Falz Perforation

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Diogenes
Magazin
»Bücher sind nur
dickere Briefe an Freunde.«
Jean Paul
1569 Bücher von 344 Autoren:
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Diogenes
Magazin
Martin Suter
Sein neuer Roman
Der Koch
25 Jahre Das Parfum
Geschichte eines
Weltbestsellers
Anna Gavalda
Eine Liebeserklärung
an Tomi Ungerer
Nr.3
Frühling 2010
9 7 8 3 2 5 7 8 5 0 0 3 1
www.diogenes.ch
Euro 2.– /sFr 3.50
85003_diogenes_magazin_nr3_us:Layout 1 20.10.2009 10:15 Uhr Seite 1
Perforation Falz Falz
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Datum/Unterschrift
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ugo ist tot. Wir sind traurig. Er, der bis kurz vor
seinem Tod schier alterslos war, quicklebendig,
neugierig, herzlich, witzig. Wir sind traurig, sage
ich, und erlaube mir,
mit diesem Plural im
Namen seiner schreiben-
den Freundinnen und
Freunde zu sprechen. Im
Namen unserer Literatur.
Denn Hugo kannten wir
alle, er kannte uns, er war
ein sozial ungeheuer be-
gabter Mann – und doch
auch einer, der immer
von seiner Einsamkeit
umgeben war. Ein einsa-
mer Gesellschaftsmensch.
Er, der alles andere als
den Rückzug prakti-
zierte, war gleichzeitig
auch der große Einzel-
gänger in unserer Litera-
tur. Er hatte das Genie,
auch andere Widersprü-
che aufs Müheloseste in
sich zu versöhnen. Er
brach, wir wissen es,
immer wieder ins Fremde
auf – er ist mehr gereist
als alle anderen Schrift-
steller in der Schweiz zu-
sammen –, aber er war nie
weg, verschwunden. Er
war trotz seinen langen Aufenthalten in Portugal, in Bra-
silien, in Asien, in den USA ganz selbstverständlich einer
von uns, von hier, in der Schweiz, in Zürich. Weggehen
und zurückkommen, niemand beherrschte dieses schwie-
rige Spiel besser als Hugo. Es gab noch andere Gegen-
sätze, die er versöhnen oder wenigstens aushalten musste.
Er war zum Beispiel der Prolet von jenseits der Sihl und
ging mit der größten Selbstverständlichkeit und Gelas-
senheit mit Menschen um, die, anders als er, mit einem
goldenen Löffel im Mund geboren worden waren. Große
Tiere machten ihm keine Angst, und er fiel auch ihrem
Glanz nie zum Opfer. Er kam aus einem Haus, in dem es
keine Bücher gab, und wurde ein Mann von einer stupen-
den Bildung, die er nie, kein einziges Mal, als Waffe be-
nützte, um andere zu demütigen. Ja, er war eine Art städ-
tischer Thomas Platter, den er ja auch aufs Höchste
schätzte. Er war mehr ein Platter als ein Goethe, auch
wenn diese Gedenkfeier
heute just an Goethes
Geburtstag stattfindet.
Und schreiben konnte
er! Seine Mittel waren so
reich, dass er sich in
schlicht allen Genres zu
bewegen wusste. Und er
war mit ganzem Herzen
und sehr intensiv ein
Journalist, einer in der
Tradition der Aufklä-
rung. Er ließ sich von kei-
nem Zeitgeist ins Bocks-
horn jagen. Er war also
nie ein kalter Krieger,
und er war auch nie ein
68er. Jede Ideologie war
ihm zuwider. Er war der
Anti-Fundamentalist par
excellence. Er selber war,
als junger Mann, drauf
und dran gewesen, dem
Teufel vom Karren zu
fallen – sein Lebensweg
war keineswegs gradlinig,
sondern ein oft eher un-
freiwilliges als freiwilliges
Auf und Ab. So hatte er,
der dann doch glanzvoll
erfolgreich wurde, viel Herz und Verstand für die, die
scheiterten.
Und die Homosexualität. Als Hugo sein Leben be-
gann, war diese noch eines der ganz großen Tabus. Be-
wundernswert, wie Hugo sie literarisch verarbeitet hat.
Nichts verschweigend, nicht auftrumpfend.
Mir – und uns allen – fehlt Hugo, der herzliche Mann,
der drei Mal den Nachtisch essen konnte und nicht nur
ein Glas Rotwein schätzte, sondern auch drei Gläser. Der
lachen und uns wie kein Zweiter zum Lachen bringen
konnte und der, wenn’s drauf ankam, ganz ernst, ganz
konzentriert, messerscharf denkend, präzise formulie-
rend war, kompromisslos erst, wenn er die Kompromisse
zuvor in sich erwogen und verworfen hatte.
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GASTRO
PARTY KULTUR
PRINZ. Partys, Musik, Kultur und Gastro.
Alles, was Großstädter lieben.
Jetzt im Zeitschriftenhandel.
Über Leben
in der Großstadt. PRINZ
Hugo
Loetscher
Von Urs Widmer
Urs Widmer hielt diese Rede während der Gedenkfeier zu Ehren von Hugo Loetscher im Großmünster Zürich.
Hugo Loetscher starb am 18. August 2009, kurz vor Erscheinen seines letzten Buches
›War meine Zeit meine Zeit‹ – »der beeindruckende Schlussstein seines Lebenswerks« (Der Spiegel, Hamburg).
85003_diogenes_magazin_nr3_us:Layout 1 20.10.2009 10:15 Uhr Seite 2
1 Diogenes Magazin
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Früher war sogar die Zukunft
besser.
Karl Valentin
Das Merkwürdigste an der
Zukunft ist die Vorstellung,
dass man unsere Zeit später
die gute alte nennen wird.
John Steinbeck
Eines Tages wird alles wieder
wie früher sein. Und es wird dir
nicht mehr gefallen.
Raymond Chandler
Heute ist die Utopie vom Vormittag
die Wirklichkeit vom Nachmittag.
Truman Capote
Man sollte gar nicht glauben,
wie gut man heute ohne die
Erfindungen des Jahres 2400
auskommen kann.
Kurt Tucholsky
Aber letzten Endes ist es ein
Pleonasmus, hinsichtlich der Dinge
dieser Welt pessimistisch zu sein.
Es ist nichts anderes als eine Vorweg-
nahme dessen, was passieren wird.
Ennio Flaiano
Ich kann freilich nicht sagen, ob
es besser wird, wenn es anders wird,
aber so viel kann ich sagen: Es
muss anders werden, wenn es gut
werden soll.
Georg Christoph Lichtenberg
»Wird’s besser?
Wird’s schlimmer?«,
fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich:
Leben ist immer
lebensgefährlich.
Erich Kästner
Gestern liebt’ ich,
heute leid’ ich,
morgen sterb’ ich:
Dennoch denk’ ich
heut und morgen
gern an gestern.
Gotthold Ephraim Lessing
Amuse-Bouche
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Sempé
Hotel Waldhaus Sils Maria 44
Wer das Oberengadiner Dorf Sils
Maria kennt, nennt meist zwei Dinge:
Friedrich Nietzsche und das Hotel
Waldhaus. Das legendäre Grandhotel
ist seit über hundert Jahren ein Magnet
für bekannte Denker und Literaten.
Maigret-Special 60
Zum Abschluss der 75-bändigen
Maigret-Edition:
ODie Erzählung Maigret im Ruhe-
stand zum ersten Mal auf Deutsch
OWelchen Maigret lesen?
Vier Lese-Tipps von Jacques Bern-
dorf, Gert Heidenreich, Vincent
Klink und Wiglaf Droste
OBurkhard Spinnen über das
Phänomen Simenon
OWas ich Simenon zu verdanken
habe von Andrea Camilleri
OGeorges Simenon fotografiert von
Robert Doisneau
OMaigret-Fans outen sich
Editorial
Sound of Silence 20
Eine Erzählung von
Banana Yoshimoto
Maigret im Ruhestand 61
Von Georges Simenon
Collagen 32
Tomi Ungerer zeigt zum
ersten Mal seine neuen Collagen
Doisneau fotografiert Simenon 68
Ein Foto-Portfolio S
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Amuse-Bouche 1
Schaufenster 14
Briefe an die Redaktion 79
Impressum 86
Vorschaufenster 86
Ersatz für das leidige
Zum Lesen
Zum Anschauen
Etwa einen Monat vor seinem Tod im
Jahre 1935 schrieb Fernando Pessoa
folgendes Gedicht: »Alle Liebesbriefe
sind/ lächerlich. / Sie wären nicht Lie-
besbriefe, wären sie nicht lächerlich.
Letztlich jedoch/ sind nur Leute,
die niemals / Liebesbriefe geschrieben
haben, / lächerlich.«
1920 hatte der 32-jährige Pessoa die
19-jährige Ophelia Queiroz im Im-
port-Export-Büro Freitas e Vallades
in Lissabon kennengelernt, wo er als
Übersetzer arbeitete. Ophelia war die
große, unerreichte Liebe von Pessoa,
seine Liebesbriefe an sie sind unend-
lich anrührend. Aber vielleicht ist fol-
gende Skizze aus Pessoas Nachlass
noch schöner als jedes Liebesgedicht
oder jeder Liebesbrief. Es ist eine
Skizze, in der Pessoa die längstmögli-
che Trasse ausknobelte, um Ophelia
nach Arbeitsschluss so lange wie
möglich nach Hause zu begleiten.
2 Diogenes Magazin
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3 Diogenes Magazin
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Denken mit 41
W. Somerset Maugham
Top 10 76
Filme von Martin Walker
Das erste Mal 77
Brian Moore über seine ersten
Leseerfahrungen
Owl’s Eye 85
Wie sortiert man seine Bücher
am besten? (2. Teil)
Wer schreibt hier? Gewinnspiel 87
Mag ich – Mag ich nicht 88
Federico Fellini
Banana Yoshimoto 22
über ihren perfekten Tag, wie oft sie
jeden Tag den Himmel anschaut,
Schlaf, übernatürliche Fähigkeiten
und vieles mehr.
Christoph Poschenrieder 49
hat einen fulminanten Romanerstling
über den jungen Arthur Schopen-
hauer geschrieben. Wie kam er auf
die Idee?
F. Scott Fitzgerald 52
Das berühmte Interview mit Michel
Mok aus dem Jahre 1936 – und ein
Kommentar dazu von Jay McInerney.
Anna Gavalda & Tomi Ungerer 28
Eine Bestsellerautorin gibt sich dem
Schwärmen hin. Anna Gavalda über
ihre Leidenschaft für Tomi Ungerer.
Gedichte von Anton ◊echov 36
Eine Trouvaille von Peter Urban
zum 150. ¢echov-Geburtstag
Geschichte eines Welt-Bestsellers 38
Vor 25 Jahren erschien Das Parfum
Heike Makatsch & derhundmarie 42
Jetzt gibt es die schönsten Kinder-
lieder aus demGroßen Liederbuch
auf CD. Ein Besuch im Musikstudio
in Berlin.
Adam Davies 80
beantwortet sehr unkonventionell
den Proust-Fragebogen und gibt
Auskunft über seinen neuen Roman
Dein oder Mein.
Banana Yoshimoto 16
und Amélie Nothomb
Zweimal Japan aus Frauensicht:
einmal von innen, einmal von außen.
Martin Suter 4
Der Koch – so der Titel seines neuen
Romans. Im Interview erzählt Martin
Suter Persönliches über das Schreiben
und das Kochen – und verrät, was von
beidem ihn glücklicher macht.
Inhalt
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Diogenes Magazin Nr 3
Interviews
Ausserdem Rubriken
5 Diogenes Magazin
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Diogenes Magazin: Herr Suter, in
Ihrem Roman Lila, Lila schreiben
Sie sinngemäß: »Wenn die Leute, die
die Veranstaltung organisieren, auf-
geregter sind als man selbst, dann ist
man aus dem Gröbsten raus.« Sind
Sie nervös vor Lesungen?
Martin Suter: Ich bin seltsamerweise
nur ganz am Anfang meiner Schrift-
stellerlaufbahn nervös gewesen –
wahrscheinlich kommt das dann wie-
der, wenn ich es am wenigsten er-
warte.
Wie wählen Sie Ihre Textstellen aus?
Im Großen und Ganzen dient eine
Lesung dazu, einen persönlichen Ein-
druck vom Autor zu bekommen.
Also versuche ich, den Zuhörer nicht
zu langweilen. Ich höre an einer span-
nenden Stelle auf. Und ich möchte,
dass es ein bisschen lustig ist.
Sie wollen es dem Zuhörer ange-
nehm machen. Die Tatsache, dass
Ihre Bücher leicht zu lesen sind,
werden in unterschiedlicher Konno-
tation in den Kritiken erwähnt –
manchmal fast als Vorwurf.
Ich verstehe das selten als Vorwurf.
Natürlich gibt es in Deutschland nach
wie vor eine Schule, die davon aus-
geht, dass nur das Literatur ist, was
Arbeit für den Leser bedeutet. Das
finde ich nicht. Was nicht bedeutet,
dass ich etwas gegen schwere Litera-
tur habe. Aber ich selber bin vielleicht
so frivol, dass eine gewisse Art von
Unterhaltung beim Lesen ruhig gebo-
ten sein darf. Ich schreibe so, wie ich
gerne lese.
Wie gelingt Ihnen das?
Das ist eine Mischung aus Glück und
Talent.
Und Arbeit?
Und Arbeit. Viel Arbeit.
Die Lesungen stellen den Starautor
Martin Suter in den Mittelpunkt.
Wie nehmen Sie diese Situation
wahr als jemand, der sehr lange und
konzentriert allein arbeitet?
Ich habe kein Problem mit Rollen-
wechseln. Es macht mir nach den lan-
gen Zeiten der Abgeschiedenheit in
Klausur wieder Spaß, unter Leuten zu
sein. Ganz ehrlich: Ich genieße es
auch ein bisschen, gefeiert zu werden.
Vielleicht würde ich darunter leiden,
wenn es ein Spießrutenlauf wäre –
aber das ist es nun wirklich nicht.
Den Rest der Zeit verbringen Sie in
Ihren Wohnsitzen auf Ibiza und in
Guatemala – brauchen Sie die Ferne?
Es ist nicht die Flucht vor zu viel
Nähe. Es ist überhaupt nicht die
Flucht vor der Schweiz. Es hat sich so
ergeben. Auf Ibiza hatten wir bereits
ein Haus. In Guatemala haben wir
Freunde besucht und sind dann hän-
gengeblieben. Es ist natürlich über-
haupt nicht vernünftig. Aber: Es fällt
Titelgeschichte
Ein Interview mit Martin Suter
Kochen macht mich am
glücklichsten – wenn mein
Schreibsoll erfüllt ist
Die Fragen stellten Silke Lambeck und Jan Sidney
Ich schreibe so,
wie ich gerne lese.
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6 Diogenes Magazin
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mir schon auf, dass ich bisher alle
meine Romane in Guatemala ge-
schrieben habe. Ich kann auf Ibiza re-
digieren oder kleinere Sachen schrei-
ben – etwa meine Kolumnen.
Vor Ihrem ersten Buch Small World
gab es einen Roman, der abgelehnt
wurde.
Mein erstes Romanprojekt liegt noch
länger zurück – ich war 20. Damals
hatte ich eine Roman idee, aber nicht
die Ausdauer und nicht die hand-
werklichen oder finanziellen Mittel,
mich über so lange Zeit auf etwas zu
konzentrieren. Und es gibt noch
einen Roman, der mir misslungen ist.
Der lag zwischen Small World und
Die dunkle Seite des Mondes.
Was wäre Ihr Thema mit 20 gewe-
sen?
Es wäre ein Roman darüber gewesen,
dass alte Leute die Macht ergreifen. Es
wäre eine Welt gewesen, in der man
erst mit 60 volljährig und stimmbe-
rechtigt ist.
Mit welcher Haltung geht man als
20-Jähriger ans Thema Alter heran?
Es ist mir ja nicht gelungen. Vielleicht
war diese Romanidee eine uneinge-
standene Sehnsucht nach dem Hin-
auszögern der Adoleszenz – wenn
man so früh als Erwachsener tut, was
halt Erwachsene machen. Ich wollte
immer sehr jung schon erwachsen
werden. Ich habe, als ich noch jünger
als 20 war, immer schon die Stirn ge-
runzelt, damit ich Falten bekomme
und nicht mehr wie ein Bub aus-
schaue.
Und, runzeln Sie die Stirn immer
noch?
Nein, jetzt bin ich bald so weit, das
ich Nachtcremes auflege.
Empfinden Sie das Älterwerden als
komisches Thema?
Nein, es ist natürlich überhaupt nicht
lustig. Aber es hat – wie alles über-
haupt nicht Lustige – seine lustigen
Seiten. Alle, die sagen, Älterwerden ist
kein Problem, lügen. Oder sind 20.
Was sind die lustigen Seiten des Äl-
terwerdens?
Zum Beispiel die Versuche, es aufzu-
halten. Oder auch, dass es plötzlich
ein Thema wird. Man ertappt sich
immer öfter dabei, dass man über das
Älterwerden spricht. Dass man Sym -
ptome an sich selbst entdeckt, die man
früher an anderen belächelt hat. Oder,
auch sehr komisch: die Relativität des
Alters. Dass man mit 12 die 30-Jähri-
gen für Greise hält und mit 50 für
Säuglinge.
Sie konnten mit 20 offenbar noch
keine Romane schreiben – mit 49
konnten Sie es.
Stimmt, als Small World erschien, war
ich 49. Aber ich habe ihn schon mit 47
geschrieben.
Small World verarbeitet ein sehr
persönliches Erlebnis – die Alzhei-
mer-Krankheit Ihres Vaters. War
das Buch auch ein Verarbeitungs-
prozess für Sie? Und: Wie dicht
haben Sie die Krankheit miterlebt?
Ich halte nichts von Büchern, die ein
Verarbeitungsprozess des Autors
sind. Ich mag das Gefühl nicht, ich
sitze mit einem Notizblock hinter der
Couch des Verfassers. Die Krankheit
meines Vaters habe ich nicht, wie
meine Mutter, aus nächster Nähe er-
lebt. Ich besuchte meinen Vater regel-
mäßig, aber ich wünschte, ich hätte so
viel über die Krankheit gewusst wie
dann, als ich Small World recher-
chierte und schrieb.
War Ihnen von Anfang an klar, dass
das die Geschichte sein wird, die Sie
veröffentlichen können, oder war
das ein Risiko?
Das war schon ein Risiko. Aber ich
habe natürlich jede Geschichte mit
dem Ziel geschrieben, sie zu veröf-
fentlichen. Ich habe mich immer so
gesehen, dass ich einmal in meinem
Leben Schriftsteller werde. Nur habe
ich das ziemlich lange hinausgezögert.
Bevor Sie mit Small World zum er-
folgreichen Schriftsteller wurden,
waren Sie Mitinhaber einer großen
Werbeagentur. Hätten Sie die da-
mals nötigen Investitionen in Ihre
Agentur getätigt, säßen wir heute
nicht hier.
Es war ein kluger Entscheid. Der mir
übrigens dadurch erleichtert wurde,
dass ich das Geld für eine weitere In-
vestition nicht hatte. Diese äußeren
Einflüsse waren schon sehr hilfreich
für die Entscheidung zu fragen: Was
willst du jetzt? Aber dann habe
ich gedacht: Wenn du es jetzt nicht
7 Diogenes Magazin
D
machst, musst du es dir endgültig aus
dem Kopf schlagen. Ich bin nicht ent-
scheidungsscheu. Ich treffe sehr
schnell Entscheidungen und erlaube
mir auch, sie wieder umzustoßen. Da-
durch wirkt mein Leben aus der Di -
stanz unentschieden – raus aus der
Werbung, als Reporter arbeiten, wie-
der rein in die Werbung. Aber natür-
lich: Jedes Mal hat das Leben ein biss-
chen mitgeholfen. Ich glaube nicht,
dass man sein Leben so ganz ohne
Einfluss von anderen, nicht kontrol-
lierbaren Mächten führt.
Gott? Himmelsmächte?
Irgendwelche Himmelsmächte. Ich
bin überzeugt, dass es so etwas gibt.
Wie kommt das?
Das Älterwerden hat damit zu tun.
Man denkt mehr darüber nach. Man
hat auch mehr Anlässe, darüber nach-
zudenken. Wenn man das ohne Über-
heblichkeit und mit einer Mischung
aus wissenschaftlichem Ernst und
Treuherzigkeit tut, kommt man viel-
leicht zu diesem Schluss. Wieso reden
wir überhaupt darüber?
Weil es ein interessantes Thema ist.
Man fängt an, am Zufall zu zweifeln.
Noch nie ist aus einem Haufen
Schnee zufällig ein Schneemann
entstanden. Und da soll aus einem
Haufen Zellen zufällig ein Gänse-
blümchen entstehen? Oder eine Beu-
telratte? Oder ein Mensch? Diese
Vorstellung ist doch noch unglaub-
würdiger als die, dass allem ein Plan
zugrunde liegt.
Sie haben vorhin den Begriff der
Treuherzigkeit benutzt. Ist Treu-
herzigkeit wichtig für Ihren Blick
auf Menschen?
Wenn Sie es mit einer Art Unvor -
eingenommenheit übersetzen, stimmt
das.
Wie bewahrt man sich die?
Weiß der Teufel, wie man sich das be-
wahrt – aber ich glaube, ich habe es
mir bewahrt.
Das ist um so erstaunlicher, wenn
man einen so enthüllenden Blick
hat wie Sie – wahrscheinlich leben
Ihre Freunde in Angst und Schre -
cken, weil sie immer befürchten, in
einem Ihrer Texte verarbeitet zu
werden…
Nein, nein – meine Freunde verlassen
sich darauf, dass ich das nicht tue.
Sind Sie diskret?
Ja, das bin ich. Aber um auf die Un-
voreingenommenheit zurückzukom-
men – vielleicht habe ich bisher zu
wenig auf den Deckel gekriegt. Viel-
leicht wäre es intelligenter, wenn man
misstrauischer wäre.
Aber als Mitinhaber der Agentur
haben Sie doch viel mit Leuten zu
tun gehabt, die in Ihren Kolumnen
vorkommen – die Business-Class-
Bewohner.
Sicher, wir waren ja zeitweise selber
welche. Diese Agentur war eine Art
Weltkonzern im Wasserglas. Ich
nehme mich selber da ein bisschen
aus, ich habe immer schon diesen
etwas ironischen Blick gehabt. Und
ich habe erlebt, dass Leute, die mit
diesen Konzernen zu tun haben, sich
plötzlich selbst so benehmen. Aber
dass ich selber eine Zeit lang dabei
war, ist ein wichtiges Kapitel, von
dem ich immer noch zehre.
Sie haben sich vorhin sehr ausführ-
lich fotografieren lassen. Ist das
auch ein Teil des Handwerks –
gleich zeitig Schriftsteller und
Schriftsteller-Darsteller zu sein?
Das gehört zum Beruf, auch wenn ich
es nicht wahnsinnig gerne mache.
Schriftsteller-Darsteller ist auch etwas
Wichtiges. Ich nehme mich zusam-
men bei Lesungen oder Fototerminen,
um freundlich und gut drauf zu sein.
Ich finde, das bin ich den Leuten
schuldig. Ich habe diesen Beruf ge-
wählt. Das ist meine Art von Litera-
turverständnis, oder besser: Das ist
meine Art von Schriftstellerverständ-
nis.
Sind Sie eigentlich oft eingeladen von
großen Firmen oder Industriever-
bänden, um zu lesen oder über Ihre
Sicht auf die Wirtschaft zu sprechen?
Für Business-Class-Lesungen bin ich
schon sehr oft eingeladen worden. Es
Noch nie ist aus
einem Haufen Schnee
zufällig ein Schnee-
mann entstanden.
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8 Diogenes Magazin
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macht mir zwar Spaß, und es ist auch
sehr gut bezahlt. Aber die relativ we-
nigen Lesungen, die ich machen kann,
mache ich lieber für die Buchhand-
lungen. Die sind meine Partner. Das
finde ich fairer. Allerdings habe ich
schon zwei oder drei Lesungen bei
einem großen Berater-Unternehmen
gemacht. Und das war lustig. Denn
alle im Publikum kamen in meinen
Kolumnen vor. Aber sie haben es in
den allerwenigsten Fällen gemerkt.
Aber die Gattinnen waren dabei. Und
die haben es gemerkt.
Wobei die Gattinnen bei Ihnen auch
nicht besonders gut wegkommen.
Ja, zu Recht.
Warum?
Sie sind Komplizinnen. Und manch-
mal, mit Verlaub, auch Drahtziehe-
rinnen.
In Ihren Romanen sind die Frauen
oft weniger neurotisch als die Män-
ner.
Ja, es sind immer starke Frauen. Viel-
leicht weil ich selber eine starke Frau
habe. Sie haben zwar bisher nie
tragende Rollen gehabt, aber immer
sehr wichtige. Jetzt bin ich wieder an
Schreib prozesses wieder zu ändern.
Mir persönlich sind erste Sätze schon
wichtig. Ich weiß aber nicht, ob sie
objektiv so wichtig sind. Es ist viel-
leicht eine Spielerei von mir. Ich mag
gerne gute erste Sätze. Ich mag gerne,
wenn die ersten Sätze den Roman fast
schon als Einzeller enthalten.
Wie arbeiten Sie?
Direkt auf dem Mac. Bei Lila, Lila
habe ich aber auch viel von Hand ge-
schrieben. Einfach weil ich Lust hatte,
mal ein bisschen an der Sonne zu
sitzen und zu schreiben. Aber das
übertrage ich dann am gleichen Tag
in den Computer. Ich schreibe lang-
sam, redigiere laufend beim Schrei-
ben. Aber auf das Ganze gesehen
schreibe ich dennoch schnell. Ich
schreibe nämlich jeden Tag acht Stun-
den. Dann habe ich abends ein paar
Seiten und nicht nur ein paar Zeilen.
Das lasse ich dann unverändert – bis
zur ersten Lektüre durch meine Frau.
Und danach durch meine Lektorin.
Das ist eine angenehme Phase der Ar-
beit, weil es so professionell ist. Es
wird nicht schwadroniert – man redet
über das Handwerk.
Können Sie gut mit Kritik umge-
hen?
Fast zu gut. Es ist selten, dass ich
finde: Das kann man jetzt nur so
sagen. Ich kann sehr schnell einlen-
ken. Ich bin da nicht so eitel. Meine
Frau liest auch alle meine Kolumnen
und kritisiert sie auf meinen aus-
drücklichen Wunsch. Und manchmal
denke ich dann schon: Ich würde sie
eigentlich jetzt gerne so wegschicken
– die Kolumne, nicht die Frau. Aber
ich ändere dann immer.
Warum schreiben Sie eigentlich
noch?
Es macht mir Spaß. Wenn ich keine
Lust mehr hätte, würde ich innerhalb
einer höflichen Frist aufhören. Und
das könnte ich mir jetzt auch leisten.
Aber es ist eine gute sprachliche und
dramaturgische Übung, und es diszi-
pliniert mich auch. Ich bin im Grunde
meines Herzens kein sehr diszipli-
nierter Mensch. Aber ohne Disziplin
verzettelt man sich und kommt zu
nichts. Oder?
den Vorbereitungen für einen neuen
Roman, und wenn die Hauptfigur
eine Frau wäre, wäre es auch nicht
schlecht – aber ich trau mich nicht.
Dabei ist Ihre Frau ja so mutig, dass
sie Ihnen im Zweifelsfall auch sagen
würde: Schmeiß es weg, und schreib
es noch einmal, wie bei Small World.
Na ja, schmeiß es weg hat sie nicht ge-
sagt. Aber sie hat gesagt: Du würdest
das Buch nicht lesen. Ich bin jemand,
der ein Buch sehr schnell weglegt. Ich
habe viele Figuren herausgenommen,
das macht ganze Erzählstränge über-
flüssig.
Wie entstehen eigentlich Ihre ersten
Sätze? Am Anfang oder am Ende
Ihres Schreibens?
Die stehen am Anfang. Aber ich
behalte mir vor, sie im Laufe des
Man kann nicht vor
dem leeren Blatt sitzen
und denken: Ich
schaffe es sicher nicht.
9 Diogenes Magazin
D
Ihre Romanfiguren erleiden alle
einen massiven Kontrollverlust. Wie
bedrohlich finden Sie Kontrollver-
lust?
Offenbar finde ich es nicht sehr erstre-
benswert. Ich habe zum Beispiel nie
harte Drogen probiert, weil ich Angst
vor diesem Kontrollverlust hätte.
Wie viel Kontrolle hatten Sie denn
beim Schreiben über den durchge-
knallten Wirtschaftsmann Urs Blank
aus Die dunkle Seite des Mondes?
Das ist das am detailliertesten kon-
struierte Buch, das ich geschrieben
habe. Ich hoffe, man merkt es nicht.
Aber den Urs Blank hatte ich ziem-
lich im Griff. Es machen sich über-
haupt meine Figuren nicht so selb-
ständig. Ich weiß immer, wie es
anfängt und wie es aufhört. Alles an-
dere wäre mir zu riskant. Ich habe
aber auch schon die Kontrolle über
den eigenen Roman verloren. Das war
das Buch zwischen Small World und
Die dunkle Seite des Mondes.
Hing es mit dem Erfolg von Small
World zusammen, dass Sie sich nicht
frei fühlten?
Ich fühlte mich eher zu frei. Zu sicher.
Ich hatte keine Angst vor dem zwei-
ten Roman. Ich habe es vielleicht zu
leicht genommen. Ich rechne es dem
Verlag hoch an, wie er reagiert hat.
Andere hätten das Buch nach dem Er-
folg des ersten Romans einfach ge-
druckt.
Stattdessen haben Sie sich an Urs
Blank austoben können. Sie selbst
sagen, dass Sie große Abneigung
gegen jede Form von Gewalt haben.
Wie konnten Sie sich diesem Thema
aussetzen?
Vielleicht, weil es so sachte beginnt.
Ich habe zu der Figur Blank beim
Schreiben ziemlich Distanz gehalten,
er ist mir nicht so nahegekommen. Das
war mir ein Bedürfnis. Ich wusste, dass
diese Figur sehr beschädigt wird. Des-
wegen wollte ich sie auch nicht so sym-
pathisch machen. Ich wollte Blank als
Figur eher beobachten als lieben. Aber
so ganz ist mir das nicht gelungen.
Urs Blank, der wirklich gewalttätig
wird, ist nun ausgerechnet ein Ver-
treter der Business Class.
Ja, aber nicht aus diesem Grund. Ich
wollte ein Buch schreiben, das im
Wald spielt, weil der Wald mich
immer fasziniert hat. Er hat so etwas
Geheimnisvolles. Eine Mischung aus
unheimlich und geborgen. Wer das
Buch gelesen hat, sollte eine Zeit lang
anders durch den Wald gehen. Ich
brauchte jemanden, der im Wald lebt
und der überhaupt nicht in den Wald
passt.
Ihre Bücher werden in Rezensionen
häufig als Kriminalromane bezeich-
net. Finden Sie das passend?
Ich habe für den Perfekten Freund
sogar den zweiten Preis des Deut-
schen Krimipreises bekommen. Das
ist vielleicht eine Eigenheit des
deutschsprachigen Literaturbetriebs –
wenn es spannend ist, muss es ein
Krimi sein. Ich finde nicht, dass
ich Kriminalromane schreibe. Ich
schreibe Geschichten mit einem Ge-
heimnis.
Wie geht es Ihnen eigentlich beim
Schreiben? Ist das Arbeit oder
Abenteuer?
Ich kenne das Skelett der Geschichte.
Aber wie genau die Geschichte von A
nach B geht, weiß ich nicht. Das ist
ein Abenteuer. Und da darf sich die
Geschichte verselbständigen. Das ist
schon sehr spannend. Dass ich das
Ziel festlege, bedeutet, dass sich meine
Abenteuerlust in Grenzen hält. Ich
will am Schluss nicht in irgendeinem
Sumpf landen.
An Ihren Figuren interessiert Sie die
Frage: Wer sind sie, und wer könn-
ten sie auch noch sein? Wie lautet
Ihre Antwort darauf?
Die Frage, wer ich bin, ist viel schwie-
riger zu beantworten als die Frage,
wer ich auch noch sein könnte. Ob
man je rausfindet, wer man ist, weiß
ich nicht. Wer gebe ich vor zu sein?
Damit könnten Sie mich locken.
Wer geben Sie vor zu sein?
Der Schriftsteller Martin Suter. Aber
Wenn ich zum Schreiben
keine Lust mehr hätte,
würde ich innerhalb einer
höflichen Frist aufhören.
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das kommt auch aufs Publikum an.
Meiner Frau gegenüber bin ich nicht
in erster Linie der Schriftsteller. Ich
bin aber auch der Weinbauer Martin
Suter. Der Olivenbauer Martin Suter.
Na ja, Gentleman-Farmer ist man
vielleicht erst, wenn man nur noch das
Organisatorische macht.
Sie fassen mit an?
Ja, klar. Zur Oliven- und zur Wein-
ernte kommen mein Bruder und
Freunde, und wir haben Hilfe von
einem Bauern. Es gibt 300 Reben, 150
Oliven- und 12 Feigenbäume. Und es
gibt Gemüsegärten, um die sich die
Frau des Bauern kümmert. Pflanzen
tue ich selten. Aber ernten natürlich
oft.
Wenn Ibiza dem Handwerk vorbe-
halten ist und Guatemala der Kopf-
arbeit – freuen Sie sich wieder auf
diese Zeit der Konzentration?
Ja, wir fliegen bald wieder nach Gua-
temala. Es ist eine Freude und immer
auch ein Abenteuer.
Zumindest fliegen Sie heute Busi-
ness Class.
Privat habe ich schon immer versucht,
Business zu fliegen. Nur für Business-
Als innere Haltung: vor den Men-
schen, vor der Natur, vor dem Leben.
Sie sagen selber, Sie mögen alle Ihre
Figuren, auch die Nebenfiguren.
Vielleicht ist das eine Art Harmonie-
sucht – ich mag nicht von Leuten um-
geben sein, die ich nicht mag. Deswe-
gen geraten sie mir auch liebenswert,
wenn ich es gar nicht beabsichtige.
Kann es sein, dass Sie die Menschen
sehr mögen?
Das ist vielleicht das Treuherzige an
mir.
War das immer schon so?
Es gibt nur eine kurze Liste von Leu-
ten, die ich wirklich nicht leiden kann.
Aber auf Anhieb mag ich die Leute erst
mal. Ich bin ziemlich unvoreingenom-
men. Auch meinen Figuren gegenüber.
Wie entstehen die Figuren?
Ich glaube nicht daran, dass man sich
in Menschen hineinversetzen kann.
Hingegen glaube ich, dass man sehr
viele Menschen in sich selber trägt.
Den Geizigen, den Intriganten, den
Grausamen – man kann sie alle mal
rauskitzeln. Wenigstens für die Dauer
einer Beschreibung. Und weil sie ja
alle in mir drinsitzen, kann ich sie
auch nicht so ganz verachten. Sie sind
ja immer noch ein Teil von mir.
Wird es für Ihre Umgebung schwie-
rig, wenn Sie diese Teile rauskitzeln?
Das beschränkt sich dann aufs Schrei-
ben. Aber was natürlich passiert, ist,
dass ich ganz in diese Welt eintauche
und die Probleme des wirklichen Le-
bens nicht ganz ernst nehme. Ich be-
trachte es romanhaft und finde Dinge
im wirklichen Leben lustig, die ich im
Roman lustig fände, die aber tatsäch-
lich problematisch sind.
Zum Beispiel?
Zum Beispiel in Guatemala. Da haben
einmal wegen eines sprachlichen
Missverständisses alle, die für uns ar-
beiten, gekündigt. Es ging um ein
falsch verstandenes Wort! Spanisch ist
für uns beide, die Mayas und die
Schweizer, eine Fremdsprache. Es
brauchte sehr viel, um die Sache wie-
der einzurenken. Sehr dramatisch und
sehr ernst. Und trotzdem musste ich
lachen. Ich fand es unpassenderweise
sehr komisch.
Flüge werde ich lustigerweise manch-
mal in die Eco gesteckt.
Fragen Sie sich nicht schon manch-
mal, was der weite Weg soll? Zwei
Ihrer Freunde sind in Guatemala
spurlos verschwunden.
Ja, die sind verschollen. Man weiß
nichts. Es ist ein Land mit vielen Pro-
blemen, es gibt viel Gewalt. Aber man
hat eben auch Bindungen zu Freun-
den, auch zu der sehr vielköpfigen
Maya-Familie, die sich um unser
Haus kümmert. Die wohnen auch
dort, viel mehr als wir. Zu denen
haben wir eine sehr freundschaftliche
Beziehung. Wir telefonieren auch öf-
ters, wenn wir jetzt in Europa sind. So
etwas bricht man nicht einfach ab.
Wie wichtig sind Ihnen Freund-
schaften?
Die sind mir sehr wichtig. Es gibt an
all diesen Orten gute Freunde, aber es
sind eben wenige. Ich leide sehr dar-
unter, wenn eine Freundschaft in die
Brüche geht. Ich versuche, das mit
fast allen Mitteln zu vermeiden.
Das ist ein netter Zug.
Das Leben ist doch viel zu kurz, um
langjährige Freundschaften zu riskie-
ren.
Sie sind nicht leicht beleidigt?
Nein.
Was für Eigenschaften mögen Sie
an anderen?
Dass sie nicht leicht beleidigt sind.
Und wenn schon, dann zumindest
nicht nachtragend. Ich mag Freund-
lichkeit. Ich mag gewisse Umgangs-
formen, die ein Ausdruck von Re-
spekt sind. Gar nicht mal mir
gegenüber. Ich selbst muss nicht un-
bedingt respektvoll behandelt wer-
den. Aber ich möchte schon, dass sie
andere Leute respektvoll behandeln.
Ich finde nicht,
dass ich Kriminalromane
schreibe. Ich schreibe
Geschichten mit einem
Geheimnis.
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11 Diogenes Magazin
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Waren Sie jemals in Versuchung,
sich selbst zum Mittelpunkt einer
Kolumne zu machen?
Nein. Ich versuche, mich aus meinen
Geschichten rauszuhalten. Und bei
Romanen finde ich die dritte Person
sehr angenehm. Vom Erzählerische
und vom Dramaturgischen her. Man
hat in der ersten Person einfach span-
nungsmäßig nicht so viele Möglich-
keiten. Ein Ich-Erzähler überlebt
immer, außer er schummelt. Und der
treuherzige Leser geht davon aus…
…dass der treuherzige Schriftsteller
ihn nicht betrügt.
Genau.
Sie haben einmal gesagt: Vom
Schreiben leben zu können heißt
für mich nicht, für das Schreiben
zu leben. Hat sich diese Haltung ge-
ändert?
Nein. Nein. Es ist immer noch ein
Beruf, nicht meine Berufung.
Viele Leute, die vier Bestseller hin-
tereinander geschrieben hätten,
würden annehmen, dass sie ihre Be-
rufung gefunden hätten.
Ja, aber ich will mit meinen Romanen
ja nicht etwas verändern – obwohl ich
mit Small World an vielen Orten im
Kleinen etwas verändert habe, in der
Wahrnehmung von Angehörigen, die
von Alzheimer betroffen sind. Das
Buch wird auch als Lehrstoff in Al-
tenpflegeschulen verwendet. Das freut
mich schon sehr. Oder wenn Leute
mir sagen: Durch Sie habe ich wieder
zu lesen begonnen. Das ist wunder-
bar. Aber nie würde ich sagen: Ich
will mit meinen Büchern die Leute
zum Lesen bringen oder sonst etwas
verändern. Ich bin auch kein Getrie-
bener, der nicht anders kann als
schreiben. Ich vermute, ich könnte
ohne das Schreiben leben. Ich muss
allerdings auch zugeben: Ich habe es
noch nie probiert.
Sie haben den zweiten Teil der
Frage, was Sie sind und was Sie sein
könnten, nicht beantwortet.
Was könnte ich sein? Das ist eine
Frage, die man in seiner Jugend oft
wälzt. In meiner Jugend dachte ich, es
gäbe nichts, was ich nicht sein könnte
– ein bildender Künstler, ein guter
Arzt, ein guter Leichtathlet. Ich habe
ja verschiedene Dinge getan – vom
geo-Reporter bis zum Geschäfts-
mann. Als Reporter war ich besser.
Die Frage stellen Sie sich heute nicht
mehr.
Ich bin Schriftsteller. Und Ehemann.
Besser: Ehemann und Schriftsteller.
Sie sind seit über 30 Jahren mit
Ihrer Frau zusammen. Wie macht
man das?
Respekt. Und die Einsicht, dass man
nichts verpassen kann im Leben.
Wer kocht bei Ihnen zu Hause?
In Panajachel, wo ich meine Romane
schreibe, eine Köchin. Sie kann inzwi-
schen nicht nur guatemaltekisch ko-
chen, sondern auch schweizerisch
und asiatisch. In San Rafael koche
meistens ich, bei unseren Besuchen in
Zürich auch.
Wo haben Sie das Kochen gelernt?
Wie fast alles: autodidaktisch.
Was kochen Sie am liebsten?
Die einfachen Sachen mit wenigen,
aber guten Zutaten und nur zwei, drei
Gewürzen. Oder dann die kompli-
zierten Sachen, bei denen ich alle paar
Minuten ins Kochbuch schauen muss.
Wissen Sie noch, was Sie gekocht
haben, als Sie zum ersten Mal für
Ihre Frau gekocht haben?
Nein, aber eines der ersten Gerichte
war passenderweise ein malayisches
Rezept, das ich aus Sri Lanka mitge-
bracht hatte. Ich habe den Namen
vergessen (etwas mit »Goreng«), aber
es bestand aus Fleisch, das zuerst
lange gekocht, danach gebraten, da-
nach in Zitrone eingelegt, danach zer-
fasert und danach mit Zwiebelringen
gewürzt und kalt gegessen wurde. Die
ganze Zubereitung hat wohl damit
zu tun, dass sie für sehr zähes Fleisch
gedacht ist. So zäh, wie es in der
Schweiz kaum zu finden war.
Was sollte man kochen, wenn man
eine Frau oder einen Mann zum ers -
ten Mal bekocht?
Es sollte nicht zu gut sein, sonst ist
man, wenn etwas Ernstes daraus wird,
sein Leben lang der Koch der Familie.
Die großen Deals werden bei Ge-
schäftsessen gemacht, beim ers ten
Date trifft man sich in der Regel zum
Essen. Warum ist Essen so wichtig?
Es ist ein guter Vorwand für ein Tref-
fen, die Einladenden können die Ein-
12 Diogenes Magazin
D
geladenen beindrucken, Essen und
Trinken entspannt. Und immer, wenn
einem der Gesprächsstoff ausgeht,
kann man etwas in den Mund schie-
ben.
Wie sind Sie auf die ayurvedische
und die molekulare Küche gestoßen,
die in Ihrem Roman eine große
Rolle spielen?
Ich wollte, dass mein Koch mit seinen
Kochkünsten die Gäste erotisieren
kann. Eine der acht Sparten der ayur-
vedischen Medizin heißt Vajikara-
nam, was so viel wie Aphrodisiakum
bedeutet. In der ayurvedischen Küche
gibt es denn auch entsprechend viele
aphrodisische Rezepte. Dass Maravan
sie molekular zubereitet, macht das
Ganze etwas spektakulärer und ist,
der Glaubwürdigkeit zuliebe, eine
mögliche Erklärung für die rasche
und überzeugende Wirkung.
Wie ist Ihnen die Figur Maravan
eingefallen, warum ein Tamile?
Das war einer dieser wunderbaren
Momente, die bei der Konzeption
einer Geschichte manchmal entste-
hen: Alle Puzzlesteine fallen plötzlich
im Laufe der Jahre selber entwickelt
habe.
Ist die Hierarchie in Restaurants
strenger als in Unternehmen?
Eine Küchenbrigade besteht aus vie-
len Leuten. Damit die so etwas Kom-
plexes wie ein großes Menü pünktlich
und in guter Qualität auf den Tisch
bringen, braucht es vielleicht klarere
Führungsstrukturen als in einem Un-
ternehmen.
Sind Köche die strengsten Manager?
Das weiß ich nicht. Sie unterscheiden
sich aber meistens darin von anderen
Managern, dass sie das, was sie von
ihren Leuten verlangen, auch selber
können.
In Ihrem Roman werden einige
Menüs aufgeführt, wie haben Sie re-
cherchiert? Gibt es einen Maravan
in der Wirklichkeit?
Ich kenne keinen wirklichen Mara-
van. Ich habe recherchiert wie immer:
mit Büchern, im Internet und als Au-
genzeuge. Ich habe die Menüs von
ayurvedischen und tamilischen Origi-
nalmenüs für die molekulare Küche
abgeleitet, und der berühmte deutsche
Molekularkoch Heiko Antoniewicz
hat sie kontrolliert, korrigiert und
nachkochbar gemacht.
Was stört Sie in Restaurants am
meisten?
Gleichgültigkeit, Mangel an Ehrgeiz,
schlechtes Essen, schlechte Bedie-
nung, Zigarren am Nebentisch.
Die schlimmsten kulinarischen Tod-
sünden?
Fast Food.
Welche Henkersmahlzeit würden
Sie wählen?
Ich würde keinen Bissen runterkrie-
gen.
Ein Kommentar zur schweizeri-
schen Küche?
Aus welchem Dorf in welchem Teil
von welchem Kanton? Im Ernst: Sie
ist ungeheuer vielfältig. Aber wenn
Sie gutbürgerlich schweizerisch ko-
chen wollen, dann brauchen Sie etwas
Unverzichtbares: das gute alte Fül-
scher-Kochbuch von Elisabeth Fül-
scher.

Ein Teil des Interviews erschien
zuerst in der ›Berliner Zeitung‹.
an ihren Platz. Mein Meisterkoch
musste ein Underdog sein, gezwun-
gen, seine Künste im Verborgenen zu
pflegen und zu entwickeln. In der
Küche sind die Underdogs die
Küchenhilfen. In der Schweiz sind
die meisten Küchenhilfen tamilische
Asylbewerber. Und die Hochburgen
der ayurvedischen Küche sind Süd-
indien und Sri Lanka.
In Ihrem Roman spielen Küchen-
düfte eine große Rolle, Kochen ist
für Maravan auch so etwas wie eine
Zeitreise zurück in seine Jugend.
Welche Küchendüfte wecken bei
Ihnen Kindheitserinnerungen?
Maravan will ja auf keinen Fall, dass
er oder seine Wohnung nach Küche
riechen. Aber es gibt eine Ausnahme:
der Geruch von Curryblättern und
Zimt in heißem Kokosöl, der stets in
der Küche und den Saris seiner Groß-
tante Nangan hing.
Mein persönlicher Lieblingsküchen-
duft entsteht, wenn Zwiebeln in
schweren Pfannen andünsten.
Was macht glücklicher: Kochen
oder Essen?
Das Essen von Selbstgekochtem
macht mich viel weniger glücklich als
es zu kochen.
Gibt es Parallelen zwischen Kochen
und Schreiben?
Bei beidem macht man aus Rohpro-
dukten Endprodukte. Das hat etwas
sehr Befriedigendes.
Was macht glücklicher: Kochen
oder Schreiben?
Am glücklichsten: Kochen, wenn ich
mein Schreibsoll erfüllt habe.
Was mögen Sie in der Küche: Expe-
rimente oder doch eher Klassiker?
Eher Klassiker. Auch solche, die ich
Mein persönlicher
Lieblingsküchenduft
entsteht, wenn
Zwiebeln in schweren
Pfannen andünsten.
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Eislutscher aus
Lakritze-Honig-Ghee
Literarisches Kochen
Im nächsten Magazin:
Kochen mit Martin Walker
I
st es eigentlich okay, dass ich einfach hier sitze und
mich bedienen lasse?«
»Heute hast du frei«, antwortete er und verschwand
in der Küche.
Nach einer Weile brachte er ein Tablett mit einem
Teeservice und schenkte ein. »Weißer Tee. Aus den silber-
nen Blattspitzen des Tees vom Hochland bei Dimbula«,
kommentierte er, ging zurück in die Küche und brachte
für jeden einen Teller mit Konfekt. Ein grün gesprenkel-
ter Eislutscher, umgeben von kleinen Spargeln mit
gi∫grünen Spitzen und herzförmigen, dunkelroten
Plätzchen.
»Ich glaube, ich kann nichts mehr essen.«
»Konfekt kann man immer essen.«
Er hatte recht. Der Lutscher schmeckte nach Lakritze,
Pistazien und Honig, wie eine Jahrmarktsleckerei. Die
Spar gel aßen sich wie Gummibärchen und schmeckten
intensiv – nach Spargel. Die Herzchen waren süß und
scharf, du∫eten nach einem indischen Markt und
schmeckten – es ⁄el ihr kein besseres Wort ein – frivol.
Plötzlich wurde sie sich der Stille bewusst, die zwischen
ihnen entstanden war. Auch der Wind hatte aufgehört,
seine Regenböen auf das Fenster zu treiben. Irgendetwas
ließ sie sagen: »Zeigst du mir Fotos von deiner Familie?«
Ohne ein Wort stand Maravan auf, zog sie auf die
Beine und führte sie ins Schlafzimmer zur Wand mit den
Fotos.
»Meine Geschwister und einige ihrer Kinder. Meine
Eltern, sie kamen 1983 um, ihr Auto wurde angezündet.«
»Weshalb?«,
»Weil sie Tamilen waren.«
Andrea legte die Hand auf seine Schulter und schwieg.
»Und die alte Frau ist Na…«
»Nangay.«
»Sie sieht weise aus.«
»Sie ist weise.«
Wieder entstand eine Stille. Andreas Blick wanderte
zum Fenster. In dem schwachen Licht, das aus dem
Schlafzimmer in die Dunkelheit drang, sah sie
Schnee¬ocken tanzen. »Es schneit.«
Maravan sah kurz zum Fenster und zog die Vorhänge
zu. Jetzt stand er da und sah sie unentschlossen an.
Andrea fühlte sich satt und zufrieden. Und dennoch
nagte da noch immer ein kleiner Hunger. Erst jetzt
wurde ihr klar, wonach.
Sie ging auf ihn zu, nahm seinen Kopf zwischen beide
Hände und küsste ihn auf den Mund.
Aus: Martin Suter, Der Koch
Ein altes ayurvedisches Rezept zur Steigerung
des sexuellen Verlangens, aber in molekularer
Zubereitung. Aus dem Roman Der Koch von
Martin Suter.
100ml Wasser
20g
Lakritzpaste
30g
Honig
30g
Ghee
0,5g
Xanthan
40g
Pistazien, in feine Blätter geschnitten
Das Wasser erwärmen. Den Honig und die
Lakritzpaste einrühren. Das Xanthan einmixen
und das Ghee unter die warme Masse rühren.
Die Masse auf mit Backpapier ausgelegte Bleche
kreisrund aufbringen und mit einem Holzspieß
versehen. Mit den Pistazien bestreuen und
einfrieren. Bei Bedarf entnehmen und servieren.
ca. 304 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06739-2
Wirtschafts- und Politthriller,
Liebesgeschichte und ganz
besondere Gaumenfreuden sind
die Zutaten des neuen Romans
von Martin Suter.
Buchtipp
Martin Suter
Der Koch
Roman · Diogenes
14 Diogenes Magazin
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Der kleine Nick
Kaum ist der Dürrenmatt-Cocktail,
der in der Zürcher Kronenhalle-Bar
für das erste Diogenes Magazin kre-
iert wurde, erfunden, ist er auch schon
in die Fachliteratur eingegangen – im
soeben erschienenen Kronenhalle-
Bar-Buch von Barlegende Peter Roth
und Carlo Bernasconi. Beim Buch aus
dem Orell Füssli Verlag stimmen wie
bei einem guten Cocktail Inhalt und
Form überein: Es ist der wohl schöns -
te Cocktailführer der Welt. Neben
dem Dürrenmatt-Cocktail (»leicht
herber Shortdrink für den Abend«)
kann man über 400 weitere Getränke-
Mixturen entdecken, unter anderem
auch den Fellini, ein »fruchtig-milder
Shortdrink für jeden Tag«.
Es gibt eine Zeichnung von Jean-
Jacques Sempé, auf der er seinen
Freund René Goscinny vor einem
Bartresen verewigt hat. Wie Sempé er-
klärt, hatte Goscinny in seiner Woh-
nung immer eine Hausbar. Würde
Goscinny heute noch leben, hätte er
mit Sempé sicherlich zu Hause ange-
stoßen: Die Filmversion von Der
kleine Nick ist in Frankreich mit zwei
Millionen Zuschauern nach zwei Wo-
chen ein Riesenerfolg. Ab Februar
2010 ist der Film auch in den deut-
schen Kinos zu sehen.
Die Anfangsszene zeigt, wie ein
Klassenfoto gemacht wird – oder ge-
macht werden soll. Die Kinder stellen
sich nicht richtig auf, der Fotograf,
die Lehrerin und der Aufseher ver-
zweifeln. Eine großartige schauspiele-
rische Leistung der Kinder war nicht
nötig. Der Regisseur Laurent Tirard:
»Genau so war es während der ganzen
Dreharbeiten, die Kinder haben uns in
den Wahnsinn getrieben.« Goscinny
hätte seine Freude gehabt.
Das legendäre Kulturmagazin Du
feiert seine 800. Ausgabe mit einer
Prachtnummer und Hugo Loetscher
auf dem Cover. Hugo Loetscher, im
August 2009 im Alter von 79 Jahren
gestorben, war zwischen 1958 und
1962 Redakteur beim Du. Im Jubi-
läumsheft ist unter anderem das letzte
Interview mit Hugo Loetscher, das
Julian Schütt führte, nachzulesen, und
als Erstveröffentlichung Grimm für
Straßenkinder – ein Märchen für Er-
wachsene. www.du-mag.com
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Studien haben ergeben, dass die Lese-
geschwindigkeit am Bildschirm um
ca. 25 % abnimmt. Was nützt es also,
auf einem E-Book-Reader 500 Roma-
ne geladen zu haben, wenn man sie
sowieso nicht alle wird lesen können.
Wirklich praktisch sind die Appa-
rate eigentlich nur für uns Verlagsmit-
arbeiter. Denn wir lesen die Werke
unserer Autoren selten als schöne
Diogenes Bücher in Leinen gebunden
und schön gesetzt, sondern schon frü-
her in Manuskriptform. Und die di -
cken Manuskripte sind besonders auf
Reisen sehr unpraktisch. Die Lösung:
E-Book-Reader. Der Verlag hat also
ein Dutzend Apparate angeschafft.
Eine Kollegin brachte ihren Sony-
Reader bereits nach zwei Tagen zer-
knirscht zurück, sie hatte sich im
Schwimmbad aus Versehen auf den
Reader gesetzt – Totalschaden, und
noch nicht mal ein Buch fertiggelesen.
Wenn das kein Argument für echte
Bücher ist?
Wie heißt es noch in Ray Bradbu-
rys Fahrenheit 451: »Wissen Sie, dass
Bücher nach Muskatnuss oder ande-
ren exotischen Gewürzen riechen?
Als Junge habe ich immer gerne daran
geschnuppert. Gott, was gab es früher
schöne Bücher, ehe wir
davon abkamen.«
Dürrenmatt-Cocktail
Du-Magazin
E-Books
15 Diogenes Magazin
D
Best- und Longseller werden ein
wenig altmodisch auch als »Brotarti-
kel« der Buchbranche bezeichnet, und
so ist es nicht verwunderlich, dass aus
Brotartikeln Spiele werden.
Zur Vorweihnachtszeit sind nun
zwei Spiele zu bekannten Diogenes
Longsellern erschienen: zum Kino-
start von Maurice Sendaks Wo die
wilden Kerle wohnen ein Videospiel
für diverse Spielekonsolen.
Und dann ermittelt Commissario
Brunetti neu nicht länger nur in Vene-
dig, sondern auch in einem Ravens-
burger Brettspiel für Spieler ab zehn
Jahren. Gefährliches Spiel entführt in
die Welt der Donna-Leon-Romane
und bringt die Atmosphäre der Lagu-
nenstadt auf den Spieltisch.
Es gilt ein Verbrechen aufzuklären.
Dabei helfen die vier bekannten
Roman-Charaktere in Gestalt von ver-
schiedenfarbigen Spielfiguren: Com-
missario Brunetti, seine Frau Paola,
sein Chef Vice-Questore Patta und
sein Assistent Inspettore Vianello zie-
hen auf dem Spielplan durch Venedig,
befragen Zeugen und verhören Ver-
dächtige, um am Ende den Mörder
dingfest zu machen.
Aus einem unkonventionellen Bewer-
bungsbrief an den Diogenes Verlag,
der vor kurzem eingetroffen ist:
»Zehn Gründe, warum ich bei Ihnen
arbeiten will:
1. Ich habe gezählt: 267 Ihrer Bücher
stehen in meinem Regal. Das ist
ein Beweis von vier Metern Breite,
ein Beweis für meinen Ernst.
2. Ich habe gelauscht: 22 Ihrer
Hörbücher. Bin durch die Stadt
gewandert mit Diogenes in den
Ohren, bin eingeschlafen mit
Diogenes im Kopf.
3. Im Traum habe ich mich zu
Diogenes in die Tonne gezwängt.
4. Im Folio der NZZ stand, dass Sie
jedes Jahr 3000 Manuskripte er-
halten, manchmal mehr. Für mich
bedeutet das: Sie brauchen Hilfe.
5. Ich habe Deutsch studiert, darum
muss ich es versucht haben bei
Ihnen. Es gehört sich so.
6. Nach zwei Jahren als Texter will
ich der Sprache neu begegnen, am
besten in Ihrem Haus.
7. Ist mir entfallen, pardon.
8. Ich spreche Französisch
und Englisch, ich lerne Spanisch
und Portugiesisch.
9. Ich bin jung, in meinem Kopf
hüpfen die Ideen auf und ab.
10. Ich will Neues lernen, am liebsten
von Ihnen.
Da gäbe es noch mehr Gründe.
Schreiben Sie mir, wenn Sie es wissen
wollen. Ich freue mich darauf.«
Was bleibt nach dem Auftritt Chinas
als Gastland bei der Frankfurter Buch-
messe? Viele Autorennamen, die sich
niemand merken kann. Denn das
Hauptproblem der Exportfähigkeit der
chinesischen Literatur ist, dass die
Autorennamen viel zu kompliziert sind
und sich gegen jeglichen mnemotech-
nischen Trick sperren. Oder erinnern
Sie sich noch an den Namen des chi-
nesischen Literatur-Nobelpreisträgers
von 2000? (Er heißt: Gao Xingjian.)
Im Diogenes Verlag gibt es einen
wunderschönen Roman eines chinesi-
schen Autors, dessen Titel und Namen
sich jeder zum Glück leicht merken
kann: Der Gourmet von Lu Wenfu.
Und das Buch hat es in sich: die Ge-
schichte der VR China, widergespie-
gelt in der Lebensgeschichte eines
Feinschmeckers. Ein Roman, der
Zeithintergrund und Gaumenfreuden
kunstvoll miteinander verbindet …
ein Buch für Kopf und Bauch!
haben geladene Gäste, die auf dem kö-
niglichen Landsitz Baltimore in
Schottland übernachteten, Martin
Walkers Bruno, Chef de police in den
Gemächern der Queen gesichtet.
Kevin Spacey wurde angeblich in
einer Buchhandlung in Los Angeles
gesehen, als er sich den Roman Super-
hero von Anthony McCarten kaufte,
der jetzt hofft, dass Spacey die Rolle
des Adrian King spielen wird. Kein
Gerücht ist jedenfalls, dass der Roman
verfilmt werden soll.
Die Queen Mum, die im Jahr 2002
starb, war jahrzehntelang ein großer
Fan der Romane von Dick Francis.
Auch die Queen scheint ein Faible für
Krimis zu haben. Diesen Sommer
Bewerbung
Gerüchteküche
Panem et circenses
Chinesische Küche
LuWenfu
Der Gourmet
Roman · Diogenes
17 Diogenes Magazin
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Bei Amélie Nothomb in Paris
Die fatale Welt
der Amélie
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s ist sicher nicht leicht, Amélie
Nothomb zu sein. Sie landete
zwar schon im Alter von 25 Jahren
mit ihrem Erstling Die Reinheit des
Mörders einen Bestseller und hat seit-
her in Frankreich Kultstatus erreicht.
Aber wie sie nun hier, inzwischen 42,
in ihrem kleinen, fensterlosen, vollge-
stopften Büro ihres Verlags in Paris
sitzt, gleich neben dem Montpar-
nasse-Friedhof, wirkt sie immer noch
ein bisschen wie das kleine, zugleich
größenwahnsinnige und verlorene
Mädchen, das auch in ihrem Buch
Biographie des Hungers im Zentrum
steht. Sie hat den Gesprächstermin an
diesem sonnigen Freitagmorgen ver-
gessen, aber zufällig ist sie trotzdem
hier und beantwortet die Fanpost, die
sich auf dem Schreibtisch stapelt.
Jeden einzelnen Brief. Eigentlich ist
für sie bald Feierabend. Sie beginnt
nämlich allmorgendlich um vier mit
der Arbeit, trinkt Unmengen von Tee
dazu und schreibt bis etwa um acht.
Und dies seit ihrer Jugend.
So haben sich inzwischen 66 Ro-
mane angesammelt, von denen 17 ver-
öffentlicht sind und in 39 Sprachen
übersetzt wurden. Eine Manische,
eine Gehetzte? Den Schreibprozess
vergleicht sie mit einer Schwanger-
schaft, und ihre Bücher nennt sie
gerne ihre Babys. »Schreiben ist sexu-
ell«, sagt sie, »aber es hat nichts mit
dem Geschlecht zu tun.« Ende 2005
antwortete sie auf die Frage nach
ihrem Wunsch für das folgende Jahr:
»Nicht zu explodieren.« Sie erinnert
sich an einen einzigen Tag, an dem sie
nicht geschrieben hat; weil sie krank
war. »Es war, als ob ich wieder drei-
zehn wäre, zurückgeworfen. Eine un-
erträgliche Leere.« Sie spricht von der
eigenen Göttlichkeit, die sie als Kind
empfand. »Das Schreiben von Roma-
nen war eine Möglichkeit für mich,
diesen Größenwahn ins Erwachse-
nenleben herüberzuretten.«
An der Wand hängt ein Bild von ihr,
mit hohem schwarzem Hut und bluti-
gen Fingernägeln. »Es ist schrecklich,
nicht wahr?«, sagt sie. »Es entspricht
dem Klischeebild, das man sich von
mir macht: der Gruftie, der Vampir.
Es ist angenehm, in der Öffentlichkeit
so eine schützende Maske zu haben.
Dahinter ist man frei.«
In Frankreich ist Nothomb ein Star
– mit allen Problemen. Kürzlich, auf
einer Werbeveranstaltung ihres Ver-
lags, ließ sich eine Leserin ihren Arm
von ihr signieren und ging nachher di-
rekt in ein Tattoo- Studio, wo sie sich
die Unterschrift in ihrer Haut verewi-
gen ließ. »So etwas macht mir Angst«,
sagt sie.
Nothomb wurde in Japan geboren,
als Tochter eines belgischen Aristo-
kraten und Diplomaten. Ihre Kind-
heit war ein Wechselbad. Auf die pa-
radiesischen fünf ersten Lebensjahre
unter der Obhut eines Kindermäd-
chens, das die kleine Amélie vergöt-
terte, folgte eine traumatisierende Zeit
im China der Kulturrevolution. Dann
ging’s nach New York; auf eine in
jeder Hinsicht berauschende Periode
folgten unheimliche Aufenthalte in
Bangladesch, Burma und Laos. Dann
endlich kam sie in ihrer »Heimat« an,
wo sie in Brüssel ein Romanistik -
Studium absolvierte. Aber das unbe-
kannte Belgien war für sie das fremdes-
te all dieser Länder. Diese Odyssee
um die halbe Welt lässt Nothomb in
Biographie des Hungers auf gerade
mal zweihundert Seiten Revue passie-
ren. »Ich versuchte, meine Kindheit
zusammenzufassen, auf den Punkt zu
bringen, ohne sie zu verraten.« Das
Buch, es endet mit der Überwindung
der Magersucht, ist in gewisser Hin-
sicht die Fortsetzung von Metaphysik
der Röhren, wo sie versuchte, ihre ers-
ten drei Lebensjahre zu beschreiben,
die mit dem Versuch endeten, sich
in einem Karpfenteich zu ertränken.
Eine Autobiographie, ohne Wenn und
Aber.
Mit der Unterscheidung zwischen
literarischem und wirklichem Ich, um
Portrait
Amélie Nothomb ist in Frankreich ein Literaturstar, der wie ein Popstar gefeiert wird. Doch sie
empfindet das Leben als Zumutung. David Signer hat sie in Paris besucht.
Mein Thema ist:
»Wie schaffe ich es,
die andern und mich
selbst zu ertragen?«
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18 Diogenes Magazin
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die andere Autoren gerne ein großes
Gewese machen, hält sie sich nicht
lange auf. Es geht ihr nicht um Fik-
tion, sondern um Erforschung. »Ich
ist Ich«, konstatiert sie knapp. Ent-
sprechend ernsthaft geht sie auf in-
haltliche Fragen ein. »Was würden Sie
einer Anorektikerin raten, oder ihren
Eltern?« – »Vielleicht verstehen El-
tern ihre Kinder nie und reagieren
immer falsch. Das gilt generell, aber
für anorektische Kinder ganz beson-
ders. Ich würde sagen: Versuchen, das
Kind zu lieben, andere Ratschläge
gibt es nicht. Reagieren, auch falsch
reagieren ist immer noch besser als
das Nichts.« Zwei junge Frauen
schrieben der Autorin, sie hätten ihre
Magersucht dank ihrem Buch über-
wunden. »Vielleicht machte es ihnen
Hoffnung, eine Überlebende zu se-
hen, die einen Ausweg gefunden hat.
Vielleicht konnten sie ihr Leiden
durch die Lektüre objektivieren und
so Abstand gewinnen von ihren eige-
nen Problemen.«
Sie spricht von der langen Tradi-
tion von Frauenverachtung. Anorexie
ist für Nothomb eine Art weibliche
Misogynie; die jugendliche Mager-
süchtige fühlt sich abgestoßen von
ihrem eigenen, sich entwickelnden
Frauenkörper. Biographie des Hun-
gers handelt von Lebensgier und Lust,
von den Widerständen, die die Welt
unserm maßlosen Begehren entgegen-
stellt, aber auch vom Widerstreit un-
vereinbarer Wünsche in uns selbst:
»Ein zarter, dünner Engländer von
fünfzehn Jahren sprang vor meinen
Augen ins Wasser, und ich fühlte
etwas in mir zerreißen. O Schreck –
ich begehrte einen Jungen. Das hatte
mir noch gefehlt. Mein Körper war
ein Verräter.« Im Alter von dreizehn-
einhalb streckte Amélie Nothomb die
Waffen und entschied, ihrem ungezü-
gelten, unerträglichen Appetit den
Hahn abzudrehen. Nach zwei Mona-
ten Fasten verschwand der Hunger
langsam. »Freude durchflutete mich
in Strömen. Ich hatte meinen Körper
getötet und empfand das als atembe-
raubenden Sieg.« Die Kapitel über das
langsame, vorsätzliche Sterben in
ihrem Zimmer, erst im iso lierten
Burma und dann in Laos, dem »Land
des Nichts«, sind bestürzend. Zum
Skelett abgemagert genießt sie wie ein
Junkie das Verschwinden von Leben,
von Verlangen, von Schmerz: »Die aus-
gehungerte innere Stimme verstumm -
te; meine Brust war wieder hübsch
flach: Ich fühlte nicht den Hauch
eines Begehrens für den jungen Eng-
länder; um die Wahrheit zu sagen,
fühlte ich überhaupt nichts mehr.«
Das Schockierende an Nothombs
Büchern ist die von keiner Moral oder
Psychologisierung abgefederte Roh-
heit, mit der sie die condition humaine
beschreibt. Gelegentlich wurde ihr
das von Kritikern als Zynismus aus-
gelegt. Vermutlich ist es eher das Ge-
genteil. Man könnte sagen, es sei er-
freulich, dass solche Bücher auf den
Bestsellerlisten landen; denn es han-
delt sich um das Gegenteil von Trivi-
alliteratur; da ist kein Gramm Beschö-
nigung oder billiger Trost drin. Aber
es wirft auch ein beunruhigendes Licht
auf die Gesellschaft. »Mein Thema«,
sagt Nothomb, »ist: Wie schaffe ich es,
die andern und mich selbst zu ertragen?
Damit werde ich nie fertig.« Offenbar
laufen Millionen Menschen herum, die
sich in No thombs Verzweiflung wie-
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208 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06697-5
Kindheit und Jugend einer ewig
Hungrigen. Die äußeren Stationen:
Japan, China, USA, Burma
und Belgien. Die inneren: Hunger
nach Liebe, Hunger nach Leere
und endlich Hunger nach Leben.
Buchtipp
dererkennen, die unaufhörlich dem
Abgrund entgegenbalancieren.
Eigentlich hätte Biographie des
Hungers ihr Vermächtnis, ihr Testa-
ment sein können. »Aber leider starb
ich nicht«, sagt sie, »und schrieb wei-
ter.« Allerdings hätte man dasselbe
schon von Metaphysik der Röhren
sagen können. Das Buch endet, als die
Protagonistin drei Jahre alt ist, mit
dem Satz: »Dann ist nichts weiter pas-
siert.« Man hält es kaum für möglich,
dass die ersten Lebensjahre beschrie-
ben werden können. Nothomb kann
es, und gelegentlich fühlt man sich als
Leser wie unter Hypnose: Seltsame,
lange vergessene Empfindungen tau-
chen plötzlich auf, beispielsweise das
Gefühl, eigentlich ganz anders zu
sein, als die Eltern meinen, bloß eine
Rolle zu spielen, die den Erwartungen
der Erwachsenen an ein Kind ent-
spricht.
Auf die Bemerkung, sie leide mög-
licherweise unter einem Verdrän-
gungsmangel, einer Unfähigkeit zu
vergessen, reagiert sie euphorisch:
»Das ist es genau! Offenbar habe ich
mir mit drei Jahren vorgenommen, nie
zu vergessen.« Eigentlich träumt die
Rastlose davon, sich irgendwo aufs
Land zurückzuziehen. »Die absolute
Sesshaftigkeit – Wurzeln schlagen,
sich beerdigen. Aber es ist nur ein
Phantasma. In Wirklichkeit lebe ich
in der Stadt, reise herum, fühle mich
unwohl. Aber es ist egal.« – »Ein in-
spirierendes Gespräch«, sagt sie nach
einer Stunde. »Das ist sicher so, weil
ich mich nicht darauf einstellen
konnte und überrumpelt wurde. Ei-
gentlich sollte man es immer so ma-
chen. Aber wie?« Ja, die Welt von
Amélie Nothomb ist eine Welt des
Unerreichbaren, des Unmöglichen.
Trotz ihrem Erfolg, ihrer Eloquenz
und ihrem Kosmopolitismus ist sie
vermutlich in einem existenziellen
Sinne weltfremd geblieben. Und jeder
Satz, jedes Buch von ihr scheint einem
unbeschreiblich absurden und trauri-
gen Wirrwarr abgetrotzt.

David Signer /Zuerst erschienen in der
Beilage ›Bücher‹ der ›NZZ am Sonntag‹
Amélie
Nothomb
Biographie
des Hungers
Roman · Diogenes
A
ls Kind wünschte sich Amélie Nothomb »nichts sehnli-
cher, als eine Japanerin zu sein«. Sie hatte den ers -
ten Teil ihre Kindheit in Shukugawa in der Nähe von
Kobé verbracht, in einem idyllischen Bergdorf mit einer
japanischen Gouvernante, die sie wie eine kleine Gottheit
behandelte. Nach ihrem Studienabschluss in Belgien
kehrte Nothomb nach einmal nach Japan zurück, um dort
ein Jahr lang in einem Tokioter Großunternehmen als
Übersetzerin zu arbeiten. Da sie weiß, von welcher Be-
deutung Ehrenkodex und Hierarchie in einem japani-
schen Unternehmen sind, versucht sie sich unterzuordnen.
Doch damit kommt sie nicht weit. Denn erstens ist sie Eu-
ropäerin und zweitens eine Frau. Nichts scheint sie richtig
zu machen. Ob es nun um das Verfassen eines einfachen
Briefes, das Eintragen von Zahlen oder um simples Foto-
kopieren geht. Am Ende darf sie nur noch die Etagentoi-
lette putzen.
Über die traumatische Erfahrung dieses Kulturschocks
in einem Land, von dem sie glaubte, es sei ihre wahre
Heimat, schrieb sie vor neun Jahren ihr bisher erfolgreichs-
tes Buch Mit Staunen und Zittern, das, wie man sich leicht
vorstellen kann, in Japan auf denkbar schlechte Resonanz
stieß.
»Erst da musste ich mir eingestehen, dass ich keine Ja-
panerin bin. Seither bin ich nie mehr in das Land zurück-
gekehrt.« Japan wurde und blieb die große und unerwi-
derte Liebe ihres Lebens.
Nun verrät Amélie Nothomb ein weiteres Kapitel ihrer
Zeit in Japan: Sie war mit einem Japaner verlobt. Als
Nothomb während ihres Tokio-Jahres ihr Japanisch auf-
bessern wollte, schien ihr Französisch zu unterrichten
der beste Weg. »Ich hinterließ eine Kleinanzeige im
Supermarkt: Französisch-Einzelunterricht, attraktiver
Preis.« Amélies erster (und einziger) Privatschüler
war Rinri – ihr späterer Verlobter. Amélie No -
thombs Roman Der japanische Verlobte, der im
März 2010 erscheint, erzählt eine Liebesge-
schichte zwischen den Kulturen – intim, amüsant
und typisch nothombesk.

sid
Erscheint im März 2010
Amélie Nothomb
Verliebt
in Japan
Amélie
Nothomb
Der japanische
Verlobte
Roman · Diogenes
Amélie
Nothomb
Mit Staunen
und Zittern
Roman · Diogenes
20 Diogenes Magazin
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ie kommt es, dass man Dinge,
die eigentlich verborgen bleiben
sollten, bei nahestehenden Menschen
oft schon durch leiseste Anzeichen
erahnt? Wann und wie verfestigt sich
die Ahnung zur Gewissheit, ohne
dass man je etwas bestätigt bekom-
men hat?
Diese Frage hat mich in meinem
Leben immer wieder beschäftigt. Es
ist, als würde man nach einem Strom-
ausfall festen Schrittes zum Kasten
mit den Sicherungen gehen, obwohl
es stockfinster ist in der Wohnung.
Oder als würde man versuchen, eine
hinter den Schreibtisch gefallene
Grußkarte mit einem Lineal wieder
hervorzuangeln. Man weiß, etwas ist
da, man kann es sogar berühren, und
dennoch ist es mit dem Auge nicht er-
kennbar. Irgendwie nervig, aber auch
interessant.
Solche Gedanken gingen mir durch
den Kopf, wenn in der Schule der Lie-
besvirus ausbrach und man schnell
wusste, welche Mädchen und welche
Jungs angesteckt waren, obwohl alle
es zu verheimlichen versuchten.
Ähnlich war es bei einer Freundin,
deren Eltern den Eindruck erweckten,
als hätten sie eine wunderbare Bezie-
hung zueinander. In Wahrheit hatten
sie sich völlig auseinandergelebt. Die
Freundin sagte nie etwas, aber man
spürte, wie sehr sie darunter litt.
Der Blick, das Spiel der Hände, die
Art, sich zu kleiden. Sei es nur eine
kleine Geste, ein kurzes Staunen – ir-
gendetwas kommt immer zum Vor-
schein. Nein, selbst ohne Anlass weiß
man plötzlich, was los ist. Alle mer-
ken es, mehr oder weniger. Selbst
wenn es ihnen nicht wirklich bewusst
ist.
Nicht nur das. Sowohl derjenige,
der etwas verheimlicht, wie auch der-
jenige, vor dem dieses Etwas verheim-
licht wird, beide wissen tief im Her-
zen, dass da etwas in der Luft liegt. Es
aussprechen oder nicht aussprechen –
ein kleiner Unterschied nur. Wenn die
Linie einmal gezogen worden ist,
kann sich unter dem Druck der Zeit
ein immer größerer, tieferer Riss auf-
tun. Allerdings kann einem das
Schweigen auch höllischen, unheilba-
ren Herzenskummer ersparen. Sicher
hängt es vom Charakter eines Men-
schen ab, aber ich bin überzeugt, dass
Körper und Seele viel empfindlicher
sind, dass sie viel, viel mehr Informa-
tionen aufnehmen und aussenden, als
man glaubt. Dieses mysteriöse Wir-
ken hat bisweilen etwas Furchteinflö-
ßendes, dem ich mich schutzlos aus-
geliefert fühle. Manchmal spendet es
Körper und Seele
sind viel empfindlicher,
als man glaubt.
Banana Yoshimoto
Sound of Silence
Wann hört die Kindheit auf, wann ist man erwachsen? Für die Ich-Erzählerin der Geschichte
wird die Frage noch komplizierter, als sich ihre Beziehung zur geliebten älteren Schwester ver-
ändert. Die Geschichte einer Annäherung und gleichzeitigen Abkopplung, schmerzhaft wie zu
heißer Tee und doch leicht wie ein Kirschblütenblatt.
Erzählung
21 Diogenes Magazin
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Trost, und manchmal zieht sich mir
vor Schmerz das Herz zusammen.
Zur Feier des bestandenen Ober-
schulexamens hatte ich beschlossen,
mit einer Freundin nach Guam zu
fahren, wo wir einen Tauchkurs besu-
chen wollten. Für die Erneuerung des
Reisepasses brauchte ich einen Aus-
zug aus dem Familienregister, den ich
mir vom Einwohneramt zuschicken
ließ. Ich öffnete den Umschlag und
sah das Dokument zum ersten Mal
mit meinen eigenen Augen. »Also
doch!«
Ich war ein Adoptivkind.
Als ich sagte, ich wolle den Pass er-
neuern, machte Mutter ein Oh-jetzt-
ist-es-so-weit-Gesicht, doch schon im
nächsten Augenblick fasste sie sich
wieder und reichte mir, als wäre
nichts gewesen, Namensstempel und
Versicherungsausweis. Ob sie dachte,
sie ist ja erwachsen, oder sich einfach
dafür entschied, die Sache weiterhin
totzuschweigen, weiß ich nicht. Ich
weiß nur, dass Mutter einen kurzen
Moment zögerte. Und obwohl ich ihr
Zögern bemerkte, ließen wir uns die
Chance, endlich Klarheit zu schaffen,
zum wer weiß wievielten Mal entge-
hen.
Vater und Mutter sind schon recht
alt. Seit mein Vater nicht mehr arbei-
tet, gehen sie jeden Morgen spazieren,
ohne Ausnahme.
Da ich jeweils spät aufstand, sah
ich aus dem Fenster meines Zimmers
nur noch, wie die beiden davongin-
gen. Oft dachte ich mir dabei: Echt
komisch, dass dieser Opa und diese
Oma mein Vater und meine Mutter
sind.
Wenn meine Gedanken weiter
schweiften, kamen mir automatisch
zwei Szenen von früher in den Sinn.
In der einen Szene sehe ich meinen
Vater vor mir, wie er jedes Mal, wenn
es bei uns Streit gab, einen bestimm-
ten Satz sagte. Es lief immer nach dem
gleichen Muster: Mutter begann aus
irgendeinem Grund wütend herum-
zuschreien, während ich weinte und
meine Schwester trotzig schwieg...
Da sagte Vater etwas. Immer das
Gleiche.
»Bitte hört auf, ich möchte nicht an
die Geschichte von damals erinnert
werden.«
Klein, wie ich war, verstand ich die
Bedeutung nicht. Doch sobald diese
Worte fielen, veränderte sich die Stim-
mung. Mutter und Schwester waren
auf einmal ganz niedergeschlagen und
starrten schweigend vor sich hin.
Weiterzanken mochte jetzt niemand
mehr.
Die andere Szene spielte sich wäh-
rend eines Familienausflugs ab, im
frühen Herbst.
Mein Leben lang musste ich immer
wieder an diese eine Szene denken.
Sogar das Spiel von Licht und Schat-
ten sehe ich genau vor mir, so dass ich
unwillkürlich die Augen zusammen-
kneife.
Ich habe eine Schwester, die fünf-
zehn Jahre älter ist als ich.
Sie sah damals aus wie ein Girl aus
den siebziger Jahren und war recht
hübsch. Sie genoss das Leben, hatte
viele Männer. Dauernd war sie ir-
gendwo unterwegs, aber sie war sehr
lieb zu mir, nahm mich dahin und
dorthin mit, kaufte mir dieses und
jenes. Ihre Fürsorge kannte keine
Grenzen, manchmal war es fast zu
viel des Guten.
Der Blick meiner Schwester, ja ihr
ganzes Benehmen wirkte manchmal
unheimlich, bedrohlich, was gar nicht
zu ihrem Alter passen wollte. Manch-
mal hatte ich das Gefühl, ein in die
Enge getriebenes Wesen vor mir zu
sehen.
In jenem Jahr hatte Vater gerade
bei einer neuen Firma angefangen und
konnte keine Sommerferien nehmen.
Aber er versprach, im frühen Herbst
mit uns wegzufahren. Vater kannte je-
manden, der ein ziemlich altes, aber
stattliches Hotel im japanischen Stil
führte. Wir blieben drei oder vier
Tage. Zu unserem Zimmer gehörte
auch ein kleines Quellenbad im
Freien. Ich war etwa zehn Jahre alt
damals.
Die Bäume im Garten waren noch
immer saftig grün. Weit streckten sie F
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22 Diogenes Magazin
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ihre Äste in den milchigen Himmel,
der den Herbst ankündigte. Wir ge-
nossen es, in diesem schattigen, frem-
den Zimmer einfach nur faul herum-
zuliegen, zu plaudern und in den
sonnenbeschienenen Garten hinaus-
zuschauen. Wie Freunde, sagt man
gern, aber unsere Familie verstand
sich wirklich nicht schlecht. Vater
und Mutter waren nach all den Jahren
immer noch Mann und Frau, und
wenn Mutter, so jugendlich wie sie
damals aussah, mit der oft älter wir-
kenden Schwester zusammen war,
hätte man sie glatt für ein unzertrenn-
liches Geschwisterpaar halten kön-
nen. Ich selber war ja noch ein Grün-
schnabel, aber zu meiner Freude
nahmen mich die beiden manchmal
mit auf ihre Vergnügungstouren. Na-
türlich war ich unglaublich stolz dar-
auf, die Welt der Erwachsenen miter-
leben zu dürfen.
Das Minibad im Freien hatte es
meiner Schwester angetan. Fast den
ganzen Tag saß sie darin, splitter-
nackt. Mutter machte sich schon Sor-
gen, weil sie gar nicht mehr heraus-
kam. Eines Nachmittags wollte die
chen. Schweigend saßen wir im Bad
und schauten zu, wie sich das Licht
veränderte und es langsam Abend
wurde.
Jenseits des Zaunes konnte man die
eichelförmigen, mit üppigem Grün
bedeckten Berge sehen. Am späteren
Nachmittag, wenn das Sonnenlicht
auf die sanft geschwungenen Berge
fiel, begann das Grün der Bäume fei-
erlich zu funkeln, und die über den
Himmel ziehenden Wolken färbten
sich rosa, wie Zuckerwatte.
Obwohl sie schon ganz beschwipst
war, trank die Schwester fröhlich wei-
ter und knabberte getrocknete Sardi-
nen dazu. Einen Arm auf den Felsen
gestützt, saß sie da wie eine Königin
und summte vor sich hin.
Ja, wenn die Schwester in ausgelas-
sener Stimmung war, begann sie
immer, Gott weiß warum, jenes be-
rühmte Lied von Simon and Garfun-
kel zu summen, Sound of Silence.
Während ich sie gebannt anstarrte,
dachte ich plötzlich: Ah, ihre Finger-
nägel, sie haben die gleiche Form wie
meine… So ist das eben bei Geschwis-
tern.
Schwester unbedingt mit mir zusam-
men ins Bad.
Es war zwar ein richtiges Quellen-
bad aus Felsen und Steinen, aber das
Wasser war nicht richtig heiß, son-
dern nur lauwarm. Der Zaun, der als
Sichtschutz dienen sollte, eine billige
Bambusimitation. Das Becken war
winzig klein, wie ein Spielzeugbad;
wenn einer mit angezogenen Knien
drin lag, blieb dem anderen nur noch
Platz, um die Füße reinzuhalten. So
klein.
Genüsslich nippte die Schwester an
ihrem gekühlten Sake. Ich stellte mei-
ne Flasche Orangensaft auch in den
Kübel und trank wie sie, mit genieße-
rischer Miene und in kleinen Schlück-
»Wir sind uns so ähnlich
wie Mutter und Kind,
findest du nicht?«
Die Schwester machte
große Augen.
Banana Yoshimoto
»An einem perfekten Tag wache ich nach genügend
Schlaf auf und finde heraus, dass es immer noch Morgen ist.
Nach einer Tasse Kaffee und ein paar Früchten gehe
ich mit dem Hund spazieren und verbringe einige Zeit
draußen. Dann komme ich beinahe entschlossen
nach Hause, um zu arbeiten.
Dann, ohne Eile, erledige ich meine Arbeit.
Dann genieße ich ein Mittagessen mit meiner Familie
oder mit Freunden, und ich verbringe den Nachmittag
entweder mit einem Buch, indem ich Interviews gebe,
eine Ausstellung besuche oder ins Kino gehe.
Am Abend treffe ich mich mit meiner Familie
oder mit Freunden zum Abendessen mit einigen Drinks.
Es wäre auch schön, nachmittags einen Ausflug
ans Meer zu machen.
Und dann nehme ich ein langes Bad und beende
gemütlich die unerledigten Arbeiten des Tages.
Zuletzt gehe ich ins Bett und schlafe ein, während ich
mit meinem Mann und meinem Sohn rede und meine
Haustiere streichle.«
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»In meinem Umfeld gibt es Menschen mit
übernatürlichen Fähigkeiten, Vorahnungen in Träumen.
Es lag also nahe, darüber zu schreiben.
Die Geheimnisse dieser Welt ... das ist eines
meiner Themen.«
23 Diogenes Magazin
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Auch die Haare, die Form der Nase
waren sehr ähnlich. Wenn ich einmal
groß bin, werde ich bestimmt so aus-
sehen wie sie, dachte ich.
»Schwester …«
»Was denn?«
Es ist mir noch heute ein Rätsel,
wie ich auf die Idee kam, das zu sagen.
»Du und ich… wir sind uns so
ähnlich wie Mutter und Kind, findest
du nicht?«
Die Schwester machte große
Augen. Nur für einen winzigen Mo-
ment senkten sich ihre langen Wim-
pern. »So!«, sagte sie, nahm schwung-
voll die Sakeflasche aus dem Eiskübel
und füllte ihr Glas. In einem Zug
trank sie es leer und tauchte bis über
den Kopf ins Wasser. Ich guckte noch
immer überrascht, da tauchte sie prus -
tend wieder auf, wie ein Meerunge-
heuer, und sagte: »Puhhh, tut das
gut!«
Dann war es wieder einen Moment
still.
Mehr zufällig als bewusst schaute
ich zum Himmel auf. Erneut hatte er
sich verändert. Das zarte Rosa war zu
einem knalligen, pinkigen Rot gewor-
den, das den Himmel bis zum fernen
Horizont hin überzog.
Während sie das Wasser aus den
Haaren tropfen ließ, begann Schwes -
ter mit leiser Stimme wieder ihr Lied
zu singen. Was für eine Art, sich zu
verstecken.
Alles schien normal zu sein, aber
jene wie eine Ewigkeit währende Stille
hatte mich mutterseelenallein mit
ihrer Antwort zurückgelassen. Eine
Antwort, die eine neue Realität be-
deutete. Die Farben des Himmels än-
derten sich ständig. Während wir
noch immer ganz gewöhnliche Ge-
schwister waren, die sich im alltägli-
chen Leben wie Tiere aneinander-
schmiegten, sich wärmten und be-
schützten, erkannte ich die Wahrheit
jetzt plötzlich in den Augen der
Schwester, als blickte ich in einen kla-
ren, tiefen See.
Warum, weiß ich nicht, aber ich
sah auch Vater vor mir, sein Gesicht,
wenn er sagte: »Ich möchte nicht
mehr an die Geschichte von damals
denken.«
Ich, noch ein Kind mit dünnen
Armen und Beinen und einem so gut
wie flachen Busen, lag im warmen
Wasser und überlegte mir, so kühl
und berechnend wie ein Erwachsener,
dass es am besten war, so zu tun, als
hätte ich nichts gesehen und nichts
bemerkt.
Wiederum schaute ich zum Him-
mel. Er wurde jetzt immer dunkler,
langsam wich das feurige Pink einem
sanften Indigoblau.
»Sieh mal, bei den Bergen dort, die-
ses Rosarot! So stelle ich mir die
Farbe der Liebe vor«, sagte die
Schwester aufgekratzt. In ihrer
feuchtfröhlichen Laune hatte sie wohl
alles schon wieder vergessen.
»Ja, es ist wirklich schön«, sagte
ich. Die glutroten Berggipfel flimmer-
ten im Licht der letzten Sonnenstrah-
len.
Es war während meiner Mittel-
schulzeit, als die Schwester von ihrem
amerikanischen Freund ein Kind
bekam und von zu Hause wegzog.
Mutter hatte mit allen Mitteln ver-
sucht, sie zurückzuhalten. Das Leben
im Ausland sei hart, und außerdem sei
er von seiner bisherigen Frau noch gar
nicht geschieden. »Drüben wird doch
»Ich schaue vielleicht 25 Mal am Tag in
den Himmel, weil ich oft über Kleinigkeiten nach-
grüble und mir den Kopf zerbreche.«
»Neben Haruki Murakami ist
Banana Yoshimoto Japans Exportschlager.«
Kurier, Wien
»Das Wichtigste ist,
nicht in Eile zu leben!«
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24 Diogenes Magazin
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alles vor den Richter gezerrt. Am
Ende bleibt ihm nur die nackte Haut.
Das würde mich nicht wundern«,
sagte sie.
Alle in unserer Familie wussten,
dass Mutter nur deshalb so sprach,
weil sie traurig war.
Bestürzt und ebenso traurig wie
Mutter hörte ich dem Gespräch zu,
versuchte mit aller Kraft, mich zu-
sammenzureißen und nichts zu sagen.
Ich horchte tief in mich hinein, in
das Durcheinander meiner Gefühle,
die sich überschlugen und verschlan-
gen wie die Linien eines Marmormus -
ters. Wenn ich daran dachte, dass sie
meine Schwester war, fühlte ich mich
einfach nur traurig. Aber wenn dem
nicht so ist … Der Gedanke versetzte
mir einen Stich ins Herz. Die Geburt
des Kindes, ein neues Leben, eine
neue Familie, und mich überlässt sie
einfach dem Schicksal ... Heftige Ei-
fersucht, wild lodernder, abgrundtie-
trotzdem muss ich immer das Gefühl
haben, ihr helft mir aus der Scheiße.
Es kommt mir vor wie eine ewige
Lüge, das will ich kein zweites Mal
mehr, auf keinen Fall. Ich habe nie
etwas gesagt, aber immer gedacht, es
ist falsch. Ich bereue nichts, aber so
weitermachen wie bisher, nein danke.
Ich verstehe ja, dass ihr euch sorgt.
Doch bitte ohne dieses scheinheilige
Getue. So wird man noch verrückt!«
Mutter schwieg. Vater brummte
»Hm« und deutete ein Nicken an. Die
Augen der Schwester blitzten, doch
kaum hatte sie zu Ende gesprochen,
wandte sie sich mir zu und schaute
mich mit warmen, sanften Augen an.
»Du kommst mich dann besuchen,
ja?«
Sie zog die Nase kraus, lächelte.
Ach, dieses Gesicht!
Schwester, Mutter, wie auch immer
ich sie nenne, an meiner Beziehung zu
ihr ändert sich nichts. Das glaube ich
fer Hass packten mich. Aber dann,
wenn sie wieder meine Schwester war,
schmolz dieses Gefühl dahin wie
Schnee auf dem Ofen. Zurück blieb
nur ein See von Wehmut, klar und
still. Dass meine Gefühle wie beim
Roulette zwischen zwei völlig ver-
schiedenen Farben herumgewirbelt
wurden, war eine neue, auch interes-
sante Erfahrung für mich.
Gerade in dem Augenblick, als
Mutter mit stichelndem, spöttischem
Unterton weiterreden wollte, wurde
sie von Vater unterbrochen. Wir hat-
ten seine Lieblingsphrase lange nicht
mehr gehört, doch jetzt war es wieder
so weit.
»Ich möchte wirklich nicht mehr
an die Geschichte von damals erinnert
werden.«
Da sagte die Schwester: »Also ich
hab es satt. Wir alle tun so, als wäre
nie etwas gewesen, als hätte ich mich
nie in diesen Typ damals verliebt, und
»Millionen junger Leser finden in den
Büchern von Banana Yoshimoto einen Widerhall der
eigenen fragilen Existenz. Keine Pop-Literatur,
sondern ruhige, eindringliche Seelenlandschaften.«
Die Zeit, Hamburg
»Schlaf ist sehr wichtig für mich.
Ich spüre, dass ich eher negativ denke,
wenn ich zu wenig geschlafen habe.«
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»Ich schreibe, seit ich sieben bin. Damals
waren es noch Märchen und phantastische
Geschichten. Ich hatte keine Lust zu lesen, daher hab ich
geschrieben. Bis zum heutigen Tag habe ich nichts
anderes gemacht: Ich bin zwar zur Schule und zur
Universität gegangen, bin aber nie richtig dort gewesen,
und dann bin ich Schriftstellerin geworden.«
25 Diogenes Magazin
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Erscheint im März 2010
ca. 176 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06751-4
Das Herz hat manchmal Gründe,
die der Verstand nicht kennt –
wohl aber der Körper. Dreizehn
berührende Geschichten der
Seelen magierin.
Buchtipp
aus tiefstem Herzen. Opa, Oma,
Vater, Mutter – darum geht es nicht.
Wir sind eine Familie. Es so zu sehen,
ist sicher das einzig Vernünftige. Es
verspricht mehr Freude im Leben,
einen größeren Horizont von Mög-
lichkeiten. Jenes flammende und doch
zarte Rosa … Es umhüllte diese Fami-
lie, die ihr Schicksal angenommen
hatte, wie eine Sonnenkorona, legte
sich schützend um sie, ein ewig leben-
diges, züngelndes Feuer.
Meine Schwester wohnt jetzt in
Kanada, wo ihr Mann arbeitet. Sie hat
ein Kind geboren, einen Jungen. Ihr
einziges Kind. Etwa ein Mal im Jahr
fahre ich mit Mutter zu ihr, oder sie
kommt uns mit dem Kind besuchen.
Wenn der Junge mit seiner süßen
Stimme nicht nur »Schwester!« ruft,
sondern meinen richtigen Namen, bin
ich überglücklich.
Meine Entscheidung habe ich nie-
mals bereut.
An einem fast frühlingshaften
Nachmittag ging ich also meinen
neuen Reisepass abholen, ohne dass
Mutter irgendeine besondere Bemer-
kung gemacht hätte. Es wehte ein
kühler Wind, in den sich bereits süßli-
cher Blumenduft mischte.
Ich dachte an die Schwester, an die
Farbe ihres nassglänzenden Haars, als
sie prustend wieder aus dem Wasser
auftauchte und zu trällern begann, als
wäre nichts gewesen.
Auf dem Heimweg gehst du Essen
einkaufen, und dann kochst du heute
Abend Pilzreis, den mag Papa doch so
gern. Dazu zart gedünstete Rapsblü-
ten und Misosuppe… Während ich
derlei Alltäglichkeiten wie eine Be-
schwörungsformel vor mich hin mur-
melte und meine Gedanken und Ge-
fühle noch ein wenig umherschweifen
ließ, kehrte ich langsam wieder in
mein eigenes Leben zurück.

Aus dem
Japanischen von Thomas Eggenberg
»Wo ich gerne leben würde? Okinawa könnte
ich mir vorstellen, vielleicht auch Hawaii. Aber ich glaube nicht,
dass ich in nächster Zeit umziehen werde. In Tokio sind
die Menschen sehr freundlich. Man kann hier jeden Film sehen,
bekommt jede CD und jedes Buch. Das Angebot ist riesig.
Und man kann in dieser Stadt ein Niemand sein. Das sind die
Pluspunkte. Ein Minuspunkt ist, dass die Stadt so groß ist.
Man braucht Stunden, um sein Ziel zu erreichen. Und diese
ständigen Staus, dieser Smog...«
»Ich bin überzeugt davon, dass unser Körper mehr
weiß, als wir zu akzeptieren bereit sind.
Meiner Meinung nach ist mehr als die Hälfte dessen,
was wir als mentale Probleme ansehen,
eigentlich das Resultat von physischen Zuständen.«
»Meine liebste Tageszeit ist der
Sonnenuntergang. Ich liebe den Moment,
wenn die Nacht anbricht.«
Banana
Yoshimoto
Mein Körper
weiß alles
13 Geschichten
Diogenes
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Anna
Gavalda
Tomi
Ungerer
Eine Liebeserklärung
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29 Diogenes Magazin
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ugegeben, ich war nicht gerade
Feuer und Flamme, als es darum
ging, diesen Text zu schreiben (und
Gott weiß, wie wenig erfreut Tomi
von der Vorstellung wäre, eine Frau,
die alles andere als Feuer und Flamme
ist, würde sich an ihn wenden – ja,
Gott weiß das bestimmt seit lan-
gem), zum einen, weil ich
nicht gut darin bin, über
das und diejenigen zu
reden, die ich liebe, zum
anderen, weil dieses Ma-
gazin der letzte Ort ist,
an dem ich ihm meine
Liebe erklären will.
Das beste, das einzige
Mittel, ihm gegenüber
meine Bewunderung
und meine Dankbarkeit
zum Ausdruck zu brin-
gen, besteht darin, ihn zu
lesen und zu verschenken.
In eine Buchhandlung zu
gehen und mein willkommenes
Geld auf den Tresen zu legen. In
diesem Moment, genau in diesem
Moment fühle ich mich als Ehren-
mitglied der Internationalen Verei-
nigung der Freunde Tomi Ungerers.
Auch ohne Aufnahmeantrag habe ich
mein Abzeichen als Herdentier er-
worben. Denn der Dichter hat recht:
Es gibt keine Liebe, es gibt nur Liebes -
beweise.
Der Rest, der ganze Rest, die eifri-
gen Sammler, die Hüter der Erinne-
rung, die Ehrungen in drei Sprachen,
die Tomiphilen, die Ungerermanen,
das alles ist witzlos, wenn man einen
Knirps auf dem Schoß hat, dem man
Papa Schnapp vorliest und der minu-
tenlang wie gebannt auf die Seite 15
starrt und sich fragt, wie es sein kann,
dass die Dampfwalze von Frau Li-
mousine nicht in den Abgrund stürzt.
Die winzigen Steinchen, die von einer
Felsklippe herunterstürzen, werden
ihn sein ganzes Leben lang verfolgen,
und ich weiß, wovon ich spreche: Ich
habe es selbst erlebt.
Einen Künstler loben heißt von, in
und mit seinen Werken leben. Sie
lesen, hören, betrachten, berühren,
verschlingen, unterstützen, lieben und
teilen, und wenn einer am Ende der
Herde die Augen verdreht und spot-
tet: »Pfff, das sagt sie nur, weil sie sel-
ber eine von denen ist und da ihre
eigenen Aktien drin hat, diese Schein-
heilige«, bringe ich ihn sofort zum
Schweigen. Für diesen Fall habe ich
eine – wie es so schön heißt – spre-
chende Anekdote bei der Hand:
Apropos Aktien, kürzlich hat mich
mein Bankberater einbestellt, den
meine Unbekümmertheit in Vermö-
gensdingen – wie soll ich sagen? –
ziemlich nervös macht. Mir gefällt die
Vorstellung nicht, dass man mit Geld
Geld verdient – das tötet die Phantasie
(und noch viel mehr – eine Sichtweise,
die sich einem Banker nur sehr
schwer vermitteln lässt). Ich hatte
schon mehrere Termine abgesagt,
aber diesmal hatte er mich in der
Hand, hielt mich mit den großen
Augen hinter seinen Brillengläsern,
mit seinen Lebensversicherungsange-
boten, seinen Sparbüchern, seinen
Aktiensparplänen, Bausparverträgen,
Unternehmensanleihen, Steuerfreibe-
trägen, Geldwerten und weiterem
schwerem Geschütz fest.
Nun gut. Höflich hörte ich ihm zu.
Als zwischendurch seine Assisten-
tin hereinkam, um uns einen
Kaffee zu bringen, ent-
spannte sich die Atmo-
sphäre ein wenig. Ich
ließ ihn von sich er-
zählen (hey, es ar-
beiten nicht nur
die anderen!), und
peu à peu hat er mir
zunächst von seiner
Familie erzählt, dann
von seinen Kindern,
dann vor allem von
einem seiner Söhne, der –
sagen wir es so – Konzentra -
tionsschwierigkeiten hat. Ich
habe ihn gefragt, wie der
Kleine heißt. Émile, kam
die Antwort. Pling! Zum ers -
ten Mal in unserem Gespräch
haben meine Augen aufgeleuchtet.
»Kennen Sie das Buch von Tomi Un-
gerer?«, platzte es aus mir heraus.
»Nein?! Das müssen Sie ihm unbe-
dingt schenken! Ein geniales Buch! Er
wird es lieben! Ein Emil, der alles
kann! Der Klavier spielt, Menschen
rettet, Gauner verhaftet!«
Jetzt war ich so richtig in Fahrt ge-
kommen, und er hatte es nicht leicht,
mich wieder zu seinen Finanzge-
schichten zurückzuholen. Anschlie-
ßend haben wir uns verabschiedet. Er
hatte mir zahlreiche schicke Pro-
spekte in die Hand gedrückt mit Kur-
ven, die in alle Richtungen verliefen,
aber ich habe mir nicht die Zeit ge-
nommen, sie mir näher anzuschauen,
ich musste nämlich schnurstracks zu
meiner Buchhandlung radeln, um
Emil, diesen genialen Tintenfisch, auf-
zutreiben.
Dem kleinen Jungen dieses Buch
zu schenken. Das nenne ich echten
Mehrwert! F
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Einen Künstler
loben heißt von, in und
mit seinen Werken leben.
Sie lesen, betrachten,
berühren, verschlingen,
unterstützen,
lieben und teilen.
Warum sitze ich dann hier? Tja, der
Grund ist immer derselbe. D’lieb
bring lieb! Der Anlass heißt nicht
Tomi, der Anlass heißt Robert!
Vor ein paar Monaten hat mich
François Wolfermann von der Buch-
handlung Kléber in Straßburg einge-
laden, mein jüngstes Buch bei ihm
vorzustellen, und ich habe als Gegen-
leistung um einen Besuch im Unge-
rer-Museum gebeten. Leider – aus
wirklich banalen Zeit- und Termin-
gründen – wäre ein solcher Besuch
zu kompliziert geworden. Darum
hat er mir versprochen, mich in
ein anderes Museum zu be-
gleiten…
Und so fand ich mich
plötzlich eines schönen
Frühlingsabends in den
Armen von Robert Wal-
ter wieder.
Wenn ich von seinen »Armen«
spreche, ist das nicht einfach so daher-
gesagt. Kaum hatte ich meine Tasche
und die Müdigkeit (der Tag war ziem-
lich lang gewesen) auf dem Treppen-
absatz seiner Wohnung abgestellt, als
mich mein Gastgeber am Arm packte
und mir Folgendes zeigte: Zeichnun-
gen von Tomi, Collagen von Tomi,
Skulpturen von Tomi, Teller von
Tomi, Handtücher von Tomi, Zahn-
putzgläser von Tomi, Lithographien
von Tomi, Katzen von Tomi, Frösche
von Tomi, Augenzwinkereien von
Tomi, Kathedralen von Tomi, Briefe
von Tomi, Lächeln von Tomi, Strei-
che von Tomi, Foppereien von Tomi,
Reuiges von Tomi, Herzen von Tomi,
Frauen von Tomi, Skizzen von Tomi,
Meisterwerke von Tomi, Socken von
Tomi und und und. Und als wäre dies
noch nicht genug, befand sich am
Ende des Flurs auch noch ein
wunderschön gedeckter Tisch, Stoff-
servietten, Silberbesteck, Stielgläser,
Blumen, Kerzenleuchter, brennende
Kerzen, gute Freunde, leckere Ge-
richte, köstliche Käsesorten und El-
sässer Wein! (Robert konnte es nicht
wissen, aber ich liebe Riesling – er ist
meine 12-prozentige Lebensversiche-
rung!) Was für eine Pracht! Und
alles – all die Geschenke, all die Groß-
zügigkeit – wurde mir auf spontane,
fröhliche, liebevolle, natürliche, auf-
richtige, uneingeschränkte Weise zu-
teil. Spontane Großzügigkeit ist heute
etwas sehr Seltenes. Dass man ohne
Berechnung, ohne Argwohn und
ohne Zurückhaltung gibt, kommt
nicht sehr häufig vor. Und ist gut und
gern einen kleinen Beitrag an diesen
4-Sterne-Altar wert. Das war übri-
gens gar keine schlechte Idee, mittler-
weile bin ich richtig entflammt …
Denn ich bin genau wie Sie von
Tomis Werk entzückt. Verzaubert.
Drei Bücher liebe ich besonders:
Das erste ist Es war einmal mein
Vater. Darin ist alles enthalten. Alles
Menschliche, alle Gedichte, alle Ho-
helieder, alle Zärtlichkeit, alle Fragen,
alle Zweifel, alle Härte und alle
Schönheit dieser Welt.
30 Diogenes Magazin
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Für mich steckt in diesem Buch
alles drin. (Lieber Emil als viele
Mille). Ich weiß, man kann gut solche
Reden schwingen, wenn man das
Glück hat, von seinem Bankberater
umschmeichelt zu werden (aber es
gibt trotzdem eine gewisse Logik da-
hinter). Ich will sagen, dass man nicht
über Menschen schreibt, um sich zu
bereichern, man wird einfach reicher,
weil Menschen eine Goldmine sind –
vorausgesetzt natürlich, man hat
Freude an der Suche nach all den klei-
nen Goldklümpchen…
Genug gebrüllt. Ich bin mir sicher,
dass ich das Talent unseres großen
Lieblingszauberers an dem Tag mehr
gewürdigt habe, als ich es beim Ver-
fassen dieser Zeilen tue.
Ich lese es immer wieder, lese
Alice’ Liebesbriefe an Théo, um ein
Flämmchen in mir zum Erwachen zu
bringen, und schlage das Buch ganz
gerührt wieder zu. Gerührt, aber auch
betreten. Verglichen mit der Bildung,
der Arbeit, der Strenge, dem Fleiß, der
Aufrichtigkeit, dem Lerneifer und der
Neugier dieser Leute kommt es mir
vor, als hätten wir heute erbärmliche
Rückschritte gemacht. Bin ich reak-
tionär, wenn ich das behaupte? Nein,
ich glaube nicht. Ich sehe eher klar,
leider.
Das nächste ist Heute hier, morgen
fort, ein Buch, das unglaublich sexy
ist. Auf jeder Seite Sperma, Speichel,
Schweiß, Blut und Tränen. Und die
Schönheit Yvonnes … und die kleinen
Wildorchideen… und Sachas sympa-
thisches Hundegesicht. Es ist das Ta-
gebuch eines Traums, eines Ideals,
einer Sehnsucht, das man seufzend
neben dem Ofen liest.
Und schließlich Das Biest des
Monsieur Racine, das ich genauso ab-
göttisch liebe wie den Riesling! Und
von dem ich mich nie getrennt habe.
Mein Exemplar mit seinem dicken Pa-
pier, den einwandfreien Farben und
dem Geruch nach überreifen Birnen
stammt aus dem Jahr 1972.
Der Nagel, der an der Rutschbahn
heraussteht, der austauschbare Fuß
des Clochards, die Perücke der Frau,
die Bluttropfen auf allen Seiten und
die offensichtlich zensierten Bilder,
absolut genial. Wenn ich mir vor-
stelle, dass Generationen wohlmei-
36 Seiten, Pappband, vierfarbig
ISBN 978-3-257-01144-9
Ein neues Bilderbuch-
Meisterwerk von Tomi Ungerer:
Kopek ist ein kleiner Riese
und Samowar ein großer Zwerg.
Und siehe da – sie sind beide
gleich groß!
Buchtipp
nender Frauen sich mit
Tomi angelegt haben, bin
ich fassungslos. Quite the
contrary, old bags! Dieser
Mann ist einer der sehr we-
nigen Autoren, der es ver-
standen hat, die Kindheit zu
preisen. Ihre zarte Verderbtheit,
ihre freundliche Grausamkeit,
ihre Intelligenz. Er hat nicht Bü-
cher »für Kinder« geschrieben, er
hat sich zusammen mit ihnen
amüsiert. Und die lieben
Kleinen – gar nicht dumm – be-
greifen es sofort. Tomi strahlt etwas
Besonderes aus. Eine Vorstellung von
Brüderlichkeit, von Pennälerkumpel-
haftigkeit, von erwachender Rebel-
lion, die sie von der ersten Seite an
packt.
Was neben dem Talent, der Sanft-
mut und dem Humor unseres Freun-
des den Unterschied ausmacht, ist
seine Bildung, seine Gelehrsamkeit.
Die Kinder spüren das (sie spüren
alles), sie spüren, dass dieser Typ, der
mit ihnen herumspinnt, viele andere
Bücher gelesen und studiert hat. Das
sieht man an den Details.
Als ich eines schönen Tages mit
meinem englischen Verlobten am
Seine-Ufer spazierenging (very ro-
mantic, very Parrris), stoße ich plötz-
lich auf ein Exemplar des Biestes. Ich
zeige es dem Guten und erkläre ihm
mit tremolierender Stimme, dass die-
ses Buch der Leuchtturm, das Gedan-
kengerüst, die ganze Freude meiner
Kindheit war und deshalb sehr wahr-
scheinlich die Initialzündung für
meine Berufung als Geschichtener-
zählerin (Wo kam dieser abgetrennte
Fuß her? Wer steckte in der Toten-
kopftruhe? Dieses Buch war das
Sprungbrett für ein Dutzend andere),
schon bricht er in sein breites tes La-
chen aus, breit wie die Seine und
unstoppable. Während er sich die
Tränen abwischt, schluchzt er
schließlich: »Nooo? Und all this
und your vocation wegen dieser
alten bitch von Senator in diesem
Buch, der zu viele Zigarren
raucht? Ah! Ah! Ah!« Ich
war scho ckiert. So von
meinem Idol zu sprechen, das war too
much. Den ganzen Weg bis zum Tro-
cadéro habe ich geschmollt.
Meinen britischen Verlobten habe
ich vor langer Zeit aus den Augen ver-
loren, aber bis zu meinem Tod werde
ich Tomi, diesen großen eleganten
Jungen, loben, preisen und ihn dank-
bar im Gedächtnis behalten, diesen
Jungen, der nichts je respektiert hat.
Rien. Nothing. Nix. Nichts.
Außer der Liebe.

Aus dem Franzö-
sischen von Ina Kronenberger
Tomi Ungerer
Diogenes
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31 Diogenes Magazin
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32 Diogenes Magazin
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Waiting for Godot
n°1
Waiting for Godot
n°6
Waiting for Godot
n°3
Waiting for Godot
n°4
33 Diogenes Magazin
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Tomi Ungerer
Neue Collagen
Zum ersten Mal zu sehen: Neue Collagen, die im Sommer 2009 in Irland entstanden sind und
die mit vielen anderen Werken im Frühling 2010 in einer großen Tomi-Ungerer-Ausstellung im
Museum Würth in Schwäbisch-Hall gezeigt werden.
Portfolio
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La Cantatrice chauve
34 Diogenes Magazin
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Macbeth –
Die 3 Hexen
Growing up Am Kragen
35 Diogenes Magazin
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Werden Sie Mitglied der
Internationalen Vereinigung
der Freunde Tomi Ungerers
Diese Vereinigung unterstützt
Tomi Ungerer und sein Werk
in allen seinen Formen und will
seine Freunde und Fans versammeln
und miteinander bekannt machen.
Dazu finden selbstorganisierte
Treffen, Leseabende, Diskussionen,
Themenreisen oder Konferenzen
statt. Auch erscheinen regelmäßig
Veröffentlichungen rund um
Tomi Ungerer – viermal im Jahr
der Bericht TomiInfo und halbjähr-
lich die Zeitschrift Tomiscope.
www.association-tomi-ungerer.eu
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Brainstorm
Ham head
Eintopfgericht
Anton
ˇ
Cechov
Gelegenheits-
dichtungen
Entdeckt und übersetzt
von Peter Urban
1008 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06372-1
Anton
ˇ
Cechov
150. Geburtstag Januar 2010
Dieser Band vereinigt erstmals
sämtliche Stücke in der revidierten
Übersetzung von Peter Urban
in einer bibliophilen Dünndruckaus-
gabe im Handbuchformat.
Elegie
Ein Pferd das kaufte sich Stiefel
Und machte lang die Beine,
Die Bügeleisen liefen
Zum Zaren nach Haus dem feinen.
Ein Pfifferling ritt auf dem Stock,
Er rutschte aus mit einem Mal
Und lief zur Wahrsagerin ad hoc,
Dort kam es zu einem Skandal.
In eine Bürste verliebte sich Satan
Und machte ihr einen Antrag entschieden;
Von Liebe zu ihm angetan
Ging sie nach Sibirien zum Siedeln.
Sagt die Karausche zu ihrer Mamasa:
»Mamasa, geben Sie mir Gelder«
Und lief darauf rasch zu Nata≈a
Und kauft alle Enten und Kälber.
(o. D., Album A. A. Kiseleva)
Des lieben Babkino hellichtes Sternchen!
Allegro nach Noten die Jugend verfliegt:
Von Kirschen den frischen bleibt übrig das Kernchen,
Vom Festmahl – der Senf ist das Ende vom Lied.
A. ¢echonte
86 12/V im Augenblick einer idiotisch-
philosophischen Anwandlung
Fabel
Es gingen über eine Brücke
Chinesen zwei sehr dicke,
Vor ihnen, Schwänzchen in die Höh,
Ein Häschen lief im grünen Klee.
Plötzlich riefen die Chinesen:
»Halt! Bleibt stehn! Wir schießen! He!«
Höher hob den Schwanz das Häschen
Und im Nu wars weg gewesen.
So klar ist die Moral der Fabel:
Wer Hasenbraten essen will,
Der steht früh auf in aller Still
Gehorcht Papa und hält den Schnabel.
Smirnova
(id est: Anton ¢echov)
Die Schlacht
Erzählung eines alten Soldaten
Vasilisa Pantelevna!
Als die Russen nahmen Plevna,
War so tapfer der Soldat,
Selbst die Türken waren platt!
Ende.
Indejkin und Petuchov.
(id est: Anton ¢echov) 3. Juni 1887
Ich liebe Sie, o zauberhafter Engel,
Und seither Tag für Tag, ich Sünder,
Bring ich ins Findelhaus den Sprengel
All meiner unehelichen Kinder.
(August 1895, Album A. L. Selivanova)
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38 Diogenes Magazin
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hne großes Aufsehen er-
scheint 1984 das Stück
Der Kontrabaß von Patrick
Süskind bei Diogenes, ein Mo-
nolog für einen Schauspieler
mit Kontrabass (obwohl der
Autor nicht Kontrabass, son-
dern Klavier spielt). Das Stück
wurde im Herbst 1981 im
Münchner Cuvilliés-Theater uraufge-
führt und in Theater heute abge-
druckt. Es avancierte zu einem stillen,
aber anhaltenden Publikumserfolg. In
der Theatersaison 1983/84 war es
nach Dürrenmatts Die Physiker das
meistgespielte Stück auf deutschspra-
chigen Bühnen. Der Autor aber blieb
weitgehend unbekannt.
Daniel Keels Assistentin
Susanne Dorn sieht das Stück
im Zürcher Schauspielhaus-
keller und schwärmt: »Das
würde dir gefallen.« Keel will
es sich zwar nicht ansehen,
aber gerne lesen. Er lässt das
Rollenbuch kommen und ist
von Der Kontrabaß so hinge-
rissen, dass er den Monolog noch im
selben Jahr als Buch herausbringen
möchte. Er ruft Patrick Süskind an.
»Wenn Sie unbedingt Geld verlieren
wollen…«, versucht der Autor ihm
das Vorhaben auszureden,
denn Theaterstücke verkaufen
sich in Buchform nie gut.
»Wollen Sie das wirklich ma-
chen?« Keel will, denn er
hofft, mit Patrick Süskind
einen talentierten Schriftstel-
ler gefunden zu haben, der
erst am Anfang seiner Kar-
riere steht und noch mehr schreiben
wird. Oder vielleicht etwas in der
Schublade hat. Doch in einem Brief an
Susanne Dorn vom Juli 1983 dämpft
Patrick Süskind diese Hoffnungen:
»Zwar sind da einige Texte – übrigens
nicht in der Schublade, sondern auf-
recht stehend in Ordnern in einem
Regal! –, aber wenn sie nicht veröf-
fentlicht sind, so könnte das
womöglich auch mit ihrer
Qualität zusammenhängen.«
Der Kontrabaß erscheint
ohne die übliche Vorschuss-
zahlung an den Autor. In
einem Brief vom Dezember
1983 an den Verlag macht er
deutlich: »Einen Vorschuß
will ich nicht. Ich mag schon das
Wort ›Vorschuß‹ nicht. Vorschüsse
sind Zahlungen für erst zu erbrin-
gende Leis tungen. Ich erbringe aber
keine Leistung. Auch für Auftragsar-
Das
Parfum
Vor 25 Jahren erschien ein Roman
mit dem Untertitel: »Die Geschichte eines Mörders«.
Die Geschichte eines Welterfolgs.
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Susanne Dorn, seit 1976 im Verlag, empfahl
Diogenes Verleger Daniel Keel das Stück
›Der Kontrabaß‹ von Patrick Süskind, das
1984 erscheint. Ein Jahr später folgt der
Roman ›Das Parfum‹.
39 Diogenes Magazin
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den Fortsetzungsroman zuständig,
bei der damaligen Diogenes Presse-
chefin Christine Doering. Er sitzt in
der Patsche, braucht dringend etwas
Geeignetes zum Vorabdruck. Bis
Montagmorgen müsse
er Bescheid wissen, ob
der Verlag etwas anzu-
bieten habe, und ein
Manuskript erhalten.
Am 16. Oktober 1984
startet Das Parfum als
Vorabdruck in der
FAZ – eine entscheidende Ge-
burtshilfe. Noch nie gab es so viele
positive Leserzuschriften auf einen
Serienabdruck. Eine Leserin schreibt
verzweifelt nach Frankfurt: »Was tut
man, wenn eine oder zwei und nach
penibler Sammlung wieder eine oder
gar drei Fortsetzungen fehlen, weil
man am Wochenende nach Hamburg
musste und beim Heimkommen ver-
gaß, die Seite von
Samstag herauszurei-
ßen? So etwas habe ich
noch nie gelesen. Ja –
in Büchern früher.
Aber nie in portionier-
ten Fortsetzungen zu
sechs Spalten. Sie ma-
chen einen wahnsin-
nig. Und das Buch ist
nicht zu haben – noch
nicht. Köstlich! Und
doch so qualvoll, bis
morgen zu warten.«
Nach dem großen
Echo wittert der Ver-
lag erst recht den Bestseller. Das zeigt
sich an verschiedenen Details: Zum
ersten Mal seit 1977 ist die Vorschau,
die im Dezember 1984 erscheint, far-
big, auf dem Cover prangt der schon
bald weltbekannte Ausschnitt aus
beiten könnte man zur Not Vor-
schüsse nehmen, die dann freundli-
cherweise 1. Rate oder Anzahlung
oder à conto heißen. Man kann auch
Vorschuß nehmen, wenn man Zweifel
an der Ernsthaftigkeit des
Verlegers hat oder seinen
Konkurs vorausahnt. Oder
dann, wenn man das Geld ein-
fach dringend braucht. Gott
sei Dank ist das alles bei unse-
rem Projekt nicht der Fall,
und deshalb möchte ich bitte
keinen Vorschuß!«
Als Der Kontrabaß erscheint, ist
der Autor mit der Aufmachung des
Buchs zufrieden. Die Auflage ist be-
scheiden, 4000 Exemplare, der Ver-
kauf mit 3000 Exemplaren erfreulich.
In einem Brief vom Mai 1984 bedankt
sich Patrick Süskind für die Belegex-
emplare und fügt hinzu: »Letzte
Woche habe ich ein Manuskript abge-
schlossen, das ich Ihnen gerne
schicken würde. Ich habe
Ihnen schon andeutungsweise
davon gesprochen, als wir uns
in München trafen, und Sie
werden es sicher andeutungs-
weise wieder vergessen haben.
Es ist die Geschichte eines
Parfumeurs, heißt Das Parfum, spielt
im Frankreich des mittleren acht-
zehnten Jahrhunderts und hat 280 Sei-
ten.«
»Im achtzehnten Jahrhundert lebte
in Frankreich ein Mann, der zu den
genialsten und abscheulichsten Ge-
stalten dieser an genialen und ab-
scheulichen Gestalten nicht armen
Epoche gehört« – so beginnt das Ma-
nuskript. Rudolf C. Bettschart
erinnert sich: »Daniel Keel hat
es gelesen, kam am nächsten
Morgen in mein Büro, haute
mir das Manuskript auf den
Kopf mit den Worten: ›Ruedi,
jetzt haben wir einen Welt-
Bestseller.‹« Süskind derweil
rät zu einer Auflage von 5000 Exem-
plaren.
Am Freitag während der Frankfur-
ter Buchmesse 1984 meldet sich Franz
Josef Görtz, bei der Frankfurter All-
gemeinen Zeitung unter anderem für
einem Gemälde von Watteau. Neben
anderen Novitäten wird »ein Bestsel-
ler« angekündigt, mit einer Startauf-
lage von 50 000. Und der Vorabdruck
läuft noch: Ein Abiturient fragt um
die fehlenden Kapitel des Ro-
mans an, weil er darüber eine
Arbeit schreiben möchte,
bevor das Buch überhaupt er-
schienen ist. Doch Diogenes
versorgt erst einmal Buchhan-
del und Presse: Eiligst wird ein
Leseexemplar gedruckt, das
aber nur mit einem schwarz-
weißen Cover versehen ist und kurz
vor Weihnachten an 3000 Buchhänd-
lerinnen und Buchhändler verschickt
wird. 850 von ihnen schreiben begei-
stert an den Verlag, der angefleht
wird, die Auslieferung vorzuziehen.
Was auch geschieht: Am 26. Februar
1985, einen Monat früher als geplant,
erscheint Das Parfum. Die Druckerei
kann deswegen zunächst nur
11 685 Exemplare liefern, eine
Woche später nochmals
19 996. Der Abdruck in der
Frankfurter Allgemeinen Zei-
tung ist noch nicht abge-
schlossen – und die Redaktion
bittet: »Sie versorgen uns mit
genügend Exemplaren? Sie
können sich vorstellen, dass die
Nachfrage unter Kolleginnen und
Kollegen ganz gewaltig ist.« Auch die
Nachfrage bei den Lesern übertrifft
alle Erwartungen. Auflage folgt auf
Auflage – die dritte beträgt 30 000 Ex-
emplare, die vierte 50 ooo, die fünfte
45 000, die sechste 50 000 und die
siebte Auflage, im September 1985,
glatte 100 000 Exemplare. Die
Druckmaschinen stehen nicht
still. Nach acht Wochen sind
bereits 115 000 Exemplare
verkauft, das Buch steht auf
allen Bestsellerlisten.
Ebenfalls ungewöhnlich ist,
dass ein solcher Bestseller
auch von der Kritik gefeiert wird. Im
März ist der Roman an der Spitze der
von 25 Literaturkritikern ermittelten
Bestenliste des Südwestfunks. Die Re-
zensenten – mit Ausnahme der Neuen
Zürcher Zeitung – überbieten sich mit
»Es ist die Geschichte
eines Parfumeurs, heißt
Das Parfum und spielt
im Frankreich des mittle-
ren 18. Jahrhunderts …«
Patrick Süskind
40 Diogenes Magazin
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Superlativen: »Ein Monster betritt die
deutsche Literatur, wie es seit dem
Blechtrommler Oskar Matzerath kei-
nes mehr gegeben hat – ein Literatur-
ereignis« (Stern), »ein Juwel an pre-
ziösem Stil und äußerer
Spannung« (Die Welt). Marcel
Reich-Ranickis Besprechung
in der Frankfurter Allgemei-
nen Zeitung beginnt mit der
Feststellung: »Also das gibt es
immer noch oder schon wie-
der: einen deutschen Schrift-
steller, der des Deutschen
mächtig ist; einen zeitgenössischen
Erzähler, der dennoch erzählen kann;
einen Romancier, der uns nicht mit
dem Spiegelbild seines Bauchnabels
belästigt; einen jungen Autor, der
trotzdem kein Langweiler ist.« Und
der letzte Satz lautet: »Unsere Litera-
tur hat ein Talent mehr – und ein er-
staunliches obendrein.«
In der Lizenzabteilung lau-
fen die Drähte heiß wie nie
zuvor. Erste Anfragen zu
Übersetzungsrechten treffen
schon beim Verlag ein, bevor
das Buch überhaupt im Han-
del erhältlich ist. »Die renom-
miertesten Verlage aus aller
Welt rissen sich geradezu hy-
sterisch um die Rechte«, erinnert sich
Marianne Liggenstorfer, die damalige
Lizenz-Chefin. »Verschiedene Ver-
lage, die zuvor nie etwas mit uns zu
tun hatten und glaubten, wir seien ein
im Umgang mit der internationalen
Verlagsszene unerfahrenes Haus, ver-
suchten uns anfangs mit lächerlichen
Angeboten zu übertölpeln…« Doch
der Verlag lässt sich Zeit mit
der Entscheidung, in welchen
ausländischen Verlagen Das
Parfum erscheinen soll. Nicht
unbedingt, um den Preis in die
Höhe zu treiben. Man will si-
cherstellen, dass das Buch in
das jeweilige Verlagspro-
gramm passt. So bekommt nicht un-
bedingt der Verlag mit dem höchsten
Angebot den Zuschlag. Die schließ-
lich Auserkorenen sind so glücklich,
dass sie, ohne mit der Wimper zu
zucken, Bedingungen akzeptieren, die
in der Branche unüblich sind: Zum
Beispiel muss das Titelbild laut Ver-
trag unverändert übernommen wer-
den. Eine der wenigen Ausnahmen ist
die DDR-Ausgabe, die mit einem an-
deren Umschlag erscheint, um
einen Re-Import in die Bun-
desrepublik zu verhindern.
In der Herbstvorschau
1985 kann der Verlag bereits
stolz vermerken: »Unmittel-
bar nach Erscheinen auf allen
Bestsellerlisten, z.B. Spiegel
Platz 2, Stern Platz 1, Tages-
Anzeiger Platz 1, Basler Zeitung Platz
1, Kurier in Wien Platz 1. Überset-
zungsrechte vergeben nach USA,
England, Italien, Holland, Norwegen,
Schweden, Dänemark, Finnland.«
Bald löst Das Parfum Isabel Allendes
Von Liebe und Schatten als Spitzen-
reiter der Spiegel-Liste ab. Ab Sep-
tember 1987 ist der Roman auf der
Bestsellerliste der New York
Times – der größte deutsch-
sprachige Welterfolg seit
Erich Maria Remarques Im
Westen nichts Neues. Italiens
größte Tageszeitung Il Cor-
riere della Sera (Mailand)
druckt Das Parfum in Fort-
setzungen ab, als ersten Fort-
setzungsroman seit hundert Jahren.
Und der Roman bleibt – einmalig
in der Buchgeschichte – neun Jahre
auf der Spiegel-Bestsellerliste. Und
das ohne Anzeigenwerbung und ohne
PR-Arbeit des Autors. Denn Süskind
verweigert sich dem üblichen Presse -
rummel. Er gibt ein einziges Inter-
view – und danach keines mehr. Erst
neun Jahre nach Erscheinen
kommt Das Parfum als Ta-
schenbuch heraus. Die Start-
auflage ist mit 325 000 Exem-
plaren die höchste der
Verlagsgschichte.
Mittlerweile ist das Buch in
47 Sprachen übersetzt – unter
anderem ins Isländische, Lettische, in
Hindi und sogar ins Lateinische. Al-
lein von der deutschsprachigen Aus-
gabe wurden 5,5 Millionen Exemplare
verkauft, die Weltauflage beträgt 16,5
Millionen.

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die Fragen der Welt
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41 Diogenes Magazin
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Denken mit
W. Somerset
Maugham
Diogenes Taschenbuch
detebe 23910, 208 Seiten
Arthur Schopenhauer
Serie
Im nächsten Magazin:
Ich kann mir keine angenehmere Einstel-
lung zum Leben denken als eine humor-
volle Resignation.
Ich bin bereit, das Leben als Schachspiel
zu betrachten, in dem die Grundregeln
außer Diskussion stehen. Niemand fragt,
warum dem Springer exzentrische
Sprünge gestattet sind, warum der Turm
nur geradeaus gehen darf und der Läufer
nur diagonal. Diese Dinge müssen hinge-
nommen werden, und nach diesen Regeln
wird gespielt: Es wäre töricht, sich dar-
über zu beklagen.
Es heißt, Metaphysik sei die Suche nach
schlechten Gründen für das, was wir ins -
tinktiv glauben. Man könnte auch sagen,
dass wir mit dem Nachdenken das recht-
fertigen, was wir tun wollen.
Der Philosoph, der sich nicht um klaren
Ausdruck bemüht, zeigt damit nur, dass
er seinen Gedanken allenfalls akademi-
sche Bedeutung beimisst.
Ideen zu haben ist vortrefflich, aber man
sollte sicherheitshalber so viele haben,
dass man ihnen keine übergroße Bedeu-
tung beimisst und sie für das nehmen
kann, was sie sind. Menschen, die nicht
sehr viele Ideen haben, fällt es schwer, sie
nicht mit großem Respekt zu behandeln.
Ich für meinen Teil kann nicht an einen
Gott glauben, der mir böse ist, weil ich
nicht an ihn glaube. Ich kann nicht an
einen Gott glauben, der weniger tolerant
ist als ich. Ich kann nicht an einen Gott
glauben, der weder Humor noch gesun-
den Verstand besitzt.
Alle Religionen sind wie Sackgassen, die
in einen Urwald geschlagen wurden, und
der Mensch täuscht sich, wenn er glaubt,
sie führten ihn zum Mittelpunkt.
Egoismus und Güte, Idealismus und
Sinnlichkeit, Eitelkeit, Schüchternheit,
Uneigennützigkeit, Mut, Faulheit, Un-
ruhe, Beharrlichkeit und mangelndes
Selbstvertrauen − all das kann in ein und
derselben Person nebeneinander existie-
ren und ein plausibles Gesamtbild erge-
ben.
Tradition ist ein Wegweiser und kein
Kerkermeister.
Die großen Wahrheiten sind zu gewich-
tig, als dass sie neu sein könnten.
Die Hälfte aller menschlichen Konflikte,
die Hälfte aller Unsicherheiten entstehen
durch den Wunsch, jede Frage mit einem
Ja oder einem Nein zu beantworten. Oft
wird weder Ja noch Nein die richtige
Antwort sein; beide Seiten bestehen meist
aus etwas Ja und etwas Nein.
Wenn man sich nicht für die anderen auf-
opfert, gilt man als abscheulich egoistisch;
aber die Schäden, die man sich um ihret-
willen zuzieht, ertragen sie mit erstaunli-
cher Seelenruhe.
Ich weiß nicht, wer unerträglicher ist: die
alten Leute, die sich nicht in den Lauf der
Zeit schicken können und eine widerwär-
tige Munterkeit zur Schau stellen, oder
die anderen, die unbelehrbar in der Ver-
gangenheit leben und kein Verständnis
für die Welt aufbringen, die nicht mit
ihnen stillstehen wollte.
Das Alter bietet die Befriedigung der Er-
füllung. Die Fesseln des menschlichen
Egoismus haben sich gelöst; die Seele,
endlich frei, genießt die Freuden des Au-
genblicks, ohne ihn aufhalten zu wollen.
Der Entwurf ist vollendet.
Die übliche Vorstellung, dass Erfolg die
Menschen verdirbt, weil er sie eitel, egois -
tisch und selbstgefällig macht, ist falsch;
im Gegenteil, Erfolg macht sie − in den
meisten Fällen − bescheiden, tolerant und
freundlich. Misserfolg macht bitter und
hart.
Es ist die Aufgabe des Realisten, das Un-
gewöhnliche an einem gewöhnlichen
Menschen zu zeigen.
Ich beendete meine Erzählungen lieber
mit einem entschiedenen Punkt als mit
einem Gedankenstrich.
Wir müssen weitermachen, auch wenn
Rom in Flammen steht. Andere mögen
uns verachten, weil wir nicht mit einem
Eimer Wasser beim Löschen helfen; es ist
nicht zu ändern: Wir können mit einem
Eimer nicht umgehen. Außerdem faszi-
niert uns der Brand, und es fallen uns
dabei gelungene Formulierungen ein.
Ende eines Lebens. Es ist, als ob man
gegen Abend ein Buch liest und das
schwächer werdende Tageslicht nicht be-
achtet; dann hält man inne und bemerkt
plötzlich, dass das Licht verschwunden
ist. Es ist dunkel, und wenn man wieder
ins Buch schaut, kann man nichts entzif-
fern, und die Seite hat keinen Sinn mehr.
Denken
mit
W. Somerset
Maugham
Über Skepsis und
humorvolle Resignation,
die Natur des Menschen und
den Beruf des Schriftstellers
Diogenes
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Studio-Besuch
Heike Makatsch
&derhund marie
Diogenes
Hörbuch
Gesungen von
Heike Makatsch
Arrangiert von
derhundmarie
Mit Bildern von
Tomi Ungerer
1 CD
Die schönsten
Kinderlieder
aus ›Das große Liederbuch‹
So etwas haben kleine oder große Ohren noch
nicht gehört: die schönsten Kinderlieder,
genial neu interpretiert von Heike Makatsch und
Max Martin Schröder alias derhundmarie.
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43 Diogenes Magazin
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ür uns war ausschlaggebend, dass
unsere Tochter dazu tanzt«, sagt
Heike Makatsch über ihre Platte Die
schönsten Kinderlieder, auf der sie zu-
sammen mit Max Martin Schröder,
auch bekannt als derhundmarie, zwölf
altbekannte und heiß geliebte Songs
aus dem Großen Liederbuch neu in-
terpretiert hat. Und wie sie tanzte!
Als ihre Mutter im hauseigenen Stu-
dio aus vollem Halse singt und der
Vater mit ungebremstem Enthusias-
mus Der Kuckuck und der Esel, Ein
Männlein steht im Walde oder Hejo,
spannt den Wagen an auf Gitarre,
Schlagzeug und Mundharmonika mo-
dern und doch zeitlos arrangiert, kön-
nen die kleinen Füßchen der Tochter
nicht mehr stillstehen. »Sie ist sehr
musikalisch, und sie singt ständig.
Und wenn wir mitsingen, sagt sie
auch schon mal: ›Nein, nein allein sin-
gen!‹«, erzählt die Mutter.
Als wir Heike Makatsch und Max
Schröder im Sommer in Berlin be-
suchten, war ihre Tochter gerade in
der Kita, und so konnten wir die fast
fertige CD ungestört anhören. Ganz
zufrieden waren die Perfektionisten
Heike Makatsch und Max Schröder
noch nicht, aber für den letzten Fein-
schliff blieben noch einige Wochen.
Da hörte sich der Männerchor im
Hintergrund in einem Lied noch zu
sehr nach Stammtisch an, bei einem
Song wurden noch Bläser benötigt,
eines war noch eine Spur zu lang, und
ein Medley, in das die ganz einfachen
Kinderlieder wie Backe, backe Ku-
chen oder Alle meine Entlein gepackt
werden sollten, wurde kurzerhand
verworfen.
Der Anstoß zu diesem spannenden
Projekt kam direkt vom Großen Lie-
derbuch mit den Illustrationen von
Tomi Ungerer, das seit 1975 ein mil-
lionenfach verkaufter Klassiker ist:
»Tomi Ungerers Großes Liederbuch
war schon in meiner Kindheit bei uns
zu Hause ständig in Gebrauch«, erin-
nert sich Heike Makatsch. »Mein
Vater spielte die Gitarre zu Liedern
wie Horch, was kommt von draußen
rein und begleitete geduldig mein
hohes Stimmchen …«
So fiel es ihr leicht, sich mit Max
Schröder auf ihre persönlichen Lieb-
lingslieder zu einigen. Die gemein-
same Liebe zur Musik ließ ein ganz
besonderes Album entstehen, das ei-
nerseits Kindern viel Spaß bereiten
wird, andererseits aber die traditionel-
len Lieder auch für Erwachsene in
neuem Licht erscheinen lässt.
»Die Lieder sind definitiv nicht
ausschließlich für kleine Menschen
arrangiert«, sagt Max Schröder über
seine Arbeit. »Die Musik — so wie sie
nun auf dem Album zu hören ist — ist
auch die, die ich hören möchte. Alles
andere wollten wir uns und allen an-
deren Eltern bei der x-ten Wiederho-
lung auf einer langen Autofahrt nicht
zumuten! Es macht Spaß und Sinn,
vermeintliche Kinderlieder ruhig mal
für voll zu nehmen, genau wie die
Kinder selbst.« Herausgekommen ist
ein Album, das von Folk über Mo-
town bis Sixties-Klängen sparsam In-
strumentalisiertes, Besinnliches bietet
— und teilweise richtig rockt. Und
das hat auch Tochter Mieke gefallen.
»Bei Kinderliedern sollte auch etwas
abgehen, das sollen nicht nur Wiegen-
lieder sein«, finden auch Heike und
Max.
Mit Die Gedanken sind frei, dem
vorletzten Lied auf der CD, haben
Heike Makatsch und Max Schröder
besonders Tomi Ungerer eine Freude
gemacht, es ist nämlich sein Lieblings-
lied.

sid
1 CD, Spieldauer 38 Min.
ISBN 978-3-257-80281-8
Zwölf heiß geliebte Kinderlieder,
die Kinder (und Erwachsene)
zum Tanzen, Klatschen und
Mitsingen anstiften. Aufregend
instrumentiert und zeitlos inter-
pretiert. Mit allen Noten und
Liedtexten im Booklet und vielen
Zeichnungen von Tomi Ungerer.
Hörbuchtipp
Die schönsten Kinderlieder
»Es macht Spaß und Sinn,
vermeintliche Kinder-
lieder ruhig mal für voll
zu nehmen, genau
wie die Kinder selbst.«
Max Martin Schröder
»Für uns war aus -
schlaggebend,
dass unsere Tochter
dazu tanzt.«
Heike Makatsch
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Das Waldhaus ist ein reiner Familien-
betrieb: Seit vier Generationen
wird es von derselben Familie geführt –
für heutige Hotels dieser Größe
eine Seltenheit. »A family affair since
1908«, so lautet folglich der Slogan.
Die Geschwister Urs Kienberger und
Maria Dietrich-Kienberger sind
im Haus aufgewachsen und führen
den Betrieb gemeinsam
mit Felix Dietrich-Kienberger,
der das Hotel auch seit Kinderjahren
kennt: erst als junger
Feriengast, bald auch als jugendlicher
Golfkassier oder Büroaushilfe,
dann als Hotelfachschulabsolvent und
Ehemann von Maria Kienberger.
W
enn sich der Blick nach der eher
engen Julierstrecke weitet und
sich das Oberengadin zu beiden Sei-
ten des Weges ausbreitet, erscheint
schon bald ein leuchtender weißer
Fleck am oberen Talende, der seit
über hundert Jahren Ziel mancher
Reise ist. Der Erste, der diese wunder-
schöne Gegend für sich entdeckte,
war Friedrich Nietzsche, der gegen
Ende seines Lebens während sieben
Sommern in Sils Maria lange Spazier-
gänge tat und einige Werke zu Papier
brachte, darunter auch den zweiten
Teil von Also sprach Zarathustra.
Während Nietzsche in einem kleinen
Häuschen in einfachen Verhältnissen
lebte und arbeitete, können Besucher
heute ein wenig bequemer residieren.
Und die erste Adresse am Ort
sticht einem förmlich ins Auge: Auf
einer bewaldeten Anhöhe über dem
Dorf thront das Hotel Waldhaus wie
eine Burg über dem Tal. Etwas näher
gekommen, sieht man, dass die ver-
meintlichen Burgmauern mit unzähli-
gen Fenstern gespickt sind, so dass
sich für die Gäste in jede Richtung
eine fabelhafte Aussicht über das
ganze Tal ergibt. Im letzten Abschnitt
der Anreise durchquert man die
Ebene zwischen den zwei Seen und
schließlich auch den Dorfkern. Die
Gemeinde Sils, die Sils Maria und Sils
Baselgia umfasst, liegt auf 1802 Me-
tern über dem Meeresspiegel; auf die
Frage nach den Einwohnern wird die
Zahl »500–4500 (inkl. Gäste)« ange-
geben. Das Nietzsche-Haus hinter
sich lassend, gelangt man schließlich
an den Fuß des Felsbuckels, auf dem
das Grandhotel liegt. Im Winter ist
die Begehung der oft vereisten steilen
Straße im Schatten des Hangs eine
halsbrecherische Angelegenheit. Nur
die Schlittenpferde, die dick einge-
mummte Touristen ziehen, trotten
dann immer noch mühelos den Hang
hinauf, am Hotel vorbei und weiter
hinauf ins beliebte Fextal.
Waldhaus Sils Maria
Legendäre literarische Orte
Wer das Oberengadiner Dorf Sils Maria kennt, nennt meist zwei Dinge: Friedrich Nietzsche
und das Hotel Waldhaus. Das legendäre Grandhotel, knapp ein Jahrzehnt nach dem Tod des
Philosophen gebaut, ist seit über hundert Jahren ein Magnet für bekannte Denker, Literaten und
andere Künstler. Zu Besuch an einem Ort, an dem Friedrich Dürrenmatt seine Geburtstage fei-
erte, Thomas Mann sich über schlechte Beleuchtungsverhältnisse beschwerte, aber trotzdem
regelmäßig wiederkehrte, und Donna Leon ums Frühstücksbuffet kurvt.
Kann man sich einen
schöneren Ort zum Lesen
oder Schreiben denken?
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Wer über die breite Treppe das Ent -
ree betritt, meint, in eine andere Zeit
geraten zu sein. Das Waldhaus wurde
1908 gebaut und ist in seinen Grund-
zügen bis heute unverändert geblie-
ben. Auf den ersten Blick lassen sich
nur wenige Dinge entdecken, die auf
die Gegenwart verweisen, die Teppi-
che und das Mobiliar erinnern an
Tage um die Jahrhundertwende, in
denen man noch zwangsläufig mit der
Kutsche anreiste. Geräusche sind
durch Teppiche gedämpft, die Farben
warm, Linien großzügig gesetzt und
die Räume hoch. Das eindrückliche
Treppenhaus mit dem Kronleuchter
in der Mitte diente schon so manchem
Hochzeitsfoto als Kulisse. Hinter
einer großen Glastür sieht man direkt
in das Herzstück des Hotels, die
Halle. Früher auch als Ballsaal ge-
nutzt, stehen heute Sessel und Sofas in
dem riesigen Saal, dessen abgerundete
Fensterfront direkt in die Bäume hin-
ausragt. Zu wohl jeder Tages- und fast
jeder Nachtzeit lässt sich hier in ir-
gendeiner Ecke jemand ausmachen,
der den Krimi noch nicht weglegen
konnte oder der als Erster die Tages-
zeitung überfliegt. Oft hört man hier
nur das Rascheln der Zeitungen oder
Bücherseiten und das leise Klirren der
Teelöffel; ab und zu ein paar krei-
schende Kinder, die über die Teppich-
böden poltern und wieder irgendwo-
hin verschwinden. Die Mobiltelefonie
hat diesen Raum nicht erobern kön-
nen: Für den Handygebrauch sind seit
einigen Jahren zwei Kabinen beim
Eingang vorgesehen. Kann man sich
einen schöneren Ort zum Lesen oder
zum Schreiben denken? Vielleicht
schon: Ein paar Ecken von der Halle
entfernt findet sich etwas weniger ex-
poniert ein stiller Schreib- und Lese-
saal. Neben den wie Inselchen be-
leuchteten Pulten befindet sich auch
eine kleine Bibliothek im Raum. Bü-
cher von bekannten Autoren reihen
sich hinter der Glasvitrine, viele mit
persönlichen Widmungen der Verfas-
ser. Und tatsächlich zieht das Wald-
haus seit jeher Schriftsteller und Bü-
chermenschen an.
Thomas Manns Schwiegereltern
reis ten mit seiner Frau bereits 1911
das erste Mal an, er selber war hier
später regelmäßig zu Gast. Bereits der
zweite Abschnitt in Erika Manns Das
letzte Jahr. Bericht über meinen Vater
beginnt mit den Worten: »Wir waren
wieder im Waldhaus.« Klaus Mann
war oft im Dorf, wo er mit seiner
Schwester Erika im Haus von Anne-
marie Schwarzenbach wohnte, in dem
heute die Gemeindebibliothek unter-
gebracht ist. Der Vater Thomas Mann
stieg jedoch standesgemäß stets im
Waldhaus ab, zum ersten Mal 1950,
wo er auf Hermann Hesse traf. Erika
Mann erinnert sich: »Im Speisesaal
saßen Hesse und seine Frau nicht weit
von uns, doch es war stillschweigend
beschlossene Sache, dass man die
Mahlzeiten gesondert einnahm. Erst
nach Tisch, abends, kam man zusam-
men, und obwohl gewiss manches
ernste Gespräch geführt wurde, sind
diese Stunden mir als vorwiegend hei-
ter in Erinnerung.«
Hesse gehörte zu den »stämmsten
Stammgästen«, zwischen 1949 und
1961 wohnte er fast 400 Nächte im F
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Waldhaus. Nur ein Mal störte ihn
etwas – Musik. »Letzte Nacht ging es
um halb vier wieder an, ich stand auf,
ging zur Halle hinunter, sah Licht in
der Bar, und als ich wütend hinein-
ging, saß da auf dem Musikpodium
am Klavier der Hausdiener, der
Nachtwache hatte, und spielte mit
drei Fingern seine Lieblingsmelo-
dien.« Thomas Mann lamentierte über
schlechte Beleuchtungsverhältnisse in
seinem Zimmer, kam aber immer wie-
der, wie viele nach ihm. Von Erich
Kästner beispielsweise weiß man, dass
er gerne des Nachts noch lange in der
Halle sitzen blieb, um zu schreiben.
Alberto Moravia war da, François
Mauriac, Pierre Jean Jouve oder Tho-
mas Bernhard. Letzterer schrieb eine
giftige Miniatur-Erzählung mit dem
Titel Hotel Waldhaus, die in ihrer
Gänze wie folgt lautet: »Wir hatten
kein Wetterglück und in jeder Bezie-
hung auch widerwärtige Gäste an un-
serem Tisch gehabt. Selbst Nietzsche
haben sie uns verleidet. Auch als sie
mit ihrem Auto tödlich verunglückt
und schon in der Kirche von Sils auf-
gebahrt waren, haben wir sie immer
noch gehasst.« Da auch Thomas
Bernhard Stammgast war, ist die Er-
zählung wohl als pure Fiktion zu
lesen.
Friedrich Dürrenmatt, der das
Waldhaus liebte, ließ sich vom Hotel
zu einem bitterschwarzen Stück Lite-
ratur inspirieren. In seinem Roman
Durcheinandertal kauft ein Gangster-
boss ein Schweizer Grand Hotel auf,
um daraus im Sommer eine Armen-
schule für Millionäre zu machen und
im Winter darin steckbrieflich ge-
suchte Gangsterkollegen zu verste -
cken. Zwar kam Dürrenmatt die Idee
zum Buch durch Besuche im Wald-
haus Vulpera, das 1989 abbrannte
(übrigens nur ganz kurze Zeit nach
Erscheinen des Romans, in dem das
Hotel am Ende auch abbrennt), doch
ließ er sich beim Schreiben ebenfalls
vom Waldhaus Sils anregen, in dem er
seine Geburtstage zu feiern pflegte.
Die Liste der berühmten Gäste ist
endlos: Da war Adorno, der regelmä-
ßig zu Gast war und sich trotzdem
schreibend über das Engadin ausließ,
es kamen Einstein und Beuys, aber
auch David Bowie, C.G. Jung, Vis-
conti und Chabrol, der auch gleich
einen Film im Hotel drehte; oder
Alexander Kluge, der sich seit Jahr-
zehnten sehr wohl im Hotel fühle und
hier auch viel geschrieben habe, so
Direktor Urs Kienberger. Sogar der
richtige James Bond habe im Haus ge-
nächtigt; gemeint ist der US-Ornitho-
loge, dessen Namen Ian Fleming für
seine Figur 007 ausgeliehen hatte.
Auch viele Musiker waren und sind
gerne zu Gast, so zum Beispiel Ri-
chard Strauss, Georg Solti, Arthur
Honegger, Maurizio Pollini oder
Clara Haskil. Urs Kienberger erzählt,
dass nicht selten befreundete Bewoh-
ner des Hotels füreinander musiziert
hätten; so spielte der Cellist Pierre
Fournier beispielsweise gerne für
Hermann Hesse. Doch es gibt auch
eine andere musikalische Tradition:
Nicht nur Friedrich Dürrenmatt
lauschte abends in der Hotelbar gerne
den drei slowakischen Hausmusikern,
die seit mehreren Jahrzehnten zur Tea
Time in der Halle klassische Ever-
greens und abends in der Bar (wo das
Cello gegen einen elektrischen Bass
ausgetauscht wird) Jazz-Standards
zum Besten geben. F
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Entwurf für einen
Eintrag ins Gästebuch,
aus dem Nachlass
Friedrich Dürrenmatts.
47 Diogenes Magazin
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Das Waldhaus war das Wunsch-
kind des erfahrenen Hoteliers Josef
Giger, der sich im Alter von 61 Jahren
sein eigenes, vollkommenes Haus
schaffen wollte und 1905 den ersten
Spatenstich dazu tat. Nach eigener
Aussage wollte er »etwas Schönes,
Praktisches und Solides« bauen. Als
Hoteldirektor war er schon mit 24
Jahren in der Schweiz, später auch in
Russland und Italien tätig gewesen.
Giger war ein Perfektionist, beim Ta-
felsilber bestand er zum Beispiel dar-
auf, dass »die beiden großen Vorleg-
löffel höchstens 17 Centl. enthalten
dürfen, besser nur 16, Stiel in der
Länge den bestellten 10 Liter halten-
den Suppenschüsseln angepasst, der
Griff hübsch abgerundet, überhaupt
recht bequem«. Fertiggestellt wurde
Gigers Haus mit allen technischen
Neuerungen seiner Zeit. Man errich-
tete sogar ein eigenes Elektrizitäts-
werk, damit das Licht in möglichst
allen Räumen per Glühbirne leuchten
konnte. Heute noch immer in Betrieb
ist die zentral gesteuerte Uhrenanlage
Magenta: Von einer Mutteruhr, die
mit Gewichten funktioniert, geht jede
Minute ein elektrischer Impuls auf
alle eingebauten Wanduhren im Haus
aus, worauf ihre Zeiger vorrücken.
Auch wenn im Haus alle Uhren im
Gleichtakt schlagen, so stehen doch
das Wohlbefinden jedes einzelnen
Gastes und der persönliche Service im
Waldhaus im Mittelpunkt. So werden
alle Gäste bei ihrer Ankunft persön-
lich von einem Mitglied der Direktion
begrüßt und täglich unzählige Son-
derwünsche erfüllt. Da kann es schon
mal vorkommen, dass 16 Kissen für
einen Gast aufgetrieben oder die Bet-
ten kompassgenau in die richtige
Richtung gedreht werden, da der Gast
nur mit dem Kopf ostwärts und den
Füßen westwärts schlafen kann. In
umständlicher Knobelei werden täg-
lich neue Lösungen für die ideale Be-
legung der 140 Zimmer ausgetüftelt.
Jeder Raum ist schließlich ein Unikat,
hat seine ganz eigenen Besonderhei-
ten, die vom einen Gast als Vorzug,
vom andern als Mangel empfunden
werden. Keines wurde eingerichtet
wie das andere, manche Zimmer sind
modern, manche historisch, das Tho-
mas-Mann-Zimmer ist natürlich un-
verändert.
Wenn Venedig versinken würde,
würde Donna Leon wahrscheinlich
ins Waldhaus umziehen. Für die
Wahl-Venezianerin ist das Waldhaus
schlicht »ihr Lieblingshotel«, in das
sie gerne im Winter kommt, um ihrer
ganz speziellen Auffassung von Win-
tersport zu frönen: »Für mich ist
Wintersport, auf dem Sofa zu liegen
und zu lesen. Ich liebe es auch, aus
dem Fenster zu schauen und den an-
deren beim Skilaufen zuzusehen.«
Wirklich sportlich wird es dann bei
ihrer anderen Lieblingsbeschäftigung:
beim allmorgendlichen Lauf ums
Frühstücksbuffet.
Ulrich Greiner nannte das Wald-
haus in der Zeit »wahrscheinlich das
berühmteste Hotel im Schweizer En-
gadin und eines der schönsten« und
auch eines der einzigartigsten, weil
»Berühmtheiten der seriösesten Art
zu Gast waren«. Seit jeher gilt: In St.
Moritz steigen die Reichen ab, die so-
genannte Snowciety, in Sils die Bü-
chermenschen. Welche berühmten
Schriftsteller kommen heute? Hotel-
direktor Urs Kienberger nennt natür-
lich keine Namen, discrétion oblige,
weiß aber, dass 27 Diogenes Autoren
schon Gast im Waldhaus waren. Und:
»Beim Abschied sagte neulich ein
Gast zu mir: Ich habe drei Bücher
zum Lesen mitgenommen, und alle
drei Autoren waren in dieser Zeit hier
im Hotel.«
»Joseph Roth hat sich selbst
als ›Hotelmenschen‹ bezeichnet«, so
Arnon Grünberg. »Für einen echten
›Hotelmenschen‹ gibt es nur ein einzi-
ges Hotel, um zu heiraten, schreiben,
essen, trinken und zu sterben: das
Hotel Waldhaus in Sils Maria.« Man
möchte nur noch hinzufügen: Und
um zu lesen.

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Musik für ein Hotel von
einem Mitglied zweier
Familien: Jürg Kienberger,
Hotelmitbesitzer und Schau-
spieler des Ensembles um
Christoph Marthaler.
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Diogenes Magazin: Hatten Sie
immer schon vor, einmal einen
Roman zu schreiben?
Christoph Poschenrieder: Nicht
immer schon, aber schon lange, ziem-
lich lange sogar. Die Idee zu diesem
Roman hatte ich während des Philo-
sophiestudiums, ein Konzept, ein
paar Seiten, das fertige Manuskript
viele Jahre später.
Woher kommt Ihr Interesse für
Schopenhauer?
Schopenhauer ist der eine unter den
deutschen Philosophen, der schreiben
konnte (der andere ist Nietzsche), das
hat mich anfangs im Studium angezo-
gen. Dann seine Philosophie, in der
der Mensch nicht nur als »Geistwe-
sen« auftritt, sondern auch mit seinen
Gefühlen und Trieben, seiner Körper-
lichkeit: Er hat das als Erster genau
beobachtet und erforscht. Und weil
Schopenhauer ein philosophischer
Pessimist ist, verspricht er kein Heil,
kein glorioses Jenseits. Den Ausweg
aus dem Schlamassel des Lebens gibt
es nur im Diesseits. Klingt aber trauri-
ger, als es ist!
Dazu passt die Lebenslust Ihres
zweiten Protagonisten, Lord Byron.
War es das, was Sie an dieser Figur
reizte?
Eher der Byron im Wandel, der
eben kein »party animal« mehr sein
möchte – oder kann, weil er’s körper-
lich nicht mehr durchsteht. Ich habe
eine Weile gebraucht, um diese Figur
zu verstehen: Hab ich den kompro-
misslosen Poeten oder den exzessiven
Genussmenschen vor mir? Bei Byron,
dem Dichter, gibt es immer noch eini-
ges zu entdecken, aber die deutschen
Übersetzungen sind uralt, und man
muss eine Menge Fußnoten mitlesen,
weil Byrons satirische Dichtungen
voller böser Anspielungen auf Zeit-
umstände und -genossen sind, die kei-
ner mehr kennt. Seine Liebesgedichte
gehen natürlich immer.
Was bedeutet der Titel Ihres Ro-
mans, Die Welt ist im Kopf?
Das ist der Versuch, Schopenhauers
Erkenntnistheorie in ein paar Worte
Die Welt ist im Kopf
Interview
Wie kommt jemand dazu, einen Roman über den jungen Schopenhauer zu schreiben, der nach
Venedig fährt, um Lord Byron zu treffen, dort aber vor allem eine junge Venezianerin trifft? Chris-
toph Poschenrieder gibt Auskunft über seinen wunderbaren Erstlingsroman und über sich selbst.
Die Realität spielt mit,
und ich mit ihr.
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zu fassen. Er sagt ja, es gibt keine
Sonne für sich, sondern nur ein Auge,
das eine Sonne sieht. Also, von der
Existenz der Sonne zu reden, ohne in
der ganzen weiten Welt wenigstens
ein sehendes Auge dazuzudenken, ist
sinnlos: Objekt geht nicht ohne Sub-
jekt, und das macht die ›Welt als Vor-
stellung‹ aus. Was aber nicht heißen
soll, dass alles nur Traum- und Wahn-
bild ist, denn es gibt ja noch die ›Welt
als Wille‹, die andere Hälfte.
In der Notiz zur Geschichte der Ge-
schichte am Ende Ihres Buchs ver-
zeichnen Sie mit einem Augenzwin-
kern, was genau »wahr« an der
Geschichte ist, die Sie geschrieben
haben. Haben Sie viel Arbeit in die
Recherche investiert?
Sehr viel, und das ist ein ganz großer
Teil des Vergnügens. Beim Schreiben
brauche ich Bilder, und die Bilder ent-
stehen aus der Recherche. Man muss
nicht bis zum letzten Uniformknopf
genau sein, das wäre obsessiv, aber
wenn ich etwas herausfinden kann
und es meiner Geschichte nützt,
warum nicht? Die Realität spielt mit,
und ich mit ihr.
Es geht Ihnen aber wohl kaum um
historische Fakten. Worum ging es
Ihnen bei diesem Roman?
Die Geschichte eines jungen, ehrgei-
zigen Mannes zu erzählen, der auf die
Bühne tritt, Applaus erhofft, aber
nicht einmal ein Publikum findet, der
eine große Gelegenheit verpasst, der
sich darauf einstellen muss, den Rest
seines Lebens mit Plan B zu verbrin-
gen. Es geht um Ruhm und Anerken-
nung, was man bereit ist, dafür zu tun,
dafür zu opfern.
Schopenhauer sollte der Ruhm zu
Lebzeiten verwehrt bleiben. Dafür
erlernt er in Ihrem Buch das Gon-
delrudern. Schopenhauer als Mann
der Tat, als praktisch begabter,
sportlicher junger Mann. Wie kom-
men Sie darauf?
Das habe ich ihm einfach zugetraut.
Er hat ja als Sohn eines Hamburger
Großkaufmanns eine elegante Erzie-
hung erhalten, wie das damals hieß, er
konnte reiten und fechten. Bis ins
hohe Alter hat er jeden Tag schnelle
Spaziergänge gemacht, vielleicht war
Schopenhauer der erste »Nordic Wal-
ker«. Wenn das gegen das Klischee-
bild vom motorisch beschränkten
philosophischen Bücherwurm wirkt,
auch recht.
Schopenhauer raucht auf seiner
Reise nach Italien ein Opium-Pfeif-
chen. Gibt es Quellen, die bezeugen,
dass er das mal ausprobiert hat?
Nein, das habe ich ihm untergescho-
ben. Ich glaube eher, dass Schopen-
hauer solche Zustände geängstigt hät-
ten; der wollte schon die Kontrolle
behalten, vor allem über sich selbst.
Die zweite Pfeife lehnt er ab.
Asiatische Lehren haben Schopen-
hauers Philosophie geprägt. Sind
auch Sie östlicher Weisheit zugetan?
Schopenhauer hatte einen Buddha in
seinem Arbeitszimmer stehen, ich
habe immerhin eine kleine Schopen-
hauer-Büste ins Regal zu seinen Bü-
chern gestellt. Die östliche Weisheit
sehe ich eher durch Schopenhauers
Brille, europäisiert und nicht ganz au-
thentisch.
In Ihrem Buch hat Schopenhauer
zwar noch keinen Pudel, aber er
lässt sich von einem herumstreu-
nenden Hund Venedig zeigen.
Haben Sie selbst einen Hund?
In unserer Familie gab es immer
Hunde, und jetzt habe ich auch einen.
Für uns Kinder waren sie oft Trost-
spender, man konnte wunderbar in
ihr Fell hineinheulen, wenn das Leben
mal wieder furchtbar war. Wenn mein
Hund auf dem Teppich liegt und
träumt, dabei mit den Pfoten wackelt
und irgendwas beschnüffelt, bin ich
immer auf ganz seltsame Weise ange-
rührt. Streng nach indischer Lehre
könnte man dann zu sich selber sagen:
Dies bist du. Die Einheit der Ge-
schöpfe über alle Gattungsgrenzen
hat Schopenhauer jedenfalls in seine
Lehre eingebaut. Tierquälerei hat er
gehasst.
Kommen wir zu Teresa, der Frau,
von der in Ihrem Roman selbst ein
Arthur Schopenhauer noch etwas
lernen kann. Es gab sie ja tatsäch-
lich. Was weiß man denn genau
über sie?
Wenig. Ein italienischer Schopen-
hauer-Forscher hat einmal die Kir-
chenbücher von Murano durchsucht
und für den August 1793 die Taufe
einer Teresa Fuga gefunden. Das
könnte schon passen, diese Teresa
wäre 1818/19, als Schopenhauer in
Venedig war, um die 25 Jahre alt ge-
wesen. Der Nachname Fuga deutet
auf einfache Herkunft, mit einiger
Wahrscheinlichkeit aus dem Milieu
der Gondolieri. Dann gibt es noch
diesen charmant-nachlässigen Brief an
Schopenhauer und den Liedtext, La
note xe bella – die Dokumente hat er
aufbewahrt, sie sind heute im Scho-
penhauer-Archiv in Frankfurt. Wenn
die Briefschreiberin die Teresa aus
Murano ist, dann hat sie sich damit ein
bisschen unsterblich gemacht, denn
ansonsten hat sie keine Spuren hinter-
lassen.
Und über die andere Teresa, die Ge-
liebte Lord Byrons, was weiß man da?
Die Contessa Teresa Guiccioli hat F
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sogar ein Buch über ihr Leben an der
Seite Byrons geschrieben, in rück -
blick ender Vergoldung allerdings.
Lange hat ihre Beziehung nicht ge-
dauert, denn Byron starb schon 1824,
nicht nur räumlich entfernt von ihr,
nachdem er sich in eine neue Passion
gestürzt hatte, den Freiheitskampf der
Griechen.
Und dann ist da noch Goethe. Er
kommt nur zwei Mal in Ihrem Buch
vor. Und doch scheint er stets ge-
genwärtig zu sein. Für Schopen-
hauer eine sehr wichtige Figur…
Eine, etwas ambivalente, Vaterfigur,
kommt mir vor. Schopenhauers leibli-
cher Vater brachte sich um, als der
Junge 17 war. Er hat seinen Vater sehr
verehrt, sogar verklärt, was wohl auch
in Reaktion auf das schwierige Ver-
hältnis zur Mutter geschah. Goethe
verehrte er ungeheuer, er ließ sich ein-
spannen für Goethes Farbenlehre, un-
terdrückte aber den Widerspruch
nicht, wenn er überzeugt war, dass
der Ältere falschlag. Der hielt ihn spä-
ter auf Distanz, aber Schopenhauer
hat es ihm nicht übelgenommen. Mit
seiner Empfehlungskarte an Lord
Byron ist Goethe tatsächlich unsicht-
barer Reisegenosse Schopenhauers.
Eine andere historische Figur ist die
Operndiva Angelica Catalani. Wie
kamen Sie darauf, auch sie in diese
Geschichte mit einzuflechten?
Ich hatte beim Schreiben dieses Lied
von G.F. Händel im Ohr, Lascia la
spina – das zwar wunderschön ist,
aber einen immer auch etwas frösteln
lässt –, und brauchte jemanden, der es
singt. Die Karriere der Catalani ist zur
Zeit der Romanhandlung im Nieder-
gang, sie war einmal extrem populär
gewesen, und ihr mutmaßlich letztes
Aufglühen in Venedig variiert für
mich die Geschichte von Ruhm und
Anerkennung.
Ihr Roman spielt in Venedig. Was
bedeutet Ihnen diese Stadt?
Ich hätte es nicht schlecht gefunden,
wenn Byron und Schopenhauer sich
in einer anderen italienischen Stadt
aufgehalten hätten, Venedig ist eben
schon reichlich abgespielt – aber im-
mer noch wunderschön, wenn man
zur richtigen Zeit kommt und die ab-
gelegenen Orte aufsucht, im nebligen
Frühwinter. Ich habe immer an den
Film Wenn die Gondeln Trauer tra-
gen denken müssen – das ist das Vene-
dig, durch das mein Schopenhauer
geht.
Sie sind bei Boston geboren und
haben ein paar Jahre in New York
gelebt. Ihr Buch jedoch spielt nur in
Europa. Wie sehr fühlen Sie sich mit
den USA verbunden?
Seit Obama wieder etwas mehr, aber
ein Regierungswechsel verändert
nicht das ganze Land. Ich glaube eher,
dass ich mit den Jahren Europa mehr
und mehr schätze.
Und was verbindet Sie mit Mün-
chen?
Ich bin in einem Vorort aufgewach-
sen, habe in München studiert und ar-
beite dort: Ich fühl mich in München
einfach zu Hause. Mein anderes Zu-
hause liegt etwas südlich des Brenner,
in Südtirol, und ich fahre in beide
Richtungen gerne. Wettermäßig sind
die Südalpen allerdings klar im Vor-
teil.
Sie haben die Journalistenschule an
der Columbia University in New
York besucht. Sind Sie dort zu
Ihrem Schreibstil gekommen?
Journalistisch Schreiben ist schon
anders, meist unter Zeitdruck, auf
Zeile – »und immer an den Leser den-
ken!« In New York musste ich noch
dazu auf Englisch schreiben, und das
ist eine Sprache, in der man – wenn
man das Vokabular hat – sehr gerade
und wortarme Sätze bauen kann.
Trotzdem erkenne ich lustigerweise,
wenn ich meine alten Texte lese, eine
Art »Stallgeruch« – ich weiß dann
wieder: Stimmt, das ist von mir. Viel-
leicht macht sich auch meine Arbeit
an Dokumentarfilmen bemerkbar;
nicht, weil die Kommentartexte so
brillant wären, dazu pfuschen da zu
viele Redakteure herum, sondern weil
man ständig in und mit Bildern den-
ken muss und streng sequentiell.
Gibt es Autoren, die Sie geprägt
haben?
Das ist etwas diffus. Es gibt immer
wieder welche, die mich faszinieren,
die ich neu lese, letzthin habe ich zum
Beispiel Joseph Roth wiederentdeckt
und mir gedacht: So müsste man’s
können. Ich mag die englischen und
amerikanischen Erzähler, einen frü-
hen Hemingway, auch einen halben
Chandler (dann werden mir die coo-
len Pointen zu viel), ich mag alle, die
mit einfachen und wenigen Worten
erzählen können, die Ironie eines Karl
Kraus oder Ambrose Bierce, den
spröden Wittgenstein im Tractatus,
einen eleganten Maupassant, ◊echov,
das Märchenhafte bei Leo Perutz, das
Aufwühlende bei Ernst Weiß.
Werden Sie weiter schreiben?
Solange es Spaß macht.
Wieder über berühmte historische
Figuren?
Vielleicht später einmal, aber im nächs-
ten Buch gibt es garantiert keine pro-
minente historische Figur.

zan
Erscheint im März 2010
352 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06741-5
Ein furioses Debüt. Eine
lustvolle Reise durch Philosophie
und Phantasie. Die Hauptfigu-
ren: Arthur Schopenhauer,
Lord Byron und eine junge Frau.
Buchtipp
Für Schopenhauer
gibt es den Ausweg aus
dem Schlamassel des
Lebens nur im Diesseits.
Christoph
Poschenrieder
DieWelt
ist im Kopf
Roman · Diogenes
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or langer Zeit, als er jung, selbstsicher, berauscht vom
plötzlichen Erfolg war, meinte F. Scott Fitzgerald zu
einem Reporter, niemand solle älter als 30 werden. Das war
1921, kurz nachdem sein erster Roman Diesseits vom Para-
dies den Literaturhimmel zum Leuchten gebracht hatte
wie ein strahlendes Feuerwerk.
Gestern beging der Dichterprophet der Nachkriegsneu-
rotiker hier in seinem Zimmer im Grove Park Inn seinen
40. Geburtstag. Er verbrachte den Tag, wie er seine sämtli-
chen Tage verbringt – mit dem Versuch, wieder auf diese
Seite des Paradieses zurückzufinden,
herauszukommen aus der Hölle der Ver-
zweiflung, in der er die letzten Jahre zu-
gebracht hat.
Seine einzige Geburtstagsgesellschaft
waren eine sanfte, nachsichtige, fürsorg-
liche Pflegerin aus den Südstaaten sowie
der Schreiber dieser Zeilen. Mit dem
Mädchen schäkerte er, wie Patient und
Krankenschwester es gerne tun. Mit sei-
nem Besucher unterhielt er sich tapfer: Sprach wie ein
Schauspieler, der, zerfressen von dem Gedanken, dass er
nie wieder im Rampenlicht stehen wird, von seiner nächs -
ten großen Rolle spricht. Aber er konnte niemandem etwas
vorspielen. Ganz offensichtlich gab es in seinem Herzen
genauso wenig Hoffnung, wie es Sonne am verregneten
Himmel gab, dessen Wolken den Blick auf den Sunset
Mountain verdeckten.
Körperlich litt er noch an den Folgen eines vor acht
Wochen erlittenen Unfalls, als er sich beim Sprung vom
Fünfmeterbrett die rechte Schulter brach. Doch die
Schmerzen, die ihm die Verletzung vielleicht noch verur-
sacht, können nicht die Erklärung für die Art sein, wie er
abrupt vom Bett aufsprang und sich wieder setzte, wie er
rastlos auf und ab lief, wie seine Hände zitterten, für die
Zuckungen in seinem Gesicht mit dem jammervollen Aus-
druck eines geprügelten Kindes.
Es erklärte auch nicht, warum seine Schritte ihn immer
wieder zu einer Kommode führten, in deren Schublade
eine Flasche lag. Jedes Mal, wenn er sich einen Drink in
einen Messbecher auf seinem Nachttisch goss, sah er fle-
hend die Schwester an und fragte: »Nur den einen?«
Jedes Mal schlug die Krankenschwester die Augen nie-
der und blieb stumm. Und so versuchte Fitzgerald auch gar
nicht, den Schmerz in der Schulter als Vorwand für das
Trinken zu nehmen.
»Papa hat ein paarmal Pech gehabt»,
erklärte er mit gespieltem Übermut. »Da
wurde Papa traurig und greift nun ein
wenig zur Flasche.«
Was das für Pech gewesen war, wollte
er nicht sagen.
»Ein Schlag auf den anderen«, erklärte
er, »und schließlich kam ein Knacks.«
Vor der Fahrt nach North Carolina
hatte sein Besucher allerdings schon ein wenig über Fitzge-
ralds Leben in letzter Zeit erfahren, von Freunden in Balti-
more, wo dieser bis zum vergangenen Juli residierte.
Die Frau des Schriftstellers, Zelda, war schon seit eini-
gen Jahren krank. Es gehe, sagten die Freunde, das Ge-
rücht, sie habe einen Selbstmordversuch unternommen;
eines Abends hätten die beiden einen Landspaziergang au-
ßerhalb von Baltimore gemacht, und Mrs. Fitzgerald habe
sich auf die Bahngleise geworfen, als ein Expresszug sich
näherte. Fitzgerald, selbst bei schlechter Gesundheit, sei
ihr nachgesprungen und habe sie gerade noch gerettet.
Die
andere Seite
vom
Paradies
1936 erschien in der New York Post ein In-
terview mit F. Scott Fitzgerald von Michel
Mok. Für Fitzgerald, damals 40 Jahre alt
und versunken in Verzweiflung, war die
Veröffentlichung vier Jahre vor seinem Tod
ein journalistischer Dolchstoß.
Dokument
53 Diogenes Magazin
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Ganz offensichtlich
gab es in seinem
Herzen genauso wenig
Hoffnung, wie es
Sonne am verregneten
Himmel gab.
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54 Diogenes Magazin
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Es folgten weitere Schwierigkeiten. Mrs. Fitzgerald
wurde schließlich in einem Sanatorium hier in der Nähe
aufgenommen, und ihr Ehemann folgte ihr bald und nahm
sich ein Zimmer im rustikalen Park Grove Inn, einem der
größten und angesehensten Kurhotels in Amerika.
Doch wichtiger als die Gründe für Fitzgeralds Zusam-
menbruch sind dessen
Auswirkungen auf den
Schriftsteller. In Pasting
It Together, einem von
drei autobiographischen
Texten, die er dort ver-
öffentlichte, beschreibt
Fitzgerald sich in der
Märznummer des Es-
quire als einen »zerbro-
chenen Teller«.
»Manchmal«, schreibt
er, »kann man aber auch
einen zerbrochenen Tel-
ler nicht wegwerfen, weil
er einfach im Haushalt
gebraucht wird. Man
kann ihn nicht mehr zum
Wärmen auf den Ofen
stellen oder zusammen
mit den anderen ins Spül-
becken; man deckt ihn
nicht auf, wenn Gäste
kommen, aber er ist
immer noch gut genug für ein paar Cracker spät am Abend
oder um Reste darauf in den Kühlschrank zu stellen.
Der übliche Ratschlag für jemanden, der sich gehenlässt,
lautet, er solle sich diejenigen ansehen, die wirklich arm
sind oder körperlich leiden – das ist ein schöner Trost, und
die, denen es nicht weiter schlechtgeht, hören ihn immer
gern. Aber um drei Uhr morgens … da hilft dieser Ge-
danke nichts – und in der tiefen schwarzen Nacht der Seele
ist es immer drei Uhr morgens, Tag für Tag. Um diese Zeit
neigt man, solange man nur irgend kann, dazu, den Dingen
aus dem Weg zu gehen, indem man sich in einen Kinder-
traum zurückzieht – doch wird man immer wieder heraus-
gerissen durch allerlei Kontakte mit der Welt.
Man bringt diese Begegnungen so schnell und schmerz-
los hinter sich wie nur möglich und kehrt dann in seinen
Traum zurück – hofft, dass die Dinge wieder ins Lot kom-
men werden durch einen großen materiellen oder spirituel-
len Glücksfall. Doch je mehr man sich von der Welt fern-
hält, desto mehr schwindet die Aussicht auf einen solchen
Glücksfall – man wartet nicht, dass ein einzelner Kummer
wieder verschwindet, sondern eher wird man unfreiwillig
Zeuge einer Exekution, der Auflösung der eigenen Persön-
lichkeit …«
Gestern brachte er am Ende einer langen, fahrigen, un-
zusammenhängenden Rede das Gleiche mit anderen Wor-
ten zum Ausdruck, weit weniger poetisch, doch deswegen
nicht weniger anrührend:
»Ein Schriftsteller wie ich, der braucht vollkommenes
Vertrauen auf sein Glück. Es ist ein geradezu mystisches
Gefühl, ein Nichts-kann-mir-passieren, Nichts-kann-
mich-berühren, Nichts-kann-mir-wehtun.
Thomas Wolfe hat es. Ernest He-
mingway hat es. Ich hatte es früher.
Doch durch eine Reihe von Schlägen,
viele davon meine eigene Schuld, ist mir
dieses Gefühl der Unverletzlichkeit ab-
handen gekommen, und ich habe mei-
nen Halt verloren.«
Zur Erläuterung erzählte er von sei-
nem Vater.
»In seiner Kindheit lebte mein Vater
im Montgomery County in Maryland.
Meine Familie ist nicht ganz unbekannt
in der amerikanischen Geschichte.
Mein Urgroßonkel war Francis Scott
Key, der die amerikanische National-
hymne schrieb; ich trage meinen
Namen nach ihm. Die Tante meines
Vaters war Mrs. Surratt, die nach dem
Mord an Lincoln gehängt wurde, weil
Booth die Pläne zur Tat in ihrem Haus
geschmiedet hatte – wenn Sie sich erin-
nern, es wurden drei Männer und eine
Frau hingerichtet.
Als neunjähriger Junge ruderte
mein Vater im Bürgerkrieg Spione ans andere Flussufer.
Mit zwölf hatte er davon genug. Bei der ersten Gelegenheit
zog er Richtung Westen, so weit fort von den Schlachtfel-
dern wie nur irgend möglich. Er baute eine Fabrik in St.
Paul auf, die Korbmöbel herstellte. In den Neunzigern
kam eine Finanzkrise, und er ging pleite.
Wir kehrten zurück an die Ostküste, und mein Vater
fand Arbeit als Vertreter für Seife in Buffalo. Dort arbeitete
er einige Jahre lang. Eines Nachmittags – ich war zehn oder
elf – klingelte das Telefon, und meine Mutter ging ran. Ich
verstand nicht, was sie sagte, aber ich wusste, dass etwas
Schlimmes passiert war. Kurz vorher hatte meine Mutter
mir einen Quarter für das Schwimmbad gegeben. Jetzt gab
ich ihr das Geld zurück. Ich wusste, etwas Schreckliches
war geschehen, und jetzt würde sie das Geld brauchen.
Dann betete ich. ›Lieber Gott‹, betete ich, ›bitte schick
uns nicht ins Armenhaus, bitte schick uns nicht ins Ar-
menhaus.‹ Bald darauf kam mein Vater nach Hause. Ich
hatte mich nicht getäuscht. Er hatte seine Arbeit verloren.
Am Morgen war er als vergleichsweise junger Mann aus
dem Haus gegangen, ein Mann voller Kraft, voller Selbst-
vertrauen. Am Abend kehrte er als alter Mann zurück, als
gebrochener Mann durch und durch. Er hatte den Antrieb
im Leben verloren, die Unschuld seines Daseins. Für den
Rest seiner Tage blieb er ein Versager. F
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55 Diogenes Magazin
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Mein Vater hatte den Boden unter den Füßen verloren,
genau wie ich jetzt. Aber ich will mir diesen Boden zu-
rückerobern. Die Arbeiten für Esquire, die waren der erste
Schritt. Vielleicht war es ein Fehler. Zu sehr de profundis.
Mein bester Freund, ein großer amerikanischer Schriftstel-
ler – der Mann, den ich in einem der Esquire-Artikel mein
künstlerisches Gewissen nenne –, schrieb mir einen wüten-
den Brief. Er schrieb, es sei eine Dummheit, diese Art von
grüblerischem, persönlichem Kram zu schreiben.«
»Was sind Ihre Pläne für den Augenblick, Mr. Fitzge-
rald? Woran schreiben Sie gerade?«
»Ach, alles Mögliche. Aber lassen Sie uns nicht über
Pläne reden. Je mehr man über Pläne redet, desto unbedeu-
tender kommen sie einem vor.«
Fitzgerald ging nach draußen.
»Verzweiflung und immer nur Verzweiflung«, sagte die
Krankenschwester. »Verzweiflung Tag und Nacht. Am
bes ten, Sie sprechen nicht über seine Arbeit oder über die
Zukunft. Er arbeitet, aber nur sehr, sehr
wenig. Vielleicht drei oder vier Stunden
die Woche.«
Gleich darauf kehrte er zurück. »Wir
müssen den Schriftstellergeburtstag fei-
ern«, sagte er. »Wir schlachten das
gemästete Kalb, oder wenigstens den
geschmückten Kuchen.« Er goss sich
einen weiteren Drink ein. »Auch wenn Sie davon abraten,
meine Liebe.« Er lächelte dem Mädchen zu.
Getreu dem Rat der Krankenschwester lenkte der Besu-
cher das Gespräch auf die Anfangstage des Schriftstellers,
und Fitzgerald erzählte, wie Diesseits vom Paradies ent-
standen war.
»Ich habe es während meines Militärdienstes geschrie-
ben«, sagte er. »Ich war 19. Im Jahr darauf habe ich es dann
noch einmal neu geschrieben. Auch den Titel habe ich ge-
ändert. Ursprünglich hieß es Der romantische Egozentriker.
Diesseits vom Paradies, ist das nicht ein wunderbarer
Titel? Von Titeln, da verstehe ich was. Ich habe vier Ro-
mane und vier Sammlungen mit Erzählungen veröffent-
licht. Alle meine Romane haben gute Titel – Der große
Gatsby, Die Schönen und Verdammten, Zärtlich ist die
Nacht. Das ist mein neuestes Buch. Vier Jahre lang habe
ich daran gearbeitet.
Ja, Diesseits vom Paradies habe ich in der Army ge-
schrieben. Ich bin nicht in Übersee gewesen – meine Mili-
tärerfahrungen bestanden hauptsächlich darin, dass ich
mich in jeder Stadt, in die der Dienst mich verschlug, in ein
Mädchen verliebte.
Beinahe wäre ich an die Front gekommen. Wir sind tat-
sächlich bis zum Transportschiff marschiert, und dann
marschierten wir wieder zurück. Grippeepidemie oder so
was. Das war ungefähr eine Woche vor dem Waffenstill-
stand.
Wir lagen in Camp Mills, Long Island. Ich machte mich
heimlich davon nach New York – zweifellos hatte es mit
einem Mädchen zu tun – und verpasste den Zug zurück
nach Camp Sheridan, Alabama, unserem Ausbildungslager.
Und da habe ich Folgendes getan: Ich ging zum Penn-
sylvania-Bahnhof und requirierte eine Lokomotive und
einen Wagen, fuhr damit nach Washington, wo ich wieder
zur Truppe aufschloss. Den Leuten von der Bahn erzählte
ich, ich hätte vertrauliche Papiere für Präsident Wilson. Es
komme auf jede Sekunde an. Der Post könne man sie nicht
anvertrauen. Sie sind auf meinen Bluff hereingefallen. Ich
glaube, es war das einzige Mal in der Geschichte der ge-
samten US-Army, dass ein Lieutenant eine Lokomotive re-
quiriert hat. In Washington stieß ich wieder zu meinem
Regiment. Nein, Strafe habe ich keine bekommen.«
»Aber was war nun mit Diesseits vom Paradies?«
»Stimmt, ich schweife ab. Nach der Ausmusterung ging
ich nach New York. Scribners lehnte das Buch ab. Ich
wollte mir eine Stelle bei der Zeitung besorgen. Ich klap-
perte sämtliche Redaktionen ab, immer mit den Noten und
Texten der Triangle-Shows aus den letz-
ten drei Jahren unter dem Arm. In
Princeton war ich ein Held im Triangle-
Club gewesen, und ich dachte, das macht
Eindruck. Den Jungs in den Redaktionen
war das egal.«
Fitzgerald lernte einen Mann aus der
Werbung kennen, der ihm riet, die Finger
vom Zeitungsgeschäft zu lassen. Er verschaffte ihm eine
Anstellung bei der Agentur Barron Collier, und ein paar
Monate lang schrieb Fitzgerald Slogans für Reklametafeln
in der Straßenbahn.
In Diesseits vom Paradies zieht eine der Hauptgestalten
mit folgenden Worten über die Erfolgsschriftsteller der da-
maligen Zeit her (von denen manche bis heute erfolgreich
sind): »Fünfzigtausend Dollar im Jahr! Meine Güte,
sieh sie dir an – Edna Ferber, Gouverneur Morris, Fanny
Hearst, Mary Roberts Rinehart –, und nicht einmal alle zu-
sammen haben sie einen einzigen Roman oder eine einzige
Geschichte zustandegebracht, die länger als zehn Jahre hal-
ten wird. Dieser Cobb – den finde ich weder klug noch un-
terhaltsam – und ich glaube, außer seinen Verlegern gibt es
nicht viele, die das anders sehen. Der Mann ist beduselt vor
lauter Reklame.« Und zum Schluss verkündet der Bursche,
da sei es doch kein Wunder, dass englische Autoren wie
Wells, Conrad, Galsworthy, Shaw und Bennett die Hälfte
ihres Umsatzes in Amerika machten. Was hält Fitzgerald
nun von der hiesigen Literaturszene heute?
»Die ist um vieles besser geworden«, sagte er. »Main
Street, das war der Durchbruch. Für mich ist Ernest He-
mingway der größte lebende Schriftsteller in englischer
Sprache. Er ist auf Platz eins nachgerückt, als Kipling
starb. An nächster Stelle kommt Thomas Wolfe, dann
Faulkner und Dos Passos. Erskine Caldwell und ein paar
weitere sind knapp nach uns auf der Bildfläche erschienen,
aber sie haben nicht ganz so viel Erfolg gehabt. Wir sind
Kinder der fetten Jahre. Die beste Kunst wird in Zeiten des
Ein Schriftsteller wie
ich, der braucht
vollkommenes Vertrauen
auf sein Glück.
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Wohlstands produziert. Die Männer, die ein paar Jahre
nach uns kamen, hatten nicht die Chancen, die wir hatten.«
Als Nächstes wollte der Reporter wissen, was er von der
jazzverrückten, ginberauschten Generation, deren fiebern-
des Leben er in Diesseits vom Paradies beschrieb, heute
hält. Was war aus ihnen geworden? Wie gut schlugen sie
sich in der Welt?
»Warum soll ich mich um die kümmern?«, fragte er zu-
rück. »Habe ich nicht selbst genug Sorgen? Sie wissen ge-
nauso gut wie ich, was aus ihnen geworden ist. Einige sind
Börsenmakler geworden und haben sich aus dem Fenster
gestürzt. Andere wurden Banker und erschossen sich.
Wieder andere wurden Zeitungsreporter. Und aus einigen
wenigen wurden erfolgreiche Schriftsteller.«
Sein Gesicht zuckte.
»Erfolgreiche Schriftsteller!«, rief er. »Dass ich nicht
lache! Erfolgreiche Schriftsteller!«
Er stolperte hinüber zur Kommode und goss sich noch
einen weiteren Drink ein.

© New York Post
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Manfred Allié
M
ichel Moks Interview mit F. Scott Fitzgerald ist eine
der größten journalistischen Gemeinheiten aller Zei-
ten. So hatte ich es jedenfalls in Erinnerung, und so wird es
in Fitzgerald-Biographien dargestellt – ich habe gerade
noch einmal in einigen nachgesehen. Ich kenne kein ande-
res Interview mit einem Literaten, das in dessen eigener Le-
gende eine dermaßen große Rolle spielt. Doch als ich es
jetzt wiederlas, fand ich ein weitaus einfühlsameres und
scharfsichtigeres Porträt, als ich in Erinnerung hatte; wenn
ich es überhaupt je gelesen hatte, nicht nur darüber gelesen.
Vielleicht sind ja auch durch die Vulgarität unserer heuti-
gen Skandalpresse meine Sinne abgestumpft …
Mok gilt als Bösewicht in der Fitzgerald-Story, als einer
der großen, brutalen Schmetterlingsschänder der Litera-
turgeschichte. Und es lässt sich nicht leugnen, dass dieses
Interview dem Ansehen Fitzgeralds enorm geschadet hat
(einem Gerücht zufolge versuchte Fitzgerald, sich das
Leben zu nehmen, nachdem er es gelesen hatte); aber man
kann es doch auch lesen als eine populärere Version seiner
eigenen Crack-Up-Essays (Der Knacks) – eine lebendigere
Darstellung jenes geistigen und emotionalen Zusammen-
bruchs, den Fitzgerald selbst im selben Jahr ein wenig ab-
Ist Michel Moks Interview wirklich eine der
größten Gemeinheiten, die ein Journalist an
einem Schriftsteller verübt hat? Jay McInerney
hat das Corpus Delicti wiedergelesen und
seine Meinung revidiert.
Der
Schmetter-
lings-
schänder
Neuedition der Erzählungen – 93 Short Stories in 4 Bänden:
26 Erzählungen erstmals deutsch, 17 neu übersetzt,
50 in revidierter Übersetzung. Dazu vier Essays des Autors
(zwei davon erstmals deutsch).
ISBN 978-3-257-06720-0
Jeder Band auch einzeln erhältlich
»F. Scott Fitzgerald ist ein Schriftsteller, wie er
der Gegenwart fehlt. Seine Prosa trägt mit jedem Satz
das Gewicht der Welt, und es wirkt wie die
leichteste Übung überhaupt. Eleganz, das wusste
dieser Schriftsteller, ist eben der echte
Existenzialismus. Jetzt, spätestens, kann man
ihn wiederentdecken, diesen Schreiber, der
Buchstaben setzte wie Musiker Noten und mit
seinen Figuren durch das Jazz Age tanzte,
durch den Boom und den Crash, von den Weiten
des Mittleren Westens bis an die Côte d’Azur
und schließlich sogar bis an den Rand des Wahnsinns.«
Georg Diez/ Die Zeit, Hamburg
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Kommentar
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strakt in einer Reihe von autobiographischen Essays in der
Zeitschrift Esquire beschrieben hatte.
Im September 1936, als das Interview erschien, litt Ame-
rika noch immer an den Folgen der Wirtschaftskrise, und
vielen kamen die zwanziger Jahre wie das große Besäufnis
vor, das den Katzenjammer danach
verschuldet hatte. Fitzgerald war
zur Symbolfigur jener überschäu-
menden Generation nach dem Ers -
ten Weltkrieg geworden, jemand,
der nicht nur Chronist dieser Ära
war, sondern sie geradezu verkör-
perte. »Einen kurzen Augenblick
lang, bevor klar wurde, dass ich
für diese Rolle nicht geeignet
war«, schrieb er in der Aufsatz-
sammlung My Lost City, »wurde
ich in eine Position gedrängt, in
der ich nicht nur Sprachrohr jener
Zeit, sondern auch deren typi-
scher Vertreter war.« Zumindest
lieferten er und seine schöne Frau
Zelda eins der unvergesslichen
Bilder der Epoche, als sie nach
einem angeregten Abend in Ball-
kleid und Abendanzug in den
Brunnen des New Yorker Plaza-
Hotels stiegen. Die Fitzgeralds
waren Inbegriff dieses Ȇber-
schwangs der Jugend«, und ein
paar Jahre lang schienen sie die Rolle zu genießen – Jahre,
in denen Fitzgerald großartige Bücher schrieb, darunter
eines der Meisterwerke der Goldenen Zwanziger, Der
große Gatsby.
Wenn man es heute liest, scheint Der große Gatsby wie
ein Nachruf auf diese Epoche; es ist, neben vielem anderen,
eine hellsichtige Prophezeiung, die das Ende der Party be-
reits beschreibt, eine feine Kritik des so
schreiend zur Schau gestellten Materia-
lismus der Zeit – auch wenn Der große
Gatsby sich damals weit schlechter ver-
kaufte als Diesseits vom Paradies, das
Buch, das den Beginn des Jazz Age mar-
kiert und seinen Autor zum Star machte.
Ist schon die Stellung als Sprachrohr
einer Generation nicht von Dauer, so sieht es noch
schlechter für jemanden aus, der als Symbolfigur einer Ära
das Pech hat, länger zu leben als diese Ära selbst. In den
folgenden Jahren steuerte Fitzgerald, vom Ausland aus,
weiterhin Geschichten über Charleston-Mädchen und
übermütige Undergraduates für die Saturday Evening Post
bei, so sehr ihm auch der Alkohol und Zeldas immer labi-
lere Psyche zu schaffen machten. 1930 war er mit Zelda in
Nordafrika und schrieb, er habe »einen dumpfen Knall in
großer Ferne« vernommen, »der bis in die fernsten Winkel
der Wüste nachhallte«. Als er 1931 in die Vereinigten Staa-
ten zurückkehrte, fand er ein ganz anderes Land vor als
das, über das er geschrieben hatte. Zärtlich ist die Nacht er-
schien 1934, als die privilegierten Gestalten, die das Buch
bevölkern, schon gründlich aus der Mode gekommen
waren. Der Kritiker Philip
Rahv schrieb in seinem Ver-
riss für den linken Daily
Worker: »Vor einem Wirbel-
sturm kann man nicht Zu-
flucht unter einem Sonnen-
schirm suchen.« Der
Wirbelsturm war die Wirt-
schaftskrise, vielleicht auch
der Wille des Proletariats.
Für diejenigen, die weder
den Daily Worker noch die
New York Times Book Re-
view lasen, bot Moks Inter-
view eine moralisch befriedi-
gende Antwort auf die Frage,
was denn eigentlich aus dem
Burschen geworden war, der
immer über die verruchten
Mädchen und über den Gin in
der Badewanne geschrieben
hatte. Sein Porträt des Künst-
lers als armseliges Wrack hielt
sich beinahe ebenso hartnäckig
wie vorher das Klischee vom
ewig beschwipsten Wunderknaben. Fitzgerald war kein
Sprachrohr seiner Generation mehr, aber er konnte von
neuem ihr Symbol sein, diesmal als Bild ihres Ausge-
branntseins, wie der sprichwörtliche Börsenmakler, der
aus dem Fenster sprang.
Moks Porträt ist hässlich, aber es ist nicht unfair, und
dass es so eindrucksvoll ist, liegt nicht zuletzt daran, dass
Fitzgerald selbst mithilft, als ihm die
Hosen ausgezogen werden. Was war in
ihn gefahren, fragt man sich unwillkür-
lich, sich dermaßen bloßzustellen? Es ist
fast, als habe er sich entschieden, noch
einmal ein Symbol zu sein, selbst wenn
das bedeutete, dass er sich in seinem gan-
zen Elend offenbarte; noch einmal wollte
er beweisen, dass er der Inbegriff einer Generation war,
und präsentierte sich als exemplarisches Opfer all ihrer
Schwächen. Dass dieses Dokument einem so zu Herzen
geht, ja dass es beinahe unerträglich ist, liegt daran, dass
Fitzgerald darin seine literarischen Leistungen so vollkom-
men unterschätzt – sein Werk, das ihm den posthumen
Ruhm bescherte, wenn auch für immer verquickt mit dem
tragischen Mythos seines Lebens.

Aus dem Englischen übersetzt von Manfred Allié
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Fitzgerald hatte
das Pech, als Symbol-
figur einer Ära
länger zu leben als
diese Ära selbst.
59 Diogenes Magazin
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it fünfundzwanzig war F. Scott
Fitzgerald ein schöner Mann –
aber man sah ihn gern. Er war ein Ta-
lent – aber er hatte Erfolg. Er war ver-
liebt in seine Frau – aber sie liebte ihn
auch. Er verdiente viel Geld – aber er
liebte den Luxus. Er liebte die Men-
schen – aber sie liebten ihn nicht min-
der. Er war jung – aber er machte gern
Dummheiten. Er liebte den Alkohol –
aber er vertrug ihn.
Wenn ich ›aber‹ statt ›und‹ sage, so
im Gedanken an viele Biographen,
viele Kritiker, viele Literarhistoriker
und ihre düsteren, gemeingängigen
Theorien übers Kunstschaffen: In
ihren Augen hat ein Künstler un-
glücklich zu sein. Was für ein Suhlen
in Mussets Tuberkulose, Baudelaires
Melancholie, Stendhals Misserfolgen
oder Balzacs Gläubigern. Man muss
sie verstehen: Talent ist undefinierbar,
unerfassbar und unverdient, also ge-
hört es bestraft. Nun, Scott Fitzge-
ralds Leben mit fünfundzwanzig Jah-
ren war eine einzige Herausforderung
an dieses eifersüchtige und trübsin-
nige Moralgesetz.
Man darf sich sogar fragen, ob
Scott Fitzgerald, hätte er nicht
den Takt besessen, zur gleichen Zeit
wie seine Frau im Alkoholismus im
Wahnsinn zu versinken, ob er, sage
ich, seinen Platz in den Rängen der
Literatur hätte behaupten können.
Stellen Sie sich vor, er wäre alt, glück-
lich und talentiert in einem hübschen
Cottage in Connecticut gestorben! Es
ist nicht auszudenken.
Schon seine glanzvollen zwanzig
Jahre kamen ihn teuer zu stehen. Fri-
vol hat man ihn genannt, als ob das
Glück frivol sein könnte. Blasiert, als
ob der Alkoholismus blasiert sein
könnte; schwach, als ob Schriftstelle-
rei sich mit Schwäche vertrüge; be-
schränkt, als könnte Grazie be-
schränkt sein. Wahr ist, dass es
Fitzgerald an einem Fehler mangelte,
dem Egoismus. Sein Leben begeisterte
ihn genauso wie sein Werk. Er fühlte
mit seinen Nächsten genauso wie mit
seinen Helden. Er wollte nicht, dass
der Ruhm das Glück erstickte, er
wollte vielmehr, dass das eine das
Echo des anderen sei.
Und es war tatsächlich der Zufall,
der ihn um beides gebracht hat, ein
sehr geliebter Zufall namens Zelda,
für die er starb, wie er gelebt hatte.
Echtbürtige Schriftsteller pflegen sich
nicht als echtbürtige Liebende zu er-
weisen, aber Fitzgerald war eins so
gut wie das andere, das hat ihn umge-
bracht.
Doch gibt gerade das seinen Bü-
chern jene ursprüngliche Gewieftheit,
jenen sonst nirgendwo vernehmbaren
Sound, jene seltsam zerrissene Süße,
jene leuchtende Schwermut, kurzum
jenen unvergleichlichen Schmelz, des-
sentwillen die Kollegenschaft ihn um
seine Spleens wie seinen Untergang
beneidet.

Aus dem Französischen von
Christel Gersch
Er wollte nicht, dass der
Ruhm das Glück erstickte,
er wollte vielmehr,
dass der eine das Echo
des anderen sei.
Françoise Sagan
Der große Fitzgerald
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Hommage
60 Diogenes Magazin
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as nur wenige wissen – Kommissar Maigret hatte
einen echten Doppelgänger: Kommissar Guillaume,
den Simenon im berühmten Hauptquartier der Pariser Kri-
minalpolizei am Quai des Orfèvres kennenlernte und von
dem er sich viele Details für Maigret abschaute.
»Als ich die ersten sechs oder sieben Maigrets
schrieb«, so Simenon, »war ich noch nie bei der Krimi-
nalpolizei gewesen. Ich war zwar am Quai des Orfèvres
gewesen, weil ich so gern an der Seine spazieren ging,
aber ich hatte keine Ahnung von der Polizeiorganisation.
Als die ersten Maigrets erschienen waren, erhielt ich
einen sehr netten Brief von Xavier Guichard, dem damali-
gen Chef der Kriminalpolizei, in dem er mich einlud, ihn
zu besuchen. Das habe ich natürlich getan. Da habe ich
Guillaume kennengelernt, und wir sind gute Freunde ge-
worden.«
Die Ähnlichkeiten zwischen Kommissar Guillaume und
Maigret waren verblüffend, nur dass Guillaume Zigaret-
ten rauchte statt Pfeife. Als Guillaume 1937 in Rente ging,
schickte Simenon, als Abschiedsgeschenk, auch seinen
Kommissar in den Ruhestand – zum Glück aber nur in
einer Erzählung, die hier zum ersten Mal auf Deutsch er-
scheint.
Cover links: Kommissar Guillaume und Simenon auf dem
Cover der Zeitschrift ›Confessions‹, in der die Geschichte
›Maigret im Ruhestand‹ zum ersten Mal erschien, 1934.
Buchcover rechts: Guillaume veröffentlichte 1938 seine
Erinnerungen unter dem Titel ›37 Jahre mit der Unterwelt‹.
Maigrets Doppelgänger:
Kommissar Guillaume
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ar’s denn nicht der blonde junge
Mann mit der Brille?«, fragte ich.
Kommissar Maigret begnügte sich
damit, mir einen Blick zuzuwerfen,
als wollte er mir sagen: ›Haben Sie
denn immer noch nicht verstanden,
dass der junge Mann mit der Brille,
von dem am Anfang des Romans die
Rede ist, als Täter nicht in Frage
kommt?‹
»Aber der Straßenkehrer …«, wandte
ich ein.
»Ach ja, der Straßenkehrer …«
Ein feines Lächeln umspielte seine
Lippen, die der lang herabhängende
Schnurrbart halb verdeckte.
»Aber Sie bestreiten doch nicht
etwa, dass der Geheimbund ein Inter-
esse daran hatte…«
Maigret brummte vor sich hin,
nahm Rapporte entgegen, empfing
Leute, die behaupteten, Gespräche
mitangehört zu haben, die vorgaben,
etwas zu wissen.
Am Samstag, wenn Kommissar
Maigret im achten oder neunten Kapi-
tel nur noch vierzig Seiten bleiben,
um den Schuldigen zu überführen, ist
er schweigsamer als sonst, brummt
fast die ganze Zeit vor sich hin und
redet nur, um lästige Besucher mit
einem groben Schimpfwort zu ver-
scheuchen.
Waren es die vier Patronenhülsen,
die sein Interesse erregten? Oder viel-
leicht der kleine Dolch, von dem die
einen behaupteten, er beweise, dass
ein Spanier der Täter sei, während die
anderen auf einen Italiener tippten?
Im dritten Kapitel, also etwa am
Mittwoch, war ein weiblicher Rache-
akt in Erwägung gezogen worden.
Im vierten Kapitel war vom Dop-
pelleben des Opfers die Rede gewe-
sen.
Maigret rührte sich nicht von der
Stelle, rauchte, empfing Besucher,
verfolgte bedächtig seine Spur, ohne
sich ablenken zu lassen.
Am Sonntag saß er wieder in sei-
nem Büro. Plötzlich schob er alle Pa-
piere zusammen, erhob sich mit
einem Seufzer, nahm seinen Überzie-
her vom Haken und griff nach seiner
Melone.
»Das geht doch nicht!«, sagte ich.
»Sie können die Lösung noch nicht
gefunden haben. Wir sind erst im
neunten Kapitel und…«
»Kommen Sie?«, entgegnete er.
»Ich muss das Büro abschließen.«
»Wollen Sie an den Tatort zurück-
kehren?«
»Auf gar keinen Fall.«
»Sie werden mir doch nicht weis-
machen wollen, dass Sie gleich jeman-
den verhaften werden?«
Wir standen auf dem Gang vor
Maigrets Büro. Der Kommissar mon-
tierte in aller Ruhe das Schild mit sei-
nem Namen und seinem Titel von der
Tür ab.
»So, das hätten wir«, sagte er nur.
»Was hätten wir?«
»Das sehen Sie doch! Ich gehe
jetzt. Und zwar nach Hause. Nach
Hause, verstehen Sie?«
»Aber der blonde junge Mann mit
der Brille … aber der Straßenkehrer …
der Geheimbund, der …«
»Das geht mich nichts mehr an…
wir haben heute den 31. Januar … ab
Mitternacht bin ich nicht mehr
Hauptkommissar, sondern…«
»Hauptkommissar im Ruhe-
stand…Kommissar Maigret a. D.!«
So endete Kommissar Maigrets
letzte Ermittlung im Ruhestand.
S
ie wüssten jetzt sicher gern, um
welchen Maigret es sich handelt?
Ich spreche natürlich vom echten
Kommissar, oder vielmehr vom fal-
schen, der nicht Maigret, sondern
Guillaume heißt. Aber nicht doch, es
stimmt schon, es handelt sich wirklich
um den echten Kommissar, der dem
falschen als Modell diente …
Vielleicht fangen wir doch ganz von
vorne an. Also, Kommissar Maigret
Maigret montierte
in aller Ruhe das Schild
mit seinem Namen
von seiner Tür ab.
Exklusiv
Georges Simenon
Maigret im Ruhestand
61 Diogenes Magazin
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(diesmal meine ich den Kommissar
meiner Romane) verdankt seine Exi-
stenz nämlich dem reinen Zufall …
Maigret hat nicht einmal in Frank-
reich das Licht der Welt erblickt,
sondern in Holland, und zwar im
Jahre 1929 oder 1930, als mein Schiff,
das nach einem Sommer auf der
Nordsee überholungsbedürftig war,
in die Werft gebracht werden musste.
Von morgens bis abends hämmer-
ten die Kalfaterer auf Teufel komm
raus, so dass ich mir in meiner Kabine
vorkam wie unter einer großen Kir-
chenglocke, die den Ostersonntag
einläutet.
Da ich um jeden Preis arbeiten
musste, allein schon, um diese Leute
zu bezahlen, suchte ich mir im hinters -
ten Winkel des Hafens einen Schoner,
der schon vor Jahren gestrandet war,
aber in dem zum Glück das Wasser nur
zehn Zentimeter hoch stand. Eine Kiste
benutzte ich als Sitz, eine andere als
Unterlage für meine Schreibmaschine,
ein paar Backsteine dienten mir als
wackelige Fußbank. Hier also wurde
Maigret geboren, wobei mir einige
verdutzte Ratten, wie Ochs und Esel
an der Krippe, Gesellschaft leisteten.
Ich hatte weder Conan Doyle noch
Edgar Wallace gelesen, nichts von Lo-
card, Grotz oder Reiss, ich war noch
nie im Polizeipräsidium am Quai des
Orfèvres gewesen, und die einzigen
Polizisten, die ich kannte, waren die
Männer in Uniform, die mit ihren
weißen Stäben an den Straßenkreu-
zungen den Verkehr regelten.
Warum ich mir in den Kopf gesetzt
hatte, Kriminalromane zu schreiben,
ist mir heute noch ein Rätsel. Viel-
leicht einfach nur, weil mein Verleger
von mir kosmopolitische Unterhal-
tungsromane verlangte. Ich sagte mir:
›Polizeikommissar ist im Grunde ein
Beruf wie jeder andere. Kommissare
sind bestimmt auch ganz normale
Leute…‹
So wurde Maigret ein Mensch wie
jeder andere, ein braver Mann, der sei-
nen Beruf so gewissenhaft wie mög-
lich ausübte.
Sobald der Roman fertig war,
schickte ich ihn nach Paris, und da
auch die Kalfaterer inzwischen ihre
Arbeit beendet hatten, ging ich wieder
auf mein Schiff und fuhr nach Wil-
helmshaven. Dort ankerte ich in der
Nähe eines Brückenpfeilers und nahm
ein neues Buch in Angriff. Gleich am
nächsten Tag kam jemand von der Be-
hörde und scheuchte mich fort. So an-
kerte ich etwas weiter weg vor einer
Insel, die aus etwa vierzig vor sich hin
rostenden Torpedobooten bestand.
Die Geburt Maigrets sollte mühsam
vonstatten gehen. Ich war noch nicht
einmal beim zweiten Kapitel ange-
langt, als ein Mann von der Spionage-
abwehr (diesmal ein echter Polizist,
der erste, den ich aus nächster Nähe
kennenlernte) anrückte und von mir
wissen wollte, warum ich mir ausge-
rechnet einen deutschen Hafen für
meine Tippübungen ausgesucht hatte.
Da er mir die Harmlosigkeit meiner
Arbeiten nicht abnahm, ließ er sich in
meiner Kabine nieder und durchfors -
tete stundenlang meinen Text.
»Was bedeutet dieser Satz genau?«,
fragte er argwöhnisch. Oder: »Was
sollen die drei Sternchen nach diesem
Abschnitt?« Er war mein erster Leser.
Was er las, imponierte ihm offenbar
so wenig, dass er mich aufforderte,
mitsamt meinem unvollendeten Mai-
gret-Roman binnen achtundvierzig
Stunden die deutschen Gewässer zu
verlassen.
Ein unvollendeter, vor allem ein
unfertiger Maigret: Mein Kommissar
war zwar voll guten Willens, aber
wenig vertraut mit den Regeln seines
Berufs, geschweige denn mit den
Gesetzen seines Landes. In seinem
Eifer verwechselte er Kriminalpolizei
und Sicherheitspolizei, Wachtmeister,
Gendarmen und Polizeistreifen.
Hauptächlich aber war er sich nicht
zu gut dafür, höchstpersönlich einen
Verbrecher zu beschatten, selbst
wenn er dafür im strömenden Regen
herumstehen musste und nasse Füße
bekam.
O
bwohl er sozusagen mein Kind
war, fand ich ihn doch ein wenig
blass und angekränkelt. Ich begann,
mir ernsthafte Sorgen zu machen, und
eines schönen Tages überwand ich
meine Schüchternheit und sprach im
Polizeipräsidium am Quai des Or-
fèvres vor, um »echte« Polizisten ken-
nenzulernen.
Ich war sehr überrascht, als mir
Xavier Guichard, damals Direktor der
Kriminalpolizei, mit verschmitztem
Lächeln sagte: »Soll ich Ihnen Kom-
missar Maigret vorstellen?«
Der leibhaftige Maigret, dem ich
dann gegenüberstand, war ein brum-
miger und gleichzeitig sehr feinfühli-
ger Mensch, starrköpfig wie ein
Maulesel, so starrköpfig, dass er hart-
näckig weiter Zigaretten rauchte und
nicht begreifen wollte, dass er mir
damit meine Figur verdarb, die unab-
lässig an ihrer Pfeife sog. Stattdessen
hatte er eine Art, einen anzublicken,
als wäre man durchsichtig. Und eine
Art, einem zuzuhören, als wäre er mit
seinen Gedanken ganz woanders. Um
dann plötzlich seinen Gedanken mit
einem lauten »Merde!« Nachdruck zu
verleihen...
Was blieb meinem Maigret dann
noch übrig, als dem anderen alles ab-
zuschauen – alles bis auf die Zigarette
natürlich. Kurz gesagt, dem echten
Kommissar möglichst ähnlich zu
werden. So ähnlich, dass er keinem
herkömmlichen Polizisten der Krimi-
nalromane mehr glich und keinen ein-
zigen genialen Geistesblitz mehr
hatte.
Ich weiß, dass Kommissar Guil-
laume mir nicht böse ist, wenn ich das
sage, und dass ihm allein bei der Vor-
stellung, dass die Polizisten mit genia-
len Geistesblitzen arbeiten, die Haare
zu Berge stehen würden. Auch hat er
es Maigret nicht übelgenommen, als
dieser nach einem Tag im Büro seines
Vorbilds vor sich hinbrummte: »Das
ist ja ein Kinderspiel!«
Was blieb meinem
Maigret denn noch übrig?
Dem anderen alles
abschauen – alles außer
der Zigarette.
63 Diogenes Magazin
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orgens um neun betreten eine
Hand voll Inspektoren das
Büro ihres Chefs. Sie rauchen Ziga-
rette oder Pfeife. Paris hat wieder eine
aufregende Nacht hinter sich, doch
nur ein paar Protokolle und Tele-
gramme, die der Chef flüchtig durch-
blättert, zeugen in dürren Worten von
den dramatischen Ereignissen.
»Sagen Sie mal, Guillaume, Ihre
Kunden haben in der Rue d’Haute-
ville wieder ein Höllenspektakel ver-
anstaltet.«
»Halb so schlimm! In drei oder
vier Tagen sind sie hinter Schloss und
Riegel …«
Guillaumes Kunden bohren Lö-
cher in Zimmerdecken und haben
in den letzten vier Wochen schon
zwanzig Mal bei Juwelieren oder
Pelzhändlern eingebrochen. Im Poli-
zeipräsidium heißen sie nur noch
»Guillaumes Kunden«, weil der
Kommissar sie seit einem Monat be-
schatten lässt und den Moment ab-
wartet, wo er sie überführen kann.
Einer der Inspektoren liest einen
gehässigen Zeitungsartikel vor: »Es
sieht mal wieder so aus, als habe die
Polizei es aufgegeben, den Mörder der
Schankwirtin in der Rue Picpus fest-
nehmen zu wollen. Die Ermittlungen,
die vor drei Monaten begannen, wur-
den eingestellt.«
Das stimmt nicht. Ermittlungen
werden nie eingestellt. Aber wie soll
man das den Leuten erklären, die
nicht wissen, dass man nichts tun
kann als warten und dass der Mörder,
den man nicht aus den Augen lässt,
zwangsläufig in einem oder auch erst
zehn Monaten gefasst wird.
»Ein geheimnisvolles Verbrechen.
Die Ermittlungen fördern sicher
Überraschungen zutage…«
Aber nein! Maigret zieht jetzt ver-
sonnen an seiner Pfeife, wie er es sich
bei seinem Kollegen Guillaume abge-
schaut hat, der an seiner erloschenen
Zigarette saugt. Man kann solchen
Schwätzern nicht den Mund verbie-
ten. Wenn man vierzig Jahre lang im
Amt war, entwickelt man ein Gespür
für das Werk eines Geisteskranken.
Es ist gut möglich, dass diese Tat, von F
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Maigret-Sammler
»Süchtig nach Simenon wird man rasch, André Gide, einer der ganz großen Verehrer, prägte dafür den Begriff der
›Simenonitis‹« (Neue Zürcher Zeitung). Zum Abschluss der 75-bändigen Maigret-Gesamtausgabe präsentieren wir
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über 700 Fotos) im Wert von € 49.–
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Diogenes Verlag AG, Sprecherstr. 8,
CH-8032 Zürich oder per Mail an:
werbung@diogenes.ch
Thomas Wieser, Buchkirchen (AT)
Stephan Maurer, Nürnberg (D)
Gerd Hövelmann, Rheda-Wiedenbrücke (D)
Harald Gentsch, Murrhardt (D)
Sabrina Krenzel, Berlin (D)
Wolfgang Taeffner, Köln (D)
Rolf Zöllner, Pfaffenhofen/ Ilm (D)
Jürgen Saballek, Garbsen (D)
Walburga Becker, Telgte (D)
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Sein Leben in Bildern
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65 Diogenes Magazin
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der man so großes Aufhebens macht,
von einem Patienten einer Irrenanstalt
oder eines Psychiaters begangen
wurde.
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chießerei in der Rue de Douai …«,
sagt der Chef. Und Maigret
brummt: »Dubois, hol doch mal
Grand Louis her …«
Danach wird er Grand Louis stun-
denlang im Wartezimmer schmoren
lassen und dann bei seinem Anblick
scheinheilig ausrufen: »Herrje! Du
warst da, und man hat mir nichts
davon gesagt? So was Dummes! Noch
dazu handelt es sich nur um eine
belanglose Formalität … komm her-
ein… nimm Platz … eine Zigarette?
… Wie geht es deinem Bruder? …«
Die »belanglose Formalität« wird
sich über acht oder mehr Stunden hin-
ziehen und mit der Verhaftung von
einem halben Dutzend Verbrechern
enden.
Versuchen Sie doch mal, Polizeiar-
beit mithilfe von genialen Einfällen,
Zigarettenasche, überaus scharfen
Lupen oder mit ungeheuer schnellen
Autos und Maschinengewehren zu
verrichten…
Maigret zog es vor, sich bescheiden
in eine Ecke von Kommissar Guillau-
mes Büro zu setzen, von wo aus er
vor gar nicht langer Zeit die Auflö-
sung eines Falles aus nächster Nähe
miterlebt hatte.
»Nehmen Sie doch bitte Platz!«
An sich ein harmloser Satz. Aber
wenn Kommissar Guillaume sich so
höflich an einen Mann wendet und
ihm in seinem Büro einen Stuhl zu-
weist …
»Es tut mir leid, dass ich Sie so
lange habe warten lassen. Ich musste
wegen einer anderen Angelegenheit
zum Chef … was wollte ich Sie nur
fragen?…«
In diesem Augenblick verhält sich
Kommissar Guillaume haargenau wie
Maigret. Bekümmert zupft er an sei-
nem herabhängenden Schnurrbart.
»Ach ja, jetzt fällt es mir wieder
ein... es stimmt doch, dass der Kassie-
rer Truphème mit dem Wechsel um
zehn Uhr bei Ihnen vorbeikam, oder?«
»Ja, es war um zehn…«
»Schlamperei … der Inspektor hat
vergessen, die Uhrzeit in seinem Pro-
tokoll zu vermerken…«
Ein geradezu burleskes Verhör. In
keiner Weise beeindruckend. Überaus
jovial. Aber auch überaus tragisch.
Der Herr, der auf seinem Stuhlrand
hin- und herrutscht und der als freier
Mann ins Polizeipräsidium gekom-
men ist, heißt Mestorino.
Guillaume hat nichts gegen ihn in
der Hand, kein Zipfelchen eines Be-
weises. Schon zwei Mal wurde er
in diesem Büro verhört, ohne dass
man ihm das Geringste nachweisen
konnte. Doch Kommissar Guillaume
ist überzeugt, dass Mestorino den
Kassierer Truphème ermordet hat,
und fest entschlossen, noch an diesem
Abend ein Geständnis zu bekommen.
»Ich will Sie nicht länger aufhal-
ten… aber da Sie schon einmal hier
sind…«
Allerdings ist Mestorino hier, und
da bleibt er auch weitere achtzehn
Stunden, auf demselben Stuhl festge-
nagelt, unter vier Augen mit dem
Kommissar, der nach einiger Zeit Bier
und Sandwiches kommen lässt, mun-
ter weiterredet und dabei isst und
trinkt .
»Ich habe mir gesagt, da Sie ja den
Wechsel bezahlt haben, hatte der Kas-
sierer Ihre 30 000 Francs bei sich, als
er umgebracht wurde… der Mörder
hat ihm das Geld gestohlen… wir
müssten nur die Nummern der Bank-
noten kennen…«
»Ich habe sie nicht aufgeschrie-
ben…«
»Natürlich nicht. Sie konnten ja
nicht vorhersehen, was geschehen
würde. Ich notiere auch nie die Num-
mern meiner Banknoten… es gäbe
aber vielleicht eine andere Möglich-
keit … Sie hatten doch sicher nicht
30 000 Francs bei sich zu Hause…Sie
haben sie bei der Bank geholt …wer
weiß, vielleicht kennt die Bank die
Nummern?«
»Davon ist mir nichts bekannt«
»Waren die Banknoten neu?«
»Ich weiß nicht …«
»Das ist wirklich ärgerlich! Versu-
chen Sie doch, sich zu erinnern … Sie
würden uns einen großen Dienst er-
weisen... bei welcher Bank haben Sie
denn das Geld abgehoben?«
»Ich erinnere mich nicht mehr …«
Uff! Die erste Runde wäre über-
standen: Es ist eindeutig, dass Mesto-
rino die 30 000 Francs nicht hatte und
der Wechsel nicht bezahlt wurde.
»Haben Sie keinen Durst? Soll ich
Ihnen ein Bier heraufbringen lassen?«
»Gern…«, würgt der andere mit
trockener Kehle heraus.
»Wo sind wir?… Ach, ja … na so
was! Wo ist nur mein Gesetzbuch
hingekommen?«
Und der Kommissar kramt in sei-
nen Papieren, ruft einen Inspektor,
hält endlich das Buch in der Hand, wo
er Gott weiß was sucht.
»Aha! Das dachte ich mir. Viel
kann Ihnen nicht passieren. Schließ-
lich haben Sie Truphème ja nicht ge-
tötet …«, er lacht herzlich, »…aller-
dings bin ich gezwungen, Sie wegen
Falschaussage zu belangen… sehen
Sie selbst, was Ihnen das einbringt …
denn Sie werden mir doch nicht weis-
machen wollen, dass Sie Ihren Wech-
sel bezahlt haben… daran gibt es
wirklich keinen Zweifel, alter Freund
… Sie sollten wirklich auspacken…
außerdem sind Sie ja nicht vorbestraft
und können daher mit Bewährung
rechnen…«
Schweigen. Der Kellner hat wieder
Bier hochgebracht. F
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66 Diogenes Magazin
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WE PRINT
UM NICHTS VORWEGZUNEHMEN, ABER…
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67 Diogenes Magazin
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»Ich werde Ihnen jetzt sagen, wie
sich die Dinge abgespielt haben. Als
Truphème Sie aufsuchte, hatten Sie
noch keine Zeit gehabt, auf die Bank
zu gehen, daher haben Sie ihn gebe-
ten, später wiederzukommen. Da er
Sie kannte und wusste, dass Sie ein se-
riöser Kaufmann sind, hat er den
Schuldschein dagelassen und Ihnen
gesagt, dass er gegen Mittag noch ein-
mal vorbeischaut. Er ist jedoch nicht
wiedergekommen, weil er vorher um-
gebracht wurde. Sie haben die Unvor-
sichtigkeit begangen, den Wechsel zu
behalten, ohne zuzugeben, dass Sie
ihn nicht bezahlt haben … Das
Schlimmste, was Ihnen passieren
kann, ist, dass man Sie des Betrugs an-
klagt!«
Ende der zweiten Runde. Inzwi-
schen sind Stunden vergangen. Die
Nacht ist hereingebrochen, die Gänge
sind leer.
»Aha! Sie geben also zu, dass Sie
den Wechsel nicht bezahlt haben. Es
ist aber zu spät, um Ihre Aussage
rückgängig zu machen. Sie haben be-
reits unterschrieben. Ich möchte jetzt
nur noch bemerken, dass mehrere
Zeugen ausgesagt haben, Truphème
habe Ihnen nicht über den Weg ge-
traut und hätte Ihnen niemals einen
unbezahlten Wechsel überlassen. Ihre
Geschäfte gingen schlecht, alle Welt
wusste das. Mehrmals hat der Kassie-
rer Sie angepöbelt. Ich bin sicher, dass
er an jenem Morgen noch ausfälliger
wurde als sonst, dass er Sie vielleicht
sogar bedrohte, was Sie sicher in Har-
nisch gebracht hat …nehmen wir ein-
mal an, er ist mit dem Kopf gegen
die Schreibtischkante gestoßen … das
Strafgesetzbuch liegt vor Ihnen …
sehen Sie unter fahrlässiger Tötung
nach… ich erinnere mich nicht mehr
an das Strafmaß…«
Die Nacht geht zu Ende, der Mor-
gen graut, im Polizeigebäude beginnt
erneut das ständiges Kommen und
Gehen. Immer wieder schaut jemand
durch den Türspalt herein, sieht Mes -
torino auf demselben Stuhl sitzen
wie am Vorabend und auf dem
Schreibtisch den von Zigarettenstum-
meln überquellenden Aschenbecher.
G
eben Sie’s doch zu, mein Lieber,
damit wir endlich ins Bett kom-
men. Danach ist Ihnen bestimmt
wohler!«
Das erste Schuldbekenntnis, das
dem gesprochenen Wort vorangeht,
ist ein ekelerregender Geruch, der
plötzlich den Raum durchzieht und
der sowohl den seelischen als auch
den körperlichen Zusammenbruch
verrät.
»Unterschreib endlich! Und dann
ab ins Bett mit dir…«
Manchmal sagte ich mir: ›Dieser
Maigret ist einfach zu blöde, um etwas
Ordentliches zustande zu bringen. Er
ist zu sentimental. Es kommt sogar
vor, dass er während einer Untersu-
chung feuchte Augen bekommt …‹
Worauf Maigret mir den Rauch ins
Gesicht blies und entgegnete: »Glau-
ben Sie bloß nicht, dass Guillaume aus
Holz ist! Natürlich brüllt er manch-
mal, ich ja schließlich auch …«
Dann sagte er ganz unvermittelt:
»Wissen Sie, nach wem Mestorino
rief, wenn er in seiner Zelle vor lauter
Verzweiflung schier wahnsinnig wur-
de? Nach Kommissar Guillaume!«
Man kann auch freundlich mit
einem Menschen umgehen, den man
ins Zuchthaus schickt.
»Du bist ein kleiner Dummkopf,
das bist du. Ein Angeber, der seiner
Freundin zeigen will, was für ein tol-
ler Kerl er ist. Und da hast du die
Schankwirtin wie ein Blödian, der du
nun mal bist, niedergeschossen, und
hast dazu nicht einmal Handschuhe
angezogen. Geschieht dir ganz recht...
das nächste Mal …«
Erstaunlicherweise bricht der
junge Mann in Tränen aus und bittet
um Verzeihung, als hätte seine Mutter
ihn ausgeschimpft.
»Im Bois de Boulogne wurde der
Leichnam von … eine Riesenaffäre,
Kommissar!«
Der Kommissar brummt vor sich
hin, verfolgt bedächtig und unbeirr-
bar sein Ziel. Er lässt sich nicht aus
der Ruhe bringen, selbst wenn ein
Verbrechen noch so unlösbar scheint,
und selbst wenn die Tageszeitungen
auf der ersten Seite darüber berichten.
…der junge Mann mit der Brille…
der Straßenkehrer …die Geheimpoli-
zei und die Mafiabosse…Dienstag…
Zeugenvernehmungen… Beweisauf-
nahmen… Freitag… Zeugenaus -
sagen, die sich als Lügengespinst
erweisen … Überprüfung des Beweis -
materials …
Da zieht der Kommissar seinen
Mantel an, setzt seinen Hut auf und…
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er Mann, der meinem Maigret als
Vorbild diente, spaziert gemäch-
lich davon und, wie sein erfundener
Kollege auch, in den Ruhestand,
wobei er versonnen an seiner…
Hoppla! Da hätte ich ihm doch fast
eine Pfeife verpasst! Warum zum
Teufel will er sich das Zigarettenrau-
chen nicht abgewöhnen?
Was die Lösung des rätselhaften
Falles im Bois de Boulogne betrifft, so
kann er sie ja später einmal in der Zei-
tung nachlesen!

Aus dem Französischen von Ursula Vogel
1072 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06682-1
Zum Abschluss der Neuedition
der Maigret-Romane:
sämtliche Maigret-Geschichten
zum ersten Mal in einem Band.
27 Maigret-Kurzgeschichten,
zwischen 1936 und 1950
ent standen – von Die Aussage
des Ministranten bis
Weihnachten mit Maigret.
Buchtipp
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Georges
Simenon
fotografiert von
Robert
Doisneau
70 Diogenes Magazin
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er erste der Maigret-Romane ist
mir einer der liebsten. Er ist
nicht der raffinierteste, gleichwohl
höchst spannend und von einer so
verrückten Konstruktion getragen,
dass man einfach nicht darauf kom-
men kann. Selbstverständlich verrate
ich sie nicht. Nur so viel: Simenon
stellt hier seinen Kommissar Maigret
ausführlich vor, ohne zu ahnen, wie
erfolgreich die Figur einmal sein wird.
Er gibt ihr schon die grundsätzlichen
Eigenheiten: ein wuchtiger Mann, der
gern schweres Abendessen wie zum
Beispiel die elsässische »Choucroute«
D
er junge Mann begann als Lokal-
reporter bei der Gazette de
Liège. Wobei man wissen muss, dass
er im Rotlichtviertel wohnte und lebte
und seine Schilderungen von Nutten,
kleinen Gaunern und ganz bürgerli-
chen kleinen Leuten sehr lebhaft, kühl
und von zuweilen bissigem Humor
und tiefer Ironie sind. Simenon ver-
stand diese Leute, es waren seine
Leute. Simenon, der Journalist, reiste
viel, lebte u. a. in den Vereinigten
Staaten und Kanada und nahm 1957
schon Quartier in der Schweiz. Ich
erinnere mich eindrücklich an einen
kleinen, hageren Mann, der morgens
aufstand, ungeheuer diszipliniert ar-
beitete und sich vorher zehn Pfeifen
stopfte, die er dann über den Tag ver-
teilt rauchte. Ich erinnere mich beson-
ders an einen Roman mit dem Titel
Maigret lässt sich Zeit. Da analysiert
er ein großes Mietshaus irgendwo in
Paris. Da stellt er alle Mieter vor, da
kämpft sich sein kluger Maigret mit
unendlich vielen kleinen Gesprächen
bei einer Mordermittlung durch das
Pariser Leben der ganz normalen klei-
nen Leute. Der kleinen Nutten, der
kleinen Diebe, der kleinen Zuhälter.
Der Leser kann miterleben, wie er
dem Täter immer näher kommt. Wie
Maigret nicht einmal einen Halbsatz
vergisst und mit viel Verständnis für
Gauner und Gangster dieser kleinen
Welt ausgerüstet ist. Maigret ist ein
Meister seines Fachs. Ein wirklich
brillant gezeichneter Polizist, der in
seinen Aufklärungsarbeiten immer
wie ein Alltagspsychologe vorgeht.
Ich erinnere mich auch an Simenon in
der Schweiz. Wie er sich gegen die
Unbilden der Zeit zu rüsten ver-
suchte. Wie er tatsächlich in seinem
Haus ein komplett eingerichtetes Be-
handlungszimmer für einen Arzt aus-
staffierte, damit ihm nichts passieren
könne, wenn sein Körper einmal alt
und hinfällig würde. War er also ein
Verrückter? Nun ja, ein bisschen ver-
rückt war er schon. Wie wir alle ja ein
bisschen verrückt sind. Letztlich starb
Simenon hochbetagt mit 86 Jahren in
Lausanne in der Schweiz. Den angeb-
lichen Intensivraum im eigenen Haus
brauchte er da nicht mehr.

Welchen Maigret
lesen?
Vier ganz persönliche Lesetipps
zum Abschluss der 75-bändigen Maigret-Edition
Maigret-Zeichnung
von Federico Fellini
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Gert Heidenreich Jacques Berndorf
71 Diogenes Magazin
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zu sich nimmt, danach nicht selten
von Sodbrennen und nächtlichem
Durst gequält wird. Seine Frau hat,
wie in allen Maigret-Romanen, nicht
viel zu sagen, weiß nie, wann er nach
Hause kommt und ob überhaupt, ist
ein dienendes Wesen, das ohne zu
murren das Essen warm stellt und die
Strümpfe stopft. Die Rollenverteilung
der Geschlechter ist bei Simenon
nicht nur in der Ehe der Maigrets ex-
trem patriarchal gestaltet – dennoch
empfindet man den Kommissar nicht
als Macho. Das liegt vermutlich an
seiner unaufdringlichen, bürgerlichen
und ganz und gar uneitlen Art, das
Leben zu nehmen. Simenon solidari-
siert sich mit ihm in diesem ersten der
Romanserie auf eine Weise wie später
nie wieder. Wörtlich: »Er war ein aus-
gezeichneter Kommissar mit einem
Gehalt von 2200 Francs im Monat,
der sich nach einem abgeschlossenen
Fall, wenn die Täter hinter Schloss
und Riegel saßen, vor ein Blatt Papier
setzen musste, um die Liste seiner
Auslagen zusammenzustellen, die
Quittungen und Belege daran zu hef-
ten und sich dann auch noch mit dem
Kassierer herumzustreiten. Und wenn
er sich erlaubte, über einen oder zwei
Polizisten zu verfügen, musste er
nachher über ihre Verwendung Re-
chenschaft ablegen.« Ein gequälter
kleiner Beamter also, den sein brillan-
ter Kopf und sein Diensteifer nicht
zum Star machen. Simenon sieht ihn
als »Flickschuster für kaputte Schick-
sale. Er verurteilt nie.«
So scheint die Figur in Pietr der
Lette zum ersten Mal auf in einem Fall,
in dem es einen Toten gibt, der gleich-
zeitig fröhlich herummar schiert. Na-
türlich liebe ich das Buch auch, weil ein
Teil in der normannischen Hafenstadt
Fécamp spielt, in deren Nähe ich seit
über dreißig Jahren ein zweites
Zuhause gefunden habe. Sie ist in we-
nigen Strichen präzise geschildert.
Wie überhaupt die Methode Sime-
nons hier schon perfekt ist: knapp
und genau zu erzählen, durch Auslas-
sung Spannung zu erzeugen. Deshalb
bleibt dieser Roman aus dem Jahr
1931 immer noch modern.

M
it Georges Simenon verbindet
mich so einiges. Denn seine Ro-
mane, von denen ich sehr viele gelesen
habe, spielen alle oder großteils in
einem Bereich, der viel mit meinem
Beruf zu tun hat. Man geht da in
Kneipen, man muss immer mal wie-
der einen Pernod trinken, dann gibt es
ein kleines Diner usw. Und der Wein
kommt nicht zu kurz, und insgesamt
ist das natürlich für mich schon
immer eine Initialzündung der beruf-
lichen Art gewesen, denn Maigret wi-
derspiegelt ein Frankreich, das es
heute fast nicht mehr gibt, aber das
der deutsche Frankophile so liebt.
Eines meiner Lieblingsbücher ist
Maigret und der gelbe Hund, das in
einem Hotel spielt und in der Wirt-
schaft. Ein Weinhändler wird er-
schossen, und ein gelber Hund läuft
herum, und keiner weiß, wem dieser
Hund gehört. Das ist alles recht ge-
heimnisvoll, und am Schluss, wirklich
in den letzten paar Minuten, löst sich
das erst auf – ein enormer Spannungs-
bogen wird da durchwegs gehalten.
Dazwischen gibt es wunderbar skur-
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ird man gebeten, einen Lieb-
lings-Maigret auszusuchen, ist
das ganz leicht und ganz schwer zu-
gleich: leicht, weil sie alle gut sind; je-
denfalls ist mir kein schlechter oder
auch nur schwacher Maigret-Roman
bekannt. Und schwer, weil jeder ein-
zelne von ihnen seinen ganz eigenen
Reiz hat, indem Simenon sein Augen-
merk auf ein besonderes Detail legt bei
seiner Betrachtung der Spezies Mensch.
Simenon war Berufsschriftsteller;
er wollte keine literarischen Meriten
verdienen, sondern Geld. Genau wie
Dashiell Hammett, der zur selben
Zeit in den USA den Kriminalroman
für immer veränderte, trat Simenon F
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rile Dialogsequenzen, wie zum Bei-
spiel: »Ist er verhaftet worden?« – »Er
ist gebeten worden, zwei Herren bis
hierher zu folgen. Das ist nicht das-
selbe.« – »Was hat er gesagt?« –
»Nichts. Man hat ihn nämlich nichts
gefragt.« Nicht weiter erwähnenswert
dürfte sein, dass Maigret sich seiten-
lang seiner geliebten Pfeife widmet
und sich ansonsten kaum in die Kar-
ten schauen lässt. Also für mich ist
Maigret immer ein Stück Urlaub.

Vincent Klink
Wiglaf Droste
72 Diogenes Magazin
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im Genre des sogenannten Trivialen
an. Er schrieb schnörkellos und ohne
Mätzchen, und weil er viel veröffent-
lichte, schrieb er unter zahlreichen
Pseudonymen, bis 1931 Maigret und
Pietr der Lette erstmals unter seinem
eigenen Namen erschien.
Maigret ist ein Erforscher und
Kenner der menschlichen Seele – man
kann auch Psyche dazu sagen –, ein
Innenweltraumforscher, dem Güte
und Verständnis ebenso wenig fremd
sind wie Abscheu und handgreifliche
Wut. Simenon schrieb 1954 Maigret
und die junge Tote. Der Plot enthält
vieles, was ein Trivialroman braucht:
Auf der Place Ventimille wird eine
junge Frau erschlagen aufgefunden.
Anders als zunächst vermutet, ist sie
keine Prostituierte. Die 20-jährige
Louise Laboine ist ein unbeschriebe-
nes Blatt; niemand in Paris kennt sie,
und sie scheint niemandem zu fehlen.
Peu à peu deduziert Maigret ihre Ge-
schichte; im Süden bei einer halbver-
rückten Mutter aufgewachsen, brennt
sie mit 16 durch. Ihr Vater, eine Art
Gentleman-Krimineller, hat die Mut-
ter verlassen, als Louise ein kleines
Kind war, hinterließ ihr aber ein Erbe,
für das sie ermordet wird: Kein Kli-
schee scheint zu fehlen in diesem Plot,
aber Simenon gestaltet ihn als Stern-
stunde der Psychologie.
Eine der schönsten Szenen des Ro-
mans spielt sich im häuslichen Milieu
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des Ehepaars Maigret ab: Als der
Kommissar darüber brütet, warum
die junge Tote ein Abendkleid trug,
erzählt ihm Madame Maigret, wie sie
sich als junges Mädchen heimlich ein
Abendkleid schneiderte und sich vor
dem Spiegel bewunderte und wie sie,
ebenso verstohlen, Kleider und Schu-
he ihre Mutter anprobierte. Als Ma-
dame Maigret endet, errötet sie – und
man weiß genau, warum ihr Mann sie
so liebt: es ist die Anmut, die sich aus
Klugheit und Schamgefühl fügt.

Die Beiträge wurden verfasst für die
10-teilige Hörfunkreihe Mein Sime-
non auf SWR2. Zum Nachhören auf
www.swr2.de/morgen
73 Diogenes Magazin
D
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enn ich bei Schriftstellerkolle-
gen zu Hause bin, lasse ich mir
gerne ein besonderes Regal zeigen.
Mal ist es sehr penibel organisiert, mal
eher eine Art Sammelbecken – aber
jeder hat es: das Regal mit den eigenen
Büchern. Originalausgaben und Ta-
schenbücher, Übersetzungen und
Anthologien und so weiter. »Sehr
schön«, sage ich dann immer, und
darüber freuen sich die Kollegen. Ich
selbst habe übrigens auch so ein
Regal.
Doch nun frage ich Sie: Wie sieht
ein solches Regal bei einem der
produktivsten und erfolgreichsten
Schriftsteller der jüngeren Vergangen-
heit aus?
Ich spreche von Georges Simenon.
Er schrieb etwa 400 Romane. Seine
Werke wurden in 60 Sprachen über-
setzt, die Gesamtauflage soll über 500
Millionen Exemplare umfassen. Und
nun stellen Sie sich vor: ein Exemplar
von jedem Original, jeder Taschen-
buchausgabe, jeder Übersetzung und
so weiter – welch eine Masse muss da
für Simenons spezielles Regal zusam-
mengekommen sein. Vorausgesetzt,
er hatte eines. Ja, hatte er?
Ich habe ein bisschen recherchiert.
Ja, er hatte wohl eines. Aber es war
kein Regal, es war eine Bibliothek,
und was für eine! Tatsächlich soll Si-
menon seinen Verlagen gegenüber
darauf bestanden haben, ihn mit allen
anfallenden Belegexemplaren zu ver-
sorgen. Und jetzt rechnen Sie mal: 400
Romane mal Dutzende Neuauflagen,
Taschenbuchausgaben, Übersetzun-
gen und so weiter. Was muss da zu-
sammengekommen sein?
Nun, man kann es sich anschauen,
jedenfalls einen kleinen Ausschnitt
davon – und dann ahnen, wie das
Ganze ausgesehen hat. Im Internet
habe ich ein paar Fotos gefunden, die
einen älteren Simenon zwischen de -
ckenhohen und eng gefüllten Regalen
zeigen, wobei die Regale so dicht ste-
hen, dass gerade ein Mensch dazwi-
schen passt. Auf den Fotos ist es der
Autor.
Ich frage mich, wie Simenon mit
dieser Bibliothek umgegangen ist.
Vermutlich hat ein Angestellter die
Sammlung betreut. Kam sein Arbeit-
geber regelmäßig zu Besuch? Hieß es
dann: »Bonjour, Monsieur«, worauf-
hin der Bibliothekar den Schriftsteller
zu den interessantesten Novitäten
führte? Hier ein Exemplar in fern -
östlicher Schrift, dort eins mit einer
besonders rätselhaften Umschlagillu -
stration.
Was mag Simenon in seinem eige-
nen Bücherkosmos gefühlt haben?
Waren es Stolz und Allmacht? Das
wäre verständlich. Ich sehe mir das
Foto noch einmal an. Vielleicht fühlte
er auch Verwirrung und Einsamkeit
angesichts des Eigenlebens seiner Bü-
cher. Er wirkt klein vor den Regalen,
überwölbt von seinen Werken. Viel-
leicht hört er, wie sie in Sprachen
reden, die er nicht versteht und nie
verstehen wird.
Nun, wie auch immer, jedenfalls
hat Simenon sich lange vor seinem
Tod von seiner Sammlung getrennt.
Sie befindet sich heute in einem klei-
nen Schloss in der Nähe von Lüttich.
Wer nachempfinden will, wie es Sime-
non inmitten seiner Bücher ergangen
ist, der kann ja einmal hinfahren. Die
Öffnungszeiten sind freitags von 9 bis
18 Uhr. Und nach Vereinbarung.

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Burkhard Spinnen
Georges Simenon in seinem Archiv in der Avenue du Temple in Lausanne, 1964
74 Diogenes Magazin
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ch war sieben Jahre alt, als ich eines Tages im Sommer
1932, während meine Eltern Mittagsschlaf hielten, mei-
nen ganzen Mut zusammennahm und mir einen strengs-
tens verbotenen Schlüssel stibitzte, eine Treppe hinaufstieg
und vor der Tür zum Dachboden stehen blieb. Ich ahnte,
dass dies ein Ort voller Schätze war, die meine Phantasie
beflügeln würden, aber der Zugang war mir strikt unter-
sagt. Der Speicher war nicht nur sehr staubig, sondern
auch ziemlich gefährlich: Er hatte keinen Fußboden, und
so musste man von einem Balken zum anderen gehen, ohne
auf die dünnen Querlatten zu treten, die unter dem Ge-
wicht brechen konnten. Außerdem führte eine kleine Tür,
ähnlich der eines Hühnerkäfigs, hinauf aufs Dach.
Ich fürchtete, die Eltern, die ein Stockwerk tiefer schlie-
fen, könnten von meinem Herzklopfen aufwachen: Um
größere Distanz zwischen sie und mich zu legen, öffnete
ich die Tür und schlüpfte hinein. Ich hatte es doch gewusst,
der Dachboden war ein phantastischer Ort, eine Fund-
grube für Träume: ein alter Fotoapparat mit Stativ und da-
neben Holzkisten voller Glasnegative, ein gigantischer Te-
lefonapparat, der eine ganze Wand einnahm, Walzen für
ein mechanisches Klavier, die Felgen von Großvaters Au-
tomobil (das Auto selbst, ein Scat, Società Ceirano Auto-
mobili Torino, lagerte auf Eisenblöcken im Keller unseres
Hauses auf dem Land).
In einer Ecke ein paar Jutesäcke. Ich öffnete einen:
Darin befand sich die Zeitung für Reisen zu Wasser und zu
Lande in einem Sammelhefter. Für mich ein Fund von un-
schätzbarem Wert, denn ich las bereits Comics wie L’av-
venturoso und L’intrepido. Ich öffnete den zweiten Sack.
Er war vollgestopft mit Büchern der Verlage Provaglio,
Sonzogno (aus der Reihe »Economica«) und Nerbini (die
farbig gebundenen Hefte mit den Abenteuern von Fantô-
mas, Petrosino, Nick Carter, Lord Lister). Aufs Gerate-
wohl nahm ich zwei Bände der Sonzogno-Reihe heraus
und ging wieder hinunter, die Tür schloss ich hinter mir
ab. Ich legte den Schlüssel an seinen Platz zurück, lief in
mein Zimmer und warf mich aufs Bett. Das erste Buch war
von einem gewissen Conrad; es hieß Almayers Wahn. An
den Titel des anderen Buches kann ich mich nicht erinnern,
Autor war ein gewisser Georges Sim. Ich verschlang die
Bücher an vier Nachmittagen.
Heimlich ging ich wieder auf den Dachboden und holte
mir zwei weitere Bücher, eines von Ohnet, das andere von
Prévost. Schon die ersten Zeilen gefielen mir nicht. Bevor
ich die Bücher wieder in den Sack steckte, kramte ich noch
zwei Bücher jener Autoren heraus, die zu meinen Lieb-
lingsschriftstellern geworden waren: Sim und Conrad.
Zwei Tage später erwischte mich mein Vater beim Lesen.
»Warst du auf dem Dachboden?« – »Ja.« – »Wenn Mamma
das erfährt, haut sie dich windelweich. Wenn du willst, hol
ich die Bücher für dich herunter oder kauf dir neue.« So
kaufte er mir Bücher einer Kinderromanreihe von Monda-
dori und gekürzte Fassungen von Klassikern der erzählen-
den Literatur (damals las ich zum ersten Mal Moby Dick).
Andrea Camilleri
Was
ich Simenon
verdanke
75 Diogenes Magazin
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Aber mir fehlte Sim, und ich bat meinen Vater, mir ein paar
Bücher von ihm zu kaufen. Papà konnte keines auftreiben
und versuchte mich mit seinen ersten gialli von Mondadori
zu trösten, den gelb eingebundenen Kriminalromanen, die
er mir »lieh«. Doch im Jahr darauf brachte er mir trium-
phierend ein Buch von Simenon aus der Reihe »I libri
neri«. Ich war enttäuscht: »Aber das ist ein anderer Schrift-
steller!« Mein Vater erklärte mir, dass Sim und Simenon
ein und dieselbe Person seien. Ich las das Buch und wusste
sofort, dass mein Vater die Wahrheit gesagt hatte: Sim und
Simenon waren wirklich identisch.
Das war der Anfang eines gemeinsamen Lebens mit
Georges Simenon, den ich allerdings nur ein Mal persön-
lich getroffen habe. Von da an ließ mich Simenon, obwohl
ich wie besessen alles Mögliche las, nicht mehr los; er ver-
mochte sich sogar in Büchern zu verstecken, die beinahe
Groschenromane waren. Eines Tages entdeckte ich den an-
deren Simenon, eingebunden in einen dunkelorangefarbe-
nen Umschlag mit schwarzen Karos, den Simenon von 45
Grad im Schatten, Die bösen Schwestern von Concarneau,
Ankunft Allerheiligen. Viele Jahre später, als ich schon für
das Fernsehen arbeitete, wurde ich mit der Produktion der
Maigret-Serie beauftragt, die Diego Fabbri vorgeschlagen
hatte; er wollte dann zusammen mit Romildo Craveri die
Drehbücher schreiben. Regie sollte Mario Landi führen.
Fabbri, Landi und ich waren uns sofort einig, dass Gino
Cervi den Maigret spielen sollte. Cervi willigte ein, bestand
aber darauf, dass Andreina Pagnani, mit der er lange ge-
meinsam gespielt hatte, den Part der Madame Maigret
übernahm. Wir brachten Simenon Fotos von beiden; mit
Cervi war er gleich einverstanden, beim Foto der Pagnani
zögerte er. »Ist was nicht in Ordnung?«, fragt Fabbri.
»Maigret hat jung geheiratet«, antwortete Simenon. Wir
verstanden nicht. Simenon erklärte sich mit einer Frage:
»Sieht Signora Pagnani nicht eher aus wie das bildhübsche
Mädchen, das Maigret damals geheiratet hat?« Wir ver-
sprachen, bei der armen Andreina entsprechend mit
Schminke nachzuhelfen, und kehrten nach Rom zurück.
Bei der Begegnung mit Simenon war ich nicht aufgeregt,
zu sehr war er mir durch seine Bücher vertraut; ich be-
trachtete ihn als Familienmitglied, als eine Art Onkel (dass
sein Familienleben nicht einfach war, erfuhr ich erst spä-
ter). Die Entstehung des Drehbuches habe ich von Anfang
an mitverfolgt. Fabbri zerlegte ein Buch regelrecht (im
wahrsten Sinne des Wortes, denn er riss Seiten heraus und
stellte sie anders zusammen) und montierte es für die Fern-
sehbearbeitung neu. So lernte ich, wie der europäische Kri-
minalroman funktioniert, so erlernte ich zum Teil das
Handwerk.
Damit stehe ich tief in Simenons Schuld. Als ich selber
begann, Kriminalromane zu schreiben, galt es, Montalbano
von Maigret abzusetzen. Teilweise ist mir das, glaube ich,
gelungen, vor allem, was den Ermittlungsstil betrifft. Mai-
gret lässt sich auf die Atmosphäre ein und vertraut seinem
Gefühl, er versucht sich in den Toten hineinzudenken und
identifiziert sich fast mit ihm, um die Motive für das Ver-
brechen zu begreifen. Montalbano indes versucht nüchtern
nachzudenken, die Atmosphäre nicht wieder entstehen zu
lassen. Er misstraut dem Gefühl. Ich habe auch ein biss-
chen in die Trickkiste gegriffen, um den Unterschied zwi-
schen den beiden noch zu betonen (das gestehe ich hier
zum ersten Mal). Maigret ist glücklich verheiratet, und
seine Frau bekocht ihn meisterlich (wenn er zum Essen
nicht in die Brasserie Dauphine geht). Auch Montalbano
isst gerne: Wäre er mit einer Frau verheiratet, die nicht ko-
chen kann, hätte er nach ein paar Monaten die Scheidung
eingereicht, wenn aber Livia eine gute Köchin wäre, hätte
ich ein Duplikat des Ehepaares Maigret geliefert. Also habe
ich Madame Maigret zweigeteilt: in die Haushälterin Ade-
lina, die für Montalbano kocht, was ihm schmeckt, und in
die Freundin Livia, die – wie Sie sehen, aus rein literari-
schen Gründen – schon sehr lange darauf wartet, dass er sie
heiratet.
Mein Leben mit Simenon geht weiter: Ich lese ihn wie-
der, seit seine Bücher nach und nach in neuer Übersetzung
erscheinen.

Aus dem Italienischen von Christiane von Bechtolsheim
Zeichnungen von Tullio Pericoli
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1. Ärger im Paradies 1932
Ernst Lubitschs für mich schönster Film ist
eine leichte, freche Gaunerkomödie zwischen
Venedig und Paris. Hinter der glitzernden
Kulisse der Reichen und der Grand Hotels in
mitunter expressionistisch anmutendem
Dekor entwickelt sich eine Liebesgeschichte
von unwiderstehlichem Charme, Witz und
prickelnder Erotik.
2. Stagecoach 1939
Mit diesem Film wurden Hauptdarsteller John
Wayne und Regisseur John Ford zu Legenden.
Er hat alles: Pokerspieler, Apachen, Schieße-
reien, die 7. Kavallerie, eine dramatische Geburt
im Kugelhagel und eine Hure mit goldenem
Herzen. Rio Bravo ist vielleicht stilistisch über-
legen, Red River hat mehr Action und Mein
großer Freund Shane die besseren Darsteller,
Spiel mir das Lied vom Tod ist vielleicht stim-
mungsvoller und Zwei glorreiche Halunken hat
Clint Eastwood, doch Stagecoach ist für mich
der perfekte Western.
3. Casablanca 1942
Krieg und Liebe, Pflicht und Betrug, exotischer
Handlungsrahmen und moralische Verstri -
ckungen – all das fließt ein in einen der voll-
kommensten Filme, die je gedreht wurden.
Humphrey Bogart, Ingrid Bergman und Claude
Rains spielen darin ihre schönsten Rollen, und
klugerweise überließ Michael Curtiz die Regie
ganz dem Drehbuch von Julius Epstein, der mir
später ein guter Freund wurde. Als er eines
Abends zum Essen in unser Haus kam, brachte
er seine Freundin Fay Wray mit, den Star aus
King Kong. Unsere damals zehnjährige Tochter
Fanny war von diesem Film sehr beeindruckt;
als ihr Fay nun begegnete, sagte sie: »Entschul-
digen Sie, Miss Wray, aber hatten Sie keine
Angst, von diesem riesigen behaarten Affen auf
den Arm genommen zu werden?« Fay lächelte,
tätschelte ihr die Wange und antwortete:
»Schätzchen, wenn du mal so alt bist wie ich,
wird dich bestimmt so mancher riesige behaarte
Affe auf den Arm genommen haben.«
4. Der dritte Mann 1949
Graham Greene schrieb das Drehbuch, Carol
Reed führte Regie, und Orson Welles brillierte
in der Rolle des Schurken. Doch die eigentli-
chen Stars sind die Stadt Wien und ein kriegs-
versehrtes Europa zwischen russischen Trup-
pen und amerikanischem Geld.
5. Singin’ in the Rain 1952
Broadway-Musicals zählen zu den größten
drohte und es keinen Ausweg aus der perver-
sen Logik der Abschreckungsspirale zu geben
schien. Damit der Film gelingen konnte,
bedurfte es des verrückten Genies von Peter
Sellers, der darin drei verschiedene Rollen
verkörpert – und die perfekt. Später lernte ich
Edward Teller kennen, den Vater der Wasser-
stoffbombe und eins der Vorbilder für Sellers’
Dr. Seltsam, dessen Porträt der Wirklichkeit
gespenstisch nahekommt.
9. Blade Runner 1982
Obwohl fast dreißig Jahre alt, ist dieser dysto-
pische Blick auf Los Angeles und das Jahr 2019
nach wie vor ungemein überzeugend als unsere
mögliche Zukunft, und je häufiger ich Ridley
Scotts Meisterwerk sehe, desto besser gefällt es
mir. Dass Harrison Ford nicht besonders gut
spielt oder die Androiden ohne jeden Charme
und Pathos sind, tut dem keinen Abbruch.
Was den Film so beängstigend real macht, liegt
vor allem am Set.
10. Das Leben der Anderen 2006
Während der 80er-Jahre verbrachte ich vier
Jahre als Reporter in Moskau, und dieser groß-
artige deutsche Film über die Bespitzelung
eines ostdeutschen Theaterautors durch die
Stasi spiegelt die Macht eines autoritären Staa-
tes, der jederzeit auch in die privatesten Berei-
che eindringen kann, auf schauerlich realisti-
sche Weise wider. Der Staat vergiftet alles, was
mit ihm in Berührung kommt, und trotzdem
blüht etwas in diesem moralischen Sumpf;
eine Spur von Menschlichkeit, Mitgefühl und
Liebe, und man spürt, dass das Böse nicht an-
dauern wird. Es ist ein großer, erhebender und
eindrücklicher Film über die Möglichkeit der
Flucht aus der Hölle.
P.S. – Mir ist bewusst, dass ich an einem ande-
ren Tag, in anderer Stimmung oder nach einem
Glas Wein womöglich eine Liste mit anderen
zehn Favoriten zusammengestellt hätte. Wahr-
scheinlich wäre Eisensteins Alexander Newski
darunter gewesen, Marcel Carnés Die Kinder
des Olymp, Kubricks Clockwork Orange, Billy
Wilders Manche mögen’s heiß, David Leans
Lawrence von Arabien oder vielleicht Mel
Brooks’ Frühling für Hitler. Doch wie hätte ich
Laurence Oliviers Heinrich V, Charles Crich-
tons Ein Fisch namens Wanda oder Robert
Hamers Adel verpflichtet auslassen können?
Die Nummer 10 dieser Liste hätte auch alterna-
tiv Wim Wenders’ Himmel über Berlin sein
können, aber da fällt mir gerade noch ein ande-
rer Film ein, nämlich Die glorreichen Sieben.
Kulturleistungen Amerikas, lassen sich jedoch
nur schwer auf die Leinwand übersetzen. In
diesem Film aber scheint dies optimal gelun-
gen. Er ist einfach großartig, berührend und
komisch, gefühlvoll und geistreich zugleich,
mit einem glänzenden weiblichen Schurken,
Debbie Reynolds als Ikone der Unschuld
und Gene Kelly, der mit Stanley Donen Regie
führt und dessen gesangliche und tänzerische
Leistungen hier unübertroffen sind.
6. Das Fenster zum Hof 1954
Es fällt mir nicht leicht, mich nur für einen der
Filme Hitchcocks zu entscheiden. Vertigo und
Die 39 Stufen stehen ebenfalls in der engeren
Auswahl. Aber dieser Film über einen Presse-
fotografen, der, an den Rollstuhl gefesselt, das
Leben seiner Nachbarn beobachtet, hat etwas
unvergesslich Voyeuristisches. Die Geschichte
wird zu einer Allegorie über die Rollen des
Journalisten, Kritikers und Zeugen, gewürzt
mit einer perfekten Darbietung von Grace
Kelly, die alles verkörpert, was wir am über-
schäumenden und optimistischen New York
der fünfziger Jahre lieben.
7. Jules und Jim 1962
Truffauts Meisterwerk, in dem Jeanne Moreau
ihre schönste Rolle spielt, ist ein episches und
liebevolles Lamento auf ein Europa, wie es
hätte sein können, wenn unsere europäische
Zivilisation nicht 1914 Suizid begangen hätte.
Sooft ich diesen Film sehe, verlasse ich das
Kino mit einem Lächeln auf den Lippen, aber
Tränen in den Augen.
8. Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte,
die Bombe zu lieben 1964
Vielleicht ist die schwarze Komödie das ein-
zige Mittel, dem nihilistischen Kern des nu-
klearen Weltuntergangs beizukommen, doch
Kubrick drehte diesen Film im Schatten der
Kubakrise, als der Atomkrieg unmittelbar
Top 10
Im nächsten Magazin:
Top 10 Jazz-Antidepressiva von Peter Rüedi
Martin Walker
Top10 Filme
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anche Menschen scheinen sich
noch so genau an ihre ersten
Leseerfahrungen erinnern zu können,
als wäre es gestern gewesen. Ich nicht.
Aber ein Detail aus einer der ersten
Geschichten, die ich gelesen habe, ist
mir lebhaft in Erinnerung geblieben.
Ich war in der Grundschule, und
nachdem ich das Alphabet gemeistert
hatte, lernte ich laut zu lesen. Den
Namen der Geschichte habe ich
ebenso vergessen wie ihre Auflösung.
Aber ich weiß noch, dass ein Riese ge-
tötet wurde und ein Junge einen Gür-
tel trug mit dem gestickten Schriftzug
›Sieben auf einen Streich‹. Beim Wei-
terlesen stellte sich heraus, dass diese
Prahlerei ein Trick war, denn es
waren sieben Fliegen und nicht Män-
ner, die er mit diesem einen gewalti-
gen Schlag getötet hatte.
Dieses Märchen versetzte mich in
Aufregung; zum ersten Mal wollte ich
unbedingt noch mehr Geschichten
lesen. Das Alphabet, das ich erlernt
hatte, ohne zu wissen, wozu, eröff-
nete mir eine Welt, die faszinierender
und geheimnisvoller war als diejenige,
die ich kannte. Geschriebene Worte
konnten täuschen. Mit ihrer Hilfe
konnte man Menschen Unwahrheiten
vorgaukeln. Und ich hatte, ohne es zu
wissen, mit der Hyperbel, der Über-
treibung, Bekanntschaft gemacht.
Oder war es Ironie?
Und so wurde in sehr jungen Jah-
ren ein begeisterter Leser aus mir.
Unser Haus war voller Bücher, aber
wenn ich an diese Zeit meiner ersten
Das
erste
Mal
Brian Moore über
seine ersten
Leseerfahrungen
Leseerfahrungen zurückdenke, fallen
mir nur längst eingestellte Kinderzeit-
schriften wie Gem und Magnet und
eine Reihe mit dem Titel Der Wolf
von Kabul ein. Ich glaube, meine erste
und wichtigste Erfahrung mit großer
Literatur machte ich im Alter von elf
Jahren, als ich in der Schule Shake-
speares Macbeth, Julius Caesar und
Der Kaufmann von Venedig las – die
für die Prüfungen vorgeschriebenen
Stücke. Die Begegnung mit diesem
großartigen Sprachgewitter und mit
so lebendigen Charakteren wie Lady
Macbeth, Shylock und Marc Anton
sowie der Umstand, dass ich gezwun-
gen war, die Reden auswendig zu ler-
nen und sie vorzutragen, nährten in
mir eine Überzeugung, die ich heute
noch vertrete: Das Vergnügen zu
lesen übertrifft das Vergnügen selbst
an der besten Theatervorstellung.
Wenn ich hier meine Lehrer lobe,
Priester in dem engstirnigen irisch-
Serie
Es ist das einzige
Buch, das ich jemals
gestohlen habe, und ich
besitze es noch immer:
Ulysses.
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katholischen Internat, die mich diese
Zeilen auswendig lernen ließen, so
weiß ich doch heute, dass sie das
Wahre und Gute auch niederwalzen
können. Nicht nur, dass sie nie auch
nur einen einzigen Autor oder ein
Buch erwähnten, das nicht auf dem
Lehrplan stand, sie schienen auch kein
Gefühl für die Werke zu haben, die sie
unterrichteten. Ich erinnere mich, wie
unser Englischlehrer eintönig diese
Zeilen aus Die Seeinsel von Innisfree
von William Butler Yeats herunterlei-
erte: »›Und hab neun Reihen Bohnen,
ein Bienenvolk, das brummt / Und leb
allein im Wald, von Bienen um-
summt.‹ Das ist onomatopoetisch,
Jungs. Ihr könnt den Klang der sum-
menden Bienen hören.« Ich tat es und
musste jahrelang bei Yeats Poesie ans
Einschlafen denken.
Tatsächlich wäre die moderne
Lyrik in jungen Jahren beinahe völlig
an mir vorbeigegangen, hätte ich nicht
im Alter von 16 Jahren The Faber
Book of Modern Verse entdeckt, her-
ausgegeben von Michael Roberts. Es
wurde für mich, wie für viele andere
meiner Generation, die Einführung
zu Eliot, Auden, MacNeice, Wallace,
Stevens, Hart Crane und anderen. Die
Lektüre von Das wüste Land führte
mir vor Augen, dass den Büchern im
Haus meines Vaters und denen, die
ich in der Schule lesen musste, der
Kitzel des Neuen fehlte.
Und dann, an einem unvergessli-
chen Sonntagnachmittag, während ich
meinen Schwestern beim Tennisspie-
len im Garten meines Onkels in Bel-
fast zusah, gab mir mein älterer Cou-
sin heimlich ein Buch, das er gerade
aus Paris eingeschmuggelt hatte; er
schlug es auf einer Seite auf, die, wie
er sagte, »ziemlich heiß« war. Ich las
besagten Abschnitt, voller erotischer
Erregung, las dann aber langsam wei-
ter mit einem Interesse, das nichts
mehr mit dem sexuellen Gehalt des
Buches zu tun hatte. Es war ein
Roman, wie ich noch nie zuvor einen
gelesen hatte, und er handelte erstaun-
licherweise auch noch von Irland, sei-
ner Religion und seinem Volk. Ich
lieh es mir von meinem Cousin und
gab es nie zurück. Es ist das einzige
Buch, das ich jemals gestohlen habe,
und ich besitze es noch immer: die
zweibändige Odyssey-Press-Ausgabe
von Ulysses.
Und dann lag ich eines schönen
Tages mit 18 – ich hatte Irland noch
nie verlassen – auf dem Gipfel des
Cave Hill, dem Berg, der meine Hei-
matstadt überblickt. Ich las Fiesta,
versunken in Hemingways glänzende
Beschwörung eines spanischen Stier-
kampfes und des Bohème-Lebens der
Exilamerikaner an der Pariser Rive
Gauche in den 1920er Jahren. Ich las
von einem Mann namens Jake Barnes
und seiner zum Scheitern verurteilten,
fruchtlosen Affäre mit einer wunder-
schönen Frau namens Brett Ashley.
Ich erkannte, dass Jake Barnes, genau
wie Stephen Dedalus, eine Art
Schriftsteller war, beide halb verliebt
in Länder, die nicht ihre eigenen
waren. Wenn ich heute zurückblicke,
so glaube ich, dass diese beiden Bü-
cher meine Sehnsucht geweckt haben,
Irland zu verlassen und Schriftsteller
zu werden. Das habe ich dann
getan.

Aus dem Englischen von Marion
Hertle
detebe 23096, 304 Seiten
ISBN 978-3-257-23096-3
44 Jahre lang hat sich Kriegsver-
brecher Brossard der gerechten
Strafe entziehen können, listig
wie ein alter, böser Fuchs. Nun
aber trifft Verrat den Verräter,
und eine gnadenlose Jagd beginnt.
Buchtipp
Brian Moore
Hetzjagd
Roman· Diogenes
»Wo Borger & Straub
draufsteht, ist was
Gutes drin. ›Sommer mit
Emma‹ ist wie Sommerkino
mit Gänsehaut.«
Christine Westermann/ WDR, Köln
416 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06713-2
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Die Ferien auf dem Hausboot
sollten ein abwechslungsreiches
Abenteuer werden, und das
werden sie – allerdings auf andere
Weise, als die Familie es sich vorge-
stellt hat … Eine rasante Tragi -
komödie mit berührendem Finale.
Borger & Straub
Sommer
mit Emma
Rom an · Diogenes
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Kulturen prägen die Welt.
Wir machen die Zeitschrift dazu.
KULTURAUSTAUSCH.
Die Welt aus anderen Perspektiven.
Heft 4/2009:
Freie Zeit.
Was Menschen
tun, wenn sie
nichts zu tun
haben.
ERHÄLTLICH
AN BAHN-
HÖFEN UND
FLUGHÄFEN
ODER UNTER
WWW.IFA.DE
S
o eine schöne neue Literaturzeitschrift und
zwei so traurige Listen – Worstsellers –,
gibt es Bücherheime für ungewollte Bücher?
Man möchte sie tröstend streicheln und ihnen
sagen, dass diese Vernachlässigung nur ein
Missverständnis, nur ein dummer Zufall sein
kann – umso mehr, als sich unter den Ungele-
senen ein paar meiner Lieblingsautoren fin-
den.
Frank McCourts Die Asche meiner Mutter
war ein großer Erfolg im deutschsprachigen
Raum, wieso ist dann das Interesse an Frank
O’Connor so gering? Er schreibt besser und
amüsanter über die »kleinen Leute« in Irland
als sein Namenskollege. O’Connor ist ein
Kenner des Kleinstadtlebens, wo die Men-
schen eng beieinander leben und sich und an-
deren wegen Kleinigkeiten das Leben zur
Hölle machen können oder Vergnügen an den
eigenen Schwächen und denen anderer finden.
Manches mag typisch irisch, katholisch und
erste Hälfte des 20. Jahrhunderts sein, aber
vieles ist zeitlos und allgemeingültig.
Es ist schade, dass
im deutschsprachigen Raum,
außer bei echten Orwell-
Fans, nur das grimmige 1984
und die Farm der Tiere be-
kannt sind – Orwell hat viel
mehr Lesenswertes hinterlassen.
Als blutjunger Polizeibeamter in
Burma erlebt er die britische Ko-
lonialherrschaft in ihrem Endsta-
dium und begreift, dass hier nur
noch eine Fassade aufrechterhalten
wird. Er hat auch ein waches Auge
für die Entwicklungen in Großbri-
tannien, die Kommerzialisierung,
die Ausbeutung der Beschäftigten
und den zunehmenden Leistungs-
druck, unter dem die Menschen arbeiten müs-
sen. Orwell hat, was man beim Autor von
1984 nicht unbedingt erwartet, durchaus Sinn
für (eher schwarzen) Humor (Die Wonnen
der Aspidistra) und die Gabe, gerade sich
selbst nicht immer ernst zu nehmen.
Griff in den Staub ist ein spannender
Roman, ein wahrer Krimi, und beim ersten
Lesen vor über drei Jahrzehnten habe ich mit-
ten in der Geschichte vorsichtshalber am
Ende nachgeschaut, ob auch alles gut ausgeht.
Die Handlung spielt Ende der 1930er Jahre.
Ein weißer Mann wird erschossen, und ein
Schwarzer wird als mutmaßlicher Täter fest-
genommen, steht er doch neben der Leiche
und hat eine erst kürzlich abgefeuerte Schuss-
waffe bei sich. Es geht um Freundschaft,
Loyalität, (widerwillige) Achtung und Ver-
pflichtungen über Rassengrenzen hinweg.
Faulkners Humor ist subtiler als der Hitch-
cocks, und er hat ein natürliches Gespür für
Absurdes und Skurriles im Alltagsleben.
Zugegeben: Die einsame Passion der Judith
Hearne gehört nicht zu meinen Lieblingsbü-
chern von Brian Moore (das sind Schwarzrock
und Die Farbe des Blutes), zu freudlos ist das
Dasein dieser alten Jungfer, die ihre Jugend
der Pflege eines anderen geopfert hat und
beim Versuch, aus ihrem Leben auszubre-
chen, kläglich scheitert. Aber es ist eine be-
merkenswerte Menschen- und Milieustudie –
wenn die Karten falsch gemischt sind, lässt
sich aus einem Leben nicht viel machen.
Gleich in zwei Jahren schaffen es Brian
Moore und William Faulkner unter die
Worstsellers – das lässt wohl eher auf man-
gelnde Bekanntheit als fundamentalen Wider-
willen gegen deren Stil und Inhalte schließen.
Man sollte zu seinen Freunden stehen, und so
habe ich denn erst einmal Die Große Viktoria-
nische Sammlung in meiner Lieblingsbuch-
handlung bestellt. Hätte ich auch ohne Auf-
forderung dazu im Diogenes Magazin
gemacht! Ich freue mich schon auf das nächste
Heft!
Brigitte Hilgner, Wien
L
ieber Diogenes, Sie fragen, wie Sie auf den
Brief mit dem beigelegten Manuskript
unter dem Titel: »Gott schaut es zu, aber hel-
fen tut er nicht!« hätten reagieren sollen. Es
gibt für mich nur eine Antwort: Veröffentli-
chen! Ich würde ein Buch mit einem so wun-
derlichen Titel mit Interesse kaufen. Vielleicht
überlegen Sie es sich doch noch einmal, ob
dieses Werk nicht der Erstling der neuen (ver-
mutlich erfolgreichen) Diogenes-Reihe »Un-
veröffentlichte Werke« werden könnte. Bü-
cher dieser Reihe würden fast sicher nicht zu
Ihren Worstsellern gehören.
Zeno Schneider, Egg bei Einsiedeln (Schweiz)
M
it Freude habe ich eben die zweite Aus-
gabe Ihres Kundenmagazins fertig gele-
sen und war genauso begeistert davon wie
schon von der ersten Ausgabe. Es ist Ihnen
wirklich gelungen, ein Magazin zu erschaffen,
das gut geschriebene, interessante Artikel ent-
hält. Auch oder gerade für VielleserInnen. Es
unterscheidet sich angenehm von herkömmli-
chen Kundenmagazinen, da es tatsächlich le-
senswert ist und gleichzeit neugierig macht
auf jene Ihrer Bücher, die man noch nicht
kennt.
Meine Bücherwunschliste wächst nach der
Lektüre Ihres Magazins auf jeden Fall jedes
Mal weiter an.
Mirjam Reither, Wien
E
in ganz großes Lob für das neue Diogenes
Magazin! Wenn ich es habe, lasse ich erst
mal jedes Buch liegen – und sei es noch so
spannend – und lese das Magazin von vorne
bis hinten. Es ist spannend, unterhaltsam und
einfach toll!
Machen Sie weiter so!
Eva Seitz
L
iebe Diogenes-Macher! Herzlichen Glück-
wunsch zu Ihrem wunderbaren neuen
Magazin. Ich freue mich schon auf weitere
Artikel über meine Lieblingsautoren Patricia
Highsmith, John Irving, Ian McEwan, Car-
son McCullers und die irischen Autoren,
die alle bei meinem Lieblingsverlag ver-
sammelt sind. In diesem ersten Heft haben
mir besonders die Venedig-Themen gefal-
len und darin die Zeichnungen von F. K.
Waechter. Können Sie die nicht in ähnli-
cher Form als Buch herausgeben?
Werner Pohlmann, Hamburg
Briefe an die Redaktion

Ein Buch mit den schönsten
Blättern aus den vielen
Skizzen-Büchern von
F.K. Waecher ist in Planung.
Das Diogenes Magazin bittet um Verständnis,
dass nur eine Auswahl von Leserbriefen
veröffentlicht werden kann. Aus Platzgründen
werden Leserbriefe gekürzt.
Künstlerische Post an den Verlag
von Tomi Ungerer, 1976
80 Diogenes Magazin
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Adam Davies
Der
Proust-
Frage-
bogen
Was ist für Sie das größte Unglück?
Dass es Luftfahrtingenieure nicht ge-
schafft haben, ihr Versprechen – das
sie uns immer wieder gegeben haben,
seit ich Comics lesen kann – in die Tat
umzusetzen, einen bezahlbaren und
voll funktionsfähigen Raketenruck-
sack auf den Markt zu bringen.
Wo möchten Sie leben?
Um an einem Ort zu bleiben, bin ich
zu sehr der Wanderlust verfallen.
Doch New York City mag ich beson-
ders gern. Es ist die einzige mir be-
kannte Stadt, deren Anmaßung be-
rechtigt ist: Von allen amerikanischen
Städten gibt es hier das beste Essen,
die besten Sportmannschaften, das
beste Theater, die beste Kunstszene,
den besten… nun, die Liste ist schier
endlos. Ich träume davon, mich in di-
verse südamerikanische Dörfer zu-
rückzuziehen, um mein nächstes
Buch zu schreiben. Mich faszinieren
alle griechischen Inseln, Malta, die
großen Städte Europas. Ich würde
gern in Thailand leben und mit den
dortigen Thaiboxern trainieren. Pun-
jab ist für mich auch unwiderstehlich,
obwohl sich mein Punjabi auf den
Satz »Ich möchte etwas haben, was
meinen Mund süß macht« be-
schränkt. Aber vielleicht reicht der ja
aus. Anmerkung: Wenn ich so einen
verdammten Raketenrucksack hätte,
könnte ich quietschvergnügt von ei-
nem dieser Orte zum nächsten reisen.
Was ist für Sie das vollkommene
irdische Glück?
Das ist wohl kaum für die Veröffentli-
chung geeignet.
Welche Fehler entschuldigen Sie am
ehesten?
Ich kann alles entschuldigen außer das
Unvermögen, um Verzeihung zu bitten.
Ihre liebsten Romanhelden?
Als ich ein ernster Sechzehnjähriger
war, hieß er Jay Gatsby. Als ich ein-
undzwanzig war und frisch aus dem
College kam, war es Nicolas Urfe aus
Der Magus. Bis Ende zwanzig identi-
fizierte ich mich wohl am ehesten mit
dem gepeinigten Ich-Erzähler aus A
Fan’s Notes von Frederick Exley. Auf
der Liste stehen außerdem Henry
Chinaski (Bukowski), Jimmy Zoole
(James Kirkwood), Martha aus Wer
hat Angst vor Virginia Woolf?, der
Reverend T. Lawrence Shannon (Ten-
nessee Williams), John Self (Martin
Amis), Binx Bolling (Walker Percy),
Alexander Portnoy (Philip Roth) und
Jake Donaghue (Iris Murdoch). An-
scheinend mag ich Aufrührer. Eine
meiner dauerhaftesten Lieblingsfigu-
ren stammt aus einem Kinderbuch
von Lloyd Alexander, Drei Leben für F
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Lukas Kasha. Lukas, der kindliche
Held des Buches, bekommt die Gele-
genheit, ein neues, zweites Leben zu
führen. Als Kind wollte ich das unbe-
dingt. Heute will ich es immer noch.
Ihre Lieblingsgestalt in der Ge-
schichte?
Es ist verlockend, einen Kriegshelden
zu nennen, nicht wahr? Oder eine
Königin, einen Erfinder oder Rock-
star, einen Philantropen, berühmten
Koch, prominenten Therapeuten oder
dergleichen. Aber meine Lieblingsge-
stalt in der Geschichte ist wohl ein un-
genannter spartanischer Soldat, dessen
Tapferkeit Plutarch erwähnt. Der Mann
war verkrüppelt und konnte nicht
laufen. Als ihm sein General mitteilte,
er dürfe nicht an der Schlacht gegen
die Perser teilnehmen, sagte er: »Aber
mein Herr, es kommt doch nicht dar-
auf an, dass man wegläuft, sondern
dass man seine Stellung gegen den
Feind behauptet.« Ich finde, genau
diese Sorte Mut – eloquent, aber idio-
tisch, Respekt einflößend, aber leicht-
sinnig – brauchen alle Künstler.
Ihre Lieblingsheldinnen in der
Wirklichkeit?
Meine Mutter, Stiefmütter, Tanten,
Babysitter, Lehrerinnen – alle Frauen,
die irgendwie an meiner Erziehung
beteiligt waren.
Ihre Lieblingsheldinnen in der
Dichtung?
Die Dichterinnen selbst. Besonders
bewundere ich das Leben der Aphra
Behn.
Ihre Lieblingsmaler?
Um einen Lieblingsmaler zu haben,
bin ich nicht Experte genug, aber
meine Faszination für Hieronymus
Bosch lässt nie nach. (Ich glaube, dass
er Sünder aller Zeiten in Angst und
Schrecken versetzt.) Die Dadaisten
sagen mir zu. Ich bewundere das Bild
Christinas Welt von Andrew Wyeth.
Wie alle würde ich gern das sehen,
was Christina sieht. Und ich will
sie beschützen. Ich möchte immer
die Leinwand jedes Singer-Sargent-
Gemäldes küssen, vielleicht um es zu
erwärmen. Gleiches gilt für Ingres’
erotische frigidaires. In Museen ein
nicht unproblematisches Verhalten.
Ihr Lieblingskomponist?
Auch um einen Lieblingskomponis -
ten zu haben, fehlt mir das Fachwis-
sen. Doch wenn wir Musiker generell
nehmen, schätze ich keinen höher ein
als Bob Dylan und Tom Waits. Bob
Dylan entdeckte ich erst mit zirka
fünfundzwanzig Jahren und war ent-
rüstet, dass mein Vater ihn mir ver-
schwiegen hatte. Schließlich gehörte
Dylan seiner Generation an, und ich
fand es obszön, dass mein Vater es
nicht für wichtig hielt, mir von ihm
zu erzählen. Ich fühlte mich betrogen.
Als er mir sagte, er könne Dylan nicht
leiden, machte mich das nur noch wü-
tender.
Welche Eigenschaften schätzen Sie
bei einem Mann am meisten?
Loyalität.
Welche Eigenschaften schätzen Sie
bei einer Frau am meisten?
Humor und Mitgefühl.
Ihre Lieblingstugend?
Vermutlich bin ich nicht tugendhaft
genug, um mich in diesem Punkt fest-
zulegen. Ich sage nur, dass ich – wie
ein Zuschauer bei einem Maskenspiel
– die Leute bewundere, die sich tu-
gendhaft verhalten können.
Ihre Lieblingsbeschäftigung?
Ist selbstredend zur Veröffentlichung
ungeeignet, doch Platz zwei gehört
Sparring. Mir gefällt das Paradoxon:
Man muss mit seinem Gegner sehr
vertraut sein (damit man ihn gut
genug kennt, um zu antizipieren, was
er vorhat), doch man muss sich auch
im körperlichen Wettstreit mit ihm
auseinandersetzen. Beim Sparring gibt
es keine Sublimierung, keine passive
Aggression, kein politisches Taktie-
ren. Entweder trainiert man hart und
ist gut, oder man trainiert schlecht
und wird bestraft. Und noch nie habe
ich einen Kampf beendet und an-
schließend einen Groll gegen einen
Gegner gehabt. So eine Ehrlichkeit
findet man nur selten im Leben.
Wer oder was hätten Sie sein
mögen?
Mein Bruder wollte als Kind ein Hal-
teschild sein, damit »alle das tun müs-
sen, was ich ihnen vorschreibe«. Mir
war so eine Macht nie wichtig. Aber
ich wünsche mir oft, bei der Arbeit
mehr Kontakt mit anderen Menschen
zu haben. Vermutlich wäre ich ein
guter Arzt geworden. Ich mag auch
die Vorstellung, ein Orgelstimmer zu
sein, oder vielleicht Lepidopterologe
oder Parfümeur – etwas, bei dem man
Experte für etwas Geheimnisvolles
sein muss, aber auch Liebe braucht.
Ihr Hauptcharakterzug?
Wunschträumerei.
Was schätzen Sie bei Ihren Freun-
den am meisten?
Loyalität.
Ihr größter Fehler?
Eine pathologische Angst vor Durch-
schnittlichkeit.
Ihr Traum vom Glück?
Ohne Konsequenzen konsumieren.
Außerdem würde ich gern – wie ein
Otter oder Pinguin – als Hauptfortbe-
wegungsart auf meinem Bauch her-
umrutschen können. Das sieht aus, als
würde es Spaß machen.
Was wäre für Sie das größte Ung-
glück?
Den Tastsinn zu verlieren. Oder wie-
der nach Wisconsin zu ziehen, was
aufs Gleiche hinausläuft.
Ihre Lieblingsfarbe?
Schwarz, dicht gefolgt von Lila. Laut
einer gehässigen Exfreundin: Ich halte
mich für undurchdringlich und majes-
tätisch zugleich, was meiner Ansicht
nach beides nicht zutrifft.
Ihre Lieblingsblume?
Die Tulpe. Sie ist ehrlich, sie ist bunt,
sie ist ein tolles Sinnbild für die
Schönheit der Schöpfung. Und haben
Sie schon mal ihr Gesicht fest in einen
Tulpenstrauß gesteckt?
Ihr Lieblingsvogel?
Ich habe keinen Lieblingsvogel. Aber
das Gegenteil habe ich sehr wohl: die
Taube. Ich kann es nicht ausstehen,
wie Tauben beim Gehen ruckartig
den Kopf bewegen, so, als würden sie
den einzigen Gedanken in ihren Fe-
derviehhirnen physisch Ausdruck
verleihen, wenn sie näherkommen
oder sich entfernen: »Futter / Tod?
Futter / Tod? Futter / Tod?« Außer-
dem koten sie alles zu, was ihnen
unter die Bürzel kommt. Verlangt
man zu viel vom städtischen Leben,
82 Diogenes Magazin
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wenn man hofft, nicht aus dem Him-
mel angeschissen zu werden?
Ihr Lieblingsschriftsteller?
Meine Lieblingsschriftsteller sind
meist die Schriftsteller, die ich gerade
lese. Zur Zeit ist das bei mir Raymond
Chandler. Ich bewundere Marisha
Pessls neuen Roman Die alltägliche
Physik des Unglücks. Auch habe ich
kürzlich Die Straße von Cormac
McCarthy gelesen und fand das Buch
genauso erschütternd und visionär,
wie die Kritiker es fanden. Ich lese sel-
ten Nicht-Literatur, finde aber An-
thony Lanes Kritiken hinreißend. Zu
meinen absoluten Lieblingsschrift-
stellern gehören: Martin Amis, Bret
Easton Ellis, Djuna Barnes, Tim
O’Brien, Donald Barthelme, F. Scott
Fitzgerald, Joy Williams, Salman
Rushdie, Isaac Babel, Tibor Fischer,
Marsha Norman, Martin McDonagh,
Edward Albee, Noël Coward, Oscar
Wilde und J.P. Donleavy. Die Großen
also. Langweilig, nicht wahr?
Ihr Lieblingslyriker?
Paul Celan.
Ihre Helden in der Wirklichkeit?
Mein Großvater war Stukkateur und
litt mit fünfunddreißig an schwerer
Arthritis. Seine Hände sahen aus wie
verkrümmte Baumwurzeln, er konnte
die Arme nicht mehr strecken. Jeden
Tag kam er nach Hause, ging in den
Wandschrank – damit es seine Kinder
nicht sahen – und bog mit Gewalt die
Arme gerade. Nachts drückte dann
meine Großmutter seine Fäuste auf
und band seine flachen Hände an ein
Holzbrett, damit er morgens nach
dem Aufwachen wieder arbeiten
gehen konnte. Das ging jahrzehnte-
lang so. Es ist die schwerste Art von
Heldentum – Durchhaltevermögen.
Ihre Heldinnen in der Geschichte?
Fürstin Encheduanna, Hohepriesterin
von Sumer, ca. 2300 v. Chr. Sie ist
nicht nur die erste bekannte Schrift-
stellerin der Welt, sondern überhaupt
der erste namentlich bekannte schrei-
bende Mensch. Sie schrieb über ihren
Unmut, dass sie aus Ur und Uruk ver-
bannt worden war, was sie auch zur
ersten Memoirenschreiberin macht.
Meiner Ansicht nach ist es kein Zu-
fall, dass das erste bekannte Werk der
ersten bekannten Autorin von Klagen
und Entfremdung handelt. Auch vier
Jahrtausende später schreiben wir
immer noch über dieselben Dinge.
Was mich daran erinnert, dass Schrei-
ben eine notwendige, elementare
Schwarze Kunst ist.
Ihre Lieblingsnamen?
Jungs: Phineas. Mädchen: Myrtle.
Auch hätte ich gern einen Kumpel, den
ich ›Pop-top‹ nennen könnte. Daran
gefällt mir einfach der Klang. Er
könnte in Wirklichkeit Philip heißen,
hätte aber komische Haare. Eventuell
würde er sich gern in einer Schub-
karre durch die Gegend ziehen lassen,
vielleicht könnte er auch hervorra-
gend Zitate aus alten Screwball-Ko-
mödien vortragen. Wenn wir mal ge-
meinsam irgendwohin gingen und uns
verspäteten, könnte ich sagen: »Meine
Güte! Nun mach hin, Pop-top!«
Was verabscheuen Sie am meisten?
Falschheit. Außerdem Hipster und
Kritiker, die glauben, Hohn sei
gleichzusetzen mit Diskriminierung.
Welche geschichtlichen Gestalten
verachten Sie am meisten?
Alle gewalttätigen religiösen Fanatiker.
Welche militärischen Leistungen
bewundern Sie am meisten?
Jede Unterzeichnung eines Waffen-
stillstands. Zweiter Platz: Eine Zen-
Legende erzählt von zwei Generälen,
die vor einer Schlacht gemeinsam Tee
trinken. Dabei erkennt jeder, dass der
andere ein brillanter Kommandeur ist,
der fähige Krieger befehligt, und dass
ein Kampf nur zu einem blutigen Patt
führen würde. Sie trinken den Tee
aus, verbeugen sich voreinander und
schicken ihre Truppen nach Hause,
ohne dass jemand ein Schwert zückt.
Dritter Platz, dank Unblutigkeit und
eines dramatischen Auftritts: John
Mosby war im Amerikanischen Bür-
gerkrieg ein Ranger der Konföderier-
ten, der wiederholt waghalsige
Guerillaangriffe auf Unionstruppen
durchführte. Einmal betrat er dreist
das Lager eines feindlichen Komman-
danten und nahm zahlreiche hochran-
gige Offiziere gefangen. Einer davon
war General Edwin Stoughton, den
Mosby durch einen Schlag auf den
Arsch weckte. »Aufwachen, Sir«, rief
der Ranger. »Mosby ist da!« Der Ge-
neral hielt ihn für einen Boten, der
ihn von Mosbys Gefangennahme in-
formierte, und sagte: »Was? Mosby?
Sie haben ihn? Ausgezeichnet!« Dar-
auf Mosby: »Nein, Sir, er hat Sie.«
Welche Reform bewundern Sie am
meisten?
Das Ende des Feudalwesens. Wer
braucht so’n Scheiß?
Welche natürliche Gabe möchten
Sie besitzen?
Die Fähigkeit des Schauspielers,
fremde Akzente nachzumachen. Bei
mir hören sich alle Akzente gleich an –
französische, deutsche, britische, spa-
nische, ganz egal. Aus meinem Mund
klingen sie alle wie konfuses Chine-
sisch, ein echter Nachteil, wenn man
schmutzige Witze erzählt.
Wie möchten Sie sterben?
Wie alle Männer möchte ich von einer
mir unbekannten nackten Frau er-
drückt werden.
Ihre gegenwärtige Geistesverfas-
sung?
Voller Panik beim Gedanken, dieser
Fragebogen könnte falsch oder richtig
interpretiert werden.
Ihr Motto?
Ich bin weder organisiert noch zielge-
richtet genug, um ein Motto zu haben,
doch falls ich eins nennen müsste,
würde ich wahrscheinlich irgendeinen
überzeugend klingenden Spruch neh-
men, den ich kürzlich gelesen oder ge-
hört habe und der mir sinnvoll vor-
kam. Ein paar Tage später würde ich
das Motto wieder ändern, wie
schmutzige Bettwäsche. Heute ist ein
Zitat aus einem Song der Gruppe Sil-
ver Jews an der Reihe, das mir in die-
ser Woche nicht aus dem Kopf ging:
»Scotch and Penicillin«. Es enthält das
Yin und Yang von Verlangen und Be-
strafung und würde auch ein schickes
Wappen abgeben, vielleicht eins mit
gekreuzten Flaschen, vagabundieren-
den Bakterien und einem Aspirin in
der Tiefe des Raumes.

Aus dem Amerikanischen
von Hans M. Herzog
83 Diogenes Magazin
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er Schwarzmarkt für gestohlene
und geplünderte Kunstwerke –
nach dem Drogenhandel der lukrativ-
ste Schwarzmarkt der Welt – hat mich
schon immer fasziniert.
Auch habe ich eine Schwäche für
Menschen, die einsame, schwierige,
möglicherweise selbstzerstörerische
Arbeiten verrichten. Um meinen Er-
zähler Otto Starks zu zitieren, Leute,
die »in dunklen Räumen herumsitzen
und auf eine Kugel warten«. (Die glei-
che gefährliche Arbeit, scheint mir,
die von Schriftstellern erwartet wird.)
Irgendwie vereinigten sich diese bei-
den Interessen und schufen einen rein
fiktiven Beruf, den ›Guardian‹, der im
Original ›pulse‹ heißt. Dieser Begriff
stammt aus einer Formulierung der
Security-Branche, in der es heißt: Na-
türlich muss es in gesicherten Einrich-
tungen technisch komplexe Ein-
bruchsmelde- und Abschreckungs-
systeme (repulsion systems) geben –
Lasernetzwerke, Bodenplatten mit
Drucksensoren, hydraulisch schlie-
ßende Sicherheitstüren, hitzeemp-
findliche Blablablas –, aber wenn man
Sicherheit und Bewachung wirklich
groß schreibt, wenn man behalten
will, was einem gehört, dann muss
man in dem Raum mit den zu
be wachenden Gegenständen auch
einen ›Guardian‹ haben. Also einen
menschlichen Wächter, der immer
einen Finger auf dem Alarmknopf hat.
Wenn man behauptet, ›Guardians‹
seien hochqualifizierte Wachleute,
springt man ein wenig zu kurz. Ihnen
ist es zu verdanken, dass die Kronju-
welen immer noch Großbritannien
gehören und im Iran noch keine
Atomsprengköpfe aufgetaucht sind.
Sie sind keine Polizisten, sie können
nicht mit Schusswaffen umgehen. Es
sind auch keine Nahkampfspezialis -
ten, und sie werden nie ein Auto-
rennen gewinnen. Aber sie schulen
ihre Sinne – sie können den Herz-
schlag einer Maus hören, jeden Be-
standteil eines Parfümhauchs analy-
sieren, sie spüren mit ihren Füßen die
Erschütterungen, wenn ein Dieb ein
Loch in den Fußboden bohrt –, und
sie verbringen Jahre damit, Giftresis -
tenzen und ungeheure Toleranzen für
Schlafentzug aufzubauen.
Vielleicht lag im Zentrum dieses
Romans mein Interesse an der Ver-
bindung von Liebe und Diebstahl,
und irgendeine neurologische Zün-
dung (oder ein Zufallsereignis, irgend-
eine Sonneneruption des Unterbe-
wusstseins) führte dazu, dass ich
mir einen ultramoralischen Security-
experten ausdenken wollte, der nur
dann eine Chance hat, seine große
Liebe zu bekommen, wenn er genau
das macht, was ihm zutiefst wider-
strebt: Verbrechen begehen. Schwere
Verbrechen.
Entweder bekommt er die Frau, die
er liebt, oder er behält die Arbeit, die
er liebt. Und welche Entscheidung er
auch treffen mag, sie könnte sein ge-
samtes Selbstverständnis zerstören.
Oder ihm das Herz brechen, irrepara-
bel. Oder ihn ins Gefängnis bringen.
Oder ihn töten.
Außerdem wollte ich eine spieleri-
sche, witzige, respektlose Geschichte
über die Welt der Wachleute und Se-
curity-Experten schreiben. In Bü-
chern und Filmen kommen sie meist
zu kurz. Sie erleiden ein ebenso trau-
riges Schicksal wie Hubschrauber – in
einem Buch oder Film taucht ein
Hubschrauber nur auf, damit er gegen
irgendwas Eindrucksvolles prallen
und in der Luft als Feuerball explo-
dieren kann. Wachleute tauchen nur
auf, damit sie auf ihren Hockern ein-
nicken oder nach einem einzigen Ka-
rateschlag gegen den Hals zu Boden
gehen.
Das fand ich einfach ungerecht.
Meiner Ansicht nach brauchten sie
einen Helden. Man müsste mehr Ver-
ständnis für sie aufbringen. Jemand
sollte ihre Geschichte erzählen. Sie
sollten die Chance haben, zu lieben
und geliebt zu werden.
Auftritt Otto Starks, der hinge-
bungsvollste ›Guardian‹, den es je gab,
der sich entscheiden muss zwischen
der einzigen Arbeit, die er je machen
wollte, und der einzigen Frau, die er je
geliebt hat.

Aus dem Amerikanischen
von Hans M. Herzog
In Filmen erleiden Wach-
leute ein ebenso
trauriges Schicksal wie
Hubschrauber –
sie tauchen nur auf, damit
sie gegen irgendetwas
prallen und in
der Luft explodieren.
Adam Davies
über seinen Roman
Dein
oder
mein
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Erscheint im April 2010
Adam
Davies
Dein oder
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Roman · Diogenes
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85 Diogenes Magazin
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Owl’s Eye
Wenn Bibliotheken heiraten
Im nächsten Magazin:
Bücherordnung
Wie sortiert man seine Bücher am besten?/2. Teil
ganz unten. Aber das hört sich fast an wie
im Supermarkt, wo die Markenartikel auf
Augenhöhe stehen und die billigen Ei-
genmarken in Bodennähe.
Warum nicht mehr Mut zur Unkon-
ventionalität? Genau umgekehrt zum
Beispiel, die absoluten Lieblinge ganz
unten, damit man sich demütig vor ihnen
verbeugen oder vor sie hinknien muss,
wenn man sie zur Hand nehmen möchte.
Und die Sachbücher auf die oberen Re-
galbretter – ist nicht auch der Weg zum
Wissen ein beschwerlicher? Bücher, die
nicht mehr so hoch in unserer Gunst ste-
hen (oder noch nie standen, wie es sich
manchmal mit Geschenken von Bekann-
ten und Verwandten verhält), gehören in
einer Bibliothek in unmittelbare Nähe
der Heizung, wo der Bindeleim allmäh-
lich austrocknet und die Seiten auseinan-
derfallen. Oder noch gemeiner: dorthin,
wo die Mittagssonne besonders stark ein-
fällt, so dass Autorennamen und Titel auf
dem Buchrücken langsam verblassen und
schließlich ganz verschwinden.
Andere Sortierungsmöglichkeit: Ro-
mane nebeneinanderstellen, deren Helden
sich gut verstehen würden, zum Beispiel
Tolstois Anna Karenina und Fabrizio del
Dongo aus Stendhals Die Kartause von
Parma. Wären die beiden nicht ein
Traumpaar gewesen, hätte das Malheur
im Bahnhof so nicht vermieden werden
können?
Oder Romane nach dem Alter sortie-
ren, in dem der Autor sie geschrieben hat;
so hat man die Frühwerke aller Autoren
in der ersten Regalreihe, die weisen Al-
terswerke ganz am Schluss. Auch schön:
Bücher zusammenstellen, die irgendeine
geheime Verbindung haben. Zum Bei-
spiel Fitzgeralds Der große Gatsby und
Evelyn Waughs Wiedersehen mit Brides-
head, weil auf den letzten Seiten des
Gatsby ein grünes Licht eine poetische
und symbolgeladene Rolle spielt und in
Brideshead ein rotes.
Ein Bekannter von mir hat seine Bü-
cher gar nicht sortiert, sondern so viele
Kunstpostkarten auf den Regalen aufge-
stellt, dass er ganz genau weiß: Dürren-
matt steht hinter dem Matisse-Stillleben
(was eigentlich nicht sehr gut passt) und
Paulo Coelho hinter Dürers Hasen.
Georges Perec meinte überdies: »Es ist
gar nicht so schlecht, wenn unsere Biblio-
theken ab und zu auch als Gedächtnis-
stütze, Katzennische oder Rumpelkam-
mer dienen.«
Noch einige Ratschläge für die Sortie-
rung nach Zimmern. Im Korridor am bes-
ten Lyrik, damit man sich, wenn man aus
dem Haus geht, noch schnell einen Band
in die Manteltasche stecken kann. Im
Schlafzimmer ist der Ratschlag von Julian
Barnes zu befolgen: »nur Bücher, die sich
gut auf dem Nachttisch machen, falls
man plötzlich und unerwartet stirbt«.
Die ehrlichste Sortierung ist übrigens
die nach gelesenen und nicht gelesenen
Büchern. Richtig verzwickt wird es aber,
wenn man nicht nur für seine eigene Bi-
bliothek eine Ordnung finden muss, son-
dern auch noch die Bücher des Partners
dazukommen. Aber davon das nächste
Mal mehr.

Jan Sidney
D
ie gängige Methode, Bücher zu ord-
nen, ist die alphabetische nach Au-
torennamen. Da fangen die Probleme
schon an: Die Bücher, die man häufig
braucht, sind meist genau diejenigen, die
nach dieser strikten Regel in die obersten
Regale verbannt wurden und die man nur
auf einem Stuhl stehend erreicht (die
meisten Unfälle passieren in den eigenen
vier Wänden). Oder die Lieblingsbücher
wandern in die untersten Regale, und
man macht sich ständig die Knie staubig.
Schlimm auch, wenn genau in der Mitte
der Bücherwand, sozusagen im Fokus
jedes Betrachters, beispielsweise die
Werkausgabe von Hans Henny Jahnn
steht, die man vor einem Jahrzehnt ge-
kauft hat, weil sie so günstig war (was nie
ein guter Grund ist, ein Buch zu kaufen).
Nach zehn Jahren hat man es nicht ein-
mal geschafft, die Titel der acht Bände zu
lesen, geschweige denn, sie sich zu mer-
ken (wie soll das bei Titeln wie Die
Niederschrift des Gustav Anias Horn
nachdem er neunundvierzig Jahre alt ge-
worden war auch gehen?). Aber jeder Be-
sucher sieht als Erstes den beigen Hans-
Henny-Jahnn-Schuber und fragt sofort:
Alles gelesen? Oder noch schlimmer:
Ach, findest du Jahnns Auseinanderset-
zung mit dem harmonikalen Weltbild
auch so faszinierend?
Zu Recht wettert Hans Erich Nossack
gegen die alphabetische Ordnungswut:
»Bücher sind nicht einfach Sammelob-
jekte, die sich wie Briefmarken in einem
Album an vorbestimmten Plätzen unter-
bringen oder wie Schmetterlinge nach
einem System ordnen lassen«, man hat es
im Gegenteil »mit höchst lebendigen In-
dividuen zu tun, die nie aufhören, Rück-
sicht und Teilnahme zu verlangen«.
Eine ganz persönliche Sortierung nach
Vorlieben ist die Lösung. Und hier gilt:
Alles ist erlaubt. Vernünftig wäre, die
wichtigen und liebsten Bücher in Reich-
weite zu platzieren, die seltener benötig-
ten Bände höher und die verschmähten
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86 Diogenes Magazin
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Martin Suter, Porträt von Hilde
Heim. Erstausstrahlung am
24. 01. 2010 auf Arte.
Ingrid Noll, Ladylike. Mit Monica
Bleibtreu, Günther Maria Halmer,
Gi sela Schneeberger, Ende 2009
im ZDF.
René Goscinny, Jean-Jacques
Sempé, Der kleine Nick. Im Frühjahr
2010 auch als Animationsserie in
52 Folgen auf KI.KA.
Donna Leon. Die Brunetti-Verfil-
mungen werden ab 2010 im französi-
schen Fernsehen (France 2) gesendet.
Paul Flora. Austellung Capitano,
Zanni und Harlekin vom
7.2. –18. 4. 2010 im Olaf Gulbransson
Museum, Tegernsee.
James Cook und die Entdeckung
der Südsee. Wanderausstellung in
der Bundeskunsthalle Bonn,
bis 28. 2. 2010, im Kunsthistorischen
Museum – Museum für Völkerkunde
Wien, 10. 5.–13. 9. 2010.
Das Musée Tomi Ungerer in Straß-
burg zeigt vom 1. 4. –30. 6. 2010 eine
Retrospektive mit den Zeichnungen
von Slow Agony und Heute hier,
morgen fort.
Hugo Loetscher. Ausstellung über
Leben und Werk anlässlich seines
80. Geburtstags. Literaturmuseum
Strauhof Zürich, 6.12. 2009–28. 2. 2010.
Ehren-Herausgeber: Daniel Keel und
Rudolf C. Bettschart /Geschäftsleitung:
Katharina Erne, Stefan Fritsch, Ruth Geiger,
Daniel Kampa, Winfried Stephan
Chefredaktion: Daniel Kampa (kam@diogenes.ch)
Mitarbeiter dieser Ausgabe: Julia Stüssi (js),
Nicole Griessman, Martha Schoknecht,
Silvia Zanovello (zan), Ruth Geiger, Anna von Planta
Grafik-Design: Catherine Bourquin
Fotograf: Bastian Schweitzer
Scans und Bildbearbeitung: Catherine Bourquin,
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Webausgabe: Susanne Bühler (sb@diogenes.ch)
Korrektorat: Franca Meier, Dominik Süess
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Freie Mitarbeiter: Jan Sidney (sid), Marie Brach (mb)
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Zurzeit gilt Anzeigenliste Nr. 1 von 2008
Abo-Service: Christine Kownatzki
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sFr 18.– in der Schweiz, andere Länder auf Anfrage.
Herzlichen Dank an Anna von Planta,
Bernhard Tinner, Martin Walker, John Simenon,
Sibylle Breitbach, Heike Makatsch und
Max Martin Schröder, Urs Kienberger und
Felix Dietrich vom Hotel Waldhaus Sils Maria,
Robert Walter, Christoph Poschenrieder,
Tomi Ungerer, Martin Suter, Anna Gavalda,
Urs Widmer, Peter Urban, Maya Dickerhof,
Jacques Berndorf, Gert Heidenreich, Vincent Klink,
Wiglaf Droste, Burkhard Spinnen, Adam Davies,
Toshido Fukuda und an alle Fotografen, Zeichner
und Übersetzer.
Beim Gewinnspiel sind Mitarbeiter/-innen des
Diogenes Verlags von der Teilnahme ausgeschlossen.
Die Gewinner werden schriftlich benachrichtigt.
Die Preise sind nicht in bar auszahlbar. Der
Rechtsweg ist ausgeschlossen. Über unverlangt einge-
sandte Manuskripte kann leider keine Korrespondenz
geführt werden. Programmänderungen vorbehalten.
Alle Angaben ohne Gewähr.
Redaktionsschluss: 30.9.2009/ISSN 1663-1641
Maurice Sendak, Wo die wilden
Kerle wohnen. Regie: Spike Jonze.
Kinostart (D, CH): 17.12. 2009.
Martin Suter, Lila, Lila. Regie: Alain
Gsponer, mit Daniel Brühl, Hannah
Herzsprung und Henry Hübchen.
Kinostart (D, CH): 17.12. 2009.
René Goscinny/Jean-Jacques Sempé,
Der kleine Nick. Regie:
Laurent Tirard, mit Kad Merad,
Valérie Lemercier, François-Xavier
Demaison. Kinostart: 4. 2. 2010.
H 10331
54.
Jahrgang
3. Quartal 2009
Eu ro 14,–
www.die-horen.de
235
die
horen
Zeitschrift für Literatur,
Kunst und Kritik
Die
HALLUZINOGENE
Katze
/
Träume, Realien –
Stimmen & Stimmengewirr
aus der Gegenwart
Rumäniens.
die ho ren – 1980 und 1988
ausgezeichnet mit dem
Alfred Kerr – Preis
des Börsenvereins des Deut-
schen Buchhandels, »weil sie
mit großer Aufmerksamkeit
die internationale Literatur
beobachtet und vorstellt; weil
sie in der deutschen Literatur
nicht nur das Neueste behan-
delt, sondern sich auch um
vergessene Autoren küm-
mert; weil sie mit Text und
Kritik zu wesentlichen, wenig
beachteten Autoren und
Werken hinführt; weil sie den
Leser durch Nachrichten
und Kommentare am literari-
schen Leben beteiligt.«
(Jury-Spruch)
die ho ren – »Eine der mar-
kantesten und vielseitigsten
Literaturzeitschriften der
Gegenwart.« Paul Raabe //
»So umfang- wie inhaltsreich,
so lesens- wie sehenswert.«
Neue Zürcher Zeitung.
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OFFEN FÜR DIE LITERATUREN
DER WELT …« (WALTER HINCK)
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Impressum
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Tatjana Hauptmann
87 Diogenes Magazin
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ls politischer Journalist war er
schon auf allen Kontinenten
tätig. Nun hat unser Autor seinen gut
aufgeräumten Schreibtisch wieder in
Europa eingerichtet – im wärmeren
Teil und in einem der schönsten, wie
er beteuern würde und wie wir Leser
auch aus seinem Roman-Erstling die-
ses Jahr erfahren durften. Ganz sess-
haft ist der 62-Jährige noch immer
nicht. Oft reist er umher, weshalb er
seine Krimi-Ideen auch per Hand auf
Blöcke schreibt, die stets Platz im
Handgepäck finden. Neben Schreib-
utensilien hat er auch immer einen
Strohhut aus seiner nicht kleinen
Sammlung dabei, der fast schon ein
Markenzeichen ist und ihn gegen die
Sonne seiner Wahlheimat schützt.
Wenn diese dann doch einmal zu heiß
vom Himmel brennt, trifft sich unser
Autor auch gern mit seinen Freunden,
zu denen sogar Gesetzesvertreter ge-
hören und die ihn außerdem zu seinen
Figuren inspirieren, auf ein Gläschen
guten Wein im Bistro des Dorfs.
Gewinnspiel
Lösung Diogenes Magazin Nr. 1:
Magdalen Nabb
Die Gewinner: Gabriele Jagau, Wals-
rode (Hauptpreis); Alicia Vollmer,
Monheim am Rhein; Daniel Erni,
Reinach (Schweiz); Gisela Bauer, Bad
Hersfeld; Bea Schneider, Bindlach
Wer
schreibt
hier?
Schicken Sie die Antwort bis zum
30. Mai 2010 per Post oder per E-Mail
(gewinnspielmagazin@diogenes.ch)
an: Diogenes Verlag, Gewinnspiel,
Sprecherstr. 8, 8032 Zürich, Schweiz.
Als Hauptpreis gibt
es einmal die
komplette Maigret-
Edition in
75 Bänden im
Wert von €675.–.
Außerdem wer-
den drei Bücher-
gutscheine à
€100.– verlost.
Schreibtisch
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Mag ich nicht:
Parties. Feiertage. Kutteln. Interviews.
Podiums-Gespräche. Autogrammwün-
sche. Schnecken. Reisen. Schlange ste-
hen. Berge. Ruderboote. Laufende Ra-
dios. Musik in Restaurants. Musik
allgemein (ihr ausgesetzt sein). Telefon-
rundspruch. Witze. Fußballfanatiker.
Woody Allen (ich weiß zwar nicht,
vielleicht sollten wir uns einmal mitein-
ander unterhalten). Ballett. Weih-
nachtskrippen. Gorgonzola. Preisver-
leihungen. Austern. Diskussionen über
Brecht. Brecht überhaupt. Offizielle
Essen. Trinksprüche. Ansprachen. Ein-
geladenwerden. Meinungsumfragen.
Humphrey Bogart (man kann nicht
dauernd wütend sein). Quizveranstal-
tungen. Magritte. Einladungen zu Aus-
stellungen von Malern, zu Theaterpre-
mieren. Dario Fo. Manuskripte.
Schwarztee. Kamillentee. Kaviar. Vor-
premieren jeglicher Art. Das Teatro
della Maddalena. Zitate. Den echten
Mann. Die Filme der Jungen. Theatra-
lik. Temperament. Fragen. Pirandello.
Crêpes Suzette. Schöne Landschaften.
Unterschriftensammlungen. Politische
Filme. Psychologische Filme. Histori-
sche Filme. Fenster ohne Jalousien. En-
gagement und Nicht-Engagement.
Ketchup.
Mag ich:
Bahnhöfe. Matisse. Flughäfen. Risotto.
Eichen. Rossini. Rosen. Die Marx
Brothers. Tiger. Auf jemanden warten,
mit dem man verabredet ist, und hof-
fen, dass der Betreffende nicht mehr
kommt (selbst wenn es eine schöne
Frau ist). Totò. Nicht dabeigewesen zu
sein. Piero della Francesca. Alles, was
an einer schönen Frau schön ist.
Homer. Joan Blondell. Den Septem-
ber. Nougat-Eis. Kirschen. Brunello di
Montalcino. Frauen mit großen Hin-
tern auf Fahrrädern. Züge und Pickni -
cken in Zügen. Ariost. Cockerspaniels
und Hunde ganz allgemein. Den Ge-
ruch von nasser Erde. Den Duft von
Heu und gehackten Lorbeerblättern.
Zypressen. Das Meer im Winter. Leute,
die wenig sagen. James Bond. Den
Onestep. Leere Lokale. Verlassene Res -
taurants. Kahle Räume. Leere Kirchen.
Die Stille. Ostia. Torvajanica. Glocken-
geläute. Sonntagnachmittags allein in
Urbino sein. Basilikum. Bologna.
Venedig. Ganz Italien. Chandler.
Concierges. Simenon. Dickens. Kafka.
London. Geröstete Kastanien. Die
U-Bahn. Busfahren. Große hohe Bet-
ten. Wien (wo ich allerdings noch nie
gewesen bin). Aufwachen. Einschlafen.
Schreibwarengeschäfte. Faber-Bleistifte
Nr. 2. Das Varieté. Bittere Schokolade.
Geheimnisse. Morgendämmerung.
Nacht. Geister. Wimpies. Laurel and
Hardy. Turner. Leda Gloria –
aber Greta Gonda gefiel mir auch sehr.
Soubretten, aber auch Tänzerinnen.
88 Diogenes Magazin
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Diogenes
Magazin
Der neue Roman
von John Irving
Sommer-Reisen
Im Périgord mit Martin Walker,
am Nordpol mit Ian McEwan,
Couch-Surfing mit Arnon Grünberg
Sommer-Spaß
Spiele, Tests, Erzählungen, Interviews –
Mit großem Preisausschreiben
Euro 2.– /sFr 3.50
Nr. 4
Sommer 2010
9 7 8 3 2 5 7 8 5 0 0 4 8
www.diogenes.ch
Euro 2.– /sFr 3.50
Das nächste Diogenes Magazin,
das im Mai 2010 erscheint, macht Lust
aufs Reisen: Ian McEwan berichtet
von einer Fahrt in den hohen Norden,
Arnon Grünberg über seine Erfah-
rung als Couch-Surfer, und Martin
Walker schreibt über das Périgord.
Und fünf Autoren verraten, was sie
auf die einsame Insel mitnehmen wür-
den. Mit Spielen, Rätseln, Psychotest,
Erzählungen und Interviews und
einem großen Gewinnspiel, damit der
Sommer zum Vergnügen wird.
Um die Wartezeit zu verkürzen,
besuchen Sie unsere Website mit
aktuellen News und Magazinen:
www.diogenes.ch
Mag ich – Mag ich nicht
Federico Fellini
Im nächsten Magazin:
Christoph Poschenrieder
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Vorschau
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ugo ist tot. Wir sind traurig. Er, der bis kurz vor
seinem Tod schier alterslos war, quicklebendig,
neugierig, herzlich, witzig. Wir sind traurig, sage
ich, und erlaube mir,
mit diesem Plural im
Namen seiner schreiben-
den Freundinnen und
Freunde zu sprechen. Im
Namen unserer Literatur.
Denn Hugo kannten wir
alle, er kannte uns, er war
ein sozial ungeheuer be-
gabter Mann – und doch
auch einer, der immer
von seiner Einsamkeit
umgeben war. Ein einsa-
mer Gesellschaftsmensch.
Er, der alles andere als
den Rückzug prakti-
zierte, war gleichzeitig
auch der große Einzel-
gänger in unserer Litera-
tur. Er hatte das Genie,
auch andere Widersprü-
che aufs Müheloseste in
sich zu versöhnen. Er
brach, wir wissen es,
immer wieder ins Fremde
auf – er ist mehr gereist
als alle anderen Schrift-
steller in der Schweiz zu-
sammen –, aber er war nie
weg, verschwunden. Er
war trotz seinen langen Aufenthalten in Portugal, in Bra-
silien, in Asien, in den USA ganz selbstverständlich einer
von uns, von hier, in der Schweiz, in Zürich. Weggehen
und zurückkommen, niemand beherrschte dieses schwie-
rige Spiel besser als Hugo. Es gab noch andere Gegen-
sätze, die er versöhnen oder wenigstens aushalten musste.
Er war zum Beispiel der Prolet von jenseits der Sihl und
ging mit der größten Selbstverständlichkeit und Gelas-
senheit mit Menschen um, die, anders als er, mit einem
goldenen Löffel im Mund geboren worden waren. Große
Tiere machten ihm keine Angst, und er fiel auch ihrem
Glanz nie zum Opfer. Er kam aus einem Haus, in dem es
keine Bücher gab, und wurde ein Mann von einer stupen-
den Bildung, die er nie, kein einziges Mal, als Waffe be-
nützte, um andere zu demütigen. Ja, er war eine Art städ-
tischer Thomas Platter, den er ja auch aufs Höchste
schätzte. Er war mehr ein Platter als ein Goethe, auch
wenn diese Gedenkfeier
heute just an Goethes
Geburtstag stattfindet.
Und schreiben konnte
er! Seine Mittel waren so
reich, dass er sich in
schlicht allen Genres zu
bewegen wusste. Und er
war mit ganzem Herzen
und sehr intensiv ein
Journalist, einer in der
Tradition der Aufklä-
rung. Er ließ sich von kei-
nem Zeitgeist ins Bocks-
horn jagen. Er war also
nie ein kalter Krieger,
und er war auch nie ein
68er. Jede Ideologie war
ihm zuwider. Er war der
Anti-Fundamentalist par
excellence. Er selber war,
als junger Mann, drauf
und dran gewesen, dem
Teufel vom Karren zu
fallen – sein Lebensweg
war keineswegs gradlinig,
sondern ein oft eher un-
freiwilliges als freiwilliges
Auf und Ab. So hatte er,
der dann doch glanzvoll
erfolgreich wurde, viel Herz und Verstand für die, die
scheiterten.
Und die Homosexualität. Als Hugo sein Leben be-
gann, war diese noch eines der ganz großen Tabus. Be-
wundernswert, wie Hugo sie literarisch verarbeitet hat.
Nichts verschweigend, nicht auftrumpfend.
Mir – und uns allen – fehlt Hugo, der herzliche Mann,
der drei Mal den Nachtisch essen konnte und nicht nur
ein Glas Rotwein schätzte, sondern auch drei Gläser. Der
lachen und uns wie kein Zweiter zum Lachen bringen
konnte und der, wenn’s drauf ankam, ganz ernst, ganz
konzentriert, messerscharf denkend, präzise formulie-
rend war, kompromisslos erst, wenn er die Kompromisse
zuvor in sich erwogen und verworfen hatte.
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Urs Widmer hielt diese Rede während der Gedenkfeier zu Ehren von Hugo Loetscher im Großmünster Zürich.
Hugo Loetscher starb am 18. August 2009, kurz vor Erscheinen seines letzten Buches
›War meine Zeit meine Zeit‹ – »der beeindruckende Schlussstein seines Lebenswerks« (Der Spiegel, Hamburg).
85003_diogenes_magazin_nr3_us:Layout 1 20.10.2009 10:15 Uhr Seite 2
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Diogenes
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85003_diogenes_magazin_nr3_us:Layout 1 20.10.2009 10:15 Uhr Seite 1

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