlbar. Der Rechtsweg
ist ausgeschlossen. Über unverlangt eingesandte Manu-
skripte kann leider keine Korrespondenz geführt
werden. Programmänderungen vorbehalten.
Alle Angaben ohne Gewähr.
Redaktionsschluss: 10.8.2009
ISSN 1663-1641
Maurice Sendak, Wo die wilden
Kerle wohnen. Regie: Spike Jonze
Kinostart (D, CH): 17.12.2009.
Martin Suter, Lila, Lila. Regie: Alain
Gsponer, mit Daniel Brühl, Hannah
Herzsprung und Henry Hübchen
Kinostart (D, CH): Winter 2009.
Hildegard von Bingen, Vision
Regie: Margarethe von Trotta. Ab
24.9.2009 im Kino (D). Als Diogenes
Taschenbuch (detebe 23958) erschie-
nen: Hildegard von Bingen, Lieder,
mit einem Nachwort von Walter Nigg
79 Diogenes Magazin
D
Schreibtisch
E
in Schreibtisch in Zürich, an dem
ein in Basel geborener Autor
schreibt, der aber, wie schon Kleist,
von sich sagt, er »gehöre zur deut-
schen Literatur«. Und in Deutsch-
land, vielmehr in Frankfurt, lebte er
auch 17 Jahre (teilweise als Lektor im
Suhrkamp Verlag) und ist dort tat-
sächlich spätestens seit seinem Roman
über die Lebenstragödie seiner eige-
nen Mutter genauso bekannt wie in
seiner Heimat. Diesen wie viele an-
dere Romane, Erzählungen und Thea-
terstücke schrieb unser Autor mit
seiner alten Triumph- Adler-Schreib -
maschine. Das Computerzeitalter
ignoriert er erfolgreich, statt digitalem
Schreibtisch also ein echter aus Holz
und handgeschriebene Korrekturen
im Manuskript. Die weitere Einrich-
tung der Schreibstube sachlich und
praktisch: »Ich bin keiner, der alle
zwei Jahre eine neue Polstergruppe
kauft«, so der mittlerweile 71-Jährige,
dessen Erstling übrigens 1968 im Dio-
genes Verlag erschien.
Gewinnspiel
Wer
schreibt
hier?
Hauptpreis
Schicken Sie die Antwort bis zum
31.12.2009 per Post oder per E-Mail
(gewinnspielmagazin@diogenes.ch)
an: Diogenes Verlag, Gewinnspiel,
Sprecherstr. 8, 8032 Zürich, Schweiz
Als Preise winken fünf Mal ein signier-
ter Kunstdruck 3 Feet des Künstlers
Peter Stanick (das Bild ist auch auf
dem Cover von Benedict Wells’ Roman
Spinner). Außerdem werden fünf
Büchergutscheine à €100.– verlost.
Mehr über die Kunst
von Peter Stanick auf
www.stanick.com
F
o
t
o
s
:

©

R
e
g
i
n
e

M
o
s
i
m
a
n
n
/
D
i
o
g
e
n
e
s

V
e
r
l
a
g
,

I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

P
e
t
e
r

S
t
a
n
i
c
k
/
w
w
w
.
s
t
a
n
i
c
k
.
c
o
m
80 Diogenes Magazin
D
D
Diogenes
Magazin
Martin Suter
Zu Gast in seiner
literarischen
(und echten) Küche
25 Jahre Das Parfum
Geschichte eines
Weltbestsellers
Anna Gavalda
Eine Liebeserkärung
an Tomi Ungerer
Nr.3
Winter 2009
9 7 8 3 2 5 7 8 5 0 0 3 1
www.diogenes.ch
Euro 2.– /sFr 3.50
Im nächsten Diogenes Magazin,
das im Dezember 2009 erscheint,
schwärmt Anna Gavalda von Tomi
Ungerer, entführen wir Sie in ein
legendäres literarisches Hotel im
Engadin und öffnen Ihnen die
Tür zu Martin Suters literarischer
und echter Küche. Außerdem:
ein Special über F. Scott Fitzgerald.
Und: 25 Jahre Das Parfum, die
Geschichte eines Weltbestsellers.
Um sich die Wartezeit zu verkürzen,
besuchen Sie unsere Website mit
aktuellen News und Magazinen:
www.diogenes.ch
Vorschau
Mag ich – Mag ich nicht
Lukas Hartmann
Mag ich:
Bach (Johann Sebastian) und Berg-
bäche. Schuberts Streichquintett.
Alte Rosensorten. Sonnengereifte
Erdbeeren. Das Lachen von Kin-
dern. Rotweine aus Apulien. Selbst-
gemachtes Steinpilzrisotto. Die
Stimmen von Maria Callas und
Elı¯na Garan∞a. Aquamarin und alle
Farben des Meers. Durch rascheln-
des Laub gehen. Schwimmen im
Fluss. Herzlich begrüßt werden.
Die Fragen meines Enkels. Wenn
meine Frau abends Chopin spielt.
Das Zusammensein mit Freunden.
Vorübergleitende Landschaften im
Zug. Die Seerosenbilder von Monet.
Giacomettis Skulpturen. Im Bett
noch lange lesen. Die Romane von
Tolstoi, Stendhal, Dickens und
Thomas Hardy. Die Novellen von
Gottfried Keller. Die Short Stories
von Raymond Carver. Frühroma-
nische Kirchen. Junge Elefanten.
Erde an den Händen. Den Ge-
ruch von Quitten. Landhäu-
ser aus dem achtzehnten
Jahrhundert. Den Central
Park in New York. Die
Landschaften in Kubricks
Barry Lyndon. Die Backwa-
ters von Kerala. Südindisches
Essen. Spektakuläre Fußball-
spiele. Abendlicht auf alten
Mauern. Stille.
Von Lukas Hartmann
ist zuletzt der Roman
Bis ans Ende der Meere
erschienen, außerdem
als Diogenes Taschen-
buch Die Seuche.
Mag ich nicht:
Begleitmusik, wo auch immer.
Hohngelächter. Tieffliegende
Flugzeuge. Randen, gekocht.
Frühblüher-Pollen. Small Talk.
Schneematsch in der Stadt. Hinge-
schluderte E-Mails. »Geil« als
Füllwort. Aufdringliche Parfums.
Arroganz. Seelenlose Hotelzim-
mer. Manierierte Prosa. Fast alles
von Wagner. Ideologische Gra-
benkämpfe in der Politik. Hetz-
kampagnen der Boulevardpresse.
Überfüllte Freibäder. Volle
Aschenbecher. Stockfisch. Kleb-
rige Liköre. Glücksspiele (ich ge-
winne nie). Unbequeme Kleider.
Schulhäuser, die Kasernen glei-
chen. Gepiercte Lippen. Hoch-
glanzmagazine mit seitenlanger
Werbung für Luxusgüter. Das
Grölen verfeindeter Fans. Die
Haut auf der Milch. Gespielte
Coolness. Nieselregen. Warte-
schlangen. Andy War-
hol. Den Musikan-
tenstadl. Sinnloses
Hundegebell. Thuja-
hecken. Betrun-
kene. Uniformen
aller Art.
Federico Fellini F
o
t
o
:

©

R
e
g
i
n
e

M
o
s
i
m
a
n
n
/
D
i
o
g
e
n
e
s

V
e
r
l
a
g
Im nächsten Magazin:
Hommage
Trauernder Künstler vor den Grabmälern seiner Ideen II, 2005. Eine Zeichnung aus Fauna, Fabeln und Figuren, dem letz-
ten Band mit Zeichnungen von Paul Flora. Der Diogenes Verlag trauert um seinen »dienstältesten Autor«, der am 15. Mai
in Innsbruck im Alter von 86 Jahren gestorben ist. 1953 erschien als zweites Diogenes Buch überhaupt, und als erstes
Buch eines deutschsprachigen Autors, Floras Fauna. Eine abendländische Biologie in 77 neuzeitlichen Bildern dargestellt
von Paul Flora, mit überflüssigen Kommentaren versehen von Wolfgang Hildesheimer. Von Paul Flora sind im Diogenes
Verlag zwischen 1953 bis 2008 30 Bücher erschienen, dazu hat Paul Flora 27 Diogenes Bücher illustriert.
Paul Flora
»Ich zeichne, um mich selbst zu unterhalten. Ich will nicht das
Abendland retten, ich habe keine Botschaft und keine Lehre zu
verkünden. Wer Botschaften hat, soll ein Telegramm verschicken,
wie Billy Wilder gesagt hat, und Lehren werden von Propa-
gandisten verkündet. Ich bin also ein gewöhnlicher Egoist. Matisse
hat gesagt, er male Bilder, die wirken wie ein bequemer Sessel.
Schwitters hinwiederum hat angemerkt, er sei Künstler, und
wenn er ausspucke, so sei dies Kunst. Ich bin für Matisse.«
I
l
l
u
s
t
r
a
t
i
o
n
:

©

P
a
u
l

F
l
o
r
a
»Jede Art zu schreiben ist erlaubt –
nur die langweilige nicht.«
Voltaire
Tomi Ungerer
Patricia Highsmith
Friedrich Dürrenmatt
Georges Simenon
Bernhard Schlink
Martin Suter
Honoré
de Balzac
B
l
e
i
s
t
i
f
t

v
o
n

D
ü
r
r
e
n
m
a
t
t

/

F
e
d
e
r

v
o
n

U
n
g
e
r
e
r

/

L
a
p
t
o
p

v
o
n

S
u
t
e
r
:

A
r
c
h
i
v

D
i
o
g
e
n
e
s

V
e
r
l
a
g
;

F
ü
l
l
f
e
d
e
r

v
o
n

S
i
m
e
n
o
n
:

A
r
c
h
i
v

J
o
h
n

S
i
m
e
n
o
n
;

F
e
d
e
r

v
o
n

B
a
l
z
a
c
:

©

P
a
s
c
a
l

L
e

S
e
g
r
e
t
a
i
n

/

C
o
r
b
i
s

S
y
g
m
a

/

S
p
e
c
t
e
r
;

M
o
n
t
b
l
a
n
c

»
E
r
n
e
s
t

H
e
m
i
n
g
w
a
y
«

v
o
n

S
c
h
l
i
n
k
:

©

M
i
c
h
a
e
l

S
c
h
n
e
i
d
e
r
;

S
c
h
r
e
i
b
m
a
s
c
h
i
n
e

v
o
n

H
i
g
h
s
m
i
t
h
:

©

S
c
h
w
e
i
z
e
r
i
s
c
h
e

N
a
t
i
o
n
a
l
b
i
b
l
i
o
t
h
e
k

/

N
B
,

B
e
r
n

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful