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Sommer 2012

Magazin

Diogenes

Anna Stothard Eine Engländerin in L. A. Ein Autor, seine Stadt
Martin Suter über Zürich Benedict Wells über Barcelona

Mit Andrej Kurkow Thema
Bücher als Filmstars

auf ostalgische Zeitreise

www.diogenes.ch
4 Euro / 7 Franken

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783257 850109

Amuse-Bouche

Martin Suter

Die Business Class macht Ferien
H
unold kann auch abschalten und nur für die Familie da sein. In der Regel Ende Juli. Dann lässt er die Firma Firma sein und geht in die Sommerferien. Zwar nicht vier Wochen wie Linda und die Kinder, aber immerhin zehn Tage. Es kommt ja nicht in erster Linie auf die Länge an, die Intensität ist es, die zählt. Und in punkto Intensität ist Hunold stark. Er kommt so Mitte der zweiten Woche und meidet damit die gehässigen ersten Tage. Bei seiner Ankunft sind die Sonnenschutzfaktoren schon runter auf zehn, und Annina (7) und Terry (9) wissen, wo es die beste Pizza gibt und was »ein Magnum mit Mandelsplitter« in der Landessprache heißt. Linda ist braun genug für die neue Feriengarderobe und bewegt sich mit der Nonchalance einer erschöpften Mutter von zwei kleinen Kindern nach zehn Tagen Kampf gegen Ultraviolett, Quallen, Hitze und unterschiedliche Auffassungen in fast allen Fragen des täglichen Lebens. Wenn Hunold ankommt, ist die Familie bereit für ihn. Den Abend nach seiner Ankunft widmet er Linda. Sobald sie die Kinder ins Bett gebracht hat, besitzt sie seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Dann kann sie ihm einmal all das erzählen, wofür ihm sonst seine Managementaufgaben (letztlich ja seine Aufgaben als Ernährer) keine Zeit lassen. Das ist der Moment, wo er zuhört, wo er alles wissen will über die kleinen Sorgen und Sensatiönchen des Alltags einer Mutter zweier Kinder und Frau eines Executive Vice President der Schweizer Niederlassung eines internationalen Markenartiklers. Wenn es nicht zu spät wird oder einer seiner praktischen Ratschläge zu Haushaltführung oder Kindererziehung zu einer Verstimmung
geführt hat, intensiviert er nach dem Zubettgehen die Beziehung auch noch über das rein Geistige hinaus. Der Tag gehört dann der ganzen Familie. Er beginnt mit dem gemeinsamen Frühstück. Sich hinsetzen, sich zuwenden. »Wie würdest du Qualle schreiben, Annina?« – »Wie heißt das Land, wo wir sind, und wie seine Hauptstadt, Terry?« Kinder sind ja so wissensdurstig. Das Programm des ersten Tages sieht keinen Strandbesuch vor. Das hat vor allem pädagogische Gründe. Hunold will mit dieser unpopulären Maßnahme seine natürliche Autorität von Anfang an wiederherstellen, Kinder brauchen Führung, sie wollen, dass ihnen jemand sagt, wo es langgeht. Natürlich ist das im Normalfall Linda, aber kann eine Mutter auf die Länge den Vater ersetzen? Ein Tag ohne die Ablenkung des Strandlebens verbessert die Intensität des Zusammenseins. Und auch die persönliche Erreichbarkeit am ersten Tag seiner Firmenabwesenheit. Hunold beschäftigt sich also rückhaltlos mit seinen Kindern. Was sind das für kleine Menschlein, die er hier führt, für die er sorgt, die zu ihm aufschauen, die ihm vertrauen? Welche seiner Bewegungen, Züge, Charaktereigenschaften, Talente entdeckt er in ihnen wieder? Wie kann er wecken, motivieren, fördern? Er versucht ihnen die Landessprache des Ferienortes näherzubringen, denn Kinder lernen Sprachen ja so leicht. Er bemüht sich, ihren Ekel vor Fisch zu überwinden, denn Kinder brauchen Phosphor und Magnesium. Er erzählt ihnen ausführlich über seine Tätigkeit als Executive Vice President, denn Kinder wollen wissen: Was ist das für ein Mensch, mein Papi? Was tut er, wenn er am Morgen früh weggeht und am Abend spät zurückkommt? Im Bett nach dem ersten gemeinsamen Ferientag fragt Annina ihre Mutter: »Wievielmal schlafen, bis Papi wieder arbeiten muss?« »Achtmal«, antwortet Linda Hunold, ohne nachzurechnen.

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Buchtipp

ca. 208 Seiten, Diogenes Paperback ISBN 978-3-257-30009-3 August

Business as usual? Nicht ganz. Die Business Class macht Ferien. Sie arbeiten im mittleren Management mehr oder minder bedeutender Unternehmen. Sie tragen so klingende Namen wie Huber, Lehmann oder Glaser, und sie sind schrecklich erschöpft von all den Verteilungskämpfen am Kaffeeautomaten. Dann ist es so weit, endlich Ferien. Und was machen sie daraus? Lesen Sie selbst und nehmen Sie sich bitte kein Beispiel! »Ideale Lektüre für den geplagten Manager im Liegestuhl. Wirkt wie ein Glas Rotwein am Abend.« Annemarie Stoltenberg / Hamburger Abendblatt

Foto Titelseite: © Charles Hopkinson / Camera Press / Keystone

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Ersatz für das leidige

Editorial
»Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermüdendem Lesen.« Virginia Woolf Aber auf Erden wird der Leser doch immer wieder gestört:

Dienstag

Thema Bücher als Filmstars
Mittwoch

Am Anfang war das Buch 56 Privat zeigt der Filmemacher John Waters Stil: Am liebsten sitzt er nämlich zu Hause und liest. Das Buch ist aber besser 58 Über Romane, vor allem einen von Friedrich Dürrenmatt, und ihr zweites Leben auf der Leinwand Loriots Filmmonster 64 Federico Fellini 68 Der Meisterregisseur als Erzähler

Patricia Highsmith 28 Die Grande Dame der Kriminal­ literatur nimmt uns mit auf eine Grand Tour um die halbe Welt und gewährt Einblicke in ihr Tage­ buch und in ihre Seele.

Interviews
Anna Stothard Jessica Durlacher Martin Walker Andrej Kurkow Jean-Jacques Sempé Anthony McCarten Ingrid Noll 4 20 38 40 48 72 83
Illustration ganz links: © Bosc; Illustration links: © Chaval; Foto rechts: © Schweizerisches Literaturarchiv, Bern

Donnerstag

Freitag

Marion Gräfin Dönhoff 70 im falschen Film Anthony McCarten 72 über die Verfilmung seines Romans Superhero

Samstag

Adam Davies über Kinoschurken

74 Amuse-Bouche Impressum / Vorschaufenster 1 94

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Diogenes Magazin Nr. 10

Inhalt

Illustration oben: © Saul Steinberg; Foto links: © Bastian Schweitzer / Diogenes Verlag; Illustration Mitte: © Jean-Jacques Sempé; Foto rechts: © Charles Hopkinson / Camera Press / Keystone

Andrej Kurkow 40 Sein neuer, wie immer witzigsurrealer Roman, Der Gärtner von Otschakow, ist ein Zeitreiseroman, der die Leser ins Jahr 1957 entführt. Im Interview erzählt er, wie ihm die Idee dazu kam – und von seinem innigen Verhältnis zu Kakteen. Auch angesichts der unhaltbaren politischen Zustände in seiner ukrainischen Heimat verliert Andrej Kurkow nicht seinen Humor, wie er in einem Essay zeigt.

Jean-Jacques Sempé 48 Zu seinem 80. Geburtstag beschenkt Sempé seine Fans mit einem wunderbaren Buch über die Kindheit. Und erinnert sich an seine eigene, nicht wirklich glückliche.

Anna Stothard 4 Ein bizarres Hotel, ein Sommer in L. A., eine erste Liebe, die unmöglich erscheint. Und wie man herausfindet, wer man ist, indem man begreift, wer man nicht ist. Nicht nur der Roman Pink Hotel ist eine Entdeckung – auch die junge Autorin Anna Stothard aus London.

Paulo Coelho 24 Lesen bildet, Reisen auch. Der brasilianische Bestsellerautor gibt überraschende Tipps.

Amélie Nothomb 18 Japan – Mon Amour Miranda July 78 Schriftstellerin, Filmemacherin, Künstlerin – und: Allesleserin Lesen mit Stil 80 Martin Suters Seriendetektiv Allmen gibt Leseempfehlungen. Henry David Thoreau 88 Zum 150. Todestag eine Hommage von John Updike auf den Autor von Walden
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Rubriken
Das erste Mal 33 Hugo Loetscher Ein Autor – Eine Stadt Zürich mit Martin Suter Barcelona mit Benedict Wells Die einsame Insel Donna Leon 77

Literarisches Kochen 84 mit Anthony McCarten 34 36 Kopfnüsschen Denkspiele Wer schreibt hier? Gewinnspiel 86 95

Lesefrüchtchen 51 Top 10 Kinoschurken von Adam Davies 74

Mag ich – Mag ich nicht 96 Marion Gräfin Dönhoff

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Anna Stothard (28), eine neue, junge Stimme der englischen Literatur, im Porträt The Times über den Roman Pink Hotel: »Unglaublich gut. Anna Stothard schreibt vollendet und fesselnd.«

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Foto: © Charles Hopkinson / Camera Press / Keystone

Interview

Ein Gespräch mit Anna Stothard

Ich war schrecklich verliebt in diese Stadt
Die junge englische Autorin erzählt von ihrer großen verflossenen Liebe Los Angeles, von Familiengeheimnissen, einem Abendessen mit Ted Hughes, Sappho und Truman Capote, und natürlich von ihrem Roman, Pink Hotel. Einen Auszug daraus können Sie im Anschluss an dieses Gespräch lesen.
Diogenes Magazin: Der englische Sänger Morrissey hat einmal gesagt: »Gewöhnlich lebe ich in Los Angeles, wenn man das Leben dort gewöhnlich nennen kann.« Sie selbst haben zwei Jahre in L. A. gelebt. Wie erging es Ihnen dort? Anna Stothard: Jede Nation ist in dieser Stadt vertreten. Ich habe zwischen Little Armenia und Thai Town gelebt. Dort war es vollkommen ›gewöhnlich‹, dass ich, wenn ich samstags aus meiner Wohnung kam, gleich in einen armenischen Hochzeitszug geriet, um danach über eine Thailänderin zu stolpern, die am Straßenrand kauerte und Orangen schälte oder im knallbunten Schrein gegenüber einem Massagesalon gerade Weihrauch verbrannte. Das ist Hollywood, nur ist es eben etwas ganz anderes als das, was die Leute sich vorstellen, wenn man ihnen sagt, man habe in Hollywood gelebt. Anything goes – die Stadt ist so, wie man sie haben will. Ich ging dort auf die Filmschule, und wir drehten jede Menge Kurzfilme: auf gefakten Vorstadtstraßen oder gefakten New Yorker Straßen. Wir machten aus ›echten‹ koreanischen Tierhandlungen Märchenkulissen, wir bemalten Tonbühnen, dass sie aussahen wie Apartments nach dem Weltuntergang. Alles ist dort formbar, alles ist surreal. Ich bin ganz Morrisseys Meinung. Zumindest in den ersten drei Vierteln des Buchs zeigt sich deutlich, dass sie selbst nicht weiß, wer sie ist. Sie hatte keine Mutter, mit der sie sich hätte vergleichen können. Mir selbst ist erst nach der Hälfte des Romans aufgefallen, dass sie bislang niemand beim Namen gerufen hatte  – und das, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt einen hatte: in meinem Kopf. Es war so, als müsse sie sich ihn noch verdienen. Erst am Ende des Romans beginnt sie zu begreifen, wer sie eigentlich ist. Am Anfang der Geschichte ist sie fast eine Art Geist. Sie denkt sogar, die Leute würden sie nicht sehen. In der Mitte des Buchs trägt sie dann die Kleider ihrer Mutter und tut so, als sei sie eine tiefsinnige Figur. Am Schluss erkennt sie, dass sie nicht wie ihre Mutter ist, und auch nicht das sein sollte, was David, ihre erste Liebe, aus ihr machen will. Dass sie ihren Weg alleine gehen und selbst entdecken muss, wer sie ist. Sie sind nach zwei Jahren aus Los Angeles weggezogen. Warum? Ich war begeistert darüber, L. A. hinter mir zu lassen. Lange war ich schreckDiogenes Magazin

In Los Angeles sind alle immer kurz davor, ihr Leben radikal zu ändern.
Auch mein Roman Pink Hotel handelt nicht von dem L.  A., das alle zu kennen meinen: Meine Heldin fährt zum Beispiel nicht Auto, sie nimmt den Bus. Genauso habe ich es auch gemacht. Im Bus hocken all diese verrückten Figuren, die an der Peripherie oder im Untergrund der Stadt leben. Was jeden Leser Ihres Romans umtreibt: Warum hat die Heldin, ein 17-jähriges Mädchen, das von London nach L.  A. reist und dort weiter in die Vergangenheit ihrer Mutter, keinen Namen?

Foto: © www.f1online.de

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lich verliebt in diese Stadt. Und das, obwohl ich nie vorgehabt hatte, dort zu leben. Ich war auf einem Roadtrip durch Nevada und Kalifornien gewesen. Geschlafen habe ich hinten im Auto einer Freundin. Sie landete schließlich in San Francisco, und ich in diesem gigantischen pinken Hotel in Venice Beach: ein Art-déco-Bau, ein Paradies für Backpacker – wirklich sagenhaft. Ich kam dort mitten in der Nacht an. Im Hotel tobte noch eine Party: Auf den Feuerleitern saßen Bongotrommler, Marihuanarauch hing in der Luft, überall wurde getrunken. Ich war überzeugt gewesen, dass ich L.  A. nicht mögen würde. Schließlich kannte ich ja die Bücher von Nathanael West und Christopher Isherwood. Aber es ist ein ganz unglaublicher, ein elementarer Ort. L. A. ist viel interessanter, als die Klischees uns glauben machen. Ich habe es geliebt. Nun ja, und irgendwann habe ich mich dann wieder entliebt. Es gab da diesen einen Moment. In L. A. ist jeder versessen aufs Geschichtenerzählen, aufs Filmemachen, ein Coming-ofAge-Roman passt sehr gut dort hin. Weil alle gerade im Begriff sind, ihr persönliches Coming-of-Age zu erle-

ben. Alle sind immer kurz davor, ihr Leben radikal zu ändern. Noch ist es aber nicht so weit. Mittags sieht man überall Leute ihren Drehbuchtext lernen. Jeder hat ein Script unter dem Tisch liegen. Auf eine Art ist das natürlich ein großer Fake, aber definitiv gibt es dort eine große Leidenschaft für gute Storys. Eines Tages ging ich also zu meinem Liquorstore, The Pink Elephant, derselbe Laden übrigens, in dem Charles Bukowski den Alkohol gekauft hat, der ihn schließlich umgebracht hat. Der Platz davor war mit Polizeitape ab­ gesperrt, lauter Polizisten standen herum. Ich bin davon ausgegangen, es handle sich um ein Filmset. Mein erster Gedanke: Vielleicht kann ich dort Kontakte machen, wichtige Leute kennenlernen. Zu meiner eigenen Schande stellte sich heraus, dass ein Mann umgebracht worden war, grausam zer­ stückelt, und dann vor dem Pink Elephant in den Müllcontainer gestopft worden war. Als ich merkte, dass ich den Tatort eines grässlichen Mords in dieser Stadt immer für ein Filmset halten würde, wusste ich, dass es Zeit war fortzugehen. Ich ging zurück nach London.

In London vermisste ich L.  A. und schrieb Pink Hotel. Wollten Sie schon immer schreiben? Ich habe es einfach immer getan. Ob ich es wollte, darüber habe ich eigentlich nie nachgedacht. Als Kind saß ich meistens allein in meinem Zimmer. Vor kurzem habe ich meine ersten Geschichten gefunden, die ich mit fünfzehn Jahren geschrieben habe, absolut verstörende Geschichten. Sie spielen im Zirkus und handeln von Kindern mit übersinnlichen Fähigkeiten. Da gibt es dieses gruselige Mädchen, ich habe keine Ahnung, wie ich darauf gekommen bin, die eine Meerjungfrau sein will und immer wieder versucht, sich zu ertränken. Was hat es mit den Liebesbriefen im Pink Hotel auf sich? Als Teenager habe ich mich einmal ins Schlafzimmer meiner Mutter geschlichen, was ich vermutlich nicht hätte tun dürfen. Oje, das wirft ein wirklich schlechtes Licht auf mich, aber egal: In einem Schrank lag eine Mappe  – ich dachte, egoistisch wie ich war – , darin seien meine Schulzeugnisse. Aber es waren unglaublich viele Liebesbriefe an meine Mutter. Sie stammten aus der Zeit, kurz nachdem meine Eltern ge-

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heiratet hatten. Wunderschöne Briefe, aber sie waren nicht von meinem Vater. Ich erinnere mich noch, wie ich auf dem Boden hockte und sie las. Dieser Mann war wunderbar, die Briefe waren sehr lustig. Plötzlich sah ich meine Mutter mit anderen Augen, ganz anders, als ein Kind normalerweise seine Mutter wahrnimmt. Die Vorstellung, diesen Mann zu treffen, faszinierte mich. Ich sehe meiner Mutter furchtbar ähnlich. Und ich fragte mich, ob er mich erkennen würde. Wusste Ihre Mutter, dass Sie ihre Briefe gelesen hatten? Oder hat sie davon erst durch Ihren Roman erfahren? Ich habe es ihr vorher gesagt. Der Mann starb vor einigen Jahren. Meine Mutter war sehr traurig und erzählte mir viel von ihm. Mit meinem Vater konnte sie ja nicht darüber reden.  Zumindest nicht im Detail. Sie las mir sogar einige seiner Briefe vor. Später fand die Idee mit diesen Briefen Eingang in mein Buch: Ein Mädchen, das ohne seine Mutter aufwächst, versucht mit Hilfe alter Briefe und Fotografien herauszufinden, wer ihre Mutter war. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Mit welchen drei Personen würden Sie gern zu Abend essen?

Auf jeden Fall mit Ted Hughes. Wenn ich seine Stimme höre, schmelze ich dahin. Ich bin mit seinen Hörbüchern aufgewachsen. Am liebsten würde ich ganz allein mit ihm essen, aber wenn ich ihn unbedingt teilen muss, dann mit der griechischen Lyrikerin Sappho, sie wäre eine Bereicherung für jede Tischkonversa­ tion, und vielleicht noch mit dem jungen Truman Capote, damit die Weingläser auch immer voll sind. Ted Hughes müsste allerdings das Fleisch anschneiden. In welcher Epoche würden Sie am liebsten leben? Am liebsten würde ich in der Oasenstadt Palmyra wohnen, unter der Regentschaft von Königin Zenobia, etwa 260 nach Christus. Kürzlich war ich in Syrien: Die Ruinen von Palmyra sind einfach atemberaubend. Es wäre phantastisch, die Gebäude in der Blütezeit der Stadt zu sehen. Wobei, vielleicht wäre es doch nicht so lustig, im Palmyra jener Tage zu leben. Schließlich plünderte schon bald der römische Kaiser Aure­ lian die Stadt  und stürzte Königin Zenobia. Wobei entspannen Sie sich? Beim Trinken, beim Lesen, in der Ba-

dewanne. Und manchmal mache ich alles auf einmal. kh / kam / ap
Aus dem Englischen von ck

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Buchtipp

368 Seiten, Diogenes Paperback ISBN 978-3-257-30007-9 September

Fotos: © Charles Hopkinson / Camera Press / Keystone

Erst London, jetzt Los Angeles. Ihre Mutter ist gestorben, ihr eigenes Leben beginnt von vorn – unter der Sonne Kaliforniens, in den glitzernden Nächten von L. A. Ein aufregendes Debüt von Englands Newcomerin Anna Stothard. »Sie bläst frischen Wind in unsere verstaubte Literatur.« Fay Weldon

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L. A.
Anna Stothard über ihr
»In Venice Beach steht tatsächlich ein ›Pink Hotel‹: ein großes pink verputztes Gebäude. Von hier aus habe ich die Stadt zum ersten Mal erkundet. Viele Orte aus meinem Roman kann man anschauen: den verlassenen Eisladen, die klebrigen Telefone, die Thai-Restaurants und Kneipen, die Wohnblocks. Und es gibt wirklich dieses seltsam reglose Licht in Los Angeles, das ich so geliebt habe – die Luft ist eingekeilt zwischen dem Meer, den Bergen und der Wüste. Alles ist erleuchtet, und trotzdem denkt man, der Weltuntergang stehe kurz bevor. Es ist die Ruhe vor dem Sturm in einer Stadt, die immer auf ein Erdbeben oder einen Waldbrand gefasst sein muss.«
Anna Stothard auf einer Feuerleiter des ›echten‹ Pink Hotel in Los Angeles. Das Hotel und andere Orte in Downtown L. A. haben sie zu ihrem Roman Pink Hotel inspiriert.

»Das ist der Pink Elephant Liquor Store am Ende der Straße, in der ich gewohnt habe. Eines Abends war der Parkplatz davor mit Absperrband abgeriegelt (ein Mann war zerhackt worden, seine Leiche in einem Müllcontainer entsorgt). Aber statt zu denken: ›Hoffentlich ist niemand verletzt worden‹, bin ich davon ausgegangen, es handele sich um ein Filmset. Das bringt es auf den Punkt: So ist L. A.« Das Serena Hostel lag neben einem Schnapsladen. Gegenüber gab es eine trostlose Eisdiele, in der wahrscheinlich Geld gewaschen wurde, weil nie jemand raus- oder reinging.
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»Alle wundern sich darüber, dass ich in Los Angeles kein Auto hatte. Ich bin überallhin mit dem Bus gefahren und habe dabei die Freaks und Obdachlosen belauscht.« An der Bushaltestelle wirkte alles zweidimensional, das dunstige Sonnenlicht drückte die Palmen an die Betonhäuser und den durchscheinend gelben Himmel.

»Ich lebte damals in East Hollywood, zwischen Thai Town und Little Armenia. Dieses Telefon wurde nur nachts benutzt und ausschließlich von Leuten, die einen irgendwie gehetzten Eindruck machten.« Auf dem Parkplatz eines 7-Eleven in der Nähe des Pink Hotel rauchte ich ein paar von Lilys Zigaretten  … Mit dem Daumennagel knibbelte ich an einer der Metallschließen her­ um, die unter der Westküstensonne glühten. Ich hatte das Bedürfnis, das purpurrote Seidenkleid anzufassen. Bei der Vorstellung spannte sich meine Haut wie sonst nur beim Gedanken an meine Babydecke. Nach einer Weile betrat ich den 7-Eleven und kaufte bei dem Teenager an der Kasse eine Telefonkarte. Die Tasten des Telefons auf dem Parkplatz waren klebrig.

»Mein Lieblings-Thailänder in L. A. Hier geht meine Hauptfigur das erste Mal mit dem Mann essen, in den sie sich später verlieben wird.« Seinen Geburtstag verbrachten wir in einem grellen ThaiRestaurant in der Nähe seiner Wohnung, wo wir uns ein Curry teilten. Thai-Pop waberte aus Fernsehern, die in den Ecken des Lokals von der Decke hingen; auf den Bildschirmen rissen sich todunglücklich wirkende Thai-Toyboys die T-Shirts vom Leib und sangen von Liebe.
Fotos: © Jeremiah Friedman

»Der traurigste Eisladen der Welt. Nie ging jemand hinein.« Auf der Straße ging das Leben weiter. Von gegenüber, vor der leeren Eisdiele, gaffte eine seltene Kundin herüber, während sie an einem Schokoeis leckte. Ihre Zunge kam mir sehr lang vor und schnellte vor wie die eines Geckos in der Hitze.

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Foto: © Photonica / Getty Images

Vorabdruck

Anna Stothard

Pink Hotel
Es kommt immer anders, als man denkt ... Sie ist siebzehn und gerade in London von der Schule geflogen, als das Telefon klingelt: Ihre Mutter Lily ist gestorben. Ein paar Stunden und eine geklaute Kreditkarte später steht sie im Hotelzimmer von Lily im Pink Hotel in Venice Beach, in einer fremden Welt voller Geheimnisse, Aufregungen und Erwartungen – an das Leben und die Liebe.

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ie Luft in ihrem Schlafzimmer roch abgestanden nach Zigaretten und Parfüm. Zwei Aschenbecher quollen über mit Filtern voller Lippenstiftspuren, als wäre sie nur mal eben weggegangen, ein neues Päckchen holen. An einer Kommode hing ein Strapsgürtel, eine Nerzstola lag zusammengerollt wie ein überfahrenes Tier neben dem Bett auf dem Boden. Der Spiegel an der Wand gegenüber warf mein Bild zurück, angezogen auf dem zerknitterten Laken liegend, irgendwie fehl am Platz. Mein Haarschnitt und mein Körper hätten der eines Jungen sein können, doch mit meinen großen Augen glich ich eher einer mittelalterlichen Madonna auf einer Kunstpostkarte. Ich trug dunkelblaue Jogginghosen und ein verschwitztes T-Shirt. Meine Haut roch noch immer schwach nach Kaffee und dem Dunst der Friteuse aus Dads Café in London, mittlerweile überlagert von verbrauchter Flugzeugluft und dem Smog von Los Angeles. Lily sah mich von überall her aus gerahmten Fotos an. Auf einem stand sie in Lederjacke neben einem Motorrad, auf einem anderen hockte sie in wei-

ßem T-Shirt und Bikini im Schneidersitz unter einem Baum und lachte in die Kamera. Auf einem dritten war sie nackt bis auf den knallroten Lippenstift und einen breitkrempigen Sonnen­ hut; ihre Haut war albinoweiß, genau wie meine, mit vier runden dunk­ len Flecken: große Augen und dunkelbraune Brustwarzen. Allerdings hatte sie auf dem Foto schwarze Haare, während meine von Natur aus blond sind. Ich stand von ihrem Bett auf und schnappte mir vom Schminktisch eine Whiskyflasche. Gläser waren keine da, also nahm ich einen Schluck aus der Flasche und tappte barfuß Richtung Bad. Neben der Toilette lag ein Spitzenhöschen, und ich achtete darauf, dass es meine Füße nicht streifte, als ich mich zum Pinkeln hinhockte. Ihr Schlafzimmer befand sich ganz oben in einem pinkfarbenen Hotel in Venice Beach, Los Angeles. Die Beerdigung war am Vormittag gewesen, aber ich hatte es nicht mehr rechtzeitig ins Krematorium geschafft. Als ich endlich in Venice Beach eintraf, war Lilys Totenwache bereits in eine Orgie ausgeartet, mit mehr als zweihundert Leuten, die

im ganzen Hotel verteilt tanzten und redeten und koksten und tranken. Niemand wusste, wer ich war, also wanderte ich herum, mein abgegriffenes Basecap tief im Gesicht, wie ein Kind auf einer Cocktailparty. Ich sah lange Fingernägel und glänzende Lippen, riesige Pupillen und knochige Schultern; ab und zu blitzten unwirklich weiße Zähne auf. Aus einer eisgefüllten Badewanne nahm ich mir ein Bier, lief damit ziellos durch alle fünf Etagen und beobachtete die Leute: Ein un­ rasierter Riese nahm gerade einen tiefen Schluck aus einer Wodkaflasche, während eine abgemagerte, nicht mehr ganz junge Frau mit geschlossenen Augen mitten im Raum tanzte. Etwas abseits stand ein rothaariger Mann mit spitzen Schlangenlederschuhen, das weiße Hemd halb aufgeknöpft. Um ihn herum hatten sich ein paar Leute geschart, und seine sommersprossigen Hände ballten sich zu Fäusten, während er mit ihnen sprach. »Ich glaub’s einfach nicht«, sagte eine Frau zu dem Rothaarigen. »Und ich denke dauernd, sie ist einfach nur spät dran«, antwortete er und
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Foto: © Benjamin Rondel / Corbis

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presste die Finger erneut zu einer gesprenkelten Faust zusammen. »Ach Schätzchen.« Wieder die Frau. »Sie war immer zu spät, stimmts? Selbst ihre eigene Beerdigung hätte sie verpasst.« »Zu unserer Hochzeit kam sie jedenfalls zu spät«, sagte der Mann. »Angeblich hatte sie keine passende Unterwäsche gefunden.« Er rang sich ein gequältes Lächeln ab, und einige der Umstehenden schmunzelten traurig. Der Rothaarige näselte wie Bugs Bunny, wohl ein New Yorker Akzent. »Ihr wart so ein tolles Team«, sagte jemand zu ihm. Ich blieb noch einen Moment stehen und sah zu dem verschwitzten Rothaarigen hinüber. Als er sich von mir abwandte, konnte ich dem Gespräch nicht länger folgen, und so setzte ich meinen Weg durch die bunte Menge der Trauernden fort, stieg Etage um Etage höher, bis ich schließlich ganz oben vor einer Tür mit dem Schild »Privat« stand. Durch das Schlüsselloch konnte ich ein Fahrrad und ein Paar Inlineskates erkennen. Ich hatte erwartet, dass abgeschlossen sei, aber die Tür klemmte nur ein wenig und öffnete sich mit einem langgezogenen Quietschen auf die kahlen Holzdielen eines engen Flurs, in dem es ungelüftet und nach Raumspray roch. Trotzdem atmete ich auf, als die Tür hinter mir ins Schloss fiel und die Geräusche von unten dämpfte. Über mir hing eine staubige nackte Glühbirne von der Decke, in den Dielenritzen hatte sich Sand gesammelt. Die Wände waren in der Farbe von gekochtem Lachs gestrichen, viel blasser als die leuchtend pinke Fassade des Strandhotels. Ich ging an offenen Türen auf beiden Seiten des Flurs vorbei – ein Wohnzimmer mit Flachbildfernseher, ein WC, ein kleines Arbeitszimmer mit einem Schreibtisch, auf dem sich Papiere stapelten. Die einzige geschlossene Tür war die ganz am Ende. Wenn man Sehnsucht nach etwas haben kann, das man nie gekannt hat, dann war es diese Sehnsucht und etwas Neugier, warum ich mich erst auf ihr Bett legte und mir dann nebenan in der Wanne ein Bad einlaufen ließ. Ein Schmutzrand gesprenkelt mit millime12
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terlangen Haarstoppeln zeugte vom letzten Mal, als sie oder ihr Mann darin gebadet hatten. Von unten hörte man immer noch die Party, und ich schloss die Badezimmertür ab, um mich auszuziehen, wie sie es bestimmt unzählige Male getan hatte, wenn auch vermutlich weitaus eleganter. Kein Taumeln, weil sich ihre Knöchel im Gummibund einer Jogginghose verfingen, und wahrscheinlich auch keine Kratzer und Schnitte, die brannten, wenn sie sich ins heiße Wasser sinken ließ. Nirgendwo wäre Grind aufgequollen und hätte sich schließlich abgelöst wie bei mir. Bestimmt war ihre Haut makellos. Ich schlürfte aus meinen hohlen Händen Badewasser und

Sie war immer zu spät. Selbst ihre eigene Beerdigung hätte sie verpasst.
ließ es langsam über die Unterlippe laufen. In der Wanne zusammengekauert, die Arme um die Knie geschlungen und die Nase knapp über den Schaumbläschen, roch ich nichts als das Badewasser. Eine Motte sah vom Fenstersims über der Wanne zu und ließ sich die Flügel bedampfen. Vor dem Fenster strahlend blauer Himmel und Palmen. Ich bespritzte meine Zuschauerin mit Wasser, und sie flatterte zur Lampe über dem Spiegel. Ich überlegte, was Dad wohl gerade tat, und stellte mir vor, wie er nägelkauend an unserem schmierigen Küchentisch saß, während seine Frau Daphne in der Küche auf und ab lief. Auch wenn Daphne sich bestimmt größte Mühe gab, wegen der gestohlenen Kreditkarte nicht laut zu werden, würde sich ihre Stimme immer mal wieder schrill überschlagen, nur um dann an der eigenen Wut zu ersticken. Mit knochigen Fingern würde sie sich unablässig durch das glanzlose Haar fahren, dabei quietschten ihre Gummisohlen auf den Plastikfliesen. Dad würde stumm seinen Gedanken nachhängen und vorgeben, Daphne zu­ zuhören, wie sie dieselben wütenden Anwürfe unwesentlich abgewandelt

wiederholte, bis sie heiser war. Nur dass sich diese Szene schon vor Stunden abgespielt haben musste. In Lilys Schlafzimmer war es Mitternacht, also musste es zu Hause bereits früh am nächsten Tag sein. Nachdem sie sich die ganze Nacht angeschrien hatten, würden sie sich jetzt in allmorgendlicher Schweigsamkeit anziehen, Instantkaffee aufgießen und das Café öffnen. Daphne mit zusammengekniffenem Mund, weil sie samstags nicht gern arbeitete, während Dad Geschirr und Besteck auf Tischplatten knallte. Dad war ein völlig anderer Typ als der Rothaarige unten. Während der etwas Schlangenhaftes hatte, wie seine Schuhe, bewegte Dad sich nur, wenn es unbedingt sein musste. Das Gesicht des Rothaarigen war hager und voller Lachfältchen. Dad hatte rundliche rosa Wangen und tiefe Sorgenfalten. Ich blinzelte, um Dads Bild aus meinem Kopf zu verscheuchen, und tauchte langsam noch ein wenig tiefer in das Badewasser ein. Gerade wollte ich mir eine von Lilys Zigaretten anzünden – sie lagen in einer mit Schmucksteinen besetzten Kiste mit Einwegrasierern und Badezusätzen neben der Wanne –, als im Flur vor dem Schlafzimmer eine Diele knarrte. Die Luft im Bad war ganz von Dampfschwaden vernebelt, und es gelang mir gerade noch, mich aus dem Wasser hochzurappeln und ein Fenster über dem Klo zu öffnen, ehe das Knarren in Lilys Schlafzimmer zu hören war. Der Dampf verzog sich. Fast wäre ich auf den weißen Fliesen ausgerutscht, zerrte die Jogginghose über die nassen Beine, hielt den Atem an und ging vor dem Schlüsselloch langsam in die Hocke. Ich kniff ein Auge zu und spähte hindurch. Ein unwahrscheinlich großer Mann saß am Fußende von Lilys Bett, genau vor dem Schlüsselloch, den Kopf in die Hände gestützt. Es war der Mann, den ich unten schon mal gesehen hatte, als er in einer Ecke der Lobby Wodka aus der Flasche trank, wie einem Märchen über Riesen oder Monster entsprungen. Er war etwa Mitte dreißig und trug ein gestreiftes Hemd, einen kaputten schwarzen Pullover und eine blaue maßgeschneiderte Hose mit Löchern, die sich wie Satzzeichen auf seinen

Oberschenkeln ausnahmen. Auf seinem Kopf, das schwarze Haar kaum länger als die Bartstoppeln, saß eine alberne Sonnenbrille mit Goldrand. Seine Hose mochte einmal teuer gewesen sein, doch inzwischen war der Saum ausgefranst, als trüge er Designer-Secondhand zusammen mit Sachen, die er im Suff auf eBay bestellt hatte. Reglos, mit hängenden Schultern, hockte er auf Lilys Bett. Nach einer Weile sah sich der Riese im Zimmer um und nahm ein Foto vom Nachttisch. Es war das von der lachenden Lily im Schneidersitz unter einem Baum. Unbeholfen wollte er es mit seinen Pranken aus dem Rahmen lösen. Dabei quetschte er sich den Daumen, den er wie ein Kleinkind in den Mund steckte. Ich war froh, dass

Foto: © Susan Fox / Trevillion Images

der Mann das Bild von der lachenden Lily im weißen T-Shirt klaute und nicht das daneben, auf dem sie nackt war. Vorsichtig zog er das Foto unter dem Glas hervor, und als er es gerade in die Tasche steckte, war aus dem Flur wieder ein Geräusch zu hören. Der Riese spielte offenbar kurz mit dem Gedanken, sich im Bad zu verstecken. Ein Blick aus seinen grünen Augen schoss in meine Richtung, und er stützte beide Hände auf die Knie, als wollte er gleich seinen schwankenden Körper nach oben stemmen. Ich hielt den Atem an und wartete, dass ich entdeckt würde – unentschuldbar nackt und klatschnass im Badezimmer einer Toten –, doch der Körper des Riesen war träge vom Alkohol, und ehe er vom Bett hochkam, ging Lilys Zimmertür auf. »Was soll der Scheiß?«, nuschelte die Bugs-Bunny-Stimme des Rothaarigen. Durch das Schlüsselloch konnte ich ihn nicht sehen, nur seinen schweren Atem hören. »Tut mir leid«, sagte der Riese, erhob sich vom Bett, ging in die Richtung, wo der Rothaarige stehen musste, und verschwand aus meinem Blickfeld. Es hörte sich an wie ein Gerangel und dann, als ob Haut auf Haut klatschte. Der Rothaarige fluchte, der Riese gab einen Laut von sich, der sowohl Schmerz als auch Anstrengung wie bei einem Faustschlag bedeuten konnte. Was genau passierte, sah ich nicht, aber dann taumelte der Riese rückwärts und fiel beinahe hin. Wieder ein Klatschen. Dann brach der Rothaarige auf Lilys Bett zusammen. Alles schien stillzustehen, nur die Motte an der Badezimmer­ decke bewegte sich noch. Der Rothaarige blieb wie gefällt liegen, aber seine blutunterlaufenen Augen starrten den Riesen ausdruckslos an. »Verpiss dich«, nuschelte er. Er drehte den Kopf auf Lilys Kissen zur Seite. »Es tut mir so leid«, sagte der Riese. »Dann verpiss dich einfach aus meiner Wohnung. Hier gibt es nichts zu holen. Haut doch einfach alle ab.«
Aus dem Englischen von Hans M. Herzog und Astrid Arz. Der Roman ›Pink Hotel‹ von Anna Stothard erscheint im September als deutsche Erstaus­ gabe bei Diogenes.
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Anna Stothard
In überfüllten Restaurants Pärchen belauschen. Den Geruch von Sonnencreme. Horrorfilme. Krähenschwärme. Spitze Bleistifte. Orange Smarties. Die Wüste. Das immer­ gleiche weiße Licht in Los Angeles. Truman Capote. Roald Dahl. Hilary Mantel. Filmtrailer. Wodka. Fast von der Hitze erschlagen zu werden, wenn man einen Flughafen verlässt. Franz Kafka. Richard Yates. Isabel Allende. Schnee in London um sechs Uhr in der Früh, bevor er mit Füßen getreten wird.

Mag ich:

Monopoly. Das Wort ›nubile‹ [›mannbar‹]. Den Geruch von Krankenhäusern. Den Duft von Rosen. Tauben. Kaffee mit Milch hasse ich. Meine Verfassung um fünf Uhr nachmittags hasse ich auch. Die Höllenqualen bei auto­ matischen Telefonansagen, Tonwahl etc. Lakritze. Highheels – nach zwei Stunden. Sonnen­ verbrannte Knie. Zahlen. Den Ausdruck ›to chill out‹. Schuld. Menschen­ massen – vor allem am Strand. Gesellschaftliche Verpflichtungen. Gegen den Strich über Samt zu streichen. Lach­ konserven. Krankenwagensirenen.

Mag ich nicht:

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Foto: © Charles Hopkinson / Camera Press / Keystone

Anna Stothard

Mag ich, mag ich nicht
In jeder Ausgabe fragt das Diogenes Magazin: Was mögen Sie, lieber Autor, liebe Autorin, was nicht? Würden Sie uns bitte eine Liste schicken? Anna Stothard findet Listen problematisch. Warum, das erklärt sie in einem sehr persönlichen Text. Trotzdem hat sie uns, reizend wie sie ist, auch eine Liste geschickt.
Ich bin keine geborene Listenschreiberin. Mein Verstand freut sich nicht an der Entschiedenheit eines guten Stichpunktes oder an der Klarheit einer brauchbaren Zusammenfassung. Das Diogenes Magazin hat mir den nur scheinbar simplen Auftrag gegeben, in einer Liste zu notieren, was ich mag und was nicht. Ich mag Swimmingpools, und ich lausche gern, ging mir nach dem Treffen mit dem Geschäftsführer durch den Kopf. Ich mag Horrorfilme, Krähen, den Geruch von Sonnencreme, gespitzte Bleistifte, Spiel­ zeugsoldaten. Was ich nicht mag: Monopoly, das Wort ›nubile‹ [›mannbar‹], Tauben, den Duft von Rosen. Eine Aufstellung so dick wie das Telefonbuch kam mir in den Sinn, doch als ich mich hinsetzen wollte, um das alles aufzuschreiben, erschien es mir fast unerträglich intim. Ich wusste nicht genau, warum, aber ich wollte keine Liste schreiben. Monate vergingen. Ich kam zu dem Schluss, dass eine Liste etwas Klammheimliches hat, etwas Unfertiges, fast Peinliches, wie der hingekritzelte erste Entwurf zu einem Gedicht. Oder Notizen zu einem Brief, den man nie abschicken wollte, aber vergisst wegzuschmeißen, und den man ganz schnell zerreißt, wenn man Monate später zufällig darauf stößt. Listen sind der Inbegriff von Reduktion, gleichzeitig offenbaren sie eine Menge. Ich mag keinen Sonnenbrand auf den Knien, keine Zahlen, und Tennis mag ich auch nicht, aber der Gedanke an eine abschließende Aufzählung war mir zuwider. Das ist so, als ob man ein Selbstporträt von sich anfertigt und es nicht gut hinkriegt. Ich wollte keine Liste schreiben. Eine meiner Schulfreundinnen hat mal ein ganzes Notizbuch damit gefüllt, was sie mag und was nicht. Dieses Handbuch hat sie dann ihrem Freund geschenkt, halb als Liebesbrief, halb als Spickzettel gedacht. Er musste sich nie wieder fragen, ob seine Freundin Edelpornos mochte oder Achterbahnen, Nabokov, Sojamilch (ja!); er brauchte sich keine Gedanken darüber machen, ob er sich einen Schnurrbart stehen lassen (abgelehnt!) oder ihr Chrysanthemen kaufen sollte (niemals!). Damals schien das eine fabelhafte Idee zu sein, aber es wäre das Letzte, was ich jemals tun würde. Ist das Erraten nicht der halbe Spaß? Es gibt ein amerikanisches Magazin mit dem Titel Found, herausgegeben von dem wunderbaren Davy Rothbart, der darin alle möglichen Fundstücke versammelt: Liebesbriefe, Fotografien, Korrespondenzen, Kritzeleien, Drohbriefe, Post-its – einfach alles. Am besten gefällt mir die eigenwillige Sammlung von Listen, die ihren Weg zu Davy gefunden haben. »Nie wieder Landon anrufen«, steht zum Beispiel auf der einen, »zum Friseur gehen«, »Zähne bleichen«, »kein Koks mehr«, »nur viermal in der Woche Alkohol trinken«, »Sex nur noch mit Chris«. Eine andere: »Corey eine Mail schreiben«, »ihn den Lesben vorstellen«, »mich davon überzeugen, dass ich nicht total verliebt in ihn bin«. Jede dieser Listen, selbst Einkaufszettel, sind wie kleine Charakterstudien, Mini-Autobiographien. Die beste Pro- und Kontraliste aller Zeiten ist die von Darwin zur Ehe. »Der Charme von Musik und weiblichem Geplauder« steht auf der HabenSeite. »Zeitverlust«, »kann am Abend nicht lesen« und die Gefahr, »zu einem faulen und nutzlosen Trottel herabgewürdigt zu werden«, lassen ihn von einer Heirat eher absehen. Letztes Wochenende bin ich in der gammligen Garage eines Freundes auf die ultimative Mag-ich / Mag-ich-nichtListe gestoßen, Das Tagebuch der Sei Shonagon. Unter »prächtige Dinge« notiert die japanische Hofdame mit einer gewissen Arroganz: »Chinesischer Brokat. Ein Schwert mit verzierter Scheide. Die Holzmaserung einer Buddha-Statue.« Anders als das Telefonbuch, die Hitparaden auf Musikseiten im Internet, Speisekarten und Wörterbücher, sollte man Sei Shonagons Listen mit einem koketten Schmollmündchen laut vorlesen. »Wörter, die gewöhnlich aussehen, aber als chinesische Schriftzeichen beeindruckend wirken«, säuselt sie: »Erdbeeren, Sonnentau, stachelige Wasserlilie, Walnuss, Doktor in Literatur, interimsmäßiger Chefinspektor im Büro des kaiserlichen Haushalts, rote Myrte.« Ich weiß nicht genau, was rote Myrte ist, aber ich weiß, dass ich Walnüsse mag und Erdbeeren und chinesische Schriftzeichen. Schwerter mit verzierten Scheiden sind auch ziemlich cool. Ich hasse Milchkaffee und Menschenmengen, automatische Telefonauswahlmenüs, Stilettos um ein Uhr nachts, und ich hasse Listenschreiben. Ich mag Truman Capote und Roald Dahl, Filmtrailer, Wodka. Kinderleicht. Langsam hab ich den Dreh raus.
Aus dem Englischen von Kati Hertzsch

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Zurück in Japan
Am 11. März 2011 geschah das Unglück von Fukushima. emnächst werde ich in Japan sein. Seit Dezember 1996 habe ich das Land nicht mehr betreten. Zu sagen, es hat Seither fährt kaum noch jemand nach Japan. Ich habe aufgemir gefehlt, wäre untertrieben. Lange Zeit habe ich geglaubt, hört, die Bekannten zu zählen, die ihre Reise storniert haben. Japanerin zu sein. Irgendwann habe ich dann verstanden, Wenn ich ihnen sage, dass man gerade jetzt dorthin reisen dass mein Fundament nicht Japan ist, sondern die Abwesen- sollte, aus Solidarität und um zu beweisen, dass nicht die Pest ausgebrochen ist, erwidern sie, das Risiko sei zu groß. heit von Japan. Das erste Mal, als ich den Inselstaat verließ, war ich fünf »Aber die Japaner sind doch selbst auch nicht aus ihrem Jahre alt. Man entriss mich Nishio-san, meiner japanischen Land geflohen!«, beharre ich immer wieder. Worauf ich zur Kinderfrau, die ich genauso liebte wie meine Mutter. In den Antwort bekomme, die armen Leute würden eben nicht ausJahren nach dieser Vertreibung litt ich unsagbar. Wenn der reichend informiert. Anscheinend ist jeder Vorwand recht, um nicht nur an der IntelliSchmerz unerträglich wurde, genz der Japaner, sondern versteckte ich mich unter dem auch an ihrem Mut zu zweiTisch, um lautlos zu weinen. feln. Danach schwor ich mir regelMein Ärger darüber hat mäßig: »Eines Tages gehe ich dazu geführt, dass ich die in mein Land zurück.« 246.  Einladung angenommen Mit einundzwanzig, also habe. Aber es wäre falsch, nach sechzehn Jahren Abwemich hierbei in den Mittelsenheit, löste ich mein Verpunkt zu stellen: Es ist nicht sprechen ein. Zwei meiner das Land der aufgehenden Bücher handeln von meinen Sonne, das nach mir verlangt, damaligen Erlebnissen. Ich sondern mich verlangt es entdeckte unter anderem, nach ihm. Sechzehn Jahre dass es nicht genügte, im lebe ich jetzt schon wieder im Land der aufgehenden Sonne Exil. Anscheinend kann ich geboren zu sein, um dazuzuimmer nur sechzehn Jahre abgehören. Wie sehr mich diese Japan – Mon Amour wesend sein. Meine Batterien Rückkehr nach Japan jedoch sind fast leer, es ist Zeit, zur auch stärkte, vermochte ich Quelle zurückzukehren. nicht auszudrücken. Zwar Zur Quelle wovon? Das ist die Zehn-Milliarden-Yen-Fraging ich nicht als Japanerin durch, schöpfte aber dennoch ge. Die ganze Welt ist sich einig: Irgendetwas hat dieses nachhaltig Kraft aus meinem gelobten Land. Dann verließ ich den Inselstaat erneut. Und führte die Land. Aber was? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Trauerarbeit fort. Ich lernte, mich nicht mehr unter dem Am meisten haben die Japaner selbst dazu geschrieben: Ihre Tisch zu verkriechen, sondern mich hinzusetzen und zu Essays über die vielzitierte japanische Eigenart sind zahllos. schreiben. Ich brauchte bloß an das anzuknüpfen, was mir Daraus erwuchsen teils unangemessene, ja verheerende Theorien; denn oft reicht es, einen Eindruck zu benennen, um seit jeher vertraut war: die Abwesenheit dessen, was man ihn zu entwerten. Meiner Meinung nach kann Jun’ichirō Taliebt. »Du behauptest, dass du mich liebst, aber du kommst sehr nizaki mit seinem Lob des Schattens von 1933, einem wungut ohne mich zurecht«, war der Vorwurf, der mir in der derbaren Text von außergewöhnlicher Poesie, als Einziger Liebe am häufigsten gemacht wurde. Ich konnte nie richtig überzeugen. Er kann vielleicht nicht alle Rätsel Japans erkläerklären, dass jedes geliebte Wesen für mich zu Japan wird: ren, aber fast alle. Wenn man mich fragt, was ich in Japan suche, habe ich Ich empfinde es als normal, Mangel zu erdulden. Ich bin nicht stoischer als andere, ich bin es nur gewohnt zu leiden. keine Worte dafür. Aber ich spüre, wie sich schon bei der Wenn mir etwas schrecklich fehlt, weiß ich wenigstens, dass Vorstellung, wieder japanische Luft zu atmen, ganz tief in meiner Brust etwas zusammenzieht, und ich weigere mich, ich ich bin. einen so starken Trieb mit unpassenden Begriffen kleinzure1999 erschien Mit Staunen und Zittern. Daraufhin wurde den. Alles, was ich weiß, ist, dass ich wie beim letzten Mal ich, wen wundert’s, 245 Mal nach Japan eingeladen, wobei unterschwellig eine Erklärung von mir erwartet wurde. Ich Rettung brauche. Wovor? Wenn ich das wüsste, wäre ich habe jedesmal abgelehnt – es gab nichts zu erklären. Mit schon der Heilung nahe, was aber nicht der Fall ist. Ich weiß, Staunen und Zittern ist kein Thesenbuch, sondern die Ge- dass Japan mich heilen kann, weil es das schon einmal getan schichte eines beruflichen Abstiegs in einem großen japani- hat. Meine Rettung ist natürlich von unerheblicher Bedeuschen Unternehmen. Heute wird es auch so verstanden und tung; aber ich muss gestehen, dass sie mir am Herzen liegt. ist kein Skandal mehr. Zuerst erschienen in ›Le Monde‹, Paris. Aus dem Französischen von

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Amélie Nothomb

Brigitte Große

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Foto: © VU / laif NN

Echt Irving
Zum 70. Geburtstag von John Irving schickte der Diogenes Verlag seinem Starautor zwölf silberne Tintenroller, auf jedem eingraviert ein Romantitel des Jubilars, von Lasst die Bären los! bis Letzte Nacht in Twisted River. John Irving bedankte sich in einem Brief bei Winfried Stephan (Mitglied der Geschäftsleitung) und dem Verlag für das Geschenk. Und das, obwohl es mit einiger Verspätung in New England ankam, nach einer abenteurlichen Reise um die halbe Welt. Aber sind nicht Irvings Romane auch voller Irrungen und Wirrungen? John Irving  revanchierte sich beim Verlag in der schönsten Art: mit einem neuen Roman. In einer Person erscheint im Oktober auf Deutsch, und John Irving wird im November daraus in Frankfurt am Main, München und Zürich lesen. Lieber Winnie, heute ist ein ziemlich ramponier­ tes Päckchen angekommen. Es hatte Flecken, als wäre es von Drogen­ spürhunden angepisst worden; die Adressaufkleber waren auf Deutsch, Polnisch und Englisch; die beiliegenden Zollerklärungen besagten, dass es kontrolliert worden war – in Polen und den USA. Der einzige Name auf dem Päckchen, den ich entziffern konnte, nachdem es so oft aufgemacht und wieder verschlossen wurde, dass man es rundum mit Klebeband umwickeln musste, war der meines ehemaligen Assistenten Jamie Brad­ bury – derzeit Schlittenführer in Alaska. Ich dachte schon, Jamie hätte mir ein von Schlittenhunden angepisstes Geburtstagsgeschenk geschickt. Wie ich ihn kenne, musste es sich um einen abgetrennten Wolfskopf oder eine Eisbärentatze handeln. Aber nein, es war von Dir. Und was für ein wundervolles Geschenk für einen alten Schriftsteller mit einem Faible für Tintenroller! Noch dazu auf jedem Stift ein Romantitel von John Irving! Vielen Dank. Ein tolles Geschenk. Liebe Grüße an Dich und alle meine Freunde bei Diogenes! John

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Foto: © Karin van Til

Romane wie Die Tochter, Das Gewissen und Emoticon haben sie berühmt gemacht: die niederländische Schriftstellerin Jessica Durlacher – beheimatet zwischen alter und neuer Welt.

Interview

Liddie Austin trifft Jessica Durlacher

Ich musste mich neu erfinden
Wir fahren im schwarzen Cabrio mit offenem Verdeck über den Pacific Coast Highway von Santa Monica nach Malibu. Die Schriftstellerin Jessica Durlacher möchte mir zeigen, wo sie 2008 gewohnt hat, als sie vom niederländischen Bloemendaal nach Kalifornien gezogen ist. »Es ist hier so wunderschön«, seufzt sie. »Wenn ich gewusst hätte, dass wir nur ein Jahr bleiben würden, wäre ich bestimmt weniger unglücklich gewesen.«

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arum ist die Familie de WinterDurlacher eigentlich nach Amerika gezogen? »Ich wollte etwas verändern. Ich war festgefahren, mein Kopf musste aufgeräumt werden. Weißt du was, dachte ich, du gehst einfach weg. Nach Amerika, mal sehen, wie es dort ist. Die Möglichkeit dafür war luxuriöserweise gegeben. Wir hatten etwas gespart. Leon [de Winter, Jessica Durlachers Mann] war sehr dafür. Die Kinder konnten hier zur Schule gehen.« Auf der Halbinsel Point Dume haben sie gelebt. »Die Häuser sehen recht normal aus, aber das täuscht: Sie kosten locker mehrere Millionen Dollar.« Direkt am Meer, among the rich and famous, mit Martin Sheen gegenüber und Bob Dylan um die Ecke, aber Durlachers Empfinden nach doch von allen und jedem verlassen. »Es ist wunderschön, aber eher etwas für die Ferien«, sagt sie, während sie sich umschaut. »Die Leute, die hier wohnen, sind sehr reich und interessant, aber sie

wollen ihre Ruhe haben. Man bekommt sie nur selten zu sehen. Ich bin tagsüber oft nach Santa Monica gefahren, eine knappe Stunde von hier. Ohne ein konkretes Ziel, einfach nur, um unter Menschen zu sein. Und ich hatte Heimweh. Ich kann nicht genau sagen, wonach: nach allem wahrscheinlich.

lllustration: Alexej von Jawlensky, ›Landschaft‹, ca. 1910 © DACS / Bridgeman Berlin

Ich war festgefahren, mein Kopf musste auf­geräumt werden.
Ich habe zwar viel gearbeitet, aber ich kam überhaupt nicht voran, und von dem, was ich damals geschrieben habe, habe ich später das meiste wieder gelöscht. Es hatte wohl  auch damit zu tun, dass ich nicht richtig hier angekommen war. Und sich einsam zu fühlen, ist offenbar keine hinreichende Bedingung, um gut zu arbeiten.«

Später, auf der sonnenbeschienenen Terrasse des Strandpavillons Paradise Cove erzählt sie weiter: »Als wir vor einem Jahr Urlaub in den Niederlanden machten, haben wir überlegt, nicht mehr hierher zurückzukommen, aber das fühlte sich auch nicht gut an. Die Lösung war: ein anderes Haus, in Santa Monica, mit unseren eigenen Möbeln aus den Niederlanden. Von da an ging es besser. Etwa sieben Monate später war auch mein Roman fertig.« In Der Sohn, ihrem jüngsten Roman, muss die Hauptfigur Sara einiges ertragen: Zuerst verliert sie ihren geliebten Vater, dann wird sie beim Joggen fast vergewaltigt, und schließlich stehen mitten in der Nacht maskierte Einbrecher mit ihrer 13-jährigen Tochter in ihrem Schlafzimmer. Haben diese extremen Vorfälle etwas miteinander zu tun? Dann ist da noch Saras Sohn Mitch, der sich zu ihrem Entsetzen zu den Marines, der Elite-Einheit der USArmy, meldet. Der Sohn ist ein unheilDiogenes Magazin

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schwangeres Buch. Fühlt die Autorin sich bedroht? »Nicht unbedingt«, sagt Durlacher, »aber wie viele andere bin ich mir bewusst, dass wir in einer unsicheren Welt leben. Nach 9/11 hat sich die Welt verändert. Die Unbekümmertheit ist dahin. Ich bin beim Joggen schon mal von einem gruseligen Typen verfolgt worden, der mir mit seinem Auto den Weg verstellt hat. Reine Einschüchterung, aber so etwas kann eskalieren. Ich kenne Leute, die in ihrem eigenen Haus überfallen worden sind, das passiert immer häufiger. Worum es mir in Der Sohn ging, das ist dieses Gefühl der Ohnmacht, wenn einem etwas Schreckliches zustößt und man seine Rachegefühle an andere delegieren muss. Wie kanalisiert man seine Wut? Saras Familie – ihr Vater hat das Konzentrationslager überlebt – ist viel Schreckliches widerfahren. Als sie herausfindet, was ihrer Tochter angetan wurde, ist das Maß voll. Zu viel ist zu viel, und genug ist genug. Die andere Wange hinzuhalten, kommt nicht in Frage, wenn dem eigenen Kind etwas angetan wird – und wenn man einen Sohn hat, der sich vornimmt, die ganze Welt zu beschützen.« Durlacher verstummt kurz. »Ich nenne Der Sohn ›mein großes Schutzbuch‹. Denn davon handelt der Roman vor allem: Wie kann man die beschützen, die man liebt? Saras Vater mahnt seine Kinder und Enkel ständig zur Vorsicht. Das ist gutgemeint, aber auch einengend. Man möchte ja lieber Beschützer sein als Beschützter. Die Menschen, die sie liebt, sind verletzlich, das wird auch Sara bewusst. Ich selbst habe so etwas zum Glück nie erfahren, aber ich weiß nur allzu gut, dass ein zufälliges Ereignis das Leben von einem Augenblick zum anderen in eine Hölle verwandeln kann.« Das Haus, in dem Durlacher jetzt mit ihrer Familie in Santa Monica wohnt, ist kein typischer Heimwehort von Niederländern, die ihre Satellitenschüssel auf den Empfang des heimischen RTL4 ausrichten. Nein, Leon de Winter verfolgt aufmerksam die amerikanische Politik, schaut Fox News und mischt sich regelmäßig in lokale Debatten ein; die Kinder Moos und Moon gehen auf amerikanische Schulen, und
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Durlacher joggt morgens, bevor sie sich an den Schreibtisch setzt, am Strand entlang. Hollywood ist nicht weit entfernt, das merkt man. Ein früherer Bewohner ihres 1946 im spanischen Stil gebauten Hauses war der High-Society-Psychiater Ralph Greenson, der Marilyn Monroe in ihren letzten Jahren behandelt hat. Er empfing sie zwischen 1960 und ihrem Tod Tag für Tag in dem kleinen Zimmer neben der Haustür, das jetzt Durlachers Arbeitszimmer ist. Gegen-

Ich nenne Der Sohn ›mein großes Schutzbuch‹. Wie kann man die beschützen, die man liebt?
über wohnt Marcia Cross, der Star der TV-Serie Desperate Housewives (»sehr dünn und sehr blass«) mit Mann und Zwillingen. Und überhaupt begegne man hier einigen Prominenten, erzählt Durlacher. Als sie neulich mit einer Freundin essen war, habe die Schauspielerin Elisabeth Moss – die Peggy aus der Serie Mad Men – ein paar Tische weiter gesessen. »Ich musste einfach zu ihr hinübergehen und ihr ein Kompliment dafür machen, wie großartig sie in der Serie spielt. Sie reagierte sehr nett und etwas beschämt und stellte mich ihrer Mutter vor, die neben ihr saß.«

In ihrem zweiten Amerikajahr schrieb Durlacher ihren Roman und baute sich allmählich einen neuen Freundeskreis auf. »Kontakte mit Amerikanern tendieren dazu, oberflächlich zu bleiben, deshalb verkehren wir relativ viel mit Europäern. Los Angeles ist naturgemäß eine Importstadt. Die meisten Leute kommen mit einem Traum oder Ideal hierher oder weil sie etwas Konkretes produzieren oder tun wollen. Soziale Kontakte interessieren die meisten Leute hier nur oberflächlich. Manche dinner parties dienen einzig und allein dem Networking. Aber ich kenne mittlerweile auch viele nette Amerikaner.« Rückblickend sei es trotz allem eine gute Entscheidung gewesen, nach Amerika zu gehen. »Das erste Jahr war schwer. Ich musste mich neu erfinden. Nichts war mehr selbstverständlich, alles stand zur Diskussion: Wenn man weggeht, setzt man eine Zäsur in seinem Leben, man blickt unwillkürlich zurück, zieht Bilanz. Es hat etwas Befreiendes, dass die Leute hier keine Ahnung haben, was ich mache. Wenn man schreibt, ist man zwar überall allein, aber hier in meinem Arbeitszimmer in Santa Monica fühle ich mich dennoch freier, als wenn ich in den Niederlanden arbeite. Klingt nicht unbedingt plausibel, aber so ist es. Hier bin ich mutiger.« Der Zweite Weltkrieg – ein prominentes Thema in Durlachers Werk – spielt auch in Der Sohn unterschwellig eine wichtige Rolle. »Man schreibt über das, was einen emotional bewegt, und für mich ist das nun mal der Krieg. Mein Vater [der Schriftsteller G. L. Durlacher] hat als Halbwüchsiger Auschwitz überlebt, aber bei uns zu Hause kam der Krieg nicht vor. Bis mein Vater in den achtziger Jahren auf einmal Bücher über seine Kriegserfahrungen zu schreiben begann. Aus diesen Büchern weiß ich etwas über ihn und seine Geschichte. Gut, ich wusste natürlich, dass seine Eltern nicht mehr lebten, dass er aus Deutschland stammte und in Auschwitz gewesen war, aber viel mehr auch nicht. Als Kind spürte ich zwar, dass da etwas war, aber nur ganz verschwommen – es war wie eine schwarze Wolke. Mein Vater war in

Foto: © Isolde Ohlbaum / laif

meiner Jugend schwer erreichbar für mich, eine Art angebetete Gottheit. Der, um den sich unser Frauenhaushalt  – ich habe noch zwei jüngere Schwestern – drehte. Je unerreichbarer er war, desto faszinierender war er natürlich auch. Nachdem er seine Bücher veröffentlicht hatte, ging es zu Hause plötzlich um nichts anderes mehr als den Krieg. Ein großer Kontrast. Für mich persönlich bleibt dieser Krieg ungeheuer wichtig, ein Fixpunkt, aber in meinem Alltag spielt er schon lange keine Rolle mehr. Das Leben geht weiter, und das ist auch gut so. Trotzdem habe ich nach wie vor das Gefühl, dass ich von dem, was damals passiert ist, erzählen möchte. Ich weiß, dass das fast unmöglich ist, aber ich kann nicht anders. Wenn ich heute etwas über die Greuel des Krieges erzähle, tue ich das anhand von Ereignissen, die die Menschen aus ihrem Alltag kennen. Im eigenen Haus von Fremden überfallen zu werden, die es auf deinen Besitz abgesehen haben – was ist daran so viel anders, als im eigenen Haus festgenommen und abtransportiert zu werden? Die Angst, die man empfindet, ist vielleicht vergleichbar. Diese Parallelen möchte ich aufzeigen, in einer spannend erzählten Geschichte.« Den vorigen Sommer hat Durlacher mit der Familie in den Niederlanden verbracht. »Nachdem das Buch fertig war, wollte ich nach Hause, in die Niederlande. Danach war es hier in Santa Monica wieder schön«, erzählt Durlacher einige Tage später bei unserem Abschiedslunch im ›The Rose‹ in Venice  – heute eine kleine niederländische Enklave: Einige Tische weiter sitzt Paul Verhoeven und liest ein Drehbuch. »Leon ist mit allerlei Projekten beschäftigt und möchte hierbleiben, mir ist es mittlerweile relativ egal. Es wäre fast schade um all mein Heimweh, wenn ich jetzt zurückginge. Aber die Kinder haben genug. Obwohl sie sich hier gut eingelebt und Freunde haben, sehnen sie sich noch immer nach den Niederlanden. Für mich ist es daher moralisch nicht vertretbar, noch sehr viel länger hierzubleiben. Außerdem haben sie inzwischen ein so idealisiertes Bild von den Niederlanden, dass es unklug wäre, sie von dort fern-

zuhalten. Sie sollen ruhig erfahren, wie es ist, dort zu wohnen und durch den Regen zur Schule zu radeln, vielleicht sehen sie dann ein, dass es in Kalifornien gar nicht so übel ist. Wer weiß, vielleicht wollen sie dann selbst wieder hierher, und wir folgen ihnen.« Be careful what you wish for. Angenommen, Durlachers Sohn Moos würde genauso wie der Sohn Saras zu den Marines gehen? Wollte Durlacher mit diesem Buch – in dem die Mutterrolle ein offenkundiges Thema ist – auch gewisse Ängste beschwören? »Ich habe nicht die Illusion, dass ich etwas verhindern kann, indem ich darüber schreibe. Aber es hat schon etwas Reinigendes, wenn man sich seine größten Ängste vor Augen führt. Moos hat immer wieder davon gesprochen, dass er gern zu den Marines gehen würde, aber im Grunde meines Herzens glaube ich ihm das nicht. Ich kann es nicht glauben. Ich hoffe letztlich, dass er etwas Schöneres mit seinem Leben anfangen möchte. Mitch, der Sohn in meinem Buch, hat, wie sich herausstellt, einen tief wurzelnden Grund für seine Entscheidung – Moos hat zum Glück eine Menge Alternativen. Ich kann nicht leugnen, dass ich viel an ihn gedacht habe, als ich dieses Buch schrieb.

Vielleicht geht Jessica Durlacher jetzt also in ihr letztes Jahr in Amerika. Und für dieses Jahr hat sie sich etwas vorgenommen. »Amerikaner lieben den Erfolg, und was das betrifft, habe ich noch nicht viel vorzuweisen. Ich muss immer erklären, was ich mache. ›I have written published novels‹, lautet mein Standardtext, mit der Betonung auf published, denn hier wimmelt es von Schriftstellern, die noch nie etwas veröffentlicht haben. ›Oh, in Europe!‹, wird dann geantwortet, was man wohl einerseits ein bisschen schade findet, aber andererseits auch wieder fascinating. Deshalb wäre es großartig, wenn etwas von mir ins Englische übersetzt würde. Das ist mein nächstes Ziel.«
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers Zuerst erschienen in der niederländischen Frauenzeitschrift ›Red‹

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Buchtipp

Es wäre fast schade um all mein Heimweh, wenn ich jetzt in die Niederlande zurückginge.
Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist etwas so Besonderes für mich, und ich bin bestimmt nicht die Einzige, der es so geht. Allein die Tatsache, dass man als Frau einen Jungen gemacht hat, gleicht einem Wunder. Und dann ist dieser kleine Junge zunächst völlig abhängig von dir, um später immer mehr seine eigenen Wege zu gehen  … Das tun Mädchen natürlich auch, aber von ihnen erwartest du das, weil du es ja selbst auch so gemacht hast. Wenn man aus einer Familie mit lauter Mädchen stammt, ist es enorm lehrreich, einen Sohn zu haben.«

416 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06811-5 Auch als Diogenes E-Book

Die Geschichte einer Heimsuchung. Mit einem Mal ist es schlagartig vorbei, das sorglose Leben der Familie Silverstein. Jemand bedroht ihr Leben, er ist gefangen in einer Geschichte, die der Vergangenheit angehört und doch auf fatale Weise bis in die Gegenwart reicht. Eine Geschichte, die Großvater Silverstein immer verschwiegen hat. Und die sein Enkel Mitch zu Ende führt. Ein mitreißender Roman über die Schrecken des Kriegs und über die Angst, die Menschen zu verlieren, die man am meisten liebt. »Jessica Durlacher ist eine grandiose Schriftstellerin.«  Brigitte

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Reise-Tipps Paulo Coelho

Anders reisen
Schon als sehr junger Mensch fand ich heraus, dass die beste Art zu lernen für mich das Reisen war. Bis heute habe ich mir die Seele eines Wanderers bewahrt und möchte hier in der Hoffnung, sie könnten anderen »Wanderern« nützlich sein, einige Lektionen wiedergeben, die ich gelernt habe.

1 Meide Museen. Der Rat mag absurd erscheinen, aber lasst uns einen Augenblick miteinander nachdenken: Wenn du in einer fremden Stadt bist, ist es da nicht interessanter, statt der Vergangenheit die Gegenwart zu suchen? Die Leute fühlen sich verpflichtet, in Museen zu gehen, weil sie von klein auf gelernt haben, dass Reisen bedeutet, diese Art von Kultur zu suchen. Selbst­ verständlich sind Museen wichtig, aber du musst wissen, was du sehen willst, andernfalls verlässt du sie mit dem Eindruck, dass du zwar ein paar grundlegende Dinge für dein Leben gesehen hast, aber nicht mehr weißt, welche es denn waren. 2 Geh in Bars. Dort zeigt sich das Leben der Stadt. Mit Bars meine ich nicht Diskotheken, sondern Orte, wo die Einheimischen sich treffen, trinken, über Gott und die Welt diskutieren und immer offen sind für ein Gespräch. Kauf eine Zeitung, sitz einfach da, und
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schau dem Kommen und Gehen zu. Wenn jemand ein Gespräch anfängt, geh darauf ein, auch wenn das Thema noch so albern ist. Man kann über die Schönheit eines Weges nicht befinden, wenn man nur aus der Tür schaut. 3 Sei offen. Geh auf die Straße hinaus, suche dir einen Menschen aus, mit dem du reden möchtest, und frag ihn nach dem Weg (Wo liegt die Kathedrale? Wo ist die Post?). Wenn es beim ersten nicht klappt, frage einen zweiten – und ich garantiere dir, dass du bis zum Tagesende eine ausgezeichnete Begleitung gefunden haben wirst. 4 Reise allein oder, wenn du verheiratet bist, mit deinem Partner. Nur so kannst du wirklich dein Land verlassen. Wenn du in einer Gruppe reist, simulierst du nur eine Reise in ein anderes Land, bei der du weiter deine Muttersprache sprichst, den Weisungen eines »Leithammels« folgst und dich mehr um den Klatsch und Tratsch in der Gruppe

als um den Ort kümmerst, den du besuchst. 5 Vergleiche nicht. Vergleiche nichts – weder Preise noch die Sauberkeit noch die Lebensqualität noch die Verkehrsmittel, nichts!! Du reist nicht, um zu beweisen, dass du besser lebst als die anderen. Du solltest herausfinden, wie die anderen leben, was sie dich lehren können, wie sie mit der Realität und dem Besonderen im Leben umgehen. 6 Begreif, dass alle dich verstehen. Auch wenn du die Landessprache nicht sprichst, habe keine Angst: Ich war an vielen Orten, an denen ich mich nicht mit Worten habe verständlich machen können, und habe letztlich doch immer Hilfe, wichtige Vorschläge erhalten und sogar Freunde und Freundinnen gefunden. Einige Menschen fürchten, sich zu verlaufen, wenn sie allein reisen und auf die Straße hinausgehen. Man braucht nur die Visitenkarte des Hotels in der Tasche zu haben und notfalls

Foto: © IPC – Instituto Paulo Coelho

ein Taxi zu nehmen und sie dem Fahrer unter die Nase zu halten. 7 Kauf nicht viel ein. Gib dein Geld für Dinge aus, die du nicht zu tragen brauchst: gute Theaterstücke, Restaurants, Ausflüge. Heutzutage, in den Zeiten des globalen Marktes und des Internets, kannst du alles kaufen, ohne für Übergewicht zu bezahlen. 8 Versuch nicht, die ganze Welt in einem Monat zu bereisen. Es ist besser, vier oder fünf Tage in einer Stadt zu bleiben, als fünf Städte in einer Woche zu besuchen. Eine Stadt ist eine kapriziöse Frau, die Zeit braucht, um verführt zu werden und sich ganz zu offenbaren. 9 Eine Reise ist ein Abenteuer. Henry Miller hat einmal gesagt, es sei wichtiger, eine Kirche zu entdecken, von der noch niemand etwas gehört hat, als nach Rom zu gehen und sich verpflichtet zu fühlen, die Sixtinische Kapelle zu besichtigen. Geh ruhig in die Sixtinische Kapelle, aber verlier dich in den Straßen, geh durch die Gassen, spür die Freiheit, etwas zu suchen, von dem du nicht weißt, was es ist, was du aber ganz gewiss finden wirst und was vielleicht dein Leben ändern wird.
Aus dem Brasilianischen von Maralde Meyer-Minnemann

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Aktuelle Ausgabe: Nr. 825, April 2012

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Spencer Ashby, Lehrer in einer amerikanischen Kleinstadt, führt mit seiner Frau Christine ein ruhiges, pflichtbewusstes Leben, bis eines Morgens die junge Bella, ihr Hausgast, ermordet aufgefunden wird. Polizei, Freunde, Bekannte, Nachbarn, Kollegen – sie alle verdächtigen Ashby. Selbst seine Frau. Was wird aus einem Menschen, der zu Unrecht des Mordes verdächtigt wird?

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Entweder bekommt er die Frau, die er liebt, oder er behält die Arbeit, die er liebt. Und welche Entscheidung er auch treffen mag, sie könnte sein gesamtes Weltbild zerstören. Ihm das Herz brechen, irreparabel. Ihn ins Gefängnis bringen. Ihn töten.
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Diogenes Taschenbuch detebe 24174, 416 Seiten Auch als Diogenes Hörbuch Juli

Michael Beard ist Physiker – und Frauenheld. Er hat den Nobelpreis erhalten, doch ist er alles andere als nobel: Im Beruf ruht er sich auf seinen Lorbeeren aus, privat hält es ihn auf Dauer bei keiner Frau. Bis die geniale Idee eines Rivalen für Zündstoff in seinem Leben sorgt. In Solar geht es nicht nur um Sonnen-, sondern auch um kriminelle Energie.

Diogenes Taschenbuch detebe 23748, 304 Seiten

Achtzehn Jahre, Ostdeutscher, arbeitslos, Nazimitläufer – der Stoff, aus dem ein deutscher Held ist? Wie viel Gewalt erlaubt die Notwehr? Und wie schmutzig darf man sich die Hände machen beim Griff nach dem Glück?

Früher gab es noch Tore, heute gibt es endlose Kommentare. Früher gab es Stehplätze, heute Sitzplätze, die sich nur Fußballer mit ihren Millionen­ gagen leisten können (aber die kommen sowieso gratis rein). Die Couch vor dem Fernseher ist längst durch Public-ViewingPlätze ersetzt worden, die Spieler mit ihren auffälligen Frisuren sind von ihren Gattinnen nicht mehr zu unterscheiden, und doch ist Fußball immer noch die wichtigste Nebensache der Welt, und eine WM oder EM das Größte.

Diogenes Taschenbuch detebe 24173, 752 Seiten Auch als Diogenes E-Book

Major Anthonys Frau wünscht sich ein Kind, aber es klappt nicht. Ließe sich beim Kampf gegen die Guerilleros nicht ein Kind beschaffen? In einem gottverlassenen Ort irgendwo in Südamerika macht Major Anthony seiner Frau das Mädchen Lina zum Geschenk. Doch Liebe auf Kommando, so funktioniert das nicht.
Illustrationen: © Jean-Jacques Sempé

… und am Strand eine gute Figur
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Reisetagebuch

The Grand Tour
Ihre erste große Europareise finanzierte Alfred Hitchcock, der für 6800 Dollar die Filmrechte an ihrem ersten Roman Zwei Fremde im Zug erworben hatte. Patricia Highsmith nannte sich selbst eine Heimatlose. Texas, wo sie 1921 zur Welt kam, war ihr verhasst. Rastlos reiste sie durch ganz Europa, nach Afrika, Mexiko, unbehaust, ohne feste Anschrift, voller Sehnsucht nach Liebe und Ruhe – im Leben wie im Schreiben. Davon erzählen ihr Tagebuch und ihre Zeichnungen.
7. November 1940, New York Marzipanhasen! Marzipanhasen! – Auf dieses Wort bin ich beim Lesen der Buddenbrooks gestoßen, es hat mir sofort alles wachgerufen – Ostern und Schokolade, die Stanniolfolie, den Duft und Geschmack von Europa – die unergründliche, elegante Seele Europas. 3. Oktober 1942, New York Pulsschlag – im Restaurant beim Lunch sitzen, vor sich den unvergleichlichen Martini, neben sich die unvergleichliche Tischbegleitung – in Erwartung des tierisch-himmlischen Vergnügens eines guten Essens mit jemandem, den ich liebe –  , eine Ruhepause, die man sich nur von eins bis drei am Nachmittag gönnt, und dann wird einem klar, so wie es auch auf Reisen geschieht,
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Mit Patricia Highsmith auf Reisen

dass diese Augenblicke die besten sind, die man je erwarten kann, in ihnen liegt die Erfüllung. Und so ist es seltsam, wenn ich sie ansehe und dabei weiß, dass ich etwas fühle, das diesen Augenblick überdauert und auch den Augenblick, der bis zum Eintreffen des nächsten ähnlichen Augenblicks verstreicht – selt­ sam, mit der Hand, die so lässig die Zigarette hält, den eigenen Puls an der Schläfe zu spüren –  , dadumm dadumm dadumm, so tropft meine Lebenskraft dahin. Ist es vorstellbar, diesen Augenblick zu messen und mein Gefühl in diesem Augenblick? Ich kann es nicht. 4. Februar 1943, Fort Worth, Texas Die Gefühle, die man beim Erkunden der Geburtsstadt hat: Unruhe, Unsi-

cherheit, keinerlei Bedürfnis, sich zu setzen und nachzudenken oder zu schreiben, auch nur zu lesen. Irgendwie ähnlich diesen Gefühlen beim Reisen, wenn ganz unwesentliche Dinge einen plötzlich anziehen und ablenken. Im Grunde passiert auch genau das: Man ist psychisch auf der Reise, im Geiste. 10. Januar 1944, Taxco, Mexiko Leben in Mexiko – oder: »Der Mensch gegen die Insekten«. Ich habe Flöhe. Tengo pulgas. Pero mu­ chas! 2. Februar 1944 Mexiko! Man muss es aus dem Fenster eines Busses sehen, der mit vollem Tempo dahinjagt, gerade so, dass die Gepäckstücke auf dem Dach ihn nicht

umkippen lassen. Man muss den sauberen Wind im Gesicht spüren, während man die Berge Mexikos hinunterrollt, abwärts, abwärts, und auf den Straßenschildern – drei Kilometer zu spät – steht, dass Haarnadel­ kurven kommen: Camino sinuoso. Manchmal sehen die Berge aus wie die Rücken einer Elefantenstampede, manchmal auch wie grobgeknüpfte Teppiche, achtlos auf einen Haufen geworfen. Immer sind sie so imposant, dass die Phantasie einfach nicht mit ihnen fertig wird. Mexiko ist grün in seinen Tälern, hellgrün an den Stellen, wo gewässert wird, dunkelgrün auf den Berggipfeln und voll grellgrünem Gras dazwischen. In der Ferne gehen zwei Mexikaner in weißen Hosen, die Hemden und Somb­ reros übersät von den Resten der Maisernte, tief unterhalb der Straße. Die beiden sind so weise, dass sie ihre Weisheit gar nicht wahrnehmen, weise genug, um so stolz auf sich zu sein, dass sie Demut in der Landschaft zeigen und ihre Leben als zwei von vielen Millionen betrachten. Von einem Haus weiter oben am Hang dringen leise Stimmen und Gitarrenmusik herunter, diese Musiker, die nur selten trinken oder rauchen, weil sie auch aus dünnem Tageslicht Poesie machen können. Mexiko mit seinen Füßen in der Erde und der Krone im Himmel.

Samstag, 8. April 1944, Taxco In meinem Dach spielen die Rat­ ten Fangen. Gestern haben sie sich durch eine Fliese genagt, die dann auf den Badezimmerfußboden geknallt ist. Ich sitze hier wesentlich länger am Tag auf meinem Allerwertesten als in New York. Könnte mich wohl daran gewöhnen. Allerdings missfällt mir der Gedanke an ein breites Hinterteil. Heute das höchst melancholische Gefühl, dass ich erschöpft bin und dass Mexiko daran schuld ist. Es wird mehr als nur Willenskraft brauchen, um mich noch weitere fünf Monate hier zu halten – etwas, das der Passion ei­ nes Flagellanten nahekommen dürfte. Irgendein Scheißvieh – ich bin einigermaßen sicher, dass es nicht mein Kätzchen ist – stiehlt sämt­ liches Fleisch, das ich kaufe, zerbricht alle Eier und schlürft sie leer. 11. Juni 1946 (wahrscheinlich Fort Worth, Texas) Eine seltsame und verborgene Ecke im Innern des Ichs, dieser Wunsch nach Anonymität. Wenn man einen Schnapp­ schuss von schlaksigen Kaliforniern betrachtet, die Weizen in einen Güterwagen schaufeln, dann wünscht man sich, ganz einfach einer von ihnen zu sein, ohne Namen – wenn auch nicht ohne die eigene Vergangenheit und eine Fülle von Erinnerungen. Welche

Faktoren lösen diese seltsame Sehnsucht aus – die so mächtig ist, dass man manchmal unerwartet weinen muss? Gier zum Beispiel, die in Neugier umbenannt wird, damit es nicht so krass klingt. Die Gier, alle Orte dieser Erde kennenzulernen, alle Menschen zu sein, alles unternommen zu haben. Auf angenehm oberflächliche Weise traurig oder glücklich sein, anstatt bei derartigen Emotionen die ganze schwerfällige Maschinerie des eigenen Selbst ins Spiel zu bringen! Vor allem wohl, um das zu schaffen, was jeder nicht zu schaffen fürchtet: gelebt zu haben. November 1946, auf dem Weg nach Charleston So wohl, so geistig aktiv und so reich an assoziativer Kraft wie am Schreibtisch fühlt sich ein Schriftsteller nur auf Reisen. 22. November 1946, Charleston Was kommt in seiner abstrakten Traurigkeit dem Erlebnis gleich, in einer fremden Stadt allein zu sein, einer Stadt, die man in Erwartung von Vergnügen und Frohsinn besucht hat? Es gibt ein schreckliches, elendes Gefühl von losen, konfusen Absichten, die im Nichts versanden und kaum etwas bedeuten, selbst wenn man sie ausführt. Da ist diese Ahnung der Planlosigkeit aller

Illustrationen: © Patricia Highsmith; Foto: © Schweizerisches Literaturarchiv, Bern

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Menschen, oder der Blindheit ihrer Wege, die sie wie besessen verfolgen. Und da ist das schreckliche, verzweifelte Verlangen, sie alle einzufangen und in ein Bündel von Bedeutung zu schnüren, oder zumindest ein Bündel von Form, und am Ende geht man zurück in ein erbärmliches Hotelzimmer und ver­ sucht, wenigstens etwas Konkretes darüber zu Papier zu bringen. Auf den Gehsteigen in Char­ leston um neun oder zehn Uhr abends fühlen sich meine Schritte an wie Donnerschläge. Sie sind die Einsamkeit selbst, nicht nur Symbole dafür. Sie sind die Abwesenheit der Menschen, die ich geliebt habe, der Menschen, die ich heute liebe und gerne bei mir hätte. Die vorwärtsstrebenden Schritte lassen unweigerlich an ein Suchen denken. Doch was suche ich hier? Ich bin derzeit zu verwundet, um irgendetwas zu suchen  – nicht Wolfes steinernen Engel, kein Blatt, keine Tür. Wo hat die ewige Liebe ihre Heimstatt? In welcher Straße, hinter welchem schmiedeeisernen Tor? Hat sie etwas gegen Besuch spät in der Nacht? (Doch wie viel Huldi30
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gung und Dankbarkeit ich ihr mitbringen würde!) 28. Februar 1949, New York Gib mir das sinnliche Vergnügen des Alleinseins zurück. In diesen achtzehn Monaten habe ich einen weiten Weg hinter mich gebracht. Ich habe Menschen gelauscht, die mir zugebrüllt haben, wo ich hingehen soll, zwischen Felsen, über Meere, wo ich gar nicht hinwollte, wo ich es satt hatte hinzugehen. »Wir bringen dich zu dir selbst zurück«, riefen sie, aber ich glaubte ihnen keinen Augenblick lang. Ich wusste nur, dass ich gehen musste. Ich wusste sehr wohl, dass sie mich zu irgendwem anders zurückbringen und dann triumphierend rufen würden: »Na bitte!«, aber vielleicht sollte ich diese andere Person gar nicht kennenlernen und uns am Ende beide umbringen. Aber ich habe das sinnliche Ver­ gnügen meines Alleinseins wieder, an das sie niemals rühren können, das weiß ich jetzt. Am Anfang weiß ich gar nicht immer, worüber ich reden soll. Und doch – der Ozean der Worte, der

Ozean meines Alleinseins schaukelt mich sanft, und nachdem ich eine Weile ausgeruht habe, werde ich auch wieder wissen, wo ich eintauchen, wo ich trinken und wo ich die grüne Strömung ignorieren sollte. 23. August 1949, Rom Porträt von Rom mit Extraportion Innenschau Ich bin jetzt seit zwei Tagen in Rom, und alles ist schiefgelaufen. Zuerst die Hotels, dann die Sehenswürdigkeiten, die ständig geschlossen sind, und nun bin ich krank. Jedenfalls glaube ich, dass ich krank bin. Wie verhält man sich, wenn man allein und krank ist? Man beschließt, eher allmählich, dass man es eben ist, weil – abgesehen davon, dass man sich vage mies und erschöpft fühlt – bei ganz einfachen Vorhaben, wie die Kleider auszuziehen, um ein Bad zu nehmen, plötzlich der Wille versagt. Was tut man, wenn man allein und krank ist? Man legt sich behutsam ins kühle Bett und starrt im Liegen auf die grüne Kletter­ pflanze vor dem offenen Fenster, lauscht dem Sur-

ren und Schrillen, den sporadischen Stimmen der fremden Stadt. Ich tue das im Liegen, dabei erspüre ich vorsichtig, wie ich mich fühle und wo ich mich krank fühle – im Magen, den Eingeweiden, lauter lebenswichtige Organe –, und meine Feigheit wächst zusehends, da mir immer deutlicher vor Augen tritt, ich könnte in dieser fremden Stadt ster­ ben, unversorgt und unbemerkt in diesem kleinen Hotelzimmer. Die Fremdheit überwältigt mich. Sie ist wie hohe Felswände auf allen Seiten, die jederzeit einstürzen und mich für immer unter riesigen Blöcken begraben können. Ist Keats hier gestorben? Oder wer? Was vermag des Dichters Macht gegen ein exotisches Fieber? O Roma! Ewige und erbarmungslose Stadt! Die Marmorpfeiler, die man Roms Glanz und Gloria nennt, haben die Regenströme von Jahrhunderten verfallen lassen. Von den sich hinabschlängelnden Rinnsalen des Regens sind die Kanellierungen der korinthischen Säulen ausgewaschen oder verzogen oder aufgedunsen wie die Adern in den Armen alter Weiber. Andere

sind mit modernen Ziegeln repariert worden, so wie man kranke Bäume mit Zement ausfüllt. Aber der Marmor von Rom ist nicht lebendig für mich. Eher wie Bett­ laken, die man über Besenstiele hängt, um Gespenster zu simu­ lie­ ren. Aber es sind ja noch nicht mal Gespenster. Oh, wo sind all jene, die mich lieben? Meilen und Oze­ ane weit weg! Und mein Bein unter dem zerknüllten Bettzeug ähnelt dem Bein einer Mumie, eingehüllt in leinene Tücher. Oh, wo sind sie? Ein einziges Wort von ihnen könnte mich gesund ma­ chen. Ich habe Angst, Angst, Angst. 10. Mai 1951, Florenz Ein gutes Hotel – es gestattet einem genügend Introspektion, um sich wie zu Hause, aber nicht genug, um sich unglücklich zu fühlen. 6. Juni 1951, München München. 3.30 Uhr morgens. Das allerbleichste Blauweiß vor den Fenstern. Ich kann heute Nacht nicht schlafen. Eine Frau führt einen weißen Hund an einer fernen Häuserecke spazieren. Ist

sie spät oder früh dran? Ist es Nacht oder Tag? Die Vögel zwitschern schon. Wie lange müssen sie noch warten, bis ich mein Frühstück mit ihnen teile? Erstmals begutachte ich die Bilder an den Wänden meines Pensionszimmers: eine Silhouetten­ gruppe von Mann, Frau und Podest mit Hahn darauf. Biedermeierstil, aus Spitze und schwar­ zem Karton hergestellt. Von meinen Freunden, die ein paar Straßen weiter übernachten, fühle ich mich so abgeschieden, als wären entweder sie oder ich tot, in einer anderen Welt gefangen. Das hier ist Deutschland. In der Stille, ohne Sprache, könnte es auch Ohio sein, oder der Süden von Virginia oder England. 25. Februar 1952, Cagnes-sur-Mer Leben im Hotel – lieber ein Feuerwehrmann als ständig diese Essenszeiten zu befolgen, da hat man zwischen den Einsätzen weniger Anspannung. In der Bar trifft man ein paar Leute, die Anspannung wird zu hektischem Gelächter beim zweiten Martini. Innerhalb von drei Tagen ist man zum Trinker
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Illustrationen: © Patricia Highsmith

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kor­ rumpiert, hat Vergnügen daran, den ganzen Vormittag auf Einkaufsbummel zu gehen, anderthalb Stunden lang im kleinen Café am Hauptplatz in der Sonne zu sitzen oder auf sie zu hoffen, selbst bei gnadenlos ödem englischem Essen, dann ein halbgarer Nachmittag voll halb­ garer Gespenster und halbgarer Absichten, die niemals in die Tat umgesetzt werden. Wo ist mein Holz­ löffel, mein Großvatermesser, meine Bücher von Augustinus, meine Zeichnung am abendlichen Fenster nach dem Essen, meine Vorstellung des Lebens, silberhell und flink wie ein Fisch? Wo sind meine ranken Muskeln, die mich um sechs Uhr früh aus dem Bett katapultieren, direkt ans offene Fen­ ster, wo ich, wenn ich will, in der kühlen Luft ertrinken kann, die mich die Nacht hindurch gebadet hat? 30. November 1952, Florenz »c/o, care of Mrs. Soundso«. Immer bin ich in der »Obhut von Mrs. Soundso«. Oder »von Mr. Soundso«. Ich hatte nie eine Heimat. Ich ziehe von New York nach Paris, nach London, nach Venedig, München, Salzburg und Rom, ohne richtige Adresse. Meine Briefe erreichen mich durch die Gnade Gottes beziehungsweise die von Mr. oder Mrs. Soundso. Eines Tages, vielleicht, werde ich ein Haus aus Stein haben, ein Haus mit einem Namen – Hanley-on-theLake, Bedford on the River, West Hills, oder einfach Sunny Vale. Damit mich Briefe selbst dann erreichen, wenn nicht mal mein eigener Na­ me auf dem Umschlag steht, weil ich und nur ich dort wohnen würde. Aber das kann niemals all die Jahre wiedergutmachen, die man in American-Express-Büros von Opéra bis Haymarket, von Neapel bis München in der Schlange gestanden hat. Kann nie jene tragischen, melancholischen, demütigen­ den Vormittage wiedergutmachen, wenn man in der Hoffnung auf einen Brief aufgebrochen ist und mit leeren Händen gehen muss, mit leeren Händen. Es gibt Millionen von Amerikanern wie mich, die unentlohnt die Bitternis des Kolonialreichs kosten müssen. Englands Armeekorps hatte den Kameradschaftsgeist. Die Fran­ zosen hatten ihren Wein. Die Amerikaner heute,
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die offiziellen Kolonialbeamten, die haben ihre Gehälter, vielleicht sogar ihre Ehefrauen. Aber was haben die einsamen Amerikaner? Oft nicht mal eine Freundschaft zu Mrs. Sound­ so. Oder einen guten Ruf in der Pension Sporca in Florenz, wo sie abgerauscht sind, ohne den Zimmermädchen Trink­ geld zu geben. (In Wirklichkeit hat sie die Hotelrechnung total pleite gemacht.) Sie wandern als ungebundene Atome über das Antlitz der Erde, c/o Mrs. Soundso. Bis zu dem glorreichen Tag, an dem sie sich von Neapel oder Cherbourg oder Genua ein­ schiffen und stolz aller Welt ihre neue

der hegen sie Aversionen, und sie hassen Touristen mehr als jeder Europäer auf dem ganzen Kontinent, die Kommunisten nicht ausgenommen. Sie sind freie Ra­ dikale. Pendler. Vagabunden. Die Heimatlosen, die Anschriftslosen, die Zugvögel Ame­ rikas. 7. Juli 1962 Die Erfahrung des Reisens zwingt mich zu leben, was ich eigentlich gar nicht will. Ich mag es nicht, wenn meine unbewussten Gedanken unterbrochen werden durch das Bewusstsein: »Hier lebe ich und quäle mich ab, wenn auch nur mental, um meinen Platz in der Schlange zu behaupten, der mir soeben von einer fetten Frau aus den Abruzzen geklaut wird.« Ich sehe zu, wie sie sich hineindrängelt, und denke mir im Nachhinein, was ich dagegen hätte tun sollen. Andererseits kann ich die visuellen Eindrücke in voller Kraft genießen. Das Rosa und das Gelb auf bestimmten Gebäuden in Venedig. Um es ganz schlicht auszudrücken: Ich mag keine Menschen­ansammlungen. 13. Juli 1966 Afrika – ein guter Ort zum Nachdenken. Man fühlt sich, als ob man nackt vor einer weißen Wand steht. Alle Probleme werden einfach, alle Richtungen klar. Liegt es daran, dass Afrika so fern von Europa ist, die Menschen hier sich so sehr von denen dort unterscheiden? Ich weiß, dass ich hier nie zu Hause sein, nie etwas mit diesem Land anfangen werde, und dass sich das Land noch viele Tausende Kilometer nach Süden und nach Westen erstreckt. Um Touristen zu unterhalten, wälzt sich Afrika nicht mal im Schlaf. Es kommt mir vor wie eine große, dicke, schläfrige Frau in einem ge­ mütlichen Bett – sie ist selbst nackt, gleichgültig für jede An­ näherung. In der Nacht drehen ein paar unentschlossene, aber heisere Heuschrecken auf; weiter weg bellen Hunde an ihren Leinen, eine Wind­ mühle quietscht, in den leeren Hotelgängen hallen die Stimmen. 30. Juli 1973, Moncourt In den letzten fünf Jahren fällt mir auf, dass ich nicht mehr gern allein reise.
Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz

Adresse mitteilen: Soundso, East 63rd Street oder in dieser oder jener Jane Street. Aber immer noch c/o Mrs. Soundso. Und wenn sie zurück in den USA sind, vergessen sie das Haus aus Stein, das sie sich wünschten. Sie sitzen herum, laufen herum, hasten herum und träumen von der Pension Sporca und wie sie möglichst schnell wieder dorthin kommen können. Sie sehnen sich nach den felsigen Stränden und dem blauen Wasser Italiens, nach den Pastellfarben von Florenz, dem nächtlichen Clubleben von Paris. Und bald (sobald das nötige Geld wieder zusammengekratzt ist) brechen sie auf. Mit einer neuen Adresse: c/o American Express, Paris. c/o Mme Charpentier, Paris. c/o Mr. & Mrs. Soundso, Rom. c/o  Yachtclub Mallorca, Palma de Mallorca. Kreisende Atome, auf immer allein, auf immer isoliert. Denn wer kann es mit ihnen aufnehmen, wer ihr Partner sein? Für einan-

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Foto: © NN © Patricia Highsmith Illustration:

Das erste Mal
Ich hatte schon in der Volksschule den Entschluss gefasst, Schriftsteller zu werden, oder besser noch: Dichter. Ich hatte vernommen, dass berühmte Künstler verhungert sind und in Massengräbern verscharrt wurden. Weder das eine noch das andere wollte ich. Ich musste daran denken, mir das Brot sonst wie zu verdienen. Ich war überzeugt, um Dichter zu werden, müsse man vorher alles lesen, was je geschrieben worden ist. So würde ich erfahren, worüber und auf welche Art noch nicht gedichtet wurde, ich würde mir meinen Platz erlesen. Diese Total-Lektüre war eine sub­ lime Form der Bücherverbrennung. Ich schaffte die andern lesenderweise beiseite, um für mich Freiraum zu erlangen. Doch dann der Schock. In der Bibliothek, die nach unserem Volkspädagogen Pestalozzi hieß, Zettelkästen, einer neben dem andern, eine ganze Wand entlang, mehr Schränke als Buchstaben. Der erste begann mit ›Aa‹ und ging bis ›Am‹; es folgte ›An‹ bis ›Av‹; erst dann begann der Kasten mit ›B‹. Mir war schlagartig klar: Du kommst nie durch. Selbst im hohen Greisenalter würde ich mich noch nicht an mein Jugendwerk machen, ich würde irgendwo zwischen ›Me‹ und ›No‹ das Zeitliche segnen.

Hugo Loetscher
über seine ersten Lese­erfahrungen

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Foto: © Marc Wetli / 13 Photo

ir besaßen zu Hause drei Bücher: eine Art Bibelexzerpt mit farbigen Illustrationen vom Kalvarien­ berg oder der Himmelfahrt. Zudem Das fleißige Hausmütterchen, ein Hochzeitsgeschenk an meine Mutter. Und ein Doktorbuch. Das kon­ sultierte meine Mutter für Do-ityourself-Heilungen. Sie schwor auf ›Schmieren und Salben hilft allenthalben‹. Ich konsultierte das Doktorbuch ab einem gewissen Alter unter G; wir hatten damals keinen Sex, sondern ein Geschlechtsleben. Diesen drei Büchern verdanke ich meine ersten Leseerfahrungen. Ich gewann eine häusliche Vorstellung von Lite­ ratur, die abgesteckt wurde durch Bibel, Doktorbuch und Fleißiges Hausmütterchen; manchmal hege ich den Verdacht, es sei bei dieser Trinität geblieben. Die erste Bücherei, die ich kennenlernte, war eine Pfarreibibliothek; sie befand sich gleich neben der Kirche, in einem Gebäude, in dem kirchliche Vereine ihre Versammlungen abhielten. Pfarrmäßig war die Öffnungszeit auf Sonntag festgelegt, am Vormittag nach dem Gottesdienst. Ich brachte nicht nur das Gesangsbuch mit in die

Kirche, sondern auch die ausgeliehenen Bücher. Ich v ­ erstaute sie gewöhnlich unter der Kniebank, damit der Liebgott, der hinterm Altar von einem Wandgemälde heruntersah, nicht gleich erblickte, was ich gelesen hatte; denn es gab Bücher, die mich auf das brachten, was man sündige Gedanken nannte; von d ­ enen befreite ich mich im Beichtstuhl. Das Ganze spielte innerhalb eines religiösen Recyclings: Man gab das Sündige, zu dem einen eine katholische Bibliothek animierte, in einem katholischen Beichtstuhl wieder ab. Das Angebot der Pfarreibibliothek war Katechismus-kompatibel; kein Buch, das es je auf den Index gebracht hätte. Damals las ich noch nicht die Bücher, die auf dem päpstlichen Index standen. Hier wachte die Ausleihdame, die im Caecilienchor sang, nicht nur darüber, ob man beim Lesen Flecken gemacht hatte; sie kümmerte sich darum, dass mir nichts Falsches in die Hände kam. Es gab Titel, die einem erst ausgeliehen wurden, wenn man vierzehn war. Ich zerbrach mir den Kopf, was einem Zwölf­ jährigen vorenthalten wurde, und war festen Willens, vierzehn zu werden.

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416 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06716-3 »Ein literarisches Vermächtnis.« Die Zeit, Hamburg

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Ein Autor – Eine Stadt

Zürich mit Martin Suter
Martin Suter zeigt uns sein Zürich, das viel zu bieten hat: kuli­ narische Köstlichkeiten, allerlei Kunst und Trödel und, kaum zu glauben: ein tropisches Klima. Zürich hat übrigens eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Handlungsort vieler Suter-Romane – eine Stadt am See, mit Trams, zwei Flüssen, vielen Banken ... Und dann gibt es dort noch einen Verlag unweit von Kunst- und Schauspielhaus, namens Diogenes, der Suters Best­ seller veröffentlicht.

Bodega Española   Eine steile Holztreppe führt in den Maurischen Saal im ersten Stock der Bodega Española. Sie sieht immer noch aus wie damals, als mein Urgroßvater dort gegessen hat. Am liebsten bin ich an diesem Ort im Winter als einer der wenigen Mittagsgäste, wenn es vor den Fenstern grau und nass ist und in der Mitte des Raumes der alte Gussofen seine Wärme verströmt. Dann esse ich eine Parillada aus verschiedenen Fischen und Meeresfrüchten und fühle mich ein bisschen südlicher.
Bodega Española Münstergasse 15
Foto oben: © Bastian Schweitzer / Diogenes Verlag; Foto Mitte: © Martha Schoknecht / Diogenes Verlag; Foto unten: © Zoo Zürich, Karsten Blum

Masoala Regenwald   Wenn ich so lange in Zürich bin, dass ich mich nach den Tropen sehne – und das geschieht bei mir sehr rasch –  , dann muss ich in den Regenwald. Er steht oberhalb der Stadt, gleich neben dem Zoo, und ist elftausend Quadratmeter groß. In ihm leben siebzehntausend Pflanzen und Bäume und über vierhundert Tiere. Es ist dort zu jeder Jahreszeit zwanzig bis dreißig Grad warm, und jeden Tag fallen achtzigtausend Liter herrlicher Tropenregen.  
Zoo Zürich Zürichbergstrasse 221

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Spitzenhaus Selina De Giacomi   Zürich ist eine Stadt voller kleiner Fluchtwege in andere Welten. Wenn ich das Spitzenhaus Selina De Giacomi im Herzen des Finanzviertels der Stadt betrete, bin ich mitten im Zürich der zwanziger Jahre. Das Geschäft wurde vor über neunzig Jahren gegründet und ist seither gleich geblieben. Ich finde dort so unentbehrliche Dinge wie mit Blumen bestickte Taschentücher, Servietten und Tischtücher mit Ajourstickereien, Kreuzsticharbeiten und Nadelmalereien.
Spitzenhaus Selina De Giacomi Börsenstrasse 14 (demnächst leider geschlossen)

Flohmarkt Bürkliplatz   Auf dem Bürkliplatz, an einer der elegantesten Einkaufs­ straßen der Welt, findet jeden Samstag ein klassischer Flohmarkt statt. Fast fünfhundert Aussteller bieten dort Trödel, Kuriositäten und Raritäten an. Es ist eine bunte, nostalgische Gegenwelt zu der anderen, in der sie liegt. Und es sind nicht nur die angebotenen Waren, die mich in die Vergangenheit versetzen. Es sind auch die Menschen, die dort kaufen und verkaufen, und ihre Maßstäbe, Prioritäten und Werte.
Foto oben: © Martha Schoknecht / Diogenes Verlag; Foto Mitte: © Michael Sengers / SchweizFotos.com; Foto unten: © H. Schwarzenbach AG

Bürkliplatz Jeden Samstag, Mai bis Oktober, von 6 bis 16 Uhr

Schwarzenbach Kolonialwaren   Aus der gleichen Zeit wie die Bodega Española stammt die Kolonialwarenhandlung Schwarzenbach, nur ein paar Schritte davon entfernt. Meistens duftet es vor dem Schaufenster nach dem Kaffee, der in vielen exklusiven Sorten dort geröstet wird. Im Fenster sind die Teigwaren, Dörrfrüchte, Tees, Kaffeebohnen, Hülsenfrüchte, Gewürze, Konfitüren, Schokoladen und andere Köstlichkeiten präsentiert wie die Kostbarkeiten eines Juweliergeschäftes. Und wenn ich das Geschäft betrete, habe ich die Wirklichkeit weit hinter mir gelassen.  
Schwarzenbach Kolonialwaren Münstergasse 19

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Ein Autor – Eine Stadt

Barcelona mit Benedict Wells
Wenn er nicht gerade eine seiner 42 Lesungen in diesem Jahr absolviert, widmet sich Benedict Wells dem Schreiben und hin und wieder auch dem Leben – in Barcelona. In diesen seltenen Momenten trifft man ihn mit etwas Glück in schummrigen Lokalen und traditionsreichen Bars, in Theatern, die eigentlich Restaurants sind. Und manchmal, da strebt er auch nach Höherem ...

PlaÇa del Sol   Gràcia ist die Heimat der Katalanen und Künstler. Touristen sieht man dort kaum. Das Viertel ist ein Spinnennetz aus schmalen Gassen, überall gibt es herrliche alte Häuser und gemütliche Kneipen und Restaurants. Das Herzstück von Gràcia aber sind die vielen Plätze wie die Plaça del Sol. Dort bestellt man am besten im ›Sol Soler‹ die hervorragenden Patatas Bravas, oder man holt sich nebenan Piadinas und Getränke und setzt sich mit Freunden mitten auf den Platz. Jeden Sommer findet hier übrigens die Fiesta de Gràcia statt, das größte Fest der Stadt.

Bar Marsella Carrer de Sant Pau 65

La Marsella   »Immer, wenn du in dieser Bar bist, passiert was«, hat neulich eine Freundin zu mir gesagt. Ich finde, sie übertreibt. Sie sagt das nur, weil ich mal nach einem Besuch dort ausgeraubt wurde. Und weil ein Kumpel nach einem Besuch mit mir dort ausgeraubt wurde. Und wegen diverser anderer Geschichten. Dabei kommt die ›Marsella‹ ganz arglos daher. Die Bar im Raval ist über 150 Jahre alt, schon Picasso und Hemingway waren hier zu Gast. (Wobei, in welcher Bar war Hemingway eigentlich nicht zu Gast …) Innen sieht es noch so aus wie im 19. Jahrhundert, damals sind wohl auch die Flaschen in den Regalen und die Kronleuchter zuletzt entstaubt worden. Ich liebe die Atmosphäre dort. Warnen muss man dagegen vor der Wirkung des Absinths. Oder frei nach James Thurber: »Ein Absinth ist genau richtig, zwei sind zu viel, drei sind nicht genug!«*
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Foto oben: © Roger Eberhard; Foto Mitte: © Benedict Wells; Fotos unten: © Daniel Kampa / Diogenes Verlag

L’Antic Teatre / Can Man ˜o   Natürlich kann man lange vom Strand in Barcelona erzählen, wie wunderbar es ist, dort abends mit Freunden auf Decken zu sitzen oder im Meer zu baden. Schön sind aber auch die Orte auf dem Weg dahin, etwa das ›Antic Teatre‹. Von außen ahnt man nicht, welch ein Kleinod sich im Innenhof versteckt. Im Café ist es schattig und ruhig, man sitzt zwischen Lampions und Bäumen. Großartig essen kann man übrigens im ›Can Maño‹. Das katalanische Restaurant in Barceloneta wirkt unscheinbar, aber abends wartet oft eine lange Schlange Eingeweihter davor. Drinnen gibt es frische Fisch- und Fleischspezialitäten, alles sehr empfehlenswert – und günstig.
L’Antic Teatre C. Verdaguer i Callís 12 Restaurante Can Ma˜ no Carrer Baluard 12

Montjuïc   Wenn ich Besuch habe, gibt es einen Pflichttermin – die Burg auf dem Montjuïc. Das ist der 173 Meter hohe »Hausberg« von Barcelona, sehr leicht zu erreichen. Man fährt einfach mit der Metro bzw. dem Funicular (einer Seilbahn) nach oben, dann geht man noch zehn Minuten zu Fuß zur Festung. Dort hat man einen spektakulären Ausblick über die ganze Stadt. Am schönsten ist jedoch der Park direkt an der Metrostation. Auch hier überblickt man Barcelona, dazu ist es ruhig und oft menschenleer. Ideal, um zu picknicken oder allein in der Sonne zu lesen.

Big Bang Bar Carrer de Botella 7

Essen und Musik im Raval   Glücklicherweise wohne ich nur fünf Minuten von ›Madame Jasmine‹ entfernt, einer der vielen Perlen in meinem Viertel. Es ist ein kleines, schummriges Lokal am Fuße der Rambla del Raval; hier kann man die besten Bocadillos weit und breit essen. Auch die Diogenes-Mitarbeiter, die mich für das Magazin besuchten, waren begeistert. Ein Geheimtipp für später ist die ›Big Bang Bar‹ in der Carrer de Botella. Drinnen setzt man sich mit einem Bier in den Konzertraum und hört sich gratis Jamsessions von talentierten Musikern an. Mal Rock, mal Funk, mal Jazz. Die Stimmung ist immer hervorragend und ausgelassen.
Madame Jasmine Rambla del Raval 22

Fotos: © Daniel Kampa / Diogenes Verlag

* Die Barcelona-Tipps wurden nachts zwischen vier und fünf Uhr geschrieben, nach zwei Absinth.

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Interview

Martin Walker

Ein Schotte im Périgord
Martin Walker ist mit seinen Périgord-Krimis um Bruno, den sympathischen Chef de police, berühmt geworden. Im Interview spricht er über seine Leidenschaft für Land, Leute und Küche des Périgord und verrät, wie und wo er den vierten Bruno-Krimi geschrieben hat.
Diogenes Magazin: Martin Walker, im Mai erscheint Ihr vierter Roman bei Diogenes. Worum geht es? Martin Walker: In Delikatessen geht es vor allem um drei Themen: den Konflikt zwischen Foie-gras-Produzenten und Tierschutzorganisationen; um die neuesten archäologischen Forschungen zur Frühgeschichte des Périgord, der Zeit vor etwa 30  000 Jahren; und schließlich mit den Terroranschlägen der baskischen ETA um die jüngste politische Vergangenheit. Bruno, Chef de police von Saint-Denis, ist in all diese Vorgänge verwickelt. Neben Bruno ist die französische Küche Protagonist Ihrer Romane. Dieses Mal vor allem Foie gras … Meine erste Foie gras habe ich in Les Eyzies gegessen, direkt beim Museum für Frühgeschichte. Seit ich Sir Sidney Smiths Definition des Himmels auf Erden kannte: Foie gras essen  – zum Schall von Trompeten, hatte ich mich darauf gefreut. Nie zuvor habe ich etwas Köstlicheres gegessen. Die beste Pastete ist die meiner Frau, sie macht sie mit Champagner. Die beste gekoch38
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Neu

te Stopfleber habe ich auf dem Nachtmarkt in Audrix gegessen, zubereitet auf einem Campingkocher mit Honig und Balsamico. Tierschutzorganisationen lehnen das Stopfen von Enten und Gänsen rigoros ab – unter ihnen die PETA, die eine wichtige Rolle in Delikatessen spielt. Ich verstehe die Wut der Tierschützer vollkommen. Viele Großproduzenten sind absolut skrupellos im Umgang mit den Tieren. Aber die Tierschützer

sollten nicht auf die kleinen Bauern losgehen, die vorsichtig von Hand füttern; die Großunternehmen mit ihren Käfigen, mit ihrer Fließbandproduktion sind das eigentliche Problem. Die Solidarität unter den Bewohnern von Saint-Denis ist außergewöhnlich. Sie leben selbst im Périgord. Wie ergeht es Ihnen? In meinem Dorf kennt jeder jeden, und wir kümmern uns um alles selber. Weil diese Gemeinschaft aus Menschen besteht, gibt es natürlich auch Streitereien, aber im Großen und Ganzen ist das Leben dort so, wie ich es in meinen Romanen beschreibe. Mich kennt man dort vor allem als Herrchen meines Hundes, eines Basset Hounds, wegen meines blauen 2CV und als Ehrenpräsident der Rugbyteams der Jungs und Mädchen. Als gebürtiger Schotte werde ich natürlich nie ein echter Périgourdin sein, aber die herzliche Aufnahme, die meine Familie erfahren hat, ist wirklich sehr bemerkenswert. Man bezeichnet das Périgord auch als Wiege der Menschheit. Ein Hand-

Foto: © Atout France

lungsstrang Ihres Romans erzählt von archäologischen Grabungen. Jedes Mal, wenn ich die Höhle von Lascaux besichtige, bin ich begeistert über die Erhabenheit dieser Kunst und verblüfft, dass sie so vertraut erscheint. Je intensiver wir uns mit der Geschichte des Menschen auseinandersetzen, desto eher werden wir ein Verständnis unserer selbst erlangen. Die historischen Schätze des Périgord erinnern mich immer wieder an den berühmten Satz William Faulkners: »Die Vergangenheit ist niemals tot, sie ist nicht einmal vergangen.« Wie haben Sie für den sehr detaillierten zeitgeschichtlichen Background Ihres Romans recherchiert? Meine Quellen waren Bücher, Zeitungsartikel, Journalisten – aber auch Polizisten und Mitglieder der Sicherheitsbehörden. Kurz vor dem Tod von Generalissimo Franco war ich als Journalist in Spanien unterwegs. Ich habe Mitglieder der Untergrundopposition interviewt, unter ihnen Anarchisten, Kommunisten und militante baskische Separatisten. – Die Anfangsszene des Romans – der Gedenkgottesdienst für

einen französischen Polizisten, der von einer Einheit der ETA niedergeschossen wurde – beruht übrigens auf einer wahren Begebenheit, die sich erst vor kurzem zugetragen hat. Brunos Verhältnis zum anderen Geschlecht bleibt kompliziert … In Delikatessen hat er gleich zwei Beziehungen, was ihn furchtbar verwirrt: Isabelle will ihre Karriere in Paris vorantreiben. Aber Bruno ist in Saint-Denis zu Hause, dort leben seine Freunde, dort geht er seinem Beruf nach. Und Pamela? Sie will keine Kinder haben und genauso wenig eine feste Beziehung. Aber vielleicht kommt ja irgendwann eine Frau des Weges, die sich für ein Leben mit Bruno entscheidet und seinen Kinderwunsch teilt.

Fotos: © Bastian Schweitzer / Diogenes Verlag

Wann und wo haben Sie Delikatessen geschrieben? Das meiste habe ich in meinem Haus im Périgord geschrieben, Teile im Flugzeug, im Zug, in Hotels in Vietnam und China, Brasilien, Russland, in der Schweiz. Die zweite Fassung entstand in meinem zweiten Zuhause, in Washington. Wenn das Grundgerüst für einen Roman erst einmal steht, versuche ich jeden Tag 1000 Wörter zu schreiben – bis ich fertig bin. Wenn Sie wählen müssten – Belletristik oder Sachbuch? Was für eine Frage! Mark Twain wurde einmal gefragt, wo er sein Leben nach dem Tode verbringen wolle. Seine Antwort: Im Himmel – des Klimas wegen. In der Hölle – der Gesellschaft wegen. Meine Antwort: Sachbücher – für den Geist, Belletristik – für die Seele.
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Hören und sehen Sie selbst, was Martin Walker zum vierten Fall für Bruno, Chef de police, zu erzählen hat.

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Ins Herz geschlossen haben die Leser den ukrainischen Schriftsteller Andrej Kurkow seit seinen Romanen Picknick auf dem Eis und Pinguine frieren nicht.

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Foto: © Bastian Schweitzer / Diogenes Verlag

Interview

Eine Reise in die Vergangenheit
In seinem neuen Roman Der Gärtner von Otschakow reist er zurück in der Zeit – in die Sowjetunion des Jahres 1957. Ein Gespräch mit dem ukrainischen Autor Andrej Kurkow über Zeitreisen, das Schriftstellerdasein in seiner Heimat und seine Liebe zur Gartenarbeit.
Diogenes Magazin: Wir führen dieses Gespräch im Febru­ ar: Minustemperaturen geben landauf, landab zu reden. Wie geht es Ihnen mit der Kälte? Andrej Kurkow: Die schreibt ja zurzeit in meinem Land ein trauriges Kapitel. Ich glaube, es sind 165 Menschen an der Kälte gestorben. Mir geht es aber gut, meine Kinder haben schulfrei, und ich bin nur etwas erkältet. Gewöhnlich macht mir die Kälte nicht viel aus. Ich habe dieses Jahr mit Freunden am orthodoxen Dreikönigstag beim EislochSchwimmen mitgemacht. Tja, wir Ukrainer sind eben etwas verrückt. Hierzulande wissen die meisten nicht viel mehr über die Ukraine, als dass Tschernobyl dort liegt und dass eine Politikerin mit einem Haarkranz (Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko) im Gefängnis sitzt. Wie ist es, dort zu leben? Es ist ein Land mit einer sehr komplizierten Geschichte, es bräuchte also auch eine komplizierte Erklärung, wie es ist, hier zu leben. Es ist jedenfalls ein dynamischer Ort, voll von Absurditäten und seltsamen Bewegungen. Mit 184 registrierten politischen Parteien sind wir definitiv fast ein demokratischer Staat. Das Problem ist, dass manche nur gegründet wurden, um wieder verkauft zu werden. Es kostet zwar nicht viel, eine Partei zu kaufen und Lokalpolitiker zu werden, aber es ist viel interessanter, in der Ukraine Schrift­ steller zu sein. Regionen, vor allem an der russischen Grenze im Süden und Osten, wo Arbeitslosigkeit und Drogensucht regieren. Sie leben schon Ihr ganzes Leben in Kiew, also etwa in der Mitte des Landes. Genau. Etwa in der Mitte zwischen glücklich und unglücklich. Bis zu Ihrem 30. Lebensjahr waren Sie Sowjetbürger, seit 1991 ist Ihr Land unabhängig. Was hat sich damit für Sie verändert? Plötzlich kamen zu den ökonomischen Problemen noch weitere hinzu. Zum Beispiel mussten sämtliche offiziellen Dokumente auf Ukrainisch ausgefüllt werden. So musste ich jedes Mal zu meinen Eltern fahren, wenn sie einen Handwerker im Haus brauchten, denn sie sprachen kein Ukrainisch. Von Vorteil ist, dass man heute als Schriftsteller einen Verlag findet, egal, worüber man schreibt. Das Kulturleben im Untergrund war in der Sowjetunion vielleicht lebendiger als heute, doch toleriert war nur »richtige« Sowjetliteratur – was uns UntergrundautoDiogenes Magazin

Andrej Kurkow im Gespräch mit Annette Wirthlin

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind immer miteinander verbunden.
Sie haben einmal gesagt, das Leben in der Ukraine sei für die meisten Menschen die Hölle, für Schriftsteller aber sei das Land ein Paradies … Ja, das war in den 90er-Jahren, als es wegen der hohen Kriminalität gefährlich war, das Haus zu verlassen. Jetzt kommt es sehr auf die Region an, in der man lebt. Es gibt heute viele sehr zivilisierte Orte mit europäischem Lebensstil, aber leider auch furchtbar triste

Illustration: © Tomi Ungerer

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ren natürlich nicht passte. Ich musste meine Texte illegal vervielfältigen. In Ihren Büchern erzählen Sie von Korruption und Erpressung, Organhandel und politischen Intrigen – Dinge, die in Ihrer Heimat an der Tagesordnung sind. Haben Sie nichts zu befürchten? Als der Giftanschlag auf den Ex-Oppositionsführer Viktor Juschtschenko verübt wurde, kamen zwei Männer des Geheimdienstes bei mir vorbei, weil ich ein halbes Jahr zuvor genau so eine Szene beschrieben hatte. Aber es war ein freundliches Gespräch, und wir tranken Cognac. Mehr Probleme habe ich mit den Russen. Denen gefällt die Darstellung von Wladimir Putin in meinen Büchern natürlich nicht. Sie halten mich für einen russisch sprechenden ukrainischen Nationalisten – was lächerlich ist, zumal ja für ukrainische Nationalisten die russische Sprache der größte Feind ist. Bis jetzt fühle ich mich sicher. Aber die politische Situation ist vollkommen unberechenbar, man weiß nie, was noch geschieht. Reden wir über Ihr neues Buch, Der Gärtner von Otschakow. Wie kamen Sie auf die Idee, einen Roman zu schreiben, in dem der Protagonist Zeitreisen in die Vergangenheit unternimmt? Otschakow hat eine sehr reiche Geschichte. Während der Sowjetära gab es

dort einen Armeestützpunkt; die Stadt hatte einen strategisch wichtigen Hafen und war in einer privilegierten Situation. Sie wurde vom Militär bewacht, und nur wer dort lebte oder arbeitete, bekam Einlass und genügend Lebens­ mittel. All das brach mit dem Ende der Sowjetunion zusammen. Otschakow wurde ein schäbiger Ort mit vielen Arbeitslosen.

Meine erste botanische Liebe waren Kakteen.
In den letzten Jahren habe ich oft in der Region Ferien gemacht und viel mit den Menschen dort gesprochen. Weil ich ihre Erzählungen so mochte, entschloss ich mich, einen Roman zu schreiben, der die Atmosphäre, Lebensumstände und Geisteshaltung der Menschen von damals und heute einfängt. Dabei half mir Igor, die Hauptfigur, der heute lebt, jedoch die Chance bekommt, Gegenwart und Vergangenheit miteinander zu vergleichen. Wieso ausgerechnet 1957 – vier Jahre vor Ihrer Geburt? Es war ein Jahr des Optimismus. Das erste internationale Jugendfestival fand in Moskau statt. Nach Jahren der Stalin-Propaganda gegen alle Fremden öffnete sich die Sowjetunion gegenüber der Welt. Und es war das Jahr, in

dem der erste Sputnik ins Weltall geschickt wurde. Hätten Sie selbst gern damals gelebt? Ich bleibe realistisch. Ich lebe ganz gern in der heutigen Zeit. Aber ich liebe Geschichte und wäre gern Zeuge aller möglicher geschichtsträchtiger Momente gewesen. Igor kann auf seinen Zeitreisen sogar Fotos und andere Gegenstände mit sich führen … Ich wollte damit zeigen, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft immer miteinander verbunden sind. Die Vergangenheit beeinflusst die Gegenwart natürlich stärker, denn von der Gegenwart aus kann man die Vergangenheit nur beobachten, aber nicht verändern – höchstens unsere Interpreta­ tion davon. In der Ukraine kursieren ganz verschiedene Versionen unserer Vergangenheit und Geschichte, je nach politischer Ausrichtung des Historikers. Dass Igor Medikamente aus der Gegenwart ins Jahr 1957 mitbringt, um seine Freundin zu heilen, fand ich eine sehr interessante Vorstellung. Hätte man damals gewusst, was man heute weiß, wären einige Dinge sicher anders gelaufen. Beim Lesen ist man nie ganz sicher: Finden diese Zeitreisen in der Welt des Romans wirklich statt oder sind sie bloße Phantasien, allein Igors Alkoholkonsum geschuldet? Das kommt auf den Leser an. Das mache ich absichtlich. Ein romantischer

Ich freue mich auf « jede Ausgabe!»
Thomas Hürlimann, Schriftsteller

DIE AUTORENZEITSCHRIFT

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Leser wird an eine richtige Zeitreise glauben. Ein Skeptiker wird die Zeitreise eher dem Cognac zuschreiben. Im Gärtner von Otschakow wird sehr viel Alkohol getrunken. Ist das Überzeichnung oder eine Realität in Ihrer Heimat? Das ist schon eine Realität, vor allem in kalten Ländern wie dem unseren. Ich habe viele Freunde, die täglich Alkohol trinken, ohne deswegen gleich Alkoholiker zu sein. Das ist einfach eine Tradition. Sie selber sind ja ein Whisky-Fan. Ja, ich habe eine kleine Whisky-Sammlung und ein paar Freunde, die ebenfalls Kenner sind. Alle paar Monate kommen wir zusammen, um einige Flaschen seltener Jahrgänge zu verkos-

ten und gemeinsam im Whisky-Lexikon nachzulesen. Ein weiteres Hobby ist das Gärtnern. Haben Sie deshalb den geheimnisvollen Gärtner Stepan ins Zentrum Ihrer Geschichte gestellt? Ja. Menschen, die sich um Gärten kümmern, sind für mich irgendwie bodenständiger und positiver. Ich habe diese Theorie entwickelt, die Menschen in zwei Gruppen einteilt: Gärtner, die die Natur verschönern und in Ordnung halten – und Förster, die eher rabiatere Naturen sind, mehr zum Niederreißen neigen. Wenn Sie sich entscheiden müssten: Blumen oder Obstanbau? Meine erste botanische Liebe waren Kakteen, ich hatte eine große Samm-

lung. Manche haben im Haus meiner Eltern bis heute überlebt. Ich habe achtzig Kilometer außerhalb von Kiew ein Haus auf dem Land, mit einem schönen Garten, wo wir unsere eigenen Karotten, Kartoffeln, Gurken, Apfel- und Pfirsichbäume anpflanzen. Ich liebe Gemüse und Obstbäume. Auf Blumen bin ich nicht sonderlich versessen, das übernimmt meine Frau. Sie haben auch Drehbücher geschrieben. Eignet sich Der Gärtner von Otschakow für eine Verfilmung? Ich denke schon, denn wenn ich schreibe, läuft vor meinem inneren Auge ein Film ab. Dieser Roman ist sehr visuell, das heißt, man könnte ihn zu einem Filmskript machen, ohne viel daran zu verändern. Lagern bei Ihnen – ähnlich wie beim Helden Ihres Bestsellers Picknick auf dem Eis – auch etliche unfertige Romane in der Schublade? Generell schreibe ich so lange an etwas, wie ich mich damit selber überraschen kann. Wenn dieses Gefühl der Überraschung schwindet, höre ich auf oder lege es eine Zeit lang beiseite. In den letzten Jahren habe ich ein paar angefangene Romane überarbeitet, indem ich andere Wörter verwendete oder den Plot änderte. Komplett verworfen habe ich nur einige meiner frühesten Versuche vor über fünfzehn Jahren. Heute beende ich meine Romane eigentlich immer. Auf Russisch sind schon achtzehn Romane publiziert. Wieso schreiben Sie eigentlich auf Russisch – die offizielle Landessprache ist doch Ukrainisch? Stimmt. Und die staatlichen Literaturpreise werden auch nur an Autoren ver­ liehen, die in der ukrainischen Sprache schreiben. Aber Russisch ist nun einmal meine Muttersprache, und die Hälfte der Ukrainer spricht Russisch. Ich fühle mich in dieser Sprache einfach zu Hause. Es heißt, Sie seien ein Fremdsprachentalent. Vor 25 Jahren sprach ich noch elf Sprachen – unter anderem Georgisch, Rumänisch, Holländisch und Dänisch. Aber da ich diese Sprachen nie verwende, sind sie praktisch weg. Heute spreche ich noch fließend Englisch – meine
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Foto: © Bastian Schweitzer / Diogenes Verlag

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Frau ist ja Engländerin  –, Polnisch, Ukrainisch, Deutsch und Französisch. Außerdem habe ich ein JapanischÜbersetzerdiplom und verstehe Italienisch ziemlich gut. Was würden Sie im Leben tun, wenn Sie nicht schreiben könnten? Jedes Mal, wenn ich in meinem Haus auf dem Land bin, wünschte ich, ich müsste nicht mehr in die Stadt zurückgehen. Ich liebe es, mein eigenes Land um mich zu haben und es zu gestalten. Die Arbeit mit meinen Bäumen ist die beste Erholung. Es wäre für mich kein Problem, einfach nur noch das zu tun. Wenn ich Geld verdienen müsste, würde ich es wohl als Sprachlehrer versuchen, die Ausbildung habe ich ja abgeschlossen. Vielleicht wäre ich kein guter Lehrer, aber wer weiß …

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Buchtipp

352 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06814-6

»Andrej Kurkow ist ein Meister klug komponierter Romane mit viel hintergründiger Komik.« Kölnische Rundschau

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Foto: © Bastian Schweitzer / Diogenes Verlag

Igor wohnt bei Kiew und lebt in den Tag hinein. Da bringt eine Uniform plötzlich Bewegung in sein Leben: Mit ihr reist er durch die Zeit ins Jahr 1957 nach Otschakow, einer Hafenstadt am Schwarzen Meer, über 500 Kilo­ meter von seinem Zuhause entfernt. Dort trifft er auf Weindiebe und andere Gauner, und auf eine schöne, rothaarige Marktfrau, bei deren Anblick Igor die Gegenwart beinahe vergessen möchte … In Andrej Kurkows phantastischabsurder Erzählkunst ist alles möglich – auch eine Zeitreise in eine Vergangenheit, von der aus man die Gegenwart womöglich umso klarer sieht.

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i Mai/Jun 2 03/201

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ALPINE LEBENSART
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Essay

Andrej Kurkow

Die Rechnung geht aufs Volk!
Nach der Revolution ist vor der Revolution ... Andrej Kurkow, Autor satirischer Romane über die postsowjetische Gesellschaft, erzählt mit der ihm eigenen Mischung aus Ironie und Ernsthaftigkeit vom politischen Wirrwarr in der Ukraine, der anhaltenden Korruption, der Macht der Schriftsteller, der Anpassungsfähigkeit seiner Landsleute – und der Hoffnung auf echte Demokratie in seiner Heimat.

D

ie Katastrophe von Tschernobyl  im Jahr 1986 hat meiner Familie viel Glück gebracht. Die Sowjetunion siedelte hunderttausende Ukrainer aus der verstrahlten Zone in neue Häuser und Wohnungen anderswo im Land um. Die Ukrainer sind ein listiges Volk. Familien, die durch die Katastrophe ein Haus verloren hatten, versuchten nun vom Staat zwei dafür zu bekommen, oft mit Erfolg. Diese Häuser wurden dann zu lächerlichen Preisen zum Kauf angeboten. So kam es, dass meine Frau und ich für nur sechstausend Dollar ein wunderbares zweistöckiges Landhaus kaufen konnten, mit Garten, Land für Gemüsebeete und einem gemauerten Schuppen, der eine echte finnische Sauna enthielt. Seither wohnen wir zur Hälfte auf dem Land und haben die (fast möchte ich sagen ›große‹) Orange Revolution von 2004 erlebt, Julia Timoschenkos Wahlsieg über Viktor Janukowitsch und ihren Aufstieg zur PremierminisDiogenes Magazin

terin und den darauffolgenden Wahlsieg von Viktor Janukowitsch über Julia Timoschenko und seinen Wiederaufstieg zum Premierminister. Worauf seine Regierung Julia Timoschenko zu sieben Jahren Gefängnis verurteilte, wegen Amtsmissbrauchs (oder mangelnden Respekts ihm gegenüber).

Die Ukrainer sind ein listiges Volk, die Ukrainer sind ein konservatives Volk.
Aber in der Zwischenzeit sind in unserem Dorf viele andere, alltäglichere Dinge passiert. Der Erste, den wir dort kennenlernten, war der Dorfpolizist. Einmal lud er mich ins Nachbardorf in eine Kneipe ein, die ein Bekannter von ihm führte. Wir fuhren mit meinem Auto hin. »Keine Sorge, du kannst Bier trinken, so viel du willst! Mit mir im Wagen hält dich keiner an!«, sagte er zu mir.

Und ich verstand, dass es schlicht unhöflich gewesen wäre, in seiner Gesellschaft nicht zu trinken – also betranken wir uns. Ein paarmal kam der bärtige Wirt an unseren Tisch und erzählte von seinen Plänen fürs Geschäft. Gegen Ende des Abends fiel mir auf, dass der Polizist keine Anstalten machte, für unser Bier zu zahlen. Ich versuchte, selbst zu zahlen, doch er sagte höflich, aber bestimmt: »Nein! Ich habe dich ja eingeladen!« Daran dachte ich ein paar Jahre später, als ein anderer Freund aus dem Dorf erzählte, wie er versucht hatte, im Dorf Eis zu verkaufen: »Das Geschäft wäre eigentlich gar nicht so schlecht gelaufen, wenn nicht ständig unser Polizist gekommen wäre und Eis geholt hätte, ohne zu zahlen.« Von meinem Dorf habe ich viel gelernt, und so bin ich froh, wenn ich mich irgendwie revanchieren kann. Westlichen Lesern ist das vielleicht nicht bewusst, aber Schriftsteller hatten in der UdSSR einen besonderen

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Status. Und in der ukrainischen Provinz hat sich der Glaube an die Macht bekannter Literaten erhalten. So fragte mich einmal die Direktorin der Dorfschule, ob ich nicht mit dem Leiter der staatlichen Bezirksverwaltung reden und ihn um zwei oder drei zusätzliche Lehrerstellen bitten könne, damit die Oberstufenschüler die Schule hier im Dorf abschließen könnten und nicht mehr für die letzten zwei Jahre ins nächste Städtchen fahren müssten. Das war, glaube ich, im Jahr 2002, in einer sehr rückwärtsgewandten Zeit. Präsident Kutschma wurde gerade beschuldigt, den Mord an dem Journalisten Georgi Gongadse in Auftrag gegeben zu haben. Viel Unerfreuliches passierte, und um die Rede- und die Pressefreiheit war es schlecht bestellt. Dennoch traf ich mich mit dem Verwaltungsleiter. Er hörte mich an und war einverstanden. Und dann ging alles sehr schnell. Die Schule bekam ihre Lehrer, und zum Dank luden sie mich zu einem Abendessen mit Wodka ein. Meine Autorität im Dorf war schlagartig gewachsen, und alle waren zufrieden, vor allem die Kinder. Doch nach der Orangen Revolution wurde der Verwaltungsleiter durch einen jüngeren, ›orangen‹ Mann ersetzt. Ein paar Monate später kamen die Einwohner des Dorfes wieder mit einer Bitte zu mir. Es hatte sich herausgestellt, dass der neue Verwaltungsleiter korrupt war und ohne Genehmigung des Dorfrats Land verkauft hatte, das laut Gesetz der Dorfgemeinschaft gehörte. Ich schrieb für die Lokalzeitung einen Artikel darüber und stellte ihn ins Internet. Kurze Zeit darauf erfuhr ich, dass man den neuen Leiter verhaftet hatte, als er gerade dabei war, Schmiergeld in Empfang zu nehmen. Zuerst regte sich ein gewisser Stolz in mir. Ich glaubte auf einmal selbst an meine Macht. Später wurde klar, dass er Geld für das Land angenommen und keiner der Käufer dieses Land am Ende erhalten hatte – diese Leute hatten ihn wohl ins Gefängnis gebracht. Inzwischen sind einige Jahre vergangen, doch das Dorf hat das Land noch immer nicht zurückbekommen. Niemand weiß, wem es gehört. Immerhin, keiner hat es ausgehoben und wegge-

schafft. Noch immer umgibt es das Dorf, und Bäume und Getreide wachsen darauf. Während der Präsidentschaftswahlen 2010 sagte ich oft, die Wahl zwischen Timoschenko und Janukowitsch sei wie die Wahl zwischen einem Auto ohne Bremsen und Bremsen ohne Auto. Die Ukrainer sind ein konservatives Volk; sie wollten kein Auto ohne Bremsen. Julia Timoschenko sitzt inzwischen im Gefängnis, und das aus einem einzigen Grund: Säße sie nicht im Gefängnis, würde sie die nächsten Parlamentswahlen gewinnen, anschließend auch die Präsidentschaftswahlen, und dann könnte sie die Politiker einsperren, die nun sie einsperren. In den Gefängnissen der Ukraine gibt es jedoch nicht unendlich viel Platz. Das weiß ich seit meinem Militärdienst als Wärter im Gefängnis von Odessa aus eigener Anschauung. Wie das Ganze ausgehen wird, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass die Ukrainer die Welt noch lange mit ihrer bloßen Existenz in Erstaunen versetzen werden, mit ihrer Schläue und Anpassungsfähigkeit. Über Letztere bin ich in der jetzigen Situation besonders froh: Sobald erst einmal echte Demokratie Einzug hält, werden die Ukrainer sich schnell anpassen, dann wird das Leben zivilisiert, und die Ukrainer werden zu gesetzestreuen Bürgern. Das liegt ihnen vielleicht nicht unbedingt im Blut, doch wenn das Leben verlangt, dass man die Gesetze beachtet, werden sie dies auch tun, ohne Rücksicht auf eigene Verluste. Die Staatsmacht muss nur die entsprechenden Bedingungen schaffen. Eines aber ist sicher: In der Ukraine sind wir von so vielen charismatischen und anticharismatischen Politikern umringt, dass selbst der faulste Schriftsteller unmöglich weniger als einen Roman pro Jahr produzieren kann.
Aus dem Russischen von Sabine Grebing Erstmals erschienen am 3. November 2011 in der ›New York Times‹

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Fotos: © Andrej Kurkow

Die ukrainischen Winterimpressionen auf dieser Seite wurden fotografisch festgehalten von Andrej Kurkow.

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Foto: © Catherine Hélie / GALLIMARD / Opale

Interview Jean-Jacques Sempé im Gespräch mit Marc Lecarpentier

Der Mensch ist ein Wesen von untröstlicher Heiterkeit
»Ich wollte immer nur glückliche Menschen zeichnen.« Dabei war seine eigene Kindheit weiß Gott nicht nur glücklich. Davon erzählt Jean-Jacques Sempé, der »Meister der doppelbödigen Idylle« (Brigitte, Hamburg) und Vater des kleinen Nick, in einem Gespräch, das im Juli als Buch erscheint – meisterlich übersetzt von Patrick Süskind, mit vielen zauberhaften Illustrationen.
Marc Lecarpentier: Können Sie sich noch an sich selbst als Baby erinnern? Jean-Jacques Sempé: Ja, bestens  … Ich erinnere mich, dass ich das schönste Baby von Bordeaux war. Es fand ein Wettbewerb statt. Ein schönes Baby, das war damals etwas Abscheuliches, dick, vollgepumpt mit überfetter Milch. Je scheußlicher und unförmiger so ein Baby war, desto schöner fand man es. Und so hat’s eben mich getroffen: Ich wurde zum schönsten Baby von Bordeaux gewählt! Ich sah aus wie ein käse­ weißes Michelinmännchen, fett und weich – scheußlich. Mit hellblauen Augen und blonden Haaren. Aber dann gab es Abzüge, weil ich einige Flohstiche hatte. Und meine Mutter hat sich sehr, sehr geärgert. Ja, ich war eine Abscheulichkeit, aber vor Ihnen sitzt dennoch  … das schönste Baby von Bordeaux – mit leichten Abstrichen. Haben Sie auch weniger herzzerreißende Kindheitserinnerungen? Meine Kindheit war nicht übertrieben heiter. Meine Eltern, die armen, haben getan, was sie konnten, wirklich. Ich mache ihnen nicht den geringsten Vorwurf, sie haben sich eben so durchs Leben schlagen müssen. Aber wenn ich die Mutter eines Freundes sah, wie sie ihm einen Kuss gab, dann war ich zu Tränen gerührt, denn das Einzige, was ich je bekam, waren schallende Ohrfeigen! Meine Kindheit war alles andere als lustig. Das ist gewiss der Grund dafür, dass ich das Heitere liebe. Sind Sie gern zur Schule gegangen? Sehr gern. Niemals wäre es mir eingefallen, die Schule zu schwänzen! In der Schule fühlte ich mich wohl, da konnte ich den Clown spielen. Ich war dort wie in einer Art Trance, so glücklich, der Zwangsjacke meiner Familie entschlüpft zu sein. Was hat Ihnen in der Schule so richtig Spaß gemacht? Wirklich Spaß gemacht? Ah ja  … Sie wissen doch, dass dort manchmal einer aufsteht und sagt: »Herr Lehrer, ich hab da was gefunden.« Dann heißt es: »Gib es im Rektorat ab!« Eines Tages sagte der Lehrer zu mir, ich solle die Tafel löschen. Ich hatte gesehen, wo er seine Baskenmütze abgelegt hatte. Ich nehme also die Baskenmütze und wische damit die Tafel ab. Alle kicherten. Dann ging ich mit der Mütze an meinen Platz zurück, und nach einer Weile stehe ich auf und sage: »Herr Lehrer, ich habe diese Mütze gefunden.« Seine Mütze. »Gib sie im Rektorat ab!«, sagt er. »Im Büro vom Direktor!« Ich hatte sie ziemlich ramponiert, die schöne Mütze … Die Stunde ist zu Ende, und der Mann sucht seine Mütze: »Wo ist meine Mütze? Ich habe sie doch hierhin gelegt.« Plötzlich erinnert er sich daran, dass ich die Tafel abgewischt habe, und schaut mich scharf an. Ich halte seinem Blick stand. »Du hast doch vorhin meine Mütze genommen?« – »Welche Mütze? Nein, nein, wirklich nicht.«
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Meine Kindheit war nicht übertrieben heiter ... Wenn ich die Mutter eines Freundes sah, wie sie ihm einen Kuss gab, dann war ich zu Tränen gerührt, denn das Einzige, was ich je bekam, waren schallende Ohrfeigen!
Haben Sie Ihren Kindern Ohrfeigen gegeben, nachdem Sie selbst so viele bekommen haben? Ich habe monatelang auf eine Gelegenheit gewartet. Eines Tages habe ich meiner Tochter dann eine Ohrfeige verpasst, worauf sie mir einen Fußtritt gab. Ich musste sehr darüber lachen.

Illustration: © Jean-Jacques Sempé

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Ich war stolz und glücklich, wie ich diese Geschichte gedeichselt hatte, und als ich sah, wie er in Richtung Rektoratsbüro schlich, um nach seiner Mütze zu fragen, war das ein Freudenfest für mich. Können Sie sich auch an schlimme Lügen erinnern? Nicht an wirklich schlimme. Ich weiß noch, dass mir mal jemand seine Fußballschuhe geliehen hat, selber hatte ich ja keine. Ich war so stolz, dass ich die Schuhe aus meinem Sportbeutel herausschauen ließ. Ich ging in eine Apotheke, um irgendetwas zu besorgen. Der Apotheker sagte: »Na, Kleiner, spielst du schon Fußball?« Und ich: »Na klar. Muss ich ja wohl. Ich bin der Sohn von  …« Der gute Mann fällt aus allen Wolken. »Was? Du bist der Sohn von Mateo?« – »Klar«, sage ich, »und mein Vetter ist Ben Arab.« Ben Arab war ein anderer Spieler von Girondins de Bordeaux. Der Mann war außer sich und sperrte seine Apotheke zu, um ungestört mit mir zu plaudern. Na ja, und dann erzählte ich ihm vom Training der Profis, bei dem ich mitmachen durfte, weil ich ja der Sohn eines berühmten Spielers war. Der Apotheker jubelte. Ich hatte ihm einen Glücksmoment beschert. Er war überzeugt, dass er in mir einen künftigen Spieler der Nationalelf vor sich hatte. Ich hatte einen Menschen mit einer dubiosen Lüge glücklich gemacht! Ich habe ihm dann auch noch von anderen Spielern erzählt, die bei uns zu Hause zum Abendessen gewesen seien, Spieler aus Paris, aus Lyon … Konnten Sie als Kind nur glücklich sein, wenn Sie sich Ihr Leben neu erfunden haben? Ja. Aber geht es uns nicht allen so? Die Figuren in Ihren Zeichnungen sind zwar manchmal ein bisschen glücklich, aber nie ganz und gar … Ja, Gott sei Dank! Sonst wären sie ja wohl Idioten. Mit wie viel Jahren haben Sie angefangen zu zeichnen? Ich glaube, ungefähr mit zwölf. Ich war damals auf der neuen Realschule in Bordeaux. Da war einer, der war schon neunzehn und spielte Klarinette – den habe ich natürlich bewundert. Und obendrein konnte er auch noch zeich50
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nen, und zwar zeichnete er amerikanische Jeeps, die Amerikaner waren ja gerade in Frankreich gelandet. Da sagte ich mir: »Das mache ich auch.« Das waren Zeichnungen ohne Text? Ja. Aber humoristische Zeichnungen. Immer. Von Anfang an. Wissen Sie noch, wann Sie zum ersten Mal jemandem eine Zeichnung gezeigt haben? Ja. Ich erinnere mich an eine Bemerkung meines Stiefvaters. Ich saß da und zeichnete, an einem Sonntagnachmittag, stundenlang. Er kam und sagte:

Aus dem Französischen von Patrick Süskind

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Foto: © NN © Jean-Jacques Sempé Illustration:

Niemals wäre es mir eingefallen, die Schule zu schwänzen! In der Schule fühlte ich mich wohl, da konnte ich den Clown spielen.

»Die ist gut.« Es war ein Torwart, der gerade nach einem Ball hechtet. »Die Zeichnung ist gut«, sagte er, »weil da Bewegung drin ist.« Ich hatte mir viel Mühe mit der gestreckten Brust gegeben, mit der Höhlung der Magengegend. Trotzdem sagte ich, doof wie ich war: »Ach was … Ist mir egal …« Aber Sie sehen, ich erinnere mich bis heute sehr genau daran. War das der allererste Kommentar? Ja. »Da ist Bewegung drin.« Können Sie sich noch an die erste Zeichnung erinnern, mit der Sie wirklich zufrieden waren? Das war ein Hund, dem man einen Topf an den Schwanz gebunden hatte, was ganz Alltägliches. Ein Topf mit einer Schnur daran. Na ja. Und der Hund hatte sich in den Topf gelegt und schlief. Ende. Da war ja bereits Komik enthalten  … und auch eine gewisse Poesie … Ja, das hatte was. Und war es auch zeichnerisch in Ordnung? In Anbetracht meiner sehr beschränkten Möglichkeiten mit sechzehn, siebzehn war’s nicht schlecht. Ja. Nicht ganz schlecht. Erliegen Sie auch heute noch als Erwachsener der Versuchung, sich Ihr Leben selbst zu erfinden? Ich glaube, man ändert sich nie … Und ist das Zurückfinden in die Realität nicht kompliziert? Ja, man verdrängt die Realität. Die Wahrheit langweilt mich nicht, die Realität schon. Das Reale ist ja nur der Schein der Wahrheit. Wie steht es mit Gewissheiten? O ja! Einer Sache bin ich mir gewiss: meiner grenzenlosen Bewunderung für den Menschen, der es immer und immer wieder schafft, großartige Dinge zu tun. Derselbe Mensch ist aber auch zu den abscheulichsten Dingen fähig … Gewiss! Wieso überwiegt aber dann bei Ihnen die Bewunderung? Ach! (Schweigen) Weil ich sonst sehr traurig wäre. Sie sind ein Kind geblieben, aber eines, das sich Sorgen macht … Ja, immense Sorgen, allzu große.

Serie

Lesefrüchtchen
»Jeden Tag seines Lebens eine feine, kleine Bemerkung einfangen – wäre schon genug für ein Leben.« Christian Morgenstern

»Man möchte zukünftigen Ehepartnern raten, sich vor der Heirat weniger für das Sternzeichen des anderen zu interessieren als vielmehr für seinen jeweiligen Stoizismus- und Epikureismus-­Index.« Luciano De Crescenzo, ›Geschichte der griechischen Philosophie‹ (detebe 21913). Eingeschickt von Diana Saeger, Leipzig in meinen abgeschabten Ledersessel sinken, meinen Lesesessel, der sich meinen Körperformen anbequemt hatte.« Françoise Dorner, ›Die letzte Liebe des Monsieur Armand‹ (detebe 23903). Eingeschickt von Ulrike Schaller, Bad Harzburg Schicken Sie uns bitte Ihre Lieblings­­ sätze aus einem Diogenes Buch. Jedes veröffentlichte Zitat wird mit einem Bücherpaket im Wert von € 50.– honoriert. Bitte per E-Mail an msc@diogenes.ch oder auf einer Postkarte an: Diogenes Magazin, Sprecherstr. 8, 8032 Zürich, Schweiz »›Was uns bevorsteht, ist eine Generation von Menschen, die wütend sind‹, sagte Owen. ›Und wahrscheinlich zwei Generationen, denen alles scheißegal ist.‹ ›Woher willst du das wissen‹, fragte ich ihn. ›Ich weiß nicht, woher ich es weiß‹, gab Owen Meany zurück. ›Ich weiß nur, dass ich es weiß.‹« John Irving, ›Owen Meany‹ (detebe 22491). Eingeschickt von Ben Kahrs, Osterholz-Scharmbeck »Ich habe eine Geschichte im Kopf wie einen Schmetterling in einem Glas, und ihre unberührbare Schönheit quält mich.« Leon de Winter, ›Leo Kaplan‹ (detebe 23317). Eingeschickt von Hilde Janslin, CH-Allschwil »›Tanzen ist sowieso überholt‹, bemerkte er. ›Früher war es noch ein Vorwand, um fremde Frauen zu umarmen, aber heute braucht es dazu keinen Vorwand mehr.‹ Er drückte sie fest an sich, und sie fand auch das wieder wahnsinnig komisch.« Martin Suter, ›Lila, Lila‹ (detebe 23469). Eingeschickt von Roswitha Puck, Weißenfels »Es war keine besondere Qualifikation notwendig, um verhaftet zu werden. Überall fanden Razzien statt, sie nahmen jeden ausnahmslos. Ein Mensch zu sein war das einzige Kriterium.« Amélie Nothomb, ›Reality-Show‹ (detebe 23943). Eingeschickt von Franz Birnbaumer, A-Enzenreith »Der Chef: Kamen Sie nicht heute früh zehn Minuten zu spät am Wirkungsplatz an? Der junge Commis: Diese Frage verdient mit einem unüberlegten, flotten, strammen und offenkundigen ›Ja‹ beantwortet zu werden.« Robert Walser, ›Ein Vormittag‹, Prosatext aus ›Im Bureau‹ (Hörbuch 80314) »Fuck them is what I say, I hate those e-books. They can not be the future  … they may well be  … I will be dead, I won’t give a shit!« Maurice Sendak im Interview mit Stephen Colbert

»Einem Flugzeug gleich gewinnt die Liebe an Höhe, zieht dort, vom Autopiloten gelenkt, eine Zeitlang seine Bahn, doch dann, unmerklich zunächst, gibt es den ersten Defekt – der Aeroplan der Liebe verliert an Höhe, kommt ins Trudeln … Dann Explosion, Feuer, ausgebrannte Seelen.« Viktorija Tokarjewa, ›Sag ich’s oder sag ich’s nicht?‹ (detebe 22788). Eingeschickt von Marika Stiehle, Ehingen »Ich bin allerdings arm, und an Erfolglosigkeit hat es mir bis heute nie gefehlt, aber das Leben kann auch ohne Erfolg hübsch sein.« Robert Walser, ›Der Spaziergang‹ (detebe 20065). Eingeschickt von Burghard Junghanß, Krautheim »Worauf Arthur zu erklären begann, dass alle Menschen träumten und sogar viele Tiere, dass die Wissenschaft dieses, jenes und noch mehr herausgefunden habe – dummes Zeug, sagte sie, ich träume nicht, weil ich lebe. Ich brauche keinen Traum, das macht mich nur verrückt, das macht alle verrückt, die ihre Träume in die Tage hin­ überretten wollen, anstatt zu tun, was zu tun ist.« Christoph Poschenrieder, ›Die Welt ist im Kopf‹ (detebe 24086). Eingeschickt von Christine Cimander, Wald-Michelsbach »Ich legte mir das Klavierkonzert Nr. 21 von Mozart auf und ließ mich

Illustration: © Tomi Ungerer

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Portfolio

Kindheiten
Zu seinem 80. Geburtstag macht Jean-Jacques Sempé uns allen ein wunderbares Geschenk: sein Buch Kindheiten. Mit vielen nostalgischen und ironischen Porträts kleiner und großer Kinder, viele davon bislang unveröffentlicht.

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Diogenes Magazin

Illustration: © Jean-Jacques Sempé

Ruhe! Kein Widerspruch! Weil ihr gestern Abend meine Brille zerbrochen habt, dürft ihr heute nicht baden!

Illustrationen: © Jean-Jacques Sempé

Ich habe genau mitgezählt: Ich habe erst sechs von euch versohlt. Wer sind die beiden, die hier Komödie spielen?

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Jaja, ich weiß! Das erzählst du mir jetzt zum sechsten Mal: Ein Frachter ist mit seiner Vollladung gesunken – was geht mich das an!

Buchtipp
Sempé

KINDHEITEN

Diogenes

»Da dachte man, man wüsste bereits alles über Sempé … Dabei haben wir das Wesentliche verpasst: seine Kindheit.« L’Express, Paris
Bildlegenden übersetzt von Patrick Süskind

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Illustrationen: © Jean-Jacques Sempé

ca. 272 Seiten, 23 x 32 cm, Broschur ISBN 978-3-257-02120-2 Juli

Illustration : © Jean-Jacques Sempé

Diogenes Magazin

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Diogenes Magazin

Foto: © Todd Oldham

Thema

Am liebsten bleibe ich zu Hause und lese
John Waters ist das Enfant terrible Hollywoods – seine Filme sind berühmt und berüchtigt. Aber wer hätte es gedacht: John Waters ist auch ein leidenschaftlicher Bücherfan, der Nicht-Leser nicht ausstehen kann. »We need to make books cool again«, fordert er, »if you go home with somebody and they don’t have books, dont’t fuck them.«

John Waters

I

ch habe mit Richard Serra Jitterbug getanzt, war mit Lana Turner beim Thanksgiving-Dinner und bei Prinzessin Yasmin Aga Khan zum Tee, bin mit Clint Eastwood durch die Kneipen gezogen und habe auch die eine oder andere Silvesterparty in Valentinos Chalet in Gstaad mitgemacht, aber am liebsten bleibe ich zu Hause und lese. Reich zu sein hat nichts damit zu tun, wie viel Geld man hat oder wie viele Häuser man besitzt; es ist die Freiheit, sich jedes Buch zu kaufen, das man will, ohne auf den Preis zu schauen und zu überlegen, ob man es sich leisten kann. Natürlich muss man es dann auch lesen. Nichts ist so impotent wie eine Bibliothek ungelesener Bücher. Zum jetzigen Zeitpunkt besitze ich 8089 Bücher, sämtlich katalogisiert, auch wenn sie nicht mehr ganz so akkurat geordnet in den Regalen stehen. Ich lese Publishers Weekly in erster Linie nicht des Wirtschaftsteils wegen, sondern um zu erfahren, welche Bü-

cher herauskommen und wann ich sie kaufen kann. Wie alle leidenschaftlichen Leser könnte ich heulen, wenn ich sehe, dass in jeder Stadt, die ich besuche, wieder eine meiner Lieblingsbuchhandlungen dichtgemacht hat. Ich staune auch immer über Freunde, die mir erzählen,

Nichts ist so impotent wie eine Bibliothek ungelesener Bücher.
dass sie nachts im Bett zu lesen versuchen, dabei aber unweigerlich einschlafen. Ich habe das umgekehrte Problem. Wenn ein Buch gut ist, kann ich nicht einschlafen und bleibe weit über meine Schlafenszeit hinaus auf, weil es mich fesselt. Gibt es etwas Schöneres, als nach ausgiebiger nächtlicher Lektüre aufzuwachen und sofort wieder in das

Geschehen einzutauchen, noch ehe man aufsteht und sich die Zähne putzt? Man sollte nie nur »zum Vergnügen« lesen. Lesen Sie, um gescheiter zu werden! Weniger überheblich. Eher geneigt, Verständnis für das verrückte Verhalten Ihrer Freunde aufzubringen, oder besser noch, für Ihr eigenes. Suchen Sie sich ›schwere‹ Bücher aus. Solche, auf die Sie sich beim Lesen konzentrieren müssen. Und kommen Sie mir um Gottes willen nicht mit Sprüchen wie »Ich kann keine Belle­ tristik lesen, ich habe nur für wahre Dinge Zeit«. Belletristik ist die Wahrheit, Sie Narr!
Aus dem Amerikanischen von Claus Sprick Copyright © 2010 by John Waters. Reprinted by permission of William Morris Endeavour Entertainment, LLC on behalf of the author

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Illustration: © Edward Gorey

Diogenes Magazin

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Thema

Das Buch ist aber besser
W
arum hört man diesen Satz so oft im Zusammenhang mit Literaturverfilmungen? Ist es die Enttäuschung, dass ein Schauspieler ganz anders aussieht, als man sich die Figur im Buch vorgestellt hatte? Ist die Geschichte so stark verändert worden, dass sich beim Betrachten des Films ein Entfremdungsgefühl einstellt? War das Buch nicht viel differenzierter? Ist nicht der Film im Kopf, der beim Lesen unweigerlich vor dem inneren Auge entsteht, die einzig wahre und bestmögliche ›Verfilmung‹? Filmemacher beantworten diese Fragen mit einem selbstbewussten ›Nein!‹ – ist es doch ihrer Kunst und ihrem Medium zu verdanken, dass Buchstaben und Phantasiegestalten zum Leben erweckt werden. Menschen aus Fleisch und Blut verwandeln eine Geschichte auf der Leinwand zu einem realen und sinnlichen Erlebnis. Die Magie der Bilder lässt die Künstlichkeit dieser Realität schnell vergessen. Auch von den aufwendigen Produktionsarbeiten und dem langwierigen Kampf um die Finanzierung ist im Kinosaal nichts mehr zu spüren. Je bekannter das Buch, desto leichter fließt das Geld. Sind dann noch große Stars in den Hauptrollen zu sehen, scheint der Erfolg programmiert. Aber wie kann eine Literaturverfilmung auch künstlerisch gelingen, ohne dass sich beim Publikum die oben beschriebenen Frustrationen einstellen? Die anspruchsvolle Aufgabe der ›Übersetzung‹ einer Geschichte vom Medium Literatur ins Medium Film ist vor allem Sache des Drehbuchs. Sind im Roman grenzenlose Ausflüge in die Gedankenwelt der Figuren möglich, muss im Film alles in Bilder, in dynamische Handlung und Dialog übersetzt werden. Nach diesen Regeln erzählt das Drehbuch – selbst eine Art Zwitter zwischen Buch und Film – die Geschichte neu. Dass dabei eine gewisse Freiheit im Umgang mit der Vorlage notwendig ist, liegt auf der Hand. Sean Penns Verfilmung von Friedrich Dürrenmatts Roman Das Versprechen nimmt sich viele Freiheiten. Trotzdem ist sie ein Glücksfall einer gelungenen Literaturverfilmung, weil sie die Essenz der Vorlage erfasst und in ganz neuen, unerwarteten Bildern ein eigenständiges Kunstwerk schafft. Zu diesem Film und dem berühmten Vorgänger Es geschah am hellichten Tag aus dem Jahr 1958 später mehr. Thomas Mann hatte wohl recht, als er im Jahr 1955 schrieb: »Ich glaube nicht daran, dass ein guter Roman durch die Verfilmung notwendig in Grund und Boden verdorben werden muss. Dazu ist das Wesen des Films demjenigen der Erzählung zu verwandt. […] Er ist die geschaute Erzählung, ein Genre, das man sich nicht nur gefallen lassen, sondern in dessen Zukunft man schöne Hoffnungen setzen kann.«
Gesine Lübben

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Produzent

Regisseur

Regieassistent

Autor

Verleger

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Diogenes Magazin

Illustration: © Chaval

Essay

Dürrenmatts Roman Das Versprechen entstand ursprüglich als Drehbuch zum Film Es geschah am hellichten Tag (1958, Regie: Ladislao Vajda, mit Heinz Rühmann, Michel Simon und Gert Fröbe).

Friedrich Dürrenmatt bei den Dreharbeiten zur Fernsehinszenierung von Frank dem Fünften, 1966

2001 verfilmte Sean Penn Das Versprechen neu unter dem Titel The Pledge mit Jack Nicholson in der Hauptrolle und verlegte die Handlung nach Amerika.

Ein Stoff, drei Filme
Foto links: © Keystone / DPA, Plakat-­ Grafik: Krede; Foto Mitte: © Harry Croner / Ullstein Bild; Foto rechts: © RIALTO-FILMS, Foto: © Cinémathèque Suisse

Gesine Lübben

Mitten in der Blütezeit sentimentaler Heimatfilme und seichter Komödien schrieb Friedrich Dürrenmatt das provokante Drehbuch zu Es geschah am hellichten Tag (1958). Den Stoff entwickelte er im Roman Das Versprechen weiter, mit inhaltlich düsteren Folgen. Der sehr erfolgreiche Roman war seinerseits 2001 die Vorlage für Sean Penns Film The Pledge. Die Entwicklungsgeschichte eines Dürrenmatt’schen Stoffes – eine untypische Verfilmungsgeschichte.

I

m Jahr 1957 schlug der Filmproduzent Lazar Wechsler Friedrich Dürrenmatt vor, eine Filmerzählung mit dem Thema ›Sexualverbrechen an Kindern‹ zu schreiben. In einer Zeit, in der die Filmindustrie mit der Produktion von sentimentalen Heimatfilmen und seichten Komödien boomte und mit ihren bunten Heile-Welt-Bildern eine willkommene Ablenkung von den Schattenseiten des Wirtschaftswunders und den noch allgegenwärtigen Bildern des Krieges bot, musste ein solches Thema als Gegenstand eines Films schockieren. Dürrenmatt jedoch war fasziniert von der Idee, vom psychologischen Potential der Figuren, und machte sich schnell an die Arbeit. Als exklusive Auftragsarbeit für die Zürcher Produktionsfirma Praesens-Film AG entstanden innerhalb weniger Monate Exposé, Treatment und Dialoge.

Für die Regie war ursprünglich Wolfgang Staudte und für die Hauptrolle des Kommissärs Matthäi der deutsche Schauspieler Martin Held vorgesehen. Beide standen aber aus Termingründen nicht zur Verfügung, und so kam es zur Verpflichtung des Regisseurs Ladislao Vajda und eines der größten Schauspieler-Stars des deutschsprachigen Nachkriegsfilms: Heinz Rühmann. Mit Gert Fröbe als Schrott wurde ihm ein nicht weniger prominenter Bösewicht zur Seite gestellt. Das Drehbuch war letztlich eine Teamarbeit von Dürrenmatt, Vajda und Hans Jacoby, den Rühmann als Co-Autor mitgebracht hatte. Wie es oft passiert, wenn der ›Einzeltäter‹ Schriftsteller sich beim Drehbuchschreiben mit Co-Autoren, Produzenten und womöglich auch noch Sendern arrangieren muss, war Dürrenmatt mit dem Ergebnis nicht zufrieden. »Man

hätte ruhig frecher und burlesker sein können. Rühmann ist mir zu bürgerlich, zu wenig von der Idee besessen.« Am meisten störte ihn aber der Schluss. Heinz Rühmann hatte durchgesetzt, dass Kommissär Matthäi im dramatischen Finale des Films den Täter zur Strecke bringt. Triumph des Guten über das Böse, Gerechtigkeit, Wiederherstellung der alten Ordnung – diese beruhigende Botschaft sollte das heikle Thema am Ende erträglich machen. Der Erfolg des Films schien der Happy-End-Lösung recht zu geben. Es geschah am hellichten Tag erlebte 1958 als Wettbewerbsfilm der Berlinale seine Uraufführung und wurde zu einem der populärsten deutschsprachigen Kriminalfilme überhaupt. Dürrenmatt aber hatte schon während der Vorbereitung des Films an seiner eigenen, literarischen Version der GeDiogenes Magazin

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Friedrich Dürrenmatt mit den Drehbuchautoren und Regisseuren Hans Gottschalk und Franz Peter Wirth bei den Dreharbeiten zu Der Richter und sein Henker, 1957

Plakat der Verfilmung von Der Richter und sein Henker von 1975 in der Regie von Maximilian Schell

schichte gearbeitet und veröffentlichte, ebenfalls im Jahr 1958, den Roman Das Versprechen. Wie der Film war auch der Roman ein großer Wurf. Nach intensiver Auseinandersetzung mit den Spielregeln des Kriminalromans war Dürrenmatt allerdings zu dem Schluss gekommen, dass die gängige, schematische Konstruktion von Verbrechen, Ermittlung und Aufklärung der Realität nicht gerecht werden könne. Das Versprechen sollte daher ein ›Requiem auf den Kriminalroman‹ werden, wie es im Untertitel heißt. Kommissär Matthäi ist darin nicht mehr der strahlende Held. Er scheitert. Die Falle, die er dem vermeintlichen Täter stellt, bleibt leer, die lebensgefährliche Lockvogelaktion war umsonst. Ironie des Schicksals, oder besser, Dürrenmatts Strategie einer Dramaturgie des Zufalls: Der Mörder Schrott kommt auf dem Weg zum Hinterhalt durch einen Autounfall ums Leben. Weil Matthäi davon aber nichts erfährt, muss er in dem Glauben leben, Schrott sei ihm entwischt, und, schlimmer noch, er habe sein Versprechen, den Mörder zu fassen, nicht gehalten. An diesem Dilemma zerbricht er: »Neben der offenen Haustüre saß ein alter Mann auf einer Steinbank. Er war unrasiert und ungewaschen, trug einen hellen Kittel,
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Diogenes Magazin

der schmuddelig und verfleckt war  … Er stierte vor sich hin, verblödet, und roch schon von weitem nach Schnaps.« So endet Kommissär Matthäi im Roman: als tragischer Versager und Alkoholiker. Aber auch diese düstere Sicht Dürrenmatts auf die Ermittlerfigur inspirierte zur Verfilmung. Von den zahlreichen späteren Versuchen, sich filmisch mit dem Stoff auseinanderzu-

Plakat der Fernsehverfilmung Es geschah am hellichten Tag von 1996: Regie: Nico Hoffmann, Joachim Król in der Hauptrolle

setzen, überzeugt vor allem einer: The Pledge, der im Jahr 2001 entstandene Film des großen amerikanischen Schauspielers und Oscarpreisträgers Sean Penn (Dead Man Walking) – hier einmal in der Rolle des Regisseurs. Nicht weniger prominent liest sich die Liste der Schauspielerkollegen, die Penn für seinen Film gewinnen konnte: Neben Jack Nicholson in der Hauptrolle spielen Benicio del Toro, Robin Wright Penn, Vanessa Redgrave, Helen Mirren, Aaron Eckhart, Mickey Rourke – um nur die bekanntesten zu nennen. Die ersten Bilder des Films überraschen: Wir befinden uns nicht etwa in der Schweiz, sondern mitten in der amerikanischen Provinz, irgendwo im Bundesstaat Nevada. Die Handlung spielt in der Gegenwart. Kommissär Matthäi heißt in The Pledge Detective Jerry Black, steht unmittelbar vor der Pensionierung und hat ein Problem mit dem Alter und seinem ehrgeizigen Nachfolger; die Mädchenleiche wird von einem Jungen gefunden, und der verdächtige Hausierer ist ein verrückter Fallensteller indianischer Abstammung; der Täter, ein Laienprediger, ist ein wesentlich normalerer und unauffälligerer Typ als bei Dürrenmatt – und schließlich gibt es eine Liebesbezie-

Foto links: © Hugo Jehle / SWR, Quelle: Schweizerisches Literaturarchiv, Bern / Nachlass Friedrich Dürrenmatt; Foto rechts: © MFG Film GmbH / Fotograf Tibor Inkey; Foto unten: © Constantin Film, Foto: © 2001 Imagion AG

Foto: © CCC Filmkunst GmbH / Deutsches Filminstitut (DIF): Artur Brauner Archiv; Quelle: Schweizerisches Literaturarchiv, Bern / Nachlass Friedrich Dürrenmatt

hung zwischen Ex-Detective Jerry und der Mutter des als Lockvogel eingesetzten Mädchens (ob aus erotischen oder nur aus ermittlungstaktischen Gründen bleibt unklar). Das alles klingt nicht gerade nach einem respektvollen Umgang mit der literarischen Vorlage. Aber die Version von Sean Penn und seinen Drehbuchautoren Jerzy Kromolowski und Mary Olson-Kromolowski ist schlüssig und schafft im Verein mit großartigen Bildern eine dramatische Intensität, die der des Romans und auch der des Films Es geschah am hellichten Tag in nichts nachsteht. Erstaunlicherweise hat man trotz aller Veränderungen bei The Pledge immer das Gefühl, die Geschichte von Dürrenmatt zu sehen, nur aus einem anderen Blickwinkel. Man fühlt sich nicht betrogen oder enttäuscht, im Gegenteil, man ist fasziniert, wie gut sie in ihrer neuen ›Umgebung‹ funktioniert. Dieser Film ist eine Bereicherung. Es geschah am hellichten Tag – Das Versprechen – The Pledge  – eine untypische Verfilmungsgeschichte, insofern sie nicht einfach vom Buch zum Film verläuft, sondern vom Drehbuchentwurf zum Buch und wieder zu weiteren Verfilmungen, sowohl des Drehbuchs als auch des Romans. Ob The Pledge Friedrich Dürrenmatt wohl gefallen hätte?

Buch- und Hörbuch-Tipp

Exquisiter Lese- und Sehgenuss
Das Buch zur anderen Kinodimension

992 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06795-8

Alle fünf Kriminalromane Dürrenmatts endlich in einem Band vereint. »Die Kriminalromane sind im Hinblick auf Dürrenmatts Ästhetik geradezu Schlüsselwerke.« Peter Rüedi / Die Weltwoche, Zürich

Sechs Meisterwerke mit Begleitbuch

Roman und Film in einer Box

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11 CD, Spieldauer 721 Minuten Ungekürzt gelesen von Hans Korte ISBN 978-3-257-80318-1

Der zeitlose ägyptische Altmeister

Die Trilogie des Lebens aus der Türkei

Bestellung und Information
Telefon 0041 56 430 12 30

www.trigon-film.org
Gert Fröbe als Kindermörder Schrott. Szenenbild aus Es geschah am hellichten Tag, Produktion von Lazar Wechsler, 1958

Diogenes Magazin

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HollywoodRomane
»Oben links am Himmel taucht der Abendstern auf. Er bewegt sich nicht, es ist wirklich der Abendstern und kein Flugzeug oder Satellit. Aber jetzt fliegt ein Flugzeug direkt auf ihn zu wie in einem Actionfilm, als wolle es den Abendstern sprengen. Alles ist immer gleich Kino in dieser Stadt«, heißt es in Doris Dörries Roman Und was wird aus mir? Aber Hollywood, das ist auch Romanstoff. Hier vier Lesetipps – vier Romane, die zeigen, wie es wirklich zugeht in Hollywood, hinter den Kulissen der Traumfabrik.

Diogenes Taschenbuch detebe 23777, 432 Seiten Auch als Diogenes Hörbuch

»›Ich habe zwei Möglichkeiten‹, fährt Johanna eilig fort. ›Entweder glaube ich, dass das, was ich dort auf der Leinwand sehe, real ist, dann erlebe ich alles wie am eigenen Leib und leide wie ein Hund. Oder aber, ich sehe die Projek­ tion als die Illusion, die sie ist, lehne mich zurück, esse mein Popcorn und freue mich des Lebens.‹ Er sieht sie mit dunklen Augen an. ›Im ersten Film der Brüder Lumière fährt eine Lokomotive auf die Kamera zu‹, sagt er, ›da sind die Leute panisch aus dem Kino gerannt, weil sie dachten, sie würden über den Haufen gefahren.‹« Aus: Und was wird aus mir? von Doris Dörrie

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Diogenes Magazin

Foto: © NN

Diogenes Taschenbuch detebe 23693, 240 Seiten Auch als Diogenes Hörbuch

Diogenes Taschenbuch detebe 23143, 368 Seiten

»Wir nehmen in Hollywood Fremde nicht mit offenen Armen auf, es sei denn, sie trügen ein Schild um den Hals, auf dem steht, dass sie ihre Lorbeeren anderswo erworben haben und uns nicht gefährlich werden können – mit anderen Worten, dass sie bereits prominent sind. Und auch dann müssen sie sich noch vorsehen.« Aus: Die Liebe des letzten Tycoon von F. Scott Fitzgerald

Diogenes Taschenbuch detebe 20059, 256 Seiten

»Sie war eine Schauspielerin, die in einer schlechten Schule von schlechten Vorbildern gelernt hatte.« Aus: Tag der Heuschrecke von Nathanael West

»›Drei Dinge sind wirklich wichtig, wenn du’s in Hollywood zu was bringen willst‹, sagte Kage. ›Integrität, Solidarität, Bescheidenheit. Darum dreht es sich. Wenn du diese drei Dinge faken kannst, dann bist du in Hollywood der gemachte Mann!‹« Aus: Der Himmel von Hollywood von Leon de Winter

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Diogenes Magazin

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Thema
reporterin Meine Damen und Herren, das Prominenteninterview im Rahmen unseres Magazins Für die Frau kommt live aus dem Heim von Vic Dorn, einem der profiliertesten Darsteller des internationalen Horrorfilms  … Vic Dorn, oder Victor Dornberger, wie Sie mit bürgerlichem Namen heißen, wo stammen Sie her, und wie kamen Sie zum Film? dornberger Mein Vater war Kirchendiener in Westfalen … meine Mutter ist unbekannt … reporterin (lacht geziert) Köstlich … und wie wurden Sie Schauspieler  … wie kamen Sie dazu, immer das Monster zu spielen? dornberger Mein Vater hatte mich für die mittlere gehobene Beamtenlaufbahn vorgesehen  … aber da kam ein Regisseur aus Amerika  … der hieß  … der hieß  … der hat mich entdeckt  … dann kam ich nach … nach Hollywood, und da habe ich immer dieselbe Rolle gespielt … reporterin …  Und wir finden es besonders reizend, dass Sie heute Abend für unsere Zuschauer Ihre berühmte, unverwechselbare Horrormaske angelegt haben! … Wer hat sie entworfen … oder war das Ihre eigene Idee? dornberger Wie  … Entworfen  … Was für eine Maske? reporterin (lachend)  … nun mal im Ernst, Victor, unsere Zuschauer möchten gern wissen, wie Sie in Wirklich­ keit aussehen  … dieses phantastische, scheußliche Gesicht ist doch  … ist doch … dornberger (lauernd) Was? reporterin Einmal, Victor … ein einziges Mal sollten Sie uns zeigen, wie Sie wirklich aussehen  … und wenn es nur ganz kurz ist … dornberger (sieht sie düster an) reporterin (nach starrem Zögern)  … Oder ist es zu kompliziert, die Maske abzunehmen? dornberger Wie  … was  … abnehmen? reporterin Mein Gott  … (versucht vergeblich, ihr Entsetzen zu verbergen) das tut mir  … das ist mir sehr  … ich  … (zündet sich zitternd eine Zigarette
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Diogenes Magazin

Das Filmmonster

Loriot

reporterin Aber dann hätten Sie eine andere Ausbildung gebraucht … dornberger Nein  … Schauspieler und Politiker haben vieles gemeinsam … Wir wollen Hauptrollen spielen, wir pflegen die Kunst der Täuschung und haben eine starke menschliche Ausstrahlung … reporterin … und Sie haben ja auch als prominenter Schauspieler großen Einfluss auf die Wähler … Sie brauchen nur öffentlich zu äußern, mit welcher politischen Partei Sie sympathisieren, und Millionen werden sich Ihrer Meinung anschließen, denn ein Mann wie Sie hat natürlich einen ganz anderen politischen Überblick! dornberger Jawohl! reporterin Eine letzte Frage, Herr Dornberger … Warum haben Sie in den letzten Jahren keine Angebote mehr aus Hollywood? dornberger (sieht sich scheu um) Ich weiß nicht  … vielleicht bin ich denen einfach zu deutsch …

Buchtipp
an)  … Und nun die Fragen, die besonders uns Frauen interessieren … Haben Sie gelegentlich private Beziehungen zu Ihren Filmpartnerinnen? dornberger Nein … reporterin Sie sind durch Ihre Filme wohlhabend und prominent geworden, warum haben Sie nie geheiratet? dornberger Ich bin vielleicht etwas wählerisch … reporterin Ach ja … Aber ich könnte mir denken, dass es der Wunschtraum vieler Frauen ist, mit einem prominenten, internationalen Filmschauspieler zusammen  … zusammenzuleben … dornberger Ach! reporterin …  Und Ihr Lieblingsessen … was ist Ihr Leibgericht? dornberger (sehr düster) Kartoffelpuffer … reporterin Herr Dornberger, wären Sie lieber Politiker geworden? dornberger Wenn man mir ein gutes Angebot gemacht hätte … vielleicht …

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Diogenes Taschenbuch detebe 23743, 288 Seiten

Foto: © Archiv Diogenes Verlag

Wer kennt sie nicht, den Lottogewinner Erwin Lindemann, der mit dem Papst in Wuppertal eine Herrenboutique eröffnen will, oder die Herren Klöbner und Müller-Lüdenscheidt im Bad? Schon längst führen sie ein Eigenleben als unverzichtbarer Bestandteil deutschen Kulturguts. Dabei erweist sich die Kürze der in diesem Band gesammelten Geschichten als angenehm im Vergleich mit Effie Briest, dem Zauberberg oder gar dem Mann ohne Eigenschaften.

Der Sammelschuber für die ersten drei Jahrgänge des Diogenes Magazin
Illustration: © Loriot

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Nr.1
Sommer 2009 Euro 2.– sFr 3.50

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Nr.2
Herbst 2009

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In der Küche mit Donna Leon Maigret contra Bond Ian Fleming trifft Georges Simenon Auf Reisen mit Arnon Grünberg, Lukas Hartmann und Benedict Wells Lesen: Martin Suter und Ingrid Noll über das erste Mal
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Nr. 3
Winter 2009

Hand aufs Herz Anthony McCarten gibt Auskunft

Große Zeichner Patrick Süskind über Sempé Zu Besuch bei Tatjana Hauptmann Ein Interview mit Maurice Sendak Inspiration: Wie kommen Autoren zu ihren Ideen?
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Martin Suter Sein neuer Roman Der Koch

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25 Jahre Das Parfum Geschichte eines Weltbestsellers Anna Gavalda Eine Liebeserklärung an Tomi Ungerer Zu Besuch bei John Irving

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Paulo Coelho Rolf Dobelli Friedrich Dürrenmatt Joey Goebel John Irving Donna Leon Petros Markaris Ian McEwan Ingrid Noll Bernhard Schlink Hansjörg Schneider Jean-Jacques Sempé Martin Suter H.D. Thoreau

Lassen Sie andere lesen:
Otto Sander und Ulrich Matthes 85006_diogenes_magazin_nr6_us_Layout 1 27.10.10 lesen Anton ¢echov Heikko Deutschmann und Daniel Brühl lesen Martin Suter Hans Korte liest Bernhard Schlink

Schonen Sie Ihre Augen!
14:43 Seite 1
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Nr.5
Herbst 2010

Sommer-Reisen Im Périgord mit Martin Walker Am Nordpol mit Ian McEwan Couch-Surfing mit Arnon Grünberg In Istanbul mit Yadé Kara Sommer-Spaß Spiele, Tests, Kreuzworträtsel

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Anna Thalbach liest F. Scott Fitzgerald Magazin Burghart Klaußner liest Ian McEwan Mario Adorf, Senta Berger und andere lesen Joseph Roth Helmut Qualtinger liest H.D. Thoreau Rufus Beck liest Der kleine Nick Roger Willemsen liest Die kleine Alice
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Jörg Fauser Dashiell Hammett Tatjana Hauptmann Tim Krohn Hartmut Lange Donna Leon Hugo Loetscher Ian McEwan Jean-Jacques Sempé Emil Steinberger Martin Suter Tomi Ungerer Wim Wenders Urs Widmer

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»Wenn ich ein wenig Geld bekomme, kaufe ich mir Bücher. Wenn etwas übrig bleibt, Wir gratulieren Ingrid Noll kaufe ich mir Essen und Kleidung.«
zum 75. Geburtstag

Erasmus von Rotterdam

Die abgebildeten Münzen aus: Geld und gute Worte. Schriftstellerporträts auf Münzen von Homer bis Beckett. Augewählt und kommentiert von Jan Strümpel. © 2008 by Steidl Verlag, Göttingen. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

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Frühling 2011

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Heikko Deutschmann

Diogenes Hörbuch Gelesen von Daniel Brühl

Diogenes Hörbuch Gelesen von Hans Korte
»Bernhard Schlink ist einer der erfolgreichsten und einer der vielseitigsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart.« Volker Hage / Der Spiegel

Diogenes Hörbuch Gelesen von Anna Thalbach
»Der erste Roman, der das ›System Hollywood‹ erforschte und beschrieb. Inklusive einer schmetterlingszarten Liebesgeschichte von perfekter Schönheit.« Barbara Rett / Die Presse, Wien

Der letzte Sommer Eine neue Erzählung von Bernhard Schlink
Stendhal Mythisches Gestein: Rolf Dobelli und Donna Leon über den neuen und alten Gotthardtunnel

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Diogenes

Joseph von Eichendorff Jeremias Gotthelf Jules Verne Nikolai Gogol

Gelesen von

Anton Čechov Die Dame mit dem Hündchen

»Wie kaum ein anderer hat Anton ◊echov auf den Pulsschlag des modernen Lebens gehorcht, sein literarisches Werk ist für das 20. Jahrhundert wegweisend geworden.« Neue Zürcher Zeitung

Anton Čechov Ein Duell

»Eine ausgesprochen unterhaltsame, kurzweilige und letztlich auch moralische Geschichte.« ndr Kultur, Hamburg

Martin Suter Der Koch

»Eine Liebesgeschichte und Satire rund ums Buch – brillant.« Focus »Mit dem Plot von Lila, Lila ist Martin Suter ein raffiniertes Kunststück gelungen.« Neue Zürcher Zeitung

Erzählung

4 CD

Kleiner Roman

6 CD

Roman

Diogenes Hörbuch
Gelesen von Burghart Klaußner
»Ian McEwan wagt das schwierige Kunststück, Wissenschaft und Politik mit deftiger Komödie zu verbinden. Und es gelingt ihm großartig.« Nick Cohen / The Guardian, London

Diogenes Hörbuch Gelesen von Mario Adorf
»Joseph Roths letzte Lebensphase muss rauschhaft in jeder Hinsicht gewesen sein. Die Legende vom heiligen Trinker liest sich wie die Versöhnung mit dem eigenen Schicksal.« Süddeutsche Zeitung

Diogenes Hörbuch Gelesen von Helmut Qualtinger
»Ein glänzender, umwerfend komischer Kabarettist.« Alfred Polgar »Das Pointenfeuerwerk des Spotts lässt die Gesellschaft in ihrer ganzen Lächerlichkeit erstrahlen.« Frankfurter Allgemeine Zeitung

Sommerlügen im Das Diogenes Magazin Abonnement: Praktisch nach Hause geliefert, egal wo Sie wohnen.
5 CD
Roman

Martin Suter Lila, Lila

Bernhard Schlink

7 CD

4 CD

Roman

Diogenes Hörbuch

Goscinny

Sempé

Illustration: © Tomi Ungerer

Gelesen von Rufus Beck

Der kleine
im Zirkus

Diogenes Hörbuch

Ian McEwan Solar
Roman

8 CD

1 CD

Erzählung

1 CD

1 CD

© IMAV, Paris

Joseph Roth foDie Legende rati vom heiligen Trinker on

Per-

Das Helmut Qualtinger Hörbuch
Von Kaiser Franz Joseph zu Herrn Karl Weltgeschichte in Pantoffeln

»Nick ist ein Freund, wie man ihn sich nur wünschen kann. Ein Freund fürs Leben. Alt werden? Stillhalten? Ohne uns.« Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Gelesen von Roger Willemsen

Illustration: © Bosc

F. Scott Fitzgerald Die Liebe des letzten Tycoon

Eine der berühmtesten Kindergeschichten der Welt, vom Autor selbst für die Kleinsten der Kleinen neu erzählt: »Jetzt ist es mein Ehrgeiz, von Kindern gelesen zu werden, die zwischen null und fünf Jahre alt sind.« (Lewis Carroll)

Lewis Carroll Die kleine Alice
Diogenes

Ein Leben wie ein Roman: Paulo Coelho
Kurt Tucholsky

Ian McEwan
»Natürlich glaube ich nicht, mit meinem Roman die Welt retten zu können«

1 CD

D
Diogenes Magazin

244 Hörbücher mit Hörprobe:

www.diogenes.ch Johann Wolfgang Goethe
4 Euro / 7 Franken

Dante Alighieri
9 783257 850055

Theodor Fontane Homer

Wenn Bücher klingen …
Tomi Ungerer, Jean-Jacques Sempé, Donna Leon, Philippe Djian u.a. über ihre Leidenschaft für Musik

Leo Tolstoi

Zwei Freunde, ein Verlag
Die beiden Diogenes Verleger haben ihren 80. Geburtstag gefeiert

Nr. 7
Diogenes Verlag AG Diogenes Magazin Sprecherstrasse 8 8032 Zürich Schweiz

Sommer 2011

Joseph Conrad

Was ist der größte Luxus?
Exklusiv-Interview mit dem neuen Serienhelden von Martin Suter

Diogenes Magazin

Magazin 1569 Bücher von 4.90 bis 480 Euro:

Diogenes

Wilhelm Busch

Georges Simenon

D
www.diogenes.ch
4 Euro / 7 Franken

Bitte frankieren

9

783257 850062

Martin Walker Leben und Schreiben im Périgord

Nr. 8

Herbst 2011

Summer Looks & Books Welches Buch passt zu welcher Strandmode? Sommerzeit – Lesezeit Mit Urs Widmer nach Timbuktu, mit Doris Dörrie nach Torremolinos und mit Hansjörg Schneider nach Basel

Magazin

Diogenes

www.diogenes.ch
4 Euro / 7 Franken

Alles inklusive! Der neue Roman von Doris Dörrie

9

783257 850079

Venezianische Kuriositäten Donna Leon auf Spurensuche Bibliotherapie Bücher machen gesund

Nr. 9

Frühling 2012

Zwei starke Frauen aus den Südstaaten: Carson McCullers und Zelda Fitzgerald

Magazin
9

Diogenes

www.diogenes.ch
4 Euro / 7 Franken

783257 850086

Paulo Coelho Das Leben ist eine Reise

Bibliotherapie
Lesen Sie sich gesund

Ein Elefant in Venedig
Donna Leon über venezianische Kuriositäten

Fragespiel
John Irving antwortet auf Fragen von Nadine Gordimer

Film-Special
Wenn Bücher Filmstars werden

www.diogenes.ch
4 Euro / 7 Franken

Auch gefüllt er­ hältlich mit den ersten neun Ausgaben des Diogenes Magazin

Datum / Unterschrift

9

783257 850093

Diogenes Magazin

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Jetzt oder bald im Kino

Am Anfang war das Buch
Die Bücher sind hunderttausendfach gelesen: Wer kennt sie nicht, die tragische Liebesgeschichte von Anna Karenina, Jay Gatsbys Roaring Twenties oder die Reise des Mondmanns. Allen, die gern sehen, was aus ihren Romanhelden auf der Leinwand wird, seien die folgenden Verfilmungen empfohlen:

Diogenes Taschenbuch detebe 23733, 304 Seiten

Sein Roman Superhero um den sterbenskranken Donald brachte zahllose Leser zum Weinen und Lachen. Und das wird auch der Film: Denn Anthony McCarten schrieb selbst das Drehbuch zu Ian FitzGibbons Adaption, die unter dem Titel Am Ende eines viel zu kurzen Tages im Kino anläuft. Thomas Brodie Sangster spielt den tragischen Helden, an seiner Seite Jessica Schwarz.
Foto oben links: SRF / Daniel Amann; Foto oben rechts: © Bavaria Pictures: Allen Kiely; Foto Mitte: © 2012 Schesch Filmkreation; Fotos unten: © T & C Film AG; Foto Suter: © Bastian Schweitzer / Diogenes Verlag

Filmstart: 12. Juli 2012 Verleih: NFP

Nach dem sensationellen Erfolg von Die drei Räuber als Animationsfilm widmet sich das Team um Regisseur und Drehbuchautor Stephan Schesch einem weiteren Kinderbuchklassiker von Tomi Ungerer: Der Mondmann. Die Stimmen großer Schauspieler, Katharina Thalbach, Ulrich Tukur, Corinna Harfouch u. a., begleiten den Mondmann auf seiner Reise zur Erde, und auch Ungerer ist zu hören.
Filmstart: Herbst 2012 Verleih: Falcom

40 Seiten, Pappband, Vierfarbendruck ISBN 978-3-257-00512-7

Martin Suter ist nicht nur ein sehr erfolgreicher Romancier, sondern auch Drehbuchautor sehr erfolgreicher Filme: Nach Giulias Verschwinden kommt jetzt Christoph Schaubs skurrile Komödie Nachtlärm in die Kinos, mit Alexandra Maria Lara, Sebastian Blomberg u. a.
Filmstart: 30. August 2012 Verleih:  X Verleih AG (D), Columbus Film AG (CH)

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Diogenes Magazin

Kein anderer Roman über die Goldenen Zwanziger ist so legendär. Nun darf man gespannt sein, was Hollywoodgrößen wie Leonardo DiCaprio in der Titelrolle, Carey Mulligan und Tobey Maguire unter der Regie von Baz Luhrmann aus der Geschichte vom Aufstieg und Fall des großen Gatsby machen – und wie viele Oscars es dafür gibt …
Filmstart: 10. Januar 2013 Verleih: Warner Bros.
Diogenes Taschenbuch detebe 23692, 256 Seiten

Fotos oben: © 2012 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.; Fotos Miitte: © SRF / Daniel Amann; Foto unten links: © Focus Features; Foto unten rechts: © Senator Film

Bald werden die Sinnesverrückungen von Sonia und die (nicht nur) wunderbare Bergwelt im Fernsehen zu erleben sein. Nach dem Drehbuch von Thomas Berger verfilmte Markus Welter Martin Suters Roman mit Regula Grauwiller, Max Simonischek u. a.

Diogenes Taschenbuch detebe 23653, 304 Seiten

Ausstrahlung SF 1 geplant: 30.9.2012 Ausstrahlung ZDF geplant: Ende 2012

Diogenes Taschenbuch detebe 21371, 2148 Seiten

Greta Garbo ziert das Buch­ cover der Diogenes-Ausgabe. Die neue Anna Karenina heißt Keira Knightley, doch auch sie beginnt eine fatale Affäre mit Graf Wronski alias Jude Law. Das Drehbuch schrieb der englische Dramatiker Tom Stoppard, Regie führte Joe Wright.

Diogenes Taschenbuch detebe 23903, 144 Seiten

Filmstart: Ende 2012 Verleih: Senator Film

Filmstart: 25. Oktober 2012 Verleih:  Universal Pictures International

Monsieur Armand heißt hier Monsieur Morgan (wer nähme Michael Caine schon den Franzosen ab). Ansonsten wurde an der charmant-berührenden Geschichte von Françoise Dorner wenig verändert. Clémence Poésy spielt die letzte Liebe des Monsieur Morgan, Regie führte Sandra Nettelbeck.
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Die Tänzerinnen
Eine Erzählung des Meisterregisseurs über jene acht oder sieben oder fünf Tänzerinnen, die schon lange vom kalten Scheinwerferlicht träumen, die immer lachen und blumige Dinge in einer fremden Sprache sagen und die hässlichen Namen, die das Publikum ihnen gibt, nicht verstehen.

Federico Fellini

I

ch möchte ein wenig von den acht Tänzerinnen erzählen. Von jenen acht Tänzerinnen, die gewöhnlich sieben sind und manchmal auch nur fünf, mit schneeweißen Beinen und einem roten Knie. Fast alle sind von zu Hause ausgerissen, weil sie vom kalten Scheinwerferlicht und einem Foto auf der Titelseite der Zeitungen träumten. Sie lachen alle zusammen hinter den staubigen Kulissen und zittern vor Kälte unter den schlüpfrigen Blicken des Feuerwehrmannes und des Korbträgers. »Inturlachèn bren«, sagen sie, während sie sich aneinander drücken, damit sie die Akrobatennummer sehen können, und der Impresario, der weiß, dass sie unsere Sprache nicht verstehen, nutzt es aus, um mit dem Elektriker über sie zu lästern. Und sie lachen, wenn sie merken, dass sie beobachtet werden, sie denken, der Mann sage nette, bunte Dinge. Diese Tänzerinnen leben davon, dass sie acht sind und ein Ballett bilden, das Strawinsky-Ballett, und dass auf dem Plakat steht, sie hätten den Teufel im Leib und seien wunDiogenes Magazin

derschön. Aber Strawinsky ist nicht ihr Name. Strawinsky ist ein fetter Herr, der kein »r« aussprechen kann und die Cafés abklappert, um Engagements zu ergattern, und viele, viele Lügen erzählt. Sie heißen Lucy, Herta und manchmal einfach Maria, aber niemand weiß das, niemand erinnert sich

Manchmal haben sie die schmachtenden Bewegungen eines Schwans und erinnern an Schlösser und Pagoden.
daran. Für das Publikum heißen sie »… die Blonde, die Dritte von links!« oder auch »… die Dunkle mit dem heraushängenden Busen« und manchmal »die Missgeburt mit dem blauen Fleck auf dem Oberschenkel«. Was für hässliche Namen und was für ein hässlicher Nachname! Nie dürfen diese Tänzerinnen einen Schritt mehr machen oder

einen Arm weniger heben. Während sie auf ihren Auftritt warten, proben sie zwischen Kisten voller Spinnweben, jungen Buben mit orangefarbenem Gesicht und langen dünnen Seilen die dritte Bewegung des fünften Tanzes. Der Feuerwehrmann schaut zu, und sie glauben, er bewundere den Schritt, den sie gerade proben. Dabei denkt er: »Von unten gesehen werden diese Brüste das Gesicht verdecken!«, oder auch: »Wenn das meine Tochter wäre, ich würde sie ohrfeigen  …« Tiefe Augenringe haben die Tänzerinnen, aber sie lachen noch, wenn sich eine Kollegin das Gesicht grün verschmiert. Und wenn es ihnen wieder einfällt, lachen sie auf der Bühne erneut, während das Publikum mit seinen tausend Augen im Parkett hitzig johlt und bebt. Manchmal haben sie die schmachtenden Bewegungen eines Schwans und erinnern an Schlösser und Pagoden. An uralte Wälder und Perlenpaläste, doch später in der Garderobe streiten sie nackt und schmutzig um ein gestohlenes Söckchen. »Enduríc lamai-

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Illustration: © Federico Fellini

en!«, sagen sie mit am Hals hervortretenden Adern und hängenden Brüsten und schreien herum, bis der Komiker auf die Bühne geht. Dann laufen sie alle hin, drängen sich zwischen die Kulissen und lachen, wenn das Publikum lacht, weil sie sich vielleicht schönere und geistreichere Witze vorstellen. Unbekannte Tänzerinnen, gesichtslos und ohne Namen, die man nicht für ihren Spitzentanz oder den amerikanischen Stepptanz schätzt, sondern weil sehr oft ein Druckknopf aufgeht und ein Stückchen Schenkel mehr sichtbar wird. Sehr häufig müssen sie allesamt vor der federgeschmückten Soubrette niederknien oder den lachenden, winkenden Komiker auf den Armen tragen. »Tänzerinnen, erlaubt ihr, dass ich euch etwas frage? Danke. Sagt mir, wann seid ihr glücklich? Auf der Bühne vielleicht? O nein, das kann nicht

sein, denn niemand bewundert euch und niemand applaudiert euch, und wenn doch, wisst ihr, warum, und welche Worte den Applaus begleiten. Hinter den Kulissen? Nein, denn ihr friert immer und könnt mit niemandem reden, ohne dass der andere auf euren Bauchnabel starrt oder euch in einer Sprache hänselt, die ihr nicht versteht. Draußen? Im Leben? Ich glaube nicht, denn der Schnellimbiss ist so ungemütlich, und die Milchbars sind eiskalt und trostlos. Und euer Kämmerchen ist so ärmlich und riecht nach schmutzigem Geschirr. Vielleicht, wenn irgendein fetter alter Mann euch zum Abendessen ausführt? Wenn er zu euch sagt: ›… Ihr seid ein Wunder, meine Kleine. Ich werde viel für Euch tun. Trinkt nur, trinkt  …‹? Unmöglich, denn dieser Alte hat Schaum vor dem Mund, und in der Loge redete er mit einem Freund

nur über euren Busen. Also wann dann? Wann seid ihr glücklich? Ihr tut mir so leid, ihr acht Tänzerinnen. So allein, so nackt … Los, zieht euch wieder an und kehrt nach Hause zurück. Erinnert ihr euch an das in die Milch gebrockte Schwarzbrot? Erinnert ihr euch an euer kleines Schwesterchen? Erinnert ihr euch an eure Donau? Ihr werdet einen lieben, hübschen Verlobten finden, und der wird, wenn er im Mondschein mit euch spazieren geht, nicht zu euch sagen: ›Dritte Blonde von links mit heraushängendem Busen‹, sondern euch schüchtern anlächeln, und wenn er euch auf den Mund küsst, wird seine Stimme vor Freude zittern, und er wird euch bei eurem Namen rufen: Lucy, Herta, und manchmal einfach Maria. Am Himmel werden viele echte Sterne stehen …«
Aus dem Italienischen von Maja Pflug

·

Illustration: © Jean-Jacques Sempé

»Meine Damen und Herren, wie jedes Jahr zur gleichen Zeit bittet unsere Stiftung ›Das Rad dreht sich‹ Sie um eine Spende zugunsten unserer Schauspielkolleginnen, die nicht mehr verdienen können, sei es, weil sie einen Unfall erlitten oder die Gunst des Publikums verloren haben. Unsere Kollegin Linda wird von Tisch zu Tisch gehen und ...«

Diogenes Magazin

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Mit Marion Dönhoff im falschen Film
Ein Kinobesuch mit Marion Gräfin Dönhoff ist selbst eine Verfilmung wert. Die bedeutende Publizistin liebte die Lichtspielhäuser – hatte jedoch selten die Muße, einen Film von der ersten bis zur letzten Minute anzuschauen. Davon konnte sich ihr Großneffe Friedrich selbst ein Bild machen.

U

nsere Kinobesuche liefen immer sehr ähnlich ab: Wir setzten uns, das Licht ging aus, die Werbung lief an, und nach etwa vier Minuten sagte Marion: »Komisch, dass die hier so lange Werbung zeigen, ich glaube, wir sind im falschen Kino.« Dann erklärte ich: »Das ist heutzutage ganz normal, die Werbung geht über zwanzig Minuten, das musst du durchstehen.« »Kann ich auch, aber es dauert ja schon viel länger.« Keine zwei Minuten später stand sie auf: »Ich gehe mal nach vorn und frage nach, wir sind sicher doch im falschen Kino.« Nach ein paar Minuten kehrte sie mit zweifelndem Blick zurück: »Scheint richtig zu sein.« Der Film lief endlich an. Marion saß kerzengerade und äußerlich vollkommen regungslos da, die Augen aufmerksam auf die Leinwand gerichtet, als wäre sie das erste Mal in einem
Diogenes Magazin

Lichtspielhaus. Spätestens nach einer halben Stunde sah sie unauffällig auf die Uhr. Nach etwa einer Stunde flüsterte sie: »Mir ist eben etwas eingefallen, ich muss dringend noch mal ins Büro, aber lass dich nicht stören. Wir telefonieren.« Fort war sie.

Marion schaute kaum einen Film bis zum Schluss. Trotzdem liebte sie den Kinobesuch.
So ging es über viele Jahre. Marion schaute kaum einen Film bis zum Schluss. Trotzdem liebte sie den Kinobesuch. Später, als Marion deutlich älter war, wollte ich sie nicht mehr alleine vom Kino zurückgehen lassen. Wenn sie nun zum dritten Mal während des Films auf die Uhr blickte, fragte ich: »Hast du genug?«

Marion zeigte sich betont unentschieden. »Wie ist es mit dir?« »Von mir aus können wir gehen.« »Noch fünf Minuten?« »Fünf Minuten sind genau richtig.« Im Hinausgehen sagte sie: »Ich glaube, da passiert auch nichts mehr.« Da Marion sich an die Werbung in den Kinos nicht gewöhnen mochte, versuchten wir den Beginn des Films genau abzupassen. Wenn wir nun den Saal betraten, war es längst dunkel. Marion hatte damit keine Probleme. Sie arrangierte sich auf ihre Weise, arbeitete sich durch die Reihen zu ihrem Platz vor. Sie war dabei immer höflich gegenüber jedem, der sich bemühen musste. »Sehr freundlich von Ihnen – Entschuldigung – sehr nett – danke schön.« Eines Tages geschah etwas, das eine andere Lösung erforderlich machte. Bei jenem Kinobesuch war ich im Dunkeln vorgegangen, und Marion folgte mir – so dachte ich jedenfalls –,

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Foto: © Klaus Kallabis

indem sie die vordere Sitzplatzreihe als Orientierung nutzte. Als wir Platz nahmen, sagte Marion: »Am Anfang der Reihe habe ich den Kopf einer Dame als Stütze benutzt, ich dachte, es wäre die Lehne …« Ich schaute rüber – die betroffene Frau warf uns demonstrativ einen missbilligenden Blick zu, und Marion flüsterte: »Man sieht’s auch …« Noch am selben Tag kaufte ich für die Kinobesuche eine geeignete Taschenlampe, klein und kompakt. So ließ sich die Platzsuche vereinfachen. Marion wollte die Lampe immer selbst halten. Beim Betreten des dunklen Saals leuchtete sie kurz über den Zuschauerraum, erstaunte Gesichter erschienen, und Marion sagte: »Scheint voll zu sein.« Bei dem Film Das Leben ist schön von Roberto Benigni lief alles etwas anders. Wie üblich gingen wir nach der ersten Hälfte aus dem Kino. Marion war traurig: »Schade, diesen Film hätte ich gerne zu Ende gesehen.« Sie hatte aber einen unverschiebbaren Termin. »Was meinst du – gehen wir morgen nach der ersten Hälfte wieder rein?«, fragte sie. Wir schauten auf die Uhr: Punkt 15:30 mussten wir am nächsten Tag im Kino sein. Am nächsten Tag hasteten wir vom Pressehaus hinüber zum Passage-Kino. Hoffentlich war die Kasse eine Stunde nach Filmbeginn überhaupt besetzt!

Die Kassiererin wunderte sich aber gar nicht darüber, dass wir noch so spät in den Film wollten. Marion bezahlte die beiden Karten, und wir eilten in den Saal. Bewusst hatten wir Plätze am Rand gewählt. Wir schauten auf die Leinwand, sahen uns gegenseitig an, dann wieder zur Leinwand. Marion fragte: »Ist das nicht der Anfang vom Film?«

Sie hatte recht. Offensichtlich hatten sie heute die Anfangszeit um eine Stunde nach hinten verschoben. Es half nichts, wir schauten die erste Hälfte noch einmal und mussten dann los zu Terminen. Die zweite Hälfte des Films haben wir beide nie gesehen. 
Friedrich Dönhoff. Auszug aus ›Die Welt ist so, wie man sie sieht. Erinnerungen an Marion Dönhoff‹

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Buchtipps

496 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06805-4

Diogenes Taschenbuch detebe 24168, 224 Seiten Auch als Diogenes Hörbuch

Die wichtigsten Artikel und Reportagen von Deutschlands prominentester Journalistin aus sechs Jahrzehnten: Anschaulich vermittelt sie ihren Standpunkt zu Themen, die uns damals wie heute beschäftigen: Macht und Moral, die Auswüchse des Kapitalismus sowie die Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft.

Das Dokument einer generations­ übergreifenden Freundschaft, geprägt von viel Humor und Streitlust, Offenheit, Neugierde und großer Vertrautheit: Marion Dönhoff, gesehen durch die Augen ihres 60 Jahre jüngeren Großneffen. Der Bestseller – erweitert um Fotos und ein neues Vorwort.

Weitaus mehr als nur Zahlen:

Die Welt in Zahlen 2012
Das Jahrbuch von brand eins und statista.com 256 Seiten, 22 Euro. Entwicklungen, Rekorde, Statistiken und Trends aus Deutschland, Europa und der ganzen Welt. Außerdem: Bundesländer-Special. Alles über Land und Leute, was sich in Zahlen sagen lässt. Erhältlich im Bahnhofsbuchhandel oder auf www.brandeins.de

Diogenes Magazin

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Interview

Superhero im Kino
Close-up, Slow Motion, Flashback: Wer Superhero, den tragikomischen Roman um den kranken Donald, geliebt hat, darf sich freuen: Ab 12. Juli läuft die Verfilmung in den deutschen Kinos unter dem Titel Am Ende eines viel zu kurzen Tages. Das Drehbuch hat kein Geringerer geschrieben als Anthony McCarten.
Diogenes Magazin: Die Verfilmung von Superhero ist beim Toronto Film Festival uraufgeführt worden. Wie hat das Publikum reagiert? Anthony McCarten: Phantastisch. Alle Beteiligten sind überglücklich und, ich glaube, auch erleichtert. Schließlich ist die erste Vorführung immer enorm nervenzehrend. Es ist ein kleines Wunder, dass der Film auf diesem Festival gezeigt wurde, dem größten in Nordamerika. Jeder unabhängige Filmemacher will dort rein. Es gab drei Aufführungen, und das Kino war jedes Mal bis auf den letzten Platz besetzt. Die Kritiken waren sensationell. Wird der Film dem Roman gerecht? Absolut. Der Film fängt den Geist des Buches ein. Das Publikum und die Kritiker waren überrascht: Alle dachten, der Film sei traurig und sentimental, aber er ist ein Fest. Es gibt darin ein, zwei wirklich unvergessliche Szenen, finde ich. Kurz: Der Film funktioniert. Und ich bin glücklich. Superhero ist ein Roman mit vielen filmischen Elementen, zum Beispiel Close-­ ups, Slow-Motion-Szenen, Regieanweisungen. Wieso haben Sie aus dem Stoff nicht gleich ein Drehbuch gemacht?
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Diogenes Magazin

Anthony McCarten

Superhero war ursprünglich als Roman konzipiert. Dass dieser Roman Züge eines Drehbuchs hat, liegt daran, dass ich schon immer die Ökonomie guter Drehbücher bewundert habe, die die Vorstellungskraft des Lesers befeuern. Und ich wollte versuchen, einige dieser Qualitäten in einen Roman zu integrieren. Außerdem handelt Superhero von einem Teenager, der in einer cinephilen

Kultur aufwächst und dessen Zeit abläuft. Es hat mich einfach gereizt, einen Roman in Form eines erweiterten Drehbuchs zu schreiben. Tatsächlich sind viele meiner Romane so angelegt, dass sie sich fürs Kino eignen: Ich erzähle eine Geschichte am liebsten in drei oder vier Akten. Meist schicke ich mindestens eine meiner Romanfiguren auf eine Reise ins Unbekannte, von der sie dann, wenn auch stark verändert, wieder zurückkehrt. Aber ich verstehe mich eher als visuellen und nicht so sehr als filmischen Erzähler. Die erste Aufgabe jedes Schriftstellers ist es, genau hinzuschauen. Ein Großteil von Superhero spielt sich aber in Donalds Kopf ab. Donald hat Krebs. Und oft flieht er vor der düsteren Wirklichkeit in die Imagination. Er erfindet sogar seinen eigenen Comic-Helden, MiracleMan. Die Gedankenwelt von Romanfiguren wird gewöhnlich in innere Monologe übertragen. Ich habe nach einer Alternative gesucht. So entstand die Parallelerzählung um Donalds Alter Ego, MiracleMan, einer Comicfigur, die Donald erfindet. Die Reise von MiracleMan, die analog zu Donalds Geschichte verläuft, hilft dem Leser dabei, zu

Foto oben: © Regine Mosimann / Diogenes Verlag; Foto unten: © Bavaria Pictures: Bernard Walsh

entschlüsseln, was Donald denkt, fühlt und fürchtet. Der Leser muss genau aufpassen, was dieser verschlossene Junge tut, was er zeichnet, wenn er verstehen will, was er denkt. Der Leser und der Kinozuschauer – beide werden zum Analytiker. In der Verfilmung wird Donalds Cartoonwelt in Trickfilmszenen übersetzt. Etwa fünfzehn Minuten des Films sind animiert. Worauf muss man beim Drehbuchschreiben besonders achten? Wenn man für den Film schreibt, braucht man unbedingt einen starken Protagonisten. Das Publikum toleriert nicht, wenn der Held zu lange von der Leinwand verschwindet. Im Roman kann man sich längere Auszeiten nehmen, ja auch gar nicht mehr zum Helden oder zur Heldin zurückkehren. In Superhero widme ich Donalds Therapeuten ebenso viele Seiten wie Donald selbst. Das musste ich im Drehbuch ändern. Donalds Reise ist zentral, im Film gibt es keine Unterbrechungen. Gibt es weitere Abweichungen vom Roman? Ja, die Beziehung zu Donalds Klassenkameradin Shelly, in die er verzweifelt verliebt ist, bekommt in Ian FitzGibbons Film mehr Raum. Die Liebes­ geschichte ist dort wichtiger. Und in der Verfilmung spiele ich nicht mit den Strukturen wie in meinem Roman. Es gibt keine Flashbacks. Der Film ist viel linearer erzählt, konventioneller, naturalistischer. Bei Show of Hands haben Sie selbst Regie geführt. Was ist der größte Unterschied zwischen dem Regieführen und dem Schreiben? Beim Film steht man vor einer Horde von Leuten – und schreit; als Schriftsteller sitzt man ganz allein in einem Raum – und schreit. Die Arbeit beim Film ist ein guter Ausgleich zu den klösterlichen Entbehrungen des Schriftstellerdaseins. Ich mag Menschen, habe Freude an der Arbeit im Team – das kann ich beim Film ausleben. Schreibt man einen Roman, ist das so, als hielte man zwei oder mehr Jahre die Luft an. Ähnlich sind sich diese beiden Tätigkeiten darin, dass man Leute herumkommandiert. Man sagt seinen Sklaven, sie sollen durch diese Tür hereinkom-

men, die und die Zeilen so und so sagen, und durch jene Tür wieder hinausgehen, ohne dabei die Möbel um­ zuschmeißen. Allerdings parieren die Sklaven nicht immer, tatsächlich sind die besten von ihnen meist ungehorsam. Aber ich gönne mir zumindest die Illusion, die Kontrolle zu haben. Wieso haben Sie nicht auch hier Regie geführt? Fünf Jahre lang war ich als Regisseur vorgesehen. Die Hälfte des Geldes sollte aus Deutschland kommen, die andere Hälfte aus meiner Heimat Neuseeland. Die Finanzierung aus Neuseeland

einem neuen, ziemlich langen Roman geschrieben, einer Fortsetzung von Superhero; also war mein Schreibtisch – Sie wissen schon: die Mönchszelle, die unsichtbaren Sklaven – genau der richtige Ort für mich. Ihr Lieblingsregisseur? Ihr Lieblingsfilm? David Lean. Lawrence von Arabien. Dieser Meinung war ich schon mit achtzehn, und ich habe keinen Grund, sie zu ändern. Weitere Lieblingsfilme: Es war einmal in Amerika, Jean Florette, Teil 1 und 2 der Paten-Trilogie, Die durch die Hölle gehen und Claude Lelouchs majestätischer Film Les Misérables. Gehen Sie oft ins Kino? Ich bin viel auf Reisen, und Kinos, in denen Filme auf Englisch laufen, sind nicht überall leicht zu finden. Also schaue ich hauptsächlich DVDs. Das Kino aber ist für mich eine Kirche, in der sich manchmal sogar Gott offen­bart. ck / kam
Aus dem Englischen von ck

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Buchtipp
platzte, und das Irish Film Board stieg ein unter der Bedingung, dass der Regisseur ein Ire ist. Was sollte ich tun: zustimmen, damit der Film schnell gedreht wird, ohne mich als Regisseur, oder riskieren, dass er womöglich nie gemacht wird? Es war nur vernünftig, dass ich mich zurückgezogen habe, allerdings: Leichtgefallen ist es mir nicht. Was empfinden Sie dabei, wenn Sie Ihre Figuren auf der Leinwand sehen? Für den Autor ist das ein heftiger Angriff auf die eigenen Bilder, die man so lange im Kopf hatte. Wenn die Darbietungen aber stark sind wie in diesem Film, wird man seinen eigenen Bildern sehr schnell untreu. Donald Delpe, die Hauptfigur in Superhero, wird gespielt von Thomas Brodie Sangster. Wieso fiel die Wahl gerade auf ihn? Vier Gründe: Er hat Talent, Charme, er ist die perfekte Besetzung, und er hatte Zeit. Er ist umwerfend in diesem Film. Waren Sie bei den Dreharbeiten? Nein, der Film wurde in Dublin gedreht, und ich habe in dieser Zeit an

Diogenes Taschenbuch detebe 23733, 304 Seiten Auch als Diogenes Hörbuch

Foto: © Bavaria Pictures: Allen Kiely

Donald Delpe ist vierzehn, voller Sehnsucht, Comiczeichner. Eins will er unbedingt noch wissen: Wie geht Liebe? Doch er hat kaum Zeit – er ist schwerkrank. Was bleibt, ist ein Leben in Fast forward. Das schafft aber nur ein Superheld. Donald hat sich einen erfunden – MiracleMan. Oder braucht Donald ganz andere Helden? »Mindestens so lustig, wie es traurig ist. Große Literatur halt.«  Weltwoche, Zürich

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Serie Adam Davies

Top 10 HollywoodKinoschurken

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In Hollywood hat es sich bewährt, Filmschurken ein paar markante Kennzeichen mitzugeben, die sie unvergesslich machen. Die Liste der absonderlichen Attribute ist lang: Es kann die verkrüppelte Hand und der schlurfende Gang von Verbal Kint in Die üblichen Verdächtigen sein, die seltsame Haartracht von Anton Chigurh in No Country for Old Men, aber auch ein Accessoire wie Gordon Gekkos SteinzeitHandy in Wall Street. Und Adam Davies kennt noch mehr finstere Extravaganzen.
1. Frank Booths Inhalationsmittel in Blue Velvet Frank Booth ist ohnehin in jeder Szene, in der er auftritt, der furchterregendste aller Schurken. Bei mir rangiert er auf Platz 1, weil er in Blue Velvet schnaubend eine unbekannte Droge inhaliert, die bewirkt, dass er zwei verschiedene Identitäten – Baby und Daddy – annimmt, die beide so entsetzliche Dinge tun, dass ich fünf Anläufe brauchte, um den Film zu Ende zu sehen. Fünf Anläufe, verteilt auf zehn Jahre. 2. Anton Chigurhs Topfhaarschnitt und Bolzenschussapparat in No Country for Old Men Javier Bardems Topfschnitt mag nicht ganz so beklemmend sein wie J.  J. Hunseckers Billigbrille in Dein Schicksal in meiner Hand, doch sein Schlachtapparat – ein Bolzenschussgerät, mit dem normalerweise Vieh vor dem Schlachten betäubt wird – katapultiert ihn auf den zweiten Rang. 3. Das zweite Maul des Außerirdischen in Alien Stimmt, dieser Außerirdische hat ein glänzendes Exoskelett, Säure statt Blut, einen stachligen Killerschwanz und ist buchstäblich unzerstörbar. Doch damit nicht genug: Er hat auch ein zweites Maul im Inneren seines Mauls. Und er ist hungrig. Entsetzlich hungrig … 4. J. J. Hunseckers dicke gerahmte Brille in Dein Schicksal in meiner Hand Burt Lancasters Darstellung eines machiavellistischen Klatschkolumnisten wurde durch seine Billigbrille noch beängstigender, da ihr dicker Rand einen durchdringenden Echsenblick einrahmte. Es ist ein lustiges Spielchen, eine Nahaufnahme des Gesichts auf Pause zu stellen und her­ auszufinden, ob man Hunseckers Blick standhalten kann. Ist mir noch nie gelungen. 5. Mr. Blondes Tanzeinlage in Reservoir Dogs – Wilde Hunde Jede anschauliche Folterszene ist unerträglich, aber wenn Michael Madsen einem Cop das Ohr abschneidet, während er vergnügt zu ›Stuck in the Middle With You‹ tanzt, denken wir: oje. Wenn er dem Ohr dann noch schmeichelt (»War das für dich so gut wie für mich?«), wird uns klar, dass wir in ernsten Schwierigkeiten stecken und dass sadistisch und wütend zwar schon schlimm genug, sadistisch und irre aber noch schlimmer ist. 6. Darth Vaders Keuchen in den Star Wars-Filmen Gerne wäre ich bei dem Meeting gewesen, auf dem dieser Vorschlag präsentiert wurde: »Da gibt’s also diesen Vader. Er kleidet sich wie das Phantom der Oper, hat einen Motorradhelm auf und atmet so: chchoooo-chchaaaa.« »Hä? Wie ein perverser Anrufer am Telefon?« »Ganz genau!« Kaum zu glauben, dass es dafür grünes Licht gab, aber so war es. Der Rest ist Schweratmer-Geschichte.

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Foto oben: © Ullstein Bild – United Archives; Foto Davies: © Robert Wilson

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7. Coldcream und Drahtkleider­ bügel in Meine liebe Rabenmutter Zu meinem Leidwesen muss ich berichten, dass manche Kritiker Faye Dunaway in ihrer Rolle als Joan Crawford im Niedergang befremdliches Chargieren vorgeworfen haben, aber wenn man sich Ms. Dunaways Darbietung nur ein paar Minuten ansieht, stellt man schockiert fest, wie glaubwürdig sie spielt. Wenn der Mund dieser furchterregenden Maske »KEINE DRAHTBÜGEL!« kreischt, wird einem schmerzhaft klar, dass man es hier nicht nur mit echtem Wahnsinn zu tun hat, sondern auch mit einer sehr realen Gefahr. 8. Patrick Batemans Musik­ geschmack in American Psycho Christian Bale zu beobachten, wie er sich einen Regenmantel anzieht, ehe er eine unglaublich glänzende Axt zur Hand nimmt, mit der er einen seiner Kollegen abschlachten wird – und die Verwirrung des Kollegen mitanzusehen, als der überlegt, warum die Möbel wohl gegen Spritzer mit Plastikplanen abgedeckt wurden –, ist echt gruselig. Aber sich vor dem Mord einen Monolog über die künstlerische Entwicklung von Huey Lewis and the News anhören zu müssen? Noch gruseliger. 9. Das rote Auge von HAL 9000 in 2001: Odyssee im Weltraum Das war der erste Film, der uns ein für allemal klarmachte, dass rote Augen unheimlich sind, und natürlich gab es Kopien  – Verzeihung: »Hommagen« –, nicht zuletzt das glühend rote Auge von Peter Jacksons Sauron und das rote Maschinenauge von James Camerons zahlreichen Terminators. Dieses Auge war sogar so populär, dass so ziemlich jedes Spielzeugmodell des Terminators eins hatte, einschließlich der Figur, die meine El-

tern mir – verdammt noch mal – nie gekauft haben, trotz penetranter vorweihnachtlicher Lobbyarbeit meinerseits. 10. Der eine Arm des einarmigen Mannes in Auf der Flucht Schurken mit Prothesen sind nichts Neues – man denke nur an Long John Silver oder an Han aus Der Mann mit der Todeskralle –, doch der Bösewicht aus dem Remake mit Harrison Ford ist wirklich unheimlich. Und glücklicherweise hat er nur einen Arm, denn nachdem er in den ersten fünf Minuten Harrison Fords Frau umbringt, sehen wir ihn eigentlich 7 erst im dritten Akt wieder, und dann müssen wir uns noch an ihn erinnern. Und das tun wir. Lobende Erwähnungen Robert De Niros Irokesenschnitt in Taxi Driver. Gollums Sprachfehler in der Herr der Ringe-Trilogie. Robert Mitchums Tätowierungen  – »Love« und »Hate«  – in Die Nacht des Jägers. Eine gealterte Bette Davis mit ShirleyTemple-Perücke, während sie in Was geschah wirklich mit Baby Jane? mit irrem Blick ›I’ve Written a Letter to Daddy‹ singt. Und schließlich Margaret Hamiltons böse Hexe des Westens in Der Zauberer von Oz, die einfach alles hatte – den kultigen bösen Hut, grüne Haut, krallenartige Finger, Warzen, eine schrille Stimme, einen Fetischismus für glitzerndes Schuhwerk und die mit Abstand coolsten Lakaien aller Zeiten: ein Heer fliegender Affen.
Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog

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Foto oben: © Ullstein Bild – United Archives; Foto Mitte: © picture alliance; Foto unten: © Lions Gate / The Kobal Collection – IMAGES.DE

368 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06742-2 Ab Juli auch als Diogenes E-Book

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»Adam Davies legt mit Dein oder mein eine rasante Mischung aus Krimi, ScrewballKomödie und Liebesroman vor, die nicht nur saukomisch, sondern auch lehrreich ist.« Christian Möller / Westdeutscher Rundfunk, Köln

Im nächsten Magazin:
Top 10 Lieblingsbücher von John Irving
Diogenes Magazin

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Commissario Brunetti
von Donna Leon

20 Jahre

Venezianisches Finale
Commissario Brunettis erster Fall Diogenes

Donna Leon

Commissario Brunettis zweiter Fall Diogenes

Donna Leon Endstation Venedig

Commissario Brunettis sechster Fall Diogenes

Donna Leon Sanft entschlafen

Donna Leon In Sachen Signora Brunetti
Der achte Fall Diogenes

Donna Leon Venezianische Scharade
Commissario Brunettis dritter Fall Diogenes

Commissario Brunettis vierter Fall Diogenes

Donna Leon Vendetta

Commissario Brunettis fünfter Fall Diogenes

Donna Leon Acqua alta

Commissario Brunettis siebter Fall Diogenes

Donna Leon Nobiltà

Donna Leon Feine Freunde
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Commissario Brunettis zwölfter Fall Diogenes

Verschwiegene Kanäle

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Commissario Brunettis dreizehnter Fall Diogenes

Beweise, daß es böse ist

Donna Leon

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Commissario Brunettis siebzehnter Fall Diogenes

Das Mädchen seiner Träume

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Jubiläumsausstattung

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• Bedruckte Leinenbände mit Lesebändchen • Mit Venedig-Karte auf dem Vorsatz 76
Diogenes Magazin

Foto: © Rainer NN Martini / LOOK-Foto

Commissario Brunettis zehnter Fall

Donna Leon Das Gesetz der Lagune

Die dunkle Stunde der Serenissima
Commissario Brunettis elfter Fall

Donna Leon

Donna Leon
Commissario Brunettis vierzehnter Fall

Blutige Steine

Wie durch ein dunkles Glas
Commissario Brunettis fünfzehnter Fall

Donna Leon

Lasset die Kinder zu mir kommen
Commissario Brunettis sechzehnter Fall

Donna Leon

Schöner Schein
Commissario Brunettis achtzehnter Fall

Donna Leon

Serie

auf der einsamen Insel
Jeder kennt die Frage: »Welches Buch würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?« In jedem Diogenes Magazin stellen wir diese Frage. Und um es ein wenig spannender (und bequemer) zu machen, darf Donna Leon mehr als nur ein Buch auf die Insel mitnehmen.

Donna Leon

Roman Charles Dickens, Bleakhaus Sachbuch Herodot Lyrik Emily Dickinson Theaterstück Shakespeares König Lear, obwohl Der Sturm besser auf eine einsame Insel passt Was würden Sie versuchen, per Smartphone zu empfangen? Ich habe kein Smartphone. Zeitung Il Gazzettino Zeitschrift The New York Review of Books TV-Sender Ich habe keinen Fernseher. Radiosender Ich habe kein Radio, aber eine ausgeprägte Vorliebe für Radio Maria, das lustigste Programm, das ich kenne. Film Bambi Schauspieler Ian McKellen. Ich habe kürzlich seinen Richard III. gesehen, und er war umwerfend. Klassik Alcina von Händel Oper Alcina von Händel Jazz Machen Sie Witze? Pop / Rock Die Stille des Windes in den Palmen Möbelstück Ein bequemes Sofa, um zu lesen Technisches Gerät Eine Espressokanne Lieblingsessen (süß) Vanille- und Schokoladeneis Lieblingsgetränk (nicht alkoholisch) Wasser Lieblingsgetränk (alkoholisch) Gran Masetto von Endrizzi Gemälde In der National Gallery of Art in Washington gibt es einen van Dyck, es zeigt eine venezianische Edelfrau, sie heißt Contarini oder so ähnlich. [Donna Leon meint das Porträt der Marchesa Elena Grimaldi Cattaneo, die vermutlich aus Genua stammte.] Musikinstrument Die menschliche Stimme

Kleidungsstück Schwarze Jeans Spiel Plaudern Lebenspartner Jemanden, der weiß, wie man Feuer macht, ein Haus baut, Strom erzeugt, eine Stereoanlage baut, eine Bibliothek importiert, Kaffee anpflanzt und das Geschirr wäscht. So jemanden würde ich vielleicht auch als Lebenspartner akzeptieren. Lieblingsessen (nicht süß) Risotto di zucca Gesprächspartner Gore Vidal Streitpartner Undenkbar Briefpartner Elizabeth Bishop – leider ist sie tot. Haustier Ich hätte sehr gern einen Hund. Von ihm würde ich mich dort auf lange Spaziergänge mitnehmen lassen. Wen oder was würden Sie sonst mitnehmen? Das Orchester ›Il Complesso Barocco‹

Foto: © Regine Mosimann / Diogenes Verlag; Illustration: © Jean-Jacques Sempé

Im nächsten Magazin:
Petros Markaris
Diogenes Magazin

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Leseliste

Miranda July

Was man so alles zusammenliest, wenn der Tag lang ist – oder wenn man nicht gerade vor Publikum aus dem eigenen Erzählband Zehn Wahrheiten liest. Milchpackungen zum Beispiel oder Postanschriften, E-Mails und SMS natürlich, ja und manchmal sogar ein Buch. Ein Bericht von Miranda July.

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ch las die Milchpackung, wäh­ rend ich O-Saft aus der Flasche trank und mit meinem Körper die Kühlschranktür aufhielt. Etwas Besseres, um es beim O-Saft-Trinken zu lesen, wären Orangen oder Sonnenschein oder sogar Zitronen. Keine Milch. Ich las meine To-do-Liste für den Tag. Die erste Position: »Script ausdrucken«. Die letzte Position: »Hundesachen«. Das heißt, ich muss Bälle und Hundefutter kaufen. Nichts, wozu ich gekommen bin. Ich las langsam die ersten dreißig Seiten eines Scripts mit dem Titel The Future und unterbrach alle paar Minuten, um eine Liste namens »The Future: Fragen und Antworten aus Regiesicht« fortzusetzen. Die erste Po­ sition auf der Liste: »Katzenbilder ansehen«. Die letzte Sache auf der Liste: »Ihn oft besteigen«. Ich las noch mal die letzte Seite von
Diogenes Magazin

In the Aeroplane Over the Sea von Kim Cooper. Es ist ein Buch über die Entstehung des selbstbetitelten Albums von Neutral Milk Hotel. Auf der letzten Seite steht ein langes, inspirierendes Zitat, das so aufhört: »Und das ist es, was wir brauchen: Wir brauchen ganz verzweifelt dich.«

Ich las eine SMS von Kitty: »Wie geht’s?«
Ich las den Namen auf dem Paket, das der Postbote gebracht hat: »Mike Mills«. Der Postbote zitterte und schwitzte und sagte laut »Scheiße!«, weil er Angst hat vor dem (sehr süßen) Hund. Wir hatten das gestern schon. Seine Angst ist eins der Highlights meines Tages, sie ist total außer Kon­ trolle, körperlich, nichts, was man oft

zu sehen bekommt. Und ich habe auch Angst vor Hunden, also kann ich es verstehen. Ich lese ungefähr fünfzig E-Mails im Laufe des Tages, die meisten immer wieder von den gleichen Leuten. TopE-Mailer: Assistent Alf Seccombe. Betreffzeile einer seiner E-Mails: »AW: Ich bin der autorisierte Vertreter der juristischen Person, die durch meine Seite vertreten wird.« Diese E-Mail enthält seine Korrespondenz mit Face­ book. Ich habe auch E-Mails, die ich geschrieben habe, gelesen oder überflogen, als ich sie geschrieben habe. Der letzte Satz an Brigitte Sire: »ich hoffe, alles ist gut bei dir. ich bin entweder total gelähmt, weil ich nicht weiß, was ich als nächstes tun soll, oder ich bin beschäftigt.« Ich las Seite 164–170 von Varieties of Disturbance von Lydia Davis beim

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Foto: © Steve Rhodes – flickr.com

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22.03.2012

17:22

Mittagessen. Die letzten zwei Sätze sagten: »Wie konntest du das deiner Mutter antun? Schämst du dich nicht?« Ich las eine SMS von Kitty: »Wie geht’s?« Als ich an einer roten Ampel hielt, las ich an der Tafel vom Vista-Kino Men Who Stare at Goats und die Namen aller Männer, die im Film mitspielen. Ich machte mir verschiedene Gedanken über die männlichen Schau­ spieler, die meisten reichten von ein bisschen bis sehr kritisch. Ich las die Wörter ›Lil Joe‹ auf einem kleinen Wandteppich in Kittys Haus. Ich las Thelma and Louise auf einer Videohülle und machte Kitty drauf aufmerksam, dass sie den Film besitzt, während er gleichzeitig im Hintergrund, während wir uns unterhielten, im Fernsehen lief. Er lief, als ich kam. Als Antwort sagt sie: »Aber der ist auf VHS.« Wir unterbrechen unsere Unterhaltung für den Moment, wo sie über die Klippe fahren. »Ich glaube, ich muss weinen«, sagt Kitty. Aber einen Moment später sagt sie: »Nein, ich glaube, ich muss nicht weinen.« Ich las den Titel von Jeremy Dellers Buch Marlon Brando, Pocahontas, and Me und viele Seiten aus dem Buch­ inneren. Ich blinzelte, um die Bildunterschrift zu lesen: »Sacheen Littlefeather verweigert Marlon Brandos Oscar am 27. März 1973.« Kurzer Tagtraum, wen ich meinen Oscar ablehnen lassen würde. Ich las Songtitel von Antony-andthe-Johnsons-Songs, während ich Antony and the Johnsons hörte und mit dem Hund Bällefangen spielte. For Today I Am a Boy, Man Is the Baby. Als ich bei Bird Gehrl ankam, hing ihre Zunge raus, und ich rief: »Das war’s. Gut gemacht!«, und wir gingen rein. Ich las eine Mail von Jesse Pearson, dem Chefredakteur von Vice. Sie hörte auf mit: »ich bin auch traurig dar­ über, dass du gar nicht in der literaturausgabe vertreten bist. vielleicht eine kleine reading list von dir oder so was?« Ich quälte mich, Mark Borthwicks Handschrift bei seiner Kunstausstellung zu entziffern, gab dann aber auf und entschloss mich, seine Schrift auf visueller Ebene zu schätzen, was nicht schwierig ist.

Wie ein nerviges Kind las ich alle Schilder und Reklametafeln, an denen wir nachts in L.  A. vorbeifuhren. Ich versuchte, sie nicht laut auszusprechen, aber flüsterte aus Versehen: »Voyeur.« Mike sagte: »Was?« – »Voyeur«, sagte ich und zeigte auf das Schild an einem Gebäude. Wir standen an einer roten Ampel. Ich plante, vorm Zubettgehen zu lesen, aber die Lampe war im anderen Zimmer, und ich war zu müde, um sie zu holen. Ich lag auf Mikes Schulter und versuchte, das Buch zu lesen, das er liest, Gedichte von Rilke:
Klage O wie ist alles fern Und lange vergangen. Ich glaube, der Stern, von dem ich Glanz empfange, ist seit Jahrtausenden tot. Ich glaube, im Boot, das vorüber fuhr, hörte ich etwas Banges sagen.

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Das ist nicht das Ende des Gedichts, aber Mike las schneller als ich und blätterte um.
Zuerst erschienen in ›Vice‹ (www.vice.com) Copyright © 2010 by Miranda July, used by permission of The Wylie Agency (UK) Limited

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THOMAS BRASCH Aus den Tagebüchern 1972 –74 · MARTINA HANF Gespräch mit LOTHAR TROLLE über Thomas Brasch · DURS GRÜNBEIN Das Große Gehege · KATHARINA BORN Vatersprache. Über die Schriftstellerin Erika Mann · CÉCILE WAJSBROT Die Zeremonie · HEINRICH HUEBSCHMANN »Wissen Sie noch einen Ausweg?«Gespräche mit Gelehrten 1942 Gedichte von JÜRGEN BECKER und CARSTEN ZIMMERMANN · THOMAS BÖHME Capriccios · HARALD HARTUNG Aufzeichnungen · PETER VON MATT Max Frisch und sein Ruhm · MANFRED OSTEN Peter Sloterdijks Neudeutung der abendländischen Philosophiegeschichte

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VIERUNDSECHZIGSTES JAHR / 2012 / ZWEITES HEFT März / April 9 Euro

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wird herausgegeben von der Akademie der Künste und erscheint zweimonatlich. Jahresabo 39,90 / 50 € (Ausland) Studierendenabo 30 € Einzelheft 9 € Zwei Hefte zur Probe 10 € bestellung@sinn-und-form.de Tel. 030 / 423 66 06 Fax 030 / 42 85 00 78 Leseproben, Heftarchiv, Newsletter: www.sinn-und-form.de

224 Seiten, Broschur mit Klappen ISBN 978-3-257-02097-7

Schräg, komisch, herzzerreißend, entwaffnend, ehrlich: zehn Interviews, in denen die Schriftstellerin, Künstlerin und Filmemacherin Miranda July eben­ so viel über sich selbst verrät wie über die Menschen, mit denen sie spricht. »Ein höchst erstaunliches Buch.« Die literarische Welt, Berlin

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Allmens Büchertipps
Eine seiner Leidenschaften gilt dem Lesen und dem Entdecken von Geheimnissen in Büchern. Ein Blick in die Bibliothek von Martin Suters Serienheld Allmen:

»Allmen war ein süchtiger Leser. Schon als Leseanfänger war er das gewesen. Er hatte schnell bemerkt, dass Lesen die einfachste, wirksamste und schönste Art war, sich seiner Umgebung zu entziehen. Sein Vater, den er nie mit einem Buch in der Hand gesehen hatte, besaß großen Respekt vor dieser Leidenschaft seines Sohnes. Immer akzeptierte er Lesen als Entschuldigung für die vielen Pflichtversäumnisse seines Filius. Auch heute noch las Allmen alles, was ihm in die Hände kam. Weltliteratur, Klassiker, Neu­ er­scheinungen, Biographien, Reiseberichte, Prospekte, Gebrauchsanweisungen. Er war Stamm­ kunde in mehreren Antiquariaten, und es war schon vorgekommen, dass er ein Taxi beim Sperrmüll vor einem Haus anhalten ließ und ein paar Bücher von dort mitnahm. Allmen musste ein Buch, das er einmal angefangen hatte, zu Ende lesen, selbst wenn es noch so schlecht war. Er tat dies nicht aus

Respekt dem Autor gegenüber, sondern aus Neugier. Er glaubte, dass jedes Buch ein Geheimnis habe, und sei es auch nur die Antwort auf die Frage, weshalb es geschrieben wurde. Hinter dieses Geheimnis musste er kommen. Genau genommen war Allmen also nicht süchtig nach Lesen – er war süchtig nach Geheimnissen.« Aus Allmens Bibliothek: Honoré de Balzac Die Frau von dreißig Jahren »Es geschah nicht oft, dass Allmen sich von einem Buch nicht ablenken ließ. Seine Lesegier – da machte er sich nichts vor – war schon immer seine Methode gewesen, sich vor dieser Wirklichkeit zu drücken, indem er sich in einer anderen verschanzte. Aber diesmal hielt die Schanze nicht stand. Er las Balzac, Die Frau von dreißig Jahren, einen Autor, dem es sonst unter Garantie gelang, ihn in eine andere Welt zu entführen. Doch auch Balzac gelang es heute nicht, die Bilder dieses Tages in ihre Schranken zu verweisen.«

cheres Rezept. Aber das Kriminalistische an der Geschichte erinnerte ihn zu sehr an seinen eigenen Fall.« Anton Čechov Anna am Halse in Rothschilds Geige »Im Viennois waren die üblichen Nachzehn-Uhr-Gäste versammelt. Allmen saß an seinem angestammten Tisch zwischen dem des pensionierten Literaturkritikers, der mit seinem schweratmenden Pekinesen die in Milchkaffee getunkten Croissants teilte, und dem des auch nicht mehr ganz jungen Models mit den zwei Handys – eines zum ununterbrochen Telefonieren, eines zum Anrufe-von-Agenturen-Erwarten. Er trank wie immer seine Schale, aß ein Croissant und las eine Geschichte von Anton Čechov, Anna am Halse.« Bruce Chatwin In Patagonien Er hatte heute Abend Mühe gehabt, sich auf seine Lektüre zu konzentrieren. Zuerst las er wieder einmal in Bruce Chatwins In Patagonia. Dann legte er das Buch beiseite und wandte sich dem schmalen Dossier zu, das Carlos aus Internetinformationen über rosa Diamanten zusammengestellt hatte.« Daphne du Maurier The House on the Strand »Aus der grauen Wolkenschicht vor dem hellgrauen Wolkenhintergrund hing ein dünner Wolkensack fast bis zum Meer herunter. Allmen nahm ein Buch aus der Strandtasche und begann zu lesen. The House on the Strand von Daphne du Maurier. Eine Stunde später wurde er abrupt von etwas aus dieser wunderbaren Zeitreise in die Gegenwart zurückgeholt.« Helene von Nostiz Aus dem alten Europa »Sokolow wandte sich seinem Laptop zu, und Allmen seiner Lektüre. Helene von Nostiz, Aus dem alten Europa, ein Buch wie geschaffen für diesen Ort. Aber er konnte sich nicht auf die Vergangenheit konzentrieren. Die Gegenwart beschäftigte ihn viel zu sehr.«

William Somerset Maughams Erzählungen »Er legte das Buch zur Seite, ging ans Büchergestell und griff zu seinem anderen Fluchthelfer aus der Wirklichkeit: William Somerset Maugham. Der Erzählband war englisch, und er las The Back of Beyond. Aber auch Johann Friedrich von Allmen International Inquiries George Moon, www.diogenes.ch / allmen der scheidende Resident von Timbang Belud, vermochte ihn nicht wie sonst zu fesseln.« Georges Simenons Maigret-Romane »Er versuchte, mit Hilfe von Kommissar Maigret auf andere Gedanken zu kommen, normalerweise ein todsi-

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Ingrid Noll
Was kann Sie richtig auf die Palme bringen? Schleimerei, Distanzlosigkeit, Denun­ zianten, Klugscheißerei, Geiz und wenn mir wieder mal etwas nicht einfällt, was ich eigentlich genau weiß. Wo gehen Sie am liebsten essen? In Zürich – mit lieben Leuten vom Diogenes Verlag. Auto, Zug oder Flugzeug? Eisenbahn mit Fensterplatz in Fahrtrichtung, aber noch netter wäre eine Postkutsche. Welchen Zustand beim Schreiben lieben Sie am meisten? Wenn es nach den ersten 50 Seiten gut läuft. Welchen am wenigsten? Kürzen, korrigieren, verwerfen. In welcher Umgebung schreiben Sie am kreativsten, geistreichsten? Zu Hause am Schreibtisch mit Blick in den Garten, allerdings fehlen mir Alternativen. Haben Sie ein Vorbild? Nein, ich habe schon genug Minderwertigkeitskomplexe. Wenn Sie in einer Zeitepoche der Vergangenheit leben würden, welche würden Sie bevorzugen? Die Epoche ist fast egal, wichtig ist ein privilegierter Status, denn mangelnde Bildung und Armut bedeuteten in der Vergangenheit fast das Gleiche wie Sklaverei. Zum Beispiel wäre ich gern eine Renaissance-Schönheit im kunstbegeisterten Venedig oder eine mittelalterliche Nonne, die mit Gold, Purpur und zerriebenem Lapislazuli in Schweins­ leder gebundene Folianten illustriert. Vielleicht auch eine Dame der Romantik mit geistreichen Gästen im literarischen Salon. Wie feiern Sie, wenn ein Roman fertig ist? Ich trauere erst einmal um eine schöne, intensive Zeit. Wenn das gedruckte Buch aber vor mir liegt, kann ich mich von Herzen freuen, über Schokolade herfallen oder etwas Überflüssiges kaufen. Welches Buch liegt bei Ihnen auf dem Nachttisch? Ein Stapel, den ich gelegentlich (zuweilen ungelesen) auswechsle. Was kochen Sie, wenn Sie jemanden einladen? Zum Beispiel Tafelspitz oder Bœuf Stroganoff, aber ich kann noch mehr. Ihre Lieblingswaffe in Krimis? Die günstige Gelegenheit. Ihre Lieblingskrimiautorin? Patricia Highsmith (und alle befreundeten Kolleginnen). Ihr Lieblingsfilm? I like it cool, also: Some like it hot. Was ist Ihr Lieblingskleidungsstück? Mein rotkarierter Morgenmantel. Beste Schulnote – worin? ›Sehr gut‹ im deutschen Aufsatz.

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Foto: © Isolde Ohlbaum

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Ihr Traumberuf? Direktorin eines Gemäldemuseums.
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Im August erscheint Ingrid Nolls neuer Roman ›Über Bord‹. Und darin geht so einiges über Bord, nicht nur die Illusion einer letzten großen Liebe.

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Literarisches Kochen

Kaschk Bademjan à la Anthony McCarten
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it seiner vegetarischen Karte und den phantasie-­ vollen Gerichten war der Persische Garten originell genug für eine Stadt, in der man bis in die Mitte der neunziger Jahre kaum wusste, wie ein Salat aussieht. Er erzielte ohne große Anstrengungen einen hübschen Gewinn und besaß auch nach dem Erwerb eines schönen frei stehenden Hauses – ein Luxus für Londoner Verhältnisse  – immer noch ein paar Aktien als eiserne Reserve. Sein Schisch Kebab aus Tofu und Zuckerschoten galt als Geheimtipp. Und das köstliche Kaschk Bademjan aus Auberginen hatte er direkt von seiner alten Speisekarte in Teheran übernommen. Seine Köche vollbrachten wahre Wunder mit Dolmeh, scharf gewürzten roten Rüben und gefülltem Kohl. Saaman redete unablässig davon, dass er in London ein zweites Restaurant aufmachen wollte, hatte auch schon erste Pläne, aber er sagte – immer noch der Intellektuelle aus Oxford –, er warte auf den richtigen Markt. Mit seinen zweiundfünfzig Jahren war er vor der Zeit müde geworden, melancholisch, übergewichtig, fremd, ein Schatten an den Rändern einer Kultur, die er verehrte. Am nächsten Morgen um zehn war Tracy wieder da. Als Sam Sahar aus seinem Mercedes stieg und die Straße überquerte, wartete sie schon auf ihn. Ihre Aufmachung war nicht mehr so auffällig wie am Vorabend, und so erkannte er sie erst auf den zweiten Blick. »Hi«, sagte sie in triumphierendem Ton. »Sie schon wieder?« »Das Schild im Fenster«, sagte sie und zeigte auf das Pappschild, das über Nacht wieder an seinem alten Platz aufgetaucht war. Er rieb sich das Kinn, errötete und wandte den Blick ab. »O ja, ja  … offenbar hat es sich jemand anders überlegt.« »Haben Sie immer noch keinen Job für mich?« »Na ja, vielleicht … Dann kommen Sie erst mal mit rein  … und lassen Sie wenigstens  … Ihre Telefonnummer da.« Er machte sich an der Tür zu schaffen. »Treten Sie bitte ein … lassen Sie uns drinnen weiterreden.« Er wollte nicht mit ihr auf der Straße gesehen werden. Sam musste sich nicht viel aufschreiben. Tracy hatte sich die Mühe gemacht und über Nacht einen handgeschriebenen Lebenslauf aufgesetzt. An einem Tisch, von dem er zwei Stühle herabnahm, zwang sie ihn mit ihrem eindringlich hoffnungsvollen Blick, die halbe Seite mit der Liste ihrer Triumphe zu studieren. »Schön. Kassiererin? Gut. Schulbildung. Hm-hm. Das ist in Ordnung. Aber keine Erfahrung als Kellnerin.« Das Telefon in der Küche klingelte. »Oh, einen Moment bitte.« Die Stimmung in dem leeren Restaurant mit den Stühlen auf den Tischen, der Ruhe wie in einer Höhle, den Bildern an den Wänden mit ihren Szenen aus kaiserlicher Zeit, von Mord und Schandtat unter den Moguln, von ländlicher Muße und Lust, dem Geruch nach Wachs und dem Holzkohlenrauch des gemauerten Ofens, all das gab Tracy das aufregende Gefühl, dass sie in einen ihrer Tagträume eingetaucht war. Hier zu arbeiten, das wäre bezahlter Urlaub.
Aus dem Englischen von Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié
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Zutaten für eine große Portion Kaschk: – ca. 8o g Kaschk (eine Art getrockneter Joghurt, erhältlich im orientalischen Lebensmittelladen) – 3 große Auberginen oder 6 – 8 längere, kleinere Auberginen –2  große Zwiebeln – 2 Knoblauchzehen – Olivenöl – Salz, Pfeffer, Kurkuma – 60 g Walnüsse – 2 Tomaten, gewürfelt – etwas Safran, in heißem Wasser aufgelöst

Die schönsten Seiten der Literatur in einem Magazin!

g hälen, Zubereitun aschen und sc w en n gi er b Die Au it einem schneiden. M in Scheiben as salzen. ocknen, etw Papiertuch tr tpfanne er­ l in einer Bra Ö ch li ch ei R eidseitig bei uberginen b A ie d , n ze it h raten. lerer Hitze b mitt­ und die die Tomaten Das Wasser, , Pfeffer, k, etwas Salz ch as K es d e Hälft d etwa ein noblauch un Kurkuma, K ugeben und wiebeln daz köcheln Viertel der Z hn Minuten ze a w et t k zugedec uberginen maten und A cken. lassen, bis To Gabel zerdrü er n ei it M . weich sind kleines Reste bis auf ein ss ü n al W ie D mals einige ben und noch ge u az d en ch eln lassen. Minuten köch entuell it Salz und ev m en k ec m h Absc as Kaschk. noch mit etw taten in restlichen Zu it dünAlles mit den ischen und m m r­ ve e al h einer Sc n. js brot serviere nem Fladen­

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Diogenes Taschenbuch detebe 23940, 592 Seiten Auch als Diogenes Hörbuch Eine junge Frau zu ihren Eltern, untere Mittelschicht, in einem Londoner Vorort: »Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Ich heirate. Die schlechte: Er ist Perser. Und übrigens: Er hat bereits zwei Frauen.« So beginnt ein provozierender Roman über Heimat, Kochen und die Faszination des Fremden ... und eine Liebes­ geschichte wie keine andere – für diese Zeit.

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Pizzateig mit Honig à la John Irving
Diogenes Magazin

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Serie

Kopfnüsschen
»Cogito ergo sum« – was heißt das noch mal? Natürlich: »Ich denke, also bin ich.« Das war der erste Grundsatz des Philosophen René Descartes. Einige mehr oder weniger schwierige Denkaufgaben zum Sich-selbst-Finden oder auch -Verlieren gibt es ab sofort in jeder Ausgabe des Diogenes Magazins.
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Hier ist Ihre Phantasie gefragt. Was ist auf den folgenden Bildern zu sehen? 1 2 3 4

Welches Tier gehört zu welchem Buch?

Dashiell Hammett Der Malteser
Roman · Diogenes

Patricia Highsmith Lösegeld für einen
Roman · Diogenes

George Orwell Im Innern des
Erzählungen und Essays

Andrej Kurkow frieren nicht Ingrid Noll Der Hahn ist tot
Roman · Diogenes

Robert van Gulik DerAffe und der Tiger
Roman · Diogenes

Diogenes

Roman · Diogenes

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Diogenes Magazin

Illustrationen: © Jiří Slíva; Sudoku: © Puzzle Company GmbH für Diogenes Magazin

Literarischer Zoo

Kreuzworträtsel
männl. franz. Artikel  feuchte Niederung scherzh. für einfältig Hafenflinker Mee- Bruchstück damm, ressäuger aus Glas, LandungsTon o.ä. brücke der Verschluss beim Fass Frauenfigur in Goethes 17 ›Stella‹ ugs. für clever, gewieft feuchte, moorige Stelle der erste Mann (lt. Bibel) Landstreitkräfte eines Staates Vorn. der ComedyFrau Engelke farbig; vielfarbig math. Verknüpfung, plus Vorn. des Malers Rauch Hinterhalt, List Sigmund , der Vater der Psychoanalyse ugs. unterirdisches höflich, lieVerkehrs- benswürdig mittel Dagny, norw. Schriftstellerin Zeit vor Weihnachten ugs. für Tatsache franz. Wort für Milch Untiefe, Strudel Nordatlantikpakt (Abk.) franz. Wort für Schloss Tankstellenkette Fadenstärkemaßeinheit Kante eines Bergrückens poetisch für Adler engl. für Filmbesetzung Vorn. des kaufmänn. Komikers für Bestand Kerkeling Abwasserkanäle Platzdeckchen für den Esstisch akad. Abk. Medizin Abk. Mitglied des Bundestages Schallwellen wahrnehmen oxydiertes Eisen FilmLandsitz der Scarlett O’Hara freundliche Vergeltung Vorn. des dt. Mimen Becker Heißgetränk Kürzel für den Strichcode felsig, holprig Kurzname von Lady Diana BilligDiscounter Eifersucht, Missgunst Otto, dt. Schriftsteller ›Es wird Abend‹  Zitterpappeln Europäischer FußballCup (Abk.) starker Wind in Südfrankreich Kletterpflanze Vorn. der Schriftstellerin Aichinger Wellnessbad für Fernsehaufnahmen geeignet Heißt es der, die oder das Krake? das Machtorgan der Ukrainer Würzsoße aus Tomaten und mehr gedrosche- Geflügelne Getrei- produkt dehalme Schluss, Abschluss Abk. für in Ordnung Abk. Amnesty International Dalai, tibet. Oberhaupt elektrischer Hauptstadt Thüringens Pluspol 4 franz. Wort für Schönheit Drehspieß für den Döner Giuseppe, Autor von ›Der Leopard‹ Berlinerisch, ugs. für gut 11 19 8 5 3 Abk. für Deutschlandfunk

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radioaktives Element Schlange im ›Dschungelbuch‹ 

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6 festgesetz- Alvar, finni- Burkhard, Geld in auste Zeitpunk- scher Archi- ehem. TVländischer te, Verabre- tekt (1898- Star (I love Währung dungen you, Baby) 1976) Sprachw. Umstandswort Hotel in Dubai: Burj-al-... Farbe des Flieders das Wort des Jahres 2002

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Antwort auf contra

13 Fluss durch Jena und Halle

Vorn. der Rocky, JournalisFilm-Boxertin MaischFigur berger

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Vorn. der engl. Krimiautorin Christie spontaner Ausruf des Erstaunens

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Herr und Frau Flughafen
Zwölf Städte, zwölf Flughäfen, zwölf Prominente: Nach welcher prominenten Figur aus Politik, Kirche und Kultur wurde welcher Flughafen benannt?

Die vier ????
ˇ von Anton Cechov
Anton Čechovs literarische Karriere begann mit humoristischen Texten und Spielereien, die er unter Pseudonymen wie Antosa Čechonte, Der Mann ohne Milz oder Der Bruder meines Bruders als Medizinstudent veröffentlichte. Diese Fragen erschienen 1883.

1. New York 2. Paris 3. München 4. Berlin 5. Krakau 6. Tirana 7. Rom 8. Salzburg 9. Venedig 10. Kreta 11. Lyon 12. New Orleans

Kreuzworträtsel: © Puzzle Company GmbH für Diogenes Magazin

a. Antoine de Saint-Exupéry b. Wolfgang Amadeus Mozart c. Louis Armstrong d. Charles de Gaulle e. J.  F. Kennedy f. Franz Josef Strauß g. Nikos Kazantzakis h. Marco Polo i. Leonardo da Vinci j. Johannes Paul II. k. Willy Brandt l. Mutter Teresa

1) Wie erfahre ich ihre Gedanken? 2) Wo kann ein Analphabet lesen? 3) Liebt mich die Frau? 4) Wo kann man stehend sitzen?

Lösungen auf Seite 93
Diogenes Magazin

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Wie soll und will ich leben? Henry David Thoreau sucht eine Antwort auf diese Frage und zieht sich für zwei Jahre in eine selbstgebaute Hütte am Waldensee zurück. Walden erzählt von diesem Experiment. Thoreau zeigt darin, dass der Weg zu sich selbst bei den einfachen Dingen und einer gelasseneren Gangart beginnt. Ein Handbuch des Glücks.

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Foto: © Bettmann / Corbis; Foto Erstausgabe: © Corbis

Essay John Updike

Vereinfache, vereinfache
John Updike zu Walden von Henry David Thoreau, dessen Todestag sich 2012 zum 150. Mal jährt. Thoreau hat das Leben in den Wäldern erforscht, Updike das Leben in den Vorstädten, und er war voller Bewunderung für den Schöpfer von Walden, diesem Bekenntnis für ein selbstbestimmtes, einfaches Leben in der Natur.

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nderthalb Jahrhunderte nach der Erstveröffentlichung ist Walden ein solches Totem einer »Zurück zur Natur«-Gesinnung, einer umweltbewussten, antikommerziellen Haltung mit Bereitschaft zu zivilem Ungehorsam, und Thoreau ist so lebendig in seinem Protest, so vollkommen als Spinner, Eremit und Heiliger, dass das Buch, ähnlich wie die Bibel, Gefahr läuft, verehrt und nicht gelesen zu werden. Von den amerikanischen Klassikern, die in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in so reicher Zahl entstanden – Nathaniel Hawthornes Der scharlachrote Buchstabe (1850), Herman Melvilles Moby-Dick (1851), Walt Whitmans Grashalme (1855), denen man den die Nation ergreifenden Bestseller Onkel Toms Hütte (1852) von Harriet Beecher Stowe sowie Ralph Waldo Emersons Essays hinzuzählen könnte, weil sie den Boden entsprechend bereiteten  –, hat Walden den größten Beitrag zum heutigen Selbst-

verständnis Amerikas geleistet. In einer Zeit der ungebremsten Informationsflut, der allgegenwärtigen und lärmend banalen elektronischen Unterhaltung, eines angespannten, von globalen Bewegungen bestimmten Arbeitsmarkts und der ständig wachsenden Anforderungen am Arbeitsplatz bleibt der Wunsch, im Wald eine Hütte zu bauen

und dort sein Leben umzukrempeln, es zu vereinfachen und zu reinigen – »sich nur den wesentlichen Fakten des Lebens zu stellen«, wie Thoreau so prägnant schreibt –, mit unverminderter Intensität bestehen. Seinetwegen floriert die sogenannte Freizeitindustrie ebenso wie der Verkauf von Wohnwagen und die Wochenendflucht ins Ferienhaus in den Wäldern des Nordens

oder den Bergen des Westens, wo Luftverschmutzung und Industrie vergleichsweise gering sind. »Vereinfache, vereinfache«, heißt es in Walden, und wir versuchen es, obwohl es im einundzwanzigsten Jahrhundert neue Komplikationen hinsichtlich Budget und Transport nach sich zieht, ländliche, aufs Wesentliche zurückgeführte Einfachheit zu verwirklichen. Thoreau wäre zeitgenössischen Bemühungen, seine Lehre in Taten umzusetzen und seinem Beispiel Folge zu leisten, nicht abhold: Walden zielt auf Bekehrung, und die polemische Zielrichtung gibt dem Buch Kraft und Antrieb. […] Die Umstände, die beschwerliche Schufterei sowie die nichtigen Ablenkungen durch die Gesellschaft werden ebenso beschrieben wie sein »Wunsch, mit Überlegung zu leben, mich dem eigentlichen, wirklichen Leben zu stellen, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hatte, damit ich
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Foto: Archiv Diogenes Verlag; Illustration (Vignette): © Thoreau Society, Inc., Concord / Mass.

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nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte«, aber ein sehr praktisches Motiv erwähnt er nur nebenbei: Er wollte Schriftsteller werden, und wie viele andere mit der gleichen Ambition brauchte es Raum, Ruhe und »einen breiten Rand«, wo seine Gedanken schweifen konnten.

In den zwei Jahren am Walden Pond, in einer Hütte mit nur einem Raum, die er eine gute Meile südlich von Concord Village auf dem Land seines Mentors Emerson gebaut hatte, stellte er A Week on the Concord and Merrimack Rivers fertig, an dem er seit 1839 gearbeitet hatte, dem Jahr, in dem er und sein Bruder John die darin beschriebene Kanufahrt machten, und schrieb die erste Fassung von Walden sowie einen langen Essay über Thomas Carlyle, den er 1846 in gekürzter Form im Concord Lyceum vortrug. Im selben Jahr weigerte er sich auch, seine ausstehende Kopfsteuer zu bezahlen, mit der Begründung, dass die nationale Regierung die Sklaverei dulde und unterstütze, und verbrachte deshalb eine Nacht

im Gefängnis, was ihm die Grundidee für seinen gefeierten Essay Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat einbrachte. Thoreau war siebenundzwanzig Jahre alt, als er in die Hütte am Walden Pond zog; er hatte in Harvard in einem Jahrgang von ungefähr fünfzig Studenten einen mittelmäßigen Abschluss gemacht, hatte sich mit geringem Erfolg als Lehrer versucht, hatte seinem Vater in dessen Bleistiftfabrik geholfen und Gelegenheitsarbeiten ausgeführt und zwei Jahre lang als Faktotum und Gärtner bei den Emersons gelebt. Er ließ sich auf Long Island nieder, wo er kurze Zeit unterrichtete und die Literaturszene auslotete, und kehrte dann, nachdem ihm trotz Emersons Förderung und der Veröffentlichung von ein paar Gedichten und Essays in der trans­

Hawthorne, der zeitweise in Concord lebte, beschrieb ihn 1842 als »einen jungen Mann, in dem viel von ursprünglicher, wilder Natur steckt. Er ist hässlich wie die Sünde, hat eine lange Nase, einen schiefen Mund und ungehobelte, gleichsam rustikale, wenn auch höf­ liche Umgangsformen. Anscheinend möchte er unter zivilisierten Menschen eine Art Indianerleben führen – mit Indianerleben meine ich, dass er keiner geregelten Arbeit für seinen Lebensunterhalt nachgehen will.« […]

ten«), und am Ende steht, wie Hawthorne spürte, die Aufgabe fast aller Aktivitäten, die zur Zivilisation gehören, eine Rückkehr zu einem »Indianerleben« und darüber hinaus – zu einem Maß an individueller Unabhängigkeit, das von keiner menschlichen Gesellschaft, am wenigsten von einer

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Diogenes Magazin

Illustrationen (Vignetten): © Thoreau Society, Inc., Concord / Mass.; Foto: © The Pierpont Morgan Library, N.Y.

zendentalistischen Vierteljahresschrift The Dial der literarische Durchbruch nicht gelungen war, zurück. Nach den zwei Jahren des Lebens in der Hütte war er 1847 im Wesentlichen der Thoreau, der in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Seine Erscheinung war so eindrucksvoll, dass sie zu einer Anzahl von Beschreibungen Anlass gab. Der kritische, doch nicht unfreundliche

Thoreaus Protest richtet sich in Walden auf das Endprodukt der Industrialisierung, auf die Konsumhaltung, die uns zum Kauf der Produkte drängt. Seine Empfehlung lautet, man solle drauf verzichten: »Der Mensch ist umso reicher, je mehr Dinge er liegen lassen kann.« Dazu gehört auch der Verzicht auf Sex (»Die generative Energie, die uns, wenn wir freizügig sind, fahrig und unrein macht und uns kräftigt und inspiriert, wenn wir sie bei uns behal-

Buchtipp

Thoreau

H. D.

Walden
oder Leben in den Wäldern

Illustrationen (Vignetten): © Thoreau Society, Inc., Concord / Mass.; Foto: © Farrel Grehan / Corbis; Kartenillustration: Kartengrafik.de

Stammesgesellschaft toleriert werden könnte. Sein Rückzug in die Hütte war ein Luxus, der aus den Gewinnen einer gemischten, auf Sklavenarbeit beruhenden Wirtschaft entstand. Auch ein so überzeugter Anhänger Thoreaus wie E.  B.  White (dessen eigener Rückzug an die Küste Maines von den Werbeeinkünften einer New Yorker Zeit-

schrift finanziert wurde), bemerkte vor fünfzig Jahren in einer Würdigung anlässlich des hundertsten Jahrestags von Waldens Erscheinen einschränkend, »dass der unverdrossen sich mühende Ökonom enttäuscht sein wird, wenn er hofft, nach der Lektüre des Buches mit einem kompletten System ökonomischen Denkens ausgestattet zu sein«, und dass Thoreau manchmal so schrieb, als wären »alle seine Leser männlich, unverheiratet und gut situiert«. Doch auch wenn Walden nicht

als Allheilmittel eingenommen werden kann, so kann es doch als Würze, als Aromastoff, als ein den Kopf frei machendes Mittel genossen werden. White erinnerte sich daran, wie ihm das Buch als Jugendlicher das Herz erwärmte, und sah es als »eine Einladung zum Lebenstanz samt einer Versicherung für den von Sorgen geplagten Empfänger, dass die Musik auch für ihn spielt, wenn er nur zuhört und die Füße dazu bewegt«. »Liebe dein Leben«, schrieb Thoreau, »und sei es noch so arm.« Walden kann als Mittel gegen Apathie und Ängstlichkeit genommen werden. Mit seiner Munterkeit und seinen scharfen, sinnfälligen Bildern wirkt es stärkend. […]

Diogenes

512 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06822-1

Jetzt als Sonderausgabe in schöner Leinen­aus­stattung anlässlich des 150. Todestags von H. D. Thoreau. »Die amerikanische Literatur, so kühn und großartig sie ist, hat kein schöneres und tieferes Buch aufzuweisen.« Hermann Hesse

Diogenes Hörbuch Gelesen von Burghart Klaußner
»Henry David Thoreau vermittelt auch heute noch, wie das ist, so nahe am Busen der Natur zu leben, ihren Stimmen zu lauschen, sich den Rhythmen und Zyklen hinzugeben.«

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Focus, München

1 CD

1 CD, Spieldauer 87 Minuten Auszüge gelesen von Burghart Klaußner ISBN 978-3-257-80324-2

John Updike, ›Zu Walden von Henry David Thoreau‹. Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel. Aus John Updike, ›Fällige Betrachtungen‹. Essays. Copyright © 2010 by Rowohlt Verlag, Reinbek

Burghart Klaußner, zum Sprecher des Jahres 2010 gekürt, liest die schönsten Stellen aus Walden, dem Klassiker der Lebenskunst.

Diogenes Magazin

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PSYCHOLOGIE HEUTE compact
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Lösungen
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Litera­ rischer Zoo
Dashiell Hammett Der Malteser Falke
Roman · Diogenes

Leicht

Schwer
Patricia Highsmith Lösegeld für einen Hund
Roman · Diogenes

George Orwell Im Innern des Wals
Erzählungen und Essays

Mittel

Diogenes

Drudel-Test
1: Reiche Sardine mit Privatbüchse 2: Bazillen distanzieren sich von einem Kollegen, der Penicillin erwischt hat 3: Vier Elefanten beschnüffeln einen Pingpong-Ball 4: Tomaten-Sandwich, von einem Anfänger zubereitet

Andrej Kurkow Pinguine frieren nicht

Ingrid Noll Der Hahn ist tot
Roman · Diogenes

Robert van Gulik DerAffe und der Tiger
Roman · Diogenes

Roman · Diogenes

Kreuzworträtsel
franz. Wort für Schönheit Drehspieß für den Döner Giuseppe, Autor von ›Der Leopard‹

Flughäfen
A E N D E I O R D L F T E A U MR G R A T I C A S T H A P E T R A L E I N I G L A K E S P E N E F A
3 Dalai, tibet. Oberhaupt poetisch für Adler Wellnessbad für Fernsehaufnahmen geeignet 14 Gefäß für Tierfutter schwed. Möbelhauskette 19 20 elektrischer Hauptstadt Thüringens Pluspol

radioaktives Element

Sudoku / Kreuzworträtsel: © Puzzle Company GmbH für Diogenes Magazin

Schlange im ›Dschungelbuch‹ 

festgesetzte Zeitpunkte, Verabredungen Sprachw. Umstandswort Hotel in Dubai: Burj-al-... Farbe des Flieders das Wort des Jahres 2002

oxydiertes Eisen

L T B E A U T UM K E B  A N T OM A S R A D O K A A T E RM I C A D V E A R A B L I L A T E U  R R O S T T A R
männl. franz. Artikel  feuchte Niederung 4 Berlinerisch, ugs. für gut feuchte, moorige Stelle der erste Mann (lt. Bibel) 10 Alvar, finnischer Architekt (18981976) 6 Burkhard, Geld in ausehem. TVländischer Star (I love Währung you, Baby) FilmLandsitz der Scarlett O’Hara 1 2 3 4

scherzh. für einfältig

Frauenfigur in Goethes 17 ›Stella‹

Landstreitkräfte eines Staates

GetränkeBlutgefäß, tresen aus führt zum Eis und Herzen Schnee

Antwort auf contra

Vorn. der engl. Krimiautorin Christie

spontaner Ausruf des Erstaunens

Schallwellen wahrnehmen

J D E S P U L U C I E H E L P H E E R I R N B U N V E N E DO N E R E S A R B A G A T L N O MD B H O E R E A D A N
Hafenflinker Mee- Bruchstück damm, ressäuger aus Glas, LandungsTon o.ä. brücke der Verschluss beim Fass 8 ugs. für clever, gewieft 9 farbig; vielfarbig math. Verknüpfung, plus wörtlich, mündlich 16 Michael, Darsteller in ›Wall Street‹  13 Fluss durch Jena und Halle akad. Abk. Medizin Abk. Mitglied des Bundestages freundliche Vergeltung 6 7 8 9

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franz. Wort für Milch

Vorn. der ComedyFrau Engelke

Vorn. des Malers Rauch

ugs. unterirdisches höflich, lieVerkehrs- benswürdig mittel

Vorn. der Rocky, JournalisFilm-Boxertin MaischFigur berger

Vorn. des dt. Mimen Becker

A R N D F A K V D E L E N A T A N K E  C E  H I   T T F R E U A S P U G L A S B A L B O  A A L E M S E T H A S I N N T E E E A L D I N N E I D K
Dagny, norw. Schriftstellerin Zeit vor Weihnachten das Machtorgan der Ukrainer Würzsoße aus Tomaten und mehr ugs. für Tatsache Untiefe, Strudel Heißt es der, die oder das Krake? 5 12 Nordatlantikpakt (Abk.) franz. Wort für Schloss Tankstellenkette 7 Hinterhalt, List Sigmund , der Vater der Psychoanalyse 2 ein LimonadenColaGemisch Dienstschwur Abwasserkanäle starker Wind in Südfrankreich Platzdeckchen für den Esstisch Kürzel für den Strichcode felsig, holprig Heißgetränk Kurzname von Lady Diana BilligDiscounter Eifersucht, Missgunst 11 12 13 14 15

Fadenstärkemaßeinheit

S T R O H A I D E Z N 
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gedrosche- Geflügelne Getrei- produkt dehalme Schluss, Abschluss Abk. für in Ordnung

Abk. für Deutschlandfunk

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med. Bez. engl. Anfür Gelenk- rede für entzündung den Herrn

Kante eines Bergrückens

engl. für Filmbesetzung

1. New York: J. F. Kennedy 2. Paris: Charles de Gaulle 3. München: Franz Josef Strauß 4. Berlin: Willy Brandt 5. Krakau: Johannes Paul II. 6. Tirana: Mutter Teresa 7. Rom: Leonardo da Vinci 8. Salzburg: Wolfgang Amadeus Mozart 9. Venedig: Marco Polo 10. Kreta: Nikos Kazantzakis 11. Lyon: Antoine de Saint-Exupéry 12. New Orleans: Louis Armstrong

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Vorn. des kaufmänn. Komikers für Bestand Kerkeling

Otto, dt. Schriftsteller ›Es wird Abend‹  Zitterpappeln

Europäischer FußballCup (Abk.)

I S S T E F E U
Kletterpflanze 17

Vorn. der Schriftstellerin Aichinger

Die vier ????
1) Führen Sie eine Haussuchung bei ihr durch. 2) In den Herzen. 3) Wessen? 4) Im Gefängnis.
Aus dem Russischen von Peter Urban. Aus: Anton Čechov, Das Leben in Fragen und Ausrufen, Humoresken und Satiren 1880–1884, Diogenes, 2001

F R I E D R I C H   D U E R R E N M A  T T
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Vorschaufenster Kino & T V
Anthony McCarten. Er schrieb das Drehbuch zu der deutsch-­ irischen Verfilmung von Superhero, der unter dem Titel Am Ende eines viel zu kurzen Tages mit Andy Serkis, Thomas Brodie Sangster, Jessica Schwarz, Michael McElhatton und Sharon Horgan auf die Leinwand kommt. Regie: Ian FitzGibbon. Kinostart: 12.7.2012. Mark Twain. Nach der Neuver­ filmung von Tom Sawyer adaptierte Regisseurin Hermine Huntgeburth nun auch Huck Finn mit Heike Makatsch, August Diehl und Henry Hübchen. Kinostart: 16.8.2012. Martin Suter schrieb das Drehbuch für Christoph Schaubs Film Nachtlärm. In den Hauptrollen Alexandra Maria Lara und Sebastian Blomberg. Kinostart: 30.8.2012. Markus Welter führte Regie bei Der Teufel von Mailand, mit Regula Grauwiller, Ina Weisse und Max Simonischek. Geplante Ausstrahlung auf SF 1: 30.9.2012, im ZDF: Ende 2012. Der letzte Weynfeldt, adaptiert von Alain Gsponer, wird ebenfalls Ende 2012 im ZDF gezeigt. Mit Marie Bäumer und Stefan Kurt. Leo Tolstoi. Joe Wright drehte in England und Russland die Neu­ ver­ filmung von Tolstois Anna Karenina. Mit Keira Knightley in der Rolle der Anna Karenina, Jude Law und Aaron Johnson. Kinostart: 25.10.2012. Emily Brontë. Neuverfilmung Wuthering Heights / Sturmhöhe von Regisseurin Andrea Arnold mit Kaya Scodelario, Nichola Burley und James Howson. Kinostart: Herbst / Winter 2012. Tomi Ungerer. Stephan Schesch verfilmt in einer deutsch-französischen-irischen Koproduktion das Kinderbuch Der Mondmann als Animationsfilm in Kinolänge. Mit den Stimmen von Katharina Thalbach, Ulrich Tukur, Corinna Harfouch, Ulrich Noethen u. a. Kinostart geplant: Herbst 2012.
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Impressum Ausstellungen
Ehren-Herausgeber: Daniel Keel (1930 – 2011) Geschäftsleitung: Katharina Erne, Ruth Geiger, Stefan Fritsch, Daniel Kampa, Winfried Stephan Chefredaktion: Daniel Kampa (kam@diogenes.ch) Stellvertretende Chefredakteurin: Cornelia Künne (ck@diogenes.ch) Redaktion: Martha Schoknecht (msc), Nicole Griessman (ng) / Mitarbeiterinnen dieser Ausgabe: Kati Hertzsch (kh), Anna von Planta (ap), Lea Polyvas (lpo), Julia Stüssi (js) Grafik-Design: Catherine Bourquin Fotograf: Bastian Schweitzer Scans und Bildbearbeitung: Catherine Bourquin, Tina Nart, Hürlimann Medien (Zürich) Webausgabe: Susanne Bühler (sb@diogenes.ch) Korrektorat: Franca Meier, Sarah Schumacher, Dominik Süess Bildredaktion: Regina Treier, Nicole Griessman Freier Mitarbeiter: Jan Sidney (sid) Vertrieb: Renata Teicke (tei@diogenes.ch) Anzeigenleitung: Martha Schoknecht (msc@diogenes.ch) Abo-Service: Christine Baumann (diogenesmagazin@diogenes.ch) Für ein Abonnement benutzen Sie bitte die auf Seite 65 eingedruckte Abokarte. Abonnementspreise: € 10.– für drei Ausgaben in Deutschland und Österreich, sFr 18.– in der Schweiz, andere Länder auf Anfrage. Beim Gewinnspiel sind Mitarbeiter/-innen des Diogenes Verlags von der Teilnahme ausgeschlossen. Die Gewinner werden schriftlich benachrichtigt. Die Preise sind nicht in bar auszahlbar. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Programmänderungen vorbehalten. Alle Angaben ohne Gewähr. Redaktionsschluss: 31. März 2012 ISSN 1663-1641 Diogenes Magazin, Sprecherstr. 8, 8032 Zürich, Schweiz Tel. +41 44 254 85 11, Fax +41 44 252 84 07 Über unverlangt eingesandte Manuskripte kann leider keine Korrespondenz geführt werden.

Ronald Searle, F. K. Waechter, Bosc, André François u.a. Ausstellung im Museum Tomi Ungerer in Straßburg unter dem Titel Des illustrateurs au XXe siècle. Bis 8.7.2012. Wilhelm Busch, Ronald Searle, Jean-Jacques Sempé, Roland Topor, Tomi Ungerer und F. K. Waechter. Das Wilhelm Busch Museum Hannover zeigt Frühwerke aus seiner Sammlung: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Bis 30.9.2012. Jean-Jacques Sempé. Zum 80. Geburtstag (17.8.2012) große Austellung im Wilhelm Busch Museum Hannover vom 10.6. bis 23.9.2012. F. K. Waechter. Zum 75. Geburtstag (3.11.2012) wird im Frankfurter Haus des Buches in den literarischen Nachlass geblickt. Außerdem geplant: vier Vortragsabende mit Michael Quast. Vom 2.11. bis 30.12.2012. Die Stadtbibliothek Reutlingen präsentiert Cartoons, Dramen und Kinderbücher, vom 4.9. bis 20.10.2012. Loriot. Die Ausstellung Loriots Weg folgt den Spuren Loriots in seiner Geburtsstadt Brandenburg. Im Bürgerhaus ›Die Altstädter‹ und Fotostationen in der Innenstadt, vom 9.6. bis 30.11.2012. Paul Flora. Ausstellung Tanz der Linien in der Galerie Seywald, Salzburg, vom 27.11.2012 bis 12.1.2013.

Gewonnen haben
Schreibtisch-Gewinnspiel aus dem Diogenes Magazin Nr. 8: Den Hauptpreis, das Buch Bitte sagen Sie jetzt nichts  …Gespräche von Loriot zusammen mit der Kunstmappe Große Deutsche von Loriot hat Antje Schmidt aus Neuental gewonnen. Je ein Buch Bitte sagen Sie jetzt nichts… Gespräche von Loriot haben gewonnen: Frank Beck aus Krefeld, Stephanie Hartsch aus Berlin, Bärbel Krosien aus Much, Jörg Degraa aus Berlin, Nina Pedrazzini aus Pfäffikon (CH), Wil­ helmine Erdweg aus Erkelenz, Simon Kunibert aus Mühlheim / Ruhr, Birgit Tafelmeier aus Weiherhammer und Wolfgang Tautenhayn aus Wien (A). Allen Gewinnern einen herzlichen Glückwunsch!

Illustration : © Charles Addams. With permission Tee and Charles Addams Foundation

Schreibtisch

chauen wir uns einfach diesen Schreibtisch an: Auf dem iPod sind sehr, sehr viele Opern, vor allem solche aus dem Barock; die Zeitung ist nicht in der Muttersprache der Autorin geschrieben (kein Problem für die Weltenbummlerin, die neben vielen anderen Sprachen auch fließend italienisch spricht). Aber wo steckt sie bloß? Wahrscheinlich bei ihrer Freundin und kulinarischen Mentorin Roberta in der Küche, wo die beiden Damen neue Lieblingsgerichte kreieren, die später Eingang finden in ihre Kriminalromane. Dort werden sie dann mit Genuss auf einer der herrlichen Dachterrassen der vielgerühmten Stadt verspeist  – nach einem anstrengenden Arbeitstag inklusive Verbrecherjagd. Die Signora Americana weiß so spannend aus ihrer Wahlheimat zu berichten, dass es nicht weiter verwundert, wenn die Stadt fast überquillt von Touristen – und den Fans unserer gesuchten Schriftstellerin.

S

Gewinnspiel
Schicken Sie die Antwort bis zum 30. September 2012 per Post oder per E-Mail (gewinnspielmagazin@ diogenes.ch) an: Diogenes Verlag
Lösung Diogenes Magazin Nr. 8: Gewinnspiel ›Wer schreibt hier?‹ Sprecherstr. 8 · 8032 Zürich · Schweiz

Wilhelm Busch

Foto: © Regine Mosimann / Diogenes Verlag

Wer schreibt hier?

Wir verlosen acht Mal ein DVDSet bestehend aus den Filmen Small World, Der kleine Nick und Liebende Frauen. Als Hauptpreis zusammen mit einem 100-Euro-Diogenes-Bücher­ gutschein.

Diogenes Magazin

95

Mag ich – Mag ich nicht

Marion Gräfin Dönhoff
Vorschau
Das nächste Diogenes Magazin erscheint Ende September 2012. Ein Wiedersehen: Jakob Arjounis Privatdetektiv Kemal Kayankaya ermittelt wieder. Neuseeland ist Gastland bei der Frankfurter Buchmesse: eine literarische Reise zur grünen Insel am Ende der Welt – mit Anthony McCarten und Katherine Mansfield. Donna Leon und Cecilia Bartoli haben einen großen Komponisten wiederentdeckt. Die Prima Donna singt seine Arien, Donna Leon gibt ihm eine literarische Bühne. Und: Der Diogenes Verlag feiert 60. Geburtstag.

Mag ich:
Wütende Leser, Sonnenuntergang über dem Meer, Freesien, Fontanes Der Stechlin, Zivilcourage, Cézanne, begabte junge Menschen, alte Alleen, ziehende Wildgänse, Backsteingotik, Marc Aurel auf dem Kapitol, Semmeln mit Honig, Mozart, Hilfsbereitschaft, Tolstois Krieg und Frieden, Loriot.

Mag ich nicht:
Nieselregen, Marder auf dem Dachboden, Fußball-Patrioten, griesgrämige Verleger, sterbende Bäume, unfähige US-Präsidenten, Dilettantismus aller Art, braune Uniformen, Zivilisations-Barbaren, emotionale Politiker, Pop Art.

Nr.1 1

Herbst 2012

Magazin

Diogenes

Jakob Arjouni

schickt seinen Ermittler Kayankaya zum fünften Mal in den Frankfurter Kiez

Die grüne Insel am Ende der Welt

Neuseeland literarisch Anthony McCarten und Katherine Mansfield

Sehnsüchtig erwartet:

Neue Romane von John Irving, Martin Suter und Ingrid Noll

Ohne Brunetti, trotzdem spannend:

Donna Leon hat für Cecilia Bartoli einen Musikkrimi geschrieben

Diesen Beitrag schrieb die langjährige Herausgeberin der Wochen­ zeitung Die Zeit für das Tinten­fass, 1988. Marion Dönhoffs zehnten Todestag begeht der Diogenes Verlag mit einem Lesebuch: Zeichen ihrer Zeit versammelt ihre wichtigsten Reportagen und Essays.

Sonderteil

60 Jahre Diogenes
www.diogenes.ch
4 Euro / 7 Franken

9

783257 850116

Im nächsten Magazin:
Astrid Rosenfeld
96
Diogenes Magazin

Foto: © Marion Dönhoff Stiftung

Diogenes Taschenbücher für den Sommer
Für alle, die doch lieber zu Hause bleiben: Hinterhältige Reisegeschichten:

Diogenes Taschenbuch detebe 24044, 384 Seiten

Diogenes Taschenbuch detebe 23949, 320 Seiten

Hinterhältige Geschichten vom Meer:

Sommerfrische statt Asphalt:

Für alle, die in den Ferien Schlaf nachholen wollen:

Geschichten für die schönste Zeit des Jahres:

Diogenes Taschenbuch detebe 23902, 416 Seiten

Diogenes Taschenbuch detebe 24083, 368 Seiten

Diogenes Taschenbuch detebe 24025, 320 Seiten

Diogenes Taschenbuch detebe 24190, ca. 288 Seiten

Macht nicht nur am Strand eine gute Figur:

Kein Sommer ohne Strandflirt:

Im Strandkorb ohne Lesestoff? Undenkbar:

Für alle Wolkengucker und Tagediebe:

Diogenes Taschenbuch detebe 24085, 288 Seiten

Diogenes Taschenbuch detebe 24084, 320 Seiten

Diogenes Taschenbuch detebe 24189, 288 Seiten

Diogenes Taschenbuch detebe 24188, 336 Seiten

Illustration: © Jean-Jacques Sempé

Oliver Voss

E i n b e s on d e re r Tag verdient eine besondere Zeitung:
Gebührenfrei aus dem deutschen Festn

SONNTAG Es ist der Tag, der nich ts von uns erwartet, aber alles für uns tut: der Sonntag. Er bringt uns viel freie Zeit – und die richtige Zeitung. Mit dem entspannten Überblick über all das, was in der Woche zu kurz kam: Politik, Spor t, Kultur, Reisen und vieles mehr. Apropos Reisen: WELT am SON NTAG reist direkt zu Ihnen. x kostenlos. Einfach anrufen: Tel. /8 8 .
etz. Oder einfach unter www.wams.de/l esen

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