Diogenes

Magazin
Nr. 8
Herbst 2011
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www.diogenes.ch
4 Euro / 7 Franken
Alles inklusive!
Multitalent
Doris Dörrie
Faule Kredite in
Griechenland
Petros Markaris hat die
Krise zum Krimi gemacht
Loriot im Gespräch
Bitte sagen Sie jetzt nichts
80 Jahre Tomi
Ingrid Noll und Percy Adlon
über Tomi Ungerer
1 Diogenes Magazin
A
ls wir fertig gefrühstückt hatten,
fiel mir etwas Eigenartiges auf.
»Schau!«,sagteichzuFrankunddeu-
teteaufdenZuckerstreuerinderMit-
tedesTisches,indemeineFliegeauf-
geregthinundherschwirrte.
Frank sagte nichts, doch noch ehe
ichetwasdagegentunkonnte,hatteer
sich das Zuckerglas geschnappt und
dieFliegefreigelassen.
»Wieso hast du das getan?«, fragte
ichihnentsetzt.
»DamitsichdieanderenGästekei-
neFliegeüberihrEssenschütten.«
»Hast du mal eine Sekunde an das
arme Tier gedacht?«, sagte ich und
fühltemichderFliegeseltsamverbun-
den.»Wahrscheinlichschafftsieesnie
mehrinihremkurzen,hektischenLe-
ben, durch den engen Schlitz des Zu-
ckerstreuers hineinzufliegen. In die-
semkleinenGlasgabeskeinenStress
mehr, kein planloses Rumgefliege,
sondern so viel Zucker, wie sie nur
wollte.DasParadies!DieseFliegewar
bestimmt total glücklich. Sie war al-
lein und geschützt, es gab keine Ge-
fahr für sie, bis du sie wieder rausge-
schmissenhast.«
»Jesper, das war doch nur eine
kleineFliegeineinemZuckerglas,reg
dichab.«
»Duverstehstesnicht,duverstehst
eseinfachnicht.«
Franklachtenur,abermirwarnun
klar,wiesomichdaskleineTiersoin
seinen Bann gezogen hatte. Das war
ich. Ich hatte mich nicht freige-
schwommen,sondernwarstattdessen
einfach abgehauen, geflüchtet, in den
SchutzmeineseinsamenLebens.
InmeinZuckerglas.
Natürlich hatte man als kleines
Insekt Abstriche zu machen, aber
andererseits waren einem alle Sorgen
genommen. Man hatte nichts zu be-
fürchten.Esgabnureinenselbst.Und
ähnlich wie bei der Fliege, fühlte ich
durchdievergangenenEreignissedie-
sesDaseinbedrohtundwehrtemich.
Als wir zahlten und nach Hause
gingen, warf ich noch einen letzten
sehnsüchtigen Blick auf das Zucker-
glas,dessenBewohnerinnungezwun-
genermaßen wieder frei umher-
schwirrte.
VielGlück,kleineFliege.

EntfalleneSzeneausBenedictWellsRomanSpinner
(DiogenesTaschenbuchdetebe24054,320Seiten).
VonBenedictWellsistneuderRomanFast genial
erschienen(sieheauchInterviewundBuchhinweis
aufSeite25).
Benedict Wells
Viel Glück,
kleine Fliege!
Erste Seite
Darf ich? Danke!
Solche Fliegen sind
rar geworden.

Buchtipp
Diogenes Taschenbuch
detebe 22035, 400 Seiten
VorlauterGlückssuchesinddie
einenganzunglücklich,während
dieanderenjammern:WennGlück
dochnurglücklichmachenwürde!
ZumGlücknimmtsichdasTinten­
fassnundesThemasan.Sokannman
beiArnonGrünbergeinekleine
SchuledesGlücksbesuchen,dem
philosophischenGlücksgedanken
vonLudwigMarcusefolgenoderin
AndréComte-SponvillesEssayDer
Geschmack des LebensneueLebens-
lusttanken.AberauchErzählungen
vonDorisDörrie,BernhardSchlink,
AstridRosenfeldundvielenanderen
bietenjedeMengeLeseglück.
Macht Glück unglücklich?
Doris Dörrie · Yael Hedaya · Bernhard Schlink
Astrid Rosenfeld · Urs Widmer · Viktorija Tokarjewa
Arnon Grünberg
Ein Grundkurs
in Sachen Glück
Ludwig Marcuse
Philosophie des Glücks
André Comte-Sponville
Der Geschmack
des Lebens
Mit Zeichnungen von
Jean-Jacques Sempé
Bosc · Chaval
Das Magazin für den überforderten Intellektuellen · Nr. 35
Ich ertrage
nur das Glück!
Macht Glück unglücklich?
Doris Dörrie · Yael Hedaya · Bernhard Schlink
Astrid Rosenfeld · Urs Widmer · Viktorija Tokarjewa
Arnon Grünberg
Ein Grundkurs
in Sachen Glück
Ludwig Marcuse
Philosophie des Glücks
André Comte-Sponville
Der Geschmack
des Lebens
Mit Zeichnungen von
Jean-Jacques Sempé
Bosc · Chaval
Das Magazin für den überforderten Intellektuellen · Nr. 35
Ich ertrage
nur das Glück!
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2 Diogenes Magazin
Ersatz für das leidige
iPad-Archiv
Editorial
Dürrenmatt-Magazin
Anstelle eines langweiligen Editorials
hier eine Mini-Erzählung von Max
Goldt, passend zu unserem Dürren-
matt-Sonderteil. Für den müssen Sie
aberdiesesMagazinumdrehen–und
vor allem lieber Dürrenmatt lesen
wollen.
N
a,Fräulein,wassitzenwadennso
alleineherum?Waslesenwadenn
Schönes?
–Dürrenmatt.
–Was?
–Dürrenmatt.
–Ach,Dürrenmatt.Sagensemal
Fräulein,habensenichtLust,mit
mirheuteAbendinsKinozu
gehen?
–InsKino?Nein!
–Nein?
–Nein.
–SielesenwohllieberDürrenmatt!
–Ja.
–Na,dannlesensedochIhren
Dürrenmatt.
Bücherliebe 28
Anthony McCarten und Hans Werner
Kettenbach erzählen, wie schön das
Zwischenmenschliche durch Litera-
tur seinen Anfang nehmen kann.
DieaktuelleAusgabeundallebereits
erschienenenAusgabendesDiogenes
Magazinsseit2009gibtesfürdas
iPadgratisunterwww.diogenes.chals
PDF-Download:über600Seitenzum
AnschauenundLesen,Lesen,Lesen…
Der Dürrenmatt-Kenner 4
Peter Rüedi hat fast zwanzig
Jahre an seiner Dürrenmatt-
Biographie gearbeitet, die nun
endlich erscheint – ein Ereignis.
Intimitäten 6
Drei Streiflichter aus Dürrenmatts
Leben: der Durchbruch mit Der
Besuch der alten Dame, die Liebe
zum Wein und verquere Fahrkünste
Ein homerisches Lachen 14
Diogenes Verleger Daniel Keel
erinnert sich an den Jahr hundert-
autor, der zum Freund wurde.
Denken mit Dürrenmatt 16
Lesestoffe 17
Dürrenmatt in neun Büchern
Ein literarisches Gedächtnis 18
Wie Dürrenmatt die Schweiz
zwang, ein Literaturarchiv zu
gründen. Von Peter von Matt.
Ein Bilderbuch-Leben? 26
Dürrenmatts Leben in Bildern
Bitte für diesen Sonderteil
das Heft umdrehen
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Diogenes
Magazin
Bitte sagen Sie jetzt nichts 14
Aus Loriots letztem Buch:
37 Fragen und Antworten
All die falschen Pferde 54
Eine neue Erzählung von
Astrid Rosenfeld
Banana Yoshimoto 60
schreibt aus Tokio über den
japanischen Alltag nach Fukushima.
Christoph Poschenrieder 75
besucht den Schauplatz
seines neuen Romans:
ein Ort ohne Namen,
aber voller Erinnerungen.
3 Diogenes Magazin
Diogenes Magazin Nr. 8
Interviews
Rubriken
Inhalt
Tomi Ungerer 40
Regisseur Percy Adlon über Tomi
und die vier gemeinsamen Filme.
Und ein Geburtstagsständchen
zum Achtzigsten, angestimmt von
Ingrid Noll.
Petros Markaris 46
Wenn der bekannteste griechische
Schriftsteller über die Schuldenkrise
in seiner Heimat spricht, ist er in
seinem Element, denn sein neuer
Roman heißt Faule Kredite.
Carson McCullers 64
Ihren Roman Das Herz ist ein
einsamer Jäger kennen und
lieben Leser weltweit. Doch wer
war Carson McCullers?
Multitalent Doris Dörrie 4
Sie hat erfolgreiche Kino- und
Fernsehfilme gedreht und
pro duziert und Opern inszeniert,
aber wir lieben sie vor allem als
grandiose Erzählerin. Endlich
ist ein neuer Roman von Doris
Dörrie erschienen. Ein Interview
und ein Portrait in Bildern.
Doris Dörrie 4
Loriot 14
Benedict Wells 25
Anthony McCarten 26
Petros Markaris 46
Suzanne Vega 73
über Carson McCullers
Denken mit 16
Friedrich Dürrenmatt
Im Dürrenmatt-Magazin
Lesefrüchtchen 21
Top 10 31
Klassiker von Paulo Coelho
Erste Seite 1
Schaufenster 18
Abo-Service 39
Impressum 44
Vorschaufenster 78
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Die einsame Insel Jakob Arjouni 36
Mag ich – Mag ich nicht 80
Alfred Komarek
Günther Anders
Außerdem:
Wer schrieb hier? Gewinnspiel 79
4 Diogenes Magazin
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»Dass anspruchsvolle Literatur
nicht schwierig sein muss, beweisen
zeitgenössische Erzähler wie Doris
Dörrie«, könnte ›Der Spiegel‹
auch über Doris Dörries neuen
Roman ›Alles inklusive‹ schreiben.
Es ist ein Roman, den man an
einem Nach mittag am Pool atemlos
durchliest (oder schon im Flugzeug).
Die perfekte Ferienlektüre also,
aber eben auch viel mehr.
5 Diogenes Magazin
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SPIEGEL: Sie erzählen in Ihrem
neuen Buch von einer Hippie-Mut-
ter aus Göttingen, die Mitte der
1970er in Spanien herumgammelt,
sich kaum um ihre Tochter küm-
mert, mit einem spießigen Familien-
vater eine Affäre beginnt und damit
so viel Unglück anrichtet, dass die
Beteiligten dreißig Jahre später noch
schwer daran zu tragen haben. Woll-
ten Sie mit den Hippies abrechnen?
DorisDörrie:Nein,esgehtmirnicht
ums Abrechnen. Ich will weder die
Ideen der Hippies noch die Romanfi-
gurIngridverurteilen,ichwillsieaber
auch nicht entschuldigen. Mich inte-
ressiert die Ambivalenz. Ingrid lebt
alsjungeFraueinegroßeFreiheit,und
natürlich sieht sie darüber hinweg,
dassdieFreiheit,diesieinAnspruch
nimmt,sichfürihreTochternichtso
tollanfühlt.AberdieseIngridisteben
auch ein Kind ihrer Zeit. Sie ist eine
alleinerziehende, unglücklich verlieb-
teMutter,dieniemandemBöseswill.
Die ihrer Tochter aber dennoch
schadet. Ihre Ingrid lässt an die Ver-
wünschungen des französischen
Schriftstellers Michel Houellebecq
denken, der unter seiner eigenen
Hippie-Mutter angeblich schwer ge-
litten hat. Houellebecq hat geschrie-
ben, für ihn seien Hippies wie Seri-
enkiller, weil sie die Erfüllung der
eigenen Wünsche über das Gemein-
wohl stellten und über alle Moral.
Kannsein,dassHouellebecqdieseau-
tobiographische Erfahrung hat. Ich
habedienicht.IchbinkeinKindvon
Hippies und war nie ein Hippie. Ich
warimGrundenieTeilvonirgendwas,
ichhabemichimmeralsBeobachterin
gefühlt.Ichwarzujungfür68undzu
jungfürdieHippies.AlsSchülerinin
Hannover, so mit zwölf Jahren, bin
ich Marxistin-Leninistin geworden,
abernurweilichtotalverknalltwarin
einenTypen,dersteinaltwar:Derwar
schon 17 und bei der Kommunisti-
schen Partei Deutschlands, Unterab-
teilungMarxisten-Leninisten.Alsich
dann nach dem Abitur 1973 zum Stu-
dierenindieUSAging,habeichdort
sehrvielvondenNachwirkungender
Hippie-Zeitmitbekommen.
Was haben Sie dort erlebt?
Ich war in Kalifornien, auf der Uni-
versität in Stockton, nicht weit ent-
fernt von San Francisco. Dort gab es
vieleDrogenwracks,dieÜberbleibsel
der Hippie-Bewegung waren, und
Kriegsheimkehrer aus Vietnam. Ich
erinnere mich, dass in diesem wun-
derschönen,friedlichenCollegewirk-
lichnachtsLeuteaufderStraßelagen
undschrienwieamSpieß,weilsiege-
radeaufeinemschlechtenTripwaren.
Man musste immer den Betreuer an-
rufen, wenn es Krach gab. Dort kam
schon damals ein psychotherapeuti-
scher Betreuer auf zehn Studenten.
Ich fand das sehr befremdlich. Ich
hatte noch nie einen Psychotherapeu-
ten zu Gesicht bekommen. Ich habe
dasalleswieaufeinerBühnegesehen.
Doris Dörrie im Gespräch über Fluch und Segen der Hippie- Bewegung, gute Geschichten,
Glück, Scheitern, ihren nächsten Kinoflm – und natürlich ihren neuen Roman Alles inklusive.
Claudia Voigt / Wolfgang Höbel
Das Glück rennt
hinterher
Interview
6 Diogenes Magazin
Mich interessieren nicht
Themen, sondern
Geschichten … Selbst in
der Oper interessiert mich
nie die Musik allein,
sondern auch die Frage:
Ist es gut erzählt?
In Ihrem Buch beschreiben Sie das
Hippie-Leben der Siebziger als ab-
surdes Theater, in dem Ihre Helden
tagsüber halbnackt am Strand von
Torremolinos in der Hitze herum-
hüpfen, abends auf Bongos trom-
meln und nachts in ihre stinkenden
Schlafsäcke heulen. War es wirklich
so schlimm?
Ich war Ende der Siebziger öfter in
Spanien und habe damals genau das
beobachtetundmichetwagefragt,ob
die Kinder dieser Hippies so glück-
lich sind mit ihren Rastazöpfen und
damit,dasssiesichihrenPovonmor-
gens bis abends im Sand wundscheu-
ern.Ofthabensichdieseverwilderten
kleinen Kinder auf mich gestürzt,
wohl weil ich jünger war als ihre El-
tern, ihre Verlorenheit hat mich sehr
berührt.
Ihre Ingrid hat ihrer Roman-Toch-
ter den typischen Hippie-Namen
Apple gegeben. Sie schreiben, Kinder
wie Apple würden ihren Eltern spä-
ter »hauptberuflich ihr Leben von
damals übelnehmen«. Zu Recht?
Wissen Sie, ich versuche zu erzählen,
nicht zu urteilen. Ich glaube, dass El-
tern auf sehr unterschiedliche Weise
dasLebenihrerKinderversauenkön-
nen. Was die Hippies auf ihre Art
falschgemachthaben,machenheutige
ElternvielleichtaufandereArtfalsch.
Ist unser Eltern-Egoismus heute
wirklichbesser?Verbrämenvielevon
unsmitihrergroßenFürsorgefürdie
Kinder nicht ganz eigene Interessen?
Beobachtenwirwomöglichunsereei-
genen Kinder zu sehr, versuchen wir
viel zu stark, über sie zu leben, und
werden ihnen damit zur Last? Diese
ständigeKontrolleindensehrkleinen
Familien, in denen wir inzwischen le-
ben,istaucheineFormvonEgozent-
rik.Eskanngutsein,dassunsereKin-
derunsdasspäterauchumdieOhren
hauenundsagen:MeinGott,ihrhabt
ja irgendwie immer nur auf uns ge-
starrt!
Sie schicken im Buch die altgewor-
denen Egozentriker der siebziger
Jahre an die Costa del Sol der Ge-
genwart, wo sie in den dortigen
deutschen Altenheimen auf ziem-
lich komische Art den Traum vom
Lebensabend in der Sonne hassen
lernen. Ist das der Beitrag zum Mo-
dethema alternde Gesellschaft?
Mich interessieren nicht Themen,
sondernGeschichten.
Klingt sehr nach amerikanischer
Schule. Wie stark hat Ihre Studien-
zeit in den USA Ihre Vorstellung
vom Schreiben und vom filmischen
Erzählen geprägt?
IchhatteinAmerikaeinErweckungs-
erlebnis. Ich kam aus Hannover, aus
einer humanistisch geprägten Umge-
bungmitGriechischundLatein,mein
Vater hatte schon Griechisch und La-
tein gelernt, meine Mutter auch. In
der ersten Vorlesung in Theaterwis-
senschaften in Stockton zog der Pro-
fessor dann die Antigone heraus. Ich
dachte sofort an die gefühlten fünf
Jahre mit dieser Tragödie im Grie-
chischunterricht: Um Gottes willen,
jetztgehtdaswiederlos!Dochdieser
Professorhatnurgesagt:Okay,Siele-
sen das jetzt, und ich will von Ihnen
nur eines wissen – is it a good story,
yes or no?Dasfandichgroßartig.Das
hatmichsehrbefreit.
Für viele deutsche Literaturkritiker
ist es ein eher nachrangiges Kriteri-
um, ob die Geschichte, die ein Ro-
man erzählt, nun ein Reißer ist. Die
interessiert mehr die Eleganz der
Sprache oder die Entwicklung von
Figuren.
Ich finde, diese Dinge müssen etwas
mitderStoryzutunhaben.Selbstin
der Oper interessiert mich nie die
Musikallein,sondernauchdieFrage:
Ist es gut erzählt? In der Oper ist es
fast ein Tabu zu fragen, ob Rigoletto
oder Don Giovanni eine gute Ge-
schichteerzählen.Michwürdendiese
Opern aber nicht interessieren, wenn
nicht großartige Storys in ihnen ste-
ckenwürden.
In fast allen Ihren Büchern und in
Filmen strampeln sich Leute ab, weil
sie partout glücklich sein möchten.
Sie haben mal den schönen Satz ge-
sagt: Die größte Befreiung für die
Menschen bestünde darin, nicht
ständig glücklich sein zu wollen.
Dasistso.
Warum hetzen dann auch in Ihrem
neuen Werk alle Ihre Figuren diesem
Glücksanspruch, den sie sich in den
Kopf gesetzt haben, wie besessen
hinterher – weil man ihnen diesen
Anspruch nicht ausreden kann?
WirallerennendemGlücknach,das
Glück rennt hinterher. Die Suche
nach dem Glück ist ein klares Indiz
dafür, wie gesättigt eine Gesellschaft
ist. Es gibt diese Glücks-Nationen-
wertungen,fürdiemandieBewohner
sämtlicher Länder der Welt befragt,
wieglücklichsiesichfühlen.Indenen
erkennt man, dass mehr Reichtum
nicht automatisch glücklicher macht.
Auch Bewohner von Ländern mit ge-
ringem Bruttosozialprodukt können
sich als glücklich einschätzen. War-
um? Sie haben gar nicht so viel Zeit,
darüber nachzudenken, ob sie jetzt
glücklichsindodernicht.Sondernsie
denkendarübernach,obihreKinder
undsieheuteodermorgenwaszues-
sen haben. Erst wenn unsere Grund-
bedürfnisse abgesichert sind, machen
wirunsGedankendarüber,obwirei-
gentlich glücklich sind. Dann definie-
ren wir uns aus dem Mangel heraus,
darüber, was wir alles nicht haben.
Dannsindwirplötzlichnichtjungge-
nug,dannsindwirnichtschöngenug,
dann sind wir nicht schlank genug,
dann kommen halt sehr, sehr viele
Dinge, die mit den Grundbedürfnis-
senerstmalgarnichtszutunhaben.
Die Hippies haben ihre Vorstellung
vom Glück einerseits vom materiel-
len Reichtum abgekoppelt, anderer-
seits haben sie den Anspruch auf
Glück zum Maßstab dafür gemacht,
7 Diogenes Magazin
ob das Leben gelingt oder nicht. War
das der Grundirrtum?
DieIdee,denzulieben,dernebenmir
steht, nach dem Hippie-Motto »love
theoneyou’rewith«,wargarnichtso
schlecht. Aber die Abkopplung vom
Materiellen hat nicht funktioniert.
DiemeistenHippieswarengutsituier-
te Kinder des Mittelstandes. Die wa-
ren keine armen Schlucker. Und bei
allem Hippie-Gehabe hatten sie spä-
ter oft genug Geld, um sich in den
Hippie-Paradiesen auch Häuser und
Altenheimplätzezukaufen.Selbstim
SpaniendersiebzigerJahrehattendie
HippiesimVergleichzudenFischern
vielGeld.UndwennesnurBafögwar.
Trotz des schärferen Blicks zeichnet
Ihre Bücher und Filme eine Milde
aus. Sie geraten Ihnen immer zu Ko-
mödien. Fehlt Ihnen der Mut zur
Tragödie?
Nein, ich möchte unterhalten! Nicht
langweilen. Ob eher traurig oder ko-
misch – es sind andere, die auf alles,
was ich mache, immer Komödie
draufschreiben.Weilsichdashaltgut
verkauft oder weil es ab und zu mal
waszulachengibt.Ichhabemichda-
gegen immer gewehrt, auch der Film
MännerwarfürmichkeineKomödie.
Ich würde mich solchen Bezeichnun-
gengernverweigern.
Warum lassen Sie Ihre Geschichten
fast nie tragisch ausgehen?
Weil die Tragödie großes Pathos be-
hauptetundmeistensnichtderWahr-
heitentspricht.DieganzgroßeTragö-
dieinderKunstistofteineEinladung,
sich erhaben zurückzulehnen. Des-
halbbegegnetmanbeimirsooftdie-
ser fatalen Mischform, die im Leben
besondersschwerzuertragenist.Bei
mir sind die Dinge immer in der
Schwebe und können auch in ihrer
größten Tragik durchaus komisch
sein. Vielen von uns Deutschen fehlt
der schwarze Humor, um diese Ko-
mikzusehen,dieEngländerzumBei-
spiel sind darauf einfach besser trai-
niertodersogargedrillt.
Ihr nächstes Filmprojekt ist die Ver-
filmung einer Erzählung des An-
walts und Bestsellerautors Ferdi-
nand von Schirach, die ausgerechnet
Glück heißt. Was reizt Sie an dem
Stoff, außer dem Titel?
Glück hat mich sofort angesprungen,
weil diese Geschichte verdreht und
kompliziertist.Esisterstmaldietra-
gische Story von zwei Außenseitern,
dieinBerlinzueinanderfinden,einem
Punk und einer Prostituierten. Ihr
Glückistextrem,kipptundwirdzer-
stört, als ein Freier tot in der Woh-
nung der Prostituierten liegt. Am
Ende schaffen die beiden dann doch
fasteinHappyEnd.Dabeihabensie,
auch weil sie traumatisiert sind, eine
sehr bescheidene und vielleicht sogar
spießige Vorstellung vom Glück. O
Gott, diesindglücklich,wennsie zu-
sammen im Zimmerchen sitzen und
Abendbrot essen am gedeckten Tisch
mit Messer und Gabel! So was finde
ich interessant, gerade weil es von
meiner Glücksvorstellung ziemlich
weitwegist.
Wie sieht die aus?
Abendbrot auch ab und zu, absolut!
Aber ansonsten die Fähigkeit, von ei-
nemMomentzumnächstenzugehen
unddabeizuschauen:Wiebeschenkt
mich dieser Moment, oder wie kann
ichihnsogestalten,dasseseinglück-
licher Moment wird, nicht nur für
mich,sondernauchfürandere?
Das hört sich an wie aus einem die-
ser Glücksratgeberbücher. Kann es
sein, dass Sie mit Ihren Filmen und
mit Ihren Büchern auch Lebenshilfe
geben?
Ich glaube, dazu sind meine Figuren
zu widersprüchlich, als dass es so
funktionierenkönnte.
Der strenge Filmtheoretiker Georg
Seeßlen hat Ihre Werke trotzdem
mal als »Feelgood-Pharmaka« be-
zeichnet. Steckt darin für Sie ein
Kompliment?
Ichhoffejedenfalls,derHerrhatviel
davoneingeschmissen.ImErnstglau-
be ich, dass Kunst eine Form von
Energievermittelnkann.Ichsehekei-
ne gute Grundvoraussetzung darin,
sich vorzunehmen, dass jemand mei-
neRomaneliestoderinmeineFilme
geht und sich danach beschissener
fühltalsvorher.Icherwarte,wennich
einBuchleseoderwennichinsKino
geheoderineineAusstellung,dassich
Freude oder Begeisterung empfinde,
dassichinnerlichetwasinBewegung
komme durch Gefühle, Gedanken
oder auch durch Mitleiden. Und ich
erhoffe mir von meinen Arbeiten,
dass sie diese Art von Energie in die
Weltsetzen.
War es für Sie ein Akt der Selbstver-
wirklichung, Regisseurin zu werden
und Bücher zu schreiben? War es ein
Versuch, Ihr persönliches Glück zu
finden?
Ich hätte das nie so bezeichnet, nein.
Es war keine Selbstverwirklichung.
Sondern der eigentlich sehr kühle
Wunsch,diesenBerufzuergreifen.

Aus:Der Spiegel30/2011.
Buchtipp
Roman · Diogenes
Doris Dörrie
Alles
inklusive
Roman · Diogenes
Doris Dörrie
Alles
inklusive
Doris Dörrie
Alles
inklusive
Roman
Diogenes
Hörbuch
Gelesen von
Maria Schrader
Maren Kroymann
Petra Zieser
Pierre Sanoussi-
Bliss
»Doris Dörrie
besitzt einen durch
Lebensklugheit
geschärften Blick
auf das Komische
und Tragische
im Menschenzoo.«
Irmgard Hochreither/
Stern, Hamburg
5 CD
256 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06781-1
5 CD, Spieldauer 377 Min.
Ungekürzt gelesen von Maria Schrader,
Maren Kroymann, Petra Zieser und
Pierre Sanoussi-Bliss
ISBN 978-3-257-80309-9
EinSommerinSpanien,nachdem
nichtsmehrsoseinkann,wieeswar.
Vieräußerstunterschiedliche
Menschen,alleaufderSuchenach
derSonnenseitedesLebens.Aber
kannmandasGlückbuchenwie
einenUrlaub,allesinklusive?
8 Diogenes Magazin
DorisDörrielebtinMünchen,ist
die»erfolgreichstedeutscheFilm-
regisseurinderGegenwart«(Süd­
deutsche Zeitung) und»eineder
bestenErzählerinnenderdeutschen
Gegenwartsliteratur«(Die Zeit):
NebenzahlreichenErzählungenhat
sieauchvierRomanegeschrieben.
BücherwarenschoninihrerKindheit
wichtig:»MeineFamilieistwirklich
bücherverrückt,besondersmeine
Eltern,diewieWahnsinnigelesen.
OhneeinBuchhättemankeinenvon
unsjemalsantreffenkönnen.«
»Als Kind erschien mir das
Schreiben als das größte Wunder
auf diesem Planeten. Wie konnte
man mit den immer gleichen
26 Buchstaben so viele Türen zu so
vielen fremden Welten öffnen?
Es war mir unbegreiflich.«
Sie dreht erfolgreiche Kino - und Fernsehfl-
me, die das Publikum liebt und die die Kri-
tiker entzücken, sie hat Opern inszeniert
und Kinderbücher geschrieben. Egal in wel-
chem Genre: Wir lieben sie überall als
grandiose Erzählerin. Ihre neueste Ge-
schichte ist ein Roman: Alles inklusive – ein
Titel, der auch als Lebensmotto zum Multita-
lent Doris Dörrie passen würde.
Doris Dörrie
im Portrait
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9 Diogenes Magazin
Die Schriftstellerin
ZumliterarischenSchreibenkamDorisDörrieüber
ihreFilmarbeit.UmbesserinihreFilmfigurenhin-
einschlüpfenzukönnen,fingDorisDörriean,Pro-
sageschichten über sie zu schreiben. So bekam sie
einGespürdafür,wersieeigentlichwarenundwar-
um sie taten, was sie taten. »Mitten ins Herz war
meineallerersteKurzgeschichte,anderichauchals
Prosageschichtefeilte,bevorichsiezumDrehbuch
umschrieb.«AlsDiogenesVerlegerDanielKeelda-
vonhörte,rieferdieFilmemacherinanundwollte
die Geschichten lesen. »Nur schwarzer Fliegen-
dreck auf weißem Papier, und sonst gar nichts«,
wimmelteDorisDörrieihnzuerstab.1987erschien
dann doch der erste Erzählband Liebe, Schmerz
und das ganze verdammte ZeugbeiDiogenes.»Da-
niel Keel brachte mich dazu, Geschichten nicht
mehr nur für meine Filme zu schreiben, sondern
densechsundzwanzigBuchstabenzuvertrauenund
den Leser seinen eigenen Film drehen zu lassen –
dersowiesoimmerderbesteallermöglichenFilme
ist.Ichbinihmewigdankbardafür.«
»Wenn ein Mann
sich langweilt, fällt ihm
nur Sex ein.«
Die Filmregisseurin
Esbeganndamit,dass die Eltern keinen Fernseher
hatten, Doris Dörrie als Kind zu Hause Märchen
inszenierteundihrejüngerenSchwesternzumMit-
spielen zwangsverpflichtete. Das Theater wurde
zum Berufsziel. In Stockton in Südkalifornien stu-
dierte sie Theaterwissenschaften und Schauspiel.
Und entschied sich dann, die Seite zu wechseln,
stattzuschauspielernselbstFilmezumachen.Män­
ner, ihr dritter Kinofilm, der beinahe nicht in die
Kinosgekommenwäre,weilerfürdieVerleiher»zu
klein« war, wurde zu einem der erfolgreichsten
deutschenFilmeallerZeiten.Daswarvor26Jahren.
JetzthatDorisDörriegeradeihrenneuestenKino-
filmabgedreht:SiebringtdieErzählungGlückaus
Ferdinand von Schirachs Bestseller Verbrechen auf
dieLeinwand–KinostartistvoraussichtlichFebru-
ar 2012.
Diogenes
Hörbuch
Gelesen von
Anna König
»Doris Dörrie ist
eine beneidenswert
phantasiebegabte
Autorin. Ironische
Märchen der
Gegenwart – Kino
im Kopf.«
Kurier
1 CD
Doris Dörrie
Männer
Eine Dreiecksgeschichte
1 CD, Spieldauer 44 Min.
ISBN 978-3-257-80070-8
Doris Dörrie
Liebe
Schmerz
und das ganze
verdammteZeug
Vier Geschichten
Diogenes
Diogenes Taschenbuch
detebe 21796, 176 Seiten
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Doris Dörrie in Zürich vor
einem Plakat ihres Kinofilms,
1986
München, 1987
Doris Dörrie und Daniel Keel auf der
Frankfurter Buchmesse, 1991
10 Diogenes Magazin
Die Mutter
AlsihreTochternochkleinwar,schriebDorisDör-
rietäglichvon10bis15Uhr,»wieeinBeamter,weil
in der Zeit meine Tochter im Kindergarten war«.
AlsdieTochterindieSchulekam,fingDorisDörrie
an, Romane zu schreiben. Ihr erster, Was machen
wir jetzt?,wurdesoforteinBestseller.Heuteistihre
Tochtererwachsen–undDorisDörrieproduktiver
dennje!
Die Opernregisseurin
Doris Dörrie inszeniert seit mehr als zehn Jahren
auchOpern,imSeptemberzumBeispielDon Gio­
vanniinderStaatsoperHamburg.»Opernsindbe-
stimmt das Aufregendste, was es gibt, weil so viel
schiefgehenkann.EinFilm,einErzählbandistfer-
tig,wennerveröffentlichtwird,aberbeiderOpern-
premiereistmankomplettangewiesenaufdieLeis-
tungdesgesamtenTeams.DerMomententscheidet.«
Sehnsucht nach Japan
Japan ist Doris Dörries Sehnsuchtsland, nicht erst
seitihremletztenKinoerfolgKirschblüten – Hana­
mi.BereitsihrKinofilmdebütMitten ins Herzwur-
deaufdasFilmfestivalTokioeingeladen,und1999
drehte sie Erleuchtung garantiert im Land des Lä-
chelns. »Oberflächlich ist kein Land Deutschland
soähnlichwieJapan.Sauber,gedämpft,verklemmt.
Dennoch ist Japan ungemein exotisch. Das wirkt
sichauswieeinStromausfallimGehirn.«
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»Hochkonzentriert und
selbst vergessen – das ist der
ideale Glückszustand.«
Doris Dörrie
Was
machen wir
jetzt?
Roman · Diogenes
Diogenes Taschenbuch
detebe 23270, 304 Seiten
Doris Dörrie
Kirschblüten
Hanami
Ein Filmbuch
Diogenes
Diogenes Taschenbuch
detebe 24067, 216 Seiten
Tocher Carla neben der
Schreibmaschine, 1988
Szene aus dem Film ›Kirschblüten – Hanami‹
von Doris Dörrie, 2008
Bei den Proben zu
›Turandot‹ an der Staats­
oper Berlin, 2002; Plakat
der ›Don Giovanni‹­
Inszenierung Hamburg,
2011
11 Diogenes Magazin
Der Star?
Schreiben oder Filmemachen ist für Doris Dörrie
keinEntweder-oder–siemachtbeidesleidenschaft-
lichgerne.BeimFilmenliebtsiedieArbeitimTeam,
genießt es aber genauso, »ganz allein an meinem
Schreibtisch zu sitzen und alles in meinem Kopf
entstehenzulassen«.DabeihatProsaeindeutigden
Vorteil,dassmannicht»beijedemSatznachdenken
muss, was er kostet«.Doris Dörries Rezept, wenn
sieRegieführt:»ManmusssichderLächerlichkeit
preisgebenkönnen.Nurdanntrauensichdieande-
ren auch. Deshalb versuche ich immer, am Set der
allererste Depp zu sein. Jeder darf sich lächerlich
machen.DarausentstehtinderRegelsehrvielmehr,
als wenn alle aus Angst heraus behaupten: Ich bin
cool,ichbinsuper.«
Weniger gern steht Doris Dörrie vor denKameras.
»Ich bin nicht gerne öffentlich«, sagt die Regisseu-
rin,dieliebendgerneaufPressearbeitoderPremie-
renmitrotemTeppichverzichtenwürde–aberdas
gehörtnotgedrungenzumJobdazu.
Die Dozentin
AlsKindwarDorisDörriekeineMusterschü-
lerin:»IchhabedasLebenaußerhalbderSchu-
lemeistinteressanterundwichtigergefunden«,
verrätsie.EinebraveSchülerinseisieniegewe-
sen: »Ich hatte nur dummes Zeug im Kopf.«
ZumGlückwarderVatersehrverständnisvoll
undunterschrieballeVerweisemit»Deindich
liebender Vater«. Heute lehrt Doris Dörrie
selbst – seit 1997 ist sie Dozentin an der
Münchner Hochschule für Fernsehen und
Film.
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»Bis heute habe ich Angst,
ohne Buch irgendwo zu stranden.
Filme geben mir bis heute
kein Zuhause, sondern eher einen
Unterstand im Regen. Wirklich
leben kann ich in ihnen nicht.
In Büchern schon.«
Doris Dörrie
Und was wird
aus mir?
Roman · Diogenes
Diogenes Taschenbuch
detebe 23777, 432 Seiten
Doris Dörrie als Dozentin auf dem Talent
Campus des Internationalen Film festivals von
Guadalajara (Mexiko), 2010
Doris Dörrie in Berlin während der Eröffnung des
Boulevards der Stars am Potsdamer Platz, 2010
12 Diogenes Magazin
Der digitale SPIEGEL. Die neue Art zu lesen.
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13 Diogenes Magazin
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14 Diogenes Magazin
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Gibt es etwas, das Sie nach all den
Jahren an Ihrem eigenen großen
Œuvre nervt?
Loriot: »Die Fragen dazu.«
Es wurde sicherlich viel gelacht
beim Drehen.
Loriot: »Nein, gar nicht.«
Haben Sie deutsche Lieblingswörter?
Loriot: »›Zahnersatzzusatv ersicherung‹
würde sicher dazugehören, aber
auch ›Rentnerschwemme‹. Eigentlich
bereits ›Gesundheitsreform‹. Denn
Gesundheit soll dabei ja nicht refor­
miert werden, soweit ich das be urteilen
kann. Unsere Sprache wird leider
immer unschöner – trotz
durchaus wachsenden Vokabulars.«
Welcher Gegenstand in Ihrer Küche
ist Ihnen am wichtigsten?
Loriot: »Meine Frau.«
Humor ist doch wohl nicht die
schlechteste Charaktereigenschaft?
Loriot: »Es gibt Schlimmeres.«
15 Diogenes Magazin
Frage: Das Mikrophon ist jetzt an,
Herr von Bülow. Wussten Sie, dass
so ein Gerät bis zu zwölf Stunden
aufnehmen kann?
Loriot: Dann halte ich jetzt einfach
denMund.
Frage: Ich würde doch gerne noch
dieses Gespräch mit Ihnen führen.
Herr von Bülow, in Umfragen zu
den beliebtesten Schauspielern und
Entertainern landen Sie oft auf
Platz eins. Sie gelten als einer der be-
kanntesten Deutschen überhaupt.
Wollen Sie versuchen, Ihre Populari-
tät zu erklären?
Loriot:Nein.
Frage: Fühlen Sie sich beobachtet?
Loriot:Merkwürdigwaresschon,als
ich einmal ein neues Bett benötigte
und es ausprobieren musste. Da lag
ich nun, der ganze Laden stand um
michrum,undjederkonntedenText
auswendig.
Frage: Hatte das Bett wenigstens
Spannfedermuffen?
Loriot:DassindAusgeburtenmeiner
hemmungslosenPhantasie.
Frage: Waren Sie ein fröhliches Kind?
Loriot:Nichtbesonders.Ichwarstill
undschüchtern.
Frage: Wird bei Ihnen alles komisch?
Loriot: Alles, was ich zu machen ver-
suche, ist dazu verurteilt, komisch
seinzumüssen.
Frage: Sie sagen das so traurig.
Loriot:Nein,nein.EinestarkeMutter,
diezurUnzeiteinBrahms-Liedsingt,
istnunmalkomischeralseineLeiche.
Frage: 1968 schrieben Sie in das Vor-
wort Ihres Buchs Loriots großer Rat -
geber: »Nach etwa zwanzig Lehr-
jahren sah ich mich nun im Stande,
ein kleines Männchen zu zeichnen,
das mich bis heute ernährt.« Womit
fangen Sie an, wenn Sie das Knollen-
nasenmännchen zeichnen?
Loriot:MitdenHaaren.Nichtmitder
Nase.
Frage: Wie viele waren das wohl so
im Lauf der Jahre?
Loriot:KeineAhnung…
vielleicht20000.
Frage: Zu Ihren populärsten Figu-
ren gehörten Wum und Wendelin.
War Wendelin schwul?
Loriot:Achnein,ersprachnursona-
sal,weilereinenRüsselhatte.
Frage: Aber er wirkte schon sehr
weiblich.
Loriot:ErwarwohlnochvorderPu-
bertät, da kann man das nicht so ge-
nauunterscheiden.
Frage: Sie sind in Brandenburg an
der Havel geboren und in Berlin
aufgewachsen. Wann fangen Ihre
Erinnerungen an diese Stadt an?
Loriot: Nachdem sich meine Eltern
getrennthatten,kamichimAltervon
vier Jahren zusammen mit meinem
Kurz vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe des Diogenes Magazins erschütterte uns die trau-
rige Nachricht, dass Loriot am 22. August im Alter von 87 Jahren in Ammerland gestorben ist.
Die Tagesschau kommentierte: »Mit seinem Tod hat Loriot sein Publikum zum ersten Mal nicht
zum Lachen, sondern zum Weinen gebracht.« Loriots letztes Buch, das soeben erschienen ist,
versammelt die besten Gespräche mit ihm aus vierzig Jahren.
Loriot
Bitte sagen Sie
jetzt nichts
Interview
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16 Diogenes Magazin
Bruder nach Berlin zu meiner Groß-
mutter, die da mit ihrer Mutter lebte,
also meiner Urgroßmutter. An diese
ZeithabeichsehrguteErinnerungen.
Wir bewohnten die beiden oberen
EtagenderPariserStraße55,EckeFa-
sanenstraße.Schräggegenüberhatten
sich Weizsäckers eingemietet. Wir
kanntensiedamalsnicht.Richardwar
wohlumdiezehnJahrealtunddarum
nochnichtBundespräsident.
Frage: Kann jemand, der viel Hu-
mor hat, ein schlechter Mensch sein?
Loriot: Entscheidend ist wohl, wor-
über er lacht. Sein sonniges Gemüt
könnte ja auch auf Schadenfreude be-
ruhen.Eswärezuschön,wennallein
der Humor dem Menschen einen ed-
lenCharakterverliehe.
Frage: Was ist im Leben wichtiger,
der Ernst oder die Heiterkeit?
Loriot:HeiterkeitistohneErnstnicht
zubegreifen.
Frage: Woher kommt Ihr Humor?
Loriot: Das hat wohl etwas mit den
Genen zu tun. Humor ist kein Ver-
dienst und nicht erlernbar. Es mag
aber sein, dass Umgebung, Schule
und Familie die Entwicklung beein-
flussen.
Frage: Hatte Ihr Vater Humor?
Loriot: Sehr. Ich habe niemals über
jemanden mehr gelacht als über mei-
nenVater.ErwarderwitzigsteMann,
den man sich überhaupt vorstellen
kann. Dabei sehr ernst, wenn es sein
musste.
Frage: Können Sie seinen Witz be-
schreiben? Erinnern Sie sich an eine
Begebenheit, in der er besonders
witzig war?
Loriot:EsgibtdaeineGeschichte,die
mirbesondersinErinnerungist,weil
meinVateraufdemTotenbettlag.Ich
saß mit meiner Frau an seinem Bett,
undichwusste,eswürdezuEndege-
hen.WirwarenalleBerlinerundspra-
chen zwar keinen Berliner Dialekt,
aberdasBerlinerischewareinekomi-
sche Form, sich zu unterhalten. Das
voraus… Meine Frau begann einen
Satzundsagte:Weißtdu,ichkannmir
nicht vorstellen… Und in die Pause
rein sagte er sofort: Du brauchst dir
nich vorzustellen, ick kenn dir ja
schon!Daswarnursoeineganzklei-
ne Sache, aber wenn jemandem auf
dem Totenbett liegend undfastnicht
mehr am Leben, wenn ihm das dazu
einfällt – das ist typisch für dieses
ständigeWachsein,etwasinbewusster
Absurditätzuverstehen.
Frage: Sie kommen aus einer Solda-
tenfamilie. Was haben Sie im Krieg
gemacht?
Loriot:Ichmachtemit17dasNotabi-
tur, begann als Panzergrenadier eine
Offizierslaufbahn, wurde Oberleut-
nant und verbrachte drei Jahre in
Russland.
Loriot: Nein. Er war ein Mann ohne
Vorurteile. Er erkannte einen künstle-
rischenBeruffürseinenSohnalsrich-
tig, obwohl er selbst, abgesehen von
einer Neigung zum Vortragen klassi-
scher Balladen, nicht musisch veran-
lagtwar.MitdemTagederWährungs-
reform 1949 erhielt jeder Bürger
vierzig Mark der neuen Währung.
Mein Vater kaufte von dem Geld ei-
nenZauberkasten.
Frage: Für Sie?
Loriot: Nein, für sich. Er kaufte sich
einenZauberkastenundreistezumir
nach Hamburg, um meine Freundin
und mich mit einer magischen Vor-
stellung zu verblüffen. In meinem
Acht-Quadratmeter-Zimmer steiger-
te sich diese Darbietung dann zwi-
schen guter Absicht und missratenen
EffektenzueinemDesastervonschier
wahnsinniger Komik. Die vierzig
Markhättennichtbesserangelegtsein
können.UndausderFreundinwurde
meine Frau, mit der ich noch immer
verheiratetbin.
Frage: Wie wurden Sie in die Kunst-
akademie angenommen?
Loriot:AlfredMahlaugabmirauf,ei-
nen kleinen Stapel von Zeichnungen
zu fertigen und sie dann einzuschi-
cken. Also ging ich nach Hause in
mein Mietszimmer und habe meine
Freundin gezeichnet, meine erste
Freundin,25 Mal,undzwarunbeklei-
det – warum sollte man sonst eine
Freundin zeichnen? Ich reichte die
Werkeeinundwurdeangenommen.
Frage: Sie sind seit über fünfzig Jah-
ren mit Ihrer Frau verheiratet, wie
haben Sie es geschafft, so lange zu-
sammenzubleiben?
Loriot:MeineFraumeint,daskönnte
wohlauchPhantasielosigkeitgewesen
sein!Nett,nicht?
Frage: Ist Treue wichtig?
Loriot:Ja,natürlich.
Frage: Aber wer ist immer treu?
Loriot:Emil,meinMops.
Frage: Seit wann glauben Sie zu al-
tern?
Loriot: Wenn ich zum Arzt komme
und sage, ich habe da was, mir wird
öftermalschwindlig–dannsagtder:
Siehabengarnichts,Siesindalt.
Frage: Warum wollten Sie Soldat
werden?
Loriot:EswareineFamilientradition
undwurdeseitJahrhundertennichtin
Fragegestellt.
Frage: Waren Sie ein guter Soldat?
Loriot: Nicht gut genug, sonst hätte
ich am 20. Juli 1944 zum Widerstand
gehört. Aber für den schauerlichen
deutschenBeitragzurWeltgeschichte
werde ich mich schämen bis an mein
Lebensende.
Frage: Was machten Sie nach dem
Krieg?
Loriot:IchfolgtedemRatmeinesun-
geduldigen Vaters und begann ein
Studium an der Hamburger Kunst-
akademie.
Frage: War das nicht eine Überwin-
dung für Ihren Vater? I
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17 Diogenes Magazin
Frage: Ein Anlass zur Besorgnis?
Loriot: Karl Valentin sagte, man liest
jeden Tag die Traueranzeigen, damit
manweiß,wernochlebt.Einegewis-
se Ängstlichkeit macht sich breit, die
Ungewissheit über die Fortdauer der
Gesundheit.
Frage: Halten Sie sich fit, treiben Sie
Sport?
Loriot:IchsagemirHamlet­Monolo-
geauf,dieichnochausderSchulzeit
kann.AberdaswolltenSiewohlnicht
hören.Ichglaube,dassmirdasLeben
wenigergefiele,wennichesdurchtäg-
liches, stundenlanges Training zu ver-
längern trachtete. Allerdings ist diese
Methode nur mit Vorsicht weiterzu-
empfehlen.
Frage: Bei welchen Gelegenheiten
könnten wir Loriot unfreiwillig ko-
misch erleben?
Loriot: Ich hatte – ein eher seltener
Fall –denEinkaufübernommen,eilte
in das Lebensmittelzentrum unserer
Kleinstadt, kannte mich nicht mehr
aus, verharrte ärgerlich und belehrte
die Chefin, eine derart verwirrende
Umgruppierung des Warenangebots
behindere den Einkauf, verärgere die
Kundschaft und senke den Umsatz.
IchdeuteteaufeinArrangementpreis-
günstigerHerrenwäsche,dekoriertmit
gestreiften Freizeithemden. »Hier«,
sagte ich, »finde ich sonst mit einem
Griff die Spreewalder Senfgurken.«
MiternstemGrußverließichdieEin-
kaufsstätte. Seither hält man mich
dort für geisteskrank. Ich hatte mich
inderTürgeirrt.
Frage: Gibt es Themen, über die Sie
keine Witze machen?
Loriot:IchkannmichnichtüberDin-
ge amüsieren, die anderen heilig sind.
Es ist verhängnisvoll, fremde Glau-
bensrichtungen nicht ernst zu neh-
men.Ichfindeesabernichtschlimm,
überdeneigenenGlaubenhierundda
eineheitereSichtdurchblickenzulas-
sen. Ich glaube, dass der liebe Gott
lachenkann.
Frage: Haben Sie selbst schon Vor-
kehrungen für Ihren eigenen Tod
getroffen?
Loriot:DaberührenSieeinsehraktu-
elles Thema. Ich muss mir ja mal ein
Plätzchen aussuchen, wo ich mich
dann eine gewisse Weile ausruhen
werde. Das habe ich bisher versäumt,
weilichsovielzutunhatte.Aberich
habekürzlichdamitangefangen.
Frage: Wie sahen Ihre Vorbereitun-
gen konkret aus?
Loriot: Ich bin mit meiner Frau und
FreundenschonübereinigeFriedhöfe
marschiert, und wir haben uns ange-
guckt,wowiramliebstenliegenwür-
den. Hinterher haben wir im Café
Apfelkuchen mit Schlagsahne geges-
senundhattendenEindruck,wirwä-
ren auf unserer eigenen Beerdigung
gewesen.
Frage: Wissen Sie, was auf Ihrem
Grabstein stehen soll?
Loriot: Zweckmäßig wäre es, wenn
derNamedaraufstünde.
Frage: Was kommt nach dem Tod?
Loriot: Der Himmel, hoffe ich. Ich
habe mir meinen Kinderglauben an
denliebenGottbewahrt.
Frage: Gibt es in Ihrem Leben einen
unerfüllten Wunsch?
Frage: Einen Traum? Für einen Hu-
moristen vielleicht etwas seltsam: ein
gutesEnde,aberkeinePointe.

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Die Fragen und Antworten sind dem Buch Loriot,
Bitte sagen Sie jetzt nichtsentnommenundZitateaus
Interviews mit: Franziska Sperr und Jan Weiler im
Süddeutsche Zeitung Magazin, 2002; Angelika Helle-
manninBild am Sonntag,2006;MarcusKrämerinder
Sächsischen Zeitung, 2008;Hanns-BrunoKammertöns
und Stephan Lebert in Die Zeit, 2008; Gero von
BoehmimSüdwestrundfunk, 1986,undmitDer Spie­
gel,1988und2006.
Buchtipp
Diogenes
Loriot
Bitte sagen Sie
jetzt nichts
Gespräche
06787_vs.indd 1 24.08.11 13:54
256 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06787-3
LoriotsletztesBuch:Diebesten
GesprächeausvierzigJahren
Exquisiter
Lese- und
Sehgenuss
Das Buch
zur anderen
Kinodimension
Roman
und Film
in einer Box
Sechs
Meisterwerke
mit Begleitbuch
Dürrenmatt
in Afrika
Paul Klee in
Tunesien
Dostojewski
in Japan
Borges im
Buchlabyrinth
Duras
in Indochina
Erzählkunst
in Brasilien
Telefon 0041 56 430 12 30
www.trigon-film.org
Bestellung
und
Information
18 Diogenes Magazin
Schaufenster
Lektorat
Scrooge
Ehrungen
»DerPapierkorbistderbesteFreund
des Schriftstellers«, behauptete Lite-
ratur-NobelpreisträgerIsaacBashevis
Singer.AberLiteratenhabenauchan-
dereFreunde.IneinemfrüherenDio­
genes Magazin berichteten wir, wie
Leon de Winters Hund Senta einmal
ein ganzes Manuskript des niederlän-
dischen Romanciers auffraß – und
Leon deWinter war voller Bewunde-
rung für seine Hündin, einen Misch-
lingausMastiffundGoldenRetriever:
»Siehatterecht,eswareinschlechtes
Buch.«AmSchlussvonMartinSuters
neuem Roman Allmen und der rosa
Diamant, dem zweiten Fall des chro-
nisch geldklammen Ermittler-Duos
Allmen und Carlos, bedankt sich
Martin Suter bei seiner Tochter für
ihrehilfreicheMitarbeit:»Anahatam
BildschirmversehentlicheinePassage
gelöscht, die sich im Nachhinein als
überflüssig herausstellte.« Nach die-
sem Lektorat durch die vierjährige
AnastürmteAllmen und der rosa Di­
amantdieBestsellerlisten.
Der amerikanische Milliardär John
Pierpont Morgan kaufte neben Eisen-
bahnlinien, Stahlwerken und Banken
auch schöne Bücher und Orginalma-
nuskripte und erwarb in den 1890er-
Jahren das handschriftliche Original-
manuskript von Charles Dickens’
Weihnachtsklassiker Ein Weihnachts­
lied. Mr. Morgan ließ sich die welt-
berühmte Geschichte vom Geizhals
Scrooge, der in der Weihnachtsnacht
geläutert wird, zu jedem Weih-
nachtsfest von seinem Butler vorle-
sen – ab Original-Handschrift. Und
vermachte die Handschrift und seine
ganzekostbareBibliothekderÖffent-
lichkeit. Für alle, die nicht in New
YorklebenunddieMorganLibraryin
der East 36th Street nicht besuchen
können, gibt es das Weihnachtslied
zum200. GeburtstagvonCharlesDi-
ckens bei Diogenes in einer neuen
ÜbersetzungvonMelanieWalz,wun-
derschönillustriertvonTatjanaHaupt-
mann.
Den Diogenes Verlegern Daniel Keel
und Rudolf C. Bettschart wurde die
Friedrich-Perthes-Medaille verliehen,
die höchste deutsche buchhändleri-
sche Auszeichnung. Als Begründung
nannte der Börsenverein des Deut­
schen Buchhandelsdiewichtigenund
vorbildhaften Impulse, die beide seit
der Gründung des Verlags im Jahr
1952indiedeutschsprachigeLiteratur
und Buchbranche eingebracht haben.
NamensgeberderEhrungistderVer-
leger und Buchhändler Friedrich Per-
thes, der maßgeblich an der Grün-
dung des Börsenvereins im Jahr 1825
beteiligt war und als eine herausra-
gendePersönlichkeitinderGeschich-
te der Buchbranche gilt. Rudolf C.
Bettschart bedankte sich beim Vor-
steher des Börsenvereins Herrn Dr.
Gott friedHonnefelderfürdenOrden
undwiesdaraufhin,dasserschonzu-
vormiteinemOrdenbedachtworden
sei, dem Orden »Für nichts und wie-
dernichts«.
Die Ehrungen nahmen mit der Per-
thes-MedaillenochkeinEnde:Daniel
Keel wurde vom französischen Kul-
turminister Frédéric Mitterrand zum
»Chevalierdans
l’ordre des Arts
etdesLettres«
ernannt, eine
derhöchs-
tenkul-
turellen
Aus-
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19 Diogenes Magazin
Petros Markaris
Le Parfum
Lukas Hartmann
Der grosse Abriss
In Griechenland spitzte sich die
Schuldenkrise zu, und der Diogenes
VerlaghattemitPetrosMarkaris’neu-
em Roman Faule Kredite den perfek-
tenKrimizumGeschehen.Damusste
sofort reagiert werden. Der Erschei-
nungstermin wurde kurzerhand von
OktoberaufJulivorverlegt.Alleswar
bestens organisiert, bis auf – einen
Streik in der Druckerei! Welch wun-
derbare Absurdität. Petros Markaris
amüsierte sich köstlich, als er im
streikgeplagten Athen vom Streik in
der deutschen Druckerei hörte, die
das Erscheinen seines Romans verzö-
gerte, in dem neben Morden an Ban-
kernvorallemgestreiktunddemons-
triert wird. Zum Glück handelte es
sichbeiderVerzögerunglediglichum
einenTag.
Das Parfum – nicht von Patrick Süs-
kind, sondern von Karl Lagerfeld,
dessengroßeLeidenschaft,nebender
Mode, Bücher sind, von denen er an-
geblich über 300000 besitzt. Jetzt ha-
ben sie ihn zu einer Parfumkreation
inspiriert, die Paper Passion heißen
und schlicht »wie bedrucktes Papier
riechen«soll.Wahrscheinlichwirdes
wiejedesParfum40bis60Eurokos-
ten und sehr viele Käufer finden, die
sichsonstdarüberbeklagen,dassBü-
chervielzuteuerseien.
Auf der Buchmesse von Abu Dhabi
wurdenamStanddesSchweizerischen
Buchhändler- und Verlegerverbands
auchDiogenesBüchergezeigt.Dabei
erregte das Cover von Lukas Hart-
manns historischem Roman Bis ans
»DieFrontgliedertesichineineReihe
Fenstertüren,diegoldeninderSonne
funkeltenundgegendiewarmeNach-
mittagsbrise weit geöffnet waren…«
Gatsbys Traum ist endgültig ruiniert:
DasprächtigeHerrenhaus,dasfürdas
HausvonGatsbysgroßerLiebeDaisy
Modellstand,wurdeimAprilabgeris-
sen. Es war eines der größten histori-
schenSäulenhäuseramUfervonLong
Island und musste fünf Neubauten
weichen.Inden1920er-und30er-Jah-
ren gingen hier namhafte Persönlich-
keiten von den Marx Brothers bis
Winston Churchill ein und aus. Fitz-
gerald wohnte in der Nähe in einem
Haus zur Miete und war vielleicht F
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Ende der Meere mit der barbusigen
Südseeprinzessin des Malers und Ro-
manhelden John Webber Anstoß,
durfte aber weiterhin ausgestellt wer-
den:allerdingsnurumgedreht.
auch auf Partys eingeladen gewesen,
genau wie der Erzähler in seinem
Meisterwerk Der große Gatsby. Ein
anderesHausinderGegend,Beacon
Towers,ausdemFitzgeraldinseinem
Roman das Anwesen von Gatsby in
WestEggmachte,wurdeübrigensbe-
reits in den 1940er-Jahren abgerissen.
Im Roman wird es so beschrieben:
»EinekolossaleAngelegenheit.Eswar
die genaue Kopie irgendeines mittel-
alterlichenRathausesinderNorman-
die,miteinemfunkelnagelneuenTurm,
andemeindünnerEfeubartsprosste,
einem Schwimmbassin ganz aus Mar-
morundmehralsvierzigMorgenRa-
senundParklandschaft.«
Lukas
Hartmann
Bis ans Ende
der Meere
Roman · Diogenes
20 Diogenes Magazin
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herausgegeben von
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Diogenes
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Wo WW r oo t rr e tt
gr gg o rr ß oo er ee
Me MM is ii te tt r ee
her ee a rr us uu g ss e gg g ee e gg b ee en ee von oo
Th TT omas Cl CC e ll a ee r aa y rr
Diog oo e gg n ee es ee
Dalai Lama
Meine spirituelle
Autobiographie
Diogenes
Dalai Lama
Meine spirituelle
Autobiographie
Diogenes
Dalai Lama
Ratschläge
des Herzens
Diogenes
Dalai Lama
Ratschläge
des Herzens
Ratschläge Ratschläge
Diogenes
Buddha
Worte
der
Vollendung
Diogenes
Buddha
Worte
der
Vollendung
Diogenes
Vollendung
Paulo Coelho
Sei wie ein Fluß,
der still die Nacht
durchströmt
Geschichten undGedanken
Diogenes
Paulo Coelho
durchströmt
Geschichten undGedanken
Diogenes
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oder
Leben
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Diogenes
Krishnamurti
Meditationen
Diogenes
Krishnamurti
Meditationen
Diogenes
Das
gute Leben
Ein Wegweiser
zumBuddhismus
für den Westen
von
Gerald Roscoe
Diogenes
Das
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Ei EE n ii We WW g ee w gg e ww is ii e ss r ee
zu zz m uu Bu BB dd dd h dd is ii m ss us uu
fü ff r üü de dd n ee We WW s ee te tt n ee
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Gerald Ro RR scoe
Diog oo e gg n ee es ee
Diogenes
Epikur
Über
das Glück
Diogenes
Epikur
Über
das Glück
Relax and read a book
Der grosse Nick
Irland, Griechenland, Portugal, Itali-
en… Vor lauter Finanzkrisen liegen
dieEU-PolitikerdiesenSommernicht
amStrand,sondernmüssenvoneiner
Krisensitzungzurnächsteneilen.Und
immer geht es um das Gleiche:Geld,
mehr Geld, noch mehr Geld.Kein
Wunder,wenneseinemdalangweilig
wird.PräsidentNicolasSarkozyhatte
imJulizueinerSitzunginBrüsselne-
ben grünen und blauen Aktenstößen
eine spannende Lektüre unter dem
Arm: einen Sonderband mit drei Ro-
manenvonGeorgesSimenon.
Martin Walker hat während seiner
LesetourinDeutschlandineinemIn-
terview verraten, dass er in seinem
HausimPérigordFederviehhält.Der
Hahn heißt Sarko nach dem französi-
schen Präsidenten, und dann gibt es
nochvierHennen:»Angelaistdasflo-
ckigste Tier von allen und gibt am
meistenEier,dieHübschesteistCarla,
legt dafür aber die wenigsten Eier.«
AuchMargaretThatcherwohntinder
Feder-WG. Am ausdauerndsten stei-
gejedenfallsHillarydemGockelSar-
kozynach,soMartinWalker.
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21 Diogenes Magazin
Serie
durch bedeutungsvolles Lächeln,
gurrendes Lachen und intensives
Wimperngeklappere auch beachtet
wurde.MeinGott,warumhatteich
das nicht dreißig Jahre früher ka-
piert!«
Ingrid Noll, ›Der Hahn ist tot‹
(detebe 22575). Eingeschickt von
A. Pikosz, Hamm
»WennjedersichnurumdasGlück
eines einzigen Menschen kümmern
würde, wäre die ganze Welt glück-
lich.«
Georges Simenon, ›Der große Bob‹
(detebe 20585). Eingeschickt von
Axel Zschippang, Wolfsburg
»Ich halte es für ein Missverständ-
nis, dass Schriftsteller ein besseres
politisches Verständnis haben. Wir
können uns vielleicht besser aus-
drücken.Dasheißtabernicht,dass
wirrechthaben.«
Meir Shalev in der ›Jüdischen
Allgemeinen‹, 12. Mai 2011
»Das Geheimnis des Friedens ist
Erschöpfung. Aber wann sind wir
schon alle erschöpft? Wir wollen
frohsein,wenndiemeistenerschöpft
sind. Aber nicht zu erschöpft – sie
müssen die am Kämpfen hindern,
dieweiterkämpfenwollen.«
Bernhard Schlink, ›Liebesfluchten‹,
Erzählung ›Der Sohn‹ (detebe
23299). Eingeschickt von Lieselotte
Frei, Stuttgart
»Schon verrückt, wie etwas seinen
Wert verliert, wenn es in großen
Mengenvordirliegt.«
Martin Suter, ›Der letzte Weynfeldt‹
(detebe 23933). Eingeschickt von
Wolfgang Berndt, Dresden
»InmeinemschönenKleid,mitvon
Kaffee geröteten Wangen und dem
neuenüberdrehtenGefühlimBauch,
entdeckte ich auf einmal, dass ich
SchickenSieunsbitteIhreLieblings-
sätzeauseinemDiogenesBuch.
JedesveröffentlichteZitatwirdmit
einemBücherpaketimWertvon
€50.–honoriert.BitteperE-Mail
anmsc@diogenes.choderaufeiner
Postkartean:DiogenesMagazin,
Sprecherstr.8,8032Zürich,Schweiz
»Erlashauptsächlich
zumVergnügen…
DamiterseineGedanken
besserordnenkonnte,
exzerpierteereinoderzwei
ZeileninseinNotizbuch.«
Aus:AnthonyMcCarten,
Liebe am Ende der Welt
Lese­
früchtchen
sie ist dann noch nicht einmal eine
Minderheit; unwiderstehlich aber
istsie,wennsieihrganzesGewicht
einsetzt.«
D. H. Thoreau, ݆ber die Pflicht
zum Ungehorsam gegen den Staat‹
(detebe 20063). Eingeschickt von
Gerda Walter, Ingersheim
»Silvia ist für mich wie das Seil für
einen Akrobaten: Wenn ich glück-
lichbin,tanzeichdaraufmiteinem
buntenSchirmchen,wennichtrau-
rigbin,halteichmichdaranfest.«
Fabio Volo, ›Noch ein Tag und eine
Nacht‹ (detebe 24090). Eingeschickt
von Silvia Horn, Grünwald
»Hundert Werst öder, eintöniger,
ausgebrannterSteppekönneneinen
nichtsomelancholischmachenwie
ein einziger Mensch, wenn er da-
sitztundredetundmannichtweiß,
wannerweggehenwird.«
Anton Čechov, ›Rothschilds Geige‹,
Erzählung ›Das Haus mit dem
Zwischenstock‹ (detebe 20265)
»FüreinenAutoristeinguterVer-
lag der, der seine Bücher druckt,
undeinguterVerlegergehtmitihm
essen (zum Italiener, mit einem ta-
dellosen Rotwein) und gibt ihm,
wenigstens für einen Abend lang,
das Gefühl, er sei wenn nicht der
einzige,sodochderwichtigsteAu-
torseinesVerlags.«
Urs Widmer in der ›Neuen Zürcher
Zeitung‹, 11. Juni 2011
»Ich habe immer gern auf beschla-
genenScheibengeschriebenundge-
malt. Diese Materie ist so glatt;
beimZeichnenfreutsichdasäußere
Licht und dringt vollkommen ein.
BalddaraufverschwimmtdieZeich-
nung,schrumpftzueinerformlosen
MengevonTränen.«
Julio Cortázar, ›Andrés Favas
Tagebuch‹, Suhrkamp
»Erliebtsiejedenfallsnochmehrals
sie ihn. Er macht ihr ihre Fehler
nicht zum Vorwurf. Im Gegenteil.
Damit muss er anfangen: ihr erklä-
ren, dass er sie ihrer Fehler wegen
liebt,weilsieessind,diesiemensch-
lichmachen.«
Georges Simenon, ›Antoine und
Julie‹ (detebe 21047). Eingeschickt
von Karin Stephan, Berlin
»SchweineübereinergewissenGrö-
ße werden nicht mehr als Glücks-
schweineangesehen.
Merke: Ein großes Schwein ist
schlimmeralsvielekleine.«
Loriot, ›Der gute Ton‹
(detebe 20934). Eingeschickt von
Rolf­Peter Kleinjohann, Essen
»Eine Minderheit ist machtlos,
wennsiesichderMehrheitanpasst;
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SONNTAG Es ist der Tag, an dem uns niemand einen „Schönen Tag“ wünscht,
und wohl auch deshalb der schönste von allen: der Sonntag. Genießen Sie ihn
mit einer Zeitung, die für diesen Tag gemacht ist. Vier Exemplare kommen kostenlos
direkt zu Ihnen nach Hause: Tel. /8 8 .
Gebührenfrei aus dem deutschen Festnetz. Oder einfach unter www.wams.de/lesen
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SONNTAG Es ist der Tag, an dem uns niemand einen „Schönen Tag“ wünscht,
und wohl auch deshalb der schönste von allen: der Sonntag. Genießen Sie ihn
mit einer Zeitung, die für diesen Tag gemacht ist. Vier Exemplare kommen kostenlos
direkt zu Ihnen nach Hause: Tel. /8 8 .
Gebührenfrei aus dem deutschen Festnetz. Oder einfach unter www.wams.de/lesen
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24 Diogenes Magazin
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Mit Ihnen Literatur entdecken.
Montags 14.05 Uhr HörSpiel – Hörgeschichten für das Kino im Kopf
Dienstags 14.05 Uhr Schwiiz und quer – Für Liebhaber von Mundart und Brauchtum
Mittwochs 14.05 Uhr HörBar – Literatur fürs Ohr
Donnerstags 14.05 Uhr WortOrt – Orte und ihre Geschichten
21.05 Uhr Schnabelweid – Die Schweiz und ihre Mundarten
Freitags 14.05 Uhr BuchZeichen – Weckt die Lust am Lesen
www.drs1.ch
ins_drs_210x280_diogenes_2011_rz.indd 1 24.03.11 16:06
25 Diogenes Magazin
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as haben Sie aus Romanen
gelernt?
Dassichnichtalleinbin.
Was stört beim Schreiben am
meisten?
In die Geschichte reinzukommen –
und der Gedanke an die jahrelange
Arbeit, die noch vor einem liegt, ehe
das Buch auf dem Papier so ist, wie
manesimmerschonimKopfhatte.

Welches Buch hat Ihr Leben verän-
dert?
Das Hotel New Hampshire von John
Irving – es erweckte in mir die Liebe
zumSchreiben.Unddannnoch:Alles,
was wir geben mussten von Kazuo
Ishiguro.

Welches Kleidungsstück kaufen Sie
am liebsten ein?
PulloverundJacketts.
Welches Buch würden Sie auf eine
einsame Insel mitnehmen?
Krieg und Frieden. Vielleicht lese ich
esdannendlicheinmalfertig.
Wann waren Sie am glücklichsten?
In diesen seltenen Momenten, in de-
nenichnichtnachgedachthabe,inde-
nenicheinfachnurwar.
Nach dem Abitur entschied sich der
»scheu wirkende, hochbegabte« (Volker
Hage, Der Spiegel) Benedict Wells –
zur großen Freude seiner Fans – gegen
ein Studium und für ein Leben als
Schrift steller. 2008 erschien sein Debüt-
roman Becks letzter Sommer, ein Jahr
später Spinner und jetzt Fast genial.
Weil schreiben aber nicht ganz alles
ist, spielt Benedict zudem leidenschaft-
lich Fußball und war Mitglied in einer
Band. Zur Zeit lebt er in Barcelona.
Haben Sie eine tägliche Schreibrou-
tine?
Aufwachen, Sandwich, Eiskaffee, Mu-
sikanundlos.
Welche Musik hilft Ihnen beim
Schreiben?
Jene, die am besten zur Geschichte
undzudenFigurenpasst.
Das erste Diogenes Buch, das Sie
sich gekauft haben?
MitvierzehnDas Parfum vonPatrick
Sükind, als Taschenbuch. Das erste
Hardcover war Jahre später Vincent
vonJoeyGoebel.
Mit wem würden Sie gern in einem
Lift stecken bleiben?
ScarlettJohansson.
Welches ist Ihre liebste Romanfigur?
Peter Parker, wenn auch Comics zäh-
len.Sonst:HoldenCaulfield.

Was tun Sie am Morgen als Erstes?
Jammern, wenn ich aufstehen muss.
Ansonstengenüsslichweiterschlafen.

Wo schreiben Sie am liebsten?
AmSchreibtischbeioffenemFenster.

Was mögen Sie an Barcelona?
Das Meer, die Sonne im Winter, die
Entspanntheit und Offenheit der
Menschen, das gemeinsame Kochen,
die Sprache, die bunten Nächte, die
Architektur,LionelMessi.
Bier oder Wein?
Wein.

Hardcover oder Taschenbuch?
Hardcover.

Richtiges Buch oder E-Book?
Ein richtiges Buch natürlich, ich mag
keineE-Books.

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Benedict Wells
Small Talk
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Roman · Diogenes
Benedict
Wells
Fast genial
Roman · Diogenes
Benedict
Wells
Fast genial
336 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06789-7
Dieunglaubliche,aberwahre
Geschichteübereinenmittellosen
JungenausdemTrailerpark,dereines
Tageserfährt,dassseinihmunbe-
kannterVatereinGenieist,undsich
aufdieSuchenachihmmacht–
dasAbenteuerseinesLebens.
26 Diogenes Magazin
Los ging es mit dem Theaterstück Ladies
Night, das Anthony McCarten als 25-
Jähriger schrieb. Nach den mittlerweile
weltbekannten strippenden Männern
erzählte der Neuseeländer in seinem
Roman Superhero die Geschichte des
todkranken Donald, dann widmete er
sich in Englischer Harem der Polygamie
im heutigen London, schließlich, in
Hand aufs Herz, einem Wettbewerb,
bei dem es ein Auto zu gewinnen gilt –
aber dazu darf es niemals losgelassen
werden; und in seinem neuesten Roman
Liebe am Ende der Welt erleben wir die
Schwangerschaft eines Mädchens auf
dem Lande mit. Der Vater? Ein Außer-
irdischer … Willkommen in der bunten
Welt von Anthony McCarten!
Wo haben Sie Ihren letzten Urlaub
verbracht?
Nicht weit von München, in meinem
liebsten Hotel auf der Welt, Schloss
Elmau; ich habe erfolglos versucht,
die Besitzer davon zu überzeugen,
dassdemHauseinständigerWriter in
Residencegutanstehenwürde.
Was war die schönste SMS, die Sie je
bekommen haben?
»Ich liebe dich. Und kannst du auf
dem Rückweg noch eine Packung
Milchmitbringen?xxxxx«
Was ist die schlimmste Frage,
die Ihnen je in einem Interview
gestellt wurde?
»WersindSie?«MitdieserFrageund
mit todernster Miene begann eine
junge Journalistin einmal ein Ge-
spräch.
Was war der letzte Satz, den Sie in
einem Roman unterstrichen haben?
»Ich hatte, indem ich zehn Meilen
weit fortgezogen war, endlich Freun-
de gefunden – ein Beispiel für jenes
merkwürdigeGesetz,demzufolgewir,
sowieOrpheus,alserEurydikeführt,
unser Ziel erreichen, indem wir ihm
denRückenkehren.«
Welches Buch liegt derzeit auf
Ihrem Nachttisch?
Die besten amerikanischen Kurzge­
schichten des Jahrhunderts, herausge-
gebenvonJohnUpdike.
Worüber haben Sie sich zuletzt
geärgert?
Ein Filmdeal, aus dem nach fünf Jah-
renArbeitnichtsgewordenist.
Tee oder Kaffee?
Tee,intravenös.
Anthony McCarten
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as lässt Sie nachts nicht
schlafen?
Alles, was auch bis morgen warten
kann.
Wann waren Sie am glücklichsten?
Als mir bewusst wurde, dass eine an-
genehmeMonotoniedasbesteist,wo-
raufmanhoffenkann.Ichweißnicht
mehr,wiealtichwarundwasichge-
rade tat – aber ich könnte dreizehn
gewesen und mit einem schweren
Rucksack an einem schönen Tag den
MountEgmonthinaufgestapftsein.
Wenn Sie einen Freiflug erster
Klasse bekämen, wohin würden Sie
fliegen?
In meine Jugend, und ich wünschte
mir, dass meine sieben Geschwister
mitflögen.
Gehen Sie bei Rot über die Ampel?
Fußgängerampeln sind für Kinder
und Blinde. Wenn ich zu Fuß un-
terwegs bin, bin ich nur mir gegen-
überverantwortlich.
27 Diogenes Magazin
Wie feiern Sie es, wenn ein Roman
fertig ist?
Ein Roman ist, um den Dichter
W.H.Auden zu paraphrasieren, nie-
mals fertig, wir können ihn nur im
Stichlassen.
Hilft Alkohol Ihnen beim Schrei-
ben?
Nein,aberdieVorfreudedaraufkann
michsehrbeflügeln.
Sollte man Frauen immer die
Wahrheit sagen?
Auf gar keinen Fall. Sie schätzen die
WahrheitnurindenseltenstenFällen
undverstehensienie;eineSchmeiche-
lei hingegen ist immer willkommen
undwirdaufAnhiebverstanden.
Was würden Sie machen, wenn Sie
kein Schriftsteller wären?
Filme drehen und Theaterstücke von
andereninszenieren.
Haben Sie eine Routine beim
Schreiben?
Meine Strategie besteht darin, mir
Aufgaben zu stellen, die nichts mit
demSchreibenzutunhaben,sodass
nurnochwenigZeitdafürübrigbleibt.
Das heißt, wenn ich Zeit zum Schrei-
ben habe, dann ist es ein Luxus, es
sindgestohleneMinuten,etwasHeim-
liches,beinaheVerbotenes.
Was ist Ihre liebste Romanfigur?
IchhabeimmerMr.MicawberinDa­
vid Copperfield von Dickens ge-
mocht – ein Mann, der vollkommen
hilflosist,wennerseineigenesLeben
organisieren soll, aber unglaublich
zielstrebigundtatkräftig,wenneran-
deren helfen muss: »ein durch und
durch herzensguter Mann, und der
geschäftigste Mensch, den man sich
vorstellen kann, solange es nicht um
seineeigenenBelangegeht«.
Welches Buch haben Sie vor kurzem
verschenkt?
Agatha Christies Zehn kleine Neger­
lein – das habe ich der dreizehnjähri-
gen Tochter meiner Partnerin ge-
schenkt, die gerade erst anfängt,
englischeRomanezulesen.
Welches ist der schönste Liebes-
roman?
Liebe in Zeiten der Cholera. Wenn
nacheinemLebenderTrennungzwei
alte Leute ihre Abscheu vor alten
Leutenüberwindenundsichineinem
Boot auf einem mückenverseuchten
Fluss lieben – romantischer kann ein
Liebesromannichtsein.
Der schönste Buchtitel?
The Days Run Away Like Wild Hor­
ses over the Hills vonCharlesBukow-
ski,1969.
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Sind Leser liebenswertere Menschen?
KeinMord,keineSünde,keinbarbari-
scherAktistjevoneinemMenschen
begangen worden, der ganz in die
LektüreeinesBuchesvertieftwar.Al-
lein daraus schon können wir schlie-
ßen, dass Leser liebenswertere Men-
schensind,zumindestbissiedasBuch
aus der Hand legen. Wenn wir lesen,
sindwirbessereMenschen.


kam / js / ng
Aus dem Englischen von Manfred Allié
Buchtipp
Roman · Diogenes
Anthony
McCarten
Liebe am Ende
der Welt
Roman · Diogenes
Anthony
McCarten
Anthony Anthony
Liebe am Ende
der Welt
368 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06764-4
DreiMädchen,dieplötzlich
schwangersind.VonAußerirdischen,
versichernsie.Einspannender
RomanüberTräume,Wunderund
dieWahrheitvonLügen.Undeine
phantastischeLiebesgeschichte.
D I E A U T O R E N Z E I T S C H R I F T F Ü R P O L I T I K , W I R T S C H A F T U N D K U L T U R
«
Ich freue mich auf
jede Ausgabe!»
Thomas Hürlimann, Schriftsteller
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29 Diogenes Magazin
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ls Phillip die Bibliothek erreichte,
woernunamliebstenauchseine
Freizeit zubrachte, sah er zu seiner
Verblüffung, dass Delia wie ein Ge-
spenstvorderverschlossenenTürim
Schatten saß und auf ihn wartete. Sie
standauf,lächelteunsicher,versuchte
ihrePanikzuverbergen,undihrAtem
ging schwer, als sei sie gelaufen, um
nochrechtzeitigzueinerVerabredung
zukommen.Erbemühtesichzurück-
zulächeln und fragte mit auf Biblio-
theklautstärke gedämpfter Stimme,
obsiehereinkommenwolle.
»Ich wollte einfach nur… Da sind
einpaarBücher…Diewollteichmir
gernansehen.Undmiristaufgefallen,
dassSieabendsoftziemlichlangege-
öffnethaben«,sagtesie.»Dasistalles.
Ichgehemanchmaleinfachsospazie-
ren.«
»Naja,geöffnethabeicheigentlich
nicht«, antwortete er schnell. »Ich
mache um fünf Uhr zu. Aber kom-
menSierein.«
ErginggeradewegszuseinemPult,
senktedenKopfundversuchteDelia,
die nun in der leeren, stillen Biblio-
thekstand,nichtanzusehen.Sieblick-
tesichum.SiehattedasGefühl,dass
seit ihrem letzten Besuch viel mehr
Bücher dazugekommen waren. Viele
Regalewarennundichtbestückt,und
sie nahm an, dass es wohl die ver-
schollenenundnunwiederaufgetauch-
ten Liebesromane waren, von denen
Phillip gesprochen hatte. Die stille
Emsigkeit, mit der Phillip seine Kar-
ten ausfüllte, und die heitere Gelas-
senheitderleerenBibliothek,diesich
langsam, aber sicher mit diesen billi-
genLiebesgeschichtenfüllte,brachten
einenerstenHauchvonFriedeninein
Leben, das ansonsten in völliger Auf-
lösung war. Sie beobachtete ihn ver-
stohlen bei der Arbeit und war faszi-
niert. Sie sagte sich, dass es seine
Hingabe war, die sie anzog, seine
KlarheitundseinGlaubeanOrdnung.
Siegestandsichnichtein,dasssieden
Anblick seiner Hände attraktiv fand,
die sich präzise und mit großer Kon-
zentrationbewegten,obwohlsienach
ihren Maßstäben nicht sauber genug
waren. Sein Hals war lang und von
Aderndurchzogen,seineArmebraun
wiepoliertesTeakholz.Erwareingu-
ter Bibliothekar, fand sie, weil er für
ehrfürchtigeStillesorgte,genauwiein
einerKirche.
ErwareinSpinner,genauwiesieam
Anfang ja auch gedacht hatte, ein Bü-
cherwurm, ein Einsiedler. Trotzdem
fühlte sie sich immer wieder zu ihm
hingezogen, denn genau diese Eigen-
schaftenwaren esja,die ihnvonden
ScharenvonjungenMännernderGe-
gend unterschied, die sie kannte und
diesieverachtete.Wiekamsieaufdie
Idee, sich für so jemanden zu interes-
sieren:einenMannwieeineWand?
AberPhillipfand,dassesihmnicht
zukam,DeliaRatschlägezugeben,je-
denfallsnicht,bevorsieihnausdrück-
lich darum gebeten hatte. Er zwang
sichzurZurückhaltung,auchwenner
vorNeugierplatzte.Erwarsichsicher,
Eine verstaubte Bibliothek in einem neuseeländischen Provinzstädtchen. Darin der neue,
schüchterne Bibliothekar und ein 16-jähriges Mädchen. Kann eine Liebesgeschichte poetischer
anfangen? Wer Anthony McCartens neuen Roman Liebe am Ende der Welt liest, wünscht sich
nur eins: dass Phillip und Delia nicht nur über Bücher reden.
Anthony McCarten
Bücherliebe
Er war ein Spinner,
ein Bücherwurm, ein
Einsiedler. Trotzdem fühlte
sie sich immer wieder
zu ihm hingezogen …
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30 Diogenes Magazin
Es ist wichtig, dass
wir lesen. Das ist meine
Philosophie.
dass es eine unausgesprochene Über-
einkunft zwischen ihnen beiden gab,
dass keiner sich ins Privatleben des
anderen einmischte, es sei denn, der
andere lud ihn dazu ein, und in dem
Augenblick war Phillip sich alles an-
derealssicher,obereinesolcheEinla-
dungerhaltenhatte.Alsoschwieger.
Still kehrte er an seine Arbeit zu-
rück, und Delia, schwer enttäuscht
von dieser Abfuhr, musste ihre Lage
ohneihnbedenken.ErschobdenBü-
cherwagenzumnächstenRegal.
»Sie sind ein Intellektueller, was?«
EsklangwieeinSchimpfwort.
»Eigentlichnicht«,sagteer.
»Ichdenkeschon.«
»Kommt drauf an, wie man einen
Intellektuellendefiniert.«
»UndwiedefinierenSieihn?«
OhneseineArbeitzuunterbrechen,
antwortete er: »Ein Intellektueller ist
ein Mensch, der in seinem Kopf eine
ganze Welt aus Widersprüchen bewe-
genkann.«
ErsagteesmiteinerNüchternheit,
dieDeliaaufAnhiebüberzeugte,dass
diesdieeinzigmöglicheAntwortauf
die Frage war, und dachte eine Weile
über den Ausdruck »Welt aus Wider-
sprüchen«nach.
»WarumlesenSiegern?«
»Lesen?Dashilftuns,eineLebens-
philosophie zu entwickeln. Mehr
nicht.«
Erwarsolässig,ersprachsospon-
tan, dass Delia nichts davon hochge-
stochen fand. Ja, es machte ihr Spaß:
Das war, als ob man an einem Com-
puter einen Knopf drückte, und so-
fortspuckteereinewohlgesetzteAnt-
wortaus.
»Oh«,sagtesie.
»WissenSie,wasichmeine?«
»Einigermaßen.«
»Ichhaltedasfürwichtig,fürjeden,
dassmaneineLebensphilosophiehat,
undzwareine,diemaninklareWorte
fassenkann.Wenigstenseine.«
Deliahattekeine,keineeinzige.Es
warschrecklich.Sieversuchte,sichet-
wasauszudenken.Ihrfielnichtsein.
»Wie viele haben Sie?«, fragte sie.
»Philosophien.«
»Eineoderzwei.«
»Undwiesehendiesoaus?«
Phillip schaute sie an, und aus sei-
nemverblüfftenBlickschlosssie,dass
es das erste Mal überhaupt war, dass
jemandihnsozurRedestellte.»Kom-
menSie«,drängtesie,»erzählenSiees
mir.«
»Na gut. Sind Sie sicher, dass Sie
dashörenwollen?«
»JetztmachenSieschon.«
»Na gut. Also, wir können wahr-
scheinlich bei Heidegger anfangen,
oder?« Er atmete tief durch, lud sich
einenArmvollBücheraufundstellte
sieeinsnachdemanderenindieRega-
le, wobei er ihr mehr oder weniger
denRückenzuwandte.
»InOrdnung«,sagtesie.
»Also,derStammvaterdesExisten-
tialismus, wie die meisten ihn sehen,
leugnete die Existenz eines geordne-
ten metaphysischen Universums und
gingstattdessendavonaus,dassjeder
vonunsseinspezifischesWesenselbst
schafft,unddasgefälltmir,dasgefällt
mir sehr, aber andererseits fühle ich
michauchzurGegenseitehingezogen,
zum Romantischen, zur Rousseau-
schen Schule, könnte man sagen, die
nicht das geringste Besondere in uns
sieht, die uns als Teil der Natur ver-
steht,wieeinenBaum,woherjaauch
der Ausdruck ›menschliche Natur‹
kommt, so dass wir uns also als eine
nicht weiter differenzierte Kraft anse-
hen sollten, so wie in den Gemälden
von Picasso oder in der Musik von
Rachmaninow,indiedasIndividuum
eintaucht und vollkommen darin auf-
geht. Denn für meine Begriffe lässt
sich auf diese Weise der Gedanke an
den Tod leichter ertragen, er kommt
uns dann als kein ganz so katastro-
phaler Einschnitt vor. Mit anderen
Worten, ich sehe durchaus, was Kier-
kegaard zu sagen hat, ich sehe Hus-
serls positiven Idealismus, William
Blakes Vorstellung, dass ein eigenes
UniversuminjedemSandkornsteckt,
aber ich finde, wir sollten auch die
simpleTatsachenichtausdenAugen
verlieren, dass nichts so Großartiges
an uns ist, dass wir nicht morgen
schonalsRegentropfenwiederkehren
könnten oder als Lichtreflex auf der
OberflächeeinesSees.«
Delianickte.
»VerstehenSie,wasichmeine?«
Sienicktenocheinmal.NachKräf-
tenmühtesiesich,daszutun,wasih-
rer Meinung nach in diesem Augen-
blick von ihr gefordert war, nämlich
eineWeltausWidersprücheninihrem
Kopfzubewegen.Esgelangihrnicht
allzugut.Siekonnteannichtsanderes
denkenalsdaran,dasssiekeineeinzi-
geLebensphilosophiehatte.Eswarso
peinlich.
»Wow«, sagte sie. »Aber haben Sie
auchwasEigenes?«
»Bitte?«
»Das sind doch Philosophien von
anderen.HabenSieaucheineeigene?«
Philliplächelte.»Nurdieseeine:Es
istwichtig,dasswirlesen.Dasistmei-
nePhilosophie.«
Delia nickte. Das war es also. Das
wareinfach.Dannkonntesieseinwie
Phillip, mit einer Philosophie, die ihr
durch das ganze Leben half. Man
musste ihn doch nur anschauen: ein
Bibliothekar;zuersthatteereinePhi-
losophie gehabt, und daraus hatten
sicheinZiel,einZweck,eineArbeits-
stelleganzvonselbstergeben.»Wow«,
sagtesienocheinmal.
Sie war allein auf der Welt. Ihre
Philosophiemusstesiesichselbstaus-
denken.Siebrauchtedazukeinefrem-
deHilfe.Hattesienochniegebraucht.
Er sah, dass sie nach ihrer Jacke
griff.»Oh,wollenSieschongehen?«
»Hm-hm.«
Phillip konnte nicht sagen, ob sie
sich geärgert hatte, und er war froh,
dasserihrnichtmitunnötigenFragen
oder Ratschlägen zur Last gefallen
war.
»GuteNacht«,sagteersanft.
»Gute Nacht«, antwortete sie. Sie
ging, ohne ihn anzusehen, fest ent-
schlossen, dass sie erst zurückkehren
würde,wennsieeinePhilosophiehät-
te,eine,diewirklichihreeigenewar.

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31 Diogenes Magazin

Serie
Paulo Coelho
Top 10 Klassiker
Top 10Hollywood-KinoschurkenvonAdamDavies
Im nächsten Magazin
1. Der Prolog zu den Geschichten
aus Tausendundeiner Nacht
AmAnfangderGeschichten aus
Tausendundeiner Nachterfahrenwir
dieGeschichtevonScheherazade
undihremSchicksal:AlsTodgeweih-
teerzähltesieumihrLeben.Imagi-
nationundErfindungbildenzusam-
mendentiefenUrsprungunseres
Geistes,derunsvieleSchätzeoffen-
barenkann.
2. Hans Christian Andersen:
Das hässliche Entlein
ImHässlichen Entleinwerdenwir
mitderUnbeholfenheitundHilflo-
sigkeiteinesandersartigenLebens
unter›normalen‹Lebenkonfrontiert,
undmitdemRingendarum,etwas
Wertvolleszubehaupten.
3. Oscar Wilde: De Profundis
InDe ProfundisdrücktOscarWilde
dieextremeVerzweiflungaus,ver-
lassenundmitsichalleinzuseinund
diegeheimenRäumeseinerSeelezu
finden.ManmussmitdiesenGedan-
kenaufmutigsteWeiseringen,um
siezuüberwinden.
4. D. H. Lawrence:
Lady Chatterley’s Lover
EinNeuanfangistimmermöglich,
dürfenwirinLady Chatterley’s
Lovererfahren.DerWalzerderJah-
reszeitenunddasLieddesBegehrens
verschmelzenzueinerkraftvollen
HymneirdischerVergnügen.Regen
unddiezartenKüsseverschmelzen
undschaffeneineeinzigartigeSzene-
rievonLiebeundZuneigung.Das
IrdischekannalsoLebenerretten,
KörperregenerierenundHoffnung
geben.
7. Bram Stoker: Dracula
BramStokersDraculazeigtunsdie
DunkelheitdermenschlichenSeele
unddieGefahrdesVerlustsder
Menschlichkeit.WennderMeister
Draculasichnähert,wirdderDiener
wahnsinnigundentdecktweitere
Teilevonsichselber,istaberohne
Schutz.
8. Khalil Gibran: Der Prophet
Liebeisteingroßesundgefährliches
Feuer,dastötenoderLebenschenken
kann.DavonsprichtDer Prophet.
WiesoFeuerundLiebe?Beidesind
mitBlutverschmolzen.Unddas
HerzistderSchmelztiegelderLiebe.
Allerdingsgibtessovieleverschie-
deneArtenvonLiebe.DieLiebe,
vonderGibranspricht,gehörtuns
nicht…
9. Gabriel García Márquez:
Hundert Jahre Einsamkeit
DasLebenunddasSchicksalvon
›RemediosderSchönen‹transportiert
unsineinübernatürlichesAmerika,
wodieTotennachstarkemParfum
riechenundFraueninweißeLaken
gewickeltfliegenkönnen.
10. Jorge Luis Borges:
Die Bibliothek von Babel
Borges’Bibliothek von Babelprä-
sentiertsichalsbemerkenswerter
Spiegel,trotzBorges’eigenerFurcht
vordiesemObjekt.Diespektakuläre
StrukturderBibliothekwirftuns
indasLabyrinth,einweiteresLieb-
lingsthemadesAutors.Aberdie
BeschreibungderBibliothekoffen-
barteineObsessionmitderEnt-
deckungdesBuches,desBuches
allerBücher…
5. Robert Louis Stevenson:
Dr. Jekyll und Mr. Hyde
RobertLouisStevensonsMeister-
werkerzähltvonderVerwandlung
einesWissenschaftlersinetwasganz
anderes.DieVerzerrungvonForm
undMoral,dieJekyllerschafft,zeigt,
wasgeschieht,wennWillenund
UnbewusstemfreieHandgegeben
wird.Dr.Jekyllimaginierteinneues
Verhalten,symbolischausgedrückt
durcheinenZaubertrank.Aberesist
diesnichtdas›trinkbareGold‹des
Alchemisten,esistvielmehreine
großeAuflösungdesSelbstunddie
BeschwörungunerreichterTeileder
Persönlichkeit.
6. George Orwell: 1984
DievielleichteindrücklichsteIllus-
trationdieserIdeezeigtsichim
Zwei-Minuten-HassinGeorge
Orwells1984,wodieMenschenihre
innerstenÄngsteineineröffentli-
chenExplosionvonHassaustoben.
Die(umgestaltende)Revolutionhat
sichinetwasDesaströsesverwandelt,
dieLeutewerdenmanipuliertund
langsamvonBigBrotherundseinen
Agentenzerstört.
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33 Diogenes Magazin
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asserdieAngeleinwenigunbe-
dachtausgeworfenhatte,merkte
Glockerst,alssiesichvorbeugteund
ihn mit großen Augen ansah: »Wür-
dest du mir mal was zeigen vondem,
wasdugeschriebenhast?«Sierichtete
sich auf, schüttelte den Kopf, lachte.
»Entschuldige,wennichsodirektfra-
ge,aberichfinddaseinfachaufregend.
Ich hab mir schon immer gewünscht,
mal einen Schriftsteller kennenzuler-
nen.Ichfinddas…faszinierend,dass
ein Mensch sich hinsetzen und das
ausdrücken kann, was so in einem
vorgeht.Auchineinemselbst.Inmir
selbst,meineich.Verstehstdu?«
Glock lächelte, er hob abwehrend
dieHände.»Naja,sofaszinierendist
dasgarnicht.«
»Doch, doch, das ist es ganz be-
stimmt. Ich könnte so etwas nicht,
wer kann das schon? Das sind doch
nur ganz wenige. Mich interessiert
das, verstehst du«, sie hob die Schul-
tern,bewegtevagedieHand,»wieso
etwas zustande kommt. Und wie es
aussieht, bevor es gedruckt wird.
Musst du da viele Korrekturen ma-
chen?« Und bevor Glock antworten
konnte,beugtesiesichwiedervorund
fragte:»SchreibstdumitderHand?!«
»Nein, nein.« Glock nahm sein
Glas von der Theke und trank. Er
wartete, bis der Büfettier, der den
Aschbecher austauschte, sich wieder
entfernthatte.Siesahihnnochimmer
an, große Augen, halb geöffnete,
feuchteLippen.Glocklächelte.»Das
istjanichtmehrwiezuGoethesZei-
ten.«
Erversuchte,dasGesprächineine
weniger riskante Richtung zu lenken,
indem er vor ihr ausbreitete, was er
überdenEinflussderTechnikaufdie
Literaturgelesenhatte.Tödlich,dieser
Einfluss, um es mit einem einzigen
Wort zu sagen. Massenproduktion.
Ein von Hand geschriebenes Manu-
skript – du liebe Zeit, das würde der
Verlag sofort zurückschicken, ohne
auchnureineZeilegelesenzuhaben!
Keine Zeit. Die lasen ja nicht einmal
mehr die sauber getippten Manu-
skripte. Veröffentlichten nur, was ein
Geschäft versprach. Die großen Na-
men, klar, die druckten sie, egal, was
dahinterkam.
Sie hörte gespannt zu, nickte. Sie
stützte das Kinn in die Hand. Blaue
Augen, aber nicht dieses Allerwelts-
blau, sondern heller. Als ob zwei
Flämmchen dahinter brannten. Die
Hand ein wenig gepolstert, nicht zu
üppig, gerade richtig. In Glock regte
sich eine undeutliche, aber angeneh-
»Ich bin Schriftsteller.« Diese Bemerkung scheint Glock eine gute Methode, um bei den Frauen
Interesse zu wecken und ›zu landen‹. Ein paar Mal hat das auch schon funktioniert, denn die
Damen wollten nie Beweise sehen oder sich gar vorlesen lassen. Im Gegensatz zu dem Mäd-
chen, welches nun neben ihm sitzt. Doch was vorlesen, wenn aus ein paar Zeilen bisher nie
mehr wurde?
Hans Werner Kettenbach
Ein bisschen Plagiat
Ich find das einfach
aufregend. Ich hab mir
schon immer gewünscht,
mal einen Schriftsteller
kennenzulernen.
Erzählung
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34 Diogenes Magazin
Auf einigen Blättern
hatte er das Wort
›Ende‹ probiert,
hand geschrieben
und von Schnörkeln
umgeben.
meVorstellung,wieihrebloßenFüße
aussehen mochten. Runde, feste Fer-
sen? Die Zehen jedenfalls nicht kno-
chig.
ErspannseinenFadenweiter,führ-
te das Gespräch immer weiter weg
von seiner waghalsigen Eröffnung, er
sei im Nebenberuf Schriftsteller. Die
Technikalso,daswerdejaimmerver-
rückter.MitComputernarbeitetensie
mittlerweile doch alle, die Bestseller-
Autoren, schrieben ihre Werke auf ei-
nenBildschirm,wiedieBankbeamten
ihreZahlen.Seelenlos.UndvomBild-
schirm direkt in die Druckerei, alles
möglichstschnell,möglichstglatt.Ob
sie sich vorstellen könne, dass ein gu-
tesGedicht,sagenwirmal:vonHein-
richHeine,perelektronischemBefehl
hättevollendetwerdenkönnen?
Siesagte:»Bestimmtnicht!«Glock
nickteschwer,griffnachseinemGlas
undtrank.Währendernochüberlegte,
wie er zu einem völlig neuen Thema
überleitenkönne,legtesiedieFinger-
spitzen auf seinen Arm, lächelte ihn
anundsagte:
»Wann zeigst du mir mal was? Ich
meine, von dem, was du geschrieben
hast?«
Verfluchtes Pech. Es war zum Ver-
zweifeln.
Vor ein paar Wochen hatte er sie
zumerstenMalinderKneipegesehen,
danachnocheinpaarmal,aberimmer
in Begleitung. Glock hatte es trotz-
dem versucht, sie gefiel ihm zu gut,
die dichten, dunklen Augenbrauen
unter den blonden Haaren, die run-
denSchultern,derGang,siebewegte
sicheinbisschenträge,nein,nichtträ-
ge,eherruhig,gelassen.Abersoofter
ihr auch einen Blick geschickt hatte,
sie hatte durch ihn hindurchgesehen,
es war ihm nicht gelungen, ihre Au-
genfestzuhalten.
Heute Abend war sie zum ersten
Mal allein gekommen, und als Glock
sichnebensiestellte,warsieeinwenig
zurSeitegerückt,umihmanderThe-
kePlatzzumachen,undhatteihnan-
gelächelt.Glockhatteeinpaarpolier-
teSprüchefallenlassen.Alsgegenüber
ein Mädchen mit vorstehenden Zäh-
nenzulautlachte,hatteergesagt,sie
sehe aus wie die Rättin, nur nicht so
weise,undeineMinutespäterhatteer
zitiert: »Totschlagen. Erst die Zeit,
danneineFliege,vielleichteineMaus,
dannmöglichstvieleMenschen,dann
wieder die Zeit.« Sie hatte gesagt:
»Dasfindichgut.Istdasvondir?«
»Nein. Leider nicht. Von Erich
Fried.«
»Undwarumleidernicht?«
»Weilich’sgerngeschriebenhätte.«
»Schreibst du? Ich meine, bist du
Schriftsteller?«
Erhattegenickt,einkleines,melan-
cholisches Lächeln aufgesetzt. Und
miteinemSeufzerhatteergesagt:»Ja.
ImNebenberuf.Einstweilen.«
»Was heißt einstweilen? Es wird
nochnichtsgedrucktvondem,wasdu
schreibst?«
»Doch, doch.« Er hatte nicht ange-
nommen, dass sie allzu lange darauf
herumreiten werde. Schon zweimal
hatteermitdiesemEinstiegErfolgge-
habt,eshattesichjedenfallsHandfes-
tes daraus ergeben, und von diesen
beidenFrauenwarkeinedemThema
nachgegangen,siehattennienachsei-
nen Veröffentlichungen gefragt. Sie
schienen vollauf zufrieden mit den
Aphorismen, die er in die Gespräche
zwischen Abenddämmerung und
Sonnenaufgangeinzustreuenwusste.
Diesehierließnichtlocker.Waser
denn schreibe? Gedichte? Nein, nein.
Oder nur ausnahmsweise einmal.
Nein,inderHauptsacheErzählungen.
Diekleine,insichgeschlosseneForm.
Das reize ihn. Vielleicht gerade des-
halb,weilesdasSchwierigstesei.Ein
Roman, nun gut, er habe auch einen
Roman begonnen, aber das Manu-
skripthalbfertigliegenlassen.Eskom-
menichtvonungefähr,dassdiemeis-
ten Romane geschwätzig seien, das
liege an dieser schwer definierbaren,
uferlosen Gattung, sie zwinge den
AutornichtzurBeschränkungaufdas
Wesentliche. Und geschwätzig wolle
ernichtsein.Erhaltedasfüreineder
schlimmsten Untugenden. Nervtö-
tend.Zeitraubend.
ErhattesichaufdembestenWege
geglaubt.Nocheinpaarvondiesenja
nicht gerade süffigen Gedanken, und
sie würde abschalten und nur noch
beeindruckt sein und keine lästigen
Fragenmehrstellen.
Irrtum. »Wann zeigst du mir mal
was von dem, was du geschrieben
hast?«
Es war zum Auswachsen. Er hatte
sie genau dorthin gebracht, wo er sie
habenwollte,erbrauchtenurdieAnt-
wort zu geben, auf die sie offensicht-
lich wartete: »Warum nicht jetzt?
Wenn du Zeit und Lust hast? Wir
können zu mir gehen und noch ein
Glastrinken.Undwennduwillst,lese
ichdirwasvor.«
DasProblemlagnurdarin,dasser
nichts vorzulesen hatte. Keine Veröf-
fentlichungen. Nicht einmal ein ferti-
gesManuskript.DieMappe,ja,inder
erdieBlättergesammelthatte.Einige
nochausseinerSchulzeit.Diemeisten
vonHandvollgekrakelt,nachts,wenn
ihn das Gefühl überkommen hatte,
nunkönneerbändigenundfesthalten,
was ihn aufwühlte. Liebesfreud, Lie-
besleid. Die jähe Gewissheit, endlich
dieWeltzubegreifenundihrHerzin
sichschlagenzuspüren.
Manche dieser Blätter waren auch
mit der Maschine geschrieben. Die
erste Szene eines Drehbuchs, ein
Mann fährt über eine gespenstisch
fahle Autobahn, kahle Bäume biegen
sich im Wind, am Horizont taucht
eine Gestalt auf wie ein winziger
Scherenschnitt,erkommtihrfahrend
immernäherunderkennt,dassesein
Mädchen ist, lange, wehende Haare,
siehebtdenDaumen.
Erzählungen, aber sie brachen alle
unversehens ab, vier schon auf der
ersten Seite, er hatte voller Lust be-
35 Diogenes Magazin
gonnen, aber plötzlich nicht mehr
weitergewusst.AufeinigenderBlätter
hatte er das Wort ›Ende‹ probiert,
handgeschriebenundvonSchnörkeln
umgeben.
Nichts,wassichvorzeigenließe.Er
hätte sich damit nur lächerlich ge-
macht.ErkonntedieseFraunichtmit
nach Hause nehmen. Nicht heute
schon.NichtnachdiesemGespräch.
Glocksagte:»Ichwürdegerninal-
ler Ruhe was aussuchen. Verstehst
du… Man ist ja nicht mit allem zu-
frieden, was man geschrieben hat.
Man findet immer noch etwas, das
manhättebessermachenkönnen.«Er
lächelte.»Unddirmöchteichnurdas
Allerbeste zeigen. Oder vorlesen,
wenndumagst.«
»Und ob ich mag! Das fände ich
super!«
»Ich auch.« Glock zögerte, dann
fragte er: »Wann hättest du denn
Zeit?«
Sie überlegte einen Augenblick.
»Nächsten Freitag? Dann könnte ich
wiederhierherkommen.«
Glock sagte: »Okay. Nächsten
FreitagumdiegleicheZeit.«
Er war schon vor seiner Haustür
angelangt, als er umkehrte, um noch
einmal ums Geviert zu laufen. Vor
einem der unbebauten, düsteren
Grundstücke blieb er stehen. Er sog
den Geruch der wildwuchernden
Sträucher, der kniehohen Gräser ein,
starrte empor zum schwarzen Him-
melüberderVorstadt.
Das Problem musste lösbar sein.
DieFrauwareswert.Erempfanddas
Gefühl nicht zum ersten Mal, aber
diesesMalwarerganzsicher:Daswar
dieFrau,dieersuchte.Undvielleicht
konntesieihmauch den Antriebver-
leihen, der ihn endlich über die
Schwelle hinwegheben würde. Eine
Erzählung, mehr brauchte es für den
Anfang ja nicht zu sein, zehn Seiten
vielleichtodernureinhalbesDutzend.
ErmusstenureineGeschichtefinden,
diesichplausibelentwickelnließ.Zu
Beginneinwenigrätselhaft,umSpan-
nung zu erzeugen. Und zum Schluss
eine überraschende Erklärung, eine
Wende.
Zu Hause brauchte er lange, um
sich auszuziehen. Er stand da neben
dem Klappbett, hielt die Hose, dann
das Hemd in der Hand, bevor er sie
auf den Sessel warf, und dachte ange-
strengtnach.
EineFrau,dieeinesTagesimBüro
anfängt, sich merkwürdig zu verhal-
ten. Ein Kollege beobachtet sie, er
folgt ihr heimlich. Gute Ausgangs-
situation. Spannend. Aber warum
verhältdieFrausichmerkwürdig?
NachdemereineWeileimBettge-
legenhatte,dieArmeimNackenver-
schränkt, stand er plötzlich wieder
auf, schaltete die Lampe ein. Er sah
sich um. Mit dem Fuß schob er die
Zeitschriften, die neben dem Bett la-
gen,beiseite.EinpaarIllustrierte,die
Fußballzeitung.
Er starrte auf den Tisch. Der Sup-
penteller,ausdemerseineNudelnge-
gessen hatte. Das Bierglas, trüb von
den eingetrockneten Schaumresten,
dieleereFlasche.DieJacke,dieervor
drei Tagen auf dem Tisch abgelegt
hatte, um einen Knopf anzunähen,
denernichthattefindenkönnen.Das
Nähzeug, die Schere. Der Kaffeebe-
chervomFrühstück,dieEinkaufstüte
mit den Konserven, das Fernsehpro-
gramm.
Er räumte den Tisch leer, stapelte
dasGeschirraufdieTöpfeundTeller,
diedenRanddesSpülbeckensbereits
überragten.MiteinemLappenrieber
denTischblank.Dannzogerdierote
Mappe mit seinen Blättern aus dem
Regal, ein paar der Briefe und Rech-
nungen,diedaraufgelegenhatten,fie-
lenzuBoden,errafftesiezusammen.
Er legte die Mappe auf die rechte
Seite der leeren Tischplatte, baute in
der Mitte die Schreibmaschine auf,
abgeschabteHinterlassenschaftseines
Vaters, nahm den Deckel ab und
spannte ein Blatt Papier ein. An die
linke Seite des Tisches stellte er die
Stehlampe,errücktesieimSitzenhin
und her, um auszuprobieren, in wel-
cher Position sie das beste Licht gab,
ohne ihn beim Schreiben zu behin-
dern.
Theaterheute
Freunde fürs Leben
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Serie
FabioVolo
Im nächsten Magazin
Roman RichardYates,
Zeiten des Aufruhrs
SachbuchTobiasWolff,
In der Armee des Pharaos
LyrikHeinrichHeine,
Gesammelte Gedichte
TheaterstückGeorgBüchner,
Dantons Tod
ErzählungFranzKafka,
Brief an den Vater
ZeitungSüddeutsche Zeitung
ZeitschriftParis Match
TV-SenderArte
RadiosenderFranceInter
FilmSergioLeone,
Es war einmal in Amerika
TV-SerieFür alle Fälle Fitz
SchauspielerJohnCassavetes
SchauspielerinAnnaMagnani
KlassikFriedrichGulda,
The Mozart Tapes
Jeder kennt die Frage: »Welches Buch würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?« Wir haben diesmal Jakob Arjouni
gefragt – und um es ein wenig spannender (und bequemer) zu machen, durfte er mehr als nur ein Buch mitnehmen. Von
Jakob Arjouni sind zuletzt die hinreißende Gaunerkomödie Der heilige Eddy erschienen und Cherryman jagt Mr. White,
ein spannender Roman, der zeigt, wie verschwommen die Grenze zwischen Gut und Böse sein kann.
Jakob Arjouni
auf der einsamen Insel
OperEnnioMorricone,
Spiel mir das Lied vom Tod
JazzKeithJarrett,
The Melody At Night With You
Pop / Rock AllesvonRichardHawley
Lieblingsessen (nichtsüß)
AusternmitBratwurstundRosé
Lieblingsessen (süß)
SchwarzeSchokolade
Lieblingsgetränk (nichtalkoholisch)
Wasser
Lieblingsgetränk (alkoholisch)
Rotwein

GemäldeMauricedeVlaminck,
Rue à Marly­le­Roi
Foto1945,diesowjetischeFahne
aufdemBerlinerReichstag
MusikinstrumentCD-Player
MöbelstückBett
Technisches GerätKorkenzieher
KleidungsstückBademantel
ParfumEauSauvage
SpielBall
LebenspartnerMeineKinder
LebensretterDashiellHammett
GesprächspartnerChillyGonzales
StreitpartnerWinstonChurchill
BriefpartnerRosaLuxemburg
NachbarDasRestaurant
Biquet Plage
HaustierEineZiege
Was würden Sie sonst noch
mitnehmen?EineYacht
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37 Diogenes Magazin
Buchtipp
HansWerner
Kettenbach
Die
Konkurrentin
Roman · Diogenes
HansWerner
Kettenbach
Die
Konkurrentin
Roman · Diogenes
Diogenes Taschenbuch
detebe 23392, 528 Seiten
EinsatirischerPolitthrillerüber
RitualeundTaktiken,ohnedieinder
DemokratiekeineWahlenzu
gewinnensind.Undeinergreifender
RomanüberdenKonfiktzweier
ungleicherSchwestern.
Schließlich suchte er die Stifte zu-
sammen, die er finden konnte, und
legte sie mit dem Radiergummi auf
die Mappe. Er überprüfte das Arran-
gement aus verschiedenen Perspekti-
ven,vonderTür,vomSessel,ausdem
Bett, bevor er das Licht löschte und
sichwiederausstreckte.
Am nächsten Abend aß er, sobald
ernachHausegekommenwar,imSte-
hen ein Butterbrot, räumte Brot und
Butter sofort weg und setzte sich an
den Tisch. Er schrieb zwei Sätze, die
er schon über Tag in Gedanken for-
muliert hatte, in die Maschine, hielt
dannein.ErhobeinpaarmaldieHän-
de über die Tasten, ließ sie jedes Mal
wieder sinken. Schließlich lehnte er
sichzurück,mithängendenArmen.
NacheinerlangenZeitschoberdie
Maschine zur Seite, nahm seine Map-
peundschlugsieauf.DieseFrau,die
sich so merkwürdig verhielt, das war
kein schlechter Ansatz, aber solange
er nicht eine plausible Erklärung für
ihrVerhaltenfand,hatteeskeinenSinn,
an der Geschichte weiterzuschreiben.
Es war wahrscheinlich leichter, eine
seiner alten Ideen auszuführen, man-
che waren ja doch ziemlich weit ge-
diehen, und steckengeblieben war er
beieinigenmitSicherheitnurdeshalb,
weil er sich hatte ablenken und aus
dem Tritt bringen lassen. Weiber, ja.
Eswarendiefalschengewesen.
Er las sich in seinen Blättern fest.
NachMitternachtentschiedersich,es
am darauffolgenden Abend, er war
nun zu müde, mit der Geschichte zu
versuchen,derenTitelerschonvorei-
nigenJahrenindieMitteeinesBlattes
geschrieben hatte: Springer a 3. Ein
Mann aus kleinen Verhältnissen, un-
gebildet, mit Namen Verdcheval,
steigt dank seiner ungewöhnlichen
BegabungfürdasSchachspielbiszum
Kampf um die Weltmeisterschaft auf.
Zum Entsetzen seiner Sekundanten
eröffnet er die erste Partie, indem er
seinen Damenspringer auf den Rand
stellt, ein absolut törichter Zug, der
ihm den Verlust der Partie und das
GespöttderFachwelteinbringt.
Diese Geschichte hatte nicht nur
den Vorzug einer klaren Idee, Glock
wussteauch,wiesieendenmusste:Es
ist die unbarmherzige, erstickende
Gesetzmäßigkeit des Schachspiels,
des Spiels wie des Lebens, gegen die
Verdchevalrevoltiert,weilersienicht
mehrertragenzukönnenglaubt.Aber
dasGesetziststärker,erkannesnicht
aufbrechen. Verdcheval endet, als
Narr verachtet und ausgestoßen, in
derGosse.
An den beiden darauffolgenden
Abenden versuchte Glock, die Ge-
schichte von Verdcheval zu Ende zu
erzählen.Ererkannte,dassdieersten
zweieinhalb Seiten, die er einst nach
demEntwurfdesTitelsineinemZug
geschrieben hatte, stilistische Mängel
aufwiesen, hielt sich lange mit der
Verbesserung auf, schaffte trotzdem
amerstenAbendnochfasteineganze
Seite der Fortsetzung. Am zweiten
Abend geriet er in Schwierigkeiten:
Würde die Frau, mit der Verdcheval
zusammenlebte,ihnerstnachseinem
Scheiternverlassenoderschonvorher,
weilerimmerhäufigermittenimLie-
besakt einhielt, sie anstierte und
Springer a 3flüsterte?
Glock konnte sich nicht entschei-
den. Nachdem er eine volle Stunde
regungslosvorderMaschinegesessen
hatte,standerauf,löschtedieLampe
und legte sich in den Kleidern aufs
Bett.ErlagdabiszumMorgengrauen, I
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Schau mal, die Fliege:
Sieht aus, als würde sie sich
erfreut die Hände reiben.
Muss gut sein, was ich da
geschrieben habe!
mit offenen Augen. Als er von fern
dasKreischendererstenStraßenbahn
hörte,sprangerauf,alshabeereinSi-
gnal empfangen. Er nahm den Band
ausdemRegal,denervorlangerZeit
beim Antiquar gekauft hatte, Die
schönsten Erzählungen der Nach­
kriegsliteratur.Glockblätterteundlas,
bisesZeitwurde,insBürozugehen.
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38 Diogenes Magazin
Seine Stimme
zitterte ein wenig, als er
zu lesen begann.
AmdarauffolgendenAbend,eswar
der Donnerstag, schrieb er mit der
Maschine aus dem Buch die Erzäh-
lung eines Autors ab, dessen Name
ihm außer in diesem verschlissenen
Band noch nie begegnet war. Es war
keine sehr gute Geschichte, ein alter
Mann sucht verzweifelt seine Katze
und findet sie, als er erschöpft nach
Hause kommt, vor der Tür – für
Glocks Geschmack zu blumig, zu ly-
risch geschrieben, aber der Schluss
ging zu Herzen. Glock veränderte
den Text schon während des Ab-
schreibens.Erschnittdiestilistischen
Wucherungen zurück, verlieh der
Katze statt der stumm glimmenden
schlichtgrüneAugenundmachteaus
dem holzig verwitterten Gesicht des
altenManneseinfaltiges.
DiesiebenSeiten,dieamEndevor
ihmlagen,bearbeiteteernocheinmal
vonHand,erstrichhierunddaeinen
Satz, trug neue Formulierungen ein.
Er fand, als er nichts mehr zu bean-
standen wusste und sich die Ge-
schichte halblaut vorlas, dass sie ge-
wonnen hatte und so übel nicht war.
Und nicht nur das: Der Anblick des
Manuskriptswirkteüberzeugend.Mit
GlocksKorrekturenoffenbarteesdie
Spuren der Werkstatt. Glock wollte
sich schon zufrieden zurücklehnen,
als ein jäher Schweißausbruch ihn in
die Höhe trieb. Er schob die Blätter
von sich, als fürchtete er sich vor ih-
nen.
Sie saß schon an der Theke, als er
am Freitagabend in die Kneipe kam.
Neben ihrem Glas lag ein kleines
Päckchen, in Geschenkpapier einge-
schlagen, rotes Band, Schleife. Bevor
siesichaufdenWegmachten,gabsie
esihm.»Ichhabdirwasmitgebracht.«
»Wasistdas?«
»Du kannst ja später nachsehen.«
Sielächelteeinbisschenverlegen.»Ich
weiß gar nicht, ob du so etwas über-
hauptmagst.«
Glock, der das Geschirr abgewa-
schen, Staub gewischt und seine Sie-
bensachen in den Schrank gepfercht
hatte,botihrdenSesselan.Alsersich,
dasWeinglasinderHand,naheihren
KnienaufdemBettniederlassenwoll-
te, sagte sie: »Mach dir’s nicht zu ge-
mütlich.Jetztwillichwashören.Ich
habmichschondieganzeWochedar-
aufgefreut.«
Er setzte sich an den Tisch, schob
dieSchreibmaschinezurSeite,zogdie
Mappe heran und schlug sie auf. Jäh
wurde ihm wieder heiß, er glaubte,
den Schweiß auf seinerOberlippe zu
spüren, strich sich wie beiläufig über
den Mund. Seine Stimme zitterte ein
wenig,alserzulesenbegann.Aberje
längererlas,umsomehrnahmihnder
Textgefangen.ErlebtesichindieGe-
schichte hinein, unterstrich sie hier
und da mit einer Handbewegung,
schüchtern zuerst, dann immer siche-
rer.
EswareineguteGeschichtegewor-
den,underspürte,dassesihmgelang,
ihr Ausdruck zu verleihen. Den
Schluss, die erlösende Heimkehr der
Katze,trugereinwenigstockendvor,
es kostete ihn Mühe, seiner Rührung
Herr zu werden, aber seine Stimme
gerietnichtinsSchwanken.
Er schloss die Mappe. Es war sehr
still. Nach einer Weile hob er den
Blick.SiehatteeinenArmaufdieSes-
sellehne gestützt, die Hand über die
Augengelegt.Erstandauf,wolltezu
ihrgehen,bliebstehen.
Sie sagte: »Willst du nicht mal
nachsehen, was ich dir mitgebracht
habe?«
»Natürlich. Entschuldige.« Was
war das? Kein Wort zu seiner Ge-
schichte?!
Er kämpfte mit seiner Enttäu-
schung, während er die Schleife auf-
band und das Papier öffnete. Es war
ein Buch, ein wenig abgegriffen. Er
ließdasPapierfallen.
ErstarrteaufdenEinband,denTi-
tel, als müsste er ihn buchstabieren,
um ihn zu verstehen. Die schönsten
Erzählungen der Nachkriegsliteratur.
Siesagte:»Ichhabdasvonmeinem
Vater geerbt. Ich hab sie alle gelesen.
Undkeinevergessen.Vielleicht,weil’s
ein Geschenk von meinem Vater war.
Abersiehabenmirauchgutgefallen.«
Erwollteetwassagen,abereswur-
de nur ein halbes Räuspern daraus,
fast klang es wie ein Ächzen. Er ließ
sich langsam auf das Bett nieder, mit
demBuchinderHand.
SienahmdieHandvondenAugen.
»Ich hab schon ziemlich schnell den
Verdachtgehabt,dassdueinbisschen
aufschneidest.«
Er stieß die Luft durch die Nase.
»Einbisschen?!«
»Ja.Nureinbisschen.«Siesahihn
an. »Es war doch nicht alles heiße
Luft. Du schreibst doch tatsächlich,
oder?«
Er lachte bitter. »Ja, ich schreibe.
Dasistwohlwahr.«
»Naalso.«
»Ja,ja.«ErließsichaufdasBettzu-
rücksinken. »Nur hab ich noch nie
was zu Ende geschrieben. Und veröf-
fentlicht…«
Er lachte, hob den Arm und ließ
ihnaufsBettfallen.
Sie sagte: »Aber hat denn nicht je-
der mal so angefangen? Jeder Schrift-
steller, meine ich? Mehr oder weni-
ger?«
Er hob im Liegen den Kopf und
sahsiean.
Sie sagte: »Ich will dir mal was sa-
gen. So, wie du mir die Geschichte
vorgelesen hast… Ich hab die zum
erstenMalrichtigverstanden.Duhast
wasdrauf.Vielleichtlangt’snichtzum
Schriftsteller. Das wird sich ja noch
herausstellen. Aber selbst wenn es
nicht langt: Wäre das so schlimm?
Schriftsteller, das ist doch auch nur
einBerufwiealleanderen.«
Errichtetesichlangsamauf,stützte
sichaufeinenEllbogen.
SietrankihrGlasleer.»Wasbistdu
eigentlichvonBeruf?«
»Angestellter.Versicherung.«
Sie nickte. Dann hielt sie ihm das
leere Glas entgegen. »Gibst du mir
nocheinenSchluck?«

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Diogenes
Magazin
DasDiogenes Magazin erscheint3×imJahr
alsAbo(3Ausgaben)fürnur€10.–(D/A)odersFr18.–(CH)
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8WochenvorEndeBezugszeitraummöglich.DiePreisesindinkl.Versandkosten,
Preisänderungenvorbehalten.StandAugust2011
Datum/Unterschrif I
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Der kleine HŠwelmann
Ein MŠrchen von Theodor Storm
Mit vielen Bildern von Tatjana Hauptmann
Diogenes
Der kleine HŠwelmann
Ein MŠrchen von Theodor Storm
Mit vielen Bildern von Tatjana Hauptmann
Diogenes
40 Seiten, 27,5 x 25,2 cm, Pappband, Vierfarbendruck
ISBN 978-3-257-01152-4
Das
Weihnachts-
geschenk
Die abenteuerliche Nachtfahrt
des kleinen Häwelmanns –
eine Geschichte von Theodor
Storm, wunderschön illustriert
von Tatjana Hauptmann
40 Diogenes Magazin
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152 Seiten, Pappband
ISBN 978-3-257-01153-1
NOVEMBER
208 Seiten, Broschur mit Klappen
ISBN 978-3-257-05614-3
NOVEMBER
Expect
the
Unexpected
Essays über
Tomi Ungerer
zu seinem
80.Geburtstag
Diogenes
Expect
the
Unexpected
Essays über
Tomi Ungerer
zu seinem
80.Geburtstag 80 80
Diogenes
BeiTomiUngerer
kannmaneinesganz
sichererwarten:
dasUnerwartete.
UnterdiesemMotto
vonUngerervereint
dervorliegendeBand
Essaysüberden
Ausnahmekünstler.
EinSchatzkästlein
mitvierdertollstenund
beliebtestenKinder-
büchervonTomiUngerer:
Die drei Räuber,
Der Mondmann,
Papa Schnappund
Crictor.
41 Diogenes Magazin
Robert Walter: Wie bist du Tomi
erstmals begegnet, wie sind die Fil-
me zustande gekommen?
Percy Adlon: An einem späten Vor-
mittag1971gingichmiteinemKame-
rateam in eine kleine Galerie bei der
Münchner Frauenkirche, um eine
kurze Reportage über Ungerer zu
drehen. Ich kam in den Raum und
schaute in ein Gesicht, wie ich noch
keinesgesehenhatte.Erzeigtedieses
wunderbar wilde Gebiss, die Augen
lachten,eswareinemerkwürdigeMi-
schung aus Freude und Nervosität,
underfinganzuredenindiesemun-
verwechselbarenGemischausDeutsch,
Elsässisch und Französisch. Als wir
mitderReportagefertigwaren,fragte
ichihn:»WokommenSieher?«,und
er sagte: »Aus Straßburg.« – »Kann
ich Sie besuchen?«– »Nein«, sagte er.
»IchwohneinKanada,inNovaScotia.
DahabeicheingroßesStückLandge-
kauft, eine Landzunge mit einem al-
tenFischerhaus.Dashabenwirausge-
baut«,undplötzlichöffnetesichsein
Gesichtnochmehr,undersagte:»Wir
habenkeineBilderimHaus,dieFens-
ter sind unsere Bilder.« Und damit
hatteermichanderAngel.
IchgingzueinerjungenRedakteu-
rin,mitderichnochniegearbeitethat-
te.BisdahinhatteichnurFünf-oder
Sieben-Minuten-Filme gemacht, aber
mitdemTomi-Ungerer-Portraitwoll-
te ich etwas Größeres machen. Der
Programmdirektorsagte:»Waswollen
Sie?IchhabekeineAhnung,werHerr
Ungerer ist. Ich kann mir nicht vor-
stellen,dassmanüberihneinenFilm
machen kann.« Aber meine Redak-
teurinBegninagabnichtauf,hatfast
einJahrlanggebohrt,undeinesTages
kamsiezumirundsagte:»Dukannst
deinenUngerer-Filmmachen.«
Und dieser Film, Tomi Ungerers
Landleben, wurde zur besten Sende-
zeit in der ARD gesendet, und Tomi
warinDeutschlandinallerMunde.Es
gab eine Szene, die immer genannt
worden ist, in der war gar nicht der
Tomi, sondern Yvonne (lacht). Und
zwar sagten die Leute immer: »Die
schöne Frau auf dem Pferd.« Sie ritt
aufdieserLandzungeaufunszu,und
daswarwieeinMärchen.
Welches Jahr war das?
1973. Tomi und Yvonne waren ein
wunderbares Paar. Die beiden haben
gekocht,fürunsunddasKamerateam.
Natürlich wusste Tomi als guter Ge-
schäftsmann schon, was er von uns
wollte,warumerunssogutbekochte:
WirsollteneinengutenFilmmachen.
Tomiistsparsam.EswarkaltinNova
ScotiazuderZeit,obwohlesJuniwar,
Yvonne kam mit einem Pelzmantel.
Ich sagte: »O Yvonne, ist der toll!«,
undTomierwiderte:»Deristvonder
Müllkippe.«
DieserFilmwarmeinerstergroßer
Erfolg–vorfastvierzigJahren.
Percy Adlon hat die schönsten Filme über Tomi Ungerer gedreht, die beiden kennen sich seit
über 35 Jahren. Für den Regisseur von Out of Rosenheim oder Salmonberries ist Tomi Ungerer,
der vier Mal für ihn vor der Kamera stand, »einer der ganz großen Zeichner« der Welt, aber
vor allem eins: ein Freund und eine nie versiegende Inspirationsquelle.
Percy Adlon im Gespräch mit Robert Walter
Regisseur vor
wilder Landschaft
Interview
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Tomi Ungerer und
Percy Adlon
42 Diogenes Magazin
Ichglaube,Tomiwirdbiszumletz-
ten Atemzug immer noch das nächs-
ten Bonmot, die nächste wunderbare
Wortschöpfung produzieren und
übersprudelnvorIdeen.Eristimmer
schnellentflammbar,unddaskanner
so lange halten, bis er unterbrochen
wird, bis man irgendetwas tut oder
sagt, was ihn nicht interessiert. Und
pffffistdieganzeEnergieweg,fürei-
nenMomentistallesweg,dieBatterie
leer. Er sagt: »Ich kann nicht mehr.
Ichbinfertig.«Aberplötzlichzündet
es wieder, ein kleiner Funke genügt,
dass er wieder in die Luft kommt,
dass der Ballon seiner Phantasie wie-
derhochsteigt.Esistunglaublich.Das
habe ich nie mehr erlebt, nie, bei kei-
nem,nichtdavorundnichtdanach.
In Kanada hatte er schon angefan-
gen, über das Liederbuch nachzuden-
ken und in seinem Waldstück Pflan-
zenundTieredetailgenauzustudieren.
EristjaeinChirurg,sozusagen,der
nicht nur die menschlichen Schwä-
chen seziert, sondern auch die Zu-
sammenhänge analysiert, die Techni-
ken, und wie die Dinge funktionie-
ren… Tomi, der Nachkomme von
Uhrmachern. Aber was er damals, in
demSommer1973,eigentlichgemacht
hat, waren diese großformatigen, an-
spruchsvollen Zeichnungen, schwarz-
weiß,stark,diedamals,glaubeich,gar
nichtgutangekommensind.Erwollte
sich wieder einmal selbst herausfor-
dern.Daswarschwierigfürihn,weil
manvonihmerwartete,dassallesim-
merpfiffigundlustigundscharfsein
müsse, aber das war plötzlich Kunst.
Es war anspruchsvolle, kompromiss-
lose, moderne Kunst. Und das war
immer etwas, was ich an ihm beson-
dersgeliebthabe:denreinenKünstler.
Fürmichistereinerderganzgroßen
modernenZeichner.Undgleichzeitig
war er damals in Kanada auf dem
Land auf dem Weg zum Liederbuch,
dashatsichsobeiihmimKopfentwi-
ckelt.
Ich fragte ihn damals, ob er einen
Liederbuchfilm mit mir machen
möchte, er sagte zu. Ein fränkischer
Zeichner,derinBayernaufdemLand
einen großen Hof besaß, hatte mich
eingeladen, dort mit Tomi zu drehen.
WirhattenMusiker.TomisaßimFrei-
en an einem schönen Holztisch und
erzählte. Das Pensum war groß, aber
Tomi blieb frisch vom Anfang bis
zum Ende und pfefferte die lieben
Geschichten mit kleinen Bosheiten.
Er brauchte nichts vorzubereiten. Er
hat es einfach. Der Liederbuchfilm
wurde auch ein paar Mal im Fernse-
hengezeigt.
Danach hatten wir einige sporadi-
sche Begegnungen, durch die beiden
Filme war natürlich eine Nähe ent-
standen.
Dann kam der dritte Film. Als er
Babylonvorbereitete,interessierteich
mich sofort dafür. Ein intellektuelles
Werk, unglaublich kreativ, wo er die
Schrecken und Krankheiten der Welt
darstellt, den kranken Menschen. Ich
habe nur ein paar Blätter von diesem
großartigen Werk gesehen und ge-
dacht: ›Wir müssen etwas machen.‹
Da haben wir uns in Zürich verabre-
det,inderGalerie,wodieAusstellung
stattfand, der Schauplatz des Films
war noch nicht entschieden. Da rief
michTomianunssagte:»Ichkannes
nicht erzählen, ich habe eine Verlet-
zung.Wirmüssenesverschieben.Ich
bin im Krankenhaus. Es ist mir was
Tomi Ungerer im Web:
www.tomiungerer.com
www.twitter.com/tomiungererund
www.facebook.com/tomiungerer
2007istinStraßburgdasTomi Ungerer Museumeröffnetworden.
NebeneinerDauerausstellungwerdenjährlichdreiwechselndethematische
Ausstellungengezeigt.Zum80.GeburtstagvonTomipräsentiertdas
MuseumdieAusstellung»TomiUngereretlesmaîtres«,vomNovember
2011bisFebruar2012.MuséeTomiUngerer·2,avenuedelaMarseillaise·
F-67076Strasbourgwww.musees-strasbourg.org
Öffnungszeiten: 12–18Uhr,Sa&So:10–18Uhr,Digeschlossen
WerdenSieMitgliedderInternationalen Vereinigung der Freunde
Tomi Ungerers.AssociationInternationaledesAmisdeTomiUngerer,
BP12Cathédrale,F-67000Strasbourg,robert.walter@orange.fr
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Zum 80. Geburtstag am 28. November 2011
erscheint ein 20-seitiges Booklet zu Leben und
Werk. Erhältlich in jeder guten Buchhandlung
oder als PDF auf www.diogenes.ch.
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Karikatur von
Max Frisch, 1971
43 Diogenes Magazin
Furchtbarespassiert.«Ichsagte:»Dann
kommeichinsKrankenhaus.« –»Du
kannst doch nicht ins Krankenhaus
kommen.«–»Doch,ichkomme.«Ich
dachte, wenn er im Krankenhaus ist,
vielleicht in so einem Krankenhaus-
bett liegt, nicht in einem Empfangs-
raum, sondern in so einem Eisenbett
mit dem Buch auf dem Bauch – das
könnte die Szene für dieses Babylon
sein.Undichwusste,erhatdasauch
gleichsobegriffen,alsChance,etwas
zumachen,dasstimmigwar.Wirgin-
genalsohin,haben aufgebaut, Kame-
ra, Licht, Ton. Er lag im Eisenbett.
»EineEisenstange,vierMeterlang,ist
vonderWandgerutscht,unddieSpit-
zeistmiruntermKnieindenMuskel
gesaust und hat den ganzen Muskel
abgerissen.«IchhörteTominuretwas
sagen wie: »Thrombose… Blutvergif-
tung… blaues Bein…« Ja, und dann
begannen wir zu drehen, während er
im Bett lag. Er sah aus wie der als
Großmutter verkleidete Wolf. Den
ganzen Film hindurch, 45 Minuten
lang,istTominurindiesemEisenbett
zu sehen, mit der Brille, die er
mit einer Büroklammer repariert hat,
und seinen Handwerkerhänden mit
den schwarzgeränderten Fingernä-
geln. Und diese furchtbaren Blätter,
dieseMonstrositäten:WasderMensch
ist,wasermitsichmacht,wieersich
mit Deodorants die Achselhöhle aus-
sprüht,bisdieKnochenzusehensind.
Auf diesen Film bin ich sehr stolz,
weilersokonsequentist.
Vor seinem 65. Geburtstag kamen
Philippe Muller und Hans Robert Ei-
senhauervonArte,dieeinenThemen-
abendüberTomimachenwollten.Ich
sagte ihnen: »Vor allen Dingen muss
ich in Irland drehen, weil da Tomis
Lebenist.«Ichriefihnan,aberersag-
te:»Nein,nein,nein.Entschuldige.Ja
gut,komm,wenndumagst.Aberein
Kamerateam kann ich nicht ertragen.
Das geht einfach nicht.« Also be-
schlossich,nurmitmeinerFrauMele
und meiner Kamera hinzugehen. Ich
würde die Kamera, sie den Ton ma-
chen. Und das wurde das große Ir-
land-Erlebnis. Es war eine Art Pen-
dantzudiesemKanada-Erlebnis,nur
warTomieben25Jahreälter.Ichhabe
den Film »Mann vor wilder Land-
schaft« genannt. Das war nur mein
eigenerTitel.DahabeichdasGefühl,
als ob ich Tomi in einen großen Zu-
sammenhang stelle, mitten in die Na-
turgewalten. Ich zeige gern sein We-
senalseineNaturgewalt,seinGesicht,
seine Augen, seinen Ausdruck, seine
Ängste,seineTräume.Wennichdaran
denke, wie wir da standen mit dem
Wind,derSeeundderFelsküste,und
meineFraumitdemMikrophonund
ichmitmeinerkleinenKamera…Wir
waren uns so nah. Tomi hat da eine
große Kraft entwickelt. Da war er ja
schonkrankgewesenundfühltesich
wie ein alter Mann. Andererseits war
er auf einer unglaublich kreativen,
philosophischen Ebene. Ein Ausrei-
ßer,einer,derentkommenistundsich
eine Selbständigkeit bewahrt, umge-
ben von Naturgewalten und auch
kämpfend gegen sie. Ich weiß nicht,
obesrichtigist,dassichdiesegroßen
Worteverwende,aberichfühleesso.
Bei Mann vor wilder Landschaft
war eine Sache enttäuschend für
mich – das Wetter war zu schön. Na-
türlich waren wir vorher einmal da
gewesen,imWinter,undichhatteim-
mer dieses Winterbild vor mir. Da-
mals war es so krachend kalt, dass ir-
gendwie immer alles eingefroren war.
Wir haben in einem freistehenden
Gästehaus gewohnt, es war furchtbar
kalt.Morgenskamichrunter,zitterte
vorKälte,freutemichaufTomisguten
Kaffee. Die schönste Szene passierte
inseinemSchuppen,seinerWerkstatt.
Da waren Fundstücke aus Metall,
Holz,Ketten,Plastik,worauserseine
Collage-Skulpturenmachte.Plötzlich
fingeranzusuchen,erstapfteherum
in dem Gerümpel, wie ein Junge im
Tiefschnee.ErsuchteetwasBestimm-
tes und fand es. Es war ein rostiges
Sieb. Ein normales altes Haushalts-
sieb. Das hatte er eingebeult und in
die beiden Henkel zwei Schrauben
gesteckt.TomihieltesvordieKamera.
Das Sieb war ein Frosch mit einem
breitenMaul,dassichvorderKamera
bewegte, als ob es spricht. Plötzlich
sagt Tomi: »Das kannst du haben«,
undichhabemitmeinereinenHand
das Geschenk genommen und vor
Freudeangefangen,mitdemDingzu
tanzen, hab mich mit dem Frosch ge-
dreht,mitderKamera,eswarwieein
Tanz, in dem Tomi auf- und weg-
tauchte, der ganze Schuppen drehte
sich und kam genau zur Ruhe, als
YvonneinderSchuppentürauftaucht
undfragt:»Do you want coffee?«
Diese schöne Szene wurde gleich
von allen geliebt, weil eine wirklich
gelungene Szene immer sofort ver-
standen wird und nicht erklärt wer-
denmuss.
Tomi ist der eindrucksvollste
Mensch, der mir je begegnet ist, der
weitaus eindrucksvollste. Wir sind
uns sehr nah. Gestern haben wir zu-
sammenzuMittaggegessenundeine
Bioweinflasche Côtes du Rhône ge-
trunken. Eigentlich mag Tomi nur
Bordeaux.ErnahmdenerstenSchluck.
Es traf ihn wie ein Blitzschlag. Und
der Wein wurde mit jedem Schluck
besser.EswareinWein,wiemanihn
früher gemacht hat – kein Kompro-
miss, nichts Weiches, nichts Rundes.
Fabelhaft. Nachher war die Flasche
leer, und er bestellte sich noch einen
Bordeaux. Hat ein ganz trauriges Ge-
sicht bekommen. Das war plötzlich
wiedieB-Mannschaft.DerWeinhatte
keine Chance. So etwas mit Tomi zu
erlebenistschön.Immersindallesei-
neSinnevollbeiderSache.
Unvergesslich sind die Essen, die
Tomi und Yvonne damals in Kanada
fürunsunddasKamerateamausBay-
erngekochthaben.SeinRoastbeefmit
Yorkshirepudding gehört zum Bes-
ten, was ich je gegessen habe. Eigent-
lich wollten wir das Essen damals fil-
men,aberdieCrewwarsoinsEssen
vertieft,dasskeinGedankedaranauf-
kam,aufzustehenundzudrehen.Wir
habenstundenlanggegessen.
Auch mit fast achtzig Jahren hat
sich Tomi überhaupt nicht geändert.
Beiihmistimmerallesneu.Ichhabe
geradeindenKatalogderAusstellung
in Schwäbisch Hall geschaut. Diese
neuenCollagen–wiedersoeinTomi-
Wunder.

Robert Walter
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44 Diogenes Magazin
Impressum
Ehren-Herausgeber: Daniel Keel
Geschäftsleitung: Katharina Erne, Ruth Geiger,
Stefan Fritsch, Daniel Kampa, Winfried Stephan
Chefredaktion: Daniel Kampa
(kam@diogenes.ch)
Mitarbeiterinnen dieser Ausgabe:
Julia Stüssi (js), Nicole Griessmann (ng),
Martha Schoknecht (msc)
Grafik-Design: Catherine Bourquin
Fotograf: Bastian Schweitzer
Scans und Bildbearbeitung: Catherine Bourquin,
Tina Nart, Hürlimann Medien (Zürich)
Webausgabe: Susanne Bühler (sb@diogenes.ch)
Korrektorat: Franca Meier, Dominik Süess
Bildredaktion: Regina Treier, Nicole Griessman
Freier Mitarbeiter: Jan Sidney (sid)
Vertrieb: Renata Teicke (tei@diogenes.ch)
Anzeigenleitung: Simone Wolf
(wo@diogenes.ch)
Zurzeit gilt Anzeigenliste Juni 2011
Abo-Service: Christine Baumann
(diogenesmagazin@diogenes.ch)
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Seite 39 eingedruckte Abokarte. Abonnements-
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und Österreich, sFr 18.– in der Schweiz, andere
Länder auf Anfrage.
Herzlichen Dank allen Autoren und Fotografen.
Beim Gewinnspiel sind Mitarbeiter/-innen
des Diogenes Verlags von der Teilnahme aus-
geschlossen. Die Gewinner werden schriftlich
benachrichtigt. Die Preise sind nicht in bar
auszahlbar. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Programmänderungen vorbehalten.
Alle Angaben ohne Gewähr.
Redaktionsschluss: 1.8.2011 / ISSN 1663-1641
Diogenes Magazin
Sprecherstr. 8, 8032 Zürich, Schweiz
Tel. +41 44 254 85 11, Fax +41 44 252 84 07
Über unverlangt eingesandte Manuskripte kann
leider keine Korrespondenz geführt werden.
cd-tipp
Distribution: Membran Music Ltd.
www.membran.net
TomiUngerersZeichnungenzieren
siebenCD-CovervonOksana
Sowiak.DieSängerinhatsichein
Gegengeschenkausgedacht:ihreCD
Memento Tomi – Hommage à
Tomi Ungerermitdeutschenund
jiddischenChansons,Kinderliedern
undnatürlichdemEvergreen
Die Gedanken sind frei.
Seit 70 Jahren das Beste aus
Literatur, Kunst, Musik,
Fotografe, Film, Architektur,
Design und Gesellschaft.
abo@du-magazin.com +41(0)44 266 85 62 www.du-magazin.com
45 Diogenes Magazin
Ein Geburtstagsständchen von Ingrid Noll zur Melodie von
Tomi Ungerers Lieblingslied Die Gedanken sind frei.
Der Tomi ist toll!
Das singt ihm Ingrid Noll
DerTomiistfrei
vonprüdenGedanken.
UndfrommeHeuchelei,
diebringterinsWanken.
MitCharmeundmitWitzen,
diehaargenausitzen,
mitFederundBlei:
DerTomiistfrei!

DerTomiistfrei,
dasseiEuchverraten!
Greis,Räuber,Nackedei,
WeiberundSoldaten–
derTomimaltalle,
auchHund,Katz’undQualle
undnochsomancherlei.
DerTomiistfrei!

DerTomiistfrei,
dassolljederwissen!
DennseineMalerei
Willniemandmehrmissen.
SeinekauzigenLehren
kannniemandentbehren.
Esbleibetdabei:
DerTomiistfrei!
DerTomibleibtjung!
MitkindlichenScherzen
undSkizzenvollerSchwung
BetörterdieHerzen!
AuchunsreNachfahren
ineinhundertJahren,
dielässternichtkalt,
dennderTomiwirdniealt.
DerTomiistgut,
einganzgroßerMeister!
MitLustundmitMut
beschwörterdieGeister:
vonLiedernundMärchen,
vonMiedernundBärchen,
vonOttoundFlix!
ÜberTomigehthaltnix.
272 Seiten, Pappband
ISBN 978-3-257-01005-3
zum 80. Geburtstag von Tomi
für kurze Zeit als Sonderausgabe
46 Diogenes Magazin
Petros Markaris
Griechenland
in der Krise
»Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer
Bank?«, fragt Bertolt Brecht in der Dreigroschenoper. Diesen
Satz hat Petros Markaris als Motto seinem »Roman zur Krise«
(Süddeutsche Zeitung) vorangestellt. Das Diogenes Magazin
traf den Autor von Faule Kredite am Schauplatz des Gesche-
hens – in Athen – und sprach mit ihm natürlich über Griechen
und Schuld en, aber auch über die Liebe zum Schreiben und
vieles mehr.
Interview
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47 Diogenes Magazin
Diogenes Magazin: Sie haben immer
in Großstädten gelebt. Geboren in
Istanbul studierten Sie in Wien und
leben seit 1964 in Athen … Lauter
Metropolen, die einst Zentren gro-
ßer Reiche waren. Was bedeutet Ih-
nen Athen?
PetrosMarkaris:InAthengehenHass
undLiebeArminArmspazieren.Ich
glaube, die Gemütsumschwünge der
AthenerhabenmitihrerStadtzutun.
Die Athener umarmen einen und sa-
gen Nettigkeiten, und im nächsten
Moment wird man beschimpft. Mor-
genstretenSieaufdieStraße,dieSon-
ne scheint, alles glüht, alles ist in ei-
nemLichtschleier,dieLeutesitzenin
Cafés, plaudern und trinken Kaffee,
allesistschön.DannbiegenSieineine
neue Straße ein, und plötzlich rasen
AutosaufSiezu,undSiedenken:›O
Gott,jetztbinichtot!‹Sierettensich
aufdenBürgersteig,aberderistsoka-
putt, dass Sie stürzen und sich Ihr
Beinbrechen,dannverfluchenSiedie
Stadt.DasistAthen.AlleAthenerha-
beneineHassliebezuihrerStadt.Das
andere,wasichanAthenliebe,istdie
Nacht. In der Nacht ist diese Stadt
nochvielschöneralstagsüber.Athen
wirdschönentwederimSonnenschein
oderimDunkeln.GanzimGegensatz
übrigens zu Istanbul, das schön wird
in diesem leisen Regen, Istanbul
brauchtdenRegen,umschönzuwer-
den.AthenbrauchtSonnenschein.
Wie hat sich die Stadt seit Ihrer An-
kunft verändert?
Athen war damals eine andere Stadt.
Eineschöne,ruhige,einesehrmensch-
liche und humorvolle Stadt, man
konntejedenTaganjederEckelachen.
Ich frage mich immer, wo dieser Hu-
mor heute ist, er ist einfach ver-
schwunden. Griechenland war sehr
arm, als ich es Mitte der 60er-Jahre
kennenlernte.AberseineArmuthatte
Niveau, das Land hatte eine Kultur
der Armut entwickelt. An den Dich-
tern, dem Theater und den Kompo-
nistenkonntemandaserkennen.Die
habenvomStaatkeineneinzigenGro-
schen erhalten. Die haben geschuftet,
um Kunst zu schaffen, und waren
großartig.
In Ihren Romanen pulsiert Athen.
WennicheinenRomanschreibe,weiß
ichimmer,woderspielt,inwelchem
Stadtteil.IchgehezuFußhinundma-
cheeinekleineRecherche.
Sie fahren kein Auto?
Nein.
Im Gegensatz zu Kommissar Chari-
tos, der ein neues Auto fährt?
Ja, sein altes Auto, der Mirafiori, ist
weg. Eine Freundin, die in meinem
italienischen Verlag arbeitet, sagte zu
mir: »Ich weiß nicht, wie viele Mira-
fiori in Griechenland noch auf den
Straßen unterwegs sind, aber eines
sageichdir,inItalienfindestdueinen
MirafiorinurnochimFiat-Museum.«
Gut, dann musste er eben weg, diese
Entscheidung war leicht zu treffen.
Die Frage nach dem neuen Auto war
schwierigerzubeantworten.
Die Krise hat ihm dann die Antwort
gegeben. Aus Solidarität mit Spani-
en, das – im Unterschied zu Japan –
auch in der Krise steckt, kaufte er
sich ein spanisches Auto.
Ja, Kommissar Kostas Charitos fährt
jetzt einen Seat Ibiza. Ich erzählte in
meinem spanischen Verlag vom Pro-
blemdesneuenAutos,alseinejunge
Dame aus der Presseabteilung kam,
DeliaLouzan,undmireinkleinesGe-
schenk brachte: einen Seat-Katalog
mit Modellen in allen Farben, damit
icheineAuswahltreffenkonnte.Das
war schön! Und wegen der Bezah-
lung:Charitos sagt ja später: »Hätte
ich das gewusst, hätte ich keinen Wa-
gengekauft«,wasbedeutet,dasserin
Ratenzahlt.
Woher kommt Ihre Familie?
MeinVaterwarArmenier,dieMutter
Griechin, zu Hause sprachen wir
Griechisch.UndzwardankeinerLie-
besgeschichte: Mein Großvater väter-
licherseits stammte aus einer reichen
armenischenFamilieinIstanbul,sein
VaterwareinerderBankervonSultan
Abdul Hamid. Sie hatten ein großes
Haus und eine Köchin, die von der
Kykladeninsel Andros kam. Diese
Köchin bat meinen Urgroßvater um
Erlaubnis, ihre Nichte eine Zeitlang
bei sich wohnen lassen zu dürfen.
MeinUrgroßvaterwilligteeinundbot
derKöchineinZimmerfürihreNich-
tean.DieNichte,damals17 Jahrealt,
kamdirektvonderInselundsollsehr
hübschgewesensein.MeinGroßvater
verliebtesichaufderStelle.Ergingzu
seinemVaterunderöffneteihm:»Ich
habe mich in die Nichte unserer Kö-
chin verliebt und möchte sie heira-
ten.«SeinVatersagte,erseinichtbei
Trost, er könne nicht die Nichte der
Köchinheiraten,diezudemauchnoch
Griechinsei,unddrohteihmmitEnt-
erbung. Doch mein sturer Großvater
kameinesSonntagsbeimMittagessen
mit dem Mädchen herein und sagte:
»IchwilleuchmeineFrauvorstellen.«
Am nächsten Tag wurde er von sei-
nem Vater enterbt. Da nahm er seine
jungeFrau,zogaus,mieteteeineZwei-
zimmerwohnung, lernte die Sprache
seiner Frau und sprach kein Arme-
nischmehr.Erspracheinfurchtbares,
elendes Griechisch, aber das war un-
sere Sprache, die Folge einer Liebes-
geschichte. Der Diogenes Verleger
DanielKeelfanddieGeschichteübri-
gensherrlichundwollte,dassichein
Buchdarüberschreibe.Aberichkann
keineLiebesromaneschreiben.
In Istanbul gingen Sie auf eine deut-
sche Schule …
Auf eine österreichische Schule. Die
TürkeiwarimKriegjaneutralgeblie-
ben;alssichaberabzeichnete,dassdie
Alliierten gewinnen würden, erklärte
die Türkei Deutschland den Krieg,
und man schloss die deutsche Schule.
Sogabesfürmichkeinedeutschspra-
chige Alternative zum österreichi-
schenSt.-Georg-Gymnasium. F
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48 Diogenes Magazin
Istanbul braucht den
Regen, um schön zu
werden. Athen braucht
Sonnenschein.
Wie kam es dazu?
Mein Vater hatte in seinem Leben
zwei Träume und wurde in beiden
enttäuscht. Er führte eine Import-
Firma und wollte, dass ich sie über-
nehme. 1949 begann das deutsche
Wirtschaftswunder, und mein Vater
glaubte,Deutschwürdezurinternati-
onalen Unternehmersprache werden,
ichsolltealsoDeutschlernen.Erwur-
de doppelt enttäuscht: Deutsch wur-
de nicht zur Unternehmersprache,
und ich habe seine Firma nicht über-
nommen. Aber ich habe Deutsch ge-
lernt,dasistgeblieben.
… und heute muss Deutschland
Griechenland retten. – In Wien be-
gannen Sie dann ein Wirtschafts-
studium.
AuchdaswarderWunschmeinesVa-
ters. Ich wollte nicht Wirtschaft stu-
dieren, ich verabscheute das Fach.
Aber schon damals zog es mich weg
vonIstanbul.Alsosagteichmir:Das
StudiumistdeineChance.Dabeihabe
ichgarnichtfertigstudiert.Nachfünf
Jahren wusste ich, dass ich auf Grie-
chischschreibenwollte,alsogingich
nach Griechenland, wo das moderne
Griechischgesprochenwird.
Sie waren aber in Griechenland län-
ger in der Wirtschaft tätig, nicht
wahr?
Ja,von1966bis1976warichbeieiner
Zementfabrik,alsoelfJahrelang.Den
großen Sprung habe ich 1976 gewagt,
als ich es nicht mehr aushielt in der
Fabrik.
Hat da Ihr Vater noch gelebt?
Nein. Meine Mutter aber hat es mir
nieverziehen.Eswarundisteinesehr
gute Firma. Da gab es zwei Mal jähr-
lich Gehaltserhöhungen und außer-
demBonifürdiebestenAngestellten.
Nureinmalbekamichetwasweniger.
AmnächstenTagmeldetesichderGe-
schäftsführer der Firma: »Ich muss
mich bei Ihnen entschuldigen, das
nächsteMalbekommenSiemehr,ma-
chen Sie sich keine Sorgen.« Dann
sagte er wie nebenbei: »Abgesehen
davon werden Sie nächstes Jahr Di-
rektor sein, dann bekommen Sie so-
wieso ein besseres Gehalt.« Ich war
völlig perplex. Ich sagte mir: »Wenn
du jetzt Direktor wirst und weiter-
machst,dannmusstdudasSchreiben
vergessen.«IchhabedieganzeNacht
nicht geschlafen und nachgedacht.
Am nächsten Tag ging ich zum Ver-
antwortlichenundsagte:»Ichbinsehr
geehrt. Das ist wirklich nett von Ih-
nen, hier ist mein Rücktritt.« Er be-
zahltemirdenvollenLohn,alsober
michgefeuerthätte,ummichansich
zubinden,fallsichesmirandersüber-
legte. Ich sagte: »Wissen Sie, ich wer-
de nie zurückkommen.« Er darauf:
»IchbinUnternehmer,ichkennemei-
ne Risiken. Dieses nehme ich auf
mich.«Ichgingniezurück,underhat
dasGeldverloren.
Wie entschied sich, in welcher Spra-
che Sie schreiben würden?
Ich bin dreisprachig, spreche Grie-
chisch, Türkisch und Deutsch. Am
AnfangschriebicheinigesaufDeutsch,
auchaufTürkisch,seltsamerweisewe-
nigeraufGriechisch.Undaufeinmal,
in Wien, kam ein Sinneswandel. Wis-
sen Sie, die österreichische Gesell-
schaft – besonders die Wiener –, das
ist eine geschlossene Gesellschaft.
Und ich hatte oft dieses Gefühl der
Einsamkeit–mitseinennegativenund
seinen positiven Seiten. Jeder, der
Schriftsteller sein möchte, muss ler-
nen, seine Einsamkeit zu lieben, da
derSchriftstellerimmereinsamist.Er
lebt alleine, er schreibt alleine, er
denkt alleine. Man muss diese Ein-
samkeitnichtnurertragen,manmuss
sie lieben lernen. Ich habe sie mir zu
eigen gemacht. Andererseits war ich
durch sie auch befremdet. Ich be-
schloss damals: Wenn ich schreibe,
dann nur auf Griechisch. Ich wollte
irgendwie an den Busen der Mutter-
sprache. Im Griechischen fühlte ich
michsicher.
Wusste Ihr Vater, dass Sie schon
früh mit dem Schreiben begonnen
haben?
Ja.Abererhoffteimmer,dasseseine
jugendliche Krankheit sei, die vorbei-
gehenwürde.
Thomas Mann schrieb immer mor-
gens. Haben Sie Schreibrituale?
Wenn ich zu Hause bin, arbeite ich
jeden Tag, Samstag und Sonntag in-
begriffen, von10bis14 Uhrundvon
16 bis 20 Uhr. In der Zeit von 14 bis
16 Uhr lese ich, meistens Zeitungen.
WennichmiteinemneuenRomanan-
fange, dann muss ich die ersten drei
MonateimmerzuHausesein,bisich
den Roman im Griff habe. Danach
kann ich überall arbeiten, im Hotel-
zimmer,sogarimZug.Aberdieersten
drei Monate brauche ich meine Woh-
nung, meinen Schreibtisch und mei-
nen Kater. Der neue Roman ist teil-
weise dem Kater gewidmet: ›Für
Josephine und Gian‹. Gian heißt der
Kater. Ich mag Katzen sehr. Ich bin
verliebtinKatzen.
Haben Sie einen ersten Leser?
Ich schreibe die ersten zwei Kapitel,
dann redigiere ich das erste, dann
schreibe ich das dritte, und am Ende
redigiereichdaszweite,dannkommt
das vierte und so weiter. Eigentlich
habeichamEndezweiVersionen,die
ichdannnochmalsdrei,vierWochen
liegenlasse, um dann eine dritte Kor-
rektur zu machen. Diese Fassung be-
kommen mein Verleger, meine grie-
chische Lektorin und meine Tochter.
WennichihreKommentarehabe,ma-
che ich die endgültige Fassung. Mit
derdeutschenLektorinbeiDiogenes
erstellenwireineweitereFassung:die
europäische Version. Nach meinem
ersten Roman sind wir daraufgekom-
men,dassvieles,wasichschreibeund
zitiere, spezifisch auf Griechenland
bezogen und für den europäischen
Leser nicht verständlich ist. Da muss
man mutig sein und kürzen. So ent-
stehteineFassung,diefüralleauslän-
dischenVerlegerverbindlichist.
Sie haben in einem Interview vor
fünf Jahren gesagt: »Ein Grieche
will sein Geld nicht in eine Firma
stecken, er baut sich lieber eine Villa. F
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»Der neue Roman ist teilweise dem Kater
gewidmet: ›Für Josephine und Gian‹.
Gian heißt der Kater. Ich mag Katzen sehr.
Ich bin verliebt in Katzen.«
50 Diogenes Magazin
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»London hat Sherlock Holmes, Venedig
Commissario Brunetti, Athen hat Kostas
Charitos.« Wien live
Zivilstand SeitJahrenverheiratetmitAdriani
Wohnort Athen
Aussehen JederLeserdarfihnsichvorstellen,
wieerwill.
Marotten HasstdasFernsehen–
undPresse konferenzen.
Laufbahn BegannalsGefängniswärterunter
derMilitärjunta.
Methode KonsultiertalteWörterbücher–
dieBegriffs erklärungeninspirierenihn.
Grübelt,brütetundsprichtmitseiner
FrauAdriani.
Isst MorgenseinCroissant,seitesinAthen
keineSesamkringelmehrgibt;
unterwegsSouflaki.SeinLeibgericht:
gefüllteTomaten
Trinkt GriechischenMokka
Fährt JahrelangeinenaltenFiatMirafiori,
denerimneustenFallgegeneinen
aufPumpgekauftenSeateintauscht
Kostas
Charitos
vonderAthenerMordkommission
51 Diogenes Magazin
Ich will, dass die Krise
vorbei ist. Nicht, damit
die Griechen besser
leben können, sondern
damit ich wieder meine
Ruhe habe.
Ich bin pessimistisch. Viel ausgeben,
wenig investieren – irgendwann wird
das zu Ende sein.« Sie sind ein Pro-
phet.
IchbinkeinProphet,daswarvoraus-
zusehen.
Haben die Griechen das auch vor-
ausgesehen?
EineMinderheitschon,abernureine
Minderheit. Die meisten waren ganz
glücklichundhabengeglaubt,eswür-
deunendlichsoweitergehen.Daswar
der eine Fehler. Der noch größere
Fehler war der des politischen Sys-
tems,dasdasGanzeeifrigunterstützt
hat. Diesmal sind die Griechen wirk-
lichüberfordert.
Wer ist nach Meinung der Griechen
denn schuld an der Krise?
Die Regierung natürlich, die EU, die
BankenundFinanzchefs…eigentlich
alle. Aber besonders eben die Regie-
rung, die sie ja selbst gewählt haben.
Aber dann sagen meine Landsleute:
Wasbliebunsdennanderesübrig?Es
sinddochallePolitikerkorrupt.Also
fühlensiesichunschuldig.
Sie haben die Krise essayistisch und
als Roman verarbeitet.
Ja, in zwei Büchern. Weil ich so viel
über die Krise gesprochen habe,
kommt fast jeden Tag eine Interview-
Anfrage.Ichwill,dassdieKrisevorbei
ist. Nicht, damit die Griechen besser
lebenkönnen,sonderndamitichwie-
dermeineRuhehabe.
Darum bringen Sie im neuen Buch
Banker aus Rache um. Als die Olym-
pischen Spiele stattfanden, waren
Sie als Sprachrohr für Olympia ge-
fragt und nun für die Krise.
Wissen Sie, warum? Weil ich immer
dagegen bin. Vor den Olympischen
Spielen bekam ich einen Anruf von
einemDeutschen,dersagte:»Ichbin
der technische Berater des deutschen
Olympia-Komitees. Ich bin hier, um
dieolympischenAnlagenzubesichti-
gen, und ich möchte auch mit Ihnen
sprechen.«–»Undwashabeichdamit
zutun?«–»Umehrlichzusein,Herr
Markaris, alle haben immer nur von
Olympia geschwärmt. Ich fragte, ob
es denn keinen gäbe, der dagegen sei.
DaverwiesmanmichanSie.«
Ist der Kriminalroman eine Art, ge-
gen die Dummheit anzuschreiben?
IndemSinn,dassderKriminalroman
am Ende immer eine Art Klarheit
schafft,ja.
Ein Autor hat mal gesagt, dass der
Kriminalroman heute vielleicht die
einzige Möglichkeit ist, eine Idee un-
ters Volk zu bringen.
Einer der Gründe, warum der Krimi-
nalroman so beliebt ist, ist, dass der
Kriminalroman der religiöseste von
allen Romanen ist: Die Schlechten
werdenamEndeimmerbestraft.Weil
der Leser sozusagen aus der Predigt
weiß, dass das Böse auf der Welt re-
giert,isterberuhigtzusehen,dassim
KriminalromandasBöseamEndeim-
mer bestraft wird. In diesem Sinne
sind die Detektive und Polizisten
Missionare, haben eine Missionars-
mentalität.
Sie sind Verfasser von Theaterstü-
cken, haben wichtige Werke aus dem
Deutschen ins Griechische über-
setzt, außerdem haben Sie für Film
und Fernsehen gearbeitet.
Stimmt, Anfang der Neunziger habe
ichfüreineFernsehserienamensAna­
tomie eines Verbrechens die Drehbü-
cher geschrieben, ein Riesenerfolg.
Aber am Anfang des dritten Jahres
habeichdieFamilieCharitoskennen-
gelernt.IchwolltemitdenLeutengar
nichtszutunhaben,sienervtenmich.
Wie haben Sie sie kennengelernt?
Alle drei standen eines Morgens vor
meinemSchreibtisch.KennenSiedas
Stück Sechs Personen suchen einen
Autor von Luigi Pirandello? Bei mir
warenesdrei,nichtsechs.Ichglaube,
eshatsichwährenddesSchreibensan
der Serie eine andere Idee im Unter-
bewusstsein entwickelt, und auf ein-
malistsieaufdiebewussteEbenege-
kommen, und ich stand vor drei
Leuten.
Vor dem Film war die Leidenschaft
für das Theater?
Ich wollte ja erst Dramatiker werden
und habe einige Bühnenstücke ver-
fasst. Eins davon, Die Geschichte des
Ali Retzo, wurde 1971 während der
Militärdiktatur zum großen Bühnen-
stückgegendieJunta.Damalsmusste
alles durch die Zensur, doch in mei-
nem Stück wurde kaum etwas gestri-
chen. Diese Idioten hatten das Stück,
das in der Türkei spielt, gelesen und
durchgewinkt,weilsieglaubten,essei
einStückgegendieTürkei.ZweiMo-
nate später wurde das Stück aufge-
führt. Das Theater war so voll, dass
die Leute sogar im Foyer warteten,
und man traute sich nicht, das Stück
einfachabsetzenzulassen.Esliefwo-
chenlang,undeineWiederholungwar
geplant. Damals arbeitete ich in der
Zementfabrik. Eines Tages rief mich
einBullean:»SiesindHerrMarkaris?
MitVornamenPetros?UndSiehaben
ein Stück verfasst mit dem Titel Die
Geschichte des Ali Retzo?« Ich: »Ja,
Siewissenjaalles,waslangweilenSie
mich?«Daraufer:»SielaufenGefahr,
IhreAufenthaltserlaubnisinGriechen-
land zu verlieren«, denn damals war
ichnochTürke.Alserfertigwar,sagte
ichihm,dassichinderZementfabrik
Xarbeitete.EsfolgteeinePause,dann
sagte er: »Na ja, das ist natürlich ein
Problem.«
Und wie kam es zu diesem irrsinni-
gen Projekt, den Faust zu überset-
zen?
Der ehemalige Intendant des Natio-
naltheaters rief mich eines Tages an
und sagte: »Petros, ich habe einen
Vorschlag für dich. Setz dich hin.
ÜbersetzedenFaust,undzwarbeide
Teile, wir wollen eine Aufführung.«
Ich sagte: »Vergiss es, das mach ich
nicht.« Da sagte er zu mir: »Petros,
das ist ein Lebenswerk.« Das ist das
Schlimmste, was man einem Autor
oderÜbersetzersagenkann:›Lebens-
werk‹. Also setzte ich mich hin und F
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52 Diogenes Magazin
BislangwarfürmichdieFreundschaft
zwischen Griechen und Deutschen
immer eine Art Wunder: Wieso sind
den Griechen die Deutschen als ehe-
maligeBesatzerdesLandessympathi-
scher als die Befreier England und
Amerika? Das war schon ungewöhn-
lich. Aber nun ist dieses Verhältnis
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ISBN 978-3-257-06793-4
DieFinanzkriselegtGriechenland
lahm.AllemüssendenGürtelenger
schnallen,dieWutaufdieBanken
wächst.Überallwirddiskutiertund
protestiertunddemonstriert.Alsdann
zweiBankeraufgrausameWeise
umgebrachtwerden,herrschthöchste
AlarmstufeinderFinanzwelt,und
KommissarCharitosistaufeinen
Schlagauchberufichmitderturbulen-
tenAthenerGegenwartkonfrontiert.
Die Fälle für Kostas Charitos:
konnte sechs Monate lang kein einzi-
ges Wort schreiben außer der Über-
setzung. Das war eine höllische Zeit.
Als ich endlich den ersten Teil hinter
mirhatte,sagteerdieAufführungab.
IcherzähltemeinemVerlegerdiegan-
ze Geschichte, und er meinte: »Gut,
ichmachdas!«Ichsagteihm,dasser
verrücktseiundnur50Exemplareda-
vonverkaufenwürde.Erhatbisjetzt
knapp 4000 Exemplare verkauft. Un-
glaublich! An einer Veranstaltung im
Goethe-Institut kam eine Dame zu
mir:»IchkenneIhreKriminalromane,
aber ich bewundere Sie für die Faust­
Übersetzung«, und ich erwiderte:
»Hauptsache,Siebewundernmich.«
Und wie sind die ersten Reaktionen
auf Ihren neuen Roman?
Die Griechen scheinen begeistert. Es
bewegt mich sehr, wenn ich auf der
Straße angesprochen werde und die
Menschen sagen: »Das haben Sie ge-
nau richtig gemacht! Wann kommt
IhrnächstesBuch?«Ichhabejawirk-
lichnichtmitKritikandenGriechen
gespartundreibeihnenauchunterdie
Nase, dass sie mit schuld sind an der
momentanen Situation. Da freut es
mich sehr, dass Faule Kredite so gut
ankommt.
Wie sehen Sie die Beziehung zwi-
schen Deutschland und Griechen-
land? Ist da zu viel vorgefallen in
den letzten Jahren? Ein zu großer
Schaden entstanden?
gestört, was mich sehr traurig macht.
Und ich muss sagen, dass die Deut-
schen ihren Teil dazu beigetragen ha-
ben. Die Schmährufe der Boulevard-
zeitungen, auch die Äußerungen der
Bundeskanzlerin, und immer wieder
diesesKlischeevomfaulenGriechen –
dashilftnichtweiter.

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ineFraurolltihrengrünenTrolley
über meine Füße. »Können Sie
nicht aufpassen«, rufe ich ihr hinter-
her.AberdieAnsageaufGleis5über-
töntmeineWorte.
Bevor mein Vater in den Zug ge-
stiegen ist, hat er mich angerufen.
»Hör ma’«, hat er gesagt, »ich steige
jetztein.Ichrufevonmeinemneuen
Telefon an, hat dein Onkel Toni mir
geschenkt.«
SeitvierJahrenbinichmitHelenazu-
sammen. Ihre Eltern, die Spicherts,
haben sie nach der schönen Helena
benannt. Sie waren sich sicher, dass
ihre Helena auch einmal schön sein
würde.
HerrSpicherthatvorvielenJahren,
nachdemerinkürzesterZeitseinStu-
dium absolviert hatte, eine Werbe-
agentur gegründet. Das war zu einer
Zeit, als es noch nicht hunderte Wer-
beagenturen gab. Er verdiente einen
HaufenGeld.Mitfünfzigverkaufteer
seineAgenturundwurdeindenAuf-
sichtsrat eines gigantischen Unter-
nehmensgewählt.DieFamiliezogin
das wiedervereinigte Berlin und er-
stand, als die Immobilienpreise güns-
tiglagen,einedenkmalgeschützteVil-
la in Potsdam. Frau Spichert, die
keinen Beruf, sondern nur Hobbys
hat, interessiert sich unter anderem
fürKunst.Dannundwannersteigert
sie ein Bild oder eine Skulptur. Mitt-
lerweileleihensichMuseenExponate
aus der Sammlung aus, die Frau Spi-
chert mit ihrem phänomenalen In-
stinktzusammengetragenhat.
Die Spicherts sind großzügig. Sie
spenden beträchtliche Summen. In
der Mongolei gibt es eine Schule für
Taubstumme, die mit dem Geld der
Spichertserbautwurde.DieSpicherts
sinddasoähnlichwieGott,siehelfen
nur denen, die sichselber helfenwol-
len.
EinpaarMonatenachdemdieschöne
Helena das Licht der Welt erblickt
hatte, presste meine Mutter mich un-
ter unerträglichen Schmerzen heraus.
Als Frau Spichert sich in einem ande-
ren Krankenhaus die Bauchdecke
straffenließ,hieltmeineMuttermich
im Arm und heulte. Postnatale De-
pression.
MeinVatertätschelteMamasKopf
und küsste uns beide auf die Stirn.
»Hörma’«,sagteer,»daswirdschon.«
DanngingerindieKneipeundtrank
Ihr Debütroman Adams Erbe, der im Frühjahr 2011 erschien, begeisterte schon unzählige
Leser. Adams Schicksal wird noch viel mehr Herzen erobern – bisher sind die Rechte am Buch
in acht Länder verkauft. Hier nun eine bislang unveröffentlichte Kurzgeschichte der »erstaunli-
chen Begabung« (Elmar Krekeler, Die Welt) Astrid Rosenfeld.
Astrid Rosenfeld
All die falschen Pferde
Mit Zeichnungen von Monica Valdivia
Eigentlich ist es absurd,
dass mein Vater an das
Glück glaubt, denn er hat
niemals Glück gehabt.
Erzählung
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mit seinem Kumpel und Arbeitgeber
GustavunddessendreijährigemSohn
Toni auf das Wohl seines Erstgebore-
nen.
IndieserNacht,meinVaterschlief
bereits, klingelte das Telefon. Wäh-
rend Frau Spichert ihren flachen
Bauch und die winzige Narbe be-
staunte,lagmeineMutterzermatscht
aufdemAsphalt.MeinerstesFamilien-
festwareineBeerdigung.
VierJahrelanghabeichesvermeiden
können, dass mein Vater auf die Spi-
cherts trifft. Aber in wenigen Mona-
tenwerdendieschöneHelenaundich
heiraten, deshalb haben die Spicherts
meinenVatereingeladen.
MeinVatersollteeigentlichSchorn-
steinfegerwerden.Mitsiebzehnfieler
vom Dach. Seither hat er vier Schrau-
benimBeinundkannnichtmehrauf
Dächer klettern. Er ging dann bei
Gustavs Vater in die Lehre. Einzel-
handelskaufmann.
IndemGeschäftvonGustavsVater
konnte man Zigaretten, Zeitschriften,
Lottoscheine, zeitweise Lebensmittel
und mittlerweile auch Töpferwaren
kaufen. Als Gustavs Vater seinen ers-
tenSchlaganfallerlitt,übernahmGus-
tav den Laden, und als Gustav vom
Busüberfahrenwurde,tratseinSohn
ToniseinErbean.
Mein Vater arbeitet noch immer
dort. Schwarz. Zwei Tage die Woche.
Mittwochs und samstags, wenn das
Lottofieber ausbricht. Der Laden
läuftschonlangenichtmehr,weildie
meisten Leute jetzt im Supermarkt
ihre Zigaretten holen und Lotto spie-
len.
»Die Großen fressen die Kleinen«,
dasindsichmeinVaterundTonieinig.
Die Spicherts würden sagen, das sei
eine abgedroschene Phrase. Globali-
sierung!, würden sie sagen, Wett-
kampf! Veränderung! Aber davon
verstehenToniundmeinVaternichts.
Mein Vater hat einen Hang zum
Glücksspiel. Nicht nur Lotto, auch
Pferderennen. Seit Toni einen Com-
puter hat, gebraucht erstanden, muss
erauchnichtmehrzumBuchmacher
rennen.»Hörma’«,hatmeinVaterzu
mir gesagt, »das kann man jetzt alles
hiermitmachen.«Undstolzhaterauf
Tonis Schrottcomputer gezeigt. Da
habe ich schon nicht mehr zu Hause
gewohnt, sondern in Berlin studiert
und mir mein erstes PowerBook ge-
kauft.
Eigentlich ist es absurd, dass mein
VaterandasGlückglaubt,dennerhat
niemalsGlückgehabt.
Ich hingegen hatte oft Glück. Es
war Glück, dass ich auf dem Spiel-
platz Lukas kennenlernte. Lukas
wohntenichtinunsererGegend,aber
seinemVater,HerrnRüders,gehörten
mehrereHäuserinunsererStraße.
»InGustavsLadenarbeiten.«
Obichdennnichtstudierenmöch-
te,wollteerwissen.Obichdennnicht
Anwalt oder Arzt oder Unterneh-
mensberaterwerdenwolle.
HerrRüdershatmitmeinemVater
gesprochen, hat ihm gesagt, dass er
mich aufs Gymnasium schicken soll,
damit ich einmal Arzt oder Anwalt
oder Unternehmensberater werden
kann.
Es war pures Glück, dass Toni an
diesem Nachmittag Lukas das Maul
mitSandstopfenwollte.EswarGlück,
dassLukasinBerlinstudierenwollte,
alleinwäreichniemalsdorthingegan-
gen.EswarGlück,dassHelenagenau
vormirvonihremFahrradfiel,sonst
hätte ich sie niemals kennengelernt.
Ich habe Helena aufgeholfen und sie
undihrkaputtesFahrradnachHause
begleitet.
Obwohl ich ständig Glück habe,
weigere ich mich, an das Glück zu
glauben. Denn Glück hat keinen Stil,
sagendieSpicherts.Leistungdagegen
schon. Die Spicherts mögen mich,
weil ich ihre fleischgewordene Über-
zeugung bin. In ihren Augen bin ich
einJunge,derdabeiist,sichausdem
Nichtshochzuarbeiten.
Ein einziges Mal habe ich Helena in
die Stadt meiner Kindheit mitgenom-
men. Es war ein Sonntag. Es gab auf-
getauten Stachelbeerkuchen in der
ZweizimmerwohnungmeinesVaters.
Wir saßen auf der früher einmal
sandfarbenen Couch im Wohnzim-
mer, aßen die labbrigen Beeren und
versuchten uns zu unterhalten. Hele-
nalächelteunaufhörlich. IhrLächeln
schwand nur ein Mal, das war, als
mein Vater die Sprühsahne in ihren
Kaffeespritzteund»EinCappuccino
fürdieDame«sagte.
SpäterkamOnkelTonimitseinen
Söhnenvorbei.Ichweißnicht,warum
ichToni›OnkelToni‹nenne.Eristja
nur drei Jahre älter als ich und nicht
mitmirverwandt.
InderzweitenKlassesaßichsogar
nebenihm.OnkelToniverweiltesehr
langeinderzweitenKlasse.Eristam
PlusundMinusgescheitert.Daswoll-
Einmal, ein einziges Mal, hat Herr
Rüders seinen Sohn in unser Viertel
mitgenommen.DeshalbsaßLukasan
einem Mittwoch in meinem Sandkas-
ten.WährendHerrRüdersinGustavs
Geschäft einen Lottoschein ausfüllte,
wollte Toni, der drei Jahre älter und
wahnsinnig stark war, Lukas ein paar
KellenSandindenMundstopfen.Ich
bindazwischengegangen.
An diesem Nachmittag sind wir
Freunde geworden, Lukas und ich.
DieRüderslebtenineinemHaus,das
dem der Spicherts ähnelte. Lukas’
Zimmer war größer als unsere Woh-
nung.
Ichwaracht,alsmichHerrRüders
fragte,wasichdennspätereinmalma-
chenmöchte.
»Hör ma‘, die haben
aber Glück gehabt«, sagt
mein Vater, als wir vor
der Villa der Spicherts
stehen. Die haben sich
angestrengt, die haben
was geleistet, die haben
nicht nur auf Pferde
gesetzt, will ich antwor-
ten, aber da geht schon
die Tür auf.
57 Diogenes Magazin
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te einfach nicht in seinen Kopf. Gus-
tav, mein Vater und unser Lehrer ha-
bensichalleMühegegeben,demToni
das Rechnen plausibel zu machen,
abererverstandesnicht.
Obwohlernochimmernichtrech-
nen konnte, durfte er auf die Haupt-
schule gehen. Hier muss ich erwäh-
nen, dass Toni nicht nur stark war,
sondernaucheinsehrhübscherJunge
miteinemgewissenCharme.Dashat
auchseineneueKlassenlehrerinsoge-
sehen. Der Toni ist ihr ein paar Mal
›unterdenRockgegangen‹,sonannte
er das. Toni hat seinen Abschluss ge-
schafft, nicht mit Rechnen, sondern
mit›unterdenRockGehen‹.
Toni hat zwei Söhne, Bronco und
Rokko, eineiige Zwillinge. Bis zu ih-
rem dritten Lebensjahr ähnelten sie
dem Mogwai Gizmo aus Gremlins.
Zwei niedliche, mit Fell bedeckte
Tierchen. Aber wie in dem Film ver-
wandeltesichdanndasSüßeundPut-
zige in etwas Unheimliches. Bronco
und Rokko sind jetzt sechs, und ich
habeAngstvorihnen.
Helena lächelte, als Bronco ihr sei-
nen kleinen, dicken Ellbogen in die
Rippenstieß.SeitdemdieNiedlichkeit
von den Zwillingen abgefallen war,
waren sie auf eine merkwürdig un-
kindliche Weise permanent schlecht-
gelaunt. Die schlechte Laune legte
sicheinwenig,alsOnkelToniseinen
Söhnen einen Pitbull-Terrier-Welpen
schenkte, den sie Igor tauften. Aber
einesTagessetzteEla,dieMuttervon
Bronco und Rokko, Igor einfach aus,
und die schlechte Laune kehrte zu-
rück.
Nachdem die Zwillinge jeder vier
Stück Kuchen verschlungen hatten,
bestanden Toni und mein Vater dar-
auf,derschönenHelenadenLadenzu
zeigen.Helenalächelte,alsmeinVater
ihr Tonis Schrottcomputer vorführte.
Zu diesem Zeitpunkt wohnten Hele-
naundichinBerlinschonzusammen
undbesaßenbeideeinMacBookPro.
VierJahrelanghabeichesvermeiden
können, dass mein Vater auf die Spi-
cherts trifft. Aber in wenigen Mona-
tenwerdendieschöneHelenaundich
heiraten, deshalb haben die Spicherts
meinenVatereingeladen.
IchentdeckeseinGesichtsofortin
der Menge auf dem Bahnsteig. Es äh-
nelt ein wenig dem meinen. Er trägt
eine dunkelblaue Wildlederjacke mit
rotenundgrünenNappalederstreifen.
Vielleicht war das Teil irgendwann
einmal modern, aber jetzt erzählt es
nurnochvonHäuserzeilen,indenen
sichniemalsetwasverändernwird.Es
erzähltvondemLottofieber,dasjetzt
indenSupermärktenundnichtmehr
in Tonis Laden ausbricht. Es erzählt
von all den falschen Pferden, auf die
meinVatergesetzthat.
Ich umarme ihn. Er riecht nach
dem Unisex-Parfum, das ich ihm vor
sechs Jahren zum Geburtstag ge-
schenkthabe.EswareinSonderange-
bot.ErträgtdenDuftmitStolz,wie
etwasKostbares.
»Hör ma’, gib dem Mann da mal
was«,sagtmeinVater,alswiraneinem
Penner mit zwei verlausten Hunden
vorbeikommen.
»Der muss hier nicht betteln«,
antworte ich und höre mich selbst
lange Sätze sprechen, in denen die
Wörter›Jobcenter‹,›Umschulung‹und
›Hartz IV‹vorkommen.
MeinVaterschmeißteinenEuroin
den Pappbecher, nennt den Penner
›Kumpel‹ und streichelt die verwahr-
lostenTiere.
58 Diogenes Magazin
Frau Spichert hat mir ihren BMW
geliehen. Mein Vater klopft anerken-
nend auf die sandfarbene Ledergarni-
tur,alswireinsteigen.
»Hörma’,zeigstdumirauchdeine
Wohnung?«
Ich verneine underkläre ihm, dass
es ein riesiger Umweg sei, was nicht
stimmt.
»Schade, wenn ich schon einmal
hierbin.«
»Das nächste Mal«, antworte ich
und fahre ein wenig zu schnell Rich-
tungPotsdam.
Ich habe dafür gesorgt, dass mein
Vater nicht in der denkmalgeschütz-
ten Villa, sondern in einem kleinen
HotelgleichumdieEckeübernachten
wird. Während mein Vater sich um-
zieht, klappe ich mein MacBook Air
aufundschreibeE-Mails.
»Und?«,fragterunddeutetaufsei-
nen Anzug, der wie ein Kostüm für
eineAchtzigerjahre-Partyaussieht.
»SobaldichrichtigesGeldverdiene,
kaufeichdireinenneuen«,sageich.
»IndemhierhabeichdeineMutter
geheiratet.«
»Hör ma’, die haben aber Glück ge-
habt«,sagtmeinVater,alswirvorder
VilladerSpichertsstehen.
Diehabensichangestrengt,dieha-
benwasgeleistet,diehabennichtnur
aufPferdegesetzt,willichantworten,
aberdagehtschondieTürauf.
Wir sitzen alle an einem langen
Tisch, der engste Familien- und
Freundeskreis, etwa dreißig Leute.
NebenmirHelenaundgegenübervon
uns mein Vater. Frau Spichert unter-
hältsichmitihm.IhreHöflichkeitist
absolute Höflichkeit, potenziert mit
unerträglicher Höflichkeit. Ihr Ton-
fall so beruhigend, als spräche sie zu
einem gefährlichen Tier oder einem
Irren, der jeden Moment ausrasten
kann. Ich bemerke die Blicke der an-
deren, die dann und wann ganz un-
auffällig meinen Vater streifen. Drei
lange Gänge. Selbst der Duft des
Schokoladensoufflés kann sein billi-
ges Parfum nicht überdecken. Herr
Spicherterhebtsich.Erräuspertsich,
anstatt stillos mit dem Löffel gegen
das Champagnerglas zu klopfen. Er
heißt mich willkommen in der Fami-
lie. Verneigt sich mit Worten vor mir,
vor meiner Leistung, meinem Fleiß.
Applaus.IndasKlatschenmischtsich
das Geräusch von Silber gegen Glas.
MeinVaterstehtauf.GabelundKelch
in der Hand. Die goldenen Knöpfe
seinesAnzugsfunkelnimKerzenlicht.
»Hörma’«,sagter,»ichwünscheeuch
beiden alles Glück der Welt.« Stille.
Man wartet, aber da kommt nichts
mehr.Applaus.
Nach dem Essen sehe ich meinen
Vater in der Eingangshalle mit einem
lila Plastikhandy telefonieren. Ich
gehezuihm.
»Wasmachstduda?«Ichklingewie
einLehrer.
MeinVaterstecktseinTelefonwie-
derein.
IchführeihnindasKaminzimmer,
führe ihn zu dem kleinen Kreis, der
sich um Herrn Spichert gebildet hat.
JemanddrücktmeinemVaterundmir
ein Glas Whiskey in die Hand. Man
unterhält sich über die Schönheit der
Toskana. Mein Vater schweigt. Seine
Finger zittern, er steckt sie in die Ta-
sche seines albernen Jacketts. Ich är-
geremich,istesdennzuvielverlangt,
etwas Belangloses wie ›Italien ist
wirklichschön‹zusagen?Auchwenn
mannochnieinItalienwar.
Während die anderen Männer re-
den und an den richtigen Stellen la-
chen, starrt mein Vater in das Feuer
imKamin.
NachdemsichdieerstenGästever-
abschiedet haben, verlassen auch wir
diedenkmalgeschützteVilla.
Im Hotel holt mein Vater seinen
Koffer aus dem Schrank. »Hör ma’«,
sagter,»seinichtböse,aberichmöch-
tenachHause.«
»Dasgehtnicht.EsfährtkeinZug
mehr.«
»Tonikommtmichholen.«
»So?«
»Ichhabeihnangerufen.Nachdem
Essen.«
»Warum?« Wieder klinge ich wie
einLehrer.

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Wirtschaftsmagazin
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59 Diogenes Magazin
MeinVatersetztsichaufdasunbe-
nutzte Hotelbett und steckt sich das
Schokoladenbonbon, das auf dem
Kopfkissen liegt, in den Mund. Ich
lassemichaufdenSesselfallen.
»DasnächsteMalzeigeichdirmei-
neWohnung«,sageich.
Er lächelt. Sein Lächeln ähnelt ein
wenigdemmeinem.
Irgendwann klopft es an der Tür.
Bronco und Rokko tragen Lederja-
cken über ihren Pokémon-Schlafan-
zügen.
Das Gepäck meines Vaters ver-
schwindetimKofferraum.TonisOpel
Kadett setzt sich in Bewegung. Ich
winkeihnenhinterher.Ichkannnicht
aufhören.
Auf einmal steht Herr Spichert ne-
ben mir. »Was machst du hier drau-
ßen?«,fragter.
»Ichbinmirnichtsicher«,antwor-
te ich, ohne meinen Arm zu senken.
»Ichbinmirnichtganzsicher.«

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EinRoman,demesmitHumorge-
lingt,vongroßenGefühlenzuerzäh-
len;deraufberührendeundliterarisch
außergewöhnlicheWeisezeigt,wie
sehrGegenwartundVergangenheit
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derdurchdrungensind.Beginnendauf
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60 Diogenes Magazin
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infachgesagt,würdeichmichund
meinen Lebensstil ungefähr so
beschreiben:EinevonderKulturder
70er-Jahre geprägte, hippie-inspirier-
teFrau,dieeszueinembescheidenen
Vermögen gebracht hat. Meine Klei-
der sind aus Baumwolle, Kunstfasern
trage ich nicht. Kleider, die gebügelt
oderchemischgereinigtwerdenmüs-
sen, kaufe ich kaum. Orte, an denen
ein elegantes Jackett erwartet wird,
meideich,binmiraberbewusst,dass
man nicht überall barfuß daherkom-
menkann.IchmagNaturkost,ernäh-
re mich aber nicht vegetarisch. Beim
Kochen, was ich in der Regel selber
tue, achte ich darauf, keine künstli-
chen Würzmittel zu verwenden. Tra-
ditionellesjapanischesEssenwieMiso
oder in Reiskleie eingelegtes Gemüse
liegt mir am Herzen, aber Vollwert-
köstlerin bin ich nicht. Ich liebe das
Reisen, übernachte aber nur sehr sel-
ten in Luxushotels, außer wenn die
Arbeitesmitsichbringt.
WeilichkeinLebenführenmöchte,
das mich vom Geld total abhängig
macht, versuche ich, auf diese und
jene Art sparsam zu sein. Das war
nichtimmerso.InsbesonderedieGe-
burtmeinesKindeswareinwesentli-
cher Anlass dafür, aber schon in den
80er-Jahren sah ich, wie der Wirt-
schaftsboom die Leute offensichtlich
verrücktmachte.Ichsahauch,wiedie
Zerstörung der japanischen Natur-
landschaftimmerweiterumsichgriff.
Sobegannich,mirGedankenzuma-
chen, und je länger ich das tat, umso
mehr fühlte ich mich vom Lebensstil
derHippiesangezogen.
GehtmanseineneigenenWeg,gibt
esimmerwiederZeiten,womansich
einsam und allein fühlt; die hässliche
SeitederkapitalistischenGesellschaft
jedocherschienmirwieeinAlptraum.
Wonach streben die Leute? – Ich
verstandesnicht.
Im Verborgenen fanden sich zwar
noch Relikte einer großartigen, von
kleinenLädenundBetriebengepfleg-
ten Kultur. Aber wie sehr man sich
auch bemühte, sie zu unterstützen –
ihreZeitneigtesichdemEndezu.Das
Feuer der Leidenschaft aber erlischt
nicht.UndgenauwiedasumsÜber-
lebenkämpfendeKleingewerbewoll-
teauchichbeharrlichundunerschüt-
terlich mit kleinen Schritten durchs
Leben gehen. Das hat sich bis heute
nichtgeändert.
ErdbebenundTsunamihabendies-
mal sehr viele Menschen brutal aus
dem Leben gerissen. Dass eine so
schreckliche Katastrophe überhaupt
möglich war – ich konnte es nicht
glauben.Nochjetztbinichfassungs-
los.AuchinTokiohatesheftiggerüt-
telt. Die Züge blieben stehen und
die Telefonleitungen stumm, in den
Häusern gingen Gegenstände kaputt,
Unternehmen erlitten durch die
wiederholten Stromunterbrechungen
Einbußen; aber im Vergleich zum
Leid, das den Menschen im Norden
des Landes widerfuhr und noch im-
merwiderfährt,istdaskaumderRede
wert.
Während meiner mittlerweile fast
fünfzig Lebensjahre stürzte in den
Bergen ein Flugzeug ab, bebte in
Kobe,NiigataundanderenGegenden
Japans die Erde, verübte die Aum-
Sekte einen Giftgasanschlag. Bei je-
demUnglückkamenaufeinenSchlag
viele Menschen ums Leben, in den
HerzenderJapanerinnenundJapaner
wurde es finster. Auch jetzt wieder
liegt eine große Trauer über Japan.
DasgrausameSchicksalschlägtmeis-
tensaufdieseWeisezu.Dennochha-
ben die Menschen gelernt, damit zu
leben.SichandiefruchtbarenFlecken
der Erde klammernd, hartnäckig,
stark.
DasstelleichnichtinFrage.
Aberichfragemich,beschämtund
bestürztzugleich:Warumnurwarich
bezüglichderAtomkraftsovollkom-
menahnungslos?
ÜberJahrehinweglascheKontrol-
len, sich selbst überlassene Arbeiter
amUnglücksort,halbherzigeSchutz-
maßnahmen… Lauter deprimierende
Nachrichten, doch gab es auch ande-
re, die einem ein Gefühl vermittelten
von Japans technologischer Leis-
tungsfähigkeit und dem Vermögen,
eineSituationgenaueinzuschätzen.In
diesen Momenten erinnerte ich mich
Banana Yoshimoto
hat sich über Atomkraft
nie Gedanken gemacht –
bis zur Katastrophe in
Fukushima.
Ein
weiter
Weg
Brief aus Japan
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61 Diogenes Magazin
Ich frage mich, beschämt
und bestürzt zugleich:
Warum war ich bezüglich
der Atomkraft so voll-
kommen ahnungslos?
wieder an dieses wundervolle Bild –
einBild,dasvieleLeuteinsichtragen.
WasmachteinenJapanerzumJapa-
ner? Die Antwort auf dieseFrage er-
schienmirplötzlicheinfachundklar.
IchsahMenschen,diederMachtdes
Geldeserlegenwarenunddiegewalti-
genProblemeumsieherumvölligaus
den Augen verloren hatten; ich sah
aberauchMenschen,dienichtsowa-
ren, Menschen, die unbeirrt und tap-
fer ihre Arbeit verrichteten, zum
Wohle aller. Hier, glaube ich, offen-
barte sich das eigentliche Wesen der
japanischenSeele.
Wieesweitergehenwird,istschwer
abzuschätzen.
DieSituationbezüglichderStillle-
gungdesAtomkraftwerksFukushima
hat sich kaum verbessert. Wie es
scheint, sind Technik und Kapazität
vor Ort vorhanden, um gerade noch
Schlimmeres zu verhindern – bezie-
hungsweise die Gefahr zu dämmen,
dass die Kernschmelze weiter voran-
schreitet. Dennoch haben wir keinen
Grund,zuversichtlichzusein.Wiedie
Sache unter Kontrolle gebracht wer-
den soll, steht nach wie vor in den
Sternen. Außerdem würde es mir
nicht leichtfallen, Tokio zu verlassen
undirgendwoandersUnterschlupfzu
suchen,weilschwerabzuschätzenist,
fürwielangedaswäreundwohinman
überhauptfahrenkönnte.
Dass es in Fukushima ein Atom-
kraftwerk gibt, wusste ich nicht, und
schongarnicht,dassesderStromaus
eben jenem Atomkraftwerk war, der
Tokio nachts so hell leuchten ließ.
Obwohl das Erdbeben allein schon
einen gewaltigen Schaden anrichtete,
müssen die Bewohnerinnen und Be-
wohner von Fukushima neben der
EvakuierungunddemLebeninNot-
unterkünftenauchnochdieAngstvor
radioaktiver Verstrahlung ertragen.
Was kann ich diesen Menschen sa-
gen… Es ist eine Zumutung, dass
BürgereinemderartigenStressausge-
setzt sind. Japan hätte nämlich das
technische Know-how, um so etwas
zuverhindern.DochJapanverlorden
ZweitenWeltkrieg,undichkannver-
stehen, dass sich das Land auf dem
langen Weg der Erneuerung mit sei-
nemEnergiehungerindieseSituation
manövrierthat.
Ichkannesverstehen,aberichbin
damitnichteinverstanden.
DieProblemelassensichnichtein-
fachlösen.Nachwievoristvielesun-
durchsichtig, die Bürgerinnen und
Bürger plagen Ängste, ihre Nerven
wirdversuchtwerden,dieAugender
Öffentlichkeit von den Protestaktio-
nen engagierter Bürgerbewegungen
wegzulenken, um möglichst schnell
zum gewohnt bequemen, friedlichen
Alltag zurückzukehren – als wäre
nichtsgeschehen.
Aber: Ein Unglück dieser Dimen-
sionkannmannichtungeschehenma-
chen,unmöglich.
Durch die Stromrationierung sind
die Nächte in Tokio jetzt so dunkel
wie in Europa. Ähnlich wie damals,
alsichnocheinKindwar.Dunkelheit
istDunkelheit,NachtistNacht.Ver-
stehtsicheigentlichvonselbst,deswe-
genmachtesmirnichtsaus.Alleha-
bensichdarangewöhntundsagen,es
sei gut so. In die Gesichter der Men-
schen ist wieder eine gewisse Ruhe
und Natürlichkeit zurückgekehrt.
Nochbisvorkurzemsindsiegehetzt
umhergerannt, immer weiter, weiter,
haben wie verrückt gearbeitet und
sich gegen die Rezession gestemmt;
jetzt sitzen sie im flackernden Schein
einer Kerze und reden stundenlang
über den Sinn und Wert des Lebens.
Liebespaare sind glücklich, beieinan-
der sein zu können, Eltern drücken
jedenTagihreKinderansich.Natür-
lich gilt das nicht für alle, aber im
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werdenweiterhinstrapaziert.Egal,ob
dieSituationinFukushimasichstabi-
lisiert oder die Katastrophe noch
mehr Opfer fordert – die Atomkraft
werden wir wohl nicht allzu schnell
los. Unter dem Druck des Auslands
winden sich die Verantwortlichen
zwar, suchen beschwichtigend nach
Ausflüchten, aber am Ende läuft es
vermutlichdaraufhinaus,dassmanso
weitermacht wie bisher. Geschickt
62 Diogenes Magazin
GroßenundGanzenhabendieMen-
schenwiedergelernt,dasWichtigeim
LebenauchalsetwasWichtigeswahr-
zunehmen. Und insgeheim denken
sie:Langsamreichtes.Nichtweildie
Dunkelheitsiestört,sondernderUn-
gewissheit wegen: Wie geht es mit
demAtomkraftwerkweiter,woistdie
radioaktive Wolke, wie verseucht ist
dasWasser…SichumderleiInforma-
tionen kümmern zu müssen, macht
unskaputt!SodenkendieMenschen,
auchwennsieesnichtlautsagen.
Dieses Kerzenlicht – welchen Weg
wirdesunsweisen?
AlsSchriftstellerinmöchteichkei-
neplattenpolitischenStatementsvon
mir geben. Vielmehr versuche ich
in meinem Schaffen – nicht nur für
mich – das strahlende, funkelnde
Licht des Lebens einzufangen. Was
uns in schwierigen Zeiten hilft, sind
Menschen, die wir lieben, mit denen
wir unser Essen teilen und nicht zu-
letzt Musik, Filme, Bücher. Wir tau-
cheneinineineandereWelt,lassenfür
eine Weile unsere Herzen fliegen,
schöpfen frische Kraft und kehren in
dierauheRealitätzurück.DasistBal-
samfürdieSeele.
Noch nie bin ich so dankbar und
glücklichgewesenwiejetzt,mitmei-
ner Arbeit einen Beitrag leisten zu
können,undsolangeichlebe,willich
schreiben und meine Gedanken und
GefühlemitanderenMenschenteilen.
Mag der Weg noch so weit sein –
ichmöchtedemLichtfolgen,esnicht
ausdenAugenverlieren.Möchte,wie
zaghaft auch immer, an die unaus-
löschlicheKraftglauben,dietrotzal-
ler Widrigkeiten die Menschheit bis
zumheutigenTagamLebenerhalten
hat.

Aus dem Japanischen von
Thomas Eggenberg
Diogenes
Günther
Anders
Die
Zerstörung
unserer
Zukunft
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Diogenes
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Zerstörung
unserer
Zukunft
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Diogenes Taschenbuch
detebe 24166, 352 Seiten
»Wasalletrefenkann,dasbetrift
unsalle.«SowarntederPhilosoph
GüntherAndersvoreinemhalben
Jahrhunderthellsichtigvorder
atomarenKatastrophe.DieEreignisse
vonTschernobylundFukushima
zeigenunsaufschrecklicheWeise,
dasswiraufdembestenWegsind,
unsereeigeneZukunfzuzerstören.
DiesesLesebuchversammeltdas
WichtigsteausGüntherAnders’
Schrifen.
Buchtipps
Diogenes
Banana
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Mein Körper
weiß alles
Dreizehn Geschichten
Diogenes
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Yoshimoto
Mein Körper
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DasHerzhatmanchmalGründe,
diederVerstandnichtkennt–wohl
aberderKörper.Etwa,wenndie
Hormoneverrücktspielenbeieinem
SexabenteuermitriskantemAusgang.
BeiderNachrichteinerschlimmen
Erkrankung.Oderwennkostbare,
verschütteteErinnerungenausdem
GefängniseinerBlockadebefreit
werden.BerührendeErfahrungen,
diedemLebeneineneueWende
gebenkönnen.Geschichtenwie
kleineBlumenbeeteindenHäuser-
schluchtenderGroßstadt.
Banana Yoshimoto schrieb diesen Essay für das
Greenpeace Magazin. Das Magazin erscheint alle
zwei Monate mit kritischen und engagierten Berich-
ten über Umwelt, Politik und Wirtschaf. Sehen
Sie selbst! Im Jahresabo für € 28.50, in der Schweiz
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Carson McCullers
Carson McCullers, 1955
65 Diogenes Magazin
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leibtCarsonMcCullersnichteine
große Autorin, auch wenn ihre
Bücher kaum gekauft werden? Ich
könnte mir vorstellen, dass jener so-
ebengeboreneLeser,wennererstein-
malfünfzehngewordenist,sicheines
ihrer Bücher aus dem Ramschkasten
fischtundbeiderLektürevomFieber
ergriffenwird«,schriebHeinrichBöll
Ende der 1960er Jahre. Viele Jahre
später,ichwargeradesechzehn,fand
ich in einem Ramschkasten vor einer
kleinen, verlotterten Buchhandlung
dasBuchDie besten Geschichten von
Carson McCullers.IchkanntedieAu-
torin und ihre Erzählungen nicht,
sonst hätte ich sofort gemerkt, dass
derwortkargeBuchhändlereigentlich
einetypischeMcCullers-Figurabgab.
Das Buch war in lindgrünes Leinen
gebunden, erschienen in der Reihe
Diogenes Evergreens. Der Neupreis
wäre19Mark80gewesen–michkos-
teteesnureinVierteldavon.Aufdem
Schutzumschlag war das berühmte
Gemälde von Edward Hopper abge-
bildet:Automat, 1927gemalt,dasheu-
teimDesMoinesArtCenterinIowa
hängt. Es zeigt eine blasse Frau, die
nachtsineinemleerenCafésitzt,mit
einerTasseKaffeeinderHand,alsob
dieseTasseihreinzigerHaltimLeben
wäre. Die Szene ist in diffuses Licht
getaucht, nur die rot geschminkten
Lippen der Frau stechen heraus und
ihr gelber Hut, den sie, wie ihren
Mantel,imCaféanbehaltenhat.Esist
eine der melancholischen Frauenge-
stalten,dieEdwardHoppersooftge-
malthat.
Ich las und wurde wirklich vom
Fieber ergriffen. Und die Erzählun-
genMadame Zilensky und der König
von FinnlandoderEin Baum, ein Fel­
sen, eine Wolke gehören bis heute zu
meinen Lieblingsgeschichten in der
Weltliteratur.
Irgendwie stellte ich mir Carson
McCullerslangeZeitwiedieFrauauf
dem Gemälde von Edward Hopper
vor. Erst später sah ich ein Foto der
Autorin, ich glaube, das Portrait mit
den über dem Kopf verschränkten
ArmenundderZigaretteinderHand.
DanachdieberühmteSerievonHenri
Cartier-Bresson, die sie am Schreib-
tisch und in ihrem Garten zeigt. Auf
all diesen Fotos trägt Carson McCul-
lersburschikoseHemden,ihrekurzen
Haare wirken wie selbst geschnitten
und betonen noch ihre androgynen
Züge. Doch ihr rundes Gesicht hat
auch etwas Kindliches, auch wegen
der großen, träumerisch schauenden
Augen,diestetsdunkelumrandetsind.
»Das Mädchen aus dem Süden« – so
nannte sie nicht nur Hans Magnus
Enzensberger, sondern viele andere
Kritiker, auch als die Autorin längst
übervierzigwar.KlausMannnotierte:
»26.Juni1940.SeltsameneueBekannt-
schaft: die junge Carson McCullers,
Autorin des schönen Romans Das
Herz ist ein einsamer Jäger.Sonderbar
die Mischung aus Raffinement und
Wildheit,morbidezzaundNaivität.«
ZumGlückistCarsonMcCullersim
deutschsprachigen Raum heute be-
kannter als zu Lebzeiten Heinrich
Bölls, doch nach wie vor kennt man
vor allem ihren legendären De-
bütromanunddieNovelleDie Balla­
de vom traurigen Café. Mit vielen
AutorenteiltsiedasSchicksal,anein,
zwei Hauptwerken festgemacht zu
werden, so wie George Orwell an
Farm der Tiere und 1984 oder Fried-
rich Dürrenmatt an Der Besuch der
alten Dame und Die Physiker, wäh-
rend andere Schätze aus dem großen
Werk dieser Autoren Geheimtipps
bleiben.DieNeuausgabeihrerRoma-
ne in revidierten Übersetzungen und
inschönerAusstattungbietetnundie
Gelegenheit, alle vier Romane von
CarsonMcCullersneuzuentdecken.
1967, wenige Monate vor ihrem Tod,
diktierte Carson McCullers, schwer
krank und ans Bett gefesselt: »Mein
Leben war, dem Himmel sei Dank,
fast vollständig ausgefüllt mit Arbeit
und Liebe. Die Arbeit war nicht im-
mer einfach, die Liebe auch nicht.«
Das alles andere als einfache Leben
derCarsonMcCullersbeginntam19.
Februar 1917 in Columbus, Georgia,
im Süden der USA. Der Vater der
kleinen Lula Carson Smith ist Juwe-
»Jeder sollte
Carson McCullers lesen.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung
»Ihre Romane und Kurz-
geschichten sind Literatur von
der erlesensten, aber auch
privatesten Art; Einsamkeit und
Außenseitertum sind ihre
Domäne, die sie in einfalls-
reichen und verblüffenden
Variationen vor der sommerlich
durchglühten Kulisse ver-
schlafener Provinznester
Georgias durchgespielt hat.«
Alexandra Lavizzari / Neue Zürcher Zeitung
»Ihr Werk ist unvergänglich.
Lakonie, äußerste Ökonomie
der Mittel, zeigen statt behaup-
ten. In ihrem Blick wie in ihrer
erzählerischen Haltung ist
Carson McCullers mit Čechov
verglichen worden. Der Ver-
gleich ist nicht nur unter
diesem Aspekt zutreffend,
sondern auch, was den Rang
angeht. Ihr Werk gehört zwei-
fellos der Weltliteratur an.«
Jochen Schimmang / Die Welt, Berlin
Jetzt neu: Carson McCullers – Die Romane
In revidierter Übersetzung und
in der Lieblingsausstattung der Autorin
66 Diogenes Magazin
lier und Uhrmacher, die Mutter ist
schonfrühdavonüberzeugt,dassdie
erstgeborene Tochter etwas Besonde-
resist:einGenie.AlsCarsonimAlter
von fünf Jahren erste Anzeichen für
eine musikalische Begabung zeigt,
kauft der Vater ein Klavier, zu ihrem
vierzehnten Geburtstag bekommt sie
eine Schreibmaschine. Carson ist so-
fort fasziniert von dieser ›neuen Mu-
sik‹, führt mit ihren Geschwistern
selbstverfasste Theaterstücke auf und
versuchtsichanerstenRomanen.Am
Plan,Konzertpianistinzuwerden,hält
sie zunächst fest. Nach der High-
school schreibt sie eine Weile als
Lokalreporterin für die örtliche Zei-
tung, den Columbus Enquirer, doch
immergrößerwirddieSehnsucht,aus
der verschlafenen Kleinstadt auszu-
brechen.IhrSehnsuchtsortheißtNew
York.
Elke Heidenreich:
«Mit fünfzehn las ich
dieses Buch zum ersten Mal
und wusste: Das handelt
von mir. Ich wollte Ungerech-
tigkeit und Dummheit aus der
Welt vertreiben. (Ach!)
Als es mit den Leidenschaften
nicht so klappte, wie ich
wollte, war Biff Brannon mein
Mann, der melancholische,
unglücklich verheiratete Wirt
mit der heimlichen Liebe im
Herzen. Und heute weiß ich:
Mr. John Singer ist die rätsel-
hafte Hauptfgur dieses
verzweifelt schönen Buches
über das Scheitern menschli-
cher Sehnsucht. John Singer,
der sanfte Taubstumme, zu dem
alle mit ihren Sorgen kommen,
sich verstanden fühlen, weil da
einer einfach nur mal still
zuhört, und Singer versteht gar
nicht, was all diese Menschen
von ihm wollen, und reagiert
mit einer Verzweifungstat. Was
für ein Buch!«
einfach damit verschwand und das
SüdstaatenmädchenalleininderMet-
rostation zurückließ. Tennessee Wil-
liams, der Schriftstellerkollege und
Freund,meintedazu:»Jedenfallswur-
de die musikalische Laufbahn zu-
gunsten der Schriftstellerei aufgege-
ben, und irgendwann einmal sollte
irgendwo in den dumpfen und laby-
rinthischenAbgründenderNewYor-
ker Subway – vielleicht zwischen ei-
nem Kaugummi-Automaten und
einer Waage mit Charakteranalyse –
eine Bronzetafel zum Andenken an
die böse Kameradin angebracht wer-
den,diesichmitCarsonsGeldfürdas
Klavierstudiumdavonmachte.«
Carson belegt Kurse in Creative
Writing an der Columbia University,
danebenjobbtsiealsSekretärin,Kell-
nerinundBarpianistinundlektoriert
die Witzseiten für ein Comic-Maga-
zin. Doch sie will eine ernsthafte
Schriftstellerin werden, und das
scheint ihr auch zu gelingen: Die re-
nommierte Zeitschrift Story, in der
auchdieerstenTextevonTrumanCa-
pote, Jerome D. Salinger, Norman
Mailer oder Graham Greene erschei-
nen,druckt1936ihreErzählungWun­
derkind. Im selben Jahr lernt sie den
Unteroffizier Reeves McCullers ken-
nen: »Als ich ihn das erste Mal sah,
trafesmichwieeinSchock,einSchock
reinster Schönheit«, erinnert sie sich,
»er war der bestaussehende Mann,
den ich je gesehen hatte.« Und er
wusste genau, wie er sie beeindru-
cken konnte: Zum ersten Rendez-
vous brachte er ihr Zigaretten und
Bier, keine Blumen. Schon als Teen-
ager war Carson McCullers eine star-
ke Raucherin und Trinkerin – und
blieb es ihr ganzes Leben. Ein Jahr
späterheiratetdasPaarundziehtnach
North Carolina. Auch Reeves hat
schriftstellerische Ambitionen, und
diebeidenschließeneinenPakt:Jeder
soll ein Jahr lang schreiben dürfen,
währendderanderedenLebensunter-
haltfürbeideverdient.Danachsollten
dieRollengetauschtwerden.
1940 erscheint der Roman Das
Herz ist ein einsamer Jäger undmacht
Carson McCullers auf einen Schlag
CARSON MCCULLERS
Das Herz
ist ein
einsamer
Jäger
ROMAN
I M DIOGENES VERLAG
Carson ist gerade siebzehn, als sie
1934 von Savannah aus per Dampfer
aufbricht, mit 500 Dollar, die in ihre
Hoseeingenähtsind.DieElternhaben
einenkostbarenRingderGroßmutter
verkauft, um ihr das Klavierstudium
an der renommierten Juilliard-Musik-
schule zu ermöglichen. Doch kaum
ist sie in Manhattan angekommen,
verschwindetdasGeld.Verloren?Ge-
stohlen?Siesollteesnieverraten.Eine
VersionderGeschichte:Carsonhatte
das Geld einer vermeintlichen Freun-
dinzurAufbewahrunganvertraut,die F
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1955
67 Diogenes Magazin
berühmt. Kritiker und Schriftsteller-
kollegensindverblüfftüberdieMeis-
terschaft und die Lebensweisheit, die
sichindiesemDebütoffenbarten.Die
23-Jährige gilt als literarisches Wun-
derkind: »Ich wurde über Nacht zu
einer etablierten literarischen Persön-
lichkeit,undichwarvielzujung,um
zuverstehen,wasdamitmirgeschah
oder welche Verantwortung damit
verbundenwar.Ichmussunerträglich
gewesensein.«
GleichzeitigerreichtihreEheden
Tiefpunkt.FürReeves,derimGegen-
satzzuseinerFraukeineZeilezuPa-
pierbringt,istCarsonsErfolgschwer
zu verkraften, und seine Trunksucht
trittimmerdeutlicherzutage.Endlose
Streitereien, Enttäuschungen, Ver-
trauensbrüche, auch Gewalttätigkei-
ten machen die Beziehung zur Hölle.
Als Reeves wiederholt die Unter-
schrift seiner Frau fälscht, um Geld
von ihrem Konto abzuzweigen, lässt
siesichscheiden.
Zusammen mit dem Dichter W.H.
Auden mietet sie in Brooklyn ein
Haus,dasraschzumMittelpunktder
New Yorker Bohème wird. Das soge-
nannte February-Haus, das seinen
Namen dem Umstand verdankt, dass
diemeistenBewohnerimFebruarge-
borensind,isteineschillerndeKünst-
lerkommune mit wechselnden Mie-
tern und Gästen wie Salvador Dalí,
BenjaminBritten,PaulundJaneBow-
les,JohnSteinbeck,ErikaMannoder
Annemarie Schwarzenbach – »von
keinem Menschen wird hier erwartet,
dasserwiejedermannist«.Trotzdes
Trubels arbeitet Carson McCullers
unermüdlich, überarbeitet einzelne
ManuskriptseitenbiszuzwanzigMal.
1941 erscheint ihr zweiter Roman,
Spiegelbild im goldnen Auge. Ein
›Huis clos‹, das um Gesellschaftskon-
ventionen, Obsessionen, Liebe und
Hass kreist – mit dramatischem Aus-
gang.
Das Setting ist, typisch für Carson
McCullers, wieder ein trostloses, ver-
lassenes Südstaatennest. Neu ist die
relativeOffenheit,mitderMcCullers
das Thema der Homosexualität the-
matisiert.ÜberCarsonMcCullers’ei-
geneHomosexualitätwurdewildspe-
kuliert, es wurde ihr eine Affäre mit
Annemarie Schwarzenbach angedich-
tet,aberheutenimmtmanan,dasses
bei einer unerfüllten Sehnsucht blieb.
»IchweißvonkeinerFreundin,dieich
mehrgeliebthabe«,bekannteMcCul-
lersinihrerAutobiographie.
1941erleidetCarsonMcCullerseinen
Schlaganfall, mit gerade 24 Jahren.
Die Schriftstellerin wird nie wieder
ganz gesund werden. Doch ihrer fra-
gilenGesundheitzumTrotz–mitten
im Zweiten Weltkrieg, in den nun
auch die USA eingetreten sind –, er-
lebt sie eine höchst produktive Zeit.
Sie beginnt den Roman Frankie und
unterbricht die Arbeit daran nur, um
zwischendurchDie Ballade vom trau­
rigen Café zu schreiben, die meis-
terhafte Novelle einer tragischen
Dreiecksbeziehung,»umderentwillen
man sich vermutlich noch an die Au-
torin erinnern wird, wenn Faulkner
und Wolfe längst vergessen sind«, so
TilmanSpreckelseninderFrankfurter
Allgemeinen Zeitung.
IndieserZeittrittReeveserneutin
ihr Leben. Zunächst schreibt er ihr
Briefe,daraufbesuchtsieihninNew
Jersey, wo er als Infanterist ausgebil-
det wird, und bald ist auch von Wie-
derheiratdieRede.Alser1943andie
Front nach Europa geschickt wird,
vergeht McCullers fast vor Sorge.
NachKriegsendekehrtReevesmitei-
nerleichtenVerletzungnachAmerika
zurück, und das Paar heiratet ein
zweites Mal. Hat Carson McCullers
nunihr›Wir‹gefunden?»DasSchlim-
mebeimirist,dassichsolangebloß
eine Ich-Person gewesen bin. Alle
Menschen gehören zu einem Wir,
bloßichnicht.Esmachteinenzuein-
sam,wennmannichteinemWirange-
hört« – das beklagt sehnsüchtig die
zwölfjährige Titelheldin von McCul-
lers’drittemRomanFrankie, der1946
erscheint. Die störrische, musikali-
scheFrankieAddamsisteinfrühreifes
Mädchen, hin- und hergerissen zwi-
schen dem Wunsch dazuzugehören
und dem Drang auszureißen, zwi-
CARSON MCCULLERS
Spiegelbild
im
goldnen
Auge
ROMAN
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Carson Mc Cullers (2. von rechts) mit Arthur Miller, Marilyn
Monroe und Tania Blixen in New York, 2. Mai 1959
68 Diogenes Magazin
I
n unserem alten Georgia-Haus hat-
ten wir zwei Wohnzimmer: eins
zumHofundeinsnachvornehinaus,
und dazwischen eine Schiebetür. Es
waren die Wohnzimmer der Familie
und der Theaterraum für meine Vor-
stellungen.DasvordereWohnzimmer
war der Zuschauerraum, das hintere
wardieBühne.DieSchiebetürersetz-
te den Vorhang. Im Winter flackerte
der Flammenschein dunkelglühend
über die Mahagonitüren, und wäh-
rend der letzten gespannten Augen-
blickevordemVorhangfieleinemdas
Ticken der Uhr auf dem Kaminsims
auf – der großen alten Uhr und ihrer
gläsernen Vorderseite mit den gemal-
ten Schwänen. Im Sommer war es in
den Zimmern erstickend heiß, im
Winter erblühten Eisblumen auf den
Fensterscheiben (in Georgia sind die
Winter sehr kalt), und in den Zim-
mern war es still und zugig. In der
freien Sommerluft hoben sich die
Gardinenbei jedem Windhauch, und
Düfte von sonnenwarmen Blumen
wehten herein und (später, in der
Dämmerung)vongesprengtemRasen.
Als ältestes Kind unserer Familie
war ich der Verwalter und Küchen-
wärter und der Boss über all unsre
Vorstellungen.DasRepertoirewarein
buntes Allerlei und reichte von bear-
beiteten Filmen bis zu Shakespeare
und zu Shows, die ich mir ausdachte
und manchmal in meine Fünf-Cent-
NotizbücherMarkeBigChiefeintrug.
Das Ensemble war ewig das gleiche:
mein jüngerer Bruder, meine kleine
Schwesterundich.DasEnsemblewar
dasschwierigsteProblem.Baby-Sister
war damals zehn Jahre alt und eigen-
sinnig: in Todesszenen, bei Ohn-
machtsanfällen und ähnlichen not-
wendigen Rollen war sie schrecklich.
WennBaby-SisterineinemjähenTod
hinsinken sollte, sah sie sich vorher
stolzumundließsichdannsehrvor-
sichtig auf ein Sofa oder einen Stuhl
fallen.
Als Direktor der Vorführungen
konnteichmichzwarmitschlechtem
Spielenabfinden,abereinskonnteich
einfach nicht ertragen. Manchmal,
nachdem ich den halben Nachmittag
mitihnengeprobtundalleseingedrillt
hatte, beschlossen die Schauspieler
kurz vor dem Vorhangzeichen, das
ganze Unternehmen im Stich zu las-
sen und in den Garten zu strolchen,
um dort für sich zu spielen. »Ich ra-
ckeremichabundarbeitedenganzen
Nachmittag an der Vorstellung, und
jetzt lauft ihr mir davon!«, schrie ich
dann und fand es unausstehlich. »Ihr
seid Kinder! Nichts als Kinder! Am
liebstenwürdeicheuchtotschießen!«
AbersiestürztennurdieGetränkehi-
nunter, nahmen sich Kuchen und
ranntenhinaus.
Die Vorführungen im Wohnzim-
merhörtenauf,alsichEugeneO’Neill
entdeckte. Es war in einem Sommer,
als ich in der Bibliothek unten seine
BücherfandundseinBildimhinteren
Wohnzimmer auf den Kaminsims
stellte.BiszumHerbsthatteicheinen
Dreiakterverfasst,dervonRacheund
Inzest handelte: Der Vorhang hob
sich über einem Friedhof, und nach
vielen Szenen mit allem erdenklichen
Unheil senkte er sich über einem Ka-
tafalk. Die Besetzung bestand aus ei-
nem Blinden, mehreren Idioten und
einer gemeinen, hundert Jahre alten
Frau. Das Stück war unter den alten
Bedingungen im Wohnzimmer nicht
gut durchführbar. Vor meinen gedul-
digen Eltern und einer Tante, die zu
Besuchwar,veranstalteteicheine›Le-
sung‹,wieichesnannte.
ImLaufedesWintersschienendie
Wohnzimmer,ja,dieganzeStadtmein
Herzimmermehreinzuengenundzu
behindern. Ich sehnte mich fort. Vor
allemsehnteichmichnachNewYork.
DerFlammenscheinaufdenMahago-
nitüren machte mich traurig, ebenso
das langweilige Ticken der alten
Schwanenuhr. Ich träumte von der
fernen Stadt der Wolkenkratzer und
vom Schnee, und New York war der
heitere Hintergrund des ersten Ro-
mans, den ich mit fünfzehn Jahren
schrieb. Die Einzelheiten in dem
Buchwarenseltsam–Schaffnerinder
Untergrundbahn und New Yorker
Vorgärten –, doch mittlerweile kam
es nicht mehr so darauf an, denn ich
hatte bereits eine andre Reise
unternommen. Es war das Jahr für
Dostojewskij, Čechov und Tolstoi –
Ankündigungen eines ungeahnten
Bereichs, der ebenso fern wie New
Yorkwar.DasalteRusslandundunsre
Georgia-Zimmer, der wunderbar
einsame Bereich einfacher Geschich-
ten und des nach innen gekehrten
Geistes.

Wie ich zu schreiben begann
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69 Diogenes Magazin
schen Kindheit und Erwachsenwer-
den, zwischen Sehnsüchten und
Ängsten. Widerborstig und jungen-
haft,aberauchsensibelundverträumt,
istdiemutterlosaufgewachseneFran-
kie eine Art melancholischer Tom
Sawyer und eine vorweggenomme re-
bellische Schwester von Salingers
HoldenCaulfield.Frankieistderrüh-
rendste – und wohl auch autobiogra-
phischste – Roman von Carson Mc-
Cullers – und die amerikanische
Leserschaft schließt die junge, wilde
HeldinsofortinihrHerz.
Auf Anregung des Dramatikers Ten-
nessee Williams adaptiert McCullers
Frankie für die Bühne. Das Stück
feiertamBroadwayErfolge.DieTan-
tiemen machen die Schriftstellerin fi-
nanziellunabhängig,sodasssieunbe-
schwert mit Reeves nach Europa
reisen und sich bei Paris ein Haus
kaufenkann.InParisschlägtdasUn-
glück erneut zu: Nach einer Reihe
schwererSchlaganfälleistCarsonMc-
Cullers ab 1947 halbseitig gelähmt.
Währendsiesichlangsamerholt,wird
das Eheleben mehr und mehr zur
Hölle: Reeves, der ein guter Soldat
war,weißalsZivilistwenig,alsMöch-
tegern-Schriftsteller gar nichts mit
sich anzufangen und versinkt in De-
pressionen und Trunksucht. Nach-
dem Reeves im Spätsommer 1953 ver-
sucht, seine Frau zum gemeinsamen
Selbstmord zu überreden, flieht sie
entsetztundumihrLebenfürchtend
zurücknachAmerika.Monatespäter
nimmtsichReevesimDeliriuminei-
nemHotelzimmerinParisdasLeben.
»DasVerloreneinReeveserkannteich
erst, als es viel zu spät war, ihn oder
mich zu retten«, wird sie über diese
schwerenZeitenschreiben.
CarsonMcCullersübersiedeltnach
Nyack bei New York und beginnt ei-
nen neuen Roman, doch geht es ihr
gesundheitlich so schlecht, dass sie
bisweilenbefürchtet,diesesBuchüber
einen Mann, der auf den Tod wartet,
nicht beenden zu können. Mit einer
Hand tippend – die andere ist ge-
lähmt – setzt die Schriftstellerin ihre
Arbeitfort.1961endlicherscheintUhr
ohne Zeiger undwirdeingroßerPub-
likumserfolg.HauptfiguristderApo-
theker Malone, verheiratet und Vater
zweier Kinder, der ein gewöhnliches
kleinbürgerliches Leben führt, das
man weder glücklich noch unglück-
lichnennenkann.Dannerfährtervon
seinemArzt,dassernurnocheingu-
tesJahrzulebenhat.Wasbisherwich-
tig war, verliert über Nacht jegliche
Bedeutung. Hat Malone genügend
Zeit,dasSterbenzuakzeptieren?Rei-
chen ihm die verbleibenden Monate,
um sich damit abzufinden, dass ein
Leben nie voll gelebt werden kann?
Kann er in der kurzen Zeit, die ihm
noch bleibt, herausfinden, was er im
Lebenübersehenhat?
Carson McCullers’ Gesundheit ver-
schlechtertsichzusehends.Mehrmals
wird sie operiert, immer häufiger
musssieimRollstuhlbleibenunddas
Bett hüten. Das Haus in Nyack ver-
lässt sie nur noch selten, höchstens
ein-biszweimalimJahr,umeinpaar
TageimHotelPlazainNewYorkzu
verbringen,wosieFreunde,Bekannte
und Journalisten empfängt. 1959 fin-
det hier ein legendäres Treffen mit
Tania Blixen statt, zu dem sie auch
Marilyn Monroe und Arthur Miller
einlädt. Ihr Lebenswille blieb bis
zuletzt ungebrochen. Die Schriftstel-
lerkollegin Ulla Isaksson erzählt von
einem Besuch bei der von Krankheit
schwergezeichnetenAutorin.Alsdie
Haushälterin der Besucherin Cham-
pagner serviert, greift auch die tod-
kranke McCullers in einer schmerz-
haftenVerdrehungzumGlas,»neigte
sich mir entgegen, erhob mit einer
gewaltsamen Geste das Glas in die
Luft und sagte mit heiserer Stimme:
›Tothejoyoflife!‹«.
»Der Tod bleibt sich immer gleich,
doch jeder Mensch stirbt seinen eige-
nen Tod«, lautet der erste Satz ihres
letzten Romans Uhr ohne Zeiger.
1967erleidetCarsonMcCullerserneut
einen Schlaganfall, und am 29. Sep-
tember,nach47TagenimKoma,hört
ihr Herz auf zu schlagen. »Carsons
Herz«, schreibt Tennessee Williams,
»warofteinsam,undeswareinuner-
müdlicher Jäger auf der Suche nach
Menschen, denen sie es anbieten
konnte;abereswareinHerz,dasmit
einem Licht gesegnet war, das seine
Schattenüberstrahlte.«
Und dieses Licht strahlt noch heu-
te. In ihrer Autobiographie schreibt
CarsonMcCullersvonihrerVorliebe
fürBücher,die»kleinundexaktsind,
wieVermeer«,undunbewussthatsie
damit vielleicht die beste Beschrei-
bung für ihre eigenen Romane und
Erzählungen gegeben. Wie Vermeers
Gemälde sind Carson McCullers’
Erzählungenknappundpräzisebeob-
achtet, liebevoll den Figuren ge-
genüber,diesieineinpoetisches,war-
mesLichttaucht.Unabhängigdavon,
wiemelancholischCarsonMcCullers
die Welt zeichnet, wie unzulänglich
undzerbrechlichsieihreHeldenpor-
traitiert, ihre Geschichten strahlen et-
was aus, das die Seele des Lesers
streichelt.

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CARSON MCCULLERS
Frankie
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CARSON MCCULLERS
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Henri Cartier-Bresson (1908–2004), der berühmte französische Fotograf und Mitbegründer der Fotoagentur
Magnum,fotografierteCarsonMcCullers1947inNyackfürdieZeitschriftHarper’s BazaarundtrafdieSchrift-
stellerinwieder,alssiebisJuni1947inFrankreichlebte.1995schilderteHenriCartier-BressonderMcCullers-
BiographinJosyaneSavigneauseineEindrücke.DasFotountenzeigtMcCullersmitihremFreundGeorgeDa-
vis,RedakteurbeiHarper’s Bazaar.
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»Meine Schwester war von Carson, von ihrer Empfndsamkeit ebenso angerührt wie ich.
Sie waren oft zusammen. (…) Nicole lud Carson und Reeves auf ein paar Tage zu meinen Eltern
in die Sologne ein. (…) Von Carsons Ankunft hielt sich in unserer Familie eine berühmte Anekdote.
Sie brachte eine Kiste Whisky für meinen Vater mit, der aber zeitlebens nur Rotwein und
Weißwein trank. Er schob die Kiste unter sein Bett, und dort blieb sie für lange Zeit. –
Als ich Carson in den Vereinigten Staaten kennenlernte, machte ich an einem Strand Fotos
von Georges Davis und Carson. Mir gefel an ihr sofort dieses Junge, so hochempfndlich wie stark,
ihr Feinsinn, etwas gleichsam Durchscheinendes. Ich spürte sofort, dass ihre Beziehung zu Reeves
nicht stimmte, ja beinahe gestört war. Carson war die Empfndsamkeit selbst. Wenn ich an sie denke,
drängt sich mir das Wort ›vibrierend‹ auf.«
Henri Cartier­Bresson
fotografiert
Carson McCullers
72 Diogenes Magazin
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Die Romane
In revidierter Übersetzung und in der Lieblingsausstattung
von Carson McCullers: als Faksimile der Diogenes Erstausgabe von 1963
»Carson McCullers deutete auf
einen Bücherschrank, in dem einige ihrer
Bücher standen – und ich holte ihr
einen Band, den sie als ihren schönsten
bezeichnete: ›Von meinem Schweizer
Verleger!‹ Als Carson hörte, dass eine
deutsch sprachige Gesamtausgabe geplant
sei, von der jeder einzelne Band die
alter tümliche Rose auf dem Umschlag
zeigen würde, lächelte sie erfreut –
wie über ein Geschenk.«
Elisabeth Schnack kurz vor Carson McCullers’ Tod
Vier Romane im Schuber,
alle Bände auch einzeln
erhältlich
Die besten Geschichten
und die Autobiographie von
Carson McCullers als
Diogenes Taschenbücher
Parallel erscheinen drei
McCullers-Hörbücher, gelesen
von Elke Heidenreich
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73 Diogenes Magazin
Bereits als Teenager stolperte Vega
übereineBiographievonCarsonMc-
Cullers,undobwohlsiedasBuchda-
malsgarnichtlas,hinterließdasFoto
derAutorinaufdemUmschlageinen
tiefen Eindruck: »Ich fühlte eine Ver-
bindung mit Carson McCullers, ihr
GesichtsahauswiemeinesaufKinder-
fotos.« Als Studentin am Barnard
College in New York (eine frühere
Absolventin der Schule war übrigens
Patricia Highsmith) schrieb Suzanne
Vega einige Storys von McCullers zu
Songs um und entwickelte daraus ei-
nen Einakter. Dreißig Jahre später ist
daraus ein abendfüllendes Stück ge-
worden, in dem Suzanne Vega, zwi-
schenMonologenundSongsabwech-
selnd, das Leben von McCullers
nacherzählt – und sie sogar selbst
spielt.Carson McCullers Talks About
Love wurde im Mai im Rattlesticks
TheaterinNewYorkuraufgeführt.
Sie haben sich seit Ihrer Jugend mit
Carson McCullers beschäftigt. War-
um?
Carson McCullers’ Charakter faszi-
niert mich – sie war brillant, witzig,
lustig, einfühlsam, bitchy, bedürftig,
aber nie erbärmlich. Und ich liebe
ihre Bücher, ihre Sicht auf die Gesell-
schaftistsounüblichfüreinMädchen,
dasmit23JahrenDas Herz ist ein ein­
samer Jäger schrieb. Wie wunder-
schön und menschlich sie ihre Sicht
auf die Welt sprachlich und bildlich
wiedergibt. Viele Details klingen in
mirnach,zumBeispielwieMickKel-
ly im Roman einen staatlich unter-
stützten Kunstkurs besucht – genau
wieichalsKind.
War es schwierig, Carson McCullers
Leben einzuhauchen?
Das Schwierigste war, ihre körperli-
chen Gebrechen und Schmerzen mit
einzubeziehen,ohnesiedirektzuver-
körpern.IchwarvieleJahreTänzerin,
also habe ich mich ihrem Charakter
von außen nach innen angenähert, in-
demichmirFotosvonihransahund
ihre Körpersprache imitierte. Dann
sahichmirFilmaufnahmenvonihran
und entwickelte ein Gefühl für ihre
Bewegungen. Durch Sprachaufnah-
men wusste ich, dass sie eine sehr
idiosynkratische Sprecherin mit lan-
gen Pausen und einem distinkten Vo-
kalklangwar.MichinihrenCharakter
hineinzufühlenwareinfach.
Welches ist ihr Lieblingsbuch von
Carson McCullers?
AmmeistenliebeichDas Herz ist ein
einsamer Jäger. CarsonsFähigkeit,so-
wohl aus Sicht der männlichen wie
auchweiblichenFigurenzuschreiben,
ist erstaunlich, und den Charakter
von Dr. Copeland kenne ich aus mei-
nem eigenen Leben, da ich in East
Harlem aufgewachsen bin. Ich liebe
denMangelanRomantikbeiCarson
McCullers. Was mich sehr beein-
druckt, ist die Vision, die Dr. Cope-
land gegen Ende des Buches hat: Er
träumtvoneinemMarschderSchwar-
zen nach Washington, im Kampf für
Bürgerrechte.Carsonerzählt,waserst
25 JahrespäterWirklichkeitwurde.

Aus dem Amerikanischen von Julia Stüssi
und Martha Schoknecht
Man kennt Suzanne Vega als Sängerin und Songwriterin, die sieben Grammys gewonnen hat
und deren Alben sich millionenfach verkauft haben. Doch die Musikerin ist auch ein großer
Fan von Carson McCullers.
Interview copyright © 2011 The Library of America,
publishers of Carson McCullers: Complete Novels,
editedCarlosL.Dews,2001.Reprintedbypermission.
Suzanne Vega
I love Carson
Interview
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Suzanne Vega verkörpert Carson
McCullers im Singspiel ›Carson
McCullers Talks About Love‹.
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BAYREUTHER FESTSPIELKALENDER 2012
Mit Szenenfotos aller Inszenierungen 2011 und
zwölf infor mativen Zwischenblättern. Vorwort
von Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner.
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AUF DEM WEG
NACH WAHNFRIED
Zeitgeschichte mit
dem Blick für De-
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CHECK 2.0
Wagner-Opern
humorvoll er-
klärt. 7,90
OBERFRANKEN – EIN STREIFZUG 2012
Attrak ti ver Wandkalender mit groß for matigen Auf-
nah men und Detailansichten aus teils ungewohnter
Perspektive. Fotos: Elisabeth von Pöl nitz-Eisfeld.
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Yefim Bronfman | Khatia Buniatishvili | Bertrand Chamayou | Festival
Strings Lucerne, Hélène Grimaud | Andreas Haefliger | Marc-André Hamelin |
Francesco Piemontesi | Maurizio Pollini | Lise de la Salle | Steamboat
Switzerland | SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Kirill
Karabits, Alexei Volodin | Yuja Wang
Piano Off-Stage
22. – 27. November 2011
Ehud Asherie | Julien Brunetaud | Claude Diallo | Chris Hopkins |
Yelena Jurayeva | Dado Moroni | Frank Muschalle | Ayako Shirasaki |
Rossano Sportiello | Alkis Steriopoulos
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75 Diogenes Magazin
Ein Ort, der keiner mehr ist, der nur noch in seinen Koordinaten existiert. Christoph Poschen-
rieder erweckt ihn und eine ganze Epoche in seinem neuem Roman Der Spiegelkasten zum
Leben. Es ist die Zeit des Ersten Weltkriegs. Über den Schützengräben und Bombentrichtern
von einst wogen heute Getreideähren. Lässt sich nach fast hundert Jahren der Geist dieses
Ortes aufspüren? Ein Besuch und eine Suche.
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ch stehe in einem Getreidefeld und
fühle mich wie meine eigene Ro-
manfigur. Das ist der Ort. Er hat
keinen Namen, nur Koordinaten:
50°2002,16 Nord, 2°4808,24 Ost.
Nichts Besonderes, nur ein Feld bei
Arras in Nordfrankreich, es ist Som-
meranfang, früher Nachmittag nach
kräftigem Regen. An meinen Sohlen
klebt dick der Schlamm. Stramme
Halme rundherum, sie stemmen pral-
leÄhrenimagro-industriellenGleich-
maß.WietiefreichenwohlihreWur-
zeln?
Hier, um ein paar Meter hin oder
her, kam am Ostermontag 1917, etwa
um die Mittagszeit, mein Großonkel,
derOberleutnantLudwigRechenma-
cher,zurückaufdieErde.Ichwürde
gerne sehen, was er gesehen hat, als
ihndieEngländerentwaffneten.
MitderReisenachArrasholteich
nuretwasnach;eigentlichseheichmir
dieSchauplätzeliebervorheran.Aber
Der Spiegelkasten ist (auch) aus der
PerspektiveeinesManneserzählt,der
Christoph Poschenrieder
Flug nach Arras
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Oder Antoine de Saint-Exupéry, der
im nächsten Krieg eine sinn- und
nutzlose Aufklärungsmission über
Arrasflogundspäterschrieb:Bei uns
ist wenigstens der Tod sauber. Ein Tod
in Eis und Feuer. In Sonne, Himmel,
Eis und Feuer. Da unten aber wird
man vom Schlamm verschlungen.
(Flug nach Arras, 1942)
Ich glaube, dass es den genius loci
gibt, den Geist des Ortes, und dass
manihnspürenkann,wennmanwill
und vorbereitet ist. Ein bisschen
Phantasie hilft natürlich. Deswegen
fuhr ich für Die Welt ist im Kopf auf
der alten Postkutschenroute von
Dresden nach Venedig, suchte mir
dort das Haus, in dem mein Roman-
Schopenhauer leben sollte, und den
stillenPlatzamKanal,woerLordBy-
rontreffensollte.Nicht,umdaszenti-
metergenau beschreiben zu können,
sondern um den Geist des Ortes aus
demRauschenzufiltern.Diechinesi-
schen Reisegruppen, die Souvenir-
stände, die Fernseher, die aus den
die Welt nur durch einen Computer-
monitor (und sich darin gespiegelt)
sieht; die wollte ich bewahren, solan-
geichschrieb.
Es riecht nach Agrarchemie. Die
Sportflugzeuge vom nahen Flugplatz
brummen über den Himmel. Ich
könnte mir ja vorstellen, es wäre der
Rote Baron in seinem Dreidecker.
Christoph Poschenrieder auf der Suche
nach dem Unterstand »Prinz­Franz­Hüt­
te«, dem Ort, an dem sein Großonkel im
Ersten Weltkrieg in Gefangenschaft geriet
76 Diogenes Magazin
versehrt,aberdieSeelemussdochlei-
den.WeroderwasheiltdieSeele?
ImSommer 2008zogichdieAlben
Ludwig Rechenmachers nach langer
Zeitwiederhervor.EinFoto,aufdem
erundeinandererOffizierinvertrau-
terPose,Armeuntergehakt,zusehen
sind,trägtdieNotiz:Mit Manneberg
vor dem Schloss in Fresnes. Einer
schautindieKamera,deranderenicht.
Ichstelltemirvor,dassbeideeinebe-
sondere,wennnichtseltsameFreund-
schaftverband.ImselbenSommerlas
ich in dem amerikanischen Magazin
The New Yorker von einem Arzt,
der Phantomschmerz heilen konnte:
Ich versetzte ihn nach Nordfrank-
reich, 1915. Und in Wien studierte je-
mand(einguterFreundvonmir–sor­
ry, J.­P.!) tagein, tagaus französische
ZeitungenundMedien,umdarauszu
kondensieren, wie die veröffentlichte
Meinung Frankreichs die Vereinigten
Staaten sah. Ich nahm ihm (der Ro-
manfigur) die Zeitungen weg, um zu
sehen,waspassiert.
Das Manuskript schloss ich im
März 2011 ab. Aber eigentlich fertig
undvollständigwurdederSpiegelkas­
tenfürmicherstindemödenGetrei-
defeldbeiArras,andemOrt,derkei-
ner mehr ist. Außer man kennt seine
Geschichte.

Wohnungen dröhnen, das kann man
sichalleswegdenken.
In dem Getreidefeld bei Arras ist
die Frage: Was kann man sich dazu-
denken? Zermalmtes Land, unendli-
che Trostlosigkeit, Zerstörung, den
Tod und das Leid? Wenigstens zwei
Tage saß Rechenmacher in diesem
LochinderErde,einUnterstand,der
auf der alten Grabenkarte »Prinz-
Franz-Hütte« heißt. Er kam heraus,
ergab sich. Nach der Gefangenschaft
steckte er seine Kriegsfotos in Alben,
nummerierte und beschriftete alles
sorgfältig – und sprach nie mehr dar-
über.
Wen interessiert dieser Erste Welt-
krieg überhaupt noch? Später am sel-
ben Nachmittag, auf dem deutschen
Soldatenfriedhof St-Laurent-Blangy:
Über dem Massengrab liegen in zwei
langen Reihen Metalltafeln mit Na-
men.DerWindrollteinumgefallenes
Grablicht herum. Eines steht noch
aufrecht, aber die Kerzenflamme ist
erloschen. Und am Fuß eines Grab-
kreuzes zerfällt ein Kranzgeflecht.
Macht drei Zeichen der Erinnerung
für32000Tote,mitundohneNamen.
DieGrabsteinederjüdischenGefalle-
nen tragen den Davidstern und die
InschriftMöge seine Seele wieder mit
dem Kreis der Lebenden verbunden
werden. Mein Begleiter, der Nazi-
deutschlandimAltervondreiJahren
verlassen musste, findet diesen schat-
tenlichten Hain very Germanic, we-
gen der vielen wispernden, alten Ei-
chen und Ahornbäume. Ein schöner
und einsamer Ort; selbst wenn man,
wie der Schriftsteller und Frontarzt
Ernst Weiß (1882–1940), leise sagen
Friedhof St­Laurent­Blangy
Metalltafel auf dem Soldatenfriedhof
St­Laurent­Blangy
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mag: So viele Tage, Taten, Siege, De­
mütigungen und Vernichtungen – und
doch kein Sinn.
Ich habe mich immer gefragt: Wie
kann man so einen Krieg überleben?
Mit Glück bleibt man körperlich un-
77 Diogenes Magazin
Niemandsland in
Roclincourt Vallex
Rechenmacher
im Graben
Rechenmacher
im Graben
Manneberg und Rechenmacher vor dem
Schloss in Fresnes­lès­Montauban
Offizierskasino Fresnes
mit Rechenmacher und
Manneberg
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Buchtipp
Roman · Diogenes
Christoph
Poschenrieder
Der
Spiegelkasten
Roman · Diogenes
Christoph
Poschenrieder
Der
Spiegelkasten
224 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06788-0
EinbewegenderRomanüberdie
MachtderErinnerungunddieKraf
derVorstellung–indergrausamen
WirklichkeitdesErstenWeltkriegs
unddervirtuellenWeltvonheute.
Aus dem Album
des Großonkels
Ein Fotoalbum mit körnigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen seines Großonkels aus dem Ersten
Weltkrieg inspirierte Christoph Poschenrieder zu seinem neuen Roman Der Spiegelkasten.
Mehr Informationen und Fotografen aus den Alben auf www.poschenrieder.de
78 Diogenes Magazin
Kino & TV Ausstellungen
Vorschaufenster
Tomi Ungerer. Das Musée Tomi
Ungerer in Straßburg zeigt zum
80. Geburtstag des Zeichners noch
bis 31.10.2011 die Ausstellung Tomi
Ungerer. Ein Künstler mit vielen
Facetten, gefolgtvon Tomi Ungerer
und die Meister. Dialoge und Inspira­
tionen, vom 17.11.2011 bis 19.2.2012.
Das Museum im Ritterhaus Offen-
burg präsentiert bis zum 30.9.2011
die Postkartenausstellung Der kleine
Unterschied.
Tomi Ungerer – Das satirische Werk
ist im Caricatura Museum Frankfurt
zu sehen, vom 8.12.2011 bis 18.3.2012.
Paul Flora. Leben und Werk von
Paul Flora in seiner Geburtsstadt
Glurns (Südtirol), im Kirchtor Turm
bis zum 31.10.2011. Ständige Ausstel-
lung im Schloss Anras, Tirol.
F. K. Waechter. Ausstellung mit dem
Titel Zeichenkunst im Kieler Stadt-
museum Warleberger Hof, 25.9.2011
bis 19.2.2012.
Buchtipp: F. K. Waechter, Venedig –
Das Skizzenbuch
(Diogenes, ISBN 978-3-257-02099-1).
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78 Diogenes Magazin
Gewonnen haben
Schreibtisch-Gewinnspiel aus dem
Diogenes Magazin Nr. 6: Den Haupt-
preis, die DVD zur Trickfilmserie
vom Kleinen Nick zusammen mit
einem Diogenes Büchergutschein in
Höhe von 200 Euro hat Heidrun Janik
aus Hamburg gewonnen. Je eine
DVD Der kleine Nick haben gewon-
nen: Inge Becker, Saarbrücken; Heinz
Hyden, Graz (A); Alfons Kitzinger,
Bogen-Furth; Maren Lohmann, Bux-
tehude; Regina Müller-Fierz, Kölli-
ken (CH); Manuel Roblek, Bleiburg
(A); Andrea Schindler, Passau; Desi-
ree Schmidt, Aldersbach; Susanne
Wartenberg, Um kirch; Franziska Wer-
meling, Mecken heim. Allen Gewin­
nern herzlichen Glückwunsch!
Diogenes
Mit Geschichten
durchs Jahr
Ein literarischer Kalender
mit 365 Geschichten
Diogenes
Mit Geschichten
durchs Jahr
Ein literarischer Kalender
mit 365 Geschichten 365 365
Diogenes Taschenbuch
detebe 24155, 832 Seiten
NOVEMBER
Der
literarische
Kalender
365 kurze Geschichten für
jeden Tag des Jahres
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Für alle, die Geschichten
lieben – und jeden Tag
wenigstens eine Geschichte
lesen wollen.
In eigener Sache
Trotz Rekordumfang von 112 Seiten
mussten leider aus Platzgründen die
angekündigten Beiträge Kurioses aus
Venedig – mit Donna Leon auf Spu­
rensuche in den Archiven der Lagu­
nenstadt und das Portrait über Zelda
FitzgeraldindienächsteAusgabedes
Diogenes Magazins,dieEndeDezem-
ber2011erscheint,verschobenwerden.
DieKolumneOwl’s EyewurdeOpfer
fauler Sommerferien, erscheint in der
nächsten Nummer aber selbstver-
ständlichwieder.
Miranda July, The Future. Der Film
mit ihr selbst und Hamish Linklater
in den Hauptrollen premierte im
Februar dieses Jahres an der Berlinale.
Drehbuch: Miranda July. Kinostart:
10.11.2011 (D), 15.12.2011 (CH).
Mark Twain, Tom Sawyer. Neu-
verfilmung von Regisseurin Hermine
Huntgeburth mit Heike Makatsch,
Benno Fürmann und Joachim Król.
Kinostart: 17.11.2011.
Charlotte Brontë, Jane Eyre. Neu-
verfilmung von Regisseur Cary
Fukunaga, mit Mia Wasikowska,
Michael Fassbender, Jamie Bell und
Judi Dench. Kinostart: 8.9.2011 (CH),
1.12.2011 (D).
Sir Arthur Conan Doyle, Sherlock
Holmes. Zweiter Teil der Verfilmung
von Guy Ritchie: Sherlock Holmes.
A Game of Shadows mit Robert
Downey Jr. und Jude Law.
Kinostart: 22.12.2011.
Bernhard Schlink, Der Andere.
Die Erzählung aus Schlinks Erzähl-
band Liebesfluchten wurde von
Richard Eyre (Regie und Drehbuch)
mit Liam Neeson, Laura Linney und
Antonio Banderas verfilmt. Geplante
TV-Premiere: Ende 2011 im Ersten.
Martin Suter, Verfilmung von Alain
Gsponer Der letzte Weynfeldt. Nach
einem Drehbuch von Alex Buresch.
Mit Marie Bäumer und Stefan Kurt.
ZDF: Winter 2011.
79 Diogenes Magazin
Schreibtisch
Wer
schrieb
hier?
D
assessichnichtumeinenzeitge-
nössischen Autor handelt, muss
beim Anblick dieses computer- und
telefonfreien »Stubenplatzes«, wie er
esnannte,nichtextraerwähntwerden.
Verratenmöchtenwirjedochanderes:
DerLieblingsschriftstellerdesgesuch-
tenAutorsundMalers(immerhinbe-
suchte er die Königliche Akademie
der Künste in München, als Beispiel
rechts das Werk Weidelandschaft mit
roter Kuh) ist niemand anderes als
GriesgramArthurSchopenhauer.Un-
glaublich, wenn man bedenkt, dass
unser Lyriker, Theaterautor und
Bildergeschichten-Erfinder vor allem
durch seinen Humor, Spott gegen
dasBürgertumundseineKarikaturen
berühmt wurde, als Erfinder des
Comicsgiltundbisheutegeliebtwird.
Zudemwirdseinin40 Sprachenüber-
setztes »Hauptwerk« gern zitiert,
wennesumdasMaßregelnungezoge-
nenNachwuchsesgeht.
Lösung Diogenes Magazin Nr. 6:
AmélieNothomb
SchickenSiedieAntwortbiszum
31.Dezember2011perPostoder
perE-Mail(gewinnspielmagazin@
diogenes.ch)an:Diogenes Verlag
Gewinnspiel ›Wer schrieb hier?‹
Sprecherstr. 8 · 8032 Zürich · Schweiz
WirverlosenzehnMaldasneueBuch
vonLoriot:Bitte sagen Sie jetzt
nichts … Gespräche.AlsHauptpreis
zusammenmitdervergriffenen
KunstmappeGroße Deutsche von
Loriot:12Blätter,jedeseinzeln
signiertvonLoriot.
Gewinnspiel
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Diogenes
Loriot
Bitte sagen Sie
jetzt nichts
Gespräche
80 Diogenes Magazin
Vorschau
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Mag ich – Mag ich nicht
BenedictWells
Im nächsten Magazin:
Alfred
Komarek
Günther
Anders
Mag ich:
Rotwein.SpätenRembrandt.Gazellen
jederArt.GenaueFormulierungen.
MozartsKonzertante Symphonie in
Es­Dur.AlleTiere.ÜberGebirge
fliegen.Den West­östlichen Divan.Alle
Pflanzen,vonwinzigbisriesig.Berlioz’
Harold in Italien.InsMeerhinaus-
schwimmen.Manet.KinderallerFarben.
Obst.RossinisPlauderton.Phantasie-
kraftzwecksErkenntnisderWirklich-
keit.LauenSommerregen.Oliven
jederArt.KV 131vonMozart.Gut
geschlafenhaben.Undnochimmer
Tristan.
Mag ich nicht:
Vorurteile.Speck.Adjektive.Kohl,
gleichobvegetarischoderpolitisch.
Paniertes.Wagnertexte.Interviewer.
Frömmler.ReaganalsTraufe.Ge seuf-
zevonOpernsängern.Fach idioten.
Phantasieunfähigeund-unwillige.
Jaspers’Schwulst.Dumme,diezu
dummsind,umzuahnen,wiedumm
siesind.Rachmaninow.Feiglinge.
Mount-Everest-Besteiger.Kulturkon-
gresse,›Kulturwerte‹,›Kulturellen
Sektor‹und›culturevultures‹.›Sach-
zwänge‹.Pfitzner.JuristenundÄrzte.
DasnächsteDiogenes Magazin
erscheintEndeDezember.Im
Mittelpunkt:PauloCoelhoundsein
neuerRoman,derdieLeseraufeine
ReisemitderTranssibirischen
Eisenbahnentführt.Außerdem
BeiträgevonoderüberMirandaJuly,
JohnIrving,AndreaDeCarlo,
DonnaLeon,ZeldaFitzgerald,
LukasHartmannundvielesmehr.
Sonderthemen
Bibliotherapie:
LesenSiesichgesund.
Filmspecial:
WennBücher
Filmstarswerden.
Diogenes
Magazin
Nr. 9
Frühling 2012
9 7 8 3 2 5 7 8 5 0 0 9 3

www.diogenes.ch
4 Euro /7Franken
Paulo Coelho
Das Leben ist eine Reise
Bibliotherapie
Lesen Sie sich gesund
Ein Elefant in Venedig
Donna Leon über
venezianische Kuriositäten
Fragespiel
John Irving antwortet
auf Fragen von
Nadine Gordimer
Film-Special
Wenn Bücher Filmstars
werden
Mag ich:
FallendeEngel.GrünenVeltliner.
Grenzüberschreitungen.Finstere
Spelunken.Umwege.Taschenuhren.
Radiogeräte.Zeitlosigkeit.Stille.
DonaldDuck.Mich.Sehrdunkle
Nächte.Ristretto.Einstein.Holz.
Leuchttürme.GerhardRoth.Raben.
Bäume.Unkrautwiesen.
Mag ich nicht:
Angesagtes.Risotto.Fernseh vor-
abenddeutsch.Nierentische.Auto-
bahnen.Word.NordicWalking.Mich.
Gruppenlesungen.Gruppensex.Reise-
gruppen.Tiertransporte.DieSimpsons.
BullyHerbig.DenPapst.Einkaufszen-
tren.Feldherren.Animateure.Einheits-
brei.Buch stabensuppe.DasLächelnder
MonaLisa.
VonAlfred Komarekistsoebenals
DiogenesTaschenbuchPolt. erschie-
nen,derfünfteFalldesKult-Land-
gendarmsSimonPoltimösterreichi-
schenWeinviertel.
Günther Anders (1902–1992).
DerösterreichischeSozialphilosoph
schriebinseinemWerkgegendieZer-
störungderMenschheitdurchTechnik
undAtomkraft.AlsDiogenesTaschen-
buchistdasLesebuchDie Zerstörung
unserer Zukunfterschienen.
Was uns bewegt. www.psychologie-heute.de
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81 Diogenes Magazin
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PH_Probeabo_210x280_Diogenes_END:Lay 28.07.2011 10:56 Uhr Seite 1
Spiele- und
Geschichten-Spaß
Mit dem kleinen Nick,
den drei Räubern,
den wilden Kerlen
und vielen mehr
»Ich gehe auf keine
Demonstration.
Ich bin selber eine.«
Friedrich Dürrenmatt
Genügend Stoff für ein Leben
Die lang erwartete Dürrenmatt-
Biographie von Peter Rüedi
Peter von Matt
Wie Dürrenmatt die Schweiz zwang,
ein Literaturarchiv zu gründen
Dürrenmatt privat
Der Triumph der alten Dame,
Bordeaux-Weine und Autos
Dürrenmatt
Magazin
1 Diogenes Magazin
D
erBleistift,womitichschreibe,dasPapier,dasichmitmeinerSchriftbedecke,derTisch,woraufichschrei-
be,dieBücheraufdemTisch,sechsDuden,einFremdwörterbuch,derSprachbrockhaus,einaltesLexikon
der allgemeinen Weltgeschichte von 1882, ein französisches, ein englisches und zwei philosophische Wörterbü-
cher, halb vollgeschriebene Blindbände, Gefäße mit Bleistiften, Schere und Kugelschreibern, ein Telefon, eine
Uhr,dieichimmervergesseaufzuziehen,GeschenkevonC.:eingroßerQuarzstein,einkleinerSilbertigerauf
einem Stein vom Sinai, eine Kristallpyramide, ferner Gummi, Leim und Bleistiftspitzer, fertige und unfertige
Manuskripte,dieSchreibtischlampe,dieauchtagsüberbrennt,dasgroßeLöschblattmitdenKaffeefleckendarauf
unddasandereLöschblatt,derPlatz,aufdemichzeichne,dieSchallplatten,dieDosemitNescafé,dieKaffeetas-
se,dieThermosflasche,dergroßeSchreibtischistimmerzuklein.«Friedrich Dürrenmatt
CharlotteKerrDürrenmatterinnertsich:»FriedrichDürrenmattsSchreibtischstehtimmernochimArbeitszim-
mer.IchseheDürrenmattnochheute,wieerdasitztundschreibt.DerSchreibtisch,denerJonathannannte,war
ZentrumseinesLebens.WennwirvoneinerReisezurückkamen,stricherimmeralsErstesmitderHanddarüber
undsagte:MeinlieberSchreibtisch.DürrenmatthatteihnvonseinererstenFrauLottigeschenktbekommen.Als
ich hier einzog, habe ich gesagt: Toller Schreibtisch, aber das ist ja ein Monstrum! – Wenn er dir nicht gefällt,
zersägeichihn,antworteteDürrenmatt.Undichsagte:UmGotteswillen,nein,hierhastdudeinganzesWerk
geschaffen.AmnächstenTaglageineZeichnungdavomSchreibtischmitBlumenstrauß.Unddarunterstand:
Danke,dassichnichtzersägtwerde,Jonathan.«
Schreibtisch Jonathan
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»Dürrenmatt gehört zu
den ganz wenigen Genies
der Nachkriegsliteratur deut-
scher Sprache. Ein Meteor
wie Büchner und Kafka.«
Hans Mayer
»Er war mehr als nur
ein kluger, neugieriger
Literat. Dürrenmatt ist
ein Schöpfer gewesen.
Er durfte den stolzen Satz
notieren: ›Wer eine Welt
gebaut hat, braucht sie
nicht zu deuten.‹«
Joachim Kaiser
»Einer der Giganten
des 20. oder auch jedes
anderen Jahrhunderts.«
New York Magazine
»In einer Welt, die den
Verstand verliert,
gleicht sein Werk einem
Aufschrei der Intelligenz.«
Le Monde
»Für den viel gescholtenen
Literatur-Nobelpreis war
Dürrenmatt einfach zu gut.«
Salzburger Nachrichten
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3 Diogenes Magazin
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ie griechischen Sagen und die Geschichten aus dem
Alten Testament, die ihm als Kind erzählt wurden,
beschäftigten ihn ein Leben lang. Sie wurden zu seinen
künstlerischen Stoffen. Doch für seinen Glauben konnte
derVater,DorfpfarrervonKonolfingen,denSohnnicht
gewinnen.DürrenmattwurdenichtProtestant,er
protestierte: im Regiesitz des Theaters, am
Schreibtisch, vor der Staffelei. Die Welt sah
er als groteskes Labyrinth voller Pannen
und schlimmstmöglicher Wendungen, als
»Pulverfabrik, in der das Rauchen nicht
verboten ist«, als Irrenhaus oder Güllen.
»Nur das Komödiantische ist möglicher-
weise heute noch der Situation gewach-
sen.Werverzweifelt,verliertdenKopf;
wer Komödien schreibt, braucht ihn.«
So wechselte Dürrenmatt »nach zehn
Semestern Philosophie gleich ins Ko-
mödienfachüber«;stattseineDisser-
tationüberKierkegaardunddasTra-
gischeschrieberdasDramaEs steht
geschrieben.WährendderPremiere
1947 im Zürcher Schauspielhaus
»pfiffen die Zuschauer, statt zu
gähnen«. Es war ein »glücklicher
Start«, davon leben konnten er
und seine Frau, die Schauspie-
lerin Lotti Geiß-
ler,abernicht.
Als Lotti
kurz vor
der Ge-
burt
ihres
zwei-
tenKindes
im Spital war, in dem auch
der zuckerkranke Dürren-
matt behandelt wurde, rief
dieser jeden Verleger an, den er kannte, und erzählte Ge-
schichten, »die ich als Roman oder Erzählung schreiben
würde.IchmusszumeinerEhresagen,jedemerzählteich
eine andere Geschichte. Und am Abend war ich fi-
nanziell aus dem Schlimmsten heraus.« Als er mit
500 Franken Vorschuss für den Krimi Der Richter
und sein Henker nach Hause kam, glaubte Lotti,
das Geld sei gestohlen. Mit den Krimis und der
Komödie Die Ehe des Herrn Mississippi hatte er
Erfolg, der sich mit Der Besuch der alten Dame
undDie PhysikerzumWeltruhmsteigerte.»Weil
manmichmeistensfalschverstand,wurdeichbe-
rühmt«,spöttelteDürrenmatt.NachMisserfolgen
imTheaterzogersichimAltervondenBrettern
derBühnezurückundsetztesichindenStoffen
jahrelangintensivmitseinerArbeits-undDenk-
weise auseinander: »Die Geschichte meiner
Schriftstellerei ist die Geschichte meiner Stof-
fe«,dieseintellektuelleBiographieistfürsein
Spätwerk einSchlüsselwerk. Fast ein wenig
inVergessenheitgeraten,rückteDürrenmatt
erneutinsliterarischeRampenlicht,alsDio-
genes1981eineTaschenbuch-Werkausgabe
in30Bändenveröffentlichte.Die Physiker
waren 1982 bis 1984 das meistgespielte
Stück an Theatern in Deutschland, der
RomanJustizwurde1985zumBest-
seller. Dürrenmatt, der
am5.Januar
1921 im klei-
nen Emmenta-
ler Städtchen
Konolfingen ge-
boren wur-
de,starbam
14. Dezember
1990 kurz vor
seinem 70. Geburts-
taginNeuchâtel.

Dürrenmatt
»Ein Jahrhundert-
schriftsteller«
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Georg Hensel / FAZ
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4 Diogenes Magazin
Interview
Sie haben fast zwanzig Jahre an Ih-
rer Dürrenmatt-Biographie gear-
beitet. Gibt Ihnen Dürrenmatt nach
wie vor Rätsel auf?
Mehr denn je. Man könnte sagen, im
Lauf dieser Arbeit (die zwar vor
zwanzig Jahren begann, aber immer
malwiederkürzereoderauchlängere
Zeit wegen anderer Projekte ruhte)
habe sich die Aufmerksamkeit vom
OffensichtlicheninsVerdeckte,invie-
len Punkten ins Rätselhafte verscho-
ben. Die nicht oder schwer erklärba-
ren Punkte, diejenigen, denen sich
Dürrenmatt selber nur indirekt über
das vieldeutige Gleichnis nähern
konnte,sinddiefaszinierendsten:zum
BeispielseinSprungindieSchriftstel-
lerei nach einer schmerzvollen und
chaotischen Adoleszenz, zum Bei-
spieldieEntwicklungvondenchrist-
lich-religiösen-protestantischen Vor-
aussetzungen einer Kindheit im
Pfarrhaus über die Rebellion gegen
den »Glauben meines Vaters«, dann
eine Strategie des Verbergens dieser
Ursprünge bis zum Bekenntnis eines
Atheismus,derabernachwievorreli-
giös grundiert blieb (und sei’s im Wi-
derspruch);dieVerlagerungderMeta-
physik in die Bereiche, in denen die
Naturwissenschaften selbst zur Er-
kenntnis gelangen, dass, wie es Max
Planck sagte, auch in der Physik der
Satz gelte, dass man nicht selig wer-
den könne ohne den Glauben. Dür-
renmattselbsttriebum(undan),was
ernichterklärenkonnte.Deshalbder
TitelmeinesBuchs:Die Ahnung vom
Ganzen.
Welches waren die größten Schwie-
rigkeiten bei Ihrer Arbeit?
Grundsätzlich:dieÜberwindungund
Bewahrung der Distanz zum Gegen-
standmeinerBemühungen;füreinen
Thurgauer Agnostiker ist ein Berner
Protestant ein noch fremderes Wesen
als für den Zürcher Max Frisch (mit
dem Dürrenmatts Kinder automa-
tischHochdeutschsprachen,wenner
mal nach Neuchâtel zu Besuch kam).
Praktisch:dieorganisatorischeBewäl-
tigung einer Textmasse (derjenigen,
die ich in Dürrenmatts Nachlass vor-
fand, und derjenigen, die ich in zahl-
losen Neuanfängen selbst produzier-
te), die einen grundsätzlich induktiv,
ja assoziativ organisierten Schreiber
wie mich zeitweise überforderte. Ein
Buchvonüber900 Seiten,mussteich
unter Schmerzen lernen, lässt sich
nunmalnichtschreibenwieeineKo-
lumneodereinjournalistischerEssay.
Hatte Dürrenmatt ein spannendes
Leben?
Mehr als einmal sagte er: »Ich habe
keine Biographie.« Damit meinte er,
er habe, was die äußeren Umstände
betrifft, kein aufregendes Leben ge-
führt mit jähen Brüchen im Lebens-
lauf, mit ausgedehnten Reisen, mit
»sensationellen« Wendungen welcher
Artauchimmer.SeineAbenteuerwa-
ren geistiger Natur, aber es waren
durchaus Abenteuer, die er mit den
»Dieser Autor hat unser ›Weltgefühl‹ verändert«, hat Joachim Kaiser über Dürrenmatt gesagt.
Doch wer ist der Mensch hinter dem Schriftsteller? Peter Rüedi hat fast zwanzig Jahre lang an
seiner Dürrenmatt-Biographie gearbeitet, die jetzt endlich erschienen ist. Ein Ereignis.
Peter Rüedi
Stoffe für eine
große Biographie
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5 Diogenes Magazin
Peter Rüedi
Dürrenmatt
oder
Die Ahnung vom Ganzen
Biographie · Diogenes
Peter Rüedi
Dürrenmatt
oder
Die Ahnung vom Ganzen
Biographie · Diogenes
960 Seiten, 12,5 x 20 cm, Leinen
ISBN 978-3-257-06797-2
DieerstegroßeBiographie
überFriedrichDürrenmatt,vom
PfarrerssohnausdemEmmental
zumAutorvonWeltruhmund
mitMillionenaufagen,glänzend
undpackendgeschriebenvon
PeterRüedi,einemunumstrittenen
Dürrenmatt-Kenner.
Buchtipp
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alpinistischen Grenzerfahrungen sei-
nes Freundes, des Physikers Marc Ei-
chelberg, im Himalaja verglich. De-
nen versucht meine Biographie zu
folgen. Auch deshalb beschäftigt sie
sich mit dem Werk ebenso wie mit
dem darin verknäuelten Leben. Wer
auf sensationelle Indiskretionen aus
ist, den muss ich leider weitgehend
enttäuschen.
Was hat Sie am Menschen Dürren-
matt am meisten überrascht?
DieVerbindungvoneinemGeist,der,
wie er sagte, die »Schöpferkraft des
Kindes«,alsoeineArtNaivitätinder
Sicht auf die Welt, mit den höchst
komplexen Strukturen seines Den-
kens mühelos verbinden konnte. Ich
könnte auch sagen: wie seine bildhaf-
ten, ja visionären Einfälle seine Ge-
dankenwelten erschütterten, ja zum
Einstürzen brachten, ist schon sehr
aufregend zu verfolgen. Damit hängt
die Gelassenheit zusammen, mit der
er, der nach außen so selbstsicher
wirkte, in allen Phasen seines Lebens
ein Scheitern in Kauf nahm. Seinen
größten Erfolgen am meisten miss-
traute.
Sie sprechen in Ihrer Biographie von
Dürrenmatts Lebensmustern  – wel-
che sind das?
Die Auferstehung. Die Heimkehr.
Die Wiederholung. Der Wechsel von
Krisen und Auferstehungen, am ein-
drücklichsten nach seiner letzten
schweren Theaterniederlage mit dem
Stück Der Mitmacher (1973), welche
KriseseinAlterswerk,dieeinzigartige
Mischform seiner späten Prosa nicht
nur,abervorallemindenStoffen,erst
eigentlich geboren hatte. Die Heim-
kehrzunächstwörtlichverstandenals
RückkehrindasDorfseinerKindheit,
das er mit 14 Jahren verlassen hatte:
immerwiederinMomenten,indenen
Selbstversicherung gefragt war. Im
übertragenen Sinn: die Heimkehr in
die Erinnerung, zu verschütteten frü-
hen Eindrücken, Erlebnissen, aus de-
nenwuchs,waserseineStoffenannte.
Damit verbunden: die Wiederholung,
aber nicht als Stillstand, sondern als
Bewegungvorwärts.ImKlartext:Alles
hängtinDürrenmattsWerkmitallem
zusammen, früheste Motive tauchen
im Spätwerk wieder auf. Diese zykli-
sche Anlage seiner Phantasie führte
zum Missverständnis, Dürrenmatt
habe gegen Ende seines Lebens aus
SchwächeaufalteThemenoderMoti-
vezurückgegriffen.Nichtsistverfehl-
ter. Schon seine frühe Prosa war ein
Rückgriff;alsersiefürdieVeröffent-
lichung 1952 wieder bearbeitete, war
er über die finsteren Visionen seines
wesentlich von Kafka geprägten Ex-
pressionismuslängsthinausgelangtin
dieWeltseinerKomödien.Aberauch
die waren ›Wiederholungen‹, hingen
mit dem Frühwerk enger zusammen,
als es auf den ersten Blick scheinen
mochte.Wasdarinneuwar:eineQua-
lität,aufdieesDürrenmattnunzeitle-
bensankommensollte –Humor.
Dürrenmatt hat fast zwanzig Jahre
Ihr Leben begleitet. Wie hat Sie das
geprägt?
Nochmals: Es gab viele Unterbrüche
in diesen zwanzig Jahren, ich kann
mich nicht zum Sklaven auf der Ga-
leere Dürrenmatt stilisieren. Natür-
lich hat mich die Beschäftigung mit
diesem ungewöhnlichen Autor auch
geprägt, vor allem in dem Sinn, dass
ich mich, bei Dürrenmatts Generalis-
mus, mit Themen befassen musste,
von denen ich zu Beginn keine Ah-
nunghatteundfürdieichauchkeine
Voraussetzungen mitbrachte. Der
»Dilettantismus«,denDürrenmattge-
legentlichfürsichinAnspruchnahm,
traf für mich sozusagen im Quadrat
zu. In diesem Sinn war diese Arbeit
wie eine Art zweiter Bildungsweg,
ein studium generale. So weit, dass
auf meinem Nachttisch Karl Barths
Kirchliche Dogmatik als Bettlektüre
läge, ist es dann doch nicht gekom-
men. Ich habe schon versucht, mir
nicht abhandenzukommen, auch
wenn das zeitweise etwas schwierig
war.
Welches Buch von Dürrenmatt ha-
ben Sie am häufigsten gelesen? Wel-
ches ist Ihr Lieblingsbuch?
In beiderlei Hinsicht: die Stoffe. Un-
ter den Kriminalromanen liebe ich
besonders Das Versprechen, im Spät-
werk das, wie ich meine, weit unter-
schätzte Durcheinandertal. Aber wie
ich schon sagte: Bei kaum einem Au-
tor hängt so sehr alles mit allem zu-
sammen. In diesem Sinn muss ich
sagen: Mein Lieblingsbuch ist Dür-
renmattsGesamtwerk.
Welches Buch würden Sie als Ein-
stieg in das Œuvre von Dürrenmatt
empfehlen?
Die Kriminalromane, zumal Das Ver-
sprechen.
Welches Werk von Dürrenmatt ist
Ihrer Meinung nach zu wenig be-
kannt?
Das Frühwerk, das Spätwerk. Eigent-
lichallesaußerdem,wasDürrenmatt
»meine Bestseller« nannte (Der Rich-
ter und sein Henker, Der Besuch der
alten Dame, Die Physiker).
Sie haben Dürrenmatt kurz vor sei-
nem Tod im Dezember 1990 getrof-
fen, um ihn über sein Leben auszu-
fragen. Gibt es Fragen, die zu stellen
Sie versäumt haben?
Ungefähr alle wichtigen. Meine Igno-
ranz war ebenso groß wie Dürren-
matts Geduld, mit der er sie großzü-
gigübersah.Ichgäbevieldarum,jene
Gespräche noch einmal führen zu
dürfen. Von meinem heutigen Stand
desNicht-Wissensaus.

kam
6 Diogenes Magazin
Dürrenmatt
Theater
Essays, Gedichte, Reden
Diogenes
Dürrenmatt
Theater
Essays, Gedichte, Reden
Diogenes
Dürrenmatt
Romulus
der Große
Ungeschichtliche
historische Komödie
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Dürrenmatt
Romulus
der Große
Ungeschichtliche
historische Komödie
Diogenes
Dürrenmatt
Die
Physiker
Komödie
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Dürrenmatt
Die
Physiker
Komödie
Diogenes
Dürrenmatt
Der Besuch
der alten
Dame
Tragische Komödie
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Dürrenmatt
Der Besuch
der alten
Dame
Tragische Komödie
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7 Diogenes Magazin
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m Anfang des Besuchs der alten
Dame stand ein »Zufall«. Ein
Bühneneinfall, aus dem sich die
HandlungdesStücksentwickelteund
andemsichwiederumverdeckteMo-
tive und alte Stoffe Dürrenmatts ent-
zündeten. »Ich hätte die Alte Dame
nicht geschrieben, wäre mir die Büh-
nenideedazunichteingefallen.«Lotti
Dürrenmatt war am 2. März 1955 we-
gen einer Gebärmuttersenkung im
Berner Salem-Spital operiert worden.
Dürrenmatt besuchte seine Frau täg-
lich. Auf den Zugfahrten zwischen
NeuchâtelundBernhieltderSchnell-
zug wegen der eingleisigen Strecken-
führungauchindenkleinenBahnhö-
fen von Ins und/oder Kerzers im
BernerSeeland.TagfürTaghieltDür-
renmatts Zug an diesen herunterge-
kommenen kleinen Provinzbahnhö-
fen.
Am Bahnhof beginnen und enden
Geschichten. Die im Western, aber
auchdiederschrecklichenHeimkehr
derClaireZachanassian.WennClaire
Zachanassian, geborene Kläri Wä-
scher, per Notbremse den D-Zug in
GüllenkreischendzumStehenbringt,
istdaseinAuftritt,derschondasgan-
ze Gefälle zwischen der schwerrei-
chenVertriebenenunddemherunter-
gekommenen Ort ihrer Jugend an-
zeigt: Ein großer Auftritt mitten in
Luzern in das mickrige Empfangs-
komitee der Güllener. An diesem
Elendsflecken hatte seit langem kein
Schnellzug mehr gehalten, schon gar
kein internationaler, jetzt bringt die
reichste Frau der Welt hier den »Ra-
sendenRoland«zumStehen.Ausdie-
semvorgestelltenSzenarioergabsich
zumindest der erste Akt »wie von
selbst« (Dürrenmatt). Der Bahnhof
impliziert eine Ankommenssituation,
welchedieGrundstrukturdesStücks
undseinPersonalbestimmte,eineArt
Triptychon mit Bahnhof. In einem
Ringbuch findet sich der frühe Ein-
trag:»Bahnhof.Schnellzughältdurch
Ziehen der Notbremse. Schlussbild
ebenfalls Bahnhof. Ebenfalls Mittel-
bild. Die Männer auf der Bahnhofs-
bank.Bahnhofsbuffet.«
Bei der Entscheidung für den
TransportderGeschichteaufdieBüh-
negabes,wieDürren matteinräumte,
aucheinenganzbanalenGrund:Von
einem Stück waren höhere Einnah-
men zu erwarten als von einer Er-
zählung. In welchem Ausmaß gerade
Der Besuch der alten Dame seine
Lebensumstände ändern sollte, konn-
te er nicht ahnen; auch nicht, dass
ausgerechnet ein Stück, welches ein
WirtschaftswunderzumThemahatte,
Am 29. Januar 1956 fndet im Schauspielhaus Zürich die Uraufführung von Der Besuch der
alten Dame statt, in den Hauptrollen Therese Giehse und Gustav Knuth. Daraufhin tritt die Alte
Dame ihren Siegeszug an: zunächst im deutschsprachigen Raum, wo sie zwei Jahre in Folge
das meistgespielte Stück ist, und dann weltweit: in Japan, Frankreich, England, Polen … Die
Inszenierung von Peter Brook 1958 am New Yorker Broadway wird zum ›Best Foreign Play‹
gekürt. »Der Besuch der alten Dame war mein Durchbruch«, so Dürrenmatt, »es ist mein popu-
lärstes Stück«: mehrfach verflmt, als Oper adaptiert und bis heute weltweit gespielt. Der Tri-
umph schlägt sich auch in barer Münze nieder – der Wohlstand »überrumpelt« den Autor.
Peter Rüedi
Der Triumph der alten Dame
Dürrenmatt, ca. 1959
Links: ›Das Arsenal des Dramatikers‹
(Selbstportrait), Feder, 1960
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seineneigenenWohlstandbegründete.
Zum ersten Mal registrierte Dürren-
matt, dass es auch sein persönliches
GülleninGüldenverwandelnkönnte.
Ersteinmalreichtees»fürsGröbste«.
BaldjedochstelltesicheinWohlstand
ein,dersichvonaußenwieReichtum
ausnahm.Dürrenmattbetrachtetedas
gelegentlichwieeinenalchimistischen
Vorgang. Der mehr oder weniger
plötzliche Wohlstand war dem pro-
testantischgeprägtenEmmentalerun-
heimlich. »Vor dem Erfolg«, sagte er
1985FritzJ.Raddatz,»schriebichaus
der harten Not wendigkeit heraus,
Geld zu verdienen. Ich hatte eine Fa-
milie durchzubringen. Natürlich
schriebichnichtnur,umGeldzuver-
dienen. Ich schrieb, weil ich Schrift-
stellerwar,undeswarmeinStolz,als
Schriftsteller durchs Leben zu kom-
men. Ich versuchte alles, was ich
schrieb, möglichst gut zu schreiben,
auch die Kriminalromane. Mit dem
Erfolg fiel allmählich die harte Not-
wendigkeit weg. Jetzt bräuchte ich
nicht mehr zu schreiben und bin ei-
gentlich verlegen, wenn man mich
fragt, warum ich noch schreibe. Die
Antwort ›aus innerer Not wendigkeit‹
ist mir zu pathetisch, wie ich ja auch
das Wort ›Dichter‹ nicht mag. Ich
gebe zur Antwort: ›Weil ich die
schlechte Angewohnheit nun einmal
habe‹, oder so etwas. Aber dass ich
plötzlichziemlichvielGeldverdiente,
hatmichschonüberrumpelt.«
Daraus sprach, im Rückblick, sein
Misstrauen gegenüber dem Erfolg
überhaupt; oder, umgekehrt, die Ent-
täuschung darüber, sich mit den für
ihn dringlichsten Anliegen missver-
standenzusehen.
Bei Der Besuch der Alten Dame
kommt, mehr noch als bei seinen an-
deren »Evergreens«, ein tieferes Un-
behagen auf. Eine instinktive Scheu,
das Gefühl, dem Teufel seine Seele
verkauft zu haben? Es gibt eine sehr
bewegende Stelle im insgesamt be-
rührenden Film Portrait eines Plane-
ten von Charlotte Kerr über Dürren-
matt (nie war Dürrenmatt so offen
wieindiesemMomentdererstenVer-
liebtheit).KerrsolltenachLottisTod
1983einJahrspäterseinezweiteFrau
werden. Die Zachanassian, sagt er da,
sei ja auch eine Frau Welt, und das
Stück die Tragödie des Reichtums,
und er frage sich, inwiefern das auch
ihn betreffe. Und dann, ganz ernst
unddochwienebenher,dereigenarti-
ge Satz: »Bei einem Erfolg hat man
immer das Gefühl einer Schuld. Ich
habedasStückauchniegeliebt.«Und
weiter: »Das [der plötzlich hereinbre-
chende Wohlstand] war ein enormer
Schock. Zuerst stellt sich das Gefühl
ein:Warumnochschreiben?Aufden
Proben in Paris saß hinter mir ein
Herr,dersichalsEugèneIonescoher-
ausstellte,unddersagtezumir:›Wenn
ich so ein Stück geschrieben hätte,
würde ich nicht mehr schreiben.‹«
Das Schwierige war die Wende. Was
die Lähmung nach Dürrenmatts eige-
Szenenfoto aus der Hollywood-Verfilmung
›The Visit‹ mit Ingrid Bergman und Anthony
Quinn. Dazwischen: Erstausgabe, Verlag
Die Arche, 1956
ner Aussage verhinderte, war die
Zuckerkrankheit.»UndZuckeristna-
türlicheineBremse,zwingtzuDiszip-
lin.SchreibenistaucheinegroßeDis-
ziplin. Das spukt immer in Ihrem
Hinterkopf. Und wenn Sie Ihren Ge-
genstandmalloslassen,stürzenSiein
einegroßeLeere.«
»DurchZufallkammeinRuhmzu-
stande, durch Zufall der Abbau mei-
nes Ruhms. Als Dramatiker bin ich
ein unvermeidliches Missverständ-
nis.«NichtnurinseinenMisserfolgen
fühlte sich Dürrenmatt falsch ver-
standen, sondern auch in seinen Er-
folgen. Dürrenmatt lebte königlich
mit wenig Geld, zum Verdruss vie ler,
die ihn unterstützen und dafür De-
mutsgesten erwarteten. Genau die
hatteeraberimmerverweigert,under
sollte sie auch nie verlangen, als er
selbst zum Angepumpten wurde.
Dürrenmatt wird mit seinem Reich-
tum umgehen, wie er mit seiner Ar-
mut umgegangen war: un-verschämt
imWortsinn.
Allerdings hatte er immer darauf
hingewiesen,schwierigeralsderKrieg
sei der Frieden zu bestehen. Mutatis
mutandis könnte das auch für den
UmgangmitdemeigenenWohlstand
gelten:dassdenWohlstandzu»beste-
hen« schwieriger sein könnte als das
ÜberlebeninArmut.
EinerSchweizerFernsehzeitschrift,
dieihn1979unzimperlichfragte,was
ihm»dasErfolgsstückDer Besuch der
alten Dame« eingebracht habe, ant-
worteteer:»DaskannichIhnenbeim
bestenWillennichtsagen,weiliches
nicht weiß. Aber sicher hat mir die
Alte Dame einige Millionen gebracht,
dochichhabedieseMillionenwieder
ausgegeben. Man gibt nämlich sehr
schnelleineMillionaus.Ichhabejetzt
hier drei Häuser, ich habe immer ge-
baut.IchhabenichtvielGeldaufder
Bank.IchhattenieeinMietshaus.Ich
finde es unmoralisch, dass Leute mir
Geld geben würden, um zu wohnen.
Ich muss immer noch schreiben, um
überhaupt leben zu können. Ich lebe
wieeinMillionär,aberichkannnicht
sparen. Man muss geizig sein, um
GeldaufdieSeitezubringen!«

9 Diogenes Magazin
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ererstebescheideneWagen,den
sichDürrenmattanschaffte,war
einOpelRekord.Am5.Juliverzeich-
net die Agenda: »Erste Fahrt im Wa-
gen.«Am10.Juliabsolvierterdieers-
te Fahrstunde, und am 11. notiert er:
»Auto beschäftigt mich / Panne.« Be-
zeichnend, dass nicht auszumachen
ist,obdiesdasneueGefährtoderdie
Erzählung betrifft, in welcher der
vom alten Citroën zum Studebaker
aufgestiegene Handelsreisende Traps
sich in sein Gericht verstrickt. Dann,
am 4. Oktober: »Durchs Examen ge-
fallen.«DahatteseineFrauLottiden
Führerschein schon längst. Endlich,
am 23. November, bestand auch Dür-
renmattdiePrüfung.Dassüberseiner
automobilistischen Karriere ein
glücklicher Stern gestanden hätte,
wirdkeinerbehauptenundjedermann
verstehen,derjedaszweifelhafteVer-
gnügen einer Ausfahrt mit Dürren-
matthatte.EswarschonehereineArt
höhere Vorsehung, die ihn durch alle
Crashs rettete. Am 25. März fährt er
nachZürich,inWohlenrenntihmein
Knabe in den Wagen, ohne gravieren-
de Folgen, aber immerhin taucht in
Neuchâtel die Polizei auf (29. März
1957: »Polizei im Haus. Sie nehmen
michein«).DasDokumentderStaats-
anwaltschaft des Kantons Aargau be-
scheinigt, »ein Verschulden des Mo-
torfahrzeugführersFr.Dürrenmattan
derKollisonmitdemKnabenBader«
seinichtnachzuweisen.
EswarderersteeinerlangenReihe
von Unfällen. Im Februar 1958 ver-
merkt die Agenda: »Neuer Wagen«,
nach dem kleinbürgerlichen Rekord
nun ein bürgerlicher Opel Kapitän.
Am27.Juli1958fährtDürrenmattmit
VaterReinholdvonBernnachHerzo-
genbuchsee, um am Grab von Groß-
vater Ulrich dessen 50. Todestags zu
gedenken. Um einem Radfahrer aus-
zuweichen, lenkt Dürrenmatt den
Wagen in ein Feld. Vor Neujahr
schließter,inklugerVoraussicht,eine
Vollkaskoversicherung ab. Es sollte
nichtlangedauern,bissiezumersten
Mal in Anspruch genommen wird.
Auf der Rückfahrt von der Premiere
vonFrank V.(alshättederDurchfall
seines Lieblingsstücks nicht gereicht)
standam21.März1959der»Kapitän«
auf offener Strecke in Brand. Wenig
später,jetztistermiteinemChevrolet
Corvair unterwegs, ereignet sich im
WalliseinUnfall:Erbleibtmitaufge-
rissener rechter Seite am Straßenrand
stehen und kauft nach der Rückkehr
stante pede einen silbergrauen Chev-
rolet Impala, mit der Bemerkung:
»Die Straße ist ein Schlachtfeld, ich
habedieMöglichkeit,mireinenTank
zu kaufen, also beschaffe ich mir ei-
nen.« Agenda 27. August 1959: »Be-
schädigtes Auto.« Dem folgte ein
blaumetallisierter Chevrolet Bel Air
mit großen Heckflügeln. Oder war’s
schon der grüne Buick mit Automa-
tik?Miteinemdavonschlitterteerje-
denfallsaufdemWegindieFerienbei
Les Échelles (Savoyen) gegen einen
Pfeiler. Von da an fährt er fast nur
noch große Amerikaner. Jörg Steiner,
derihnMittedersechzigerJahremit
einem Freund mit einem 2CV be-
suchte,erinnertsich,dassDürrenmatt
die beiden jungen Männer für ver-
rückt hielt, sich »mit so wenig Blech
vor dem Bauch in den Verkehr zu
wagen«. Agenda 4. September 1965:
»Autozusammenstoß«, 8. Juni 1974:
»Nach Neuchâtel. Autozusammen-
stoß.«Undsoweiterundsofort:»19. No-
vember1982Autounfall«,»11.Septem-
ber 1984 mit Charlotte bei Advokat
Ribeaux.Autogestreift.«»18.Feb ruar
1987: Moskau – Zürich – Neuchâtel.
UnglückmitWagen.«Wieheißtesin
Turmbau?»DerMenschamSteuerist
für jede Verkehrsordnung unbere-
chenbar.«Dürrenmattwusste,wovon
ersprach.

Peter Rüedi
Dürrenmatt und das Auto ist ein schmerzensreiches Kapitel.
Sozusagen eine einzige Panne, wie die Erzählung aus dem
Jahr 1955 heißt, in dem sich Dürrenmatt sein erstes Auto kauft.
Der Mensch am Steuer
ist für jede Verkehrsord-
nung unberechenbar.
Der Bruchpilot
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Hörbuchtipp
Friedrich
Dürrenmatt
Die
Panne
Erzählung
Diogenes
Hörbuch
Gelesen von
Christian
Brückner
»Ein Meisterwerk
sondergleichen.«
Marcel Reich-Ranicki
»Dürrenmatt ist
ein Jahrhundert-
schriftsteller.«
Georg Hensel
2 CD
2 CD, Spieldauer 112 Min.
ISBN 978-3-257-80153-8
»EinederbestenErzählungen
nach1945.EinMeisterwerksonder-
gleichen.«Marcel Reich-Ranicki
10 Diogenes Magazin
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11 Diogenes Magazin
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chonfrühhatsichDürrenmattmit
Vorliebe an Bordeaux gehalten,
undzwarmitwenigenAusnahmenan
rote. Die Absolution dazu erhielt er
von seinem Freund Schertenleib, der
einsah, dass Appelle zur Mäßigung
beidiesemPatientennichtsfruchteten
undschonvielerreichtwar,wennder
sichanWeineohneRestsüßehielt.An
Bordeauxeben.DieseDiätwarauszu-
halten.
Jetzt,nachderAlten Dame, warer
in der Lage, diese Ressourcen in grö-
ßeremMaßesicherzustellen.SeinLie-
ferantwarzuerstvornehmlichAndré
Châtenay, der Ehemann der legen-
dären Yvonne von Wattenwyl. Er
führte eine Weinhandlung zwischen
Colombier und Boudry und vertrat
»einenaltenWeinhändlerinBordeaux,
der mehrere Schlösser besaß und nur
noch Château d’Yquem trank und
Austern aß« (einenicht nur dem Dia-
betikerwenigbekömmlicheMariage).
Weine aus der Region trank Dürren-
matt nur, wenn es aus protokollari-
schen Gründen nicht zu vermeiden
war,etwaanlässlichderVerleihungder
Ehrendoktorwürde der Universität
Neuchâtel. Max Frischs Vorliebe für
Ostschweizer Blauburgunder (soge-
nannte Beerli-Weine) verstand er so
wenig wie Frisch Dürrenmatts oppu-
lentenUmgangmitgroßenBordeaux.
Anfangs kaufte er auch gern noch ge-
legentlich die Weine von Cordier,
ChâteauTalbotundChâteauMeyney,
bei »Planteurs reunis de Lausanne«.
Lynch-Bages mochte er schon früh,
wieüberhauptdieWeineausPauillac.
Jetztkonnteersichdiebestenleisten:
Château Latour vor allem, Château
LafiteundMoutonRothschild.
InderPannelegteernocheinpaarfal-
sche Fährten, kaum aus Ignoranz,
sondernumsicheinenScherzmitsei-
nen Lesern zu erlauben. Château Pi-
chon Longueville 1933 kann in den
Fünfzigern keine Offenbarung mehr
gewesensein,sowenigwieder»Châ-
teau Margot 1914«, der erstens falsch
geschrieben ist (richtig: »Margaux«)
undzweitensauseinermäßigenErnte
stammt. Allein der »Château Pavie
1921« stammt aus einem großen Jahr-
gang.Dürrenmattseigenem.
Ein eigentlicher Quantensprung
setzte ein, als er nach dem Bau des
zweiten Hauses einen ganzen Keller
aus dem Bordelais kaufte. Der Besit-
zer von Château Villemaurine, ein
kleiner, aber feiner Produzent im
Saint-Émilion, unmittelbar vor den
Toren des gleichnamigen Städtchens,
war mehr für seine labyrinthisch ver-
zweigtenaltenKelleranlagenbekannt
(alleindiesesLabyrinthwärefürDür-
renmatteinKaufgrundgewesen,hätte
er davon gewusst) als für den Wein
selbst. Dürrenmatt kaufte, »für lum-
pige 10000.– Franken«, en bloc die
Noch bevor er zu Wohlstand kam, war Friedrich Dürrenmatt schon ein großer Weintrinker.
Seinen legendären Weinkeller konnte er aber erst anlegen, als er für diesen Luxus in seinem
zweiten Haus in Neuchâtel Platz geschaffen hatte: im großen Luftschutzkeller.
Peter Rüedi
Dürrenmatt
und Wein
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Tusche-Zeichnung von Dürrenmatt,
ca. 1963. Dürrenmatt hielt wenig von
den Schweizer Weinen und belächelte
diesbezüglich seinen Schriftsteller-
kollegen Max Frisch.
Links: Dürrenmatt, ca. 1963. Auf dem
Foto eine Widmung an seinen Wein-
händler: »An meinen lieben Freund,
Vater und Lehrer im Bordeaux-
Wein genießen André Châtenay.
Alle die hier sichtbaren [und unsicht-
baren] Bordeaux-Flaschen geliefert von
André Châtenay [le terrible]«.
12 Diogenes Magazin
ganzen Bestände und verbreitete dar-
über zwei Legenden. Nach der einen
hatten die Ärzte dem Besitzer jegli-
chen Alkoholkonsum verboten, und
dieserhabedenGedankennichtertra-
gen, den Rest seines Lebens über sei-
nen verbotenen Schätzen zu verbrin-
gen.Nachderandernhabedieserdie
BrautseinesSohnesundErbensoge-
hasst,dassihndieAussicht,diekünf-
tigeSchwiegertochterkönntesichder
großenBeständeüberseinenTodhin-
aus erfreuen, das Ganze zu einem
Schleuderpreis verkaufen ließ. Beide
Versionen sind wohl eher Dürren-
matt-Geschichten. Die Praxis, im
Bordelais ganze Keller zu kaufen, be-
hielterbei.Ernanntedasspäter»mei-
nen Witwenwein«, weil es sich dabei
hauptsächlich um Hinterlassenschaf-
ten von lokalen Anwälten, Ärzten,
Professoren handelte, deren ratlose
Witwen mit den verstaubten Bouteil-
len nichts anzufangen wussten. Mit
der Zeit war seine Vorliebe für Bor-
deauxsobekannt,dassihmsogaraus
Frankreich ganze Partien angeboten
wurden.
Wie auch immer: Die Weine von
Villemaurine waren überaus gepflegt,
das heißt, sie waren regelmäßig neu
verkorktunddersogenannteSchwund
ausgeglichen worden. Und zur Liefe-
rung (deren Transport zwei Lastwa-
gen benötigte) gehörte weit mehr als
Eigenbau von Villemaurine. Die
Herrschaften im Bordelais (ganz im
Gegensatz zu den in der Regel eher
bäurischen und eigenbrötlerischen
WinzernimBurgund)unterhaltenge-
genseitig einen gesellschaftlichen Ver-
kehr in großem Stil, was auch heißt,
dass sie unter sich ihre Weine austau-
schen. Zudem war der Besitzer von
Villemaurine auch ein wichtiger
Händler. Auf einen Schlag hatte Dür-
renmatt also in seinem Keller eine
Zeitmaschine. Praktisch jedem Gast
konnte er eine Bouteille seines Jahr-
gangs dekantieren. Wenn auch nicht
mir: 1943 war zwar nicht schlecht,
aber die Ernte unter Kriegsbedingun-
gen mager, und von dem Wenigen
ging viel verloren; die deutschen Be-
satzer soffen, wurden sie nicht ver-
MiristeinBesuchMittedersiebziger
Jahreunvergesslich.Zuweilenarbeitet
auch der Kulturjournalist unter Ein-
satzvonLeibundLeber.DasDatum
ist verblasst, wie die Tinte, mit der
Dürrenmatt mir die Etikette eines
1928er Villemaurine signierte. Auch
derAnlassistmirentfallen–erwird
wohl eher ein Vorwand gewesen sein.
Es war die Zeit, da sich Dürrenmatt
vom Theater verabschiedet hatte. Er
arbeitete an dem, was später seine
»Altersprosa«heißensollte,vorallem
andenStoffen.DenMitmacher-Kom-
plex mit seinem weit über das Stück
hinauswuchernden Nachwort und
dem Nachwort zum Nachwort ver-
standdieKritikalsRechthabereistatt
als akribische und schonungslose po-
etologische Selbsterforschung. Sein
Israel-Buch, Zusammenhänge, blieb
fast unbeachtet (überhaupt hatte ihn
nicht zuletzt sein Engagement für Is-
rael aus der Gnade der tonangeben-
den Feuilletons fallen lassen). Es war
einsamgewordenamPertuis-du-Sault,
undDürrenmattwardankbarfürGe-
sellschaft. So entkorkte er bald eine
FlascheBrane-Cantenac1970,daswar
noch vorstellbar und im Keller eines
30-jährigen Redaktors auch vorhan-
den. Schon der 1961er Pauillac (ich
weiß nicht mehr, welcher) ging darü-
berweithinaus,wieallesWeitereauf
demfolgendenAbstieginmythologi-
sche Tiefen: ein 1955er Château Pal-
mer, dann Villemaurine 1947, ein
1928er seines geliebten Latour. Zum
ersten Mal im Leben trank ich dann
Jahrgängewie1911und1904,umend-
lich, mit Dürrenmatt als Cicerone,
denendgültigenAbstiegindenHades
zu wagen: Ich meine mich an einen
Wein von 1871 zu erinnern und einen
Scherz Dürrenmatts, der habe schon
angezeigt,dassdiefranzösischeKapi-
tulation keine endgültige habe gewe-
senseinkönnen.Fritzdekantiertemit
rauschender Nonchalance, er schütte-
te die Bouteillen in die Karaffe, als
wär’sRiojaausdemSupermarkt.Alte
Weine trinken ist eine eigenen Kunst,
wirjungenSpundewarenihrniemals
gewachsen. Immerhin merkten wir,
dassdiecadaveri eccellentiihreeigene
steckt, auch die jüngsten Weine weg,
die nicht versteckt oder in Hitlers
Berghof oder in den Keller anderer
Nazi-Größenabtransportiertwurden.
Dürrenmatts eigener Jahrgang, das
heißeJahr1921,wirsagtenes,brachte
außergewöhnliche Weine hervor. Der
Glückliche hatte für alle künftigen
Geburtstagsfeiern ausgesorgt (wäh-
rend seine Frau Lotti über die 1919er,
dieerihrzuEhrenöffnete,mitGrund
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Dürrenmatt hatte in
seinem Keller eine Zeit-
maschine. Praktisch
jedem Besucher konnte er
eine Bouteille seines
Jahrgangs dekantieren.
dieNaserümpfte,derJahrgangtaugte
nicht viel). Hoch willkommen waren,
bis die beiden sich nach dem Basler
Theaterkrach 1969 auseinanderlebten,
Besuche von Werner Düggelin in
Neuchâtel. 1929 war, nicht anders als
das Jahr davor, ein Jahrhundertjahr-
gang.NochheutesagtDüggelin(wie
viele andere auch), Dürrenmatt habe
ihm das Bordeaux-Trinken beige-
bracht.
13 Diogenes Magazin
Würdehaben.UmunswareinHauch
von Kapuzinergruft. »Dämmerung
senkte sich von oben, schon ist alle
Nähefern«,wererinnertsichschonan
einGoethe-Gedicht:»Allesschwankt
ins Ungewisse / Nebel schleichen in
die Höh’ / Schwarzvertiefte Finster-
nisse / Widerspiegelnd ruht der See.«
Irgendwann kamen wir ins Bett, ir-
gendwie,vonDürrenmattsSpezialität
endgültig gefällt: Er liebte es, den
letztenSchluckmitdemSatzineinen
Schwenker zu gießenund die gleiche
MengeCognaczuzufügen.(MitCog-
nac trieb er auch sonst gern Scherze.
MarcEichelberg,derFreund,erinnert
sich,wieerimMünchnerHotelVier
Jahreszeiten einen Sommelier aus der
Fassung brachte, indem er hinter des-
sen Rücken einen Latour mit einem
ViertelCognacversetzteunddenirri-
tierten Gast spielte.) Fünf Stunden
späterhörteichSchritte.Dürrenmatt
waranderArbeit.SeineKonstitution
im Umgang mit Alkohol war un-
glaublich.
Wenn auch nicht grenzenlos. Es
wäreunredlichzuverschweigen,dass
ihm zeitweise der Sinn ebenso nach
Quantität wie nach Qualität stand
(die für ihn ohnehin eine Selbstver-
Tipps
Dürrenmatt
Labyrinth
Stoffe I-III
Der Winterkrieg in Tibet
Mondfinsternis
Der Rebell
Diogenes
Dürrenmatt
Labyrinth
Stoffe I-III
Der Winterkrieg in Tibet
Mondf Mond Mond insternis ff
Der Rebell
Diogenes
Diogenes Taschenbuch
detebe 23068, 336 Seiten
ständlichkeit war). Er war kein Wein-
degustator, er war ein Weintrinker.
Peter Bichsels Satz, »wäre im Wein
kein Alkohol, es gäbe auf der Welt
keinen einzigen Weinkenner«, wider-
legteDürrenmattjedenfallsnicht.Im-
mer wieder tauchen in den Agenden
der sechziger und siebziger Jahre
Stoßseufzerauf:»Zuvielgetrunken«,
»Weniger Alkohol!!!« Das betraf frei-
lich auch, mehr noch als seinen, den
Alkoholkonsum seiner Frau Lotti.
DermachteihmSorgen,underwuss-
te, dass er ihm Vorschub leistete, wo-
bei zu vermuten ist, dass er von den
wahren Ausmaßen des Alkoholkon-
sums seiner Frau entweder nichts
wusste oder nichts wissen wollte. Je-
denfalls wundert er sich in einem
Brief an seinen Freund Tuvia Rübner,
denisraelischenLyrikerundÜberset-
zer, dass Lottis Leberwerte sich nach
einer radikalen dreimonatigen Kur
(während der sie mehr als fünfzehn
Kiloabgenommenhatte)nochimmer
nichtnormalisierthatten.Eswareiner
der Momente, in denen er auch für
sichKonsequenzenzog,nichtzuletzt
ausSolidaritätzuLotti(aberauchauf
AnratenseinerÄrzte).Imundatierten,
sehr offenen Brief an Rübner (nach
dem Empfänger vom 16.7.1978)
schreibter,nachSchilderungvonLot-
tis Leidensweg: »Ich musste seit lan-
gem wieder Insulin spritzen, mein
Gewicht war nun auf 95 Kilo gestie-
gen.Ichnahmnichtmehrals1200Ka-
lorienzumir,seitMitteMärzbrauche
ichkeinInsulin,undmeinGewichtist
nun80Kilo.MeinFehlerwar,dassich
zu viel soff, meine Komödie: Jetzt
trinke ich mäßig, aber vertrage nur
noch Weißwein, den ich als Besitzer
des berühmtesten – und berüchtigs-
ten –RotweinkellersderSchweizüber
diesem–eristuntermeinemArbeits-
zimmer–mitmeinerFrautrinke.Wir
vertragen beide zusammen gerade
noch hin und wieder eine Flasche
Weißen–leiderversetztemichmeine
neueLebensweiseineineArbeitswut,
die ich eigentlich noch nie an mir er-
lebthabe.«Wielangersichdarange-
haltenhat,istnichtbekannt.

Peter Rüedi F
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Portrait einesPlaneten
Friedrich Dürrenmatt
EinFilmvon Charlotte Kerr
Director’s Cut
Neufassung 2006
2 DVD/194 Minuten Diogenes
2 DVD, Spieldauer 194 Minuten
ISBN 978-3-257-95140-0
DermonumentaleDokumentarflm
vonCharlotteKerr:Niewarder
EinblickindieArbeitsweiseund
GedankenweltDürrenmattsdirekter
undfesselnder.
Friedrich
Dürrenmatt
Labyrinth
Aus den ›Stoffen I -III‹
Diogenes
Hörbuch
Gelesen von
Wolfgang
Reichmann
»Dürrenmatts
Vermächtnis. Eines
der letzten großen
(deutschen) Werke
des 20. Jahr-
hunderts.«
Die Zeit
»Dürrenmatt ist der
große Kritiker der
›condition humaine‹.«
La Stampa
2 CD
2 CD, Spieldauer 124 Min.
ISBN 978-3-257-80028-9
»Ein Gebirge von einem Buch. Oder,
zerfurchte Landschaf eines Gehirns.
Erzählende Prosa, Erinnerung,
Philo sophie; Politik und Physik;
Bekenntnis und Entwurf. Es ist die
Summe des Privatnachdenkers
Dürrenmatt und der Ansatz einer
verweigerten Autobiographie und
zugleich eine Art Poetik: Dürren-
matts Vermächtnis. Eines der letzten
großen (deutschen) Werke des
20. Jahrhunderts.« Dieter Bach-
mann / Die Zeit, Hamburg
14 Diogenes Magazin
A
lsichzumerstenMalDürrenmatt
las,arbeiteteichalsBuchhändler
in Zürich. Ich war als gestrandeter
GymnasiastausderProvinz,ausEin-
siedeln, in diese neue, faszinierende
Welt gekommen. Für mich war das
wie ein Märchen – ich besuchte Aus-
stellungen,ginginsTheater,insKino,
manchmal dreimal am Tag. Es war
Ende der vierziger Jahre, die große
ZeitdesSchauspielhauses,dieZeitder
großen amerikanischen, französi-
schenunditalienischenFilme.
Ich hatte eine besondere Vorliebe
für Groteskes, Satirisches, las gerne
Heine, Busch, Morgenstern, Rin-
gelnatzund(Erich)Kästner,Poe,Wil-
de,Twainund(Evelyn)Waugh–und
eben (Friedrich) Dürrenmatt. Von
Inzwischenhatteicherfahren,dasser
selber zeichnete, häufig auch Karika-
turen – also genau das, was mich als
Verlegerinteressierte.
Dürrenmatt wohnte oberhalb von
Neuchâtel. Die erste Begegnung be-
stätigtedasBild,dasichmirvonihm
gemachthatte:Erwarherzlich,natür-
lich, umgänglich. Sein Humor beein-
druckte mich gewaltig, sein enormes
Wissen, seine Großzügigkeit, Unvor-
eingenommenheit und Unabhängig-
keit, seine Freude am Grotesken und
Makabren, seine Menschlichkeit, sein
demokratisches Benehmen – obwohl
erbereitsein›Dichterfürst‹war.
Er war ein großer Esser und ein
großer Trinker, und wir hatten einen
ähnlichenGeschmack:Bordeauxund
1952 veröffentlichte Daniel Keel in seinem neu gegründeten Verlag das erste Buch – mit einem
Vorwort von Dürrenmatt: »Als ich das erste Diogenes Büchlein mit Cartoons von Ronald Searle
veröffentlichte, war Friedrich Dürrenmatt so freundlich, dieses skurrile verlegerische Debüt mit
einem Vorwort zu unterstützen. Damals hätte ich mir nicht im Traum vorstellen können, einmal
das Gesamtwerk dieses großen Autors zu verlegen.« Hier erzählt Daniel Keel Persönliches
über den bewunderten Schriftsteller, der später Diogenes Autor und sogar zum Freund wurde.
Daniel Keel
Dürren-
matt
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Romulus dem Großenansaßichinje-
der Zürcher Dürrenmatt-Urauffüh-
rung,undichkauftemirseineBücher,
warverblüfftundbegeistert–daswar
eineSprache,dieichverstand.
1952 wurde ich selbst Verleger und
ließdasersteDiogenesBuchdrucken:
Weil noch das Lämpchen glüht,Zeich-
nungen von Ronald Searle. Dafür
suchteicheinVorwort,sozusagenals
Lokomotive, denn außerhalb von
England war Searle unbekannt. Und
soschriebichDürrenmattundschick-
te ihm die Zeichnungen. Ich dachte
mir, dass ihm das Makabre in Searles
Zeichnungen gefallen würde. Ich
täuschtemichnicht.
Erst Jahre später lernte ich Fried-
rich Dürrenmatt persönlich kennen.
15 Diogenes Magazin
Käse.BeieinemanderenBesuch,Paul
Flora war dabei, erkundigte er sich
nach unserem Jahrgang, verschwand
in seinem legendären Weinkeller und
bot uns dann, zu unserem Erstaunen,
WeineunsererJahrgängean.DieWei-
ne waren sensationell, wir tranken
auch einen fast hundertjährigen, und
Dürrenmatt zeigte uns die Kunst des
Weintrinkens: Dekantieren, Tempe-
rieren, Probieren. Paul Flora war so
begeistert, dass er im Morgengrauen
die leeren Flaschen den Berg hinun-
terschleppteundsiealsSouvenirsmit
nachHausenahm.
Ich hatte, wie gesagt, in jenen Jah-
renvorallemKarikaturenundSatiren
im Diogenes Programm. In Dürren-
mattsHaussahicherstmalsOriginale
seiner Zeichnungen und Gemälde,
und so entstand 1963 das Diogenes
Buch Die Heimat im Plakat, mit sei-
nen bösen Karikaturen über den
SchweizerChauvinismus;erhattesie
während verregneter Ferien für seine
Kindergezeichnet,indemJahr,alsin
Zermatt der Typhus ausgebrochen
war. Der Spiegel druckte zwar mit ei-
nerkleinenRezensioneinpaarZeich-
nungenab;dieSchweizerPresseaber,
allenvorandieNeue Zürcher Zeitung,
reagierte ziemlich sauer. Die Buch-
händler waren auch nicht begeistert;
das Buch war zu böse, zu kritisch,
schockierendundalsoeinFlop.
Irgendwann in den sechziger Jah-
renwarDürrenmatteinpaarWochen
in Zürich, für Proben am Schauspiel-
haus. Er pendelte zwischen Schau-
spielhaus und Kronenhalle und kam
eines Tages in meine Galerie in der
Rämistrasse. Er erzählte tausend Ge-
schichten, trank dazu eine halbe Fla-
sche Whisky und bot mir das Du an.
Ich fiel fast vom Stuhl und sagte:
»Nein, das kann ich unmöglich an-
nehmen.« Er schaute mich verständ-
nislos an, und ich sagte: »Ich empfin-
dezuvielRespektfürSie.«
In meiner Galerie stellte ich 1978,
nach langen Überredungsversuchen,
zumerstenMalBilderundZeichnun-
genvonDürrenmattaus,inseinerers-
ten Einzelausstellung. Dazu machten
wir ein zweites Buch: Bilder und
Zeichnungen, mit einer glänzenden
EinleitungvonManuelGasser.
Später einmal lud er meine Frau
und mich nach Basel ein, an die Fas-
nacht, den ›Morgestraich‹; er hatte
dortfürseineArbeitamTheatereine
Wohnung gemietet. Rührend küm-
merteersichumseineGäste,schlepp-
tekistenweiseWeinundBierausdem
Keller,undalsichhörte,dassselbstdie
jüngsten Schnösel vom Theater mit
ihm per Du waren, getraute auch ich
michendlich,denMeisterzuduzen.
Mein Respekt war ja durchaus be-
gründet. Dürrenmatt war ein Genie,
überlebensgroß, als denkender und
dichtender Universalist sprengte er
alleGrenzen.Fürmichwarerimmer
wieeinFels –einMeteorimSalatder
heutigen Literatur. Ich kenne keinen
anderen zeitgenössischen Schriftstel-
lervondieserBedeutung.
Für das Jahr 1981, zu Dürrenmatts
60. Geburtstag, wurde eine Gesamt-
ausgabevorbereitet,undichbemühte
mich bei seinem Verleger Peter Schif-
ferliumeineTaschenbuchlizenz.Und F
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Daniel Keel, morgens um vier in Neuchâtel
portraitiert von Friedrich Dürrenmatt, 1981
Daniel Keel als Galerist von Friedrich
Dürrenmatt bei einer Vernissage in Zürich,
1961
Anna Keel und Friedrich Dürrenmatt
mit einem druckfrischen Exemplar der
Taschenbuch-Werkausgabe, Zürich, 1981
Buchtipp
Das
Dürrenmatt
Lesebuch
Diogenes
Das
Dürrenmatt
Lesebuch
Diogenes
Diogenes Taschenbuch
detebe 22439, 480 Seiten
»Das Dürrenmatt-Lesebuch,
vonDanielKeelherausgegeben.
›Amust‹.DiesesBuchistnötig.
WennmanDürrenmattkennt,
zukennenglaubt –wennmanihn
nichtkennt.WennmaneineHilfe
brauchtbeiderAuseinandersetzung
mitdenchaotischenZeiten,in
denenwirleben,wennmanFreude
anGedankenundamDenkenhat.«
Maria Becker / Das Magazin, Zürich
16 Diogenes Magazin
1979 rief Dürrenmatt mich dann aus
heiteremHimmelanundfragtemich,
obichseinVerlegerseinwollte.
Einmal, nach einer verplauderten
Nacht in seinem Haus in Neuchâtel,
sagte er morgens um vier: »So, jetzt
weiß ich, wie ich dich malen kann.«
WirgingenhinaufinseinAtelier,und
dahatermich,hundemüde,mitroten
Augen und einem Glas in der Hand,
portraitiert und mir das Bild ge-
schenkt.
Heute erlebt Dürrenmatts Werk
eine wahre Renaissance, und seine
Theaterstücke werden wieder in aller
Welt gespielt. Er war seiner Zeit vor-
aus, in den letzten Jahren hatte er in
schönen Manuskripten – er schrieb
tatsächlich alles von Hand und in
Blockbuchstaben, wie ein Mönch –
unermüdlichNeuesgeschaffen;erwar
produktiver denn je. Sein Stil wurde
immermoderner,farbiger,präziser.Er
beherrschte alles – Drama, Prosa, Ly-
rik, Essay, Satire, Parabel, Pamphlet.
Erspielteeinfachaufeinembreiteren
Klavieralsandere.
ErhatteeinenheiligenZornaufdie
Zustände in seinem Land und in der
Welt und empfand darüber Trauer
undEnttäuschung.EineRedewiesei-
ne vieldiskutierte Havel-Laudatio ist
nicht irgendeine Nationalfeiertags-
rede, es ist politisch und literarisch
eine Jahrhundertrede. Dürrenmatt
sagte seine Meinung in einer Zeit, in
der niemand mehr eine eigene Mei-
nunghatodersiezuäußernwagt.
Nach dem Havel-Empfang saßen
wirnochbismorgensumdreizusam-
menineinerBar.Dieletzten,äußerst
angeheiterten Gäste merkten plötz-
lich: Das ist doch dieser berühmte
Dichter. Sie hielten ihn aber für Max
Frisch und wollten mit ihm über Ar-
chitektur diskutieren. Schließlich er-
kannten sie Dürrenmatt, spendierten
eine Runde Whisky, und einer von
ihnen sagte: »Wissen Sie, Herr Dür-
renmatt, ich bin nicht mit allem ein-
verstanden, was Sie schreiben – aber
imPrinziphabenSierecht.«
UndDürrenmattbrachinseinwun-
derbareshomerischesLachenaus.

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Serie
Denken mit
Friedrich
Dürrenmatt
Diogenes Taschenbuch
detebe 23493, 112 Seiten
Dürrenmatts Gedanken über
Geld und Geist, Politik und
Philosophie, Literatur und Kunst,
Gerechtigkeit und Recht,
Krieg und Frieden.
Denken
mit
Friedrich
Dürrenmatt
Diogenes
MicheldeMontaigne
Im nächsten Magazin:
Waseinmalgedachtwurde,
kannnichtmehrzurückgenommen
werden.
WereinengroßenSkandalverheimli-
chenwill,inszeniertambesteneinen
kleinen.
JeplanmäßigerdieMenschenvor-
gehen,destowirksamervermagsie
derZufallzutreffen.
NichtsgegendiegeistigeAusei-
nandersetzung,allesgegeneinen
faulenFrieden.Abervorallemalles
gegendiefürjedendenkenden
MenschenbeleidigendeEinteilung
inrechtsoderlinks,inmarxistisch
undfaschistisch,inprogressiv
undreaktionär,indiesedemFort-
schrittdesGeisteshohnsprechenden
mittelalterlichenKategoriendes
Entweder-oder.
DassderMenschunterhaltensein
will,istnochimmerfürdenMen-
schenderstärksteAntrieb,sichmit
denProduktenderSchriftstellereizu
beschäftigen.Indemsiedenmensch-
lichenUnterhaltungstriebeinkalku-
lieren,schreibengeradegroße
Schriftstelleroftamüsant,sieverste-
henihrGeschäft.
DieLiteraturmusssoleichtwerden,
dasssieaufderWaagederheutigen
Literaturkritiknichtsmehrwiegt:
Nursowirdsiewiedergewichtig.
DerVersuchderSchweiz,ewig
neutralzubleiben,erinnertaneine
Jungfrau,dieineinemBordellzwar
Geldverdienen,dabeiaberkeusch
bleibenwill.
DieMenschheithateineDiätnötig
undnichteineOperation.
ZumSchlussdrohtimmernochder
UntergangderMenschheit.Nicht
mehreinebloßeHypothese,tech-
nischistermöglichgeworden.Für
unsdieschlimmsteWendung,aber
fürdasLebenundfürdiesenPlane-
tendievielleichtbeste.
DieChanceliegtalleinnochbeim
Einzelnen.DerEinzelnehatdie
Weltzubestehen.Vonihmausist
alleswiederzugewinnen.Nurvon
ihm,dasistseinegrausameEin-
schränkung.
17 Diogenes Magazin
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Dürrenmatt-Zeich-
nung im Diogenes
Gästebuch, 1963
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Die Physiker
NachFukushimaaktuellerdennje.
»Dürrenmatthatdas›5vor12‹der
AtomuhrinunserGedächtnis
geschrieben.Miteinemsatanischen,
irrwitzigenGelächter« (Die Welt).
Frank V.
DieKomödieeinerPrivatbank,die
GaunereizurGeschäftsgrundlage
gemachthatundPleitezumrenta-
belstenGeschäft.Eineprophetische
VisionvonDürrenmatt,fast50Jahre
vorderFinanzkrisevon2007.
Der Pensionierte
DieserKriminalroman,dessen
fresssüchtigerHeldGottliebHöch-
stettlerdemKommissärBärlachaus
Der Richter und sein HenkerundDer
Verdacht wieausdemGesicht
geschnittenist,istFragmentgeblie-
ben.ZumGlückhatUrsWidmer
einenmöglichenSchlussgeschrieben.
Der Mitmacher
Ein Komplex
DerStaatübernimmt
dieGeschäftederUnter-
welt –undallemachen
mit.»Vonbeklemmender
Aktualität.Besserhat
keinerdenZeitgeist
heute,dieMitmacherei,
dieAnpasserei,dieSich-
Duckereigedeutet«
(ReinhartHoffmeister).
Achterloo
Theatertotal:einStücküberdas
TheaterunddieWelt.Dürrenmatts
letztesStück,seinAbschiedvom
Theater,vielleichtunspielbar,aber
alsLektüreeinGenuss.
Versuche
DerpefekteEinstiegfüralle,dieden
DenkerDürrenmattkennenlernen
wollen:seinewichtigstenEssaysüber
Kunst,Wissenschaft,Philosophie,
Politik,LiteraturundTheater.
Die Stoffe
»EinSchlüsselwerksowohlfür
DürrenmattsintellektuelleBiogra-
phiewieauchfürseinSpätwerk«
(RomanBucheli/ NZZ).Aberauch
einfacheinLese-AbenteuerundEin-
stiegindasUniversumDürrenmatt:
»DieGeschichtemeinerSchriftstelle-
reiistdieGeschichtemeinerStoffe.«
Romulus der Große
GesternWeltmacht,heuteHühner-
hof.Einherrlichfrechesundunter-
haltsamesTheaterspektakelüber
DekadenzundMacht,miteinemder
sympathischstenAntiheldendes
modernenTheaters.
Gespräche
DürrenmattwareinintensiverGe-
sprächspartner:ImDialogentwickel-
teerseineGedankenundStoffe.Die
vierbändigeAusgabederGespräche
istdieumfangreichsteeinesdeutsch-
sprachigenSchriftstellers.
»DürrenmattsLebenswerkistsoumfangreichundvielgestaltigwiedaskaumeinesanderenmodernenSchriftstellers.Das
bildnerischeŒuvrezunächstgarnichtgerechnet,umfasstesDramenundErzählungen,RomaneundEssays,Hörspiele
undDrehbücherinweitüber30 Bänden.DiesessounverwechselbareRiesenwerkistauchnachdemTodseinesAutors
eindunklerKontinent,vielfachunerhelltundunerprobt,einKontinentinBewegung,fürgeistigeÜberraschungenund
theatralischeAbenteuerwohlnochlangegut«(Gert Ueding / Die Welt, Berlin). AbermitwelchemBuchvonDürrenmatt
anfangen?HiersindneunBüchertipps–zumLesenoderWiederlesen.
»Dürrenmatt ist ein
Koloss der Literatur. Sein Werk
ein Kontinent.« Jochen Hieber, FAZ
Die Dürrenmatt-Werkausgabe ist in
37 Diogenes Taschenbüchern lieferbar
18 Diogenes Magazin
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Im Sommer 1989 schenkte Friedrich Dür-
renmatt der Schweiz seinen literarischen
Nachlass. Doch die Schenkung war nicht
bedingungslos: Die Eidgenossenschaft ver-
pflichtete sich, ein Literaturarchiv einzu-
richten, ähnlich dem Deutschen Literatur-
ar chiv in Marbach. Das Schweizerische
Literaturarchiv wurde am 11. Januar 1991
eröffnet – und feiert dieses Jahr sein
zwanzigjähriges Bestehen.
Am 27. Juni 1989 unterzeichneten Fried-
rich Dürrenmatt und Bundesrat Flavio
Cotti den Vertrag zur Gründung des
Schweizerischen Literaturarchivs. Ganz
rechts Alfred Defago, Direktor des Bun-
desamtes für Kultur
Seit der Gründung residiert das Schweize-
rische Literaturarchiv im Gebäude der
Schweizerischen Nationalbibliothek in der
Hallwylstrasse 15 in Bern.
19 Diogenes Magazin
j’avaismilleans.«IchhabemehrErin-
nerungen,alswennichtausendJahre
altwäre.SobeschreibtsicheineExis-
tenz,diemitihrerVergangenheitlebt
wie unter dem Gerümpel eines über-
stelltenDachbodens.
Eine Institution wie das Literaturar-
chivwirdvondenAufgabendesErin-
nerns und des Vergessens in funda-
mentaler Weise gefordert. Dies nicht
zuletzt deshalb, weil die kulturelle
Öffentlichkeit solche Fragen mit er-
staunlicher Sorglosigkeit behandelt.
EsgibtdafüreinSymptom.Manachte
darauf, wie die Medien im Zusam-
menhang mit der Literatur das Wort
vergessengebrauchen.Amhäufigsten
geschieht es so: Ein Journalist stößt
auf einen älteren Schriftsteller, von
dem er noch nie gehört hat, und er-
O
hne Erinnerung sind wir geistig
tot. Ohne Vergessen sind wir
seelisch gelähmt. Eine seltsame Wirt-
schaft. Sie betrifft auch die Kultur.
Wenn das kulturelle Gedächtnis ver-
schwindet,habenwirkeineMaßstäbe
mehr für die Leistungen der Gegen-
wart.Wennwirnurnochdiekulturel-
leVergangenheitsehen,verschwindet
dieschöpferischeLustaufdasNeue.
DieNotwendigkeitdesVergessens
ist uns weniger bewusst als die Not-
wendigkeit der Erinnerung. Dabei
können wir bei den Kindern sehen,
wie unbekümmert sie trotz ihrer jun-
genGehirnevergessen,wasihnenein-
geprägt oder aufgetragen wurde. Ge-
rade die jungen Gehirne trainieren
auchdieKunstdesVergessens.Dage-
gensagtderMelancholikerbeiBaude-
laire: »J’ai plus de souvenirs que si
Das Schweizerische Literaturarchiv in Bern ist die literarische Schatzkammer der Eidgenossen-
schaft. In den Hunderten von Regalmetern lagern zum Beispiel die handschriftlichen Korrektu-
ren zu Friedrich Dürrenmatts letzter Werkausgabe, die Manuskripte von Friedrich Glauser,
aber auch die bis heute unveröffentlichten Notizbücher von Patricia Highsmith – Prunkstücke
aus über 250 Nachlässen, 60 Autorenbibliotheken und den Archiven vieler lebender Schwei-
zer Autoren und Autorinnen. Ohne Friedrich Dürrenmatt würde das Archiv nicht existieren –
warum, das erzählt der Germanist Peter von Matt.
Peter von Matt
Vom literarischen
Gedächtnis der Schweiz
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klärtreflexartig,dieserAutorsei›heu-
tevergessen‹.Heute vergessen–dasist
eineFormel,dieesinsichhat.
Einerseitsentbindetsieden,dersie
braucht,vonderMühe,eineAutorin,
einen Autor überhaupt zur Kenntnis
zu nehmen. Andererseits unterstellt
sie, es gebe eine definierte Summe
dessen, was im Bereich der Literatur
allgemein bekannt sei. Was nicht da-
zugehört, ist heute vergessen und
brauchtdaherauchweiterniemanden
zuinteressieren.Kürzlichlasichinei-
ner angesehenen Zeitung, die Werke
von Heinrich Böll seien heute verges-
sen.DiesesachlichvorgebrachteFest-
stellungistvernichtend.Stattsichder
anregenden Frage zu stellen, wie ein
Nobelpreisträger25 Jahrenachseinem
Tod gesehen und eingeschätzt wird,
stößt man ihn mit seinem gesamten
20 Diogenes Magazin
Werk ins Nichts. Oft wird diese Dia-
gnose auch in die Vergangenheit pro-
jiziert, mit ähnlicher Fahrlässigkeit.
So war unlängst zu lesen, Wilhelm
Tell sei, bevor Schiller sein Stück ge-
schrieben habe, in der Schweiz völlig
vergessen gewesen. Dass nur der in-
tensive Kult, den das 18. Jahrhundert
und die Französische Revolution mit
unserem zielsicheren Helden trieben,
diesen Stoff für Schiller attraktiv
machte, ging dabei elegant verloren.
EinnäherliegendesBeispielistdieIh-
nen allen bekannte Feststellung, wo-
nach Robert Walser bei seinem Tod
1956 gänzlich vergessen gewesen und
erstindensiebzigerJahrenwiederent-
deckt worden sei. Tatsache aber ist,
dass der glänzende Kritiker Max
Rychner in seinem Nachruf auf Wal-
ser bereits auf die entstehende Ge-
samtausgabe hinwies und den wun-
derbaren Satz anfügte: Durch diese
Ausgabe »wird die Einzigkeit dieses
anders als wir versponnenen, anders
als wir wachen Dichters erst ganz
sichtbar, nämlich so, wie sie es ver-
dient und wie wir es noch nicht ver-
dient haben, sondern erst verdienen
müssen«. Und sein ebenso bedeuten-
der Kollege Werner Weber ging in ei-
nem Essay zu Walsers Tod auf die
ModernitätdesDichtersein:»InWal-
sers feinem Rundgang wird die Welt
ohneZielundHerkunftvorsichtigbis
zur Zierlichkeit besucht, abgesucht;
[…] und je genauer und kleinlicher
WalserdanneinenOrtbezeichnetund
benennt, desto mehr löst sich dieser
Ort in ein unmessbares All auf.«
Schreibt man so über einen Vergesse-
nen?
Heute vergessen / damals vergessen  –
derAusdruckhatimmeretwasGroß-
spuriges. Wer ihn gebraucht, erklärt
damit seinen eigenen Kenntnisstand
für allgemeinverbindlich. Erinnern
undVergessenvonLiteraturereignen
sichabernieaufeinereinzigenEbene.
Wir stehen vielmehr vor einem kom-
plexen Gefüge unterschiedlicher In-
stanzenundAkteure,diemiteinander
untergründig verbunden sind. Schon
innerhalb der Medienöffentlichkeit
gibt es große Unterschiede zwischen
denTagesnachrichten,dienurPromi-
nenz und Preise kennen, und einem
Kulturjournalismus, der von Fachleu-
ten verantwortet wird. Was dort als
vergessen gilt, kann hier zum gesi-
chertenBestandzählen.
VielausgeprägternochistdieDiffe-
renz zwischen der medialen und der
akademischenWelt.Inderuniversitä-
ren Forschung kann das angebliche
Vergessensein sogar zum inspirieren-
den Stimulus werden. Dazu tritt die
geographischeDifferenzierung.Sowie
esAutorinnenundAutorenvonloka-
ler,regionaler,nationalerundinterna-
tionaler Bedeutung gibt, gibt es auch
eine je andere kulturelle Erinnerung.
Gerade regionale Autoren können
eine wichtige Funktion im Selbstver-
ständnis ihrer Kantone und Landes-
teilehaben,könnendortsogarlänger
fortbestehen als nationale Figuren.
Wenn ein Schriftsteller unsterblich
werden will, sollte er in einer Klein-
stadtleben.Dabekommteroftschon
zu Lebzeiten einen Brunnen gewid-
met, und nach dem Tod wird mit Si-
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Wo einst Friedrich Dürrenmatt lebte, schrieb und malte,
steht heute ein Museum, das sein künstlerisches und literari-
sches Schaffen beherbergt. Dies ist der Initiative von Char-
lotte Kerr Dürrenmatt zu verdanken, die das alte Wohnhaus
mit dem steil abfallenden Garten der Eidgenossenschaft zur
Verfügung stellte – mit der einzigen Auflage, dieses in das
Gesamtkonzept eines neu zu errichtenden Centre Dürren-
matt nach dem Plänen von Mario Botta zu integrieren. Im
September 2000 schließlich wurde das CDN eröffnet.
Der Neubau des Schweizer Ar-
chitekten und Dürrenmatt-Be-
wunderers Mario Botta. Erste
Ideen für diesen Bau entwickel-
te er bereits 1992, im Mai 1998
wurden die Bauarbeiten begon-
nen und im September 2000 ab-
geschlossen.
Das Wohnhaus, das Dürrenmatt
seit 1952 bewohnte, inklusive
seiner Bibliothek und seiner
geliebten »Sixtinischen Kapelle«
(der Toilette), wurden in den
modernen Neubau gelungen in-
tegriert.
21 Diogenes Magazin
cherheiteineGassenachihmbenannt.
In den Metropolen gibt es für derlei
keineGarantie.Esistaberkeineswegs
ein Provinzphänomen, wenn die Re-
gion oder die Kleinstadt ihren Dich-
tern die Treue besser hält als die gro-
ßen Zentren. Es kann auch das
Zeichen für eine höhere Erinnerungs-
kultursein.
DasliterarischeGedächtnisistalso
niemals identisch mit einer imaginä-
renNamensliste.ZuseinenInstanzen
undAkteurengehörennebendenMe-
dien, den Schulen, den Universitäten
und den Kulturbehörden auch die
Verlage,gehörendieBibliothekenund
Archive. Es kommt nicht selten vor,
dass sich ein Verlag im Dienste eines
Autors verschuldet, der aus der Me-
dienöffentlichkeit verschwunden ist
und dem die Rückkehr dorthin dann
trotzdem verweigert wird. Aber es
kann auch sein, dass eine andere
Instanz diesen Impuls doch noch
aufgreift,einwacherKopfanderUni-
versität zum Beispiel oder ein Litera-
turhaus, das nicht dem Mainstream
nachläuft,sonderndieeigenenOhren
Jede Generation steht
auch vor der Aufgabe,
ihre eigene Vergangen-
heit neu zu gewinnen.
indenWindstellt.UndjetztsetztEr-
innerungsarbeit ein und pflanzt sich
fort, unaufdringlich, aber als lebendi-
gesGeschehen.
Nicht selten ist es übrigens die
spontane Begeisterung Einzelner, die
solche Prozesse in Bewegung setzt,
wie denn überhaupt die einsamen
KenneraufdiesemFeldenichtverges-
wig Hohl und Robert Walser wesent-
lich von den Schriftstellern mitgetra-
gen worden. Im Allgemeinen aber
haltensiesichmehrzurück,alsnötig
wäre.
DiemagischenErzählstimmenvon
ReginaUllmannoderAdelheidDuva-
nel, die lyrischen Intonationen von
PierreImhaslyoderWernerLutz,die
geschliffene Essayistik von Denis de
RougemontoderHerbertLüthywür-
denesverdienen,auchvondenKolle-
ginnen und Kollegen einmal öffent-
lich angesprochen zu werden. Und
schließlich sind hier noch die monu-
mentalen Leistungen der kritischen
Editionen unserer Gegenwart zu er-
wähnen. Die Jacob-Burckhardt-Aus-
gabe, die Keller-Ausgabe, die Bräker-
Ausgabe,dieRamuz-,dieWalser-,die
Meyer- und die Gotthelf-Ausgabe
sind Werke des Gedenkens und der
Textsicherung, die über Jahrhunderte
hin ausstrahlen werden, aber eher
tauchteinWalfischimLeutschenbach
auf, als dass einer dieser Obelisken
unserernationalenKulturineinerTa-
gesschauErwähnungfände.
sen werden dürfen. Von ihnen, die
manbaldalsEigenbrötler,baldalseli-
tärverschreitunddiekeineInstitution
zur Verfügung haben, können folgen-
reichste Anstöße ausgehen. Auch die
Schriftsteller selbst wären hier eigent-
lichgefordert.SiesindjainderRegel
sehreigenwilligeLeser,undihrWort
hatGewicht.SoistderKultumLud-
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Die Dauerausstellung im Centre Dürrenmatt ist dem umfangreichen
und vielseitigen Bildwerk von Friedrich Dürrenmatt gewidmet. Parallel
dazu werden regelmäßig Wechselausstellungen gezeigt, die mit Motiven
und Themen des Schriftstellers und Malers in Verbindung stehen.
Diogenes Magazin 22 22 Diogenes Magazin
Friedrich Dürrenmatt: Notizheft mit der ersten Idee zu
›Der Besuch der alten Dame‹
Auf der Fahrt im gemächlichen Regionalzug zwischen sei-
nem Wohnort Neuchâtel und Bern, wo seine Frau Lotti im
Spital lag, hatte Dürrenmatt im März 1955 den zündenden
Einfall für die Inszenierung seiner mörderischen Heimkeh-
rergeschichte, mit der er sich schon länger trug: der Bahnhof
als Scharnierstelle zwischen dem isolierten Städtchen Güllen
und der Welt, Szene des gescheiterten Empfangs der Milliar-
därin wie des Abschieds nach dem Vollzug ihrer Rache.
Friedrich Glauser: Zeugnis der Dienste in der französi-
schen Fremdenlegion
Sein Leben war ein permanentes Scheitern an den bürgerli-
chen Maßstäben, die dem 1896 in Wien Geborenen vom
Schweizer Vater als Zwangsjacke angezogen wurden. Dro-
gensucht, Kleindelikte und Aufenthalte in der psychiatri-
schen Klinik prägten seine Biographie. Der Ausbruch in die
Fremdenlegion 1921 war eine weitere Katastrophe, deren
fruchtbaren Ertrag die Romane ›Gourrama‹ und ›Die Fie-
berkurve‹ bildeten.
Hugo Loetscher: Alter Reisepass mit Visa-Stempeln
von Kambodscha und Thailand
Er war der große Reisende unter den Deutschschweizer Au-
toren. Weltoffenheit und Multikulturalität waren ihm kein
Lippenbekenntnis, sondern gelebte Existenz. Sein »Go East«
in den Fernen Osten setzte um 1970 ein und wiederholte sich
später immer wieder. Den kritischen Blick für die Verrückt-
heiten der Globalisierung verband er mit der Liebe zu den
vielfältigen lokalen Traditionen in der ganzen Welt.
Hermann Hesse: Korrigierte Reinschrift zum Roman
›Der Steppenwolf‹
Mit diesem Roman schrieb sich der 50-jährige Hesse 1927 in
die Weltliteratur ein. Legionen von Jugendlichen von der
Weimarer Republik bis in die USA der amerikanischen Hip-
pies um 1970 ließen sich von der bürgerlichen Krisenerfah-
rung und Ausbruchsphantasie anregen – und für die Literatur
begeistern.
Die Reiseschreibmaschine von Patricia Highsmith
Seit sie 1950 mit ihrem ersten Kriminalroman ›Zwei Fremde
im Zug‹ das nötige Geld für die Überfahrt verdient hatte,
reiste die Amerikanerin Patricia Highsmith während Mona-
ten in ganz Europa herum. Die Schreibmaschine war ihre
stetige Begleiterin auf den Reisestationen zwischen Sizilien
und Sussex, Griechenland und Gibraltar. In der zweiten Le-
benshälfte wurde sie sesshafter, die letzten fünfzehn Jahre bis
zu ihrem Tod 1995 verbrachte sie ruhig und zurückgezogen
im Tessin.
Ein »Cahier« von Patricia Highsmith
In 39 Studienheften der Columbia University notierte
Highsmith Reflexionen, Beobachtungen und literarische
»Keime«. Ein unerschöpfliches Reservoir der düsteren Phan-
tasie der Wahleuropäerin und Heimwehtexanerin entstand
so über die Jahrzehnte, aus dem sie ihre Erzählungen und
Romane destillierte. Im vorliegenden Heft, auf dessen Um-
schlag die Lebensstationen zwischen August 1968 und De-
zember 1969 festgehalten sind, finden sich unter vielem an-
derem die Ansätze zum Roman ›Ripley Under Ground‹.
Schätze aus
dem Schweizerischen
Literaturarchiv
Ausgewählt und kommentiert von
Ulrich Weber
23 Diogenes Magazin
24 Diogenes Magazin
Gewiss, auch das Vergessen ist nö-
tig. Mit dem Bewusstsein von Baude-
laires Melancholiker kann man kein
unternehmungslustigesLebenführen.
Jede Generation muss Ballast abwer-
fen, so wie die Kinder, wenn ihre El-
tern sterben, die Dinge, mit denen
diese gelebt haben, haufenweise vom
Brockenhaus abholen lassen. Aber
jede Generation steht auch vor der
Aufgabe, ihre eigene Vergangenheit
neu zu gewinnen. Deshalb muss die
Schweizer Geschichte nochmals und
nochmals geschrieben werden. Über-
diesgiltdieRegel:WasvoneinerGe-
neration radikal verabschiedet wird,
kann schon für die übernächste wie-
der brennend aktuell sein. Selbst wo
Vergessen lebensnotwendig ist, wo
das Mobiliar der Eltern entsorgt wer-
den muss, damit die Kinder atmen
können,darfalsoderWegzurücknie
ganzverbautwerden.
Doch wie soll das geschehen? Kann
man entsorgen und bewahren zu-
gleich? Niemand kann heute wissen,
wasanderkulturellenProduktionun-
serer Gegenwart in hundert Jahren
fasziniert. Was ist da zu tun? Zu tun
istgenaudas,wasdasSchweizerische
Literaturarchiv tut. Es unternimmt
den riskanten Spagat zwischen Erin-
nern und Vergessen, zwischen Ent-
sorgen und Bewahren. Es will den
kommenden Generationen den Weg
freihaltenzurückzujenerVergangen-
heit, die für sie einmal lebenswichtig
sein wird, obwohl wir selbst davon
noch keine Ahnung haben. Die höh-
nische Parole heute vergessen ist hier
kein Todesurteil, sondern ein Anlass
zuerhöhterAufmerksamkeit.
In Anbetracht seiner Unersetzlich-
keit ist dieses Literaturarchiv erstaun-
lichjung.Wiekamesüberhauptdazu?
DaicheinAugenzeugederimwörtli-
chenSinneerstenStundewar,darfich
mich hier öffentlich daran erinnern.
Die Idee eines nationalen Archivs
tauchteinderSchweizseitdenfünfzi-
ger Jahren immer wieder auf. Es ent-
stand aber nie eine breite Willensbil-
dung in Öffentlichkeit und Politik.
DennerstensbesaßmanjadieArchi-
ve der kantonalen Bibliotheken, und
zweitenserschienbeijederForderung
nacheinemnationalenLiteraturarchiv
wie in Flammenschrift jenes Schick-
salswort an der Wand, das hierzulan-
de über Sein und Nichtsein entschei-
det:»Daschoschtedaber.«
Zu Beginn der achtziger Jahre war
das Max-Frisch-Archiv gegründet
worden,undalsPräsidentderStiftung
hatte ich in der Folge schmerzlichen
Anteilnehmenkönnenandenfinanzi-
ellen Zwangslagen einer solchen
Schöpfung.Am23.Juli1987nunwur-
de ich vom kaufmännischen Leiter
desDiogenesVerlags,RudolfC.Bett-
schart, zu einem internen Gespräch
ser an den Hals zu setzen und zu sa-
gen:»IhrbekommtdenNachlassdes
großen Friedrich Dürrenmatt, wenn
ihr ihn zum Grundstein eines natio-
nalenLiteraturarchivsmacht.«Durch
das gewaltige Geschenk, dachten wir,
könnten jene drei ominösen Wörter
anderWand,das choschted aber,neu-
tralisiert werden, Dürrenmatt hätte
ein zunächst nur für ihn eingerichte-
teswissenschaftlichesArchiv,unddie
literarische Schweiz bekäme endlich
ihre lang ersehnte Institution der Be-
wahrungundBetreuung.
DasGroteskeanderSituationwar
natürlich, dass der Hauptakteur von
allem nichts wusste. Die Szene erin-
nertedurchausaneineIntrigantenver-
sammlung in einem Dürrenmatt-
Stück. Und wie es auf dem Theater
stets den Mann braucht, der uner-
schrockenzurTatschreitet,fandsich
dieser hier in der Person von Peter
Nobel.ErnahmdieSacheindieHand,
undwieerdastat,darobstehtmirin
derErinnerungheutenochderMund
offen. Über die einzelnen Schritte
wird er wohl selbst eines Tages Be-
richtablegen.Ichkannnursagen,dass
ichnieinmeinemLebeneinemsoun-
gestümen, zielsicheren, von keinen
Bedenken eingeschüchterten Vorge-
henbeigewohnthabe.
Schon zwei Wochen später, am
10. August, trafen Nobel und ich in
Bern Alfred Defago, den damaligen
DirektordesBundesamtesfürKultur,
um erste Sondierungen anzustellen;
imFrühlingdarauf,am29. April 1988,
fuhrenwirmitihmundweiterenMit-
arbeitern desBundesamtesnach Mar-
bach bei Stuttgart, um im Deutschen
Literaturarchiv zu studieren, wie so
etwas eigentlich aussieht. Ich weiß
noch, wie Defago bei der Heimreise
sagte,dasseinesolcheInstitutionalle
MöglichkeitenderSchweizweitüber-
steige,undwiePeterNobeldazunur
lachte.Vomanschließenden,allesent-
scheidenden Geschehen, den Gesprä-
chenmitFriedrichDürrenmatt,weiß
ichnichts.OhneseinJawortwäredas
Ganze eine Seifenblase geblieben.
Dass er zustimmte, war die entschei-
dende Tat, eine kulturelle und staats-
Dass Dürrenmatt
zustimmte, war die ent-
scheidende Tat, eine
kulturelle und staatsbür-
gerliche Leistung.
gebeten, an dem auch der Verleger
Daniel Keel und der juristische Bera-
terdesVerlags,derAnwaltPeterNo-
bel,teilnahmen.EsgingumdieFrage,
was mit dem Nachlass des Diogenes
Autors Friedrich Dürrenmatt eines
Tagesgeschehenkönnte,wasdaüber-
haupt möglich und denkbar wäre.
Zum Beispiel gab es die Vorstellung
eines Dürrenmatt-Archivs in Zürich,
inderNähedesVerlags,derjadieMa-
terialien in jedem Fall editorisch zu
betreuenhabenwürde.
Aufgrund meiner erwähnten Erfah-
rungenrechneteichvor,waseinesol-
cheInstitutionkostet,undsagte,was
ich immer sage: »Nachlässe gehören
indieöffentlicheHand.«Dasleuchte-
tezwarökonomischein,verbandsich
aber mit einem Unbehagen. Der Ver-
laghatteeinberechtigtesInteressean
einem bevorzugten Zugang zum un-
veröffentlichten Werk. Die Diskussi-
on lief besorgt hin und her, als plötz-
lich der Gedanke auftauchte: Das
wäre doch jetzt die Möglichkeit, der
EidgenossenschaftbehutsamdasMes-
25 Diogenes Magazin
bürgerliche Leistung, mit der sich
DürrenmattaufeineneueWeiseindie
GeschichteunseresLandeseinschrieb.
Nun musste es nur noch offiziell
werden, und darüber ergab sich eine
weitere Szene im Stil eines Dürren-
matt-Stücks. Im Hotel Bellevue in
Bern traf sich am 9. Dezember 1988
Friedrich Dürrenmatt mit dem Vor-
steher des Eidgenössischen Departe-
ments des Innern, Bundesrat Flavio
Cotti, der von Alfred Defago und ei-
nigen Mitarbeitern begleitet wurde;
PeterNobelundichwarenauchdabei.
DürrenmattsolltehierdemBundesrat
seine verbindliche Zustimmung ge-
ben. Er war in guter Stimmung und
erfüllt von seinem aktuellen Nach-
denken. Schon bei der Vorspeise be-
gannerüberdasWeltallzureferieren,
über dessen Anfang und auch sein
Ende,insbesondereüberdasEndeder
Erde, welches sich ereignen wird,
wenn unsere Sonne zu einem soge-
nanntenRotenRiesenaufschwilltund
alleihrePlanetenverbrennt.Wirhör-
ten gesammelt zu, nur der Bundesrat
räusperte sich gelegentlich und ver-
suchte, das Gespräch in die politisch
vorgeseheneRichtungzulenken.
Aber Dürrenmatt ließ sich nicht aus
dem Konzept bringen. Er kam vom
AndromedanebelaufdenOrionnebel
undvondiesemaufdenSiriusundzu
dessen winzigem Begleiter, der einst
selbst ein Roter Riese gewesen und
dann zu einem sogenannten Weißen
Zwerggeschrumpftwar.Einegewisse
BeklemmungmachtesichinderRun-
debreit,dennauchderHauptgang,es
gab gezöpfelte Forellen, war nun
schon langsam vorbei. Was geschieht,
dachten wir, wenn Dürrenmatt ein-
fach nichts sagt und sich am Ende
freundlich verabschiedet? Er hatte
dieses feine Lächeln im Gesicht, das
ich später bei seiner Rede über »die
SchweizalsGefängnis«wiedersehen
sollte,alsermitderheiterstenMiene
die grimmigsten Dinge äußerte. Da
kam es zu einer dramatischen Steige-
rung.
Plötzlich sprang die Tür auf, und
ein Bundesweibel betrat den Raum,
ging mit wehendem Mantel zu Bun-
desrat Cotti hin und flüsterte ihm et-
was ins Ohr. Cotti schien zu erblei-
chen, erhob sich mit einer flüchtigen
EntschuldigungundverließdenRaum.
Wir blickten uns ratlos an. Nur Dür-
renmattbliebvölliggelassenundkam
nunvomWeltallaufdasmenschliche
Gehirnzusprechen.Insbesonderedas
Verhältnis zwischen dem Gehirn und
dem Auge bewegte ihn tief, während
bereits das Dessert serviert wurde.
Zum ersten Mal bemerkte ich nun
auch bei Peter Nobel eine gewisse Ir-
ritation. Im Hintergrund zeigte ein
leises Klirren an, dass der Kaffee be-
reitgestelltwurde.
Da erschien der Bundesrat wieder,
setztesichohneweitereErklärungan
den Tisch und hörte von neuem zu.
Abereshattesichseinerjetztdochso
etwas wie eine andere Entschlossen-
heitbemächtigt,dennplötzlichunter-
brach er den Schriftsteller und kam
auf das Geschäft des Tages zu spre-
chen, die Frage des Nachlasses. Dür-
renmatt tat die Sache mit einem kur-
zen Satz ab: »Ja, ja, ihr könnt das
haben,aberihrmüsstdannsoeinAr-
chiv einrichten.« Jetzt waren alle er-
löst.HelleFreudeerfasstedieRunde,
und selten wurde ein Kaffee mit sol-
cher Begeisterung getrunken. Auf
demHeimwegabererfuhrenwir,dass
BundesrätinElisabethKoppwährend
dieses Treffens den Bundesrat über
das lange verheimlichte Telefonge-
spräch mit ihrem Mann in der soge-
nannten Shakarchi-Affäre unterrich-
tet hatte, weswegen sie drei Tage
späterzurücktretenmusste.Friedrich
DürrenmatthatteerneutunterBeweis
gestellt, dass er jederzeit und überall
mit den Grundkräften der Weltge-
schichteinVerbindungstand.
So hat das literarische Gedächtnis
derSchweizimSchweizerischenLite-
raturarchiv seine großartige Verkör-
perung gefunden. Wenn es zu den
bedenklichen Seiten unseres Litera-
turbetriebs gehört, dass Schriftstelle-
rinnenundSchriftsteller,diemanein-
mal lautstark gefeiert hat, oft wenige
Jahre später unbekümmert fallenge-
lassen werden, und wenn die Floskel
heute vergessenunsereÖffentlichkeit
eherzuerleichternalszubekümmern
scheint,sobesitzenwirindiesemAr-
chiv eine mächtige Gegenkraft, ein
Bollwerk des kreativen Erinnerns,
undwirsolltendenFrauenundMän-
nern, die es so kompetent aufgebaut
haben, es täglich erweitern und wis-
senschaftlich auswerten, unseren
Dank nicht nur am heutigen Feiertag
aussprechen.

FestredeanlässlichderFeierzumzwanzigjährigenBe-
stehen des Schweizerischen Literaturarchivs in Bern
am14.Januar 2011.
Buchtipp
224 Seiten, Carl Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-23298-3
Diogenes Taschenbuch
detebe 23006, 256 Seiten
MitLustundLiebe,mitListund
TückebringtPetervonMattGedichte
undLeserzusammen.Einerder
intelligentestenundwitzigsten
InterpretenderkleinenForm
erschließtunsindiesemBuchsechzig
lyrischeFundstückeoderKlassiker.
SeinLebenlanghatFriedrich
DürrenmattüberdieSchweiz
nachgedachtundgeschrieben,
vonseinererstengroßenErzählung
Die Stadtbiszuseinerradikalen
Havel-Rede1990.EinLesebuch.
Friedrich
Dürrenmatt
Meine
Schweiz
Ein Lesebuch
Diogenes
Friedrich
Dürrenmatt
Meine
Schweiz
Ein Lesebuch
Diogenes
26 Diogenes Magazin
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27 Diogenes Magazin
Dürrenmatt
Ein Leben in Bildern
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Buchtipp
Sein Leben in Bildern
Diogenes
Dürrenmatt Dürrenmatt
Sein Leben in Bildern
Diogenes
ca. 304 Seiten, 22 x 27 cm, Leinen, Vierfarbendruck
ISBN 978-3-257-06766-8
NOVEMBER
DieLebensgeschichtevonFriedrich
DürrenmattinBildern.
MitvielenTextenausdemNachlass
undHundertenvonunveröfent-
lichtenFotosausdemPrivatarchiv
desAutorsundvonCharlotte
KerrDürrenmatt.
Konolfingen im Emmental, im Vordergrund die »Milchsiederei«
mit dem Kamin, im Hintergrund die Kirche von Konolfingen
mit dem Pfarrhaus, in dem Dürrenmatt am 5. Januar 1921 als
Sohn des reformierten Pfarrers geboren wird
Seit der Schulzeit ist Dürren-
matt fasziniert von der
Astronomie und beobachtet,
beschreibt, zeichnet und malt
sein Leben lang den Sternen-
himmel, die Planeten und
den Weltraum. Bleistift-
Zeichnung des 12-Jährigen
Die Zeichnung ›Schweizer-
schlacht‹ ist Dürrenmatts
»Erstveröffentlichung«.
Sie wurde 1934 im ›Pestalozzi-
Kalender‹ abgedruckt.
Der 13-Jährige wurde dafür
mit einer Uhr ausgezeichnet.
Dürrenmatt mit seiner Schwes-
ter Verena: »Ich war ein
kriegerisches Kind. Oft rannte
ich als Sechsjähriger im Garten
herum, mit einer langen
Bohnenstange bewaffnet, einen
Pfannendeckel als Schild, um
endlich meiner Mutter erschöpft
zu melden, die Österreicher
seien aus dem Garten gejagt.«
Schon bald malte Dürrenmatt
lieber Schlachten, als sie
nachzuspielen.
Links: Friedrich Dürrenmatt, ca. 1943, und das
Faksimile eines autobiographischen Textes, 1957
28 Diogenes Magazin
Dürrenmatt in den 1940er-Jahren. »Ich wollte ja
eigentlich Maler werden.« Dass er Künstler werden
muss, ist ihm spätestens seit der Maturität klar, doch
er »[bewege] sich zwischen Schriftstellerei und
Malerei«. Später wird er resümieren: »Es ist sehr
entscheidend, dass ich kein Maler geworden bin; es
ist vermutlich einer der entscheidendsten Momente
meines Lebens.« Trotzdem malt und zeichnet
Dürrenmatt zeitlebens, meistens nachts.
›Die Astronomen‹, Gouache von
Dürrenmatt, 1952
Selbstportrait, Tusche auf Papier,
ca. 1943
Die Toilette in Dürrenmatts
Haus in Neuchâtel,
»Sixtinische Kapelle«genannt.
Wie schon als Student in
der Mansarde in Bern und
später in Basel bemalt Dürren -
matt auch in Neuchâtel die
Wände der Toilette vollständig,
heute zu besichtigen im
Centre Dürrenmatt.
Das Originalmanuskript von
Dürrenmatts erstem
Prosatext ›Weihnacht‹, den er
nach einem Besuch des
Büchner-Gedenksteins am
24. Dezember 1942 in Zürich
niederschreibt, als er noch
Student der Philosophie und
Germanistik ist. 1946 beendet
Dürrenmatt das Studium,
ohne seine geplante
Dissertation zu Søren
Kierkegaard auch nur
anzufangen, entschlossen,
Schriftsteller zu werden.
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29 Diogenes Magazin
Schon im Spätsommer 1943 trägt Dürrenmatt den Stoff seines ersten
Stücks ›Es steht geschrieben‹ mit sich herum, es entsteht schließlich
zwischen 1945 und 1946, kurz bevor er den Beschluss fasst, das
Studium abzubrechen. Die Uraufführung findet am 19. April 1947
im Schauspielhaus Zürich statt und wird zum Theaterskandal,
Zuschauer verlassen unter Protest den Saal: »Es wurde gescharrt,
es fielen vereinzelte Zwischenrufe. Schließlich wurde heftig getram-
pelt und gepfiffen und die föhnige Atmosphäre hätte beinahe zu
Handgreiflichkeiten im Parkett geführt«, kommentiert die ›Neue
Zürcher Zeitung‹ den Abend. Nach diesem Paukenschlag ist
Dürrenmatt als Schriftsteller zwar in aller Munde, die junge Familie
(am 6. August kommt der Sohn Peter auf die Welt) lebt jedoch weiter
von der Hand in den Mund.
Um Geld zu verdienen, schreibt er den Kriminalroman ›Der Richter
und sein Henker‹, der zuerst als Fortsetzungsroman in der Wochen-
zeitschrift ›Der Schweizerische Beobachter‹ erscheint – Dürrenmatts
erster Publikumserfolg. Der Welterfolg des Stücks ›Der Besuch der
alten Dame‹ entledigt Dürrenmatt aller Geldsorgen und macht aus
ihm einen modernen Klassiker zu Lebzeiten, eine Rolle, gegen die
Dürrenmatt zeitlebens, auch schriftstellerisch, aufbegehrt.
Die Schauspielerin Lotti Geissler,
ca. 1936, die Dürrenmatt im
Oktober 1946 heiratet. Wenige
Tage nach der Hochzeit ziehen
Dürrenmatt und Lotti nach
Basel, wo Lotti unregelmäßig
am Theater spielt und auf ein
festes Engagement hofft,
während Dürrenmatt versucht,
mit seiner Schriftstellerei Geld
zu verdienen.
Dürrenmatt, ca. 1943
Links: ›Der Richter und sein
Henker‹, Erstausgabe im
Benziger Verlag, 1952.
Rechts: das Programmheft
der französischen Aufführung
der ›Alten Dame‹ 1961 in der
Comédie de l’Est in Paris
Eintrittskarte zur Premiere des ersten Dürrenmatt-Stücks,
1947 im Schauspielhaus Zürich
Dürrenmatt, ca. 1948,
mit Sohn Peter, dem ersten
seiner drei Kinder
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30 Diogenes Magazin
Ausgewählte Spätwerke:
›Turmbau‹, der zweite Band
von Dürrenmatts auto-
biographischem ›Stoffe‹-
Projekt (1990), ›Achterloo‹ (1983)
und der Roman ›Justiz‹ (1985),
der zum Bestseller wird
Späte Ehrung: 1986 wird Dürrenmatt
mit dem Georg-Büchner-Preis
ausgezeichnet (rechts: Anna und
Daniel Keel).
1952 wird der jungen, inzwi-
schen fünfköpfigen Familie
günstig ein Haus am Stadtrand
von Neuchâtel, hoch an einem
Hang gelegen, angeboten.
Die 60 000 Franken Kaufpreis
finanziert Dürrenmatt zum
Teil aus dem Erbe seines Tauf-
paten, das Übrige pumpt er sich
zusammen. Es wird sein »Ort
hinter dem Mond«: »Man kann
heute die Welt nur noch von
Frisch und Dürrenmatt: Die zwei berühmtesten Schweizer Autoren
des 20. Jahrhunderts verband eine kritische, respektvolle, und doch
schließlich gescheiterte Freundschaft.
Nach dem Tod seiner ersten Frau Lotti heiratet Dürrenmat 1984
die Schauspielerin und Regisseurin Charlotte Kerr, die ihn in seiner
Arbeit zum Spätwerk inspiriert.
Punkten aus beobachten, die
hinter dem Mond liegen, zum
Sehen gehört Distanz.« Nach
dem Welterfolg der ›Alten
Dame‹ wurden zwei weitere
Häuser auf dem Gelände dazu-
gebaut.
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31 Diogenes Magazin
ErgreifedieFedermüde
schreibedeineGedankennieder
wennkeineFragenachStildichbedrängt.
Esistheutewiedervieleszudurchdenken.
Felderliegenbrach,dieeinstFrüchtetrugen.
DasMöglicheistungeheuer.DieSucht
nachPerfektion
zerstörtdasmeiste.Wasbleibt
sindSplitter
andenensinnlosgefeiltwurde.
Beginne,dasSonnensystemzusehen.
Liebe
auchPluto.Dochwer
machtsichschonGedankenüberihn!
Ichaber
spüreseinKreisen,ahne
diekleineKugel,dieglattgeschliffene.
Alleslässtsichbesserschreiben
DarumlassdieschlechtereFassungstehn.
NurbeimWeitergehenkommstduirgendwohin
wohin?
Fernvondir.
Geheweiter.LotsWeib
erstarrtebeimZurückschauen.
Erstarrtnicht.Korrigiertnicht.
Wagt!
Hörenieaufandere.
TrachtenichtdanacheingutesBuchzuschreiben
MachekeinenPlanundwennduihnmachst
führeihnnichtaus
DerPlangenügt.
Nichts
istnotwendig.DasSpiel
kannjederzeitabgebrochenwerden.
EsgibtSätze,diestarkmachen
dochbrauchensienichtnieder-
geschriebenzuwerden.
LösedeineHand.
EskommtnieaufdieSätzean.Nurdas
Werkalleinzählt.
DieNarrenkritisiereneinenSatz
WenigesehendasGanze.
Gottkanndichverlassen
Godysolldichverlassen.Gedicht aus dem Nachlass
»Friedrich Dürrenmatt ist nicht unser Richter,
aber vielleicht unser Gewissen, das uns nie in
Ruhe lässt.«Marcel Reich-Ranicki
»Der Dialog mit Dürrenmatt ist nicht zu Ende –
er beginnt erst, und wir werden Mühe haben,
in Friedrich Dürrenmatts mächtigem Schatten,
ihn zu bestehen.« Walter Jens
Friedrich
Dürrenmatt
1921–1990
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