Sándor Márai Die Glut

Sándor Márai

DIE GLUT
Roman

Aus dem Ungarischen und mit einem Nachwort von Christina Viragh

Büchergilde Gutenberg

Heidesheim Gesetzt aus Stempel-Garamond Satz: Uwe Steffen. Eine Neuausgabe erschien 1990 im Verlag Helikon Kiadó. Frankfurt am Main. Wien. Budapest. Der Verlag dankt der Stiftung Ungarisches Buch für die Unterstützung der Übersetzung. Leck Printed in Germany ISBN 3 7632 4989 3 scan by párduc ö 2002 . Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg.Die Originalausgabe erschien 1942 unter dem Titel »A gyertyák csonkig égnek« in Budapest. München © Nachlaß Sándor Márai 1998 Vörösváry-Weller Publishing Toronto Deutsche Ausgabe: © Piper Verlag GmbH. München 1999 Umschlaggestaltung: Angelika Richter. mit freundlicher Genehmigung der Piper Verlags GmbH. München Druck und Bindung: Clausen & Bosse.

Er trat in die kühle Vorhalle und reichte dem Jäger wortlos Stock und Hut. stand sein Jäger und überreichte ihm einen Brief. sagte der Jäger und stand stramm. »Was willst du?« fragte der General unwirsch. Der General erkannte die Schrift. Die Post wurde im Büro des Gutsverwalters von einem der Angestellten aufgemacht und sortiert. Schon seit etlichen Jahren öffnete und las er keine Briefe mehr. aus der Stirn.1 Am Vormittag hielt sich der General lange in seinen Kellereien auf. um nach zwei Fässern zu sehen. Als er mit dem Abfüllen fertig war und nach Hause kam. Er schob sich den Strohhut. dessen breite Krempe sein rotes Gesicht beschattete. in denen der Wein zu gären begonnen hatte. »Das hat ein Bote gebracht«. Er war in der Morgenfrühe mit seinem Winzer hingegangen. nahm den Brief und steckte ihn in die Tasche. Aus seiner Zigarrentasche holte er eine Brille hervor. die von den feuchten Steinplatten moderig roch. 5 . Zwischen den Säulen der Veranda. war es schon elf Uhr vorbei.

als wäre ihm noch etwas eingefallen. sagte er über die Schulter hinweg. Daraufhin hob der General die Hand. Du auch«. Wiederhole. »Und alles auf Hochglanz. Und er soll die Paradelivree anlegen.« »Um halb sieben fahrt ihr los«. »Du meldest dich beim Weißen Adler und sagst nur. sagte der General und bewegte lautlos die Lippen. Wagen und Geschirr sollen unverzüglich geputzt werden. sondern ging in den ersten Stock hinauf. und blickte zur Decke. sagte der Jäger und schaute seinem Herrn gerade in die Augen. ich hätte dich geschickt. als zählte er. breitschultrige Ge- 6 . hast du verstanden? Und dann setzt du dich neben Kaiman auf den Bock. sagte er mit unerwartetem Nachdruck. als der Jäger mit Stock und Hut gehen wollte. Doch dann sagte er nichts. in Habachtstellung erstarrt. als hätte ihn plötzlich etwas erbost. »Auf sechs Uhr. denn es gibt Regen. gnädiger Herr«. Die Livree anlegen. und der Wagen für den Herrn Hauptmann sei da.« Der Jäger wiederholte.stellte sich ans Fenster und begann im Licht.« »Jawohl. Der Jäger. bis die untersetzte. den Brief zu lesen. Den Landauer. sah ihm glasigen Blickes nach und wartete. Den Brief stopfte er sich in die Tasche. »Kaiman soll auf sechs Uhr anspannen. das durch die Ritzen der Rolläden hereinsickerte. »Warte«.

Vierzehnter August. sagte er schließlich halblaut. Zweiter Juli. die geraden kurzen Zeilen mit den spitzen Buchstaben. glättete das Blatt sorglich und las im starken Licht. hohes Stehpult. wieviel Zeit seit einem langverflossenen Tag und dem heutigen vergangen war. da es im Zimmer dunkel war. das mit tintenfleckigem grünen Filz bezogen war und auf dem Federn. die Brille auf der Nase. An der Wand hing ein Kalender mit faustgroßen Datumsziffern. Vierzehnter August. Der General nahm den Brief hervor. wachstuchbezogene mit Pepitamuster. verdorrten. wie ein Brandstifter. wusch sich die Hände und trat an sein schmales. Vierzig Jahre. tobte der Sommer in einem letzten Auflodern. Einem Schüler gleich. Der General blickte zur Decke und rechnete. der in sinnloser Wut die Felder anzündet. sagte er dann verwirrt. Hinter den geschlossenen Läden. die der General anschaltete. Die Arme verschränkte er auf dem Rücken. versengten Garten. In der Mitte des Pults stand eine Lampe mit grünem Schirm. Der General ging in sein Zimmer. Hefte lagen.stalt hinter der Kehre der steinernen Balustrade verschwunden war. auch wenn er allein im Zimmer war. bevor er sich davonmacht. Einundvierzig Jahre. Tinte und. Er rechnete aus. millimetergenau aufeinandergestapelt. im vertrockneten. In letzter Zeit sprach er laut. der über einer schwierigen Lek- 7 . wie sie die Schüler für ihre Aufgaben verwenden.

Wie ein büffelnder Student stützte er die Ellenbogen auf das Pult und starrte wieder sorgenvoll auf den Brief. Einst waren da zwei Zimmer gewesen. ganz genau. dunklere Zimmer. Sein Hals über dem maisgelben Jackenkragen schwoll rot an. der den österreichischen Kavalleristen Hafer verkaufte und später geadelt wurde. da war die Jagd. legte den Kopf in den Nacken und schloß die tränenden Augen. Der General war hier zur Welt gekommen. das Zimmer seiner Mutter. Zweiter Juli achtzehnhundertneunundneunzig. dessen Fenster auf den Garten und die Betriebsgebäude gingen. genaue Zahlen mochte er nicht. als erinnerten die ihn an etwas. Seit einigen Jahrzehnten nun. während dieses hellere. in diesem Zimmer. luftigere als Ankleideraum diente. wiederholte er heiser. in der Mitte eine Säule als Stütze. errötete er. Und dreiundvierzig Tage. Nur die Säule. Einundvierzig. Ja. das man besser vergißt – hatte er die Wand zwischen den beiden Zimmern einreißen lassen. von einem Heereslieferanten. Er schien jetzt ruhiger und begann auf und ab zu gehen. Vor vielen Jahren – er dachte nur noch in Jahrzehnten.tion durcheinandergerät. murmelte er und verstummte. Das Schloß war zweihundert Jahre zuvor gebaut worden. 8 . ein Schlafzimmer und ein Ankleideraum. blieb stehen. die den mittleren Deckenbogen trug. auf diese paar handgeschriebenen Zeilen. Das Zimmer hatte eine gewölbte Decke. Damals war das hintere.

und hier nahm er auch die Mahlzeiten ein. wo ein Salon dem anderen folgte. blaue. sagte er jetzt laut.nachdem er die Zwischenwand hatte einreißen lassen und diesen Flügel des Gebäudes bezogen hatte.« Diese Wörter schienen ihn auf einmal zu ermüden. auf die Kastanien. »Er ist also zurückgekommen«. der sich an eine bestimmte Raumeinteilung gewöhnt hat. »Einundvierzig Jahre. Und wenn er nach Hause kam. was für eine lange Zeit ein- 9 . war da anstelle der beiden Zimmer der große. Er machte seine Gänge zu den Kellereien oder in den Wald. Siebzehn Schritte betrug der Weg von der Tür zum Bett. dämmrige Raum. Wie ein Kranker. in der Zimmermitte stehend. ohne daß er den anderen Flügel des Schlosses betrat. als begriffe er erst jetzt. Und achtzehn Schritte von der gartenseitigen Wand zum Balkon. grüne. oder – jeden Morgen. die ausladende Umfassung des Südflügels. Und wo die Fenster auf den Park gingen. auch wenn es regnete – zum Forellenteich. die von dicken Engeln gestützt wurde. die sich im Frühling über die Balkongeländer neigten und mit rosaroten Kerzen und in dunkelgrüner Pracht im Halbkreis die geschwungenen Balustraden umstanden. Und dreiundvierzig Tage. Genau abgezählte Schritte. so lebte er hier. rote Salons mit goldenen Lüstern. Es vergingen Jahre. Als wäre ihm das Zimmer auf den Leib geschnitten. ging er durch die Vorhalle in sein Zimmer hinauf. auch im Winter.

mit der er klingelte. sagte er zum Diener. Er schwankte und setzte sich in den Ledersessel mit der abgewetzten Lehne. Auf dem Tischchen in Reichweite lag eine silberne Glocke. »Nini soll heraufkommen«.undvierzig Jahre und dreiundvierzig Tage sind.« 10 . Und dann. höflich: »Ich lasse bitten.

ihrem Fleisch etwas verborgen. das in keine Sprache übersetzt werden kann. mit sechzehn bekam sie ein Kind. und nie erfuhr jemand. Als ihr Vater sie aus dem Haus prügelte. kam sie zum Schloß und stillte das Neugeborene. das niemandem gesagt. und eine Haarlocke ihres toten Kindes in einem Briefumschlag. Sie kam unverzüglich. Sie besaß nichts außer dem Kleid. Sie war die Tochter des Postbeamten vom Dorf. als wüßte ihr Körper um ein Geheimnis.2 Nini war einundneunzig Jahre alt. Als wäre in ihren Knochen. Sechzehn war sie gewesen und sehr schön. Kleingewachsen. In diesem Zimmer hatte sie den General gewiegt. In diesem Zimmer hatte sie gestanden. als der General geboren wurde. Sie war zur Geburt gekommen. denn sie hatte viel Milch. Seinen ersten Schluck Milch hatte der General aus Ninis Brust gesogen. So stellte sie sich im Schloß ein. von wem es war. aber so muskulös und ruhig. ihrem Blut. das Geheimnis der Zeit oder des Lebens. weil Wörter ein solches Geheimnis nicht fassen. 11 . das sie am Leibe trug.

las die Buchstaben einzeln. sagten sie. denn er war vom Pferd gefallen. die Mutter des Generals. Aber auch so verstand es der Kranke. den sie geliebt hatte. Und lächelnd. »Nini«. das ihre Milch hätte trinken sollen. weggegangen und das Kind. Und eines Tages brachten sie den Vater des Generals auf einer Bahre nach Hause. Und da sie stets guter Laune war. weiße. Dann starb die Gräfin. daß Nini ja lächelte. fragte man sie nie. daß es auf der Welt noch etwas anderes als Selbstsucht. Leidenschaft. Zuweilen schien die Sonne über dem Schloß und der Familie. Ihr Name flog durch die Zimmer. und Nini pflegte ihn. sah man sie nie.. und Nini wusch mit einem essiggetränkten Lappen die kalte. schweigend. Sie stillte den General und zog ihn auf. Sie las ihm französische Bücher vor. und in diesen Augenblicken allgemeinen Strahlens stellte man überrascht fest. wenn doch der Mann. gestorben war. Dann heiratete der General. fünfundsiebzig Jahre lang. Als meinten sie: »Wie seltsam.So lebte sie im Schloß. Eitelkeit gibt. stand Nini am Tor und erwartete sie. Er lebte noch fünf Jahre lang. wie sie guter Laune sein konnte. und als das Paar von der Hochzeitsreise heimkehrte.. schweißverklebte Stirn der Toten. weil sie die Sprache nicht konnte. als machten die Schloßbewohner einander auf etwas aufmerksam. Nini. und dann vergingen fünfundsiebzig Jahre. Sie küßte der neuen gnä- 12 . und so reihte sie eben ganz langsam Buchstaben an Buchstaben.« Und da sie stets am rechten Ort war.

Wieder lächelnd. daß sie Kraft hatte. die farbigen Salons mit den schon rissigen französischen Seidentapeten. wenn Nini sie nicht mit ihrer Kraft zusammenhielt. und Nini pflegte das Grab und die Kleider der Toten. Im Haus hatte sie weder Rang noch Titel. das Haus und die Dinge könnten. Dieser Moment kam dem General manchmal in den Sinn. nach zwölf Jahren. Als seine Frau gestorben war. ging der General auf Reisen. Manchmal hatte man das Gefühl. Er kehrte nach einem Jahr zurück und bezog sogleich im alten Flügel des Schlosses das Zimmer seiner Mutter. das große Herrschaftszimmer mit dem Kamin und den Büchern. in dem er mit seiner Frau gelebt hatte.digen Frau die Hand und überreichte ihr Rosen. ähnlich wie uralte Stoffe. die Gegenstände. Man sprach nicht darüber. die Zimmer seiner Frau 13 . den János Vitez und den Tod. Dann starb die Frau. Außer dem General wußte niemand. ausgestopften Auerhähnen und präparierten Gamsköpfen. das Treppenhaus mit den Hirschgeweihen. unter einer Berührung plötzlich zerfallen. die Wände. Man spürte nur. den großen Speisesaal. Den neuen Flügel. so wie die verborgene Elektrizität auf der kleinen Bühne des wandernden Puppenspielers die Figuren bewegt. die Menschen. durch dessen Fenster man das Tal und das Städtchen und in der Ferne die silbrig-bläulichen Berge sah. sich auflösen. daß Nini über neunzig war. Ninis Kraft durchströmte das Haus.

Ein lächelndes Auge. »Er ist hier. so blau und zeitlos wie ein Bergsee im August. Sie erinnerte sich an alles. in der Stadt«. Nini war wie immer dunkelblau gekleidet. ich lasse ihn abholen.und nebenan sein eigenes Schlafzimmer ließ er alle verschließen. sagte Nini. Als hätte sie sich während fünfundsiebzig Jahren nie Kleider machen lassen.« 14 . sagte der General so leise. Im letzten Jahr war sie alt geworden. »Konrád hat geschrieben«. sagte der General und hielt nebenbei den Brief hoch. Nini«. betraten nur Nini und das Gesinde diese Zimmer. »Er ist im Weißen Adler abgestiegen. Er kommt am Abend hierher. um sie – alle zwei Monate – zu putzen. »Setz dich. und das war jetzt grau und traurig. Die Amme setzte sich. Er wird bei uns essen. in die eine Familie ihre ganze Handfertigkeit und alle ihre Träume hineingewoben hat. wie man eine hochwichtige und streng vertrauliche Nachricht weitergibt. Im Jahr zuvor war eins ihrer Augen vom Star befallen worden. seit seiner Rückkehr aus dem Ausland. sagte der General. Das andere Auge war blau geblieben. Seit zweiunddreißig Jahren. Nach neunzig altert man anders als nach fünfzig oder sechzig. seit dem Tod seiner Frau. in einen dunkelblauen Filzrock und eine schlichte Bluse. Ninis Gesicht war rosarot und runzelig – edle Stoffe altern so. »Erinnerst du dich?« »Ja«. Man altert ohne Verbitterung. jahrhundertealte Seide.

»Drüben«. Tag und Nacht war alles für den Empfang von Gästen gerüstet. die Küche. Niemand war darüber beleidigt. das zu jeder Jahreszeit bereitstand. Bei solchen Gelegenheiten saß der Verwalter am Tischende und bewirtete die Jäger und die offiziellen Herrschaften im Namen des Generals. der die Hausbewohner beerdigt hatte. Sie ließ ihren blauen Blick. Der Pfarrer. Ins Schloß kam nur der Pfarrer. durch das Zimmer schweifen. Jetzt ist es Mittag. sagte die Amme. die rustikalen Tische. die Badezimmer. daß sich der Hausherr nicht blicken ließ. »Es müßte gehen.« fragte er aufgeregt und irgendwie kindlich gespannt. »Geht das?« »Wir haben vor einem Monat saubergemacht«.. die Schlafgemächer. Die Besucher. Sonst niemand.»Wo bei uns?« fragte Nini ruhig. Seit zwei Jahrzehnten empfingen sie keine Gäste mehr. Melchior und Balthasar mit Kreide auf den Türsturz zu schreiben..« 15 . wobei er sich im Sessel vorbeugte. die mitunter zum Mittagessen eintrafen. um am Eingang die Anfangsbuchstaben von Kaspar. winters. Geht das?. »Im großen Saal. einmal im Jahr. die offene Veranda. man wußte. die große Jägerstube. die Herren vom Komitat und von der Stadtverwaltung sowie die Gäste der großen Treibjagden wurden vom Verwalter im Waldhaus empfangen. den lebendigen und lächelnden. nie. sagte der General.« »Auf acht Uhr.

die sie gemeinsam verlebt hatten. sagte die Amme. Und das alles war nicht zu benennen. »Dann will ich Bescheid sagen. im Augenblick des Geborenwerdens.»Mittag«. Die Muffigkeit des Hauses. war vertrauter als jede Art körperlicher Nähe. die Bäume vor den Fenstern. Bis sechs sollen sie lüften. im langsam holpernden Rhythmus sehr alter Menschen. dieselbe Luft atmend. Es gibt auch noch anderes. »Ja«. Sie waren nicht Geschwister. so wie die Menschen zur Welt kommen. mehr als ein Ehepaar. das stärker und enger ist als die Verbindung von Zwillingen im Mutterleib. in Blut und Kot. mehr als Mutter und Kind. dieselben Speisen essend. Die Gemeinsamkeit. Vorgebeugt betrachtete der General sie aufmerksam. alles war ihnen gemeinsam. sagte sie dann ruhig und bestimmt. Sie wußten alles voneinander. Vielleicht weil Nini der erste Mensch gewesen war. Das Leben hatte ihre Tage und Nächte vermischt. Ihrer beider Leben wälzten sich gemeinsam vorwärts. nicht Liebende. 16 . die sie verband.« Sie bewegte lautlos die Lippen. sie wußten um den Körper des anderen. dann den Tisch dekken. Vielleicht lag es an der Muttermilch. Es gibt ein Verwandtsein. der den General bei seiner Geburt gesehen hatte. und auch um seine Träume. und das wußten sie unbestimmt. Vielleicht wegen der fünfundsiebzig Jahre. unter demselben Dach. als berechne sie die Zeit und die Menge der zu erledigenden Dinge.

Die Amme sagte: »Willst du. . »Genau so. sagte der General. Sie ging zu ihm. sagte der General leise und gehorsam. daß es so ist wie früher?« »Ja«. sagte sie kurz. beugte sich hinunter und küßte seine beringte Greisenhand mit den Leberflecken und den dicken Adern. daß du dich nicht aufregen wirst«. sagte sie. »Ich verspreche es«. Wie beim letzten Mal. »Versprich mir.« »Gut«.

Dann klingelte er nach dem Diener und verlangte ein kaltes Bad. jenseits der kühlen Wände sirrte und gärte der Sommer. nach der ersten Überraschung. Er lag im halbdunklen Zimmer auf dem Diwan. Man muß das Bild hin und her drehen. doch es wird farblos. Er wußte gar nicht mehr. Das Mittagessen hatte er zurückgeschickt und nur eine Tasse kalten Tee getrunken. Man bereitet sich ein Leben lang auf etwas vor. auf die Geräusche des Schlosses. Ist zunächst betroffen. denn es 18 . Die Zeit bewahrt alles auf.3 Bis fünf kam aus seinem Zimmer kein Lebenszeichen. Er wartete schon lange. fühlte er sich mit einemmal müde. die Zeit verwischen auf den Platten die scharfen und typischen Schattierungen der Gesichter. auf das Rauschen des warmen Winds im ermatteten Laub. Das Licht. noch auf Metallplatten fixierten Photographien. wie die ganz alten. Jetzt. Wartet. wann sich die Betroffenheit in ein Bedürfnis nach Rache und in ein Warten verwandelt hatte. Er lauschte auf das heiße Brodeln des Lichts. Sinnt dann auf Rache.

gab es kein Rotwild oder war Schonzeit. damit man auf der blinden Platte denjenigen erkennt. was an die Jagd erinnerte. dessen Merkmale das Metall einst in sich aufgenommen hatte. Um seine Schultern der weiße Umhang des Gardisten. wo und warum er beleidigt worden war. In der Uniform eines Gardehauptmanns. Belgische und österreichische Flinten. Damals ließ der Gardeoffizier das Jagdhaus bauen. ging er auf die Jagd. In einer Schublade hatte der General solche alten Photographien. die Geweihe. wie ein Mädchen. Wenn er von Wien nach Hause kam. Dort war dann alles beisammen: Vor dem Kamin lagen große Bärenfelle. Eines Tages aber kommt von irgendwoher Licht. jagte er Füchse und Krähen. die Gräfin. So verblaßt mit der Zeit jede menschliche Erinnerung. ja. sie verbot und entfernte alles. Das Bild seines Vaters. Er hatte nie gesagt. verbot den Jägern das Schloß. die Patronentaschen. Englische Messer. das Haar in dichten Locken. mit weißem Filz bezogene Tafeln mit den Gewehren. Als ob er jemanden umbringen wollte und sich ständig auf diesen Racheakt vorbereitete. russische 19 . den er sich mit einer beringten Hand auf der Brust zusammenhält. Den Kopf stolz und beleidigt seitwärts geneigt. die Gewehre. Die Mutter des Generals.braucht eine bestimmte Lichtbrechung. zu jeder Jahreszeit. an den Wänden hingen braungerahmte. und man erkennt wieder ein Gesicht. die alten Pfeile. die ausgestopften Vögel und Hirschköpfe. Tag für Tag Jagd.

nicht ausrotten konnte. hellgrünen. in der es auch noch anderes und andere gab – fremde Städte. von hellblauen. Er dachte es.Büchsen. und da er die Welt. Hier. Schlösser. Er stand auf und stellte sich vor den bauchigen weißen Porzellanofen. Nie ließ sie diese Reise aus. fremde Sprachen und Sitten –. so tötete er eben die Bären. Jedes Jahr wählte die Gräfin in den französischen Fabriken und Geschäften persönlich Tapeten und Möbel aus – jeden Herbst. Der Gardeoffizier ging auf die Jagd. dachte der General. Ja. wenn sie auf Familienbesuch in ihre Heimat fuhr. Und in der Nähe des Jagdhauses waren die Hunde untergebracht. die Rehe und Hirsche. verbrachte der Vater des Generals seine Zeit. die Spürhunde und die Vizslas. Für jede Art von Wild. Sie hatte ein Recht darauf. »Vielleicht war es wegen der Reisen«. der einst das Schlafzimmer seiner Mutter beheizt hatte. blaßroten goldgestreiften Seidentapeten bedeckt. Es war ein großer 20 . das vielköpfige Rudel. als sie den fremden Gardeoffizier heiratete. Paris. Im Schloß waren die Wände in Pastell gehalten. weil sich die Eltern nicht verstanden hatten. wie sie in den Webereien in der Umgebung von Paris hergestellt wurden. im Jagdhaus. mit den drei Falken mit der Falkenhaube. und auch der Falkner wohnte hier. vielleicht war es wegen der Reisen. es war im Ehevertrag festgelegt worden. Die Schloßbewohner sahen ihn nur beim Essen.

ein Wind. Und sie fror. und der Gardeoffizier sagte auf französisch zu der Grafentochter: »Bei uns sind die Gefühle stärker. Draußen war die Straße weiß. endgültiger. 21 . von der sie angerührt war. trägen Menschen. aus dem die Wärme strömte wie die Gutmütigkeit aus einem dicken. Sie fror. Dieses Schloß mitten im Wald. Sie lernten sich auf einem Ball kennen. Die Musik spielte. auch sommers. Als sich die beiden aus dem tiefen Hofknicks aufrichteten. daß die Mutter hier gefroren hatte. Sie wartete auf ein Wunder. und man mußte fortwährend den weißen Ofen heizen. Es war eindeutig. der seinen Egoismus mit einer wohlfeilen guten Tat mildern möchte. Der Gardeoffizier hatte sie während seines diplomatischen Dienstes kennengelernt. es schneite. Sie war nach Osteuropa gekommen. der wie die Bergbäche roch. Er war in den fünfziger Jahren bei der Pariser Gesandtschaft Kurier gewesen. weil die Leidenschaft. Der König trug einen blauen Frack mit weißer Weste und hob sein goldenes Lorgnon mit einer langsamen Geste vor die Augen.« Es war der Gesandtschaftsball. mit seinen gewölbten Zimmern. In diesem Augenblick hielt der König Einzug im Saal.hundertjähriger Ofen. war ihr zu dunkel: daher die hellen Tapeten an den Wänden. sich als stärker erwiesen hatte als ihre Vernunft. weil es im Wald immer windig war. Alle verneigten sich. wenn sie im Frühling von der Schneeschmelze anschwellen und über die Ufer treten. und irgendwie war diese Begegnung unvermeidlich.

durch die Schweiz und Tirol. wo am Himmel nur Kraniche 22 . Sie kamen im Herbst zu Hause an. wohin er sie mitnimmt. wo sie stundenlang über schlechte Wege fuhren. fast ein ganzes Jahr später. gibt es Bären.« Die Pußta machte sie schwindeln. Da ist ja alles endlos. Der Kaiser war wohlwollend wie in den Schulbüchern. so wie Orpheus die wilden Tiere gezähmt hat. daß sie miteinander leben mußten. Alle lächelten. daß der Kaiser mit der französischen Frau des ungarischen Gardeoffiziers scherzte. Die fremde Frau saß unter Schleiern und Decken ganz tief drinnen in der Kutsche.blickten sie einander in die Augen. Das erste vertrauliche Wort. Als sie die Grenze passierten. verschwanden Berge und Städte. Es war ein großer Gunstbeweis. Sie fuhren über die Berge. Auch er ist ein Bär. war der Name der Heimat. Majestät. und die Frau begann zu weinen. »Cheri«...« Und er lächelte. Da wußten sie schon. In Wien wurden sie von Kaiser und Kaiserin empfangen. sagte sie. wo ist das?. Sie lächelten blaß und verlegen.« und lächelte kurzsichtig. Er sprach: »Nehmen Sie sich in acht! Im Wald. »mir ist schwindlig. wo die Ernte schon vorbei war. diese von der schwebendschweren Herbstluft benommene Einöde. Im Nebenzimmer spielte die Musik.« Sie fuhren durch obstduftende Wiesen und Wälder. daß zwischen ihnen fiel. Die junge Französin sagte: »Bei Ihnen. Sie erwiderte: »Ich werde ihn mit Musik zähmen. Der Gardeoffizier nannte seine Heimat.

zogen und am Straßenrand die Maisfelder so geplündert dalagen wie nach einem Krieg. in denen ihm jedes Möbelstück. Manchmal hob sie das Taschentuch ans Gesicht. in denen sie übernachteten. auch ihr Schicksal war. deren Einsamkeit und Melancholie sein Herz anrührten wie nie zuvor: Mit den Augen der Frau sah er die Ziehbrunnen. sogar der Geruch in den Schränken vertraut war. die kühlen Zimmer. von dichten Gärten umgeben. Sie waren einander verbunden. Die Heimat öffnete sich vor ihnen. ja. Und die Landschaft. die rosa Wolken am Abendhimmel über der Ebene. der Wald und die Berge schlössen es so 23 . Er betrachtete die niedrigen Häuser mit grünen Fensterläden und weißer Veranda. daß die Landschaft. die trockenen Felder. Der Gardeoffizier saß mit verschränkten Armen wortlos im Wagen. wenn die verletzte Landschaft dem abziehenden Heer nachstirbt. Bei solchen Gelegenheiten beugte sich ihr Mann vom Sattel herunter und blickte fragend in die tränennassen Augen. die Häuser der Menschen seines Volks. die sie empfing. und der Gardeoffizier spürte mit Herzklopfen. In der ersten Zeit war ihr das Schloß ein Trost. Zuweilen verlangte er ein Pferd und ritt über lange Strecken neben dem Wagen her. Die Frau saß in der Kutsche und schwieg. Er blickte auf die Heimat. als sähe er sie zum ersten Mal. die Birkenwälder. Es war so groß. Doch die Frau bedeutete ihm. daß sie weiterfahren wollte.

geflochtenem Haar. jeden Monat einer. Die Gräfin trug auf dem Bild einen rosaroten Strohhut mit Blu- 24 . Es war das Werk eines Wiener Malers. Im Februar jagte der Frost die Wölfe von den Bergen herunter. Wagen mit Möbeln. Nachts traten Rehe und Hirsche aus dem Wald. Der Gardeoffizier ging mit dem Messer auf sie los. blieben im Schnee im Mondlicht stehen und beobachteten die beleuchteten Fenster mit schief gelegtem Kopf und mit ernsten Tieraugen. Aber sie liebten sich. mit herabhängendem... während sie der Musik lauschten. die aus dem Schloß sickerte. aus Wien. »Siehst du?. die wundersam blau schimmerten. in deren Bann die Wölfe heulend kreisten. Und es trafen Transportwagen ein. die Frau schaute vom Fenster aus zu.« sagte die Frau am Klavier und lachte. Der erste Schnee lag schon auf den Bergen. als sie eingerichtet waren und das Leben hier aufnahmen. das sie miteinander nicht ausmachen konnten. daß sie es als Heim in der fremden Heimat empfand. Stichen und einem Spinett. Das Porträt hatte der Gardeoffizier im Arbeitszimmer des Kaisers in der Burg gesehen. denn die Frau wollte ja mit Musik die wilden Tiere zähmen.eindeutig gegen die Ebene ab. Es gab etwas. Damast. die Bediensteten und die Jäger machten im Park Reisigfeuer. aus Paris. Der General trat vor das Bild seiner Mutter. Der Schnee riegelte das Schloß ab wie ein düsteres nordisches Heer die belagerte Burg. Leinen. der auch die Kaiserin porträtiert hatte.

Hände und die Unterarme. Der General konnte sich noch an solche Gesellschaften erinnern. Das goldgerahmte Bild hing über der Kirschbaumkommode mit den vielen Schubladen. als fragte sie: »Warum?« Das war die Bedeutung des Bildes. die Stimmen und der Duft der Körper durch die Räume wirbelten. Sie war eine Fremde. Hals. das Licht. daß die Hornbläser ihre Instrumente erklingen lassen. Der General stützte sich mit beiden Händen darauf. Wortlos rangen sie miteinander. Die Kommode hatte noch seiner Mutter gehört. erhabene Feier.men wie die Florentiner Mädchen im Sommer. die Reisen und die Abendgesellschaften. eine tragische. die damit endet. als sei das Leben ein verzweifeltes Fest. Die Gesichtszüge waren edel. um den Teilnehmern der Soiree einen unheilvollen Befehl zu verkünden. waren genauso sinnlich wie die weißen Schultern und der Busen im Dekollete. die Jagd. als reite der Rote Hahn durch die Räume. die in gehäkelten Handschuhen steckten. während die Ställe mit Pferden und Wagen vollgestopft waren und auf jeder vierten Stufe der großen Treppe steife Heiducken wie Wachspuppen aus dem Panoptikum standen und zwölfarmige silberne Kandelaber hielten und die Musik. wenn das Schloß so erleuchtet war. Manchmal mußten die Pferde und die Kut- 25 . um zu dem Bild des Wiener Malers hinaufzublicken. ihre Waffen waren die Musik. Die junge Frau hielt den Kopf schräg und schaute ernsten und zärtlichen Blikkes ins Leere.

26 . was der König zu der Frau gesagt hatte. Er führte die Frau zum Gardeoffizier und küßte ihr noch einmal die Hand. Er kam im Wagen. viel später. wo seine Begleitung im Halbkreis herumstand.scher im verschneiten Park um Reisigfeuer lagern. die aus der Fremde kam und beim Tanzen weinte. schlief in einem Eisenbett und tanzte mit der Dame des Hauses. Er blieb zwei Tage. Beim Tanzen redeten sie miteinander. Doch die Frau sagte es nicht. Nie erfuhr jemand. weil in den Ställen kein Platz mehr war. Der König hörte auf zu tanzen. Und einmal kam auch der Kaiser. und die Augen der Frau füllten sich mit Tränen. ging im Wald auf die Jagd. küßte der Dame die Hand und führte sie in den Nebenraum. wohnte im anderen Flügel des Schlosses. Was in der Gegend noch lange zu reden gab. der hierzulande König hieß. »Wovon habt ihr geredet?« fragte der Gardeoffizier seine Frau später. verneigte sich. in Begleitung von Reitern mit weißem Federbusch.

Es schloß auch die Erinnerungen ein. Jedes Haus. Er kannte jeden einzelnen Zug des schmalen Gesichts. ist mit solchen unfaßbaren Wesen gefüllt. 27 . wie ein großes steinernes Prunkgrab. Die Erinnerungen lauerten in den muffigen Winkeln der Räume. Fledermäuse. die Klinke hinunterzudrücken. der benommen. die Toten galten. bärtig und zerlumpt im Kellerverlies schmachtet. die Erregung eines lang vergangenen Augenblicks zu spüren. und die eigene Hand zögerte. An den Türklinken war das Zittern einer Hand. in dem die Leidenschaft die Menschen mit voller Wucht gepackt hat. auf schimmligem. verrottetem Stroh. in dem die Knochen von Generationen modern. Es schloß auch die Stille ein wie einen wegen seines Glaubens verfolgten Häftling. Der General betrachtete das Bild seiner Mutter.4 Das Haus schloß alles ein. von Frauen und Männern früherer Zeiten in Totengewändern aus allmählich zerfallender grauer Seide oder schwarzem Tuch. Ratten und Käfer zu finden sind. so wie in den feuchten Kellern alter Häuser Pilze.

Die Familie seiner Mutter besaß in der Bretagne ein Schloß am Meer. Frauen gingen lachend durch die Nässe. Im Gepäcknetz lagen die mit den Initialen seiner Mutter versehenen bestickten Reisekoffer in ihren Leinenhüllen. um derentwillen sie starben. Damals reisten sie schon im Zug. allerdings sehr langsam. die ihnen den Tod gaben. In Paris regnete es. Alle beobachteten ihn. daß ihm etwas aufgegeben war. trauriger Verachtung in die Zeit hinaus. ließen die Zähne blitzen. hohe Kamine. Das Kind saß in einem Wagen. der mit blauer Seide ausgeschlagen war. Er war acht Jahre alt und saß ernsthaft in der Kutsche neben seiner Mutter. sah durch die dunstigen Scheiben hindurch die Stadt. und auch für die. den kleinen Wilden. die im Regen wie der Bauch eines dicken Fisches schlüpfrig glänzte. das nur das Kind nicht verstehen konnte. Mit einem solchen Blick hatten Frauen früherer Zeiten das Blutgerüst bestiegen. die fremde Stadt. gegenüber der Zofe und der Gouvernante. und er spürte. Der General mochte acht Jahre alt gewesen sein. voller Verachtung für die. als wären der Regen. die schräg in die schmutzigen Vorhänge des nassen Himmels ragten und die das Geheimnis ganz anderer und unverständlicher Schicksale zu verkünden schienen. als man ihn eines Sommers dorthin mitnahm. Er sah hoch aufragende Hausdächer.Die Augen blickten mit schläfriger. der von 28 . lüpften mit einer Hand ihre Röcke. die französische Sprache etwas Lustiges und Wunderbares.

sagte sie zu seiner Mutter. es zu waschen. ihr Haar. Die französischen Wörter sprach er mit Bedacht aus. Später wurde Lindenblütentee gebracht. des Schlosses. in schwarzem Gehrock.fernher kam. der Hunde. Sie hatte graue Augen und schwarzen Flaum auf der Oberlippe. in denen alles peinlich genau und bedrohlich an seinem Platz stand. das einst rot gewesen war und jetzt in eine Schmutzfarbe spielte. als wäre er im Examen. Anderntags hatte er hohes Fieber und redete wirr. Ein Tor ging auf. All das schien ein bißchen feindselig. sagte der kleine Junge tränenerstickt. Er wurde durch Räume geführt. »Ich will Nini haben«. dem Kind wurde es schwindlig. des Waldes und der zurückgelassenen Heimat sprach. daß er jetzt auch im Namen seines Vaters. Feierliche Ärzte trafen ein. als hätte die Zeit vergessen. »Tout de même«. Totenbleich lag er im Bett. trug sie hochgesteckt. vor breiten Treppen verbeugten sich französische Diener. aus dem Wald mit den Bären. um sein Gesicht von oben zu betrachten. Sie küßte das Kind und bog mit ihren knochigen weißen Händen seinen Kopf etwas nach hinten. Alles roch so seltsam. als würde sich jetzt gleich etwas herausstellen. die besorgt neben ihm stand. vorsichtig und sorgfältig. Im großen Saal des ersten Stocks empfing ihn die französische Großmutter. der Wagen fuhr in einen großen Hof ein. 29 . Er wußte. Gegen Mitternacht begann es zu weinen und zu erbrechen.

Sie trat ins Zimmer. umarmte ihn fest und begann ihn leise zu wiegen. Sie kam wie ein Zugvogel. weil sie sechs Tage nicht geschlafen hatte. Das Kind meinte sterben zu müssen. sie war nur sehr müde. sie holte aus der gehäkelten Tasche Speisen aus der Heimat hervor und begann zu essen. er war schon ganz still. der Puls setzte immer wieder aus. Der backenbärtige Majordomus erkannte sie am Bahnhof nicht. wie sie in der fremden Stadt das Palais gefunden hatte. in der Hand eine gehäkelte Tasche.« Sie weinte nicht. sie beugten sich über das Kind. nur seine Augen glänzten. wenn der Geruch nicht aufhörte. Da telegraphierten sie Nini. Am Abend kam Nini aus dem Krankenzimmer und sagte auf ungarisch zur Gräfin: »Ich glaube. die Straßen kannte sie nicht. er kommt durch. Vier Tage vergingen. in dem das kranke Kind lag.mit einer Uhrkette im mittleren Knopfloch der weißen Weste. Am dritten Tag erhielt das Kind die Letzte Ölung. Sechs Tage lang hielt sie mit ihrem 30 . Französisch sprach sie nicht. hob den sterbenden Jungen aus dem Bett. und aus ihren Bärten und Kleidern strömte der gleiche Geruch wie aus den Gegenständen des Schlosses und aus dem Haar und dem Mund der Großmutter. Sie nahm ihn auf den Schoß. Nini stellte sich zu Fuß im Palais ein. und nie konnte sie die Frage beantworten. bis die Amme in Paris eintraf. Bis zum Wochenende war das Fieber noch immer nicht zurückgegangen.

Atem das Kind am Leben. da hatte es zu sterben beschlossen. die Stärkeren waren. und er lachte viel. Alle waren sie da. wenn sich die Flut zurückzog. die Rüschen an Ninis dunkelblauem Kleid flatterten im Wind. die französische Großmutter blieb betroffen und beleidigt in Paris zurück. An den vier Ecken des Schlosses standen uralte runde Türme aus unbehauenem Gestein. der zu jeder Tageszeit im Haus ein und aus ging. ein junger Priester mit schrägen Augenbrauen. sondern auch die Blumen. Ausschau gehalten. Die Gräfin kniete weinend und betend vor der Tür. nicht nur die Luft. die französische Großmutter. alles roch nach Salz. daß sie beide. Die Ärzte kamen immer seltener. warum das Kind krank geworden war? Natürlich nicht. sie betrachtete das Meer und den Himmel lächelnd. und als sich die Fremden über ihn gebeugt hatten und als von überallher der unerträgliche Geruch geströmt war. und zwischen altem Gestein rauschte die Flut. aber man wußte es doch: Der Junge brauchte Liebe. als sei sie mit alledem schon vertraut. sah man in den Vertiefungen des roten 31 . dem Piraten. er wußte. Es wird doch wohl niemand ausgesprochen haben. Rote Felsen ragten aus dem Meer. die Dienerschaft. Zusammen mit Nini fuhren sie in die Bretagne. vor langer Zeit hatten die Ahnen der Gräfin hier nach Surcouf. Der Junge war bald sonnengebräunt. Nini war ruhig. Jetzt hatte er keine Angst mehr. In der Bretagne sang der Wind. Sie saßen am Strand. Nini und er. Morgens.

der nur noch ganz einfache Geschichten erzählt. er blickte mit halbgeschlossenen Augen forschend in die Ferne. »Nein. 32 . gallertartige Sterne. weißt du das nicht? Er denkt immer an anderes. sagte die Amme seufzend. »Ich will Dichter werden«. Sie lauschten auf das Meer: ein vertrautes Rauschen. »Vater ist auch Dichter.« Lange saßen sie so unter dem Feigenbaum. rotbäuchige Krebse. du wirst Soldat. einem fernöstlichen Weisen gleich. da das Meer dumpf grollte.« »Wie Vater?« Das Kind schüttelte den Kopf. mein Engel. seine blonden Locken flatterten im warmen Wind. du bekommst sonst Kopfschmerzen. Er schaute auf das Meer.« »Das stimmt«. Die Amme umarmte ihn und preßte seinen Kopf an ihre Brust. sagte der Junge einmal und blickte schräg auf.Ufergesteins Meerspinnen mit haarigen Beinen. daß auf der Welt alles zusammengehört. In den Mittagsstunden. Das Kind und die Amme dachten daran. »Geh nicht an die Sonne. Im Schloßhof stand ein jahrhundertealter Feigenbaum. So rauschte zu Hause der Wald. duftende Kühle. Unter seinem dichten Laub lag süße. saßen hier schweigend die Amme und das Kind.

Es wurde mit dem Degen gegürtet und zusammen mit den anderen Zöglingen im dunkelblauen Waffenrock sonntags auf dem Graben spazierengeführt. Es bekam einen kleinen Degen. man durchquert ein dunkles Zimmer. Die Kadettenanstalt befand sich in der Nähe von Wien. Jahrzehnte vergehen. und auf einmal vernimmt man lang verklungene Worte und das Rauschen des Meeres. erwartete der Gardeoffizier seine Familie in Wien. lange Hosen. die Soldaten spielen. Als ob jene paar Worte den Sinn des Lebens ausgedrückt hätten. Als sie im Herbst von der Bretagne nach Hause fuhren. aus den Fenstern des zweiten Stocks konnte man die alte Stadt mit ihren schnurgeraden Straßen sehen und 33 . auf einem Hügel.5 So etwas kommt den Menschen erst später in den Sinn. Später dann hat man immer von anderem geredet. Sie trugen weiße Handschuhe und salutierten graziös. einen Tschako. Es war ein gelbes Gebäude. Sie waren wie Kinder. in dem jemand gestorben ist. Das Kind wurde zu den Kadetten gegeben.

Die Erzieher waren alte Offiziere. Sie lernten Griechisch und Ballistik und das Verhalten vor dem Feind und Geschichte. Dann brachten die Adjutanten warmes Wasser in Kannen aus der Küche. im Winter gefror manchmal in den blechernen Waschschüsseln das Wasser. In einem Springbrunnen aus moosigem. die Hausdächer von Schönbrunn und die zwischen gestutzten Bäumen angelegten Spazierwege. das Kind nahm Haltung an und salutierte mit weißbehandschuhter Hand steif und vorschriftsge- 34 . Das Kind war blaß und hustete. Nachts brannte in den Lampen ein blaues Licht. Über der Tür hing ein Kruzifix mit einem geweihten Weidenzweig. Im Herbst ging der Geistliche mit ihm jeden Nachmittag in Schönbrunn spazieren. im Speisesaal und in den Schlafsälen hatte alles auf so beruhigende Weise seinen Platz. Morgens wurden sie mit Hörnerklang geweckt. In den Schlafsälen schliefen jeweils dreißig Kinder. in den Unterrichtsräumen. wo alles. Sie spazierten zwischen den Reihen der gestutzten Bäume. was im Leben verworren und überflüssig ist. endlich in Ordnung gebracht und versorgt worden wäre. Alles roch nach Salpeter. Sie schlenderten durch die Alleen. als wäre das der einzige Ort auf der Welt. schimmlig verfallendem Gestein floß das Wasser golden. weil die Sonne darauf schien. dreißig gleichaltrige Kinder.auch den Sommersitz des Kaisers. in schmalen Eisenbetten wie der Kaiser. In den weißen Gängen mit den gewölbten Decken.

Stumpfnäsigen mit den müden weißen Händen aus den tsche- 35 . war ihm in den Sinn gekommen. sagte der Geistliche noch einmal mit tiefer Ehrfurcht. unbedeckten Kopfes. Alle waren sie hierhergekommen. ein wenig gekrümmt. den weißen Spitzensonnenschirm auf der Schulter. Die Frau war sehr bleich. In der Anstalt. Auf drei Schritte Entfernung folgte ihr eine schwarzgekleidete Frau. erwiderte der Geistliche ernst. »Die Kaiserin«. ihr dichtes schwarzes Haar trug sie in einem dreifachen Zopf um den Kopf gewunden. das im Arbeitszimmer seines Vaters über dem Tisch hing. während sich der Geistliche tief verneigte. sagte das Kind. als wäre sie vom raschen Gehen ermüdet.maß vor den Veteranen. Sie lernten von morgens bis abends. »Die Kaiserin«. »Sie gleicht der Mama«. die Rotblonden. Eine Frau kam über den Weg. »So etwas darf man nicht sagen«. als wäre jeder Tag der Geburtstag des Kaisers. wo vierhundert Kinder erzogen wurden. sie ging rasch an ihnen vorbei. flüsterte er dem Kind zu. als sei sie auf der Flucht. Das Kind blickte der hohen Frau nach. die in der Allee des großen Gartens fast rannte. denn das Bild. war eine Stille wie im Innern einer Höllenmaschine kurz vor der Explosion. die hier in Paradeuniform umherwanderten. was man sagen darf und was nicht.

chischen Schlössern, die aus den mährischen Gutshöfen, die aus den Tiroler Burgen und den steirischen Jagdschlössern, die aus den Wiener Stadtpalais mit den geschlossenen Fensterläden, die von den ungarischen Landsitzen. Alle hatten lange Namen mit vielen Konsonanten und Vornamen, Titeln und Rangbezeichnungen, die hier in der Anstalt an der Garderobe abgegeben werden mußten, zusammen mit der feinen, in Wien und London genähten bürgerlichen Kleidung und der holländischen Unterwäsche. Von alledem blieben nur ein Name und ein Kind, das zu dem Namen gehörte und jetzt lernte, was man sagen darf und was nicht. Da waren slawische Jungen mit enger Stirn, in ihrem Blut sämtliche menschlichen Eigenschaften des Reichs, da waren blauäugige, sehr müde zehnjährige Aristokraten, die ms Leere blickten, als hätten ihre Ahnen an ihrer Stelle schon alles gesehen, und da war ein Tiroler Herzog, der sich mit zwölf Jahren erschoß, weil er in eine Kusine verliebt war. Konrád schlief im Nebenbett. Sie waren zehn Jahre alt, als sie sich kennenlernten. Er war untersetzt und doch mager, wie das bei sehr alten Rassen der Fall ist, bei denen der Knochenbau über das Fleisch gesiegt hat. Er war langsam, aber nicht faul, er hatte seinen eigenen, bewußt eingehaltenen Rhythmus. Sein Vater war Beamter in Galizien, zum Baron geadelt, seine Mutter war Polin. Wenn er lachte, erschien um seinen Mund ein breiter, kindlicher, sla-

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wischer Zug. Er lachte selten. Er schwieg und gab acht. Vom ersten Augenblick an lebten sie zusammen wie eineiige Zwillinge im Mutterleib. Dafür brauchten sie nicht, wie das sonst unter Gleichaltrigen Sitte ist, »Freundschaft zu schließen«, mit lächerlichen, feierlichen Ritualen, mit wichtigtuerischer Leidenschaftlichkeit, wie Menschen es tun, wenn sich in ihnen zum ersten Mal in unbewußter und entstellter Form das Bedürfnis regt, einen anderen Menschen mit Körper und Seele der Welt wegzunehmen, ihn sich ganz zu eigen zu machen. Denn das ist es, was Liebe und Freundschaft wollen. Ihre Freundschaft war so ernst und so wortlos wie alle großen Gefühle, die für ein Leben gelten. Und wie alle großen Gefühle enthielt auch dieses Scham und Schuldbewußtsein. Man nimmt einen Menschen den anderen nicht ungestraft weg. Sie wußten vom ersten Augenblick an, daß sie diese Begegnung für das ganze Leben verpflichtete. Der ungarische Junge war in dieser Zeit lang, dünn und zerbrechlich und wurde wöchentlich vom Arzt untersucht. Man war um seine Lungen besorgt. Auf Bitten des Anstaltsleiters, eines mährischen Obersten, kam der Gardeoffizier nach Wien und hatte mit den Ärzten ein langes Gespräch. Von all dem, was sie sagten, verstand er nur ein Wort: »Gefahr«. Der Junge ist nicht wirklich krank, sagten sie, er hat nur eine Neigung zur Krankheit. Gefahr – so allgemein sagten sie es. Der

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Gardeoffizier war in einer dunklen Seitenstraße im Schatten des Stefansdoms abgestiegen, im Hotel »König von Ungarn«, wo schon sein Großvater logiert hatte. Im Gang hingen Hirschgeweihe an der Wand. Der Lohndiener begrüßte den Gardeoffizier mit einem »Küß die Hand«. Er bewohnte hier zwei Zimmer, zwei mit gelben, seidenbezogenen Möbeln vollgestopfte dunkle Zimmer mit gewölbter Decke. Das Kind holte er für diese Tage zu sich, sie wohnten zusammen im Hotel, wo über jeder Tür die Namen von lieben Stammgästen zu lesen waren, als wäre das Haus ein weltliches Kloster für die einsamen Herren der Monarchie. Vormittags nahmen sie den Wagen und fuhren in den Prater hinaus. Es war schon kühl, Anfang November. Abends gingen sie ins Theater, auf der Bühne stürzten sich gestikulierende Helden röchelnd in ihr Schwert. Danach aßen sie im Restaurant, im Separee, bedient von zahllosen Kellnern. Das Kind saß wortlos und mit altkluger Höflichkeit neben seinem Vater, als ob es etwas ertragen und verzeihen müßte. »Sie sprechen von Gefahr«, sagte sein Vater nach dem Essen eher zu sich selbst, und er zündete sich eine dicke schwarze Zigarre an. »Wenn du willst, kannst du nach Hause kommen. Aber mir wäre es lieber, wenn du dich vor keiner Gefahr fürchtetest.« »Ich fürchte mich nicht, Vater«, sagte das Kind. »Aber Konrád soll immer bei uns bleiben. Sie sind arm. Ich möchte, daß er im Sommer zu uns kommt.«

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»Ist er dein Freund?« fragte sein Vater. »Ja.« »Dann ist er auch mein Freund«, sagte der Vater ernst. Er trug Frack und Rüschenhemd, die Uniform legte er in letzter Zeit nicht mehr an. Der Junge schwieg erleichtert. Dem Wort des Vaters konnte man vertrauen. Wohin sie in Wien auch gingen, überall, in allen Geschäften kannte man ihn, beim Herrenschneider, beim Handschuhmacher, beim Hemdenschneider, in den Gasthäusern, wo feierliche Oberkellner über die Tische regierten, und auch auf der Straße, wo ihnen Frauen und Männer aus ihren Wagen freudig zuwinkten. »Gehst du zum Kaiser?« fragte das Kind an einem Tag kurz vor der Abreise des Vaters. »König«, wies ihn der Vater streng zurecht. Dann sagte er: »Ich gehe nicht mehr zu ihm.« Der Junge begriff, daß zwischen den beiden etwas vorgefallen war. Am Tag der Abreise stellte er seinem Vater Konrád vor. Am Vorabend war er mit Herzklopfen eingeschlafen: Das Ganze war wie eine Verlobung. »Man darf den König vor ihm nicht erwähnen«, warnte er seinen Freund. Doch der Vater war wohlwollend, herzlich, ganz der große Herr. Er nahm Konrád mit einem einzigen Händedruck in die Familie auf. Von dem Tag an hustete der Junge weniger. Er war nicht mehr allein. Er ertrug die Einsamkeit unter den Menschen nicht.

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sondern sie schweigend zu ertragen. Am Ende des ersten Sommers. die er von zu Hause. schaute ihnen die französische Mutter vom Schloßtor nach. das er haßte. und das blasse. vom Wald. Sie waren in einem Alter. so hatte er es gelernt. weil er es als mädchenhaft empfand. und auch das war ein Erbe. gar nicht zu reden. ruhiger. magere Kindergesicht füllte sich mit rosaroter Begeisterung und mit Vertrauen. wurde ihm vom Barbier alle zwei Wochen weggeschoren. sie hatten keine Angst mehr davor. von Paris und vom Temperament der Mutter her im Blut hatte. Sein weiches blondes Haar. gebot ihm. Der Junge brauchte jemanden. hustete nicht. Jetzt verlor die Kindheit ihre Enge. Vielleicht hatte die französische Mutter die Sehnsucht mitgebracht. Dann hatte er kein Fieber.Die Anlage. Aber ohne Liebe konnte er auch nicht leben. wenigstens einem Menschen Gefühle zu zeigen. als die Jungen in den Wagen stiegen. Am besten ist es. In der Familie des Vaters wurde von so etwas nicht gesprochen. Dann sagte sie lächelnd zu Nini: »Endlich eine gute Ehe.« Nini aber lächelte nicht. Konrád war männlicher. da die Jungen noch kein ausgeprägtes Geschlecht haben: als hätten sie das noch nicht entschieden. von Schmerzen niemals zu sprechen. Die Jungen kamen jeden Sommer gemeinsam hierher. um nach Wien zurückzufahren. den er lieben konnte: Nini oder Konrád. später verbrachten sie 40 . denn sie waren nicht mehr allein.

auch Weihnachten im Schloß. der ist kein ganzer Mensch.« »Das ist des Menschen Los«. man könnte ihm den. Kleider. sein Meisterwerk gezeigt. Sie saß vor dem Spiegel und starrte auf ihre verwelkende Schönheit. wie ein Ehepaar: »Die Henriks«. Der Junge gab mit Konrád an. Nini hatte Angst. aber man lachte nicht über diese Beziehung. »Das ist zuviel«. Unterwäsche. sie entdeckten gemeinsam Wien und den Wald. Man nannte sie nur noch bei einem einzigen Namen. »Eines Tages wird Konrád ihn verlassen. er hätte ihn am liebsten allen als seine Schöpfung.« In der Anstalt machten sie sich über diese Freundschaft nicht lange lustig. man richtete ihnen ein eigenes Zimmer ein. sagte Nini zur Mutter. das Gesellschaftsleben und die Liebe. und vielleicht war sie auch ein bißchen eifersüchtig. während er ihn andererseits eifersüchtig hütete in seiner Angst. sagte seine Mutter. Die Beziehung wurde immer tiefer und auch immer krampfhafter. sie lasen gemeinsam dasselbe Buch. Wer das nicht aushält. die Jungen begannen sich einzukapseln. »Eines Tages verliert man den. Sie hatten alles gemeinsam. sie gewöhnten sich daran wie an ein Naturphänomen. Dann wird er sehr leiden. die Bücher und die Jagd. Es 41 . Schon vier Jahre dauerte die Freundschaft. den man liebt. wegnehmen. hatten Geheimnisse. den er liebte. das Reiten und die Soldatentugenden. um den ist es nicht schade.

war etwas darin. starke Gefühle. die vom anderen weder Hilfe noch Opfer fordert. was das Leben später gibt. das mit seiner Ausstrahlung die Spötter zum Schweigen brachte. Nach nichts sehnen sich die Menschen so sehr wie nach uneigennütziger Freundschaft. alles ist gröber. wunderbaren Gnadenzustand lebten. Konrád war ernst und taktvoll wie jeder wirkliche Mann. verwirrte und schmerzliche Liebschaften. in verfrühte. eine Bedingungslosigkeit. ein Ernst. in dem sich der sanfte Ritus eines mittelalterlichen Treueschwurs vollzieht. und sei er zehnjährig. Meist sehnt man sich vergeblich. Die Jungen in der Anstalt flüchteten sich in den Stolz auf ihre Herkunft oder in die Studien. Zwischen jungen Leuten ist nichts so selten wie die uneigennützige Anziehung. In diesem menschlichen Durcheinander leuchtete die Freundschaft zwischen Konrád und Henrik wie das Licht. die ihre Hoffnungsträger sind. eine Zärtlichkeit. Die beiden Freunde spürten. Alles. in frühreife Ausschweifungen. Als die Jungen größer und wacher wurden und mit trauriger Großspurigkeit die Geheim- 42 . unmenschlicher. in körperliche Großtaten. die endgültigen Bindungen der Leidenschaft. daß sie in einem namenlosen. In jeder menschlichen Gemeinschaft hat man ein Gespür für solche Beziehungen und ist eifersüchtig. etwas Endgültiges. Die Jungen wollen immer ein Opfer von denen. Nichts ist so zart wie eine solche Beziehung. feine oder rohe Sehnsüchte.

Sie lebten in einer tiefverwurzelten Ordnung. als sei ihnen die Freundschaft. Dieses Gelübde hielten sie lange Zeit ein. wie sie jahrhundertealte Übung und Erfahrung vorschrieben. mit Helm. Henrik war ein guter Reiter. hatten beim Wechsel der Jahreszeiten Schwindelgefühle. Konrád mit Mühe. Nonchalance und Hochmut. den nichts mehr überrascht. doch was er gelernt hatte. Alle zwei Wochen gingen sie zur Beichte und erstellten die Sündenliste gemeinsam. die Neugierigen und Unruhigen. Konrád kämpfte auf dem Pferderücken verzweifelt um Gleichgewicht und Sicherheit. Dann gingen sie reiten. hütete er mit krampfhaftem Eifer. Auch in der Gesellschaft bewegte sich Henrik mit Leichtigkeit. Konrád war steif und überkorrekt. Jeden Morgen fochten sie eine Stunde lang in der Turnhalle der Anstalt. Aber sie blieben keusch. Die Begierden machten sich im Blut und in den Nerven bemerkbar. Bandagen und nacktem Oberkörper. da nahm Konrád seinem Freund den Schwur ab. Eines Sommers reisten sie nach 43 . wie einer. daß sie keusch bleiben würden. Henrik lernte leicht. er schien zu wissen. die Jungen waren blaß. Leicht war es nicht. ein Ersatz für alles. schaudervoll quälte und auf die dunkleren unteren Regionen des Lebens zutrieb. seinem Körper fehlte die ererbte Erinnerung an diese Fertigkeit. was die anderen.nisse der Erwachsenen zu lüften suchten. deren Zaubermantel über ihrem jungen Leben lag. daß er auf der Welt nichts anderes besaß.

die jungen Herren zu unterhalten. lebten hier in einer Art behördlich zurückgedrängtem. die Juden. die Ukrainer. Am ersten Abend. ungelüfteten Wohnungen fortwährend zu gären. Gekreisch und Geflüster. oder nicht einmal das: die schwüle Hektik und der Wartezustand einer Karawanserei. ein Aufruhr oder vielleicht bloß eine armselige. im Leben der Stadt überall zu spüren. Unverbrüchliches und Endgültiges ausgesprochen worden. in den dämmrigen. nach dem reichhaltigen Essen. Die Jungen wohnten im Gasthaus. die Russen. gedämpftem Trubel. dem Brunnen in der Mitte des viereckigen Hauptplatzes. etwas schien in der Stadt. Der Baron – ein glatzköpfiger. der vom vierzigjährigen Dienst in Galizien und von den unbefriedigten gesellschaftlichen Ambitionen seiner adeligen polnischen Frau verbraucht war – bemühte sich verwirrt und diensteifrig. denn die Wohnung des Barons bestand aus drei kleinen Zimmern. Da waren sie schon junge Offiziere. gewölbten Zimmern. unterwürfiger alter Mann. die Deutschen. den fettigen Fleischgerichten und den schweren blumigen Weinen – die 44 .Galizien. auf den Plätzen. Und die Menschen. zu Konráds Eltern. Es war in den Häusern. geschwätzige Unzufriedenheit. als wäre in der Stadt ein einziges Mal mit allem Nachdruck etwas Unumstößliches. Die Stadt war erdrückend mit ihren alten Türmen. Nur die Kathedrale mit ihrem starken Turm und ihren breiten Bögen überragte gelassen dieses Geschrei. den dunklen.

das Schulgeld. »Ja«. Von da kam alles: die Uniform. Irgendwo weit weg. sagte der Sohn des Gardeoffiziers schuldbewußt. So geht das seit zweiundzwanzig Jahren. Brauche ich neues Zaumzeug. der alte Beamte. wenn wir alle zusammen ins Burgtheater gehen. sagte der andere ernst und sanft. und etwas schnürte ihm die Kehle zusammen. »Jedes Paar Handschuhe«. was hier seit zweiundzwanzig Jahren um meinetwillen geschieht. kommt von hier. und seine verwelkte. mit lila und roter Schminke kakaduhaft aufgedonnerte traurige polnische Frau in der ärmlichen Wohnung mit rührendem Eifer auftragen ließen. in Polen. saßen die jungen Offiziere noch lange in ihrem galizischen Gasthaus. Gebe ich in einer Abendgesellschaft ein Trinkgeld. Und ich habe immer alles gehabt.« »Ja«. »Jetzt kannst du dir vorstellen. verzichtet mein Vater eine Woche lang auf seine Zigarren. rauchten und schwiegen. sagte Konrád. sagte Konrád. Es gehörte meiner Mutter. als hinge das Glück des selten heimkehrenden Sohnes von der Qualität der Speisen ab –. »Jetzt weißt du es also«.Konráds Vater. »das ich haben muß. in einer dunklen Ecke des mit staubigen Palmen geschmückten Speisesaals. hatten wir ein Gehöft. Ich habe es nie gesehen. essen sie drei Tage lang kein Fleisch. »Jetzt hast du sie gesehen«. Sie tranken einen schweren ungarischen Wein aus Hegyalja. sagte der Sohn des Gardeoffiziers. 45 .

»Ich bin dir nicht böse«. und die kann sie mir dann in einem Umschlag schicken. wobei er sich bestens amüsierte. Dann haben sie ihre Gesundheit geopfert.. wie sie jeden Morgen selbst zum Markt geht. Verstehst du?« »Verzeih mir«. ihre Ruhe. »Ich wollte nur. dann das Land. sagte Henrik aufgeregt und bleich. daß wir uns aus Eitelkeit zu Krüppeln hacken. da ist mir das Gesicht meiner Mutter eingefallen. als ich mich mit dem Kerl aus Bayern schlagen mußte. ein tödliches Ver- 46 . der mir aus Eitelkeit Schaden zufügen wollte und nicht wußte. den ich deiner Mutter geschickt habe. ein Zimmer mit anständigen Möbeln. denn diese zwei Filier sind Ende des Jahres fünf Forint. der Blumenstrauß. Als der Bayer mit gezogenem Degen auf mich losging und wie ein Verrückter um sich schlug. die Ausgaben für das Duell. sagte sein Freund äußerst ernst. daß du es einmal gesehen hast und weißt. Und da hätte ich den Bayern tatsächlich umbringen mögen. dann den Garten. damit die Köchin sie nicht um zwei Filier betrügt. nämlich das zusätzliche Zimmer in dieser verlausten Stadt. wo man hin und wieder Gäste empfangen könnte. ihre Bequemlichkeit. als sie in Wien vorbeikam. als wäre es ein toller Scherz.das Geld für die Theaterkarten. was er mir antut. dann das Haus. Zuerst haben sie die Möbel verkauft. daß alles. die Examensgebühren. ihr Alter und die gesellschaftlichen Ambitionen meiner Mutter. alles.. Seit zweiundzwanzig Jahren.

wo alles so muffig riecht wie in einer unreinlichen Wohnung. Ich bin Soldat. als ob ich mir nicht selbst gehörte. Darauf habe ich geschworen..« Der Junge verstummte. wo er zur Welt gekommen und aufgewachsen ist. man hat mich dazu erzogen.. sagte er und wurde rot.gehen an zwei Menschen ist. Es ist. Wenn ich krank bin. ohne je aufzubegehren. Mein Vater ist seit zweiundzwanzig Jahren nicht mehr in Wien gewesen. Hier leben sie. die in Galizien wortlos ihr Leben für mich geopfert haben. so zu leben. stockend und ohne dem anderen in die Augen zu blicken. etwas.. Aber warum haben sie das alles auf sich genommen. Jetzt sagte er es. verbrauche ich etwas von ihrem Leben. Seit zweiundzwanzig Jahren nie eine Reise.. daß für sie das alles sehr gut ist?« »Für sie vielleicht schon. nie ein zusätzliches Kleidungs- 47 . als würde ich fremdes Gut vergeuden. in der durchziehende Karawanen genächtigt haben. Wenn ich bei euch zu Hause dem Diener ein Trinkgeld gebe. denn es ist. daß ich töte und mich töten lasse. erschrecke ich. das nicht ganz mir gehört: meine Gesundheit. Bis dahin hatte er nie von alledem gesprochen. »Aber für mich ist es sehr schwer. Sie leben seit zweiundzwanzig Jahren in dieser Stadt. wenn ich ja umgebracht werden soll? Verstehst du jetzt?. »Meinst du nicht. der Geruch von Essen und billigem Parfüm und ungelüfteten Betten. »Warum?« fragte der andere leise. Es ist sehr schwer. so zu leben«.

Vier Tage blieben sie in der Stadt. nie ein Sommerausflug. zwischen ihnen sei etwas geschehen. »Ja«. 48 . sagte er ganz leise. Als sie abreisten. Manchmal. wenn ich etwas tun will. sagte Henrik. stockt mir die Hand in der Luft. Als ob der eine dem anderen etwas schulde.stück. wie sie selbst es aus Schwäche nicht werden konnten. Es war nicht in Worte zu fassen. weil aus mir ein Meisterwerk geschaffen werden muß. Immer diese Verantwortung. hatten sie zum ersten Mal im Leben das Gefühl. Ich habe ihnen auch schon den Tod gewünscht«.

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Doch Konrád hatte eine Zuflucht, wohin ihm sein Freund nicht folgen konnte: die Musik. Sie war wie ein geheimer Unterschlupf, in dem die Welt ihn nicht erreichen konnte. Henrik war unmusikalisch, für ihn taten es auch Zigeunermusik und Wiener Walzer. Von Musik sprach man in der Anstalt nicht, Musik wurde, von Erziehern und Schülern, eher nur als eine Art Jugendsünde geduldet und verziehen. Ein jeder hat ja seine Schwächen. Der eine züchtet Hunde, koste es, was es wolle, der andere ist aufs Reiten versessen. Immer noch besser als das Kartenspiel, dachte man. Ungefährlicher als die Frauen, dachte man. Doch Henrik kam allmählich der Verdacht, daß die Musik gar kein so harmloses Vergnügen war. In der Anstalt wurde die wirkliche Musik, die aufbegehrende und aufwallende, selbstverständlich nicht geduldet. Zur Ausbildung gehörte zwar auch Musikunterricht, aber nur in allgemeinen Begriffen. Von der Musik wußten sie gerade so viel, daß es Blechbläser dazu brauchte, daß vorn der Tambourmajor marschierte

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und von Zeit zu Zeit seinen silbernen Stab in die Höhe hob. Hinter den Musikanten zog ein Pony die Pauke. Das war eine rechte Musik, laut und regelmäßig, die den Schritt der Truppe regulierte, die bürgerliche Einwohnerschaft auf die Straße lockte und die unabdingbare Zier einer jeden Parade war. Man schritt strammer, wenn man Musik hörte, und das war alles. Manchmal war sie lustig, manchmal schwülstig und pompös. Im weiteren kümmerte sich niemand darum. Konrád aber wurde ganz blaß, wenn er Musik hörte. Jede Art von Musik, auch die einfachste, berührte ihn so stark wie ein physischer Angriff. Er erbleichte, seine Lippen bebten. Die Musik sagte ihm etwas, das die anderen nicht nachvollziehen konnten. Wahrscheinlich sprachen die Melodien nicht zu seinem Verstand. Die Disziplin, die er sich abverlangte, mit deren Hilfe er sich in der Welt einen Rang verschafft hatte und die er wie eine Strafe und eine Buße auf sich nahm, lockerte sich in solchen Augenblicken, als gäbe auch die krampfhaft starre Haltung seines Körpers nach. Wie bei den Paraden, wenn nach langem, ermüdendem Strammstehen plötzlich »Ruhen!« befohlen wurde. Seine Lippen aber zitterten, als wollte er etwas sagen. Bei solchen Gelegenheiten vergaß er, wo er war, seine Augen lächelten, er blickte ins Leere, nahm um sich herum nichts wahr, weder die Vorgesetzten noch die Kameraden, noch die schönen Damen, noch das Theaterpublikum. Er hörte mit dem

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ganzen Körper Musik, so begierig wie der Verurteilte in seiner Zelle, der auf den Klang ferner, vielleicht Befreiung bedeutender Schritte horcht. Wenn man zu ihm sprach, reagierte er nicht. Die Musik löste die Welt um ihn herum und die Gesetze der künstlichen Einigkeit auf, und in diesen Augenblicken war Konrád nicht mehr Soldat. Eines Abends im Sommer, als er mit Henriks Mutter vierhändig spielte, geschah etwas. Es war vor dem Abendessen, sie saßen im großen Saal, der Gardeoffizier und sein Sohn hörten in einer Ecke des Saals sitzend höflich zu, auf die Art bereitwillig und geduldig, wie wenn man sagt: »Das Leben besteht aus Pflichten, auch die Musik muß ertragen werden. Damen darf man nicht widersprechen.« Die Mutter spielte leidenschaftlich: Sie spielten Chopins Polonaise-fantaisie. Alles im Zimmer schien in Bewegung zu geraten. In ihrer Ecke, bei ihrem geduldigen, höflichen Ausharren, spürten Vater und Sohn, daß in den beiden Körpern, in dem der Mutter und in dem von Konrád, jetzt etwas geschah. Als höbe die Musik herausfordernd die Möbel in die Höhe, als ließe eine Kraft die schweren Seidenvorhänge vor den Fenstern flattern, als würde alles, was in den Herzen vergraben war, das Verknöcherte und Verschimmelte, auf einmal lebendig, als wäre im Herzen eines jeden Menschen ein tödlicher Rhythmus verborgen, der in einem bestimmten Augenblick des Lebens stark und Schicksal-

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haft zu klopfen beginnt. Die höflichen Zuhörer begriffen, daß die Musik gefährlich ist. Aber die beiden am Klavier, die Mutter und Konrád, achteten nicht mehr auf die Gefahr. Die Polonaise-fantaisie war nur noch ein Vorwand, die Kräfte auf die Welt loszulassen, die alles verrücken und sprengen, was die menschliche Ordnung so sorglich verborgen hält. Sie saßen steif aufgerichtet am Klavier, etwas nach hinten geneigt und so angespannt, als jage die Musik ein unsichtbares, sagenhaftes Gespann feuriger Rosse im Sturm über die Welt, als hielten sie mit versteiften Körpern und harten Händen die Zügel im rasenden Lauf der freigewordenen Kräfte. Und dann hörten sie mit einem einzigen Ton auf. Durch die großen Fenster fiel die Abendsonne herein, im Lichtstrahl kreisten Goldpartikeln, als habe das überirdische Gespann bei seinem Galopp durch den Himmel Staub aufgewirbelt, auf seinem Weg ins Verderben, ms Nichts. »Chopin«, sagte schwer atmend die französische Frau. »Sein Vater war Franzose.« »Seine Mutter Polin«, sagte Konrád und blickte mit seitwärts geneigtem Kopf zum Fenster hinaus. »Er war mit meiner Mutter verwandt«, sagte er beiläufig, als schämte er sich dieser Verbindung. Sie horchten alle auf, denn in seiner Stimme klang eine Traurigkeit mit, wie in der Stimme von Verbannten, wenn sie von der Heimat und ihrem Heimweh sprechen. Der Gardeoffizier blickte äußerst aufmerk-

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saß mit langgestreckten Beinen vor dem Kamin. als der General diesen Satz verstand. Aber er wußte. als sähe er ihn zum ersten Mal. den Oberkörper etwas vorgeneigt. Er rauchte eine Zigarre.sam. sagte er zu ihm: »Aus Konrád wird nie ein richtiger Soldat. Als er am Abend mit seinem Sohn allein im Rauchzimmer war. 53 . es waren viele Jahre vergangen. daß sein Vater recht hatte.« »Warum?« fragte der Sohn erschrocken.« Der Vater war nicht mehr am Leben. Und sagte mit der Ruhe und der Überlegenheit des Kenners: »Weil er eine andere Art Mensch ist. Der Gardeoffizier zuckte mit den Schultern. blickte dem Rauch nach. auf den Freund seines Sohnes.

Sie mieteten in der Nähe des Schönbrunner Parks drei Zimmer.7 Man kennt die Wahrheit immer. schmalen. den Kostümen. denn der Gardeoffizier hatte dafür gesorgt. spielte aber selten. Er versah sei- 54 . er schien die Musik zu fürchten. immer friedfertig. den Situationen des Lebens verdeckt wird. Hier lebten sie wie Geschwister. die von den Rollen. Konrád war »eine andere Art Mensch«. daß der Freund ein Geheimnis hatte. aber Henrik spürte manchmal mit Beunruhigung. und sie wohnten während der Wiener Jahre zusammen. und mit Fragen kam man seinem Geheimnis nicht auf die Spur. zu dicht bewachsenen Garten voller Ringlottenbäume. gemeinsam legten sie den Fahneneid ab. Die Fenster gingen auf einen langen. Die beiden Jungen wuchsen zusammen auf. daß sein Sohn und Konrád ihre ersten Dienstjahre im Umkreis des Hofes absolvieren konnten. Er war immer ruhig. im ersten Stock eines schmalen Hauses mit grauer Fassade. Konrád mietete ein Klavier. jene andere Wahrheit. Sie waren Mieter bei der tauben Witwe eines Regimentsarztes.

als endete der militärische Dienst nie. daß Konrád wie ein Mönch lebte. Als begänne für ihn nach den Dienststunden ein anderer Dienst. das nicht nur sein Bewußtsein beeinflußte. und manchmal vergingen Wochen. der Sohn des Gardeoffiziers kehrte fast immer erst nach Mitternacht heim. Morgens gingen die Freunde zusammen reiten. ohne daß er abends etwas unternommen hätte. vorwurfs- 55 . so wie für einen jungen Mönch nicht nur die Gebete und die Riten den Dienst bedeuten. vom Fiaker aus sah er im Fenster seines Freundes das mutlose. Das alte Haus wurde noch mit Petroleumlampen und Kerzen beleuchtet. Sie waren junge Offiziere. sondern auch seinen Körper: als sei auf dem Grunde der Musik ein schicksalhafter Befehl verborgen. vom Ball oder von einer Gesellschaft. Als wäre er gar nicht von dieser Welt. im Prater oder in der Reitschule. der ihn aus der Bahn werfen. sondern auch das Alleinsein. Konrád fürchtete sich vor der Musik. die Einkehr. mit der er ein geheimnisvolles Verhältnis hatte. und das nicht nur tagsüber. auch der Traum. dann versah Konrád seinen Dienst. der komplizierter und verantwortungsvoller war. kehrte in die Hietzinger Wohnung zurück. in ihm etwas zerbrechen würde. und schon von der Straße. ganz und gar geregelte Dienstzeit. einer. sondern auch nachts.nen Dienst und verkehrte mit den Kameraden und in der Gesellschaft so. als wäre das Leben eine einzige. und der Sohn des Gardeoffiziers fühlte mit einer gewissen Besorgnis. ja.

Er nahm den Schlüssel und öffnete das uralte Tor. dachte der Sohn des Gardeoffiziers und begann leise und trotzig einen Walzer zu pfeifen. wo der Sohn des Gardeoffiziers die Nächte seiner Jugend verbrachte. Es wurde Musik gemacht. zu dem in der Stadt. nämlich die des jüngeren Strauß. als sein Freund es mochte. Er kam aus der Welt. das langsam und schwerfällig aufging. zog die Handschuhe aus.volle Licht der flackernden schwachen Beleuchtung. Die Musik hingegen. sondern berührte in den Menschen die Leidenschaften und das Schuldgefühl. an den Orten. Musik gemacht wurde. beleuchtet von Öl- 56 . Das war der Zweck. Das helle Fenster sandte irgendwie ein anklagendes Zeichen. damit das Leben angenehmer und festlicher sei. In jenem Jahr pfiff ganz Wien die Walzer eines Komponisten. holte die Hausschlüssel hervor und hatte ein bißchen das Gefühl. seinen Freund auch an diesem Abend wieder verraten zu haben. der in Mode war. durchquerte die weite Vorhalle des moderig riechenden gewölbten Treppenhauses. Der Sohn des Gardeoffiziers reichte dem Kutscher ein Geldstück. bot nicht das Vergessen an. sie wollte. wo leise Musik durch Eßzimmer und Ballsäle und Salons schwebte: aber anders. blieb auf der stillen Straße vor dem alten Tor stehen. die Konrád liebte. daß das Leben in den Herzen und im Bewußtsein der Menschen wahrer sei. damit die Augen der Frauen blitzten und die Eitelkeit der Männer Funken sprühte. Solche Musik ist beängstigend.

Auch der Kaiser in der Burg schlief. was sie von ihm hören wollten.lichtem hinter blasigem Glas. und in den Ländern des Kaisers schliefen fünfzig Millionen Menschen. Es war alles friedlich. Lag in tiefem Schlaf. blieb einen Augenblick stehen und schaute kurz auf den Garten. als sei er mit Kreide zwischen die dunklen Umrisse der Dinge gezeichnet. auch dann. während es schneite. den er in den Salons genauso versah wie in der Kaserne und auf dem Übungsplatz. daß auch er über den Schlaf und die Sicherheit des Kaisers und der fünfzig Millionen wachte. die den Eid auf seinen Namen abgelegt haben. alle die Gesetze und Gebräuche befolgen. geschriebenen und ungeschriebenen. Für fünfzig Millionen Menschen bestand die Sicherheit aus diesem Gefühl: daß der Kaiser vor Mitternacht zu Bett geht und schon vor fünf Uhr aufsteht und bei Kerzenlicht in einem amerikanischen Schilfrohrstuhl an seinem Schreibtisch sitzt. Er spürte. wenn er nichts anderes tat als seine Uniform mit Ehre tragen. als es die Gesetze vorschrieben. während die anderen. daß diese Stille auch ihn anging. abends in die Gesellschaft gehen. sich Walzer anhören. und daß dieser Gehorsam ein Dienst war. Man mußte den 57 . Natürlich mußte man auch in einem tieferen Sinn gehorchen. daß er sehr energischen Befehlen gehorchte. Wien schlief schon. der im Mondlicht verschneit dalag. Der Sohn des Gardisten spürte. französischen Rotwein trinken und den Damen und Herren genau das sagen.

In jenem Winter brach in Wien der Karneval wie eine leichte. und hin und wieder erkannte ihn ein alter Fiakerkutscher oder ein Kellner. die jungen Offiziere in Wien. der Sohn des Gardeoffiziers und sein Freund. daß alles an seinem Ort war. Dann ging er spazieren. die Treppe. ein Rhythmusgefühl. Alles in diesem Haus roch ein bißchen moderig. es roch aber auch irgendwie angenehm. weil er seinem Vater glich. In den Körpern von Reitern und Pferden war etwas. zusammen mit anderen Flaneuren. der Sohn des Gardeoffiziers ging jeden Vormittag in die alte Reithalle und schaute den Übungen der spanischen Reiter und der weißen Lipizzaner zu. wie es allen edlen Seelen und vornehmen Körpern eingeschrieben ist. eine Art Vornehmheit und Adel. darauf kam es an. Der Sohn des Gardeoffiziers ging über die morschen Stufen nach oben und pfiff leise seinen Walzer. Jeden Abend wurde in weiß-goldenen Räumen im flackernden Falterlicht der Gasleuchter getanzt. denn er war jung. Sie. lustige Epidemie aus. Wien tanzte im Schneefall. als hätte sich in den Zimmern der süße Sirupduft von Eingemachtem verbreitet. Eine große Familie war das. die Zimmer. Wien 58 . Es fiel viel Schnee.Gehorsam im Herzen tragen. In diesem Jahr waren sie zweiundzwanzig Jahre alt. eine Art schuldbewußter Wohligkeit. Man mußte überzeugt sein. Er stand vor den Geschäften der Innenstadt herum. und die Kutscher fuhren die Verliebten lautlos durch die Flocken.

und in der großen Familie wußte jeder insgeheim. als würden die Herzen von den Agenten einer riesigen. Neigungen und Emotionen Ordnung zu halten vermochte. denn es war Fasching. den sie sich im Schneefall vors Gesicht gezogen hatten. Wien war in Stimmung. die Frauen kauerten errötend in Mietskutschen und flogen holzgeheizten Junggesellenwohnungen entgegen. In den muffigen Altstadtschenken mit den hohen Gewölben gab es das beste Bier der Welt. und beim Klang der Mittagsglocken füllte der Duft des Rindsgulaschs die Straßen und verbreitete in den Seelen eine Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit. In der Stunde vor Theaterbeginn trafen sich im Keller von Fürst Ester- 59 . Kroaten und Italiener. Serben. als müßte das friedliche Leben ewig währen. an den Stammtischen saßen Generale und Beamte. und der Aufruhr der Liebe verbreitete sich in der Stadt. sämtliche Gesellschaftsschichten mitreißenden Verschwörung angestachelt und erregt. Deutschen. Tschechen. daß nur der Kaiser unter all den abenteuerlichen Gelüsten. zugleich Wachtmeister und Hoheit. Nachmittags um vier wurde in den Kaffeehäusern das Gaslicht angezündet und der Kaffee mit Schlagobers serviert. ein ungehobelter Klotz und doch der Herrscher. die Ungarn. und ihre Nasen und Augen blitzten hinter dem Schleier. Die Frauen trugen schwarze Pelzmuffs und Hüte mit Federn.und die Monarchie. Kanzlist mit Ärmelschonern und Grandseigneur. der Kaiser. Mährer.

házys Stadtpalais heimlich die Liebhaber des feurigen Weins. jener. die alle Menschen umfaßt. denn um Polen stand es schlecht. und in den rauchigen. Daran dachte der Sohn des Gardeoffiziers. als wollte er sich mit den gewichtigen Worten des schweren Burgunders von den leichten Erinnerungen des Tages und des Abends verabschieden. da es aussah. als er vergnügt und leise pfiff. der in der Wärmenische des weißen Kachelofens stand und von dem der Sohn des Gardeoffiziers jeden Abend vor dem Zubettgehen ein Glas mit bedächtigen Schlucken trank. Neben dem Ofen sprang der Bursche auf. während er mit der anderen Hand schon nach dem französischen Rotwein griff. Tschako und Handschuhe entgegen. schwülen Räumen des Klosterkellers beim Stefansdom tranken polnische Herren aufgeregt und traurig harte Schnäpse. Doch es gab Stunden in diesem Winter in Wien. Im Flur berührte ihn die Wärme des Kachelofens wie ein vertrauter Händedruck. bei Sacher wurden im Separee schon die Tische für die Erzherzöge gedeckt. nahm von seinem Herrn Mantel. und alles war so genau an seinem Platz: Wenn die Erzherzöge ihrerseits ein bißchen ungehobelt waren. als seien alle glücklich. Auch jetzt trug der Bursche die Flasche auf einem Silbertablett hinter ihm her. so waren andererseits die Hauswarte Repräsentanten und heimliche Nutznießer einer Rangordnung. 60 . in Konráds dämmriges Zimmer. Alles war so weiträumig angelegt in dieser Stadt.

Und beide wußten. für ihn war das Militär ein Beruf. Der Sohn des Gardeoffiziers flehte Konrád an. Konrád erklärte ihm. Henrik vom Leben. er könne keinen einzigen Filier annehmen. zerbrechlich und vielfältig wie jede schicksalhafte zwischenmenschliche Beziehung. vor dem Einfluß des Geldes retten. Konrád hatte kein Geld für das Leben. daß es stimmte: Der Sohn des Gardeoffiziers durfte Konrád kein Geld geben. Konrád alterte rasch. vor jedem Anflug von Neid oder Taktlosigkeit bewahren mußten.Manchmal saßen sie bis zum Morgen dort und plauderten. daß jener in die Gesellschaft ging und seinem Rang und Namen gemäß lebte. daß sie ihren Freundschaftsbund. was er damit anfangen solle. der mit einem Rang. Das war nicht leicht. Der Sohn des Gardeoffiziers spürte. Beängstigender war. da er wirklich nicht wisse. Aber nicht das war wichtig. Mit fünfundzwanzig brauchte 61 . während Konrád zu Hause in Hietzing an fünf Abenden in der Woche ein Rührei aß und die aus der Wäscherei zurückkommende Unterwäsche eigenhändig abzählte. daß diese Freundschaft trotz der Geldfrage für ein Leben bewahrt werden mußte. und man mußte es akzeptieren. etwas von seinem Vermögen anzunehmen. Konrád sprach von seinen Lektüren. einer Uniform und den verschiedensten komplizierten und raffinierten Konsequenzen einherging. während der Ofen kalt wurde und der Sohn des Gardeoffiziers die Burgunderflasche bis zum letzten Tropfen leerte.

Mit der Zeit nahmen die nächtlichen Gespräche in Hietzing den Klang von Gesprächen zwischen Meister und Schüler an. während sich sein Famulus in der Welt umtut und dem Leben seine Geheimnisse ablauscht. wenn man den Unterworfenen erkennt. redeten sie lange und leise wie Verschwörer. sprach Konrád in 62 . Das »Anderssein«. kaum spürbaren Anteil an Verachtung: für die. von dem der Vater gesprochen hatte. verziehen sie einander ihre Erbsünden: den Reichtum. verlieh diesem eine Macht über die Seele seines Freundes. die gesellschaftlichen Fortschritte. Und da sie einander gern hatten. beziehungsweise die Armut. nach Rauch und Parfüm riechend. der zu Hause sitzt und über den Sinn der Dinge nachdenkt. die durch Neigung und äußere Umstände vor der Zeit zu Einsamkeit gezwungen sind. versteht und sehr taktvoll verachtet. Wie war diese Macht zu verstehen? In jeder Machtausübung gibt es einen feinen. über die man herrscht. Wenn sein Freund nachts aus Wien und aus der Welt nach Hause kam. Konrád las am liebsten englische Bücher. als wäre Konrád ein Zauberer. über die Geschichte des menschlichen Zusammenlebens. als die Gräfin und Konrád die Polonaise-fantaisie gespielt hatten. Über eine menschliche Seele kann man nur herrschen.er zum Lesen schon eine Brille. Wie alle. Der Sohn des Gardeoffiziers mochte nur Bücher über Pferde und Reisen. ein bißchen zerzaust und jünglingshaft mondän.

klang in seiner Stimme das durstig-leere Schlucken des Sehnsüchtigen mit. doch dem Leben gleichzeitig echte Spannung und inneren Halt verlieh. Nein. die zart. als könnten die Geschehnisse. vermutet. die Tänzerin – in Erinnerung an diesen Namen reibt sich jetzt der General die Augen. Und wenn Konrád überaus freundschaftlich und scherzhaft. in einem Atelier. nur für Kinder und noch ahnungslosere Wesen von Interesse sein. das man nie 63 . Ja. gerührt und gutgelaunt an die Tür der Hietzinger Wohnung klopften. die man drüben. doch eher Veronika. So lebten sie im blendenden Lichtflimmern der Jugend. als wäre er aus tiefem Schlaf aufgeschreckt. die auf Pferderennen versessen war. die Tänzerin. Sie lebte in der Dachwohnung eines uralten Hauses in der Dreihufeisengasse. im Kopf noch Erinnerungsfetzen. Veronika. gleichgültigen und beängstigenden Heimat. am anderen Ufer. leicht verächtlichen und doch auch auf hilflose Art wißbegierigen Ton von der Welt. Und es gab auch Frauenhände. So klopfte eines Tages Veronika an. die junge Witwe eines Stabsarztes. in einer Rolle.einem leicht spöttischen. deren Name Welt ist. aber auch überheblich und beiläufig den Sohn des Gardeoffiziers wegen seiner Erlebnisse in der Welt hänselte. Seine Stimme aber ließ dennoch ein Heimweh spüren: Die Jugend sehnt sich immer und fortwährend nach einer verdächtigen. Und dann Angela. die auch ein Beruf war.

die Tänzerin. dem Hausbesitzer anstelle der Miete zurückgelassen hatte. Die Tänzerin trug einen breitkrempigen Florentinerhut. zuführte. Hier lebte Veronika. Es war in einem Waldgasthof in der Umgebung von Wien. und dann auch noch Tierbilder. ihrer Füße unwürdig. Aus allen Winkeln des großen Raums starrten dem Besucher traurige Schafe entgegen. Daran erinnert er sich jetzt ganz deutlich. halblange weiße gehäkelte Handschuhe. der sie auf handfeste Ziele. Sie waren mit dem Wagen hingefahren. leerem Blick. Schon im Treppenhaus roch es nach ihren starken Duftessenzen. die der frühere Mieter des Ateliers.richtig durchheizen konnte. nach Rosenöl und französischen Parfüms. etwa auf einen Gasthof. wo sich der Raum ihren Übungen und Drehungen gehorsam fügte. ein in der Hüfte enganliegendes rosa Seidenkleid und schwarze Seidenschuhe. An einem Sommerabend gingen sie zu dritt zum Abendessen. Sie trippelte unsicher über den Kiesweg unter den Bäumen. Schafe waren sein Lieblingssujet gewesen. Staubige Makartsträuße schmückten den hallenden Saal. So wie eine Stradivari-Geige für Höheres 64 . ein steirischer Maler. als wäre jeder Schritt auf Erden. Aber nur da vermochte sie zu leben. mit fragendem und wäßrigem. in diesem Atelier. als betrachte er ein Bild durch die Lupe. durch den schweren Laubgeruch der Wälder. Auch in puncto schlechter Geschmack war sie vollkommen. zwischen verstaubten Vorhängen und abgewetzten Möbeln.

in einem langen Reigen vorbeitanzend. Als sie auf der Rückfahrt durch die mondbeschienene Nacht von einem Hügel aus die im weißen Licht schimmernde Stadt erblickten. was die Liebe bedeutet: Sehnsucht. und im Tor des muffigen Innenstadthauses verabschiedeten sie sich mit Handkuß. Blumen. deren einzige Bestimmung nur der Tanz sein konnte. Doch hinter den Frauen. 65 . und die junge Frau lachte viel. bei glasgeschütztem Kerzenlicht. Ein Gefühl. so hütete sie ihre Beine. Es war der Augenblick des Glücks. Stumm begleiteten sie die Tänzerin nach Hause. den Rollen. Sie aßen im Hof eines mit wildem Wein bewachsenen einfachen Landhauses. Und Angela mit den Pferden. das stärker war als alles andere. des unbeschwerten Seins. Veronika. Eifersucht und das Hadern mit der Einsamkeit. mit Blumen im Haar. die Aufhebung der irdischen Beschwerlichkeiten. diese Kunstwerke. Und all die anderen. der traurigen Beschränkungen des Körpers. fiel ihnen Veronika selbstvergessen um den Hals. das nur die Männer kennen: Freundschaft ist sein Name. Diese Frauen hatten den Rausch der ersten Liebesabenteuer in ihr Leben gebracht und all das. Blätter.bestimmt ist als für Kneipenlieder. Bänder und lange Handschuhe hinterlassend. Tranken leichten Rotwein dazu. dem Gesellschaftsleben schwebte ein Gefühl.

der nach einer großen Partie die bunten Spielmarken zerstreut zusammenkehrt. Was hatte das Leben gebracht? Pflichten und Eitelkeit. hob sie aus ihren mit rotweißgrüner Seide ausgeschlagenen Etuis. Gleich einem Kartenspieler. In den letzten Jahren trug er immer diese priesterlich strenge Kleidung. Er zog eine Schublade auf. Er holte die Paradeuniform aus dem Schrank und betrachtete sie lange. Er legte einen schwarzen Anzug an. Er zuckte mit den Schultern. ohne nach dem Diener zu klingeln. silbernen und goldenen Ehrenzeichen in der Hand hielt und betastete. Seit Jahrzehnten hatte er keine Uniform mehr getragen. Er trat an seinen Schreibtisch. holte seine Orden heraus. ließ er die Orden in die Schublade zurückgleiten. band sich die weiße Pikeekrawatte um und fuhr mit einer nassen Bürste durch sein weißes Borstenhaar. erschien ihm das Bild eines Brückenkopfes am Dnjepr oder einer Parade in Wien oder eines Empfangs in der Burg von Buda.8 Der General kleidete sich an. klaubte mit einer 66 . Wie er die bronzenen.

Zwischen den Bäumen ging ein kühler Wind. Er trat ans Fenster und öffnete die Läden. und ein in gelben Samt gebundenes Buch. Der Gast war schon zum Schloß unterwegs. die Silhouette der Stadt. den gelben Weg weit unten. zusammengehalten von einem blauen Band. das Tal. der General hielt es lange in der Hand. auf dessen Deckel in Goldbuchstaben Souvenir geprägt war. einen Packen Briefe. Es war ein alter Revolver mit sechs Kugeln. ältlich zitternden Hand einen winzigen Schlüssel aus seiner Brieftasche und öffnete damit eine lange. die Arme auf der Brust verschränkt. Dann untersuchte er die Waffe. tiefe Schublade. Einem Geheimfach entnahm er verschiedene Gegenstände: einen belgischen Revolver. Während er geschlafen hatte. eingehend und mit Sachkenntnis.unsicheren. Er stand reglos am Fenster. Mit einer beiläufigen Bewegung warf er die Waffe in die Schublade zurück und zuckte mit den Schultern. die feuchten Platanenblätter glänzten fettig. Das in gelben Samt gebundene Buch ließ er in die tiefe Seitentasche seiner Jacke gleiten. den Wald. Er betrachtete die Landschaft. Alle sechs Kugeln an ihrem Platz. Es dämmerte schon. war ein Platzregen gefallen. 67 . Auch das Buch war mit einem blauen Band versehen und zusätzlich mit einem Siegel verschlossen. Seine an große Entfernungen gewöhnten Augen erkannten auf dem Weg den gleichmäßig daherrollenden Wagen.

Er folgte dem sich rasch bewegenden Zielpunkt mit ausdruckslosem Gesicht. der angelegt hat. reglos. und er kniff ein Auge zu wie ein Jäger. .

Es war eine Tradition in der Familie des Generals. der ihm vor den Pinsel geriet. als der General aus seinem Zimmer trat. der diesen Flügel des Schlosses. von Regimentskameraden und berühmten Gästen des Schlosses. die Wohnräume. von früheren Angestellten. auch einen Hausmaler zu beschäftigen: vorbeikommende Wanderporträtisten.9 Es war schon sieben Uhr vorbei. den Majordomus ebenso wie die erfolgreichen Pferde. mit dem Empfangssaal. aber auch bekanntere Maler wie etwa S. Gestützt auf seinen Spazierstock mit Elfenbeinknauf. mit den großen Sälen. ging er mit langsamen. An den Wänden des Gangs hingen goldgerahmte alte Porträts: von Ahnen. von Urgroßvätern und -müttern. Die Urgroßväter und -mütter waren dem Pinsel vagabundierender Gelegenheitskünstler zum Opfer gefallen: Glasigen Blickes schau- 69 . aus Prag. der zur Zeit des Großvaters des Generals acht Jahre hier verbracht und jeden gemalt hatte. dem Musikzimmer und den Salons verband. von Bekannten. gleichmäßigen Schritten den langen Gang entlang.

perückentragende fremde Herren mit genießerischen Lippen. mit Ungarnschnurrbart und geringelter Stirnlocke. Und eines der Porträts seiner Mutter. Zeitgenossen des Gardeoffiziers. Der General ging mit reglosem Ge- 70 . Und wenn sie enttäuscht wurden. Dann folgten ein paar ruhige. das gegebene Wort. ungeeignet für den Umgang mit den Menschen. dafür aber im festen Glauben: an die Ehre. daß auch da ein Bild gehangen hatte. Freunde und Dienstkameraden seines Vaters betrachtete.ten sie in ihren Prunkgewändern von der Wand herab. während er die Porträts der Verwandten. aus blauem. das Schweigen. taubengrauem Hintergrund hervordämmernde menschliche Gesichter. französische Damen mit gepuderter Haartracht. rosarotem. Dann das Bild seines Vaters in der Uniform des Gardeoffiziers. Die meisten schwiegen ein Leben lang. die Männertugenden. was bedeutete. Eine gute Generation. Fremde. ein bißchen eigenbrötlerisch. ernste Männergesichter. hochmütig. Das war eine gute Generation. im schwarzen Feiertagsgewand oder in Paradeuniform. mit einem federnbesteckten Hut. der Pflicht und dem Schweigen wie einem Gelübde ergeben. Dann eine quadratmetergroße leere Fläche: von feinen grauen Linien eingerahmt. die entferntere Verwandtschaft seiner Mutter. und auch an die Frauen. verstummten sie. in der Hand die Peitsche wie eine Zirkusreiterin. dicke. das Alleinsein. dachte der General. Am Ende des Gangs kamen die französischen Porträts.

daß wir das Bild zurückhängen?« fragte sie und zeigte unbeirrt. sondern auch die Bilder an den Wänden. Nicht nur die Möbel. sagte der General vertrauensvoll.« Sie bogen zur großen Treppe ab und blickten in die Vorhalle hinunter. eine frischgestärkte weiße Haube auf dem Kopf. sagte er nach einer kurzen Pause. »Bilder zu verbrennen. »Nein«. du hättest es verbrannt. Dann. Am Ende des Gangs stand die Amme im schwarzen Kleid. daß du es aufbewahrt hast. wo ein Diener und das Zimmermädchen Blumen in die Kristallvasen stellten. Die Amme nickte.sieht an dem leeren Viereck vorüber. mit der Unverblümtheit alter Leute. wie man nur zu seiner Amme sprechen kann. »Darauf kommt es nicht an. auf die Wand.« »Nein«. Auf die leere Stelle.« »Es hat überhaupt keinen Sinn«. In den vergangenen Stunden hatte das Schloß zu leben begonnen wie eine aufgezogene Apparatur. die von ihren Leinenhüllen befreiten Sessel und Sofas lebten auf.« »Willst du nicht. leiser: »Ich habe nicht gewußt. »Ja. die großen schmiedeeisernen 71 . sagte die Amme mit dünner. hoher Stimme. Jetzt kamen schon die Landschaftsbilder. Ich dachte. »Was schaust du an? Die Bilder?« fragte sie. »Ist es noch vorhanden?« fragte der General.

den einst meine Mutter mitgebracht hatte. In der Mitte. »In der blauen Kristallvase standen Dahlien. »Der Lederstuhl da«. Auf einmal schienen die Gegenstände einen Sinn zu haben. denn am Ende des Sommers überzog der kühle Dunst der Stunden nach Mitternacht die Zimmer mit einem feuchten.« »Weißt du das noch so gut?« fragte die Amme blinzelnd. m die Tiefe blickend. Der General betrachtete die große Vorhalle. die Ziergegenstände in den Vitrinen und auf dem Kaminsims. das kann man wohl sagen. sagte er. schienen beweisen zu wollen. wenn es am menschlichen Tun und am menschlichen Schicksal teilnimmt. »hat rechts gestanden. »Da hat Konrád gesessen. dem Kamin gegenüber. 72 .Kerzenhalter. Vor einundvierzig Jahren.« »Wie genau du das weißt«. daß alles auf der Welt nur dann einen Sinn hat. sagte er. beim Feuer. »Ja. Mir gegenüber Krisztina im Lehnstuhl. die Anordnung der Lehnstühle.« Der General lehnte sich ans Treppengeländer.« Die Amme seufzte. die Blumen auf dem Tisch. wenn es die Menschen angeht. saß ich im Florentiner Stuhl. klebrigen Belag. unter der Uhr. den man vor den Kamin gestellt hatte. Im Kamin waren Holzscheite für ein Feuer vorbereitet. »Ja«.« »Du erinnerst dich. sagte die Amme.

eines Augenblicks. mit dem geblümten«. »Krisztina mochte Krebse. Damals gab es auch Krebse«. da sie wie aufgezogene Apparate wieder zum Leben kamen. sagte sie besorgt. Steaks und Salat. die Bedeutung einer Stunde.»Ich erinnere mich«. sagte Nini. an einem einzigen Abend mit lebendigem Sinn erfüllt zu werden und eine neue Bedeutung zu erhalten. als hätten diese toten Gegenstände bis zu jenem Augenblick nur nach den Gesetzen von Holz. Perlhuhn.« 73 . Damals gab es noch Krebse im Bach. »Ist der Tisch mit dem französischen Porzellan gedeckt?« »Ja. »Gut. Jetzt nicht mehr. die eine Erinnerung aufbewahrten. sagte die Amme ruhig. daß es gut wird. erinnerten sich die Gegenstände daran. In jeder Zubereitung. »Sorge dafür.« Er nickte beruhigt. die mächtigen Möbel. sagte er ruhig. Aber vielleicht wird es gut«. das große Empfangszimmer da unten. sagte er leise und schien in die Tiefe hinunterzusprechen. sagte Nini. Metall und Gewebe existiert. Und jetzt. um dann. »Was servierst du dem Gast?« »Forelle«. Und flambiertes Eis. Abends kann ich aus der Stadt keine holen lassen. Jetzt betrachteten sie eine Zeitlang wortlos das sich ihnen bietende Bild. Der Koch hat das schon zehn Jahre nicht mehr gemacht. vor einundvierzig Jahren. »Ja«. »Suppe und Forelle.

»Die Wirklichkeit ist nicht die Wahrheit«. Immer nur einen Schluck zum Braten. Auch Krisztina kannte die Wahrheit nicht. »Du kennst sie genau. erwiderte der General. Und vom Chablis. »Die Wirklichkeit ist nur ein Teil. wie es nur alte Angestellte und Familienmitglieder tun. »Laß vom sechsundachtziger Pommard heraufholen. sagte der General. sagte er laut und unbekümmert darum. Die Amme trat unwillkürlich näher und senkte den Kopf. »Die Wahrheit«.»Gib acht auf die Weine«. sagte die Amme scharf. sagte der General in verschwörerischem Ton. Dann aber schlugen sie die Augen gleich wieder nieder und arbeiteten mechanisch weiter.« »Einen Schluck. so vertraulich. Krisztina trank den halbtrockenen. um besser zu hören.« »Ich kenne sie nicht«. daß der Diener und das Zimmermädchen das Ordnen der Blumen unterbrachen und heraufblickten. Und eine Flasche vom alten Mumm.« Die Amme dachte nach. zum Fisch. eine Magnum. »Davon haben wir nur noch die trockene Sorte. »Gerade die Wahrheit kenne ich nicht.« »Aber die Wirklichkeit kennst du«. Sie mochte den Champagner nicht. Erinnerst du dich?« »Ja.« »Was willst du von diesem Menschen?« fragte die Amme. Vielleicht 74 .

Der General lehnte seinen Stock ans Geländer und begann die Treppe hinunterzusteigen. sagte der General. dem Gast entgegen. Als der Diener und das Zimmermädchen die Halle verlassen hatten und sie oben allein geblieben waren. hat sie nach dir gerufen.. als wärest du verreist. Ich sage es.hat Konrád sie gekannt.« »Du warst da und warst doch nicht da. wo einmal drei Menschen vor dem Kamin gesessen hatten: »Ich muß dir etwas sagen. Auf einer der obersten Stufen blieb er einen Augenblick stehen: »Die Kerzen«. stützte auch die Amme ihre Unterarme auf das Geländer. Und da hat sie nach dir verlangt. Du warst in deinem Zimmer. mit mir allein. »Ich glaube. »Weißt du noch?. als stünden sie auf einem Berg und betrachteten die Aussicht. sagte er und richtete sich auf. Als Krisztina im Sterben lag. Du warst so weit weg. »Ich war ja da. sagte er ruhig. und sie lag im Sterben. Verstummte dann.« Man hörte das Knirschen der Kiesel in der Einfahrt. Nini. sagte er kurz. Die 75 . Sie sprach es ins Zimmer hinunter.« »Ja«. Gegen Morgen. damit du es heute abend weißt.. Und jetzt nehme ich sie ihm weg«. er ist da«. »Die Wahrheit«. dann das Rumpeln der Räder vor dem Portal.« Der General sagte nichts. »Was nimmst du ihm weg?« fragte die Amme. »Gib acht auf die Weine und auch sonst auf alles. sagte er.

schritt er in aufrechter Haltung die Treppe hinunter. »Siehst du. mögen sie brennen. Die große Glastür der Halle ging auf. »Ich habe nie daran gezweifelt«. und er lächelte dazu. sagte die Amme. sagte der Gast leise. »Ich schon«. erwiderte er trotzig. und hinter dem Diener erschien ein alter Mann. Ältlich und feierlich in seinem schwarzen Anzug.« »Daran habe ich mich nicht mehr erinnert«. Sie drückten sich die Hände. . Sind die noch vorhanden? Zündet sie zum Essen an. mit großer Höflichkeit. erwiderte der General ebenso leise.blauen Tafelkerzen. ich bin noch einmal gekommen«.

sagte Konrád ernst. und im kalten Schein der Wandleuchter unterzogen sie einander blinzelnd einer aufmerksamen und fachgerechten Prüfung. »Nein«.10 Sie traten vor den Kamin. auf das Wesentliche konzentriert. »man wird nicht jünger. die schwachen Spuren der Lebensfreude im Gesicht. Wir haben 77 . daß der andere der strengen Prüfung standhielt: Die vergangenen einundvierzig Jahre. hatten sie nicht gebrochen. Konrád war ein paar Monate älter als der General. er hatte im Frühling sein fünfundsiebzigstes Lebensjahrvollendet. die Zeit der Ferne.« Doch beide spürten mit neidvoller. die letzten Anzeichen von Lebenskraft. Die beiden Alten betrachteten einander mit dem Sachverständnis. wie es nur alte Menschen für die körperlichen Phänomene aufbringen: mit großer Aufmerksamkeit. da sie einander nicht sahen und doch täglich und in jeder Stunde um einander wußten. in der Haltung des anderen suchend. aber gleichzeitig freudiger Überraschung.

weil er selbst im Vollbesitz seiner Kräfte hatte zurückkommen können: »Er hat auf mich gewartet. So wie man sich ein Leben lang auf eine einzige Aufgabe vorbereitet.« 78 . Minutenlang schauten sie einander wortlos an. daß er noch einmal würde zurückkommen müssen. habe ich mich dort niedergelassen.. weil der andere frisch und gesund vor ihm stand. Als ich aus den Tropen zurückgekommen bin. Dafür hatten sie gelebt. in der sich Enttäuschung und Genugtuung mischten – Enttäuschung. Konrád hatte gewußt. und man sah ihm an. Offenbar ist er reich. in nüchterne. und der General hatte gewußt. daß er noch heute im Zimmer eingeschlossen lebte und die frische Luft mied.« »Lebst du dort?« »In der Nähe. wie in seiner Jugend. daß sie in den vergangenen Jahrzehnten ihre Lebenskraft aus dem Warten bezogen hatten.« Beide spürten in diesem Augenblick. »Aus London. dachte der General. aber sehr feine Stoffe. Und der Gast dachte mit seltsamer Befriedigung. daß dieser Moment eintreffen würde. »Woher kommst du?« fragte der General. deshalb ist er so stark..« »Wo in den Tropen warst du?. Konrád war auch jetzt bleich. Auch er war dunkel gekleidet. Dann brachte der Diener Absinth und Schnaps. Ich habe in der Nähe von London ein kleines Haus. und Genugtuung.durchgehalten. dachte der General.

»Aber erst am Schluß. Er fühlte sich wie der Jäger.« »Es heißt«. »die Tropen verbrauchen den Menschen und machen ihn alt.« »Sie sind gräßlich«. sagte Konrád. als gehorchte er unwillkürlich einer Anziehung. Die Tropen bringen etwas in einem um. »Unsereins verträgt sie nicht. verbrennen einem das Gewebe. der endlich das Wild in der Falle erblickt. wo er vor einundvierzig Jahren zuletzt gesessen hatte. dem Zauber des Orts –. »Nicht?« fragte der Gast. die es bis dahin achtsam gemieden hatte. da der Freund seinen Platz im Lehnstuhl eingenommen hatte – genau dort.« Er hob eine weiße Hand und zeigte ungenau auf einen Punkt in der Luft. sagte der General und hob das Absinthglas mit einer grüßenden Geste ins Licht. Sie verbrauchen einem die Organe. als er sich neben den Kamin setzte. blinzelte der General erleichtert. wiederholte Konrád. Jetzt.« 79 . Der General verfolgte seine Bewegungen aufmerksam. bei den Malaien. als wollte er den Ort im Weltraum bezeichnen. »Die Tropen sind gräßlich«. an dem er einst gelebt hatte.»In Singapur. in den Lehnstuhl unter der Uhr. Zuvor weit im Innern der Halbinsel. Sei willkommen!« Sie leerten ihre Gläser und setzten sich.« »Dir aber sieht man das nicht an. »Sie nehmen einem zehn Jahre vom Leben. Jetzt war alles am richtigen Ort.

der in der Familie »Florentiner Stuhl« hieß. sagte Konrád ruhig. Er beantwortete die Frage nicht. bis der Diener kam und zum Essen bat. »Und ist es dir gelungen?« »Ich bin schon alt«. den mit französischer Seide bezogenen. »Ja«. Das war vor einundvierzig Jahren abends sein Platz gewesen. dem Kamin gegenüber. sagte Konrád und schaute ins Feuer. So saßen sie wortlos. fragte der General beiläufig und ohne besondere Betonung. »um etwas in dir umzubringen?« Er fragte es in einem höflichen Konversationston. blickten ins Feuer. 80 . Jetzt blickten beide auf den dritten Stuhl. Und auch er setzte sich. wenn er und Krisztina und Konrád da gesessen und geplaudert hatten. leeren.»Bist du deshalb dorthin gegangen«. in den alten Lehnstuhl.

Geld hatte ich keins. Bezahlt hat alles die Kolonialgesellschaft. Im ersten Jahr hat man das Gefühl.« Er sprach von den Tropen. Am Morgen ist der Nebel dichter und heiß. Du erinnerst dich ja. sagte Konrád nach der Forelle. »Zuerst denkst du. Zweiunddreißig. was mit einem und um einen herum geschieht. Man lebt dort in Häusern mit Blechdach. alles. Alle trinken. daß sich der Rhythmus des Lebens verändert hat. da man nicht mehr weiß. als ich dorthin kam. Nachts liegt man auf dem Bett. Der 81 . das Herz schlägt anders. man müsse sterben. und gleichzeitig ist einem alles gleichgültig. Man lebt schneller. daß man nicht mehr der alte ist. etwas in einem brennt. manchmal schon in den ersten Monaten. du könnest dich daran gewöhnen. Monatelang. »Ich war noch jung. Nach kurzer Zeit stumpft man ab. Im dritten Jahr spürt man. als läge man in einem warmen Nebel. Dann kommt der Augenblick. und es ist. die Augen der Menschen sind blutunterlaufen. Manchmal passiert das erst nach fünf Jahren.11 »Es ist so«. Ich bin gleich in die Sümpfe hinaus.

mitten im Sumpf. daß es eine Krankheit ist. die Franzosen. der längere Zeit in den Tropen verbracht hat. Vielleicht liegt es am Wasser.« »Die Engländer auch?« »Die seltener. wenn sie einen bedienen. Ihre höfliche Überheblichkeit. Sie lächeln. mußt du wissen. Zu Hause auf ihrer Insel. Vielleicht an den Pflanzen. und in ihrer Haut.. fünf Jahren genauso wie die anderen. Das sind bloß Legenden. Oxford und Cambridge faulen ab. oder sie bringen sich um. ihre Verschlossenheit. ihren Bewegungen ist eine Geschmeidigkeit. Die Engländer ja. ihre gute Erziehung. Aber auch sie werden von diesem Fieber. die wehren sich. bei Tisch und im Bett. Und doch bin ich überzeugt. aber er ist auch verdächtig. Und doch kann man sich nicht an sie gewöhnen. wie die Belgier. Vielleicht an der Liebe. daß in den 82 . Die nehmen England im Handgepäck mit.. die Golf. dieser Wut angesteckt. Natürlich nicht alle. Ich bin sicher. Man kann sich nicht an diese malaiischen Frauen gewöhnen. die Holländer. Er wird geachtet und geehrt. den Smoking. Es gibt unter ihnen wunderschöne. Bloß findet man die Ursache nicht. Die Tropen nagen ihre Collegesitten weg wie die Lepra die Haut vom menschlichen Körper. Die meisten verrohen nach vier. Viele werden in einem solchen Augenblick zum Mörder. die nicht von einem Bazillus kommt. den Whisky. ist jeder verdächtig.und Tennisplätze. den sie abends im blechgedeckten Haus anziehen.Wutanfall.

»Hast du sie auch bekommen?« »Alle bekommen sie. Weil er die Tropen erlebt hat. die auch etwas Anziehendes hat. Jedenfalls ist er kein einfacher Europäer mehr. Weil er diese beängstigende und unabwehrbare Ansteckungskrankheit in sich trägt. sagte der General. mit allen Orden auf der Brust. der längere Zeit in den Tropen war. wie jede Lebensgefahr. kommt noch billig weg. Man weiß nicht. Die Tropen sind eine Krankheit.« »Ich verstehe«. umsonst in den Clubs von Singapur Whisky getrunken. was in seinem Blut. »Wer nur zum Trinker wird.‹ Jeder. mit zurückgeneigtem Kopf und sachverständigen kleinen Schlucken. der aus den Tropen zurückkommt. Die Leidenschaft lauert dort wie der Tornado in den Wäldern und Bergen jenseits des Sumpfes.Geheimregistern vermerkt wird: ›Tropen. seinen Nerven steckt. ist verdächtig.‹ So wie man schriebe: ›Blutkrankheit. seinem Herzen. Genau deswegen ist für den Insel-Engländer jeder verdächtig. Nicht mehr ganz. Von den Tropenkrankheiten kann man genesen. Vergebens hat er sich die europäischen Zeitschriften kommen lassen. bei den Abendgesellschaften des Gouverneurs erschienen: Er bleibt verdächtig. er ist umsonst von Zeit zu Zeit im Smoking oder in der Uniform. Leidenschaften aller Art.‹ Oder: ›Spionagetätigkeit. von den Tropen nie. denn er hat umsonst Golf und Tennis gespielt. vergebens hat er alles 83 .« Der Gast degustierte den Chablis.

er ist aalglatt und korrekt und wohlerzogen.« Und als der andere schwieg: »Ich denke. um es zu erzählen. anmutige Allegorien des Nordens. Vor dem General steht der Westen. Vergebens hat er sich die seltsamen.. vier Meisterwerke aus Sevres: kunstvolle. seit Jahrzehnten niemand mehr gespeist hat. Er benimmt sich zu steif. sagte der General und hob sein Glas mit dem Weißwein ins Licht. Ostens und Westens. In ihm drinnen aber sieht es anders aus.« Sie sitzen am langen Tisch. was in diesem Weltteil in den letzten Jahren oder Jahrhunderten gedacht und geschrieben wurde.« »Aber trotzdem«. auf die der Weiße in den Tropen unter seinesgleichen so achtet wie der Trinker auf sein Benehmen in Gesellschaft. wo seit Krisztinas Tod kein Gast gesessen. du bist heute abend gekommen. und der Saal wirkt wie ein Museum. damit man ihm die Leidenschaft nicht anmerkt. im großen Speisesaal. Die Wände sind von einer alten französischen Täfelung bedeckt. vor Konrád der 84 . Den Blumenschmuck fassen vier Porzellanstatuen ein. in der Mitte der mit weißem Damast gedeckten Fläche. die Möbel stammen aus Versailles. umständlichen Manieren erhalten. Orchideen in Kristallvasen. Sie sitzen an den beiden Enden des langen Tisches. »sag doch. zwischen ihnen. was drinnen ist. Südens. in dem Möbel und Gebrauchsgegenstände einer verflossenen Zeit gezeigt werden.gelesen..

Die Lüfte des Sommerabends kommen zuweilen durch die Fenster herein. Die Flügeltüren sind nicht ganz geschlossen. ein Elefant. Kerzenhalter aus Porzellan stehen in Reihen auf dem Tisch. nur mit seinen Blicken. Sonst leuchten nur noch verborgene Lichter in den vier Ecken des Raums. An der Mitte des langen Tisches mit den Blumen und den Kerzen steht. wenn sie in diesem Saal spei- 85 . flackernder Flamme. Im Kamin aus grauem Marmor lodert das Holzfeuer schwarzrot. im schwarzen Gehrock. ein schwarzgesichtiger Mensch im Burnus hüten auf der handtellergroßen Fläche gemeinsam und friedlich irgend etwas. Der Majordomus. noch ein gobelinbezogener Stuhl. Vor dem fehlenden Gedeck steht die Allegorie des Südens: Ein Löwe. Die Kerzen brennen mit hoher. Das war der Platz Krisztinas. der Frau des Generals. und jedesmal. wacht reglos über den Serviertisch im Hintergrund. durch die dünnen Vorhänge sieht man die mondbeleuchtete Landschaft und die flimmernden Lichter des Städtchens. Den französischen Brauch hatte noch die Mutter des Generals hier heimisch gemacht.Osten: ein grinsender kleiner Sarazene mit Palme und Kamel. mit dicken blauen Kirchenkerzen. heute abend in Kniehosen und schwarzem Frack französisch gekleidet. die grauen Seidenvorhänge nicht ganz zugezogen. vom Kamm abgewandt. er dirigiert die Diener. das Zimmer ist halbdunkel.

das goldene Besteck. daß die Diener im entsprechenden Gewand auftraten und servierten.sten – dessen Möbel.« »Nichts ist natürlicher«. die Gläser. erwidert der General höflich. »Vor vierzig 86 . »Ja. weit auseinander. schon lange«. »Du warst also in Wien. die Kristallvasen und die Wandtäfelung aus der Heimat der fremden Frau stammten –. der während des Essens nachgedacht hat. weil ich in Wien war. mit feinen Bewegungen. die beiden Alten in dem großen Saal. sagt Konrád. der die Tropen und die Leidenschaft kennengelernt hat. ein großes Erlebnis gewesen sein. Ist es schon lange her. antwortet Konrád. Im Saal ist es so still. und doch klingen ihre Stimmen: Streichinstrumenten ähnlich lassen die mit altem Holz getäfelten Wände auch halblaute Worte schwingen. »Nein«. ja auch die Teller. daß sogar das leise Knistern der brennenden Scheite zu hören ist. Jetzt legt er die Gabel hin. Das ist doch nur natürlich. Sie reden gedämpft. »Ich bin gekommen.« Er ißt hastig. hatte sie verlangt. Der Gast blickt vom anderen Tischende mißtrauisch zu ihm. weil ich dich noch einmal sehen wollte. in seiner Stimme nicht der geringste Beiklang von Spott. aber mit der Gier des Alters. Das muß für dich. Ein bißchen verloren sitzen sie da. beugt sich etwas vor und ruft fast in Richtung des weit weg sitzenden Gastgebers: »Ich bin gekommen. seit du zuletzt in Wien warst?« Er fragt es höflich.

»Damals. »Wien«. lebe man. »Weil du Wien und dieses Haus sehen wolltest? Oder hast du auf dem Kontinent geschäftlich zu tun?« »Ich habe überhaupt nichts mehr zu tun«.. sagt der Gast. »Für mich war das die Stimmgabel für die Welt. sagt er unsicher. wie du. »Und was hast du jetzt in Wien vorgefunden?« »Die Veränderung«. Er sagt es gelassen. sagt er. unwillkürlich und verlegen stockend. sagt Konrád.« »Bist du deswegen aufgebrochen?« fragt der General. Damals. Empfindest du es nicht auch so ?« »Ich bin es schon leid«.. Nur in den französischen Häfen habe ich ein paar Stunden verbracht.«. als ich auf dem Weg nach Singapur war. »wenn man dieses Alter erreicht habe. ermutigendem Ton. bis man es leid sei.« »Es heißt«. »In meinem Alter und in meiner Situation findet man überall nur noch die Veränderung. Und dieses Haus.« »Ich verstehe«. Dieses Wort – Wien – aussprechen war 87 . antwortet Konrád. ohne besondere Betonung. sagt der General in höflichem. sagt der General. deswegen bin ich hier. Bald werde ich sterben. »Ich bin fünfundsiebzig Jahre alt. ich war vierzig Jahre nicht mehr auf dem europäischen Kontinent. Nun gut. Deswegen bin ich aufgebrochen. auf der Fahrt von Singapur nach London. Aber ich habe Wien noch einmal sehen wollen.Jahren.

Denn Wien war nicht nur eine Stadt. Ich vernahm seine Stimme immer. was der andere. das große weiße Treppenhaus mit der Barockstatue. war nicht meine Art Mensch. An das alles erinnerte ich mich deutlich. und ich wollte es noch einmal sehen«. Und auch Wien war wie ein Freund. aber ich war nicht allein. was ich liebte. Das winterliche Wien und das frühlingshafte. fast verschämt. den man entweder für immer in seiner Seele trägt oder eben nicht. Du weißt. Die morgendlichen Ausritte in den Prater. in den Tropen. denn ich hatte einen Freund. Ich war arm. von diesem Ton vernahm. Und auch sonst. mit dem ich gerade sprach. sagt Konrád achselzuckend. Die Schimmel der Hofreitschule. wenn es regnete. »Die Veränderung. Die Alleen von Schönbrunn. sondern auch ein Ton.wie eine Stimmgabel anschlagen und dann horchen. »Eine Stadt«.« 88 . Das blaue Licht im Schlafsaal der Anstalt. »Und was hast du nach einundvierzig Jahren gefunden?« fragt der General noch einmal. steckte in Wien in den Steinen. Wer nicht antworten konnte. Damit prüfte ich die Menschen. Manchmal ist mir im Urwald der muffige Geruch des Torwegs im Hietzinger Haus eingefallen. so wie reine Gefühle in einem Herzen leben. sagt er leise. Die Musik und alles. im Blick und Benehmen der Menschen. wenn die Gefühle nicht mehr weh tun. Das war in meinem Leben das Schönste.

»war es sowieso eine Zeit. den Dienst zu quittieren.« »Ja«. Da bin ich zum zweiten Mal in die Tro- 89 . Die Revolution. dafür sei ich zu jung.« »Nur gehört? Wir haben es durchlebt«. mich umzusehen. Man hatte Verständnis. Ich habe meinem Vater versprochen. »Dann bin ich eben doch hiergeblieben. Im übrigen«. sagt der andere jetzt. Da habe ich demissioniert. sagt der General streng. sagt der Gast.« »Bist du in den letzten Jahren nicht gereist?« »Wenig. Allerdings habe ich mich früh pensionieren lassen. den Rotwein einzuschenken. meine Zeit abzudienen.»Hier wenigstens«. du weißt ja. Eine Zeitlang dachte ich daran. Als ich fünfzig war. Ich hatte das Gefühl. »wirst du kaum enttäuscht werden. etwas oder jemanden zu finden. Bei uns hat sich nicht viel geändert. Man versteift sich. so wie du. er bedeutet dem Diener. ja. wird verstockt. »Nur so viel. Und in die Welt hinauszufahren. in der der Dienst keine Freude mehr machte. Der Dienst. Der Umsturz. wie es der Dienst verlangte. sagt der General. »Siebzehn. der General in die Kerzenflamme. »Vielleicht nicht nur gehört«. wollte man mir eine Armee anvertrauen. Deshalb bin ich geblieben.« Sie schauen einander nicht an: Der Gast starrt in sein Glas mit dem gelblichen Getränk. »davon habe ich gehört.« Der General blickt in die Kerzenflamme. das schon.

pen gefahren. So etwas verstehen sie. Eines Tages aber. bis zu den Hüften schlammig. Es war völlig unbe- 90 . Ich arbeitete in den Sümpfen. haben sie die Arbeit niedergelegt. Ohne den geringsten Anlaß. Den Umständen entsprechend. noch die Versorgung. die Äxte und die Hacken. So wie es dort sein mußte. Und verlangten das und jenes. aber sie sind die besten. aber man hatte Verständnis dafür. Sie wollten eine Lohnaufbesserung. mit chinesischen und malaiischen Kulis. Und eines Tages anno Siebzehn sagen sie mittags um zwölf. ohne Zeitungen und Radio. daß ich nicht gegen meine alte Heimat kämpfen konnte. Sie verspielen alles. Dort wußten wir von gar nichts. Die chinesischen sind die besten. Wochenreisen entfernt von allen Nachrichten aus der Welt. Mittags um zwölf. Deshalb durfte ich in die Tropen zurückkehren. mit nacktem Oberkörper. In der Weit draußen wütete der Krieg. Den Gutsbesitzern solle die Disziplinargewalt weggenommen werden. Nichts um sie herum war anders geworden. am wenigsten konnten die Kulis etwas wissen. weder die Arbeitsbedingungen noch die Ordnung. mitten im Sumpf. Auch kein Radio. und sagten: genug. Da war ich schon englischer Staatsbürger. sie arbeiten nicht mehr weiter. Längere Arbeitspausen. viertausend Kulis. Ein Telephon gab es nicht. Es war weder gut noch schlecht. Wir wohnten inmitten des Urwalds im Sumpf. Sie kamen aus dem Dschungel hervor. und legten das Werkzeug nieder.

»Meinst du?« fragt der General. daß er Lenin hieß. daß Krisztina gestorben ist?« fragt der General tonlos. antwortet der andere. In London erfuhren sie es am selben Tag wie meine Kulis im Urwald ohne Radio und Telephon. Aber sie sitzt ja nicht da. erfährt man auch ohne Apparate. die es erfuhren. Wo mag sie sein? Doch wohl nur im Grab. »Woher weißt du. Ein Mensch. von dem man nur wußte. Hast du es gespürt wie deine Kulis die Revolution?« »Habe ich es gespürt?« sagt der Gast. »Du hast in den Tropen gelebt. den Bolschewismus im Gepäck. warst einundvierzig Jahre nicht mehr auf dem Kontinent. »Ich weiß es«.greiflich. Ich war einer der ersten auf der Halbinsel.« »Was hast du auf der Halbinsel erfahren?« fragt der General und beugt sich vor. Am Nachmittag bin ich nach Singapur geritten.« 91 . sei in einem plombierten Eisenbahnwagen nach Hause zurückgekehrt. daß in Rußland die Revolution ausgebrochen war. »Vielleicht. Dann aber habe ich es verstanden. Viertausend Kulis verwandelten sich vor meinen Augen in viertausend braune und gelbe Teufel. was in sie gefahren war. »Wann ist Krisztina gestorben?« fragt er unvermittelt. Was einem wichtig ist. Es war unbegreiflich. »Ich habe erfahren. Dort habe ich es dann erfahren.

« »Ist sie schon vor langer Zeit gestorben?« »Acht Jahre nachdem du weggegangen warst. sagt der General. in der Nähe der Gewächshäuser. »In den Tropen ist sie häufig. Sowie sie es gewünscht hat. wäre sie heute dreiundsechzig. sagt Konrád fachmännisch.« »Möglich«. Sie wäre eine alte Frau. sagt der General. daß sie auch in Europa ziemlich häufig vorkommt. und das Blutbild reagiert darauf. Ich verstehe nichts davon. und seine blutleeren Lippen und sein weißes künstliches Gebiß bewegen sich wie beim Kauen oder Zählen.« »Woran ist sie gestorben?« »An Blutarmut. so wie wir alte Männer sind.« »Acht Jahre danach«. Auch die Malaien quacksalbern fortwährend. »Mit dreißig Jahren. Eine ziemlich seltene Krankheit. »Warst du da noch im Dienst?« 92 . wie es hieß.« »Ich auch nicht viel. Man wird allmählich zum Quacksalber. »Wäre sie noch am Leben. sagt der Gast. Nur hat man in den Tropen ständig körperliche Probleme. »Möglich. »Sie liegt im Garten.« Jetzt rechnet er schon halblaut.« »Gar nicht so selten«. sagt er schließlich so ungerührt. Sie ist also neunzehnhundertsieben gestorben«. Die Lebensbedingungen verändern sich.»Ja«. wenn sich die Lebensbedingungen verändern. als hätte er die ganze Zeit darüber nachgedacht und endlich das Resultat berechnet.« »Ja.

»Ja. Auch hier in Europa ist das Leben abenteuerlich«. Vor allem der letzte Winter. sagt der General zustimmend. Was ist von alledem geblieben? Das geheimnisvolle Bindemittel. »hat aufgehört zu existieren. sagt er lächelnd. mag sein. Höchstens seine Papiere.. dieses Haus und die Kaserne in der Stadt. welches das Ganze zusammenhielt. Ich habe sogar daran gedacht. daß ich manchmal daran gelitten habe.« »Das«.« Der Gast nickt zustimmend. Meine Heimat war Polen und Wien.« »Wie war es?« »Der Krieg?« Der General blickt steif auf den Gast.. »haben beim Regiment einige auch gedacht. sagt Konrád verlegen.« »Nein«. sagt der Gast. Wahrscheinlich hattest du anderes zu tun«. man kann seine Heimat überhaupt nicht wechseln. 93 . »Abenteuerlich?. »Ich glaube. »Du kannst es mir glauben. »So gräßlich wie die Tropen. Galizien und Chopin. Ja. heimzukommen und mich beim Regiment zu melden. nicht zu Hause zu sein. sagt der General ruhig und höflich. aber auch sehr bestimmt. »Ich war englischer Staatsbürger«. Meinst du nicht auch?« »Meine Heimat«. Ich habe während des ganzen Kriegs gedient. sagt er ermutigend. »Man kann seine Heimat nicht alle Jahrzehnte wechseln. Doch dann bist du nicht gekommen. Im Norden. während ihr euch schlagt.

worauf wir geschworen haben. Zum Gedenken an den Tag hat mein Vater in einem Teil des Kellers diesen Wein gelagert.wirkt nicht mehr. Das ist viele Jahre her. sind weggegangen. Das ist alles. was ich sagen kann. weil ich auf sie geschworen habe. Sie lebt. heben sie schweigend das Glas und leeren es. was ich sagen kann. 94 .« »Für mich lebt diese Welt noch. »In die Zeit. Meine Heimat war ein Gefühl. Sechsundachtziger Lese. du bist Soldat geblieben«. erwidert der Gast. Dieses Gefühl ist verletzt worden. auch wenn sie in Wirklichkeit nicht mehr existiert. Alles ist in seine Bestandteile zerfallen. »an dessen Jahrgang du dich vielleicht noch erinnerst.« »Das. Das ist alles. haben aufgegeben. sagt der Gast sehr ernst und hebt seinerseits das Glas. Es ist ein alter Tropfen. sagt der General und hebt sein Glas mit dem tiefroten Getränk.« »Das ist ein Wein«. »Alle sind gestorben. In die Tropen oder noch weiter. für die zu leben und zu sterben es sich lohnte. gibt es nicht mehr«. das Jahr unseres Soldateneids. Diese Welt ist tot. Die neue geht mich nichts an.« »Wohin noch weiter?« fragt der General kalt. worauf wir geschworen haben. Da muß man weggehen. Jeder an seinem Tischende. fast ein ganzes Leben. Es gab eine Welt.« »Ja.

als hätten sie das Wesentliche. du würdest zurückkommen. weil du wohl einen wichtigen Grund dafür hattest. mit Verlaub. muß ich gestehen. Und mehrere vom Regiment. weil wir wußten. »haben wir lange geglaubt. aber wir haben uns damit abgefunden. war für uns ein Schicksal. Wir staunten nicht. Alle hier haben auf dich gewartet. Oder schreiben. sagt der General freundlich. daß für dich alles schwerer war als für uns. das Spannungsgeladene schon besprochen und plauderten jetzt.« 95 . Was für dich ein Zustand war. warum du weggegangen bist. Du warst. Das haben einige von uns gedacht. ein bißchen ein Sonderling. war für uns eine Berufung. Alle waren deine Freunde. als du diese Verkleidung abgeworfen hast. Wir haben dir das verziehen. Und auch Krisztina. du würdest eines Tages zurückkommen. Wir wußten.12 »Nachdem du weggegangen bist«. so auch ich. Aber wir dachten. daß für dich die Musik wichtiger ist. Was für dich eine Verkleidung war. Wir haben nicht verstanden. die wirklichen Soldaten. falls du dich erinnerst.

« »Nein«. Als wir das letzte Mal hier gegessen haben.»Ich erinnere mich nur noch vage«.« »Ja«. mit halb zugekniffenen Augen blinzelnd. Sie saß da. Er starrt vor sich hin. Das Wichtige vergißt man nie. »Seit einiger Zeit erinnere ich mich nur noch an das Wesentliche. das wirft man weg wie die Träume. vor Krisztina der Süden. in der Mitte. du hast wohl viel erlebt. als ich schon um einiges älter war. sagt der andere.« »An Wien und an dieses Haus«. Ans Regiment erinnere ich mich nicht«. sagt er störrisch. willst du das sagen?.. »Ja.« »Zum Beispiel an Wien und an dieses Haus. Von großen Ereignissen stellt sich nach zehn. Und vor mir der Westen. sagt der Gast gleichgültig. »Die Erinnerung trennt auf wundersame Art die Spreu vom Weizen. Auch damals stand diese Dekoration auf dem Tisch. Da vergißt man rasch. In der Welt draußen. Und dann erinnert man sich eines Tages an eine Jagd oder an eine Stelle in einem Buch oder an dieses Zimmer. zwanzig Jahren heraus. wiederholt der Gast mechanisch. »Die Welt ist nichts. »Vor dir stand der Osten. sagt der General.. Das habe ich erst später gemerkt.« 96 . waren wir zu dritt. Krisztina lebte noch. Das Nebensächliche gibt es nicht. daß sie in einem drin nichts bewirkt haben.

schaut sie dich lächelnd an. Aber das hilft nichts: Du weißt. Dann wird man nervös. fühlt man diesen Blick wie eine unheilvolle Strahlung. diese stummen Viecher. Alles ist feucht. und starren dich durch die Wände hindurch an. ruhigen Augen schauen sie einen an. die Malaien singen. Sie haben große braune Augen wie die tibetanischen Hunde. die du zu dir genommen hast.« »Ja. Alles ist klebrig. »Ich erinnere mich an alles. Dieser Regen«. die Bettlaken.»Du erinnerst dich sogar an die Einzelheiten?« fragt der Gast erstaunt. Daran habe ich auch manchmal gedacht. wenn es regnete. Der Sumpf dampft. leimig. der Regen ist warm. Wenn du sie schlägst. Mit solchen glänzenden. Die Frau. in einem anderen Zimmer. als wolle er das Thema wechseln. Du sitzt im Haus. in den Tropen. Sie können stundenlang so sitzen und einen anstarren. Sie halten gewissermaßen das Ganze zusammen. das Brot. die Unterwäsche. Zuerst achtet man nicht darauf. sitzt reglos in einer Ecke des Zimmers und schaut dich an. der Tabak in der Blechdose. »monatelang. die Bücher. die Einzelheiten sind manchmal sehr wichtig. verkleben das Grundmaterial der Erinnerung. und wo immer man geht. die einen verfolgt. Trommelt auf das Blechdach wie ein Maschinengewehr. lächelt sie. Wenn du sie weg- 97 . sagt er. die unterwürfigsten Tiere auf der ganzen weiten Welt. Wenn du sie anschreist. sie sitzen woanders. aus dem Zimmer zu gehen. befiehlt ihnen.

Mit der Zeit wird man müde. Es regnet. setzt sie sich auf die Schwelle des Hauses und schaut herein. aber der Regen sitzt neben einem und spielt mit. nach Art der alten Leute. sondern eine feierliche. Man möchte Klavier spielen. Sie bekommen fortwährend Kinder. aufmerksam und mit mächtigem Appetit. So stark wie eine Berührung. trinkt auch Schnaps und raucht süßen Tabak. Da muß man sie zurückrufen. eine Priesterin. Als hättest du ein Tier. trinkt Schnaps. Man altert rasch. Es ist zum Verrücktwerden. sagt nicht viel. aber irgendwie regnet es ins Buch hinein. raucht süßen Tabak. Man möchte lesen. fragt der General höflich. am wenigsten sie selbst. die Buchstaben ergeben keinen Sinn. ins eifrige Kauen versunken. aber davon spricht niemand. Als würde man fortwährend gestreichelt.schickst. eine Zauberin und eine Fanatikerin in einer Person bei dir. für die das Essen nicht mehr nur einfache Nahrungsaufnahme ist. daß es auch den Stärksten zermürbt. die dampfende Helle. Dann kommt die Trockenheit. archaische Handlung. und doch wirklich. Wie zum Kräftesammeln. denn dieses Schauen ist so stark. man hört nur den Regen. »zuweilen die Polonaise-fantaisie gespielt?« Sie verzehren jetzt die Steaks. so kauen und schlucken sie. viel Schnaps. Man sitzt in seinem Zimmer. Dann wird auch das gleichgültig. eine Mörderin. auf diese Weise aufmerk- 98 . nicht im wörtlichen Sinn.« »Hast du in den Tropen«. Manchmal kommt jemand.

auszusaugen und sich zunutze zu machen. Vom vielen Essen und Trinken sind sie beide erhitzt. 99 . Mein Vater hat erzählt. Sie essen ein bißchen schmatzend und mit einer so ernsten. denn dieser balanciert gerade mit weißbehandschuhten Händen eine große Platte. jede Faser des Fleisches gründlich zu zerkauen. mit blaugelben Alkoholflammen brennend. anderthalb Liter. Der General kostet davon und schiebt das Glas weg. als wäre es wichtiger. Das war die Gästeportion. sagt der General und blickt auf den Wein. als hätten sie keine Zeit mehr. im halb durchgebratenen Fleisch. daß er mehr Rotwein möchte. Blinzelnd verfolgt der Gast dieses Manöver. Für das Tun braucht es Kraft. auf die Tischmanieren zu achten. Ein Pint. »Zu meines Großvaters Zeiten«. und die findet sich auch in den Speisen. Die Diener schenken dem Gast und dem Hausherrn Champagner ein. aber auch so wie die Stammesältesten beim Fest: unaufhaltsam. »stand neben jedem Gast ein Pint Tischwein. In seiner Ecke verfolgt der Majordomus die Bewegungen des Dieners mit besorgten Blicken. Tischwein. die Lebenskraft. Die beiden Alten riechen fachmännisch an der blaßgelben Flüssigkeit aus der fast kindergroßen Flasche. Er macht ein Zeichen. Sie essen zwar mit feinen Bewegungen. im dunklen Wein. unverdrossen.sam. die in diesem Stoff steckt. ehrfürchtigen Hingabe. Darauf Schokoladeeis.

links von ihm der Pfarrer. Tischwein hieß er eben. »Da hatte noch alles seine Ordnung«. sagt Konrád.« »Ja«. »Rechts von ihm saß meine Mutter. Geschlafen hat er oben. sagt er leise und greisenhaft. fast schon kindlich in seinem Erinnern. als wäre ihm das Wichtigste wieder eingefallen. Auch deshalb ist es gut. im gelben Zimmer. in den Tropen. Das war die Trinkordnung beim König. sagt er ganz ernst. in diesem Zimmer hat er gesessen. »Du hast mit meiner Mutter die Polonaise-fantaisie gespielt. sagt er. Vor jedem Gast eine Karaffe. Hier. Der Gast denkt nach: »Nein«. nicht mehr gespielt?« fragt er noch einmal. darüber kann man mit niemandem mehr sprechen.« 100 . Weißt du. Und nach dem Essen hat er mit meiner Mutter getanzt«. Hast du sie später. Die offiziellen Weine wurden separat eingeschenkt. In den Tropen ist man empfindlicher. rot und mit Verdauen beschäftigt. sagt der General beiläufig und zeigt mit dem Blick den Platz des Königs an der Tischmitte. am Ehrenplatz. »Siehst du.daß auch vor den Gästen des Königs in Kristallkaraffen Tischwein stand. wie er mochte. »Hier hat er gesessen«. daß du noch einmal zurückgekommen bist«. diese Musik berührt in mir sehr vieles. »Chopin habe ich in den Tropen nie gespielt. fügt er gleichgültig hinzu. weil er dort stand und der Gast soviel trinken konnte.

Im Saal ist es warm geworden. ein schwefelgelber Blitz durchschneidet die Nacht wie ein goldener Dolch den Körper des Opfers. daß auch die Stadt dunkel ist. die Fensterflügel. schon hat er einige der erschreckt flackernden Kerzen gelöscht. im Dunkeln herumtastend. Licht kommt nur vom Feuer im Kamm und von zwei Kerzen. dann wird es plötzlich ganz dunkel. Das Blut in ihren verkalkten Arterien fließt wärmer. auch der schwere Kristallüster gerät in Bewegung wie auf einem Schiff im Sturm. 101 . Der Himmel wird für einen Augenblick hell. Feierliche der ersten halben Stunde verflogen. die Vorhänge beginnen zu flattern. Der Majordomus eilt zum Fenster und schließt mit der Hilfe zweier Diener. ist das Unbehagliche. Schon schlägt der Sturm im Zimmer um sich. die Lüfte des Sommerabends bewegen die grauen Vorhänge an den halboffenen Fenstern. Der Blitz hat das städtische Elektrizitätswerk getroffen. sagt der General. »könnten wir drüben trinken.« In diesem Augenblick reißt ein Windstoß die Fenster auf. »Den Kaffee«. da sie gegessen und getrunken haben. Dann bringen die Lakaien andere Leuchter. die noch brennen. Da sehen sie.Jetzt. Sie essen Trauben und Mispeln. die Adern an Schläfen und Stirn treten hervor. Die Diener bringen Früchte aus dem Gewächshaus. Sie sitzen schweigend im Dunkeln.

die einen bauchigen. Ein Lakai weist ihnen mit hoch erhobenem Leuchter den Weg. Aus dem Ofen strömt gleichmäßig die Wärme der Holzscheite. auf das Ofensims stellt er einen silbernen Leuchter mit dicken Kirchenkerzen. dazu Zigarren und Schnaps. Und schweigen und lassen sich wärmen.»Drüben«. das Kerzenlicht tanzt über ihren Köpfen. Der Lakai stellt den Kaffee auf ein Tischchen. Die Tür ist jetzt geschlossen. 102 . dessen Mobiliar einzig aus dem geöffneten Flügel und drei Sesseln besteht. Sie zünden sich beide eine Zigarre an. warmen Porzellanofen umgeben. Hierhin setzen sie sich und blicken durch die bodenlangen weißen Vorhänge auf die dunkle Landschaft. von Blitzschlag und Dunkelheit offenbar ungerührt. Sie sind allein. wiederholt der General. Stumm und ein wenig schwankend wie Schatten an der Wand gehen sie in diesem gespenstischen Schein vom Eßzimmer durch kalte Salons in ein Zimmer.

vielleicht nicht einmal soviel. Es verbrennt das Gewebe des Lebens wie eine schädliche Strahlung. weil ich nicht anders konnte. Mit dem Leben und mit allem. zwei Jahre noch. wie es zwischen dir und mir lauert... Denn in einem Geheimnis. nicht wahr?. Und ich habe auf dich gewartet. ist eine besondere Kraft. Es zwingt einen zu leben. Das weißt auch du genau. gleichzeitig gibt es ihm aber auch Spannkraft und Temperatur. Du hattest in den Tropen Zeit. daß wir uns noch einmal treffen werden – und daß dann Schluß ist.. 103 .. Und beide haben wir gewußt.13 »Wir leben nicht mehr lange«. Einundvierzig Jahre sind eine lange Zeit. Solange man auf Erden noch zu tun hat. Wir leben nicht mehr lange. »Ein. was unserem Dasein Inhalt und Spannung verliehen hat. darüber nachzudenken. Du hast es dir gut überlegt. sagt der General unvermittelt. als spräche er die Schlußfolgerung eines stummen Streitgesprächs aus. denn du bist zurückgekommen. weil du nicht anders konntest. Aber dann bist du zurückgekommen. und später dann in deinem Haus bei London.

erlebt habe. um einen herum fliegt alles in die Luft. Auch die Einsamkeit ist recht seltsam. Ich kenne alle ihre Spielarten. die alten Freunde weichen einem aus. man sucht und findet Streit. oder auch ohne. die im Lauf einsamer Jahre in der Seele entsteht. mit einer Waffe in der Hand. Vielleicht rennt man gegen eine Wand. Auch die Einsamkeit ist geheimnisvoll wie der Dschungel«. während du in den Tropen und in der Welt draußen warst. wenn ein Mensch diese Aufwallung. wiederholt er hartnäckig. in sich zurückdrängt.lebt man.. die man mit der genauen Lebensordnung vergeblich bekämpft. was fast gefährlicher ist. Vielleicht wird man im Laufen niedergeschlagen wie ein räudiger. und bricht sich sämtliche Knochen. Schlimmer ist es. die Kumpane. Dann die plötzlichen Ausbrüche. kauft sich Frauen. Was tut er 104 . Man geht in eine Großstadt.. das ist noch nicht das Schlimmste. einen starren Blick in den Augen. Ich will dir sagen. Die Langeweile. allein. Man hat ein Haus. Niemanden umbringt. Und. zuweilen voller Gefahren und Überraschungen wie ein Urwald. Und eines Tages rennt man aus alledem hinaus. gegen die Hindernisse des Lebens. und eines Tages wird man zum Amokläufer wie deine Malaien. Und nirgendshin rennt. wie gesagt.. Titel und einen Rang und eine peinlich genaue Lebensweise. was ich in den vergangenen einundvierzig Jahren im Wald.. Man rennt in die Welt hinaus. »Man lebt einer genauen Ordnung gemäß. tollwütiger Hund.

Und er übt täglich. Ein Mensch. der seine Seele und sein Schicksal der Einsamkeit verschrieben hat. was ihn in die Einsamkeit gezwungen hat. hält Ordnung. der ihn in diesen Zustand versetzt hat. denn er hat seinen Glauben. daß er der Einsamkeit und der Zeit nicht erlaubt. Und blickt auf die Asche seiner Zigarre.. nach einer heidnischen. wie alles im Leben. Auf den Tag oder die Stunde. das die vollkommene Vorbereitung lohnt. »Diese Erwartung erhält einen am Leben. vermag nicht zu glauben. Denn es gibt im Leben ein Duell. hätte ich mich wahr- 105 . wartet. »Ich freue mich. daß er im Duell unterliegt. für den Fall. Lebt wie ein Mönch. Auf diesen Augenblick bereitet er sich während zehn oder vierzig oder genauer einundvierzig Jahren vor wie auf ein Duell. Wie denkst du darüber?« fragt er höflich.dann? Er lebt. Er bringt seine Angelegenheiten in Ordnung. daß auch du so denkst«. so wie es die professionellen Haudegen tun. da er alles. daß du eines Tages zurückkommen wirst. sein Herz und seine Seele aufzuweichen. ihn zu benebeln. weltlichen Ordnung . »Genauso«.. Wobei es für den Mönch leicht ist. damit. sagt der Gast. Auch sie hat natürlich ihre Grenzen. Er kann nur warten. Womit übt er? Mit den Erinnerungen. sagt der General. eins ohne Säbel. Wenn ich nicht gewußt hätte. noch einmal mit denen oder mit dem besprechen kann. Das ist das Gefährlichste. Eines Tages aber ist der Augenblick da.

auch ohne Radio und Telephon. aufrührerische. In meinem Haus gibt es kein Telephon. die ich erkannt und aus meinem Leben ausgeschlossen habe. nur der Verwalter im Büro unten hat eins. das stimmt. um dich zu suchen. Ich bin ohne Vorankündigung weggegangen. Neue Weltordnungen mögen die Lebensform aufheben. aggressive Kräfte mögen mir Freiheit und Leben nehmen. daß ich mit der Welt. die es abzuwarten gilt. Gewiß hast du gespürt und verstanden. Wichtig ist. Mir kann die Welt nichts mehr anhaben.scheinlich selbst auf den Weg gemacht. nicht feilsche. Jetzt ist der Augenblick gekommen. schmutzigen Lärm der Welt in die Zimmer läßt. daß es so richtig war. und dazu hatte ich ein Recht. Und vielleicht auch einen Grund. daß ich nicht anders konnte. denn alles hat seine Zeit und seine Ordnung. denn ich habe verboten. und ein Radio habe ich auch nicht. Ich habe es abgewartet. Denn ich hätte dich gesucht. daß du eines Tages noch einmal zu mir kommen wirst. in deinem Haus bei London oder in den Tropen oder im letzten Loch der Hölle. in denen ich wohne. »Ich bin weggegangen. daß man den dummen. Es ist alles gleichgültig. das weißt du genau.« »Was willst du damit sagen?« fragt Konrád. in der ich geboren wurde und gelebt habe. ohne mich zu verabschieden. Und doch habe ich ohne zeitgemäße Hilfsmittel gewußt.« 106 . Offenbar weiß man die wirklich entscheidenden Dinge. Du hast recht. man weiß sie.

es der Reihe nach zu tun. Ich will es also erzählen. für ihn war nichts so wichtig wie dieses Wort. Darüber grüble ich seit geraumer Weile. ›Ehrt diese Freundschaft‹. und mein Vater gab dir die Hand. »Gerade darum geht es. sagt man. da ich dich im Garten der Anstalt meinem Vater vorstellte. daß es für dich nicht angenehm wäre. denke ich viel an die Kindheit. Gegen Ende erinnert man sich deutlicher an den Anfang. ›Du bist der Freund meines Sohnes‹. Er betrachtet den Gast mit stechendem Blick wie einen Gegenstand. hat er ernst hinzugefügt.. hat er gesagt.« Und da der andere schweigt: »Jetzt. der Wagen wartet. weil du mein Freund warst. Sei ganz beruhigt.»Daß du nicht anders konntest?« fragt der General und schaut auf. Doch was er sagte. Seit einundvierzig Jahren. wenn du gehen möchtest. wenn ich mich nicht täusche. wenn du nicht willst. Ich glaube. Wir standen unter den Kastanien der großen Auffahrt.. du brauchst nicht hier zu schlafen. Er hat dich damals als seinen Freund angenommen. im Alter. Sei ganz unbesorgt. galt bis zum Tod. Und als der andere abwinkt: »Ganz 107 . kannst du die Nacht hier verbringen«. Ich sehe den Augenblick. Und mir Mühe geben.. er fährt dich jederzeit in die Stadt zurück. Danke. Das sei normal. sagt er beiläufig. Erinnerst du dich an diesen Augenblick?. Er nahm nicht so rasch jemanden als seinen Freund an. Ich sehe Gesichter und höre Stimmen. Ich könnte mir vorstellen. Hörst du mir zu?.. Doch wenn du es wünschst.

was im Leben wichtig war. Er hat selten jemandem die Hand gegeben. Der Wagen wartet. sagt der Gast. Auf diese Art hat er dir die Hand gegeben. »Wir könnten auch von anderem sprechen. Ich habe also damit begonnen. Du weißt genau. denen die Sonne nicht mehr scheint. antwortet der General lebhafter. oder in die Tropen. Verzeih mir. Vorher aber hör mich an. in Not und Leid. unter den Kastanien. Ich sehe ihn manchmal nachts mit aller Deutlichkeit. Er bringt dich in die Stadt zurück. Da waren wir zwölf Jahre alt. Und laß mich dir auch sagen. in dein Haus bei London. im Hof der Anstalt. und am Morgen magst du wegfahren. auf ihn zählen konnte. dem er die Hand gegeben hatte. sagt er leise und fast mit Wärme.wie du möchtest. wollen wir nur noch von der Wahrheit sprechen. du wußtest genau. Doch wenn du schon da bist. oder wohin auch immer. Zwei alte Freunde. daß der. in allen Schicksalsschlägen des Lebens. Aber wenn. 108 . dann ohne Vorbehalt. wenn dir vielleicht unbehaglich wird von dem. daß es für mich vielleicht sogar noch mehr bedeutete. Für meinen Vater bedeutete das Wort ›Freundschaft‹ dasselbe wie Ehre. du kanntest ihn ja. »Danke«. daß dich mein Vater als seinen Freund annahm. das stimmt.« »Ich höre«. so wie alles. erinnern sich an vieles. Es war der letzte Augenblick der Kindheit. was das bei ihm bedeutete. was ich da erzähle«. Das wußtest du genau.

All das ist nicht Freundschaft. als wolle er sich entschuldigen.»Es ist mir nicht unbehaglich«. Manchmal denke ich fast schon. Und doch ist es Eros.. sie sei die stärkste Verbindung im Leben und deshalb so selten. »ob es so etwas wie Freundschaft überhaupt gibt. Hier im Wald.. schales Wort. Die Freundschaft ist natürlich etwas anderes als die Angelegenheiten krankhaft veranlagter Menschen. Vielleicht gibt es in der Tiefe einer jeden zwischenmenschlichen Beziehung ein Fünkchen Eros. sagt er. 109 . als diskutiere er mit sich selbst. weil sie in einem Abschnitt ihres Lebens über bestimmte Dinge gleich denken. in jeder zwischenmenschlichen Beziehung lebt der Eros. in meiner Einsamkeit. Sympathie? Oder vielleicht doch etwas anderes. mit der sich zwei Menschen begegnen. sagt er.« »Es wäre gut zu wissen«. Und was liegt ihr zugrunde? Die Sympathie? Ein leeres. Weißt du. zu schwach. Für den Eros der Freundschaft braucht es den Körper nicht. weil sie einen ähnlichen Geschmack. »Erzähl. ich habe viel gelesen«.. um auszudrücken. sagt Konrád ebenso leise. ähnliche Bedürfnisse haben. Ich meine jetzt nicht die Gelegenheitsfreude. daß zwei Menschen in den schweren Momenten des Lebens füreinander einstehen.. die mit Gleichgeschlechtlichen eine Art von Befriedigung suchen. der würde eher stören als erregen. habe ich das hin und wieder gedacht. In jeder Liebe. als ich die Dinge des Lebens zu verstehen suchte.

. daß auch die Tiere sie kennen. Es gibt zwischen Tieren Freundschaft. Die Sympathien. Hilfsbereitschaft.. Ein russischer Herzog hat darüber geschrieben . ist die edelste Beziehung. Ich habe seinen Namen vergessen.. Bisweilen kämpfen sie dabei mit Mühe gegen die Hindernisse an.. ich habe selbst gesehen. Aber auch Plato habe ich immer wieder gelesen.. Es gibt Löwen und Auerhähne und noch andere Lebewesen verschiedenster Gattung. erstickten am Ende alle im Sumpf der Eitelkeit 110 . Interessant ist. Die Lebewesen organisieren die gegenseitige Hilfe. In der Tierwelt habe ich dafür Hunderte von Beispielen gesehen. der in der Welt herumgekommen ist. die den in Not geratenen Artgenossen zu Hilfe kommen.. ja. die es zwischen muttergeborenen Lebewesen geben kann. Oder besser gesagt. die ich zwischen Menschen entstehen sah. so dachte ich – du. Selbstlosigkeit. wie sie manchmal sogar artfremden Tieren helfen.»Heute wird darüber viel freier geschrieben. in jeder lebendigen Gemeinschaft. kein einziges. hilfsbereite Wesen. Dort ist die Freundschaft bestimmt etwas anderes. zeitgemäßer als bei uns in unserer zurückgebliebenen Welt. weißt darüber bestimmt besser und umfassender Bescheid als ich in meiner dörflichen Einsamkeit –. fortgeschrittener. aber es gibt immer starke. Hast du im Ausland je so etwas erlebt?. Unter den Menschen nicht so viele. Die Freundschaft. denn in der Schule hatte ich ihn noch nicht verstanden.

seine Beständigkeit liebt? Was sind die Arten von Liebe wert. Mensch zu sein? Und wenn ein Freund versagt. seine Treue. den treulosen Freund genauso zu akzeptieren wie den treuen. die sie später allerdings bereuen. den er als Freund erwählt hat. lassen sich die Menschen gern zu Vertraulichkeiten hinreißen. Kameradschaft und Kumpanei sehen bisweilen nach Freundschaft aus. weil er kein richtiger Freund ist. er sieht den Menschen. darf man dann seinen Charakter. Und hätte es ohne eine solche Idee einen Wert zu leben. die ihnen aber eine Zeitlang als Spielarten der Freundschaft erscheinen mögen. die vom anderen nichts. in der man den anderen für seine Tugenden. Gemeinsame Interessen können zwischenmenschliche Situationen schaffen. Das alles ist natürlich nicht das Wahre. die mit Treue rechnen? Ist es nicht unsere Pflicht. Wie der Liebende. Vielmehr stellt man es sich so vor – mein Vater tat es noch –. diese Selbstlosigkeit. die der Freundschaft gleichen. Und auch um der Einsamkeit zu entfliehen.und des Egoismus. seine Schwäche anklagen? Was ist eine Freundschaft wert. er sieht seine Fehler und akzeptiert ihn mitsamt allen Folgen. Das wäre die Idee. rein gar nichts fordert und erwartet? Und um so weniger er- 111 . so erwartet auch der Freund keinen Lohn für seine Gefühle. daß die Freundschaft ein Dienst ist. nicht in einem illusorischen Licht. der sich aufopfert? Ist nicht das der wahre Gehalt einer jeden menschlichen Beziehung. Er will keine Gegendienste.

nämlich das blinde. Aber gibt es überhaupt jemanden. Natürlich gab die Einsamkeit keine Antwort. der Betrogene und Verlassene? Siehst du. und wenn er dann sehen muß. die alles rundheraus sagen. jüdischer und antiker Denker. leidenschaftliche Vertrauen. Auch die Bücher gaben keine vollständige Antwort. Die Zeit verging. daß der andere treulos und gemein ist. er werde durch 112 . worauf jede Erinnerung antwortete. nachdem ich allem zurückgeblieben war.wartet. nachdem ich eines Tages begonnen hatte. und das Leben um mich herum wurde dämmrig. er. der je die Wahrheit ausgesprochen. je mehr er selbst gibt? Und wenn er dem anderen das Vertrauen einer ganzen Jugendzeit schenkt und dann die Opferbereitschaft eines ganzen Mannesalters und am Schluß das Höchste. noch die neuen. Die Bücher und die Erinnerungen häuften und verdichteten sich. daß der Mensch vergeblich die wahre Natur der Beziehungen kennenlerne.. bedingungslose. das ein Mensch dem anderen geben kann. Auch darüber habe ich lange nachgedacht. wobei es eher um das runde Sagen als um das Sagen der Wahrheit geht. Weder die alten Bücher. wenn er nach Rache schreit. die Werke chinesischer. in meiner Seele und in den Büchern zu forschen.. darf er dann aufbegehren und Rache wollen? Und wenn er aufbegehrt. Und in jedem Buch war ein Körnchen Wahrheit. niedergeschrieben hat?. ist er dann ein wahrer Freund gewesen. mit solchen theoretischen Fragen habe ich mich beschäftigt.

nicht einmal dann. Und deshalb haben wir kein Recht. fragt der Gast. disziplinierten Bewegung. In der Absicht ist alles. 113 . daß dieser Freund untreu war. von der Religion bestimmten Rechtsordnungen. So und so ist es geschehen. Die Tatsachen sprechen. Das und das ist geschehen.« »Bist du ganz sicher«. Am Ende ist alles geschehen. Dann und dann ist es geschehen. Doch zuweilen sind die Tatsachen nur armselige Folgeerscheinungen. sondern mit der Absicht. was man tut. Das zu erfahren ist nicht schwer. Er sagt: »Denn es gibt eine Tatsachenwahrheit. vom anderen bedingungslose Ehrlichkeit und Treue zu verlangen. im unruhigen Kerzenlicht wirken sie klein. und das läßt sich nicht mißverstehen. »daß dieser Freund untreu gewesen ist?« Jetzt schweigen sie lange. »Deswegen bist du da. »Ich bin nicht ganz sicher«. sagt der General. wenn die Geschehnisse gezeigt haben.solche Erkenntnisse doch nicht klüger. Im Halbdunkel. wie man zu sagen pflegt. kaum sichtbar m dem Licht.« Er lehnt sich in seinem Sessel zurück und verschränkt die Arme mit einer ruhigen. Darüber reden wir. gegen Lebensende schreien die Tatsachen ihre Geständnisse lauter heraus als die Angeklagten auf der Folterbank. die hinter diesem Tun steckt. zwei zusammengeschrumpfte Greise blicken sich an. Die großen. alten. Man macht sich nicht mit dem schuldig.

wissen und verkünden das.« »Du sprichst von Flucht«. Ich habe keine schmutzigen Schulden zurückgelassen. Ein Mensch kann eine Treulosigkeit.die ich studiert habe. sagt der General nickend. ja auch das Schlimmste. Die Handlung ist noch nicht die Wahrheit. »Das ist ein starkes Wort. Nur die Wahrheit vermag zu antworten. Die Tatsache deiner Flucht ist leicht zu verstehen. sagt er ernst und richtet sich ein wenig auf. Sie ist immer nur eine Folge. daß ich in den vergangenen einundvierzig Jahren jede Möglichkeit erwogen habe. »Mag sein. Du kannst mir glauben. Dem Zittern seiner Stimme ist aber anzuhören. sagt Konrád. man muß auch das kennen. ich hatte niemandem etwas versprochen und dann nicht eingehalten. und wenn man eines Tages als Richter auftreten und ein Urteil sprechen muß. nicht ganz ehrlich ist. ein starkes Wort«. Schließlich und endlich war ich niemandem etwas schuldig. eine Gemeinheit. Ich hatte meinen Rang ordnungsgemäß aufgegeben. Keine einzige Erwägung führte zu einer Antwort. Ihr Motiv nicht. was die Juristen das Motiv nennen. um mir diesen unverständlichen Schritt zu erklären. daß die Aufwallung. Flucht. daß das Wort zu stark ist«. einen Mord. darf man sich nicht mit den Tatsachen aus dem Polizeirapport begnügen. begehen und dabei schuldlos bleiben. die düster mitschwingt. »Aber wenn du das Geschehen aus 114 .

Und doch wußtest du an dem Julitag – du siehst. ein milderes zu finden. gleichmäßiger Stimme fort: »Selbstverständlich gehorchte der Bursche meinem Befehl. Am Abend ging ich in deine Wohnung. unter besonderen Umständen. es war ein Mittwoch –. Aber irgendwie vermochte ich die Realität nicht zu glauben. Dann fährt er mit ruhiger. als du den Dienst hier in der Stadt versehen hast.der Distanz betrachtest. wenn du willst. wo mich nur noch dein Bursche empfing. Natürlich warst du weder deinem Schneider noch den Wucherern in der Stadt etwas schuldig. mußt du zugeben.. lehnt sich zurück und bedeckt mit der Hand die Augen. daß es nicht leicht ist. als du die Stadt verlassen hast.« Er verstummt. als blicke er in die Vergangenheit. in dem Zimmer.. und stimmt auch nicht. daß eine Schuld zurückblieb. Du sagst. weil ich gehört hatte. Verzeih die taktlose Neugier. ich erinnere mich sogar noch an den Tag. mich allein zu lassen. Ich ging zu deiner Wohnung. Ich bat ihn. wo du in den letzten Jahren gelebt hattest. du seist niemandem etwas schuldig gewesen. daß du verreist warst. Das stimmt. konnte nicht glauben. daß der Mensch. wo du gewohnt hast. Auch darüber können wir einmal sprechen. Ich hatte es beim Einbruch der Dunkelheit erfahren. Auch mir hast du weder Geld noch etwas Versprochenes geschuldet. mit dem ich einen großen Teil meines Lebens ver- 115 . Ich war allein in dem Zimmer. es blieb ihm ja nichts anderes übrig. Ich habe mir alles gut angeschaut.

auch wenn der eine in London lebt und der andere weit 116 . was du getan hattest.bracht hatte. Und denen ein seltsames Naturgesetz befiehlt. du seist verrückt geworden oder man sei hinter dir her. vielleicht ist er schwer krank. Ja. diese seltsamen Wesen. das heißt genau vierundzwanzig Jahre. gleichzeitig zu erkranken. die durch eine Laune der Natur auf Leben und Tod miteinander verbunden sind. wie sie nur die Zwillinge kennen. das alles schien mir damals ein geringeres Vergehen als das. Du weißt ja. Zwillinge. vielleicht hattest du Karten gespielt oder dich gegen das Regiment. die Fahne. der Jugend und des Mannesalters. du bist weggelaufen. sogar noch der letzte Verrat an den Idealen der Welt. oder ich hoffte. Ich gab mir Mühe. Solches hoffte ich. und an der gleichen Krankheit. die noch als Erwachsene. nachdem du ein paar Stunden zuvor noch mit uns zusammengewesen warst. im Schloß oben. Alles wäre mir als Rechtfertigung und Erklärung erschienen. die schönsten Jahre der Kindheit. in Vertrauen und geschwisterlicher Vertrautheit. alles voneinander wissen. mit Krisztina und mir. wie ein Dieb. ich dachte. Du bist weggelaufen wie ein Betrüger. dein Wort oder deine Ehre vergangen. Nur eines konnte ich nicht verstehen: daß du dich an mir versündigt hattest. noch in der Entfernung. daß dieser Mensch geflohen war. es zu rechtfertigen. wundere dich nicht. wo wir lange Jahre hindurch die Stunden des Tages und manchmal auch der Nacht gemeinsam verbracht hatten.

eine Gallenkolik oder eine Blinddarmentzündung. sie leben in verschiedenen Verhältnissen. das Wesentliche wissen sie doch voneinander. Daran dachte ich. Und der eine mag vor dem anderen fliehen. er kommt ohne die geheime. wie man allgemein glaubt. Die beiden Körper sind einander organisch verbunden wie im Mutterleib... wobei sie die gleichen Überlebenschancen haben. Und sie lieben oder hassen dieselben Menschen. als ich in 117 . des Geschmacks. Und der eine mag einen neuen Freund oder eine Geliebte nehmen. Eine merkwürdige Identität der Neigungen.weg. Das Schicksal solcher Menschen vollzieht sich auf parallel verlaufenden Wegen. was er will. sie ernähren sich unterschiedlich. sie schreiben einander nicht.. Das gibt es. Und der eine mag dem andern antun. Nicht häufig.. der Sympathie. in einem fremden Land. Und manchmal habe ich sogar gedacht. des Temperaments und der Bildung verbindet zwei Menschen im selben Schicksal. beiläufig. und sei es in die Tropen. sie haben doch ein gemeinsames Los. in der Natur. ungeschriebene Erlaubnis des anderen von ihrer Gemeinsamkeit nicht los. Sie reden nicht miteinander. der andere mag noch soweit weggehen. daß die Freundschaft eben eine solche Verbindung ist – wie die schicksalhafte Zusammengehörigkeit von Zwillingen. Und doch bekommen sie im Alter von dreißig oder vierzig Jahren die gleiche Krankheit. Aber vielleicht auch nicht so selten. zwischen ihnen Tausende von Kilometern.

Wenn ich mich recht erinnere. Es war eigentlich gar kein Diwan. »Das Fenster ging auf den Garten. Der Diwan war groß.deinem Zimmer stand. »Kommt es auf die Wörter nicht an? Das würde ich nicht zu behaupten wagen. da du schon angefangen hast.« »Meinst du?« fragt der General mit harmlosem Interesse. am Stadtrand. so etwas konnte man in unserer Gegend nicht kaufen. wie sie in Rauchzimmern zu stehen pflegen. daß du ihn hattest anfertigen lassen. am Tag deiner Flucht. und man sah ihm an. die man sagt oder verschweigt oder schreibt. ich sehe. sehe noch die Möbel. in einer verlassenen Gegend. rieche noch den Duft des schweren englischen Tabaks. daß es auf die Wörter. die Reiterbilder an den Wänden. daß ich dich besuche. sondern eher ein französisches Bett. sagt der Gast. Du wolltest nie.« »Mach nur weiter«. daß ich dort gewesen bin.. »Auf Wörter kommt es nicht an. Zuweilen scheint es mir schon. Und auch an einen bordeauxroten Ledersessel erinnere ich mich. ein Haus mit Garten. daß du ein Haus gemietet hattest.. für zwei Personen. den Diwan mit dem großen Orientteppich. sehr wohl ankommt. Du hattest es drei Jahre vor deiner Flucht gemietet – verzeih. Und nur nebenbei hast du erwähnt. Ich sehe diesen Augenblick ganz deutlich vor mir. Es war das erste und das letzte Mal. wenn 118 .« Er blickt dem Rauch nach. daß du das Wort nicht gern hörst. Mach weiter.

für diese Wohnung. sagt er jetzt bestimmt. Diese Wohnung war. Vielleicht empfandest du sie als ärmlich. »Deshalb dachte ich. das du gemietet und eingerichtet und mir nie gezeigt hast. Und ich traue meinen Augen nicht.. und auch ich hatte zuweilen das Gefühl. Die Armen. das glaube ich«. sagt er bestimmt.. es sei unverzeihlich. war das Geld. Du warst ein sehr stolzer Mensch«. mich den finanziellen Unterschied zwischen uns fühlen zu lassen.. vielleicht schämst du dich der einfachen Möbel. daß ich reich bin. Nun. Das Vermögen. Ich war da hineingeboren worden. Ja. ich weiß das jetzt. wie du ja weißt. das uns in unserer Jugend trennte. dessen ständiger Gast du warst. eines Tages stehe ich doch in dem Heim. sagt er mit seltsamer Befriedigung. ein 119 . du versteckst vielleicht die Wohnung vor mir. die du möbliert hattest. Sie war nicht groß.nicht sogar ausschließlich auf sie. du schämtest dich vor mir. Später im Leben habe ich sogar daran gedacht. vor allem die Armen der höheren Gesellschaftsschicht.. Du warst stolz und konntest mir nicht verzeihen. hatte etwas völlig Übertriebenes . aber dein Hochmut war wirklich grenzenlos. Und du hast immer peinlich darauf geachtet. daß man Reichtum vielleicht wirklich nicht verzeihen kann. ich dachte.. verzeihen nicht«... Eine dumme Vermutung. ein Kunstwerk. dem reichen Mann. »Du hattest mich nie in diese Wohnung eingeladen. und ungeladen konnte ich dich nicht besuchen. Um ehrlich zu sein. »Das einzige..

alte Bronzen und Silber. Und in der Mitte des unteren Zimmers der Flügel. umgetauscht in Möbel und Bilder. und daß es dir gehören würde. was schön und edel ist: Vorhänge und Teppiche. in der du unter uns gelebt hattest. heimlich geschaffen hat- 120 . Ich weiß. Ich begriff. Und wie ein Pirat hast du hier alles gehortet. daß du tatsächlich ein Künstler bist. Hier also war das Gut. ein Soldat warst du nie – und ich konnte die tiefe Einsamkeit nachfühlen. mit altem Brokat bedeckt. und du hattest auch von deinen polnischen Verwandten geerbt. Kristalle und Möbel. dieses ungewöhnliche Zuhause. in jenen Jahren starb deine Mutter. seltene Stoffe. als man dich aus Liebe und Ehrgeiz zum Militär gab.. daß du unter uns gelebt und doch nicht zu uns gehört hast. und alles so. zwei kleine im oberen Stock. daß du dieses Kunstwerk. Du hast einmal ein Gut an der russischen Grenze erwähnt. wie sich nur ein Künstler einzurichten vermag. wie sehr du unter uns anderen Menschen ein Fremder warst. Zimmer und Garten. Da habe ich begriffen. Ich begriff. in diesen drei Zimmern.. Und wie sehr man sich an dir versündigt hat. Dieses Zuhause aber war dein Versteck. Die gibt es in dieser Gegend nur in meinem Gewächshaus. Nein. die der Welt entsagt hatten.geräumiges Zimmer im Erdgeschoß. darauf eine Kristallvase mit drei Orchideen. doch Möbel. Ich bin durch die Zimmer gegangen und habe mir alles gründlich angeschaut. Und ich begriff auch. so wie im Mittelalter die Burg oder das Kloster für jene.

. Solche Fragen lauten: Wer bist du?. Wo warst du treu. als diktiere er einem Polizisten den Hergang eines Unfalls in die Feder. »Die Wohnung war wie eine Verkleidung. Wo warst du tapfer und wo feige?. »Das alles habe ich zwischen den erlesenen Möbeln der verlassenen Wohnung begriffen. nämlich mit deinem Leben. sagt er. So lauten diese Fragen.. die einem die Welt so hartnäckig gestellt hat.. Was konntest du wirklich?..test. was man unterdessen sagt. Und in dem Augenblick trat Krisztina ein. ehrlich oder verlogen. Wichtig ist.. Die wichtigen Fragen beantwortet man letztlich immer mit seinem ganzen Leben... mit welchen Worten und Prinzipien man sich verteidigt? Am Ende. daß man am Ende mit seinem 121 . Was wolltest du wirklich?. wo untreu?. um nur für dich und deine Kunst zu leben. um es vor der Welt zu verstecken. Oder war für dich vielleicht die Uniform eine Verkleidung? Das kannst nur du beantworten. das ist aber nicht so wichtig. Und man antwortet. als dulde er keinen Widerspruch. Denn du bist ein Künstler. sagt er. und vielleicht hättest du ein Werk schaffen können«. beantwortet man mit den Tatsachen seines Lebens die Fragen. da alles vorbei ist. wie man kann. »Ich stand vor dem Klavier und betrachtete die Orchideen«.« Er verschränkt die Arme über der Brust und spricht so leidenschaftslos und gelassen. hast du tatsächlich geantwortet. Spielt es eine Rolle.. am Ende von allem. trotzig und mit großem Kraftaufwand. und jetzt...

Ohne Abschied. wenn auch nicht ganz ohne. Man weiß selten. den Wagen zu nehmen. Das war die eine Frage. Was hatte ich am Vortag. soviel ist schon klar. an dem du von uns weggegangen bist? Welche Botschaft trieb mich. das war bereits der Abschied. Ich hingegen habe sie getragen. sogar Nini – erinnerst du dich an die alte Amme? Sie wußte alles von uns. eine Meldung erhalten. Die andere: Was warst du für mich? Warst du mein Freund? Schließlich bist du geflohen. sie lebt noch... Sie lebt wie 122 . dessen Sinn mir erst später aufging. solange der Dienst und die Welt es von mir verlangten. Ob sie noch lebt ? Ja.. du hast dich nicht verabschiedet. weil sie dir als Verkleidung vorkam. einen Wink. dich in deiner Wohnung aufzusuchen. welches Wort oder welche Handlung eine endgültige.. hast keine Nachricht hinterlassen. erfahren? War da nicht etwas verlorengegangen?. und auch ich habe geantwortet. es schwiegen alle. auf ihre Art. gerade an dem Tag. Hatte ich nicht eine vertrauliche Nachricht.. wohin du mich nie eingeladen hattest. denn am Vortag war auf der Jagd etwas geschehen. schnell in die Stadt zu fahren. Du hast die Uniform abgelegt. nicht rückgängig zu machende Veränderung in den zwischenmenschlichen Beziehungen ankündigt. Warum bin ich denn an jenem Tag in deine Wohnung gegangen? Du hast mich nicht gerufen..ganzen Leben antwortet. die da aber schon leer war?. auf der Jagd. Was suchte ich dort. daß du deine Flucht vorbereitest ?. Nein.

. den noch mein Urgroßvater gepflanzt hat. Du 123 . »Die letzte große Jagd in diesem Wald. Dann verstummt er. Du jagtest mit einem verächtlichen Gesichtsausdruck. »Es war eine schöne Jagd«. Damals gab es noch Jäger.und standesgemäße Pflicht. ich hatte es auf der Jagd erfahren«. richtige Jäger. Gäste.. Die echte Jagd. Ich selbst habe damals zum letzten Mal in meinem Wald gejagt. Ja. das war etwas anderes. Seither kommen nur noch Sonntagsjäger. denn du warst nie ein Jäger. Vielleicht gibt es sie heute noch. ihre Zeit. »Was hast du auf der Jagd erfahren?« fragt Konrád. die sie leben muß. Du kannst das nicht verstehen. da die Zeit reif ist. Für dich war auch das nur eine Pflicht. Und auch das Gewehr trugst du nachlässig wie einen Spazierstock. da alles herauskommt.der Baum da vor dem Fenster. Aber auch sie hat nichts gesagt. Sie hat es gewußt. als durchlebe er in Gedanken die Einzelheiten einer heben Erinnerung. der sich einer gesellschaftlichen Formalität beugt. eine berufs. so wie das Reiten und das Gesellschaftsleben. du und ich und alle. die vom Gutsverwalter empfangen werden und im Wald herumballern. ich weiß es nicht. Sie hat ihre Zeit wie alle Lebewesen. da alles seinen Ort findet. versunken in der Erinnerung und gleichsam sich selbst eine oft gestellte Frage beantwortend. aber nur wie jemand. Du warst Jäger. daß es der Augenblick war. Und doch wußte ich. Ich war in jenen Tagen ganz allein. sagt er. sagt der General fast schon mit warmer Stimme.

ihr Stolz.. denn dieser Abend hat keine Fortsetzung. in Bagdad waren wir Gäste einer arabischen Familie. um sich für etwas zu rächen. die hinter allen Rollen. Man tötet. und vielleicht kommen nach ihm nicht mehr viele Abende und Tage. der Weitgereiste. Das muß so sein. ihre Spiele und das 124 . an dem es keinen Wert hat. die Disziplin ihrer Körper und die Selbstsicherheit ihrer Bewegungen.. Wir bereisten die arabischen Länder. man tötet.. »Das ist jetzt der Abend. um etwas zu beschützen. die geheimste Leidenschaft eines Männerlebens. daß auch ich vor langer Zeit einmal im Orient gewesen bin. der noch einen besonderen Sinn hätte. sagt er streng und sachlich. Wir sind Menschen. um etwas zu erhalten.. bestimmt weißt. auf meiner Hochzeitsreise mit Krisztina.. Vielleicht erinnerst du dich. du hättest nie etwas Lebendiges getötet. uns ist aufgetragen zu töten. in deiner Seele hatten sich diese niedrigen. ihre Leidenschaftlichkeit und Ruhe. Kleidern und Verfeinerungen in einem Mann drinsteckt. Du lächelst?. was du. ihre Haltung. man tötet. Du denkst vielleicht. Du lächelst verächtlich? Du warst ein Künstler.. rohen Instinkte wohl verfeinert?..kennst diese sonderbare Leidenschaft nicht. von anderem als vom Wesentlichen und von der Wahrheit zu sprechen. Ihr Hochmut. Diese Leidenschaft ist die Lust am Töten. es kommt bestimmt keiner mehr. so tief wie das ewige Feuer im Erdinnern.. Das sind die vornehmsten Menschen. Das ist nicht so sicher«. Ich meine.

.Blitzen ihrer Augen. hartnäckige Nichtstun. in einem palastartigen Haus. Vielleicht sind sie deshalb so stolz.. Kennst du sie? Der große Hof.. das alles spiegelt ein altes Standesbewußtsein. Ich verstehe nichts davon. Bis dahin hatten sie uns mehr oder weniger auf europäische Art bewirtet.. dank der Empfehlung unseres Botschafters waren wir Gäste jener Familie. Diese kühlen. tief in der arabischen Welt. dort. daß der andere gleichen Blutes. Kulturen. da der Mensch im Durcheinander der Schöpfung zum ersten Mal zu seinem hohen Rang erwacht ist. hinter dem Lebenslust und Leidenschaft lauern wie die Schlange hinter dem reglosen. daß die Menschen dort vornehm sind. dieses gierig Spielerische in jeder Bewegung. wir wohnten bei Einheimischen. so spürte ich in jenen Wochen im Orient. Dieses würdige. Dieses Schlendern. Und wie man eben ohne äußere Anzeichen spürt.. eines von der anderen Art. Vom Stolz aber verstehe ich etwas. in dem sich das Leben der Familie und des Stammes abspielt. Ich weiß es nicht.. noch vor der Entstehung von Völkern. Parlament und Tempelvorhof in einem. Stämmen. gleichen Ranges ist. Einer Theorie gemäß ist das Menschengeschlecht in jener Gegend entstanden. weißen Häuser. sonnenbeschienenen Gestein. Wochenmarkt. die schmutzigsten Kameltreiber eingerechnet. zu Beginn der Zeiten. das noch aus der Zeit stammt. der Hausherr war 125 . An einem Abend luden sie uns zu Ehren Gäste ein. arabische Gäste. Wie gesagt.

mit dieser Bewegung wurden in den alten Tempeln die Opfer vor dem Altar. Nach gängigem Wissen begann das Menschsein damit. es ist eine orientalische Bewegung. ein weißes Lamm. In den Gästezimmern standen englische Möbel. mit dem beißenden Rauch. Eine solche Bewegung läßt sich nicht lernen. Krisztina war die einzige Frau unter uns. nur Männer.... die ich nicht vergessen kann.. die Badewanne war aus reinem Silber.. vor dem Götzen oder dem Bildnis der Gottheit getötet. der aus dem Dung von Kamelen entsteht. nämlich das Opfer. als er ihn opfern wollte. als es noch etwas Wesentliches bedeutete. Eine uralte Bewegung. Alle ließen sich schweigend darum herum nieder. In der Mitte des Hofs loderte schon das Feuer. Die Gäste trafen nach Sonnenuntergang ein. der Hausherr nahm sein Messer und stach es ab. Dann wurde ein Lamm gebracht. da das Töten noch eine symbolische und religiöse Bedeutung hatte. mit einer Bewegung.Richter und Schmuggler. nach dem Zwischenzustand zwischen Mensch und Tier.. aus der Zeit. die Herren mit ihren Dienern. So erhob Abraham das Messer über Isaak. An dem Abend aber bekamen wir etwas zu sehen. einer der wohlhabendsten Männer der Stadt. Im Orient ist sie jedem Menschen angeboren. und mit dieser Bewegung wurde Johannes dem Täufer der Kopf abgeschlagen. daß man seinen Daumen abwinkein und also die Waffe oder das Werkzeug packen 126 . Vielleicht begann mit dieser Bewegung das Menschsein.

Seine Augen leuchteten. beobachteten die Bewegung des Tötens. als wäre das Töten eine heiße. Wir verstanden – und ich glaube. wie ein orientalischer Hohepriester. daß man im Osten die heilige Symbolik des Tötens. vielleicht. wie der Regen. Aber vielleicht hat es mit der Seele und nicht mit dem Daumen zu tun. aber auch seine geheime. sie schürzten die Lippen und blickten entzückt grinsend vor sich hin.. wir verstanden. Denn diese dunklen. daß auf ungarisch das Wort Töten und das Wort Umarmung zusammenklingen 127 . atmete schwer und wandte den Kopf ab. denn in dem Augenblick war sie merkwürdig ergriffen. edlen Gesichter lächelten alle. und auch das Blitzen des Messers ist etwas Natürliches. auf den kein einziger Blutstropfen fiel. wie das Lächeln einer Frau. angenehme Angelegenheit. und in dem Augenblick war dieser ältere Mann in seinem weißen Burnus. das herausschießende Blut. sinnliche Bedeutung noch kennt. das Blitzen des Messers. der das Opfer vollzieht. wie eine Umarmung. und ringsum herrschte Totenstille. sie errötete. Der arabische Herr stach das Lamm ab. Merkwürdig.. als wäre sie Augenzeugin einer leidenschaftlichen Gefühlsszene –. Sie saßen um das Feuer. wurde dann bleich. Und da habe ich begriffen. daß diese Leute dem Akt des Tötens noch ganz nahe sind. auch Krisztina verstand. und allen leuchteten die Augen. für sie ist Blut ein vertrauter Stoff. ich weiß es nicht. das Zucken des Lammes.konnte. einen Moment lang war er verjüngt.

die sich hier niedergelassen haben. »auch da halten wir ritterliche und praktische Regeln ein. Auch wir töten. wir sind das Ergebnis westlicher Bildung. vom Töten aber sprechen wir gesenkten Blickes und in bigottem. Nun ja. Unsere Geschichte ist bis in unsere Tage voller Massenmorde. sagt er mit einemmal fast fröhlich. wir töten so. doch die Jagd ist immer noch ein Opfer. empörtem Ton. sagt er mit anderer Stimme. wir töten. jedenfalls eine erlaubte oder verbotene Sache.und sich gewissermaßen steigern: ölés und ölelés.. »Westliche Menschen oder zumindest Einwanderer. ein im Rechts. um die Ordnung des menschlichen Zusammenlebens aufrechtzuerhalten. so schreibt es unsere Rolle vor. Denn es stimmt nicht. irgendwie im Ton einer Abhandlung. wir haben ein Schuldbewußtsein. ein entstellter. oder eine medizinische. Für uns ist das Töten eine rechtliche und moralische Frage.und Moralsystem genau umschriebenes Phänomen. als 128 . daß der Jäger um der Beute willen tötet. Das hat er nie getan. wahrscheinlich nicht einmal in der Urzeit. aber auf kompliziertere Art. Wir töten. um hohe Prinzipien und wichtige menschliche Werte zu schützen. Nur die Jagd«. Das kann gar nicht anders sein. wie es das Gesetz vorschreibt und gestattet. Wir sind natürlich westliche Menschen«. wir schonen das Wild.. soweit es die Situation in einer bestimmten Gegend erfordert. Wir sind Christen. wir können nicht anders. aber noch als Ritus erkennbarer Rest einer uralten religiösen Handlung.

des Laubs. der Jäger hält die Hunde an der Leine und erstattet leise Meldung über 129 . Immer gab es um die Jagd ein Ritual. zieht sich anders an als im Alltag. Ich liebte den Geruch der Jägerkleidung. Es ist der edelste Stoff der Welt. Im Lauf der Zeit ist das natürlich alles verblaßt. »Und dann tritt man aus dem Haus. Ich glaube nicht.. Und der rohe. denn man hatte sich die erlegten Vögel an den Gurt gehängt. Ich habe in meinem Leben vielleicht nichts so sehr geliebt wie die Morgenfrühe auf der Jagd. und ihr Blut beschmutzte die Jacke. ein religiöses Stammesritual. Man steht noch bei Dunkelheit auf. ausgewählte Kleidung an. der Filz hatte sich mit dem Geruch des Walds. die Sonne ist noch nicht aufgegangen. die Jagdkameraden warten schon. ißt im lampenbeleuchteten Zimmer ein anderes Frühstück als sonst. stärkt sich das Herz mit Schnaps. und zu jeder Zeit hat der Mensch. der Luft und des verspritzten Bluts vollgesogen..das Jagen eine der wenigen Möglichkeiten der Nahrungsbeschaffung war. Aber ist Blut etwas Schmutziges? . der Gott etwas unaussprechlich Großes sagen wollte. Und der ölige Metallgeruch des Gewehrs. sagt er ein wenig greisenhaft und fast verschämt. Blut geopfert. legt zweckmäßige. als gebe er eine Schwäche zu. ranzige Geruch des Leders. Aber noch in dieser verblaßten Form sind die Rituale vorhanden. Der gute Jäger war immer der Erste seines Stammes und also auch ein bißchen der Priester. kaut kaltes Fleisch dazu. Das alles habe ich geliebt«.

wendet den zarten Hals. Alles riecht so sauber wie in einer anderen Heimat. als begänne der geheime Mechanismus auf dem Schnürboden des rätselhaften Welttheaters zu funktionieren. sondern die notwendige Folge unberechenbarer und schwer verständlicher Zusammenhänge. Du ziehst dich ins Unterholz zurück. weit vorn. es steht für einige Augenblicke so reglos gebannt. Dann bleibt der Wagen am Waldrand stehen. Jetzt setzt man sich in den Wagen und fährt los.. weil man weiß. Jetzt beginnen die Vögel zu singen. wittert dich nicht. Die Lichtungen sind voller Fährten. weil du den Wind gegen dich hast. Die Gegend beginnt zu erwachen. und doch weiß es. reibt sich mit einer schläfrigen Bewegung die Augen. Das Tier bleibt stehen. ein Reh wechselt über den Waldweg. Jetzt erwacht alles um einen herum zum Leben: Das Licht läßt die Decke über dem Wald aufgehen. in völliger Hilflosigkeit. Unter deinen Stiefelsohlen macht das feuchte Laub kaum ein Geräusch. sieht dich nicht. wie man nur vor seinem Schicksal zu stutzen vermag. beobachtest. daß sein Schicksal in der Nähe ist. der Wald streckt sich. auf dreihundert Schritt Entfernung.die Geschehnisse der Nacht. du steigst aus. dein Hund und dein Jäger gehen still neben dir her. daß das Schicksal kein zufälliges Mißgeschick ist. sein Körper spannt sich.. die es am Anfang des Lebens und der Dinge gab. Du hast den Hund bei dir. heute gehst du nicht auf Rehe. es hebt den Kopf. Und jetzt bereust du 130 .

auch du bist an den Augenblick gefesselt. der weder gut noch schlecht ist. das so alt ist wie der Mensch. geschickter zu sein als der andere.« Er beugt sich über das Tischchen. stehst gebannt. Und auch du hast es gefühlt. diese stärkste aller Leidenschaften. das fühlt die Schlange. als du dein Gewehr angelegt und auf mich gezielt hast. Er schenkt sich süßen Likör in ein kleines Glas ein und probiert das purpurrote. der sein Opfer ins Auge faßt. der aus großer Höhe herabstößt. Auch du. daß du keine Büchse bei dir hast. wenn sie sich zwischen den Steinen aufrichtet. die Überlegenheit zu wahren. und das fühlt der Mensch. Das fühlt der sprungbereite Leopard. vielleicht zum ersten Mal in deinem Leben. spürst die Bereitschaft zum Töten. Und du spürst in den Händen das Zittern. sirupartige Getränk mit der Zungenspitze. keinen Fehler zu machen. dort im Unterholz. du. sondern einer der geheimen Triebe eines jeden Lebens: stärker. diesen Trieb. das zwischen ihnen vor dem Kamin steht. und der Falke. diese verbotene Lust. Dann stellt er das Glas befriedigt auf den Tisch zurück. . der Jäger. um mich zu töten.schon.

was im dunklen Durcheinander der Nacht krampfhaftes Begehren. sagt er. Pflanze. daß sich die nächtliche Hölle ihrem Ende nähert und jetzt das übersichtlichere Leiden folgt. da sich die Tiefen und Höhen. da die Kranken zu stöhnen beginnen. da die Schlafenden aus ihren quälenden Träumen aufschrecken. heimliche Sehnsucht. als käme jedes organische Wesen. Es ist die letzte Sekunde.14 »Es war noch dunkel«. da sich die Nacht vom Tag. die Unterwelt von der Oberwelt löst. als der andere nichts erwidert. sich auch nicht wehrt. Es ist nicht mehr dunkel. das Dunkle und das Helle der Welt und der Menschen noch berühren. es ist noch nicht hell. im großen Schlafzimmer 132 . Und vielleicht lösen sich auch noch andere Dinge voneinander. mit keiner Handbewegung. weil sie spüren. Tier und Mensch. daß er die Beschuldigung gehört hat. keinem Blick ein Zeichen gibt. zuckende Regung war. das Licht und die Ordnung des Tages breiten alles aus. Die Jäger und das Wild lieben diesen Augenblick. Der Wald riecht so roh und wild. »Es war der Augenblick.

bezauberten Erwartung des Lichts und also der Einsicht und der Vernunft. dem die Welt. ernsten Augen 133 . die Heiden haben ihn in der Waldestiefe gefeiert. mit ausgebreiteten Armen. wie sie das Leben der Nachttiere prägt. des weichen. er bleibt inmitten der Lichtung stehen. Wind kommt in diesem Augenblick auf. vorsichtig wie der Seufzer des Schlafenden. die große Jagd. da die Nacht noch nicht ganz zu Ende ist. noch liegt die Wildkatze auf der Lauer.der Welt allmählich zu sich und atmete seine Geheimnisse und bösen Gedanken aus. Der Geruch des feuchten Laubs. wo der Liebeskampf stattgefunden hat. des zerfallenden Holzes. im Wald ist noch etwas im Gang. als lägen da zwei Liebende in schweißgebadeter Umarmung. die Ahnen. die Bereitschaft. der brünstige Hirsch erinnert sich noch an die leidenschaftlichen Augenblicke der mondbeschienenen Nacht. in die er geboren wurde. Um diese Zeit bricht das Wild zur Quelle auf. des Farns. der Bär reißt einen letzten Fetzen von seiner Beute. Ein magischer Augenblick ist das. stolz und mitgenommen hebt er seinen im Duell verwundeten Kopf und blickt sich mit blutunterlaufenen. das Gesicht nach Osten gewandt: der an die Materie gefesselte Mensch in der ewig wiederholten. ehrfürchtig. hat noch nicht vollständig nachgelassen. wieder einfällt. vom Tau glitschigen Teppichs aus abgefallenen Blättern und Nadeln schlägt dir vom Erdboden entgegen. der verrottenden Tannenzapfen. Es ist der Augenblick.

Neid und Rachsucht lauern in der menschlichen Nacht wie der Puma. darum herumreden. das wir jahrelang. umsonst haben wir die wahre Bedeutung dieser Regung vor uns selbst geleugnet: Sie war stärker als unsere Absichten. die so wild sind wie der Jagdinstinkt des Wolfes oder des Hirsches. was dieses Wort bedeutet: Beute.. Denn auch das Herz hat seine Nacht und seine Regungen. der Geier und der Schakal in der Wüstennacht. als könne er die Leidenschaft nie vergessen. mit einer heißen Leidenschaft. Selbstsucht. daß du mich vierundzwanzig Jahre lang gehaßt hast. da nicht nur im Dickicht der Wälder. da sich etwas in unseren Herzen regt und dann auch unsere Hände bewegt. Sehnsucht.. Liebe. Traum. ziellose Lebensfreude und Überlebenskampf. Eitelkeit. und man kann noch so lange darüber nachdenken. etwas. Es war alles vergebens. Liebestollheit. da es im menschlichen Herzen weder Nacht noch Tag ist. sondern auch im Dunkeln der Menschenherzen etwas geschieht. vielleicht sogar jahrzehntelang meinten gezähmt und dressiert zu haben. In Wirklichkeit verhielt es sich so. die schon fast an die Glut großer Bezie- 134 . sie blieb fest.um. Das ist der Augenblick. da die wilden Tiere aus den geheimen Winkeln der Seele herausgekrochen sind. Umherstreifen. Es ist der Augenblick. er ändert sich nicht. Noch lebt tief im Wald die Nacht weiter: die Nacht und alles. Im Grunde einer jeden menschlichen Beziehung gibt es einen greifbaren Stoff. sie ließ sich nicht auflösen.

Du hast mich schon als Kind gehaßt. Was? Wel- 135 .. daß aus dieser Freundschaft eine echte Geschwisterlichkeit entstehe. das dir fehlte.hungen erinnert – ja. auch keine Geschenke. weil in mir etwas war. und wenn ein Gefühl. Du hast mich gehaßt. will wahrscheinlich alles. über dieses Gefühl nachzudenken.. sich ganz ausleben.. Der Leidenschaft ist es völlig gleichgültig. Höflichkeit. Ich hatte genug Zeit. sie will sich ganz ausdrücken. Freundschaft oder Geduld erhält. da wir uns kennenlernten. Du hast mich gehaßt. Wer keinen Teil annimmt. was sie vom anderen bekommt. hätte ich wissen müssen. du hast nicht zugelassen. sonst wäre sie keine Leidenschaft. eine Leidenschaft die Seele eines Menschen völlig erfüllt. Warum haßtest du mich?. Jede große Leidenschaft ist hoffnungslos. gefährliches Zeichen ist. wenn sie dafür nur sanfte Gefühle.. Du hast von mir nie Geld angenommen. auch dann. in jenem seltsamen Haus. du hast mich gehaßt. das Ganze. dann glimmt und raucht unter einem solchen Scheiterhaufen neben aller Sympathie auch die Rachsucht. wie wenn du mich geliebt hättest. und das ist eine ebenso starke Bindung. wo die besten Exemplare unserer Welt dressiert und veredelt wurden. daß das ein verdächtiges. und wäre ich damals nicht so jung gewesen. sondern eine klug berechnete Übereinkunft. vom ersten Augenblick an. der Tauschhandel mit lauwarmen Interessen. Denn die Leidenschaft begründet sich nicht aus der Vernunft. an die Liebe.

Du warst immer der Gebildetere.ehe Fähigkeit oder Eigenschaft?. als du bist. wenn man weiß und erträgt. keine Belohnung erhält. daß man ist. das ist das ganze Geheimnis. als man ist: eine schmerzlichere Sehnsucht könnte im Herzen nicht brennen. wenn man sich mit dem abfindet. Das ist der größte Schicksalsschlag. Man muß seinen Charakter. am Eigennutz und an der Habgier etwas ändern. uns nicht lieben. du warst der Begabte. oder nicht so. im wahren Sinn des Wortes. daß man eitel ist oder egoistisch oder glatzköpfig und schmerbäuchig – nein. Wir müssen ertragen. sein Naturell ertragen. du hattest ein Geheimnis – die Musik. daß unsere Sehnsüchte in der Welt kein vollkommenes Echo haben. was man für sich selbst und für die Welt bedeutet. das muß man wissen. Man muß sich damit abfinden. daß einem keine Orden an die Brust gesteckt werden. wie wir es hofften. der einen Menschen treffen kann. anders zu sein. daß die. wie man ist. der Fleißige und Brave. Die Sehnsucht. die wir lieben. Du warst der Verwandte Chopins. daß man für dieses weise Verhalten vom Leben kein Lob bekommt. Man muß es ertragen. denn du hattest ein Instrument. daß man kein Lob. Denn das Leben läßt sich nur ertragen. und wissen. anders zu sein. du warst das Meisterwerk wider Willen. da weder Erfahrung noch Einsicht an den Mängeln. Wir müssen ertragen. Im Grunde deiner Seele aber steckte ein Krampf – die Sehnsucht. du zogst dich stolz zurück... 136 .

Wir waren Kinder. Du hast dieses Vertrauen und diese Freundschaft. zuweilen auch feindselig auf dich blickte. Dann aber hat sich dein Charakter herausgebildet. das ich dank Abstammung. und wir waren Freunde: Das ist ein großes Geschenk. es auch ertragen. Dann verstummt er. den anderen zu entschuldigen. So viel habe ich in fünfundsiebzig Jahren gelernt. sagt er dann.. aber gleichzeitig warst du auch tödlich neidisch darauf. und sein Blick verliert sich im Halbdunkel. die mir von der Welt entgegenstrahlte. oder vielleicht war es auch etwas Gottgegebenes . als versuche er. und man muß. schwerste aller Aufgaben. Was war es ? War es eine Begabung? Es bestand einfach nur darin. daß jemand. hier. Du aber hast das alles nicht ertragen können«. während mir die Menschen ihr Lächeln und ihr Vertrauen schenkten. verachtet. »Das war eine schöne. dank Erziehung besaß.. mitten im Wald. daß dir etwas fehlte. danken wir dem Schicksal dafür. »In der Kindheit war dir das alles natürlich nicht bewußt«.Man muß Verrat und Treulosigkeit ertragen. eine zauberhafte Zeit. daß die Welt gleichgültig. sagt er leise und in abschließendem Ton. Im Alter vergrößert die Erinnerung jede Einzelheit und präsentiert sie deutlich umrissen. sondern mit einem undeutlichen Gefühl –. wenn einem jemand charakterlich oder intelligenzmäßig überlegen ist. und du hast es nicht ertragen. der von der Welt 137 . Du hast dir wohl vorgestellt – natürlich nicht in Worten.

Dann hätte mich dein Neid so entstellt. »In der Einsamkeit lernt man alles kennen. Was du in mir und um mich herum als göttliche Gunst und Gabe empfunden hast. war ganz einfach nur Gutgläubigkeit. Vertrauen und ein Lächeln entgegenzubringen. und das. und wer das tut. fühlen sich tatsächlich als Erwählte. und man fürchtet sich vor gar nichts mehr. eben. sagt er und lächelt. Ich will mich nicht verteidigen. ist eine eitle Sicherheit.. etwas Hurenhaftes an sich hat. ja. Es gibt Menschen. und an solchen Menschen ist in der Tat etwas allzu Gefälliges. und das 138 . die von allen geliebt werden. ist so weit weg. in mir war eine Art Leichtigkeit und Unvoreingenommenheit. bis hin zu dem Tag.begünstigt und geschätzt wird. ich fürchte die Wörter nicht mehr«. Vielleicht hat genau diese Gutgläubigkeit die Menschen bewegen. Ja. Ich war gutgläubig. mir Wohlwollen. muß die Suche bei sich selbst beginnen. Die Menschen. dann hast du dich getäuscht.. Wenn du mich aber so gesehen hast. Hurenhaftes. aus dem du geflohen warst. wovon ich spreche. als spräche ich von einem Fremden oder einem Toten –. an deren Stirn das himmlische Zeichen der Göttergünstlinge strahlt. denn ich suche die Wahrheit. da. und in der Art. wie um den anderen zu gleicher Furchtlosigkeit zu ermuntern. kosendes Lächeln übrig hat. Du siehst. da ich in deinem Zimmer stand. wie sie vor die Welt treten. für die jedermann ein verzeihendes. bis zu dem Tag. in mir war etwas ich spreche in der Vergangenheit.

wie wir es nicht in Kleingeld umtauschen. Denn zwischen einer Frau und einem Mann hat alles seine Bedingung. in der Kadettenanstalt und beim Regiment. Die Zeit der Gnade. nie das sichere Gefühl. wie bei einem Handel auf dem Markt. sagt er bestimmt. den man mit Wein und Blumenkränzen und Mädchen feiern muß. »Als die Jugend allmählich verging. »Das ist die größte Gnade. als wärst du der Eroberer. Und tatsächlich verließ mich in dem Jahrzehnt in Wien. daß mir die Götter einen geheimen. wer überheblich oder großspurig wird. daß ihn das Schicksal verwöhnt. wer sich nicht mit Demut darein schickt. begann sich unsere Beziehung abzukühlen. Es gab in meinem Leben eine Zeit. die im Herzen bescheiden und demütig bleiben. hoffnungsloseren Gefühlsvorgang als die Abkühlung einer Männerfreundschaft. daß mir nichts Schwerwiegendes zustoßen konnte. wer nicht weiß. daß ich von Liebe und Vertrauen umgeben war. 139 . Da eilen dir alle entgegen. als der Zauber der Kindheit endete.. Wem sie zu Kopf steigt. Es gibt keinen traurigeren. Du hast mich also gehaßt«. da die Welt meine Gegenwart und meine Bedürfnisse geduldig ertrug. unsichtbaren Glücksring an den Finger gesteckt hatten.wirkte auf die Menschen entwaffnend. Die Welt verzeiht nur denen eine Zeitlang. Mehr kann ein Mensch vom Leben nicht erwarten«. daß dieser begnadete Zustand nur so lange währt. sagt er ernst. das Jahrzehnt der Jugend.. der geht unter.

die in den tiefen 140 . es geschah. da in mir eine Fähigkeit war. als die Vereinbarung eines wortlosen Bundes wahren. wovon ich gesprochen habe. Wenn ein Mensch einen anderen Menschen töten will. daß wir vom anderen keine Opfer. er lädt nicht einfach nur sein Gewehr und legt an. nämlich daß du mir nicht verzeihen konntest. Und während ich auf der Sonnenseite des Lebens ging. daß auch du mir verzeihen würdest. Unsere Freundschaft glich den Männerfreundschaften in alten Sagen.« »Du hast von der Jagd gesprochen«. geschieht natürlich schon sehr vieles vorher. daß die Beziehung. »Aber das alles gehört dazu. beliebt zu sein. daß du dich nicht ganz zeigtest. weil ich dich zuwenig kannte. Ich dachte. wir wollen nichts anderes. wo du nur geduldet wurdest – ich hoffte auf deine Nachsicht dafür. du könntest dich darüber freuen.Zwischen Männern hingegen liegt die tiefe Bedeutung der Freundschaft gerade in der Selbstlosigkeit. der aus dir sprach. darin. ja«. ich wollte glauben. Siehst du das auch so?. mich den Menschen leicht und heiter zu nähern. bliebst du absichtlich im Schatten.. Es geschieht zum Beispiel das. sagt der General. so wie die Welt. ich achtete deine Intelligenz und den merkwürdigen.. Vielleicht war doch ich der Schuldige. bitteren Hochmut. keine Zärtlichkeit erwarten. Ich fand mich damit ab. daß ich mit der Welt auf Du und Du war. sagt der Gast ausweichend. »Von der Jagd.

was dir im wesentlichen fehlte. als lebten die beiden Kinder auf den riesigen Blättern der Feenrose. die mit einem alltäglichen Wort Freundschaft hieß. waren eine Einheit. in dem man das Gewehr anlegt. Die Schuld besteht schon vorher. Auch das müssen wir wissen. es geschah. verwickelt in eine heikle und geheimnisvolle Beziehung. Wir waren Freunde«. Aber du hast es bestimmt gewußt. dann will ich wissen. bevor wir von der Jagd sprechen. Denn man ist nicht unbedingt in dem Augenblick am schuldigsten. schon früh und auch später. dann muß ich wissen. daß diese Beziehung eines Tages zerbrach. falls du es nicht wissen solltest.Schichten der Kindheit entstanden und so verflochten und zäh war. aber wir gehörten doch zusammen. Und alles. und wenn ja. wie ich hier im Gewächshaus lange Zeit diese geheimnisvolle. es blieben zwei Menschen zurück. selten blühende Pflanze ziehen ließ? –. Die zauberhafte Zeit der Kindheit war vorbei. und das ist im Leben sehr selten. ich war anders als du. Denn wir waren wohl verschieden. wir waren Verbündete. daß die Welt zu mir freundlich war. in den traumhaften Blätterwiegen der Victoria regia – erinnerst du dich. sagt er jetzt sehr laut. um jemanden umzubringen. in den Tropen oder wo auch immer. wer oder was sie zerbrochen hat. daß diese Beziehung eines Tages zerbrach. wurde in unserem Bund dadurch ausgeglichen. aber wir ergänzten uns. 141 . ob das wirklich stimmt. Und wenn ich sage. »Begreife das. die Absicht ist die Schuld.

aus meiner Nähe. und nichts im Leben kann das ersetzen. hättest du dort am Morgen im Wald. in die du mich nie eingeladen hattest. nicht das Gewehr gegen mich erhoben. und dieses Wort ist mit einer Bedeutung erfüllt. so wie die Mörder und Missetäter. das unsere Freundschaft vergiftete. Und wären wir keine Freunde gewesen. wiederum wie ein Mörder oder Missetäter. Du sollst jetzt diese Bedeutung in vollem Umfang kennenlernen. hättest mich betrogen und verraten. der an den Tatort zurückschleicht. Und wären wir keine Freunde gewesen. unverständliche Geheimnis. Wir waren Freunde. sondern du wärst geblieben. auf der Jagd. für die nur Männer die Verantwortung übernehmen können. taktvolle Freundschaft denen gibt. wäre ich nicht anderntags in deine Wohnung gegangen. Kumpel. Leidensgenossen. was du getan hast. und das hätte mich vielleicht geschmerzt. aber das alles wäre nicht so furchtbar gewesen wie das. also nicht Kameraden. wärst du nicht nach einundvierzig Jahren zurückgekommen. die sie mit ihrer Kraft berührt.Wir waren Freunde. Denn 142 . hätte meine Eitelkeit und mein Selbstbewußtsein verletzt. Und wärst du nicht mein Freund gewesen. wo du das Geheimnis wahrtest. das böse. Denn du warst mein Freund. Denn wären wir keine Freunde gewesen. Wir waren Freunde. Keine sich verzehrende Leidenschaft vermag die Freuden zu bieten. vom Tatort geflohen. wärst du nicht anderntags aus dieser Stadt. wie sie eine wortlose.

Sie ist stärker als die Leidenschaft. du hast mein Leben ruiniert.du hast zurückkommen müssen. In der alten Welt war es das stärkste Gesetz. Jenseits persönlicher Regungen. bevor wir von der Jagd sprechen. Denn die Freundschaft ist keine ideale Stimmung. und dann lasse ich dich nach London zurückkehren. denn sie will ja vom anderen nichts. und dennoch bleibst du mein Freund. Du hast in mir etwas getötet. Den Freund kann man töten. was ich vor mir selber leugnete. die in der Kindheit zwischen zwei Menschen entstanden ist. ich muß dir diese beängstigende. Offensichtlich vermag keine äußere Kraft etwas an den menschlichen Beziehungen zu ändern. was mir nur sehr langsam ins Bewußtsein gedrungen ist. oder in die Tropen. noch jetzt Freunde. auf das die Rechtsordnungen großer Kulturen gebaut waren. was später folgte. und von alledem. vermag vielleicht nicht einmal der Tod aufzuheben: Die Erinnerung an sie lebt im Bewußtsein der Men- 143 . du siehst es ja. aber wir sind immer noch Freunde. oder in die Hölle. doch die Freundschaft. Und jetzt muß ich dir sagen. Auch das müssen wir wissen. Die Freundschaft ist ein strenges Menschengesetz. Und ich werde heute abend etwas in dir töten. jenseits der Selbstsucht lebte in den Herzen der Menschen das Gesetz der Freundschaft. die Männer und Frauen in hoffnungsloser Sehnsucht einander in die Arme treibt. überraschende Entdeckung mitteilen: Wir sind noch immer. und sie ist gegen Enttäuschung gefeit.

lebendiger als in den vierundzwanzig Jahren der Kindheit und Jugend. dunkel. im schweigenden. denn weit vorn. Das Wild blieb am Rand der Lichtung stehen und schaute ins Unterholz. war unsere Freundschaft lebendiger als je zuvor. Und das ist sie auch. unberührt. zwischen den Bäu- 144 . weil sie zum Sinn und Inhalt des späteren Lebens werden. erwachte in den Nerven des Tiers. Und in dem Augenblick. Ich ging vor dir und blieb stehen. also ohne Schwerterklang und Säbelgerassel. die vom Waldweg abzweigt und ins dichte Gehölz übergeht. ich vorn. dieser sechste Sinn. auf dreihundert Schritt Entfernung. und der Wind der Morgenfrühe wehte von ihm weg und konnte es nicht warnen. schon ganz erschöpft von der krampfhaften Haltung. schicksalhaften Sinn des Wortes. wir standen schon eine geraume Weile still. der feiner und genauer ist als der Geruchs. so sachte. Wir standen im Unterholz zwischen den Tannen. eine Heldentat. war ein Hirsch zwischen den Tannen hervorgetreten. weil es die Gefahr spürte. Es wurde ganz allmählich hell. Der Instinkt. wo der Wald nur noch für sich lebt. um mich zu töten. da du das Gewehr angelegt hast. Man erinnert sich an solche Augenblicke. Es konnte uns nicht sehen.oder der Gesichtssinn.sehen fort. wie es jede selbstlose menschliche Tat ist. eine Heldentat. Dort öffnet sich die Lichtung. Auch ich erinnere mich. die Welt. so wie die Erinnerung an eine stumme Heldentat. als betastete die Sonne mit ihren Lichtfühlern ihre Beute.

Wir waren allein. Es rührte sich nicht. gefährliche Zuhause zurückkehren. uns gleichsam beim Namen ruft. Die Tannen blieben im leichten Wind unbewegt. Kräfte. Der Jäger und der Hund waren zurückgeblieben. man habe sich im Leben und in der Welt verirrt. man will sein 145 . koste es. und auch du sahst es und bliebst zehn Schritte hinter mir stehen. und eines Tages müsse man in dieses wilde. denn in der Gefahr liegt immer auch ein Bann.. das doch das einzige und wahre ist – in den Urbereich des Waldes. schimmert am Grund der Beklemmung und der Angst immer auch eine Art von Anziehung. Ich sah das Wild und blieb stehen. denn man will nicht nur leben. mitten im Wald. Ich habe es immer so empfunden. stand gebannt. in denen man von der Situation und der Gefahr alles weiß. nein. Strahlungen vermitteln bei solcher Gelegenheit das Entscheidende? Ich weiß es nicht. du hinter mir. Die Luft war klar. des Waldes und der Tiere besteht und in der man für einen Augenblick immer das Gefühl hat. in denen sowohl das Wild als auch der Jäger die Wirklichkeit mit feineren Sinnen erspürt. des Lebens. der Wassertiefe. was es wolle. in der Einsamkeit. die aus der Einsamkeit der Nacht. Das sind die Augenblicke. Wenn sich das Schicksal unmittelbar an uns wendet. der Morgenfrühe. Das Wild lauschte. als ich noch im tiefen Wald auf die Jagd ging. auch wenn es dunkel ist.men am Rand der Lichtung. auch wenn man sich nicht umblickt. ein Zauber.. Was für Wellen.

Und so empfandest es auch du. sagt der General fast schon mit der Zufriedenheit des Kenners. um jemanden zu töten. dir aber kann ich es sagen. sie in jener Sekunde deutlicher spürte. als du – gleicherweise gebannt wie das Wild und ich vor dir. um jeden Preis.Schicksal kennen und ganz auf sich nehmen. das ich vor einem Gericht nie beweisen könnte. Eigentlich nur. »Ein klassischer Augenblick«. Ich spürte. wenn es für eine endgültig entscheidende Aufgabe gebraucht wird. daß ich deine Bewegungen spürte. zum Beispiel. weil du die Wahrheit sowieso weißt.« »Ja«. wenn ein Dolch einen anderen kreuzt.. oder wenn man das edle englische Gewehr entsichert. auch um den Preis der Gefahr und des Sterbens.. das weiß ich ganz sicher. Du standest in geringer Entfernung schräg hinter mir. Und da geschah etwas. wie du dein Gewehr 146 . So empfand es der Hirsch in jenem Augenblick. Und so empfand auch ich es in jenem Augenblick. »Dieses leise Klicken habe selbstverständlich nur ich gehört: Es war so leise. ein paar Schritte hinter mir. mit jenem leisen.. beide in Schußweite – das Gewehr entsichertest. daß es von dem dreihundert Schritt entfernten Wild trotz der Morgenstille nicht gehört werden konnte. sagt der Gast. und auch das weiß ich ganz sicher. als wenn ich sie gesehen hätte. Was geschah?. kalten Klicken. An diesen Augenblick wirst du dich doch wohl erinnern?.. wie es nur sehr edles Metall von sich geben kann.

eine Bewegung würde genügen. Ich spürte.hebst. Ich wußte aber auch. weil mein Schicksal in dem Augenblick nicht 147 . Ich wußte. Die Situation verriet mir alles. was einige Schritte hinter mir im Herzen eines Menschen vorging. auch das weiß ich. damit die Kugel an meinem Ohr vorbeipfiff und vielleicht den Hirsch traf. in welchem Winkel man sich zu einem Hirsch stellen muß. daß ich bloß den Kopf ein wenig wenden mußte. an die Schulter legst und zielst. wie nur der Jäger eine Situation im Wald beurteilen kann. und die Kugel bliebe im Lauf. Mein Kopf und der Kopf des Hirsches waren genau auf der gleichen Linie und auf der gleichen Höhe vor dir. Davon verstand ich nun doch etwas. und doch auf die Sekunde genau. von der Jagd. Und ich wußte genau. daß deine Hand zitterte. In solchen Augenblicken weiß man alles. ohne Uhr. die geometrische Verteilung des Jägers und der Zielpunkte unterrichtete mich darüber. wie du ein Auge zudrückst und wie der Gewehrlauf jetzt langsam abdreht. es mögen zehn Zentimeter zwischen den beiden Zielpunkten gewesen sein. der dreihundert Schritt entfernt arglos auf den Schuß wartet. so genau. daß du aus diesem Stand nicht auf den Hirsch zielen konntest: Versteh mich richtig. daß du kein guter Schütze warst. Du zieltest eine halbe Minute lang. davon. in dem Augenblick interessierte mich der jagdliche Aspekt der Situation viel stärker als der menschliche. Ich spürte. daß ich mich nicht rühren konnte. Ich wußte.

und es gab keinen Menschen. Wir rührten uns noch nicht. Du hast das Gewehr so vorsichtig sinken lassen. denn wir waren ja die legendären Freunde. wenn du es getan hättest. der dich verurteilt hätte. etwas mußte eintreten. Und so stand ich und wartete auf den Schuß. wir waren das fleischgewordene Freundschafts- 148 . Und sah und hörte sie doch. Jetzt hast du das Gewehr sinken lassen. Auch diese Bewegung konnte ich weder sehen noch hören. keinen Richter. und der Schuß kam noch immer nicht. nach eigener Ordnung. das »tragische Versehen«. der Hirsch im Unterholz verschwunden war siehst du. da waren ja keine Augenzeugen. daß du abdrückst und ich von einer Kugel aus dem Gewehr meines Freundes getötet würde. wartete. Die Situation war perfekt. von dem jedes Jahr in den Zeitungen berichtet wird. es gab keine Zeugen. das Interessante ist. als könnte dich sogar die Luftreibung verraten. als stünde ich dir zugewandt. eine genaue. In dem Augenblick erkannte der Hirsch die Gefahr. nachdem der günstige Augenblick vorbei. die Welt hätte dich mit Anteilnahme umfangen. der Jäger und die Hunde waren weit weg. und mit einem Sprung. Dann war die halbe Minute vorbei. ganz langsam. seit vierundzwanzig Jahren Kameraden durch dick und dünn.von meiner Entscheidung abhing: Etwas war reif geworden. daß du mich immer noch hättest töten können. eine bekannte Situation. Castor und Pollux. der einer Explosion glich. verschwand er im Unterholz.

Am Vorabend hatten wir gemeinsam gegessen. zusammen mit meiner Frau.. man hatte uns zusammen gesehen. im Freundeskreis. Wo ist der Mensch. in der Gesellschaft. alle hätten mit dir getrauert. von dem du im Leben alles bekommen konntest. mein Vermögen als ein 149 . im Dienst. was du brauchtest. Es gibt keinen Beweis dafür. der Freund aller Freunde. wo die Staatsanwaltschaft. Geld schuldetest du mir nicht. in allen Situationen des Lebens. wo du seit Jahrzehnten täglich Gast warst.. denn es gibt in den Augen der Welt keine tragischere Figur als den Menschen. der aufgrund eines Schicksalsspruchs der Götter aus Versehen seinen Freund umbringt. mich. im Schloß... während du mein Haus als dein eigenes. menschliche und materielle Unterstützung. Niemand. den Freund aller Freunde tötest. du warst in meinem Haus wie ein Mitglied der Familie.. meinen Verwandten und Jagdkameraden.ideal. der eine Anklage zu erheben. freundschaftlich und herzlich wie immer. daß du in deinem Herzen eine tödliche Animosität gegen mich hegtest. so wie wir immer waren.. wer sollte daran denken. wenn du mich umgebracht hättest. das Unglaubliche vor der Welt auszubreiten wagte. wären dir alle Hände anteilnehmend entgegengestreckt worden. daß du mich umbringen wolltest? . Warum hättest du mich denn umbringen sollen? Was für eine unmenschliche und unmögliche Annahme. daß du. nämlich daß du mich absichtlich getötet hättest?. wo der Vermessene.

Es ging um Sekundenbruchteile. daß sie im Augenblick einer außergewöhnlichen Handlung immer einen objektiven Vorwand braucht. Die Tatsache ist das Entscheidende. denn dir wäre das Entsetzliche und Unmenschliche zugestoßen. Was geschah in dem Augenblick? Vielleicht nur so viel... wer vermag die Dinge da noch aufzuteilen. wir 150 .. auch wenn sie keinen Prozeß entscheiden würde. um deinen besten Freund zu töten. Die Tatsache.. Es war richtig. die Szene zerfiel. ohne daß die Welt eine solche Frechheit bestraft hätte. die Anklage wäre auf den zurückgefallen.gemeinsames. der sie erhoben hätte. und du hast mich nicht umgebracht. Warum nicht?. daß du mich töten wolltest. So standen die Dinge. es war genau und perfekt. da ein tragischer Zufall sich deiner Hand bedient hatte. und du hast das Gewehr sinken lassen. dir wäre man voller Anteilnahme entgegengeeilt. meine Familie als deine Adoptivfamilie betrachten durftest? Nein. daß der Hirsch die Gefahr spürte und floh. dich hätte der furchtbare Schicksalsschlag getroffen.. während die menschliche Natur so beschaffen ist. Das ist auch gar nicht wichtig. was du dir ausgedacht hattest. begann deine Hand zu zittern. Der Hirsch war schon zwischen den Bäumen verschwunden. auseinanderzuhalten und zu beurteilen? . aber vielleicht brauchte es doch den Hirsch dazu. und als dann ein unerwartetes Phänomen den Augenblick störte. und niemand hätte sie aussprechen dürfen. Und du hast doch nicht abgedrückt..

Als sagtest du damit: ›Ja. Unsere Wege trennten sich. daß er recht hatte.‹ Stumm erreichten wir die Hügelkuppe. auf die Hügelkuppe zu. Denn jeder würde in einer solchen Situation beschämt oder begeistert zu reden anfangen. Unterwegs sagte ich.‹ Du sagtest nichts. Auch du setztest dich mechanisch in Bewegung. Du aber schwiegst. Aber ich wagte es nicht.rührten uns nicht. unten im Tal fielen Schüsse. seinem Mörder in die Augen zu blicken. du seist in die Stadt zurückgefahren. dich zu töten. dir ins Gesicht zu sehen. Eine Weile standen wir noch so. Es ist der Moment. begann ich über die Lichtung zu gehen. das Schamgefühl des Opfers. die Jagd hatte begonnen. Dieses Schweigen war ein Geständnis. die Treffsicherheit zu gering war. wenn es gezwungen ist. hätte ich vielleicht alles erfahren. Deshalb sah ich dir nicht ins Gesicht. ich habe es versäumt.. sich scherzhaft oder beleidigt herauszureden beginnen. ohne mich zu dir umzuwenden: ›Du hast es versäumt. im Wald – meldete dein Treiber. Hätte ich dir in dem Augenblick ins Gesicht gesehen. Dort stand schon der Jäger mit den Hunden. Es gibt ein Schamgefühl.« 151 . Ich wandte mich nicht um. da sich die Kreatur vor dem Schöpfer schämt. daß die Distanz zu groß. das peinlicher ist als alles andere im Leben. jeder Jäger sucht in einem solchen Moment zu beweisen. und als der uns beide lähmende Bann nachließ. daß das Wild es nicht wert war.. Beim Mittagessen – es war ein Jägeressen.

Sie mochte Kerzenlicht. um halb acht. »Danke«. Da blickte sie auf – erinnerst du dich an ihre 152 . an vergangene Zeiten erinnerte. denn das Wetter war neblig und feucht. Der Diener hatte gemeldet. »Wie immer. in der Kalesche. Ich war nach der Jagd gleich in mein Zimmer gegangen. um mich umzuziehen. und Krisztina saß zwischen uns. vielleicht war sie zu sehr in die Lektüre vertieft – sie las ein englisches Buch. daß sie nach dem Mittagessen ausgefahren war. er schneidet die Zigarrenspitze mit ruhigen Bewegungen ab. Wie an so vielen Abenden aßen wir zu dritt. Als ich den Saal betrat. »Zum Abendessen bist du aber gekommen«. saß Krisztina vor dem Kamin. Du kamst zur gewohnten Stunde. in die Stadt. Im Kamin brannte ein Feuer.Der Gast zündet sich eine Zigarre an. eine Reisebeschreibung über die Tropen –. an edlere Lebensformen. was an Tradition. Es war im großen Saal gedeckt. und hatte Krisztina am Nachmittag nicht gesehen. Vielleicht schluckten die Teppiche das Geräusch meiner Schritte. wie jeden Abend. als ich schon vor ihr stand. zusammen mit Krisztina. Auf dem Tisch brannten blaue Kerzen. Der General beugt sich zu Konrád und gibt ihm mit einer Kerzenflamme Feuer. sagt der General. mit demselben Tischschmuck. sagt der Gast. mit einem leichten indischen Schal um die Schultern. seine Hände zittern nicht. so wie vorhin. Sie las und hörte mich nicht. sie mochte alles. jedenfalls bemerkte sie mein Kommen erst in dem Moment.

da ich auch der Gejagte war. In diesen Sekunden. Das ist immer das wichtigste. als hinge ihr Leben davon ab. war ich ruhig. Sie schaute mich lange aus weit aufgerissenen Augen an. Sie blickte mir so aufmerksam und forschend ins Gesicht. was das Opfer von einem denkt. den beiden Menschen. was ich in der Morgenfrühe im Wald hatte erfahren müssen. Sie blickte mir in die Augen. mich durchgerungen.Augen? sie hatte eine Art aufzublicken. daß sie herausfand. ob ich etwas dachte. Ich glaube. von dem morgendlichen Geschehen auf ewig zu schweigen. auf dieser seltsamen Jagd. daß ich über ihre Blässe erschrak. und vielleicht lag es am Kerzenlicht. 153 . hellichter Tag –. ›Ist Ihnen nicht gut?‹ fragte ich. Und tatsächlich hatte ich an dem Morgen und an dem Nachmittag. das Wesen.. das wir als Opfer ausersehen haben.. mein Gesicht verriet ihr nichts. ich hielt dem Blick stand. was immer das Leben bringen mochte.. wichtiger als die Beute. und diese Sekunden waren fast so lang und fast so sprechend wie jene anderen am Morgen im Wald. weder Krisztina noch der Amme. Ich hatte mir vorgenommen. je etwas von dem zu sagen. die meine Vertrauten waren. wichtiger als das Ergebnis: zu wissen. als wolle sie mich verhören. und auch später. daß es gleichsam Tag wurde.. ob ich etwas wußte. als ich reglos stand und darauf wartete. Das war ihr in dem Augenblick vielleicht wichtiger als das Leben. daß etwas geschah: daß du etwas sagst oder abdrückst. was ich dachte. Sie sagte nichts.

dachte ich. den er nicht hätte schießen dürfen. Ich wollte die Menschenwürde bewahren. der im wahren Sinn des Wortes einen Bock geschossen hatte. unsere Menschenwürde verloren. Von den fraglichen Sekunden aber sagst du den ganzen Abend kein Wort. ja fast verzweifelt. die in diesem Haus lebten. dann hatten wir alle. auch wenn man kein einge- 154 . Der Mensch. und mit solchen Augen empfing ich dich. eine Waffe gegen mich zu erheben. Frauen spüren so etwas. Krisztina auch. ist wahnsinnig geworden: Das wiederholte ich unablässig. als du bei uns eintratest. den ganzen Vormittag und den ganzen Nachmittag lang. von dem Fehler. im Abendanzug. das uns seit dem Morgen verband. Wir sprachen auch von der Jagd. Als ahnte sie das Geheimnis. Wir plauderten wie an den anderen Abenden. den einer der Gäste gemacht hatte. den verpaßten kapitalen Hirsch.dich unauffällig von einem Arzt beobachten zu lassen. Von so etwas muß man reden.. Du erwähnst dein eigenes Jagdabenteuer nicht. So erklärte ich mir auch Krisztinas erschrockenen. und wir gingen zu Tisch.. von der Meldung der Treiber. erstaunten Blick. die Menschenwürde im allgemeinen und im besonderen. ich auch. als ich nach der Jagd vor ihr stand. da in deiner Seele der Dämon des Wahnsinns herrschte: So dachte ich mir das. Dann kamst du. Ich fand für dieses Geschehen keine andere Erklärung. denn wenn du Herr deiner Sinne warst und einen Grund hattest – gleich welchen –. hartnäckig. der zu mir gehört.

und ich muß in ehrlicher Bewunderung zugeben. in die Stadt zurückgekehrt bist. denke ich an diese Szene zurück. daß ihr perfekt spieltet. kann in euren Worten nichts Verdächtiges finden: Ihr sprecht von den Tro- 155 . um erst am Abend wieder aufzutauchen. Ihr sprecht lange über diese Lektüre. Du sagst nichts davon. daß dieses Buch und noch andere zu diesem Thema von dir bestellt worden waren und daß du sie vor ein paar Tagen Krisztina ausgeliehen hast. Es war ein Buch über die Tropen. daß du das Wild verpaßt und die Jagd vorzeitig verlassen hast und dann. Mit einem einzigen Wort könntest du doch den Vormittag erwähnen. Ihr schließt mich von dem Gespräch aus. ohne jede Erklärung. Obwohl das alles ungewöhnlich ist. vom städtischen Buchhändler. Das alles weiß ich an dem Abend noch nicht. Aber du sagst nichts.. als interessiere dich dieses unbekannte Thema brennend – und ich erfahre erst später. läßt dir erzählen.fleischter Jäger ist. der Uneingeweihte. Ich. höre die verklungenen Worte. gegen die Spielregeln der Gesellschaft. Später. wie der Text auf sie gewirkt habe.. du fragst Krisztina nach dem Titel des Buchs. was sie vorhin gelesen hat. Du fragst Krisztina. benimmst dich so. als du zu uns in den Salon kamst. willst wissen. daß ihr mich an dem Abend hintergangen habt. wie das Leben in den Tropen ist. als ich gemerkt habe. Du sprichst von anderem. als wären wir gar nicht zusammen auf der Jagd gewesen. denn ich habe keine Ahnung von den Tropen.

als du in dieses Haus zurückgekommen bist. die Einsamkeit mitten im Sumpf und im Urwald ertragen würde?. von einem Buch. die erstickenden. Du siehst. heißen Nebel. vom heißen Nebel. Ja.. vor einundvierzig Jahren. Gegen Mitternacht verlangst du den Wagen und fährst in die Stadt zurück. der in einer anderen Weltgegend geboren wurde und aufgewachsen ist. den warmen Dunst. Und vorhin. Alles kehrt wieder. (Mich fragst du nicht. überschaubare Zusammenfassung gelungen ist. und in seiner Stimme klingt die Befriedigung des alten Menschen mit. worüber du mit Krisztina zum letzten Mal gesprochen hast. ganz besonders interessiert dich. Du willst Krisztinas Meinung wissen.pen. da hast du von den Tropen. eine systematische. die Dinge und die Worte gehen im Kreis herum. ob ein Mensch. vom Regen. den Regen. die Worte vom Sumpf. sagt er. manchmal umkreisen sie die ganze Welt und treffen dann wieder an ihrem Ausgangspunkt ein und schließen etwas ab«. von den Tropen. von einer gewöhnlichen Lektüre. Als du das letzte Mal hier gesessen hast. vom Sumpf. die Worte kehren wieder. Krisztina persönlich. vom warmen Nebel und vom Regen gesprochen. »Das war es also.. 156 . dem ein genauer Vortrag. die Lebensbedingungen in den Tropen ertragen würde.. Was meint Krisztina?. sagt er gelassen...) Und ob sie. die Worte kehren wieder.. da waren sie wieder. in diesem Lehnstuhl. Das waren die Ereignisse am Tag der Jagd«.

Sie hat das Buch. denke ich.und Gesundheitsstatistiken zurechtzufinden. fortgegangen sind. begreife ich mit einemmal. im Sessel liegenlassen. die mathematische Kurve der Kautschukproduktion der Halbinsel kann sie doch nicht wirklich interessieren. nach Mitternacht. sowenig wie der Gesundheitszustand der Eingeborenen. fährt er dann fort. Es überrascht mich. daß Krisztina solche Bücher liest. nachdem die beiden Menschen. zieht sich auch Krisztina zurück«. versuche mich in den Wirtschafts. Das alles wird sie doch kaum etwas angehen. denke ich.»Als du gegangen bist. und das nicht nur auf englisch und nicht nur von den Lebensbedingungen auf der Halbinsel. Betrachte die Bilder. Aber das Buch spricht doch. allein im Zimmer. schlafen zu gehen. daß 157 . Wie ich mit dem Buch in der Hand dasitze. »Ich bleibe allein in diesem Zimmer. Ich habe keine Lust. die mir nach meinem Vater das meiste bedeuteten. das in englischer Sprache geschriebene Buch über die Tropen. und so greife ich nach dem Buch und blättere darin. Das ist doch nicht Krisztina.

Ich spüre und verstehe. In solchen Augenblicken muß man sehr achtgeben. Eines Tages sind die Dinge herangereift und kommen zu Wort. man muß es nur verstehen. Vielleicht will sie von hier fliehen. alles macht uns aufmerksam. auf der anderen Seite ein dämmriger. Und ich verstehe plötzlich. denke ich. kannst aber auch du sein. du und alles. Was ist passiert? Ich vermag es nicht zu sagen. denke ich für mich. das Leben wurde beredt. Sie denkt an fremde Welten. was die Vergangenheit bedeutet hat. wie eine Landschaft. und mir scheint. vor etwas oder vor jemandem – und dieser jemand kann ich. es war etwas geschehen. also will sie etwas anderes als diese Welt. die ein Erdbeben entzweireißt – auf der einen Seite die Kindheit. was an dem Tag geschehen ist: Mein Leben hat sich zweigeteilt. alles ist Hinweis und Symbol. und deswegen liest sie ein Fachbuch über die Tropen. und sie will weg von hier.auch das Buch ein Signal ist. Und ich ahne auch etwas anderes: An dem Tag haben die Dinge endlich zu mir zu sprechen begonnen. ich verstehe es auch. daß auch dieses Buch Zeichen und Antwort ist. den ich durchwandern muß: der verbleibende Abschnitt des Lebens. Den 158 . Es sagt: Krisztina möchte weg von hier. unübersehbarer Raum. Und die beiden Lebensabschnitte berühren sich nicht mehr. So denke ich es mir. Denn an solchen Tagen redet die seltsame Zeichensprache des Lebens in allem zu uns. Es ist sonnenklar. Krisztina spürt und weiß etwas. Ich spüre vieles.

ganz unmißverständlich. denke 159 . Ich habe nichts. keinen Beweis in der Hand. lacht der mich wahrscheinlich aus. da ich diese Gewißheit habe. ruhig und diszipliniert zu erscheinen.. ich denke. aus der Luft gegriffene Anklage.. Krisztina konnte noch nichts wissen. Bloß daß eine Stimme. was war geschehen? Bilde ich mir das alles nicht einfach ein? Ist das Ganze nicht ein Hirngespinst? Wenn ich es jemandem erzähle. und das war auch gelungen. nicht wahr? Kann ich diese Gewißheit. Jetzt aber. ganz unanfechtbar. daß ich die Wahrheit weiß.. nicht von meinem Gesicht ablesen.. die fürchterlicher ist als die Sache selbst. mit einer Sicherheit und Ruhe. daß mich mein Freund in der Morgenfrühe töten wollte. daß du vielleicht wahnsinnig geworden bist. Sie konnte nicht wissen. wie soll ich mir unser künftiges Zusammenleben vorstellen? Kann ich dir in die Augen blicken. ganz unbezweifelbar in mir ruft. Krisztina. die stärker als alle Beweise ist. du und ich. daß ich mich nicht täusche. als sie mich blaß und mit jenem merkwürdig fragenden Blick ansah. Was für eine lächerliche.ganzen Tag hatte ich mich bemüht. jemals einem Menschen erzählen? Nein. unsere Freundschaft zu Theater und gegenseitiger Beobachtung machen? Kann man so leben? Wie gesagt. oder sollen wir alle drei. wie man nur die einfachen Sachverhalte des Lebens kennt. was auf der Jagd geschehen war. das Spiel spielen. Und wirklich. Und die Wahrheit besteht darin. Vielleicht ist es die Musik.

eines Tages die Waffe gegen seinen besten Freund zu erheben. das alles ist so offen. sehnsüchtig schwärmerischen Leidenschaft für Krisztina erlegen bist. bemerken müssen – wir leben ja fast 160 . daß diese Hoffnung dumm und feige ist: Ich muß der Wahrheit ins Auge blicken.ich. es gibt keine Entlastung. ich darf mir nichts vormachen. Leidenschaften. unsere Freundschaft. Man ist nicht ungestraft Musiker und ein Verwandter von Chopin. lassen sich nicht verheimlichen. und seien sie noch so verschroben. auch nur eine Sekunde lang so etwas zu glauben. kein Anzeichen davon. übersichtlich. und auch das wäre eine Art Wahn – doch diese Annahme ist so unwahrscheinlich. eine Leidenschaft. kann man nicht monatelang vor der Welt verstecken. du bist nicht wahnsinnig. nämlich daß du einer plötzlichen. Unser aller Leben. der ewig blinde und taube Dritte. und so muß ich sie verwerfen. die Personen und die Situationen sind so unmißverständlich. Gleichzeitig aber weiß ich. und ich kenne mich – zumindest glaube ich das. meine Ehe. ich kenne dich. Du hast einen Grund. daß ich verrückt sein müßte. Diesen Grund vermag ich nicht zu begreifen. mich zu hassen und mich töten zu wollen. Es gibt eine natürliche und einfache Erklärung dafür. unsere erste Bekanntschaft mit Krisztina. Ich kenne Krisztina. in unserem Leben zu dritt ist überhaupt keine Spur. irgendein Anzeichen hätte sogar ich. sauber. die den Besessenen zwingt. keine Ausflucht.

ihren Körper und ihre Seele kenne ich wie meine eigenen. Da muß etwas anderes sein. Und Krisztinas Tage und Nächte. Der Verdacht vermag sich nicht in meinem Nervensystem festzusetzen. keine Woche vergeht.zusammen. unverständlicher. als ich mir diese Annahme vor Augen halte.. Das Geschehene ist tiefer. wir wissen alles voneinander. Eine unsinnige Annahme. die man nur im Traum denkt. Ziel und Sinn seines Daseins. von denen man nicht laut zu sprechen wagt. erzählt alles. wenn ich an Krisztina denke. ohne daß du an drei. Soll ich dich beobachten lassen? Wie der eifersüchtige Ehemann in der Komödie? Ich bin kein eifersüchtiger Ehemann. Das in gelben Samt gebundene Tagebuch. daß du und Krisztina. das Meisterwerk. von Sehnsüchten. perfekteste Exemplar seiner Sammlung. geheimnisvoller. ich bin ruhig. daß sie mir und sich selbst auch von ihren Gefühlen und Gedanken berichtet. tagsüber bin ich in der Stadt. vier Abenden bei uns ißt. sogar die geheimen. Ich muß mit dir reden. Krisztina lügt nicht und ist nicht untreu.. die ich gefunden habe wie ein Sammler den Fund seines Lebens. Und ich bin beinahe erleichtert. 161 . in der Kaserne. weil man sich schämt oder weil man sie als nebensächlich betrachtet: Das alles würde sie im Tagebuch andeuten. denn wir hatten abgemacht. von Gefühlen. das ich ihr in den ersten Tagen unserer Ehe geschenkt habe. ich kenne alle ihre Gedanken. das seltenste. von den Nebenprodukten der Seele. im Dienst mit dir zusammen.

So vertraut sind wir. ich will sie nicht stören.. mit dem Tagebuch. Davon läßt sich 162 . Denn. nicht etwas mitteilen wollte. ist so wie ein sich wiederholendes Liebesgeständnis. von dem wir nicht sprechen – wir schämen uns ein bißchen voreinander für diese stumme Vertraulichkeit –. dieses vertrauliche Heft.« Er schließt die Augen.. Er scheint ein Wort zu suchen. ich werde sie dann morgen fragen. so denke ich es mir«. das Haus schläft. ob sie mir in unserer geheimen Zeichensprache.mir in ein paar Worten mitteilen. »Ich will sie nicht stören. Und das geheime Tagebuch liegt immer in der Schublade des Schreibtisches. was es zwischen einem Mann und einer Frau geben kann. haben wir seit einiger Zeit dieses heimliche Spiel vergessen . Wenn es im Leben von Krisztina ein Geheimnis gibt. sitzt eine Weile so. fällt mir ein. hätte es ihr Tagebuch schon angezeigt. öffne dort die Schublade ihres Schreibtisches und suche das gelbe Tagebuch. »Es ist schon nach Mitternacht. Krisztina ist müde. Dieses Tagebuch ist das Vertraulichste. weißt du. mit ausdruckslosem Gesicht wie die Blinden. Allerdings.. sagt er freundlich. Die Schublade ist leer. was sie unter dem Eindruck eines Menschen oder einer Situation dachte und fühlte. Und ich stehe auf und mache mich im dunklen Haus auf den Weg in Krisztinas Arbeitszimmer. Wahrscheinlich hat sie das Tagebuch in ihr Zimmer mitgenommen. zu dem nur wir beide einen Schlüssel haben..

und auch keine vor sich selbst. für die Laune einer Frau. habe ich begriffen. daß jemand. daß sein Leben sich mit etwas füllt. ihren Körper und ihre Seele. was ich ihr biete. dieses Schloß. wovon sie ein paar Monate zuvor nicht einmal geträumt hätte. Sie sagte. alles. unbeschreiblich. Es war Krisztinas Idee gewesen. sie hatte mich darum gebeten. woher sie kommt und was ihr das bedeutet. daß man sich nur dann so gewissenhaft auf ein Geständnis. ein echtes Geheimnis. davor. das man nicht mehr teilen kann. in der kleinstädtischen Umgebung. Krisztina ist verliebt. wenn man weiß. auf äußerste Ehrlichkeit vorbereitet. und deshalb wolle sie alles aufschreiben. sehr viel später. wovon man nicht gut sprechen könne. hielt diese geheimen schriftlichen Botschaften. der sich so in die Ehrlichkeit flüchtet. die große Welt. in Paris. alle Regungen ihrer Nerven wir sind auf der Hochzeitsreise. sie war es. Ich habe dieses Tagebuch lange nicht verstanden. bedenke doch. Krisztina will mir alles geben. in dem beschei- 163 . Wie gesagt. das Palais in Paris. ich habe später verstanden. unaussprechlich. die Geständnisse machen wollte – und erst später.nicht leicht sprechen. sie wolle nie vor mir Geheimnisse haben. auf unserer Hochzeitsreise. diese Morsezeichen aus Krisztinas Leben für leicht übertrieben. meinen Namen. vor etwas Angst hat. daß es im Leben eines Tages tatsächlich etwas zu gestehen geben wird. als es Krisztina nicht mehr gab. ihre Gefühle und geheimen Gedanken.

allein mit einem stillen. auf die Art einer jungen Frau. London. die Ehe. mit ein paar Worten. Und auf einmal gibt ihr das Leben alles. und mit vollen Händen. Paris. sie sei verliebt. was ihr an mir nicht gefällt. Später stellt sich heraus. die Notenhefte und seine Erinnerungen lebt. und deshalb erfindet sie auch das Tagebuch. die mit ihrem Gatten. bescheiden bin ich in diesen Jahren 164 . Nein. dieses sonderbare Geschenk. Natürlich meint Krisztina. das Meer. daß sie es nicht ist. die Art. dann den Osten. sehr dankbar. Sie beschreibt mich so. stützt die Arme auf die Knie und beugt sich vor: »Sie ist dankbar.. und ihre Geständnisse sind mitunter beunruhigend ehrlich.« Er flicht die Finger ineinander. Krisztina macht mir nicht den Hof. wie sie mich sieht.denen Heim. Denn es ist vom ersten Augenblick an voller überraschender Geständnisse. Rom. wie ich mich den Menschen auf der ganzen Welt mit übergroßer Sicherheit nähere – sie spürt in mir keine Bescheidenheit. die ein Jahr dauernde Hochzeitsreise. wie sie für ihre gläubige Seele die größte Tugend ist.. einem reichen. »Sie will unbedingt dankbar sein. auf Hochzeitsreise geht. Sie ist bloß dankbar. auf ihre Art. Monate in den Oasen. kranken alten Mann. vornehmen jungen Mann. Sie beschreibt.« Er preßt die verflochtenen Finger stärker ineinander und betrachtet aufmerksam und versunken das Muster des Teppichs. der nur noch für sein Instrument. aber sehr treffend. nicht einmal zu jener Zeit.

die wie im Traum gesprochen scheinen. und wenn sie den Sterblichen ein Jahr des Glücks schenken. den Dienst. zu vollkommen. es wäre mir ganz recht. diesem Glücksgefühl. Man möchte ja den Göttern gern etwas vom Glück zurückzahlen. allen Botschaften ihres Körpers und ihrer Seele ein vollkommenes Echo in mir auslöst. ich bin dreißig Jahre alt. Mein ist die Welt. empfinde ich in der Tiefe meines Glücks eine Art Beklemmung. ich habe einen Rang. Es ist alles zu schön. ich liebe das Leben. Krisztina schreibt kurze Sätze in ihr Tagebuch. den die Götter grundlos verwöhnen..wirklich nicht. Denn bekanntlich sind die Götter eifersüchtig. Jetzt. Vor so ungebrochenem Glück fürchtet man sich immer. die mit allen ihren Worten. ich bin reich. zu bruchlos. die Zukunft öffnet sich vor mir wie eine strahlende Bahn. oder ähnliches . schwindelt es mir vor dieser schmatzenden Selbstzufriedenheit. daß zu Hause das Schloß abgebrannt ist oder daß mich ein finanzieller Verlust getroffen. Ich möchte dem Schicksal ein Opfer bringen. meine Karriere. wenn ich zum Beispiel erführe. Und wie jeder. ich habe die Frau gefunden. Manchmal 165 . Aber um mich herum ist alles vollkommen in Ordnung. daß mein Bankier schlechte Nachrichten für mich hat. wenn in einem Hafen die Post aus der Heimat von einer finanziellen oder sonstigen Unannehmlichkeit berichtete. im Rückblick.. verbuchen sie diese Schuld sogleich und fordern sie am Ende des Lebens mit Wucherzinsen ein.

daß jemand. An so etwas denke ich auf meiner Hochzeitsreise nicht. etwas beunruhigenden Ausbrüche von Ehrlichkeit vermögen mein Glück nicht zu trüben. Aber ich bin glücklich. Krisztina ist eine schillernde. sie könnte mit ihm gehen.. als sei die Kugel neben meinem Ohr vorbeigepfiffen. Und finde das Tagebuch nicht am gewohnten Platz. Oder sie schreibt. du gehst von uns weg.schreibt sie nur eine Zeile. Und es kommt die Nacht. der sei ihr in einer Gasse gefolgt und habe sie angesprochen.« Dann wochenlang nichts. in der Schublade von Krisztinas Schreibtisch. unruhige Seele. als staune er über eine Kinderei. 166 . als ich das Tagebuch lese. denke ich. denn du bist eitel. als sei dein Gewehr losgegangen. um von etwas Wichtigem und Wesentlichem nicht sprechen zu müssen. dich am nächsten Tag in der Stadt aufzusuchen und zu fragen. Schüttelt nach Art alter Leute den Kopf. der Tag der Jagd. Dann aber kommt im Leben jener Tag und jene Nacht. und ich fühle mich. Und ich bleibe mit der Erinnerung an diesen Tag und an diesen Abend allein. Zum Beispiel: »Du bist hoffnungslos. sie habe in Algier einen Mann gesehen. Ich bedenke nicht. vielleicht gerade deshalb so ehrlich ist. nur ein Wort. der dem anderen so krampfhaft alles sagen will. doch zuvor hast du noch mit Krisztina in allen Einzelheiten über die Tropen diskutiert.« Er verstummt. und auch später nicht. und sie habe das Gefühl gehabt. und auch diese seltsamen. Ich beschließe..

»Was zu fragen ?...« sagt er leise und abschätzig, wie um sich selbst zu verspotten. »Was kann man die Menschen mit Worten fragen? Und was ist die Antwort wert, die sie nicht mit der Wirklichkeit ihres Lebens, sondern mit Wörtern geben?... Nicht viel«, sagt er bestimmt. »Es gibt nur sehr wenige Menschen, bei denen sich die Wörter mit der Wirklichkeit ihres Lebens völlig decken. Das ist vielleicht das Allerseltenste im Leben. Ich wußte das damals noch nicht. Ich denke jetzt nicht an die kläglichen Lügner. Ich denke daran, daß die Menschen vergeblich Wahrheiten finden, vergeblich Erfahrungen sammeln, ihr Grundnaturell können sie doch nicht ändern. Vielleicht kann man im Leben auch nichts anderes tun, als diese unabänderliche Gegebenheit, sein eigenes Grundnaturell, klug und vorsichtig an die Wirklichkeit anzupassen. Das ist alles, was wir tun können. Und auch davon werden wir weder klüger noch unverletzlicher, nein... Ich will also mit dir reden, und ich weiß noch nicht, daß alles, was ich dich fragen kann, und alles, was du antworten kannst, an den Tatsachen nichts ändert. Der Wirklichkeit, den Tatsachen kann man sich aber mit Wörtern, mit Frage und Antwort, immerhin annähern: Deshalb will ich mit dir reden. Ich schlafe tief und erschöpft. Als hätte ich eine große körperliche Anstrengung hinter mir, einen langen Ritt, eine Wanderung... Einmal hatte ich einen Bären auf dem Rücken von den Bergen heruntergetragen: Ich weiß, daß ich in jenen Jahren außer-

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gewöhnlich stark war, und doch staune ich jetzt nachträglich, wie ich diese Last über Berghänge und durch Schluchten zu tragen vermochte. Offenbar hält man alles aus, solange das Leben ein Ziel hat. Damals im Schnee schlief ich auf ähnliche Art erschöpft, nachdem ich mit dem Bären im Tal angekommen war; meine Jäger fanden mich halb erfroren neben dem toten Tier. Auf die Art schlief ich in jener Nacht. Tief und traumlos. Nach dem Erwachen lasse ich sogleich anspannen und fahre in die Stadt, zu deiner Wohnung. Stehe dort im Zimmer und erfahre, daß du abgereist bist. Erst am nächsten Tag erhalten wir beim Regiment deinen Brief, in dem du meldest, daß du auf deinen Rang verzichtest und ins Ausland reist. In dem Augenblick verstehe ich nur die Tatsache der Flucht, denn jetzt ist es sicher, daß du mich töten wolltest, daß etwas geschehen ist und noch geschieht, dessen wirkliche Bedeutung ich zunächst nicht begreife, und es ist auch sicher, daß mich das alles ganz persönlich angeht, daß das alles auch mit mir geschieht, nicht nur mit dir. So stehe ich in dem rätselhaften, mit prachtvollen Gegenständen vollgestopften Zimmer, als die Tür aufgeht und Krisztina eintritt.« Er trägt das alles im Erzählton vor, liebenswürdig, freundlich, gleichsam um den von fernher, aus ferner Zeit und entfernten Ländern, endlich heimgekehrten Freund mit den interessanteren Teilen einer alten Geschichte zu unterhalten.

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Konrád hört ihm reglos zu. Die erloschene Zigarre hat er auf den Rand des gläsernen Aschenbechers gelegt, er sitzt mit verschränkten Armen, unbewegt, in steifer und korrekter Haltung, ganz der Offizier, der sich mit einem Ranghöheren freundschaftlich unterhält. »Sie macht die Tür auf, bleibt auf der Schwelle stehen«, sagt der General. »Sie ist ohne Hut, sie kommt von zu Hause und hat den leichten Einspänner selbst gelenkt. ›Ist er weg?‹ fragt sie. Ihre Stimme ist seltsam heiser. Ich nicke, ja, er ist weg. Krisztina steht aufgerichtet und schlank in der Tür, vielleicht war sie nie so schön wie in diesem Augenblick. Sie ist blaß wie die Verwundeten, die viel Blut verloren haben, nur ihre Augen leuchten fiebrig, wie am Vorabend, als ich zu ihr trat, während sie das Tropenbuch las. ›Er ist geflohen‹, sagt sie dann und erwartet keine Antwort; sie sagt es zu sich selbst, es ist eine Aussage, eine Feststellung. ›Der Feiglings fügt sie noch leise und ruhig hinzu.« »Das hat sie gesagt?« fragt der Gast und gibt seine statuenhafte Haltung auf, räuspert sich. »Ja«, sagt der General. »Das ist alles. Ich frage sie auch gar nichts. Wir stehen wortlos im Zimmer. Dann beginnt Krisztina, sich umzublicken, sie nimmt die Möbel, die Bilder, die Kunstgegenstände einzeln in Augenschein. Ich beobachte sie. Sie schaut im Zimmer umher, als verabschiede sie sich. Sie betrachtet es, als hätte sie das alles schon gesehen und wolle sich jetzt

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von jedem einzelnen Gegenstand verabschieden. Du weißt ja, man kann Gegenstände, ein Zimmer auf zweierlei Arten anschauen: wie bei einer Entdeckung und wie bei einem Abschied. In Krisztinas Blick ist nichts von Entdeckerneugier. Er schweift so ruhig, so vertraut durch dieses Zimmer, wie man sich zu Hause vergewissert, ob jeder Gegenstand an seinem Platz ist. Ihre Augen glänzen krankhaft, sind aber zugleich seltsam verschleiert. Sie ist wortlos und beherrscht, aber ich spüre, daß diese Frau aus der sicheren Bahn ihres Lebens geworfen wurde, daß sie dabei ist, sich und auch dich und mich zu verlieren. Ein Blick, eine unerwartete Bewegung, und Krisztina tut oder sagt etwas, das nie wiedergutzumachen ist... Sie schaut sich die Bilder an, ohne Neugier, ruhig, wie um sich zum Abschied noch einmal einzuprägen, was sie schon oft gesehen hat. Sie schaut sich die breite französische Liege an, mit einem hochmütigen und kurzsichtig zwinkernden Blick; sie kneift einen Moment die Augen zusammen. Dann dreht sie sich um, und wortlos, wie sie gekommen ist, verläßt sie den Raum. Ich bleibe im Zimmer. Durch das offene Fenster sehe ich sie durch den Garten gehen, zwischen den Rosenbäumen, die in diesen Tagen zu blühen begonnen haben. Sie setzt sich in den leichten Wagen, der hinter dem Zaun auf sie wartet, nimmt die Zügel auf und fährt los. Einen Augenblick später ist der Wagen hinter der Straßenbiegung verschwunden.«

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.‹ ›Ja. Mehr nicht. Wir schauen einander an. salutiert. ›Wann ist der Herr Hauptmann weggefahren? . »Aber es ist nicht anders möglich: Nur aus den Einzelheiten können wir das Wesentliche verstehen. Diese Wohnung soll aufgegeben werden. Ich rufe seinen Namen. der nicht leicht 171 . ›Zu Befehl!‹ sagt er.. Ich weiß. denn man kann ja nie wissen. sagt er. ›Hat er viel Gepäck mitgenommen?‹ ›Nein.‹ ›Mit dem Frühexpreß.‹ Das ist der Zug in die Hauptstadt.. »Nein«. Ich soll zur Einheit zurückgehen^ sagt er.« »Ich gehe da ziemlich in die Einzelheiten«. Man muß in allem Ordnung halten. sagt Konrád heiser. schaut zum Gast hinüber. Die Möbel sollen verkauft werden.. Erzähl weiter. wie um sich zu entschuldigen. und überhaupt im Leben?. was kann ich noch tun. daß im Flur dein Bursche strammsteht. Ich betrachte das Zimmer. »Überhaupt nicht. Man muß jede Einzelheit kennen.Er verstummt. Der Herr Rechtsanwalt soll das erledigen.. welches Wort hinter die Dinge leuchtet. welche wichtig ist. blicke der verschwundenen Krisztina nach.. nur ein paar Zivilkleider. »Ermüde ich dich nicht?« fragt er höflich. in dem Augenblick. Aber ich habe jetzt nicht mehr viel zu sagen. er kommt herein.‹ ›Hat er einen Befehl oder eine Nachricht hinterlassen?. Und ich. Und da kommt der Moment. Du bist geflohen. Krisztina ist im leichten Wagen nach Hause gefahren. so haben es mich die Bücher und das Leben gelehrt.

der ihn dauert. er steht wieder stramm wie bei der Parade.. der Bursche und ich. In 172 . In seinem Blick ist etwas so Menschliches. trockne mir die Stirn ab. und ich spüre. Du weißt ja.. Jetzt – das erste und das letzte Mal in meinem ganzen Leben – verliere auch ich den Kopf. stelle ihn gewissermaßen wie einen Bleisoldaten auf den Boden zurück. Mitleidiges. Aber wenn er antwortet. kluges Gesicht – gibt das Strammstehen.zu vergessen ist: Der Bursche – ein zwanzigjähriger Bauernjunge. bestimmt erinnerst du dich an sein gutmütiges. auch früher schon da? .... jetzt steht nicht mehr der gemeine Soldat vor dem Vorgesetzten. der etwas weiß. was ich nicht vorsichtig berührte. den dienstlichen geraden Blick auf. und dieser Mensch könnte sie sofort beantworten. Ich weiß das auch.. Blicken einander tief in die Augen.. packe an seiner Brust die Jacke und hebe ihn daran fast hoch. Ich lasse ihn also hinunter. wenn ich nichts und niemanden packte. und vielleicht nicht nur ihn. daß ich zuerst erbleiche. Wir atmen einander ins Gesicht. vor einem Mann. Ich trete zu ihm.‹ Wenn er nicht antwortet. Es gibt eine einzige Frage.. Ich nehme mein Taschentuch hervor. die eben weggegangen ist. bringe ich ihn vielleicht auch um. damals war es besser. sondern ein Mann. es ging alles kaputt. dann rot anlaufe . in den Augen des Burschen Entsetzen und wieder und noch immer Mitleid. bringe ich ihn um. in Gefahr sind. seine Stiefel klopfen auf dem Parkett. Sie lautet: ›War die Dame. daß wir beide.

. Gleichzeitig aber weiß ich. »Jetzt hat es keinen Wert mehr. sondern viele Male. warum das alles geschehen ist. nicht nur einmal. daß es unnötig ist zu fragen. irgend etwas zu fragen«. sagt er.« Das fragt er ganz leise. Und dann noch. mit Ungewisser Stimme.solchen Augenblicken kennt man seine Freunde nicht mehr. Man hört den Wörtern an.« Er lehnt sich zurück. Man müßte wissen. »Was man noch wissen muß. Die Grenze des Verrats. wo in alledem meine Schuld hegt. Das müßte man wissen. daß Krisztina auch früher schon dagewesen ist.. kann ein fremder Mensch nicht verraten. daß er sie zum ersten Mal laut ausspricht. läßt die Arme mit einer müden Bewegung sinken. Und wo die Grenze zwischen zwei Menschen ist. nachdem er sie einundvierzig Jahre lang in seiner Seele herumgetragen und bis jetzt noch keine Antwort gefunden hat. Ich weiß. 173 .

keine einzige Laterne leuchtet in der Nacht. »Man macht auch. seit Beginn unserer Geschichte zu 174 . das mit eherner Gesetzmäßigkeit aus seinem Wesen. Er tut es auch. rauchenden Flammen. wenn er vom ersten Augenblick an weiß. von Anfang an. ruft es herbei. seinem Charakter folgt. mit Taten oder Worten das Unglück abzuwenden. sagt er jetzt bestimmter und schaut auf. sie beschwören und gestalten einander. So ist der Mensch.16 »Denn die Dinge stoßen einem nicht einfach zu«. Wußte ich denn alles von dir und Krisztina? Ich meine. das Schicksal tritt durch die Tür herein. Die Landschaft und die Stadt jenseits der Fenster sind noch dunkel. Kein Mensch ist stark oder klug genug. daß das Schicksal heimlich in unser Leben tritt. innen sind sie schon ganz schwarz. Nein. die wir ihm öffnen. doch näher zu treten. daß sein Tun fatal ist. was mit einem geschieht. läßt nicht los. und wir bitten es. der Mensch und sein Schicksal. Man macht es. Über ihren Köpfen brennen die Kerzen mit hohen. Es stimmt nicht. was geschehen muß. Sie halten einander fest.

bei dem alten Mann... Dich kannte sie als Kind. zwischen Felsen versteckt. im Automobil. dem Instrument keine edlen Töne mehr entlocken konnten. am Ende unserer Hochzeitsreise. indem er die Werke begabter Dilettanten verbesserte und bereinigte. in dem ihre Mutter gestorben ist. Wir sind im Duft von Blumen und Orangenbäumen am Gardasee entlanggefahren und in Riva abgestiegen. ihn und seine Tochter. Später. Wir kommen an einem Nachmittag in Arco an. wegen ihrer Herzkrankheit hatte sie sich in ein Sanatorium in der Nähe ihres Geburtsorts zurückgezogen. und in der dunstigen.dritt. lauwarmen Luft. weil Krisztina das Zimmer sehen möchte. um in der Musikschule einer Kleinstadt all die unmusikalischen oder höchstens ansatzweise begabten Kinder zu unterrichten. den Konzertsaal hinter sich lassen mußte.. die damals siebzehn Jahre alt ist. aber Geige und Bogen nicht mehr halten. Auf diesem Weg lernst du ihn kennen. dessen verkrümmte Hände für das Abschreiben von Musikstücken noch gut waren. Das Land ist silbergrau wie die Olivenbäume.. Die Mutter ist in Südtirol gestorben. du warst es. weit oben eine Burg. der bei ihrem Vater Noten kopieren ließ. liegt das Sanatorium. Überall Palmen und eine rührend 175 . und am Nachmittag fahren wir nach Arco hinüber. werden wir in dieses Bad fahren und das Sanatorium aufsuchen. so daß er die Karriere abbrechen. Schließlich hast du mich Krisztina vorgestellt. wobei er noch ein bißchen hinzuverdiente.

alle Schattie- 176 . Manchmal glaube ich schon. daß es immer nur darum geht. ich weiß noch nicht. ohne Zorn. daß es zwischen Männern und Frauen. als wäre er eine feine Leinenbinde für die kranken Herzen. was Anderssein bedeutet. daß es auf der Welt nur diese beiden Parteien gibt und daß alle Klassenunterschiede. der lauwarme. ist in der großen Stille so geheimnisvoll. »und sie sagt. Sie redet von dir.. Krisztina geht um das Haus herum. Das blaßgelbe Gebäude. wohlriechende Dunst. unter Freunden und Bekannten immer um dieses Anderssein geht. Zum ersten Mal spüre ich. daß Krisztina nicht ganz bei mir ist.zarte Beleuchtung wie in einem Gewächshaus. wo Krisztinas Mutter ihre letzten Jahre verbracht hat. die Stimme meines Vaters. der alles einhüllt. du seist kein richtiger Soldat. traurige Stimme. der Duft der stacheligen südlichen Pflanzen. Konrád«. von sehr weit weg. viele einsame Stunden. von der die Herzen der Menschen krank werden. vom Beginn der Zeiten. sondern neutral und höflich. Ich verstehe das nicht. und ich höre von weit weg. ohne Erregung. du seist ein Mensch anderer Art. als schließe es alle Traurigkeit ein. zum ersten Mal spricht er den Namen des Gastes aus. das die Menschheit in zwei Parteien spaltet. all das berührt auch mich tief. der unverständlichen Unglücksfälle des Lebens und würde hier stumm und aktiv gelebt. als wäre das Herzeleid eine Folge der Enttäuschungen. Die Stille. Es braucht eine lange Zeit. eine kluge. um mich zu lehren..

Das kommt so selten vor – es muß daran liegen. in sämtlichen Umständen und Wechselfällen des Lebens. er wußte von dieser Zweiheit. das gleiche hilflose. wenn diese nicht ›anders‹ ist. Das Gefühl. daß auch Krisztina ›anders‹ war. Weißt du das schon? Das größte Geheimnis und das größte Geschenk des Lebens besteht darin. wurde mir bewußt.rungen der Weltanschauung. so vermag eine Seele der anderen nur dann zu helfen.. der keine Bücher las. daß das Fest zu Ende war. den die Einsamkeit und das Leben aber gelehrt hatten. was mein Vater gesagt hatte. so wie du und Krisztina. immer suchen wir ihn. der Machtverhältnisse nur Varianten dieses Andersseins sind. Und in Arco ist mir noch etwas klargeworden. war immer das gleiche. daß die 177 . traurige Wollen. Und mir ist in den Sinn gekommen. wenn ihre jenseits von Ansichten und Überzeugungen liegende geheimste Wirklichkeit ähnlich ist. auch er war einer Frau begegnet.. Denn immer lieben wir den ›anderen‹.. weil sie zweierlei Menschen waren. die er sehr liebte. das mich mit meiner Mutter. daß sich zwei ›gleichartige‹ Menschen begegnen.. denn auch meine Mutter war ›anders‹. zweierlei Lebensrhythmen.. ja. die gleiche suchende Hoffnung.. Und so wie nur Menschen der gleichen Blutgruppe einander in der Gefahr beistehen können. Und da. mit dir und Krisztina verband. die gleiche Sehnsucht. an deren Seite er aber trotzdem einsam blieb. die Wahrheit zu erkennen. zweierlei Temperamente. in Arco.

Natur mit List und Gewalt einen solchen Zusammenklang verhindert –, vielleicht weil für die Schöpfung der Welt, die Erneuerung des Lebens die Spannung nötig ist, wie sie zwischen einander ewig suchenden, gegensätzlich gestimmten Menschen entsteht. Wechselstrom, weißt du... Energieaustausch zwischen positiver und negativer Ladung, wohin man blickt. Wieviel Verzweiflung, wieviel blinde Hoffnung hinter dieser Zweiheit! Ja, in Arco hörte ich die Stimme meines Vaters, und ich begriff, daß sich sein Schicksal in mir fortsetzte, daß ich zu seiner Art gehörte, während meine Mutter, du und Krisztina am anderen Ufer standet, jeder mit einer anderen Rolle, die Mutter, der Freund, die liebe und liebende Ehefrau, wobei ihr in meinem Leben dennoch die gleiche Rolle spieltet. Am anderen Ufer, ja, wohin man nie gelangt... Und man kann im Leben alles erreichen, in der Welt und um sich herum alles niederringen, das Leben kann einem alles geben, man kann vom Leben alles nehmen; aber den Geschmack, die Neigungen, den Rhythmus eines Menschen kann man nicht ändern, nicht sein Anderssem, das ihn völlig charakterisiert, während er dir doch nahesteht, dir wichtig ist. Das spüre ich zum ersten Mal, als Krisztina in Arco um das Haus herumgeht, in dem ihre Mutter gestorben ist.« Er läßt seinen Kopf sinken, stützt mit der Hand die Stirn, mit einer hilflosen, resignierenden Geste, wie einer, der endlich verstanden hat, daß man gegen die

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Grundgegebenheiten des Menschseins nie etwas tun kann. »Dann sind wir von Arco nach Hause gereist und haben hier das Leben aufgenommen«, sagt er. »Den Rest kennst du. Du hattest mich Krisztina vorgestellt. Mit keinem Wort hast du je verlauten lassen, daß sie dich interessierte. Ich empfand unsere Begegnung, die zwischen mir und Krisztina, als so unmißverständlich wie sonst nie etwas im Leben. Sie hatte vielerlei Blut in sich: deutsches, italienisches, ungarisches. Vielleicht auch einen Tropfen polnisches, von der Verwandtschaft ihres Vaters her... Und sie selbst war so schwer festzulegen und einzuordnen, als könnte kein Volk, keine Gesellschaftsschicht sie völlig einschließen, als hätte die Natur für einmal versucht, ein selbständiges, unabhängiges und freies Wesen zu schaffen, das mit Klasse und Abstammung nichts zu tun hat. Sie war wie ein Tier: Die sorgfältige Erziehung, das Mädcheninternat, die Kultiviertheit und Zärtlichkeit ihres Vaters hatten nur ihr Benehmen geformt, innerlich aber war Krisztina wild und unbezähmbar. Alles, was ich ihr geben konnte, Vermögen und gesellschaftlicher Status, war ihr nicht wirklich viel wert, und aus dieser inneren Ungebundenheit, aus diesem Freiheitsdrang, wie sie ihr wesentlich waren, wollte sie sich für die Welt, in die ich sie geführt hatte, nicht ausgeben... Auch ihr Stolz war ein anderer als der Stolz derer, die auf ihren Rang, ihre Abstammung, ihr Vermögen, ihre

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gesellschaftliche Stellung oder auf eine spezifische persönliche Fähigkeit stolz sind. Krisztina war auf ihre edle Wildheit stolz, die wie ein Erbe und wie ein Gift in ihrem Herzen und in ihren Nerven lebte. Diese Frau - wie du wohl weißt – war innerlich souverän, und das ist heute etwas sehr Seltenes; souveräne Menschen sind sowohl unter Männern wie unter Frauen selten. Offensichtlich ist das keine Frage der Abstammung oder der gesellschaftlichen Stellung. Sie war nicht zu beleidigen, es gab keine Situation, vor der sie zurückgewichen wäre, sie ertrug keinerlei Einschränkung. Und da war noch etwas, das bei Frauen selten ist: Sie kannte die Verantwortung, zu der sie ihr innerer menschlicher Rang verpflichtete. Erinnerst du dich ja, bestimmt erinnerst du dich – an unsere erste Begegnung, in dem Zimmer, wo die Notenblätter ihres Vaters auf dem großen Tisch lagen: Krisztina trat ein, und das kleine Zimmer füllte sich mit Helligkeit. Sie brachte nicht nur Jugend mit, nein, sie brachte Leidenschaft und Hochmut, das souveräne Selbstbewußtsein unbedingter Gefühle mit. Ich bin auch seither keinem Menschen begegnet, der allem, was die Welt und das Leben gibt, so vollkommen zu entsprechen vermochte: der Musik, einem frühmorgendlichen Spaziergang im Wald, der Farbe und dem Duft einer Blume, dem richtigen und intelligenten Wort eines Menschen. Niemand konnte einen edlen Stoff oder ein Tier auf die Art berühren wie Krisztina. Ich kenne nie-

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manden, der sich über die einfachen Geschenke des Lebens so freuen konnte wie diese Frau: Menschen und Tiere, Sterne und Bücher, alles interessierte sie, aber nicht auf überhebliche Art, nicht mit verknöcherter Fachbesessenheit, sondern mit der unvoreingenommenen Freude des Weltkindes, das sich allem zuwendet, was das Leben zu zeigen und zu geben vermag. Als gingen alle Erscheinungen des Lebens sie persönlich an, verstehst du?... Ja, du verstehst das bestimmt. Und in dieser unvoreingenommenen Nähe war auch Demut, die Erkenntnis, daß das Leben eine große Gnade ist. Zuweilen sehe ich noch ihr Gesicht«, sagt er mitteilsam, »in diesem Haus wirst du kein Porträt von ihr finden, es gibt keine Photographie von ihr, und das große Bild, das der Österreicher gemalt hat und das lange zwischen den Porträts meiner Ahnen hing, ist abgenommen worden. Nein, Krisztinas Bild wirst du in diesem Haus nicht mehr finden«, sagt er fast schon befriedigt, als berichte er von einer kleineren Heldentat. »Aber zuweilen sehe ich ihr Gesicht noch, im Halbschlaf, oder wenn ich in ein Zimmer trete. Und jetzt, da wir von ihr sprechen, wir zwei, die sie einigermaßen gut gekannt haben, jetzt sehe ich ihr Gesicht so deutlich wie vor einundvierzig Jahren, am letzten Abend, als sie zwischen uns saß. Denn das war der letzte Abend, an dem Krisztina und ich gemeinsam aßen, mußt du wissen. Nicht nur du hast zum letzten Mal mit Krisztina zu Abend gegessen, sondern auch

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182 . Zwischen meiner Mutter. »So waren wir«. die immer wiederkehren. Da war die Musik. und so konntet ihr noch miteinander sprechen. das man mit Worten und Taten nicht ausdrücken kann. nicht verstehen. Und blickt ins Feuer. die andersartigen. Und da wir beide Krisztina kannten. Zu dir und zu Krisztina aber redete die Musik.ich. »Allmählich verstand ich einen Teil des Geschehenen. aber sprechen konnten wir nicht mehr miteinander«. Denn an dem Tag war alles geschehen. ja. Es gibt im Leben eines Menschen schicksalhafte Elemente. diese für euch deutliche Sprache der Musik. Wahrscheinlich sagte sie euch etwas. Wir wohnten beide hier. zum ersten Mal an diesem Abend spricht er mit leidenschaftlicher Heiserkeit. Ich hasse die Musik«. sagt er etwas lauter. was zwischen uns dreien geschehen mußte. wie etwa die Musik. unter einem Dach. sagt er einfach. Sie hat noch acht Jahre gelebt. Deshalb blieben wir einsam unter euch. Krisztina und ich sprachen nicht mehr miteinander. Krisztina und dir war die Musik das Bindeglied. mein Vater und ich. »Ich hasse diese melodiöse und unverständliche Rede. als zwischen ihr und mir jedes Gespräch verstummt war. und wahrscheinlich sagtet auch ihr einander etwas durch die Musik – und diese Rede. waren bestimmte Entscheidungen unumgänglich: Du bist in die Tropen gefahren. konnten wir. mittels derer sich bestimmte Menschen verständigen können. sagt er ruhig.

in meiner Gegenwart mit dir zusammen Musik zu hören. von dir und Krisztina. jedenfalls nicht in meiner Gegenwart.. wenn sie ja die Menschen. mit dem ich einmal. die nicht nur nach dem Musikgehör. Und Krisztina und du. Nur die beiden Alten lebten 183 . das finde ich auch«. mein Vater.wobei sie sich ungebundene. ein einziges Mal. nie hast du dich vor Krisztina ans Klavier gesetzt. von alledem gesprochen habe. Offenbar hielten Scham.. sagt der General höflich. Schau dir ihre Gesichter an. von der Musik. so tief zu berühren vermag. Krisztina war schon seit zehn Jahren tot. ungeregelte Dinge sagen.« »Doch. daß ihr je vierhändig gespielt hättet. »Auch Krisztinas Vater war dieser Meinung. waren schon weggegangen. wie ich zuweilen glaube. unanständige und unmoralische. »Das beruhigt mich«. wie seltsam sie sich beim Musikhören verändern. Ich kam damals aus dem Krieg zurück. Er war nämlich der einzige Mensch. ihr suchtet die Musik nicht einmal – ich erinnere mich nicht. sondern auch schicksalhaft zusammengehören. Und da die Musik keine mit Worten auszudrückende Bedeutung hat. die mir je wichtig gewesen sind.und Taktgefühl Krisztina davon ab. Findest du nicht?. und er verstand wirklich etwas von Musik. gefährlichere Bedeutung. Alle. kurze Zeit nach unserem Gespräch ist er gestorben. so hat sie wahrscheinlich eine andere. sagt der Gast. du und Krisztina. Da war er schon sehr alt. meine Mutter. ja auch.

dem einzigen. aber mit eisernem Willen. Keins. Ich kam also damals aus dem Krieg zurück. ich selbst war auch nicht mehr jung. Und siehst du. nach fast einem halben Jahrhundert. um den herum am Tag vor Kriegsausbruch der Sturm den Wald umgelegt hatte. das so alt roch. ist ein neuer Wald um ihn herum entstanden. kein anderes Ziel. mit irgendeinem unverständlichen Ziel. um ihn herum alles gefällt hat. zwischen alten Möbeln und Instrumenten. und Krisztinas Vater. Was wußte er von uns dreien? Alles. in Zeichen fixierte stumme Musik. als solange wie möglich zu existieren und sich zu erneuern. aus unerfindlichen Gründen. Jetzt. Alle waren tot. der Baum. was erzählenswert ist. und ich sprach mit Krisztinas Vater. Er will am Leben bleiben. auf Regalen und in Schränken lagen überall Notenhefte.noch. der in der Natur Sturm heißt. der Baum lebt noch. als hätte sich aus dem.. Welches Ziel mag er haben?. Und ihm. und so einsam wie der Baum auf der Lichtung in meinem Wald. so wie wir beide heute. die Amme.. Nini. Ein einziger Baum ist auf der Lichtung stehengeblieben. über fünfzig.. was einst in seiner Umgebung war. alles Lebendige. nachdem ein Wille.. Wir saßen im dunklen Zimmer. habe ich alles erzählt. Anscheinend hat das Leben. mit der merkwürdigen Kraft und Gleichgültigkeit der Alten. Er aber ist noch einer von den Alten. in der Nähe des Jagdhauses. die Musik der Welt lauerte schweigend in dem Zimmer. 184 . gedrucktes Geschmetter und Gedröhne.

Er blickte mit halbblinden Augen vor sich in das halbdunkle Zimmer. prüfend. Auch den Krieg habe ich überlebt«. Es gab nur noch die Amme und dich. er ist der Stärkere. daß man zuweilen glauben mochte. Da begriff ich. über achtzig. daß der Überlebende kein Recht zur Anklage hat. alle persönlichen Zweifel. denn auch der Tod hat seine Phantasie. nach offizieller Zählung. Fragen und Regungen würden mit ver- 185 . Ein Weltenbrand war ausgebrochen und hat so sehr gelodert und gewütet. Und auch wie eine Anklage. er hat kein Recht und keinen Grund. Sie schauen einander an. Er hat mich angehört und dann gesagt: ›Was willst du? Du hast es überlebte Er sprach es wie ein Urteil. gestorben. Krisztinas Vater.was dieses Zimmer umschloß. Offenbar hatte ich noch etwas zu erledigen«. ich kann es nicht anders sagen. irgendwo auf der Welt. und dieses Schloß und den Wald. sagt er zufrieden. sagt er nachdenklich. Hartnäckigere geblieben.. »Dann ist auch er. »Ich habe den Tod nicht gesucht. ich habe alle Varianten des Todes gesehen. bin ihm nie entgegengegangen: Das ist die Wahrheit. »Um mich herum starben die Menschen. aller menschliche Inhalt verflüchtigt. Zehn Millionen Menschen sind im Krieg gestorben.. und manchmal staunte ich über die Vielfalt der Sterbemöglichkeiten. so wie das Leben. Wer überlebt. Schlauere. So wie wir beide«. Anklage zu erheben. er war schon sehr alt. sagt er trocken. hat seinen Prozeß gewonnen.

So stark ist die menschliche Natur: Sie kann nicht anders. Doch das war nicht so. Wieder sterben die Menschen zu Millionen. und dann habe ich gewartet. ich war ruhig. sondern mehr. in der Folge eines elementaren Ereignisses. Und eines Tages bin ich aus dem Krieg nach Hause gekommen. so wie heute über dieser Gegend. und deshalb habe ich auf dich gewartet. Deshalb bist du zurückgekommen.. und ich bin sicher. daß mir nichts Schlimmes passieren konnte. was wir vor einundvierzig Jahren nicht erledigen konnten. und doch hast du in dieser verrückt gewordenen Welt den Weg gefunden.. Vielleicht ist diese Welt am Ende«. Die Zeit verging. die vom Ruß und von der Asche der Zeit und der Kriege nicht verdeckt werden konnte.brennen. beim Sturm wie beim Kampf. Und in meiner Seele glühte die Frage. wieder hat sich die Welt entzündet. die sie als ihre Lebensfrage erkannt hat. der wieder aufflackert. den Weg vom anderen Ufer. vielleicht ist auf der ganzen Welt auch in den 186 . daß mir etwas Privates zu erledigen blieb. um nach Hause zu kommen und mit mir alles zu erledigen. daß es noch derselbe Brand ist. eine Antwort geben oder erhalten. sie muß auf die Frage. Noch inmitten der größten menschlichen Not wußte ich. wie es das Lesebuch beschreibt. sagte er leise und beschreibt mit der Hand einen Bogen. und deshalb war ich weder feige noch mutig. »Vielleicht gehen in der Welt die Lichter aus.. nein. denn ich wußte.. das nicht der Krieg allein ist.

in der fremde Menschen einander Riemen aus dem Rücken schneiden. in der alle Regeln. Warum sollten wir dann von der Welt. In den Herzen der Menschen ist zuviel Spannung. Warum sollen wir dann von der Welt etwas anderes erwarten. was einmal besprochen und erledigt werden muß.Seelen der Menschen etwas herangereift. alt und weise. dieses Essen. am Ende unseres Lebens. Rache an wem? Aneinander oder am Gedenken eines Menschen. »vielleicht gehört diese Lebensform.«. Sinnlose Regung... zuviel Unwillen. in die wir hineingeboren wurden.. Ja. dieses Haus. Ich bin aus dem Krieg. bis zum Himmel . Und doch lebt sie in unseren Herzen. und was finden wir darin? Unwillen. vielleicht gehört das alles der Vergangenheit an. Vielleicht. in der es von unbewußten Sehnsüchten. in dem ich 187 . der aber weiterschwelt. der nicht mehr ist. Wir schauen in unsere Herzen. von den Menschen etwas anderes erwarten? Und wir beide. alle Konventionen ungültig geworden sind und nur noch die Triebe herrschen und lodern. die wir kennen. mit denen wir heute abend die Fragen unseres Lebens besprochen haben.. auch wir wollen Rache. von willkürlichen Affekten wimmelt. Dafür gibt es viele Anzeichen.. ja. auch die Wörter. den die Zeit höchstens gedämpft hat. und jetzt wird mit Eisen und Feuer besprochen und erledigt.. zuviel Rachsucht. sagt er sachlich. die Rache. in der junge Männer jungen Männern anderer Nationen mit dem Bajonett die Finger spitzen.

Die Rache besteht darin. daß du dieses Bedürfnis nach Rache nicht verstehst. Was für eine Rache?. 188 . daß du zu mir gekommen bist. um zu antworten. um besser zu hören.. Der Gast beugt sich vor.« Die letzten Wörter sagt er ganz leise. an den Tatort. Im Zimmer ist es fast dunkel. in den letzten einundvierzig Jahren gelebt. hierher. über minenverseuchte Meere.. was soll da die Rache noch?. um mit mir zusammen die Wahrheit zu erfahren. Ich sehe an deinem Blick. durch den Krieg. Alle sind tot. zwischen den großen Bäumen des Gartens geht der Wind der Morgenfrühe. Das fragt dein Blick. doch. Das ist die Rache. Nein. weil ich auf die Gelegenheit zur Rache wartete. auf die schon der Tod wartet?.. durch die Welt. Was für eine Rache ist noch möglich zwischen zwei alten Menschen. Und jetzt sollst du antworten.. und deswegen habe ich niemanden getötet. Und ich will dir antworten: ja.« Das Licht der Kerzen wird schwächer. »daß du recht hast. Dafür habe ich in Frieden und Krieg. dem Himmel sei Dank. sagt er.. heimgekehrt. Vielleicht kann ich antworten.hätte sterben können und doch nicht gestorben bin. der Moment der Rache ist gekommen. so wie ich mir das wünschte. die Rache.. Frag. »Mag sein«. deswegen habe ich mich. deswegen haben mich andere nicht umgebracht. Wie? fragst du wohl.

vertraulich. als ich auf dich wartete. Alle haben geantwortet. und hat sie mich betrogen. die ich längst formuliert habe. kläglichen Sinn des Wortes? Nein. wie man so sagt. diese zwei Fragen interessieren mich nicht mehr. mein Freund. Auch dem besten Jäger kann der Instinkt einen Streich spielen. Und du meinst. und auch er beugt sich vor. er spricht flüsternd. indem du am Tag nach der Jagd aus der Stadt geflohen bist. in den vergangenen Jahrzehnten. du. Fahnenflucht begangen hast. die Zeit hat sie beantwortet. ob du an jenem Morgen auf der Jagd tatsächlich die Absicht hattest.17 »Zwei Fragen sollst du beantworten«. War es nicht einfach ein Hirngespinst? Schließlich ist ja nichts passiert. ich wolle wissen. ob ich mich nicht täusche. 189 . mich zu töten. gewöhnlichen. sagt der General. Zwei Fragen. die nur du beantworten kannst. im wahren. daß du meinst. und auch Krisztina hat sie auf ihre Art beantwortet. die zweite Frage laute so: Warst du Krisztinas Liebhaber? Hast du mich betrogen. »Zwei Fragen. Du hast sie bereits beantwortet. Ich sehe schon.

wenn ein Mensch das Gewehr anlegt. wenn sich im Leben eines Menschen die Heimsuchung offenbart. Du streitest es nicht ab?. Es hat kaum noch Sinn. eher habe ich Mitleid mit dir. Ich frage es nicht.. Ich kenne ihn.. Ich klage dich nicht an.. Ich kann dein Gesicht in diesem Dämmer nicht sehen. Das alles ist aber nur noch Material für einen Polizeirapport. Ich weiß so genau. wir verstehen und erkennen einander auch so. der ihm nahesteht.. der Augenblick der Rache. Denn das war es. jener Moment in der Morgenfrühe. da die Nacht ihre böse Seele aushaucht.. Wir wollen es hinter uns bringen. siehst du.. Nie. den schrecklichen Augenblick der Heimsuchung. dem er innerlich verbunden ist und den er aus irgendeinem Grund töten muß. denn ich weiß mit Sicherheit. Ein gefährlicher Augenblick. was du spürtest. neue Kerzen bringen zu lassen. Was soll 190 . Es muß ein furchtbarer Augenblick sein. da der Augenblick gekommen ist.. Du schweigst?. keine Sekunde lang habe ich in den vergangenen Jahrzehnten daran gezweifelt. und immer habe ich dich dafür bemitleidet. um den Menschen zu töten. da die Mächte der Unterwelt noch über die Welt und die Herzen herrschen. jetzt. als hätte ich die Situation an deiner Stelle durchlebt. als man noch an die wahre Bedeutung der Wörter glaubte. was mit dir in jenem Augenblick geschah.. Es war der Augenblick des Außer-sich-Seins. daß du mich töten wolltest. daß du mich an jenem Morgen töten wolltest.wie man früher sagte.

mit den intimen Erinnerungen von Toten und auf den Tod zustolpernden Greisen? Was für ein lächerlicher. zu Staub gewordenen Frauenkörpers .ich mit dem Sachverhalt. während sogar das Gesetz die Tat oder die Fasttat als verjährt betrachten würde?. mit dem verrotteten Material eines Ehebruchs. bei London oder in den Tropen. wenn ich ein Geständnis aus dir herauszupressen suchte. Was ist das noch für uns.. wenn ich dich jetzt am Ende des Lebens für Ehebruch und Mordversuch zur Rechenschaft ziehen wollte.. Das alles wäre beschämend. du irgendwo auf der Welt.. daß du erleichtert bist«.. was es an Tatsachen zu erzählen gibt. Was soll ich mit dem schwülen Geheimnis einer Junggesellenwohnung... mit alten. ich hier zu Hause. Ich will aber nicht. und für mich besteht die Wahrheit nicht aus ein paar längst verjährten Fakten. »Die Wahrheit will ich. muffigen Alkovengeheimnissen. wie er für ein Gerichtsverfahren gut wäre. armseliger Prozeß wäre das. sagt er ruhig. für den Ehemann und den Liebhaber. und dann gehen wir in den Tod. alles zu erzählen. während ich doch mit Herz und Verstand weiß. nicht aus den heimlichen Leidenschaften und Irrungen eines toten. da dieser Körper nicht mehr ist und wir Greise geworden sind. Und vielleicht würde es dich erleichtern. versuchen die Wahrheit herauszufinden. Was 191 . deiner und meiner und der Erinnerung an unsere Jugend und Freundschaft unwürdig. wir sprechen diese Dinge noch einmal durch.

. Verrat. weiß es so genau. was für eine Art Neid und Eifersucht. als hätte ich die Einzelheiten in einem Polizeirapport gelesen. Ich könnte dir das Prozeßmaterial aufsagen wie ein Anwalt bei der Hauptverhandlung: und dann? Was soll ich mit dieser billigen Wahrheit.. Das. Und ich weiß es ja sowieso. Aber was hätte das für einen Wert? Am Ende wird alles ganz einfach. mit meinem besten Freund betrogen hat? Du sprichst diese traurige und niederträchtige Wahrheit aus. wenn du sie umarmtest. was zählt noch die Frage. alles. daß wir meinten sterben oder jemanden umbringen zu müssen – denn auch ich kenne dieses Gefühl. auch ich habe das Gefühl der letzten Heimsuchung kennengelernt. den es nicht mehr 192 . was war und was hätte sein können. den der Wind über die Friedhöfe treibt. mit dem Geheimnis eines Körpers. Es ist schmachvoll und sinnlos. kurz nach deinem Weggang. was du fühltest. wie es angefangen hat. es auch nur zu erwähnen. Betrug. Angst und Trauer euch einander in die Arme trieb. gestehst alles. Mordversuch oder Mord. Nicht einmal Staub und Asche ist das. als ich mit Krisztina allein zurückblieb –. was unser Herz so brennen ließ. was einmal war.zählen am Ende des Lebens Wahrheit und Falschheit. wann und wie oft mich meine Frau. wo. die Hoffnung meines Lebens. welche Rache.und Schuldgefühle in diesen Jahren Krisztinas Körper und Seele bewohnten. meine große Liebe. das alles ist weniger als der Staub. erzählst genau.

so banal verraten und betrogen haben. Damals verstand ich das noch nicht. fast schon gleichgültig und gelangweilt. als 193 . jetzt empfinde ich das. »Und was die Menschen ›Betrug‹ nennen. als mich Krisztina in deiner Wohnung zurückließ. wo zwei Menschen. dürfen wir dann irgend etwas von ihm verlangen. Ich stand in der geheimen Wohnung. Treue oder sonst ein Opfer? Jetzt. Ist die Treue nicht ein entsetzlicher Egoismus. um Krisztina zu empfangen. die wir liebten? Ich bin alt. wie ich es vor einundvierzig Jahren getan hätte – vor einundvierzig Jahren. die mir nahestanden. so stillos und. wenn wir trotzdem Treue von ihm fordern? Und wenn wir ihn nicht so lieben. am Ende meines Lebens. das traurige.gibt? Was ist Treue. wo sie vor mir schon oft gewesen war. diese Fragen so eindeutig zu beantworten. banale Aufbegehren eines Körpers gegen eine Situation und eine Drittperson. sagt er beiläufig. auch darüber habe ich viel nachgedacht. heben wir ihn dann wirklich. und auch eitel. so wie die meisten Belange eines Menschenlebens? Wenn wir Treue fordern. daß er glücklich ist. was erwarteten wir von der Frau. Denn das ist geschehen«. ist im Rückblick beängstigend gleichgültig – ja fast schon mitleiderregend wie ein Mißverständnis oder ein Unfall. ja. wollen wir dann das Glück des anderen? Und wenn er in der subtilen Gefangenschaft der Treue nicht glücklich sein kann. würde ich es nicht mehr wagen. mich so schmachvoll. wo du alles zusammengetragen hattest.

dieses Warten. das französische Bett. denn sie war nicht gekommen. und dann sah ich Krisztina acht Jahre lang nicht mehr. in mein Zimmer. denn die Eifersucht. sehe ich diesen Hochmut. und wartete auf Krisztina. der einem nähersteht als ein Bruder... dann ging ich ins Jagdhaus... die Enttäuschung. nein. Ich ging ins Schloß zurück. Jetzt. hat man natürlich das Gefühl. Jedenfalls wartete ich. Es geht nicht anders. Was vielleicht kindisch war. wenn ich über mich und andere urteilen will. Aber so ist man. Erst als Tote sah ich sie wieder. als mir Nini ausrichten ließ. nicht weit von hier. wenn man jung ist. im nachhinein. Es vergeht. um sie zu töten oder damit sie die Wahrheit sage und ich verzeihen könnte. und weder mit Vernunft noch mit Hilfe der Erfahrung kann man viel gegen die eigene Natur und ihre hartnäckigen Vorstellungen tun. du kennst es ja. ich starrte auf die Möbel. dieses Weggehen als etwas Kindisches. Ich wartete. man empfindet das so. noch Jahre danach läßt der Zorn nicht locker – und am Ende ist es doch vorbei. Ich ging ins Jagdhaus.nähme ich die Indizien eines Verbrechens in Augenschein. die Welt um einen herum sei zusammengebrochen.... Doch das vergeht. und die eigene Frau betrügt einen mit dem einzigen Freund. unbegreiflicherweise und nicht von einem Tag auf den anderen. Ja. die Eitelkeit können ungeheuer weh tun.. eines Morgens. Auch du weißt das jetzt. ich könne nach 194 . genauso wie das Leben. siehst du. Bis zum Abend.

Aber ich konnte Krisztina nicht helfen. als Krisztina noch nicht krank war. und dann später. Eitelkeit. daß sie krank war. Wahrscheinlich haben sie alles getan. Es gibt etwas. acht Jahre lang. was ihre lückenhaften Kenntnisse ermöglichten.. schon damals. denn sie sei gestorben..Hause kommen. so sagten sie es: ›Nach dem heutigen Stand der Medizin haben wir alles getan.. Eitelkeit. was ihre Großspurigkeit und Eitelkeit nicht verhinderte. das man aber besser nicht vor der Zeit aufbricht. was im Schloß vor sich ging. Ich glaube nämlich.‹ Das sind so Worte. weil zwischen uns ein Geheimnis war. Ich wußte. krank zu werden und zu sterben. seine Selbstachtung zu verlieren. sagst du. daß man so etwas beschließen kann – ich weiß es jetzt sogar ganz sicher. schlimmer ist es. das einzige. ohne das man nicht Mensch bleiben kann. Ja. dem zwischen Krisztina. Deshalb hatte ich Angst vor unserem Geheimnis. als sie beschloß. Es gibt Schlimmeres als das Leiden und den Tod. wurde sie von den besten Ärzten behandelt – sie wohnten monatelang hier im Schloß und taten alles. und soviel ich weiß. denn man weiß ja nicht. Und doch macht dieses Selbstgefühl die 195 . was sich darunter noch verbirgt. Man meldete mir jeden Abend. um sie zu retten. weh tun und brennen kann.. daß vielleicht nicht einmal der Tod diese Qual aufzulösen vermag: Wenn ein Mensch oder zwei Menschen in einem das Selbstgefühl verletzen. das so verletzen. das man nicht verzeihen kann. dir und mir.

eine Nachricht. weil er das Geheimnis fürchtet. wäre ich aufgebrochen. So ist meine Veranlagung. Hätte sie gewünscht. hätte ich dich auch am Ende der Welt gefunden und getötet. sondern die letzte Verteidigungsmöglichkeit des Lebensinstinkts. Denn auch sie war auf ihre Art eine Persönlichkeit. Aber sie wollte nichts.tiefe Bedeutung eines Menschenlebens aus.. nein. auf weibliche Art.. so bin ich erzogen worden. Das habe ich erlebt. daß ich dich töte. Das ist nicht Feigheit. der andere bleibt und schweigt und wartet unablässig auf eine Antwort. Hätte Krisztina eine Nachricht gesandt – irgendeine Nachricht –. und du wirst allenthalben Teillösungen sehen: Der eine verläßt die. diese zwanzig Kilometer waren für mich wahrscheinlich räumlich und zeitlich eine größere Distanz als für dich die Tropen. Deshalb fürchtete ich das Geheimnis. wäre ihr Wille geschehen. daß ich dich zurückhole. die er liebt. um dich auf der ganzen Welt zu suchen und zurückzuholen. zog dann ins Jagdhaus und wartete noch acht Jahre lang auf etwas. Vom Jagdhaus bis zum Schloß hier sind es im Wagen zwei Stunden. wartete bis zum Abend. Doch diese zwei Stunden. Das habe ich gesehen. auch billige und feige – blick dich unter den Menschen um. auch sie war 196 . Aber Krisztina ist nicht gekommen. ein Wort. Ich ging nach Hause. Hätte sie gewünscht. Hätte sie die Scheidung gewollt. Deshalb geht man allerlei Kompromisse ein. auf diese Art ergaben sich die Dinge. hätte ich mich scheiden lassen.

um mit dir zu besprechen. weil er sich nicht an einer schicksalhaften Bindung verbrennen mochte. wartete und schwieg. was einmal besprochen werden muß. 197 . ernste Harmonie ihres Gesichts nicht berührt. aber auch nicht ohne. Krisztina starb. Auch mit ihr geschah etwas in diesen Jahren. Nach mir hat sie verlangt. Acht Jahre lang habe ich sie nicht gesehen. »Du lebtest in der Welt draußen. Auch Krisztina hatte ihren Charakter. und alle drei trugen wir dieses Los. von dem einen. nicht nur mit dir und mir. daß sie nach mir verlangte. merk dir das wohl. in einem anderen Sinn des Wortes. Eine schöne Tote. Acht Jahre lang ließ sie mich nicht rufen. Das alles geht dich aber nichts mehr an«.. von dem anderen. und das ist auch etwas. sagt er jetzt hochmütig. und auch die Krankheit hatte ihre besondere Schönheit. weil er die Wahrheit wußte. weil er vor der Leidenschaft geflohen war. Nicht nach dir. von der Einsamkeit nicht entstellt.. Noch jung. Sie hat uns beiden nach ihrer Möglichkeit geantwortet. als ich dich erwartete. denn. als sie im Sterben lag. die verschlossene. Und das sage ich nicht mit Befriedigung. Das Schicksal hatte uns berührt und hatte sich an uns vollzogen. siehst du. wenn auch nicht viel. Vorhin.. da habe ich von der Amme etwas erfahren: Ich habe erfahren. als wir Männer es kennen. die sie liebte.. Aber ich habe sie erst als Tote wiedergesehen. Ich lebte in einsamer Beleidigtheit. und Krisztina starb.verletzt von denen. denn es bleibt uns nicht mehr viel Zeit.

wer stirbt. sie hat nicht mit uns sprechen wollen. 198 . tot ist. Aber siehst du. Untreue. So war das also. der antwortet richtig und endgültig – manchmal glaube ich schon.. auf den sie sich beziehen. Da blieben nur noch das Warten und der Wunsch nach Rache – jetzt. von uns dreien war sie die Verratene. Als ich das begriffen habe. wie hoffnungslos und wertlos alles ist. die du oder ich ihr noch hätten stellen können. Was anderes hätte sie nach den acht Jahren denn sagen können. Was nicht Wort ist. daß Krisztina tot ist – und wir beide leben. was für ein Wort! Es gibt solche Wörter. nämlich die. was wir gestehen oder abstreiten könnten. ist stumme Realität. alles nur Wörter. Aber wenn alles zu Ende ist. dann können wir mit solchen Wörtern nicht viel anfangen. wenn er um der wahren Bedeutung dieser Wörter willen schon Rede und Antwort gestanden hat. wenn der Mensch. Nicht ich. daß sie mit einem von uns beiden reden wollte. Mehr kann man nicht sagen. nicht du. Und damit hat sie alle Fragen beantwortet. daß nur die Toten endgültig antworten können. was wir voneinander noch erfahren. falls es sich ergeben hätte. Manchmal denke ich. als daß sie starb?. Ja.. wie jetzt für uns beide. die seelenlos und automatisch die Situation eines Menschen definieren. da das Warten vorbei und die Stunde der Rache gekommen ist. war es schon zu spät. spüre ich überrascht. die Toten antworten endgültig. der mich mit ihr betrog – Betrug. Verrat. Betrug. den sie mit dir betrog.

die Seele aber hat noch ihre Sehnsüchte. ein Glas ist einfach ein Glas. sie kommt aus dem Gewächshaus. oder sie spricht zu ihrem Pferd.. Man weiß. aus alten. in einem weißen Kleid. nein. du verstehst die Bedeutung von allem. den Verrat. weißt du. Ich sah sie im Halbschlaf«. schlank. noch sucht sie. mit einem großen Florentinerhut.. Und das Fegefeuer der Zeit hat die Erinnerung von jeglichem Zorn gereinigt. sagt er verschämt. allmählich wird alles so wirklich. Und ich habe heute nachmittag auch mit dem Verstand begriffen. Und ein Mensch. Jetzt begreife ich sie. ihre Erinnerungen. was immer er tut. zuerst altern die Augen oder die Beine oder das Herz. als ich dich erwartete und dabei kurz einschlief. ein alter Mann. »Ich habe Bilder gesehen. sehr alten Zeiten. der Arme. alles wiederholt sich auf beängstigend langweilige Art. und was kann ich darüber sagen?.Man begreift nur die Realität. Ich sehe sie. Ich habe es verstanden. habe sie auch heute nachmittag gesehen. ist auch nur ein sterblicher Mensch. Auch das hat mit dem Alter zu tun. noch freut sie sich. Jetzt sehe ich Krisztina zuweilen wieder. Man altert langsam: Zuerst altert die Lust am Leben und an den Menschen. so wie sie durch den Garten geht. Dann altert der Körper. Und mit einemmal beginnt die Seele zu altern: denn der Körper mag alt geworden sein. nicht auf einmal. Man altert in Raten. was ich mit dem Herzen schon lange wußte: die Untreue. den Betrug. im Schlaf und auch im Wachen. noch 199 .

und man müßte dann diese Sprache in die Sprache der Wirklichkeit übersetzen. Man kennt zu gut. Sie wissen nichts 200 . aber dann ist es plötzlich nicht mehr so wichtig. bleiben nur noch die Erinnerungen oder die Eitelkeit. die Wahrheit zu erfahren und ihr zu antworten. Die Zeichensprache des Unbewußten. Eines Tages erwacht man und reibt sich die Augen: Man weiß nicht. Das ist das Alter. ist dir das aufgefallen? Als sprächen sie von den wesentlichen Dingen in einer fremden Sprache. daß der Augenblick dafür kommen wird. man möchte jemanden noch einmal wiedersehen.sehnt sie sich nach Freude. und man weiß genau. weder Gutes noch Schlechtes. Allmählich versteht man die Welt. nichts mehr will. Man versteht die Phänomene und die Beweggründe der Menschen. eine Erinnerung. Schreckliche überrascht einen. was der Tag anzeigt: den Frühling oder den Winter. Und wenn die Sehnsucht nach Freude vergeht. die Einteilung des Alltags. Denn die Menschen teilen ihre Gedanken in Zeichensprache mit. man möchte noch etwas sagen oder erfahren. die Äußerlichkeit des Lebens. wozu man erwacht ist. endgültig. und dann stirbt man.. Im Herzen lebt noch etwas. und dann ist man wirklich alt. auf chinesisch. mit allem rechnet. Ungewohnte. weil man alle Wechselfälle kennt.. Es kann nichts Überraschendes mehr geschehen: Nicht einmal das Unerwartete. wie man das in den Jahrzehnten des Wartens angenommen hatte. das Wetter. irgendwie ein Lebensziel.

und sie ist gleichbedeutend mit Alter und Tod. gleichzeitig dieses peinliche Zur-Schau-Gestelltsein. Später. im Haus am Rand einer Kleinstadt. wie ihr. Und ich malte mir Einzelheiten eurer Treffen aus. unbewußt und verzweifelt. auf meine einsame Insel trieb. unglücklich und auf Tod und Leben gegen mich rebelliert . da alle ihre Schritte. was für ein läppisches Wort! Und ausgerechnet mit dir hat sie mich betrogen. in Selbstbezichtigung erstarrt und lodernd vor trotziger Leidenschaft.über sich selbst. wenn man die Lügen der Menschen kennengelernt hat. daß sie immer anderes sagen. So kommt eines Tages die Erkenntnis der Wahrheit. weil die Zeit Überreste von diesem Schiffbruch.. dieses Zusammengesperrtsein wie auf einem Schiff. Krisztina hat mich betrogen. meine Frau und meinen Freund. von Schuldgefühlen geschüttelt. und ich sah euch. Sie reden immer nur von ihren Bedürfnissen. die beiden Rebellen. Und das nicht nur einmal. was für eine armselige Rebellion! Ja.. wo heimliche Treffen fast unmöglich sind. die keine ruhige Minute kennt. wenn man amüsiert darauf zu achten beginnt. diese Liebe.. da blickte ich mitleidig in die Vergangenheit zurück. Aber auch das tut nicht mehr weh.. und dabei stellen sie sich selbst dar. Das Leben wird beinahe interessant. Die Armen! dachte ich. als sie denken und wirklich wollen. schau mich nicht so erstaunt an: Ich sage es mitleidig. verräterische Zeichen. als ich vieles erfuhr und alles verstand. alle ihre Blicke von 201 .

von mir könntet ihr nichts annehmen. fliehen kannst du nicht mit ihr. diese Viertelstunden unter dem Vorwand des Reitens. der eure Herzen erfüllt. gegen die Schar meiner Diener und gegen das Mächtigste von allem: gegen die Abhängigkeit. wenn ihr an mich denkt. als du mich eines Morgens töten willst. wenn ihr bei jedem Schritt gegen meine Autorität prallt. Und deine Hand. die das Gewehr hält. und doch sind wir drei einander verbunden wie die Kristalle nach den Gesetzen der Physik. Krisztina ist auch arm... denn du hältst dieses Gehetztsein. des Adligen. die Autorität des Ehemanns. mich konnte man betrügen. nein... ihr Liebhaber zu bleiben ist lebensgefährlich. des Tennisspielens oder der Musik. all diese Mühseligkeit nicht mehr aus . dieses Versteckspiel mit mir. wo meine Jäger auf Wilderer aller Art aufpassen. dieses Zittern. diese Spaziergänge im Wald. dieses Versteckspiel. die euch jenseits aller Liebe und allen Hasses zu wissen befiehlt.Lakaien. 202 . daß ihr ohne mich weder leben noch sterben könnt. ich mag wohl ein Mensch anderer Art sein. wird schwach. leben auch nicht. gegen meine gesellschaftliche und finanzielle Überlegenheit. du bist arm. Ich stelle mir den Haß vor. Dienstboten und von der ganzen Umgebung mit geducktem Mißtrauen beobachtet werden. aber nicht umgehen. heiraten kannst du sie auch nicht. Was könntest du denn tun? Mit Krisztina durchbrennen? Du müßtest auf deinen Rang verzichten. des Gutsherrn. Ihr unglücklichen Liebenden.

daß wir Taten und Phänomene in die Zeit hineinstellen. Dieser Gefahr hältst du nicht lange stand. es ist nicht nur so. ausgerechnet mir. ein bestimmter Zeitpunkt mag eine Möglichkeit bringen – ist er vorbei. sagt er. sind dageblieben. verraten und entlarvt zu werden. dem Freund. »Wir aber sind dageblieben«.noch gefährlicher als der Tod: Fortwährend mußt du damit rechnen. als wäre das wichtiger. und du kannst nichts mehr machen. mir Rechenschaft geben zu müssen. der einem nahesteht«. auch dann. und später. noch immer seine Nägel betrachtend. von sich aus. habe ich immer ehrliches Mitleid mit dir. Ein einziger Augenblick. wenn keiner über 203 . kannst du nichts mehr machen. in Wellen. den günstigen Augenblick – die Zeit bringt und holt die Dinge. Und da legst du eines Tages. wie zwischen Menschen eben die Nachrichten laufen. auf die geregelte und geheimnisvolle Art. das Gewehr an. »wir. Denn das gibt es auch. Wir sind da. du mußt befürchten.« Er prüft aufmerksam seine Fingernägel. wenn ich an diesen Augenblick denke. Und reist am anderen Morgen in die Tropen. dem Bruder. »Du bist dafür nicht stark genug. und alles kommt an den Tag. als die Zeit reif und irgendwie zwischen uns spürbar ist. sagt er beiläufig. Du läßt die Hand mit dem Gewehr sinken. Krisztina und ich. Oder der günstige Augenblick geht vorbei. Es muß eine äußerst schwere und mühevolle Aufgabe sein. jemanden zu töten.

und wir sind dageblieben. an jenem Morgen auf der Jagd. wenn sie von den Erwachsenen die Geheimnisse der Sterne und der fernen Welten zu erfahren hoffen. Alles kommt an den Tag. um herauszufinden. weil du den Moment verpaßt hast oder weil der Moment dich verpaßt hat – das läuft auf dasselbe hinaus –. daß du mich damals.das Geheimnis spricht und es verrät. denen sie verbunden ist und die ihr aus dem Weg gehen: Sie wartet. ob wir geschwiegen haben. weil sie zunächst nichts anderes tun kann. aber mit einer gespannten Neugier in der Stimme. Jetzt ist der Augenblick gekommen. bitte: Wußte Krisztina. du und ich. Und dann stirbt sie. die beiden Männer. und sei es nur. ich. sie muß warten. da ich die Antwort auf die Frage wissen werde. 204 . töten wolltest?« Er fragt es sachlich und leise. wie Kinder sie haben. Antworte. um die wahre Bedeutung dieses Schweigens zu erkennen und zu verstehen. Ich aber bleibe da und weiß alles und weiß etwas doch nicht. denn du bist weggegangen. und Krisztina. am Leben.

während ich die Frage nicht richtig gestellt habe. daß diesem Augenblick andere vorangegangen waren. streicht sich mit der Hand über die Stirn. da ich es ausgesprochen habe. Er will antworten. der Gelegenheit. daß ich dich in eine peinliche Lage versetze. jetzt habe ich es ausgesprochen«. daß ich nicht richtig frage. beugt sich vor. denn du willst antworten. Sie klingt wie eine Anklage. und jetzt. »Siehst du.18 Der Gast rührt sich nicht. sagt er. daß ich in den vergangenen Jahrzehnten den Verdacht nicht ganz loswerden konnte. aber der General hindert ihn daran: »Verzeih«. Jetzt atmet er tief ein. fühle ich. fährt er rasch und eifrig fort. Er hat den Kopf in die Hände gelegt. der unterweltlichen Stimmen gewesen – nein. nüchterne Augenblicke des hellichten 205 . mich quält der Verdacht. Und ich muß zugeben. als wolle er sich entschuldigen. der Augenblick im frühmorgendlichen Wald sei nicht nur eine Eingebung des Zufalls. die Ellenbogen auf die Lehnen des Sessels gestützt. »Ich mußte es aussprechen. willst die Wahrheit sagen.

viel später.. daß du antworten wolltest. was es 206 . nicht zum Sterben. nicht zum Leben. Vorhin aber habe ich nicht richtig gefragt. meine Frau und mein bester Freund. mir Krisztina wegzunehmen. sie ist es aber für mich. deshalb habe ich dich nicht reden lassen. als sie erfuhr. Wozu war er zu feige? Zum Leben? Zu unserem Leben zu dritt oder zu eurem separaten Leben? Zu feige zum Sterben? Wagte er mit Krisztina weder zu leben noch mit ihr zu sterben? Wollte er es nicht?. So grüble ich. auch nicht dazu. die dich der Feigheit bezichtigt hat.. und es war das letzte Wort. nein.. schon zu Staub geworden ist –. Und ich bleibe mit diesem Wort allein. worauf ich im Leben doch noch eine Antwort haben möchte. Denn vom Standpunkt der Menschheit und des Weltalls ist diese Antwort nicht wichtig...Tags. Das ist es. Feigling. ausgedacht und besprochen hatten? Und ist der Plan gescheitert.. polizeilich feststellbare Tat. sondern einfach zu feige für eine schlichte. Oder war er doch zu etwas anderem zu feige. das ich von ihr hörte. das sie ausspricht. weil du zu feige warst?. grüble ich später. Mehr sagte sie nicht. Denn Krisztina sagte ja: ›Feigling‹. warum?. als ich sah. die sie beide. einen einzelnen Menschen. es ist auch das letzte Urteil über dich. der schließlich und endlich doch wissen möchte – nachdem sie. daß du geflohen warst. nicht zur Flucht und auch nicht zum Verrat. auf Krisztina zu verzichten. der doch wissen möchte. und auch nicht zu feige dazu. verzeih mir.

zwischen einer Frau und einem Mann. wenn eine Kugel ausgelöscht hätte. und ich weiß nichts. sind das ›Warum‹ und das ›Wie‹ sowieso immer beklagenswert gleich. was die Zeit nicht auslöschen konnte: den Verdacht. Das möchte ich wissen. wie Krisztina feststellte.. über denen die Schatten der Zeit liegen. wird bleich wie die Toten und die Bilder. Missetaten. Zwischen zwei Menschen. den auszuführen du dann zu feige bist. außer dir. und kein Mensch kann mir helfen. Freundschaft. Ich lebe seit einundvierzig Jahren zwischen Nichts und Alles. weil es gerade möglich war und geschehen konnte. wenn diese Antwort einen Punkt hinter meine Fragen setzt.war.. zu dem du zu feige warst. am Schluß noch nach 207 . will die Einzelheiten nicht mehr kennen. Mich interessiert nichts mehr. wie eure Beziehung wirklich war. Liebe. daß ihr beide gemeinsame Sache macht und den Mord an mir plant. wenn ich diese Einzelheit nicht mit letzter Gewißheit kenne. Die Konstellation ist von verachtenswerter Schlichtheit. ja. das ist die Wahrheit. das ›Warum‹ und das ›Wie‹ interessieren mich nicht mehr. ich will nicht wissen. Ich möchte nicht so sterben. lügnerische Gebilde: Betrug. Alles andere sind nur Worte. wenn du vor einundvierzig Jahren nicht feige gewesen wärst. ›Darum‹ und ›So‹. Es hat keinen Sinn. Dann wäre es besser und menschenwürdiger gewesen. alles verblaßt vor der Leuchtkraft dieser Frage. Denn dann weiß ich die Wahrheit. es wäre menschlicher gewesen.

ich lebte in diesem Haus. du lebtest in der Ferne. weil ich in den Zimmern leben und sterben wollte. habe ich das in gelben Samt gebundene Tagebuch gefunden. die Wahrheit aber soll und muß man herausfinden wollen. auch er. sondern so erwartet. die von unserem Willen unabhängig ist. du bist anderntags abgereist. wo ich zur Welt gekommen war und wo auch meine Vorfahren gelebt haben und gestorben sind. das ich in einer Nacht – in einer für dich sehr entscheidenden Nacht. Dann ist sie gestorben. der Täter und Angeklagte. Aber auch das Buch. als sei ich gleichzeitig Richter und Opfer und erwarte den Angeklagten. Das Wesentliche. und er will antworten. auch Krisztina hat geantwortet – nicht nur mit ihrem Tod. das in gelben Samt gebundene | 208 . denn ich bin nach Krisztinas Tod hierher zurückgezogen. den entflohenen Freund erwartet. Habe ich aber richtig gefragt. wenn er die Wahrheit sagen will? Denn siehst du. Und jetzt sitzt er da. denn die Dinge haben ihre Ordnung. denn wozu hat man sonst gelebt? Wozu hat man einundvierzig Jahre ertragen? Wozu hätte ich dich sonst erwartet – und dich nicht etwa als den treulosen Bruder. Jahre nach ihrem Tod. Das Buch war irgendwo verschwunden. nein. habe ich alles gesagt. was er wissen muß. und ich frage.Einzelheiten zu forschen. Eines Tages. Und so wird es auch sein. und ich sprach nie mehr mit Krisztina. nach dem Tag der Jagd – vergeblich in der Schublade ihres Schreibtisches suchte.

sagte er streng und ehrfürchtig. ihren Zweifeln. denn dafür hatte ich keine schriftliche Ermächtigung. ihrer Liebe. denn Krisztina hat nie gelogen«. ob sie dieses Geständnis von jenseits des Grabes mir schickt oder dir. sie hat dieser Hinterlassenschaft keine Gebrauchsanweisung beigelegt. zuckt nicht mit den Wimpern. »Das ist. 209 . dieses beängstigende Geständnis von Krisztinas heimlichem Wesen. und so konnte ich auch nicht wissen. Sie hatte das Band mit dem Ring ihres Vaters versiegelt. Es lebte. den Siegelring ihres Vaters. in der sie das auf Elfenbein gemalte Bild ihrer Mutter. alles in unbedingter Offenheit. und ich habe es an einem viel späteren Tag unter Krisztinas Sachen gefunden. Da ist das Buch«. holt es hervor und streckt es seinem Freund entgegen. daß in diesem Buch die Wahrheit steht. Doch der Freund streckt die Hand nach dem Buch nicht aus. sitzt er reglos und blickt auf das schmale. Es ist wahrscheinlich. Den Kopf in den Händen. sagt er. gelbsamtene Buch mit dem blauen Band und dem blauen Siegel. eine vertrocknete Orchidee – die sie von mir bekommen hatte – und dieses mit einem blauen Band verschnürte Buch aufbewahrte. lebte auf seine rätselhafte Art.Buch. Ich habe das Band nicht aufgeschnitten. in einer Schachtel. Er rührt sich nicht. dieses seltsame ›Buch der Ehrlichkeit‹. was von Krisztina geblieben ist.

lebendig wird. nimmt das Opfer entgegen. der Hand gleich.»Willst du. der gelbe Samt brennt mit bitterem Rauch. die elfenbeingelben Seiten werden von unsichtbarer Hand geblättert. sagt der Gast. Und seine Hand zittert nicht. wie es zu hecheln und zu flimmern beginnt. der General hält es Konrád immer noch hin. »Nein«. die Flamme schießt hoch hinauf. die spitzen Buchstaben. saugt das Material des Buchs langsam und rauchend ein. gleichsam erfreut über die unerwartete Beute. »Auf diese Frage«. kleine Flammen flackern aus der Asche auf. »oder wagst du es nicht?« Sie blicken einander über dem Buch lange Sekunden in die Augen. fragt der General kalt und überheblich wie ein Vorgesetzter. daß wir Krisztinas Botschaft gemeinsam lesen?« fragt der General. jetzt werden Buchstaben. Mit einer langsamen Bewegung wirf t er das schmale Buch in die Glut. Sie beginnt dunkel zu glühen. das Buch zu Asche. der Siegellack ist schon geschmolzen. »antworte ich nicht. wie das Feuer auflodert. Sie schauen reglos zu. sagt der General in seltsam zufriedenem Ton. die 210 . »Willst du es nicht«.« »Ich verstehe«. sagt Konrád. plötzlich scheint zwischen den Flammen Krisztinas Handschrift auf. das Papier. die eine zu Staub zerfallene Hand einst zu Papier gebracht hat.

»Jetzt«.« »Jetzt antworte ich auch auf diese Frage nicht mehr«. daß du mich damals am Morgen im Wald töten wolltest? Antwortest du?. seidig wie Trauerflor aus Moire. 211 . Darauf schauen sie aufmerksam und wortlos. »Gut«. sagt der General dumpf und irgendwie gleichgültig. sagt der General. auf diese schwarzseidene Asche. Es gibt keinen Zeugen mehr. sagt Konrád.einst geschrieben hat.. »kannst du meine Frage beantworten. Nur noch schwarze Asche inmitten der Glut. Wußte Krisztina.. der gegen dich aussagen könnte.

das im nahen 212 . Unvermittelt hebt der Gast mit einer mechanischen Bewegung die Hand und blickt müde auf seine Armbanduhr. die Nacht ist unerwartet kalt geworden. der Wagen wartet. Gelb und knochig wie die klapprigen Bewohner der Beinhäuser. »Ich glaube«. sagt der General höflich. Es dämmert noch nicht. ein wenig nach Thymian riechende Hauch des frühen Morgens zu spüren.19 Im Raum ist es kalt geworden. in der Stunde vor Tagesanbruch. daß sie durchfroren sind.« Beide stehen auf und treten unwillkürlich zum Kamin. Sie merken erst jetzt. aber durch die halboffenen Fenster ist der frische. das Gewitter. wirken beide sehr alt. Es ist Zeit. Jetzt. Der General reibt sich fröstelnd die Hände. daß ich gehe. um ihre mageren Hände an der Glut des abgebrannten Feuers zu wärmen. sie beugen sich vor. »bitte. »daß jetzt alles besprochen ist.« »Wenn du gehen willst«. sagt er leise.

Doch der Gast bleibt ruhig und freundlich. sagt der General. die Kerzen sind ganz heruntergebrannt. sagt er höflich. nach gesellschaftlicher Sitte. Beide blicken sich noch einmal im Zimmer um. »Die Kerzen«. sagt er zuvorkommend. das sie – beide spüren es – nie mehr betreten werden. »Danke«. Der General legt die Hand auf die Klinke. »Nein«. »Willst du dort leben?« »Leben und sterben«. sagt der General. sagt er. »Du gehst also nach London zurück«. zum Abschied bereit. »Ja«. »Ich möchte niemanden und nichts sehen. So stehen sie einander gegenüber. Er spricht stockend. Und Nini auch nicht«. »Natürlich. »Sieh nur. sagt er zerstreut. sagt Konrád. »Ja«. als sein Blick an den rauchenden Kerzen auf dem Kaminsims hängenbleibt.Elektrizitätswerk die Lichter gelöscht hat. als spräche er zu sich selbst. als suche er zum Abschied die richtigen Worte und fände sie nicht. Und sie gehen zur Tür.« 213 . sagt der Gast. Der General zwinkert dabei mit den Augen. sagt der General. Ich lasse Nini grüßen«. als suche er etwas. ein wenig vorgebeugt. ist nahe beim Schloß vorbeigezogen. Möchtest du nicht morgen noch bleiben? Etwas anschauen? Jemanden treffen? Du hast das Grab noch nicht gesehen.

Wer jemanden überlebt. daß wir dafür Gründe hatten? Meinst du nicht. daß ich überlebt habe. weil sie gestorben ist und uns beiden also geantwortet hat.»Zwei Fragen«.. die sich vor den nächtlichen Schatten fürchten und auch davor. sagt er ganz leise. beleidigt oder klug. das meinte er. Und meinst du nicht. »Die zweite Frage?« wiederholt er flüsternd. Denn man antwortet nicht nur mit seinem Tod. Wir hatten das Gefühl. ist immer ein Verräter. wir müßten am Leben bleiben. »Du hast zwei Fragen erwähnt. »Du. »Krisztinas Vater hat mir vorgeworfen. daß die Wände Ohren haben könnten. Der ist eine gute Antwort. jedenfalls haben wir überlebt. doch menschlicher war als wir beide mehr. indem du weggegangen bist. 214 . ich. Wir haben überlebt. »Aber du hast ja schon die erste nicht beantwortet. Sie beugen sich zueinander wie zwei Komplizen. Überhaupt alles überlebt. sagt er vertraulich. und das läßt sich nicht beschönigen. daß man überlebt. denn sie ist darüber gestorben. Was ist die andere?« »Die andere?« sagt der General. sagt Konrád dumpf und unvermittelt. daß du weggegangen bist. Man antwortet auch damit. während wir am Leben geblieben sind. indem ich dageblieben bin. die doch mehr. Wir beide haben diese Frau überlebt«. Schau«. daß wir ihr auch über das Grab hinaus eine Verantwortung schuldig sind. Das sind Tatsachen. Darüber. ihr.. feige oder blind. und das läßt sich nicht beschönigen.

Was wolltest du damit. hochmütigen Klugheit nicht gewonnen haben. als es eine Frau ertragen kann. denn sie ist tot. »Und wir wissen auch.. und wir drei gehören zusammen. der einem auf Tod und Leben nahestand. einsamen Stunde.. feigen. die dich angeht. der dich als dein Freund ebenso angeht?.. in London. Das sollst du wissen. daß ich dageblieben. Hast du dir peinliche Situationen erspart? Was sind schon Situationen. in deiner letzten. das ist eine der heimlichen. hochmütiger und schweigsamer waren.darüber. so oder so. wenn es um die Wahrheit des Lebens geht. und wir leben. daß auf Erden eine Frau lebt. und wenn man es versteht. was hast du damit gewonnen? . daß du sie überlebtest. stolzer. Das ist die Wahrheit. zu denen sie gehörte. Das ist sehr schwer zu verstehen. was die Menschen darüber 215 . daß wir zwei Männer. den man so liebte. wenn alles zu Ende ist. niederträchtiger. Fällt da noch ins Gewicht. Wir beide aber schon«. nicht festzumachenden Straftaten des Lebens. feiger. daß wir mit unserer ganzen beleidigten. jemanden überleben. daß man um seinetwillen auch hätte töten können. im Leben wie im Tod.. darüber. überkommt einen eine seltsame Unruhe. Die Gesetzesbücher kennen sie nicht. und daß diese Frau die Gattin des Mannes ist. sagt er trocken. wir sind vor ihr geflohen und haben sie mit unserem Weiterleben verraten. Ich in diesem Haus werde es auch wissen: Ich weiß es schon jetzt. Jemanden überleben. darum. aber nie auf sie zugegangen bin.

das ist sie. als fürchte er. alles gesehen. Doch im Grunde unseres Daseins lag vielleicht der Sinn aller unserer Handlungen in der Bindung. wie du willst. Das ist die zweite Frage: ob der wahre Inhalt unseres Lebens nicht ebendiese qualvolle Sehnsucht nach einer toten Frau war. wie du feige warst und ich hochmütig. nenn es. »Die zweite Frage«. was in unseren Herzen bleibt.« »Was bleibt in unseren Herzen?« fragt der Gast. Glaubst auch du. Ist das die Frage? Ja. Eine schwere Frage. unserem Hochmut und unserer Überheblichkeit gewonnen haben. sagt er einfach. »wie du hierüber denkst. Ich habe alles erlebt. ich weiß. ich habe Kampf und Versöhnung gesehen. haben wir dann vielleicht doch nicht 216 . die uns an jemanden fesselte – Bindung oder Leidenschaft. Er läßt die Türklinke nicht los. Seelen und Körper fährt und dann auf ewig brennt? Was immer zwischendurch geschehen mag? Und wenn wir das erlebt haben. die eines Tages in unsere Herzen. daß der Sinn des Lebens einzig in der Leidenschaft besteht. ich habe den Krieg gesehen. Ich kann sie nicht beantworten. daß du mir sagst«. »Die zweite Frage. Sondern nur das. aber diese Frage kann ich nicht beantworten. hinter ihm höre jemand mit. »Am Ende zählt die Welt überhaupt nicht. ich habe Glanz und Elend gesehen. Ich möchte.denken? Nein«. nämlich: was wir mit unserer Klugheit. antwortet der General. er spricht so leise. ich habe gesehen. Ich habe den Frieden gesehen.

so unmenschlich?.. schwanken Lichter. mit dem Mantel und dem Hut des Gastes. 217 . daß es so ist. sagt er lauter.. so grausam..« Und sie mustern einander von Kopf bis Fuß. Sie gehen wortlos die Treppe hinunter. Auf dem weißen Kies vor der Flügeltür knirschen Wagenräder. mit stummem Händedruck. Er drückt die Klinke hinunter. Im großen Treppenhaus flattern Schatten auf. Und gilt sie vielleicht gar nicht einer Person. so großartig. »Warum fragst du mich?« sagt der andere ruhig. Diener eilen ihnen entgegen. wenn du kannst«. und beide verbeugen sich tief.umsonst gelebt? Ist die Leidenschaft so tief. mit Kerzen. fordernd.. die gut oder schlecht sein mag. nicht von ihren Eigenschaften und Handlungen abhängt? Antworte. Sie verabschieden sich wortlos voneinander. die uns an sie bindet. sondern nur der Sehnsucht? . geheimnisvollen Person. Das ist die Frage. wobei die Intensität der Leidenschaft. Der General atmet schwer. immer und ewig nur jener einen. »Du weißt genau. Oder gilt sie vielleicht doch einer Person.

als sei sie gerade aufgestanden und eile ans frühmorgendliche Werk. »Es hat keine Bedeutung«. Sie gehen zusammen auf das Zimmer zu. »Ich weiß. bleibt der General stehen. auf seinen Stock gestützt.« »Ja«. »Ja«. Vor dem leeren Fleck. Der General bewegt sich langsam.« Die Amme reckt sich in die Höhe und macht mit ihrer kleinen Hand. »Bist du jetzt ruhiger?« fragt sie.2O Der General geht zu seinem Zimmer. sagt die Amme. »das Bild wieder zurückhängen. »Jetzt kannst du«. sagt er. Sie gehen durch die Gemäldegalerie. sagt der General. der den Platz von Krisztinas Porträt anzeigt. Die Amme mit flinken kleinen Schritten.« »Gute Nacht. Am Ende des Gangs erwartet ihn die Amme. sagt der General. an deren Knochen die Haut gelb 218 . Nini.« »Gute Nacht.

zärtliche Antwort auf eine Frage. .und faltig klebt. merkwürdiger Kuß: Wenn ihn jemand sähe. Es ist ein ungeschickter. Sie geben sich einen Kuß. müßte er lächeln. eine unbeholfene. kurzer. das Kreuzzeichen auf die Stirn des Greises. die nicht in Worte zu fassen ist. Aber wie jeder Kuß ist auch dieser eine Antwort.

ein Monolog: das Buch scheint aus einem Guß geschrieben. eine Hauptperson. stehen die Zeichen ebenfalls auf radikale Veränderung – von der Monarchie zur linksgerichteten Räterepublik zum rechtsgerichteten Horthy-Regime. das nach dem ersten Weltkrieg an die Tschechoslowakei fällt. von den historischen Ereignissen direkt beeinflußt: Sándor Márai. Der Roman 220 . wo er seine Studienzeit beginnt. und doch spiegelt der Roman das zersplitterte Leben seines Autors. ist Márai in der deutschen und der ungarischen Sprache gleicherweise zu Hause. Ein Leben. Nach einem Aufenthalt in Berlin zieht er 1923 zusammen mit seiner ebenfalls aus Kaschau stammenden jungen Frau nach Paris. Trakl. Aus seiner Feder stammt auch die erste ungarische Würdigung Kafkas. vor seinen Augen »falle alles auseinander«. Márai hat das Gefühl. von denen er Kafka. führt ein westeuropäisches Nomadenleben. die 1922 in der Kaschauer Zeitung erscheint. Benn. In Budapest. Er verläßt Ungarn. Von dort berichtet er weiter für die Frankfurter Zeitung. wo er für die Frankfurter Zeitung zu schreiben beginnt – auf deutsch: aus einer geadelten sächsisch-mährisch-ungarischen Bürgerfamilie stammend. liest die großen Zeitgenossen. zieht weiter nach Frankfurt am Main.Nachwort Ein Thema. belegt Kurse am Leipziger Institut für Zeitungskunde. in Kaschau (ungarisch Kassa). Lasker-Schüler ins Ungarische übersetzen wird. geboren 1900 am Zusammenfluß deutscher und ungarischer Kultur. 1927 legt er einen Bericht von seinen Reisen im Nahen Orient vor: Auf den Spuren der Götter.

Einmal scheint er 221 . ich sei Ungar. publizistisch-essayistische Werke wie Die Schule der Armen (1933) oder Land. erschienen 1971 in Toronto). Der General selbst. daß auf dem Grunde seiner Texte existentielle Fragen stehen. wie sie in der Glut (1942 erschienen) nachdrücklich thematisiert sind. Sprachen. Protagonist und über eine weite Strecke Erzähler der Geschichte und also scheinbar im Mittelpunkt fixiert. auf einem dunklen Platz in Luxor brach ich in Tränen aus. und das um so nachdrücklicher. als hinter dem einheitlichen – einheitlich rhythmischen und plastischen – Stil eine Mehrzahl von Meinungen. in denen er mit unbestechlicher Luzidität den mitteleuropäischen Stand der Dinge kommentiert und mit seinem eigenen Gefühl der doppelten Fremdheit vergleicht.. Weltanschauungen und auch Erzähltechniken verborgen sind. das sich in Ungarn genauso wie im Ausland manifestiert.einer Reise. das endgültig verloren ist. was zum Teufel denn sonst?« Also zurück nach Ungarn. Prosa. Land (ein Teil des Tagebuchs von 1945-47. In seiner 1930 erschienenen Gedichtsammlung heißt es aber: ». weil mich ein Araber auf ungarisch ansprach. Ein geachteter zeitgenössischer Kritiker schreibt: »Womit läßt sich die wachsende Popularität dieses demonstrativ einsamen Schriftstellers erklären? Doch wohl mit der Tatsache. ist schwer auf eine Identität festzulegen. um ein Heimatgefühl zu pflegen. und manchmal gab ich Franzosen grobe Antworten und schrie.. Mit den autobiographisch gefärbten Bekenntnissen eines Bürgers (1934) kommt der erste große Erfolg. Márais Spezialität.« Fragen. Es beginnt ein höchst arbeitsames Schriftstellerleben: Lyrik. um in dieser Sprache zu schreiben – nicht etwa. Dramen und.

als Identifikationsfigur des Autors legitimiert. evokativen Text (den Bericht von den Tropen) zu sagen gibt. Ist nicht überhaupt er als ein Konrád angelegt. ist nicht in dem Maß der »geheimnisvolle Andere« wie der Redende selbst. an dem ihm sein betrügerischer. der monomanisch an der »Ehre« und an antiquierten Vorstellungen festhält (Freundschaft. der sich zu dem Punkt durchzudenken vermag. übersensible Junge noch eher als der krampfhaft disziplinierte Freund zum Künstler bestimmt? Konrád. verbrecherischer Freund immer noch liebenswert und interessant erscheint? Und was will er? Daß Konrád redet? Oder nicht viel eher. ist nicht der zarte. als Zuhörer und Gegenstand der Rede –. rhythmischen. wie man es von einem doppelt Betrogenen überhaupt erwarten kann? Ist er ein Hersager von Gemeinplätzen oder einer. das er sagt. eine Männersache. Was ist er? Ein banaler Traditionalist. daß Konrád schweigt? Versucht er sich nicht gerade zu diesem Zweck in mancher Sprache: in der pathetischen. der sich selbst reflektierenden? Konrád soll nicht zu Wort kommen. der ihm einen poetischen.und Selbstentwürfen schwankt. der phrasenhaften. der bis zuletzt zwischen verschiedenen Lebens.der Doppelgänger seines kernigen Vaters. dann doch nur auf »weibliche Art«)? Oder ist er so unkonventionell. dann wieder ist er von seinem Freund Konrád kaum zu unterscheiden. wenn eine Frau »jemand« ist. scheinbar so eher- 222 . der redundanten. gleich dreifach in den Blick gerückt – als eine Möglichkeit des Generals. der unterkühlten. wie er im Zusammenhang der Geschichte vielleicht gar nicht so attraktiv klingen dürfte. vielleicht weil er sich schon mit dem Wenigen. der verknappten. Was soll man von den beschworenen.

dann ab 1952 in New York: »Interessante Stadt. die das Lebensgefühl einer breiten Bevölkerungsschicht trafen. scheinbar weniger wichtige. Ungarn erneut. nachdem es den Fragen entsprechend gelebt worden ist. die nicht in Konráds Entlarvung. nicht in einem Racheakt kulminiert. In diesen Jahren entstehen Romane in ungarischer Sprache mit 223 . wenn Konrád mit einem Wort die Perspektiven verwirrt und die Fragen des Generals für einen Augenblick aufs Nebengeleise schiebt? Daß die grundlegenden Fragen – nach der Treue. wo Márai. von Menschen bewohnt zu werden. nur noch zufällig gestellte Frage des Generals – hat nicht die Sehnsucht nach einer Toten dem Leben Würze und Sinn verliehen ? – ist der eigentliche Höhepunkt des Buches. bleibt zu bezweifeln. sondern auch beeinflußten – verläßt er 1948. daß sie sich nicht eignet. bleibt die Spannung erhalten. Trotz nunmehr großer Popularität – Márai war zu seiner Zeit einer der wenigen Autoren. der Freundschaft. indem er sich redend immer aufs neue entwirft. angewidert von der beginnenden Diktatur. sondern in der Einsicht. seinem Reden den Sinn. So aber. jetzt schon amerikanischer Staatsbürger. um sich zuerst in Neapel niederzulassen. aber erst. nach San Diego.nen Prinzipien halten. nähme seine Behauptung. Viele Leben – viele Antworten: ob die Gleichung für Márai selbst aufgegangen ist. verdanken sie gerade der schillernden Persönlichkeit des Generals. mehr als zehn Jahre lebt. Schade. das eigene Leben sei die Antwort. Wäre er nicht so vielgestaltig. und nicht nur trafen. dem Sinn des Lebens – doch wieder in den Blick rücken. bis er 1979 in die Vereinigten Staaten zurückkehrt. Die zweite.« 1968 wieder in Italien: in Salerno. daß zwar das eigene Leben die Antwort darstellt.

Christina Viragh . nimmt sich Márai. Schon in Himmel und Erde.parabelhaft und stilisiert behandelten historischen. das nicht nur quantitativ. völlig vereinsamt und literarisch nicht mehr tätig. Es sind Jahre der Einsamkeit. Nach wie vor hat Márai ein großes Echo – in der Diaspora wie auch in Ungarn selbst. dieser Bruch sind eines denkenden Menschen noch immer würdiger als die Anbiederung an eine Welt. steht: »Mag sein..« 1989. im Zeichen des politischen Tauwetters. Hölderlin und Nietzsche zerstört hat. biblischen und mythologischen Themen.. aber doch gelesen werden. er schlägt auch die Einladungen aus.. an ihn ergehen läßt. Daneben führt er das 1943 begonnene Tagebuch. Bleib allein und antworte. die der ungarische Schriftstellerverband. um ihn dann in den Graben zu werfen . kurz bevor die politische Wende neue Antworten gefordert hätte. wo seine Bücher zwar verboten sind. und untersagt die Aufführung seiner Dramen und die Publikation seiner Werke in Ungarn. bis 1983 weiter und arbeitet den 1931-47 entstandenen mehrbändigen Roman Das Werk der Garrens inhaltlich und stilistisch um. sondern auch qualitativ einen bedeutenden Platz in seinem Werk einnimmt. so wie sie Pascal. Nach genau den einundvierzig Jahren des Wartens auf eine mögliche Rückkehr. die ihn zuerst mit ihren Verführungen ansteckt.. seinen 1942 erschienenen Betrachtungen. in San Diego das Leben. Márai mag sich keiner der Gruppierungen von Exilungarn anschließen. daß die Einsamkeit den Menschen zerstört. Aber dieses Scheitern. wie sie in diesem Buch so oft beschworen werden.

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